Zum Abschluss von Denise Minas Comic-Adaption von Stieg Larssons „Verblendung“

November 7, 2013

Mina - Stieg Larssons Verblendung 2 - Softcover

Für alle, die die die letzten Jahre weltweit grassierende Stieg-Larsson-Manie, inclusive zwei Verfilmungen von seinem Debütroman „Verblendung“, ignorieren konnten, gibt es jetzt eine kurze Zusammenfassung von „Verblendung“. Denn inzwischen ist auch der zweite und abschließende Teil von Denise Minas Comic-Adaption des Bestsellers auf Deutsch erschienen.

Der alte Firmenchef Henrik Vanger beauftragt den Enthüllungsjournalisten Mikael Blomkvist, der gerade wegen einer vollkommen verpatzten Enthüllungsgeschichte mächtig Ärger hat, Womanizer und exzessiver Kaffeetrinker ist (Hat schon irgendjemand eruiert, wie viel Kaffee in Larssons „Millennium“-Romanen getrunken wird?), herauszufinden, wer 1966 seine Nichte Harriet auf der der Familie gehörenden Insel ermordete. Blomkvist beginnt mit dem Aktenstudium.

Für die Comic-Adaption hat die mit dem John-Creasey-Dagger ausgezeichnete Krimi-Autorin Denise Mina das Dickicht des Romans etwas gelichtet und einige Kleinigkeiten geändert. Aber in weiten Teilen folgt sie, wie von den Fans gewünscht, fast schon sklavisch, Stieg Larssons Roman.

Jedenfalls endete der erste Teil der Comic-Adaption mit Lisbeth Salander, die ihren Vormund tätowiert, und Mikael Blomkvist, der – früher als im Roman – seine Haftstrafe für die missglückte Enthüllungsgeschichte antritt.

Der zweite Teil beginnt nach Blomkvists Haft. Er ist wieder zurück auf der Insel, lernt Lisbeth Salander, die geniale, beziehungsgestörte Hackerin, die schon seinen gesamten Computer hackte, kennen und gemeinsam beginnen sie Harriet Vangers mysteriöses Verschwinden aufzuklären. Dabei stoßen sie auf eine Mordserie, die nach dem 2. Weltkrieg begann und sich bis in die Gegenwart fortsetzt. Sie glauben, dass die Frauenmorde von einem Vater-Sohn-Paar begangen werden, das zur Familie Vanger oder ihrem engsten Umfeld gehört, und dass Harriet die Mörder kannte.

Auch der zweite und abschließende Teil von „Verblendung“ folgt dem Roman ziemlich genau, wobei die Nazi-Geschichte vollkommen fehlt und die Recherchen von Blomkvist und Salander auf wenigen Seiten eingedampft werden, während die Folterung Blomkvists durch den Mörder und Salanders Reaktion darauf (es könnte ja noch zwei Menschen auf dem Planeten geben, die das Ende nicht kennen) viele Seiten einnehmen und es danach – wie in dem Roman – ein elend langes Nachspiel gibt, in dem alle offenen Fragen und einige Fragen, die man nicht stellte, beantwortet werden.

Insgesamt gelang Mina eine gelungene, aber nicht besonders eigenständige Adaption, die – wie die Verfilmungen – weitgehend dem von Stieg Larsson erfundenem Handlungsgerüst folgt.

Die Comic-Adaption von Stieg Larssons zweitem Roman „Verdammnis“ ist schon angekündigt.

Denise Mina (Autor)/Leonardo Manco/Andrea Mutti (Zeichner): Stieg Larsson – Millennium: Verblendung – Band 2

(übersetzt von Joachim Körber)

Panini, 2013

164 Seiten

16,99 Euro (Softcover)

24,99 Euro (Hardcover)

Originalausgabe

The Girl with the Dragoon Tattoo – Book Two

Vertigo/DC Comics, 2013

Vorlage

Larsson - Verblendung Movie-Tie-In-Fincher

Stieg Larsson: Verblendung

(übersetzt von Wibke Kuhn)

Heyne, 2011 (Movie-Tie-In zur Fincher-Version)

704 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

Män son hatar kvinnor

Norsteds Förlag, Stockholm 2005

Deutsche Erstausgabe

Heyne, 2006

Verfilmungen

Verblendung (Män som hatar kvinnor, Schweden/Deutschland/Dänemark 2009)

Regie: Niels Arden Oplev

Drehbuch: Nikolaj Arcel, Rasmus Heisterberg

LV: Stieg Larsson: Män son hatar kvinnor, 2005 (Verblendung)

mit Michael Nyqvist, Noomi Rapace, Lena Endre, Peter Haber, Sven-Bertil Taube, Peter Andersson, Ingvar Hirdwall, Marika Lagercrantz, Björn Granath

Verblendung (The Girl with the Dragon Tatoo, USA 2011)

Regie: David Fincher

Drehbuch: Steve Zaillian

LV: Stieg Larsson: Män son hatar kvinnor, 2005 (Verblendung)

mit Daniel Craig, Rooney Mara, Christopher Plummer, Stellan Skarsgård, Steven Berkoff, Robin Wright, Yorick van Wageningen, Joely Richardson, Geraldine James, Goran Visnjic, Julian Sands

Hinweise

Homepage von Denise Mina

Mullholland Books: Interview mit Denise Mina über “Verblendung” (12. November 2012)

Meine Besprechung von Stieg Larssons „Verblendung“ (Buch und Film)

Meine Besprechung von Stieg Larssons „Verdammnis“ (Buch und Film)

Meine Besprechung von Stieg Larssons „Vergebung“ (Buch/Film)

Homepage von Stieg Larsson

Heyne über Stieg Larsson

Krimi-Couch über Stieg Larsson

Wikiepedia über Stieg Larsson (deutsch, englisch)

Stieg Larsson in der Kriminalakte

Meine Besprechung der Stieg-Larsson-Parodie „Verarschung“ (The Girl with the Sturgeon Tattoo, 2011) von Lars Arffssen

Meine Besprechung von Dan Burstein/Arne de Keijzer/John-Henri Holmbergs “Die Welt der Lisbeth Salander” (The Tattooed Girl, 2011)

Meine Besprechung von David Finchers Stieg-Larsson-Verfilmung “Verblendung” (The Girl with the Dragon Tattoo, USA 2011)

Meine Besprechung von Denise Mina (Autor)/Leonardo Manco/Andrea Mutti (Zeichner) „Stieg Larsson – Millennium: Verblendung – Band 1“ (The Girl with the Dragoon Tattoo – Book One, 2012 )


Ian Rankin besucht Rory Gallagher in der „Kickback City“

November 4, 2013

Dass Ian Rankin ein großer Rockfan ist, wissen die Fans des Krimiautors. Nicht nur, dass er in seinen John-Rebus-Romanen den Polizisten exzessiv gute Musik hören lässt, auch die Originaltitel, wie „Let it bleed“, spielen deutlich auf mehr oder weniger bekannte Songs an.

Da war ein gemeinsames Projekt zwischen dem irischen Bluesrocker Rory Gallagher und ihm nur eine Frage der Zeit. Dass Gallagher seit fast zwanzig Jahren tot ist, lassen wir mal beiseite. Seine Musik, sein Erbe, ist höchst lebendig. Außerdem war Gallagher selbst ein Hardboiled-Fan und zitierte diese Welt öfter in seinen Songs. Einige dieser Songs sind auf „Kickback City“ zusammengestellt. Aber die CD ist keine banale, um eine Lobhuddelei von Ian Rankin ergänzte, Compilation für das Weihnachtsgeschäft.

Denn für das von Rorys Bruder Dónal initiierte und jetzt auf CD erschienene Projekt „Kickback City“ schrieb Ian Rankin die Kurzgeschichte „The Lie Factory“, in der er Charaktere aus Songs von Rory Gallagher verwendet und tief in das Raymond-Chandler-Territorium vorstößt. .

Privatdetektiv Regan (solo, daher kein „Continental Op“) will herausfinden, warum seine Klientin Agatha Dempsey ermordet wurde und warum der Boxer Kid Gloves neben ihrer Leiche gefunden wurde. In der „Lie Factory“, wie Regan seine Stadt nennt, geht dabei das Gerücht um, dass der letzte Kampf von Kid Gloves manipuliert war. Außerdem ist eine geheimnisvolle Schönheit verschwunden und Agathas Schwester Elinor ist ebenfalls eine wahre Sexbombe.

Die Lösung von Rankins Geschichte könnte fast aus Raymond Chandlers Klassiker „Der große Schlaf“ (The big sleep) übernommen sein und genau wie Chandler die Stimmung wichtiger als die lückenlose Aufklärung der Verbrechen war, ist auch Rankin in seiner gelungenen Hommage schon vom ersten Satz an die liebevolle Rekreation der seit den Tagen von Dashiell Hammett und Raymond Chandler wohlvertrauten Noir-Hardboiled-Stimmung wichtiger als die Logik.

Aidan Quinn (derzeit in der TV-Serie „Elementary“) las die Hörbuchfassung atmosphärisch ein. Timothy Truman, der lange Zeit CD-Covers und Merchandise für die Rockband „Grateful Dead“ entwarf und Comics wie „Jonah Hex“ (nach Geschichten von Joe R. Lansdale) zeichnete, illustrierte Rankins Geschichte stimmungsvoll im Stil der Schwarzen Serie. Und dann gibt es noch zwei CDs mit der Musik von Rory Gallagher. Die eine ist eine mit Rankins Geschichte zusammenhängende Zusammenstellung von Songs, wie „Kickback City“, „Continental Op“, „Big Guns“, „Loanshark Blues“ und „Kid Gloves“. Die andere CD dokumentiert, nach der Presseinformation, Ausschnitte aus dem „Live in Cork“-Auftritt von Rory Gallagher, der bislang nur als DVD erhältlich war.

Dummerweise sind die discographischen Angaben bei der insgesamt unglaublich liebevollen Ausgabe, arg dünn ausgefallen. So erfährt man nicht, wer mit Gallagher spielt, von wann die Aufnahmen sind und wo sie schon einmal veröffentlicht wurden.

Ärgerlich, jedenfalls für alle, die Englisch nicht so gut können, ist, dass Ian Rankins Geschichte nur im Original abgedruckt ist. Da hätte man – bei anderen CDs geht es ja auch – wenigstens für den deutschsprachigen Markt eine Übersetzung spendieren können.

Davon abgesehen: ein heißer Geschenktipp für Weihnachten.

Rory Gallagher - Kickback City

Rory Gallagher: Kickback City

Strange Music/Sony Music/Legacy

Es gibt auch ein Deluxe Digital Package, das neben den drei CDs (Studio, Live, Hörbuch), 4 Postkarten mit „Lie Factory“-Motiven und der illustrierten Kurzgeschichte (44 Seiten) die digitale Fassung der Kurzgeschichte, ein Making of und ein Promo-Video enthält.

Let’s Rock

Hinweise

Homepage von Rory Gallagher 

All Music über Rory Gallagher (warum gibt es bei uns nicht so eine informative Musikseite?)

Wikipedia über Rory Gallagher (deutsch, englisch)

Homepage von Timoty Truman

Homepage von Ian Rankin

Deutsche Homepage von Ian Rankin (Goldmann-Verlag)

Ian Rankin: The very last drop (16. – 18. Februar 2010; – eine neue Inspector-Rebus-Geschichte)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Ein reines Gewissen“ (The Complaints, 2009)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Der Mackenzie Coup“ (Doors Open, 2008)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Rebus’s Scotland – A personal journey“ (2005)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Eindeutig Mord – Zwölf Fälle für John Rebus“ (A good hanging, 1992)

Meine Besprechung von Ian Rankins “Ein Rest von Schuld“ (Exit Music, 2007)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Im Namen der Toten” (The Naming of the Dead, 2006)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Die Seelen der Toten“ (Dead Souls, 1999)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Der diskrete Mr. Flint“ (Watchman, 1988)

 Meine Besprechung von Ian Rankins „Mädchengrab“ (Standing in another Man’s Grave, 2012)

Ian Rankin in der Kriminalakte


Das inoffizielle Booklet zur Science-Fiction-Serie „Battlestar Galactica“

Oktober 30, 2013

 

booklet liefert nach, was in den DVD-Boxen fehlt: Lektüren zur Serie“ steht zutreffend auf dem Cover von Ekkehard Knörers „Battlestar Galactica“. Auf wenigen Seiten beschäftigt Knörer sich mit den Ursprüngen der Science-Fiction-Serie, einigen Aspekten der Erzählweise der Serie (wie dem Abschied vom rein episodischen Erzählen), den wichtigsten Charakteren, dem von Glen A. Larson erfundenem Kunstwort „Frak“ (das erstmals in der Originalserie als „Frack“ das im TV nicht gewünschte Schimpfwort „Fuck“ ersetzte) und er gibt Tipps zu einigen besonders sehenswerten Folgen und englischsprachigen Texten über die Serie.

Die US-Serie „Battlestar Galactica“, die im US-Fernsehen von 2003 bis 2009 lief, erzählt die Geschichte der Suche der letzten überlebenden Menschen nach der Erde, dem mythischen Planeten, von dem sie stammen sollen. Sie machten sich, nach einem Angriff der Zylonen (Knörer benutzt, weil er sich nicht an die Übersetzung gewöhnen kann, das englische Wort „Cylon“), mit altersschwachen Raumschiffen auf die Reise.

Serienerfinder Ronald D. Moore übernahm die Prämisse der kurzlebigen von Glen A. Larson erfundenen, kultigen TV-Serie „Kampfstern Galactica“ (Battlestar Galactica, USA 1978 – 1980) und ignorierten den Rest. Während die Originalserie buntes Popcorn ist, ist das Remake eine düstere Allegorie auf die Post-9/11-Paranoia und, sicher auch durch die Pseudo-Doku-Kamera und die Ausstattung, glaubt man sich nie in die Zukunft, sondern immer in eine militärische Kommandozentrale und das Flugzeug des Präsidenten gebeamt.

Denn während im Original die Zylonen glänzende Blechroboter waren, sind die neuen Zylonen immer noch Roboter, aber sie können auch wie Menschen aussehen und einige der Zylonen sind sogar unter den überlebenden Menschen. Einige Menschen arbeiten mit den Zylonen zusammen – und es gehört nicht viel Fantasie dazu, die Zylonen mit islamistischen Terroristen gleichzusetzen. Auch wenn die Macher als Vorbild für „Battlestar Galactica“ in Interviews ausdrücklich die Polit-Serie „The West Wing“ nennen.

Knörers kurzer Text ist teilweise etwas zu akademisch geschrieben und, wegen der Kürze, bleibt er sehr an der Oberfläche. Insofern ist „Battlestar Galactica“ für die Fans der Serie eine durchaus anregende Lektüre. Nicht-Fans können das Buch getrost ignorieren. Aber ein Booklet wird ja auch nur von den Besitzern der DVDs gelesen.

Knörer - Battlestar Galactica

Ekkehard Knörer: Battlestar Galactica

Diaphanes Booklet, 2013

96 Seiten

10 Euro

Hinweise

Homebase von „Battlestar Galactica“

Wikipedia über „Battlestar Galactica“ (deutsch, englisch)


Kurzkritik: Dominique Manotti: Zügellos

Oktober 30, 2013

Manotti - Zügellos

Zügellos“ beginnt am 9. Juni 1989 und endet am 10. November 1989 – und wer Dominique Manotti kennt, weiß, dass diese Daten nicht zufällig gewählt sind. Denn ihr zweiter Roman, der erst jetzt auf Deutsch erschien, spielt vor dem Hintergrund des deutschen Vereinigungsprozesses, der von multinationalen Unternehmen auch für verschiedene Übernahmepläne benutzt wird.

Dabei beginnt die Geschichte ziemlich harmlos mit brennenden Pferdeställen und dem Tod von mehreren Pferden. Commissaire Daquin vom Pariser Drogenderzenat glaubt, dass über diese Nobel-Pferderennställe ein florierender, staatenübergreifender Drogenhandel abgewickelt wird und es jetzt Probleme in der Szene gibt, die mit Brandstiftung und Pferdemord gelöst werden. Daquin (schwul und härter als Dirty Harry) ergänzt sein eingeschworenes, immer latent gewaltbereites Team um Le Dem, der sich in der Szene auskennt und seinen gewaltfreien Job bei der Reiterstaffel der Polizei liebt.

Zur gleichen Zeit wittert der multinationale Versicherungskonzern PAMA, der auch etwas mit den abgebrannten Pferdeställen und den Pferden zu tun hat, ein gigantisches Geschäft im gerade zusammenbrechendem Ostblock; – wenn die Mitarbeiter nicht gerade mit firmeninternen Intrigen beschäftigt sind.

Am Anfang von Dominque Manottis Noir-Polit-Thriller ziehen die kurzen, im Präsens geschriebenen Kapitel, die sich wie Abhörprotokolle und zufällige Beobachtungen lesen, ergänzt um Zeitungsmeldungen, sogartig in die Geschichte. Gegen Ende langweilt dieser hektisch-abgehackte Stil dann zunehmend – und erinnert damit auch an den zunehmend kryptischen Stil von US-Krimiautor James Ellroy („L. A. Confidential“), den Manotti als einen wichtigen Einfluss für ihr Schreiben nennt. Ein anderer wichtiger Einfluss ist die 68er-Bewegung, von der sie ein aktiver Teil war. Daher verknüpft sie politische Ereignisse mit einem aufklärerischem Projekt im Rahmen einer spannenden Genregeschichte aus dezidiert linker Perspektive.

Zügellos“ ist, wie Manottis anderen Noirs, pathosfreie Aufklärung im Rahmen eines Thrillers.

Dominique Manotti: Zügellos

(übersetzt von Andrea Stephani)

Ariadne Krimi/Argument Verlag, 2013

288 Seiten

18,00 Euro

Originalausgabe

À nos Chevaux!

Éditions Payot & Rivages, 1997

Hinweise

Krimi-Couch über Dominique Manotti

Wikipedia über Dominique Manotti (deutsch, französisch)

Und noch ein Hinweis

Im Rahmen der Reihe „Der Krimi ist politisch“ besucht Dominique Manotti am Montag, den 25. November, Hamburg.


Neu im Kino/Filmkritik: Die Orson-Scott-Card-Verfilmung „Ender’s Game – Das große Spiel“

Oktober 24, 2013

Für alle Fans von Orson Scott Cards Science-Fiction-Klassiker „Ender’s Game“, der bei uns als „Enders Spiel“ erschien, ist die Verfilmung die gelungene Mainstream-Variante des Romans, mit den üblichen Veränderungen und Aktualisierungen.

Cards vielschichtiger Roman erschien 1985, eroberte sofort die Herzen der Leser und erhielt den Hugo- und Nebula-Award, zwei prestigeträchtige Science-Fiction-Preise. In seinem Debütroman erzählt er die Geschichte des jungen Ender Wiggins, der in einer Militärschule ausgebildet wird, um der Anführer der Menschheit gegen außerirdische Invasoren, die Krabbler (bzw. Formics oder Schaben), zu werden.

Im Roman ist Ender am Anfang sechs Jahre, am Ende elf Jahre, und das Militär manipuliert ihn und sein Leben schamlos für die große Schlacht. Der Kalte Krieg ist als Subtext der Geschichte offensichtlich; auch in der von Scott 1991 überarbeiteten Fassung. Außerdem hat das Militär wegen des seit Jahrzehnten drohenden Angriffs der Aliens die totale Macht über die Menschen, die gegen den übermächtigen Feind einen fragilen Burgfrieden schlossen.

Der Südafrikaner Gavin Hood, der nach seinem Drehbuch den Film inszenierte, konzentrierte sich auf den Hauptplot des gut fünfhundertseitigen Romans und ließ den im Film zwölfjährigen Ender von dem 1997 geborenen Asa Butterfield („Hugo Cabret“) spielen. So werden aus den Kindersoldaten des Romans sehr junge Erwachsene, die kaum jünger als die Soldaten in westlichen Demokratien sind, die in Auslandseinsätzen die Demokratie verteidigen dürfen. Diese Änderung, die aus filmischer Sicht absolut nachvollziehbar ist, verharmlost allerdings auch die inhumanen Taten der Erwachsenen ungemein. Davon abgesehen ist Ender im Film, wie im Buch, der jüngste und talentierteste Soldat in der Raumstation. Er ist ein geborener Führer und überragender Stratege.

Hood, der mit „Tsotsi“ und „Machtlos“ explizit politische Filme drehte, lässt in seinem neuen Film den politischen Hintergrund des Kalten Krieges weg, ohne ihn durch einen offenkundigen anderen politischen Hintergrund zu ersetzen. Beispielsweise und durchaus möglich als zeitgemäßes Update von Cards Roman wären das Kindersoldaten in Afrika, die gesellschaftliche Situation in Südafrika, der Kampf des Westens gegen den islamistischen Terrorismus oder der Einsatz von Drohnen, die aus weitab vom Kampfgebiet liegenden Einsatzzentralen gesteuert werden. So wird die Geschichte von „Enders Spiel“ zu einem Science-Fiction-Abenteuerfilm, in dem die militärische Ausbildung ein tolles Abenteuer mit harten, aber gerechten Ausbildern ist und Freundschaften fürs Leben geschlossen werden. Für den Film wurde Enders große Prüfung, die im Buch nur knappe sechs Seiten umfasst, erweitert, ohne – weil Ender den Kampf an einem Computerdisplay dirigiert – besonders packend zu sein. Es sind einfach Raumschiffe, die gegen andere Raumschiffe kämpfen – und weil wir weder die menschliche Besatzung noch die schabenartigen Gegner kennen oder sehen, können wir nur die Leistung des Feldherrn bewundern, der bedenkenlos Raumschiffe für das Kriegsziel opfert. Allerdings verwendet Hood wesentlich weniger Zeit als Card auf das Erklären der verschiedenen taktischen Züge in den von Ender gewonnenen Spielen, die als Teil von Enders detailliert geschilderter Ausbildung natürlich wichtig sind, um sein Feldherrentalent zu begreifen.

Im Film rückt dagegen die fast schon freundschaftliche Beziehung von Ender zu seinen Ausbildern Oberst Hyrum Graff (Harrison Ford) und Mazer Rackham (Ben Kingsley) und zu den anderen Soldaten stärker in den Mittelpunkt. So ist Enders rechte Hand Bean (Aramis Knight; seine Geschichte erzählt Orson Scott Card in „Enders Schatten“) von Anfang an in Enders Truppe. Das und auch die anderen Veränderungen gegenüber dem Roman sind alles kluge Entscheidungen, die der Filmgeschichte dienen.

Die im Buch gestellten moralischen Fragen, vor allem natürlich ob der Zweck die Mittel heiligt, sind immer noch vorhanden und so regt der Science-Fiction-Film „Ender’s Game“ auch zum Nachdenken an. Obwohl die moralischen Fragen und politischen Ansichten des Romans für ein weltweites Publikum so lange weichgespült wurden, bis sie in einem politischen Vakuum spielen.

Ender s Game - Plakat

Ender’s Game – Das große Spiel (Ender’s Game, USA 2013)

Regie: Gavin Hood

Drehbuch: Gavin Hood

LV: Orson Scott Card: Ender’s Game, 1985 (Das große Spiel, Enders Spiel)

mit Asa Butterfield, Harrison Ford, Ben Kingsley, Abigail Breslin, Hailee Steinfeld, Moises Arias, Viola Davis, Nonso Anozie, Aramis Knight

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

Card - Enders Spiel - 2

Orson Scott Card: Enders Spiel

(übersetzt von Karl-Ulrich Burgdorf)

Heyne, 2012

464 Seiten

8,99 Euro

Originalausgabe

Ender’s Game

Tor, 1985

(1991 erschien eine vom Autor leicht überarbeitete Ausgabe)

Frühere deutsche Ausgaben als „Das große Spiel“ und, als Doppelband mit dem zweiten Ender-Roman, als „Ender“.

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Ender’s Game – Das große Spiel“

Moviepilot über „Ender’s Game – Das große Spiel“

Metacritic über „Ender’s Game – Das große Spiel“

Rotten Tomatoes über „Ender’s Game – Das große Spiel“

Wikipedia über „Ender’s Game – Das große Spiel“ (deutsch, englisch)

Homepage von Orson Scott Card

Phantastik-Couch über Orson Scott Card

Wikipedia über Orson Scott Card (deutsch, englisch)

Epilog: Interview mit Orson Scott Card (2004)

Meine Besprechung von Orson Scott Card (Projektleitung)/Christopher Yost (Skript)/Pasqual Ferrys (Zeichnungen) „Ender’s Game – Das große Spiel (Band 1)“ (Ender’s Game: Battle School 1 – 5, 2009)


Neu im Kino/Film- und Buchkritik: Dieser Polizist ist eine echte „Drecksau“

Oktober 17, 2013

 

Nein, zum Vorbild taugt Detective Sergeant Bruce Robertson (James McAvoy) nicht. Er ist auch kein Aushängeschild für die Polizei von Glasgow. Er ist ein egozentrisches, überhebliches, frauenverachtendes, reaktionäres Arschloch, das zwischen Drogenkonsum, Onanieren, Schulhofintrigen und Sex mit allen Frauen, die seinem Charme erliegen oder, weil sie Minderjährig sind, von ihm dazu erpresst werden, noch schnell einige obszöne Anrufe tätigt und, immerhin ist der Film, wie Irvine Welshs Roman, aus Robertsons Perspektive erzählt, alle anderen für Idioten, Trottel oder Spastis hält. Deshalb steht nur ihm die Beförderung zum Detective Inspector zu. Und den Mordfall an dem Japaner wird er auch mit links lösen. Es gibt ja genug Typen, die einen Knastaufenthalt verdient haben.

So malt sich Bruce Robertson seine Welt aus. Dummerweise sehen die anderen ihn nicht als glorreichen Helden, sondern als Drogenwrack, das in psychiatrischer Behandlung ist; wobei einige dieser Sitzungen bei Dr. Rossi auch in seinem Kopf stattfinden könnten. Aber diese Irritationen, wozu auch die pulpigen Auftritte seiner Frau gehören, schleichen sich langsam in die Geschichte ein und lassen – im Film früher und subtiler als im Roman – immer mehr an der Zuverlässigkeit des Erzählers zweifeln.

Jon S. Bairds rabenschwarze, satirisch überspitze, surreale Komödie ist, knapp gesagt, „Trainspotting“ im Polizeimilieu und Bairds Film muss den Vergleich mit Danny Boyles Klassiker nicht scheuen. Außerdem ist die Vorlage für beide Filme von Irvine Welsh. Mit „Drecksau“ schrieb er einen Polizeiroman, der an die düsteren britischen Polizeikrimis von G. F. Newman anknüpft, der in seinen Inspector-Sneed-Romanen (auch bekannt als Bastard-Romane) die Welt der Polizei als korrupten Augiastall porträtiert. Und natürlich ist Robertson das britische Gegenstück zu dem namenlosen Polizisten (Harvey Keitel) in Abel Ferraras „Bad Lieutenant“ (1992), dessen Drogenkonsum auch beachtlich war.

Die Änderungen zum mit vierhundertfünfzig Seiten zu langen Roman sind eher miminal. Statt in Edinburgh spielt die Geschichte in Glasgow, aus dem ermordeten Afrikaner wurde ein ermordeter Japaner, aus der Sauftour nach Amsterdam wurde ein Hamburg-Besuch, aus dem Bandwurm, der im Roman das Geschehen kommentiert, wird im Film ein sich sehr seltsam benehmender Psychiater, es wurde einiges weggelassen, bei den Frauen gibt es einige Änderungen, die aber den Film nicht weniger schwarzhumorig-zynisch machen als die Vorlage und sie sogar verbessern. Denn Jon S. Baird bleibt dem Geist der Vorlage treu und porträtiert einen wirklich abstoßenden Polizisten, der dank der beachtlichen Leistung von James McAvoy, sogar einige fast schon sympathische Seiten hat.

Drecksau - Plakat

Drecksau (Filth, Großbritannien 2013)

Regie: Jon S. Baird

Drehbuch: Jon S. Baird

LV: Irvine Welsh: Filth, 1998 (Drecksau)

mit James McAvoy, Jamie Bell, Imogen Poots, Eddie Marsan, Jim Broadbend, Gary Lewis, Shirley Henderson

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Welsh - Drecksau

Irvine Welsh: Drecksau

(übersetzt von Clara Drechsler und Harald Hellmann)

KiWi, 2011

464 Seiten

9,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Kiepenheuer und Witsch, 1999

Originalausgabe

Filth

Jonathan Cape, 1998

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Film-Zeit über „Drecksau“

Moviepilot über „Drecksau“

Metacritic über „Drecksau“

Rotten Tomatoes über „Drecksau“

Wikipedia über „Drecksau“ 

Homepage von Irvine Welsh

Perlentaucher über „Drecksau“

 


Lesereise: Jeremy Scahill stellt „Schmutzige Kriege“ vor

Oktober 16, 2013

 

Scahill - Schmutzige Kriege - 4

In seinem neuen Buch „Schmutzige Kriege – Amerikas geheime Kommandoaktionen“ erzählt Jeremy Scahill (zuletzt „Blackwater“ über die Söldnerfirma) wie nach 9/11 gezielte Tötungen zu einem zentralen Bestandteil der US-amerikanischen Sicherheitspolitik wurden und in welcher Tradition diese Politik steht.

Dieses Buch erzählt von der Ausweitung der verdeckten Kriege der USA, dem Machtmissbrauch durch die Regierung und vom Einsatz militärischer Eliteeinheiten, die sich allein dem Weißen Haus gegenüber zu verantworten haben und niemandem sonst Rechenschaft schuldig sind. ‚Schmutzige Kriege‘ enthüllt zudem, wie sich von den früheren republikanischen Regierungen bis zur heutigen demokratischen Präsidentschaft eine Geisteshaltung fortsetzt, der zufolge ‚die Welt ein Schlachtfeld ist’“, sagt Scahill im Vorwort.

Dafür reiste der „The Nation“- und „Democracy Now!“-Journalist um die halbe Welt, führte viele Interviews, las Dokumente und schrieb ein über siebenhundertseitiges Werk, wobei er über hundert Seiten mit Anmerkungen füllte, die seine Arbeit belegen. Und man nach dem Vorwort unbedingt weiterlesen möchte. Denn gut geschrieben – so mein erster Eindruck – ist der Wälzer auch.

Das ist US-amerikanisches Reportage-Handwerk, wie wir es kennen und lieben – und das es in dieser Form in Deutschland nicht gibt.

Jetzt stellt Scahill sein Buch auf einer kurzen Lesereise vor:

Mittwoch, 16. Oktober, Hamburg (Universität Hamburg, Hörsaal C, Philosophenturm,

Von Melle Park 6), 18.00 Uhr

Donnerstag, 17. Oktober, Berlin (European Center for Constitutional and Human Rights

Zossener Str. 55-58), 19.00 Uhr

Montag, 21. Oktober, Potsdam (Einstein Forum, Am Neuen Markt 7), 19.00 Uhr

Jeremy Scahill: Schmutzige Kriege – Amerikas geheime Kommandoaktionen

(übersetzt von Maria Zybak, Gabriele Gockel, Sonja Schuhmacher und Bernhard Jendricke, Kollektiv Druck-Reif)

Verlag Antje Kunstmann, 2013

720 Seiten

29,95 Euro

(vom Autor autorisierte, gekürzte Fassung)

Originalausgabe

Dirty Wars – The World is a Battlefield

Nation Books, 2013

Hinweise

Twitter-Account von Jeremy Scahill

Homepage zum Buch und Film

Perlentaucher über Jeremy Scahills „Schmutzige Kriege“

Rotten Tomatoes über „Dirty Wars“

Wikipedia über Jeremy Scahill

Wer keine Lesung besuchen kann, kann sich Jeremy Scahill ansehen


„Ender’s Game“ – die gezeichnete Version von Orson Scott Cards Roman

Oktober 9, 2013

 

Die demnächst startende Verfilmung von Orson Scott Cards Debütroman „Enders Spiel“ bescherte uns jetzt auch die deutsche Ausgabe der bereits vor fünf Jahren in den USA erschienenen Comics, die dort ziemlich erfolgreich sind. Immerhin gibt es genügend Nachschub.

In seinem mit dem Nebula- und Hugo-Preis ausgezeichneten Roman erzählt Card von einer Zukunft, in der bereits Kinder zu Soldaten ausgebildet werden. Sie sollen dann gegen einen gefährlichen außerirdischen Feind, der die Menschheit bereits einmal fast besiegt hätte, kämpfen.

Der junge Andrew ‚Ender‘ Wiggin ist dabei, so die Militärs, ein überragendes Talent, das einmal der größte Krieger aller Zeiten werden könnte. Dafür wird er als Sechsjähriger von seinen Eltern getrennt. In der Akademie durchläuft er eine harte Ausbildung, die im Mittelpunkt von „Ender’s Game – Das große Spiel“ steht.

Allerdings verzichteten Orson Scott Card, der die Oberaufsicht über die Comicserie hat, und Autor Christopher Yost auf sämtliche Hintergründe zur Gesellschaft und zur außerirdischen Bedrohung. Enders Ausbildung erscheint hier, obwohl sie dem Roman akkurat folgt, als reiner Selbstzweck, durchgeführt von einem menschenverachtendem Militär in einer ebenso menschenverachtenden Gesellschaft gegen einen nicht existierenden Feind.

Und die Ausbildung verläuft immer gleich: Ender kommt als jüngstes Mitglied in eine Gruppe, er wird gehänselt (was von dem Militärs gewünscht ist, weil sie glauben, dass Ender einerseits sehr beeinflussbar ist, aber andererseits gegen seine Feinde unerbittlich vorgeht und solange er keine Freunde hat, wird er ein guter Krieger sein), beweist sich und kommt, als Jüngster, in die nächste Klasse, in der er wieder gehänselt wird. Das liest sich schnell etwas redundant. Auch wenn die weitgehend gesichtslosen Militärs, nur Colonel Hyrum Graff, Direktor der Primarerziehung der Internationalen Flotte (halt des Militärs), taucht öfter auf, Enders Leben hemmungslos manipulieren und seltsame Entwicklungen in Enders Märchenland, einem Gedankenspiel, das auch vom Unterbewusstsein des Spielers gesteuert wird, feststellen.

Der Comic „Ender’s Game – Das große Spiel“ liest sich wie die Skizze für ein größeres Werk. Allerdings sind in dem ersten Sammelband auch nur die ersten Stationen von Enders Ausbildung enthalten.

Der Folgeband „Kommandanten-Schule“ ist für den 19. November angekündigt.

Card - Ender s Game - 1

Orson Scott Card (Projektleitung)/Christopher Yost (Skript)/Pasqual Ferry (Zeichnungen): Ender’s Game – Das große Spiel (Band 1)

(übersetzt von Bluna Williams)

Panini, 2013

132 Seiten

14,95 Euro

Originalausgabe

Ender’s Game: Battle School 1 – 5

Marvel 2008/2009

(2009 als Sammelband)

Die Vorlage

Card - Enders Spiel - 2Card - Enders Schatten - 2

Orson Scott Card: Enders Spiel

(übersetzt von Karl-Ulrich Burgdorf)

Heyne, 2012

464 Seiten

8,99 Euro

Originalausgabe

Ender’s Game

Tor, 1985

(1991 erschien eine vom Autor leicht überarbeitete Ausgabe)

Frühere deutsche Ausgaben als „Das große Spiel“ und, als Doppelband mit dem zweiten Ender-Roman, als „Ender“.

Orson Scott Card: Enders Schatten

(übersetzt von Regina Winter)

Heyne, 2013

592 Seiten

8,99 Euro

Originalausgabe

Ender’s Shadow

Tor, 1999

Die Verfilmung

Ender s Game - Plakat

Ender’s Game – Das große Spiel (Ender’s Game, USA 2013)

Regie: Gavin Hood

Drehbuch: Gavin Hood

LV: Orson Scott Card: Ender’s Game

mit Asa Butterfield, Harrison Ford, Ben Kingsley, Abigail Breslin, Hailee Steinfeld, Moises Arias, Viola Davis, Nonso Anozie, Aramis Knight, Jessica Harthcock

Länge: 114 Minuten

Kinostart: 24. Oktober 2013

Hinweise

Homepage von Orson Scott Card

Phantastik-Couch über Orson Scott Card

Wikipedia über Orson Scott Card (deutsch, englisch)

Epilog: Interview mit Orson Scott Card (2004)

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film


Die erste Chronik der „Lachnummer BER“

Oktober 8, 2013

During - Lachnummer BER - 2

Eine Sache hat – so sieht es jedenfalls im Moment noch aus – bei unserem neuen Hauptstadtflughafen geklappt: die Korruptionsbekämpfung. Vor Baubeginn schloss die Bauherrengesellschaft Flughafen Berlin-Schönefeld GmbH (FBS) einen Integritätspakt mit Transparency International ab, der anscheinend wirklich dazu führte, dass es bei der Vergabe und dem Bau keine Korruption gab.

Dafür wurde, wenig erstaunlich, von bei Ausschreibungen unterlegenen Firmen emsig geklagt; ebenso von Anwohnern. Die klagten gegen den ungünstigen Standort, den Nachtflug, den Lärm und die nachträgliche Veränderung der Flugrouten, die dazu führte, dass Anwohner und Gemeinden, die vorher nicht vom Fluglärm betroffen waren, dann doch betroffen waren. Dafür waren dann andere Gemeinden nicht mehr oder erheblich weniger von Fluglärm betroffen.

Abgesehen davon ging ungefähr alles bei dem von den Bundesländern Berlin und Brandenburg und dem Bund finanzierten und beaufsichtigten Flughafenbau schief, der immer noch im Bau ist und, nachdem er schon 2010, 2011, 2012 und 2013 (wobei diese Termine niemand in Berlin und Brandenburg mehr ernst nahm) eröffnen sollte und im Moment keinen Eröffnungstermin hat. Aber die gut informierten Kreise spekulieren auf allerfrühestens 2015. Da wird es dann auch irgendeine Eröffnung geben, weil im Frühjahr 2015 die Baugenehmigung abläuft. Dann begänne das gesamte Genehmigungsverfahren von vorne. Mit ungewissem Ausgang.

Die weniger gut informierten Kreise, also der normale großmäulige Berliner Pöbel, hält spätere Termine für viel wahrscheinlicher und spottet, dass niemand die Absicht habe, einen Flughafen zu eröffnen.

Selbstverständlich stiegen seitdem die Kosten. Derzeit gibt es keine seriöse Prognose über die endgültigen Kosten.

In dieser Situation, in der wirklich noch kein Ende abzusehen ist, schrieb der berliner Flugverkehrjournalist Rainer W. During sein Sachbuch „Lachnummer BER – Das Debakel um den Hauptstadtflughafen: Eine Chronik“, das deshalb auch nicht mehr als eine vorläufige Bestandsaufnahme sein kann.

Er zeichnet den Weg von den ersten Planungen, die es schon in den späten achtziger Jahren zu Vorwendezeiten gab, bis zur Gegenwart nach. Dabei geht er strickt chronologisch vor, verzichtet auf Schuldzuweisungen und damit verbundenen tiefergehenden Analysen. Zum Beispiel ob die Konstruktion der Bauherrengesellschaft und des Aufsichtsrates zu einer organisierten Unveranwortlichkeit führten.

Das wäre natürlich der spannende Teil gewesen, aber die nackte Chronik genügt schon, um das gigantische Versagen von Politikern und Planern aufzuzeigen. Immerhin vergisst man so schnell so unglaublich viele Details und, wer nicht in Berlin oder Brandenburg lebt, hat wahrscheinlich noch nicht einmal die zahlreichen Streitigkeiten und Probleme mitbekommen. Deshalb wären eine Kurzchronik mit den wichtigsten Eckdaten, ein Personenverzeichnis (so wie früher in den alten rororo-Kriminalromanen), einige Grafiken, zum Beispiel zum Fluggastaufkommen und den Flugrouten und ein Verzeichnis mit weiterführenden Links hilfreich gewesen.

Insgesamt ist der Zwischenbericht ein lesenswertes Buch, dem sicher noch weitere Bücher folgen werden. Schon jetzt liegen die Erlebnisberichte „Black Box BER“ vom Flughafenarchitekten Meinhard von Gerkan (dessen Firma auch Generalplaner war und dem, nachdem die Eröffnung am 3. Juni 2012 kurzfristig abgesagt wurde, fristlos gekündigt wurde) und „Der Hauptstadtflughafen: Politik und Missmanagement. Ein Insider berichtet“ von Controller Matthias Roth vor.

Ergänzend kann man sich ja schon einmal in den von verschiedenen Untersuchungsausschüssen in den vergangenen Jahren erstellten Untersuchungsberichten austoben und die Arbeit des aktuellen Untersuchungsausschusses im Berliner Abgeordnetenhaus verfolgen.

Denn die Geschichte ist noch lange nicht zu Ende und mit Überraschungen ist zu rechnen.

Rainer W. During: Lachnummer BER – Das Debakel um den Hauptstadtflughafen: Eine Chronik

Rotbuch, 2013

240 Seiten

14,99 Euro

Hinweise

Wikipedia über den Flughafen

Abgeordnetenhaus Berlin: Unterseite des Untersuchungsausschusses (steht eigentlich nur das Programm)

Piratenpartei/Fraktion im Abgeordnetenhaus: Seite zum BER (groß gestartet, erscheint mir jetzt etwas verwaist. Naja, wie der BER)

Eine Liste der Bürgerinitiativen, die sich mit dem BER beschäftigen

und, last but least: die BER-Flughafen-Homepage (alles so schön bunt hier)


Neu im Kino/Film- und Buchkritik: Edgar Reitz und „Die andere Heimat“ im Hunsrück

Oktober 4, 2013

 

Schwarzweiß und gut vier Stunden. Das sind die Eckdaten, die den neuen Film von Edgar Reitz zu einem Film für eine ausgewählte Zuschauermenge machen. Da hilft es auch nicht, dass „The Artist“ (der sogar ein Stummfilm war) erfolgreich war und dass Hollywood-Blockbuster immer länger werden und deshalb manchmal gleich als Zweiteiler ins Kino kommen. Auch Reitz hat ungefähr in der Filmmitte eine Pause eingefügt, die vor allem für einige Dehn- und Streckübungen gut ist. Denn im Gegensatz zu Quentin Tarantinos Racheepos „Kill Bill“, das als Zweiteiler im Kino lief, dessen Teile sich stark unterscheiden und so sogar die kommerzielle Entscheidung rechtfertigte (zwei getrennte Teile sind zwei Filme, ergo zweimal Eintritt), ist Edgar Reitz‘ „Die andere Heimat“ die epische Chronik einer sich für den Protagonisten Jakob Simon nicht erfüllenden Sehnsucht, die während der großen Auswanderungswelle im Hunsrück in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts und vor der deutschen Revolution von 1848 spielt.

1842 will der Neunzehnjährige, eine vergeistigte Leseratte, nach Brasilien, in das Land seiner Träume, auswandern. Diese Welt erscheint ihm viel spannender als das Leben in dem Hunsrückdorf Schabbach.

Edgar Reitz erzählt die Geschichte von Jakob und den Schabbachern betont undramatisch. Oft treffen die Charaktere wichtige Entscheidungen außerhalb des Films und auch viele Hintergründe zu Politik, Wirtschaft und dem alltäglichen Leben werden als bekannt vorausgesetzt oder erschließen sich durch die Beobachtung des damaligen Alltags. Entsprechend viel Zeit nimmt sich der Film, der fast wie eine Dokumentation über das damalige Leben wirkt, auch für das Zeigen von alltäglichen Arbeiten. Die damit verbundene Ruhe ist anfangs faszinierend, weicht aber mit zunehmender Laufzeit einer gewissen Langeweile.

Denn „Die andere Heimat“ erzählt nicht nur von Jakob, sondern auch von seinem Bruder Gustav, den beiden jungen Frauen Jettchen und Florinchen, die in die Brüder verliebt sind, aber die Beziehung ganz pragmatisch angehen, dem Graveur Franz Olm und dem Leben im Wandel der Jahreszeiten zwischen Geburt und Tod, wobei die einzelnen Ereignisse, wie in einer Chronik, nebeneinander stehen und sich nicht immer beeinflussen. Reitz erzählt, mit großer Ruhe, beobachtend von den Zufälligkeiten des Lebens und gibt für die Hauptgeschichte nebensächlichen Ereignissen einen breiten Raum, während wichtige Entscheidungen im Off oder schweigend getroffen werden. Im Kino funktioniert diese epische Erzählweise, im Gegensatz zur im Schüren-Verlag erschienenen, von Edgar Reitz geschriebenen Filmerzählung, nur bedingt. Hier hätte die Konzentration auf den Protagonisten und eine ordentliche Kürzung auf eine publikumsfreundliche Laufzeit gut getan.

Im Fernsehen, als Vierteiler, dürfte „Die andere Heimat“, trotz der die große Leinwand fordernden Cinemascope-Bilder des „Heimat“-erfahrenen Kameramanns Gernot Roll, die dem Hunsrück eine ungeahnte, fast schon Western-hafte Weite verleihen, als ein fast schon willkürlicher Ausschnitt aus zwei Jahre im Leben von Jakob Simon deutlich besser funktionieren.

Immerhin entstanden auch seine anderen „Heimat“-Filme für das Fernsehen und gerade „Heimat – Eine deutsche Chronik“ (1984), die erste „Heimat“-Serie, die Edgar Reitz einen „Zyklus von 11 Spielfilmen“ nannte, spielt auch in Schabbach und erzählt vom Leben der Familie Simon von 1919 bis 1982. Im Zentrum steht die 1900 geborenen Maria (Marita Breuer). „Die zweite Heimat – Chronik einer Jugend“ (1992) erzählt die Geschichte von Hermann Simons (Henry Arnold) Studienjahren von 1960 bis 1970 in München. Ähnlichkeiten mit Edgar Reitz‘ Leben, der am 1. November 1932 in dem Hunsrückdorf Morbach geboren wurde und nach München zog, sind nicht zufällig. Mit „Heimat 3 – Chronik einer Zeitenwende“ (2004), die von 1989 bis 2000 spielt, kehrt er, wieder mit Hermann Simon als Protagonisten, in den Hunsrück zurück und erzählt, etwas konfus (was auch an den vom Fernsehen veranlassten Kürzungen auf 90-Minuten-Happen liegen kann), von den neunziger Jahren und dem Vereinigungsprozess.

Die andere Heimat“ bildet jetzt, mit einer Rückkehr in den Hunsrück und in die Vergangenheit der Familie Simon den würdigen Abschluss seines Lebenswerkes. Denn dass er noch einen weiteren Spielfilm dreht, dürfte unwahrscheinlich sein.

Die Musik ist von Michael Riessler, der auch für „Heimat 3“ die Musik schrieb.

 

Das Filmbuch

 

Pünktlich zum Filmstart erschien im Schüren-Verlag auch das Buch zum Film, in dem Edgar Reitz die Filmgeschichte nacherzählt, die im Buch besser funktioniert als im Kino, und um einige Details und Hintergründe ergänzt, die die Lücken im Film ausfüllen, die Reitz bewusst gelassen hat:

Ich könnte tausend Gelegenheiten aufzählen, bei denen das Drama auf der Hand lag und wo ich nur hätte zugreifen müssen, um den Film zu machen, den die akademischen Dramaturgen mit Freuden aufgenommen hätten. Aber warum mache ich so etwas nicht? Die Antwort ist einfach, und es ist eine Antwort, die mich mein ganzes Leben begleitet hat: Weil ich mit meinen Filmen das reale Leben besser verstehen lernen will. An erster Stelle steht für mich das genaue Beobachten, das Wissen von den Menschen und ihren Verhaltensweisen. Ich weiß einfach, wie die Dinge in einer Hunsrücker Bauernfamilie früher geregelt wurden. Da läuft es anders als im Kino oder in der Psychoanalyse. Diese von wahrer Not und täglichem Existenzkampf gezeichneten Menschen empfinden Dinge wie Verliebtheiten, Bildungshunger, Rivalität unter Geschwistern als vermeidbare Luxusprobleme. Die tödliche Krankheit der Mutter oder eines der Kinder ist eine Bedrohung der gesamten Familie, und es geht um jede Stunde, die die Kranke noch lebt und zur Arbeit gehen kann. (…) Weil es mir nicht um Zuspitzung geht, sondern um die Schilderung von Lebensklugheit, die meist darin besteht, Ambivalenzen auszuhalten. Die Gesetze des Lebens sind mir heilig und ich würde es für eine unverzeihliche Tat halten, diese Wahrheiten, um deren Darstellung ich kämpfe, der Kinodramaturgie zu opfern. (…) Ich bestehe auf dem Recht, den Weg des epischen Erzählens ins Kino einzuführen, auch wenn ich manchen Zuschauer damit strapazieren sollte.“

Außerdem gibt es im letzten Drittel des Buches zahlreiche Hintergrundinformationen zum Film, den Dreharbeiten und der Geschichte, die das spartanisch illustrierte Buch zu einer idealen Ergänzung zum Film machen.

Die andere Heimat - Plakat

Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht (Deutschland 2013)

Regie: Edgar Reitz

Drehbuch: Edgar Reitz, Gert Heidenreich

mit Jan Dieter Schneider, Antonia Bill, Maximilian Scheidt, Marita Breuer, Rüdiger Kriese, Philine Lembeck, Mélanie Fouché, Eva Zeidler, Reinhard Paulus, Christoph Luser, Werner Herzog

Länge: 230 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Das Filmbuch

Reitz - Die andere Heimat - Filmbuch

Edgar Reitz: Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht – Das Filmbuch

Schüren, 2013

296 Seiten

19,90 Euro

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Die andere Heimat“

Moviepilot über „Die andere Heimat“

Wikipedia über „Die andere Heimat“

Homepage von Edgar Reitz

Kriminalakte über „Die andere Heimat“

Homepage von Michael Riessler

 

 


TV-Tipp für den 3. Oktober: James Bond: Der Hauch des Todes

Oktober 3, 2013

ZDF, 23.15

JAMES BOND: Der Hauch des Todes (GB 1987, R.: John Glen)

Drehbuch: Richard Maibaum, Michael G. Wilson

LV: Ian Fleming: The living daylights, 1962 (Duell mit doppeltem Einsatz, Kurzgeschichte)

Bond soll einem russischen Agenten zur Flucht verhelfen. Aber dieser treibt ein doppeltes Spiel.

Der erste Bond mit Timothy Dalton ist ein rundum unterhaltsamer Familienfilm: etwas Action (jugendfrei), schöne Frauen (dito), Pferde, Exotik (na, so a la Karl May). Tja, man gab sich Mühe zum 25-jährigen Leinwandjubiläum.

Sogar einige Elemente der Fleming-Story wurden in „Der Hauch des Todes“ verwandt.

Mit Timothy Dalton, Maryam d´Abo, Jeroen Krabbé, Joe Don Baker (hier einer der Bösen)

Hinweise

Wikipedia über “James Bond: Der Hauch des Todes“ (deutsch, englisch)

Homepage von Ian Fleming

Meine Besprechung von Sebastian Faulks’ James-Bond-Roman „Der Tod ist nur der Anfang“ (Devil may care, 2008)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers James-Bond-Roman “Carte Blanche” (Carte Blanche, 2011)

Meine Besprechung von Ian Flemings ersten drei James-Bond-Romanen “Casino Royale”, “Leben und sterben lassen” und “Moonraker”

Meine Besprechung des James-Bond-Films „Skyfall“ (Skyfall, GB/USA 2012)

James Bond in der Kriminalakte

Ian Fleming in der Kriminalakte

Lesetipp

 

Bei Cross-Cult sind zwei weitere James-Bond-Romane in neuer, ungekürzter und originalgetreuer Übersetzung erschienen: „Feuerball“ und „Der Spion, der mich liebte“. Während „Feuerball“ ein normaler Bond-Roman ist, der auch ziemlich werkgetreu verfilmt wurde (weshalb ich jetzt nichts zur Story sage), ist „Der Spion, der mich liebte“ sicher der ungewöhnlichste Bond-Roman. Denn Fleming erzählt hier aus Sicht einer jungen Frau, die während einer Nacht in einem Motel Ärger mit zwei Männern hat und von James Bond, der zufällig vorbeikommt, gerettet wird. Auch Fleming war später nicht mehr begeistert von seinem Buch und verkaufte die Filmrechte unter der Auflage, dass eine vollkommen neue Geschichte erfunden werde. Daher hat der Film auch absolut nichts mit dem Buch zu tun.

Fleming - Feuerball - Cross-Cult

Ian Fleming: Feuerball

(übersetzt von Anika Klüver und Stephanie Pannen)

Cross-Cult, 2013

384 Seiten

12,80 Euro

Originalausgabe

Thunderball, 1961

Fleming - Der Spion der mich liebte - Cross-Cult

Ian Fleming: Der Spion, der mich liebte

(übersetzt von Anika Klüver und Stephanie Pannen)

Cross-Cult, 2013

224 Seiten

12,80 Euro

Originalausgabe

The Spy, who loved me, 1962

 


Neues aus der Werkstatt von Garth Ennis: Horror mit „Stitched“ und Komödie mit „Dicks“

Oktober 2, 2013

Ennis - Stitched 1Ennis - Dicks 1

Die kürzlich erschienenen Comic-Sammelbände „Dicks“ und „Stitched“ von dem produktiven „Hellblazer“-, „Preacher“- und „Punisher“-Autor Garth Ennis, der in den letzten Jahren auch die Serien „Jennifer Blood“ und „Crossed“ startete, könnten kaum unterschiedlicher sein. „Dicks“ ist ein brachiale Krimikomödie, die 1991 in und um Belfast spielt. Entsprechend respektlos geht er auch mit dem damals noch blutig ausgetragenem Nordirlandkonflikt um.

Stitched“ spielt im heutigen Afghanistan. Im Hochland stürzt ein Hubschrauber ab. Drei US-Soldaten überleben. Kurz nach dem Absturz treffen sie auf die letzten Überlebenden eines britischen Sonderkommandos, das sie retten sollen. Gemeinsam versuchen sie sich durchzuschlagen, bis Hilfe kommt oder sie ein rettendes Armeelager erreichen. Dabei sind die Taliban eine vernachlässigbare Gefahr. Denn fast unbesiegbare, zusammengeflickte, sich lautlos nähernden Kreaturen, die sie „Stitches“ nennen, greifen sie an. Es sind – in einem gewissen Rahmen – Untote.

Ursprünglich wollte Garth Ennis aus der Idee einen Film machen. Er produzierte auch einen Kurzfilm (der Trailer sieht sehr amateurhaft aus). Aus dem Film wurde nichts und bei dem Comic, nüchtern gezeichnet von Mike Wolfer, wissen wir schnell, warum. Denn diese Geschichte hätte, adäquat verfilmt, auch als nicht jugendfreier Film gewaltige Probleme mit der Zensur. Die Geschichte selbst ist ein spannender Mix aus Abenteuer- und Horrorgeschichte, in der eine Gruppe Soldaten im Feindesland gegen einen gefährlichen Feind kämpfen muss.

Weniger spannend, aber deutlich witziger ist „Dicks“ über die beiden Möchtegern-Privatdetektive Dougie und Ivor, die 1991 in Belfast beschließen, eine Detektei zu eröffnen, weil sie für keinen anderen Job die nötigen Voraussetzungen haben und sie die Arbeit nur als ein Sprungbrett für pubertäre Sex- und Sauf-Abenteuer sehen. Sie wollen überhaupt nicht ernsthaft als Detektive arbeiten und sie tun es auch nicht. Denn bei einem ihrer Abenteuer wird Eve, die Schlange von Onkel Shuggie überfahren. Als Onkel Shuggie das erfährt, hat der Schnapsbrenner einen Herzanfall und der Abnehmer für eine Ladung Poteen, ein affektierter und skrupelloser Typ aus Ballymena, will den bestellten, aber noch nicht gebrannten Schnaps haben. Dougie und Ivor müssen ihn brennen, haben dummerweise das Rezept von Onkel Shuggies einzigartiger Mischung verschlampt und noch tausend andere Probleme mit der schwangeren Freundin, einem missgünstigem Schwiegervater, Schlägern, Gangstern und Soldaten.

Das ist herrlich respektlose Unterhaltung, die mich an Colin Batemans Dan-Starkey-Romane erinnert. Einige kennen vielleicht „Starkey“ (Divorcing Jack, 1998), die schwarzhumorige, leicht chaotische Verfilmung von seinem ersten Starkey-Roman „Eine Nonne war sie nicht“ (Divorcing Jack, 1994).

Denn auch „Dicks“ nimmt keine Rücksicht auf den guten Geschmack, Tabus und politische und religiöse Befindlichkeiten. Erfunden wurde die Serie über zwei Idioten aus Belfast von Garth Ennis und John McCrea bereits in den späten Achtzigern. Seitdem erzählten sie, mit mehr oder weniger großen Unterbrechungen, weitere Abenteuer der beiden Jungs. Immer garniert mit einer ordentlichen Portion vulgärem „FickDieHenne“-Pennälerhumor, geschrieben in einem Slang, der in der Übersetzung, eher wenig geglückt, oft zu einem Kunst-Bayerisch mutiert. Denn Belfaster Jungs sind doch eine andere Spielklasse.

Für Mitte Dezember sind die Folgebänder von „Dicks“ und „Stitched“ angekündigt.

Garth Ennis/Mike Wolfer: Stitched: Die lebenden Toten – Band 1

(übersetzt von Gerlinde Althoff)

Panini, 2013

180 Seiten

19,95 Euro

(Empfohlen ab 16 Jahre)

Originalausgabe

Stitched # 1 – 7

Avatar Press, 2011/2012

Garth Ennis/John McCrea: Dicks – Band 1

(übersetzt von Bluna Williams)

Panini, 2013

180 Seiten

16,95 Euro

(Empfohlen ab 18 Jahre)

Übersetzte Ausgabe

Dicks # 1 – 4

Avatar Press, 2013

Hinweise

Homepage zu „Stitched“

Wikipedia über Garth Ennis (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Garth Ennis/Will Simpson/Steve Dillons “Hellblazer – Gefährliche Laster” (Dangerous Habits, 1991)

Meine Besprechung von Garth Ennis (Autor)/Leandro Fernandez (Zeichner) „The Punisher – Garth Ennis Collection 7“ (Up is Down and Black is White, The Slavers, 2005/2006)

Meine Besprechung von Garth Ennis/Goran Parlov/Leandro Fernandezs “The Punisher – Garth-Ennis-Collection 8″ (Barracuda, Part 1 – 6 (Punisher [MAX] 31 – 36), Man of Stone, Part 1 – 6 (Punisher [MAX] 37 – 42), 2006/2007)

Meine Besprechung von Garth Ennis‘ „The Punisher – Garth-Ennis-Collection 9“ (Widowmaker, Part 1 – 7 [Punisher (MAX) Vol. 43 – 49], Long Cold Dark, Part 1 – 5 [Punisher (MAX) Vol 50 – 54], 2007/2008)

Meine Besprechung von Garth Ennis‘ „The Punisher – Garth-Ennis-Collection 10“ (Valley Forge, Valley Forge, Part 1 – 6 [Punisher (MAX) Vol. 55 – 60], 2008)

Meine Besprechung von Garth Ennis (Autor)/Adriano Batista/Marcos Marz/Kewber Baal (Zeichner) „Jennifer Blood – Selbst ist die Frau (Band 1)“ (Garth Ennis’ Jennifer Blood: A Woman’s Work is Never Done, 2012)


„Chew – Bulle mit Biss!“ geht mit „Space Kekse“ in die Halbzeit

September 30, 2013

Layman - Guillory - Chew 5 - Erste LigaLayman - Guillory - Chew 6 - Space Kekse

Das ist eine traurige Meldung, die durchaus erfreulich ist: John Layman will nach sechzig Heften „Chew -Bulle mit Biss!“ beenden. So kann er ruhig auf ein ordentliches Finale hinarbeiten. Immerhin markiert der jetzt erschienene sechste Sammelband damit das Ende der ersten Hälfte.

Der Held von „Chew“ ist Tony Chu, ein Cibopath. Also ein Mensch, der, wenn er etwas isst, sofort die gesamte Geschichte des Gegessenen erfährt. Bei Mordermittlungen ist das natürlich sehr sinnvoll, weil er mit einem Biss den Tathergang und den Mörder kennt. Zuletzt arbeitete er bei der FDA, der mächtigsten Behörde der Welt. Die Lebensmittelbehörde wurde dazu, um eine Geflügelprohibition zu überwachen.

Am Anfang von „Erste Liga“, dem fünften „Chew“-Sammelband wird er, unter den Jubelschreien seines arschlochigen Chefs, in das Ordnungs- und Verkehrsdezernat der städtischen Polizei, einer der ohnmächtigsten Exekutivbehörden der Welt, versetzt. Und während er vorher mächtige Männer, die illegal Fleisch aßen, verhaftete, lachen jetzt jugendliche Parksünder über ihn. Falls sie ihn überhaupt beachten.

Währenddessen wird Tonys Tochter Olive von seinem alten Partner und Mentor Mason Savoy entführt. Savoy will die Wahrheit über das Vogelgrippevirus herausfinden, das weltweit Millionen tötete und zur Geflügelprohibition führte. Olive soll ihm, wenn sie die Talente von ihrem Vater geerbt hat, dabei helfen.

Und dann wird auch Tony entführt. Aber aus einem ganz anderen Grund.

Im sechsten Band „Space Kekse“ hat dann, während Tony Chu schwerverletzt im Krankenhaus liegt, seine Schwester Toni die Hauptrolle. Sie ist nicht nur nervig (wie eigentlich alle Charaktere in „Chew“ mindestens eine Eigenschaft haben, die sie – zu unserem Vergnügen – zu gesellschaftlichen Außenseitern macht), sondern auch Cibovoyante. Sie kann daher die Zukunft von fast allem sehen, was sie isst. Jedenfalls solange es lebendig ist. Bei der Arbeit ist das egal, bei Liebesbeziehungen nie. Denn wenn sie ihren Liebhaber beißt, um herauszufinden, ob sie ihre Beziehung vertiefen sollen, dann ist die Beziehung vorüber.

Sie arbeitet bei der NASA, die – wir erinnern uns – nachdem am Himmel eine riesige Botschaft auftauchte und mehrere Monate stehen bliebt, zur mächtigsten Exekutivbehörde der Welt wurde.

Und jetzt stoßen ihr einige seltsame Dinge zu.

Wie schon in den vorherigen „Chew“-Sammelbänden sind die, herrlich satirisch überspitzt von Rob Guillory gezeichneten, Geschichten voll von absurdem Humor und abgedrehten Ideen. Das beginnt mit den besonderen Fähigkeiten der verschiedenen Charaktere und endet bei dem Kampfhahn Poyo, der in „Space Kekse“ als Geheimagent Poyo einen Auftritt hat, der auch zerstörungswütige Haudegen der „Expendables“-Schule zu Vorschul-Möchtegernschlägern degradiert.

John Layman/Rob Guillory: Chew – Bulle mit Biss!: Space Kekse (Band 6)

(übersetzt von Marc-Oliver Frisch)

Cross Cult, 2013

140 Seiten

16,80 Euro

Originalausgabe

Chew Vol. 6: Space Cakes

Image Comics, 2013

John Layman/Rob Guillory: Chew – Bulle mit Biss!: Erste Liga (Band 5)

(übersetzt von Marc-Oliver Frisch)

Cross Cult, 2012

128 Seiten

16,80 Euro

Originalausgabe

Chew Vol. 5: Major Legue Chew

Image Comics, 2012

Hinweise

Homepage von Chew/John Layman

Comicgate: Interview mit John Layman (5. März 2011)

Meine Besprechung von John Layman/Rob Guillorys „Chew – Bulle mit Biss: Leichenschmaus (Band 1)“ (Chew Vol. 1: Taster’s Choice, 2009)

Meine Besprechung von John Layman/Rob Guillorys „Chew – Bulle mit Biss: Reif für die Insel (Band 2)“ (Chew: International Flavor, 2010)

Meine Besprechung von John Layman/Rob Guillorys „Chew – Bulle mit Biss: Eiskalt serviert (Band 3)“ (Chew Vol. 3: Just Desserts, 2010)

Meine Besprechung von John Layman/Rob Guillorys „Chew – Bulle mit Biss!: Flambiert (Band 4)“ (Chew, Vol. 4: Flambé, 2011)


NRW-Ministerpräsident eine Woche vor der Wahl ermordet – Horst Eckert schaltet das „Schwarzlicht“ an

September 25, 2013

Nach „Schwarzer Schwan“ verließ Horst Eckert grafit, wo alle seine bisherigen Polizeiromane erschienen, und ist jetzt bei Wunderlich. Ansonsten veränderte sich wenig. Auch sein neuester Roman „Schwarzlicht“ spielt in Düsseldorf, es treten einige alte Bekannte auf und der Protagonist ist, wie in seinen vorherigen Krimis, ein uns bislang unbekannter Polizist: Vincent Veih, 43 Jahre, Kommissar, Mutter RAF-Terroristin, Vater unbekannt, Großvater Polizist, der während der Nazi-Zeit Kriegsverbrechen beging. Da haben wir das gesamte Elend der deutschen Geschichte, das allerdings für die „Schwarzlicht“-Geschichte nicht so wichtig ist.

Veih wird, nach dem freiwilligen Weggang von Ela Bach, zum kommissarischen Leiter des KK 11, der Mordkommission, ernannt und er hat seinen größten Fall: Walter Castorp, CDU-Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und ein Mash-Up der korrupten CDU-Politiker der letzten Jahre, wird eine Woche vor der Landtagswahl von einer Putzfrau ertrunken in einem Schwimmbad gefunden. Castorp war in einen Politskandal über die heimliche Überwachung der Opposition verwickelt und die letzten Tage untergetaucht. Er war mit seiner persönlichen Referentin Carmen Markowitz in Zürich und kam mit zwei schweren Aktenkoffern, die verschwunden sind, zurück. Außerdem ertrank er nicht in seinem eigenen Swimmingpool, sondern in dem von Hartmut Osterkamp, einem Großinvestor, auf dessen neuester Großbaustelle bei einem Brand drei ukrainische Arbeiter starben.

Schnell stellt sich heraus, dass Castorp ermordet wurde.

Schwarzlicht“ bewegt sich, wie die vorherigen Polit-Thriller von Horst Eckert, nah an der Wirklichkeit und transformiert die Schlagzeilen und Polit-Skandale der vergangenen Monate und Jahre in einen spannenden, schnörkellos erzählten Thriller. Das ist für langjährige Eckert-Fans nichts Neues und bewegt sich auf bekannt hohem Niveau.

Aber während Eckert in seinen vorherigen Romanen zwischen mehreren Erzählsträngen jonglierte, konzentriert er sich in „Schwarzlicht“ auf Vincent Veih und erzählt die Geschichte aus seiner Perspektive. Und, nach all dem Polit-Wirrwarr, immerhin wollen Regierung und Opposition Veih für sich gewinnen, Osterkamp macht ihm ebenfalls ein verlockendes Angebot, kommt die Lösung in dem Whodunit-artigen Roman etwas plötzlich. Auch weil die Spuren in andere Richtungen deuteten.

Davon abgesehen ist „Schwarzlicht“ ein echter Pageturner, der seine Geschichte in einer angenehmen Länge straff erzählt. Da ist kein Wort zu viel, und es gibt auch keine länglichen Passagen, die man am liebsten überblättern würde.

Eckert - Schwarzlicht

Horst Eckert: Schwarzlicht

Wunderlich, 2013

384 Seiten

19,95 Euro

Hinweise

Homepage von Horst Eckert

Meine Besprechung von Horst Eckerts “Sprengkraft”

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Königsallee“

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Der Absprung“

Meine Besprechung von Horst Eckerts „617 Grad Celsius“

Kriminalakte: Interview mit Horst Eckert über „Sprengkraft“

Meine Besprechung von „Niederrhein-Blues und andere Geschichten“

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Schwarzer Schwan“

Horst Eckert über „Schwarzlicht“


Frank Göhre begibt sich auf die „Geile Meile“

September 25, 2013

Göhre - Geile Meile

Für langjährige Frank-Göhre-Fans enthält „Geile Meile“, außer dem Essay „Es war einmal St. Pauli“ und der dreiseitigen Nachbemerkung, nichts neues. Nach „Die Kiez-Trilogie“, der seine Romane „Der Schrei des Schmetterlings“ (1986), „Der Tod des Samurai“ (1989) und „Der Tanz des Skorpions“ (1991) über die Organisierte Kriminalität in Hamburg, vor allem in St. Pauli, enthält und die als düstere, semidokumentarische Noirs das Kernstück des Frank-Göhre-Kults sind, sind in „Geile Meile“ zwei Romane, zwei Novellen und das eben erwähnte Essay enthalten.

Es sind der unmittelbar nach den drei St.-Pauli-Romanen entstanden „Short Cuts“-ähnlichen Roman „St. Pauli Nacht“, in dem Göhre anhand mehrerer vollkommen unterschiedlicher Menschen, die sich höchstens zufällig begegnen, in knappen Szenen von einer normalen Nacht auf der Vergnügungsmeile erzählt. Sönke Wortmann verfilmte das Buch mit Starbesetzung durchaus gelungen.

Zappas letzter Hit“ führt zehn Jahre nach den Ereignissen von „Der Tanz des Skorpions“ die Geschichte der damals wichtigen und überlebenden Protagonisten fort, bildet einen Epilog zur Kiez-Trilogie und ist auch ein Abgesang auf ein St. Pauli, das es nicht mehr gibt. Außerdem porträtiert der Roman die Hamburger Stadtpolitik vor über einem Jahrzehnt und kann daher inzwischen schon als historischer Roman gelesen werden.

Rentner in Rot“ und „Der letzte Freier“ sind zwei Novellen, in denen Hauptkommissar Jörg Fedder, den wir unter anderem aus den Kiez-Romane kennen, auf Mördersuche geht. Einmal wurde eine Rentnerin ermordet, einmal eine Prostituierte.

Es war einmal St. Pauli“ ist ein 24-seitiges Essay in dem Frank Göhre sich mit den Spielfilmen „Polizeirevier Davidwache“ (1964), „Der Engel von St. Pauli“ (1969) und „Zinksärge für die Goldjungen“ (1973) von Jürgen Roland und den zahlreichen Verbindungen zwischen den Filmen und der Realität beschäftigt.

Für Noch-nicht-Frank-Göhre-Fans ist „Geile Meile“, die Ideen und Themen der Kiez-Trilogie fortführt, natürlich ein guter Einstieg in sein Werk, das inzwischen fast vollständig bei Pendragon vorliegt. Wobei ich „Zappas letzter Hit“ erst nach der Kiez-Trilogie lesen würde.

Frank Göhre: Geile Meile

Pendragon, 2013

512 Seiten

14,99 Euro

enthält

Zappas letzter Hit

Pendragon, 2006

St. Pauli Nacht

rororo, 1993

(danach mehrere, teilweise bearbeitete Neuveröffentlichungen mit unterschiedlichem Bonusmaterial)

Rentner in Rot

Schwarze Hefte, Band 1, 1999

(Nachdruck in „St. Pauli Nacht“, Pendragon 2007)

Der letzte Freier

Edition Nautilus (Kaliber .64), 2006

Es war einmal in St. Pauli

Erstveröffentlichung

Hinweise

Homepage von Frank Göhre

Meine Besprechung von Frank Göhres „Der letzte Freier“ (2006)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Zappas letzter Hit“ (2006)

Meine Besprechung von Frank Göhres „St. Pauli Nacht“ (2007, überarbeitete Neuausgabe)

Meine Besprechung von Frank Göhres „MO – Der Lebensroman des Friedrich Glauser“ (2008)

Meine Besprechung von Frank Göhres „An einem heißen Sommertag“ (2008)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Abwärts“ (2009, Neuausgabe)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Seelenlandschaften – Annäherungen, Rückblicke“ (2009)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Der Auserwählte“ (2010)

Meine Besprechung von Frank Göhres “Die Kiez-Trilogie” (2011)

Meine Besprechung von Frank Göhres „I and I – Stories und Reportagen“ (2012)

Frank Göhre in der Kriminalakte


Donald Ray Pollock liest aus „Knockemstiff“ und „Das Handwerk des Teufels“ vor

September 18, 2013

 

Wahrscheinlich ist Donald Ray Pollock ein absolut angenehmer Zeitgenosse, der nichts mit den in seinen Geschichten geschilderten Charakteren gemein hat. Denn diese sind nicht besonders angenehme Zeitgenossen: Mörder, Schläger, Drogensüchtige und oft auch noch geistig minderbemittelt, übergewichtig und, auch wenn sie erst Zwanzig sind, vom Leben mehr gezeichnet als manche Vierzigjährige. Also Menschen, um die man im normalen Leben einen möglichst großen Bogen macht und man, nach einer Begegnung mit ihnen, egal wie verkorkst das eigene Leben ist, sich besser fühlt, weil es einem ja doch nicht so schlecht geht.

Seine Geschichten spielen in Ohio, meisten in und um den Ort Knockemstiff, den es wirklich gibt, in dem Pollock am 23. Dezember 1954 geboren wurde und der heute eine Geisterstadt ist. In Pollocks Geschichten, die oft nur rudimentär datiert sind, gibt es ihn noch. Aber die Realität ist auch eine schöne Spiegelung der Fiktion, in der Knockemstiff zu einem mythologischen Ort wird, in dem der amerikanische Traum nie geträumt wurde. Außerdem bewegen Pollocks Charaktere sich wie Geister durch die Welt. Teils weil sie auf Drogen sind. Teils weil sie von anderen Menschen nicht wahrgenommen werden wollen oder einfach übersehen werden.

In seinem Debütroman „Das Handwerk des Teufels“ schreibt er über ein Killerpärchen, das in den Sechzigern während ihrer Urlaube Tramper ermordet. Über einen jähzornigem Jungen, der den Tod seiner Mutter in einer Art religiösen Wahn erlebt, danach bei liebevollen Pflegeeltern großgezogen wird und der Konflikte am Liebsten mit seiner Faust löst. Auch als seine Quasi-Schwester von einem Pfarrer geschwängert wird. Über zwei seltsame Reisende mit einer religiösen Variete-Show, die sich das finanzielle Grundkapital dafür besorgten, indem sie die Ehefrau des einen ermordeten. Da wird ein korrupter Sheriff schon fast zum Sympathieträger und für alle ist Mord ein einfaches Mittel, um Probleme zu lösen oder einfach seinen Spaß zu haben.

Der Roman ist eigentlich eine Sammlung von miteinander verbundenen Kurzgeschichten und Episoden, die zwischen dem Ende des zweiten Weltkriegs und dem Ende der sechziger Jahre, als die Gegenkultur auch im ländlichen Ohio ankam, spielt. Denn Pollock springt zwischen den verschiedenen Handlungssträngen hin und her, die nur durch den Handlungsort Knockemstiff miteinander verbunden sind und verbindet sie am Ende eher gewollt miteinander. Als traditioneller Kriminalroman ist „Das Handwerk des Teufels“, trotz dem Deutschen Krimipreis, enttäuschend. Als Noir, als dunkle Vision des Menschseins ist das gelungen.

In seiner ersten Buchveröffentlichung „Knockemstiff“, einer Sammlung von achtzehn Kurzgeschichten, die zwischen den Sechzigern und der Jahrtausendwende spielen, erzählt er Geschichten aus Knockemstiff, das hier deutlich als Metapher für eine Gesellschaft am Ende steht und man den Eindruck hat, dass es überall besser als in Knockemstiff ist. Trotzdem will keiner von Donald Ray Pollocks Charakteren Knockemstiff verlassen. Vielleicht weil sie, obwohl allesamt keine Geistesgrößen, wissen, dass Knockemstiff überall ist und sie nicht vor sich selbst flüchten können.

Pollock - Knockemstiff - 2

Donald Ray Pollock: Knockemstiff

(übersetzt von Peter Torberg)

Liebeskind, 2013

256 Seiten

18,90 Euro

Originalausgabe

Knockemstiff

Doubleday, 2008

Pollock - Das Handwerk des Teufels - Liebeskind - 2Pollock - Das Handwerk des Teufels - Heyne Hardcore - 2

Donald Ray Pollock: Das Handwerk des Teufels

(übersetzt von Peter Torberg)

Liebeskind, 2012

304 Seiten

19,80 Euro

Taschenbuch

Heyne, 2013

9,99 Euro

Originalausgabe

The Devil all the Time

Doubleday, 2011

Die Lesereise durch Deutschland

Mittwoch, 18. September, 20.30 Uhr

Buchhandlung Lehmkuhl (Leopoldstraße 45, 80802 München)

Donnerstag, 19. September, 20.00 Uhr

Harbourfront Hamburg – Stückgutfrachter MS Bleichen (Australiastraße, Hansahafen/Bremerkai, 20457 Hamburg – das klingt doch nach einem ungewöhnlichem Ort)

Freitag, 20. September, 20.00 Uhr

English Theatre Berlin (Fidicinstraße 40, 10965 Berlin, in Kooperation mit der Krimibuchhandlung Hammett)

Hinweise

Homepage von Donald Ray Pollock

Krimi-Couch über Donald Ray Pollock

Perlentaucher über Donald Ray Pollock

Wikipedia über Donald Ray Pollock (deutsch, englisch)

Die Presse: Teresa Schaur-Wünsch porträtiert Donald Ray Pollock (16. September 2013)

Der Standard: Christian Schachinger porträtiert Donald Ray Pollock (19. September 2013)

 

 


Endlich übersetzt: „Ich töte lieber sanft“ von George V. Higgins

September 18, 2013

Higgins - Ich töte lieber sanft

Als vor einem guten Jahr „Killing them softly“ von Andrew Dominik mit Brad Pitt und dem kürzlich verstorbenen James Gandolfini in unseren Kinos anlief, hatte ich eigentlich mit einer Veröffentlichung der Vorlage, dem Gangsterkrimi „Cogan’s Trade“ gerechnet. Aber die erschien, obwohl Hoffman & Campe 1973 George V. Higgins‘ Debütroman und Goldmann in den Neunzigern einige Bücher des produktiven Schriftstellers veröffentlichte, erst jetzt auf Deutsch.

In dem Roman wird Troubleshooter Jackie Cogan von der Bostoner Mafia beauftragt, herauszufinden, wer eine illegale Pokerrunde überfallen hat. Schnell verdächtigt er zwei nicht besonders intelligente Kleingangster. Aber er will auch Mark Trattman, dem Organisator der Pokerrunde, einen Denkzettel verpassen. Denn der hatte in der Vergangenheit einen Überfall auf seine Pokerrunde inszeniert, später damit geprahlt und damals keine Quittung für sein Fehlverhalten bekommen.

Ich töte lieber sanft“ erschien in den USA bereits 1974 und George V. Higgins, der mit seinem ersten Roman „Die Freunde von Eddie Coyle/Hübscher Abend bis jetzt“ (The Friends of Eddie Coyle, 1971) einen Kriminalromanklassiker, Unterabteilung Gangsterkrimi, schuf, weil er ein ungeschöntes Bild des Kleingangstertums zeichnete und die Dialoge sich wie Abhörprotokolle lasen. Dieses Ohr für den Slang der Verbrecher hatte er vorher als Anwalt und Staatsanwalt in Boston geschärft. Das war eine Sprechweise, die teilweise auch von US-Amerikanern kaum verstanden wurde und es den Übersetzern nicht leicht macht. Außerdem entfaltet sich die Geschichte nicht in den Taten der Verbrecher, sondern in ihren Gesprächen darüber.

Auch Higgins’ dritter Roman „Ich töte lieber sanft“ besteht fast nur aus Dialogen. Über Seiten reden die Gangster ohne Punkt und Komma. Die Gespräche kreisen oft, mit Wiederholungen, um sich selbst. Oft ist lange Zeit nicht klar, wo das Gespräch hinführen soll. Gerade das macht den Roman einerseits mühsam zu lesen (Oh man, warum geht die Story nicht im Richard-Stark-Tempo weiter?), aber auch faszinierend (Uh, das ist die Wirklichkeit.). Higgins’ erste Romane, vor allem sein Debüt, wurde von der Kritik abgefeiert und auch heute noch zählt er zu den Innovatoren des Genres, die von angloamerikanischen Krimifans geachtet werden. Der kürzlich verstorbene Elmore Leonard änderte danach seinen Schreibstil und er wurde nicht müde, Higgins’ stilistischen Einfluss auf sein Werk zu betonen. Quentin Tarantinos Endlosdialoge sind ebenfalls von Higgins beeinflusst.

Und mit der Übersetzung von „Cogan’s Trade“ als „Ich töte lieber sanft“ wird vielleicht eine kleine Wiederentdeckung von George V. Higgins bei uns eingeleitet.

Denn der Verlag Antje Kunstmann plant weitere Übersetzungen. Für Januar ist „Die Freunde von Eddie Coyle“ angekündigt. Ebenfalls übersetzt von Dirk van Gunsteren.

George V. Higgins: Ich töte lieber sanft

(übersetzt von Dirk van Gunsteren)

Verlag Antje Kunstmann, 2013

240 Seiten

14,95 Euro

Originalausgabe

Cogan’s Trade

Alfred A. Knopf, 1974

Neuausgabe, zum Filmstart, als „Killing them softly“

Verfilmung

Killing them softly (Killing them softly, USA 2012)

Regie: Andrew Dominik

Drehbuch: Andrew Dominik

LV: George V. Higgins: Cogan’s Trade, 1974 (Neuauflage als „Killing them softly“, keine deutsche Übersetzung)

mit Brad Pitt, James Gandolfini, Ray Liotta, Richard Jenkins, Scoot McNairy, Ben Mendelsohn, Vincent Curatola, Trevor Long, Max Casella, Sam Shepard

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Fantastic Fiction über George V. Higgins

Krimi-Couch über George V. Higgins

Wikipedia über George V. Higgins (deutsch, englisch)

New York Times über George V. Higgins

Mulholland Books: Brian Greene über George V. Higgins

Elmore Leonard über George V. Higgins

Weekly Lizard: Justin Peacock über George V. Higgins und das Must-Read-Book “The Friends of Eddie Coyle”

National Post: Robert Fulford über George V. Higgins

Meine Besprechung von Andrew Dominiks „Killing them softly“ (Killing the softly, USA 2012)


Ist Hubert „Täuscher“ in Andrea Maria Schenkels neuem Roman ein Mörder?

August 28, 2013

Schenkel - Täuscher - 2

Mit 240 Seiten ist der neue Roman von Andrea Maria Schenkel überraschend lang geraten. Denn ihre vorherigen Bücher „Tannöd“, „Kalteis“, „Bunker“ und „Finsterau“ konnten wirklich bequem in einem Rutsch gelesen werden.

Weniger überraschend ist, dass sie sich wieder einen historischen Fall als Inspiration genommen hat und den in Zeitungen und Protokollen dokumentierten Fakten – so staubtrocken liest es sich immer wieder – mehr oder weniger akkurat folgt.

1922 wurden in Landshut die 32-jährige Clara Ganslmeier und ihre 77-jährige Mutter Elsa (sieht, auch für heutige Verhältnisse, nach einer extrem späten Geburt aus) bestialisch ermordet. Die Polizei findet schnell den mutmaßlichen Täter: Hubert Täuscher, den Verlobten von Clara, der als Bürstenfabrikantensohn nur Flausen im Kopf hat und an ständiger Geldnot leidet. Er soll sie aus Habgier ermordet haben und den Schmuck an Luck Schinder, einen Freund mit verbrecherischer Vergangenheit, verscherbelt haben.

So weit, so konventionell. Weil Schenkel, wie immer in ihren Bücher, munter in der Chronologie und zwischen verschiedenen „Handlungssträngen“ (eher Handlungssplitter) hin- und herspringt, ist einerseits die Lösung, also der Ablauf des Doppelmordes und der Mörder, ziemlich schnell klar, andererseits bleibt eine milde Grundspannung, weil es ja doch nicht so einfach sein kann und man einen guten Teil der Lesezeit damit verbringt, die Ereignisse chronologisch zu ordnen.

Denn Schenkel benutzt diese Zeitsprünge als ein willkürliches Mittel, um von der Dürftigkeit ihrer Geschichte abzulenken.

Dabei können Zeitsprünge und Perspektivenwechsel gute erzählerische Mittel sein, um den Lesern und Zuschauern in dem Moment, in dem sie angewandt werden, für den Fortgang der Geschichte wichtige Informationen zu geben oder um die Spannung zu steigern.

In „Täuscher“ führen sie zur Distanz. Auch weil Schenkel meistens in einer biederen Beamtenprosa, die direkt aus Gerichtsdokumenten und schlechten Zeitungsreportagen stammt, schreibt und damit alle Charaktere papierne Erfüllungsgehilfen einer unklaren These bleiben.

Es langweilt, weil kaum etwas wirklich wichtiges für den Fortgang der Geschichte geschieht und vieles ohne großen Erkenntnisgewinn, aber aus verschiedenen Perspektiven, immer wieder wiederholt wird.

Und gerade Hubert Täuscher bleibt als verstockter Angeklagter, der bis nach der Urteilsverkündung wie ein auf frischer Tat ertappter Bengel seine Unschuld beteuert, ein Rätsel. Danach erklärt er zwar sein Verhalten und die wahren Hintergründe, die für halbwegs geübte Leser von Anfang an offensichtlich waren, und unser lange gehegter Verdacht, dass sogar ein kreuzdämlicher Trottel gegenüber Hubert Täuscher eine Intelligenzbestie ist, bewahrheitet sich. Der Mann hat seine Strafe wirklich verdient.

Wer historische Kriminalromane, die in Deutschland spielen, lesen will, sollte sich stattdessen die Bücher von Robert Brack und Robert Hültner, die in ihren gut geschriebenen Romanen spannend, informativ und glaubwürdig Fakten mit Fiktion mischen, ansehen. Ihre Romane haben all das, was „Täuscher“ fehlt.

Andrea Maria Schenkel: Täuscher

Hoffmann und Campe, 2013

240 Seiten

18,99 Euro

Hinweise

Homepage von Andrea Maria Schenkel

Meine Besprechung von Andrea Maria Schenkels „Kalteis“ (2007)

Meine Besprechung von Andrea Maria Schenkels “Bunker” (2009)

Meine Besprechung von Andrea Maria Schenkels „Finsterau“ (2012)

Andrea Maria Schenkel in der Kriminalakte


Neu Kino/Buch- und Filmkritik: Bäh, „Feuchtgebiete“ gibt es jetzt auch im Kino

August 22, 2013

Als „Feuchtgebiete“ von Charlotte Roche vor fünf Jahren erschien, sich wie geschnitten Brot verkaufte und im Feuilleton eifrig diskutiert wurde, interessierte es mich weniger als der sprichwörtlich in China umfallende Sack Reis. Ein Skandalbuch über eine junge Frau, Masturbation und ihrem Verhältnis zu Flüssigkeiten und Ausscheidungen, garniert mit Spekulationen darüber, wie sehr die Ich-Erzählerin im Roman identisch mit der Autorin ist.

Gähn!

2,5 Millionen im deutschsprachigen Raum verkaufte Exemplare später ist jetzt die Verfilmung dieses Frauenbuches im Kino und beim Studieren der Credits fällt die starke männliche Beteiligung auf. Scheint also auch etwas für Männer zu sein. Peter Rommel produzierte. Er produzierte auch „Wolke 9“, „Sommer vorm Balkon“ und „Nachtgestalten“. Gute Filme. Claus Falkenberg und David Wnendt schrieben das Drehbuch. David Wnendt übernahm auch die Regie und, wie schon in seinem überschätzten Debüt „Kriegerin“, steht wieder eine Frau im Mittelpunkt. Vom Buch wurde das grobe Handlungsgerüst übernommen, etliche Szenen wurden stark erweitert oder innerhalb der Geschichte verschoben und es gibt auch viele neue Szenen. Weil in Roches Roman die Erzählerin, die 18-jährige Helen, nach einer missglückten Intimrasur im Krankenhaus liegt und sich wild durch ihr Leben fantasiert und ihre banalen Ansichten über Gott, die Welt, ihre Hämorrhoiden und ihre Muschi assoziativ ausbreitet, ist das nicht schlimm und das Buch und der Film haben ihre Stärken und Schwächen.

Wobei die Schwächen beide Male eindeutig überwiegen. So ist „Feuchtgebiete“ bestenfalls funktional in einem lockeren Plauderton irgendwo zwischen naseweis und nervig geschrieben. Erotisch oder lustvoll ist da nichts. Skandalös auch nicht. Tabubrechend – naja. Und warum dieses langweilige Buch – außer der Banalbegründung „Sex sells“ – ein Bestseller wurde, ist mir schleierhaft.

Aber immerhin ist eine Story – Scheidungskind Helen möchte, dass ihre Eltern wieder zusammenkommen und versucht das mit einem möglichst langen Krankenhausaufenthalt zu erreichen – erkennbar und wenn sie dann am Ende, ziemlich überraschend, mit ihrem Krankenpfleger Robin zusammen zieht, kann sogar ein Entwicklungsroman erkannt werden. Immerhin emanzipierte Helen sich im Krankenhaus, als sie über ihr bisheriges Leben nachdachte, von ihren Eltern. Aber das ist vielleicht auch eine Überinterpretation und Helen will einfach nur etwas Sex haben.

Im Film wird dagegen explizit mit dem Skandal gespielt. David Wnendt geht dabei – der Film ist freigegeben ab 16 Jahre – immer an die Grenzen des auch noch für Jugendliche zeigbaren und er bleibt immer geschmackvoll. Und David Wnendt hat viele Szenen dazu erfunden oder erweitert, die im Buch nur einige Zeilen lang sind. Wir erfahren, unter anderem, mehr über ihre Eltern, die beide vollkommen unfähig sind, Kinder zu erziehen, es gibt einen langen Drogentrip von Helen und ihrer Freundin Corinna, nachdem ihr Dealer eine Dose mit Drogen bei ihnen vergisst, es gibt die längere Version von Helens vulgärer Pizzageschichte und, ganz am Anfang als „Trainspotting“-Hommage, einen Besuch von Helen auf Berlins schmutzigster Toilette.

Aber die Episoden bleiben eine Ansammlung von Szenen, bei denen meistens unklar ist, ob sie wahr oder erfunden oder von Helen in ihrer Fantasie überspitzt wurden. Das schon in der Vorlage rudimentäre Handlungsgerüst wurde noch weiter entkernt. Die Versuche, ihre Eltern zusammenzuführen sind kaum vorhanden und dass sie das unbedingt will, wird im Film nicht erkennbar. Sowieso: warum wollen Scheidungskinder unbedingt, dass ihre Eltern wieder zusammen sind und, obwohl sie sich nicht mehr lieben, auf heile Familie machen? Die Liebesgeschichte zwischen Helen und ihrem Pfleger ist höchstens als Schwärmerei eines Teenagers erahnbar, aber meistens geht es einfach um Helen, die ihren Spaß haben will und daher auch Robin ab und zu etwas neckt. Er scheint sowieso der einzige Pfleger auf dieser ziemlich menschenleeren Station zu sein. So kommt dann das gemeinsame Ende mit ihm vollkommen überraschend. Aber vielleicht fährt er sie, als er sie allein vor dem Krankenhaus im Regen stehen sieht, nur zur nächsten U-Bahn-Station.

Sogar die große Enthüllung am Ende des Films (sie hat als Achtjährige gesehen, wie ihre Mutter sich und ihren jüngeren Bruder vergasen wollte), die in einem konventionell erzähltem Film dazu dienen würde, ihre ach so verkorkste Psyche zu erklären und sie geläutert in eine bessere Zukunft entlassen würde, bleibt folgenlos. Im Buch wird dieses große Familiengeheimnis bereits auf Seite 61 (also am Anfang des zweiten Romanviertels) nebenbei enthüllt.

Zusammengehalten werden diese Episoden von der Erzählerin Helen, die fast während des gesamten Films erzählt, was wir gerade sehen oder auch nicht sehen können, weil sie gerade über – Na, Sie wissen schon – sinniert.

Aber die Szenen und das Voice-Over fügen sich nicht zu einem kohärentem Ganzen zusammen. Im Gegenteil. Sie widersprechen sich ständig gegenseitig. So sollen wir, zum Beispiel, glauben, dass Helen freiwillig bei ihrer Mutter bleibt, die sie sadistisch quält (so lässt sie sie auf den Betonboden fallen oder schneidet ihr im Schlaf die Wimpern ab), von einem Guru zum nächsten läuft und anscheinend als hygieneversessene Hausfrau und zweifache Mutter ziemlich sorgenfrei lebt. Helens Vater, der einerseits ein durchaus liebevoller, vermögender Vater mit unklarem Beruf, aber viel Freizeit und wechselnden Freundinnen ist, ist andererseits grotesk geistesabwesend. So schlägt er die Kofferraumtür seines Autos zu, klemmt dabei Helens Hand ein und reagiert überhaupt nicht auf ihre Schreie. Oder er cremt sie am Strand so nachlässig ein, dass sie danach den Sonnenbrand ihres Lebens hat. Sandburgbauen ist halt wichtiger. Billige Lacher ebenso.

Karikaturen sind diese Eltern, wie eigentlich alle Charaktere in „Feuchtgebiete“, sowieso, wobei man sich darüber unterhalten kann, ob sie Karikaturen aus Helens Sicht oder der Filmemacher sind und so kommen wir zu einem großen Problem des Films, der die Vorlage nicht blind-bieder bebildert: er hat keine erkennbare Haltung zur Geschichte. Er ordnet sein Material beliebig an und weil die einzelnen Erlebnisse und Fantasien von Helen folgenlos bleiben, könnten sie auch in irgendeiner anderen Reihenfolge als assoziativer Bilderbogen erzählt werden.

Das ist dann für einen zweistündigen Film, trotz großartiger Schauspieler und guter Inszenierung, zu wenig.

Feuchtgebiete - Plakat 4

Feuchtgebiete (Deutschland 2013)

Regie: David Wnendt

Drehbuch: Claus Falkenberg, David Wnendt

LV: Charlotte Roche: Feuchtgebiete, 2008

mit Carla Juri, Christoph Letkowski, Meret Becker, Axel Milberg, Marlen Kruse, Peri Baumeister, Edgar Selge, Harry Baer

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage (in der schönen Filmausgabe mit 27 Bildern und einem 22-seitigen Interview mit Charlotte Roche, David Wnendt und Peter Rommel)

Roche - Feuchtgebiete

Charlotte Roche: Feuchtgebiete

Dumont, 2013

240 Seiten

12 Euro

Erstausgabe

Dumont, 2008

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Feuchtgebiete“

Moviepilot über „Feuchtgebiete“

Wikipedia über „Feuchtgebiete“ (Roman, Film)

Meine Besprechung von David Wnendts „Kriegerin“ (D 2011)

Perlentaucher über „Feuchtgebiete“


Weil für Gordon Ferris „Mord ist nur ein Spiel“ ist, gewährt er eine „Galgenfrist für einen Toten“

August 21, 2013

 

Ferris - Mord ist nur ein Spiel - 2Ferris - Galgenfrist für einen Toten - 2

Auf der Insel wird der Schotte Gordon Ferris mit Ian Rankin verglichen. Das ist ein billiger Vergleich, weil ungefähr jeder zweite Kriminalromanautor mit dem bekannt-beliebten Ian Rankin verglichen wird, genauso wie derzeit jeder Fantasy-Autor einen J.-K.-Rowling-Vergleich und jeder Horror-Schriftsteller einen Stephen-King-Vergleich ertragen muss. Einerseits ist der Vergleich in diesem Fall ziemlich treffend, weil die Romane von Gordon Ferris sich in England seit Jahren gut verkaufen. Von seinem Privatdetektivroman „Galgenfrist für einen Toten“ wurden bei Amazon bis November 2012 170.000 E-Books und in den sechs Monaten vor der regulären Buchpublikation 200.000 E-Books verkauft. Er ist dieses Jahr für den Dagger in the Library von der CWA nominiert. Der Preis würdigt Autoren, die den Benutzern von Bibliotheken, vulgo den Lesern, am Besten gefielen. Außerdem laufen beide Autoren unter dem Label „Tartan Noir“, unter dem Noirs, die in Schottland spielen, verkauft werden.

Andererseits ist der Vergleich Mumpitz. Denn Ian Rankins Romane spielen in der Gegenwart, oft spricht Rankin in seinen Romanen Ereignisse, die gerade die Schlagzeilen beherrschen und die Bevölkerung von Edinburgh bewegen, direkt an und Inspector John Rebus, sein bekanntester Charakter, ist ein Polizist.

Die Romane von Gordon Ferris spielen unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und seine Protagonisten sind noch traumatisiert vom Krieg. Außerdem sind seine beiden Seriencharaktere Danny McRae und Douglas Brodie Privatdetektive. Wobei Brodie ein Journalist ist, der in „Galgenfrist für einen Toten“ in Glasgow der Verteidigerin Samantha Campbell (abgekürzt Sam) helfen soll, Beweise für die Unschuld des zum Tode verurteilten Hugh „Shug“ Donovan zu finden. Donovan hat seine Anwältin ausdrücklich darum gebeten, dass sein Jugendfreund, mit dem er sich vor siebzehn Jahren wegen Fiona zerstritt, diese Beweise finden soll. Donovan soll Fionas Sohn Rory und vier weitere Kinder ermordet haben. Die Beweise für seine Schuld sind allerdings zweifelhaft.

Galgenfrist für einen Toten“ ist der gelungene Auftakt von Gordon Ferris‘ zweiter Serie. In England erschien inzwischen der dritte, für den Ellis-Peters-Award nominierte Douglas-Brodie-Roman „Pilgrim Soul“.

Sein Debüt „Mord ist nur ein Spiel“, das bereits 2007 erschien und erst jetzt übersetzt wurde (und was eine weitere Gemeinsamkeit mit Ian Rankin ist: als die erste deutsche Übersetzung erschien, war Rankin in seiner Heimat bereits ein Bestsellerautor), spielt in London.

Dort hat Danny McRae eine Detektei eröffnet. Im Auftrag von Kate Graveney soll er herausfinden, ob sie den spurlos verschwundenen Major Philip Anthony Caldwell ermordet hat. Der ist McRaes ehemaliger Vorgesetzter vom Nachrichtendienst, den er wegen seiner Kriegserlebnisse sprechen möchte.

Gleichzeitig werden in London Prostituierte ermordet. McRae, der nach dem Krieg an periodischem Gedächtnisverlust leidet und der aus ihm unerklärlichen Gründen von der Mordserie fasziniert ist, glaubt, als Soldat in Frankreich während einer Geheimdienstoperation eine Widerstandskämpferin getötet zu haben. Er befürchtet, dass er der Prostituiertenmörder ist.

Eingefleischte Krimifans werden die Täter und die Hintergründe für die Morde in „Mord ist nur ein Spiel“ und „Galgenfrist für einen Toten“, auch wenn es einige Überraschungen gibt, schnell erahnen.

Trotzdem bleibt man dabei. Denn Ferris zeichnet ein lebendiges Bild der damaligen Zeit und es macht Spaß, seinem unprätentiösen, leicht melancholischen Erzähler – beide Romane sind als klassische Privatdetektivromane natürlich aus der Sicht des Detektivs geschrieben – zuzuhören.

Deshalb sollten Freunde von Privatdetektiv-Romanen, vor allem der US-Hardboiled-Schule à la Dashiell Hammett und Raymond Chandler, den Ferris öfter erwähnt, unbedingt zugreifen.

Gordon Ferris: Mord ist nur ein Spiel

(übersetzt von Manfred Sanders)

Festa, 2013

352 Seiten

13,95 Euro

Originalausgabe

Truth Dare Kill

Créme de la Crime, 2007

Gordon Ferris: Galgenfrist für einen Toten

(übersetzt von Usch Kiausch)

Festa, 2013

448 Seiten

13,95 Euro

Originalausgabe

The Hanging Shed

Atlantic Books, 2010

Hinweise

Homepage von Gordon Ferris

Shotsmag: Interview mit Gordon Ferris (2012)

The Scotsman: Interview mit Gordon Ferris über seine Douglas-Brodie-Serie (30. März 2013)