Mike lebt dauerbekifft und wunschlos glücklich mit seiner Freundin Phoebe in einer Kleinstadt. Das friedliche Leben endet, als eine Frau wirres Zeug zu ihm sagt und zwei Männer an seinem Auto herumfummeln. Mit der Hilfe von einem Kaffeebecher und einem Plastiklöffel bringt er sie um. Kurz darauf wimmelt es in der Kleinstadt von schießwütigen CIA-Agenten, die Mike aufgrund seiner Vergangenheit als gemeingefährliche Killermaschine umbringen wollen. Aber Mike hat nichts verlernt und einiges neues gelernt.
Zehn Jahre nach den Ereignissen von Pacific Rim (und fünf Jahre nach dem Spielfilm „Pacific Rim“) spielt „Pacific Rim: Uprising“. In „Pacific Rim“ wehrte die Menscheit einen letzten Angriff der Kaiju, Urviecher aus einer anderen Galaxis, erfolgreich ab. Jaeger-Marshal Stacker Pentecost, der die Jaeger-Piloten in die Schlacht führte, starb dabei.
Jetzt, im Jahr 2035, genießt sein Sohn Jake Pentecost (John Boyega) sein Leben zwischen Partys in mondänen, verlassenen, teilzerstörten Luxusvillen und kleinen Diebstählen, bevorzugt von verwertbaren Teilen aus an den Kampfplätzen zurückgelassenen Jaeger-Teilen. Er ist wie Han Solo; nur ohne Weltraumerfahrung, Raumschiff und Chewbacca.
Währenddessen trainieren die jungen Soldaten des Pan Pacific Defense Corps (PPDC) immer noch für einen möglichen weiteren Angriff der Kaiju.
In einem gesperrten Gebiet trifft Jake die fünfzehnjährige Amara (Cailee Spaeney), die dort ebenfalls auf Diebestour ist. Als sie erwischt werden, werden sie vor die Wahl gestellt: Gefängnis oder, für Jake, die Rückkehr zum PPDC, und, für Amara, die Teilnahme am Jaeger-Pilotenprogramm des PPDC. Sie, die in Heimarbeit bereits einen kleinen Jaeger gebaut hat, ist begeistert über ihren Zwangseinzug beim Militär.
Und dann begibt sich Steven S. DeKnight, der vorher Showrunner für die TV-Serien „Spartacus“ und „Daredevil“ war, in seinem Spielfilmdebüt in das Fahrwasser von „Top Gun“, garniert mit Kämpfen zwischen den verschiedenen bis zu 25 Stockwerke großen Jaeger-Modellen, die sehr fotogen japanische Millionenstädte zerstören.
Etwaige tiefergehende Fragen werden zwischen der Ausbildung der Kadetten im Moyulan Shatterdome, Angriffen von anderen Jaegern und etwas Streit um die Weiterentwicklung des Jaeger-Programms, noch nicht einmal angedacht.
Denn „Pacific Rim: Uprising“ ist, wie „Pacific Rim“, vor allem eine Liebeserklärung an den japanischen Science-Fiction-Film, als Godzilla und andere Monster im Wochentakt Millionenstädte zertrampelten. Auch da fragte niemand nach Logik und Wahrscheinlichkeit. Wegen der schlechten Spezialeffekte, schlechten Synchronisation und schlechten Schauspieler genoss man diese Monsterheuler als rundum kindisches Vergnügen an verregneten Samstagnachmittagen. Bei DeKnight sind dann die Effekte deutlich besser, die Schauspieler auch, die Dialoge zweckdienlich ohne den Zwölfjährigen in uns zu überfordern und die Logik wird immer noch höflich ignoriert.
Die Idee der Jaeger und ihrer Steuerung ist nämlich vollkommen bescheuert. Sie sind riesige roboterähnliche Blechrüstungen, die aufgrund ihrer Größe von zwei oder manchmal sogar drei Menschen gesteuert müssen, weil ein Mensch damit geistig überfordert ist. Diese Menschen sind mental miteianander verbunden, wissen daher alles (!) übereinander und haben so die nötige Gehirnmasse, um die Jaeger zu bewegen. Das war in den fünfziger Jahren vielleicht eine nette Fantasie für Kinder. Heute würde man andere Lösungen für das Problem finden, als zwei Steuermänner, die sich synchron bewegen müssen. Bei den Actionszenen läuft es dann sowieso auf zwei oder mehrere Roboter, die sich verprügeln, hinaus.
Erst am Ende von „Pacific Rim: Uprising“ tauchen die Kaiju, die etwas anders aussehen als in „Pacific Rim“, auf. Sie leiten einen epischen Schlusskampf ein, der am helllichten Tag in Japan zwischen einer Großstadt und einem Vulkan stattfindet. Diese lange Sequenz erfreut das Herz jedes Actionfilmfans, der bei den „Transformers“-Filmen an der kruden Story verzweifelte und bei den Actionszenen schnell jeden Überblick verlor. Beides wird ihm bei DeKnights Film nicht passieren. Er erzählt seine durchgängig nachvollziehbare und nacherzählbare Geschichte, die gerade in der ersten Hälfte aus viel letztendlich verzichtbarer Exposition besteht, in unter zwei Stunden. Die Actionszenen, die einen großen Teil des Films ausmachen, sind dabei immer nachvollziehbare und spielen tagsüber, was dazu führt, dass man das Geschehen wirklich sieht und nicht erahnt.
Letztendlich, und soll nicht verschwiegen werden, ist „Pacific Rim: Uprising“ militaristischer Murks, der junge Menschen an die Waffen führt. „Top Gun“ reloaded eben. Nur dieses Mal mit einem deutlich diverserem und jüngeren Cast, ohne Liebesgeschichte und folgerichtig ohne Schnulzen.
Pacific Rim: Uprising (Pacific Rim Uprising, USA 2018)
Regie: Steven S. DeKnight
Drehbuch: Steven S. DeKnight, Emily Carmichael, Kira Snyder, T. S. Nowlin (basierend auf Charakteren von Travis Beacham)
mit John Boyega, Scott Eastwood, Tian Jing, Cailee Spaeny, Rinko Kikuchi, Burn Gorman, Arja Ardona, Charlie Day, Karan Brar, Wesley Wong
Wie soll man mit Verlusten umgehen? Shana Feste zeigt das am Beispiel von Allan (Pierce Brosnan) und Grace (Susan Sarandon), die ihren 18-jährigen Sohn Bennett (Aaron Taylor-Johnson) durch einen Verkehrsunfall verlieren. Und an Bennetts Bruder (Johnny Simmons) und Bennetts schwangerer Freundin (Carey Mulligan).
Allein schon die Besetzung spricht für „Zeit der Trauer“.
„Bewegendes, präzise beobachtendes Familiendrama, das die emotionalen Befindlichkeiten seiner überzeugend gespielten Protagonisten auslotet und seelische Abgründe zeichnet.“ (Lexikon des internationalen Films)
Feste inszenierte danach „Country Strong“ und „Endless Love“.
mit Susan Sarandon, Pierce Brosnan, Carey Mulligan, Aaron Taylor-Johnson, Johnny Simmons, Jennifer Ehle, Zoë Kravitz, Michael Shannon
High Heels – Die Waffen einer Frau (Tacones Lejnanos, Spanien/Frankreich 1991)
Regie: Pedro Almodóvar
Drehbuch: Pedro Almodóvar
Ein alter, gewohnt vergnüglicher Almodóvar: Nach fünfzehn Jahren begegnen Mutter (erfolgreiche Sängerin) und Tochter (TV-Nachrichtensprecherin) sich wieder und kurz darauf ist der Mann der Tochter, der auch Ex-Liebhaber der Mutter ist, ermordet. Da kann nur ein Untersuchungsrichter, der auch Transvestit ist, helfen.
„Auch in seinem neuen Rührstück dominieren wieder die Frauen, notfalls mit Gewalt (…) Im Vergleich zu den bisherigen virtuosen Farcen sind die Charaktere in ‚High Heels‘ tiefgründiger und die Handlung komplizierter geworden.“ (Fischer Film Almanach 1993)
mit Victoria Abril, Marisa Paredes, Miguel Bosé, Pedro Diez de Corral, Feodor Atkine
Von der großen Leinwand, also der wirklich großen IMAX-Leinwand, hat sich der Mann mit dem Hammer jetzt auf den Weg auf die kleinen Bildschirme gemacht. Da wirken dann einige Kloppereien nicht mehr so groß wie im Kino, aber der Spaß bleibt.
Das Marvel-Studio hat nämlich Taika Waititi mit der Regie für „Thor – Tag der Entscheidung“ beauftragt und ihm bei diesem dritten „Thor“-Einzelabenteuer freie Hand gelassen. Waititi ist ein Neuseeländer, der mit Komödien bekannt wurde. Wie die Pseudo-Doku „5 Zimmer Küche Sarg (What we do in the Shadows, Neuseeland 2014) über eine Vampir-WG im heutigen Wellington (Neuseeland) und ihre alltäglichen Probleme zwischen Hausputz (studentisch), Essgewohnheiten (blutig) und Abendgestaltung (eher einsam). Das war eine herrlich abgedrehte schwarze Komödie für Halloween. „Thor – Tag der Entscheidung“ ist dann weniger schwarzhumorig geraten.
Als nach dem Tod ihres Vaters Odin (Anthony Hopkins) die Schwester der miteinander verfeindeten Halbbrüder Thor (Chris Hemsworth), der Edle, und Loki (Tom Hiddleston), der Schlawiner, auftaucht, gibt es gleich Ärger. Denn die Todesgöttin Hela (Cate Blanchett) ist ziemlich verärgert. Als Erstgeborene will sie die ihr zustehende Macht über Asgard haben. Sofort befördert sie ihre Brüder, die bislang nichts von ihr wussten, an das letzte Ende der Galaxis auf den Schrottplaneten Sakaar. Dort regiert der Grandmaster (Jeff Goldblum). Wie es sich für einen egozentrischen Herrscher mit Klatsche gehört, erfreut er mit eratischem Gehabe. Zum Ämusement des Volkes veranstaltet er Gladiatorenkämpfe. Bei dem nächsten Kampf soll Thor gegen das unbesiegbare grüne Monster kämpfen. Also, eigentlich soll er sich von ihm töten lassen. Als Thor in der Arena steht, erkennt er das Monster sofort: Es ist sein alter Freund Bruce Banner (Mark Ruffalo), der seit längerem als Hulk lebt und extrem – – – hulkig ist.
Und das ist erst der Anfang des neuesten Thor-Abenteuers.
Waititi erzählt seine Geschichte mit vielen Abweichungen und irrwitzigen Einfällen als durchgeknallte, herrlich respektlose Nummernrevue. Mit viel Slapstick in und zwischen den Kloppereien. Und viel Witz und Situationskomik zwischen den Kloppereien.
Thor, der als hammerschwingender Sohn von Odin mit Goldlocken, schon immer etwas lächerlich war, darf hier seinen Spruch „Ich bin Thor, Sohn von Odin“ ungefähr ein Dutzend Mal voller Inbrust und mit heiligem Ernst, als sei es ein tiefschürendes Shakespeare-Zitat, aufsagen. Die Angesprochenen sind von dieser Vorstellung wenig beeindruckt. Denn Thor ist ein Trottel. In einer Trottelgeschichte. Das ist in diesem Umfang eine vollkommen neue und sehr vergnügliche Dimension im Marvel Cinematic Universe.
Die Standard-DVD hat kein Bonusmaterial.
Derzeit läuft im Kino noch sehr erfolgreich das nächste Marvel-Einzelabenteuer „Black Panther“.
Am 26. April läuft „Avengers: Infinity War“ an. Der neue Trailer des über zweieinhalbstündigen Films mit über sechzig Hauptcharakteren, so heißt es infinitiv aus dem Hause Marvel, sieht so aus:
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Thor: Tag der Entscheidung (Thor: Ragnarok, USA 2018)
Regie: Taika Waititi
Drehbuch: Eric Pearson, Craig Kyle, Christopher L. Yost
LV: Charaktere von Stan Lee, Larry Lieber, Jack Kirby
mit Chris Hemsworth, Tom Hiddleston, Cate Blanchett, Idris Elba, Jeff Goldblum, Tessa Thompson, Karl Urban, Mark Ruffalo, Anthony Hopkins, Benedict Cumberbatch, Sam Neill, Stan Lee, Matt Damon (ungenannt)
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DVD
Marvel/Walt Disney Studios Home Entertainment
Bild: 2,39:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch, Türkisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch, Englisch für Hörgeschädigte, Türkisch
Äußerst unterhaltsame Satire über die gefälschten Hitlertagebücher, die der „stern“ 1983 begeistert aufkaufte und deren Echtheit das Magazin ewig betonte.
Dietl benutzt die Affäre „als Material für eine frivole Farce über die Anfälligkeit der Deutschen, Fakten zu verdrängen und neue Geschichtswahrheiten zu klittern; viele möchten heute noch Adolf Hitler entlastet sehen.“ (Fischer Film Almanach 1993)
Ich befürchte, dass der fünfundzwanzig Jahre alte Kassenknüller über eine noch länger zurückliegende Affäre heute immer noch aktuell ist.
Heute gibt es bei Tele 5 einen Helmut-Dietl-Abend: anschließend, um 22.25 Uhr, läuft „Rossini, oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief“ (Deutschland 1997) und um 00.45 Uhr „Late Show“ (Deutschland 1999).
mit Götz George, Uwe Ochsenknecht, Christiane Hörbiger, Rolf Hoppe, Dagmar Manzel, Veronica Ferres, Rosemarie Fendel, Karl Schönböck, Harald Juhnke, Ulrich Mühe, Martin Benrath, Georg Marischka, Hark Bohm, Wolfgang Menge
Der zwölfjährige Alyosha hat es nach der Schule nicht eilig. Er streift allein durch den grauen, riesigen Park. Es ist die trostlose Zeit zwischen Herbst und Winter, in der die Bäume keine Blätter mehr haben und der erste Schnee noch nicht gefallen ist. Zu Hause erwartet ihn nichts erfreuliches. Seine Eltern Zhenya und Boris sind gerade in der letzten Phase der Scheidung. Sie sind hoffnungslos miteinander zerstritten, haben neue Liebhaber und nur eine Sorge: Wohin mit Alyosha? Denn weder Zhenya noch Boris wollen ihn haben. Sie gehören außerdem zur gehobenen russischen Mittelschicht. Ihr Leben, ihr Habitus und ihre Probleme gleichen daher denen anderer in Großstädten lebender Mittelschichtler, die keine drängenden finanziellen Probleme und das neueste Mobiltelefon haben. Nur Boris ist etwas besorgt, weil er einen orthodoxen Chef hat. Die anstehende Scheidung könnte ihm berufliche Probleme bereiten.
Andrey Zvyagintsev, der Regisseur von „Die Rückkehr“ und „Leviathan“, erzählt in seinem neuen Film „Loveless“ vor allem die Geschichte eines zerstrittenen Ehepaares, das sich bei seinen neuen Partnern einrichtet. Boris bei der deutlich jüngeren, extrem liebesbedürftigen und von ihm schwangeren Frau. Zhenya bei einem vermögenden älteren Unternehmer. Da stört ein Kind aus erster Ehe nur. Vor allem, weil ihre Ehe nur ein Kompromoss mit einem ungewollten Kind war.
Das zeigt sich auch, als Alyosha kurz für der Filmmitte spurlos verschwindet. Er war, so Zhenya zu ihrem Mann am Telefon, am Vortag nicht in der Schule und sein Freund habe ihn seit zwei Tagen nicht gesehen. Aber anstatt jetzt sofort nach Hause zu eilen, will er erst noch weiter im Großraumbüro arbeiten.
Später informieren sie, auf Anraten des für ihren Fall zuständigen Polizisten, eine Freiwilligenorganisation, die verschwundene Kinder sucht. Während der namenlose Koordinator der Organisation die Suche mit einem heiligen Ernst und einem fast schon fanatischen Eifer betreibt und Alyoshas Eltern eher pflichtschuldig mithelfen, zeigt Zvyagintsev weitere, oft in langen Einstellungen gedrehte, immer bedrückende Szenen einer Ehe auf dem emotionalen Nullpunkt in einem kalten Moskau.
„Loveless“ ist ein kraftvoller, aber auch unendlich deprimierender und hoffnungsloser Film. Nur der Leiter des Suchtrupps hat eine Aufgabe. Er engagiert sich für andere. Auch wenn seine Suche erfolglos bleibt.
„Loveless“ hatte 2017 seine Premiere in Cannes. Er war für mehrere Europäische Filmpreise, unter anderem „Bester europäischer Film“, und den Oscar als bester ausländischer Film nominiert.
Täglich fahren hunderte Touristen über den Highway 192 nach Disney World. Vorbei an Dutzenden Billigmotels, in denen nicht andere Touristen, die ebenfalls Disney World besuchen wollen, übernachten, sondern Menschen leben, die durch das in den USA sehr dünne soziale Raster gefallen sind. Täglich bringen sie die 38 Dollar Miete für die nächste Nacht im „The Magic Castle Motel“ auf. Oder sie sind ein, zwei Nächte, bis sie wieder Geld haben, obdachlos. Wobei Motel-Manager Bobby (Willem Dafoe) ein Herz für seine Stammbewohnerinnen und ihre Kinder hat. Da dehnt er die Regeln ab und an etwas, während er den Laden in Schuss hält.
Im Mittelpunkt von Sean Bakers neuem Film „The Florida Project“ stehen dann einige der Motelbewohnerinnen, die sich mit Gelegenheitsjobs, Diebstählen, Verkauf von Hehlerware, Prostitution und Betteleien über Wasser halten, wenn sie sich nicht gerade am Swimming-Pool sonnen oder in einem Motelzimmer fern sehen. Sie sind zwar Mütter, aber selbst noch fast Kinder. Und Kindererziehung ist ein Fremdwort für sie. Das erledigt Bobby als Ersatzvater mit liebevoller Strenge.
Die meiste Zeit tun die sechsjährige Moonee (Brooklyn Kimberly Prince), ihr Freund Scooty (Christopher Rivera) und die neuen Freundin Jancey (Valeria Cotto), die wenige Meter weiter in einem anderen Motel wohnt, das, was Kinder tun: sie erkunden die Gegend, schnorren Eis, spielen, toben herum und nerven die Erwachsenen.
Baker stellt sie in den Mittelpunkt seines neuen Films. Er folgt ihnen auf Augenhöhe. Für Moonee, Scooty und Jancey ist die Gegend der Billigmotels, der abgewrackten Imbisse und Ruinen, die in Florida immer noch gut aussehen, und der nahe liegenden Sümpfe ihre Welt und ihr sommerlicher Abenteuerspielplatz. Hinter jeder Ecke kann ein neues Abenteuer lauern. Außerdem muss man Jancey ja alles mögliche im Motel und um das Motel herum zeigen. Und Jancey will Moonee ebenfalls ihre Welt zeigen.
Baker erzählt den Film durch die Augen der drei Kinder, die die Welt voller neugieriger Entdeckerfreude erkunden. Es ist auch der kindliche Blick, der aus „The Florida Project“ etwas Besonderes macht. Denn er kennt keine Vorurteile. Er verurteilt nicht. Er hat auch kein Bedauern mit den Erwachsenen und den Kindern. Er analysiert nicht. Er zeigt nur, wie Menschen, die durch das soziale Netz gefallen sind, überleben, während sie teils keine Hilfe haben wollen, teils keine Hilfe bekommen, weil sich niemand um sie kümmert. Und er zeigt auch die Probleme die sie haben und in welchem Teufelskreis sie stecken. Ohne etwas sozialpädagogisch zu erklären oder eine Disney-Lösung zu haben.
Sean Baker sieht sein Drama als moderne Version der Kleinen Strolche. „In diesen Comedy-Kurzfilmen, die Hal Roach in den Zwanziger- und Dreißigerjahren produzierte, ging es um Kinder, die während der Großen Depression in einer prekären Situation aufwachsen. Ihre ökonomische Situation war die Kulisse für die Filme – im Mittelpunkt standen aber die aberwitzigen und urkomischen Abenteuer, die die Kinder erlebten.“ (Sean Baker) Daneben orientierte Baker sich an europäischen Filmen mit Kindern, wie „Kes“ von Ken Loach, „Ponette“ von Jacques Doillon und die TV-Miniserie „Kindkind“ von Bruno Dumont. Er hätte auch noch „Jack“ von Edward Berger nennen können. Amerikanische Filme mit Kindern seien ihm oft zu künstlich. „Ich wollte die Kinder in meinem Film so agieren lassen, wie sie eben sind. Ihnen in langen Einstellungen zusehen und sie einfach Kinder sein lassen.“ (Sean Baker)
Ein Kinderfilm ist „The Florida Project“ trotzdem nicht. Es ist ein Film mit Kindern als Protagonisten, der episodisch, witzig, ernst, todtraurig und, trotz allem, mutmachend ist. Es ist auch ein Film über das heutige Amerika. Obwohl Sean Baker und sein Co-Drehbuchautor Chris Bergoch die ersten Ideen für den Film bereits 2011 hatten. In den folgenden Jahren unternahmen sie mehrere Recherchereisen nach Florida. Für den Film sahen sie sich dann auch nach Laiendarstellern um, die in den billigen Motels leben und die sich im Film mehr oder weniger selbst spielen.
The Florida Project(The Florida Project, USA 2017)
Regie: Sean Baker
Drehbuch: Sean Baker, Chris Bergoch
mit Brooklynn Kimberly Prince, Bria Vinaite, Willem Dafoe, Christopher Rivera, Caleb Landry Jones, Mela Murder, Karren Karagulian
Russland, 1953, zu Stalins Lebzeiten: der Geheimdienstler Leo Demidow wird in die tiefste Provinz verbannt. Dort stolpert er über einen Mordfall, der einem Mordfall in Moskau ähnelt. Soll es im Arbeiter- und Bauernstaat einen Serienmörder geben?
Letztendlich und gerade wegen der beteiligten Personen enttäuschende Verfilmung von Tom Rob Smiths mit mehreren Preisen ausgezeichnetem Thriller, die in Teilen besser (vor allem an Anfang) und in Teilen (vor allem am Ende) schlechter als der Roman ist. Dabei war ich von dem Roman auch nicht so wahnsinnig begeistert.
Killer stellen sich nicht vor (Trois hommes à abattre, Frankreich 1980)
Regie: Jacques Deray
Drehbuch: Jacques Deray, Christopher Frank
LV: Jean-Patrick Manchette: Trois hommes à abattre, 1976 (Killer stellen sich nicht vor/Westküstenblues)
Monsieur Emmerich läßt einige seiner Angestellten, die mit seiner Geschäftspolitik nicht einverstanden sind, aus dem Weg räumen. Als Spieler Gerfaut einen der schwer verletzten Angestellten an einer Straße entdeckt, bringt er ihn in ein Krankenhaus und setzt sich selbst – ohne sein Wissen – auf Emmerichs Todesliste. Gerfaut nimmt den Kampf auf.
Der Film mit hat nichts mit dem Buch zu tun. Naja, bis auf den Autounfall am Anfang.
Davon abgesehen: französischer Politthriller, der die Genreerwartungen gut bedient.
Mit Alain Delon, Dalila Di Lazzaro, Michel Auclair
Dr. Eric Price (Jason Clarke) ist 1906 in San Francisco ein Arzt, dem man ohne Not keine Operation und auch keine andere Aufgabe anvertrauen würde. Gerade das prädestiniert ihn aus offensichtlichen und weniger offensichtlichen Gründen für diese Aufgabe. Im Auftrag des Unternehmensvorstandes soll er Sarah Winchester (Helen Mirren) begutachten.
Seit dem Tod ihres Mannes William Winchester 1880 gehört der Witwe die Hälfte der Winchester Repeating Arms Company. Die Firma ist auch heute noch vor allem für das Winchester-Gewehr bekannt. Sie lebt in einem riesigen Haus, das sie seit Jahren Tag und Nacht immer wieder umbauen lässt und das inzwischen so verschachtelt ist, dass niemand mehr weiß, wo die verschiedenen Gänge hinführen. Das gleiche gilt für die Zimmer, die man teilweise nicht betreten kann. Das Haus ist ein einziges Escher-Labyrinth. Ihre exorbitant teueren Bauarbeiten rechtfertigt die Spritistin mit den Geistern der von Winchester-Waffen erschossenen Menschen, die hier von ihr mehr oder weniger lange eingesperrt werden. Das könnte man als den Spleen einer reichen Frau abtun, wenn sie nicht auch noch für die Finanzen des Unternehmens zuständig wäre. Die Firmenleitung würde die inzwischen ungefähr 75-jährige Spinnerin gerne von ihren Pflichten entbinden. Price soll mit seiner Begutachtung die dafür nötige Grundlage schaffen.
Ausgewählt wurde er allerdings nicht von seinem Auftraggeber, sondern von Sarah Winchester.
Kurz nachdem Price das malerisch gelengene Winchester-Anwesen betreten hat, gibt es seltsame Vorfälle und Erscheinen, bei denen unklar ist, ob Price, der gerade einen von Sarah Winchester verordneten kalten Drogenentzug durchmachen muss (sie duldet keine Drogen in ihrem Haus), halluziniert oder ob es wirklich die Geister der Ermordeten sind, die sich an ihrem Mörder, also in diesem Fall der Firma, die die Waffe für ihren Tod herstellte, rächen wollen.
„Winchester – Das Haus der Verdammten“ ist von dem realen Winchester-Anwesen inspiriert. Es liegt in San José, Kalifornien, und Sarah Winchester ließ es endlos umbauen. Die sich daraus entwickelnde Geschichte ist dann ein altmodischer Grusler, der überraschungsfrei und unblutig, mit den üblichen Schockmomenten, den vertrauten Pfaden folgt. „Winchester“ zeigt nichts, was nicht so auch schon vor dreißig, vierzig, fünfzig Jahren erzählt wurde.
Das ist, nachdem die Brüdern Michael und Peter Spierig mit „Daybreakers“ und „Predestination“ spannende und eigenständige Genrefilme inszenierten, dann doch zu wenig, um wirklich zu begeistern.
Das Winchester House, bzw. Winchester Mystery House, das während des San-Francisco-Erdbebens 1906 (der Film spielt in den Tagen vor dem Erdebeben) teilweise zerstört und teilweise wieder aufgebaut wurde, kann besichtigt werden. Wenn man wieder Urlaub in den USA macht.
Der Film wurde, abgesehen von drei Drehtagen im Originalhaus, in einem Studio in Melbourne gedreht.
Winchester – Das Haus der Verdammten (Winchester, USA 2018)
Regie: Michael Spierig, Peter Spierig (aka The Spierig Brothers)
Drehbuch: Michael Spierig, Peter Spierig, Tom Vaughan
mit Helen Mirren, Jason Clarke, Sarah Snook, Finn Scicluna-O’Prey, Eamon Farren, Angus Sampson, Tyler Coppin, Laura Brent
Nach mehreren Hollywood-Filmen, wie „Flightplan“, „R. E. D. – Älter Härter, Besser“, „Die Bestimmung – Unsurgent“ und „Die Bestimmung – Allegiant“, kehrt Robert Schwentke mit seinem neuen Film „Der Hauptmann“ wieder zurück nach Deutschland, um eine sehr deutsche Geschichte zu erzählen. Nämlich die Geschichte eines deutschen Soldaten, der in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs desertiert, in einem Auto eine Hauptmannsuniform findet, sie anzieht und als Offizier Karriere macht.
Das klingt nach einer Variante des allseits beliebten Hauptmanns von Köpenick und auch Schwentke erzählt eine wahre Geschichte. Und damit enden die Gemeinsamkeiten zwischen dem Schuhmacher Wilhelm Voigt und Willi Herold.
Herold, geboren am 11. September 1925 in Lunzenau, Mittelsachsen, macht nach seiner Volksschule eine Lehre als Schornsteinfeger, wird 1943 zur Wehrmacht eingezogen, dient an verschiedenen Kriegsfronten und wird Anfang April 1945 bei Gronau an der Nordwestfront von seiner Einheit getrennt. In einem liegen gebliebenem Militärfahrzeug entdeckt er eine Uniform, zieht sie an und wird von einem anderen Soldaten sofort als Hauptmann angesprochen. Herold nimmt diese Rolle an. In den nächsten Tagen scharrt er eine Gruppe von Soldaten um sich, die willig seinen Befehlen gehorchen.
Im Film ist dabei unklar, ob sie Herold als Schwindler erkennen und mitspielen oder nicht. Wobei die Schauspieler in ihrem Spiel oft die erste Interpretation nahe legen. Also dass sie sofort erkennen, dass Herold ein Hochstapler ist. Aus verschiedenen, mehr oder weniger naheliegenden Gründen Schweigen sie, spielen die Charade mit, gehorchen Herolds Befehlen und benutzen ihn, manchmal, für ihre Interessen.
Auf ihrer Irrfahrt durch das Emsland gelangen Herold und seine Männer in das Straflager Aschendorfmoor (aka Lager II). Dort lässt Herold über hundert gefangene Soldaten ermorden. Schwentke zeigt das Morden mit Vor-, Nach- und Zwischenspielen in detailfreudiger Ausführlichkeit.
Davor und danach morodieren Herold und die Kampfgruppe Herold durch das Emsland.
Nach dem Krieg wurde der Kriegsverbrecher Herold von einem britischen Militärgericht wegen der Ermordung von 125 Menschen verurteilt und am 14. November 1946, zusammen mit fünf seiner Helfer, hingerichtet.
„Der Hauptmann“ zeigt erschreckend deutlich, wenn technisches Vermögen auf eine fehlende Haltung zu seinem Stoff und, in diesem Fall, zur realen Person trifft. Über die Schauspieler, die Kamera (Florian Ballhaus), die Ausstattung kann nicht gemeckert werden. Auch jede einzelnen Szene ist für sich genommen gut inszeniert. Nur fügen sie sich nie zu einer Einheit zusammen, weil Schwentke keine Haltung zu seinem Stoff hat. Es ist auch unklar, für was Herolds Geschichte stehen soll. Soll sie die Geschichte einer einzelnen Person sein, eines geborenen Sadisten, der einfach in dem festen Glauben dafür nicht bestraft zu werden, sich ihm bietende Gelegenheiten ausnutz, um seine sadistischen Triebe zu befriedigen? Oder geht es um einen Typus, beispielsweise den des deutschen Untertans, der blind, den Befehlen von Uniformträgern gehorcht? Oder, was Schwentke im Presseheft mit der Frage „Wie hätte ich mich verhalten?“ andeutet, will der Film eine Geschichte über die normalen Männer, die zu Täter werden erzählen? Dafür ist Herold angesichts der von ihm verübten Taten allerdings das denkbar ungeeignetste Beispiel.
Eine Köpenickiade ist „Der Hauptmann“ jedenfalls nicht. Auch wenn das Filmende, in dem die Schauspieler in Uniform und Militärfahrzeug durch eine deutsche Kleinstadt fahren und Fußgänger schikanieren, in dieser vollkommen deplatzierten Szene versucht, den humoristischen Tonfall des Filmanfangs wieder aufzunehmen. Diese Szene passt, egal wie man sie interpretieren will, nicht zu dem vorher gezeigten.
Das ist keine Kleinigkeiten. Denn eine Haltung und eine damit verknüpfte Botschaft zwingt zu einer bestimmten Anordnung des Materials. Sie gibt Vorgaben, wie man seine Geschichte erzählt. Sie sagt, was in die Geschicht hineingehört und was nicht. Und über sie kann gestritten werden. Über einen Film, der tonal alles bedient und dessen Protagonist, mehr oder weniger gleichzeitig ein zweiter ‚braver Soldat Schweijk“ (vor allem in den ersten Minuten), ein typisch deutscher ‚Untertan‘ (wie man es aus Heinrich Manns Roman und Wolfgang Staudtes Verfilmung kennt) und, ziemlich schnell, weil er das schon von Anfang an war, eine seine Macht genießender und über Gebühr ausnutzender Sadist ist, kann nicht gestritten werden. Es ist auch kein Film, der zu irgendeiner Erkenntnis führt. Er porträtiert nur einen Sadist, der ein Sadist ist, weil er ein Sadist ist, und den wir trotzdem mögen sollen, weil er doch ein Schlawiner ist, der die Dummheit des Systems vorführt.
Stefan Ruzowitzky, um nur ein Beispiel, wie man es besser macht, zu nennen, hatte in seiner Dokumentation „Das radikal Böse“ LINK eine Frage, eine Haltung und eine Botschaft. Er fragte sich, wie ganz gewöhnliche deutsche Männer im Zweiten Weltkrieg zu Mördern wurden. Mit auch der für uns Zuschauer unangenehmen Botschaft, dass auch wir zu diesen Taten in der Lage wären.
„Der Hauptmann“ ist dagegen nur edel inszenierte Gewaltpornographie mit einigen witzigen Szenen. Damit ist diese „Studie in Sachen Sadismus und Menschenverachtung“ (epd Film) dann doch erstaunlich nah an den „Saw“-Filmen.
Der Hauptmann (Deutschland/Frankreich/Polen 2017)
Regie: Robert Schwentke
Drehbuch: Robert Schwentke
mit Max Hurbacher, Milan Peschel, Frederick Lau, Bernd Hölscher, Waldemar Kobus, Alexander Fehling, Samuel Finzi, Wolfram Koch, Britta Hammelstein, Sascha Alexander Geršak
Angst über der Stadt (Frankreich/Italien 1974, Regie: Henri Verneuil)
Drehbuch: Jean Laborde, Henri Verneuil, Francis Veber
Actionhaltiger, harter Polizeithriller in dem ein Pariser Kommissar, Typ „Dirty Harry“, einen Serienmörder jagt.
Nach dem Genuss von „Matrix“ und „Spider-Man“ wirken die Action-Szenen in „Angst über der Stadt“ zwar bedächtlich, aber Jean-Paul Belmondo ließ sich bei den zahlreichen Verfolgungsjagden, dem Abseilen von einem Hubschrauber und der Kletterei über die Dächer von Paris nicht doubeln. Bei den Schlägereien natürlich auch nicht. Die Story folgt den bekannten Genrekonventionen und Belmondo hatte in seiner ersten Polizistenrolle einen Kassenschlager.
„Angst über der Stadt“ ist „die mythische Dokumentation seiner Konversion von der Seite der Rebellen auf die Seite der Gesetz- und Ordnungsvertreter.“ (Georg Seesslen: Copland)
Mit Jean-Paul Belmondo, Charles Denner, Catherine Morin, Berto Maria Merli, Lea Massari
Wenige Tage vor seinem 85. Geburtstag am 9. April erschien bei Heyne die deutsche Übersetzung von ‚Bebel‘ Jean-Paul Belmondos Autobiographie „Meine tausend Leben“.
Auf etwas über dreihundert Seiten lässt der 1933 in dem Pariser Vorort Neuilly-sur-Seine geborene Schauspieler sein Leben Revue passieren. Vor seinem Durchbruch 1960 als Hauptdarsteller in Jean-Luc Godards Klassiker „Außer Atem“ (darüber erzählt Belmondo ab Seite 155) arbeitete er vor allem am Theater. Danach, in den Sechzigern spielte er in etlichen künstlerisch wertvollen Filmen und Klassikern, wie „Eva und der Priester“, „Der Teufel mit der weißen Weste“, „Elf Uhr nachts“, „Der Dieb von Paris“ und „Das Geheimnis der falschen Braut“ mit.
In den Siebzigern (so ab Seite 262) verlegte er sich dann, aus finanzieller Sicht, sehr erfolgreich auf Actionfilme, wie „Angst über der Stadt“ und Komödien, wie „Ein irrer Typ“, in denen er seine Stunts selbst ausführte. Die Kritiker waren von seinen Filmen nicht mehr so wahnsinnig begeistert und Belmondo kümmerte sich nicht mehr um die Kritiker, weil er Filme für die breite Masse machte. In den Achtzigern wurden die Filme, wie „Das As der Asse“ und „Der Profi 2“, platter. Er wurde auch langsam zu alt, um die Stunts noch selbst auszuführen. Über seine Filmkarriere erzählt er in dem auch schon aus älteren Interviews bekanntem Duktus, dass der kommerzielle Erfolg eines Filmes auch ein Qualitätsmerkmal sei. Eine Reflexion darüber erfolgt nicht. Er nimmt auch keine Neubewertung seines damaligen Schaffens vor oder beschäftigt sich intellektuell mit seinem Werk, für das er auch als Produzent verantwortlich war und das vor allem und oft nur das Publikum unterhalten wollte. Es gibt ab und an kleine Anekdoten von den Dreharbeiten, die ihm immer dann besonders gut gefielen, wenn er mit Freunden zusammenarbeiten konnte und ‚viele sportliche Szenen absolvieren‘ konnte. Über sein Privatleben, seine beiden Ehefrauen, seine Partnerinnen, seine Kinder und seinen Schlaganfall 2001, erfährt man dagegen fast nichts.
Ende der Achtziger zog er sich fast vollständig aus dem Filmgeschäft zurück. Die wenigen Filme, in denen er seitdem mitspielte, kamen auch nicht mehr in unsere Kinos. Ab 1987 trat er dann wieder öfter im Theater auf.
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Jean-Paul Belmondo: Meine tausend Leben – Die Autobiographie
(unter Mitarbeit von Paul Belmondo und Sophie Blandinières)
(übersetzt von Pauline Kurbasik und Dr. Bettina Seifried)
Beware of Mr. Baker (Beware of Mr. Baker, USA 2012)
Regie: Jay Bulger
Drehbuch: Jay Bulger
Hochgelobte Doku mit und über Ginger Baker, den Schlagzeuger von „Cream“ (Sixties Supergroup mit E-Gitarrist Eric Clapton und Bassist Jack Bruce), „Blind Faith“ (dito, aber kurzlebiger) und „Ginger Baker’s Air Force“ (auch kurzlebig). Neben zahlreichen Soloplatten trommelte er mehrere Jahre bei „Hawkwind“ und auf zahlreichen Platten von anderen Künstlern. Musikalisch grandios, menschlich nicht so sehr.
mit Ginger Baker, Ginette Baker, Kofi Baker, Leda Baker, Jay Bulger, Brian Auger, Bonnie Bramlett, Jack Bruce, Eric Clapton, Stewart Copeland, Jon Hiseman, Femi Kuti, Bill Laswell, John Lydon, Ron Miles, Carlos Santana, Lars Ulrich, Charlie Watts, Steve Winwood, Bernie Worrell
Lara Croft, zweiter Kinoversuch; – wenn wir die beiden Auftritte von Angelina Jolie 2001 und 2003 als einen Versuch werten. Dieses Mal, den aktuellen Entwicklungen in dem Computerspiel folgend, mit deutlich reduzierter Oberweite. Aber immer noch spärlich bekleidet.
Alicia Vikander spielt jetzt die Grabräuberin Lara Croft, die erst im Film zur Grabräuberin wird. Vor sieben Jahre verschwand ihr von ihr über alles verehrter und geliebter Vater Richard Croft (Dominic West) irgendwo im Pazifik vor der japanischen Küste spurlos. Croft ist der Inhaber eines weit verzweigten Firmenkonglomerats und ebenfalls ein, uh, Schatzsucher, der auf der ganzen Welt nach historischen Artefakten sucht.
Heute lebt Lara in London als Fahrradkurierin am unteren Ende der ökonomischen Futterleiter. Die Einundzwanzigjährige will das Familienerbe nicht antreten und auch nicht von dem unermesslichen Vermögen ihres Vaters profitieren. Trotzdem kann ihre Quasi-Mutter Ana Miller (Kristin Scott Thomas), die während Crofts Abwesenheit die Geschäfte der Croft Holding führt, sie überzeugen, endlich die Todeserklärung für ihren Vater zu unterschreiben. Lara tut es bei einem dafür anberauntem Treffen dann doch nicht. Aber sie erhält in dem Moment einen Schlüsel, der ihr auf dem Croft-Landsitz die Tür zu einem versteckten Arbeitszimmer ihres Vaters öffnet. Dort sind Dokumente über seine letzte Reise und eine an sie gerichtete Videobotschaft. Sie soll alle Informationen über Himiko vernichten. Sie tut es nicht. Stattdessen macht sie sich, immer noch das Erbe verschmähend, ohne Geld auf den Weg nach Hongkong und von dort nach Yamatai. Auf der Insel will sie herauszufinden, was mit ihrem Vater geschah.
Dort trifft sie zuerst auf Mathias Vogel (Walton Goggins) (allein schon der deutsche Name prädestiniert ihn zum Bösewicht) und seine bewaffneten Männer. Sie suchen dort im Auftrag des Ordens der Dreieinigkeit seit sieben Jahren das Grab der Königin Himiko. Sie ist auch als die Mutter des Todes bekannt und das, was in ihrem Grab ist, kann die Welt vernichten. Jedenfalls glauben das Matthias Vogel, der die teuflischen Kräfte der Königin auf die Welt loslassen will, und der spurlos verschwundene und wahrscheinlich schon seit Jahren verstorbene Richard Croft, der das Schlimmste verhindern will.
Lara, deren Schatzsucher-Gene auf der Insel erwachen, will ebenfalls das Grab der Königin Himiko entdecken. Aber sie will auch, wie ihr Vater, verhindern, dass das Erbe der Königin in die falschen Hände fällt.
Davor trifft sie, zwischen etlichen Action-Einladen, auf der Insel einen Einsiedler, der ihr vielleicht helfen kann.
„Tomb Raider“ ist nicht die befüchrtete Vollkatastrophe. Für den Actionfilm spricht die immer nachvollziehbare Geschichte, die engagierten Schauspieler (die angesichts des dünnen Ausgangsmaterial nicht in Richtung Overacting, sondern vor allem in Richtung unprätentiöses Spiel der alten ’no acting required“-Schule schlendern), die ruhige Kamera, das gemäßigte Schnitttempo (die Zeiten von wackeliger Wackelkamera und Zehntelsekundenschnitten sind vorbei) und die erfreulichen Actionszenen, die weitgehend vollkommen unglaubwürdige Over-the-Top-Action vermeiden. Allerdings können sie, wenn Lara Croft über einen Baumstamm oder einer Leiter läuft, die eine Schlucht oder eine Grube überbrücken, oder wenn sie ohne Schwimmweste und Halteseil mitten im Sturm auf einem Schiff herumturnt, oder wenn sie sich aus einem reißenden Fluss in ein schon seit dem Zweiten Weltkrieg über einem Wasserfall hängendes Flugzeugwrack rettet, das dann bei jeder Gewichtsverlagerung langsam zerbricht, nie verhehlen, dass sie in der sicheren Umgebung eines Studios und mit viel CGI entstanden sind. Das macht sie zu nett anzusehenden, letztendlich unspektakulären Actionszenen. Spannender sind da eine Fahrradverfolgungsjagd durch London oder diverse Faustkämpfe, in die Lara Croft involviert ist. Auch ja: und springen und laufen kann sie verdammt gut. Vor allem vor tödlichen Gefahren kann sie unglaublich schnell davon laufen.
Regisseur Roar Uthaugs „Tomb Raider“ gehört als naive Abenteuergeschichte sogar zu den besseren Spieleverfilmungen. Aber es ist kein guter Film und es ist auch kein erinnerungswürdiger Film. Dafür ist die Geschichte viel zu vorherhsehbar.
„Tomb Raider“ ist als humorlose, in die Gegenwart verlegte Indiana-Jones-Variante oder als spielfilmlange Episode von „Relic Hunter – Die Schatzjägerin“ vor allem ein altmodischer Abenteuerfilm, der sich nicht sonderlich um Logik oder Wahrscheinlichkeit schert und besser in der Vergangenheit, zum Beispiel den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts spielen sollte.
Tomb Raider(Tomb Raider, USA 2018)
Regie: Roar Uthaug
Drehbuch: Geneva Robertson-Dworet, Alastair Siddons (nach einer Geschichte von Evan Daugherty und Geneva Robertson-Dworet)
mit Alicia Vikander, Dominic West, Walton Goggins, Daniel Wu, Kristin Scott Thomas, Derek Jacobi, Alexandre Willaume
Die Axt (Le Couperet, Frankreich/Belgien/Spanien 2005)
Regie: Constantin Costa-Gavras
Drehbuch: Constantin Costa-Gavras, Jean-Claude Grumberg
LV: Donald E. Westlake: The Ax, 1997 (Der Freisteller)
Der nicht mehr ganz junge Chemiker Bruno hat nach zwei Jahren erfolgloser Jobsuche die Faxen dicke. Er gibt eine Stellenanzeige auf und bringt seine Jobkonkurrenten um.
Bitterböse Satire auf den Kapitalismus, die von Jobsuchenden hoffentlich nicht als Vorbild genommen wird.
Stellvertretend für die vielen positiven Besprechungen: „Im Zeichen von Massenarbeitslosigkeit, Chancenlosigkeit und Globalisierungsdruck drehte Costa-Gavras … eine rabenschwarze Farce, die die Gegenwart nicht gerade in freundliches Licht taucht, und bei der das Lachen mehr als einmal ihm Halse stecken bleibt. Erschreckend an dieser Moritat auf der Folie einer durch und durch sexistisch aufgeladenen Gesellschaft ist vor allem, dass hier ein wohlsituierter Kleinbürger unter dem Druck der Umstände nicht nur zum Verbrecher und Mörder wird, sondern unter dem scheinbaren Zwang, seine Familie schützen zu müssen, ohne weiteres faschistoides Gedankengut produziert.“ (Lexikon des internationalen Films)
Mit José Garcia, Karin Viard, Geordy Monfils, Christa Theret, Ulrich Tukur, – in Nebenrollen einige Autoren und Regisseure – Jean-Claude Grumberg, John Landis, Julie Gavras (Tochter von Constantin Costa-Gavras), Donald E. Westlake (Cameo als alter Mann im Arbeitsamt)
Auch bekannt als “Jobkiller – Eine mörderische Karriere”
Ich gebe es zu: ich verstehe es nicht. Da haben die Produzenten einen hochkarätig besetzten Science-Fiction-Film, inszeniert von einem interessanten, für seine vorherigen Werke hochgelobten Autor und Regisseur, der eine frenetisch abgefeierte Romantrilogie teilweise verfilmte und dann wird der Film ohne Umweg zwischen Test-Screenings (die wohl schlecht verliefen, aber gerade bei diesem Film wenig aussagen) und potentieller Kinoauswertung gleich an Netflix verkauft. Dass danach Filmkritiker von dem Film begeistert waren und in den USA, wo „Auslöschung“ im Februar sogar einen Mini-Kinostart hatte, SF-Fans seitdem intensiv über den Film diskutieren, ist egal. Aus Sicht der Geldgeber wurden potentielle Verluste erfolgreich vermieden.
Aus Sicht des SF-Fans bleibt nur das Bedauern, dass er einen Film, der von der ersten bis zur letzten Minute für eine Auswertung auf der großen Leinwand inszeniert wurde, jetzt auf einem kleinen Bildschirm sehen muss. Gerade bei den Landschaftsaufnahmen fällt das besonders negativ auf.
Der Film „Auslöschung“ erzählt, wie Jeff VanderMeer in seinem gleichnamigen Roman, die Geschichte einer Expedition von mehreren Frauen in die Area X. Das ist ein Gebiet in den Südstaaten der USA, in dem die Natur sich seltsam verhält. Seit Jahren wächst das Gebiet stetig und unaufhaltsam. Mehrere Expeditionen, an denen nur Männer teilnahmen, wurden schon in das Gebiet geschickt. Sie kehrten nicht zurück.
Alex Garland, dessen Spielfilmdebüt „Ex Machina“ breit abgefeiert wurde, verfilmte jetzt VanderMeers Geschichte frei und doch sehr nah an dem Roman. Dafür gibt es mehrere, sogar ziemich offensichtliche Gründe. Garland kannte, als er sein Drehbuch schrieb, den zweiten und dritten Band nicht. Sein Film muss als Einzelwerk nach zwei Stunden Antworten liefern, die VanderMeer sich für die den zweiten und dritten Band seiner Trilogie, die im Abstand weniger Monate erschienen, aufheben konnte. Deshalb können sich Garlands Antworten von denen VanderMeers unterscheiden. Und ein Roman ist kein Film ist. Der Roman ist vor allem eine Meditation, die in unheimlichen Stimmungen badet und wenig erklärt. Eine Geschichte im herkömmlichen Sinn wird nicht erzählt. Am Ende des Romans ahnt man, was die Area X mit seinen menschlichen Besuchern macht, aber nicht warum.
In Garlands äußerst gelungener und sehenswerter Version ist die Biologin Lena (Natalie Portman) als einzige Überlebende einer fünfköpfigen, nur aus Frauen bestehenden Expedition aus der Area X zurückgekehrt. Sie soll berichten, was geschah.
Lena hat sich entschlossen, an der Expedition teilzunehmen, weil ihr Mann Kane (Oscar Isaac) nach einer Expedition verändert aus der Area X zurückkehrte und jetzt, todsterbenskrank, im Southern Reach Institut im Koma liegt. Sie hofft auf Antworten. Schnell bemerken die fünf Frauen, dass sich die Tier- und Pflanzenwelt in der Area X auf seltsame Art verändert. Mutiert. Auch sie beginnen auf die Umwelt zu reagieren.
Da werden sie von einem seltsamen Krokodil angegriffen und entdecken eine Videoaufnahme der vorherigen Expedition, in der Kane und die anderen Teammitglieder panisch und anscheinend wahnsinnig sind. Anders lässt sich nicht erklären, dass sie einem anderen Teammitglied den Bauch aufschneiden, um zu dokumentieren, dass sich in dem Körper des Teammitglieds ein anderes Wesen eingenistet hat.
Lena und die anderen Expeditionsteilnehmerinnen – die Leiterin Dr. Ventress (Jennifer Jason Leigh), Anya Thorensen (Gina Rodriguez), Josie Radek (Tessa Thompson) und Cass Sheppard (Tuva Novotny) – fragen sich, ob sie das Rätsel von Area X lösen können, bevor sie sterben oder zu einem anderen Wesen mutieren.
Dabei, und hier ist Garlands Film deutlich eindeutiger als VanderMeers Roman, der die Frage offen lässt, geht es in „Auslöschung“ um die Begegnung mit ‚einem‘ ‚Alien‘, das im Trailer sehr bedrohlich wirkt. Im Film ist das dann nicht so einfach, sondern eher wie die Begegnung zwischen Menschen und Aliens in Denis Villeneuves „Arrival“.
„Auslöschung“ ist ein zum Nachdenken anregender, rätselhafter Science-Fiction-Film mit wunderschön-beängstigenden Bildern eines Südstaaten-Urwalds, der sich die von Menschen gebauten Wege und Häuser zurückerobert und in dem die Expeditionsteilnehmerinnen auf Pflanzen treffen, die wie Menschen aussehen.
Auslöschung (Annihilation, USA 2018)
Regie: Alex Garland
Drehbuch: Alex Garland
LV: Jeff VanderMeer: Annihilation, 2014 (Auslösung)
mit Natalie Portman, Jennifer Jason Leigh, Gina Rodriguez, Tessa Thompson, Tuva Novotny, Oscar Isaac, Benedict Wong, Sonoya Mizuno, David Gyasi, John Schwab
Länge: 115 Minuten
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Die Vorlage
Jeff VanderMeer: Auslöschung – Southern-Reach-Trilogie I
Drehbuch: Kurt Nachmann, H. C. Artmann (nach dem Theaterstück von Ulrich Becher und Peter Preses)
Wien, 1938: ein Fleischhauer legt sich, nachdem die Nazis ihm seine wöchentliche Skatrunde mit einem jüdischen Bekannten verbieten wollen, mit den Nazis an.
Selten gezeigte, auf einem Theaterstück basierende Politposse.
„Dass nicht nur die Deutschen genug Anlass haben, sich mit der braunen Vergangenheit zu befassen, wird in den Nachbarländern manchmal allzu großzügig und selbstgerecht übersehen. Aber dass dann ausgerechnet der Heimatfilm-Regisseur Franz Antel, dem das deutschsprachige Filmschaffen nun wahrlich nicht wenige Filme verdankt, die sich weder inhaltlich noch ästhetisch vom Unterhaltungskino des Dritten Reichs unterscheiden, dass ausgerechnet dieser Routinier sich eines früher sehr populären Volksstücks bedient, um einen Beitrag zum Problem Österreich und die Nazis zu leisten, stimmt nicht sehr hoffnungsvoll.
Das Ergebnis ist denn auch zwiespältig: Die Absicht ist zu loben, die Durchführung ziemlich misslungen. (…) Ein Film gegen die Nazis mit den Mitteln ihres Kinos: das geht nicht.“ (Fischer Film Almanach 1982)
„zahmes Spektakel“ (Lexikon des internationalen Films)
Franz Antel (1913 – 2007) inszenierte mit Karl Merkatz als Bockerer drei Fortsetzungen: „Der Bockerer II – Österreich ist frei“ (1996), „Der Bockerer III – Die Brücke von Andau“ (2000) und „Der Bockerer IV – Prager Frühling“ (2003, mit Kurt Ockermüller)
Mit Karl Merkatz, Ida Krottendorf, Georg Schluchter, Alfred Böhm, Heinz Maracek
In „Eine fantastische Frau – Una Mujer Fantastica“ gibt es eine Überraschung, die; – nun, auch wenn ich glaube, dass sie inzwischen allgemein bekannt ist und deshalb keine Überraschung ist, möchte ich niemand die Überraschung bei dem tollen Film verderben.
Und, dieser Hinweis sei gestattet, das noch (?) aktuellen DVD-Cover führt gewaltig in die Irre. Denn „Eine fantastische Frau“ ist nicht für den „Oscar als bester ausländischer Film“ nominiert, sondern seit der Oscar-Verleihung ist „Eine fantastische Frau“ der beste ausländische Film des Jahres.
In seinem neuen Film erzählt „Gloria“-Regisseur Sebastián Lelio die Geschichte von Marina Vidal, einer 27-jährigen Kellnerin und Sängerin. Sie lebt im heutigen Santiago de Chile zusammen mit Orlando, einem deutlich älteren Mann, der Chef eines Textilunternehmens ist. Eines Nachts wacht der 57-jährige mit Schmerzen auf und stirbt kurz darauf im Krankenhaus an einem Aneurysma.
Danach hat Marina all die Probleme, die man hat, wenn man zwar mit einem anderen Menschen zusammenlebte, aber nicht mit ihm verheiratet war und es kein Testament gibt. Orlandos Familie und Orlandos Ex-Frau hassen die junge Frau buchstäblich. Sie wollen sie möglichst schnell aus der gemeinsam benutzten Wohnung haben und selbstverständlich soll alles, was Orlando gehörte, in den Händen seiner Familie und seiner Ex-Frau landen. Auch bei der Totenwache und der Beerdigung verzichtet man gerne auf die junge Geliebte, die so gar nicht dem gesellschaftlichen Stand des Verstorbenen entspricht.
Gleichzeitig vermutet eine äußerst penetrante Sitten-Polizistin, dass Orlandos Tod kein natürlicher Tod war. Schließlich kenne sie aus ihrer Arbeit genug Beziehungstaten. Vor allem wenn die jüngere Geliebte aus dem Milieu kommt.
In all dem Chaos versucht Marina Orlandos Andenken zu bewahren und für sie in einer angemessenen Form zu trauern. Dazu gehören natürlich Besuche bei den Trauerfeiern ihres Geliebten.
Lelio konzentriert sich in seinem nah an den Konventionene des klassischen Hollywood-Erzählkinos erzähten Film auf Marina und ihre Versuche, mit der Situation umzugehen.
Sie wird von der Sängerin Daniela Vega gespielt. Vega spielte vorher nur in einem kleineren Film mit und trat im Theater auf. Vor allem in einem lange laufendem autobiographischem Stück über ihre Transsexualität. Als Lelio mit den Arbeiten an dem Drehbuch für „Eine fantastische Frau“ begann, unterhielt er sich lange mit Vega über ihre Erfahrungen und die Situation von Transsexuellen in Chile. Denn, wie Lelio im interessanten 33-minütigem „Making of“ bekennt, er selbst hatte davon keine Ahnung und kannte auch keine Transsexuellen. Er hielt es nur für eine gute Idee im Rahmen der Filmgeschichte. Als der erste Drehbuchentwurf fertig war, bot er ihr die Hauptrolle an, die sie mit Bravour meistert. Sie ist in fast jeder Szene des Dramas zu sehen. Sie spielt, was man im Film erst langsam erfährt, nicht nur eine trauernde Frau, sondern eine Trauernde, die vorher ein Mann war und deren Geschlechtsumwandlung vor allem in Orlandos Familie auf abgrundtiefen Hass trifft. Zum Glück gehen Marinas Freunde und Bekannten wesentlich entspannter mit ihrer Transsexualität um. Sie nehmen sie als ganz normalen Menschen mit Bedürfnissen und Nöten wahr.
Auch Lelio thematisiert Marinas Transsexualität nur in wenigen Worten und Halbsätzen. Es geht ihm um den Umgang mit dem Verlust eines geliebten Menschen. Wenn, wie zwischen Marina und Orlando eine tiefe, reine Liebe bestand, die sich nicht um irgendwelche Grenzen und Konventionen kümmerte, ist dieser Verlust besonders groß. Und dann ist es besonders schwer, mit dem Verlust des Geliebten umzugehen.
Lelio erzählt diese Geschichte sehr feinfühlig und ruhig als Porträt einer Frau, die um einen würdigen Abschied von der Liebe ihres Lebens und um Anerkennung kämpft.
Auf der Berlinale 2017 erhielt „Eine fantastische Frau“ den Silbernen Bären für das beste Drehbuch, den Teddy Award als bester Spielfilm und den Preis der ökomenischen Jury. Seitdem erhielt der Film weitere Preise, war für den Golden Globe als bester Film nominiert und erhielt jetzt, wie schon gesagt, den Oscar als bester ausländischer Film des Jahres. Vollkommen zu Recht.
Die DVD enthält als Bonusmaterial ein informatives 33-minütiges Making of und ein ebenso informatives zwölfseitiges Booklet mit Interviews mit Sebastián Lelio, Daniela Vega und Francisco Reyes („El Club“), der Orlando spielt.
Eine fantastische Frau – Una Mujer Fantastica (Una Mujer Fantastica, Chile//USA/Deutschland/Spanien 2017)
Regie: Sebastián Lelio
Drehbuch: Sebastián Lelio, Gonzalo Maza
mit Daniela Vega, Francisco Reyes, Luis Gnecco, Aline Küppenheim, Nicolás Saavedra, Amparo Noguera, Trinidad González, Néstor Cantillana, Alejandro Goic, Antonia Zegers
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DVD
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Bild: 16:9 (2.39:1)
Ton: Deutsch, Spanisch, Audiodeskription (Dolby Digital 5.1)