The Walking Dead: Die Saat/Rosskur/Zeit der Ernte/Leben und Tod (USA 2012)
RTL II zeigt als nächtliche Event-Programmierung heute, morgen, übermorgen und am Sonntag die sechzehn Folgen der dritten Staffel. In den USA läuft derzeit die vierte Staffel und eine fünfte ist schon bestellt.
Inzwischen haben Rick Grimes und seine Gefährten auf der Flucht vor den Zombies in einem Gefängnis ihr neues Quartier bezogen. Mit der Schwerkämpferin Michonne und dem Governor von Woodbury, einem despotischen Herrscher (der auch eine eigene Romanserie bekam), sind jetzt zwei bei den Fans der Vorlage, der Comicserie „The Walking Dead“, beliebte Charaktere dabei.
Die DVD erscheint am 11. November und wird besprochen.
Der achtzehnte „The Walking Dead“-Comicband „Grenzen“ ist bereits erschienen und wird ebenfalls besprochen.
Wiederholung: Freitag, 1. November, 02.15 Uhr (Taggenau; Yep, direkt im Anschluss.)
„booklet liefert nach, was in den DVD-Boxen fehlt: Lektüren zur Serie“ steht zutreffend auf dem Cover von Ekkehard Knörers „Battlestar Galactica“. Auf wenigen Seiten beschäftigt Knörer sich mit den Ursprüngen der Science-Fiction-Serie, einigen Aspekten der Erzählweise der Serie (wie dem Abschied vom rein episodischen Erzählen), den wichtigsten Charakteren, dem von Glen A. Larson erfundenem Kunstwort „Frak“ (das erstmals in der Originalserie als „Frack“ das im TV nicht gewünschte Schimpfwort „Fuck“ ersetzte) und er gibt Tipps zu einigen besonders sehenswerten Folgen und englischsprachigen Texten über die Serie.
Die US-Serie „Battlestar Galactica“, die im US-Fernsehen von 2003 bis 2009 lief, erzählt die Geschichte der Suche der letzten überlebenden Menschen nach der Erde, dem mythischen Planeten, von dem sie stammen sollen. Sie machten sich, nach einem Angriff der Zylonen (Knörer benutzt, weil er sich nicht an die Übersetzung gewöhnen kann, das englische Wort „Cylon“), mit altersschwachen Raumschiffen auf die Reise.
Serienerfinder Ronald D. Moore übernahm die Prämisse der kurzlebigen von Glen A. Larson erfundenen, kultigen TV-Serie „Kampfstern Galactica“ (Battlestar Galactica, USA 1978 – 1980) und ignorierten den Rest. Während die Originalserie buntes Popcorn ist, ist das Remake eine düstere Allegorie auf die Post-9/11-Paranoia und, sicher auch durch die Pseudo-Doku-Kamera und die Ausstattung, glaubt man sich nie in die Zukunft, sondern immer in eine militärische Kommandozentrale und das Flugzeug des Präsidenten gebeamt.
Denn während im Original die Zylonen glänzende Blechroboter waren, sind die neuen Zylonen immer noch Roboter, aber sie können auch wie Menschen aussehen und einige der Zylonen sind sogar unter den überlebenden Menschen. Einige Menschen arbeiten mit den Zylonen zusammen – und es gehört nicht viel Fantasie dazu, die Zylonen mit islamistischen Terroristen gleichzusetzen. Auch wenn die Macher als Vorbild für „Battlestar Galactica“ in Interviews ausdrücklich die Polit-Serie „The West Wing“ nennen.
Knörers kurzer Text ist teilweise etwas zu akademisch geschrieben und, wegen der Kürze, bleibt er sehr an der Oberfläche. Insofern ist „Battlestar Galactica“ für die Fans der Serie eine durchaus anregende Lektüre. Nicht-Fans können das Buch getrost ignorieren. Aber ein Booklet wird ja auch nur von den Besitzern der DVDs gelesen.
Weil seine vermögenden Eltern mit anderen Dingen beschäftigt sind, verbringt der 14-jährige Benny seine Zeit vor dem Videorecorder mit dem Genuss von Gewaltfilmen. Als er ein gleichaltriges Mädchen trifft, demonstriert er an ihr die Wirkung eines Bolzenschussgeräts – und zeigt später das Video seinen Eltern.
„Der Film von Michael Haneke beobachtet nur und kommentiert nicht. Er erzählt die Geschichte in einer Stringenz und Dichte, die zunächst äußerst unbequem wirken, aber dem Thema und dem Anliegen des Films angemessen sind.“ (Fischer Film Almanach 1994)
Und über diese These kann man trefflich streiten. Damals und heute immer noch.
Mit diesem Film, der bereits all die Themen und Stilistiken hat, die seine späteren Filme auch haben, wurde Michael Haneke einem breiteren Publikum bekannt. Danach drehte er „Funny Games“ (und zehn Jahre später ein für uns überflüssiges US-Remake), „Code – Unbekannt“, „Caché“, „Das weiße Band“ und „Liebe“.
Haneke erhielt für „Benny’s Video“ den FIPRESCI Preis.
mit Arno Frisch, Angela Winkler, Ulrich Mühe, Ingrid Stassner
Hollywood Rebellen (Deutschland 2013, R.: Eckhart Schmidt)
Drehbuch: Eckhart Schmidt
Neunzigminütige Doku über unangepasste Filmstars wie Mae West, Humphrey Bogart, Robert Mitchum, James Dean, Marlon Brando und Steve McQueen.
Nach einer Pinkelpause gibt es um 00.25 Uhr mit „Mythos Hollywood“ (Deutschland 1999), einem Blick hinter die Kulissen der Traumfabrik, eine weitere spielfilmlange Doku von Schmidt, der am 31. Oktober seinen 75. Geburtstag feiert.
Thomas Crown ist nicht zu fassen (USA 1968, R.: Norman Jewison)
Drehbuch: Alan R. Trustman
Versicherungsagentin Vicky Anderson glaubt, dass der vermögende und seriöse Geschäftsmann Thomas Crown ein Bankräuber ist. Zwischen beiden entspinnt sich ein erotisch aufgeladenes Katz-und-Maus-Spiel.
Ein Kassenhit und mindestens ein Semi-Klassiker.
„Just the movie to see if you want to see an ordinary, not wonderful, but highly enjoyable movie—of which there have been so few this year.“ (New York Times, 27. Juni 1968)
„‘The Thomas Crown Affair’ ist vornehmlich eine private Fingerübung von Jewison, Michel Legrand (zu dessen Musik der Film geschnitten wurde) und seinem Cutter, bei der die Schauspieler nicht so sehr als wahre Persönlichkeiten mit ihren eigenen Spannungsfeldern auftreten, sondern hauptsächlich als sprechende Köpfe.“ (Derek Elley, Focus on Film, März 1981)
„Beim Publikum der späten sechziger Jahre kam diese etwas klebrige Mischung, deren Unterhaltungswert sich zugestandenermaßen auch aus heutiger Sicht kaum wegnörgeln lässt, außerordentlich gut an, und Jewisons Kunstgewerbe wurde von manchen Kritikern gar als große Filmkunst bezeichnet.“ (Robert J. Kirberg: Steve McQueen, 1985)
mit Steve McQueen, Faye Dunaway, Paul Burke, Jack Weston, Yaphet Kotto
Hinweise
Wikipedia über „Thomas Crown ist nicht zu fassen“ (deutsch, englisch)
Als Kommissarin Sarah Lund (Sofie Gråbøl) vor sechs Jahren ihren ersten Auftritt im dänischen TV hatte, konnte niemand ahnen, dass die Serie zuerst in ihrer Heimat und später ein weltweites Publikum begeisteren würde. Garniert mit einigen wichtigen Nominierungen und Preisen bei den Bafta-, International-Emmy- und britischen Crime-Thriller-Awards. Denn eigentlich geht es in „Kommissarin Lund – Das Verbrechen“ nur um eine Polizistin, die einen Mordfall aufklärt und dabei Probleme mit der Politik hat. Das wird in jedem „Tatort“ in neunzig Minuten erledigt. Frau Lund brauchte für ihren ersten Fall 1100 Minuten oder, im Original, zwanzig gut einstündige Episoden, in denen sie den Mörder der 19-jährigen Schülerin Nanna Birk Larsen suchte.
Die zweite und dritte Staffel waren dann mit jeweils 570 Minuten deutlich kürzer, aber nicht weniger spannend. In der zweiten Staffel sucht Sarah Lund den Mörder der Rechtsanwältin Anne Dragsholm, die kurz vor ihrem Tod eine Videobotschaft verlas, in der sie Rache an in Kriegsgebieten ermordeten Muslimen schwor. In der dritten Staffel soll die Polizistin den Mord an einem Matrosen aufklären. Komplizierter wird der Fall, nachdem – zehn Tage vor den Parlamentswahlen – die Tochter eines vermögenden und entsprechend einflussreichen Reeders entführt wird. Das sind wieder gut zehn spannende Stunden, in denen die Macher souverän zwischen mehreren Plotlinien wechselnd, ein Panorama der dänischen Gesellschaft zwischen den oberen und unteren Zehntausend entwerfen. Nur das Ende der dritten Staffel wirkt seltsam unpassend.
Thriller-Autor David Hewson schrieb 2012 eine auch ins Deutsche übersetzte Romanfassung der ersten Staffel. Seine danach geschriebenen Romanfassungen der zweiten und dritten Staffel sind noch nicht übersetzt.
Und es gab ab 2011 mit „The Killing“ ein US-Remake von „Kommissarin Lund“, das bislang noch nicht im deutschen TV gezeigt wurde und bei weitem nicht so beliebt wie das Original ist.
Jetzt packte Edel die drei Staffeln von „Kommissarin Lund“ in einer limitierten Komplettbox zusammen, übernahm das überschaubare Bonusmaterial der Einzelboxen und ergänzte es um je einen Ausschnitt aus Hewsons Roman und dem Hörbuch, ein neues halbstündiges Interview mit Sofie Gråbøl über Sarah Lund, Sammelkarten, einen Schlüsselanhänger und den Soundtrack von Frans Bak.
Wer also bislang nicht lundifiziert wurde, sollte jetzt zuschlagen und die düstere Krimiserie in einigen langen Nächten genießen.
Kommissarin Lund – Das Verbrechen (Forbrydelsen, Dänemark 2007/2009/2012)
Regie: Kristoffer Nyholm, Hans Fabian Wullenweber, Charlotte Sieling, Henrik Ruben Genz, Birger Larsen, Natasha Arthy, Mikkel Serup, Kathrine Windfeld, Morten Arnfred, Morten Køhlert
Drehbuch: Søren Sveistrup, Torleif Hoppe, Michael W. Horsten, Per Daumiller
Erfinder: Søren Sveistrup
mit Sofie Gråbøl (Sarah Lund), Morten Suurballe (Lennart Brix), Anne Marie Helger (Vibeke Lund), Eske Forsting Hansen (Mark Lund)
–
DVD
Edel
Bild: 16:9 PAL
Ton: Deutsch (teils Dolby Digital 2.0 Stereo, teils Dolby Digital 5.1)
Untertitel: –
Bonusmaterial: Making of, Casting-Szenen, Interview, Booklet
Ich gehöre sicher nicht zum Zielpublikum von „Wolkig mit der Aussicht auf Fleischbällchen 2“, aber während der Vorführung des Kinderfilms lachten die Erwachsenen öfter als die Kinder. Wobei öfter nicht oft bedeutet und das auch nichts über die Qualität des Films sagt. Denn der Trickfilm „Wolkig mit der Aussicht auf Fleischbällchen 2“ ist eine erstaunlich lieblos-langweilige Angelegenheit, die direkt nach dem Ende des ersten Films beginnt.
Die fantastische Erfindung von Flint Lockwood, die aus Wasser Essen machte, wurde vernichtet, auf der Insel feiern alle und Chester V, der Chef des Multis Live Corp, macht Flint ein Angebot, das er nicht ablehnen will: er darf als Erfinder bei ihm arbeiten. Die Realität als kleines Rädchen bei Live Corp ist anders als die Fantasie. Als er einem Wettbewerb nicht gewinnt, begeht er einen blamablen Fauxpas und möchte sich am liebsten umbringen. Da betraut Chester V ihn mit einem Geheimauftrag: er soll auf seine Insel zurückkehren und seine Erfindung endgültig vernichten, die jetzt aus Essen Tiere erschafft, die als Mischwesen, sogenannte Naschtiere (Foodimals), wie Tacodile, Shrimpansen und Nilpfertoffeln, gefräßige Nahrung sind.
Gemeinsam mit seinen Freunden aus dem ersten Film kehrt er zurück.
Der Film wirkt, als habe man einfach die Ideen, die man so hatte, in einer rudimentären Geschichte, die ziemlich egal ist und die daher etliche Möglichkeiten verschenkt, willkürlich aneinandergeklatscht. Denn nichts hat für die Geschichte Konsequenzen. Logisch und unterhaltsam ist das alles auch nicht.
„Wolkig mit der Aussicht auf Fleischbällchen 2“ ist kein guter Kinderfilm und, trotz 3D, ein sehr eindimensional-langweiliger Film mit höchstens funktionalen Animationen.
Im Original sprechen unter anderem Bill Hader, Anna Faris, Will Forte, Benjamin Bratt und James Caan die Charaktere. In der deutschen Fassung haben wir Cindy aus Marzahn.
Wolkig mit der Aussicht auf Fleischbällchen 2 (Cloudy with a Chance of Meatballs 2, USA 2013)
Regie: Cody Cameron, Kris Pearn
Drehbuch: Erica Rivinoja, John Francis Daley, Jonathan Goldstein (nach einer Geschichte von Erica Rivinoja, Phil Lord und Christopher Miller)
Jack Taylor: Der Ex-Bulle (Irland 2010, R.: Stewart Orme)
Drehbuch: Tom Collins, Anne McCabe, Ralph Christians
LV: Ken Bruen: The Guards, 2001 (Jack Taylor fliegt raus)
Galway, Irland: Nachdem Jack Taylor wegen eines gezielten Fausthiebs aus der Polizei fliegt, beginnt er als Detektiv zu arbeiten. Obwohl es in Irland keine Privatdetektive gibt. Jetzt soll er Anne Hendersons verschwundene Tochter suchen – und er wühlt dabei, wenn er nicht gerade trinkt oder zusammengeschlagen wird – ziemlich viel Schmutz auf.
Jack Taylor ist der bekannteste Charakter von Noir-Autor Ken Bruen. Die grandiosen Bücher bestechen vor allem durch Ken Bruens lyrische Sprache, die sich kaum übersetzen lässt. Die Plots sind dagegen eher krude und nebensächlich. Immerhin ist Taylor der erfolgloseste Privatdetektiv, den es gibt und er löst seine Fälle eher zufällig und trotz seiner Ermittlungen.
„The Guards“ war für den Edgar- und Macavity-Preis nominiert und erhielt den Shamus-Preis als bester Roman.
Der erste Jack-Taylor-Film bietet zwar etliche Jack-Taylor-Weisheiten, die bekannten Privatdetektiv-Klischees (die im Buch nicht so sehr auffallen) und ist insgesamt eher fahrig inszeniert. Also eine durchaus zwiespältige Angelegenheit, die nicht die Qualität der Vorlage erreicht, aber mit Iain Glen einen überzeugend kaputten Jack Taylor hat.
Der zweite Jack-Taylor-Film „Auge um Auge“, der kommenden Sonntag läuft, ist als Film gelungener.
Das ZDF zeigt fünf weitere Jack-Taylor-Filme an den kommenden Sonntagen. Die DVD erscheint am 9. Dezember bei edel – und die deutschen Übersetzungen gibt es bei Atrium und dtv.
Mit Iain Glen, Nora-Jane Noone, Ralph Brown, Tara Breathnach, Frank O’Sullivan
Drehbuch: Roland Klick, Georg Althammer (Mitarbeit), Jane Sperr (Mitarbeit)
Der 18-jährige Willi driftet durch Hamburg. Um die Hure Monika zu retten, will er den Geldtransporter eines Supermarktes zu überfallen.
Ein deutscher Gangsterfilm, der damals von der Kritik gelobt wurde, aber sich an der Kasse schwertat.
„Fest steht dass Klick hier unbewusst einige wichtige Komponenten des Neuen Deutschen Films vorweggenommen hat: Jugendkriminalität, die Großstadt als Dschungel und die Entstehung von Gewalt im thematischen Bereich, glaubhafter Realismus und geradliniges Erzählkino im formalen.“ (Robert Fischer/Joe Hembus: Der Neue Deutsche Film 1960 – 1980, 1981)
Als ich den Film das erste Mal sah, war ich begeistert, denn „Supermarkt“ war originäres Kino, das bis auf die Drehorte nichts mit anderen deutschen Filmen gemein hatte.
Der Titelsong „Celebration“ wird von Marius Müller-Westernhagen als Marius West gesungen; die Musik ist von Udo Lindenberg. Und Jost Vacano (Das Boot, Robocop, Total Recall) war der Kameramann.
mit Charly Wierczejewski, Eva Mattes, Michael Degen, Walter Kohut, Witta Pohl, Alfred Edel
Das Buch „Freakonomics“ von Steven D. Levitt und Stephen J. Dubner war vor einigen Jahren ein Überraschungsbestseller, in dem die Autoren auf unterhaltsame Art mit ökonomischem Denken und statistischen Modellen die Welt erklärten und immer wieder zu überraschenden Entdeckungen kamen.
Für den Film wurde dann ein etwas ungewöhnlicher Zugang gewählt, indem man mehrere, teils auch bei uns bekannte Regisseure, wie Morgan Spurlock und Alex Gibney, aufforderte, in ihrem Stil eine kürzere Dokumentation zu drehen. Die so entstandenen Dokumentationen wurden für den Film, ergänzt um lockere, anekdotenreiche Gespräche mit dem Ökonomen Levitt und dem Wirtschaftsjournalisten Dubner, zu einem spielfilmlangen Film zusammengefügt, bei dem die disparaten Elemente überwiegen. Denn die einzelnen, stilistisch verschiedenen Filme sind von unterschiedlicher Qualität, unterscheiden sich oft kaum von einer TV-Dokumentation, bleiben aufgrund ihrer Kürze und den teils notwendigen Vereinfachungen bei dem Übertragen von mit Zahlen gesättigten Sachtexten in eine Dokumentation an der Oberfläche, auch weil alternative Erklärungen oft nicht oder nur knapp angesprochen werden. Daher ist der Erkenntniswert der „Freakonomics“-Kurzfilme oft gering und, über die gesamte Filmlänge, immer mit dem Gefühl verbunden, dass die Macher den Zuschauer manipulieren, um zu Beweisen, dass man mit ökonomischem Denken die Welt erklären kann.
Das mit Abstand beste Segment des Films ist von Alex Gibney: „Betrüger“ (Pure Corruption) über Betrügereien bei japanischen Sumo Ringern, die man, weil die Ringer Teil eines Schweigekartells sind, durch eine statistische Auswertung der Ergebnisse der Kämpfe herausfand. Gibney liefert auch einen informativen Einblick in die Welt der Sumo-Ringer und ergänzt die statistischen Befunde, die ein Nebenaspekt des Films sind, mit Interviews mit Sumo-Ringern und Journalisten.
Dagegen fallen die anderen Filme deutlich ab. In „Erziehung“ (A Roshanda by Any Other Name) fragt Morgan Spurlock, welche Bedeutung der Vorname für den beruflichen Erfolg hat. Weil er sich die meiste Zeit mit den verschiedenen Vornamen beschäftigt, spricht er die wichtigere Verbindung zwischen Ethnie, Einkommen, Ausbildung und damit verbundenen Chancen nur am Rand an.
In „Ursache und Wirkung“ (It’s Not Always a wonderful Life) versucht Eugene Jarecki zu erklären, warum die Kriminalität in den USA in den Neunzigern sank. Er erklärt das mit der umstrittenen These von Steven Levitt, dass die Legalisierung von Abtreibungen in den Siebzigern dazu führte, dass viele Frauen die Kinder, die sie nicht wollten abtrieben und daher zwanzig Jahre später die potentiellen Verbrecher fehlten.
Auch wenn Levitt im Film seine These energisch verteidigt, wirkt sie doch eher nach einer statistischen Zufälligkeit, wie der Verbindung von Störchen und Kindern.
In „Anreize schaffen“ (Can a Ninth Grader Be Bribed to Succeed?) dokumentieren Rachel Grady und Heidi Ewing ein Experiment an einer Schule in Chicago: die Schulleitung will mit geldwerten Belohnungen die Leistungen seiner Schüler steigern. Grady beobachtet zwei Schüler während des Experiments. Während der Afroamerikaner seine Leistungen deutlich steigern kann, bleiben die Noten des Weißen gleichbleibend schlecht – und wir können darüber spekulieren, warum die ökonomische Theorie, nach der Anreize unsere Handlungen bestimmen, so versagte.
Auch wenn einige Teile des Films zum Nachdenken anregen, ist „Freakonomics“ als spielfilmlanger Dokumentarfilm ein enttäuschendes Sammelsurium.
Freakonomics (Freakonomics, USA 2010)
Regie: Heidi Ewing, Alex Gibney, Seth Gordon, Rachel Grady, Eugene Jarecki, Morgan Spurlock
Drehbuch: Peter Bull, Alex Gibney, Jeremy Chilnick, Morgan Spurlock, Eugene Jarecki,
Heidi Ewing, Rachel Grady, Seth Gordon
LV: Steven D. Levitt/Stephen J. Dubner: Freakonomics: A Rogue Economist Explores the Hidden Side of Everything, 2005 (Freakonomics: Überraschende Antworten auf alltägliche Lebensfragen)
Eigentlich wollte ich „Ganz weit hinten“ (The Way Way Back, USA 2013) und „Draußen ist Sommer“ gemeinsam besprechen. Denn beide Filme spielen im Sommer, haben einen 14-jährigen Protagonisten, der sich mit seinen seltsamen Eltern, die nicht zum Vorbild taugen, herumschlagen muss. Aber jetzt startet „Ganz weit hinten“ erst am 5. Dezember und ich muss die Filme getrennt besprechen.
„Draußen ist Sommer“ beginnt mit einem Einzug einer fünfköpfigen Familie in einem anonymen Vorstadthaus irgendwo in der Schweiz. Sie sind aus Berlin und wollen hier neu anfangen. Denn der Vater hatte – wie wir später fast zufällig erfahren – eine außereheliche Beziehung und der Umzug von Berlin in die Schweiz soll der Familie einen Neustart ermöglichen.
Soweit der Plan. Während der Vater sich in hektische Betriebsamkeit und Anfälle von Vater-Sein stürzt, sucht die Mutter erfolglos eine neue Arbeit, fällt, nachdem sich bei einem Anruf die Anruferin nicht meldet und es deshalb nur die Geliebte von ihrem Ehemann sein kann, in tiefe Depressionen und bleibt im Bett liegen. Inzwischen hat sich der Vater häuslich im Keller eingerichtet. Das jüngste Kind der Familie schweigt. Das Mittlere experimentiert. Und die 14-jährige Wanda übernimmt irgendwie die Mutterrolle, sucht und findet in der Schule neue Freunde und versteht sich ganz gut mit einem seltsamen Nachbarjungen, der sie schließlich vergewaltigen will.
In Friederike Jehns „Draußen ist Sommer“ erschließen sich die Geschichte und die Hintergründe hauptsächlich aus den Bildern, die immer eine unnatürlich-kränkliche Blässe haben und die daher den psychischen Zustand der Charaktere reflektieren. Denn geredet wird eher wenig in ihrem Depri-Film, der den Verfall einer Familie, die wohl schon lange keine Familie mehr ist, ohne große Dramatisierungen, fast protokollarisch zeigt.
Das Beobachten der sich seltsam verhaltenden Menschen, die alle mehr oder weniger seelisch gestört und verhaltensauffällig sind, ist allerdings ungefähr so angenehm wie Zähne-ziehen ohne Betäubung und wirkt wie eine hochgradig hypothetische Versuchsanordnung.
Immerhin betrachtet man sein eigenes Leben nach neunzig Minuten mit dieser wohlstandsverwahrlosten Familie, in der nichts funktioniert und die es auch nie lernte, produktiv mit Problemen umzugehen, mit anderen Augen.
Draußen ist Sommer (Deutschland 2012)
Regie: Friederike Jehn
Drehbuch: Lara Schützsack, Friederike Jahn
mit Maria-Victoria Dragus, Nicolette Krebitz, Wolfram Koch, Audrey von Scheele, Nalu Walder, Philippe Graber, Ella Rumpf
„Erleben Sie im Sommer etwas“, rät Dr. Breuer, der Leiter eines Nobelinternats am Anfang von Charlotte Links „Exit Marrakech“ seinem schriftstellerisch begabten Schüler Ben (Samuel Schneider). Der Siebzehnjährige möchte eigentlich die Sommerferien mit seinen Freunden verbringen, aber er muss die Ferien in Marokko bei seinem Vater Heinrich (Ulrich Tukur) verbringen. Der inszeniert in Marrakech ein Theaterstück, hat deshalb auch keine Zeit seinen Sohn vom Flughafen abzuholen und kümmert sich auch sonst kaum um dieses lästige Anhängsel, das gefälligst die Tage auf ihn wartend und lesend am Hotelpool verbringen soll.
Sam beginnt allein, mit Skateboard und Fotoapparat bewaffnet, Marrakech zu erkunden und in diesen Minuten hat „Exit Marrakech“ ein angenehm unbeschwertes Nouvelle-Vague-Gefühl, das schnell zu einer langatmigen Version des gefürchteten Schulaufsatzes „Wie ich meine Sommerferien verbrachte“ wird.
Denn Ben verknallt sich in die Prostituierte Karima (Hafsia Herzi), folgt ihr in ihr abgelegenes Dorf, wird von seinem Vater gesucht, trampt ohne Karima, die spurlos aus der Geschichte verschwindet, durch das Land, wird von seinem Vater gefunden und gemeinsam machen sie sich auf den Weg zur nächsten Aufführung von Heinrichs Inszenierung. Auf dem Weg wird auch ein pompös aufgeblasener Vater-Sohn-Konflikt verarbeitet.
Denn Ben ist ein Scheidungskind, das mit beiden Elternteilen ziemlich gut auskommt und auch die Eltern verstehen sich ziemlich gut. Seine Mutter, eine Musikerin, ist eine sich ständig, per Telefon, besorgt zu Wort meldende Glucke. Sein Vater hat, als Künstler, immer andere Dinge im Kopf. Er ist inzwischen wieder verheiratet und hat vor vier Jahren ein weiteres Kind bekommen, das Ben jetzt auch endlich kennenlernen soll. Ben hat darauf keine Lust. Das alles muss halt bearbeitet werden. Auch wenn diese Familiengeschichte so undramatisch, so langweilig, so konfliktfrei ist, dass das Interesse an Ben und Heinrich schnell erlahmt in einem Reigen bunter Bilder die vor allem Beweisen, dass ein deutscher Film auch vor exotischer Kulisse ein deutscher Film bleibt.
Exit Marrakech (Deutschland 2013)
Regie: Charlotte Link
Drehbuch: Charlotte Link
mit Samuel Schneider, Ulrich Tukur, Hafsia Herzi, Marie-Lou Sellem, Josef Bierbichler, Clara-Marie Pazzini
Insominia – Schlaflos (USA 2002, R.: Christoper Nolan)
Drehbuch: Hillary Seitz (nach dem Drehbuch von Nikolaj Frobenius für Erik Skjoldbjaergs „Insomnia“)
L.-A.-Cop Will Dormer soll zusammen mit seinem Kollegen in Alaska einen Mordfall aufklären. Dabei kämpft er gegen eine interne Korruptionsermittlung und Fehler, die er während der Ermittlungen begeht – und die ihn erpressbar machen.
Gelungenes US-Remake des norwegischen Thrillers „Todesschlaf“, das zwar nicht den rauen Charme des Originals, aber mit Al Pacino und Robin Williams zwei tolle Gegenspieler hat. Und Alaska bietet auch etwas für das Auge.
„Das mag niemanden überzeugen, dem Kinothriller zu formelhaft sind – aber wer solche Genrespiele mag, bekommt hier ein intensives Beispiel geboten.“ (Thomas Klingenmaier, Stuttgarter Zeitung, 10. Oktober 2002)
Das Drehbuch war für den Edgar Allan Poe Award nominiert.
mit Al Pacino, Robin Williams, Hilary Swank, Maura Tierney, Martin Donovan
Für alle Fans von Orson Scott Cards Science-Fiction-Klassiker „Ender’s Game“, der bei uns als „Enders Spiel“ erschien, ist die Verfilmung die gelungene Mainstream-Variante des Romans, mit den üblichen Veränderungen und Aktualisierungen.
Cards vielschichtiger Roman erschien 1985, eroberte sofort die Herzen der Leser und erhielt den Hugo- und Nebula-Award, zwei prestigeträchtige Science-Fiction-Preise. In seinem Debütroman erzählt er die Geschichte des jungen Ender Wiggins, der in einer Militärschule ausgebildet wird, um der Anführer der Menschheit gegen außerirdische Invasoren, die Krabbler (bzw. Formics oder Schaben), zu werden.
Im Roman ist Ender am Anfang sechs Jahre, am Ende elf Jahre, und das Militär manipuliert ihn und sein Leben schamlos für die große Schlacht. Der Kalte Krieg ist als Subtext der Geschichte offensichtlich; auch in der von Scott 1991 überarbeiteten Fassung. Außerdem hat das Militär wegen des seit Jahrzehnten drohenden Angriffs der Aliens die totale Macht über die Menschen, die gegen den übermächtigen Feind einen fragilen Burgfrieden schlossen.
Der Südafrikaner Gavin Hood, der nach seinem Drehbuch den Film inszenierte, konzentrierte sich auf den Hauptplot des gut fünfhundertseitigen Romans und ließ den im Film zwölfjährigen Ender von dem 1997 geborenen Asa Butterfield („Hugo Cabret“) spielen. So werden aus den Kindersoldaten des Romans sehr junge Erwachsene, die kaum jünger als die Soldaten in westlichen Demokratien sind, die in Auslandseinsätzen die Demokratie verteidigen dürfen. Diese Änderung, die aus filmischer Sicht absolut nachvollziehbar ist, verharmlost allerdings auch die inhumanen Taten der Erwachsenen ungemein. Davon abgesehen ist Ender im Film, wie im Buch, der jüngste und talentierteste Soldat in der Raumstation. Er ist ein geborener Führer und überragender Stratege.
Hood, der mit „Tsotsi“ und „Machtlos“ explizit politische Filme drehte, lässt in seinem neuen Film den politischen Hintergrund des Kalten Krieges weg, ohne ihn durch einen offenkundigen anderen politischen Hintergrund zu ersetzen. Beispielsweise und durchaus möglich als zeitgemäßes Update von Cards Roman wären das Kindersoldaten in Afrika, die gesellschaftliche Situation in Südafrika, der Kampf des Westens gegen den islamistischen Terrorismus oder der Einsatz von Drohnen, die aus weitab vom Kampfgebiet liegenden Einsatzzentralen gesteuert werden. So wird die Geschichte von „Enders Spiel“ zu einem Science-Fiction-Abenteuerfilm, in dem die militärische Ausbildung ein tolles Abenteuer mit harten, aber gerechten Ausbildern ist und Freundschaften fürs Leben geschlossen werden. Für den Film wurde Enders große Prüfung, die im Buch nur knappe sechs Seiten umfasst, erweitert, ohne – weil Ender den Kampf an einem Computerdisplay dirigiert – besonders packend zu sein. Es sind einfach Raumschiffe, die gegen andere Raumschiffe kämpfen – und weil wir weder die menschliche Besatzung noch die schabenartigen Gegner kennen oder sehen, können wir nur die Leistung des Feldherrn bewundern, der bedenkenlos Raumschiffe für das Kriegsziel opfert. Allerdings verwendet Hood wesentlich weniger Zeit als Card auf das Erklären der verschiedenen taktischen Züge in den von Ender gewonnenen Spielen, die als Teil von Enders detailliert geschilderter Ausbildung natürlich wichtig sind, um sein Feldherrentalent zu begreifen.
Im Film rückt dagegen die fast schon freundschaftliche Beziehung von Ender zu seinen Ausbildern Oberst Hyrum Graff (Harrison Ford) und Mazer Rackham (Ben Kingsley) und zu den anderen Soldaten stärker in den Mittelpunkt. So ist Enders rechte Hand Bean (Aramis Knight; seine Geschichte erzählt Orson Scott Card in „Enders Schatten“) von Anfang an in Enders Truppe. Das und auch die anderen Veränderungen gegenüber dem Roman sind alles kluge Entscheidungen, die der Filmgeschichte dienen.
Die im Buch gestellten moralischen Fragen, vor allem natürlich ob der Zweck die Mittel heiligt, sind immer noch vorhanden und so regt der Science-Fiction-Film „Ender’s Game“ auch zum Nachdenken an. Obwohl die moralischen Fragen und politischen Ansichten des Romans für ein weltweites Publikum so lange weichgespült wurden, bis sie in einem politischen Vakuum spielen.
Ender’s Game – Das große Spiel (Ender’s Game, USA 2013)
Regie: Gavin Hood
Drehbuch: Gavin Hood
LV: Orson Scott Card: Ender’s Game, 1985 (Das große Spiel, Enders Spiel)
mit Asa Butterfield, Harrison Ford, Ben Kingsley, Abigail Breslin, Hailee Steinfeld, Moises Arias, Viola Davis, Nonso Anozie, Aramis Knight
Länge: 114 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
–
Die Vorlage
Orson Scott Card: Enders Spiel
(übersetzt von Karl-Ulrich Burgdorf)
Heyne, 2012
464 Seiten
8,99 Euro
–
Originalausgabe
Ender’s Game
Tor, 1985
(1991 erschien eine vom Autor leicht überarbeitete Ausgabe)
–
Frühere deutsche Ausgaben als „Das große Spiel“ und, als Doppelband mit dem zweiten Ender-Roman, als „Ender“.
Ulf (Benno Fürmann) ist ein bindungsscheuer Single, Starmoderator bei Hanse TV, einem Sender, der TV Berlin in einem wirklich hellem Licht strahlen lässt, und ziemlich glücklich. Auch wenn die letzte Live-Sendung nicht gut lief, weil ein Gast eine Giftschlange dabei hatte und diese vor laufender Kamera entkommen konnte, und seine Freundin Anni (Jördis Triebel) ihn nach drei Jahren verlässt, weil in seiner Wohnung nichts von ihr ist. Dass sie auch schwanger ist, erfahren wir erst später.
In diesem Moment liefert eine Mitarbeiterin vom Jugendamt seinen Neffen Aaron (Louis Hofmann, 1997 geboren) bei ihm ab. Er hat Aaron seit dessen Geburt einmal vor einer Ewigkeit gesehen und Aarons Mutter, seine Halbschwester, hat er ebenfalls seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Aber der dickköpfig-renitente Aaron will, weil es so im Drehbuch steht, unbedingt bei seinem Onkel bleiben.
Und wir können uns jetzt die weitere Geschichte denken. Sie verläuft, weitgehend humorfrei und vollkommen überraschungsfrei als schmalziges Melodrama in den bekannten Bahnen.
Von Regisseurin Vanessa Jopp hätte man, nach „Vergiss Amerika“ und „Engel & Joe“ mehr als eine 08/15-Beziehungskomödie mit durchaus fein beobachteten Szenen und einem Kind, das zwischen nervig und autistisch schwankt, erwarten können.
Für Drehbuchautorin Jane Ainscough liegt „Der fast perfekte Mann“ nach „Wo ist Fred?“, „Hanni & Nanni“, Hanni & Nanni 2“ und, demnächst „Eltern“ vollkommen ihm Rahmen ihres bisherigen Schaffens: Filme, die harmloser als harmlos sind und mit aktuellen Problemen, der Realität, nichts zu tun haben.
Und so ist „Der fast perfekte Mann“ einfach nur das Update einer Fünfziger-Jahre-Schmonzette mit einer ähnlich biederen, das traute Familienleben verklärenden Moral.
Verzichtbar.
Der fast perfekte Mann (Deutschland 2013)
Regie: Vanessa Jopp
Drehbuch: Jane Ainscough
mit Benno Fürmann, Louis Hofmann, Jördis Triebel, Maria Happel, Ross Antony, Harald Schrott, Uwe Bohm
Das Gespenst (Deutschland 1982, R.: Herbert Achternbusch)
Drehbuch: Herbert Achternbusch
TV-Premiere eines Films, der damals einen ziemlichen Skandal auslöste und, im Rückblick, mit dem Tod von Rainer Werner Fassbinder das Ende des Jungen Deutschen Films bedeutete. Herbert Achternbusch erzählt gewohnt brachial-grotesk eine ziemlich blasphemische Geschichte über einen Jesus, der durch das damalige Bayern wandelt – und er fragt auch danach, was in der heutigen Gesellschaft der christliche Glaube bedeutet und wie sehr er in der Amtskirche aufgehoben ist.
„hinter dem Film [wird] als ganzem eine Verzweiflung deutlich, die ernst zu nehmen ist, die fragt, wie weit die Kirche (…) zum gegenwärtigen furchterregenden Zustand der Welt beigetragen hat. Jeder angemaßten Ordnung, auch der kirchlichen, hält Achternbusch das wilde Denken des Surrealismus, in dessen Tradition er steht, und die tatsächlichen Bedürfnisse des Menschen, z. B. nach Liebe, entgegen.“ (Fischer Film Almanach 1984)
Und damit ist „Das Gespenst“ heute noch wichtiger als vor dreißig Jahren.
Zum Skandal wurde der Film, weil Innenminister Friedrich Zimmermann (CSU), der sich in seinem religiösen Gefühl beleidigt fühlte, Achternbusch damals die letzte Rate der zugesagten Fördergelder verweigerte und damit eine Diskussion über die Freiheit der Kunst auslöste.
Der Filmverleiher wurde wegen der Beleidigung eines Religionsbekenntnisses angeklagt. Das Verfahren wurde eingestellt. Kinobesitzer, vor allem in Süddeutschland und auf dem Land, die den Film zeigen wollten, wurden bedroht.
Ach ja: damals war der Film „frei ab 18 Jahre“ (in zweiter Instanz) und gehörte mit über 140.000 Besuchern zu den bestbesuchten Deutschen Filmen des Kinojahres. Für die DVD-Veröffentlichung wurde „Das Gespenst“ neu geprüft und jetzt ist er „frei ab 12 Jahre“. Wie sich die Zeiten ändern…
mit Herbert Achternbusch, Annamirl Bierbichler, Kurt Raab, Dietmar Schneider
Im August 1945 betraut General Douglas MacArthur (Tommy Lee Jones) den japanfreundlichen General Bonner Fellers (Matthew Fox) mit einer wichtigen Mission. Innerhalb von zehn Tagen soll Fellers herausfinden, ob der Gottkaiser von Japan vom Angriff auf Pearl Harbor wusste, vielleicht sogar den Befehl dazu gab und deshalb als Kriegsverbrecher angeklagt werden soll. Fellers beginnt in dem vom Krieg zerstörten Tokio nach Beweisen zu suchen. Dafür muss er vor allem das Vertrauen von Vertrauten des hermetisch abgeschirmten Kaisers erhalten.
Gleichzeitig könnte der Kaiser, der die Kapitulation von Japan verkündete und so eine friedlichen Besatzung der Insel durch die USA erlaubte, auch die entscheidende Stimme für den Weg zu einem friedlichen Japan sein.
Außerdem sucht Fellers nach seiner Jugendliebe, der Japanerin Aya.
Ein bekannter Regisseur – Peter Webber, der „Hannibal Rising“ und „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ inszenierte -, eine gute Besetzung (Tommy Lee Jones und „Lost“-Star Matthew Fox auf der Suche nach einer Filmkarriere), gute Arbeit von Kamera und Ausstattung und trotzdem lief das historische Drama „Emperor“ nicht in den deutschen Kinos, weil das Drehbuch von Vera Blasi und David Klass einfach viel zu wenig aus dem historischen Stoff macht. Die Liebesgeschichte zwischen Fellers und Aya präsentiert die bekannten Japan-Klischee und ist letztendlich nur eine in Rückblenden über den halben Film gezogene Hintergrundgeschichte, die erklärt, warum Fellers so verliebt in Japan ist und, im Gegensatz zu seinen wegen Pearl Harbor nach Rache dürstenden Mitsoldaten, so verständnisvoll für die Japaner ist.
Die Ermittlungen von Fellers konzentrieren sich auf Befragungen von Japanern, deren Gesprächsergebnisse ständig zusammengefasst werden, was dazu führt, dass man auch die unwichtigsten Fakten mindestens zweimal innerhalb weniger Minuten präsentiert bekommt und sich die Geschichte ziemlich schnell endlos hinzieht.
Das Bonusmaterial ist nicht überwältigend, aber solide. Das „Making of“ liefert einen Einblick in die Dreharbeiten, in den „Interviews“ sind die ersten drei, mit Peter Webber, Matthew Fox und Tommy Lee Jones, die interessantesten. Dummerweise werden die Interviewpartner nicht namentlich genannt und nicht alle tauchen im „Making of“ auf. Die „Deleted Scenes“ hätte ich in diesem Fall, weil sie vor allem mehr über Fellers erzählen, im Film gelassen.
Emperor – Kampf um den Frieden (Emperor, USA 2012)
Regie: Peter Webber
Drehbuch: Vera Blasi, David Klass
LV: Shiro Okamoto: His Majesty’s Salvation
mit Matthew Fox, Tommy Lee Jones, Eriko Hatsune, Toshiyuki Nishida, Masayoshi Haneda, Kaori Momoi, Colin Moy, Takatarô Kataoka
Homo Faber (Deutschland/Frankreich/Griechenland 1991, R.: Volker Schlöndorff)
Drehbuch: Volker Schlöndorff, Rudy Wurlitzer
LV: Max Frisch: Homo Faber, 1957
Der Ingenieur Faber, der nur an Zahlen und Statistiken, aber nicht an den Zufall glaubt, begegnet der zwanzigjährigen Sabeth und er verliebt sich in die junge Frau, die ihn an seine Ex Hanna erinnert.
„‚Homo Faber‘ ist einer der leisesten und subtilsten Filme Volker Schlöndorffs. Ganz ohne Zweifel ist es sein persönlichster, womöglich gar der einzige, in dem er der Emotionalität des Personals und deren Geschichte kompromisslos nachgeht, ohne Wenn und Aber.“ (Thilo Wydra: Volker Schlöndorff und seine Filme, 1998)
In Deutschland sahen 1,5 Millionen Menschen den Film im Kino.
Eine echte Begeisterung für den kühlen Zahlenmenschen und seine Probleme kam bei mir damals im Kino nicht auf.
mit Sam Shepard, Julie Delpy, Barbara Sukowa, Dieter Kirchlechner, Tracy Lind, Deborah-Lee Furness, August Zirner, Thomas Heinze
Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Catherine Deneuve!
3sat, 20.15
Meine liebste Jahreszeit (Frankreich 1993, R.: André Techiné)
Drehbuch: André Techiné, Pascal Bonitzer
An Weihnachten kommt eine Familie, die sich lange nicht mehr gesehen hat, zusammen und alte Konflikte brechen auf. Und das ist noch nicht das Ende der Geschichte.
Das klingt jetzt nicht besonders aufregend, aber bei André Techiné entsteht daraus ein sehenswertes Stück Kino, das damals in den wichtigen Kategorien (Bester Film, Regie, Drehbuch, Hauptdarsteller, Hauptdarstellerin) für den Cesar nominiert war.
„Eine Fülle kompliziert verstrickter Themen, die Téchiné in einer einfachen und lebensnah inszenierten Geschichte zusammenführt. Überzeugend ist vor allem das Zusammenspiel von Catherine Deneuve, Daniel Auteuil und Martha Villalonga.“ (Fischer Film Almanach 1995)
mit Catherine Deneuve, Daniel Auteuil, Marthe Villalonga, Carmen Chaplin
Da haben die Hinterwäldler, dieses Mal eine Gruppe, familiär miteinander verbundener Verbrecher mit Kleinstadt-Rockerattitüde (was sie in ihrer Dummheit noch gefährlicher macht), einen wirklich eine dummen Fehler begangen. Denn das junge Pärchen, das sie sich geschnappt haben, ist nicht ohne. Sie bringt sich, als sie ihren Göttergatten erpressen wollen, gleich selbst um, indem sie ihre Kehle in das Messer rammt und blutig stirbt. In seinem Auto entdecken sie, versteckt im Kofferraum, eine zweite Frau, die vor einigen Monaten spurlos verschwand. Ihre Familie hat eine hohe Belohnung auf Informationen über ihre blonde Tochter ausgesetzt. Die Hinterwäldlersippe glaubt, den Jackpot gewonnen zu haben, bis sie erfahren, dass ihr Gefangener, der im Film nur „Fahrer“ (Driver) genannt wird, sich befreien konnte, dabei gleich ein Familienmitglied blutig tötete und jetzt ihre einsam gelegene Hütte belagert mit dem Ziel, den Filmtitel „No one lives“ blutig umzusetzen.
Autor David Cohen nennt seine Geschichte einen „genre bending Slasher-Film“, weil für uns der Fahrer (aka der Slasher) der Protagonist sei und wir ihm die Daumen drückten. Das stimmt auch; irgendwie. Denn er ist, gespielt von Luke Evans (zuletzt „Fast & Furious 6“, demnächst „Der Hobbit: Snaugs Einöde“) als Bruce-Campbell-Lookalike, wirklich noch die sympathischste Figur in dieser Ansammlung von Verbrechern. Auch sein Opfer Emma (Adelaide Clemens) kommt nicht besonders gut weg, weil sie sich auf die Rolle der Wissenden zurückzieht, die einfach schicksalergeben bis zum Ende passiv abwartet. Sie ist das blonde Äquivalent zu einer Tasche voller Geld und entsprechend nützlich.
Bis Emma im Kofferraum entdeckt wird, haben alle Charaktere sich so seltsam verhalten und auch unbeholfen gespielt, dass sie alle den Weg in die Annalen des Schlechten Schauspiels, aber nicht in unsere Herzen finden.
Im Nachhinein war das natürlich der nicht gelungene Versuch von „Midnight Meat Train“-Regisseur Ryûhei Kitamura, eine unheimliche Atmosphäre zu kreieren und zu zeigen, dass vor allem das nette, durchreisende Pärchen nicht das ist, was es behauptet.
Aber auch wenn der Fahrer dann die Gangster belagert, interessieren wir uns für die Hinterwäldler nur als Schlachtvieh für den quasi unverwundbaren Fahrer.
Letztendlich ist „No one lives“ nur ein Abschlachten von ziemlich unsympathischen Charakteren, das nur aufgrund seiner Länge nicht langweilt. Denn bereits nach 73 Minuten ist die Geschichte zu Ende; danach gibt es noch einen achtminütigen Abspann.
Das Bonusmaterial wirkt auf den ersten Blick pompöser als es ist. Die zwölf Interviews mit den Schauspielern, dem Regisseur, dem Autor und den Produzenten sind kurze, meist banale Statements, die in wenigen Minuten gesehen sind. Dann gibt es noch eine B-Roll und den Trailer in der deutschen und englischen Fassung.