DVD-Kritik: Über Margarethe von Trottas „Hannah Arendt“

Oktober 14, 2013

 

Der Film startete schon im Januar in den Kinos und hier in Berlin läuft „Hannah Arendt“ derzeit immer noch in zwei Kinos. Das gelingt nur wenigen Filmen.

Die gut ausgestattete DVD erschien erst jetzt und für alle, die meine damalige Besprechung nicht gelesen haben, mache ich jetzt einen Repost.

Danach gibt es einige Anmerkungen dazu und ich beschäftige mich mit dem Bonusmaterial.

Die Filmkritik

Hannah Arendt.

Große Philosophin.

Hat „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ und „Eichmann in Jerusalem – Ein Bericht über die Banalität des Bösen“ geschrieben.

Und wenn Ihr Wissen über Hannah Arendt ungefähr jetzt erschöpft ist, dürfte es ihnen wie mir gehen.

Aber das ist auch keine schlechte Ausgangsposition, um sich Margarethe von Trottas neuen Film anzusehen, der ganz banal „Hannah Arendt“ heißt und vier Jahre aus ihrem Leben als reife Frau erzählt. Es sind die Jahre, in denen die damals hochgeachtete Philosophin in New York lebte, am Brooklyn College in New York lehrte, einen Kreis teils deutschstämmiger Intellektueller um sich gescharrt hatte (entsprechend flüssig wechseln sie in ihren Gesprächen die Sprachen) und sich normalerweise an ihr Alterswerk gemacht hätte, wenn nicht der Mossad 1960 Adolf Eichmann in Argentinien gefangen genommen hätte und der noch junge Staat Israel ihn vor Gericht stellen wollte. Nur vor welches? Eine internationale Gerichtsbarkeit, wie wir sie heute kennen, gab es noch nicht und Deutschland hatte an so einem Prozess überhaupt kein Interesse. Also wurde Eichmann in Jerusalem vor ein Gericht gestellt und die am 14. Oktober 1906 geborene, 1933 nach kurzer Inhaftierung aus Deutschland geflüchtete Jüdin Hannah Arendt, die bis dahin gut in ihren philosophischen Gedankengebäuden lebte, wollte in Israel den Prozess beobachten und darüber schreiben.

Margarethe von Trotta zeigt in ihrem fantastischen Film die Konfrontation der Denkerin mit dem Bürokraten und welche Folgen das für ihr Denken hatte. Dabei bleibt sie anscheinend immer sehr nahe bei den Fakten und dem damaligen Wissen. Denn neuere Forschungen über Eichmann zeichnen ein anderes Bild von ihm. Jedenfalls wollte Eichmann vor Gericht für sein Handeln keine Verantwortung übernehmen. Er habe schließlich nur Befehle befolgt. Und das sagte der unscheinbar-ungelenkte Bürokrat in ebenso bürokratischen und grammatikalisch haarsträubenden Sätzen. Dieser Unterschied zwischen monströsen Taten und unscheinbarer Person brachte Arendt auf ihren weltberühmten Begriff „die Banalität des Bösen“. In der mit zweijähriger Verspätung erschienenen Artikelserie „Eichmann in Jerusalem“ für den „The New Yorker“ und dem darauf basierendem Buch weigerte sie sich, Eichmann, wie man es von ihr erwartet hatte, zu dämonisieren. Stattdessen beschrieb sie ihn, wie sie ihn während des Prozesses erlebte und griff auch die Rolle der Judenräte an.

Sie erhielt hasserfüllte Briefe, wurde von anderen Juden angegriffen und auch Freunde wanden sich von ihr ab. Von Trottas Film endet mit einer Rechtfertigungsrede von Hannah Arendt in einem überfüllten Hörsaal, die gerade in ihrer Sprödigkeit und intellektuellen Schärfe, wie der gesamte Film, beeindruckt.

Die Regisseurin, die vor allem für ihre Porträts starker Frauen, wie „Rosa Luxemburg“, bekannt ist, zeigt Hannah Arendt (glänzend gespielt von Barbara Sukowa) als kantige, teils harsche, immer scharfsinnige Denkerin, die Spaß am intellektuellen Diskurs hatte, heftig streiten konnte und dabei niemals ihre Freundschaften vergaß. So endet mehr als ein lautstarker Disput mit einem „So, und jetzt ist gut. Lasst uns einen Tee trinken!“ und einem kleinmädchenhaftem Lachen.

Sie stand für ihre Überzeugungen, verteidigte sie, hörte aber auch den anderen zu und war bereit ihre Meinung zu ändern, weil sie verstehen und nicht verurteilen wollte. – Und gerade hier zeigt sich in ihrem Charakter und in ihrer fast ein halbes Jahrhundert zurückliegenden Auseinandersetzung über ihre Texte über Eichmann (zuerst die Zeitungsartikel, später das Buch) die Aktualität des Films, der fragt, ob wir selbst denken wollen, ob wir für unsere Überzeugungen kämpfen wollen und wie wichtig uns Freundschaften sind.

Dabei ist „Hannah Arendt“ kein in blinder Ehrfurcht erstarrendes Heldinnenporträt, sondern ein mitreisendes Stück Kino, das auch einen Einblick in die damalige Ostküsten-Intellektuellenszene und das damalige Denken liefert, mit scharfzüngigen Dialogen, die, aufgrund des Themas und der Charaktere, in Richtung Thesentheater gehen. Denn wenn der „Tribe“, wie der Intellektuellenzirkel, der sich regelmäßig in Hannah Arendts Wohnung traf, miteinander stritt, dann stritten einige der größten Denker des Jahrhunderts miteinander.

Beim zweiten Ansehen fällt mir auf, wie kunstvoll Margarethe von Trotta und ihre Kamerafrau Caroline Champetier (zuletzt „Holy Motors“, „Von Menschen und Göttern“ und „Eine fatale Entscheidung“) das Cinemascope-Format ausnutzen und wie viele Einstellungen sie in der Halbtotale drehen, die natürlich für die große Leinwand gut geeignet ist, ein Gefühl des Raums vermittelt und auch oft mehrere Schauspieler miteinander interagieren lässt. Das ist nicht das banale „Totale“ damit wir wissen, wo die Szene spielt und dann ein Schnitt-Gegenschnitt von Gesichtern. „Hannah Arendt“ ist für die große Leinwand gemacht.

Seit dem Kinostart erhielt der Film beim Deutschen Filmpreis die Auszeichnung „Bester Spielfilm in Silber“ und Barbara Sukowa wurde als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet. Nominiert waren außerdem die Regie, das Drehbuch, die Maske und die Kostüme. Außerdem erhielt „Hannah Arendt“ den diesjährigen Gilde-Filmpreis als bester Film.

Und bei Rotten Tomatoes ist „Hannah Arendt“ mit einem Frischegrad von 88 Prozent ihr am höchsten bewerteter Film; – wobei Rotten Tomatoes bei nicht-englischsprachigen Filmen nicht besonders aussagekräftig ist und bei älteren Filmen die Bewertung eher der heutigen als der damaligen Bewertung entspricht, weil oft zeitgenössische Bewertungen und nicht-englischsprachige Besprechungen in der Datenbank fehlen. So gibt es für „Das zweite Erwachen der Christa Klages“, „Die bleierne Zeit“ und „Rosa Luxemburg“, weil es nicht genug Kritiken gibt, keine Frischegrade.

Das Bonusmaterial

Auf den ersten Blick sieht das Bonusmaterial nach dem Üblichen aus: Geschnittene Szenen, Hinter den Kulissen, zwei Clips von Premieren und ein Audiokommentar. Es ist aber mehr. Vor allem der Audiokommentar – ein informatives Gespräch zwischen Filmjournalist Robert Fischer und Regisseurin Margathe von Trotta – ist grandios. Hier zeigt sich wieder einmal, dass es eine gute Idee ist, dem Regisseur einen Gesprächspartner an die Hand zu geben. Fischer und von Trotta gehen in ihrem Kommentar, immer wieder ausgehend von den Bildern, aber nicht an ihnen festklebend, vor allem auf die realen Hintergründe und die Dreharbeiten ein. Sie erzählt auch ein wenig von den Reaktionen auf den Film. Hier war sicher der Abstand zwischen Film- und DVD-Premiere hilfreich.

Das „Behind the Scenes“ ist ein Etikettenschwindel. Denn es ist ein fundiertes, informatives und sehr journalistisches halbstündiges „Making of“, das uns fast vollständig von den üblichen „Making of“-Lobhuddeleien verschont, was sicher auch daran liegt, dass vor allem von Trotta und ihre Drehbuchautorn Pamela Katz reden.

Die beiden Premierenberichte „Premiere in Essen“ und „Premiere in Stuttgart“ sind vor allem werblich-unkritische Premierenberichte. Immerhin gibt es bei der „Premiere in Stuttgart“ längere Szenen aus Margarethe von Trottas und Winfried Kretschmanns Gespräch mit dem Publikum.

Die „Deleted Scenes“ bestehen aus einem gestrichenen Szene über einen Verkehrsunfall, den Hannah Arendt hatte, der für die Geschichte des Films nicht wirklich nötig war und der deshalb zu Recht gestrichen wurde.

Oh, und es gibt den Trailer.

Hannah Arendt - DVD-Cover

Hannah Arendt (Deutschland 2012)

Regie: Margarethe von Trotta

Drehbuch: Pamela Katz, Margarethe von Trotta

mit Barbara Sukowa, Axel Milberg, Janet McTeer, Julia Jentsch, Ulrich Noethen, Michael Degen, Victoria Trauttmansdorff, Klaus Pohl, Nicholas Woodeson

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DVD

NFP/EuroVideo

Bild: 16:9 (2.35:1)

Ton: Deutsch, Englisch (genaugenommen Deutsch und Englisch durcheinander)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Deleted Scenes, Behind the Scenes, Premiere in Essen, Premiere in Essen, Trailer, Audiokommentar, Hörfilmfassung für Blinde, Booklet

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

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Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Hannah Arendt“

Rotten Tomatoes über „Hannah Arendt“

Wikipedia über „Hannah Arendt“

 

 


TV-Tipp für den 14. Oktober: Die Katze

Oktober 14, 2013

 

Arte, 20.15

Die Katze (F/I 1971, R.: Pierre Granier-Deferre)

Drehbuch: Pierre Granier-Deferre, Pascal Jardin

LV: Georges Simenon: Le chat, 1966 (Der Kater; Die Katze)

Clémence Bouin will ihren gleichgültigen Mann Julien an sich binden. Der Versuch endet in einer Tragödie.

Schonungslose, Mitleid erweckende Eheträgodie; ausgezeichnet mit dem Silbernen Bären.

Im Anschluss läuft „Erinnerungen an Simone“ (Frankreich 1986) von Chris Marker.

Mit Jean Gabin, Simone Signoret

Wiederholungen

Montag, 21. Oktober, 13.55 Uhr

Dienstag, 5. November, 00.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Arte über „Die Katze“

Wikipedia über „Die Katze“ (deutsch, englisch, französisch)

Deutsche Georges-Simenon-Fanseite

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers Georges-Simenon-Verfilmung „Der Uhrmacher von St. Paul“ (L’horloger de Saint-Paul, Frankreich 1974)


TV-Tipp für den 13. Oktober: Blitz

Oktober 13, 2013

Pro7, 22.45

Blitz (GB 2011, R.: Elliott Lester)

Drehbuch: Nathan Parker

LV: Ken Bruen: Blitz or Brant Hits the Blues, 2002

London: Detective Sergeant Brant jagt einen Polizistenmörder und kümmert sich dabei wenig um Recht und Gesetz.

Harter Copfilm nach einem harten Polizeiroman von Ken Bruen, dem Erfinder von Jack Taylor. Seine sieben „Inspector Brant“-Romane sind bis jetzt noch nicht übersetzt.

Wahrscheinlich wird eine gekürzte Fassung gezeigt.

mit Jason Statham, Paddy Considine, Aidan Gillen, David Morrisey, Luke Evans

Wiederholung: Montag, 14. Oktober, 02.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Blitz“

Wikipedia über „Blitz“ (deutsch, englisch)

Homepage von Ken Bruen

Meine Besprechung von Ken Bruens Jack-Taylor-Privatdetektivromanen

Meine Besprechung von Ken Bruens „Jack Taylor fliegt raus“ (The Guards, 2001)

Meine Besprechung von Ken Bruens „Jack Taylor liegt falsch“ (The Killing of the Tinkers, 2002)

Meine Besprechung von Ken Bruens „Sanctuary“ (2008)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Flop“ (Bust, 2006)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Crack“ (Slide, 2007)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Attica“ (The MAX, 2008)

Mein Porträt von Ken Bruen und Jason Starr in „Alligatorpapiere [Print] – Magazin für Kriminalliteratur – No. 2/2010“

Meine Besprechung von William Monahans Ken-Bruen-Verfilmung “London Boulevard” (London Boulevard, USA/GB 2010)

Ken Bruen in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 12. Oktober: Die Akte Odessa

Oktober 12, 2013

Selten gezeigt

ARD, 00.30

Die Akte Odessa (GB/D 1974, R.: Ronald Neame)

Drehbuch: Kenneth Ross, George Markstein

LV: Frederick Forsyth: The O. D. E. S. S. A. File, 1972 (Die Akte Odessa)

Ein Reporter will einem Nazi-Geheimbund auf die Spur kommen.

Durchaus spannender Polit-Thriller, der niemals die Regeln des Genres sprengt, einen Hang zur Kolportage hat und aus heutiger Sicht mit viel Lokalkolorit aufwarten kann (Deutschland vor gut vierzig Jahren).

Mit Jon Voight, Maximilian Schell, Maria Schell, Klaus Löwitsch, Towje Kleiner

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Die Akte Odessa“

Wikipedia über „Die Akte Odessa“ (deutsch, englisch)

Wikipedia über Frederick Forsyth

Krimi-Couch über Frederick Forsyth

Wired for Books: Interview mit Frederick Forsyth (1984)

NZZ Folio: Frederick-Forsyth-Porträt (11/1992)

FAZ: Frederick Forsyth zum Siebzigsten (25. August 2008)

Focus: Frederick Forsyth zum Siebzigsten (25. August 2008)

Frederick-Forsyth-Fanseite


TV-Tipp für den 11. Oktober: Der Schrei der Eule

Oktober 11, 2013

3sat, 22.35

Der Schrei der Eule (D/F/GB/Kan 2009, R.: Jamie Thraves)

Drehbuch: Jamie Thraves

LV: Patricia Highsmith: The Cry of the Owl, 1962 (Der Schrei der Eule)

Robert beobachtet nachts heimlich die schöne Jenny. Sie verliebt sich in ihn und verlässt ihren Verlobten Greg. Als Greg nach einer Schlägerei spurlos verschwindet, wird Robert des Mordes verdächtigt.

Bereits Claude Chabrol und Tom Toelle verfilmten 1987 den Krimi. Beide Verfilmungen ähneln sich sehr und sind, wenn man die Prämisse akzeptiert, auch gelungen. Inzwischen ist Toelles Film, weil er nie im TV läuft und auch nicht auf DVD erschienen ist, fast vergessen.

Die dritte Verfilmung des Romans ist auch gelungen, obwohl sie sich kaum von den vorherigen unterscheidet, und inzwischen dürfte sie auch die bekannteste Verfilmung des Highsmith-Romans sein.

mit Paddy Considine, Julia Stiles

Wiederholung: Sonntag, 13. Oktober, 02.35 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Wikipedia über Patricia Highsmith (deutsch, englisch)

Times: The 50 Greatest Crime Writers No 1: Patricia Highsmith

Kaliber .38 über Patricia Highsmith (Bibliographie)

Krimi-Couch über Patricia Highsmith

Kirjasto über Patricia Highsmith

Wired for Books: Don Swain redet mit Patricia Highsmith (1987)

Gerald Peary redet mit Patricia Highsmith (Sight and Sound – Frühling 1988 )


Neu im Kino/Filmkritik: Der neue Helge-Schneider-Spaß „00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse“

Oktober 10, 2013

 

Wer heute in einen Helge-Schneider-Film geht und dabei einen normalen Film erwartet, hat die letzten zwanzig Jahre wahrscheinlich in einer Höhle verbracht und hat auch niemals den 1986er Kultfilm „Johnny Flash“ von Werner Nekes mit ihm als Hauptdarsteller gesehen.

Schon mit seinem ersten Spielfilm, dem Anti-Western „Texas – Doc Snyder rettet die Welt“ (1993), pervertierte er alle Erwartungen, die man an einen Western oder eine Westernkomödie haben kann. Der Film war ein Überraschungshit im Kino, es gab ausverkaufte Kinovorstellungen vor studentischem Publikum, den Hit „Katzenklo“, Helge wurde zum Star und spielte plötzlich in großen Sälen vor einem Publikum, das seinen Anti-Humor nicht verstand und einfach von der ersten bis zur letzten Minute lachte.

Zwei Jahre später folgte „00 Schneider – Jagd auf Nihil Baxter“, ein gelungener Anti-Edgar-Wallace-Sechziger-Jahre-Trash-Krimi und der Rest ist Geschichte. Wobei Helge Schneider in den vergangenen Jahren, nach seinem bislang letzten Film „Jazzclub – Der frühe Vogel fängt den Wurm“ 2004, vor allem als Romanautor und Musiker mit einer verdammt guten Jazzband jazzte.

Etliche seiner Bandkollegen spielen auch in seinem neuesten Film „00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse“ mit und sie hatten sicher ihren Spaß bei den improvisierten Dreharbeiten zu diesem überall ausfransendem Werk, das noch nicht einmal rudimentär von einer Story zusammengehalten wird. Denn die Jagd von 00 Schneider nach dem gefährlichen Verbrecher Jean-Claude Pillemann, der wegen seiner seltsamen Bewegungen und seiner ätzenden Spucke „Die Eidechse“ genannt wird, nimmt nur einige Szenen ein neben den zahlreichen anderen Geschichten und Episoden, die mal mehr, mal weniger gelungen sind, aber zu nichts führen. Nicht nach den konventionellen dramaturgischen Regeln, aber auch nicht nach dem ständigen Verweigern dieser Regeln.

Wenn „00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse“ eine Free-Jazz-Improvisation wäre, wäre es eine, in der die Musiker sich irgendwann hoffnungslos auseinanderbewegen und irgendwann aufhören, weil ihnen die Luft ausgeht. Die Ideen sind ihnen schon vorher ausgegangen und vieles, was witzig gemeint ist oder witzig sein könnte, ist es dann doch nicht, weil die Szene einfach zu lange dauert (zum Beispiel beim Zahnarzt) oder nicht konsequent geplant wurde (zum Beispiel 00 Schneiders Interview zu seinen Memoiren in seiner Wohnung) oder es einfach nicht witzig ist (zum Beispiel 00 Schneiders falsche Tante aus Amerika, die von einem Mann gespielt wird) oder aus dem Set-Up nichts gemacht wird (zum Beispiel der im Polizeirevier abgestellte Koffer oder der Staubsaugervertreter oder der Verkehrspolizist).

Immer bleibt der Eindruck, dass Helge Schneider mit seinem Team mehr aus der Geschichte hätte herausholen können. So ist „00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse“, gemessen am Helge-Schneider-Standard, ein enttäuschendes Werk, das nie die Qualität seines ersten „00 Schneider“-Films erreicht. Dafür ist der Anti-Film, der natürlich auch keine Krimi-Parodie sein will, einfach zu unkonzentriert und zu selbstgenügsam.

Da helfen auch keine pathetischen Spaghetti-Western-Anklänge, Eddie-Constantine-Handkanten, eine Tatortbesichtigung, die die Bestohlene mehr schädigt als der vorherige Diebstahl oder ein Undercovereinsatz von Kommissar 00 Schneider als Straßenprostituierte.

00 Schneider - Im Wendekreis der Eidechse - Plakat

00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse (Deutschland 2013)

Regie: Helge Schneider, Andrea Schumacher (Co-Regie)

Drehbuch: Helge Schneider, Andrea Schumacher, Pete York (Mitarbeit Buch), Bodo Österling (Mitarbeit Buch)

mit Helge Schneider, Tyree Glenn Jr., Rocko Schamoni, Peter Thoms, Willy Ketzer, Rudi Olbricht, Ira Coleman, Salvatore Bonarrigo, Pete York

Länge: 96 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

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Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse“

Moviepilot über „00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse“

Wikipedia über „00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse“

Homepage von Helge Schneider

Helge Schneider in der Kriminalakte

 

 


Neu im Kino/Filmkritik: „Der Butler“ dient im Weißen Haus

Oktober 10, 2013

 

Weltgeschichte durch die Augen eines Butlers. Warum nicht? Vor allem wenn der Butler im Weißen Haus arbeitet und unter sieben Präsidenten von 1957 bis 1986 diente. Also von Kennedy über Nixon bis zu Reagan. Das war ja, wie man pathetisch sagt, eine Zeit großer Veränderungen in den Vereinigten Staaten.

Und wenn dann noch Lee Daniels, der Regisseur des Oscar-prämierten Dramas „Precious“ und des interessant gescheiterten Trash-Thrillers „Pete Dexters The Paperboy“, Regie führt und viele bekannte und gute Schauspieler – die Oscar-Dichte ist enorm hoch – mitspielen, dann sollte doch wenigstens gutes Kino herauskommen.

Aber „Der Butler“ ist eigentlich eine Demonstration im Scheitern.

Beginnen wir mit den Stars, die fast alle nur ein, zwei, drei Szenen haben und wahrscheinlich auch nicht mehr Drehtage hatten, aber viel Zeit in der Maske verbringen durften: Robin Williams spielt Dwight Eisenhower, James Marsden spielt John F. Kennedy, Liev Schreiber spielt Lyndon B. Johnson, John Cusack spielt Richard Nixon, Jane Fonda spielt Nancy Reagan und Alan Rickman spielt Ronald Reagan.

Nicht gerade die Schauspieler, die einem bei einem Ähnlichkeitswettbewerb sofort einfallen würden und die alle einmal durch die Kulisse laufen dürfen.

Forest Whitaker als Butler Cecil Gaines und Oprah Winfrey als seine Ehefrau Gloria sind vor allem als junges Ehepaar viel zu alt für die Rollen. Er ist Jahrgang 1961, sie 1954. Später fällt das weniger auf, aber Whitaker spielt den älteren Cecil Gaines dann wie den Tattergreis, den wir aus den entsprechend unwitzigen Komödien kennen.

Allerdings spielt der größte Teil des Films zwischen Gaines‘ Jugend und den späten sechziger Jahren und damit vor seinem fünfzigstem Geburtstag.

Die Filmgeschichte folgt dabei chronologisch dem Leben von Cecil Gaines. Die Inspiration für Gaines war Eugene Allen (1919 – 2010) und sein Name wurde, nachdem schon Allens halbe Biographie für den Film verändert wurde, geändert, um den fiktionalen Charakter des Films zu betonen. Denn Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig, aber allein dem Sujet geschuldet und man wollte nicht auf die schönen Worte „nach einer wahren Geschichte“ verzichten.

Gaines wuchs als Sklave auf den Baumwollfeldern auf, flüchtete und erhielt schließlich 1957 eine Stelle als Butler im Weißen Haus. Diese Aufstiegsgeschichte ist auch der interessantes Teil des Films. Denn hier will Gaines noch etwas und Lee Daniels nimmt sich Zeit beim Erzählen.

Später, im Weißen Haus, versucht Gaines dann – erfolgreich – möglichst nicht aufzufallen. Denn als Butler ist man ein Diener, eine helfende Hand. Mehr nicht. Weltgeschichte, die Gaines während seiner Arbeit erlebt, taucht höchstens in Splittern auf, wenn er einen Raum betritt und sich in ihm gerade der Präsident mit einem hohen Gast oder seinem Stab unterhält. Einen Einfluss auf das Leben von Gaines hat es nicht.

Den hat schon eher sein Sohn, der als politischer Aktivist Teil des Civil Rights Movement ist, der deshalb in den Sechzigern entsprechend oft Ärger mit dem Gesetz hat und zufällig ungefähr bei jedem wichtigen Ereignis der Bürgerrechtsbewegung dabei ist. Aber nach seinen wilden Jugendjahren und Aktionen, die sein Vater alle vollständig ablehnte, fällt er plötzlich aus dem Film heraus und taucht erst am Filmende, zur Versöhnung, wieder auf.

Außerdem eilt Daniels im Weißen Haus im episodischen Sauseschritt durch die Weltgeschichte, die Familiengeschichte von Gaines, die oft die Qualität einer TV-Soap hat, und die Jahrzehnte.

Und Cecil Gaines ist als weitgehend passiver Protagonist, der nie um etwas kämpfen musste, ein rechter Langweiler, dessen Haltungslosigkeit sich auf die gesamte Geschichte überträgt.

So ist der „Der Butler“, ein Überraschungserfolg an der US-Kinokasse, nur eine stargespickte Nummernrevue, in der US-amerikanische Geschichte aus afroamerikanischer Perspektive von der rechtlosen Knechtschaft auf Baumwollfeldern bis zur Präsidentschaft von Barack Obama als langweilig-biederes, unpolitisches Ausstattungskino erzählt wird, die nicht mehr Tiefe als ein Familienfotoalbum hat und auch ungefähr genauso interessant ist.

Der Butler - Plakat

Der Butler (Lee Daniels‘ The Butler/The Butler, USA 2013)

Regie: Lee Daniels

Drehbuch: Danny Strong

LV: Will Haygood: A Butler Well Served by This Election (Zeitungsreportage, Washington Post, 2008)

mt Forest Whitaker, Oprah Winfrey, John Cusack, Jane Fonda, Cuba Gooding Jr., Terrence Howard, Lenny Kravitz, James Marsden, David Oyelowo, Vanessa Redgrave, Alan Rickman, Liev Schreiber, Robin Williams, Yaya Alafia, Colman Domingo, Nelsan Ellis, Minka Kelly, Mariah Carey, Clarence Williams III

Länge: 132 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

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Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Der Butler“

Moviepilot über „Der Butler“

Metacritic über „Der Butler“

Rotten Tomatoes über „Der Butler“

Wikipedia über „Der Butler“ 

History vs. Hollywood über „Der Butler“

Meine Besprechung von Lee Daniels‘ „Pete Dexters The Paperboy“ (The Paperboy, USA 2012)

 

 


TV-Tipp für den 10. Oktober: Yorkshire Killer 1983

Oktober 10, 2013

3sat, 22.25

Red Riding – Yorkshire Killer: 1983 (GB 2009, R.: Anand Tucker)

Drehbuch: Tony Grisoni

LV: David Peace: Nineteen Eighty-Three, 2002 (1983)

Anwalt John Piggott soll den unschuldig verurteilten, psychisch kranken Kindermörder Michael Myshkin frei bekommen. Gleichzeitig hadert der Polizist Maurice Jobson mit seinem Gewissen. Denn er ist tief in die schmutzigen Geschäfte und verbrecherischen Ermittlungsmethoden der Yorkshire-Polizei verwickelt. Und wieder ist ein Mädchen verschwunden.

Grandioser Abschluss der Verfilmung von David Peaces Red-Riding-Romanen.

Mit Mark Addy, Daniel Mays, David Morrissey, Lisa Howard, Chris Walker, Shaun Dooley, Jim Carter, Warren Clarke, Sean Bean

Hinweise

Meine Besprechung von David Peaces „1974“ (Nineteen Seventy-Four, 1999)

Meine Besprechung von David Peaces „1977“ (Nineteen Seventy-Seven, 2000)

Meine Besprechung von David Peaces „1980“ (Nineteen Eighty, 2001)

Meine Besprechung von David Peaces „1983“ (Nineteen Eighty-Three, 2002)

Meine Besprechung von David Peaces „Tokio im Jahr Null“ (Tokyo Year Zero, 2007)

Meine Besprechung von David Peaces „Tokio, besetzte Stadt“ (Occupied City, 2009)

Meine Besprechung der „Red Riding Trilogy“ (der Verfilmung der entsprechenden Bücher)

David Peace in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 9. Oktober: Yorkshire Killer 1980

Oktober 9, 2013

3sat, 22.25

Red Riding: Yorkshire Killer 1980 (GB 2009, R.: James Marsh)

Drehbuch: Tony Grisoni

LV: David Peace: Nineteen Eighty, 2001 (1980)

Yorkshire, 1980: Der Yorkshire Killer ist immer noch nicht geschnappt. Jetzt soll der von außen kommende Sonderermittler Peter Hunter sich noch einmal die Akten ansehen und den Ermittlungen einen neuen Drive verpassen. Dummerweise ist Hunter kein Blödkopf und er entdeckt einige Fehler in den Akten.

Der Mittelteil der grandiosen Red-Riding-Trilogie ist ein noirischer Polizeifilm. Grisoni gelang in seinen Büchern für die TV-Miniserie (Yep, die Filme entstanden für das Fernsehen.) die beim Lesen unverfilmbar erscheinenden Bücher kongenial in ein anderes Medium zu übertragen.

Morgen zeigt 3sat um 22.25 Uhr den dritten und letzten Teil „Red Riding: Yorkshire Killer 1983“.

Mit Paddy Considine, Warren Clarke, James Fox, David Calder, David Morrissey

Hinweise

Meine Besprechung von David Peaces „1974“ (Nineteen Seventy-Four, 1999)

Meine Besprechung von David Peaces „1977“ (Nineteen Seventy-Seven, 2000)

Meine Besprechung von David Peaces „1980“ (Nineteen Eighty, 2001)

Meine Besprechung von David Peaces „1983“ (Nineteen Eighty-Three, 2002)

Meine Besprechung von David Peaces „Tokio im Jahr Null“ (Tokyo Year Zero, 2007)

Meine Besprechung von David Peaces “Tokio, besetzte Stadt” (Occupied City, 2009)

Meine Besprechung der „Red Riding Trilogy“ (der Verfilmung der entsprechenden Bücher)

David Peace in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 8. Oktober: Yorkshire Killer 1974

Oktober 8, 2013

3sat, 22.25

Red Riding: Yorkshire Killer 1974 (GB 2009, R.: Julian Jarrold)

Drehbuch: Tony Grisoni

LV: David Peace: Nineteen Seventy-Four, 1999 (1974)

Yorkshire, 1974: Der ehrgeizige Lokaljournalist Eddie Dunford recherchiert im Fall eines verschwundenen Mädchens. Er entdeckt Parallelen zu ähnlichen Fällen.

Auftakt der grandiosen, aus drei Filmen bestehenden Verfilmung der Red-Riding-Romane von David Peace. Den zweiten Film, “1980″, zeigt 3sat am Mittwoch um 22.25 Uhr und den Abschluss, “1983″, gibt es am Donnerstag um 22.25 Uhr.

Mit Andrew Garfield, Eddie Marsan, John Henshaw, Sean Bean

Hinweise

Meine Besprechung von David Peaces „1974“ (Nineteen Seventy-Four, 1999)

Meine Besprechung von David Peaces „1977“ (Nineteen Seventy-Seven, 2000)

Meine Besprechung von David Peaces „1980“ (Nineteen Eighty, 2001)

Meine Besprechung von David Peaces „1983“ (Nineteen Eighty-Three, 2002)

Meine Besprechung von David Peaces „Tokio im Jahr Null“ (Tokyo Year Zero, 2007)

Meine Besprechung von David Peaces “Tokio, besetzte Stadt” (Occupied City, 2009)

Meine Besprechung der „Red Riding Trilogy“ (der Verfilmung der entsprechenden Bücher)

David Peace in der Kriminalakte


DVD-Kritik: „Clip“ oder ein weiteres Jugendporträt

Oktober 7, 2013

 

Skandalfilm. In Russland verboten. Explizite Sexszenen. Klingt gut. Aber die Werbung weckt Erwartungen, die dann Maja Milos‘ Spielfilmdebüt „Clip“, auch wenn es mit expliziten Sexszenen auf den Skandal spekuliert, nicht einhalten kann. Sie erzählt von Jasna, einer im Süden Belgrads lebenden Schülerin, die auf Partys erste Erfahrungen mit Sex und Drogen macht und dabei ihre Erlebnisse filmt. So weit, so undramatisch. Dramatischer wird es auch nicht, als sie mit Djole eine Beziehung anfängt. Djole interessiert sich für sie weniger als für eines seiner Computerspiele. Denn Sex mit ihr erträgt er anfangs eher passiv als willkommene Triebabfuhr ohne Verpflichtungen. Er scheint dann von ihre Filmerei während des Aktes angezogen zu sein und steckt auch etwas mehr Energie in den Sex. In die Beziehung zu ihr allerdings nicht. Auch deshalb bleibt die Beziehung zwischen Jasna und Djole im luftleeren Raum hängen. Aber vielleicht sieht Milos das auch als Statement zur Gefühlskälte und Unentschlossenheit der heutigen serbischen Jugend.

So plätschert „Clip“ vor trister Kulisse durch Jasnas Leben in aneinandergereihten Episoden und es ist nicht besonders interessant, einige Teenager gemeinsam oder allein beim Posieren vor der Kamera (einige dieser Szenen wurden auch mit einem Smartphone aufgenommen) oder beim Taumeln durch das Nachtleben zwischen himmelhoch jauchzend und in den Rinnstein kotzend zu beobachten.

Die expliziten Sexszenen beschränken sich weitgehend auf das Zeigen des männlichen Geschlechtsteils, bevorzugt in Jasnas Mund. Meistens nicht besonders lang und die Szenen hätte man auch ohne Verluste aus dem Film herausschneiden können. Im Gegenteil! Dann wäre der Film als Porträt einer weiteren verloren-ziellosen Generation, sozusagen die Girlie-Version von „Slacker“ oder „Kids“, besser geworden.

Clip - DVD-Cover

Clip (Klip, Serbien 2012)

Regie: Maja Milos

Drehbuch: Maja Milos

mit Isidora Simijonović, Vukašin Jasnić, Sanja Mikitišin, Jovo Makisć, Monja Savić

–

DVD

Pierrot le Fou

Bild: 1:1,85 (16:9)

Ton: Deutsch, Serbisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Trailer, Wendecover

Länge: 105 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

–

Hinweise

Homepage zum Film

Rotten Tomatoes über „Clip“

Moviemaker: Interview mit Maja Milos über „Clip“ (18. April 2013)

 

 

 


TV-Tipp für den 7. Oktober: Rebecca

Oktober 7, 2013

Arte, 20.15

Rebecca (USA 1940, R.: Alfred Hitchcock)

Drehbuch: Robert E. Sherwood, Joan Harrison

LV: Daphne du Maurier: Rebecca, 1938 (Rebecca)

Hitchcocks Einstand in Hollywood: ein viktorianisches Thrillermelodrama über die junge Frau de Winter, die in dem Familienschloss Manderley überall Spuren der verstorbenen Rebecca de Winter findet und anscheinend von ihrem Mann und der Haushälterin in den Tod getrieben werden soll.

Obwohl David O. Selznick gerade sehr mit „Gone with the wind“ beschäftigt war und Hitch deshalb in Ruhe arbeiten ließ, ist „Rebecca“ in erster Linie ein Selznick-Film.

Hitchcock war von dem Film nicht begeistert: „Das ist kein Hitchcock-Film. Das ist eine Art Märchen,…eine ziemlich vorgestrige, altmodische Geschichte. Es gab damals viele schriftstellernde Frauen. Dagegen habe ich nichts, aber Rebecca ist eine Geschichte ohne jeden Humor.“

Mit Laurence Olivier, Joan Fontaine, George Sanders, Judith Anderson, Nigel Bruce, Leo G. Carroll

Wiederholung: Donnerstag, 10. Oktober, 13.40 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Rebecca“

Turner Classic Movies über „Rebecca“

Wikipedia über „Rebecca“ (deutsch, englisch)

Sex in a Submarine über „Rebecca“

Wikipedia über Alfred Hitchcock (deutsch, englisch)

Senses of Cinema (Ken Mogg) über Alfred Hitchcock

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 2

Meine Besprechung von Alfred Hitchcocks “Mr. und Mrs. Smith” (Mr. and Mrs. Smith, USA 1941)

Meine Besprechung von Thily Wydras “Alfred Hitchcock”

Alfred Hitchcock in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Sacha Gervasis Biopic “Hitchcock” (Hitchcock, USA 2012)

Meine Besprechung von Robert V. Galluzzos “Psycho Legacy” (The Psycho Legacy, USA 2010 – eine sehenswerte Doku über die “Psycho”-Filme mit Anthony Perkins, mit vielen Stunden informativem Bonusmaterial)

Meine Besprechung von Stephen Rebellos “Hitchcock und die Geschichte von ‘Psycho’” (Alfred Hitchcock and the Making of ‘Psycho’, 1990)

Meine Besprechung von Daphne du Mauriers “Der Apfelbaum” (The Appletree, 1952)


TV-Tipp für den 6. Oktober: Tausend Milliarden Dollar

Oktober 6, 2013

Arte, 20.15

Tausend Milliarden Dollar (Frankreich 1982, R.: Henri Verneuil)

Drehbuch: Henri Verneuil

Tausend Milliarden Dollar waren damals der Umsatz der 31 mächtigsten multinationalen Unternehmen und der junge Journalist Paul Kerjean (Patrick Dewaere in seiner vorletzten Rolle) beschäftigt sich damit. Denn durch einen anonymen Anruf erfährt er, dass ein französischer Politiker einen Elektrokonzern an den Multi GTI verkaufen will. Kurz darauf ist der korrupte Politiker tot. Angeblich Suizid. Kerjean recherchiert weiter.

Feiner französischer Polit-Thriller, top besetzt, gut inszeniert und mit der Musik von Philippe Sarde.

Die damalige Kritik war nicht so begeistert: „Das Thema ist zweifelsfrei äußerst brisant, und sicherlich kann man es auch als Polit-Thriller anpacken. Doch Verneuil bewegt sich, wieder einmal, nur an der Oberfläche, spielt ein bisschen mit den Gefahren, die von der immer größer werdenden Konzentration von Kapital und Macht auf immer weniger Konzerne ausgeht.“ (Fischer Film Almanach 1983)

Verneuil drehte auch, immer mit den Stars des französischen Kinos, „Lautlos wie die Nacht“, „100.000 Dollar in der Sonne“, „Der Clan der Sizilianer“, „Angst über der Stadt“, „Der Körper meines Feindes“ und „I wie Ikarus“.

mit Patrick Dewaere, Caroline Cellier, Anny Duperey, Jeanne Moreau, Charles Denner, Mel Ferrer

auch bekannt als „Der Clan der Giganten – 1000 Milliarden Dollar“ (alternativer Kinotitel)

Wiederholungen

Dienstag, 15. Oktober, 13.50 Uhr

Freitag, 25. Oktober, 13.35 Uhr

Hinweise

Arte über „Tausend Milliarden Dollar“

Wikipedia über „Tausend Milliarden Dollar“ (deutsch, französisch)


TV-Tipp für den 5. Oktober: Papillon

Oktober 5, 2013

RBB, 22.25

Papillon (USA 1973, R.: Franklin J. Schaffner)

Drehbuch: Dalton Trumbo, Lorenzo Semple jr.

LV: Henri Charrière: Papillon, 1969 (Papillon)

Henri Charrière, genannt Papillon, wird 1931 zu lebenslanger Strafarbeit in der Strafkolonie Bagno auf der Teufelsinsel Cayenne in Französisch-Guayana verurteilt. Er soll einen Zuhälter ermordet haben. Kaum angekommen, denkt Papillon nur an eine scheinbar unmögliche Flucht.

Tolle Verfilmung der beeindruckenden und höchst erfolgreichen Autobiographie von Charrière. Das Nachfolgewerk „Banco“ war dann mehr episodisch.

Mit Steve McQueen, Dustin Hoffmann, Dalton Trumbo (Nebenrolle)

Hinweise

Homepage zum Film

Wikipedia über “Papillon” (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Steven Soderberghs „Liberace“ ist wundervoll, geschmacklos und schwul

Oktober 4, 2013

 

Nach „Side Effects“ sagte Steven Soderbergh, dass er keine weiteren Spielfilme drehen möchte. Und schon einige Monate später ist sein nächster Film im Kino. Allerdings ist das grandiose Biopic „Liberace“ ein TV-Film, produziert von HBO, der in den USA auch erfolgreich im Fernsehen lief und kürzlich elf Emmys erhielt. Unter anderem als bester Film, Michael Douglas als bester Hauptdarsteller, Steven Soderbergh für die Regie und den Schnitt und Ellen Mirojnick und Robert Q. Mathews für die Kostüme, die in diesem Film wirklich eine besondere Rolle spielen. Nominiert waren auch Richard LaGravenese für sein Drehbuch und Matt Damon als bester Hauptdarsteller.

Dieser Emmy-Preisregen kann als Entschädigung für die entgangenen Oscars angesehen werden. Denn Soderberghs Film gehört ins Kino. Die schwelgerische Ausstattung, der überbordende Kitsch des enorm populären Las-Vegas-Musikers Liberace, ist einfach zu viel für den kleinen Bildschirm. Liberace war seit den Fünfzigern, als er mit einer TV-Show bekannt wurde und in den kommenden Jahren seinen opulenten Bühnenauftritt perfektionierte, ein sehr gut verdienender Frauenschwarm, der stockschwul war, aber jeden verklagte, der das behauptete. Damals hätte das nämlich das Ende seiner Karriere bedeutet. Auch nach seinem Tod 1987 wurde peinlich verschwiegen, dass er an AIDS starb.

Soderberghs Sittengemälde und Biopic beginnt 1977. Damals war Scott Thorson (Matt Damon) ein junger Tiertrainer für Tiere, die in Hollywood-Filmen mitspielten, und schwul. Eines Tages nimmt ihn sein Freund, der Choreograph Bob Black zu einem Wochenendtrip nach Las Vegas mit. Sie besuchen ein Konzert von Liberace und Thorson entschlüsselt sofort die schwulen Codes des Pianisten. Das überwiegend ältere, weibliche Publikum nicht. Später, im Backstage-Bereich, findet der eitle Pfau Liberace sofort gefallen an dem unschuldigen Waisenjungen und ernennt ihn zu seinem persönlichen Sekretär, den er hinten und vorne in seinem Kitschpalast verwöhnt. Ihm sogar eine teure Schönheitsoperationen bezahlt, die ihn immer mehr zu seinem jüngeren Ebenbild machen. Thorson sitzt jetzt im goldenen Käfig, aus dem er nicht ausbrechen möchte. Jedenfalls noch nicht. Dummerweise ist Liberace leicht paranoid und sehr sprunghaft in der Wahl seiner Lustknaben.

Soderbergh erzählt pointiert, mit einem scharfen Blick auf die damalige Bigotterie und die Schauwerte, die Liebesgeschichte zwischen den beiden Männern, in der der ältere Mann den anderen verführt, ausnutzt und letztendlich verstößt. Es ist auch ein Blick auf die Schattenseiten des Showgeschäfts, in denen ein Star wie ein kleiner König herrschen kann.

Das ist ganz großes Kino, wundervoll gespielt von Michael Douglas und Matt Damon, die wirklich jeden Preis verdient haben und, unter der glitzernden Oberfläche, eine zutiefst deprimierende Studie eines einsamen Mannes.

Ach ja: derzeit arbeitet Soderbergh an der Mini-Serie „The Knick“.

Liberace - Plakat

Liberace – Zu viel des Guten ist wundervoll (Behind the Candelabra, USA 2013)

Regie: Steven Soderbergh

Drehbuch: Richard LaGravenese

LV: Scott Thorson, Alex Thorleifson: Behind the Candelabra, 1988

mit Michael Douglas, Matt Damon, Scott Bakula, Dan Akroyd, Debbie Reynolds

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

–

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Liberace“

Moviepilot über „Liberace“

Metacritic über „Liberace“

Rotten Tomatoes über „Liberace“

Wikipedia über „Liberace“ 

Meine Besprechung von Steven Soderberghs “Girlfriend Experience – Aus dem Leben eines Luxus-Callgirls” (The Girlfriend Experience, USA 2009)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Contagion“ (Contagion, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Haywire” (Haywire, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs “Magic Mike” (Magic Mike, USA 2012)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Side Effects – Tödliche Nebenwirkungen“ (Side Effects, USA 2013)

Steven Soderbergh in der Kriminalakte

 

 

 

 

 


Neu im Kino/Filmkritik: „Rush“: das Duell zwischen James Hunt und Niki Lauda

Oktober 4, 2013

 

Die Formel 1 interessiert mich höchstens peripher. Aber von „Rush“, einem Film über zwei Formel-1-Fahrer, bin ich begeistert. Denn Peter Morgan, der auch die Bücher für „Die Queen“, „Frost/Nixon“, „Hereafter – Das Leben danach“ und die David-Peace-Verfilmung „The Damned United“ schrieb, stellt die beiden gegensätzlichen Charaktere James Hunt (Chris Hemsworth) und Niki Lauda (Daniel Brühl) und ihren Kampf um die Weltmeisterschaft 1976 in den Mittelpunkt der Geschichte, die auch ein Porträt des damaligen Formel-1-Rennzirkusses und der frühen siebziger Jahre ist.

Die Saison ging in die Geschichte ein, weil der damalige Formel-1-Weltmeister Niki Lauda auf dem Nürburgring verunglückte, sich lebensgefährliche Verbrennungen zuzog und wenige Wochen später wieder Rennen fuhr. Hunt gewann damals die Weltmeisterschaft mit einem Punkt Vorsprung und zog sich 1979 ohne einen weiteren Weltmeistertitel aus dem Renngeschäft zurück. Er wurde BBC-Sportmoderator und starb 1993, 45-jährig, an den Folgen eines Herzinfarkts.

Niki Lauda wurde danach noch zweimal, 1977 und 1984, Weltmeister, zog sich ein Jahr später aus dem aktiven Rennsport zurück und ist auch heute noch ein, wenigstens dem deutschsprachigem Publikum bekannter, Teilnehmer des Formel-1-Zirkusses.

James Hunt war ein impulsiver Playboy, der das Leben in vollen Zügen genoss, weil jedes Rennen seinen Tod bedeuten könnte. Denn damals war die Formel 1 mit ihren tödlichen Unfällen lebensgefährlich.

Niki Lauda ist dagegen der kühle Planer, der undiplomatische Stratege, der Kosten und Nutzen abschätzt und alles seinen Zielen unterordnet. Ihm würde niemals einfallen, vor einem Rennen eine Party zu veranstalten und Alkohol zu trinken. Auch die Siegesfeiern sind für ihn eher ein lästiges Pflichtprogramm, das er schnell absolviert, während Hunt jeden Sieg auskostet.

Ron Howard, der die auf wahren Ereignissen basierenden Filme „Apollo 13“, „A Beautiful Mind“ und „Frost/Nixon“ inszenierte, inszenierte den Kampf zwischen den beiden Männern, der auch von den Medien öffentlichkeitswirksam gepusht wurde und so den Rennen eine zusätzliche, persönliche Dimension gab, mit einer gehörigen Portion 70er-Jahre-Feeling und einer angenehm ambivalenten Zeichnung der beiden Charaktere, die sich gegenseitig ergänzen und in einer innigen Hassliebe miteinander verbunden sind. Dabei ist Hunt zwar der offensichtliche Sympathieträger, auch weil Lauda, der den Film unterstützte, immer wieder sehr unsympathisch gezeichnet wird, aber Lauda ist auch der Erzähler des Films, der den ersten und den letzten Satz hat. Und gerade weil sich der Film nie entscheidet, wer jetzt der Protagonist und wer der Antagonist ist, ist „Rush“ als Drama gelungen.

Dagegen enttäuschen die Rennszenen. Denn sie sind so zerschnitten, dass man das Renngeschehen nie überblickt. Es ist nur noch ein hektisches Geschnipsel von Autos, Helmen und Straße, das manchmal unsanft neben der Fahrbahn endet.

Da waren die damals spektakulären Rennszenen in John Frankenheimers starbesetzter „Grand Prix“ (1966) über eine Rennsaison, James Goldstones „Indianapolis“ (1969) über das gleichnamige Rennen mit Paul Newman, Frank Simon und Roman Polanskis fast vergessene Dokumentation „Weekend eines Champions“ (1971) über Jackie Stewart und das Rennen von Monaco, Lee H. Katzins „Le Mans (1971) über das gleichnamige Rennen mit Steve McQueen schon weiter. Aber in diesen Filmen war die Filmgeschichte meistens höchstens eine drittrangige Entschuldigung für die Rennszenen. In „Rush“ steht dagegen die Story und damit die Schauspieler an erster Stelle. Die Rennszenen sind dagegen das uninteressanteste am Film und deshalb gehört Ron Howards großartiger Schauspielerfilm schon jetzt zu den besten Rennfahrerfilmen.

Rush - Plakat

Rush – Alles für den Sieg (Rush, USA/Großbritannien/Deutschland 2013)

Regie: Ron Howard

Drehbuch: Peter Morgan

mit Chris Hemsworth, Daniel Brühl, Olivia Wilde, Alexandra Maria Lara, Pierfrancesco Favino, Christian McKay

Länge: 123 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

–

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Rush“

Moviepilot über „Rush“

Metacritic über „Rush“

Rotten Tomatoes über „Rush“

Wikipedia über „Rush“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über „Rush“

 

 

 

 


Neu im Kino/Film- und Buchkritik: Edgar Reitz und „Die andere Heimat“ im Hunsrück

Oktober 4, 2013

 

Schwarzweiß und gut vier Stunden. Das sind die Eckdaten, die den neuen Film von Edgar Reitz zu einem Film für eine ausgewählte Zuschauermenge machen. Da hilft es auch nicht, dass „The Artist“ (der sogar ein Stummfilm war) erfolgreich war und dass Hollywood-Blockbuster immer länger werden und deshalb manchmal gleich als Zweiteiler ins Kino kommen. Auch Reitz hat ungefähr in der Filmmitte eine Pause eingefügt, die vor allem für einige Dehn- und Streckübungen gut ist. Denn im Gegensatz zu Quentin Tarantinos Racheepos „Kill Bill“, das als Zweiteiler im Kino lief, dessen Teile sich stark unterscheiden und so sogar die kommerzielle Entscheidung rechtfertigte (zwei getrennte Teile sind zwei Filme, ergo zweimal Eintritt), ist Edgar Reitz‘ „Die andere Heimat“ die epische Chronik einer sich für den Protagonisten Jakob Simon nicht erfüllenden Sehnsucht, die während der großen Auswanderungswelle im Hunsrück in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts und vor der deutschen Revolution von 1848 spielt.

1842 will der Neunzehnjährige, eine vergeistigte Leseratte, nach Brasilien, in das Land seiner Träume, auswandern. Diese Welt erscheint ihm viel spannender als das Leben in dem Hunsrückdorf Schabbach.

Edgar Reitz erzählt die Geschichte von Jakob und den Schabbachern betont undramatisch. Oft treffen die Charaktere wichtige Entscheidungen außerhalb des Films und auch viele Hintergründe zu Politik, Wirtschaft und dem alltäglichen Leben werden als bekannt vorausgesetzt oder erschließen sich durch die Beobachtung des damaligen Alltags. Entsprechend viel Zeit nimmt sich der Film, der fast wie eine Dokumentation über das damalige Leben wirkt, auch für das Zeigen von alltäglichen Arbeiten. Die damit verbundene Ruhe ist anfangs faszinierend, weicht aber mit zunehmender Laufzeit einer gewissen Langeweile.

Denn „Die andere Heimat“ erzählt nicht nur von Jakob, sondern auch von seinem Bruder Gustav, den beiden jungen Frauen Jettchen und Florinchen, die in die Brüder verliebt sind, aber die Beziehung ganz pragmatisch angehen, dem Graveur Franz Olm und dem Leben im Wandel der Jahreszeiten zwischen Geburt und Tod, wobei die einzelnen Ereignisse, wie in einer Chronik, nebeneinander stehen und sich nicht immer beeinflussen. Reitz erzählt, mit großer Ruhe, beobachtend von den Zufälligkeiten des Lebens und gibt für die Hauptgeschichte nebensächlichen Ereignissen einen breiten Raum, während wichtige Entscheidungen im Off oder schweigend getroffen werden. Im Kino funktioniert diese epische Erzählweise, im Gegensatz zur im Schüren-Verlag erschienenen, von Edgar Reitz geschriebenen Filmerzählung, nur bedingt. Hier hätte die Konzentration auf den Protagonisten und eine ordentliche Kürzung auf eine publikumsfreundliche Laufzeit gut getan.

Im Fernsehen, als Vierteiler, dürfte „Die andere Heimat“, trotz der die große Leinwand fordernden Cinemascope-Bilder des „Heimat“-erfahrenen Kameramanns Gernot Roll, die dem Hunsrück eine ungeahnte, fast schon Western-hafte Weite verleihen, als ein fast schon willkürlicher Ausschnitt aus zwei Jahre im Leben von Jakob Simon deutlich besser funktionieren.

Immerhin entstanden auch seine anderen „Heimat“-Filme für das Fernsehen und gerade „Heimat – Eine deutsche Chronik“ (1984), die erste „Heimat“-Serie, die Edgar Reitz einen „Zyklus von 11 Spielfilmen“ nannte, spielt auch in Schabbach und erzählt vom Leben der Familie Simon von 1919 bis 1982. Im Zentrum steht die 1900 geborenen Maria (Marita Breuer). „Die zweite Heimat – Chronik einer Jugend“ (1992) erzählt die Geschichte von Hermann Simons (Henry Arnold) Studienjahren von 1960 bis 1970 in München. Ähnlichkeiten mit Edgar Reitz‘ Leben, der am 1. November 1932 in dem Hunsrückdorf Morbach geboren wurde und nach München zog, sind nicht zufällig. Mit „Heimat 3 – Chronik einer Zeitenwende“ (2004), die von 1989 bis 2000 spielt, kehrt er, wieder mit Hermann Simon als Protagonisten, in den Hunsrück zurück und erzählt, etwas konfus (was auch an den vom Fernsehen veranlassten Kürzungen auf 90-Minuten-Happen liegen kann), von den neunziger Jahren und dem Vereinigungsprozess.

„Die andere Heimat“ bildet jetzt, mit einer Rückkehr in den Hunsrück und in die Vergangenheit der Familie Simon den würdigen Abschluss seines Lebenswerkes. Denn dass er noch einen weiteren Spielfilm dreht, dürfte unwahrscheinlich sein.

Die Musik ist von Michael Riessler, der auch für „Heimat 3“ die Musik schrieb.

 

Das Filmbuch

 

Pünktlich zum Filmstart erschien im Schüren-Verlag auch das Buch zum Film, in dem Edgar Reitz die Filmgeschichte nacherzählt, die im Buch besser funktioniert als im Kino, und um einige Details und Hintergründe ergänzt, die die Lücken im Film ausfüllen, die Reitz bewusst gelassen hat:

„Ich könnte tausend Gelegenheiten aufzählen, bei denen das Drama auf der Hand lag und wo ich nur hätte zugreifen müssen, um den Film zu machen, den die akademischen Dramaturgen mit Freuden aufgenommen hätten. Aber warum mache ich so etwas nicht? Die Antwort ist einfach, und es ist eine Antwort, die mich mein ganzes Leben begleitet hat: Weil ich mit meinen Filmen das reale Leben besser verstehen lernen will. An erster Stelle steht für mich das genaue Beobachten, das Wissen von den Menschen und ihren Verhaltensweisen. Ich weiß einfach, wie die Dinge in einer Hunsrücker Bauernfamilie früher geregelt wurden. Da läuft es anders als im Kino oder in der Psychoanalyse. Diese von wahrer Not und täglichem Existenzkampf gezeichneten Menschen empfinden Dinge wie Verliebtheiten, Bildungshunger, Rivalität unter Geschwistern als vermeidbare Luxusprobleme. Die tödliche Krankheit der Mutter oder eines der Kinder ist eine Bedrohung der gesamten Familie, und es geht um jede Stunde, die die Kranke noch lebt und zur Arbeit gehen kann. (…) Weil es mir nicht um Zuspitzung geht, sondern um die Schilderung von Lebensklugheit, die meist darin besteht, Ambivalenzen auszuhalten. Die Gesetze des Lebens sind mir heilig und ich würde es für eine unverzeihliche Tat halten, diese Wahrheiten, um deren Darstellung ich kämpfe, der Kinodramaturgie zu opfern. (…) Ich bestehe auf dem Recht, den Weg des epischen Erzählens ins Kino einzuführen, auch wenn ich manchen Zuschauer damit strapazieren sollte.“

Außerdem gibt es im letzten Drittel des Buches zahlreiche Hintergrundinformationen zum Film, den Dreharbeiten und der Geschichte, die das spartanisch illustrierte Buch zu einer idealen Ergänzung zum Film machen.

Die andere Heimat - Plakat

Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht (Deutschland 2013)

Regie: Edgar Reitz

Drehbuch: Edgar Reitz, Gert Heidenreich

mit Jan Dieter Schneider, Antonia Bill, Maximilian Scheidt, Marita Breuer, Rüdiger Kriese, Philine Lembeck, Mélanie Fouché, Eva Zeidler, Reinhard Paulus, Christoph Luser, Werner Herzog

Länge: 230 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

–

Das Filmbuch

Reitz - Die andere Heimat - Filmbuch

Edgar Reitz: Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht – Das Filmbuch

Schüren, 2013

296 Seiten

19,90 Euro

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Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Die andere Heimat“

Moviepilot über „Die andere Heimat“

Wikipedia über „Die andere Heimat“

Homepage von Edgar Reitz

Kriminalakte über „Die andere Heimat“

Homepage von Michael Riessler

 

 


TV-Tipp für den 4. Oktober: Grenzpatrouille

Oktober 4, 2013

 

ZDFneo, 23.40

Grenzpatrouille (USA 1981, R.: Tony Richardson)

Drehbuch: Deric Washburn, Walon Green, David Freeman

Polizist Charlie Smith (Jack Nicholson) hat sich von Los Angeles an die amerikanisch-mexikanische Grenze versetzen gelassen. Als er sich, wegen den Ansprüchen seiner Frau, auf krumme Geschäfte einlässt, muss er sich entscheiden, ob er mexikanischen Flüchtlingen helfen will.

Unterschätzter, sozialkritischer Thriller, den fast niemand kennt.

„Actionfilm, der vor allem vom einsamen Helden (Nicholson so gut wie lange nicht mehr) getragen wird. Innerhalb des Genres freilich bleibt er bemerkenswert zurückhaltend und seriös.“ (Fischer Film Almanach 1983)

Die Musik ist von Ry Cooder.

Mit Jack Nicholson, Harvey Keitel, Valerie Perrine, Warren Oates, Elpidia Carrillo

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Grenzpatrouille“

Wikipedia über „Grenzpatrouille“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Gravity“ im Orbit

Oktober 3, 2013

Endlich – nach dem ganzen Lärm der weitgehend geistlosen Sommer-Blockbuster – gibt es wieder Filme, bei denen man sein Gehirn nicht an der Saaltür abgeben muss. Es gibt sogar Science-Fiction-Filme, die die Gehirnzellen nicht beleidigen. Wobei „Gravity“, der neue Sandra-Bullock-Film, eigentlich kein Science-Fiction-Film ist. Er spielt zwar im Weltraum, aber nicht in der Zukunft, sondern in der Gegenwart. Bullock spielt Dr. Ryan Stone. Die Wissenschaftlerin ist zum ersten Mal im Weltraum und eigentlich wäre sie lieber auf der Erde in einem Labor. Aber für die Forschung müssen halt Opfer gebracht werden. Für Matt Kowalski (George Clooney) ist der Aufenthalt im Weltraum kein Opfer. Dem erfahrenen Astronauten gefällt die Stille und Weite des Alls. Auch wenn er ständig alte Geschichten erzählt.

Als Weltraummüll ihr Space-Shuttle zerstört und alle ihre Kollegen sterben, müssen sie zur nächsten sich im Orbit befindlichen Weltraumstation fliegen. Kowalski kann Stone mit seinen Geschichten und Fragen über ihr Leben beruhigen. Aber noch bevor sie die rettende nächste Raumstation erreichen, geschieht ein weiteres Unglück. Kowalski driftet ins Weltall und in den sicheren Tod. Stone ist jetzt ganz auf sich allein gestellt – und ihr Sauerstoff geht bedrohlich zur Neige.

„Gravitiy“ ist eigentlich ein Ein-Personen-Stück vor einer zwar dunklen, aber prächtigen Kulisse und „Children of Men“-Regisseur Alfonso Cuarón gelingt es wirklich die Weite, Ruhe und Schönheit des Alls fühlbar zu machen. Der dunkle Kinosaal ist sicher hilfreich. Und die 3D-Effekte sind dieses Mal klug eingesetzt und bringen wirklich eine weitere Dimension in den Film.

Dass die Filmgeschichte mit ihrem durchgehend realistischem Grundton, ihrer Konzentration auf einen Charakter, der dann auch keinen Gesprächspartner hat, dem Vermeiden von großen philosophischen Fragen und dem klaren Ende eher an eine Kurzgeschichte oder eine Novelle und nicht an Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ erinnert, führt dann auch zu einer inzwischen schlanken Laufzeit von neunzig Minuten. Trotzdem ist Stones Odyssee nicht weniger faszinierend als die von „2001“-Astronaut Bowman, aber weniger spekulativ.

Empfehlenswertes Echtzeit-Kino ohne störenden Subplot.

Gravity - Plakat

Gravity (Gravity, USA/GB 2013)

Regie: Alfonso Cuarón

Drehbuch: Alfonso Cuarón, Jonás Cuarón

mit Sandra Bullock, George Clooney, Ed Harris (Mission-Control-Stimme, im Original)

Länge: 91 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

–

Hinweise

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Film-Zeit über „Gravity“

Moviepilot über „Gravity“

Metacritic über „Gravity“

Rotten Tomatoes über „Gravity“

Wikipedia über „Gravity“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Metallica: Through the Never“ mit Vollgas

Oktober 3, 2013

Zuletzt boten die Jungs von „Metallica“ ihren Fans „Metallica mit Orchester“ und „Metallica mit Lou Reed“ (genaugenommen: Lou Reed mit neuer Backing-Band und Songs, die als Robert-Wilson-Theaterstück begannen) und epischen Stadionrock, der zwar über zwei Stunden dauerte, aber auch irgendwie langweilig war.

Mit dem Film „Metallica: Through the Never“ wollen sie jetzt, in ihren Worten, etwas ganz Neues wagen und besinnen sich, zum Glück, auf alte Tugenden: denn letztendlich ist der Film ein schlanker, neunzigminütiger Konzertfilm, in dem sie wie in alten Tagen ohne Brimborium spielen. Wenn man die Filmgeschichte und das Bühnendesign weglässt, sind es einfach nur die vier Musiker von „Metallica“, – James Hetfield (guitar, vocals), Kirk Hammett (guitar, background vocals), Robert Trujillo, (bass, background vocals), Lars Ulrich (drums) -, die schonungslos ihre Instrumente quälen und, abgesehen von der Pflichtballade, hemmungslos losbrettern. Das dürfte das Fanherz wirklich erfreuen und genau für diese Menschen machte Nimród Antal („Kontroll“, „Armored“, „Predators“) seinen Film.

Nach einem atmosphärischem Anfang, in dem wir einen kurzen Blick in den Backstage-Bereich werfen, wird Trip (Dane DeHaan) losgeschickt. Er soll am anderen Ende der Stadt etwas für die Band unglaublich Wichtiges besorgen. Was erfahren wir erst später. Denn in dem Moment hat „Metallica“ schon die Bühne betreten und es ist infernalisch laut.

Auf seiner Fahrt erlebt Trip dann einige surrealistische Abenteuer, die lose mit den während des Konzerts gespielten Songs zusammenhängen und irgendwie auch das Geschehen auf der Bühne beeinflussen. Aber eigentlich besteht Trips Geschichte nicht mehr als aus einigen einprägsamen Bilder, die man fast alle im Trailer sieht und die nicht durchdachter als die fantastischen Bilderwelten eines Musik-Videos sind.

Im Mittelpunkt steht nämlich das Konzert, das Antal aus drei Konzerten in Vancouver und zwei in Edmonton komponierte. Er hatte sechzig Stunden Material, aufgenommen mit 24 Kameras, die er auch auf der sich mitten im Saal befindenden Bühne platzieren konnte. Entsprechend nah sind wir an den Musikern, die eine kurzweilige Mischung aus Fan-Hits, bekannten und unbekannten Songs spielen, dran. Trotzdem wird das mitreisende Konzert mit eher konventionellen Aufnahmen, die sich kaum von einem normalen Live-Mitschnitt unterscheiden, präsentiert. Und das ist gut so. Denn nichts lenkt vom Wesentlichen ab: der Band und der Musik. Auch die Bühnendeko, die Elemente aus früheren „Metallica“-Tourneen aufnimmt, ist zwar optisch und, wenn man darüber nachdenkt, technisch beeindruckend, aber doch eher ein illustrierendes Element.

Für „Metallica“-Fans ist Antals Film mit dem Back-to-Basics-Ansatz ein Muss. Denn hier spielen „Metallica“ wie früher. Deshalb sollte man, um den 3D-Konzertfilm wirklich genießen zu können, in ein Kino mit großer Leinwand und ordentlichen Boxen, die auch gnadenlos ausgelastet werden sollten, gehen. Heavy Metal gewinnt ja mit zunehmender Lautstärke.

Metallica Through the Never - Plakat

Metallica: Through the Never (Metallica Through the Never, USA 2013)

Regie: Nimród Antal

Drehbuch: Nimród Antal, Kirk Hammett, James Hetfield, Robert Trujillo, Lars Ulrich

mit James Hetfield (guitar, vocals), Kirk Hammett (guitar, background vocals), Robert Trujillo (bass, background vocals), Lars Ulrich (drums), Dane DeHaan (roadie), Fan-Crowd (yelling)

Länge: 93 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

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Hinweise

Homepage von Metallica

Amerikanische Homepage zum Film

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Film-Zeit über „Metallica: Through the Never“

Moviepilot über „Metallica: Through the Never“

Metacritic über „Metallica: Through the Never“

Rotten Tomatoes über „Metallica: Through the Never“

Wikipedia über „Metallica: Through the Never“

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Das Making of

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Das „Rock am Ring“-Konzert 2012