Ron, offene Stadt (Roma città aperta, Itallien 1945)
Regie: Roberto Rossellini
Drehbuch: Sergio Amidei, Federico Fellini (Mitarbeit), Robert Rossellini (Mitarbeit), Alberto Consiglio (Mitarbeit, ungenannt)
Deshalb lieben Cineasten den Sommer: selten gezeigte Klassiker werden zu vernünftigen Uhrzeiten gezeigt. So auch hier: „Rom, offene Stadt“ ist eines der wichtigsten Werke des italienischen Neorealismus und ein Klassiker des Kinos. Und ein Stück Zeitgeschichte.
1943 ist Rom von den Deutschen besetzt und jagt gnadenlos Widerstandskämpfer. Pina verrät ihren Freund, eine kommunistischen Ingenieur, an die Nazis. Diese wollen von ihm die Namen von weiteren Mitgliedern der Widerstandsgruppe.
mit Marcello Pagliero, Aldo Fabrizi, Anna Magnani, Harry Feist
LV: Richard Hough: Captain Bligh and Mr. Christian, 1972 (Neuauflage zum Filmstart als „The Bounty“)
Die Geschichte der Meuterei auf der „Bounty“ 1789. Aber dieses Mal wird die wahre Geschichte erzählt und da kommt Fletcher Christian, der Anführer der Meuterer, nicht mehr so gut weg – und Captain Bligh erscheint nicht mehr so böse.
„Dass das Leben die besten Geschichten schreibe, ist zwar nur ein hartnäckig sich behauptendes Gerücht, aber die recht aufwendige ‚Bounty‘-Neufassung vereint tatsächlich Historie und Spannung recht gut – und widerlegt somit streckenweise ein weiteres hartnäckiges Gerücht, nämlich dass ein Remake immer schlechter sein müsse als das Original.“ (Fischer Film Almanach 1986)
An der Kinokasse hat es nicht geholfen. Auch nicht, dass die Besetzung ziemlich prominent war.
Anschließend, um 22.25 Uhr, zeugt Arte die knapp einstündige Doku „Mel Gibson: Vergöttert und verteufelt“ (Belgien/Frankreich 2022)
mit Mel Gibson, Anthony Hopkins, Laurence Olivier, Edward Fox, Daniel Day-Lewis, Philip Davis, Bernard Hill, Liam Neeson
Rassismus andersrum: ein junges Paar (er: weiß, sie: schwarz) zieht in das noble Lakeview-Terrace-Viertel von Los Angeles. Schnell bekommen sie Ärger mit einem Nachbarn. Er ist Polizist, Rassist – und schwarz.
Dank Samuel L. Jackson als bösem Nachbarn und vielen präzisen Beobachtungen ist „Lakeview Terrace“, auch wenn das Ende zu sehr in Richtung konventioneller Thriller geht, einen Blick wert.
„It’s a challenging journey LaBute takes us on. Some will find it exciting. Some will find it an opportunity for an examination of conscience. Some will leave feeling vaguely uneasy. Some won’t like it and will be absolutely sure why they don’t, but their reasons will not agree. Some will hate elements that others can’t even see. Some will only see a thriller. I find movies like this alive and provoking, and I’m exhilarated to have my thinking challenged at every step of the way.“(Roger Ebert, Chicago Sun-Times)
mit Samuel L. Jackson, Patrick Wilson, Kerry Washington, Ron Glass, Justin Chambers, Robert Pine
Der wahre Fall, von dem Joachim Lafosses „Ein Schweigen“ inspiriert ist, hat alle Zutaten für ein süffiges Drama oder eine ätzende Gesellschaftssatire in der Tradition von Claude Chabrol. Aber Lafosses Version der Geschichte ist ein extrem langsam erzähltes Drama, in dem vieles nur angedeutet wird, sich schwer, kaum oder oft auch sehr spät im Film langsam erschließt. Einiges bleibt auch nach dem Abspann nebulös.
Als Inspiration diente der Fall Viktor Hissel. Er war bei den Verhandlungen gegen den Kinderschänder Marc Dutroux der Anwalt von zwei Opferfamilien. Der Fall Dutroux erschütterte Mitte der neunziger Jahre Belgien. Auch hier in Deutschland wurde ausführlich über den Fall Dutroux berichtet. Über den Fall Hissel nicht. Er war eine bekannte Symbolfigur im Kampf gegen Kindesmissbrauch. Als seine pädophilen Neigungen bekannt wurden, war das für viele Belgier ein Schock. Er wurde angeklagt, sich zwischen 2005 und 2008 7500 kinderpornografische Bilder angesehen zu haben. Letztendlich wurde er zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. 2009 versuchte sein Sohn ihn zu erstechen. Der Mordversuch misslang. Das Gericht hielt ihn zum Zeitpunkt der Tat für unzurechnungsfähig.
In „Ein Schweigen“ porträtiert Joachim Lafosse die Familie des renommierter Anwalts François Schaar. Es geht um aktuelle und dreißig Jahre zurückliegende Ereignisse über die bislang in der Familie des Anwalts geschwiegen wurde.
Was damals geschah, wird erst sehr spät und kryptisch – auch wenn wir es uns schon früh denken können – enthüllt. Davor und danach wird von einer zum begüterten Provinzbürgertum gehörenden Familie berichtet, die ihre Leichen im Keller verbuddelt und schweigt. Die noble Fassade wird immer gewahrt. Dass dieses Schweigen Auswirkungen auf alle Betroffenen hat, ist offensichtlich. Trotzdem unternimmt niemand etwas dagegen. Die Kamera beobachtet die Ereignisse extrem zurückhaltend. Lafosse vermeidet alles, was emotionalisieren könnte.
Er erzählt elliptisch und unterkühlt, gibt dem Publikum wenig Orientierung und bietet ihm keine Identifikationsfigur an. Keine Figur erzeugt ein nennenswertes Interesse. Dafür erfahren wir zu wenig über sie, ihre Gefühle, Probleme, inneren Konflikte und Wünsche.
Das Ergebnis ist ein dröges Drama, das einen auch als intellektuelles Puzzlespiels unbefriedigt zurücklässt.
Nicht auszudenken, was Claude Chabrol aus dem Stoff gemacht hätte.
Zu Lafosses früheren Filmen gehören „Die Ökonomie der Liebe“ und „Die Ruhelosen“.
Ein Schweigen(Un Silence, Belgien/Frankreich/Luxemburg 2023)
Regie: Joachim Lafosse
Drehbuch: Joachim Lafosse, Thomas Van Zuylen, Chloé Duponchelle (Co-Autor), Paul Ismaël (Co-Autor), Sarah Chiche (Mitarbeit), Matthieu Reynaert (Mitarbeit), Valérie Graeven (Mitarbeit)
mit Daniel Auteuil, Emmanuelle Devos, Matthieu Galoux, Jeanne Cherhal, Louise Chevillotte, Nicolas Buysse
Nun also die Pubertät. 2015 erlebten wir in dem Pixar-Film „Alles steht Kopf“, wie es in dem Kopf der elfjährigen Riley Andersen aussieht und wie ihre unterschiedlichen Emotionen zusammenarbeiten, damit sie sich Riley-vernünftig verhält. Sie muss nämlich den Umzug von einem Dorf in Minnesota nach San Francisco verarbeiten. Der Film war ein Hit.
Und nachdem auch Pixar in den vergangenen Jahren neben erfolgreichen Einzelfilmen auch Fortsetzungen erfolgreicher Filme produzierte, war die Fortsetzung von „Alles steht Kopf“ wohl nur eine Frage der Zeit. Dramaturgisch notwendig war und ist sie nicht. Wobei die Pubertät neue erzählerische Möglichkeit eröffnet.
Denn Riley ist jetzt ein dreizehnjähriger Teenager. An der Schule ist sie beliebt und erfolgreich. Mit ihren beiden Freundinnen Bree und Grace wird sie zu einem Eishockey-Trainingslager eingeladen, das ihr auch neue schulische Möglichkeiten eröffnet. Wenn sie von der strengen Trainerin aufgenommen wird, hatsie nämlich gleichzeitig einen Platz an einer guten High School. Außerdem möchte Riley die Freundin von Valentina ‚Val‘ Ortiz, dem beliebt-bewunderten Star des Eishockey-Teams, werden.
In dem Moment übernehmen neue, mit der Pubertät zusammenhängende Gefühle die Herrschaft über Riley. Zu den aus dem ersten Film bekannten Emotionen Freude (Joy), Kummer (Sadness), Wut (Anger), Angst (Fear) und Ekel (Disgust) kommen
Zweifel (Anxiety), Neid (Envy), Peinlich (Embarrassment) und Ennui (Ennui; hauptsächlich mit dem lustlosen Herumlungern auf der Couch und der Pflege einer Null-Bock-Haltung beschäftigt) dazu. Sogar Nostalgie (Nostalgia) darf als weitere Emotion, die sich nach der Vergangenheit sehnt, schon zweimal kurz auftauchen.
Weil Freude und die anderen aus dem ersten Film bekannten Emotionen die neue Emotion Zweifel bei ihrer Arbeit zu sehr stören, sperrt sie sie in ein Einmachglas und befördert sie in einen Safe in einer abgelegenen Region von Rileys Gehirn. Dort können sie sich aus dem Safe befreien. Sie machen sich auf den beschwerlichen Weg zurück in Rileys Schaltzentrale.
Kelsey Mann übernahm die Regie. Er arbeitet seit 2009 in verschiedenen Positionen bei Pixar. „Alles steht Kopf 2“ ist sein Spielfilmdebüt. „Alles steht Kopf“-Co-Drehbuchautorin Meg LeFauve und Dave Holstein schrieben das Drehbuch. Und in der Originalfassung liehen viele bekannte Schauspieler, die schon beim ersten Teil dabei waren, den Figuren wieder ihre Stimme. In der deutschen Fassung durften dann Olaf Schubert, Hans-Joachim Heist (bekannter als Gernot Hassknecht aus der „heute-show“), Tahnee und Bastian Pastewka, teils ebenfalls zum zweiten Mal, ran.
Manns Spielfilmdebüt ist ein durchaus unterhaltsamer, aber auch ziemlich hektischer Pixar-Film, der mit den Problemen einer Fortsetzung kämpft. Die Idee von „Alles steht Kopf“, dass wir uns im Kopf einer Person befinden und erleben, wie verschiedene Emotionen zusammenarbeiten, einen Charakter formen und zusammen Entscheidungen fällen, war grandios und sie wurde in ihrer Reduzierung auf fünf wichtige Emotionen überzeugend umgesetzt. Komplexe wissenschaftliche Erkenntnisse konnten so für ein aus Kindern bestehendes Publikum präsentiert und von diesem verstanden werden. Jedenfalls genug, um die Filmgeschichte begeistert mitzuverfolgen, während die Erwachsenen ganz andere Dinge in dem Film sahen. Diese Idee wird jetzt nicht mit fünf, sondern mit, je nach Zählung, neun bis zehn Emotionen wiederholt. Das mag näher an der Wirklichkeit, vor allem der Wirklichkeit eines Teenagers, sein, aber einige Emotionen ähneln sich sehr und keine Emotion kann sich wirklich entfalten. „Alles steht Kopf 2“ ist jetzt keine spannende Diskussion im kleinen Kreis mehr, in dem die verschiedenen Diskursteilnehmenden die anderen ausreden lassen und zu einer Lösung kommen, sondern eine typische chaotische Talkshow, in der irgendwann alle durcheinander reden, während Ennui gelangweilt wegdöst.
Die in Rileys Kopf spielende Geschichte ist zwar unterhaltsam, aber ohne große dramaturgische Dringlichkeit. Die in der realen Welt spielende Geschichte, also Rileys Kampf um die Aufnahme in das Eishockey-Team und den damit verbundenen Platz in dieser High School, das damit verbundene Leistungsdenken und der Umgang miteinander sind sehr amerikanisch.
Natürlich ist „Alles steht Kopf 2“ kein schlechter Film. Es ist ein Pixar-Film und da ist ein bestimmtes Niveau immer vorhanden. Aber es handelt sich um eine überflüssige Fortsetzung, die niemals die Qualität von „Alles steht Kopf“ erreicht.
Alles steht Kopf 2 (Inside Out 2, USA 2024)
Regie: Kelsey Mann
Drehbuch: Meg LeFauve, Dave Holstein (nach einer Geschichte von Kelsey Mann und Meg LeFauve)
mit (im Original den Stimmen von) Amy Poehler, Liza Lapira, Tony Hale, Lewis Black, Phyllis Smith, Maya Hawke, Ayo Edebiri, Adèle Exarchopoulos, Paul Walter Hauser, Kensington Tallman, Lilimar, Grace Lu, Sumayyah Nuriddin-Green, Diane Lane, Kyle MacLachlan, Frank Oz, Flea, June Squibb
(in der deutschen Synchronisation den Stimmen von) Olaf Schubert, Hans-Joachim Heist, Tahnee, Leon Windscheid, Younes Zarou, Bastian Pastewka
Kommissar Hanns von Meuffels soll den Mord an der Eigentümerin einer Möbel-Manufaktur aufklären. Die Firma sollte von einem Investor übernommen werden und mit dem Eigentümerwechsel sollten 72 Arbeitsplätze wegfallen. Der Hauptverdächtige ist ihr Ex-Mann, dem die Polizei nichts nachweisen kann.
Christian Petzold, der in den vergangenen Jahren hauptsächlich für das Kino arbeitete und dessen TV-Filme immer wie Kinofilme aussehen, inszeniert seinen ersten „Polizeiruf 110“. Es wurde, wie erwartet, ein ebenso ungewöhnlicher, wie gelungener Krimi. Mit „Wölfe“ (2016) und „Tatorte“ (2018), gleichzeitig der letzte von-Meuffels-Polizeiruf, inszenierte Petzold zwei weitere hochgelobte „Polizeiruf 110“-Krimis mit Kommissar von Meuffels.
Ach ja: Petzolds Inspiration für „Kreise“ war Claude Gorettas „Ganz so schlimm ist er auch nicht“ mit einem noch jungen und schlanken Gérard Depardieu in der Hauptrolle.
mit Matthias Brandt, Barbara Auer, Justus von Dohnányi, Luise Heyer, Daniel Sträßer, Jan Messutat
Vom Dschungel in den Dschungel. Nur ist der Dschungel, den Alejandro aus seiner Heimat El Salvador kennt, ein magischer Dschungel in dem es viel Fantasie und keine Bedrohungen gibt. Der Dschungel von New York ist dagegen anders. Er arbeitet in einer Kryokonservierungsfirma als Bewacher der Behälter, in denen Menschen in einen Kryo-Tiefschlaf versetzt werden. Es ist ein Idiotenjob. Trotzdem vermasselt er ihn, indem er kurzzeitig bei einem Behälter den Stecker zieht. Die Folge von dem Malheur ist seine sofortige Entlassung. Sein Traum bei Hasbro als Spielehersteller zu arbeiten, scheint sich in Luft aufzulösen. Denn in wenigen Tagen erlischt seine Arbeitserlaubnis. Falls er bis dahin nicht irgendeine Lohnarbeit und einen für ihn bürgenden Arbeitgeber gefunden hat, wird er zurückgeschickt.
Elizabeth (Tilda Swinton, gewohnt grandios) könnte ihm eine Arbeit geben. Irgendeine. Sie ist die Geliebte von Bobby, einem Maler, der sich vor seinem Tod einfrieren ließ. Elizabeth ist eine chaotische, dauerplappernde, konfuse, unkonzentrierte, Stimmungsschwankungen auslebende frühere Kunstkritikerin. Sie ist von Bobbys Talent überzeugt und möchte seine Bilder in einer bekannten Galerie präsentieren. Es handelt sich dabei um eine Reihe von Gemälden, die immer ein Ei vor einem anderen Hintergrund zeigen.
Das Interesse der Kunstwelt an diesen Bildern ist erwartbar gering. Aber der Enthusiasmus von Elizabeth und Alejandro, diesem perfekt zusammenpassendem, ungleichen Paar voller Gegensätze, ist groß.
Julio Torres, der Alejandro als leicht verpeilten, schüchternen, mit federnden Schritten durch New York schwebenden Nerd spielt, schrieb auch gleichzeitig das Drehbuch und inszenierte den Film. „Problemista“ ist sein Spielfilmdebüt und die überaus gelungene, im Zweifelsfall fiktionale Verarbeitung seiner Geschichte, die ihn aus El Salvador nach New York zu Saturday Night Live (SNL) und jetzt nach Hollywood und zu A24 brachte.
Die von ihm erfundene Geschichte ist ein detailfreudig ausgestattetes Märchen voller witziger und pointierter Szenen zwischen magischem Realismus und Kafka. Vor allem der Prozess der Einwanderung ist ein einziger Alptraum. Torres schildert dies alles wundervoll warmherzig und respektvoll gegenüber seinen Figuren. Da ist der Beamte bei der Einwanderungsbehörde nur ein kleines Rädchen, das Alejandro gerne helfen würde. Wenn die Gesetze es zulassen. Elizabeth ist gar nicht so furchteinflößend böse, wie gesagt wird. Jedenfalls meistens. Nur Alejandros Chefin bei der Kryokonservierungsfirma ist ziemlich böse. Aber ohne sie hätte er niemals Elizabeth kennen gelernt.
Die Arthaus-Perle „Problemista“ ist mit Abstand der beste Film, der diese Woche im Kino anläuft.
Problemista(Problemista, USA 2023)
Regie: Julio Torres
Drehbuch: Julio Torres
mit Julio Torres, Tilda Swinton, RZA, Isabella Rossellini, Catalina Saavedra, James Scully, Laith Nakli, Spike Einbinder, Kelly McCormack
Sie sind jung. Sie sind radikal links. Sie engagieren sich in Berlin in verschiedenen Bewegungen für eine bessere, eine gerechtere Welt. Sie sind miteinander befreundet und Joana Georgi begleitet sie für ihren Dokumentarfilm „Niemals allein, immer zusammen“ ein Jahr lang.
Der Film beginnt im Januar 2022. Bei einem Abendessen treffen sich die fünf Protagonisten des Films. Es sind Feline, Quang Paasch, Patricia Machmutoff, Simin Jawabreh und Zaza. Teils kennen sie sich schon länger, teils wurden sie von Georgi für den Film zu ihrem idealen Cast zusammengestellt.
Die alleinerziehende Mutter Feline backt Kuchen für Menschen, die sich keine leisten können, und versucht ihre Tochter antirassistisch zu erziehen. Quang Paasch engagiert sich in Fridays for Future, gehört zum radikalen Teil der Bewegung und er bezeichnet sich als Sozialist. Patricia Machmutoff engagiert sich bei „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“. Simin Jawabreh ist Kommunistin und engagiert sich unter anderem für die Abschaffung der Polizei. Der neunzehnjährige Zaza engagiert sich in der Krankenhausbewegung. Er ist der Jüngste in der Gruppe. Die anderen sind etwas älter.
Neben ihrem Schwerpunktthema wollen sie auch die gesamte Gesellschaft verändern.
Nach dem gemeinsamen Abendessen widmet Georgi jedem ihrer fünf Protagonisten ein eigenes Kapitel, in dem sie über sich reden und Demonstrationen besuchen. So sollen wir sie besser kennen lernen.
Das funktioniert nur sehr begrenzt. Wenn sie zusammen sind und sich austauschen, wirken die Gespräche wie peinliche Kennenlern-Spiele, in denen sie sich anhand von vorgegebenen Stichworten an bestimmten Themen abarbeiten. Sie reden nicht miteinander, sondern für ein in dem Moment abwesendes Publikum. Es sind Pseudo-Gespräche. Wenn sie dann allein sind und über sich und ihr Engagement reden, hört sich das immer wie eine Ansammlung vorher aufgeschriebener Statements und Plattitüden an. Georgi zeigt sie immer nur in Bezug zu ihrer politischen Arbeit. Alles andere wird ausgeblendet. Sie haben keine Familie, keine anderen Freunde oder einen Partner. In einem Spielfilm wären sie eindimensionale Figuren. Auch die Bewegungen, in denen sie sich aus einer explitzit linken Position irgendwo zwischen der Partei Die Linke und noch weiter links engagieren, bleiben blass. Auf einer Demonstration halten sie eine flammende Rede oder sie posten ein TikTok-Video, aber sie diskutieren nicht über ihre Position. Weder mit anderen Aktivisten, noch mit Menschen, die ihre Positionen hinterfragen. Widersprüche zwischen Forderungen und Positionen bleiben unverbunden nebeneinander stehen. Die Frage, wie die auf Demonstrationen leidenschaftlich vorgetragenen Forderungen umgesetzt werden könnten, wird nicht gestellt.
Die fünf Protagonisten werden in einer sich selbst genügenden Blase gezeigt. Sie wird nur in zwei Momenten durchbrochen. Einmal wenn gesagt wird, dass bei den Demonstrationen auch die „Omas gegen Rechts“ seien. Die Omas sind für die im Film porträtierten Aktivisten ein Kuriosum. Das Gespräch zwischen Patricia Machmutoff und Ferat Koçak, Abgeordneter für Die Linken im Abgeordnetenhaus (dem Berliner Landtag), ist da ein Lichtblick und einer der interessantesten Momente des Films. Machmutoff unterhält sich mit Koçak über sein Leben, seine politischen Ansichten, seinen Aktivismus und wie er sich in den vergangenen Jahren veränderte.
Georgi verzichtet in ihrem Film auf jede Analyse warum frühere linksradikale Bewegungen scheiterten. Damit fehlt dem Film auch jedes Bewusstsein für die eigene Geschichte, aus der man für die Zukunft lernen könnte. Sie zeigt nur fünf junge radikallinke Aktivisten, die on- und offline um sich selbst kreisen.
„Niemals allein, immer zusammen“ ist Erbauungskino für die eigene Blase.
LV: Marc Behm: The eye of the beholder, 1980 (Das Auge)
Ein Privatdetektiv soll eine Frau beschatten. Dummerweise ist sie eine Serienmörderin und er entwickelt väterliche Gefühle für sie.
Von der Kritik hochgelobtes, düster-humorvolles Roadmovie mit Hitchcock-Anleihen über eine obsessive Liebe.
Claude Miller über seinem vierten Spielfilm: „Das ist wie in den großen Erziehungsromanen, in denen die Personen reisen, um sich am Ende ihres Lebens mit einer Fülle von Erfahrungen in ihrem eigenen Garten wiederzufinden. Diese innerliche Reise gibt es im Film – sie ist etwas, das ich auf der Reise der männlichen Hauptfigur, des ‚Auges’, wie eine Art von Therapie behandeln möchte.“
Mit Michel Serrault, Isabelle Adjani, Guy Marchand, Stéphane Audran, Geneviève Page, Sami Frey, Jean-Claude Brialy
Peter Hyams schildert die erste Marslandung. Diese wurde allerdings, aufgrund von Sicherheitsproblemen, von den USA gefälscht. Als beim Eintritt in den Erdorbit die Raumkapsel verglüht, ahnen die NASA-Astronauten, dass ihre Tage gezählt sind. Offiziell sind sie ja schon tot. Aber ein Journalist versucht das Komplott aufzudecken.
Kommerziell erfolgreicher, erzählerisch unbeholfener Science-Fiction-Verschwörungsthriller mit viel Action und einer Top-Besetzung. Inzwischen kann der Thriller durchaus als Kultfilm bezeichnet werden. Und nach dem Film wissen wir, wie das mit der gefakten Mondlandung war. Ehrlich!
„Unglücklicherweise wird die interessante Grundidee von Hyams Drehbuch (…) durch Hyams unausgeglichene Regie abgeschwächt.“ (Phil Hardy, Hrsg.): Die Science Fiction Filmenzyklopädie)
mit Elliott Gould, James Brolin, Karen Black, Brenda Vaccaro, Sam Waterston, O. J. Simpson, Hal Holbrook, Telly Savalas
Die Purge ist im „The Purge“-Franchise diese US-amerikanische Tradition, in der während einer Nacht alle Verbrechen, auch Mord, ohne eine Strafe begangen werden können. Und wie jede Tradition hat sie einen Anfang. „The First Purge“ schildert diese erste Purge-Nacht und wie die Organisatoren, die New Founding Fathers of America (NFFA), kräftig nachhelfen, weil in dem Testgebiet Staten Island die Schwarzen sich nicht gegenseitig umbringen, sondern einfach nur feiern wollen.
So macht ein Prequel Sinn. Einerseits werden die Stärken der „Purge“-Reihe bewahrt (knallige politische Statements, Gewalt und ein ordentlicher B-Movie-Vibe), andererseits wird etwas erzählt, was bis dahin nicht bekannt war, aber interessant ist und die in den Filmen präsentierte Welt mit Black Power erweitert.
M – Eine Stadt sucht einen Mörder (Deutschland 1931)
Regie: Fritz Lang
Drehbuch: Thea von Harbou, Fritz Lang
Polizei und Verbrecher suchen einen Kindermörder.
Ein Filmklassiker, der keine Patina angesetzt hat und jeder Film- und Krimifan unbedingt gesehen haben muss. Mustergültig setzt Lang in seinem ersten Tonfilm Bild und Ton ein. Angeregt wurde „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ durch Zeitungsartikel über mehrere brutale Morde, unter anderem über den Fall Kürten.
Anschließend, um 22.00 Uhr, zeigt Arte die brandneue 55-minütige Doku „Peter Lorre – Hinter der Maske des Bösen“.
Mit Peter Lorre, Gustaf Gründgens, Otto Wernicke, Paul Kemp, Theo Lingen
Während ARD und ZDF schon wegschalten zu Leichtathletik und Inga Lindström (die Privaten habe erst gar nicht eingeschaltet), bietet Arte mit über drei Stunden einen wirklich langen und hoffentlich informativen Wahlabend. Angekündigt ist die erwartbare Mischung aus Wahlergebnissen und Statements von EP-Abgeordneten, Korrespondeten und Experten aus und über die Europäische Union.
Der große Crash – Margin Call (Margin Call, USA 2011)
Regie: J. C. Chandor
Drehbuch: J. C. Chandor
Wie war das nochmal mit der Finanzkrise? Nun, ungefähr so, wie J. C. Chandor es in seinem abgefeiertem Spielfilmdebüt erklärt.
Der Analyst einer Investmentbank versichert seinen Vorgesetzten glaubhaft, dass ein großer Finanzcrash unmittelbar bevorsteht. Diese fragen sich jetzt, welche finanziellen Interessen Vorrang haben.
Gelungene Kapitalismusaufklärung mit einem Fünf-Sterne-Ensemble.
mit Kevin Spacey, Paul Bettany, Jeremy Irons, Zachary Quinto, Penn Badgley, Simon Baker, Mary McDonnell, Demi Moore, Stanley Tucci
1755 geht der ehemalige, jetzt arbeitssuchende Hauptmann Ludvig Kahlen (Mads Mikkelsen, grandios) mit dem König von Dänemark, bzw. genaugenommen seinem für ihn sprechendem Beraterstab, einen Deal ein: wenn es ihm gelingt, die jütländische Heide urbar zu machen, erhält er einen Adelstitel und die damit verbundenen Privilegien. Für Kahlen, den Bastardsohn eines Adligen, wäre das ein Lebenstraum und eine ungeahnte gesellschaftliche Anerkennung.
Die Heide war damals ein ungastliches und menschenleeres Gebiet mit hartem Boden, Wölfen und Wegelagerern. Kahlen beginnt – unter großen Schwierigkeiten – mit der Arbeit. Der schweigsame Einzelgänger hofft mit dem Anbau von Kartoffeln, die damals in Mittel- und Nordeuropa noch ziemlich unbekannt waren, das Land urbar zu machen. Mit der Zeit scharrt er einige Getreue um sich. Es sind gesellschaftliche Außenseiter und teils von ihren Gutsherren verfolgte Menschen, wie die Hausmagd Ann Barbara (Amanda Collin).
Als Kahlen mit seinen Methoden und seinem Ehrgeiz erste Erfolge hat, wird der Gutsbesitzer Frederik De Schinkel (Simon Bennebjerg) zu seinem Todfeind. Der erhebt ebenfalls Anspruch auf das Land. Er ist, neben der Natur, der zweite Bösewicht der Geschichte. Er kann, wie der König, in seinem Herrschaftsbereich nach Gutdünken über Leben und Tod entscheiden.
„King’s Land“ von Nikolaj Arcel ist ein europäischer Quasi-Western und der europäische Gegenentwurf zu Paul Thomas Andersons „There will be Blood“. Was dem einen sein Öl ist, ist dem anderen seine Kartoffel. Beide Hauptfiguren gehen für ihre Ambitionen über Leichen. Sie opfern jede Beziehung ihrem selbstgestecktem Ziel vom Reichtum und dem damit verbundenem bzw. erhofftem gesellschaftlichem Aufstieg.
Diese Geschichte über Ambitionen und wie sie mit der Wirklichkeit in Konflikt geraten erzählt Arcel mit Bildern für die Kinoleinwand. Es sind Bilder einer unwirtlichen Gegend mit wenigen Menschen, die in Bretterbuden leben. Es sind Bilder, die eher an eine Westernlandschaft und nie an eine mitteleuropäische Kulturlandschaft erinnern.
Dabei geht es Nikolaj Arcel, wie er in einem Statement ausführt, nicht primär um den historischen Stoff: „Als ich vor ein paar Jahren Vater wurde, machte ich eine völlig neue Erfahrung. Ich begann meine früheren Filme (…) durch eine neue Linse zu betrachten. (…)sie spiegelt die Sichtweise eines Mannes wieder, der nur ein einziges Ziel verfolgt (…) aber nicht viel mehr. ‚King’s Land‘ ist aus dieser existenziellen Reflexion entstanden und mein bisher persönlichster Film. Mit Hilfe des brillanten Romans von Ida Jessen wollten Anders Thomas Jensen und ich eine große, epische Geschichte darüber erzählen, wie unsere Ambitionen und Wünsche unweigerlich scheitern, wenn sie alles sind, was wir haben.“
Davon erzählt er, sehr gelungen, in seinem neuesten Film. Das historische Drama wurde mit zahlreichen Filmpreisen ausgezeichnet und war in der Vorauswahl für den diesjährigen Oscar als bester internationaler Film.
P. S. 1: Nikolaj Arcel ist vor allem als Nordic-Noir-Drehbuchautor bekannt. Er schrieb die Bücher für die Stieg-Larsson-Verfilmung „Verblendung“ und für die Jussi-Adler-Olson-Verfilmungen „Erbarmen“, „Schändung“, „Erlösung“ und „Verachtung“. Und, ohne eine Romanvorlage, für „Helden der Wahrscheinlichkeit“. Anders Thomas Jensen verfilmte es.
P. S. 2: Irgendjemand sollte sich mal Gedanken darüber machen, wie die unterschiedlichen Titel die Erwartungen an den Film und die Rezeption des Films verändern. Die Romanvorlage heißt „Kaptajnen og Ann Barbara“ (Hauptmann Kahlen und Ann Barbara), der Originaltitel ist „Bastarden“ (womit Ludvig Kahlen gemeint ist), der internationale Titel ist „The Promised Land“ (das versprochene Land) und der deutsche Titel ist „King’s Land“ (das Land des Königs). Keiner dieser Titel ist falsch. Ich halte sie sogar alle für zutreffende, mögliche und auch gute Titel. Aber sie betonen unterschiedliche Dinge in der Geschichte.
LV: Brian Garfield: Death Wish, 1972 (Ein Mann sieht rot)
Nachdem seine Frau und Tochter in ihrem New Yorker Apartment überfallen und vergewaltigt werden und seine Frau von den Verbrechern ermordet wird, sieht der friedliebende, linksliberale Paul Kersey (Charles Bronson) rot.
Selbstjustiz-Klassiker, der das schlechte Vorbild für unzählige weitere Vigilantenfilme war. Das gilt auch für die direkten „Ein Mann sieht rot“-Fortsetzungen.
Michael Winner inszenierte die krude Geschichte kraftvoll, ohne große Subtilitäten mit eindeutiger Botschaft. Trotzdem ist sein Film immer wieder ambivalenter als das Publikum den Kassenhit damals sah.
Brian Garfield, der Autor der Vorlage, ist überzeugt, dass Gewalt nur Gegengewalt erzeugt und sie zu einem moralischen Verfall des Täters führt. Weil er fand, dass seine Botschaft von Michael Winner falsch dargestellt wurde, schrieb er die „Ein Mann sieht rot“-Fortsetzung „Death Sentence“ (1975). Der Roman wurde 2007 von James Wan als äußerst pessimistische Studie über Selbstjustiz verfilmt. In anderen Romanen erzählt Garfield, wie seine Protagonisten erfolgreich und ohne Gewalt anzuwenden gegen Gewalttäter vorgehen.
Zu „Ein Mann sieht rot“ erklärte Garfield: „I meant it (if you believe in the influence of subtext) as a cautionary lesson, not a recommendation. Revenge is a universal fantasy but, in practice, it isn’t a solution, it’s a problem.“
Hauptdarsteller Charles Bronson äußerte sich in Interviews über den Film ähnlich. Und Winners Film hat durchaus ein Interesse an dieser Frage. Sein Film spielt vor einem konkreten sozialen und politischen Hintergrund: dem New York der frühen siebziger Jahre, als die Millionenstadt in einem Sumpf von Gewalt und Verbrechen versank.
„They see you“, das ist der deutsche Titel, der englische Titel ist „The Watchers“, ist das Spielfilmdebüt von Ishana Night Shyamalan und sie ist die Tochter von „Sixth Sense“ M. Night Shyamalan. Er ist einer der Produzenten des Horrorfilms. Über die Qualität des Films sagt das erst einmal nichts aus, aber natürlich weckt dieses Wissen Erwartungen, die der Film teilweise einlöst. Denn der auf dem nicht ins Deutsche übersetzten Gothic-Horrorroman „The Watchers“ von A. M. Shine basierende Film ist ein Horrorfilm mit einer Prämisse, die sofort zum Nachdenken, Assoziieren und Rätselraten über die Lösung einlädt.
Als die Mittzwanzigern Mina einen Vogel von einer Zoohandlung in Galway zu einem Kunden bringen soll, verfährt sie sich auf ihrer Fahrt durch Irland aus nie geklärten Gründen. In einem riesigen Waldgebiet versagt der Motor ihres Autos. Sie steigt aus und verliert die Orientierung. Als es dunkel wird, kann sie vor irgendwelchen gefährlichen im Wald lebenden Wesen in einen brutalistischen Betonbunker flüchten. Dort trifft sie auf drei Menschen: eine ältere Frau, die weiß, welche Regeln man im Umgang mit den Wesen befolgen muss, einen jüngeren Mann und eine jüngere Frau, über die wir eigentlich nichts erfahren. Nachts müssen sie in dem Haus bleiben und auf eine riesige verspiegelte Fensterscheibe starren. Auf der anderen Seite sind die Wesen, die sie beobachten.
Ob es diese Wesen wirklich gibt, ist unklar. Was sie wollen, ist unklar. Und ob sie wirklich eine Bedrohung sind, ist ebenso unklar. Aber sie halten die vier Menschen in dem Wald gefangen.
Diese Prämisse und die Atmosphäre haben durchaus einen Shyamalan-Touch. Aber wenn in der zweiten Hälfte des Films langsam die Fragen beantwortet werden, wird „They see you“ zu einem in jeder Beziehung generischen und mutlosen 08/15-Horrorfilm. Alle sich aus der Prämisse ergebenden Möglichkeiten werden zuverlässig zugunsten des kleinsten möglichen Geisterhorror-Nenners ignoriert. Mehr kann über die Lösung nicht verraten werden. Denn jedes weitere Wort wäre ein massiver Spoiler .
They see you (The Watchers, USA 2024)
Regie: Ishana Night Shyamalan
Drehbuch: Ishana Night Shyamalan
LV: A. M. Shine: The Watchers, 2021
mit Dakota Fanning, Georgina Campbell, Oliver Finnegan, Olwen Fouéré
Wer oder was ist Palantir? Und wer ist Alex Karp? Im Gegensatz zu anderen Milliardären, die irgendetwas mit Computern und dem Internet zu tun haben, wie Bill Gates, Jeff Bezos und Mark Zuckerberg, ist Alex Karp unbekannt. Auch seine Firma Palantir und deren Produkt Palantir Gotham ist außerhalb der Datenschutz-Szene unbekannt.
Da kann ein gut gemachter Dokumentarfilm die notwendige Aufklärungsarbeit leisten. Die Idee, den Dokumentarfilmer erfolglos sein Objekt der Begierde verfolgen zu lassen, ist durchaus tragfähig für einen Film. Und dass Klaus Stern für seinen Dokumentarfilm „Watching you – Die Welt von Palantir und Alex Karp“ auch auf 1997 von seinem Kameramann Thomas Giefer gemachte Aufnahmen von Alex Karp für einen Dokumentarfilm über den jüdischen Schriftsteller Richard Plant zurückgreifen kann ist ein Gewinn. Hier wird Karp als junger Bohemien, als eine sympathische Kreuzung aus einer Jim-Jarmusch-Figur, ‚Stadtneurotiker‘ Woody Allen und Groucho Marx gezeigt, der durch New York streift und sich Zigarren anzündet. Stern befragt auch die Menschen, die ihn in den Neunzigern und frühen nuller Jahren kannten. Damals war er als Philosophie-Doktorand in Frankfurt am Main an der Universität und arbeitete im Sigmund-Freud-Institut. Für die Geschichte von Palantir ist das zwar nicht wichtig, aber durchaus interessant als Einblick in Karps Zeit vor der Unternehmensgründung. Damals ahnte niemand, dass dieser etwas seltsame Sohn eines jüdischen Medizin-Professors und einer afro-amerikanischen Künstlerin, der seine Kindheit auf Friedensdemos verbrachte und sich als Neomarxist bezeichnete, der CEO eines global tätigen Software-Unternehmens werden würde, das mit dem Militär und Sicherheitsdiensten eng zusammen arbeitet.
Später, wenn Stern versucht, ihn in Davos zu einem Interview zu überreden und er neuere Aufnahmen von Karp präsentiert, erinnert er noch mehr Groucho Marx. Über sein Denken, auch die Widersprüche in seinem Denken, und seine Vision erfährt man dagegen nichts substantielles. Das Gleiche gilt für die von ihm gegründete Firma Palantir, die „größte kommerzielle Überwachungsfirma der Welt“ (Presseheft), und warum seine Software so umstritten ist. Die Bedenken der Datenschützer werden in zwei kurzen Statements angesprochen. Wie die Software funktioniert und was die Probleme dabei sind, überhaupt nicht.
Gerade das und die damit verbundene Bedrohung einer freien Gesellschaft müsste in einer Doku nicht nur kurz angesprochen, sondern vertieft werden.
Doch hier kratzt die in jahrelanger Arbeit entstandene Doku noch nicht einmal an der Oberfläche. Von der Filmidee bis zur Premiere vergingen sieben Jahre.
Nach etwas über neunzig Minuten bleibt nur das Bild von einem etwas schrullig wirkendem, netten Firmengründer, der irgendetwas mit Daten macht.
There will be Blood (There will be Blood, USA 2007)
Regie: Paul Thomas Anderson
Drehbuch: Paul Thomas Anderson
LV: Upton Sinclair: Oil!, 1927 (Öl!)
Porträt von Daniel Plainview (Daniel Day-Lewis), einem kapitalistisch-egoistischem, Menschen verachtenden und rein instrumentell behandelnden Ölsucher, der zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in Kalifornien ein Vermögen macht. Sein Gegenspieler ist der ebenso ehrgeizige evangelikale Prediger Eli Sunday (Paul Dano). Mit großen Showveranstaltungen sammelt er Gläubige um sich. Und mit Plainview kooperiert er, um seine Gemeinde (und damit sich selbst) zu mästen.
Bildgewaltiges Drama, das in jeder Sekunde auf maximale Überwältigung zielt. Und vom Wesen der amerikanischen Kultur erzählt.
Mit Daniel Day-Lewis, Paul Dano, Kevin J. O’Connor, Ciarán Hinds, Dillon Freasier, Elizabeth Barrett
Die kürzeste Kritik zum vierten „Bad Boys“-Film geht so: wenn dir der vorherige Film gefiel, wird dir auch „Bad Boys: Ride or Die“ gefallen.
Und das waren vor vier Jahren, während der Coronavirus-Pandemie, ziemlich viele Menschen. In Deutschland war er mit 1,8 Millionen Zuschauern der erfolgreichste Film des Jahres. In den USA sah es genauso aus. Weltweit war die Actionkomödie mit einem Umsatz von 426,5 Millionen US-Dollar, hinter drei asiatischen Filmen (es war ein ungewöhnliches Jahr), der vierterfolgreichste Film des Jahres. Und es war der an der Kinokasse und bei der Kritik der erfolgreichste „Bad Boys“-Film. Das Publikum liebte sie durchgehend.
Da war eine Fortsetzung unvermeidlich und dieses Mal ging es auch schneller als zwischen dem zweiten und dritten Filmabenteuer mit den in Miami ermittelnden Drogenfahndern Mike Lowrey (Will Smith) und Miles Burnett (Martin Lawrence). Sie sind Schwarz, haben ein loses Mundwerk und sind seit über dreißig Jahren Partner. Der eine ist ein glücklicher Familienvater. Der andere ein überzeugter Single. Jedenfalls bis jetzt. Denn Lowrey heiratet am Filmanfang.
In ihrem vierten Leinwandeinsatz wird ihr ehemaliger, in „Bad Boys for Life“ erschossener Vorgesetzter Captain Howard (dieses Mal als Geist dabei) verdächtigt, für die Kartelle gearbeitet zu haben. Die titelgebenden „Bad Boys“ Lowrey und Burnett glauben es nicht. Sie wollen seine Unschuld beweisen und geraten dabei in Teufels Küche. Denn die wahren Täter und Hintermänner, die gestandene Krimigucker ohne große Mühe schnell enttarnen, wehren sich mit allen Mitteln. Sie scheinen über jeden Schritt der beiden Drogenfahnder informiert zu sein.
Erzählt wird das in der bewährten Buddy-Cop-Mischung aus Humor, dummen Sprüchen und exzessiver Gewalt. Die Zerstörungsorgie wird, auch das ist keine Neuigkeit, in hektischen Schnitten erzählt. Es ist fast nie möglich, die Action zu verfolgen. Und wenn dann einmal in einer Actionszene länger nicht geschnitten wird, bewegt die Kamera sich so hektisch, dass auch dann das Geschehen kaum verfolgt werden kann. Dass das anders geht, haben in den letzten Jahren vor allem die „John Wick“-Filme gezeigt. Auch ein Blick auf die „James Bond“- oder „Mission: Impossible“-Filme zeigt, dass Action anders inszeniert werden kann.
Oder auf den ersten „Bad Boys“-Film. Den hat Michael Bay zwar auch schon hektisch im Sekundentakt geschnitten.
Aber ihm gelangen in seinem Spielfilmdebüt einige ikonische Bilder und im Gedächtnis bleibende Actionszenen. Das kann von Adil & Bilalls zweitem „Bad Boys“-Film nicht gesagt werden. Bei ihnen verschwimmt alles in einem monotonem Schnittgewitter. Das ist keine überkandidelte Rocksinfonie, sondern der Rhythmus-Track für ein Hip-Hop-Stück, bei dem die anderen Instrumente und der Gesang fehlen.
Der Humor besteht vor allem aus den endlosen, redundanten Streitereien zwischen Lowrey und Burnett. Sie zanken sich wie ein altes Ehepaar auf Autopilot. Und Burnett wird hier zum absoluten Trottel degradiert.
Die Story ist, wie erwartbar, nicht der Rede wert. Sie dient nur als Perlenschnur, an der Action und Witze aneinandergereiht werden.
In „Bad Boys: Ride or Die“ werden die bekannten Zutaten, mit vielen aus den vorherigen Filmen bekannten und einigen neuen, weitgehend vollkommen austauschbaren Figuren, einfach noch einmal präsentiert. Ohne nennenswerte Variationen und Engagement. Das ist mehr Autopilot als Innovation; – also ziemlich genau das, was ich erwartete und was die Fans der vorherigen, vor allem des vorherigen Films wollen.
Bad Boys: Ride or Die(Bad Boys: Ride or Die, USA 2024)
Regie: Adil & Bilall (aka Adil El Arbi und Bilall Fallah)
Drehbuch: Chris Bremner, Will Beall (basierend auf von George Gallo erfundenen Figuren)
mit Will Smith, Martin Lawrence, Vanessa Hudgens, Alexander Ludwig, Paola Núñez, Eric Dane, Ioan Gruffudd, Jacob Scipio, Melanie Liburd, Tasha Smith, Tiffany Haddish, Joe Pantoliano, John Salley, DJ Khaled, Rhea Seehorn, Dennis McDonald, Michael Bay (Cameo)