Neu im Kino/Filmkritik: „Hannas Reise“ nach Israel

Januar 23, 2014

 

Das lief nicht gut. Zuerst erzählt Hanna bei einem Vorstellungsgespräch etwas von einem Praktikum mit Behinderten in Israel, was ihre zukünftigen Arbeitgeber wegen ihres sozialen Engagements beeindruckt, und dann will ihre Mutter, die Chefin von „Aktion Friedensdienste“ ist, ihr nicht einfach eine Bestätigung ausstellen, sondern verschafft ihr den Praktikumsplatz.

Stinkig bis zum Anschlag fliegt Hanna nach Israel. Bis jetzt hatte die BWL-Studentin nur ihre Karriere und ihre Kleider im Kopf. In Tel Aviv soll sie sich um Behinderte kümmern und mit Holocaust-Überlebenden reden. Übernachten kann sie in einer WG, die von „Aktion Friedensdienste“ bezahlt wird, in der zwei weitere Praktikanten leben und die wie eine typische, abbruchreife Studentenbude aussieht. Via Skype klagt sie ihrem Freund, der ebenfalls seine Banker-Karriere fest im Blick hat, ihr Leid.

Aber dann beginnt sie sich – notgedrungen – zu arrangieren und die Reise folgt, erwartungsgemäß, den Pfaden des Entwicklungsromans.

In „Hannas Reise“ erzählt Julia von Heinz feinfühlig und ohne allzu hoch erhobenen Zeigefinger die Geschichte einer Studentin, die zum ersten Mal über ihr Leben und ihre Ziele nachdenken muss. Gleichzeitig wirft sie einen Blick in die israelische Gesellschaft, die seit Jahrzehnten in einem ständigen Kriegszustand lebt und wie das das Leben der Jüngeren beeinflusst. So wollte Itay, der nette Leiter der Behindertengruppe, eigentlich mit einem Freund nach Berlin ziehen. Aber wegen seiner Familie blieb der Ex-Soldat in Tel Aviv. Dieser Blick in das Irrenhaus Jerusalem gewinnt in „Hannas Reise“ allerdings niemals die schwarzhumorige Verzweiflung von „45 Minuten bis Ramallah“. Außerdem spricht „Hannas Reise“ den Holocaust-Praktikumstourismus an. Denn Hannas WG-Genossen, die auf den ersten Blick wie linksorientierte, sozial engagierte Studenten wirken, haben das Praktikum auch nur als den Lebenslauf schönende Station angenommen.

Und Hanna, die bei Gesprächen mit Holocaust-Überlebenden auch einiges über ihre Familiengeschichte erfährt, fragt sich, wie sehr die Vergangenheit doch etwas mit ihr zu tun hat. Mit ihrer Mutter, mit der sie sich nicht besonders gut versteht, hat sie nie darüber gesprochen.

Hannas Reise“ hat etwas von einem wohl abgewogenem Kommissionsfilm: gut gemacht, ausgewogen und brav den Konventionen folgend. Vieles ist gelungen, nichts ist wirklich misslungen, aber nichts begeistert wirklich und nichts bringt einen wirklich zum Nachdenken. Ein Film, der wahrscheinlich Fünfzigjährigen besser als Zwanzigjährigen gefällt.

Hannas Reise - Plakat

Hannas Reise (Deutschland/Israel 2013)

Regie: Julia von Heinz

Drehbuch: John Quester, Julia von Heinz (frei nach Motiven von Theresa Bäuerleins Roman „Das war der gute Teil des Tages“)

mit Karoline Schuch, Doron Amit, Max Mauff, Lore Richter, Trystan Pütter, Lia König, Suzanne von Borsody

Länge: 100 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Hannas Reise“

Moviepilot über „Hannas Reise“

 

 


Neu im Kino/Filmkritik: Sechs Profiler werfen einen „Blick in den Abgrund“

Januar 23, 2014

Profiler – das sind doch diese Typen, die für die Polizei aus dem Nichts supergenaue Profile von Serienmördern erstellen, sich in unterirdischen Verliesen mit Typen wie Hannibal Lector treffen und dann im Alleingang die Mörder zur Strecke bringen.

Nun, ganz so nervenzerrend wie in „Das Schweigen der Lämmer“ ist die Arbeit von Profilern in der schnöden Realität dann doch nicht. Obwohl es, wie Barbara Eder in ihrer sehenswerten Dokumentation „Blick in den Abgrund“ zeigt, auch kein Job für Jeden ist. So wurde Gérard Labuschagne mit 29 Jahren der Leiter der Investigative Psychology Section der südafrikanischen Polizei, weil seine Vorgängerin die Arbeit nicht mehr ertrug. In den vergangenen elf Jahren ermittelte er in über 110 Serienmorden und über 200 Serienvergewaltigungen.

Neben ihm porträtiert Eder die finnische forensische Psychologin Helinä Häkkänen-Nyholm, die zur Entspannung mit ihrem Freund angeln geht und sich dabei doch ständig mit der Arbeit beschäftigt. In Deutschland begleitet sie Kriminalhauptkommissar Stephan Harbort, der bei uns auch als Buchautor bekannt ist, der in Berlin einen Tathergang rekonstruiert, indem er den Tatort besucht. Er unterhält sich auch mit einem Serientäter. In den USA unterhielt sie sich mit der forensischen Psychiaterin Helen Morrison, die inzwischen auch als Buchautorin bekannt ist, und den beiden ehemaligen FBI-Agenten Roger L. Depue und Robert R. Hazelwood, die Thomas Harris bei seinem Roman „Das Schweigen der Lämmer“ berieten. Inzwischen haben sie die Academy Group, einen Zusammenschluss ehemaliger Profiler, gegründet und erstellen weiterhin Profile von Serientätern.

Eder porträtiert in ihrer gut gemachten und informativen Doku, die von ihrer Struktur und den Bildern genausogut im TV laufen könnte, die Profiler bei der Arbeit und im Privatleben und weil sie die Porträts ineinander verschränkt, entsteht das Bild einer globalen Beschäftigung mit dem Thema Serienmord und wie die einzelnen Profiler sich ihrem Täterprofil, das keine exakte Wissenschaft ist, nähern.

Einen viel zu großen Raum nimmt dabei Helen Morrison ein, die ihre Theorie von dem Serienmörder-Gen, beziehungsweise Anomalien, die nur im Gehirn von Serienmördern vorkommen, ausführlich vorstellen darf. Sie möchte es finden und isolieren.

Immerhin verwerfen die anderen Profiler, wenn sie darauf angesprochen werden, diese abstruse Theorie. Dafür seien die Unterschiede zwischen den Serienmördern zu groß und die meiste Zeit sei auch ein Serienmörder ein ganz normaler Nachbar.

Blick in den Abgrund - Plakat

Blick in den Abgrund (Österreich/Deutschland 2013)

Regie: Barbara Eder

Drehbuch: Barbara Eder

mit Roger L. Depue, Helinä Häkkänen-Nyholm, Stephan Harbort, Robert R. Hazelwood, Gérard N. Labuschagne, Helen Morrison

Länge: 88 Minuten (Original mit deutschen Untertiteln)

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Blick in den Abgrund“

Moviepilot über „Blick in den Abgrund“

Stephan Harbort in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 23. Januar: Easy Money

Januar 23, 2014

Arte, 21.45

Easy Money (Schweden/Dänemark/Deutschland 2009, R.: Daniel Espinosa)

Drehbuch: Maria Karlsson

LV: Jens Lapidus: Snabba Cash – Hatet Drivet Jakten, 2006 (Spur der Angst)

Einige Männer wollen mit Drogendeals das große Geld verdienen. Dummerweise durchkreuzen sich ihre Pläne und aus dem „Easy Money“ wird ein blutiger Bandenkrieg in Stockholms Unterwelt.

Souverän und spannend inszenierter düsterer Thriller. (…) überzeugt (…) als moderne ‚Film Noir‘-Variante über den Preis des Geldes.“ (Lexikon des internationalen Films)

Der Roman war ein Bestseller, der Film ein Erfolg, ein US-Remake ist geplant und Daniel Espinosa drehte seinen nächsten Film „Safe House“ (mit Denzel Washington und Ryan Reynolds) mit Hollywood-Geld in Südafrika. Derzeit ist er in der Postproduktion seiner Tom-Rob-Smith-Verfilmung „Child 44“ (nach einem Drehbuch von Richard Price). Auch Hauptdarsteller Joel Kinnamann verschlug es nach Hollywood. Er ist der neue „Robocop“.

mit Joel Kinnamann, Matias Padin Varela, Dragomir Mrsic, Mahmut Suvakci, Jones Danko, Lisa Henni, Fares Fares

Hinweise

Film-Zeit über „Easy Money“

Moviepilot über „Easy Money“

Metacritic über „Easy Money“

Rotten Tomatoes über „Easy Money“

Wikipedia über „Easy Money“ (deutsch, englisch)

Homepage von Jens Lapidus

Krimi-Couch über Jens Lapidus

Meine Besprechung von Daniel Espinosas „Sebastian Bergman – Spuren des Todes 1“

Meine Besprechung von Daniel Espinosas „Safe House“ (Safe House, USA 2012)


Ein Blick auf einige neuere Werke von Alan Moore

Januar 22, 2014

 

Moore - Fashion Beast 1Moore - Die Liga der aussergewöhnlichen Gentlemen 2009

Moore - Die Liga der aussergewöhnlichen Gentlemen Das schwarze DossierMoore - Neonomicon

Für seine Jünger ist Alan Moore, der mit „Watchmen“, „Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ und „From Hell“ ja einige veritable Klassiker schrieb, ein Heiliger.

Für eher profane Geister ist er ein guter Comic-Autor mit einem durchwachsenem Oeuvre, wie auch ein Blick auf seine zuletzt in Deutschland erschienenen Werke zeigt.

Fashion Beast“ ist seine neueste Kreation; – wobei das nicht so genau stimmt. Denn der Ursprung der Geschichte ist ein Filmtreatment von Alan Moore und Malcolm McLaren aus den Achtzigern, das jetzt von Antony Johnston zu einem Comic verarbeitet wurde.

In der in einer dystopischen Welt spielenden Geschichte träumt der Transvestit Doll, während die meisten Menschen um ihre nackte Existenz kämpfen, von einem Leben auf dem Laufsteg. Als sie ihre Arbeit als Garderobiere in einem Nobel-Disco verliert, spricht sie bei dem legendären Modeschöpfer Celestine vor – und wird, wider Erwarten, als Modell genommen.

Wahrscheinlich weil „Fashion Beast“ bereits 1985 geschrieben wurde, wirkt die Geschichte anachronistisch. Das zeigt sich vor allem daran, wie die Modewelt gezeichnet wird und dass das damalige Zeitgefühl, in dem man sich täglich vor der Apokalypse in Form eines Dritten Weltkriegs, den Grenzen des Wachstums, Umweltkatastrophen und damit dem Ende des westlichen Lebensmodells fürchtete und dem Ende mit einer nihilistischen Punk-Attitüde begegnete. Immerhin war der Modemacher Malcolm McLaren auch Manager der „Sex Pistols“.

Dazu gesellen sich storytechnische Probleme. Denn „Gefeuert“ erzählt die erste Hälfte der Geschichte von Doll. Allerdings erfolgte bislang nur ein Set-Up, bei dem weitgehend unklar ist, in welche Richtung die Geschichte sich bewegen soll.

2009“ erzählt eine weitere, ziemlich kurze Geschichte aus der Welt der „Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“. Sie ist der abschließende Teil der Jahrhundert-Trilogie (aka Century-Trilogie), spielt 2009, wechselt ziemlich flüssig zwischen den verschiedenen Welten und verliert irgendwo dazwischen eine nachvollziehbare Geschichte. Immerhin erklärt ein Alan-Moore-Lookalike die Mission: „Dieses Reich hat sich darauf verlassen, dass du für uns den Propheten Antichrist findest, sodass wir die Apokalypse verhindern können.“

Wahrscheinlich aufgrund der Kürze fühlt sich die Geschichte wie eine Skizze an, die sich, auch aufgrund ihrer nur angerissenen Hintergrundgeschichten über die Hauptcharaktere, vor allem an Menschen richtet, die mit dem „Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“-Kosmos vertraut sind.

Deutlich besser ist, ebenfalls mit der „Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“, „Das schwarze Dossier“, das auch einen Blick in die Geschichte der Liga wirft, weil Wilhelmina ‚Mina‘ Murray und Allan Quatermain 1958 das titelgebende „Schwarze Dossier“ in einem England, das etwas anders ist, als das England, das wir aus den Geschichtsbüchern kennen, stehlen und es auf ihrer Flucht lesen. Das Dossier ist eine Sammlung von verschiedenen Dokumenten, die etwas mit der Geschichte der Liga zu tun haben, wie „Die Abstammung der Götter“ von Okkultfachmann Oliver Haddo, einer Faksimilie-Ausgabe des Trump-Heftes „Das Leben von Orlando“ (eine bebilderte Biographie), „Feenlands Schicksalsfügung“ von William Shakespeare, „Die neuen Abenteuer der Fanny Hill“ von John Cleland, ein Prospekt von London, wie es 1901 zur Zeit der ersten Murray-Gruppe aussah, „Die irrsinnig weite Ewigkeit“ von Sal Paradyse, eine „Zusammenfassung des des Direktors“ von M und einige Postkarten.

Das ist einerseits witzig zu lesen, wenn Autor Alan Moore und Zeichner Kevin O’Neill mit jedem Dokument radikal den Stil wechseln, sich Zeichengeschichten mit Texten abwechseln. Allerdings ist es auch ungefähr so spannend, wie die Lektüre einer Akte oder, positiv gesagt, einer Zeitschrift.

Dazwischen gibt es eine Verfolgungsjagd mit einem leichten „Die 39 Stufen“-Touch: Bulldog Drummond, Emma Night (aka Emma Peel) und eine James-Bond-Pastiche verfolgen Murray und Quatermain quer durch die englische Landschaft.

Das gelungenste Werk im neuen Output von Alan Moore ist „Neonomicon“. In dem Sammelband sind die sehr locker miteinander verbundenen Geschichten „The Courtyard“ (2003) und „Neonomicon“ (2010/2011) enthalten, die auf Lovecrafts Cthulhu-Mythos basieren und einige ungeahnte Hintergründe über die Entstehung der Cthulhu-Geschichten enthüllen.

In der ersten Geschichte „The Courtyard“ untersucht FBI-Agent Aldo Sax eine Serie von Ritualmorden und stößt auf eine vom Cthulhu-Mythos inspirierte Subkultur.

In der vierteiligen Geschichte „Neonomicon“ sitzt Sax in einem Hochsicherheitstrakt. Die FBI-Agenten Gordon Lamper und Merril Brears untersuchen eine ähnliche Mordserie in Connecticut. Sie vermuten, dass ein seit Jahrzehnten agierender Kult dahinter steckt. Undercover versuchen sie ihn zu infiltrieren, was keine so gute Idee ist.

Alan Moore (Manuskript, Original-Drehbuch)/Malcolm McLaren (Original-Drehbuch)/Antony Johnston (Comic-Skript)/Facundo Percio (Zeichnungen): Fashion Beast: Gefeuert (Band 1)

(übersetzt von Gerlinde Althoff)

Panini, 2013

132 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe

Fashion Beast # 1 – 5

August 2012 – Januar 2013

Alan Moore/Kevin O’Neill: Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen: 2009

(übersetzt von Gerlinde Althoff)

Panini, 2013

84 Seiten

12,95 Euro

Originalausgabe

The League of Extraordinary Gentlemen #3: 2009

2011

Alan Moore/Kevin O’Neill: Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen: Das schwarze Dossier

(übersetzt von Gerlinde Althoff)

Panini, 2013

212 Seiten

29,99 Euro

Originalausgabe

The League of Extraordinary Gentlemen: Black Dossier

2007

Alan Moore/Jacen Burrows: Neonomicon

(übersetzt von Gerlinde Althoff)

Panini, 2011

160 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe/enthält

The Courtyard (Januar/Februar 2003)

Neonomicon #1 – 4 (Juli 2010/August 2010/Oktober 2010/Februar 2011)

Hinweise

Comic Book Database über Alan Moore

Alan-Moore-Fanseite (etwas veraltet)

Wikipedia über Alan Moore (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Alan Moore/Dave Gibbons’ „Watchmen“ (Watchmen, 1986/1987)

Meine Besprechung von Alan Moore/Eddie Campbells „From Hell“ (From Hell, 1999)

 

 


TV-Tipp für den 22. Januar: Heist – Der letzte Coup

Januar 22, 2014

Kabel 1, 22.40

Heist – Der letzte Coup (USA 2001, R.: David Mamet)

Drehbuch: David Mamet

Nachdem Meisterdieb Joe Moore bei einem Diebstahl von einer Überwachungskamera gefilmt wird, will er aussteigen. Aber sein Hehler Mickey Bergman erpresst ihn zu einem letzten großen Coup. Ab diesem Moment kämpfen sie gegeneinander.

Dank der guten Schauspieler und des wendungsreichen Drehbuchs von Regisseur David Mamet ist dieser Film vom letzten großen, perfekt ausgeführten Coup und den sich gegenseitig betrügenden Gaunern ein einziges Vergnügen. Denn „Heist – Der letzte Coup“ ist gutes Genrekino, präsentiert von einem Meister, der hier tief in seiner Trickkiste wühlt.

Mit Gene Hackman, Danny DeVito, Delroy Lindo, Sam Rockwell, Rebecca Pidgeon

Wiederholung: Donnerstag, 23. Januar, 03.10 Uhr (Taggenau!)

Hinweise:

Drehbuch von David Mamet

Moviepilot über „Heist“

Metacritic über „Heist“

Rotten Tomatoes über „Heist“

Wikipedia über „Heist“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von David Mamets „Bambi vs. Gorilla – Über Wesen, Zweck und Praxis des Filmbusiness“ (Bambi vs. Gorilla – On the Nature, Purpose, and Practice of the Movie Business, 2007)

David Mamet in der Kriminalakte


Deutscher Krimipreis 2014 vergeben

Januar 21, 2014

 

Der Deutsche Krimipreis wurde verliehen:

National

1. Platz: Friedrich Ani: M (Droemer)

2. Platz: Robert Hültner: Am Ende des Tages (btb)

3. Platz: Matthias Wittekindt: Marmormänner (Edition Nautilus)

International

1. Platz: Patrícia Melo: Leichendieb (Ladrão de Cadáveres) (Tropen)

2. Platz: John le Carré: Empfindliche Wahrheit (A Delicate Truth) (Ullstein)

3. Platz: Jerome Charyn: Unter dem Auge Gottes (Under the Eye of God) (Diaphanes)

Hoppla, im Gegensatz zu den früheren Jahren habe ich dieses Jahr fast alle deutschsprachigen, aber nur einen der internationalen Preisträger gelesen. Aber Wittekindt, Melo und Charyn liegen immer noch auf meinem Zu-lesen-Stapel.


Cover der Woche

Januar 21, 2014

Douglas - Rebeccas Stolz


TV-Tipp für den 21. Januar: The Blacklist: Raymond Reddingtons schwarze Liste/Der Freelancer

Januar 21, 2014

 

RTL, 20.15

The Blacklist: Raymond Reddingtons schwarze Liste/Der Freelancer (USA 2013)

Regie: Joe Carnahan, Jace Alexander

Drehbuch/Erfinder: Jon Bokenkamp

Serienhit aus den USA, der schon jetzt eine zweite Staffel erhalten hat, dort auch bei der Kritik gut ankam und die ohne James Spader ein Fall für die Mülltonne wäre. Er spielt Raymond ‚Red‘ Reddington, einen seit Ewigkeiten vom FBI weltweit gesuchten Topverbrecher und Ex-FBI-Agent, der sich im Serienauftakt freiwillig stellt (Warum?) und dem FBI anbietet, ihm bei der Jagd nach Verbrechern zu helfen (Warum?). Er hat dafür eine ziemlich lange Blacklist von besonders gefährlichen Verbrechern, deren Existenz teilweise sogar FBI, CIA und alle anderen Geheimdienste nicht kennen. Er wird allerdings nur, in schönster „Das Schweigen der Lämmer“-Tradition, mit Elizabeth Keen (Megan Boone), einer blutjungen Profilerin, reden. Und er hat noch einige andere Forderungen, die allerdings ein Ablenkungsmanöver sein können. Denn selbstverständlich ist vollkommen unklar, wie ehrlich der notorische Lügner Reddington ist und welche Agenda er verfolgt.

Die ersten beiden Folgen sind, abgesehen von James Spader (Grandios!), enttäuschend. Die anderen Schauspieler sind Stichwortgeber, die mit banalen Dialogen zu kämpfen haben. Der Serienauftakt ist eine einzige hektische, nicht nacherzählbare Hatz, die zweite Episode ist dann etwas ruhiger, aber beide Episoden sind unglaublich unlogisch und kaum nachvollziehbar. Auch weil es außer den Behauptungen von Reddington über die Bösewichter keinerlei Beweise gibt und es vollkommen unklar ist, wie sehr die Ereignisse von ihm manipuliert werden. So behauptet er in „Der Freelancer“, das ein vollkommen unbekannter Attentäter seine Anschläge als Unfälle kaschiert (zum Beispiel eine Zugentgleisung mit hunderten Toten – und, oh Wunder, bei solchen Katastrophen sterben auch immer wieder wichtige Personen, die von Reddington behaupteten Ziele des Freelancers). Jetzt soll er einen Anschlag auf eine Menschenrechtsaktivistin planen, der während eines Wohltätigkeitsdinners stattfinden soll; selbstverständlich getarnt als Unfall und nach dem MO des Täters mit vielen unschuldigen Opfern. Der Täter soll auch während des Dinners dabei sein – und am Ende kommt heraus, dass Reddington das alles geplant hat, um die Aktivistin, die in Wirklichkeit ein ganz böser Gangster ist (was niemand wusste), umzubringen. Der titelgebende Freelancer spielt am Ende keine Rolle mehr; wobei sogar unklar ist, ob es ihn überhaupt gibt. Es könnte auch sein, dass Reddington ihn einfach erfunden hat, nachdem er am Anfang der Episode einen Zug entgleisen ließ.

Ich werde mir noch ein, zwei Folgen ansehen, aber bis jetzt überwiegt eindeutig das Negative. Denn ohne Spader hätte ich es nicht bis zur zweiten Folge geschafft.

Mit James Spader (Raymond ‚Red‘ Reddington), Megan Boone (Elizabeth Keen), Ryan Eggold (Tom Keen), Diego Klattenhoff (Donald Ressler), Harry Lennix (Harold Cooper), Parminder Nagra (Agent Meera Malik), Hisham Tawfiq (Dembe), Deborah S. Craig (Luli)

Wiederholung: Mittwoch, 22. Januar, 01.40 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

NBC über „The Blacklist“

Metacritic über „The Blacklist“

Rotten Tomatoes über „The Blacklist“

Wikipedia über „The Blacklist“ (deutsch, englisch)

 

 


Das Syndikat und sein „Secret Sercive – Jahrbuch 2014“

Januar 20, 2014

Syndikat - Secret Service Jahrbuch 2014

Das neue Jahrbuch „Secret Service“ der deutschsprachigen Krimiautorenvereinigung „Das Syndikat“ ist erschienen und, wie in den vergangenen Jahren ist es ein echtes Mixed Bag. Es gibt Thomas Przybilkas Bibliographie von wichtiger Sekundärliteratur, Befragungen der Glauser-Preisträger, Kurzgeschichten, Hintergrundinformationen und Berichte. Was ja auf den ersten Blick nicht schlecht aussieht, aber entscheidend ist die Ausführung.

Also, die Befragungen der Glauser-Preisträger sind wie immer interessant. Dieses Mal wird bei einigen Preisträgern – nachdem ich es bei früheren Ausgaben monierte – sogar erwähnt, für welche Werke sie vom „Syndikat“ ausgezeichnet wurden. Inzwischen habe ich den Verdacht, dass das „Syndikat“ den Preis vergibt, aber die Werke für so unwichtig oder schlecht hält, dass es keine weitere Werbung dafür machen will. Jedenfalls gibt es hier in der Kriminalakte, wie in den vergangenen Jahren, wieder einmal die Liste der Preisträger und ihrer ausgezeichneten Werke:

Bester Roman: Kriegsgebiete, von Roland Spranger

Bestes Debüt: Tödliche Fortsetzung, von Marc-Oliver Bischoff

Bester Kurzkrimi: Hackfleisch, von Regina Schleheck (in „Mordsgerichte“)

Hansjörg-Martin-Preis (Kinder- und Jugendkrimipreis): Elefanten sieht man nicht, von Susan Kreller

Ehrenpreis (für besondere Verdienste um die deutschsprachige Kriminalliteratur): Gunter Gerlach

Ebenfalls sehr interessant ist eine kleine Autorenbefragung, an der sich Jürgen Kehrer, Michael Kibbler, Gisa Klönne, Paul Lascaux, Iny Lorentz, Nele Neuhaus, Ingrid Noll, Thomas Raab, Eva Rossmann und Klaus-Peter Wolf beteiligten. Sie durften aus einem Fragenkatalog vier Fragen auswählen und beantworten.

Witzig sind dieses Mal die Kurzgeschichten geraten, die nur wenige Zeilen, meist eine Drittel Seite, lang sind und durchgehend gelungen sind. Tödliche Krimiwitze eben.

Ziemlich uninteressant sind dagegen die Texte, die sich mit „Information“ und „Weiterbildung“ (Vorwort der Herausgeberin) beschäftigten.

Wie schon im letzten Jahr schreibt ein Rechtsmediziner über „Rechtsmedizin – Geschichte und Zukunft“. Gibt es bei der Polizei nicht auch andere Arbeitsbereiche? Spurensuche? Profiling? Cybercrime? Bestimmte Arbeitsbereiche der Polizei, zum Beispiel: wie läuft eine Mordermittlung ab? Was darf ein Polizist?

In „Recherche Reloaded. Das Internet als Arbeitshilfe für Krimiautorinnen und Krimiautoren“ erklärt Viktor Iro den Aufbau eines Textes, den nur „Syndikat“-Mitglieder bekommen.

Ebenso enttäuschend ist „Gut gemacht, Daniel“, in dem ein Interview mit Daniel Holbe, der die Romanserien des überraschend verstorbenen Andreas Franz weiterschreibt, angekündigt wird. Von dem Interview schafften es ungefähr zwei Sätze in den fünfseitigen Text.

In „Die Liga der außergewöhnlichen Ermittlerfiguren“ werden eine Reihe ungewöhnlicher Ermittlerfiguren aufgelistet, was ungefähr den Reiz eines Lexikonartikels verströmt. Denn ohne Wertung stehen Laien, Antihelden und ein Magier-Detektiv nebeneinander und erst in der Bibliographie, die es zum Glück gibt, erfährt man, wann und wo deren Abenteuer veröffentlicht wurden. Wobei einige schon lange nicht mehr erhältlich sind. Naja, so einen Artikel kann ich auch schreiben, wenn ich mich einige Minuten vor mein Bücherregal stelle.

Und wenn ich dann die Bücher herausziehe, kann ich den Artikel über Romananfänge schreiben. Denn Jürgen Ehlers listet einfach, ohne Wertung, Romananfänge auf. Am Ende der sechzehn Seiten bleibt die Erkenntnis, dass man eine Geschichte verschieden beginnen kann. Wer hätte das erwartet?

Besser wäre es gewesen, wenn er erklärt hätte, welche Romananfänge besser, welche schlechter sind und warum das so ist.

Mein Fazit ist, wie in den letzten Jahren: In der Bibliothek besorgen.

Syndikat (Herausgeber): Secret Service – Jahrbuch 2014

Gmeiner 2014

288 Seiten

9,99 Euro

Hinweise

Homepage vom Syndikat

Meine Besprechung von „Secret Service – Jahrbuch 2009“

Meine Besprechung von „Secret Service – Jahrbuch 2011“

Meine Besprechung von „Secret Service – Jahrbuch 2012“

Meine Besprechung von „Secret Service – Jahrbuch 2013“


TV-Tipp für den 20. Januar: Kein Platz zum Leben – No Place on Earth

Januar 20, 2014

 

ARD, 22.45

Kein Platz zum Leben (GB/D/USA 2012, R.: Janet Tobias)

Drehbuch: Paul Laikin, Janet Tobias

Die ergreifende Doku „No Place on Earth“ (Original- und Kinotitel) von Janet Tobias beschäftigt sich mit dem Schicksal der Familien Stermer und Dodyk, die im Oktober 1942 in der Ukraine vor der Gestapo in die riesige Verteba-Höhle flüchteten und dort und in der Priestergrotte 511 Tage unter Tage verbrachten. Diese Geschichte des längsten bekannten Aufenthalts von Menschen unter der Erde wird in einer gelungenen Mischung aus nachgestellten Szenen und Interviews mit den heute noch Lebenden erzählt.

Die Writers Guild of America nominierte das Drehbuch in der Kategorie „Bestes Drehbuch für einen Dokumentarfilm“.

Wiederholung: Dienstag, 21. Januar, 04.10 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „No Place on Earth“

Moviepilot über „No Place on Earth“

Metacritic über „No Place on Earth“

Rotten Tomatoes über „No Place on Earth“

Wikipedia über „No Place on Earth“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 19. Januar: Mein großer Freund Shane

Januar 19, 2014

Arte, 20.15

Mein großer Freund Shane (USA 1953, R.: George Stevens)

Drehbuch: A. B. Guthrie jr., Jack Sher

LV: Jack Schaefer: Shane, 1949 (Mein großer Freund Shane)

Revolverheld Shane hilft einigen Siedlern gegen einen Viehzüchter.

Ein Westernklassiker für Erwachsene mit einem mythologischen Helden. Sowohl Roman als auch Film eroberten Publikum und Kritik im Sturm.

Mit Alan Ladd, Jean Arthur, Van Heflin, Brandon De Wilde, Jack Palance, Ben Johnson, Elisha Cook jr.

Wiederholung: Donnerstag, 23. Januar, 23.40 Uhr

Hinweise

Wikipedia über „Mein großer Freund Shane“ (deutsch, englisch)

Turner Classic Movies über “Shane”

Rotten Tomatoes über „Shane“

Filmsite: Tim Dirks über “Shane”

Western-Autor Richard S. Wheeler über „Shane“ von Jack Schaefer


Die Edgar-Nominierungen 2014

Januar 18, 2014

Die Mystery Writers of America (MWA) haben die diesjährigen Nominierungen für den Edgar-Allan-Poe-Preis bekannt gegeben:

Best Novel

Sandrine’s Case, von Thomas H. Cook (The Mysterious Press)

The Humans, von Matt Haig (Simon & Schuster)

Ordinary Grace, von William Kent Krueger (Atria)

How the Light Gets In, von Louise Penny (Minotaur)

Standing in Another Man’s Grave (Mädchengrab), von Ian Rankin (Reagan Arthur)

Until She Comes Home, von Lori Roy (Dutton)

Best First Novel

The Resurrectionist, von Matthew Guinn (Norton)

Ghostman (Ghostman), von Roger Hobbs (Knopf)

Rage Against the Dying, von Becky Masterman (Minotaur)

Red Sparrow, von Jason Matthews (Scribner)

Reconstructing Amelia, von Kimberly McCreight (HarperCollins)

Best Paperback Original

The Guilty One, von Lisa Ballantyne (Morrow)

Almost Criminal, von E. R. Brown (Dundurn)

Joe Victim, von Paul Cleave (Atria)

Joyland (Joyland), von Stephen King (Hard Case Crime)

The Wicked Girls, von Alex Marwood (Penguin)

Brilliance, von Marcus Sakey (Thomas & Mercer)

Best Fact Crime

Duel with the Devil: The True Story of How Alexander Hamilton and Aaron Burr Teamed Up to Take on America’s First Sensational Murder Mystery, von Paul Collins (Crown)

Mortal Sins: Sex, Crime, and the Era of Catholic Scandal, von Michael D’Antonio (Thomas Dunne)

The Good Nurse: A True Story of Medicine, Madness, and Murder, von Charles Graeber (Twelve)

The Secret Rescue: An Untold Story of American Nurses and the Medics Behind Nazi Lines, von Cate Lineberry (Little, Brown)

The Hour of Peril: The Secret Plot to Murder Lincoln Before the Civil War, von Daniel Stashower (Minotaur)

Best Critical/Biographical

Maigret, Simenon, and France: Social Dimensions of the Novels and Stories, von Bill Alder (McFarland & Company)

America Is Elsewhere: The Noir Tradition in the Age of Consumer Culture, von Erik Dussere (Oxford University Press)

Pimping Fictions: African American Crime Literature and the Untold Story of Black Pulp Publishing, von Justin Gifford (Temple University Press)

Ian Fleming, von Andrew Lycett (St. Martin’s Press)

Middlebrow Feminism in Classic British Detective Fiction, von Melissa Schaub (Palgrave Macmillan)

Best Short Story

• “The Terminal,” von Reed Farrel Coleman (aus Kwik Krimes, herausgeben von Otto Penzler; Thomas & Mercer)

• “So Long, Chief,” von Max Allan Collins und Mickey Spillane (The Strand Magazine, February-May 2013)

• “The Caston Private Lending Library & Book Depository,” von John Connolly (The Mysterious Press)

• “There Are Roads In the Water,” von Trina Corey (Ellery Queen Mystery Magazine [EQMM], January 2013)

• “Where That Morning Sun Goes Down,” von Tim L. Williams (EQMM, August 2013)

Best Juvenile

Strike Three, You’re Dead, von Josh Berk (Knopf Books for Young Readers)

Moxie and the Art of Rule Breaking, von Erin Dionne (Dial)

P.K. Pinkerton and the Petrified Man, von Caroline Lawrence (Putnam Juvenile)

Lockwood & Co.: The Screaming Staircase, von Jonathan Stroud (Disney-Hyperion)

One Came Home, von Amy Timberlake (Knopf Books for Young Readers)

Best Young Adult

All the Truth That’s In Me, von Julie Berry (Viking Juvenile)

Far Far Away, von Tom McNeal (Knopf Books for Young Readers)

Criminal, von Terra Elan McVoy (Simon Pulse)

How to Lead a Life of Crime, von Kirsten Miller (Razorbill)

Ketchup Clouds, von Amanda Pitcher (Little, Brown Books for Young Readers)

Best Television Episode Teleplay

• “Episode 3” —Luther, Drehbuch von Neil Cross (BBC)

• “Episode 1”–The Fall, Drehbuch von Allan Cubitt (Netflix)

• “Legitimate Rape”–Law & Order: SVU, Drehbuch von Kevin Fox und Peter Blauner (NBC)

• “Variations Under Domestication”–Orphan Black, Drehbuch von Will Pascoe (BBC)

• “Pilot”–The Following, Drehbuch von Kevin Williamson (Fox/Warner Bros. Television)

Robert L. Fish Memorial Award

That Wentworth Letter,” von Jeff Soloway (from Criminal Element’s Malfeasance Occasional, herausgegeben von Clare Toohey (St. Martin’s Press)

Grand Master

Robert Crais

Carolyn Hart

Raven Award

Aunt Agatha’s Bookstore, Ann Arbor, Michigan

The Simon & Schuster/Mary Higgins Clark Award

There Was an Old Woman, von Hallie Ephron (Morrow)

Fear of Beauty, von Susan Froetschel (Seventh Street)

The Money Kill, von Katia Lief (Harper)

Cover of Snow, von Jenny Milchman (Ballantine)

The Sixth Station, von Linda Stasi (Forge)

Die Edgar-Preisverleihung ist am Donnerstag, den 1. Mai, im Grand Hyatt Hotel in New York City.

Wie immer bei den Edgars: viele, viele Lesetipps und etliche alte Bekannte. Hoffentlich werden einige der Romane übersetzt.


TV-Tipp für den 18. Januar: Der Pate III

Januar 18, 2014

 

ZDFneo, 22.15

Der Pate III (USA 1990, R.: Francis Ford Coppola)

Drehbuch: Mario Puzo, Francis Ford Coppola

1979: Michael Corleone kriegt Ärger mit der katholischen Kirche.

Im Vergleich zu den ersten beiden Paten-Filmen ist der dritte eine langatmige Enttäuschung.

Mit Al Pacino, Diane Keaton, Talia Shire, Andy Garcia, Joe Mantegna, Sofia Coppola, Bridget Fonda, Eli Wallach, George Hamilton, Helmut Berger, John Savage

Hinweise

Wikipedia über „Der Pate“ (deutsch, englisch)

Homepage von Mario Puzo

Wikipedia über Mario Puzo (deutsch, englisch)

Krimi-Couch über Mario Puzo

Kirjasto über Mario Puzo

Kaliber.38 über Mario Puzo

Time: Mario-Puzo-Titelgeschichte (28. August 1978 – mit einem schönen Titelbild)

Meine Besprechung von Norbert Grob/Bern Kiefer/Ivo Ritzer (Herausgeber) “Mythos ‘Der Pate’ – Francis Ford Coppolas Godfather-Trilogie und der Gangsterfilm (Deep Focus 10)” (2011)

Meine Besprechung von Mario Puzos „Sechs Gräber bis München“ (Six Graves to Munich, 1967)

Meine Besprechung von Francis Ford Coppolas “Apocalypse Now” (Apocalypse Now, USA 1979 – die “Full Disclosure”-Blu-ray)

Meine Besprechung von Francis Ford Coppolas „Twixt – Virginias Geheimnis“ (Twixt, USA 2011)

Francis Ford Coppola in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Nebraska“ – Alexander Payne reist mit Bruce Dern durch Amerika

Januar 17, 2014

 

Ein alter Mann geht eine Straßen entlang. Er hat offensichtlich ein Ziel, auch wenn er von einem freundlichen Polizisten aufgehalten wird und seine Familie genervt ist, weil der Mann 900 Meilen nach Lincoln, Nebraska, gehen will. Denn von dort erhielt er einen Brief, dass er im Lotto eine Million gewonnen habe und der alte Sturkopf, ein Trinker mit nachlassendem Gedächtnis, hat jetzt endlich ein Ziel. Er will seinen Gewinn abholen. Dass Woody Grant nichts gewonnen hat, will er nicht wahrhaben. Irgendwann entschließt sich sein Sohn David, der von seiner Freundin verlassen wurde und in einem Job als Hifi-Anlagenverkäufer feststeckt, seinen Vater dorthin zu fahren. Es könnte die letzte gemeinsame Zeit mit ihm sein. Jedenfalls solange er noch – halbwegs – geistig gesund und nicht pflegebedürftig ist.

Wie es sich für ein richtiges Road-Movie gehört, ist auch in „Nebraska“ der Weg das Ziel und es geht auch nicht um den Lottogewinn, sondern um Beziehungen, Träume und Enttäuschungen. Denn während der Reise besuchen sie auch Woodys Familie in seinem Geburtsort Hawthorne. Dort erfährt David vieles über seinen Vater und seine Mutter und ihre alten Freunde, die, wie bei Alexander Payne üblich, zu einem großen Teil mit Laien besetzt sind und so der in stilvollen Schwarzweiß gedrehten poetisch-wahrhaftigen Geschichte eine zusätzliche Erdung verschaffen. Denn die einsilbigen Gespräche in Woodys Familie, die er lange nicht mehr gesehen hat, und das anschließende gemeinsame Genießen des TV-Programms sind gleichzeitig genau beobachtet und wahr, weil Familientreffen genau so sind, urkomisch, weil sie die Situation zuspitzen und eine Gruppe normal aussehender, hauptsächlich älterer Männer, die sich auf eine zu kleine Couch quetschen und gebannt auf den Bildschirm und damit in den Kinosaal starren, einfach absurd ist, bitter, weil es die ganze Traurigkeit des Lebens normaler Menschen in einer Szene zusammenfasst, und lebensbejahend, weil sie alle durchaus zufrieden sind. Sie müssen nicht endlos miteinander reden, weil sie sich auch schweigend verstehen. Auch die Dialoge sind oft herrlich lakonisch und lebensweise – und wenn alles nichts mehr hilft, feuert Woodys Frau Kate eine spitze Bemerkung ab. Sie wird von June Squibb, die Payne-Fans als Frau von Jack Nicholson in „About Schmidt“ kennen, gespielt.

Im Zentrum von „Nebraska“ steht allerdings Bruce Dern, der hier seiner langen Karriere von exzellenten Charakterstudien eine weitere hinzufügt und dafür jetzt eine Oscar-Nominierung als bester Hauptdarsteller erhielt. Allein schon sein Spiel rechtfertigt den Besuch des warmherzigen Films über Familien und den amerikanischen Mythos, mit der wundervollen Musik von „Tin Hat Trio“-Mitglied Mark Orton.

Außerdem wurde „Nebraska“ als bester Film, Alexander Payne als bester Regisseur, June Squibb als beste Nebendarstellerin, Bob Nelson für sein Drehbuch, Phedon Papamichael als bester Kameramann für den Oscar nominiert. Alle Nominierungen sind verdient, aber die Konkurrenz ist – immerhin kenne ich die meisten nominierten Filme – stark; auch wenn einige Filme, wie „All is lost“ (nur Ton), „Inside Llewyn Davis“ (nur Bild und Ton), „Rush“ und „Saving Mr. Banks“ (nur eine Musik-Nominierung) seltsamerweise nicht oder nur in Nebenkategorien dabei sind.

Nebraska - Plakat

Nebraska (Nebraska, USA 2013)

Regie: Alexander Payne

Drehbuch: Bob Nelson

mit Bruce Dern, Will Forte, June Squibb, Stacy Keach, Bob Odenkirk, Tim Driscoll, Davin Ratray, Angela McEwan

Länge: 115 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Nebraska“

Moviepilot über „Nebraska“

Metacritic über „Nebraska“

Rotten Tomatoes über „Nebraska“

Wikipedia über „Nebraska“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Alexander Paynes „The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten“ (The Descendants, USA 2011, mit George Clooney)

Alexander Payne in der Kriminalakte

und einige Interviews mit Alexander Payne, Bruce Dern, Will Forte und June Squibb

 

 


Neu im Kino/Filmkritik: „Nicht mein Tag“ ist nicht mein Film

Januar 17, 2014

 

Vor fünfzehn Jahre drehte Peter Thorwarth „Bang Boom Bang – Ein todsicheres Ding“. Vor acht Jahren drehte er „Goldene Zeiten“, den Abschluss seiner Unna-Trilogie und seinen bislang letzten Spielfilm.

Mit „Nicht mein Tag“ kehrt er zurück und ist, mit leicht veränderten Vorzeichen, wieder in der Welt von „Bang Boom Bang“, der kultigen Ruhrpott-Kleingangsterkomödie, gelandet. Nappo Navroki (Moritz Bleibtreu) war einige Jahre im Bau. Das liefert sofort die Vorlage für einen „im Bau“/“auf dem Bau“-Witz, der das Niveau des Films gleich ziemlich tief legt. Mit einem Bankkredit will er sein neues Auto, einen Ford Mustang Fastback GT, Baujahr 1968, finanzieren. Sein Bankberater Till Reiners (Axel Stein) gibt ihm, wegen fehlender Sicherheiten, das Geld nicht. Ach ja: Reiners Name wird öfters mit Til Schweiger verwechselt. Das ist, bis der andere Til kurz auftaucht, der Running Gag des Films.

Nappo der unbedingt den Ford Mustang will, um dann mit seiner Freundin nach Cherbourg zu fahren (den Gag könnt ihr euch denken), raubt kurzentschlossen und gänzlich improvisiert die Bank aus und nimmt, weil alles schief geht, Till als Geisel.

Jetzt könnte ein flottes Road-Movie beginnen, in dem Geisel und Geiselnehmer sich näher kommen, während sie von der Polizei verfolgt werden. Nappo und Till kommen sich zwar näher, entdecken Gemeinsamkeiten (wie die Liebe zur Rockband Donar [gespielt von „Cowboys on Dope“]), aber die Verfolger spielen keine Rolle. Auch Tills Frau steckt gerade, wegen Beziehungsstress, in einem Mega-Nachrichtenloch und bekommt, weil der Drehbuchautor es so will, absolut nichts von der Geiselnahme mit. Damit hat die Geiselnahme dann auch ungefähr die Spannung eines Landausflugs. Immerhin verbringen Nappo und Till in einer Gartenlaube einen bierseligen Abend mit Klampfenmusik und Lagerfeuer.

Nach dem ersten Drittel lässt Nappo seine Geisel frei – und damit ist die Filmgeschichte eigentlich zu Ende. Der Konflikt ist gelöst und beide könnten wieder getrennte Wege gehen.

Nur weil Nappo von einem Verbrecherkumpel das Angebot für ein illegales Geschäft in Amsterdam erhält, bei dem auch ein „Zivilist“ zwecks Studium der Papiere benötigt wird (weil der Drehbuchautor es so will), und Till, als er in sein Reihenhaus zurückkehrt einen fremden Mann im Ehebett entdeckt und glaubt, dass seine Frau gerade duscht (es ist ihre Freundin, die den Irrtum allerdings nicht aufklärt; ebenfalls weil der Drehbuchautor es so will), dann Nappo nach Amsterdam begleitet, geht der Film in einer sich endlos hinziehenden Abfolge von Episoden und Episödchen weiter, in der beste Witz im Trailer verraten wird: „Das ist wie Osten. Nur im Westen.“ Ansonsten sind die Witze und der Humor aus dem letzten Jahrhundert.

Axel Stein, der bislang als Schauspieler noch nicht wirklich auffiel, überzeugt als biederer und begriffsstutziger Bankbeamter. Jedenfalls am Anfang. Nachdem er sich freiwillig mit Nappo auf den Amsterdam-Ausflug begibt, gibt es dann das Standardprogramm von Alkohol, Drogen, Ausfällen, Action, Chaos und entsprechenden Witzen. Moritz Bleibtreu, der zuletzt in „Inside Wikileaks“ und „Vijay und ich – Meine Frau geht fremd mit mir“ schauspielerisch überzeugte, liefert hier nur das Klischees eines Proll-Gangsters mit überschüssiger Macker-Allüre und arg beschränktem Verstand, das schon zu „Bang Boom Bang“-Zeiten anachronistisch war und seine wahre Heimat in deutschen Kriminalfilmen aus den Siebzigern und Achtzigern hat, die manchmal im Spätprogramm laufen.

Nicht mein Tag - Plakat

Nicht mein Tag (Deutschland 2014)

Regie: Peter Thorwarth

Drehbuch: Stefan Holtz

LV: Ralf Husmann: Nicht mein Tag, 2008

mit Axel Stein, Moritz Bleibtreu, Jasmin Gerat, Anna Maria Mühe, Nele Kiper, Ben Ruedinger, Kasem Hoxha, Ralf Richter

Länge: 115 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Nicht mein Tag“

Moviepilot über „Nicht mein Tag“

Wikipedia über „Nicht mein Tag“

 

 


TV-Tipp für den 17. Januar: Outrage

Januar 17, 2014

 

3sat, 23.05

Outrage (Japan 2010, R.: Takeshi Kitano)

Drehbuch: Takeshi Kitano

Takeshi Kitano hatte mal wieder Lust auf einen richtig blutigen Yakuza-Film und den lieferte er dann mit „Outrage“ auch ab.

Im Gegensatz zu seinen früheren Filmen, wie „Hana-Bi“, „Kikujiros Sommer“, „Brother“, „Dolls“ und „Zatoichi – Der blinde Samurai“, lief „Outrage“ nicht in unseren Kinos.

mit Takeshi Kitano, Kippei Shiina, Ryo Kase, Tomokazu Miura

Hinweise

Film-Zeit über „Outrage“

Moviepilot über „Outrage“

Metacritic über „Outrage“

Rotten Tomatoes über „Outrage“

Wikipedia über „Outrage“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Martin Scorsese und „The Wolf of Wall Street“

Januar 16, 2014

Was soll nach einem Kinderfilm, einer Liebeserklärung an das Kino, kommen? Martin Scorsese entschied sich für eine Rückkehr zu seinen Wurzeln: nach über zehn Jahren spielt die Geschichte, die er erzählt, wieder in New York, ein Charakter steht im Mittelpunkt und es wird ein Milieu porträtiert, das die meisten Menschen wahrscheinlich nur aus der Zeitung kennen. Dieses Mal ist es der titelgebende „The Wolf of Wall Street“, wie sich Jordan Belfort gänzlich unbescheiden selbst nennt und wie er folgerichtig seine Autobiographie betitelte, und das Milieu der Börsenspekulanten, die Millionen verdienen und die bürgerliche Moralvorstellungen ungefähr so sehr beachten, wie Mafiosi, die sich aber auch gegenseitig umbringen.

The Wolf of Wall Street“ schließt auch stilistisch und erzählerisch an „GoodFellas“ und „Casino“, zwei frühere Scorsese-Klassiker, an. Nur das dieses Mal die Gangster keine Mörder, sondern Weiße-Kragen-Kriminelle sind.

Jordan Belfort kommt 1987 an die Wall Street und wird kurz darauf beim Börsencrash entlassen. Er eröffnet, abseits der Wall Street, Stratton Oakmont, eine Firma, die mit den Pennystocks ein Vermögen macht und mit immer mehr Angestellten in immer größere Büros expandiert. Belfort faszinierte bei den Pennystocks, Aktien von prinzipiell wertlosen Unternehmen, die nicht an der regulären Börse gehandelt werden und oft nur ein Betrug sind, dass er eine wesentlich höhere Provision als bei sonstigen Verkäufen erhält.

Belfort und seine engsten Freunde, eine erschreckend hohe Zahl von Schulabbrechern und Kleingangstern und in jedem Fall von Menschen, die keinerlei ökonomisches Wissen haben, aber gut das von Belfort geschriebene Verkaufsskript vorlesen können, verdienen mit ihrer aggressiven Verkaufsstrategie schnell unglaublich viel Geld und geben es ebenso schnell, maßlos und hemmungslos für Frauen, Drogen und ihre pubertären Träume aus.

Gleichzeitig sind sie Betrüger und Steuerhinterzieher im großen Stil, die – wie Gangster – Tonnen von Geld über die Grenze schmuggeln.

The Wolf of Wall Street“ zeichnet, nach einem Drehbuch von „The Sopranos“- und „Boardwalk Empire“-Autor Terence Winter, in einem atemlosem, dreistündigen Strudel von Voice-Over, Ansprachen, grellen Bildern und absurden Geschichten das Leben der Yuppies, die glauben über dem Gesetz zu stehen, nach – und wir finden sie durchaus sympathisch. Fast wie große Jungs, die ihren Spaß haben und nicht fassen können, dass sie Geld wie Heu verdienen.

Das liegt auch daran, dass die Gegenseite von dem humorlosen FBI-Agenten Patrick Denham verkörpert wird, der Belfort anscheinend nur verfolgt, weil er ihm sein Geld nicht gönnt; weil die Opfer von Belforts Spekulationen, die kleinen Menschen, die ihr mühsam Erspartes in wertlosen Aktien anlegen, nie vorkommen und weil, auch wenn Belfort am Ende vor Gericht steht, die Verhandlung auf einen kurzen Gag zusammengestrichen wird. Da fragt man sich dann doch, was Belfort, außer etwas Steuerhinterziehung, so schlimmes getan hat. Aber das fragte man sich auch bei Tony Soprano.

Beim Drehbuch merkt man, dass Terence Winter vom Fernsehen kommt. Denn es gibt viele, für Kino-Verhältnisse, unglaublich lange Szenen, in denen wenige Schauspieler in einem Raum sitzen und reden – und wir fasziniert zuhören, weil die Schauspieler und die von Winter geschriebenen Dialoge, Monologe und das fast pausenlose Voice-Over grandios sind. Wenn Wall-Street-Broker Mark Hanna dem jungen Jordan Belfort, der an seinen Lippen hängt, erzählt, wie die Wall Street funktioniert, dann darf Matthew McConaughey in wenigen Minuten einen vollkommen wahnsinnigen Menschen porträtiert, dem Andere ihr Geld anvertrauen. Oder wenn Leonardo DiCaprio als Jordan Belfort eine seiner zahlreichen Ansprachen vor seinen Angestellten hält oder er einen massiven Quaaludes-Drogenrausch hat. Oder wenn er in der Schweiz sein Schwarzgeld anlegen will und an einen von Jean Dujardin hübsch skrupellosen, aber sehr charmanten Banker gerät.

Langweilig ist Martin Scorseses Film nie. Trotzdem ist „The Wolf of Wall Street“ mit drei Stunden, je nach Sichtweise, entweder zu lang geraten, weil man wirklich nicht die fünfte Belfort-Ansprache braucht, weil die Geschichte eher ein unfokussierter, eklektischer Reigen von grellen und absurden Episoden ist, oder zu kurz, weil es trotzdem nie langweilig wirkt und man gerne noch etwas mehr über Belfort und sein maßloses Leben in einem ebenso maßlosem Film erfahren hätte.

P. S.: Mehr, viel mehr Infos über den Film und die Hintergründe gibt es hier.

The Wolf of Wall Street - Plakat

The Wolf of Wall Street (The Wolf of Wall Street, USA 2013)

Regie: Martin Scorsese

Drehbuch: Terence Winter

LV: Jordan Belfort: The Wolf of Wall Street, 2007 (Der Wolf der Wall Street)

mit Leonardo DiCaprio, Jonah Hill, Margot Robbie, Matthew McConaughey, Kyle Chandler, Rob Reiner, Jon Favreau, Jean Dujardin, Jon Bernthal

Länge: 179 Minuten

FSK: 1b 16 Jahre

Die Vorlage

Belfort - Der Wolf der Wall-Street - Movie-Tie-In - 4

Jordan Belfort: Der Wolf der Wall Street – Die Geschichte einer Wall-Street-Ikone

(übersetzt von Egbert Neumüller)

Goldmann Taschenbuch, 2014

640 Seiten

9,99 Euro

Die Originalausgabe erschien 2007.

Die deutsche Erstausgabe 2008 im Verlag Börsenmedien AG.

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „The Wolf of Wall Street“

Moviepilot über „The Wolf of Wall Street“

Metacritic über „The Wolf of Wall Street“

Rotten Tomatoes über „The Wolf of Wall Street“

Wikipedia über „The Wolf of Wall Street“ (deutsch, englisch)

Hollywood vs. Reality über „The Wolf of Wall Street“

Kriminalakte: Tonnen weitergehender Informationen über den Film

Wikipedia über Martin Scorsese (deutsch, englisch)

Martin-Scorsese-Fanseite

Meine Besprechung von Martin Scorseses “Hugo Cabret” (Hugo, USA 2011)

Martin Scorsese in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Steve McQueens dritter Streich: „12 Years a Slave“

Januar 16, 2014

 

Aktueller Stand: fast hundert gewonnene Filmpreise, unter anderem den Golden Globe als bester Film des Jahres, 142 Nominierungen und es dürften bis zur Oscar-Nacht noch einige Preise hinzukommen. Dieser beeindruckende Preisregen, der auch mit der Inflation von Filmpreisen in den vergangenen Jahren zusammenhängt, sagt vor allem eines: „12 Years a Slave“ ist ein guter Film; was niemand, der Steve McQueens beiden vorherigen Filme „Hunger“ und „Shame“ gesehen hat, bezweifelt. Es ist auch sein zugänglichster Film, der am nächsten an den bekannten Hollywood-Erzählkonventionen ist.

McQueen erzählt nach einem Drehbuch von John Ridley („U-Turn“, „Three Kings“, mehrere Romane, vor allem in Richtung Noir) die wahre Geschichte von Solomon Northup, der 1841 gesellschaftlich anerkannt und glücklich verheiratet mit zwei Kindern in Saratoga, New York, lebt. Als er einen gut bezahlten Job als Geiger in Washington, DC, annimmt, beginnt seine Leidensgeschichte. Denn er wird betäubt, gefangen genommen und in die Südstaaten nach Louisiana verschifft. Jetzt ist er ein Sklave, dem niemand glaubt, dass er in New York ein freier Mann war.

In den kommenden zwölf Jahren arbeitet er auf verschiedenen Plantagen unter Besitzern, die ihn verschieden schlecht behandeln, ihm aber immer seiner Würde berauben, ihn nicht als Menschen, sondern als Sache, über die sie nach Belieben verfügen können, betrachten.

John Ridley sagt dazu: „Wenn man heute über die Sklaverei spricht, geht man landläufig davon aus, dass Schwarze in den Baumwollfeldern unter besseren oder unter schlechteren Bedingungen schufteten. Fertig! Aber das ganze System war viel komplexer. Es zielte auf eine totale Entmenschlichung ab. Den Weißen gegenüber wurde behauptet, dass Schwarze dazu geboren waren, Sklaven zu sein. Sie wurden als minderwertige Rasse dargestellt, der von Geburt an überhaupt keine Rechte zustanden. Davon wollten Steve und ich erzählen – und gleichzeitig zeigen, welches Unrecht Solomon zugefügt wurde.“

Auf den Plantagen kann McQueen, der „12 Years a Slave“ strikt chronologisch und aus der Perspektive von Northup erzählt, eine kleine Starparade abfeiern. Denn die Sklavenhalter werden von Benedict Cumberbatch und Michael Fassbender gespielt. Paul Dano spielt einen gemeinen Vorarbeiter und Brad Pitt einen aus Kanada kommenden Zimmermann.

Getragen wird der Film allerdings von Chiwetel Ejiofor, für den die Rolle der Durchbruch sein könnte. Denn als Solomon Northup ist er von der ersten bis zur letzten Minute das Zentrum der Geschichte.

Im Gegensatz zu „Django Unchained“ oder „Lincoln“, die sich zuletzt mit der Sklaverei beschäftigten, ist Steve McQueens Film kein poppiger Rache-Western mit Hang zum plakativen Spaghetti-Western-Humor oder ein wortlastig-gediegenes Hinterzimmer- und Parlamentskammerspiel, sondern die nüchtern erzählte Geschichte eines Mannes, der vom freien Mann zum Sklaven wird und der sich nur durch eine glückliche Begegnung aus seinem Martyrium befreien kann. Dabei zeigt McQueen, der schon in „Hunger“ und „Shame“ kompromisslos seine künstlerische Vision verfolgte und auch dort nie vor unangenehmen Bildern zurückschreckte, die er aber, ohne das Leiden seiner Protagonisten kunstgewerblich zu ästhetisieren, wie wunderschöne Visionen des Leidens inszenierte und die deshalb durchaus in einer Ausstellung einen adäquaten Platz finden könnten. In beiden Filmen verlangte er dabei seinem Hauptdarsteller Michael Fassbender auch körperlich einiges ab. In seinem neuen Film, der das System Sklaverei nüchtern analysiert, nimmt Hauptdarsteller Chiwetel Ejiofor diesen Platz ein. Besonders unangenehm sind dabei die Auspeitschungen, die, teils in paradiesischer Landschaft, in langen, ungeschnittenen Szenen als Marter gezeigt werden. Oder als Northup, mit einem Strick um seinen Hals, eine Ewigkeit auf seinen Zehen tänzeln muss, bis darüber entschieden ist, ob er gehängt wird oder nicht. Im Hintergrund geht dabei das normale Plantagenleben weiter.

12 Years a Slave - Plakat - 4

12 Years a Slave (12 Years a Slave, USA 2013)

Regie: Steve McQueen

Drehbuch: John Ridley

LV: Solomon Northup: Twelve Years a Slave, 1853

mit Chiwetel Ejiofor, Michael Fassbender, Lupita Nyong’o, Benedict Cumberbatch, Brad Pitt, Paul Dano, Paul Giamatti, Sarah Paulson, Alfre Woodard

Länge: 135 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film (dito)

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „12 Years a Slave“

Moviepilot über „12 Years a Slave“

Metacritic über „12 Years a Slave“

Rotten Tomatoes über „12 Years a Slave“

Wikipedia über „12 Years a Slave“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Steve McQueens „Shame“ (Shame, Großbritannien 2011)

Und noch einige O-Töne:

Die TIFF-Pressekonferenz

Q&A beim New York Filmfestival

DP/30 spricht mit Steve McQueen und Kameramann Sean Bobbitt


Neu im Kino/Filmkritik: Herr Ruzowitzky und „Das radikal Böse“

Januar 16, 2014

 

Wie werden aus ganz normalen jungen Männern Massenmörder? Diese Frage will Stefan Ruzowitzky in seinem neuen Film „Das radikal Böse“ beantworten und selbstverständlich spielt der Titel auf Hannah Arendts Überlegungen zum radikal Bösen, die von der Vernichtung der Juden im zweiten Weltkrieg ausgingen, an.

Deshalb beschäftigt er sich den Exekutionen von deutschen Einsatzgruppen in Osteuropa. Die Soldaten erschossen damals systematisch alle Juden, die sie antrafen. Insgesamt ungefähr zwei Millionen Menschen. Tagsüber. In der Öffentlichkeit, teils vor Zuschauern. Die Täter waren ganz normale junge und weniger junge Männer, die nicht zu ihren Taten gezwungen wurden und keine negativen Folgen zu befürchten hatten. Trotzdem folgten fast alle freiwillig dem Befehl und freuten sich über eine zusätzliche Ration Alkohol.

Ruzowitzky verknüpft in „Das radikal Böse“ Spielszenen mit Statisten und Laien bei alltäglichen Verrichtungen, in denen bekannte deutsche Schauspieler, wie Devid Striesow und Benno Fürmann, Briefe von Soldaten vorlesen mit Interviews mit Wissenschaftlern und, kurz visualisierten, Nachstellungen von bahnbrechenden Experimenten, wie das Konformitätsexperiment von Solomon Asch, das Stanford-Experiment und das Milgram-Experiment. Diese Experimente werden allerdings sehr knapp zusammengefasst, fasst wie ein Infokasten bei einer Reportage. Dabei hätte man schon gerne mehr über die Experimente und inwiefern die Erkenntnisse sich in späteren Experimenten bestätigten, erfahren.

Wesentlich interessanter sind die langen Interviews mit Fachleuten. Es sind der Historiker Christopher Browning, der „Ganz normale Männer“ und „Die Entfesselung der ‚Endlösung‘. Nationalsozialistische Judenpolitik 1939 – 1942“ schrieb, Sozialpsychologe Roy Baumeister, der „Evil – Inside Human Violence and Cruelty“ schrieb, Benjamin Ferencz, der als junger Mann Chefankläger in Nürnberg war, Psychiater Robert Jay Lifton, der Begründer der Psychohistory, Priester Patrick Desbois, der mit „Yahad – In Unum“ die Massenexekutionen der Nazis in Osteuropa erforscht, und Militärpsychologe Dave Grossman, der „Über das Töten“ schrieb und sehr anschaulich erklärt, wie das Militär junge Männer dazu bringt, Befehlen zu gehorchen.

Bei den Gesprächspartnern – was wahrscheinlich mit der Spekulation auf internationale Verkäufe erklärt werden kann – fällt allerdings auf, dass sie alle aus dem angloamerikanischen Raum kommen und englisch sprechen. Sowieso können ihre Erkenntnisse und auch die Aussagen über den Gruppendruck innerhalb der deutschen Armee locker auf andere Armeen im Auslandseinsatz übertragen werden.

Das radikal Böse“ liefert nur einen ersten, oberflächlichen Einblick in das Thema, aber gerade dadurch lädt er auch zu Diskussionen ein.

Das radikal Böse - Plakat

Das radikal Böse (Deutschland 2013)

Regie: Stefan Ruzowitzky

Drehbuch: Stefan Ruzowitzky

mit den Experten Christopher Browning, Roy Baumeister, Benjamin Ferencz, Robert Jay Lifton, Patrick Desbois, Dave Grossman

mit den Stimmen von Volker Bruch, Alexander Fehling, Benno Fürmann, Hanno Koffler, Lenn Kudrjawizki, Andreas Schmidt, Simon Schwarz, Devid Striesow, Arnd Schwering-Sohnrey, Sebastian Urzendowsky, Nicolette Krebitz

Länge: 95 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Das radikal Böse“

Moviepilot über „Das radikal Böse“

Wikipedia über „Das radikal Böse“

Meine Besprechung von Stefan Ruzowitzkys „Cold Blood – Kein Ausweg, keine Gnade“ (Deadfall, USA/Frankreich 2012)

 

 


Neu im Kino/Filmkritik: Das zünftige Dschungelabenteuer „Fünf Freunde 3“ – für Kinder

Januar 16, 2014

 

Wahrscheinlich hat jede Generation ihre „Fünf Freunde“. Denn Enid Blyton schrieb die Geschichten mit den fünf Freunden Julian (bzw. Julius), Richard ‚Dick‘, Georgina (bzw., weil sie lieber ein Junge wäre, George), Anne und dem Hund Timmy in den Vierzigern und Fünfzigern; die erste deutsche Übersetzung erschien 1952 und seitdem wurden die Bücher von Kindern verschlungen. Auch ich las die Romane und mir gefiel die englische „Fünf Freunde“-TV-Serie von 1978/1979.

Die Hörspiele ließ ich links liegen. Ebenso die Post-Enid-Blyton-Fünf-Freunde-Bücher und die TV-Serie aus den Neunzigern.

2012 kam dann „Fünf Freunde“ in die Kinos und weil der Film erfolgreich war, gibt es jetzt schon den dritten „Fünf Freunde“-Spielfilm, mit der aus den vorherigen Filmen bekannten Besetzung vor und hinter der Kamera.

Dieses Mal fliegen George (Valeria Eisenbart), Julian (Quirin Oettl), Dick (Justus Schlingensiepen), Anne (Neele Marie Nickel) und Timmy nach Thailand, wo Onkel Quentin (Michael Fitz) schnell im Labor eines alten Studienkollegen und aus der Geschichte verschwindet.

Die fünf Freunde wollen einen gemütlichen Urlaub verbringen. Aber schon am ersten Tag entdecken sie in der Black Shark Bay in einem alten Wrack die Leiche eines Piraten und einen Kompass, der sie zu dem berühmten Schatz von One-Arm-Ted führt. Der Schatz ist irgendwo im gefährlichen Dschungelgebiet des Noteka versteckt. Mit dem einheimischen Mädchen Joe (Davina Weber) machen sie sich auf den Weg. Joe braucht den Schatz um ihr Dorf vor den Baggern des aasigen Hotelbesitzers Mr. Haynes (Sky du Mont) zu retten.

Verfolgt werden die abenteuerlustigen Kinder bei ihrer Schatzsuche von Cassi (Nora von Waldstätten) und Nick (Michael Kessler), zwei Kleingangster mit großen Plänen und beschränktem Intellekt. Vor allem Nick gehört zur doofen Sorte. Aber auch die anderen Bösewichter, Cassi und Mr. Haynes, sind nicht unbedingt Geistesgrößen, was immerhin zu einigen vergnüglichen Szenen führt, wenn sie sehr übertrieben Böse sind oder, dank eines Schlangengiftes, gelähmt sind. Auch Nicks sprechender Kakadu Hugo ist immer für einen Witz oder sarkastischen Kommentar gut.

Natürlich ist die vor exotischer Kulisse spielende Abenteuergeschichte vorhersehbar, aber sie wird kurzweilig präsentiert, die Spannungsmomente sind gut gesetzt, es gibt eine ordentliche Portion Action und die Schauspieler sind rundum sympathisch.

Außerdem ist der dritte „Fünf Freunde“-Film angenehm altmodisch erzählt. Es wird auf überflüssige Modernismen, wie Wackelkamera, Sekundenschnitte, übermäßigen CGI-Einsatz und krachend laute Musik, verzichtet. Computer sind zwar, wenn sie die Geschichte des Piraten recherchieren, vorhanden, könnten aber genausogut aus der Filmgeschichte gestrichen werden; was ich bevorzugt hätte. Denn eine Piratengeschichte erfährt man doch lieber aus einem alten Buch als über eine Wikipedia-ähnliche Homepage. Die Schauspieler hatten ihren Spaß und Tiere gibt es auch.

Fünf Freunde 3“ ist ein flott erzählter Kinderfilm, der kindgerecht spannend unterhält. Nur bei dem Titel, der eine nackte Produktbezeichnung ist, hätten die Macher sich mehr Mühe geben können. Zum Beispiel „Fünf Freunde und der Piratenschatz“ hätte besser geklungen.

Fünf Freunde 3 - Plakat

Fünf Freunde 3 (Deutschland 2013)

Regie: Mike Marzuk

Drehbuch: Peer Klehmet, Sebastian Wehlings

LV: Charaktere von Enid Blyton

mit Valeria Eisenbart, Quirin Oettl, Justus Schlingensiepen, Neele Marie Nickel, Davina Weber, Nora von Waldstätten, Michael Kessler, Michael Fitz, Sky du Mont

Länge: 95 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Fünf Freunde 3“

Moviepilot über „Fünf Freunde 3“

Wikipedia über die Fünf Freunde und Enid Blyton (deutsch, englisch)

Homepage von Enid Blyton