Auf Tatsachen basierendes Drama über die Mathematikerinnen, die im Raketenprogramm der NASA arbeiteten und die Astronauten zuerst in die Erdumlaufbahn und später noch weiter weg schickten.
„Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen“ ist ein punktgenau inszenierter Feelgood-Film über weibliche Selbstermächtigung und Selbstbewusstsein und wie es ihnen gelingt, die Männer auf den Mond zu schicken.
Der Film war unter anderem für den Oscar als bester Film des Jahres nominiert. „Moonlight“ erhielt den Preis.
Der jüngst erschienene, lang erwartete und lang angekündigte dritte Teil der „Einführung in die Filmgeschichte“ ist jetzt doch nicht der Abschluss. Denn es ist schon ein vierter Teil angekündigt, der sich mit dem „Kino der Gegenwart“ (so der aktuelle Buchtitel) beschäftigt und die Jahre zwischen den späten neunziger Jahren und, nun, ich sage mal dem ersten Post-Pandemie-Jahr abdeckt.
Wie alles begann wird in dem numerisch erstem Band (es handelt sich um den chronologisch zuletzt erschienenen Band) „Von den Anfängen des Films bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs“ geschildert.
Neben erwartbaren Texten zum Weimarer Kino, zum Nazi-Kino, zu Hollywood, u. a. über David Ward Griffith, Alan Croslands „The Jazz Singer“ (dem ersten Tonfilm) und zum frühen Film Noir, gibt es auch Texte zum französischen, russischen, skandinavischen und japanischem Stummfilm.
In „Vom Neorealismus zu den neuen Wellen – Filmische Erneuerungsbewegungen 1945 – 1968“ geht es um die Phase des Kinos, die für viele heute noch tätige und einflussreiche Regisseure und Filmkritiker stilprägend war.
Es ist die die Zeit des Film Noir (seine stilprägende Hochphase), des Neorealismus, der französischen Nouvelle Vague, des Jungen Deutschen Films (der sich von Opas Kino und Alpträumen wie „Schwarzwaldmädel“ emanzipieren wollte) und des filmischen Aufbruchs im Ostblock. Es ist auch die Zeit, in der James Bond seine ersten Kinoabenteuer erlebte – und die hier ebenfalls behandelt werden. Verbunden mit der Frage, warum ein ‚Relikt des Kalten Krieges‘ heute immer noch so beliebt ist.
Im dritten Band „New Hollywood bis Dogma 95“ geht es dann um das Kino nach „1968“. Auch hier gibt es die Mischung aus erwartbaren und überraschenderen Themen. Selbstverständlich wird sich mit New Hollywood, dem Neuen Deutschen Film, dem New British Cinema, dem jungen französischem Kino, dem US-Independent-Kino und, wie schon der Titel verrät, Dogma 95 beschäftigt. Es geht auch, ebenso selbstverständlich, um das politische, das feministische und das schwullesbische Kino. Das waren damals sehr wichtige Diskurse. Überraschender sind dagegen die Texte zu Bollywood, dem schwarzafrikanischem und dem lateinamerikanischem Kino. Dieses Kino ist, nach einer Hochphase, inzwischen fast vollkommen aus der öffentlichen Wahrnahme verschwunden. Gerade das macht diese Texte so lohnenswert,
Alle drei Bücher sind gleich aufgebaut. Sie basieren auf der Vorlesungsreihe „Einführung in die Filmgeschichte“, die seit Mitte der Neunziger im Studiengang Filmwissenschaft an der Universität Zürich den Studierenden als Teil des Grundstudiums angeboten wird. Die Bücher richten sich dementsprechend an Studierende, die eine Einführung in die Filmgeschichte benötigen, an filmhistorisch Interessierte, die einen knappen Überblick brauchen und Cineasten, die eine Mischung aus Auffrischung bekannten Wissens und Hinweisen auf gute Filme, die sie noch nicht gesehen haben, brauchen.
Vom Aufbau her ist die Sammlung von Aufsätzen mit einem Lexikon vergleichbar. Das liest auch niemand in einem Rutsch von der ersten bis zur letzten Seite durch, sondern es wird herumgeblättert, gelesen, geblättert und wieder gelesen.
Wer nicht nur Lesen möchte, kann die Komplettausgabe des Lexikons kaufen (oder sich schenken lassen). Sie enthält neben den drei Büchern die sieben DVDs umfassende DVD-Box „Filmgeschichte weltweit“. Sie enthält die sechzehn Filme, die die BBC zum hundertsten Geburtstag des Kinos bei bekannten Regisseuren, wie Martin Scorsese, Jean-Luc Godard und Edgar Reitz, in Auftrag gab. Das sind dann zusätzlich zu den Büchern zwanzig Stunden Filmgeschichte.
Thomas Christen (Hrsg.): Von den Anfängen des Films bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges – Der internationale Film von 1895 bis 1945 (Einführung in die Filmgeschichte 1)
Schüren, 2020
432 Seiten
38 Euro
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Thomas Christen (Hrsg): Vom Neorealismus zu den neuen Wellen – Filmische Erneuerungsbewegungen 1945 – 1968 (Einführung in die Filmgeschichte 2)
Schüren, 2016
520 Seiten
38 Euro
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Thomas Christen, Robert Blanchet (Hrsg.): New Hollywood bis Dogma 95 (Einführung in die Filmgeschichte 3)
(2. Auflage mit aktualisierten Bibliografien und Filmografien)
Zuerst: Es gibt einen Starttermin für den „Black Widow“-Film mit Scarlett Johansson. Es ist der 8. Juli – und angesichts der aktuellen Entwicklung dürfte es dann ein ziemlich spektakuläres Abenteuer im Kino geben.
Bis dahin
können die Fans von Natasha Romanoff den Comic „Neues Glück“ lesen, der, soweit wir das in Unkenntnis der bei dem Marvel-Filmen gewohnt geheimnisumwitterten Filmgeschichte sagen können, nichts mit dem Film zu tun hat.
In der von Autorin Kelly Thompson und Zeichnerin Elena Casagrande erzählten Geschichte hat Natasha Romanoff in San Francisco ein neues Leben begonnen. Sie ist glücklich verheiratet, hat einen kleinen Sohn, einen bürgerlichen Beruf, einen neuen Namen und sie ist glücklich. Von ihren Freunden hat sie sich nicht verabschiedet. Sie ist einfach verschwunden.
Als ihre Freunde Hawkeye Clint Barton und Winter Soldier Bucky Barnes sie zufällig im Fernsehen sehen, wollen sie herausfinden, warum sie seit drei Monaten nichts mehr von ihr gehört haben. Sie entdecken, dass Natasha keinen ‚Nikita‘ gemacht hat. Sie erinnert sich nicht mehr an ihre Vergangenheit. Sie erkennt ihre alten Freunde nicht mehr.
Zusammen mit Yelena Belova wollen Clint und Bucky herausfinden, warum und von wem Natashas Gedächtnis gelöscht wurde.
Die in sich abgeschlossene Geschichte „Neues Glück“ ist ein spannender Thriller mit einer ordentlichen Verschwörung und viel Action. Vor allem wenn am Ende Natasha und ihre Freunde gegen die Bösewichter, die zuerst Natashas Gedächtnis manipulierten und sie jetzt umbringen wollen, kämpfen. Im Mittelpunkt steht allerdings die Frage, welches Leben Natasha leben möchte: ein braves, unauffälliges bürgerliches Leben mit liebendem Ehemann und Kind oder ein ungebundenes, abenteuerliches Leben, das jederzeit für sie und ihre wenigen Freunde mit dem Tod enden kann. Kelly Thompson und Elena Casagrande behandeln diese Frage immer anhand der Entscheidungen, die Natasha trifft. So geht sie eines Abends, als sie Hilfeschreie aus einer dunklen Gasse hört, in diese Gasse, sieht eine Gruppe Halbstarker, die eine Frau vergewaltigen wollen und kämpft, ohne Nachzudenken, gegen sie.
Kelly Thompson schrieb Geschichten für Captain Marvel, Deadpool, Jessica Jones, Nancy Drew und Star Wars. Elena Casagrande zeichnete Geschichten für Doctor Who, Catwoman und Angel.
In den USA erschienen bereits weitere von ihnen erzählte Abenteuer von Natasha Romanoff. In Deutschland ist der zweite von ihnen geschriebene „Black Widow“-Band für Dezember angekündigt.
Kelly Thompson/Elena Casagrande: Black Widow: Neues Glück
Das nennt man wohl Nachruhm: auch wer „Farm der Tiere“ und „1984“ nicht gelesen hat, dürfte beide Geschichten und ihre Aussage halbwegs kennen. In „Farm der Tiere“ übernehmen die Tiere eine Farm. Die Utopie, dass alle Tiere gleich sind verändert sich immer mehr zu einer Gesellschaft, in der einige Tiere gleicher sind und die Schweine über den Hof und die anderen Tiere herrschen. In „1984“ beschreibt George Orwell eine Negativutopie, in der der Große Bruder über alles wacht, Neusprech unsere Sprache abgelöst hat, die Wahrheit endlos manipuliert wird und es keine Beziehungen mehr gibt. Da verliebt sich Winston Smith, Mitarbeiter im Ministerium der Wahrheit und für die Berichtigung der Vergangenheit zuständig, in seine Arbeitskollegin Julia. Gemeinsam beginnen sie gegen das ihr Leben und ihre Gedanken kontrollierende Terrorregime zu rebellieren. Es ist eine von Anfang an aussichtslose, rein private Revolte.
In beiden Büchern spricht George Orwell sich gegen den Totalitarismus aus. Damals war unüberlesbar, dass er mit dem Stalinismus abrechnete. Heute, auch weil beide Bücher als „Märchen“ und „Dystopie“, nicht ein bestimmtes totalitäres System, sondern das Funktionieren totalitärer Systeme beschreiben, drängen sich andere Vergleiche auf. So dachte ich bei der wiederholten Lektüre von „Farm der Tiere“ immer wieder an die DDR. Obwohl, als Orwell den Roman während des Zweiten Weltkriegs schrieb, es die DDR noch nicht gab und er nicht wissen konnte, wie sie sich entwickeln würde. Er wusste allerdings aus eigener Erfahrung, wie sehr sich kommunistische Bewegungen von ihren Idealen entfernen. Einige Worte und Slogans aus „1984“, wie „Big Brother is watching you“, sind Teil unserer Alltagssprache. Es gibt auch einen Big-Brother-Preis, der jährlich die größten Datenkraken auszeichnet.
Eine andere Form von Nachruhm, die auch zeigt, wie relevant diese beiden Romanen von George Orwell für die Gegenwart sind, sind die zahlreichen Neuauflagen, Übersetzungen und Interpretationen; – wobei eine Übersetzung selbstverständlich auch eine Interpretation ist. Diese sollte allerdings möglichst nahe beim Originaltext bleiben und ihn in möglichst allen Facetten und Bedeutungsebenen in eine andere Sprache übertragen. Jüngst erschienen bei Manesse und Anaconda neue Übersetzungen (es ist möglich, dass fast zeitgleich noch weitere Neuüberetzungen erschienen sind) und bei Panini und Splitter Comicversionen von „Farm der Tiere“ und „1984“.
Beginnen wir mit den Comics und kommen dann zu den Übersetzungen von Ulrich Blumenbach, Heike Holtsch (beide „Farm der Tiere“), Gisbert Haefs und Jan Strümpel (beide „1984“).
Sybille Titeux de la Croix und Amazing Ameziane haben „1984“ äußerst überzeugend in das Comicformat übertragen.
Es ist eine eigenständige Interpretation, die vom Respekt vor der Vorlage getragen ist, aber nie wie eine mit Zeichnungen aufgepeppte Zusammenfassung des in den aktuellen deutschsprachigen Ausgaben ungefähr vierhundertseitigen Romans wirkt. Sie visualisieren die Welt von „1984“, ein London, das immer noch wie das im Zweiten Weltkrieg zerbombte London mit einigen modernistischen Betongebäuden aussieht, in einem atemberaubenden Mix unterschiedlicher Zeichenstilen, ständig variierenden Panelgrößen und -anordnungen und einer unübersehbaren Tendenz zu wenigen, auf einzelnen Seiten und Doppelseiten fast schon durchgehend monochromen Farbgebung. Die Textanordnung ist ähnlich variabel. Dazwischen gibt es immer wieder Plakate, die die Regierungspoltik verkünden. Das ist, in jeder Beziehung, gleichzeitig äußerst modern und retro. Ein Meisterwerk.
Odyrs Interpretation der „Farm der Tiere“ liest sich eher wie die Reader’s-Digest-Version der kurzen Geschichte. Die Bilder, schöne meist naturalistische, seltener mild satirisch überspitzte Aquarelle, wirken wie Buchillustrationen. Die Texte wie eine gekürzte Version des Romantextes. Durch die Kürzungen entfallen dann einige Schattierungen des Romans und einige Entwicklungen erfolgen überraschend schnell. Das ist nicht wirklich schlecht, auch weil der Respekt gegenüber und die Bewunderung für die Vorlage auf jeder Seite spürbar ist, aber im Gegensatz zur überragenden „1984“-Interpretation von Sybille Titeux de la Croic und Amazing Ameziane enttäuschend.
Bei den Neuübersetzungen stellt sich natürlich die Frage, welche Ausgabe empfehlenswerter ist.
Schon auf den ersten Blick sind einige Unterschiede offensichtlich. Die Manesse—Ausgaben sind teurer, haben die bekannteren Übersetzer (Ulrich Blumenbach und Gisbert Haefs) und teils umfangreiches Bonusmaterial. Bei „1984“ handelt es sich um ein ausführliches Nachwort von Mirko Bonné und eine editorische Notiz, die auch einiges zur Übersetzung verrät. Bei „Farm der Tiere“ gibt es ebenfalls eine editorische Notiz und ein Nachwort. Dieses Mal geschrieben von Eva Menasse. Außerdem gibt es das von George Orwell 1947 geschriebene Vorwort zur ukrainischen Ausgabe von „Farm der Tiere“ und sein Essay „Die Pressefreiheit“ (The Freedom of the Press“), das ursprünglich als Vorwort des Märchens erscheinen sollte. Als das Buch wenige Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erschien, hatte der Inhalt des Essays erledigt. Es verschwand im Archiv. Erst 1972 wurde der Text im „Times Literary Supplement“ erstmals veröffentlicht. In beiden Texten schreibt Orwell über die Hintergründe der Geschichte und die komplizierte Veröffentlichungsgeschichte.
Die Anaconda-Ausgabe beschränkt sich dagegen in beiden Fällen auf den Text. D. h. wer nur die Romane von Orwell lesen und keine weiteren Informationen haben will, sollte die billigeren Anaconda-Ausgaben kaufen.
Die Übersetzungen unterscheiden sich in Details. Trotzdem gefallen mir die Manesse-Übersetzungen im direkten Vergleich und im Vergleich mit dem Original etwas besser. Vor allem die Übersetzung von Ulrich Blumenbach ist sehr gelungen. Er bleibt nah am Originaltext und überträgt ihn und Orwells Intentionen äußerst elegant ins Deutsche. Das zeigt sich beispielsweise an den Namen der drei, den Hof führenden Schweine Napoleon, Snowball und Squealer. Er hat sie eingedeutscht in Napoleon, Schneeball und Petzwutz, dessen Name „Squealer“ schon im Original eine Kritik am Denunziantentum ist.
Heike Holtsch entfernt sich dagegen in ihrer Übersetzung etwas mehr vom Originaltext. Die Namen der Tiere übersetzt sie nicht, was gerade bei Petzwutz (der in früheren Übersetzungen Quiekschnauz und Schwatzwutz hieß) schade ist.
Bei „1984“ ist es ähnlich und oft nur eine Frage, welche Interpretation man bevorzugt. Also ob man lieber „Freiheit ist Knechtschaft“ (Haefs) oder „Freiheit ist Sklaverei“ (Strümpel) oder ob man lieber „Der Große Bruder beobachtet Dich“ (Haefs) oder, doch etwas verharmlosend im Neusprech, „Der Große Bruder wacht über Dich“ (Strümpel) liest. Persönlich würde ich im direkten Vergleich die Übersetzung von Haefs bevorzugen, weil er etwas näher an der Nachkriegssprache und dem damaligen Denken ist. Aber in einigen Stunden könnte ich mich für die Strümpel-Übersetzung entscheiden.
Aber letztendlich sind alle Übersetzungen gelungen. Trotzdem würde ich bei der „Farm der Tiere“, allein schon wegen des Bonusmaterials, die Manesse-Ausgabe empfehlen.
Die verschiedene Akzente setzenden Covers sind ebenfalls alle äußerst gelungen.
Ausgezeichnet mit dem Wolfe- und dem Hammett-Award. Für den Shamus-Award war „Der gekaufte Tod“ als bestes Krimidebüt nominiert. Diese Preise verraten Krimifans, dass Stephen Mack Jones einen Privatdetektivkrimi geschrieben hat und angesichts der vorherigen mit dem Shamus-, Hammett- und Wolfe-Award ausgezeichneten Krimis dürfte es sich um ein gutes Buch handeln.
Die Story selbst erinnert auf den ersten Blick an unzählige andere Privatdetektivkrimis: Ich-Erzähler August Snow wird von der vermögenden Privatbankbesitzerin Eleanore Paget gebeten, herauszufinden, wer ihr Leben und ihre Bank bedroht. Kurz darauf ist sie tot. Snow, von Schuldgefühlen geplagt, weil er ihre Ängste für unbegründet hielt, beginnt herumzuschnüffeln. Und er entdeckt, was der gestandene Krimifan erwartet: etliche Familiengeheimnisse, einige davon tödlich, illegale Geschäfte, Verbindungen zum Organisierten Verbrechen und ein FBI, das sich für Paget und ihre Bank interessiert.
Aber wie Stephen Mack Jones diese Geschichte erzählt und wie er dabei die Regeln des Genres achtet, die Klassiker zitiert und in die Gegenwart überträgt, ist dann überaus gelungen. Natürlich ist August Snow als Privatdetektiv (auch wenn er in „Der gekaufte Tod“ ohne Lizenz als Amateurdetektiv ermittelt) ein Kind von Sam Spade, Philip Marlowe, Lew Archer, etwas Mike Hammer und Spenser. Er ist Anfang Dreißig, Kriegsveteran, Ex-Polizist (weil seine Entlassung problematisch war, wurde ihm der Abschied mit 12 Millionen Dollar versüßt), Single, hat einige hilfreiche Freunde (teils bei der Polizei, teils nicht) und, jetzt kommen wir zum modernen Teil, er ist tief in seiner Community verwurzelt. Bei Snow ist es Mexicantown, der Teil von Detroit, in dem Mexikaner und Afroamerikaner leben. Sein Vater, ein Polizist, war Afroamerikaner,. Seine Mutter, eine Malerin, war Mexikanerin. Nach seiner Entlassung und einer einjährigen Weltreise lebt Snow jetzt wieder in seinem Elternhaus. Mit seinem Entlassunggeld hat er in der Straße schon einige Häuser gekauft und renoviert. Er ist ein Teil dieser Gemeinschaft und er passt auf sie auf.
Snows Erfinder, Stephen Mack Jones, hat seinen Dashiell Hammett, Raymond Chandler, Ross MacDonald, Mickey Spillane und Robert B. Parker gelesen; um nur einige zu nennen, um nur die zu nennen, die allgemeim bekannt sein dürften und um ein elend langes nur den Rezensenten befriedigendes Name-Dropping zu vermeiden. Jones hat auch George Pelecanos gelesen. Genau wie Pelecanos taucht er tief in die Stadt, in der die Geschichte spielt, ein. Oft hatte ich den Eindruck, eine Mischung aus Reiseführer in die schmuddeligen Ecken Detroits und Sozialreportage zu lesen. Wie Pelecanos thematisiert Jones die sozioökonomischen Verwerfungen in den USA, die Armut, den Rassismus, die alltägliche Gewalt (schon vor dem Tod von Paget verlässt Snow seine Wohnung normalerweise mit einer Pistole in der Hand) und den Alltag der Menschen, die täglich um ihr Überleben kämpfen müssen.
Im Gegensatz zu Pelecanos entwirft Jones allerdings viel stärker die Utopie einer Gesellschaft, in der Menschen sich helfen und über Klassen-, Rassen- und Gendergrenzen hinwegblicken. In den Momenten wird Snow zu einem helfendem Engel, der eine Gemeinschaft aufbaut, die niemanden ausgrenzt. Das ist einerseits ein uralter US-Mythos, andererseits – der Roman wurde im Original 2017 veröffentlicht – ein Gegenentwurft zum Trump-Amerika.
„Der gekaufte Tod“ ist ein Privatdetektivkrimi, der seine Vorbilder kennt, die Tradition behutsam weiterentwickelt und dabei dem Alltag und den Beziehungen des Helden viel Raum gibt. Das geht dann, zugegeben, etwas auf Kosten des Krimiplots. Für etwas Nachbarschaftsarbeit lässt Snow den Mordfall Paget immer wieder links liegen.
In den USA erschien Anfang Mai der dritte Kriminalroman mit August Snow. Für Nachschub ist also gesorgt.
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Stephen Mack Jones: Der gekaufte Tod – Ein Detroit-Krimi
Warum er seine Mutter tötet, erfahren wir nicht. Aber der Mord verhilft dem namenlosen Erzähler in Tahar Ben Jellouns neuem Roman „Schlaflos“, seinem ersten komischen Roman (Jelloun über das Buch), zu einem friedlichen und ruhigen Schlaf. Bis dahin litt er an Schlaflosigkeit.
Diese schlaffördernde Wirkung hält ein Jahr an. Danach muss er wieder töten und weil der in Marokko lebende Drehbuchautor kein Unmensch ist, tötet er bevorzugt Menschen, die sowieso bald sterben werden. Er beschleunige ihren Tod nur ein wenig. Das sagt er sich. Außerdem tötet er vor allem böse Menschen. Weniger aus moralischen, sondern vor allem aus schlaffördernden Erwägungen. Denn je böser sein Opfer ist, umso mehr friedliche Schlafstunden verschafft es ihm. Wenn er dagegen einen netten oder auch nur harmlosen Menschen umbringt, hat das keine schlaffördernde Wirkung.
Der 1947 geborene Jelloun ist der bedeutendste Vertreter der französischsprachigen Literatur aus dem Maghreb. Zu seinen Werken zählen „Sohn ihres Vaters“, „Die Nacht der Unschuld“, „Das Schweigen des Lichts“, „Die Früchte der Wut“, „Papa, was ist ein Fremder?“, „Papa, was ist der Islam?“ und „Arabischer Frühling“.
Er erhielt den Prix Goncourt, den International IMPAC Dublin Literary Award und, 2011, den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis. Bis jetzt fiel er nicht als Krimiautor auf. Wobei „Schlaflos“ auch kein normaler Wer-ist-der-Mörder-Rätselkrimi, sondern ein autobiographisch inspirierter schwarzhumoriger Noir ist.
Er leidet, und damit beginnt und endet die autobiographische Inspiration, selbst an Schlaflosigkeit. Er fragt sich, wie es ihm gelingen könne, wie andere Menschen ruhig eine Nacht durchzuschlafen. Das ist auch eine Frage, die der Ich-Erzähler immer wieder seinen Opfern und anderen Menschen stellt. Bei seinen Recherchen bemerkte Jelloun, das Menschen, die böse Taten vollbringen, keine Schlafprobleme haben. Jedenfalls scheinen staatliche Henker, Drogenhändler und Pädophile keine Probleme mit einem gesunden, erholsamen und ruhigen Nachtschlaf zu haben.
Da bekommt die Idee eines Schlafkontos, oder Schlafkreditpunkte, wie der Ich-Erzähler seine Stunden ruhigen Schlafs nach einem Mord nennt, einen gewissen Charme. Je böser der Mensch ist, desto mehr Schlaf gibt es. Danach war seine Mutter eine ziemlich böse Frau. Seine anderen Opfer sind auch oft Menschen, über deren Tod niemand besonders traurig ist. Im Gegenteil: man betrachtet ihren Tod als eine Art höhere Gerechtigkeit.
Jelloun hat einen Serienmörder erfunden, der seine Taten ohne missionarischen Eifer und ohne den Hauch eines schlechten Gewissens ausübt. Er tötet wie andere Menschen Schlaftabletten nehmen. Dummerweise ähnelt er mit seinen Taten und seinen Gewissensbissen dann den bösen Menschen, die er tötet. Gleichzeitig entsteht durch seine Morde ein Bild der marrokanischen Gesellschaft.
„Schlaflos“ ist, spätestens wenn man beginnt über die Taten des Schlaflosen und ihre Implikationen nachzudenken, ein intellektuelles und vielschichtiges Lesevergnügen für eine schlaflose Nacht und auch jede andere Tageszeit. Die Methode, mit der der Erzähler seine Schlaflosigkeit bekämpft, ist allerdings nicht zur Nachahmung empfohlen. Auch wegen des Endes.
Einmal Gegenwart. Einmal zurück in die Vergangenheit, als Detective Constable Peter Grant noch nicht bei der Londoner Metropolitan Police war und seine Eltern noch nicht wussten, dass sie jemals einen Sohn bekommen würden. Wahrscheinlich, weil sie damals noch nicht geboren waren oder, wenn doch, irgendwo zwischen Kinderspielplatz und Erstem Schuljahr herumtobten.
In „Mit Abstand!“ geht es zurück in das Kriegsjahr 1943 und in den Oktober 1957. Es ist der siebte Comicband mit magischen Abenteuern um Peter Grant. Sein Erfinder Ben Aaronovitch schrieb zuerst Romane um den jungen schwarzen Polizisten. Seinen ersten Auftritt hatte er 2011 in dem Roman „Die Flüsse von London“ (Rivers of London). In dem Fantasy-Kriminalroman trifft er Thomas Nightingale. Nightingale ist kein normaler Polizist, sondern ein Magier und Leiter der „Einheit für spezielle Analysen“ (vulgo: frag nicht und lass uns in Ruhe). Die Einheit kämpft gegen übersinnliche Wesen, Zauberer, Geister undsoweiter. Nightingale, der letzte Zauberer Englands, nimmt Grant unter seine Fittiche und fortan erlebt Zaubererlehrling Grant unglaubliche Abenteuer.
Die Romane sind Beststeller. Seit 2015 erscheinen Comicabenteuer mit Grant und seinen Freunden, die neue Geschichten erzählen. Diese werden normalerweise von Aaronovitch und Andrew Cartmel geschrieben. Bis jetzt stand immer Grant im Mittelpunkt der Geschichten und sie spielten in der Gegenwart.
Durch den Tod von Angus Strallen erinnert sich Nightingale in „Mit Abstand!“ an ihre gemeinsamen Abenteuer. Aber anstatt sie Grant zu erzählen, lässt er ihn ins Archiv gehen.
Das erste Mal begegnen Nightinggale und Angus Strallen sich während des Zweiten Weltkriegs. Nightingale kann mit seinen magischen Kräften einen Flugzeugangriff abwehren.
1957 treffen sie sich wieder. Strallen ist inzwischen Constabulary von Cumberland und Westmoreland. Er hat Professor Uwe Fischer verfolgt. Fischer kämpfte im Krieg auf der Seite der Deutschen. Inzwischen arbeitet er in dem Atomkraftwerk Windscale, hat eine hohe Sicherheitsfreigabe und Strallen hält ihn für einen Serienfrauenmörder. Und einen Zauberer.
In „Wassergras“, dem davor erschienenem“Die Flüsse von London“-Comic, jagen Grant und Nightingale eine Angst und Schrecken verbreitende, geheimnisvolle Drogenhändlerin, die sich Hoodette nennt. Weil sie eine Droge verkauft, die auf magische Weise hergestellt wurde, ist es ein Fall für ihre Einheit. Eine solche Droge hat auch andere Nebenwirkungen als eine normale Droge.
Beide Geschichten sind höchst unterhaltsame Ergänzungen zu den vorherigen Geschichten. In „Mit Abstand!“ ist der historische Hintergrund interessant und, zum tieferen Verständnis der Geschichte, wichtig. Deshalb gibt es im Anhang ausführliche Texte zu Jasper Maskelyne, dem britischen Magier, der Hitlers Armee täuschte (wobei auch auf den umstrittenen Wahrheitsgehalt seiner Ausführungen hingewiesen wird), Bluthunde und deren einzigartige Spürnase, die Atomanlage Windscale (heute Sellafield) und das atomare Wettrüsten in der Nachkriegszeit.
„Wassergras“ und „Mit Abstand!“ sind zwei unterhaltsame Fantasy-Comics, denen allerdings die Sprachgewalt der Romane fehlt.
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Ben Aaronovitch/Andrew Cartmel/Lee Sullivan/Luis Guerrero/Paulina Vassileva: Die Flüsse von London: Wassergras (Band 6)
(übersetzt von Kerstin Fricke)
Panini, 2020
120 Seiten
17 Euro
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Originalausgabe
Rivers of London: Water Weed
Titan Comics, 2018
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Ben Aaronovitch/Andrew Cartmel/Brian Williamson/Stefani Renne: Die Flüsse von London: Mit Abstand! (Band 7)
Gut, in dem Spielfilm „Spider-Man: Far from Home“ besuchte der Schüler Peter Parker mit seinen Mitschülern Europa und gerät dort in einige Abenteuer, die das Einschreiten von Spider-Man erfordern. Aber normalerweise verlässt Parker seine Heimatstadt nicht. Dort kämpft er gegen Bösewichter. Und das ist in New York ein Full-Time-Job.
Als er in „Berlin bis Babylon“ bei den Ermittlungen in einem Mordfall die Museumskuratorin Dr. Huma Bergmann, – jung, gutaussehend und intelligent – , kennen lernt und die Spur nach Europa führt, zögert er. Er mag die Nazis zwar nicht, aber die bedrohen nicht seine Nachbarschaft, sondern treiben im fernen Europa ihr Unwesen.
Spätestens jetzt ist ein erklärender Einschub nötig. Denn die von Margaret Stohl geschriebene und von Juan Ferreyra formidabel gezeichnete Spider-Man-Geschichte „Berlin bis Babylon“ gehört zur hier auch schon abgefeierten Noir-Reihe von Marvel. In ihr erzählen verschiedene Autoren und Zeichner neue, eigenständige Geschichten mit den bekannten Marvel-Helden. Eine Anknüpfung an die Schwarze Serie, also die Phase Hollywoods, in der Noir-Krimis gedreht wurden, und an die alten Pulps ist explizit erwünscht. Und so spielt „Berlin bis Babylon“ 1939, wenige Tage vor Kriegsausbruch. Peter Parker ist Privatdektiv; so ein richtiger Hardboiled-Dick, der seinen Sam Spade und Philip Marlowe studiert hat. Und die Geschichte wird, bis auf wenige Farbtupfer, in Schwarz-Weiß erzählt. Denn damals beherrschten SW-Filme den Markt.
Nach kurzem Zögern und etwas Zureden – schließlich müssen für den Kampf gegen die Nazis alle Kräfte mobilisiert werden (ich denke da an den Humphrey-Bogart-Film „Agenten der Nacht“ [All through the Night, 1941]) – fliegt Parker mit Huma zunächst nach London. Von da aus geht es weiter nach Berlin zu einem Kurzbesuch auf der Museumsinsel und dann nach Babylon. Auf dem Gebiet der Ausgrabungsstätte Uruk soll seit Jahrhunderten ein Kristall versteckt sein, der in den falschen Händen das Ende von Allem bedeuten würde. Selbstverständlich wollen die Nazis den Stein haben.
„Berlin bis Babylon“ orientiert sich kaum am klassischen Noir, sondern mehr an pulpigen Abenteuergeschichten und Serials, in denen der Held durch haarsträubende Abenteuer stolpert und Erholungspausen nur beim Umblättern einer Seite entstehen. In den achtziger Jahren erlebten diese Geschichten mit den „Indiana Jones“-Filmen eine Renaissance. Und ein Indiana-Jones-Abenteuer könnte Peter Parkers Abenteuer auch sein. Auf seiner Suche begegnet Parker auch alten Bekannten, wie den jetzt für die Nazis kämpfenden Electro.
Trotzdem ist dieses „Spider-Man Noir“-Abenteuer perfekt für Neueinsteiger und Pulp-Fans. Da ich mehr ein Pulp- als ein Spider-Man-Fan bin, hoffe ich jetzt natürlich auf das nächste Abenteuer von PI Peter Parker. Gerne wieder gegen böse Nazis.
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Margaret Stohl/Juan Ferreyra: Spider-Man Noir: Berlin bis Babylon
Das also ist nach Ansicht des Syndikats der beste deutschsprachige Kriminalroman des Jahres: ein schlankes hundertsechzigseitiges Buch. Geschrieben von Tommie Goerz, der bereits mehrere Romane mit Kommissar Friedo Behütuns schrieb. „Meier“ heißt das Werk und so heißt auch der Protagonist des waschechten Gangsterkrimis.
Nach zehn Jahren wird Meier wegen guter Führung vorzeitig aus der Haft entlassen. Er war für einen Mord verurteilt worden, den er nicht begangen hat. Familie, Freunde und Verwandte hat er nicht mehr. Geld auch nicht.
Jetzt will er seine Ruhe haben. Deshalb mietet er ein heruntergekommenes, an einer Bahntrasse liegendes Haus. Alle paar Minuten donnert ein Zug vorbei. Hier hofft er, keinen Kontakt zu seinen Nachbarn zu haben. Das ist ein Irrtum. Die stehen, auf dem zugemüllten Nachbargrundstück und der Straße, beobachten den Neuankömmling und drängen sich ihm auf mit Gefälligkeiten und den Bitten um Gefälligkeiten, wie der Hilfe beim Abholen eines Schrankes aus einem Nachbardorf.
Gleichzeitig überbringt Meier einem tschetschnischen Gangsterboss eine enorm wichtige Zahlenkombination, die ihm im Gefängnis ein Mithäftling anvertraut hat. Und er klaut. Wie das geht, ohne erwischt zu werden, hat er im Knast gelernt. Außerdem hat er die Strafe für diese Taten schon abgesessen.
Und er will sich an den Polizisten rächen, die ihn damals zum Mörder machten.
Als erstes fällt die lakonisch-knappe Sprache auf. Auf den ersten Blick erinnert sie mit ihren kurzen Sätzen und vielen Absätzen an Don Winslow. Aber der schreibt handlungsbetonter und schwarzhumoriger. „Meier“ ist dagegen eher die Studie eines Mannes, der nach einer zehnjährigen Haftstrafe vor dem Nichts steht und aus der Einsamkeit wieder zurück ins Leben findet. Das geschieht vor allem über Beschreibungen, Beobachtungen, Gedanken und zufällige Begegnungen, wie ein Gespräch mit einem Nachbarn, das Treffen mit einer Frau, deren Ente nicht mehr anspringt, oder seine Tage in einer Landkommune, die Probleme mit einem wegen einer benachbarten Kiesgrube absackendem Schuppen hat. Beide Male kann Meier helfen. Erst langsam wird Meiers intelligenter Racheplan offensichtlich und er hat, soviel kann verraten werden, eine gute Chance, umgesetzt zu werden. Im Gegensatz zu anderen unter Krimifans beliebten Verbrechern, wie Parker, Wyatt und Crissa Stone, muss er sich nicht mit unzuverlässigen Kollegen, Konkurrenten und Störenfrieden, wie korrupten Polizisten, herumschlagen. – Obwohl, die gibt es auch in „Meier“.
Daraus macht Goerz einen literarisch gesättigten, in jeder Beziehung schlanken Gangsterkrimi, der gelungen bekannte Genretopoi in die bundesdeutsche Wirklichkeit überträgt. Auch wenn „Meier“ am Ende vor allem eine Rachegeschichte ist. In jedem Fall ist „Meier“ ein Glauser-Preisträger, den man gelesen haben sollte.
„Ein moderner Klassiker.“ (Jeffery Deaver), „Der wichtigste Thriller seit ‚Gone Girl‘.“ (Elle) undsoweiterundsofort wird auf dem Buchcover gelobhudelt und, auch wenn diese Lobhuddeleien nicht unbedingt etwas mit der Realität zu tun haben, setzten sie dennoch eine Stimmung und schaffen eine Erwartung: nämlich, dass „Girl A“, der Debütroman von Abigail Dean, spannend ist, er mehr Noir als herkömmlicher Frauenthriller ist, und wir es, wie in „Gone Girl“, wahrscheinlich mit einer unzuverlässigen Erzählerin zu tun haben.
Ein schneller Blick auf verschiedene Leserkritiken („spannend“, „Spannend!“) und auf englischsprachige Buchbesprechungen bestätigen den Eindruck: ein spannendes, wichtiges, verstörendes Buch, das, auch dank einer begleitenden Werbekampagne, in England schnell zum Bestseller wurde. Die Filmrechte sind bereits verkauft. Eine TV-Serie ist geplant.
Die Story klingt auch vielversprechend: Alexandra ‚Lex‘ Gracie wurde von ihrer im Gefängnis verstorbenen Mutter als Erbverwalterin eingesetzt. Die Erbschaft besteht aus etwas Krimskrams, 20.000 Pfund und dem Elternhaus. Das einsam an der Moor Woods Road in Hollowfield gelegene Haus kennt die Öffentlichkeit als Horrorhaus. Dort wurden Lex und ihre sechs Geschwister von ihren Eltern gefangen gehalten. Sie durften das Haus nicht verlassen. Sie hungerten. Sie wurden von ihnen gefesselt und geschlagen. Ihr Vater war auf einem christlich-fundamentalistischem Trip. Sie konnten entkommen, kamen zu verschiedenen Pflegeeltern und in psychologische Betreuung. Sie gingen mit den Erlebnissen verschieden um. Einige sprachen in der Öffentlichkeit über ihre Erlebnisse und schrieben darüber. Sowieso berichteten die Zeitungen ausführlich über die Ereignisse in dem Horrorhaus.
Durch ihre Aufgabe als Erbverwalterin ist Lex gezwungen, sich (wieder) ihrer Vergangenheit und ihrer Identität als Girl A, dem Mädchen, das aus dem Haus entkommen und ihre Geschwister retten konnte, stellen.
Getriggert von dieser Prämisse, dem Klappentext und der Werbung erwarte ich jetzt natürlich einen Thriller, in dem munter gemordet wird und einige gut gehütete Familiengeheimnisse enthüllt werden. Durch den „Gone Girl“-Hinweis könnte die Ich-Erzählerin Lex Gracie eine unzuverlässige Erzählerin sein (in einem gewissen Rahmen ist sie das auch) und sie könnte kein unschuldiges Opfers, sondern eine Täterin, vielleicht sogar die treibende Kraft hinter all den Ereignissen, gewesen sein. Oder, was natürlich auch eine Möglichkeit wäre, alles spielt sich im Kopf einer komplett wahnsinnigen Erzählerin ab.
Das ist „Girl A“ nicht. Es ist, entgegen der Werbung, kein Thriller, sondern eine sich langsam entwickelnde Charakterstudie, die eher willkürlich zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her springt. Die vor sich hin mäandernde Geschichte ist niemals spannend. Es gibt keine Geheimnisse. Es gibt, was noch schlimmer ist, keine Konflikte. Lex geht zu ihren Geschwistern, redet mit ihnen über den Plan, ihr altes Elternhaus zu einer Begegnungsstätte zu machen und sie stimmen sofort zu. Lex‘ Erinnerungen bergen keine neuen Erkenntnisse. Sie beschreiben nur, wie ihr Vater zunehmend einem religiösem Wahn verfällt. Dabei bleibt er, wie alle anderen Figuren des Romans, eine Chiffre ohne eine erkennbare Persönlichkeit.
Und so plätschert „Girl A“ über vierhundert Seiten vor sich hin. Gegen Ende gibt es eine aus dem Hut gezauberte ‚Überraschung‘, die in keinster Weise überzeugt.
Abigail Deans Debüt ist ein Buch für Menschen, die ein umständlich geschriebenes, zu lang geratenes Not-Coming-of-Age-Buch lesen wollen.
Ich würde dagegen viel lieber das nächste „Gone Girl“ lesen.
Heute ist; – nun, eigentlich eher war in Berlin die Nacht, die die 1.-Mai-Randale vorbereitet. Denn in den vergangenen Jahren wurde der 1. Mai immer friedlicher. Die Straßenschlachten der Vergangenheit mutierten zu einem Volksfest mit zu vielen betrunkenen Menschen und zu wenig klassenkämpferischer Politik. Inwiefern die vom politisch anderen Ufer kommenden „Querdenker“ und Corona-Leugner dieses Bild trüben und die Polizei veranlassen, bei ihnen die Corona-Regeln energisch durchzusetzen, werden wir sehen.
In anderen Teilen Deutschlands ist der 30. April Walpurgis- oder Hexennacht; die Nacht in der in den Mai, in den Sommer, hinein gefeiert, getrunken und, je nach Region, Unfug getrieben wird. Es ist auch die Nacht, in der sich auf Besen reitende Hexen mit dem Teufel vereinigen und einen Hexensabbat feiern.
Aber das ist ein Aberglaube. Also das mit dem Besen und dem Teufel. Auch wenn Harry Potters Freundin Hermine Granger ein-, zweimal auf einem Besen ritt. Auch die ganz normale aussehenden, Kinder hassenden und sie in Mäuse verwandelnden Hexen in Roald Dahls „Hexen hexen“ (zweimal verfilmt, einmal von Pénélope Bagieu gezeichnet) dürften eher in das Reich der Phantasie gehören.
Nicht in das Reich der Phantasie gehört die Hexenverfolgung und das damit verbundene Frauenbild. Zwar änderte sich das in den vergangenen Jahren. In Buch und Film gibt es inzwischen auch gute Hexen, aber ‚Hexe‘ ist immer noch negativ konnotiert. Im Gegensatz zu Männern, die Zauberkräfte haben. Die werden ‚Magier‘, ‚Zauberer‘ und auch ‚Hexer‘ genannt. Keines dieser Worte wird als Beleidigung aufgefasst.
Überhaupt nicht mehr gruselig ist die von Simon Hanselmann in „Hexe Total“ erfundene Hexe Megg. Sie trägt Hexenkluft, hat aber keine erkennbaren Hexen-Fähigkeiten. Sie ist eine Kifferin, die mit ihren Kifferfreunden, der schwarzen Katze Mogg, Eule (eine Eule) und Werwolf Jones, in ihrer heruntergekommenen Wohnung abhängt. Sie langweilen sich, gucken TV und konsumieren Drogen. Bei Ausflügen benehmen sie sich daneben, ärgern sich gegenseitig und sorgen für Chaos. Ihr Ziel ist, kein Ziel zu haben. Und bevor sie irgendetwas tun, genießen sie erst einmal irgendeine illegale Droge. Selbstverständlich gibt es ganz viel Kifferhumor. Wem das gefällt, der kann die Erlebnisse und Nicht-Erlebnisse von Hexe Megg, Mogg, Eule und Werwolf Jones in inzwischen drei Sammelbände genießen.
Im dritten Band „Hexe total in Amsterdam“ besuchen sie sogar die bekannteste Kifferstadt der Welt. Dort tun sie dann das, was sie auch zu Hause tun. Entsprechend schnell sind sie wieder in ihrer alten Heimat. Und sitzen wieder in ihrer versifften Wohnung auf der Couch vor dem Fernseher.
Wie du und ich.
Simon Hanselmann: Hexe Total in Amsterdam
(übersetzt von Benjamin Mildner)
avant-verlag, 2019
160 Seiten
25 Euro
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Roald Dahl: Hexen hexen
(übersetzt von Sybil Gräfin Schönfeldt)
rowohlt rotfuchs, 2020
240 Seiten
10 Euro
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Deutsche Erstübersetzung 1986
Der aktuellen Ausgabe liegt die Neuausgabe von September 2016 zugrunde
„Dunkle Tage im Iberia Parish“ könnte der Arbeitstitel für fast jeden Dave-Robicheaux-Krimi sein. Ich sage „fast“ weil Robicheaux zuerst in New Orleans ermittelte. Das war 1987 in „Neonregen“ (The Neon Rain). Mit dem Roman betrat Dave Robicheaux die Krimiwelt und aus James Lee Burke, einem Romanautor mit bis dahin sehr überschaubarem Erfolg, wurde ein Kritiker- und Publikumsliebling. In „Neonregen“ war Robicheaux noch Detective beim New Orleans Police Department und ein Trinker.
Später zog er nach New Iberia, arbeitete dort als Polizist und ging zu den Anonymen Alkoholikern. Bis heute schrieb James Lee Burke 23 Romane mit Robicheaux. „Dunkle Tage im Iberia Parish“ ist der 15. Roman. Im Original erschien er bereits 2006. Und jetzt erstmals auf deutsch.
In New Iberia taucht Trish Klein auf. Die junge Frau sorgt in den örtlichen Kasinos mit Hundertdollarnoten, die anscheinend aus einem Banküberfall stammen, für Aufsehen. Dave Robicheaux wittert – zu Recht – Probleme. Und er kennt Trishs Vater Dallas aus seiner Militärzeit in Vietnam. Später, in den frühen Achtziger Jahren, sah er, wie Dallas in Florida wegen Spielschulden ermordet wurde. Dave war zu betrunken, um einzugreifen.
Gleichzeitig untersucht Dave den Tod der jungen Studentin Yvonne Darbonne. Denn möglicherweise war es kein Suizid.
Und Dave will immer noch herausfinden, wer vor einem Jahr einen unbekannten Mann überfahren hat.
„Dunkle Tage im Iberia Parish“ ist einer der Dave-Robicheaux-Romane, in denen James Lee Burke den für mich ziemlich unerträglichen Stil seines Spätwerks immer mehr findet. Die Story besteht aus einer verwirrenden Zahl von ineinander verschlungenen Plots und die Struktur des Romans erinnert an eine Kneipenschlägerei, die kaum nachverfolgt, geschweige denn nacherzählt werden kann, aber irgendwann zu einem Ende findet. Und selbstverständlich hat Robicheaux aufgrund früherer Ereignisse eine zutiefst persönliche Verbindung zu dem aktuellen Kuddelmuddell in New Iberia.
In „Dunkle Tage im Iberia Parish“ gelingt Burke noch die Balance zwischen den verschiedenen Plotelementen.
Eine leichte Lektüre ist Tillie Waldens „Auf einem Sonnenstrahl“ nicht. Das liegt vor allem am Gewicht des Buches, Mit 544 Seiten liegt der Comic wirklich schwer in den Händen. Die von Walden erzählte Geschichte ist dann leichter, aber nicht leichtgewichtig. Im Mittelpunkt steht Mia. Sie ist das neueste Mannschaftsmitglied auf einem Raumschiff, das durch den Weltraum fliegt und alte Gebäude restauriert. Und erkundet. Manchmal auch abseits der erlaubten Pfade.
Mia freundet sich schnell mit den Gleichaltrigen an. Gleichzeitig erinnert sie sich an ihre zurückliegende Zeit in einem Internat. Dort verliebte sie sich vor fünf Jahren in Grace. Kurz darauf wurde Grace von ihrer Familie wieder in ihrer alten Heimat, der Großen Treppe, dem gefährlichsten und abgelegensten Ort der Galaxis, zurückgeholt. Mia ist immer noch in sie verliebt. Allerdings hat sie seit Graces Verschwinden nichts mehr von ihr gehört.
Als ihre neuen Freunde davon erfahren, wollen sie ihr helfen. Sie meutern gegen ihre neue Schiffskapitänin, die sie nicht mögen, weil sie sie respektlos behandelt. Danach fliegen sie zur Großen Treppe, um Mia dort wieder mit Grace zusammenzubringen. Falls sie das Abenteuer überleben.
Tillie Waldens im Weltraum spielende queere Coming-of-Age-Geschichte „Auf einem Sonnenstrahl“ erschien zuerst als Webcomic. Anschließend erstellte sie eine überarbeitete Buchversion. 2018 erhielt „Auf einem Sonnenstrahl“ den Los Angeles Times Book Prize und war für den Eisner Award for Best Digital Comic nominiert.
Walden erzählt Mias Geschichte oft ohne Dialoge und in seitenfüllenden Panels. Das führt dazu, dass die Geschichte trotz der über fünfhundert Seiten überschaubar bleibt. Stattdessen konzentriert sie sich auf Stimmungen und die durchgehend freundschaftlichen Interaktionen der fast ausschließlich weiblichen Figuren. Ein Besatzungsmitglied definiert sich als nicht-binär. In diesen Momenten entwirft sie das Bild einer sehr freundlichen Zukunft, in der Jugendliche für uns sehr vertraute Probleme haben.
Die erst fünfundzwanzigjährige US-amerikanische Künstlerin hat bereits sechs Comics veröffentlicht. Zwei davon, „Pirouetten“ und „West, West Texas“, erschienen ebenfalls bei Reprodukt. Ihre Werke wurden, mehrmals, mit dem Ignatz Award, dem Eisner Award und dem Rudolph-Dirks-Award ausgezeichnet.
2020 war für die Filmbranche eine Katastrophe. Mit 1,8 Millionen Zuschauer war „Bad Boys for Life“ der erfolgreichste Film des Jahres. „Tenet“ folgt mit 1,6 Millionen auf dem zweiten Platz. 2019 sah es anders aus. Auf dem ersten Platz stand „Die Eiskönigin II“ mit 6,4 Millionen Zuschauern. Auf den nächsten Plätzen stehen „Der König der Löwen“ (5,5 Millionen), „Avengers – Endgame“ (5,1 Millionen), „Das perfekte Geheimnis“ (5 Millionen) und „Star Wars – Der Aufstieg Skywalkers“ (4,96 Millionen). Der Umsatz brach um über sechzig Prozent ein. Angesichts der wenigen Monate, in denen die Kinos ohne Beschränkungen auf waren (eigentlich nur bis Mitte März) und den teils großen Beschränkungen in den wenigen Öffnungsmonaten im Sommer und Frühherbst, hätte ich mit einem größeren Einbruch gerechnet. Für dieses Jahr sehe ich allerdings ziemlich schwarz. Vor dem Sommer dürfte es keine Öffnungen geben. Im Sommer wird in den Kinos vielleicht ein Notprogramm gefahren und es gibt Sommerkinos. Im Herbst dürfte es dann besser werden.
Für Filmfans war das letzte Jahr ähnlich schlecht. Die Zahl der im Lexikon besprochenen Fime hat sich zwischen den Filmjahren 2019 und 2020 kaum geändert. Es sind jeweils um die 1400 Filme. Besprochen werden Spielfilme, spielfilmlange TV-Filme (wozu auch der „Tatort“ gehört), TV-Serien und spielfilmlange Dokumentarfilme, die 2019 in Deutschland anliefen. Allerdings nur selten im Kino, wo ein Film seine maximale Wirkung entfalten kann. Meistens erlebten die Werke ihre Premiere auf DVD, im Fernsehen und auf verschiedenen Streaming-Plattformen, die dann nicht für alle zugänglich sind.
Diese Kurzbesprechungen sind natürlich immer noch das Herzstück des vom Filmdienst und der Katholischen Filmkommission für Deutschland herausgegebenem „Lexikons des internationalen Films“.
Ab dem vorletzten Filmlexikon wurde der Berichtsteil des Filmjahrs massiv ausgebaut. Während es sich früher um einige Seiten handelt, umfasst der Berichtsteil jetzt über zweihundert Seiten des 544-seitigen Buches.
In ihm gibt es Interviews mit Moritz Bleibtreu, Julia von Heinz, Burhan Qurbani, Sam Mandes, Ken Loach und Ladj Ly, Porträts von Filmschaffenden wie Jean-Luc Godard, Ben Wheatley, Wim Wenders, Clint Eastwood und Ruben Östlund, längere Nachrufe auf, u. a. Sean Connery, Olivia de Havilland, Kirk Douglas und Michael Gwisdek, Analysen zur Filmbranche und bestimmter Themen und Motive, wie dem Verräter im Film und wie er sich zum geschätzten Whistleblower wandelte, dem New Black Cinema und dem Road Movie (Reden wir von Film als Flucht aus der tristen Realität.) und einem konzentriertem Rückblick auf wichtige Ereignisse des zurückliegenden Filmjahres.
Es gibt, ebenfalls wie in den letzten Jahren (Hey, warum soll eine gute Struktur geändert werden?), längere Besprechungen von fünfzehn bemerkenswerten Serien und den zwanzig besten Kinofilmen des Jahres 2020. Das sind, nach Meinung der filmdienst-Kritiker:innen:
Auch wenn ich nicht alle Filme gesehen habe und mir einige Filme nicht so gefallen haben, ist das eine in jedem Fall überzeugende Liste sehenswerter Filme für die nächsten Abende im Heimkino.
Und das Lexikon selbst ist ebenso empfehlenswert. Als jährlich erscheinendes Lexikon bündelt es noch einmal die Ereignisse eines Jahres und zeigt Entwicklungen und Perspektiven auf, die sonst im Alltagsgewusel und einer unüberschaubaren Zahl verschieden schlecht sortierter Lesezeichen und Ordner untergehen.
Außerdem liefert das Blättern durch die gewohnt treffenden Kurzkritiken viele Anregungen für noch nicht gesehene Filme.
P. S.: Schönes Cover. Kristen Stewart als Jean Seberg. Könnte auch ein Plakat für meine Wohnzimmerwand sein.
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Filmdienst.de/Katholische Filmkommission für Deutschland (Redaktion: Jörg Gerle, Felicitas Kleiner, Josef Lederle, Marius Nobach): Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2020/2021
„Vor zehn Jahren landeten sie. Rund um den Globus. Und sie taten nichts. Sie standen auf der Erdoberfläche wie gigantische Bäume. Übten still Druck auf die Welt aus, als sei niemand hier und stünde nichts im Weg. Vor zehn Jahren erfuhren wir, dass es intelligentes Leben im Universum gibt, und dass sie uns nicht als intelligent oder lebend anerkennen.“
Aber was folgt daraus für uns Menschen? In seinem Comic „Trees – Ein Feind“ gehen Autor Warren Ellis („Transmetroolitan“, „Red“) und Zeichner Jason Howard der Frage nach, wie sich unser Leben und unsere Psyche durch die Anwesenheit riesiger außerirdischer Gegenstände verändert. Denn auch wenn diese Bäume nichts tun, verändert sich unser Leben allein durch ihre Anwesenheit. Außerdem, und das entdecken einige Menschen zehn Jahre nach der Landung der Bäume, von denen unklar ist, ob diese Bäume Lebewesen oder Erkundungssonden sind, tun die Bäume doch etwas.
Im ersten von insgesamt drei „Trees“-Sammelbänden (der im Original 2015 erschien) verfolgen Ellis und Howard rund um den Globus mehrere Menschen, deren Leben nichts miteinander zu tun haben.
Es geht um den Forscher Marsh, der auf einer einsam gelegenen Forschungsstation nordwestlich von Spitzbergen lebt. Er ist von den Bäumen fasziniert. Auch als er entdeckt, dass mohnähnliche Pflanzen aus ihnen herauswachsen und diese Gewächse das Ende der Welt herbeiführen könnten.
Dieser Erzählstrang ist am nächsten an einer traditionellen Invasions-Science-Fiction-Geschichte. Folglich setzt er sich am deutlichsten und direktesten mit den außerirdischen Bäumen auseinander.
In den anderen, verschieden langen Geschichten geht es vor allem um die psychischen Auswirkungen.
In Afrika gibt es an der Grenze von Somalia Ärger, weil Präsident Caleb Rahim es nicht länger hinnehmen will, dass nur das Nachbarland Puntland, wo einer der Bäume steht, ökonomisch von ihm profitiert.
In Cefalù, Sizilien lernt Elegia Gatti, die Freundin eines neofaschistischen Kleingangsters mit großen Plänen, den deutlich älteren, allein in einem einsam Haus lebenden Gelehrten Luca Bongiorno kennen. Der zeigt ihr den Weg in ein anderes Leben.
Und in China begibt sich der junge Tian Chenglei nach Shu. In dieser von der Welt abgeschlossenen Sonderkulturzone möchte er zeichnen. In dieser Großstadt lernt er weitere Künstler kennen und hat gleichgeschlechtliche und andere sexuelle Erfahrungen.
Auch wenn nach dem ersten „Trees“-Band noch ziemlich unklar ist, in welche Richtung die Geschichte sich weiter entwickelt und vollkommen unklar ist, wie die verschiedenen Geschichten zusammenhängen, ist „Trees“ eine lohnenswerte Lektüre.
Die Macher zeigen, wie sehr die Anwesenheit eines Gegenstandes seine Umwelt verändert. Oder konkreter gesagt: Auch wenn die Bäume nichts tun, tun sie allein schon durch ihre Anwesenheit etwas. Vor allem erinnern sie die Menschen täglich daran, dass es Außerirdische gibt, die uns Menschen nicht mehr Aufmerksamkeit schenken als wir Menschen gegenüber einer Fliege.
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Vor wenigen Tagen erschien auch der Abschlussband von „Batmans Grab“. In dieser von Bryan Hitch gezeichneten Batman-Geschichte erzählt Warren Ellis von Batmans Jagd nach einem geheimnisvollem, seine Spuren sehr gut tarnendem, nach einem unklarem Plan mordendem Serienmörder. Zum Glück verfügt Bruce Wayne über eine Technik, mit der es ihm gelingt, sich in die Ermordeten hineinzuversetzen. So kann er an Informationen kommen, an die sonst niemand käme. Am Ende des ersten Bandes wurde der Leiter der Spurensicherung der Polizei von Gotham ermordet.
In seinem Dateien findet ‚Batman‘ Bruce Wayne die entscheidende Spur, die ihm zu dem Täter führt. Es ist Colonel Sulphur, ein Söldner, der diesen Mord im Auftrag von Robert Anthony, dem Sohn eines Mob-Killers, begang. Anscheinend wil Anthony mit seiner Scorn-Armee Gotham City destabilisieren und die Herrschaft über die Stadt erlangen.
Die Idee aus dem ersten Band, dass Wayne sich in die Opfer von Verbrechen hineinvesetzt und der prominent platzierte Hinweis auf seinen Grabstein, spielen im Abschlussband von „Batmans Grab“ keine nennenswerte Rolle. Stattdessen gibt es, wie im ersten Band, viel seitenfüllende Action. So ist „Batmans Grab“ am Ende ein weiteres spannendes „Batman“-Abenteuer, das lange nicht so innovativ ist, wie man nach dem Klappentext vermuten könnte.
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Warren Ellis/Jason Howard: Trees – Ein Feind
(übersetzt von Christian Langhagen)
Cross Cult, 2020
168 Seiten
25 Euro
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Originalausgabe
Trees, Volume One: In Shadow
Image Comics, 2015
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Warren Ellis/Bryan Hitch: Batmans Grab – Band 2 (von 2)
Jamie Conklin ist kein normaler Junge. Er sieht tote Menschen und er kann sich mit ihnen, bevor sie verschwinden, unterhalten. Dabei müssen sie ihm die Wahrheit sagen. Das sorgt selbstverständlich irgendwann für lebensbedrohliche Probleme. Aber zuerst sichert diese Gabe den Lebensstandard für ihn und seine Mutter Tia.
Sie ist in New York Literaturagentin. Dort ist das Leben teuer. Auch die Schule für Jamie und das Pflegeheim für seinen dementen Onkel Harry kosten Geld. Ihr Lebensstil wird vor allem durch die unglaublich erfolgreichen Bücher von Regis Thomas bezahlt. Dummerweise stirbt der Bestseller-Autor, bevor er den letzten Band seines enorm erfolgreiches Fantasy-Epos Roanoke geschrieben. Weil er sich keine Notizen macht, gibt es keine Möglichkeit, den Roman posthum zu veröffentlichen. Wenn es nicht Jamie gäbe, der, wie gesagt, mit Toten, die ihm die Wahrheit sagen müssen, reden kann. Also verlangt sie von Jamie, dass er Regis nach der Story von seinem letzten Roman fragt. Jamie tut es und Regis erzählt sie ihm. Seine Mutter schreibt anschließend den Roman, der sich gewohnt gut verkauft. Niemand erfährt von ihrem Betrug.
Jahre später will die korrupte New Yorker Polizistin Liz Dutton von Jamies Fähigkeit profitieren und so ihre Karriere retten. Liz und Tia waren miteinander befreundet, bis sie Tias Wohnung als Zwischenlager für Drogen benutzte.
Das ungewöhnlichste an „Später“ ist nicht die Geschichte. Ich-Erzähler Jamie Conklin erzählt chronologisch sein Leben von seiner Kindheit bis zu seinen jungen Erwachsenenjahren. In schönster Biopic-Tradition reiht er dabei Ereignis an Ereignis. Eine Geschichte, also eine Abfolge von aufeinander aufbauenden Ereignissen, ergibt sich daraus nur langsam und fast zufällig. Auch wenn Jamies Lebensbeichte auf einigen Seiten zu einer blutigen Kriminalgeschichte und einer furchterregenden Horrorgeschichte mutiert, ist sie eine weitgehend sanfte Horrorgeschichte. Sicher, einige der Toten, die Jamie sieht, sehen, je nachdem, wie sie gestorben sind, furchterregend aus. Aber sie sind nicht besonders angsteinflößend. Sie stehen eher wie nette Geister herum und unterhalten sich mit Jamie.
Das ungewöhnlichste an „Später“ ist die Sprache. Am Anfang erzählt der sechsjährige Jamie in der sich auf wenige Worte beschränkenden Sprache eines Kindes. Als er älter wird, wird seine Sprache abwechslungsreicher. Er klingt mehr und mehr wie der Stephen King, den wir aus unzähligen Romanen, Novellen und Kurzgeschichten kennen.
Mit dreihundert Seiten ist der sanfte Horroroman für King-Verhältnisse sogar sehr kurz geraten. Für einen Hard-Case-Crime-Roman, wo der Roman im Original erschien, hat er allerdings die ideale Länge. Der Verlag pflegt mit Wiederveröffentlichungen, Entdeckungen aus den Archiven verschiedener Schriftsteller und neuen Romane die Tradition der klassischen Hardboiled- und Pulp-Krimis. Zu den Autoren gehören Lawrence Block, Ken Bruen/Jason Starr, Max Allan Collins, Michael Crichton, Mickey Spillane, Donald Westlake und Charles Willeford. Stephen King schrieb für Hard Case Crime bereits die kurzen Romane „Colorado Kid“ und „Joyland“.
Auf dem Umschlag steht „Kriminalroman“. „Horrorroman“ wäre allerdings treffender. Denn in „Factory Town“ erzählt Jon Bassoff, auch wenn man die Genreregeln sehr weit dehnt, keine Kriminalgeschichte, sondern einen surrealen Alptraum. Ich-Erzähler Russell Carver sucht in Factory Town die spurlos verschwundene Alana. Dabei begegnet er seltsamen Gestalten in seltsamen Räumen in einer Ruinenstadt, in der die Gesetze von Raum und Zeit nicht gelten und die für Carver zugleich fremd und vertraut ist.
Die Geschichte ist ein Blick in den Kopf eines Mannes, seiner Seele und seiner Dämonen, bei dem unklar ist, ob er jemals wieder aufwachen wird. Und jedes weitere Wort würde zu viel von dem Alptraum verraten.
Den erzählt Bassoff mit großer Klarheit. So surreal, verrückt und wahnsinnig die Ereignisse auch sind, als Leser verliert man nie den Überblick über die Handlung und die verschiedenen Ebenen der Geschichte.
Das lesenswerte Nachwort sollte allerdings erst nach Beendigung der Lektüre gelesen werden. Denn Marcus Müntefering verrät die gesamte Geschichte und die Pointe.
Von Jon Bassoff erschien auf Deutsch, ebenfalls im Polar Verlag, bis jetzt nur sein Debüt „Zerrütung“ (Corrosion, 2013) In den USA erschienen bereits sechs weitere Bücher. Für Nachschub wäre also gesorgt.
„Factory Town“ ist ein feines, aber auch brutales, verstörendes und während der Lektüre einige Rätsel (die am Ende gelöst werden) aufgebendes Buch. Also nicht für jedermann. Das sieht Bassoff ähnlich. In einem Interview mit Alf Mayer, das in „Zerrüttung“ abgedruckt ist, sagt er: „Ich habe ein Buch namens ‚Factory Town‘ geschrieben, das unglaublich surreal und fremdartig ist. Es ist mein Lieblingsbuch, obwohl manche Leute es für unverständlich halten. Das war nicht mein Ziel, ehrlich, und ich verstehe es, dass nicht alle ihre Mußestunden damit verbringen wollen, tausende Puzzleteile zusammenzufügen. Andererseits, einige Leute mochten es wirklich, so auch einer einer Horror-Helden, nämlich Ramsey Campbell.“
LV: Marvin H. Albert: Miami Mayhem, 1960 (später wegen der Verfilmung „Tony Rome“, Der Schnüffler)
Der auf einem Boot in Florida lebende Privatdetektiv Tony Rome (Frank Sinatra) soll eine wertvolle Diamantbrosche finden, die Diana Pines auf einer nächtlichen Sauftour verloren hat. Sie ist die Tochter des vermögenden Bauunternehmers Kosterman. Der hat ihn mit der Suche beauftragt. Bei seinen Ermittlungen, hey, wir sind in einem PI-Krimi!, findet Rome einiges über die Kostermans heraus, die Leichen stapeln sich, er wird mehrmals zusammengeschlagen (der unerfreuliche Teil der PI-Arbeit) und er erhält reihenweise eindeutige Angebote von gutaussehenden Frauen (der erfreuliche Teil der PI-Arbeit).
Seit Ewigkeiten nicht mehr gezeigter durchwachsener Privatdetektiv-Krimi; kein Klassiker, aber ein Film, der irgendwie immer da ist und erfolgreich genug für eine Fortsetzung (Die Lady im Zement, USA 1968, Regie: Gordon Douglas) war. Aus heutiger Sicht gibt es wohl wohlige Erinnerungen an die Sixties und Bilder von Miami, bevor „Miami Vice“ Verbrecher jagte.
mit Frank Sinatra, Jill St. John, Richard Conte, Gena Rowlands, Simon Oakland, Jeffrey Lynn, Sue Lyon
auch bekannt als „Tony Rome – Der Schnüffler“
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Die Vorlage
Wer schon alle Abenteuer von Sam Spade, Philip Marlowe, Lew Archer und Travis McGee kennt, sie jetzt nicht noch einmal lesen will und auf Entzug ist, für den ist „Der Schnüffler“ geschrieben. Marvin H. Albert erfand 1960 mit Tony Rome einen typischen Hardboiled-PI, schlecht verdienend, illusionslos, spielsüchtig, auf einem Boot lebend (Hey, wir sind in Florida!) und der Schwarm aller Frauen (die natürlich alle verdammt gut aussehend sind). Das ist in jeder Beziehung typisch für die damalige Zeit, flott geschrieben und ein nostalgisches Lesevergnügen. Wenn ihr den Roman also in irgendeiner Ramschkiste entdeckt und diese Art von Krimis mögt, solltet ihr unbedingt zuschlagen.
Albert schrieb drei Tony-Rome-Krimis.
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Marvin H. Albert: Der Schnüffler
(übersetzt von Wolfgang Crass)
Heyne, 1984
224 Seiten
5,80 DM
(nur noch antiquarisch erhältlich – und, ja, nach dem Cover ist das die Deutsche Erstausgabe)
Martha C. Nussbaum ist Professorin für Rechtswissenschaft und Ethik an der Universität von Chicago. Zu ihren Werken zählen „The Fragility of Goodness“ (1986), „Sex and Social Justice“ (1998, teilweise übersetzt in „Konstruktion der Liebe, des Begehrens und der Fürsorge“). „Hiding from Humanity: Disgust, Shame, and the Law“ (2004), „From Disgust to Humanity: Sexual Orientation and Constitutional Law“ (2010), „Creating Capabilities. The Human Development Approach“ (2011, Fähigkeiten schaffen: Neue Wege zur Verbesserung menschlicher Lebensqualität) und „Political Emotions: Why Love matters for Justice“ (2013, Politische Emotionen: Warum Liebe für Gerechtigkeit wichtig ist). In den vergangenen Jahren erhielt die Philosophin zahlreiche Auszeichnungen und Ehrendoktorwürden.
Sie sieht sich als Aristotelikerin und ist überzeugt, dass die Ethik die Ebene der Emotionen in ihr Denken einbeziehen muss. Dabei verwendet sie den von ihr zusammen mit Amartya Sen entwickelten Fähigkeitenansatz (Capability Approach). Der Ansatz nennt die ‚Fähigkeiten‘, über die jeder Bürger einer Gesellschaft verfügen können muss, um diese Gesellschaft dann als minimal gerecht zu bezeichnen. Es geht ihr dabei um ‚Fähigkeiten‘ und nicht unbedingt um deren Ausübung. ‚Fähigkeiten‘ sind unter anderem ‚Emotionen‘ („In der Lage sein, Beziehungen zu Dingen und Personen außerhalb unserer selbst zu haben, diejenigen zu lieben, die uns lieben und sich um sie zu sorgen, ihre Abwesenheit zu betrauern…keine Beeinträchtigung der eigenen emotionalen Entwicklung durch Furcht und Angst erleiden zu müssen.“) und ‚Praktische Vernunft‘ („In der Lage sein, sich eine Vorstellung vom Guten zu machen und die Planung des eingen Lebens kritisch zu hinterfragen.“).
Sie sieht ihre Theorie als einen guten Ausgangspunkt für Verfassungsgrundsätze, die dann nicht nur für die USA, sondern für alle Gesellschaften gelten sollten. Entsprechend abstrakt sind sie. Und das ist auch ein Problem von ihrem neuesten Buch „Königreich der Angst – Gedanken zur aktuellen politischen Krise“.
Der Anlass für ihr Buch war die Wahl von Donald J. Trump zum Präsidenten der USA. Sie fragte sich, wie es zu seiner Wahl kommen konnte. Oder anders gesagt: wie Emotionen Demokratien destabilisieren können. Als das Buch 2018 in den USA erschien, war es eine direkte Intervention.
Jetzt, nach Trumps Abwahl, könnte es die Aktualität der Tageszeitung von letzter Woche besitzen. Allerdings versuchen Philosophen immer, ihre Gedanken in einen größeren Zusammenhang zu stellen und Trumps Wahl war das Ergebnis einer langen Entwicklung, die natürlich jetzt nicht zu Ende ist. Durch die Wahl von Joe Biden zum US-Präsidenten hat das Buch sogar eine zusätzliche Dimension gewonnen.
Ihre Kernthese ist, „dass Angst ein Gefühl ist, das die Demokratie mehr als jedes andere bedroht. Die Angst ist eine in evolutionärer Hinsicht primitive Emotion, und sie spielt bereits in der frühen Entwicklung des Einzelnen eine Rolle. Sie behält ihre mächtige archaische Struktur bis in das Erwachsenenalter hinein bei und wird noch mächtiger, wenn sie durch das wachsende Bewusstsein unserer Sterblichkeit verstärkt wird. Angst ist kein Gefühl, das wir unterdrücken sollten, da sie uns zu vielen sinnvollen Entscheidungen führen kann. Sie ist jedoch durch politische Rhetorik sehr leicht manipulierba und neigt dau, Verhältnisse, in denen es um Vertrauen und Gegenseitigkeit geht – und diese machen den Kern demokratischer Selbstverwaltung aus – zu destabilisieren. Ich behaupte, dass Angst zu einem Königreich passt, in dem ein absoluter Herrscher sie wach halten muss. Für die Demokratie stellt sie jedoch eine große Gefahr dar.
Außerdem durchdringt und verdirbt die Angst auch andere Gefühle wie Zorn, Ekel und Neid und macht sie zu einem politischen Gift.“
Als Gründe für den Wahlerfolg von Donald Trump sieht sie starke Gefühle. Vor allem Angst, Zorn, Ekel und Neid waren wichtig. Und sie macht Vorschläge, was zur Überwindung dieser zerstörerischen Gefühle getan werden kann.
Nach dem überwältigendem Wahlsieg von Joe Biden stellen sich zwei weitere Fragen: Kann Bidens Wahlsieg mit Nussbaums Politikvorschlägen erklärt werden? Und wie sollen sich die Wahlgewinner, die Demokraten, gegenüber den Republikanern und den Wählern der Republikaner verhalten? Vor allem nachdem Trump und die Republikaner eine beispiellose Lügenkampagne über die Wahl begannen, der im Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 seinen vorläufigen Höhepunkt hatte, und die jetzt eine reine Obstruktionspolitik verfolgen.
Diese Frage führt zum Kern von Nussbaums Buch und zu einem großen Problem ihrer „Gedanken zur politischen Krise“. Sie führt die Handlungen von Trump, seinen Unterstützern und Wählern nicht auf politische Ziele, sondern auf Gefühle zurück. Angst, Zorn, Ekel und Neid sind nach ihrer Ansicht die Emotionen, die die aktuelle politische Krise erklären können. In ihrer übersteigerten Form sind diese Emotionen sehr destruktiv. Sie sind allerdings nicht angeboren, sondern anerzogen in den ersten Monaten unseres Lebens.
Damit ist ein Teil der Lösung eine Therapie bei einem Psychiater.
In der Politik also der parlamentarischen Politik, in der es nach Wahlen Mehrheiten gibt und diese ihre Politikvorstellungen durchsezten können, ist das anders. Da geht es immer um Macht, Verfahren und Lösungen. Hier den politischen Gegner zu einer Therapiesitzung einzuladen, ist dann einigermaßen abstrus. Die logische Frage wäre dann nicht „Was wollen Sie mit ihrem Vorschlag erreichen?“ sondern „Welche Gefühle wurden in ihrer Kindheit verletzt?“ oder „Warum hassen Sie Frauen?“.
Diese Fragen, die in einem Parlament oder Öffentlichkeit vollkommen unangemessen wären, führen zu einem weiteren Problem vom „Königreich der Angst“. Nussbaums Analyse geschieht auf einem so hohen Abstraktionslevel, dass jeder hineinintrepetieren kann, was er mag. Unmittelbare, auch nur halbwegs konktrete Handlungsempfehlungen folgen nicht aus ihrer Analyse. Schließlich sind Emotionen subjektive Empfidungen.
Diese Emotionen sind niemals ‚wahr‘ oder ‚falsch‘ in irgendeinem objektiven Sinn. Und damit bleibt als Antwort auf das „Königreich der Angst“ in Nussbaums Welt nur ein „Königreich der Liebe (und des Verständnisses und der freundlich-hilfsbereit ausgestreckten Hand)“. Bei eine Kneipenschlägerei, in der sich die republikanische Seite in einem Wahngebilde eingerichtet hat, und das ist die US-amerikanische Politik im Moment, hilft der Ratschlag kaum weiter. Auch wenn die Demokraten im Moment die Hand zur Kooperation ausgestreckt haben, den Menschen helfende Politkkonzepte präsentieren, durchsetzen und sich ansonsten nicht von dem Lärm der Republikaner irritieren lassen.
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Martha C. Nussbaum: Königreich der Angst – Gedanken zur aktuellen politischen Krise
(übersetzt von Manfred Weltecke)
btb, 2020
304 Seiten
14 Euro
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Deutsche Erstausgabe
Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2019
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Originalausgabe
Monarchy of Fear. A Philosopher looks at our political Crisis
Das ist jetzt wieder eines meiner Klobücher. Nicht wegen des Inhalts. Sondern weil es sich um kurze Texte handelt, meistens so um die zwei Seiten, und man sie nicht wirklich in einem Rutsch lesen kann und soll. Schließlich liest auch kein Mensch eine Sammlung von Max-Goldt-Kolumnen in einem Rutsch durch.
Witzig sind die von Michael Kraske geschriebenen Texte allerdings nicht. Der Journalist nimmt sich in seinem neuen Sachbuch „Tatworte – Denn AfD & Co. meinen, was sie sagen“ einschlägige Aussagen von hochrangigen AfD-Politikern, wie Alexander Gauland, Björn Höcke un Andreas Kalbitz, und prominenten Sprechern aus dem Pegida- und verschwörungstheoretischem Umfeld, wie Michael Ballweg (Querdenken 711), Attila Hildman, Lutz Bachmann und Tatjana Festerling (beide Pegida), vor. In kurzen Texten erklärt Kraske, warum deren Aussagen menschen- und demokratieverachtend sind, warum sie rassistisch, faschistisch und nationalistisch sind.
Die Texte sind thematisch etwas sortiert in die Kapitel „Verrohung der politischen Kultur und offener Hass“, „Rassistische Feindbilder, Anti-Islam und Antisemitismus“, „Die Revision deutscher Geschichte“, „Zwischen rechter Verschwörungsideologie und völkischem Denken“, „NS-Sprache reloaded“ und „Ermächtigungsphantasien und unverhohlene Drohungen“. In „Bürgerlicher Rassimus und populistische Trittbrettfahrer“ analysiert Kraske dann Statements von Markus Söder, Alexander Dobrindt, Horst Seehofer, Andreas Scheuer (als die CSU versuchte, die AfD rechts zu überhohlen), Christian Lindner (FDP), Thilo Sarrazin (SPD) und Hans-Georg Maaßen (CDU, die beide von ihrer vorherigen Karriere profitieren) . Beim Lesen dieser Zitate, die damals für heftige Diskussionen sorgten, fällt auf, wie sehr die AfD und ihr Umfeld in den vergangenen Jahren den Diskurs verschoben haben. Im Vergleich zu den oft vulgären AfD-Aussagen („Entsiffung des Kulturbetriebs“, „Altparteien-Diarrhö“, „Messermänner“, „Bevölkerungsaustausch“) wirken sie harmlos.
Die kommentierte Zusammenstellung der meistens sattsam bekannten Zitate liest sich wie die handliche Kurzfassung des tausendseitigen, aus öffentlich zugänglichem Material zusammengestellten Dossiers des Verfassungsschutzes zur Beobachtung der Partei. Kraskes Buch ist deutlich kürzer, konzentriert sich auf die bekannten Fälle (was kein Nachteil ist, denn es sind Äußerungen von Meinungsführern in der Partei) und ist pointierter. Im Gegensatz zu einem amtlichen Bericht kann Kraske Aussagen einordnen und dabei auch pointiert zuspitzen. Er zeigt auch, dass einige sich nach außen harmlos gebende AfDler, wie Alexander Gauland und Alice Weidel, sich nicht vom rechten AfD-Flügel unterscheiden. Sie formulieren es nur manchmal etwas netter und, und das ist der Hauptunterschied, sie geben sich eine honorig-bürgerliche Fassade. Gauland mit seiner langjährigen CDU-Mitgliedschaft und Herausgeberschaft der „Märkischen Allgemeinen“; Weidel mit ihrer Karriere bei Allianz Global Investors. Jörg Meuthen mit seiner Professur. Andere Mitglieder tragen ihre frühere Arbeit in der Bundeswehr, der Polizei und der Justiz wie eine gegen jegliche Kritik immunisierende Monstranz vor sich her.
Und sie meinen, was sie sagen. Ihre manchmal, immer unwillig und nach vielen abstrusen Ausflüchten erfolgten Entschuldigungen können wir getrost ignorieren. Schließlich muss ein Politiker klar sagen, was er will. Wenn er dann öfter missverstanden wird, liegt die Schuld nicht beim Publikum, sondern beim Sprecher, der sich nicht klar ausdrücken kann. Und sie haben diese Gedanken öfter wiederholt. Of vor einem mit den einschlägigen Codes vertrautem Publikum. Daher meinen sie genau das, was sie sagen, was darunter verstanden wird und was Michael Kraske klar in „Tatworte“ analysiert.
Deshalt ist „Tatworte“ eine lohnenswerte Lektüre voller teils schon vergessener Äußerungen. Krakse erklärt die oft nur innerhalb der Szene bekannten Bedeutungen einzelner Worte und Gedanken. Er zeigt gleichzeitig, warum die AfD eine rechtsextreme, verfassungsfeindliche Partei ist.
Weil auf ein Glossar und eine Auflistung der Zitate und der Zitatgeber verzichtet wurde, ist „Tatworte“ kein Arbeits- und Nachschlagewerk. Aber auf dem Klo…
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Michael Kraske: Tatworte – Denn AfD & Co. meinen, was sie sagen