Frank Göhre begibt sich auf die „Geile Meile“

September 25, 2013

Göhre - Geile Meile

Für langjährige Frank-Göhre-Fans enthält „Geile Meile“, außer dem Essay „Es war einmal St. Pauli“ und der dreiseitigen Nachbemerkung, nichts neues. Nach „Die Kiez-Trilogie“, der seine Romane „Der Schrei des Schmetterlings“ (1986), „Der Tod des Samurai“ (1989) und „Der Tanz des Skorpions“ (1991) über die Organisierte Kriminalität in Hamburg, vor allem in St. Pauli, enthält und die als düstere, semidokumentarische Noirs das Kernstück des Frank-Göhre-Kults sind, sind in „Geile Meile“ zwei Romane, zwei Novellen und das eben erwähnte Essay enthalten.

Es sind der unmittelbar nach den drei St.-Pauli-Romanen entstanden „Short Cuts“-ähnlichen Roman „St. Pauli Nacht“, in dem Göhre anhand mehrerer vollkommen unterschiedlicher Menschen, die sich höchstens zufällig begegnen, in knappen Szenen von einer normalen Nacht auf der Vergnügungsmeile erzählt. Sönke Wortmann verfilmte das Buch mit Starbesetzung durchaus gelungen.

Zappas letzter Hit“ führt zehn Jahre nach den Ereignissen von „Der Tanz des Skorpions“ die Geschichte der damals wichtigen und überlebenden Protagonisten fort, bildet einen Epilog zur Kiez-Trilogie und ist auch ein Abgesang auf ein St. Pauli, das es nicht mehr gibt. Außerdem porträtiert der Roman die Hamburger Stadtpolitik vor über einem Jahrzehnt und kann daher inzwischen schon als historischer Roman gelesen werden.

Rentner in Rot“ und „Der letzte Freier“ sind zwei Novellen, in denen Hauptkommissar Jörg Fedder, den wir unter anderem aus den Kiez-Romane kennen, auf Mördersuche geht. Einmal wurde eine Rentnerin ermordet, einmal eine Prostituierte.

Es war einmal St. Pauli“ ist ein 24-seitiges Essay in dem Frank Göhre sich mit den Spielfilmen „Polizeirevier Davidwache“ (1964), „Der Engel von St. Pauli“ (1969) und „Zinksärge für die Goldjungen“ (1973) von Jürgen Roland und den zahlreichen Verbindungen zwischen den Filmen und der Realität beschäftigt.

Für Noch-nicht-Frank-Göhre-Fans ist „Geile Meile“, die Ideen und Themen der Kiez-Trilogie fortführt, natürlich ein guter Einstieg in sein Werk, das inzwischen fast vollständig bei Pendragon vorliegt. Wobei ich „Zappas letzter Hit“ erst nach der Kiez-Trilogie lesen würde.

Frank Göhre: Geile Meile

Pendragon, 2013

512 Seiten

14,99 Euro

enthält

Zappas letzter Hit

Pendragon, 2006

St. Pauli Nacht

rororo, 1993

(danach mehrere, teilweise bearbeitete Neuveröffentlichungen mit unterschiedlichem Bonusmaterial)

Rentner in Rot

Schwarze Hefte, Band 1, 1999

(Nachdruck in „St. Pauli Nacht“, Pendragon 2007)

Der letzte Freier

Edition Nautilus (Kaliber .64), 2006

Es war einmal in St. Pauli

Erstveröffentlichung

Hinweise

Homepage von Frank Göhre

Meine Besprechung von Frank Göhres „Der letzte Freier“ (2006)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Zappas letzter Hit“ (2006)

Meine Besprechung von Frank Göhres „St. Pauli Nacht“ (2007, überarbeitete Neuausgabe)

Meine Besprechung von Frank Göhres „MO – Der Lebensroman des Friedrich Glauser“ (2008)

Meine Besprechung von Frank Göhres „An einem heißen Sommertag“ (2008)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Abwärts“ (2009, Neuausgabe)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Seelenlandschaften – Annäherungen, Rückblicke“ (2009)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Der Auserwählte“ (2010)

Meine Besprechung von Frank Göhres “Die Kiez-Trilogie” (2011)

Meine Besprechung von Frank Göhres „I and I – Stories und Reportagen“ (2012)

Frank Göhre in der Kriminalakte


Donald Ray Pollock liest aus „Knockemstiff“ und „Das Handwerk des Teufels“ vor

September 18, 2013

 

Wahrscheinlich ist Donald Ray Pollock ein absolut angenehmer Zeitgenosse, der nichts mit den in seinen Geschichten geschilderten Charakteren gemein hat. Denn diese sind nicht besonders angenehme Zeitgenossen: Mörder, Schläger, Drogensüchtige und oft auch noch geistig minderbemittelt, übergewichtig und, auch wenn sie erst Zwanzig sind, vom Leben mehr gezeichnet als manche Vierzigjährige. Also Menschen, um die man im normalen Leben einen möglichst großen Bogen macht und man, nach einer Begegnung mit ihnen, egal wie verkorkst das eigene Leben ist, sich besser fühlt, weil es einem ja doch nicht so schlecht geht.

Seine Geschichten spielen in Ohio, meisten in und um den Ort Knockemstiff, den es wirklich gibt, in dem Pollock am 23. Dezember 1954 geboren wurde und der heute eine Geisterstadt ist. In Pollocks Geschichten, die oft nur rudimentär datiert sind, gibt es ihn noch. Aber die Realität ist auch eine schöne Spiegelung der Fiktion, in der Knockemstiff zu einem mythologischen Ort wird, in dem der amerikanische Traum nie geträumt wurde. Außerdem bewegen Pollocks Charaktere sich wie Geister durch die Welt. Teils weil sie auf Drogen sind. Teils weil sie von anderen Menschen nicht wahrgenommen werden wollen oder einfach übersehen werden.

In seinem Debütroman „Das Handwerk des Teufels“ schreibt er über ein Killerpärchen, das in den Sechzigern während ihrer Urlaube Tramper ermordet. Über einen jähzornigem Jungen, der den Tod seiner Mutter in einer Art religiösen Wahn erlebt, danach bei liebevollen Pflegeeltern großgezogen wird und der Konflikte am Liebsten mit seiner Faust löst. Auch als seine Quasi-Schwester von einem Pfarrer geschwängert wird. Über zwei seltsame Reisende mit einer religiösen Variete-Show, die sich das finanzielle Grundkapital dafür besorgten, indem sie die Ehefrau des einen ermordeten. Da wird ein korrupter Sheriff schon fast zum Sympathieträger und für alle ist Mord ein einfaches Mittel, um Probleme zu lösen oder einfach seinen Spaß zu haben.

Der Roman ist eigentlich eine Sammlung von miteinander verbundenen Kurzgeschichten und Episoden, die zwischen dem Ende des zweiten Weltkriegs und dem Ende der sechziger Jahre, als die Gegenkultur auch im ländlichen Ohio ankam, spielt. Denn Pollock springt zwischen den verschiedenen Handlungssträngen hin und her, die nur durch den Handlungsort Knockemstiff miteinander verbunden sind und verbindet sie am Ende eher gewollt miteinander. Als traditioneller Kriminalroman ist „Das Handwerk des Teufels“, trotz dem Deutschen Krimipreis, enttäuschend. Als Noir, als dunkle Vision des Menschseins ist das gelungen.

In seiner ersten Buchveröffentlichung „Knockemstiff“, einer Sammlung von achtzehn Kurzgeschichten, die zwischen den Sechzigern und der Jahrtausendwende spielen, erzählt er Geschichten aus Knockemstiff, das hier deutlich als Metapher für eine Gesellschaft am Ende steht und man den Eindruck hat, dass es überall besser als in Knockemstiff ist. Trotzdem will keiner von Donald Ray Pollocks Charakteren Knockemstiff verlassen. Vielleicht weil sie, obwohl allesamt keine Geistesgrößen, wissen, dass Knockemstiff überall ist und sie nicht vor sich selbst flüchten können.

Pollock - Knockemstiff - 2

Donald Ray Pollock: Knockemstiff

(übersetzt von Peter Torberg)

Liebeskind, 2013

256 Seiten

18,90 Euro

Originalausgabe

Knockemstiff

Doubleday, 2008

Pollock - Das Handwerk des Teufels - Liebeskind - 2Pollock - Das Handwerk des Teufels - Heyne Hardcore - 2

Donald Ray Pollock: Das Handwerk des Teufels

(übersetzt von Peter Torberg)

Liebeskind, 2012

304 Seiten

19,80 Euro

Taschenbuch

Heyne, 2013

9,99 Euro

Originalausgabe

The Devil all the Time

Doubleday, 2011

Die Lesereise durch Deutschland

Mittwoch, 18. September, 20.30 Uhr

Buchhandlung Lehmkuhl (Leopoldstraße 45, 80802 München)

Donnerstag, 19. September, 20.00 Uhr

Harbourfront Hamburg – Stückgutfrachter MS Bleichen (Australiastraße, Hansahafen/Bremerkai, 20457 Hamburg – das klingt doch nach einem ungewöhnlichem Ort)

Freitag, 20. September, 20.00 Uhr

English Theatre Berlin (Fidicinstraße 40, 10965 Berlin, in Kooperation mit der Krimibuchhandlung Hammett)

Hinweise

Homepage von Donald Ray Pollock

Krimi-Couch über Donald Ray Pollock

Perlentaucher über Donald Ray Pollock

Wikipedia über Donald Ray Pollock (deutsch, englisch)

Die Presse: Teresa Schaur-Wünsch porträtiert Donald Ray Pollock (16. September 2013)

Der Standard: Christian Schachinger porträtiert Donald Ray Pollock (19. September 2013)

 

 


Endlich übersetzt: „Ich töte lieber sanft“ von George V. Higgins

September 18, 2013

Higgins - Ich töte lieber sanft

Als vor einem guten Jahr „Killing them softly“ von Andrew Dominik mit Brad Pitt und dem kürzlich verstorbenen James Gandolfini in unseren Kinos anlief, hatte ich eigentlich mit einer Veröffentlichung der Vorlage, dem Gangsterkrimi „Cogan’s Trade“ gerechnet. Aber die erschien, obwohl Hoffman & Campe 1973 George V. Higgins‘ Debütroman und Goldmann in den Neunzigern einige Bücher des produktiven Schriftstellers veröffentlichte, erst jetzt auf Deutsch.

In dem Roman wird Troubleshooter Jackie Cogan von der Bostoner Mafia beauftragt, herauszufinden, wer eine illegale Pokerrunde überfallen hat. Schnell verdächtigt er zwei nicht besonders intelligente Kleingangster. Aber er will auch Mark Trattman, dem Organisator der Pokerrunde, einen Denkzettel verpassen. Denn der hatte in der Vergangenheit einen Überfall auf seine Pokerrunde inszeniert, später damit geprahlt und damals keine Quittung für sein Fehlverhalten bekommen.

Ich töte lieber sanft“ erschien in den USA bereits 1974 und George V. Higgins, der mit seinem ersten Roman „Die Freunde von Eddie Coyle/Hübscher Abend bis jetzt“ (The Friends of Eddie Coyle, 1971) einen Kriminalromanklassiker, Unterabteilung Gangsterkrimi, schuf, weil er ein ungeschöntes Bild des Kleingangstertums zeichnete und die Dialoge sich wie Abhörprotokolle lasen. Dieses Ohr für den Slang der Verbrecher hatte er vorher als Anwalt und Staatsanwalt in Boston geschärft. Das war eine Sprechweise, die teilweise auch von US-Amerikanern kaum verstanden wurde und es den Übersetzern nicht leicht macht. Außerdem entfaltet sich die Geschichte nicht in den Taten der Verbrecher, sondern in ihren Gesprächen darüber.

Auch Higgins’ dritter Roman „Ich töte lieber sanft“ besteht fast nur aus Dialogen. Über Seiten reden die Gangster ohne Punkt und Komma. Die Gespräche kreisen oft, mit Wiederholungen, um sich selbst. Oft ist lange Zeit nicht klar, wo das Gespräch hinführen soll. Gerade das macht den Roman einerseits mühsam zu lesen (Oh man, warum geht die Story nicht im Richard-Stark-Tempo weiter?), aber auch faszinierend (Uh, das ist die Wirklichkeit.). Higgins’ erste Romane, vor allem sein Debüt, wurde von der Kritik abgefeiert und auch heute noch zählt er zu den Innovatoren des Genres, die von angloamerikanischen Krimifans geachtet werden. Der kürzlich verstorbene Elmore Leonard änderte danach seinen Schreibstil und er wurde nicht müde, Higgins’ stilistischen Einfluss auf sein Werk zu betonen. Quentin Tarantinos Endlosdialoge sind ebenfalls von Higgins beeinflusst.

Und mit der Übersetzung von „Cogan’s Trade“ als „Ich töte lieber sanft“ wird vielleicht eine kleine Wiederentdeckung von George V. Higgins bei uns eingeleitet.

Denn der Verlag Antje Kunstmann plant weitere Übersetzungen. Für Januar ist „Die Freunde von Eddie Coyle“ angekündigt. Ebenfalls übersetzt von Dirk van Gunsteren.

George V. Higgins: Ich töte lieber sanft

(übersetzt von Dirk van Gunsteren)

Verlag Antje Kunstmann, 2013

240 Seiten

14,95 Euro

Originalausgabe

Cogan’s Trade

Alfred A. Knopf, 1974

Neuausgabe, zum Filmstart, als „Killing them softly“

Verfilmung

Killing them softly (Killing them softly, USA 2012)

Regie: Andrew Dominik

Drehbuch: Andrew Dominik

LV: George V. Higgins: Cogan’s Trade, 1974 (Neuauflage als „Killing them softly“, keine deutsche Übersetzung)

mit Brad Pitt, James Gandolfini, Ray Liotta, Richard Jenkins, Scoot McNairy, Ben Mendelsohn, Vincent Curatola, Trevor Long, Max Casella, Sam Shepard

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Fantastic Fiction über George V. Higgins

Krimi-Couch über George V. Higgins

Wikipedia über George V. Higgins (deutsch, englisch)

New York Times über George V. Higgins

Mulholland Books: Brian Greene über George V. Higgins

Elmore Leonard über George V. Higgins

Weekly Lizard: Justin Peacock über George V. Higgins und das Must-Read-Book “The Friends of Eddie Coyle”

National Post: Robert Fulford über George V. Higgins

Meine Besprechung von Andrew Dominiks „Killing them softly“ (Killing the softly, USA 2012)


Ist Hubert „Täuscher“ in Andrea Maria Schenkels neuem Roman ein Mörder?

August 28, 2013

Schenkel - Täuscher - 2

Mit 240 Seiten ist der neue Roman von Andrea Maria Schenkel überraschend lang geraten. Denn ihre vorherigen Bücher „Tannöd“, „Kalteis“, „Bunker“ und „Finsterau“ konnten wirklich bequem in einem Rutsch gelesen werden.

Weniger überraschend ist, dass sie sich wieder einen historischen Fall als Inspiration genommen hat und den in Zeitungen und Protokollen dokumentierten Fakten – so staubtrocken liest es sich immer wieder – mehr oder weniger akkurat folgt.

1922 wurden in Landshut die 32-jährige Clara Ganslmeier und ihre 77-jährige Mutter Elsa (sieht, auch für heutige Verhältnisse, nach einer extrem späten Geburt aus) bestialisch ermordet. Die Polizei findet schnell den mutmaßlichen Täter: Hubert Täuscher, den Verlobten von Clara, der als Bürstenfabrikantensohn nur Flausen im Kopf hat und an ständiger Geldnot leidet. Er soll sie aus Habgier ermordet haben und den Schmuck an Luck Schinder, einen Freund mit verbrecherischer Vergangenheit, verscherbelt haben.

So weit, so konventionell. Weil Schenkel, wie immer in ihren Bücher, munter in der Chronologie und zwischen verschiedenen „Handlungssträngen“ (eher Handlungssplitter) hin- und herspringt, ist einerseits die Lösung, also der Ablauf des Doppelmordes und der Mörder, ziemlich schnell klar, andererseits bleibt eine milde Grundspannung, weil es ja doch nicht so einfach sein kann und man einen guten Teil der Lesezeit damit verbringt, die Ereignisse chronologisch zu ordnen.

Denn Schenkel benutzt diese Zeitsprünge als ein willkürliches Mittel, um von der Dürftigkeit ihrer Geschichte abzulenken.

Dabei können Zeitsprünge und Perspektivenwechsel gute erzählerische Mittel sein, um den Lesern und Zuschauern in dem Moment, in dem sie angewandt werden, für den Fortgang der Geschichte wichtige Informationen zu geben oder um die Spannung zu steigern.

In „Täuscher“ führen sie zur Distanz. Auch weil Schenkel meistens in einer biederen Beamtenprosa, die direkt aus Gerichtsdokumenten und schlechten Zeitungsreportagen stammt, schreibt und damit alle Charaktere papierne Erfüllungsgehilfen einer unklaren These bleiben.

Es langweilt, weil kaum etwas wirklich wichtiges für den Fortgang der Geschichte geschieht und vieles ohne großen Erkenntnisgewinn, aber aus verschiedenen Perspektiven, immer wieder wiederholt wird.

Und gerade Hubert Täuscher bleibt als verstockter Angeklagter, der bis nach der Urteilsverkündung wie ein auf frischer Tat ertappter Bengel seine Unschuld beteuert, ein Rätsel. Danach erklärt er zwar sein Verhalten und die wahren Hintergründe, die für halbwegs geübte Leser von Anfang an offensichtlich waren, und unser lange gehegter Verdacht, dass sogar ein kreuzdämlicher Trottel gegenüber Hubert Täuscher eine Intelligenzbestie ist, bewahrheitet sich. Der Mann hat seine Strafe wirklich verdient.

Wer historische Kriminalromane, die in Deutschland spielen, lesen will, sollte sich stattdessen die Bücher von Robert Brack und Robert Hültner, die in ihren gut geschriebenen Romanen spannend, informativ und glaubwürdig Fakten mit Fiktion mischen, ansehen. Ihre Romane haben all das, was „Täuscher“ fehlt.

Andrea Maria Schenkel: Täuscher

Hoffmann und Campe, 2013

240 Seiten

18,99 Euro

Hinweise

Homepage von Andrea Maria Schenkel

Meine Besprechung von Andrea Maria Schenkels „Kalteis“ (2007)

Meine Besprechung von Andrea Maria Schenkels “Bunker” (2009)

Meine Besprechung von Andrea Maria Schenkels „Finsterau“ (2012)

Andrea Maria Schenkel in der Kriminalakte


Neu Kino/Buch- und Filmkritik: Bäh, „Feuchtgebiete“ gibt es jetzt auch im Kino

August 22, 2013

Als „Feuchtgebiete“ von Charlotte Roche vor fünf Jahren erschien, sich wie geschnitten Brot verkaufte und im Feuilleton eifrig diskutiert wurde, interessierte es mich weniger als der sprichwörtlich in China umfallende Sack Reis. Ein Skandalbuch über eine junge Frau, Masturbation und ihrem Verhältnis zu Flüssigkeiten und Ausscheidungen, garniert mit Spekulationen darüber, wie sehr die Ich-Erzählerin im Roman identisch mit der Autorin ist.

Gähn!

2,5 Millionen im deutschsprachigen Raum verkaufte Exemplare später ist jetzt die Verfilmung dieses Frauenbuches im Kino und beim Studieren der Credits fällt die starke männliche Beteiligung auf. Scheint also auch etwas für Männer zu sein. Peter Rommel produzierte. Er produzierte auch „Wolke 9“, „Sommer vorm Balkon“ und „Nachtgestalten“. Gute Filme. Claus Falkenberg und David Wnendt schrieben das Drehbuch. David Wnendt übernahm auch die Regie und, wie schon in seinem überschätzten Debüt „Kriegerin“, steht wieder eine Frau im Mittelpunkt. Vom Buch wurde das grobe Handlungsgerüst übernommen, etliche Szenen wurden stark erweitert oder innerhalb der Geschichte verschoben und es gibt auch viele neue Szenen. Weil in Roches Roman die Erzählerin, die 18-jährige Helen, nach einer missglückten Intimrasur im Krankenhaus liegt und sich wild durch ihr Leben fantasiert und ihre banalen Ansichten über Gott, die Welt, ihre Hämorrhoiden und ihre Muschi assoziativ ausbreitet, ist das nicht schlimm und das Buch und der Film haben ihre Stärken und Schwächen.

Wobei die Schwächen beide Male eindeutig überwiegen. So ist „Feuchtgebiete“ bestenfalls funktional in einem lockeren Plauderton irgendwo zwischen naseweis und nervig geschrieben. Erotisch oder lustvoll ist da nichts. Skandalös auch nicht. Tabubrechend – naja. Und warum dieses langweilige Buch – außer der Banalbegründung „Sex sells“ – ein Bestseller wurde, ist mir schleierhaft.

Aber immerhin ist eine Story – Scheidungskind Helen möchte, dass ihre Eltern wieder zusammenkommen und versucht das mit einem möglichst langen Krankenhausaufenthalt zu erreichen – erkennbar und wenn sie dann am Ende, ziemlich überraschend, mit ihrem Krankenpfleger Robin zusammen zieht, kann sogar ein Entwicklungsroman erkannt werden. Immerhin emanzipierte Helen sich im Krankenhaus, als sie über ihr bisheriges Leben nachdachte, von ihren Eltern. Aber das ist vielleicht auch eine Überinterpretation und Helen will einfach nur etwas Sex haben.

Im Film wird dagegen explizit mit dem Skandal gespielt. David Wnendt geht dabei – der Film ist freigegeben ab 16 Jahre – immer an die Grenzen des auch noch für Jugendliche zeigbaren und er bleibt immer geschmackvoll. Und David Wnendt hat viele Szenen dazu erfunden oder erweitert, die im Buch nur einige Zeilen lang sind. Wir erfahren, unter anderem, mehr über ihre Eltern, die beide vollkommen unfähig sind, Kinder zu erziehen, es gibt einen langen Drogentrip von Helen und ihrer Freundin Corinna, nachdem ihr Dealer eine Dose mit Drogen bei ihnen vergisst, es gibt die längere Version von Helens vulgärer Pizzageschichte und, ganz am Anfang als „Trainspotting“-Hommage, einen Besuch von Helen auf Berlins schmutzigster Toilette.

Aber die Episoden bleiben eine Ansammlung von Szenen, bei denen meistens unklar ist, ob sie wahr oder erfunden oder von Helen in ihrer Fantasie überspitzt wurden. Das schon in der Vorlage rudimentäre Handlungsgerüst wurde noch weiter entkernt. Die Versuche, ihre Eltern zusammenzuführen sind kaum vorhanden und dass sie das unbedingt will, wird im Film nicht erkennbar. Sowieso: warum wollen Scheidungskinder unbedingt, dass ihre Eltern wieder zusammen sind und, obwohl sie sich nicht mehr lieben, auf heile Familie machen? Die Liebesgeschichte zwischen Helen und ihrem Pfleger ist höchstens als Schwärmerei eines Teenagers erahnbar, aber meistens geht es einfach um Helen, die ihren Spaß haben will und daher auch Robin ab und zu etwas neckt. Er scheint sowieso der einzige Pfleger auf dieser ziemlich menschenleeren Station zu sein. So kommt dann das gemeinsame Ende mit ihm vollkommen überraschend. Aber vielleicht fährt er sie, als er sie allein vor dem Krankenhaus im Regen stehen sieht, nur zur nächsten U-Bahn-Station.

Sogar die große Enthüllung am Ende des Films (sie hat als Achtjährige gesehen, wie ihre Mutter sich und ihren jüngeren Bruder vergasen wollte), die in einem konventionell erzähltem Film dazu dienen würde, ihre ach so verkorkste Psyche zu erklären und sie geläutert in eine bessere Zukunft entlassen würde, bleibt folgenlos. Im Buch wird dieses große Familiengeheimnis bereits auf Seite 61 (also am Anfang des zweiten Romanviertels) nebenbei enthüllt.

Zusammengehalten werden diese Episoden von der Erzählerin Helen, die fast während des gesamten Films erzählt, was wir gerade sehen oder auch nicht sehen können, weil sie gerade über – Na, Sie wissen schon – sinniert.

Aber die Szenen und das Voice-Over fügen sich nicht zu einem kohärentem Ganzen zusammen. Im Gegenteil. Sie widersprechen sich ständig gegenseitig. So sollen wir, zum Beispiel, glauben, dass Helen freiwillig bei ihrer Mutter bleibt, die sie sadistisch quält (so lässt sie sie auf den Betonboden fallen oder schneidet ihr im Schlaf die Wimpern ab), von einem Guru zum nächsten läuft und anscheinend als hygieneversessene Hausfrau und zweifache Mutter ziemlich sorgenfrei lebt. Helens Vater, der einerseits ein durchaus liebevoller, vermögender Vater mit unklarem Beruf, aber viel Freizeit und wechselnden Freundinnen ist, ist andererseits grotesk geistesabwesend. So schlägt er die Kofferraumtür seines Autos zu, klemmt dabei Helens Hand ein und reagiert überhaupt nicht auf ihre Schreie. Oder er cremt sie am Strand so nachlässig ein, dass sie danach den Sonnenbrand ihres Lebens hat. Sandburgbauen ist halt wichtiger. Billige Lacher ebenso.

Karikaturen sind diese Eltern, wie eigentlich alle Charaktere in „Feuchtgebiete“, sowieso, wobei man sich darüber unterhalten kann, ob sie Karikaturen aus Helens Sicht oder der Filmemacher sind und so kommen wir zu einem großen Problem des Films, der die Vorlage nicht blind-bieder bebildert: er hat keine erkennbare Haltung zur Geschichte. Er ordnet sein Material beliebig an und weil die einzelnen Erlebnisse und Fantasien von Helen folgenlos bleiben, könnten sie auch in irgendeiner anderen Reihenfolge als assoziativer Bilderbogen erzählt werden.

Das ist dann für einen zweistündigen Film, trotz großartiger Schauspieler und guter Inszenierung, zu wenig.

Feuchtgebiete - Plakat 4

Feuchtgebiete (Deutschland 2013)

Regie: David Wnendt

Drehbuch: Claus Falkenberg, David Wnendt

LV: Charlotte Roche: Feuchtgebiete, 2008

mit Carla Juri, Christoph Letkowski, Meret Becker, Axel Milberg, Marlen Kruse, Peri Baumeister, Edgar Selge, Harry Baer

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage (in der schönen Filmausgabe mit 27 Bildern und einem 22-seitigen Interview mit Charlotte Roche, David Wnendt und Peter Rommel)

Roche - Feuchtgebiete

Charlotte Roche: Feuchtgebiete

Dumont, 2013

240 Seiten

12 Euro

Erstausgabe

Dumont, 2008

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Feuchtgebiete“

Moviepilot über „Feuchtgebiete“

Wikipedia über „Feuchtgebiete“ (Roman, Film)

Meine Besprechung von David Wnendts „Kriegerin“ (D 2011)

Perlentaucher über „Feuchtgebiete“


Weil für Gordon Ferris „Mord ist nur ein Spiel“ ist, gewährt er eine „Galgenfrist für einen Toten“

August 21, 2013

 

Ferris - Mord ist nur ein Spiel - 2Ferris - Galgenfrist für einen Toten - 2

Auf der Insel wird der Schotte Gordon Ferris mit Ian Rankin verglichen. Das ist ein billiger Vergleich, weil ungefähr jeder zweite Kriminalromanautor mit dem bekannt-beliebten Ian Rankin verglichen wird, genauso wie derzeit jeder Fantasy-Autor einen J.-K.-Rowling-Vergleich und jeder Horror-Schriftsteller einen Stephen-King-Vergleich ertragen muss. Einerseits ist der Vergleich in diesem Fall ziemlich treffend, weil die Romane von Gordon Ferris sich in England seit Jahren gut verkaufen. Von seinem Privatdetektivroman „Galgenfrist für einen Toten“ wurden bei Amazon bis November 2012 170.000 E-Books und in den sechs Monaten vor der regulären Buchpublikation 200.000 E-Books verkauft. Er ist dieses Jahr für den Dagger in the Library von der CWA nominiert. Der Preis würdigt Autoren, die den Benutzern von Bibliotheken, vulgo den Lesern, am Besten gefielen. Außerdem laufen beide Autoren unter dem Label „Tartan Noir“, unter dem Noirs, die in Schottland spielen, verkauft werden.

Andererseits ist der Vergleich Mumpitz. Denn Ian Rankins Romane spielen in der Gegenwart, oft spricht Rankin in seinen Romanen Ereignisse, die gerade die Schlagzeilen beherrschen und die Bevölkerung von Edinburgh bewegen, direkt an und Inspector John Rebus, sein bekanntester Charakter, ist ein Polizist.

Die Romane von Gordon Ferris spielen unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und seine Protagonisten sind noch traumatisiert vom Krieg. Außerdem sind seine beiden Seriencharaktere Danny McRae und Douglas Brodie Privatdetektive. Wobei Brodie ein Journalist ist, der in „Galgenfrist für einen Toten“ in Glasgow der Verteidigerin Samantha Campbell (abgekürzt Sam) helfen soll, Beweise für die Unschuld des zum Tode verurteilten Hugh „Shug“ Donovan zu finden. Donovan hat seine Anwältin ausdrücklich darum gebeten, dass sein Jugendfreund, mit dem er sich vor siebzehn Jahren wegen Fiona zerstritt, diese Beweise finden soll. Donovan soll Fionas Sohn Rory und vier weitere Kinder ermordet haben. Die Beweise für seine Schuld sind allerdings zweifelhaft.

Galgenfrist für einen Toten“ ist der gelungene Auftakt von Gordon Ferris‘ zweiter Serie. In England erschien inzwischen der dritte, für den Ellis-Peters-Award nominierte Douglas-Brodie-Roman „Pilgrim Soul“.

Sein Debüt „Mord ist nur ein Spiel“, das bereits 2007 erschien und erst jetzt übersetzt wurde (und was eine weitere Gemeinsamkeit mit Ian Rankin ist: als die erste deutsche Übersetzung erschien, war Rankin in seiner Heimat bereits ein Bestsellerautor), spielt in London.

Dort hat Danny McRae eine Detektei eröffnet. Im Auftrag von Kate Graveney soll er herausfinden, ob sie den spurlos verschwundenen Major Philip Anthony Caldwell ermordet hat. Der ist McRaes ehemaliger Vorgesetzter vom Nachrichtendienst, den er wegen seiner Kriegserlebnisse sprechen möchte.

Gleichzeitig werden in London Prostituierte ermordet. McRae, der nach dem Krieg an periodischem Gedächtnisverlust leidet und der aus ihm unerklärlichen Gründen von der Mordserie fasziniert ist, glaubt, als Soldat in Frankreich während einer Geheimdienstoperation eine Widerstandskämpferin getötet zu haben. Er befürchtet, dass er der Prostituiertenmörder ist.

Eingefleischte Krimifans werden die Täter und die Hintergründe für die Morde in „Mord ist nur ein Spiel“ und „Galgenfrist für einen Toten“, auch wenn es einige Überraschungen gibt, schnell erahnen.

Trotzdem bleibt man dabei. Denn Ferris zeichnet ein lebendiges Bild der damaligen Zeit und es macht Spaß, seinem unprätentiösen, leicht melancholischen Erzähler – beide Romane sind als klassische Privatdetektivromane natürlich aus der Sicht des Detektivs geschrieben – zuzuhören.

Deshalb sollten Freunde von Privatdetektiv-Romanen, vor allem der US-Hardboiled-Schule à la Dashiell Hammett und Raymond Chandler, den Ferris öfter erwähnt, unbedingt zugreifen.

Gordon Ferris: Mord ist nur ein Spiel

(übersetzt von Manfred Sanders)

Festa, 2013

352 Seiten

13,95 Euro

Originalausgabe

Truth Dare Kill

Créme de la Crime, 2007

Gordon Ferris: Galgenfrist für einen Toten

(übersetzt von Usch Kiausch)

Festa, 2013

448 Seiten

13,95 Euro

Originalausgabe

The Hanging Shed

Atlantic Books, 2010

Hinweise

Homepage von Gordon Ferris

Shotsmag: Interview mit Gordon Ferris (2012)

The Scotsman: Interview mit Gordon Ferris über seine Douglas-Brodie-Serie (30. März 2013)


Neu im Kino/Filmkritik/Buchkritik: „Kick-Ass 2“ kickt in Jeff Wadlows Actionkracher und Mark Millars Comics ass

August 16, 2013

Wer mit „Kick-Ass“, der grandiosen und sehr respektlosen Liebeserklärung an die Superhelden, nichts anfangen konnte, sollte um „Kick-Ass 2“ einen großen Bogen machen. Denn der Film und der ihm zugrunde liegende Comic „Kick-Ass 2“ von Autor Mark Millar und Zeichner John S. Romita, Jr., ergänzt um etliche Szenen aus „Hit-Girl“ (die im Comic eine Elfjährige, im Film eine Fünfzehnjährige, ist) ist brutal, oft vulgär, zynisch, schwarzhumorig und nie wirklich jugendfrei. Deshalb ist „Kick-Ass 2“ auch „frei ab 18 Jahre“ und er hat sich diese Freigabe ehrlich verdient.

Nach dem Ende von „Kick-Ass“ ist Frank D’Amico (Mark Strong) tot. Kick-Ass (Aaron Taylor-Johnson), ein Möchtegern-Superheld mit dem Talent, sich verprügeln zu lassen, und Hit-Girl (Chloë Grace Moretz), ein Mädchen, das lässig ganze Legionen böser Jungs verprügelt und tötet, töteten den Mafia-Boss D’Amico und seine Männer. Dabei starb Hit-Girls Vater Big Daddy (Nicholas Cage in einem seiner besten Leinwandauftritte der vergangenen Jahre).

Hit-Girl Mindy McCready lebt jetzt bei Detective Marcus Williams (Morris Chestnut), der mit ihrem Vater befreundet war, und besucht die Schule. Eine für sie fremde Welt. Denn anstatt ihrer Bestimmung folgend, Verbrecher zu vermöbeln, muss sie jetzt Soap-Operas gucken und sich für Justin Bieber begeistern.

Aber die meiste Zeit schwänzt sie die Schule (Keine Panik. Sie hat den Schulcomputer gehackt und ist deshalb auf dem Papier immer anwesend.) und bildet Kick-Ass Dave Lizewski aus. Denn Daves Ambitionen sind größer als seine kämpferischen Fähigkeiten.

Als Marcus herausbekommt, dass Mindy nicht zur Schule geht, muss sie ihm versprechen, zur Schule zu gehen. Weil Big-Daddy sie erzogen hat, gegebene Versprechen zu halten, hält sie sich auch daran.

Dave, der schon immer davon träumte, zu einem Team von Superhelden zu gehören, schließt sich Colonel Stars and Stripes (Jim Carrey) an. Der zum Gläubigen konvertierte Gangster hat die Gruppe „Justice Forever“ gegründet. Gemeinsam gehen sie mit ziemlich drastischen Methoden gegen Gangster vor. Meistens patrouillieren sie allerdings, wie eine Bürgerwehr in kindischen Verkleidungen, durch die Straßen, geben Autogramme und helfen in der Suppenküche aus.

Währenddessen will Chris D’Amico (Christopher Mintz-Plasse), der Sohn von Frank D’Amico und der in „Kick-Ass“ Red Mist war, seinen Vater rächen. Nach dem Tod seiner Mutter entdeckt er eine Ledermontur in ihrem Nachlass, zieht sie an und nennt sich jetzt „The Motherfucker“. Weil seine verbrecherischen Fähigkeiten proportional zu seinen Ambitionen sind, kauft er sich eine Bande von Schlägern ein, die ihm bei seiner Mission helfen sollen. Seine beste Waffe ist „Mother Russia“, wie er eine muskelbepackte Ex-KGB-Agentin nennt und deren Spitznamen man nicht mit „Mütterchen Russland“ übersetzen sollte. Sie ist die böse Schwester, die Ivan Drago (Dolph Lundgren) vor dem Frühstück vermöbelt und dann – vielleicht – verspeist.

Der große Spaß an „Kick-Ass 2“, in dem er auch um das Erwachsen-Werden geht, ist, dass Mark Millar, John Romita, Jr. und Jeff Wadlow jedes Superhelden-Klischee nehmen und es vom Kopf auf die Füße stellen, einem Realitätscheck unterziehen, die Superheldenmythologie kräftig entstauben und dann doch wieder – irgendwie – bestätigen. Aber halt auf eine zynisch-schwarzhumorige, pathosfreie Art.

Zur Vorlage oder Die gezeichneten Abenteuer von Kick-Ass und Hit-Girl

Der Film folgt ziemlich genau, bis auf das Finale, der Comicvorlage „Kick-Ass 2“, ergänzt um große Teile aus „Hit-Girl“, wobei im Film Hit-Girl älter als in den Vorlagen ist, weil die Hauptdarstellerin älter wurde. Die Namen einiger Charaktere wurden geändert. So wurde aus Chris Genovese Chris D’Amico. Naja, eine alte Hollywood-Weisheit sagt: „You can always change the name.“

Und der gesamte Film spielt mit Insider-Gags, Zeichen und Insignien, die das Herz des Fans erfreuen, ohne die Geschichte zu stören oder allzu besserwisserisch rüberzukommen. So hängt Daves Vater in einer Szene ein Plakat auf, während er ihm etwas von Verantwortung und den Unterschieden zwischen Comics und dem echten Leben erzählt. Auf dem Plakat ist das Cover von Mark Millar/Leinil Yus „Superior“ abgebildet. In diesem Comic möchte der an MS erkrankte Simon gerne ein Superheld sein. Ormon erfüllt ihm diesen Wunsch. Aber nach einer Woche hätte er gerne seine Seele, sonst wird Superior wieder der kranke Junge. Millar erzählt seine Version von der Verführbarkeit des Einzelnen in seinem typischen Stil – und gleichzeitig liefert er eine Liebeserklärung an Superman, der Simon für Superior als Vorbild diente.

Mark Millar und Leinil Yu widmeten „Superior“ Christopher Reeve und Richard Donner.

Die Comics sind genauso lesenswert wie „Kick-Ass 2“ sehenswert ist. Jedenfalls wenn man auf diese Art von Humor steht.

Kick-Ass 2 - Hauptplakat

Kick-Ass 2 (Kick-Ass 2, USA 2013

Regie: Jeff Wadlow

Drehbuch: Jeff Wadlow

LV: Mark Millar/John S. Romita Jr.: Kick-Ass 2, 2010/2012 (Kick-Ass 2)

mit Aaron Taylor-Johnson, Chloë Grace Moretz, Morris Chestnut, Christopher Mintz-Plasse, Jim Carrey, Yancy Butler, John Leguizamo, Clark Duke, Augustus Prew, Lyndsy Fonseca, Donald Faison, Lindy Booth, Robert Emms, Monica Dolan, Steven Mackintosh, Olga Kurkulina, Daniel Kaluuya, Tom Wu, Andy Nyman, Iain Glen

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Die direkte Vorlage für den Film und damit zusammenhängende Werke von Mark Millar

Millar - Kick-Ass 2 - Band 1

Mark Millar/John Romita, Jr.: Kick-Ass 2 (Band 1)

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini, 2012

108 Seiten

12,95 Euro

Originalausgabe

Kick-Ass 2 – Issue 1 – 4

Icon Comics, Dezember 2010 – November 2011

Millar - Kick-Ass 2 - Band 2

Mark Millar/John Romita, Jr.: Kick-Ass 2 (Band 2)

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini, 2012

100 Seiten

12,95 Euro

Originalausgabe

Kick-Ass 2 – Issue 5 – 7

Icon Comics, Januar – Mai 2012

Millar - Kick-Ass 2 - Gesamtausgabe

Die beiden „Kick-Ass 2“-Einzelbände erschienen auch Sammelband.

Millar - Hit-GirlMillar - Hit-Girl - Limitiertes Hardcover

Mark Millar/John Romita, Jr.: Hit-Girl – Kick-Ass 2: Die Vorgeschichte

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini, 2013

124 Seiten

14,95 Euro

Originalausgabe

Hit-Girl, Issue 1 – 5

Icon Comics, August 2012 – April 2013

Millar - Superior 2

Mark Millar/Leinil Yu: Superior – Band 2

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini, 2012

100 Seiten

12,95 Euro

Originalausgabe

Superior, Issue 5 – 7

Icon Comics, Dezember 2011 – März 2012

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Kick-Ass 2“

Metacritic über „Kick-Ass 2“

Rotten Tomatoes über „Kick-Ass 2“

Wikipedia über „Kick-Ass 2“ (deutsch, englisch)

Homepage von Mark Millar

Meine Besprechung von Mark Millar/Steve McNivens „Nemesis“ (Nemesis, 2010/2011)

Meine Besprechung von Mark Millar/Grant Morrisons “Vampirella: Heiliger Krieg (Master Series 1)”

Die Charakterposter

Kick-Ass 2 - Kick-Ass

Kick-Ass 2 - Hit-Girl

Kick-Ass 2 - Motherfucker

Kick-Ass 2 - Colonel Stars and Stripes

Ein brandneues Interview mit Jeff Wadlow und Christopher Mintz-Plasse


Friedrich Anis „Verzeihen“ ist jetzt „Süden und die Stimme der Angst“

August 14, 2013

Ani - Süden und die Stimme der Angst - 2

Für einen „Süden und“-Roman ist „Süden und die Stimme der Angst“ mit 352 Seiten erstaunlich umfangreich. Immerhin ist die Standardlänge für einen „Süden und“-Roman 208 Seiten. Daran änderte sich auch nichts, als Friedrich Anis Held Tabor Süden von der Vermisstenstelle der Polizei zur Detektei Liebergesell wechselte. Immer noch gräbt er sich in kurzen Geschichten in das unspektakuläre Leben der kleinen Leute, die man in München in der U-Bahn oder der Kneipe nicht weiter beachtet.

Aber neben den „Süden und“-Büchern schrieb Ani auch einige längere Romane mit Tabor Süden, seinem ersten, erfolgreichsten und beliebtesten Ermittler.

So entstanden vor der zehnbändigen „Süden und“-Serie drei Einzelromane, in denen andere Charaktere im Mittelpunkt standen und nach dem Ende der ursprünglichen „Süden und“-Serie, die zwischen 2001 und 2005 erschien, 2011 „Süden“ und zwei weitere „Süden und“-Romane und für den 1. Oktober ist „M“, ein weiterer Roman mit Tabor Süden, bei Droemer als Hardcover angekündigt.

Süden und die Stimme der Angst“ gehört zu diesen älteren Werken. Der Roman erschien 2001 als Hardcover unter dem Titel „Verzeihen“ und wurde bis jetzt noch nicht als Taschenbuch veröffentlicht.

Im Mittelpunkt stehen Ariane Jennerfurt, eine HIV-infizierte Ex-Prostituierte, und Niklas Schilff, ein Ex-Starjournalist (es ging um Fake-Interviews mit US-Promis), der sie vergewaltigt, von ihrer Infektion erfährt und sie entführt. Tabor Süden und seine aus den „Süden und“-Büchern bekannten Kollegen von der Vermisstenstelle der Münchner Kripo suchen die „Frau, der die Liebe abhandengekommen ist“ (Klappentext).

Damals kam das Buch bei der Kritik gut an und ebnete mit den „Süden und“-Romanen Friedrich Anis Weg in die Herzen der Krimifans und der Literaturkritiker.

Friedrich Ani: Süden und die Stimme der Angst

Knaur, 2013

352 Seiten

8,99 Euro

Originalausgabe

Verzeihen

Droemer Verlag, 2001

Hinweise

Homepage von Friedrich Ani

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Wer lebt, stirbt“ (2007)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Der verschwundene Gast“ (2008)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Totsein verjährt nicht” (2009)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Die Tat” (2010)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Süden“ (2011, mit Interview)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Süden und die Schlüsselkinder” (2011)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Süden und das heimliche Leben“ (2012)

Friedrich Ani in der Kriminalakte


Das Finale von „Haunt“, der Serie von Robert Kirkman und Todd McFarlane

August 12, 2013

McFarlane - Kirkman - Fox - Haunt 5

Erfunden wurde die Serie „Haunt“ von „The Walking Dead“-Schöpfer Robert Kirkman, der mit seinem Idol, „Spawn“-Erfinder Todd McFarlane, der sich ziemlich aus dem Comicgeschäft (jedenfalls als Autor) zurückgezogen hatte, zusammen arbeiten wollte. Sie erfanden „Haunt“.

Im Mittelpunkt der Serie steht Daniel Kilgore, ein Ex-Priester, der mit seinem totem Bruder Kurt, einem US-Geheimagenten, redet und der in gefährlichen Momenten von einem fremden Geist übernommen und zu Haunt wird. Dieses Wesen kann man am Einfachsten als Symbiose der beiden Brüder zu einem quasi unbesiegbarem Superwesen beschreiben.

In den vergangenen vier „Haunt“-Sammelbänden wurde Daniel wegen dieser Fähigkeit in die Agency, die schon seinen Bruder beschäftigte, aufgenommen. Denn als Haunt ist er ein besonders effektiver Agent.

Gleichzeitig war unklar, welche Auswirkungen dieses Mischwesen auf Daniel haben wird. Wie sich seine Psyche verändern wird und was er dagegen tun kann, dass er als Haunt immer schneller seine Kräfte verliert.

Der fünfte „Haunt“-Sammelband, geschrieben von Joe Casey, bringt nun diese Geschichte zum Ende und entpuppt sich auf den letzten Seiten als Prequel für „Spawn“.

Die meiste Zeit muss Daniel sich in dem Serienfinale, nachdem die Basis der Agency und alle Mitarbeiter über Nacht verschwanden und Daniel von der „Zweiten Kirche“ entführt wurde, mit einem geheimnisvollen Mann, dessen Ziele bis zum Schluss unklar bleiben, herumschlagen. Denn Tubman, ein seltsamer Hippie, benimmt sich wie ein nervender Geist.

Letztendlich ist „Haunt“ als Vorgeschichte für einen neuen Charakter des „Spawn“-Universums – jedenfalls liest sich das Ende so – okay, aber damit fehlt ihm dann auch am Ende der richtige Abschluss.

Obwohl Todd McFarlanes Name als Autor auf dem Cover steht, hat er nur drei Seiten getextet. Der Rest ist von Joe Casey, der bereits Geschichten für „Cable“ und Adventures of Superman“ schrieb. Derzeit schreibt er die Image-Serie „Sex“; ein Titel, der bestimmt für einige erheiternde Gespräche im Comic- oder Buchladen sorgt.

Todd McFarlane (Autor)/Joe Casey (Autor)/Nathan Fox (Zeichner): Haunt – Band 5

(übersetzt von Claudia Fliege)

Panini, 2013

140 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe

Haunt # 23 – 28

Image, 2013

Hinweise

Homepage von Todd McFarlane

Meine Besprechung von Todd McFarlane (Tusche, Co-Creator)/Robert Kirkman (Autor, Co-Creator)/Ryan Ottley (Zeichner)/Greg Capullo (Zeichner) „Haunt – Band 1“ (Haunt, Vol 1 – 5, 2010)

Meine Besprechung von Todd McFarlane (Tusche, Co-Creator)/Robert Kirkman (Autor, Co-Creator)/Greg Capullo (Zeichner) „Haunt – Band 2“ (Haunt, Vol. 6 – 12, 2010)

Meine Besprechung von Todd McFarlane (Tusche, Co-Creator)/Robert Kirkman (Autor, Co-Creator)/Greg Capullo (Zeichner) “Haunt – Band 3″ (Haunt, Vol. 13 – 18, 2011)


Erster Materialrundumschlag für „Die andere Heimat“ von Edgar Reitz

Juli 31, 2013

Edgar Reitz (Homepage), der in den Achtzigern mit seiner TV-Serie „Heimat“ (einer Chronik des Jahrhunderts, spielend in dem fiktiven Hunsrück-Ort Schabbach) zeigte, was im Fernsehen alles möglich und heute unvorstellbar ist, mit „Die zweite Heimat – Chronik einer Jugend“ (1992) und „Heimat 3 – Chronik einer Zeitenwende“ (2004) würdig fortsetzte, hat jetzt, für das Kino, „Die andere Heimat“ gedreht.

Die Weltpremiere ist auf dem Internationalen Film Festival Venedig. Der deutsche Kinostart ist am 3. Oktober und ich freue mich schon riesig auf den Film

Die offizielle Synopse:

Als in der Mitte des 19. Jahrhunderts Hungersnöte, Armut und Willkürherrschaft die Menschen niederdrückten, sind Hunderttausende aus Deutschland ins ferne Südamerika ausgewandert. Auch Jakob versucht alle Grenzen hinter sich zu lassen, die einem Bauernjungen in dieser Zeit gesetzt sind. Er liest jedes Buch, dessen er habhaft werden kann, er studiert die Sprachen der Urwaldindianer, er entwirft Pläne für die romantischsten Abenteuer in den Wäldern Brasiliens und beschreibt seinen Aufbruch aus dem Hunsrück in einem erstaunlichen Tagebuch, das nicht nur seine Geschichte und seine Gedanken wiedergibt, sondern das Lebensbild einer ganzen Zeit. In den Strudel von Jakobs Träumen werden alle gesogen, die ihm begegnen: Seine von Mühsal und Arbeit geplagten Eltern, sein streitbarer, älterer Bruder Gustav und vor allem das schöne Jettchen, die Tochter eines verarmten Edelsteinschleifers und ihre beste Freundin Florinchen. Was kann es in dieser kargen Bauernwelt schöneres geben, als Jakobs Erzählungen zu folgen und mit ihm Pläne zu schmieden für ein glücklicheres Leben jenseits des Weltmeeres? Die Sehnsucht der jungen Menschen droht immer wieder zu zerbrechen – an der Unwissenheit der Zeit und an Krankheiten; an Tod und Naturkatastrophen, die über das Land hereinbrechen. Die Rückkehr des Bruders Gustav aus dem preußischen Militärdienst gibt den Anstoß für Ereignisse, die die Liebe zwischen Jakob und Jettchen jäh erschüttern und Jakobs Leben in eine völlig unerwartete Richtung lenken wird.

Edgar Reitz ist mit seinem neuen Film ein Ausnahmewerk, ein filmisches Epos gelungen, das in der heutigen Filmlandschaft kaum einen Vergleich finden wird. Auf Breitwand gedreht, entstanden unter der Kamera von Gernot Roll gewaltige Bilder, die ein Hunsrückdorf aus dem 19. Jahrhundert lebendig werden lassen und den Zuschauer auf eine Zeitreise einladen. Detailversessen in Ausstattung, Szenenbild und Kostüm, unterstützt durch ein junges Schauspieler-Ensemble, allen voran Jan Schneider als Jakob, Maximilian Scheidt als Gustav, Antonia Theresa Bill als Jettchen und Philine Lembeck als Florinchen, sowie Marita Breuer („Heimat“) als Mutter Simon, ist DIE ANDERE HEIMAT – CHRONIK EINER SEHNSUCHT eine bewegende Familien- und Liebesgeschichte voller Emotionalität und Sinnlichkeit.
„Edgar Reitz ist ein großes episches Werk gelungen, das zeitlos in die Filmgeschichte eingehen wird“, beurteilt die Jury der FBW zur Vergabe des Prädikats „besonders wertvoll“.
Darüber hinaus wirft der Film wie selbstverständlich genau die Fragen auf, die aktueller kaum sein könnten: die Frage nach Zugehörigkeit, Freiheit der Gedanken, und was man heute noch als Heimat benennen und wie stark eine Sehnsucht nach einem besseren Leben sein kann.

Die ersten drei Trailer:

Bei den Trailern ist klar, dass „Die andere Heimat“ ein ungewöhnlicher Film sein wird, der in jedem Fall grandios sein wird. Entweder grandios grandios oder grandios gescheitert.

Es gibt den Mitschnitt der Pressekonferenz zum Drehstart:

Ein kurzer Bericht vom Drehort

Und im September erscheint ein Buch zum Film:

Reitz - Die andere Heimat - Filmbuch

Edgar Reitz: Chronik einer Sehnsucht – Die andere Heimat

Schüren, 2013

240 Seiten

19,90 Euro

 

 


„Hallo. Ich bin der Doktor.“ – Doctor Who und das „Rad aus Eis“

Juli 24, 2013

 

Baxter - Doctor Who - Rad aus Eis

Auf der Insel ist „Doctor Who“ Kult. Bei uns ist er höchstens ein obskures Fan-Phänomen. Denn während in England seit einem halben Jahrhundert die Science-Fiction-TV-Serie, mit einer Unterbrechung von 1989 bis 2005, die mit Büchern, Hörspielen und Sondersendungen gefüllt wurde, läuft, der Doktor von verschiedenen Schauspielern gespielt wurde, etliche TV-Macher und Autoren, wie Douglas Adams und Ben Aaronovitch, durch die „Doctor Who“-Schule gingen, „Sherlock“-Erfinder Steven Moffat derzeit verantwortlich für die Serie ist, sie etliche Preise und einen Eintrag ins Guiness-Buch als erfolgreichste TV-Science-Fiction-Serie erhielt und für November zum fünfzigjährigem Jubiläum unter anderem ein Kinofilm geplant ist, liefen im deutschen TV nur einige Folgen.

Es wurden auch einige „Doctor Who“-Romane übersetzt, die inzwischen zu teils astronomischen Preisen antiquarisch angeboten werden. Und es gibt auch in Deutschland eine kleine Gruppe von „Doctor Who“-Fans, die wirklich alles über den geheimnisumwitterten Doktor wissen.

Der Doktor ist ein über tausendjähriger, menschlich aussehender Time Lord vom Planeten Gallifrey, der in einer Polizei-Notrufzelle, die eigentlich das Raumschiff TARDIS ist, mit verschiedenen Gefährten, durch die Zeit reist und versucht Katastrophen zu verhindern. Dabei nähert er sich friedfertig, aber mit nimmermüdem Forschergeist und britischem Humor (oder gallifreydscher Noblesse) den Phänomenen. Im Lauf der Jahre wurde er im TV von elf Schauspielern gespielt.

Stephen Baxter nahm für seinen jetzt erschienenen „Doctor Who“-Roman „Rad aus Eis“ den zweiten Doktor als Vorbild. Deshalb ist der Doktor hier ein Endvierziger mit Koteletten, der von Jamie McCrimmon, einem waschechten Schotten im Kilt aus dem achtzehnten Jahrhundert, und Zoe Heriot, einer aus der zweiten Hälfte des einundzwanzigsten Jahrhunderts kommenden Frau, begleitet wird. Die TARDIS schickt sie im Strudel jenseits von Raum und Zeit zu einen Saturnmond, weil es dort eine relative Kontinuum-Dislokationszone, vulgo einem Loch in der Zeit, das zu einer direkten Kontinuumsimplosion führen kann, entdeckte, die unser Sonnensystem vernichten kann.

Auf dem titelgebenden Rad aus Eis leben Menschen in drei Klassen und einer vierten für die Verbrecher, die die ganz unangenehmen Aufgaben übernehmen müssen. Letztendlich beherrscht wird die Minenkolonie, obwohl es einen fünfköpfigen inneren Rat für die Angelegenheiten des Mnemosyne-Gürtels gibt, von Florian Hart, der örtlichen Chefin des Bergbaukonsortiums, das auf dem Eismond Mnemosyne unglaublich seltenes Bernalium abbauen lässt.

In letzter Zeit häuften sich allerdings die Fälle von Sabotage und die Jugendlichen, die im Bergwerk arbeiten müssen, werden verdächtigt. Aber schon nach wenigen Minuten entdecken der Doktor und seine Gefährten, dass es kleine, blaue Wesen gibt. Deren Existenz wird von den Bewohnern geleugnet.

Als eigenständiger Roman zu einer bestehenden Serie muss „Rad aus Eis“ den Vorgaben der TV-Serie folgen und wahrscheinlich auch deshalb liest sich Stephen Baxters Roman von der Dramaturgie, der knappen Handlungszeit und den Personenkonstellationen immer wie eine Serienfolge. Gleichzeitig dient die Geschichte auch dazu, ordentlich Sozialkritik zu üben und damit verschiedene Gesellschaftsentwürfe gegenüberzustellen: den rein ökonomischen von Florian Hart, den liberal-humanistischen von dem Doktor, den aufbegehrenden Jugendlichen und den Erwachsenen, die sich bedingungslos an die Verhältnisse angepasst haben.

Es gibt eine ordentliche Portion Action und einen schönen Blick für die Absurditäten der verschiedenen Situationen. Das macht Spaß und lässt sich flüssig weglesen als kurzweilige Science-Fiction-Unterhaltung mit einem gesellschaftlichem Bewusstsein und britischem Humor. Auch für Menschen, die noch keine einzige „Doctor Who“-Folge gesehen haben. Denn Stephen Baxters Roman lässt sich auch einfach als humanistisch geprägte, in der Zukunft spielende Abenteuergeschichte lesen.

P. S.: Im Heyne Verlag, der bereits mehrere Bücher von Stephen Baxter veröffentlichte, erscheint im Dezember in der Reihe „Meisterwerke der Science-Fiction“ Stephen Baxters „Evolution“.

Stephen Baxter: Doctor Who – Rad aus Eis

(übersetzt von Claudia Kern)

Cross Cult, 2013

416 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Doctor Who – The Wheel of Ice

BBC Books, 2012

Hinweise

Homepage von Stephen Baxter

BBC über „Doctor Who“ (englisch, deutsch)

Wikipedia über „Doctor Who“ (deutsch, englisch)

BBC-YouTube-“Doctor Who“-Kanal (zum Abtauchen in den Strudel jenseits von Raum und Zeit)

 

 


Düster. Dave Zeltserman verbringt „28 Minuten“ mit dem „Paria“

Juli 22, 2013

Zeltserman - Paria - 2Zeltserman - 28 Minuten

Fans von beschaulich-lustigen Heimatkrimis, von normalen Ermittlerkrimis und bluttriefenden Serienkillerthrillern sollten einen großen Bogen um die Werke von Shamus-Gewinner Dave Zeltserman machen. Der in Boston lebende Noir-Autor wird in seiner Heimat seit Jahren von Kollegen, wie Ken Bruen, Allan Guthrie, Tom Piccirilli, Steve Hamilton und Adrian McKinty, um nur einige auch bei uns bekannte Namen zu nennen, und Kritikern abgefeiert. Auf deutsch liegen erst „28 Minuten“ und „Paria“, der zweite Band der drei „Man out of Prison“-Romane (auch bekannt als „Badass Gets Out of Jail“-Trilogie), vor. In dieser Trilogie erzählt Zeltserman, ausgehend von der Situation, dass jemand aus dem Gefängnis entlassen wird und er noch einige Rechnungen zu begleichen hat, vollkommen verschiedene Noir-Geschichten.

In „Paria“ kommt Kyle Nevin nach acht Jahren frei. Der einst gefürchtete South-Boston-Gangster hat nur einen Gedanken: er will sich an Red Mahoney rächen. Denn dieser verriet ihn damals und brauchte ihn so ins Gefängnis. Red ist allerdings untergetaucht und Kyle benötigt etwas Startkapital mit einer perfekt geplanten Geiselnahme. Nun, wie es sich für einen Noir gehört, geht diese perfekt geplante Geiselnahme grandios schief und Kyle steckt, vor allem nachdem ihn die Polizei verdächtigt, tief in der Klemme.

Kyle ist ein ziemliches Großmaul und Arschloch, aber das ist auch gerade ein Grund, diesen Noir zu lesen. Denn es ist schnell klar, dass der South-Boston-Gangster Kyle an chronischer Selbstüberschätzung leidet, aber auch in der Lage ist, sich skrupellos den Weg freizuschießen oder Beweise zu manipulieren. Und eigentlich ist „Paria“ kein richtiger Gangsterthriller, sondern in der ersten Hälfte vor allem die Geschichte eines Mannes, der aus dem Gefängnis entlassen wird und wie er seine ersten Tage in Freiheit erlebt. Einer Freiheit, die vor allem eine ausgedehnte Sauftour und ein Besuchen alter Freund, die oft nichts mehr mit ihrem früheren Verbrecherleben zu tun haben wollen, ist. In der zweiten Hälfte, wenn Kyle aufgrund seines Lebens ein Buchvertrag angeboten wird, wird „Paria“ zu einer Satire auf den Buchbetrieb und den amerikanischen Celebrity-Wahn, in dem ein Gangster zu einem Star aufsteigen kann, wenn er über sein Leben als Gangster Bücher schreibt. Und „Paria“ ist, mit den verstreut eingefügten Anmerkungen für das Lektorat, auch ein schöngefärbter Tatsachenbericht über Kyles erste Tage nach seinem Knastaufenthalt.

The Washington Post nannte „Paria“ eines der besten Bücher des Jahres 2009 und das reale Vorbild für den untergetauchten Red Mahoney ist Whitey Bulger, der auch das Vorbild für Frank Costello in Martin Scorseses Gangsterdrama „Departed – Unter Feinden“ (The Departed, USA 2006) war.

In „28 Minuten“ geht es um den perfekten Banküberfall, der dann – Überraschung! – doch nicht so perfekt ist. Dabei hatte der arbeitslose Softwareexperte Dan Wilson alles perfekt geplant. Beim Überprüfen eines Codes in einer Bank stellte er fest, dass während des Selbsttests die Zeit zwischen dem Auslösen des Alarms in der Bank und der Benachrichtigung der Polizei nicht 2,8 Sekunden sondern 28 Minuten beträgt. Genug Zeit, um in aller Ruhe mit einigen arbeitslosen Kollegen, die als Mittfünziger zum alten Eisen gehören, die Bank zu überfallen und die Schließfächer des russischen Verbrechers Viktor Petrenko auszuräumen. Denn, so sein Plan, der Gangster wird der Polizei nicht sagen, was in seinen Schließfächern war und, weil sie sich während des Überfalls als Mafiosi verkleiden, wird der Überfall der Mafia in die Schuhe geschoben.

Während des Überfalls tötet Gordon allerdings zwei Geisel – und damit wird der gesamte Plan hinfällig und aus den Programmierern, die mit einem Überfall für ihr Alter vorsorgen wollten, werden von Polizisten und Gangstern gejagte Amateure, deren Überlebenschancen gegen Null tendieren. Auch weil sie sich selbst nicht grün sind.

Zeltserman treibt die Geschichte in knappen Szenen voran, wechselt dabei immer wieder zwischen den verschiedenen Handlungssträngen und wir können atemlos verfolgen, wie einige gute Männer sich immer mehr in Schuld verstricken. Kein Wunder, dass Hollywood sich direkt die Rechte an dieser Geschichte sicherte.

28 Minuten“ ist ein spannender Gangsterroman und eine Abrechnung mit dem Kapitalismus, der schonungslos Menschen, die er nicht mehr braucht, aussortiert. „Outsourced“ ist dann auch der Originaltitel,

Für Zeltserman-Fans und die, die es werden wollen, gibt es eine erfreuliche Nachricht. Bei pulp master soll noch in diesem Herbst der dritte „Badass Gets Out of Jail“-Roman „Killer“ erscheinen. Dann verfolgen wir, wie ein Mafiakiller, der 28 Morde verübte und einen Deal mit dem Staatsanwalt abschloss, sich in sein neues Leben als Reinigungskraft einfügt. Zunächst.

Dave Zeltserman: Paria

(mit einem Vorwort von Roger Smith, übersetzt von Frank Nowatzki und Angelika Müller)

Pulp Master, 2013

384 Seiten

13,80 Euro

Originalausgabe

Pariah

Serpent’s Tail, 2009

Dave Zeltserman: 28 Minuten

(übersetzt von Ulrich Hoffmann)

Suhrkamp, 2011

336 Seiten

9,95 Euro (Erstauflage)

7,99 Euro (zweite Auflage im Rahmen einer Sommerkrimireihe)

Originalausgabe

Outsourced

Serpent’s Tail, 2010

Hinweise

Homepage von Dave Zeltserman

Blog von Dave Zeltserman


Buchkritik & Filmkritik: „Paperboy“ – ein Roman von Pete Dexter, ein Film von Lee Daniels

Juli 17, 2013

Der Plot von „Paperboy“ klingt gut und hat sich schon in zahlreichen Büchern und Filmen bewährt: ein Fremder kommt in die Stadt und räumt auf. In Pete Dexters Roman kommen zwei Reporter in den sechziger Jahren in eine US-Kleinstadt, um den Mörder des Sheriffs zu finden. Denn sie glauben nicht, dass der zum Tode verurteilte Hillary Van Wetter der Mörder ist.

Auch die ersten Zeilen von Peter Dexters „Paperboy“ sind gut. In ihnen führt er pointiert seine Charaktere und die Konflikte ein. Thurmond Call, der ermordete Sheriff von Moat County, einem Flecken Land in den Sümpfen von Florida, war ein Mann, „der in Ausübung seines Amtes eine selbst für die Verhältnisse von Moat County unangemessen hohe Anzahl von Schwarzen umgebracht hatte“. Nachdem er einen Weißen zu Tode trampelte, wird er bestialisch ermordet und Hillary Van Wetter, ein Verwandter des Toten, einer seit Ewigkeiten in den Sümpfen lebenden Hinterwäldlersippe, wird zum Tode verurteilt.

Während er im Gefängnis sitzt, verliebt sich Charlotte Bless in ihn und will ihn freibekommen. Zwei Reporter der Miami Times, Ward James und Yardley Acheman, sollen mit ihrer Hilfe eine Reportage über ihn schreiben, die den damaligen Fall wieder aufrollt. Ward ist der eine Sohn des Herausgebers der örtlichen Tageszeitung. Jack ist sein zweiter Sohn und der Erzähler von „Paperboy“. Der Junge verdient, nachdem er kurz nach Studienbeginn wegen Vandalismus von der University of Florida exmatrikuliert wurde, sein Geld als Zeitungsausfahrer und dann als Fahrer von seinem Bruder und Yardley. Außerdem verliebt er sich in die Mittvierzigerin Charlotte, der Inbegriff eines „Heißen Fegers“, einer Frau, die Männer reihenweise den Kopf verdreht und immer den falschen Mann auswählt.

Sie beginnen den Fall aufzurollen und stoßen schnell auf einige Ungereimtheiten. Van Wetter scheint unschuldig im Gefängnis zu sitzen.

Aber der Krimiplot und das Aufdecken der kleinstädtischen Bigotterie steht nicht wirklich im Mittelpunkt von Pete Dexters mit dem Literary Award des PEN Center USA ausgezeichneten Romans.

Stattdessen geht es auch um das sexuelle Erwachen von Jack, der sich in Charlotte verliebt, die Beziehung zwischen den beiden Brüdern und zu ihrem Vater William Ward James und verschiedene kleinere Erlebnisse von Jack, die die Haupthandlung nicht voranbringen. Jedenfalls wenn man die Recherchen von Ward und Yardley als die Haupthandlung betrachtet und nicht das Leben von Ward (immerhin beginnt Dexter seinen Roman mit dem Satz „Mein Bruder Ward war einmal berühmt.“) oder die Entwicklungsgeschichte des Ich-Erzählers oder die Geschichte der Familie James. Sowieso ist der Ich-Erzähler eher ein passiver Beobachter der Recherchen als ein aktiver Teil. Wichtige Erkenntnisse erfährt er, und damit auch wir, sogar nur vom Hörensagen.

Und nach zwei Dritteln ist der Krimiplot ziemlich abgehandelt. Denn nachdem auf Seite 205 die beiden Journalisten ihre Recherche-Ergebnisse veröffentlichen, kommt Van Wetter frei – und anstatt jetzt im letzten Drittel des Romans den Krimiplot, den Dexter auch auf den vorherigen Seiten eher mitschleppte als energisch zu entwickeln, weiter voranzutreiben, lässt er ihn links liegen und erzählt zunehmend langatmig vor sich hin plätschernd von dem weiteren Leben der Hauptcharaktere. Dabei wird die Geschichte von Wards Berühmtheit durch den Artikel über Van Wetter, für den er sogar den Pulitzer-Preis erhielt, zunehmend beliebiger und langweiliger. Denn plötzlich geht es nur noch über gefühlt tausende von Seiten um die Befindlichkeiten von Jack, Ward und Yardley, aber es ist auch vollkommen unklar, welches Ende Pete Dexter ansteuert; also was er erzählen will.

Auch die Verfilmung von „Paperboy“ ist eine überraschend große Enttäuschung. Pete Dexter schrieb eine frühere Fassung des Drehbuchs. Regisseur Lee Daniels („Precious“) überarbeitete sie, so erzählt er im Bonusmaterial der DVD, und wahrscheinlich stammt die starke Betonung der Rassenkonflikte, die so im Buch nicht vorhanden ist, von ihm. Obwohl dieses Thema auch in Dexters Werk wichtig ist und dem Film eine durchaus interessante Dimension beifügt.

Indem sich stärker auf den Krimiplot konzentriert wird, unterscheidet die Filmgeschichte, die von der afroamerikanischen Haushälterin der Jansens erzählt wird, sich – zu ihrem Vorteil – kräftig vom Roman. Ebenso wird Jacks Verliebtheit in Charlotte Bless und sein damit verbundenes Coming-of-Age-Drama klarer herausgearbeitet. Es geht auch deutlicher um die damaligen Umbrüche, vulgo Rassenkonflikte, Alltagsrassismus, Homosexualität und Homophobie.

Die Besetzung, unter anderem Matthew McConaughey, Nicole Kidman, John Cusack, Scott Glenn und Ned Bellamy, ist hochkarätig und spielfreudig. Die unbekannteren Schauspieler Zac Efron und David Oyelowo, die als Jack Warden und Yardley Acheman wichtige Rollen spielen, sind ebenfalls gut. Aber sie alle werden von Nicole Kidman als Charlotte Bless und John Cusack als Hillary Van Wetter in den Schatten gestellt. Beide sind konträr zu ihrem Typ besetzt und sie werfen sich lustvoll in ihre Rollen. Sie spielen unsympathische Charaktere, die auch unsympathisch bleiben. So ist Hillary Van Wetter ein Arschloch vor dem Herrn, das sich in seiner Rolle gefällt und überhaupt nicht sympathisch sein will. Er ist einfach nur ein notgeiler, dummer, bauernschlauer Hinterwädler und ziemlich böse.

Die Locations, vor allem die Bilder aus den Sümpfen, gefallen und verleihen dem Film eine fiebrige Atmosphäre.

Aber all die Teile bleiben Splitter, die sich nie zu einem kohärentem Ganzen zusammenfügen. „Pete Dexters The Paperboy“ wird somit schnell zu einem zähen Drama irgendwo zwischen Coming-of-Age-Drama und Film Noir, das sich nie wirklich entscheiden kann, wessen Geschichte erzählt wird, weil Lee Daniels irgendwie alles erzählen will.

Letztendlich ist die Verfilmung – wie das Buch – eine große Enttäuschung. Nicht weil sie so schlecht ist, sondern weil sie so viel besser hätte sein können. Aber als Camp funktioniert der hysterisch-schwüle „The Paperboy“, mit etlichen abgedrehten Szenen (meistens mit Kidman und Cusack) prächtig.

Dexter - Paperboy

Pete Dexter: Paperboy

(übersetzt von Bernhard Robben)

Liebeskind, 2013

320 Seiten

19,80 Euro

Originalausgabe

The Paperboy

Random House, 1995

Verfilmung

The Paperboy - DVD-Cover

Pete Dexters The Paperboy (The Paperboy, USA 2012)

Regie: Lee Daniels

Drehbuch: Pete Dexter, Lee Daniels

mit Zac Efron, Matthew McConaughey, Nicole Kidman, John Cusack, Macy Gray, David Oyelowo, Scott Glenn, Ned Bellamy

DVD

Studiocanal

Bild: 2,35:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Making Of, Hinter den Kulissen, Interviews mit Cast und Crew, Trailer, Wendecover

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Krimi-Couch über Pete Dexter

Englische Homepage zum Film

Film-Zeit über „The Paperboy“

Metacritic über „The Paperboy“

Rotten Tomatoes über „The Paperboy“

Wikipedia über Pete Dexter (deutsch, englisch) und „The Paperboy“ 


Der „Goon“ begibt sich an den „Ort, an dem das Unheil gedeiht“

Juli 10, 2013

Powell - The Goon 8 - Der Ort an dem das Unheil gedeiht

Puh, das hat aber lange gedauert. Die letzten Abenteuer von dem Goon, dem schlagkräftigen Haudrauf aus der Lonely Street, erschienen vor zwei Jahren.

Aber das Warten hat sich gelohnt. Denn der achte „The Goon“-Sammelband „Der Ort, an dem das Unheil gedeiht“ hat wieder alles, was wir an dem „Goon“ so lieben: abgedrehte Geschichten, Humor, irgendwo zwischen Schwarzem Humor und intelligenten Zoten, liebenswerte Charaktere, denen man nachts auf einer einsamen Straße nicht begegnen möchte, und Maulsperren und andere nicht normal menschliche Wesen, die im Zweifelsfall eine aufs Maul bekommen.

Dieses Mal erklären sich der Goon und sein verlässlicher Kumpel Franky bereit, Ralph, einen echten Trottel und Schwachkopf vor dem Herrn, der bei ihnen mit 200 Mäusen in der Kreide steht, zu suchen. Er wurde von einigen Frauen in eine Falle gelockt und ist jetzt irgendwo in Madame Elsa’s Burlesque verschwunden. Bei ihrem ersten Besuch entdeckt Franky auf der Bühne die Bösen Vogelweiber, die eigentlich tot sein sollten. Aber Franky ist sich sicher: „Nie könnte ich sie vergessen! Nie!! Denn sie sehen aus wie rattenscharfe Bräute, aber es sind böse Satansweiber, die einem mit ihren Möpsen vorm Gesicht rumwackeln und sich dann in Monstervögel verwandeln!“

Da hilft nur ein herzhaftes Zugreifen und Zuschlagen vom Goon. Vor allem nachdem er in einem Hinterzimmer des Amüsierschuppens die sprechende Leiche von dem Magier Drakston Entity entdeckt.

Eric Powells wunderschön gezeichneten „The Goon“-Geschichten spielen in einer Dreißiger-Jahre-Welt, die eine Kreuzung aus einem Gangster- und einem Horrorfilm, versetzt mit einer großen Portion respektlosem, schwarzen Humor, ist.

Als Bonusmaterial gibt es ein Vorwort von Horrorschriftsteller Joe Hill und Christian Endres schreibt über Eric Powells langen Weg nach Hollywood. Denn die schon lange geplante Verfilmung ist immer noch in der Entwicklungshölle.

Eric Powell: The Goon: Der Ort, an dem das Unheil gedeiht (Band 8)

(übersetzt von Frank Neubauer)

Cross Cult 2013

128 Seiten

19,80 Euro

Originalausgabe

The Goon: A Place of Heartache and Grief

Dark Horse Comics, 2009

Hinweise

Homepage von Eric Powell

Wikipedia über „The Goon“

Meine Besprechung von Eric Powells „The Goon: Meine mörderische Kindheit (Band 3)“ (The Goon: My murderous childhood [and other grievious yarns], 2004)

Meine Besprechung von Eric Powells „The Goon: Bergeweise Trümmer (Band 4)“ (The Goon: Heaps of Ruination, 2005)

Meine Besprechung von Eric Powells „The Goon: Über die schrecklichen Konsequenzen von Tugend (Band 5)“ (The Goon: Virtue and the grim consequences thereof, 2006/2010)

Meine Besprechung von Eric Powells „The Goon: Böses Blut (Band 6)“ (The Goon: Wicked Inclinations, 2007/2010)

Meine Besprechung von Eric Powells „The Goon: Chinatown und das Geheimnis des Mr. Wicker (The Goon 7)“ (The Goon: Chinatown and the mystery of Mr. Wicker, 2007)


„Before Watchmen“ stöbert im „Watchmen“-Universum

Juli 8, 2013

 

Azzarello - Before Watchmen - Rorschach - HCAzzarello - Before Watchmen - Rorschach - SC

Cooke - Before Watchmen - Minutemen - HCCooke - Before Watchmen - Minutemen - SC

In den Achtzigern schrieb Alan Moore die Comicserie „Watchmen“, die eigentlich von Anfang an ein riesiger backsteingroßes Epos war, das so gut war, dass es als erster und bislang einziger Comic den Hugo-Award (der heilige Gral der Science-Fiction-Gemeinde) erhielt und vom Time Magazine in die Liste der wichtigsten literarischen Werke des 20. Jahrhunderts aufgenommen wurde. Eine Bildergeschichte als Teil des Literaturkanons. Wow. Aber auch nachvollziehbar. Denn Alan Moore entwarf ein Paralleluniversum, das ganz klar eine Kritik an der damaligen Politik war, er spielte mit Querverweisen und Anspielungen, die sich nicht vor der „Großen Literatur“ zu verstecken brauchte und er gehörte mit zu den Autoren, die mit ihren Werken Comics als ernstzunehmende Literatur etablierten. Denn „Watchmen“ hat mit Donald Duck, Fix und Foxi und den normalen Superheldengeschichten (wir reden von den Achtzigern!) nichts gemein.

Die lange geplante Verfilmung kam 2009 in die Kinos und sie ist, zwar gut besetzt und mit atemberaubenden Bildern, gerade wegen ihrer sklavischen Werktreue gescheitert. Regisseur Zack Snyder gelingt nie ein eigenständiger Zugriff auf Moores Geschichte.

Das gelingt den jetzt auch bei uns veröffentlichten „Before Watchmen“-Comics viel besser. Bislang liegen „Rorschach“ (geschrieben von Brian Azzarello, gezeichnet von Lee Bermejo) und „Minutemen“ (von Darwyn Cooke) auf Deutsch vor und sie überzeugen als spannende Vorgeschichten zu Moores „Watchmen“, ohne den politischen Ballast, der als ätzende Zeitkritik heute doch etwas veraltet und ohne Erklärungen wahrscheinlich kaum nachvollziehbar ist.

Rorschach“ spielt 1977 vor und während des legendären Stromausfalls in New York, als die Stadt zunehmend unbewohnbarer wurde und Vigilanten wie Paul Kersey („Ein Mann sieht rot“) und „Taxi Driver“ Travis Bickle, unter den Augen einer jubelnden Bevölkerung, kaltblütig Verbrecher erschossen. Der Taxi Driver hat auch einen kurzen Auftritt in Brian Azzarellos Geschichte, in der Rorschach den „Barden“, einen Frauenmörder, jagt, der ein überraschend zäher Gegner für den Rächer mit der Maske ist.

Die spannende Vigilantengeschichte wurde von Lee Bermejo hübsch düster gezeichnet wurde und im Krimibereich ist „100 Bullets“- und „Jonny Double“-Autor Brian Azzarello eine verlässliche Noir-Größe.

Das komplette Gegenprogramm ist „Minutemen“, geschrieben und gezeichnet von Darwyn Cooke, der schon in seinen „The Spirit“-Geschichten gelungen die Vergangenheit aufleben ließ. „Minutemen“ erzählt, in poppig bunten Panels, über mehrere Jahrzehnte, die Geschichte der Minutemen, einer Gruppe von normalen Menschen, die sich ab 1939 als Superhelden verkleideten, gegen Verbrecher kämpften und den New Yorkern die nötige Hoffnung auf eine bessere Welt gaben. Auch wenn die über sie erzählten Geschichten mehr Fabeln als Reportagen waren.

In der Öffentlichkeit traten sie immer als Team auf, das sie in Wirklichkeit nie waren.

Und Darwyn Cooke kann über die Diskrepanz zwischen Realität und Wunsch und, weil er die Biographie der Minutemen anhand einer von Minutemen-Mitglied Hollis T. Mason, der ersten Nite Owl, 1962 geschriebenen Biographie über ihre gemeinsame Zeit erzählt, auch über die Bewahrung ihres Erbes nachdenken. Wie sehr soll der Mythos erhalten bleiben oder die Minutemen als ein sehr gewöhnlicher, eher chaotischer Haufen von Aufschneidern entmystifiziert werden? Ein Frage, die schon den „Mann, der Liberty Valance erschoss“ beschäftigte.

Das ist auch, wenn auch vielleicht nicht so deutlich, ein Thema von „Rorschach“ und von „Watchmen“. Insofern sind die von Brian Azzarello und Darwyn Cooke geschriebenen Geschichten gelungen Ergänzungen zu Alan Moore und Dave Gibbons‘ „Watchmen“.

Darwyn Cooke: Before Watchmen: Minutemen

(übersetzt von Peter Thannisch)

Panini, 2013

176 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe

Before Watchmen: Minutemen (Chapter One – Six)

DC Comics, August 2012 – März 2013

Brian Azzarello/Lee Bermejo: Before Watchmen: Rorschach

(übersetzt von Joachim Körber)

Panini, 2013

104 Seiten

12,95 Euro

Originalausgabe

Before Watchmen: Rorschach – Damntown (Part One – Four)

DC Comics, Oktober 2012 – April 2013

Die „Before Watchmen“-Geschichten

Rorschach (von Brain Azzarello und Lee Bermejo)

Minutemen (von Darwyn Cooke)

Comedian (von Brian Azzarello und J. G. Jones) (erscheint im Juli)

Nite Owl (von J. Michael Straczynski, Andy Kubert und Joe Kubert) (erscheint im August)

Ozymandias (von Len Wein und Joe Lee) (erscheint im September)

Silk Spectre (von Darwyn Cooke und Amanda Conner) (erscheint im Oktober)

Dr. Manhattan (von J. Michael Straczynski und Adam Hughes) (erscheint im November)

Crimson Corsair (von Len Wein und John Higgins) (erscheint im Dezember)

Hinweise

DC über „Before Watchmen“

Panini über „Before Watchmen“

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “Jonny Double” (Jonny Double, 2002)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Marcello Frusins “Loveless 1 – Blutrache” (Loveless: A Kin’ of Homecoming, 2006)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Marcello Frusins „Loveless 2 – Begraben in Blackwater“ (Loveless: Thicker than Blackwater, 2007)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Danijel Zezeljs „Loveless 3 – Saat der Vergeltung” (Loveless: Blackwater Falls, 2008)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Danijel Zezeljs “Loveless 4 – Stunde der Abrechnung” (Loveless, Vol. 19 – 24, 2008)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “100 Bullets 3 – Alle guten Dinge” (100 Bullets: Hang up on the Hang Low, 2001)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „100 Bullets 5 – Du sollst nicht töten“ (100 Bullets Vol. 5: The Counterfifth Detective, 2002)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „100 Bullets – Dekadent (Band 10)“ (100 Bullets: Decayed, Volume 68 – 75)

Meine Besprechung von Brian Azzarellos/Eduardo Rissos „!00 Bullets: Das Einmaleins der Macht (Band 11)“ (100 Bullets: Once upon a crime, Volume 76 – 83)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „100 Bullets: Das dreckige Dutzend (Band 12)“ (100 Bullets: Dirty, Volume 84 – 88)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “100 Bullets: Freitag (Band 13) (100 Bullets: Wilt, Volume 89 – 100)

Meine Besprechung von Brian Azzarello (Autor)/Eduardo Risso (Zeichner): Batman – Kaputte Stadt, 2012 (Broken City: Part 1 – 5, Conclusio (Batman # 620 – 625), Dezember 2003 – Mai 2004)

Meine Besprechung von Brian Azzarellos „Wonder Woman: Blut (Band 1)“ (Wonder Woman #1 – 6, 2011/2012)

Blog von Darwyn Cooke

Meine Besprechung von Darwyn Cooke/J. Bone/Dave Stewarts “Will Eisner’s The Spirit – 1” (The Spirit, No. 1 – 6, 2007)

Meine Besprechung von Darwyn Cooke/Walter Simonson/Jimmy Palmiottis “Will Eisner’s The Spirit – 2” (The Spirit, No. 7 – 12, 2007/2008)

Meine Besprechung von Darwyn Cookes Richard-Stark-Comic „Parker“ (Richard Stark’s Parker – The Hunter, 2009)


„Du sollst den Wähler für dumm verkaufen“ – Ehrlich?

Juli 1, 2013

Goettges - Häusler - Du sollst den Wähler für dumm verkaufen - 2

Erinnern Sie sich an den Film, den Sie zuletzt wegen des vielversprechenden Plakats ansahen?

Erinnern Sie sich an den Film, den Sie zuletzt wegen des grandiosen Trailers ansahen – und dann enttäuscht waren, weil all die atemberaubenden Szenen aus dem Trailer im Film gar nicht mehr so atemberaubend waren?

Nun, so ähnlich erging es mir mit „Du sollst den Wähler für dumm verkaufen – Die 10 ungeschriebenen Gebote der Politik“ von Ulf C. Goettges und Martin Häusler. Guter Titel, der nach einer ordentlichen Portion Politiker-Bashing klingt.

Auch die „10 ungeschriebenen Gebote der Politik“ stoßen in das gleiche Horn:

  1. Du sollst deine Macht verteidigen – der Parteifreund ist dein bester Feind

  2. Du sollst dir einen Clan suchen – ohne Seilschaft stürzt du ab!

  3. Du sollst nichts können – Minister kann jeder

  4. Du sollst hilfsbereit sein – wer sagt schon gern ‚korrupt‘?

  5. Du sollst Schauspieler sein – allein als Politiker packst du es nicht

  6. Du sollst Journalisten zensieren – Pressefreiheit ist gefährlich

  7. Du sollst nicht denken – die Partei regelt dein Leben schon

  8. Du sollst Steuern verschwenden – es ist ja nicht dein Geld

  9. Du sollst dich dumm stellen – der U-Ausschuss ist nur Theater

  10. Du sollst die Verfassung nicht so ernst nehmen – benutze sie, wie du sie brauchst

Na, das klingt doch nach einer ordentlichen Generalabrechnung mit den Idioten aus dem Bundestag. Aber dann singen das Autorenduo fast schon unverhohlen das Loblied auf den tapferen Abgeordneten, erzählen von den Arbeitsbelastungen eines Politikers, den Anfeindungen, wie der parlamentarische Betrieb funktioniert, wie wichtig Ausschüsse sind, welche Fähigkeiten man für ein Ministeramt benötigt und auch dem Desinteresse des Wählers. So bietet der CDU-Bundestagsabgeordnete Jürgen Hardt in seinem Wahlkreis in Solingen einen Diskussionsabend zur damals heftig umstrittenen Griechenlandhilfe an und niemand kommt. So wird in den TV-Talkshows, wie „Günther Jauch“, „Anne Will“ und all den anderen Nachfolgern von „Sabine Christiansen“ durch die Inszenierung das Desinteresse an der Politik befördert. Dummerweise sind, auch durch die Sendezeiten und Ausstrahlungsorte, die Einschaltquoten bei diesen Inszenierungen besser als bei den gehaltvolleren Gesprächen, die zum Beispiel auf Phoenix (haben Sie den Sender schon auf ihrer Fernbedienung entdeckt?) laufen.

Dass das Buch von Ulf C. Goettges und Martin Häusler so differenziert wurde, liegt sicher auch an den zahlreichen von ihnen geführten Interviews, aus denen sie ausführlich zitieren. Auch wenn Gregor Gysi (Linkspartei) und Wolfgang Bosbach (CDU) öfter zitiert werden, haben sie sich mit Politikern aus allen Parteien, gefühlt mit einem leichten Grünen-Bias (viele Gesprächspartner, die aber oft nur ein-, zweimal vorkommen), wenigen FDPlern und Sozialdemokraten, teils aktiv, teils mehr oder weniger freiwillig aus der Politik ausgeschieden, fast immer Bundespolitiker, unterhalten. Dazu kamen noch Vertreter von Nichtregierungsorganisationen, wie Lobbycontrol und dem Bund der Steuerzahler, und die Wissenschaftler Karl-Rudolf Korte und Arnulf Baring, die man als Allzweckwaffen ja aus diversen TV-Auftritten kennt.

Auch sind viele der Gebote und die von Goettges und Häusler gewählten Beispiele für sich selbst bedienende und die Wähler für dumm verkaufende Politiker auf andere Berufe übertragbar; wobei – und das sagen sie auch – man als Politiker bestimmte Fähigkeiten braucht, die man als Unternehmer nicht benötigt: Verhandlungsgeschick (mit vielen mehr oder weniger gleichberechtigten Akteuren. Denn eine Fraktion ist eine Ansammlung von Profilneurotikern.), Einsatzbereitschaft (auch und vor allem Abends und an Wochenenden) und Leidensfähigkeit. Immerhin müssen Politiker sich von anderen Parlamentariern und den Wählern beleidigen lassen, ohne danach gleich eine Anzeige wegen Beleidigung oder übler Nachrede zu stellen. Sie können, wenn sie ein Amt haben, jederzeit, teils aus nichtigen und sachfremden Gründen, entlassen werden. Und eine Wiederwahl ist nicht wirklich garantiert. Da ist dann die Entlohnung gar nicht mehr so hoch, wie es zunächst scheint.

Das macht dann „Du sollst den Wähler für dumm verkaufen“ als aufklärerische Form des Etikettenschwindels richtig sympathisch.

Allerdings bleibt „Du sollst den Wähler für dumm verkaufen“ im anekdotischen Stecken. Denn es fehlt ein theoretischer Rahmen, der eben die „Gebote“ in eine größere Perspektive einordnet und auch zeigt, wo die neue Qualität (sofern es sie gibt) ist. Colin Crouchs Theorie der „Postdemokratie“ wäre ein möglicher Startpunkt, der dann auch das System Parlament und Parlamentspolitik in einem größeren Kontext verorten würde. So stehen die von Goettges und Häusler formulierten Gebote, obwohl sie sich auf aktuelle Beispiele konzentrieren, als mehr oder weniger ewig gültige Spielregeln der Politik etwas abgehoben im politischen Raum, der nach Ansicht der beiden Autoren höheren moralischen Maßstäben folgen sollte, weil Politiker Vorbilder für die restliche Gesellschaft seien. Darüber könnte treffend diskutiert werden und gerade der derzeitige Trend, dass Politiker sagen, dass sie gegen keine Gesetze verstoßen hätten, hätte auch Goettges und Häusler die Möglichkeit eröffnet, genauer über die Grenze von Legalität und Legimität zu reflektieren. Denn, im Kapitel über Korruption wird es ja explizit angesprochen, nicht alles, was legal ist, ist auch legitim. Aber das ist ein anderes Buch.

Ulf C. Goettges/Martin Häusler: Du sollst den Wähler für dumm verkaufen – Die 10 ungeschriebenen Gebote der Politik

Bastei-Lübbe 2013

240 Seiten

9,99 Euro

Hinweise

Homepage zum Buch

Homepage von Ulf C. Goettges und Martin Häusler

Homepage von Martin Häusler


Kurzkritik: die Comicversion von Jerome Charyns „Marilyn the Wild“

Juni 24, 2013

Charyn - Rebena - Marilyn the WildCharyn - Das Isaac-Quartett

Als ich vor vielen Jahren „Marilyn the Wild“, den zweiten Isaac-Sidel-Roman von Jerome Charyn, gelesen habe, fand ich die Geschichte eher chaotisch und kryptisch als wirklich befriedigend oder auch spannend. Dabei wusste ich nicht, ob dieses Chaos eine bewusste Entscheidung des Autors war, weil er eine chaotische, irrationale, vom Zufall bestimmte Welt in seinem Roman reflektieren wollte oder mir einfach viele Informationen aus seinem ersten Isaac-Sidel-Roman „Blue Eyes“ fehlten und ich die Dummheit begangen hatte, einfach Mitten in eine Geschichte einzusteigen.

Jetzt, mit der Graphic Novel „Marilyn the Wild“, gezeichnet von Frederic Rebena nach einem Szenario von Jerome Charyn, konnte ich mein damaliges Urteil überprüfen – und kann es teilweise revidieren. Denn auch in dem Comic gibt es eigentlich keine wirklich nacherzählbare Geschichte, sondern nur Schlaglichter aus dem Leben von Deputy Chief Isaac Sidel, dem Herrscher der Lower East Side, der sich mit seiner liebestollen Tochter Marilyn, die im Moment eine von ihm abgelehnte Affäre mit seinem Untergebenen Manfred „Blue Eyes“ Coen hat, Kleingangstern und rivalisierenden Gangs in einem gewalttätig-chaotischem Stadtteil in einer korrupten Gesellschaft auseinandersetzen muss. Und alle Charaktere sind in verschiedenen Schattierungen Arschlöcher.

Als Vision einer Gesellschaft hat das was. Als Comic ist das auch gelungen. Als Roman – nun, da müsste ich mich vielleicht mal einige Stunde mit dem Sammelband „Das Isaac-Quartett“, der die vier ersten Sidel-Romane enthält, auf die Couch legen. Charyn schrieb nach einer zwölfjährigen Pause in den Neunzigern sechs weitere Sidel-Romane und, wieder nach einer, diesmal über zwölfjährigen Pause 2012 „Under the Eye of God“ einen weiteren Sidel-Roman, der im September bei Diaphanes als „Unter dem Auge Gottes“ angekündigt ist.

Auch ja, und dieses Chaos ist von Charyn gewollt, wie er im Vorwort zu „Das Isaac-Quartett“ schreibt: „Meine Texte waren unausgegoren und geheimniskrämerisch wie eine Schlange. (…) Für mich bestehen die vier Bücher aus einem gewaltigen Durcheinander von Vätern und Söhnen.“

Oder in den Worten von Tobias Gohlis in seinem Nachwort zu „Das Isaac-Quartett“: „Charyns Zyklus ist kein Entwicklungsroman. Sidel bleibt immer derselbe Straßenjunge aus der Bronx. In beinahe jedem Roman durchleidet er das gleiche Schicksal: Er verwickelt sich in einen (meist privaten) wahnhaften Feldzug, stürzt, wird erniedrigt und taucht unter, um am Ende umso strahlender rehabilitiert zu werden – doch ist er einsamer denn je.“

Kein Wunder, dass ich mich damals etwas verloren fühlte.

Jerome Charyn (Szenario)/Frederic Rebena (Zeichnungen): Marilyn the Wild

(übersetzt von Resel Rebiersch)

Schreiber & Leser, 2013

80 Seiten

18,80 Euro

Originalausgabe

Marilyn la dingue

Editions Denoel, 2009

Die Vorlage

Jerome Charyn: Das Isaac-Quartett

Rotbuch, 2010

16,95 Euro

(nur noch antiquarisch erhältlich)

enthält

Blue Eyes, 1974 (Ping Pong Päng; Blue Eyes)

Marilyn the Wild, 1976 (Die wilde Marilyn; Marilyn the Wild)

The Education of Patrick Silver, 1976 (Die Erziehung des Patrick Silver; Patrick Silver)

Secret Isaac, 1978 (Secret Isaac)

Hinweise

Homepage von Jerome Charyn

Krimi-Couch über Jerome Charyn

Wikipedia über Jerome Charyn (deutsch, englisch)

Jerome Charyn in der Kriminalakte


„Die langbeinige Fliege“ ist jetzt „Stiller Zorn“

Juni 22, 2013

Sallis - Stiller Zorn

Langjährige James-Sallis-Leser können sich beruhigt zurücklehnen. „Stiller Zorn“ ist kein neuer Roman von James Sallis. Es ist auch keine neue Übersetzung eines älteren Romans von ihm, sondern eine Neuveröffentlichung von „Die langbeinige Fliege“, dem ersten Roman mit Privatdetektiv Lew Griffin, der 1999 in der kurzlebigen DuMont-Noir-Reihe erschien und bei einigen Menschen ein wahres James-Sallis-Fantum auslöste. 2000 erschien „Nachtfalter“, der zweite Lew-Griffin-Roman, der im Februar 2014 neu aufgelegt wird. Die vier weiteren Griffin-Romane wurden nicht übersetzt. Aber vielleicht, – immerhin stirbt die Hoffnung zuletzt -, bedeutet die Neuauflage, dass das jetzt geschieht und wir auf Deutsch alle Abenteuer des afroamerikanischen, zynischen Privatdetektiv Lew Griffin lesen. Er ist auch ein Professor, Poet, Autor, Blues-Liebhaber und Alkoholiker (irgendwann auch abstinent), der oft vermisste Personen im Vergnügungsviertel French Quarter sucht.

In „Stiller Zorn“ sucht er vier Mal nach vermissten Personen. 1964 sucht er die bekannte Schwarzenführerin Corene Davis, 1970 die sechzehnjährige Ausreiserin Cordelia Clayson, 1984 Cherie, die Schwester von Jimmi Smith, einem pädophilen Ex-Lehrer, und 1990 seinen Sohn David, den er selten sieht und der irgendwo in Europa verschwunden ist.

Aber wichtiger als die Fälle ist für James Sallis der Charakter Lew Griffin und die Stadt New Orleans, lange vor den Verwüstungen des Hurrikans Katrina.

Das ist, wie immer bei James Sallis, der auch Dichter und Musiker ist, poetisch geschrieben, erinnert von seiner Konstruktion und Erzählweise eher an ein Musikstück mit musikalischen Verweisen, Call-and-Response-Strukturen und refrainartig wiederauftauchenden Themen, als an einen traditionellen Privatdetektivroman, in dem der Detektiv zielstrebig den Fall aufklärt.

Wie sagt man so schön: Lesebefehl!

James Sallis: Stiller Zorn

(übersetzt von Georg Schmidt)

DuMont, 2013

192 Seiten

8,99 Euro

Sallis - Die langbeinige Fliege - 2

Deutsche Erstausgabe

Die langbeinige Fliege

DuMont, 1999

Originalausgabe

The Long-Legged Fly

Avon Books, 1992

Die Lew-Griffin-Romane

Stiller Zorn/Die langbeinige Fliege (The Long-Legged Fly, 1992)

Nachtfalter (Moth, 1993)

Black Hornet (1994)

Eye of the Cricket (1997)

Blue Bottle (1998)

Ghost of a Flea (2001)

Hinweise

Homepage von James Sallis

Eindrücke vom Berlin-Besuch von James Sallis

Meine ‘Besprechung’ von James Sallis’ „Deine Augen hat der Tod“ (Death will have your eyes, 1997)

Meine Besprechung von James Sallis’ „Driver“ (Drive, 2005)

Meine Besprechung von James Sallis’ „Dunkle Schuld“ (Cypress Groove, 2003)

Meine Besprechung von James Sallis’ „Dunkle Vergangenheit“ (Cripple Creek, 2006)

Meine Besprechung von James Sallis’ “Dunkles Verhängnis” (Salt River, 2007)

Meine Besprechung von James Sallis’ “Der Killer stirbt” (The Killer is dying, 2011)

Meine Besprechung von James Sallis‘ „Driver 2“ (Driven, 2012)

Meine Besprechung der James-Sallis-Verfilmung “Drive” (Drive, USA 2011)

James Sallis in der Kriminalakte (natürlich mit vielen weiterführenden Links und Videos)

Thrilling Detective über Lew Griffin


Kurzkritik: Guido Rohm: Untat

Juni 19, 2013

Rohm - Untat - 2

Zwei Journalisten wollen einen Kidnapper bei der Arbeit beobachten und eine Reportage darüber schreiben. Aber, wie wir spätestens seit „Mann beißt Hund“ wissen, ist die teilnehmende Beobachtung eines Verbrechers gar nicht so einfach. Zuerst muss natürlich ein Verbrecher gefunden werden, der sich bei seinen Verbrechen beobachten und einen Bericht darüber schreiben lässt. Dann muss man als Journalist natürlich die professionelle Distanz wahren – und damit haben die beiden Journalisten in Guido Rohms Noir „Untat“ ihre Probleme. Denn schnell lassen sie sich auf den Lebensstil von Oscar, so nennt sich der Entführer, ein. Sie trinken – entgegen ihren Gewohnheiten – Bier, essen Junkfood, rauchen, sehen sich Pornos und dumme Actionfilme an und, was allerdings an den mangelnden sanitären Anlagen in ihrem Versteck, einem einsam gelegenen Bauernhof, liegt, waschen sich nicht mehr.

Aber bald bemerkt man, dass der Ich-Erzähler immer „wir“ sagt, aber niemals seinen Partner zu Wort kommen lässt oder seinen Namen verrät und wir fragen uns, ob dieser Partner überhaupt existiert. Auch weil der Erzähler immer weniger Fantasien, Filmrealität und Realität voneinander unterscheiden kann.

Und so wird aus einem kleinen Roman von 130 Seiten über eine Kindesentführung schnell eine Reflektion über Realität und Fantasie – und wie das eine das andere beeinflusst.

Guido Rohm erzählt diese irgendwo in Deutschland spielende Geschichte flott, mit viel schwarzem Humor und einem bitterbösem Ende, das „Untat“ zu einem wirklich gelungenem Noir aus Deutschland macht.

Ein Wort noch zum Cover: Auf den ersten Blick hielt ich es für ein harmlos-austauschbares Verlegenheitscover. Aber nach der Lektüre muss ich sagen, dass es – versteckt – einige Hinweise auf die Handlung gibt und es, ebenso wie die ersten Seiten, herrlich bieder einlullt. Chapeau!

Guido Rohm: Untat

Conte, 2013

140 Seiten

10,90 Euro

Hinweise

Homepage von Guido Rohm

Lexikon der deutschen Krimiautoren über Guido Rohm

 

Wikipedia über Guido Rohm 

Krimikulturarchiv interviewt Guido Rohm (Januar 2013)


Verfilmte Bücher: Aus „Operation Zombie“ wird „World War Z“

Juni 17, 2013

 

Brooks - Operation Zombie - 2Brooks - World War Z - Operation Zombie Movie Tie-In - 2

Nach dem großen Zombiekrieg, auch bekannt als „Die Krise“, „Die dunklen Jahre“, Die wandelnde Pest“, „Z-Weltkrieg“ und „Erster Z-Weltkrieg“, machte Max Brooks, für den der Krieg einfach immer der „Zombie-Krieg“ bleiben wird, sich im Auftrag der Vereinten Nationen auf den Weg. Wie Studs Terkel, der für sein mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnetes Buch „Der gute Krieg: Amerika im Zweiten Weltkrieg – Zeitzeugen sprechen“ (The Good War, 1984) Teilnehmer des zweiten Weltkriegs interviewte und deren Aussagen unkommentiert publizierte, unterhielt Max Brooks sich für sein Oral-History-Buch mit Menschen, die während des Zombiekriegs gegen die Zombies kämpften. Dafür reiste er um die Welt und es entstand ein vielschichtiges Panorama des Krieges von seinen Anfängen, die wahrscheinlich in China waren, über seine weltweite Ausbreitung mit Millionen Toten, bis zu seinem Ende.

Das ist für ein Sachbuch flott zu lesen, wurde ein Bestseller und Hollywood kaufte noch vor der Publikation die Rechte an diesem eigentlich unverfilmbarem Buch. Denn es hat keinen Helden, keine Geschichte, sondern viele Geschichten von Menschen, die meistens nur einen kleinen Ausschnitt des Kampfes mitbekamen. Es sind vor allem Geschichten von kleinen Leuten, wie einer Pilotin, die sich nach einem Absturz durch die USA kämpfte, Astronauten, die die Kommunikation aufrecht erhielten, Familien, die ihr Hab und Gut auf der Flucht nach Kanada oder auf das Meer zurücklassen mussten und Geheimdienstler und Soldaten, die an verschiedenen Fronten kämpften. Die großen Forscher, Wissenschaftler und Staatsoberhäupter wurden von Max Brooks nicht befragt. Denn ihre Geschichten kennen wir ja. Insofern erzählt Brooks die eher unbekannte Seite des Zombie-Krieges, in der er nicht auf den Ursprung der Zombie-Plage eingeht und die Zombies sich, wie es schon George Romero in seinem Film „Die Nacht der lebenden Toten“ (Night of the Living Dead) zeigte, langsam vorwärtsbewegen, nur noch von der Gier nach Menschenfleisch angetrieben werden, blind einem Geräusch oder einem anderen Zombie folgen, und nur durch einen Kopfschuss (oder halt einer anderen Methode, die endgültig den Kopf vom Restkörper entfernt) besiegbar sind.

Operation Zombie“, oder „World War Z“, wie Max Brooks‘ Buch jetzt wegen der Verfilmung auch in Deutschland heißt, ruft diesen Kampf, und was er für die kleinen Leute bedeutete, wieder zurück in unser Gedächtnis.

Die Verfilmung ist natürlich wieder einmal die typische Hollywood-Heldengeschichte, die das Buch nur als Inspiration für eine ziemlich erfundene Geschichte nimmt. Denn im Buch reist kein Gerry Lane um die halbe Welt und sucht ein Heilmittel gegen die Zombies. Trotzdem macht die Verfilmung, die am 27. Juni startet, Spaß.

Max Brooks: World War Z

(übersetzt von Joachim Körber)

Goldmann, 2013

448 Seiten

8,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Operation Zombie – Wer länger lebt, ist später tot

Goldmann, 2007

Originalausgabe

World War Z – An Oral History of the Zombie War

Crown Publishers, New York 2006

Verfilmung

World War Z (World War Z, USA 2013)

Regie: Marc Forster

Drehbuch: Matthew Michael Carnahan, Drew Goddard, Damon Lindelof, (nach einer Geschichte von Matthew Michael Carnahan und J. Michael Straczynski)

mit Brad Pitt, Mireille Enos, James Badge Dale, Daniella Kertesz, Matthew Fox, David Morse (als – kleiner Gag – Burt Reynolds), Fana Mokoena, Abigail Hargrove, Sterling Jerins, Ludi Boeken, Fabrizio Zacharee Guido, Moritz Bleibtreu, Ruth Negga

Länge: 116 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Kinostart: 27. Juni 2013

Zum Filmstart gibt es dann die Filmkritik.

Hinweise

Homepage von Max Brooks

Zombieseite von Max Brooks

Wikipedia über „World War Z“ und Max Brooks (deutsch, englisch)

Deutsche Homepage zum Film

Und hier das ganze Gespräch von Dennis Miller (Mansfield University Public Relations Director) mit Max Brooks, aus dem der obige Ausschnitt zur Verfilmung ist