Beginnen wir mit dem Positiven: der zweite Roman „Mord allein macht auch nicht glücklich“ von Maximo Duncker liest sich flott weg. Wieder ist der schnöselige Ex-Journalist Kai van Harm der Irgendwie-Protagonist und wieder ist Bruno Zabel dabei. Zabel ist ein Ex-NVA-Soldat, der jetzt in dem Dörfchen Altwassmuth von Hartz IV lebt, ordentlich trinkt, nie sein Dorf verlassen will und sich verdammt gut mit Computern auskennt. Das liest sich jetzt so ausgedacht, dass im Brandenburgischen bestimmt tausender solcher Typen leben. Als aktiver Teil des „Provinzkrimis“, der hauptsächlich (gut zweihundert von zweihundertachtzig Seiten) in Berlin spielt, ist Bruno dann auch die treibende Kraft der Aufklärung. Er wird von Kai van Harm, der die Erlebnisse in Altwassmuth zu einem Roman verarbeitete (siehe, wem’s gefällt, „Wer hier stirbt, ist wirklich tot“), zu einer Lesung inclusive einwöchigem Berlin-Aufenthalt in einem Hotel eingeladen. In dem Hotel wird ein Anschlag auf Bruno verübt: ein falscher Elvis sticht ihm ins Bein. Kurz darauf wird van Harms Wohnung mit einem Elvis-Presley-Songzitat verschönert und ein Stein in die Wohnung von van Harms Ex-Frau geworfen. Bruno ruft seine Ex-NVA-Freunde an. Sie rüsten van Harms Wohnung in eine Gefechtszentrale, inclusive Feldbett, Computern und Kaffeemaschine, um.
Dennoch kommen sie in Berlin nicht voran. Erst als van Harm zu einer Lesung in der Kulturscheune Wiepershof, Landkreis Teltow-Fläming, eingeladen wird, kommt es quasi zu einer Selbstenttarnung des Täters und in einem nachgeschobenem dreiseitigem „offenem Brief“ enthüllt van Harm die Identität des Täters und sein Gaga-Motiv.
Aber Duncker geht es in seinem Werk auch nicht um den Krimiplot, den er in höchstens homöopathischen Dosen eher lustlos einflechtet und der auch komplett unlogisch ist, sondern einfach nur um das spannungslose vor sich hin plappern. Denn skurril, witzig oder auch nur irgendwie pointiert ist nichts in „Mord allein macht auch nicht glücklich“.
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Maximo Duncker: Mord allein macht auch nicht glücklich
Der dritte Versuch der Erben von Ian Fleming James Bond als Romancharakter in das neue Jahrhundert zu bringen schließt sich nahtlos an die beiden vorherigen Romane an. William Faulks, ein Romanautor, knüpfte an Ian Flemings Romane an und ließ in „Der Tod ist nur der Anfang“ James Bond in den Sechzigern ein Abenteuer erleben. Letztendlich scheiterte der Versuch.
Jeffery Deaver, ein für seine Plot-Twists bekannter Thriller-Autor, dessen Romane eigentlich Rätselkrimis sind, versetzte James Bond in die Gegenwart und lieferte mit „Carte Blanche“ einen ordentlichen Thriller ab, der aber als Deaver-Werk enttäuschte, weil er die ganze Zeit mit dem globalen Fokus und dem Milieu fremdelte. Seine derzeit laufenden Serien mit Lincoln Rhyme und Kathryn Dance spielen ja in den USA, normalerweise innerhalb eines Bundesstaates oder einer Stadt. Außerdem hatte sein James Bond auch nicht den Glamour eines Jet-settenden Lebemanns mit der Lizenz zum Töten, sondern das Charisma einer effizienten Tötungsmaschine, eines Spezialagenten, der hinter den Kulissen die Schmutzarbeit erledigt. Das war mehr Jack Bauer als James Bond.
Der 1952 in Ghana geborene William Boyd ist wieder ein Romanautor. Oft spielen seine Romane in Afrika, behandeln die Kolonisation und deren Auswirkungen, die er teilweise auch selbst erlebte, gehen auch immer wieder in Richtung Polit-Thriller und handeln von falschen Identitäten. Er erhielt, teilweise mehrmals, zahlreiche renommierte Preise, wie den Somerset Maugham Award, den Mail on Sunday/John Llewellyn Rhys Prize, den McVitie’s Prize for Scottish Writer of the Year, den Sunday Express Book of the Year Award, den Los Angeles Times Book Prize und den International IMPAC Dublin Literary Award, und seit 2005 ist er Commander of the British Empire. Für die mehr als durchwachsene Verfilmung seines Romans „A good Man in Africa“ (mit Sean Connery) schrieb er das Drehbuch.
Auch sein James-Bond-Roman „Solo“ spielt in Afrika. Jedenfalls ein guter Teil der ersten Romanhälfte, in der James Bond 1969 in den Fantasiestaat Zanzarim geschickt wird. In ihm wird gerade zwischen zwei verfeindeten Stämmen ein veritabler Bürgerkrieg um die jüngst entdeckten, riesigen Ölreserven ausgefochten. Bond soll den einen Anführer umbringen und den Krieg beenden. Warum, also welche spezifischen Interessen das Empire daran hat, außer dass Zanzarim eine ehemalige Kolonie ist (was realpolitisch betrachtet kein Grund ist), bekommt er nicht gesagt. Wir können es uns trotzdem denken und sind am Ende dann doch etwas überrascht, dass genau das der profane Grund war.
Aber bis dahin müssen viele Seiten umgeblättert werden, Bond wird ungefähr in der Buchmitte schwer verletzt, fliegt dann während seines Erholungsurlaubs unter falschem Namen nach Washington, D. C., enttarnt einen Drogenschmugglerring und reimt sich in einem langen Gespräch mit seinem Freund Felix Leiter, inzwischen Ex-CIA, die Hintergründe für seinen Auftrag zusammen.
Bis dahin liest sich „Solo“ wie die misslungene Parodie eines schundigen Agententhrillers. Denn die Handlung stolpert unlogisch vor sich hin, sogar die Handlungen des Helden als Mann ohne Eigenschaften sind kaum motiviert. Er will sich rächen, weil er angeschossen wurde? Come on, das ist Berufsrisiko.
Das größte Problem des Romans ist allerdings der fehlende Bond-Gegner. Es muss ja kein Hugo Drax sein, der London mit Atomraketen zerstören will („Moonraker“), kein Goldfinger, der Fort Knox ausrauben will oder ein Blofeld, der in mehreren Bond-Romanen fiese Pläne gegen Großbritannien schmiedete. Es könnte auch eine Nummer kleiner sein, aber in „Solo“ gibt es überhaupt keinen auch nur halbwegs ernstzunehmenden Antagonisten für James Bond. Letztendlich gibt es höchstens einen austauschbaren, sadistischen Söldner, der mit viel gutem Willen als Bond-Gegenspieler betrachtet werden kann. Aber in jedem anderen Bond-Roman würde er zum Fußvolk gehören. Sogar der Profikiller Sacramanga in Ian Flemings posthum erschienenem „Der Mann mit dem goldenen Colt“ hatte mehr Charisma.
Auch der arg rudimentär gezeichnete politische Hintergrund enttäuscht. Sowieso ist dieser 1969, während der Flower-Power-Bewegung spielende Roman, seltsam apolitisch und zeitlos geraten. Er könnte, mit minimalen Änderungen, genausogut Jahrzehnte früher oder in der Gegenwart spielen.
Nach drei mehr oder weniger veritablen Fehlschlägen – jedenfalls als James-Bond-Agententhriller – und nachdem der Film-James-Bond mit Daniel Craig eine ziemlich umfassende Back-to-Basics-Fit-für-die-Zukunft-Entwicklung hinter sich hat, die vom Publikum und der Kritik euphorisch aufgenommen wurde, sollten die Fleming-Erben sich für die kommenden Bond-Romane eine längerfristige Strategie überlegen. Große Namen und literarische Autoren sind es nicht. Aber ein talentierter Thriller-Autor, der längerfristig Bond-Romane schreiben möchte, wäre eine Möglichkeit. In den USA gelingt das ja, indem Krimi-Autoren Bücher zu TV-Serien schreiben, die im Stil der Serie sind (z. B. die Bücher zu „Monk“, „Burn Notice“ und zum „CSI“-Franchise), oder indem sie Romanserien fortführen. Vor allem James Patterson, aber auch Robert Ludlum und Tom Clancy, haben da ja ein entsprechendes Imperium aufgebaut. Auch Robert B. Parkers Privatdetektiv Spenser darf, geschrieben von Ace Atkins, weiterleben und Max Allan Collins vollendet, ebenfalls höchst erfolgreich, Manuskripte von Mickey Spillane. Etliche mit Privatdetektiv Mike Hammer.
Eine solche Strategie würde auch an die James-Bond-Vergangenheit anknüpfen. Denn John Gardner und Raymond Benson schrieben in den achtziger und neunziger Jahren bis zum 2002er-“Roman zum Film“ „Stirb an einem anderen Tag“ zahlreiche James-Bond-Romane, die derzeit nur noch antiquarisch erhältlich sind, während Cross Cult die James-Bond-Romane von Ian Fleming in neuen, ungekürzten Übersetzungen veröffentlicht.
Und jetzt einige Worte zur Vorlage: In „Höllentage auf See“ erzählt Captain Richard Phillips seine Version der Entführung. Wir erfahren auch viel über ihn, – seine wilden Jugendjahre, wie er seine spätere Frau Andrea kennenlernte, die Ausbildung bei der Massachussetts Maritime Academy und seine Jahre auf See -, und wie Andrea sich während der Entführung fühlte. Das lässt sich, obwohl nicht besonders elegant geschrieben, flott runterlesen, hat aber – wie eigentlich alle Erlebnisberichte – den Nachteil, dass halt nur die Version des Ich-Erzählers erzählt wird, während ein Reporter auch andere Sichtweisen und Beurteilungen heranziehen würde. Wir erfahren daher fast nichts über die Hintergründe der Piraterie, die Entführer, die US-amerikanische Rettungsaktion und was sich nach der Rettung von Richard Phillips veränderte.
Insofern vermittelt der Film ein reichhaltigeres und detaillierteres Bild der Entführung.
Captain Phillips (Captain Phillips, USA 2013)
Regie: Paul Greengrass
Drehbuch: Billy Ray
Vorlage: Captain Richard Phillips/Stephan Talty: A Captain’s Duty: Somali Pirates, Navy SEALS, and Dangerous Days at Sea, 2010 (Höllentage auf See – In den Händen von somalischen Piraten – gerettet von Navy Seals)
mit Tom Hanks, Catherine Keener, Barkhad Abdi, Barkhad Abdirahman, Faysal Ahmed, Mahat M. Ali, Michael Chernus, David Warshofsky, Corey Johnson, Max Martini
Länge: 134 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Die Vorlage
Captain Richard Phillips (mit Stephan Talty): Höllentage auf See – In den Händen von somalischen Piraten – gerettet von Navy Seals
Heyne, 2013
336 Seiten
14,99 Euro
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Originalausgabe
A Captain’s Duty – Somali Pirates, Navy SEALs, and Dangerous Days at Sea
Während in der TV-Serie „The Walking Dead“ Rick Grimes und seine Gefährten noch im Gefängnis sitzen und sich mit dem Gouverneur, einem despotischen Stadtoberhaupt, herumschlagen, ist die von Robert Kirkman erfundene und geschriebene Comicserie unaufhaltsam fortgeschritten. In ihr mussten Grimes und seine Gefährten (die sich teilweise von den TV-Charakteren unterscheiden, weshalb die TV-Serie und die ihr zugrunde liegende Comicserie in einem sehr interessanten Spannungsverhältnis stehen) schon vor langer Zeit das Gefängnis, das für sie die erste, für eine längere Zeit sichere Zuflucht vor den umherstreunenden Zombies war, verlassen.
Inzwischen sind sie in Alexandria, einer fast typischen US-amerikanischen Vorstadt, angekommen und fühlen sich dort auch sehr wohl. Rick beginnt sogar wieder Pläne für die Zukunft zu machen. Er will nicht mehr nur an das Überleben, sondern an den Aufbau einer Zivilisation denken. Dass sie dann ein Angebot von einer anderen, auf einer Anhöhe liegenden Siedlung bekommen, miteinander Handel zu treiben, stimmt sie noch optimistischer.
Es gibt nur einen Wermutstropfen: Negan. Er ist der Anführer der Erlöser, einer irgendwie religiös erleuchteten Verbrecherbande, die die gesamte Gegend terrorisiert. Er ist sogar so schlimm, dass Rick am Ende des siebzehnten „The Walking Dead“-Bandes „Fürchte dich nicht“ sagte, sie müssten sich den Forderungen von Negan beugen.
In „Grenzen“ tun sie es. Negan und seine Männer bedienen sich großzügig an den in Alexandria gelagerten Vorräten. Die Bewohner fügen sich notgedrungen und mürrisch. Sie wissen aber nicht, dass Rick bereits sein Vorgehen gegen Negan plant und den Einzelkämpfer ‚Jesus‘ Monroe als Kundschafter losgeschickt hat.
Aber dann versteckt Ricks Sohn Carl sich in einem von Negans Lastern und erschießt in Negans Lager, bevor er geschnappt wird, mehrere von Negans Männern.
Inzwischen, immerhin ist „The Walking Dead“ so erfolgreich, dass kein Ende absehbar ist, legt Robert Kirkman ein durchaus gemächliches Erzähltempo vor. Denn auch „Grenzen“ widmet sich immer noch dem Set-Up für den Kampf von Rick Grimes gegen Negan, über den wir immer noch ziemlich wenig wissen. Außer dass er Lucille, einen stacheldrahtumwickelten Baseballschläger als Waffe benutzt, eine Lederjacke trägt, eine große Armee an ihm treu ergebenen Überlebenden befehligt und er schlau ist.
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Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburn: The Walking Dead: Grenzen (Band 18)
Für alle, die die die letzten Jahre weltweit grassierende Stieg-Larsson-Manie, inclusive zwei Verfilmungen von seinem Debütroman „Verblendung“, ignorieren konnten, gibt es jetzt eine kurze Zusammenfassung von „Verblendung“. Denn inzwischen ist auch der zweite und abschließende Teil von Denise Minas Comic-Adaption des Bestsellers auf Deutsch erschienen.
Der alte Firmenchef Henrik Vanger beauftragt den Enthüllungsjournalisten Mikael Blomkvist, der gerade wegen einer vollkommen verpatzten Enthüllungsgeschichte mächtig Ärger hat, Womanizer und exzessiver Kaffeetrinker ist (Hat schon irgendjemand eruiert, wie viel Kaffee in Larssons „Millennium“-Romanen getrunken wird?), herauszufinden, wer 1966 seine Nichte Harriet auf der der Familie gehörenden Insel ermordete. Blomkvist beginnt mit dem Aktenstudium.
Für die Comic-Adaption hat die mit dem John-Creasey-Dagger ausgezeichnete Krimi-Autorin Denise Mina das Dickicht des Romans etwas gelichtet und einige Kleinigkeiten geändert. Aber in weiten Teilen folgt sie, wie von den Fans gewünscht, fast schon sklavisch, Stieg Larssons Roman.
Jedenfalls endete der erste Teil der Comic-Adaption mit Lisbeth Salander, die ihren Vormund tätowiert, und Mikael Blomkvist, der – früher als im Roman – seine Haftstrafe für die missglückte Enthüllungsgeschichte antritt.
Der zweite Teil beginnt nach Blomkvists Haft. Er ist wieder zurück auf der Insel, lernt Lisbeth Salander, die geniale, beziehungsgestörte Hackerin, die schon seinen gesamten Computer hackte, kennen und gemeinsam beginnen sie Harriet Vangers mysteriöses Verschwinden aufzuklären. Dabei stoßen sie auf eine Mordserie, die nach dem 2. Weltkrieg begann und sich bis in die Gegenwart fortsetzt. Sie glauben, dass die Frauenmorde von einem Vater-Sohn-Paar begangen werden, das zur Familie Vanger oder ihrem engsten Umfeld gehört, und dass Harriet die Mörder kannte.
Auch der zweite und abschließende Teil von „Verblendung“ folgt dem Roman ziemlich genau, wobei die Nazi-Geschichte vollkommen fehlt und die Recherchen von Blomkvist und Salander auf wenigen Seiten eingedampft werden, während die Folterung Blomkvists durch den Mörder und Salanders Reaktion darauf (es könnte ja noch zwei Menschen auf dem Planeten geben, die das Ende nicht kennen) viele Seiten einnehmen und es danach – wie in dem Roman – ein elend langes Nachspiel gibt, in dem alle offenen Fragen und einige Fragen, die man nicht stellte, beantwortet werden.
Insgesamt gelang Mina eine gelungene, aber nicht besonders eigenständige Adaption, die – wie die Verfilmungen – weitgehend dem von Stieg Larsson erfundenem Handlungsgerüst folgt.
Die Comic-Adaption von Stieg Larssons zweitem Roman „Verdammnis“ ist schon angekündigt.
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Denise Mina (Autor)/Leonardo Manco/Andrea Mutti (Zeichner): Stieg Larsson – Millennium: Verblendung – Band 2
(übersetzt von Joachim Körber)
Panini, 2013
164 Seiten
16,99 Euro (Softcover)
24,99 Euro (Hardcover)
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Originalausgabe
The Girl with the Dragoon Tattoo – Book Two
Vertigo/DC Comics, 2013
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Vorlage
Stieg Larsson: Verblendung
(übersetzt von Wibke Kuhn)
Heyne, 2011 (Movie-Tie-In zur Fincher-Version)
704 Seiten
9,99 Euro
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Originalausgabe
Män son hatar kvinnor
Norsteds Förlag, Stockholm 2005
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Deutsche Erstausgabe
Heyne, 2006
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Verfilmungen
Verblendung (Män som hatar kvinnor, Schweden/Deutschland/Dänemark 2009)
Regie: Niels Arden Oplev
Drehbuch: Nikolaj Arcel, Rasmus Heisterberg
LV: Stieg Larsson: Män son hatar kvinnor, 2005 (Verblendung)
mit Michael Nyqvist, Noomi Rapace, Lena Endre, Peter Haber, Sven-Bertil Taube, Peter Andersson, Ingvar Hirdwall, Marika Lagercrantz, Björn Granath
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Verblendung (The Girl with the Dragon Tatoo, USA 2011)
Regie: David Fincher
Drehbuch: Steve Zaillian
LV: Stieg Larsson: Män son hatar kvinnor, 2005 (Verblendung)
mit Daniel Craig, Rooney Mara, Christopher Plummer, Stellan Skarsgård, Steven Berkoff, Robin Wright, Yorick van Wageningen, Joely Richardson, Geraldine James, Goran Visnjic, Julian Sands
Dass Ian Rankin ein großer Rockfan ist, wissen die Fans des Krimiautors. Nicht nur, dass er in seinen John-Rebus-Romanen den Polizisten exzessiv gute Musik hören lässt, auch die Originaltitel, wie „Let it bleed“, spielen deutlich auf mehr oder weniger bekannte Songs an.
Da war ein gemeinsames Projekt zwischen dem irischen Bluesrocker Rory Gallagher und ihm nur eine Frage der Zeit. Dass Gallagher seit fast zwanzig Jahren tot ist, lassen wir mal beiseite. Seine Musik, sein Erbe, ist höchst lebendig. Außerdem war Gallagher selbst ein Hardboiled-Fan und zitierte diese Welt öfter in seinen Songs. Einige dieser Songs sind auf „Kickback City“ zusammengestellt. Aber die CD ist keine banale, um eine Lobhuddelei von Ian Rankin ergänzte, Compilation für das Weihnachtsgeschäft.
Denn für das von Rorys Bruder Dónal initiierte und jetzt auf CD erschienene Projekt „Kickback City“ schrieb Ian Rankin die Kurzgeschichte „The Lie Factory“, in der er Charaktere aus Songs von Rory Gallagher verwendet und tief in das Raymond-Chandler-Territorium vorstößt. .
Privatdetektiv Regan (solo, daher kein „Continental Op“) will herausfinden, warum seine Klientin Agatha Dempsey ermordet wurde und warum der Boxer Kid Gloves neben ihrer Leiche gefunden wurde. In der „Lie Factory“, wie Regan seine Stadt nennt, geht dabei das Gerücht um, dass der letzte Kampf von Kid Gloves manipuliert war. Außerdem ist eine geheimnisvolle Schönheit verschwunden und Agathas Schwester Elinor ist ebenfalls eine wahre Sexbombe.
Die Lösung von Rankins Geschichte könnte fast aus Raymond Chandlers Klassiker „Der große Schlaf“ (The big sleep) übernommen sein und genau wie Chandler die Stimmung wichtiger als die lückenlose Aufklärung der Verbrechen war, ist auch Rankin in seiner gelungenen Hommage schon vom ersten Satz an die liebevolle Rekreation der seit den Tagen von Dashiell Hammett und Raymond Chandler wohlvertrauten Noir-Hardboiled-Stimmung wichtiger als die Logik.
Aidan Quinn (derzeit in der TV-Serie „Elementary“) las die Hörbuchfassung atmosphärisch ein. Timothy Truman, der lange Zeit CD-Covers und Merchandise für die Rockband „Grateful Dead“ entwarf und Comics wie „Jonah Hex“ (nach Geschichten von Joe R. Lansdale) zeichnete, illustrierte Rankins Geschichte stimmungsvoll im Stil der Schwarzen Serie. Und dann gibt es noch zwei CDs mit der Musik von Rory Gallagher. Die eine ist eine mit Rankins Geschichte zusammenhängende Zusammenstellung von Songs, wie „Kickback City“, „Continental Op“, „Big Guns“, „Loanshark Blues“ und „Kid Gloves“. Die andere CD dokumentiert, nach der Presseinformation, Ausschnitte aus dem „Live in Cork“-Auftritt von Rory Gallagher, der bislang nur als DVD erhältlich war.
Dummerweise sind die discographischen Angaben bei der insgesamt unglaublich liebevollen Ausgabe, arg dünn ausgefallen. So erfährt man nicht, wer mit Gallagher spielt, von wann die Aufnahmen sind und wo sie schon einmal veröffentlicht wurden.
Ärgerlich, jedenfalls für alle, die Englisch nicht so gut können, ist, dass Ian Rankins Geschichte nur im Original abgedruckt ist. Da hätte man – bei anderen CDs geht es ja auch – wenigstens für den deutschsprachigen Markt eine Übersetzung spendieren können.
Davon abgesehen: ein heißer Geschenktipp für Weihnachten.
Rory Gallagher: Kickback City
Strange Music/Sony Music/Legacy
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Es gibt auch ein Deluxe Digital Package, das neben den drei CDs (Studio, Live, Hörbuch), 4 Postkarten mit „Lie Factory“-Motiven und der illustrierten Kurzgeschichte (44 Seiten) die digitale Fassung der Kurzgeschichte, ein Making of und ein Promo-Video enthält.
„booklet liefert nach, was in den DVD-Boxen fehlt: Lektüren zur Serie“ steht zutreffend auf dem Cover von Ekkehard Knörers „Battlestar Galactica“. Auf wenigen Seiten beschäftigt Knörer sich mit den Ursprüngen der Science-Fiction-Serie, einigen Aspekten der Erzählweise der Serie (wie dem Abschied vom rein episodischen Erzählen), den wichtigsten Charakteren, dem von Glen A. Larson erfundenem Kunstwort „Frak“ (das erstmals in der Originalserie als „Frack“ das im TV nicht gewünschte Schimpfwort „Fuck“ ersetzte) und er gibt Tipps zu einigen besonders sehenswerten Folgen und englischsprachigen Texten über die Serie.
Die US-Serie „Battlestar Galactica“, die im US-Fernsehen von 2003 bis 2009 lief, erzählt die Geschichte der Suche der letzten überlebenden Menschen nach der Erde, dem mythischen Planeten, von dem sie stammen sollen. Sie machten sich, nach einem Angriff der Zylonen (Knörer benutzt, weil er sich nicht an die Übersetzung gewöhnen kann, das englische Wort „Cylon“), mit altersschwachen Raumschiffen auf die Reise.
Serienerfinder Ronald D. Moore übernahm die Prämisse der kurzlebigen von Glen A. Larson erfundenen, kultigen TV-Serie „Kampfstern Galactica“ (Battlestar Galactica, USA 1978 – 1980) und ignorierten den Rest. Während die Originalserie buntes Popcorn ist, ist das Remake eine düstere Allegorie auf die Post-9/11-Paranoia und, sicher auch durch die Pseudo-Doku-Kamera und die Ausstattung, glaubt man sich nie in die Zukunft, sondern immer in eine militärische Kommandozentrale und das Flugzeug des Präsidenten gebeamt.
Denn während im Original die Zylonen glänzende Blechroboter waren, sind die neuen Zylonen immer noch Roboter, aber sie können auch wie Menschen aussehen und einige der Zylonen sind sogar unter den überlebenden Menschen. Einige Menschen arbeiten mit den Zylonen zusammen – und es gehört nicht viel Fantasie dazu, die Zylonen mit islamistischen Terroristen gleichzusetzen. Auch wenn die Macher als Vorbild für „Battlestar Galactica“ in Interviews ausdrücklich die Polit-Serie „The West Wing“ nennen.
Knörers kurzer Text ist teilweise etwas zu akademisch geschrieben und, wegen der Kürze, bleibt er sehr an der Oberfläche. Insofern ist „Battlestar Galactica“ für die Fans der Serie eine durchaus anregende Lektüre. Nicht-Fans können das Buch getrost ignorieren. Aber ein Booklet wird ja auch nur von den Besitzern der DVDs gelesen.
„Zügellos“ beginnt am 9. Juni 1989 und endet am 10. November 1989 – und wer Dominique Manotti kennt, weiß, dass diese Daten nicht zufällig gewählt sind. Denn ihr zweiter Roman, der erst jetzt auf Deutsch erschien, spielt vor dem Hintergrund des deutschen Vereinigungsprozesses, der von multinationalen Unternehmen auch für verschiedene Übernahmepläne benutzt wird.
Dabei beginnt die Geschichte ziemlich harmlos mit brennenden Pferdeställen und dem Tod von mehreren Pferden. Commissaire Daquin vom Pariser Drogenderzenat glaubt, dass über diese Nobel-Pferderennställe ein florierender, staatenübergreifender Drogenhandel abgewickelt wird und es jetzt Probleme in der Szene gibt, die mit Brandstiftung und Pferdemord gelöst werden. Daquin (schwul und härter als Dirty Harry) ergänzt sein eingeschworenes, immer latent gewaltbereites Team um Le Dem, der sich in der Szene auskennt und seinen gewaltfreien Job bei der Reiterstaffel der Polizei liebt.
Zur gleichen Zeit wittert der multinationale Versicherungskonzern PAMA, der auch etwas mit den abgebrannten Pferdeställen und den Pferden zu tun hat, ein gigantisches Geschäft im gerade zusammenbrechendem Ostblock; – wenn die Mitarbeiter nicht gerade mit firmeninternen Intrigen beschäftigt sind.
Am Anfang von Dominque Manottis Noir-Polit-Thriller ziehen die kurzen, im Präsens geschriebenen Kapitel, die sich wie Abhörprotokolle und zufällige Beobachtungen lesen, ergänzt um Zeitungsmeldungen, sogartig in die Geschichte. Gegen Ende langweilt dieser hektisch-abgehackte Stil dann zunehmend – und erinnert damit auch an den zunehmend kryptischen Stil von US-Krimiautor James Ellroy („L. A. Confidential“), den Manotti als einen wichtigen Einfluss für ihr Schreiben nennt. Ein anderer wichtiger Einfluss ist die 68er-Bewegung, von der sie ein aktiver Teil war. Daher verknüpft sie politische Ereignisse mit einem aufklärerischem Projekt im Rahmen einer spannenden Genregeschichte aus dezidiert linker Perspektive.
„Zügellos“ ist, wie Manottis anderen Noirs, pathosfreie Aufklärung im Rahmen eines Thrillers.
Für alle Fans von Orson Scott Cards Science-Fiction-Klassiker „Ender’s Game“, der bei uns als „Enders Spiel“ erschien, ist die Verfilmung die gelungene Mainstream-Variante des Romans, mit den üblichen Veränderungen und Aktualisierungen.
Cards vielschichtiger Roman erschien 1985, eroberte sofort die Herzen der Leser und erhielt den Hugo- und Nebula-Award, zwei prestigeträchtige Science-Fiction-Preise. In seinem Debütroman erzählt er die Geschichte des jungen Ender Wiggins, der in einer Militärschule ausgebildet wird, um der Anführer der Menschheit gegen außerirdische Invasoren, die Krabbler (bzw. Formics oder Schaben), zu werden.
Im Roman ist Ender am Anfang sechs Jahre, am Ende elf Jahre, und das Militär manipuliert ihn und sein Leben schamlos für die große Schlacht. Der Kalte Krieg ist als Subtext der Geschichte offensichtlich; auch in der von Scott 1991 überarbeiteten Fassung. Außerdem hat das Militär wegen des seit Jahrzehnten drohenden Angriffs der Aliens die totale Macht über die Menschen, die gegen den übermächtigen Feind einen fragilen Burgfrieden schlossen.
Der Südafrikaner Gavin Hood, der nach seinem Drehbuch den Film inszenierte, konzentrierte sich auf den Hauptplot des gut fünfhundertseitigen Romans und ließ den im Film zwölfjährigen Ender von dem 1997 geborenen Asa Butterfield („Hugo Cabret“) spielen. So werden aus den Kindersoldaten des Romans sehr junge Erwachsene, die kaum jünger als die Soldaten in westlichen Demokratien sind, die in Auslandseinsätzen die Demokratie verteidigen dürfen. Diese Änderung, die aus filmischer Sicht absolut nachvollziehbar ist, verharmlost allerdings auch die inhumanen Taten der Erwachsenen ungemein. Davon abgesehen ist Ender im Film, wie im Buch, der jüngste und talentierteste Soldat in der Raumstation. Er ist ein geborener Führer und überragender Stratege.
Hood, der mit „Tsotsi“ und „Machtlos“ explizit politische Filme drehte, lässt in seinem neuen Film den politischen Hintergrund des Kalten Krieges weg, ohne ihn durch einen offenkundigen anderen politischen Hintergrund zu ersetzen. Beispielsweise und durchaus möglich als zeitgemäßes Update von Cards Roman wären das Kindersoldaten in Afrika, die gesellschaftliche Situation in Südafrika, der Kampf des Westens gegen den islamistischen Terrorismus oder der Einsatz von Drohnen, die aus weitab vom Kampfgebiet liegenden Einsatzzentralen gesteuert werden. So wird die Geschichte von „Enders Spiel“ zu einem Science-Fiction-Abenteuerfilm, in dem die militärische Ausbildung ein tolles Abenteuer mit harten, aber gerechten Ausbildern ist und Freundschaften fürs Leben geschlossen werden. Für den Film wurde Enders große Prüfung, die im Buch nur knappe sechs Seiten umfasst, erweitert, ohne – weil Ender den Kampf an einem Computerdisplay dirigiert – besonders packend zu sein. Es sind einfach Raumschiffe, die gegen andere Raumschiffe kämpfen – und weil wir weder die menschliche Besatzung noch die schabenartigen Gegner kennen oder sehen, können wir nur die Leistung des Feldherrn bewundern, der bedenkenlos Raumschiffe für das Kriegsziel opfert. Allerdings verwendet Hood wesentlich weniger Zeit als Card auf das Erklären der verschiedenen taktischen Züge in den von Ender gewonnenen Spielen, die als Teil von Enders detailliert geschilderter Ausbildung natürlich wichtig sind, um sein Feldherrentalent zu begreifen.
Im Film rückt dagegen die fast schon freundschaftliche Beziehung von Ender zu seinen Ausbildern Oberst Hyrum Graff (Harrison Ford) und Mazer Rackham (Ben Kingsley) und zu den anderen Soldaten stärker in den Mittelpunkt. So ist Enders rechte Hand Bean (Aramis Knight; seine Geschichte erzählt Orson Scott Card in „Enders Schatten“) von Anfang an in Enders Truppe. Das und auch die anderen Veränderungen gegenüber dem Roman sind alles kluge Entscheidungen, die der Filmgeschichte dienen.
Die im Buch gestellten moralischen Fragen, vor allem natürlich ob der Zweck die Mittel heiligt, sind immer noch vorhanden und so regt der Science-Fiction-Film „Ender’s Game“ auch zum Nachdenken an. Obwohl die moralischen Fragen und politischen Ansichten des Romans für ein weltweites Publikum so lange weichgespült wurden, bis sie in einem politischen Vakuum spielen.
Ender’s Game – Das große Spiel (Ender’s Game, USA 2013)
Regie: Gavin Hood
Drehbuch: Gavin Hood
LV: Orson Scott Card: Ender’s Game, 1985 (Das große Spiel, Enders Spiel)
mit Asa Butterfield, Harrison Ford, Ben Kingsley, Abigail Breslin, Hailee Steinfeld, Moises Arias, Viola Davis, Nonso Anozie, Aramis Knight
Länge: 114 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Die Vorlage
Orson Scott Card: Enders Spiel
(übersetzt von Karl-Ulrich Burgdorf)
Heyne, 2012
464 Seiten
8,99 Euro
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Originalausgabe
Ender’s Game
Tor, 1985
(1991 erschien eine vom Autor leicht überarbeitete Ausgabe)
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Frühere deutsche Ausgaben als „Das große Spiel“ und, als Doppelband mit dem zweiten Ender-Roman, als „Ender“.
Nein, zum Vorbild taugt Detective Sergeant Bruce Robertson (James McAvoy) nicht. Er ist auch kein Aushängeschild für die Polizei von Glasgow. Er ist ein egozentrisches, überhebliches, frauenverachtendes, reaktionäres Arschloch, das zwischen Drogenkonsum, Onanieren, Schulhofintrigen und Sex mit allen Frauen, die seinem Charme erliegen oder, weil sie Minderjährig sind, von ihm dazu erpresst werden, noch schnell einige obszöne Anrufe tätigt und, immerhin ist der Film, wie Irvine Welshs Roman, aus Robertsons Perspektive erzählt, alle anderen für Idioten, Trottel oder Spastis hält. Deshalb steht nur ihm die Beförderung zum Detective Inspector zu. Und den Mordfall an dem Japaner wird er auch mit links lösen. Es gibt ja genug Typen, die einen Knastaufenthalt verdient haben.
So malt sich Bruce Robertson seine Welt aus. Dummerweise sehen die anderen ihn nicht als glorreichen Helden, sondern als Drogenwrack, das in psychiatrischer Behandlung ist; wobei einige dieser Sitzungen bei Dr. Rossi auch in seinem Kopf stattfinden könnten. Aber diese Irritationen, wozu auch die pulpigen Auftritte seiner Frau gehören, schleichen sich langsam in die Geschichte ein und lassen – im Film früher und subtiler als im Roman – immer mehr an der Zuverlässigkeit des Erzählers zweifeln.
Jon S. Bairds rabenschwarze, satirisch überspitze, surreale Komödie ist, knapp gesagt, „Trainspotting“ im Polizeimilieu und Bairds Film muss den Vergleich mit Danny Boyles Klassiker nicht scheuen. Außerdem ist die Vorlage für beide Filme von Irvine Welsh. Mit „Drecksau“ schrieb er einen Polizeiroman, der an die düsteren britischen Polizeikrimis von G. F. Newman anknüpft, der in seinen Inspector-Sneed-Romanen (auch bekannt als Bastard-Romane) die Welt der Polizei als korrupten Augiastall porträtiert. Und natürlich ist Robertson das britische Gegenstück zu dem namenlosen Polizisten (Harvey Keitel) in Abel Ferraras „Bad Lieutenant“ (1992), dessen Drogenkonsum auch beachtlich war.
Die Änderungen zum mit vierhundertfünfzig Seiten zu langen Roman sind eher miminal. Statt in Edinburgh spielt die Geschichte in Glasgow, aus dem ermordeten Afrikaner wurde ein ermordeter Japaner, aus der Sauftour nach Amsterdam wurde ein Hamburg-Besuch, aus dem Bandwurm, der im Roman das Geschehen kommentiert, wird im Film ein sich sehr seltsam benehmender Psychiater, es wurde einiges weggelassen, bei den Frauen gibt es einige Änderungen, die aber den Film nicht weniger schwarzhumorig-zynisch machen als die Vorlage und sie sogar verbessern. Denn Jon S. Baird bleibt dem Geist der Vorlage treu und porträtiert einen wirklich abstoßenden Polizisten, der dank der beachtlichen Leistung von James McAvoy, sogar einige fast schon sympathische Seiten hat.
Drecksau (Filth, Großbritannien 2013)
Regie: Jon S. Baird
Drehbuch: Jon S. Baird
LV: Irvine Welsh: Filth, 1998 (Drecksau)
mit James McAvoy, Jamie Bell, Imogen Poots, Eddie Marsan, Jim Broadbend, Gary Lewis, Shirley Henderson
Länge: 101 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
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Die Vorlage
Irvine Welsh: Drecksau
(übersetzt von Clara Drechsler und Harald Hellmann)
In seinem neuen Buch „Schmutzige Kriege – Amerikas geheime Kommandoaktionen“ erzählt Jeremy Scahill (zuletzt „Blackwater“ über die Söldnerfirma) wie nach 9/11 gezielte Tötungen zu einem zentralen Bestandteil der US-amerikanischen Sicherheitspolitik wurden und in welcher Tradition diese Politik steht.
„Dieses Buch erzählt von der Ausweitung der verdeckten Kriege der USA, dem Machtmissbrauch durch die Regierung und vom Einsatz militärischer Eliteeinheiten, die sich allein dem Weißen Haus gegenüber zu verantworten haben und niemandem sonst Rechenschaft schuldig sind. ‚Schmutzige Kriege‘ enthüllt zudem, wie sich von den früheren republikanischen Regierungen bis zur heutigen demokratischen Präsidentschaft eine Geisteshaltung fortsetzt, der zufolge ‚die Welt ein Schlachtfeld ist’“, sagt Scahill im Vorwort.
Dafür reiste der „The Nation“- und „Democracy Now!“-Journalist um die halbe Welt, führte viele Interviews, las Dokumente und schrieb ein über siebenhundertseitiges Werk, wobei er über hundert Seiten mit Anmerkungen füllte, die seine Arbeit belegen. Und man nach dem Vorwort unbedingt weiterlesen möchte. Denn gut geschrieben – so mein erster Eindruck – ist der Wälzer auch.
Das ist US-amerikanisches Reportage-Handwerk, wie wir es kennen und lieben – und das es in dieser Form in Deutschland nicht gibt.
Die demnächst startende Verfilmung von Orson Scott Cards Debütroman „Enders Spiel“ bescherte uns jetzt auch die deutsche Ausgabe der bereits vor fünf Jahren in den USA erschienenen Comics, die dort ziemlich erfolgreich sind. Immerhin gibt es genügend Nachschub.
In seinem mit dem Nebula- und Hugo-Preis ausgezeichneten Roman erzählt Card von einer Zukunft, in der bereits Kinder zu Soldaten ausgebildet werden. Sie sollen dann gegen einen gefährlichen außerirdischen Feind, der die Menschheit bereits einmal fast besiegt hätte, kämpfen.
Der junge Andrew ‚Ender‘ Wiggin ist dabei, so die Militärs, ein überragendes Talent, das einmal der größte Krieger aller Zeiten werden könnte. Dafür wird er als Sechsjähriger von seinen Eltern getrennt. In der Akademie durchläuft er eine harte Ausbildung, die im Mittelpunkt von „Ender’s Game – Das große Spiel“ steht.
Allerdings verzichteten Orson Scott Card, der die Oberaufsicht über die Comicserie hat, und Autor Christopher Yost auf sämtliche Hintergründe zur Gesellschaft und zur außerirdischen Bedrohung. Enders Ausbildung erscheint hier, obwohl sie dem Roman akkurat folgt, als reiner Selbstzweck, durchgeführt von einem menschenverachtendem Militär in einer ebenso menschenverachtenden Gesellschaft gegen einen nicht existierenden Feind.
Und die Ausbildung verläuft immer gleich: Ender kommt als jüngstes Mitglied in eine Gruppe, er wird gehänselt (was von dem Militärs gewünscht ist, weil sie glauben, dass Ender einerseits sehr beeinflussbar ist, aber andererseits gegen seine Feinde unerbittlich vorgeht und solange er keine Freunde hat, wird er ein guter Krieger sein), beweist sich und kommt, als Jüngster, in die nächste Klasse, in der er wieder gehänselt wird. Das liest sich schnell etwas redundant. Auch wenn die weitgehend gesichtslosen Militärs, nur Colonel Hyrum Graff, Direktor der Primarerziehung der Internationalen Flotte (halt des Militärs), taucht öfter auf, Enders Leben hemmungslos manipulieren und seltsame Entwicklungen in Enders Märchenland, einem Gedankenspiel, das auch vom Unterbewusstsein des Spielers gesteuert wird, feststellen.
Der Comic „Ender’s Game – Das große Spiel“ liest sich wie die Skizze für ein größeres Werk. Allerdings sind in dem ersten Sammelband auch nur die ersten Stationen von Enders Ausbildung enthalten.
Der Folgeband „Kommandanten-Schule“ ist für den 19. November angekündigt.
Orson Scott Card (Projektleitung)/Christopher Yost (Skript)/Pasqual Ferry (Zeichnungen): Ender’s Game – Das große Spiel (Band 1)
(übersetzt von Bluna Williams)
Panini, 2013
132 Seiten
14,95 Euro
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Originalausgabe
Ender’s Game: Battle School 1 – 5
Marvel 2008/2009
(2009 als Sammelband)
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Die Vorlage
Orson Scott Card: Enders Spiel
(übersetzt von Karl-Ulrich Burgdorf)
Heyne, 2012
464 Seiten
8,99 Euro
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Originalausgabe
Ender’s Game
Tor, 1985
(1991 erschien eine vom Autor leicht überarbeitete Ausgabe)
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Frühere deutsche Ausgaben als „Das große Spiel“ und, als Doppelband mit dem zweiten Ender-Roman, als „Ender“.
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Orson Scott Card: Enders Schatten
(übersetzt von Regina Winter)
Heyne, 2013
592 Seiten
8,99 Euro
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Originalausgabe
Ender’s Shadow
Tor, 1999
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Die Verfilmung
Ender’s Game – Das große Spiel (Ender’s Game, USA 2013)
Regie: Gavin Hood
Drehbuch: Gavin Hood
LV: Orson Scott Card: Ender’s Game
mit Asa Butterfield, Harrison Ford, Ben Kingsley, Abigail Breslin, Hailee Steinfeld, Moises Arias, Viola Davis, Nonso Anozie, Aramis Knight, Jessica Harthcock
Eine Sache hat – so sieht es jedenfalls im Moment noch aus – bei unserem neuen Hauptstadtflughafen geklappt: die Korruptionsbekämpfung. Vor Baubeginn schloss die Bauherrengesellschaft Flughafen Berlin-Schönefeld GmbH (FBS) einen Integritätspakt mit Transparency International ab, der anscheinend wirklich dazu führte, dass es bei der Vergabe und dem Bau keine Korruption gab.
Dafür wurde, wenig erstaunlich, von bei Ausschreibungen unterlegenen Firmen emsig geklagt; ebenso von Anwohnern. Die klagten gegen den ungünstigen Standort, den Nachtflug, den Lärm und die nachträgliche Veränderung der Flugrouten, die dazu führte, dass Anwohner und Gemeinden, die vorher nicht vom Fluglärm betroffen waren, dann doch betroffen waren. Dafür waren dann andere Gemeinden nicht mehr oder erheblich weniger von Fluglärm betroffen.
Abgesehen davon ging ungefähr alles bei dem von den Bundesländern Berlin und Brandenburg und dem Bund finanzierten und beaufsichtigten Flughafenbau schief, der immer noch im Bau ist und, nachdem er schon 2010, 2011, 2012 und 2013 (wobei diese Termine niemand in Berlin und Brandenburg mehr ernst nahm) eröffnen sollte und im Moment keinen Eröffnungstermin hat. Aber die gut informierten Kreise spekulieren auf allerfrühestens 2015. Da wird es dann auch irgendeine Eröffnung geben, weil im Frühjahr 2015 die Baugenehmigung abläuft. Dann begänne das gesamte Genehmigungsverfahren von vorne. Mit ungewissem Ausgang.
Die weniger gut informierten Kreise, also der normale großmäulige Berliner Pöbel, hält spätere Termine für viel wahrscheinlicher und spottet, dass niemand die Absicht habe, einen Flughafen zu eröffnen.
Selbstverständlich stiegen seitdem die Kosten. Derzeit gibt es keine seriöse Prognose über die endgültigen Kosten.
In dieser Situation, in der wirklich noch kein Ende abzusehen ist, schrieb der berliner Flugverkehrjournalist Rainer W. During sein Sachbuch „Lachnummer BER – Das Debakel um den Hauptstadtflughafen: Eine Chronik“, das deshalb auch nicht mehr als eine vorläufige Bestandsaufnahme sein kann.
Er zeichnet den Weg von den ersten Planungen, die es schon in den späten achtziger Jahren zu Vorwendezeiten gab, bis zur Gegenwart nach. Dabei geht er strickt chronologisch vor, verzichtet auf Schuldzuweisungen und damit verbundenen tiefergehenden Analysen. Zum Beispiel ob die Konstruktion der Bauherrengesellschaft und des Aufsichtsrates zu einer organisierten Unveranwortlichkeit führten.
Das wäre natürlich der spannende Teil gewesen, aber die nackte Chronik genügt schon, um das gigantische Versagen von Politikern und Planern aufzuzeigen. Immerhin vergisst man so schnell so unglaublich viele Details und, wer nicht in Berlin oder Brandenburg lebt, hat wahrscheinlich noch nicht einmal die zahlreichen Streitigkeiten und Probleme mitbekommen. Deshalb wären eine Kurzchronik mit den wichtigsten Eckdaten, ein Personenverzeichnis (so wie früher in den alten rororo-Kriminalromanen), einige Grafiken, zum Beispiel zum Fluggastaufkommen und den Flugrouten und ein Verzeichnis mit weiterführenden Links hilfreich gewesen.
Insgesamt ist der Zwischenbericht ein lesenswertes Buch, dem sicher noch weitere Bücher folgen werden. Schon jetzt liegen die Erlebnisberichte „Black Box BER“ vom Flughafenarchitekten Meinhard von Gerkan (dessen Firma auch Generalplaner war und dem, nachdem die Eröffnung am 3. Juni 2012 kurzfristig abgesagt wurde, fristlos gekündigt wurde) und „Der Hauptstadtflughafen: Politik und Missmanagement. Ein Insider berichtet“ von Controller Matthias Roth vor.
Ergänzend kann man sich ja schon einmal in den von verschiedenen Untersuchungsausschüssen in den vergangenen Jahren erstellten Untersuchungsberichten austoben und die Arbeit des aktuellen Untersuchungsausschusses im Berliner Abgeordnetenhaus verfolgen.
Denn die Geschichte ist noch lange nicht zu Ende und mit Überraschungen ist zu rechnen.
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Rainer W. During: Lachnummer BER – Das Debakel um den Hauptstadtflughafen: Eine Chronik
Schwarzweiß und gut vier Stunden. Das sind die Eckdaten, die den neuen Film von Edgar Reitz zu einem Film für eine ausgewählte Zuschauermenge machen. Da hilft es auch nicht, dass „The Artist“ (der sogar ein Stummfilm war) erfolgreich war und dass Hollywood-Blockbuster immer länger werden und deshalb manchmal gleich als Zweiteiler ins Kino kommen. Auch Reitz hat ungefähr in der Filmmitte eine Pause eingefügt, die vor allem für einige Dehn- und Streckübungen gut ist. Denn im Gegensatz zu Quentin Tarantinos Racheepos „Kill Bill“, das als Zweiteiler im Kino lief, dessen Teile sich stark unterscheiden und so sogar die kommerzielle Entscheidung rechtfertigte (zwei getrennte Teile sind zwei Filme, ergo zweimal Eintritt), ist Edgar Reitz‘ „Die andere Heimat“ die epische Chronik einer sich für den Protagonisten Jakob Simon nicht erfüllenden Sehnsucht, die während der großen Auswanderungswelle im Hunsrück in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts und vor der deutschen Revolution von 1848 spielt.
1842 will der Neunzehnjährige, eine vergeistigte Leseratte, nach Brasilien, in das Land seiner Träume, auswandern. Diese Welt erscheint ihm viel spannender als das Leben in dem Hunsrückdorf Schabbach.
Edgar Reitz erzählt die Geschichte von Jakob und den Schabbachern betont undramatisch. Oft treffen die Charaktere wichtige Entscheidungen außerhalb des Films und auch viele Hintergründe zu Politik, Wirtschaft und dem alltäglichen Leben werden als bekannt vorausgesetzt oder erschließen sich durch die Beobachtung des damaligen Alltags. Entsprechend viel Zeit nimmt sich der Film, der fast wie eine Dokumentation über das damalige Leben wirkt, auch für das Zeigen von alltäglichen Arbeiten. Die damit verbundene Ruhe ist anfangs faszinierend, weicht aber mit zunehmender Laufzeit einer gewissen Langeweile.
Denn „Die andere Heimat“ erzählt nicht nur von Jakob, sondern auch von seinem Bruder Gustav, den beiden jungen Frauen Jettchen und Florinchen, die in die Brüder verliebt sind, aber die Beziehung ganz pragmatisch angehen, dem Graveur Franz Olm und dem Leben im Wandel der Jahreszeiten zwischen Geburt und Tod, wobei die einzelnen Ereignisse, wie in einer Chronik, nebeneinander stehen und sich nicht immer beeinflussen. Reitz erzählt, mit großer Ruhe, beobachtend von den Zufälligkeiten des Lebens und gibt für die Hauptgeschichte nebensächlichen Ereignissen einen breiten Raum, während wichtige Entscheidungen im Off oder schweigend getroffen werden. Im Kino funktioniert diese epische Erzählweise, im Gegensatz zur im Schüren-Verlag erschienenen, von Edgar Reitz geschriebenen Filmerzählung, nur bedingt. Hier hätte die Konzentration auf den Protagonisten und eine ordentliche Kürzung auf eine publikumsfreundliche Laufzeit gut getan.
Im Fernsehen, als Vierteiler, dürfte „Die andere Heimat“, trotz der die große Leinwand fordernden Cinemascope-Bilder des „Heimat“-erfahrenen Kameramanns Gernot Roll, die dem Hunsrück eine ungeahnte, fast schon Western-hafte Weite verleihen, als ein fast schon willkürlicher Ausschnitt aus zwei Jahre im Leben von Jakob Simon deutlich besser funktionieren.
Immerhin entstanden auch seine anderen „Heimat“-Filme für das Fernsehen und gerade „Heimat – Eine deutsche Chronik“ (1984), die erste „Heimat“-Serie, die Edgar Reitz einen „Zyklus von 11 Spielfilmen“ nannte, spielt auch in Schabbach und erzählt vom Leben der Familie Simon von 1919 bis 1982. Im Zentrum steht die 1900 geborenen Maria (Marita Breuer). „Die zweite Heimat – Chronik einer Jugend“ (1992) erzählt die Geschichte von Hermann Simons (Henry Arnold) Studienjahren von 1960 bis 1970 in München. Ähnlichkeiten mit Edgar Reitz‘ Leben, der am 1. November 1932 in dem Hunsrückdorf Morbach geboren wurde und nach München zog, sind nicht zufällig. Mit „Heimat 3 – Chronik einer Zeitenwende“ (2004), die von 1989 bis 2000 spielt, kehrt er, wieder mit Hermann Simon als Protagonisten, in den Hunsrück zurück und erzählt, etwas konfus (was auch an den vom Fernsehen veranlassten Kürzungen auf 90-Minuten-Happen liegen kann), von den neunziger Jahren und dem Vereinigungsprozess.
„Die andere Heimat“ bildet jetzt, mit einer Rückkehr in den Hunsrück und in die Vergangenheit der Familie Simon den würdigen Abschluss seines Lebenswerkes. Denn dass er noch einen weiteren Spielfilm dreht, dürfte unwahrscheinlich sein.
Die Musik ist von Michael Riessler, der auch für „Heimat 3“ die Musik schrieb.
Das Filmbuch
Pünktlich zum Filmstart erschien im Schüren-Verlag auch das Buch zum Film, in dem Edgar Reitz die Filmgeschichte nacherzählt, die im Buch besser funktioniert als im Kino, und um einige Details und Hintergründe ergänzt, die die Lücken im Film ausfüllen, die Reitz bewusst gelassen hat:
„Ich könnte tausend Gelegenheiten aufzählen, bei denen das Drama auf der Hand lag und wo ich nur hätte zugreifen müssen, um den Film zu machen, den die akademischen Dramaturgen mit Freuden aufgenommen hätten. Aber warum mache ich so etwas nicht? Die Antwort ist einfach, und es ist eine Antwort, die mich mein ganzes Leben begleitet hat: Weil ich mit meinen Filmen das reale Leben besser verstehen lernen will. An erster Stelle steht für mich das genaue Beobachten, das Wissen von den Menschen und ihren Verhaltensweisen. Ich weiß einfach, wie die Dinge in einer Hunsrücker Bauernfamilie früher geregelt wurden. Da läuft es anders als im Kino oder in der Psychoanalyse. Diese von wahrer Not und täglichem Existenzkampf gezeichneten Menschen empfinden Dinge wie Verliebtheiten, Bildungshunger, Rivalität unter Geschwistern als vermeidbare Luxusprobleme. Die tödliche Krankheit der Mutter oder eines der Kinder ist eine Bedrohung der gesamten Familie, und es geht um jede Stunde, die die Kranke noch lebt und zur Arbeit gehen kann. (…) Weil es mir nicht um Zuspitzung geht, sondern um die Schilderung von Lebensklugheit, die meist darin besteht, Ambivalenzen auszuhalten. Die Gesetze des Lebens sind mir heilig und ich würde es für eine unverzeihliche Tat halten, diese Wahrheiten, um deren Darstellung ich kämpfe, der Kinodramaturgie zu opfern. (…) Ich bestehe auf dem Recht, den Weg des epischen Erzählens ins Kino einzuführen, auch wenn ich manchen Zuschauer damit strapazieren sollte.“
Außerdem gibt es im letzten Drittel des Buches zahlreiche Hintergrundinformationen zum Film, den Dreharbeiten und der Geschichte, die das spartanisch illustrierte Buch zu einer idealen Ergänzung zum Film machen.
Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht (Deutschland 2013)
Regie: Edgar Reitz
Drehbuch: Edgar Reitz, Gert Heidenreich
mit Jan Dieter Schneider, Antonia Bill, Maximilian Scheidt, Marita Breuer, Rüdiger Kriese, Philine Lembeck, Mélanie Fouché, Eva Zeidler, Reinhard Paulus, Christoph Luser, Werner Herzog
Länge: 230 Minuten
FSK: ab 6 Jahre
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Das Filmbuch
Edgar Reitz: Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht – Das Filmbuch
JAMES BOND: Der Hauch des Todes (GB 1987, R.: John Glen)
Drehbuch: Richard Maibaum, Michael G. Wilson
LV: Ian Fleming: The living daylights, 1962 (Duell mit doppeltem Einsatz, Kurzgeschichte)
Bond soll einem russischen Agenten zur Flucht verhelfen. Aber dieser treibt ein doppeltes Spiel.
Der erste Bond mit Timothy Dalton ist ein rundum unterhaltsamer Familienfilm: etwas Action (jugendfrei), schöne Frauen (dito), Pferde, Exotik (na, so a la Karl May). Tja, man gab sich Mühe zum 25-jährigen Leinwandjubiläum.
Sogar einige Elemente der Fleming-Story wurden in „Der Hauch des Todes“ verwandt.
Mit Timothy Dalton, Maryam d´Abo, Jeroen Krabbé, Joe Don Baker (hier einer der Bösen)
Hinweise
Wikipedia über “James Bond: Der Hauch des Todes“ (deutsch, englisch)
Bei Cross-Cult sind zwei weitere James-Bond-Romane in neuer, ungekürzter und originalgetreuer Übersetzung erschienen: „Feuerball“ und „Der Spion, der mich liebte“. Während „Feuerball“ ein normaler Bond-Roman ist, der auch ziemlich werkgetreu verfilmt wurde (weshalb ich jetzt nichts zur Story sage), ist „Der Spion, der mich liebte“ sicher der ungewöhnlichste Bond-Roman. Denn Fleming erzählt hier aus Sicht einer jungen Frau, die während einer Nacht in einem Motel Ärger mit zwei Männern hat und von James Bond, der zufällig vorbeikommt, gerettet wird. Auch Fleming war später nicht mehr begeistert von seinem Buch und verkaufte die Filmrechte unter der Auflage, dass eine vollkommen neue Geschichte erfunden werde. Daher hat der Film auch absolut nichts mit dem Buch zu tun.
Die kürzlich erschienenen Comic-Sammelbände „Dicks“ und „Stitched“ von dem produktiven „Hellblazer“-, „Preacher“- und „Punisher“-Autor Garth Ennis, der in den letzten Jahren auch die Serien „Jennifer Blood“ und „Crossed“ startete, könnten kaum unterschiedlicher sein. „Dicks“ ist ein brachiale Krimikomödie, die 1991 in und um Belfast spielt. Entsprechend respektlos geht er auch mit dem damals noch blutig ausgetragenem Nordirlandkonflikt um.
„Stitched“ spielt im heutigen Afghanistan. Im Hochland stürzt ein Hubschrauber ab. Drei US-Soldaten überleben. Kurz nach dem Absturz treffen sie auf die letzten Überlebenden eines britischen Sonderkommandos, das sie retten sollen. Gemeinsam versuchen sie sich durchzuschlagen, bis Hilfe kommt oder sie ein rettendes Armeelager erreichen. Dabei sind die Taliban eine vernachlässigbare Gefahr. Denn fast unbesiegbare, zusammengeflickte, sich lautlos nähernden Kreaturen, die sie „Stitches“ nennen, greifen sie an. Es sind – in einem gewissen Rahmen – Untote.
Ursprünglich wollte Garth Ennis aus der Idee einen Film machen. Er produzierte auch einen Kurzfilm (der Trailer sieht sehr amateurhaft aus). Aus dem Film wurde nichts und bei dem Comic, nüchtern gezeichnet von Mike Wolfer, wissen wir schnell, warum. Denn diese Geschichte hätte, adäquat verfilmt, auch als nicht jugendfreier Film gewaltige Probleme mit der Zensur. Die Geschichte selbst ist ein spannender Mix aus Abenteuer- und Horrorgeschichte, in der eine Gruppe Soldaten im Feindesland gegen einen gefährlichen Feind kämpfen muss.
Weniger spannend, aber deutlich witziger ist „Dicks“ über die beiden Möchtegern-Privatdetektive Dougie und Ivor, die 1991 in Belfast beschließen, eine Detektei zu eröffnen, weil sie für keinen anderen Job die nötigen Voraussetzungen haben und sie die Arbeit nur als ein Sprungbrett für pubertäre Sex- und Sauf-Abenteuer sehen. Sie wollen überhaupt nicht ernsthaft als Detektive arbeiten und sie tun es auch nicht. Denn bei einem ihrer Abenteuer wird Eve, die Schlange von Onkel Shuggie überfahren. Als Onkel Shuggie das erfährt, hat der Schnapsbrenner einen Herzanfall und der Abnehmer für eine Ladung Poteen, ein affektierter und skrupelloser Typ aus Ballymena, will den bestellten, aber noch nicht gebrannten Schnaps haben. Dougie und Ivor müssen ihn brennen, haben dummerweise das Rezept von Onkel Shuggies einzigartiger Mischung verschlampt und noch tausend andere Probleme mit der schwangeren Freundin, einem missgünstigem Schwiegervater, Schlägern, Gangstern und Soldaten.
Das ist herrlich respektlose Unterhaltung, die mich an Colin Batemans Dan-Starkey-Romane erinnert. Einige kennen vielleicht „Starkey“ (Divorcing Jack, 1998), die schwarzhumorige, leicht chaotische Verfilmung von seinem ersten Starkey-Roman „Eine Nonne war sie nicht“ (Divorcing Jack, 1994).
Denn auch „Dicks“ nimmt keine Rücksicht auf den guten Geschmack, Tabus und politische und religiöse Befindlichkeiten. Erfunden wurde die Serie über zwei Idioten aus Belfast von Garth Ennis und John McCrea bereits in den späten Achtzigern. Seitdem erzählten sie, mit mehr oder weniger großen Unterbrechungen, weitere Abenteuer der beiden Jungs. Immer garniert mit einer ordentlichen Portion vulgärem „FickDieHenne“-Pennälerhumor, geschrieben in einem Slang, der in der Übersetzung, eher wenig geglückt, oft zu einem Kunst-Bayerisch mutiert. Denn Belfaster Jungs sind doch eine andere Spielklasse.
Für Mitte Dezember sind die Folgebänder von „Dicks“ und „Stitched“ angekündigt.
Garth Ennis/Mike Wolfer: Stitched: Die lebenden Toten – Band 1
Das ist eine traurige Meldung, die durchaus erfreulich ist: John Layman will nach sechzig Heften „Chew -Bulle mit Biss!“ beenden. So kann er ruhig auf ein ordentliches Finale hinarbeiten. Immerhin markiert der jetzt erschienene sechste Sammelband damit das Ende der ersten Hälfte.
Der Held von „Chew“ ist Tony Chu, ein Cibopath. Also ein Mensch, der, wenn er etwas isst, sofort die gesamte Geschichte des Gegessenen erfährt. Bei Mordermittlungen ist das natürlich sehr sinnvoll, weil er mit einem Biss den Tathergang und den Mörder kennt. Zuletzt arbeitete er bei der FDA, der mächtigsten Behörde der Welt. Die Lebensmittelbehörde wurde dazu, um eine Geflügelprohibition zu überwachen.
Am Anfang von „Erste Liga“, dem fünften „Chew“-Sammelband wird er, unter den Jubelschreien seines arschlochigen Chefs, in das Ordnungs- und Verkehrsdezernat der städtischen Polizei, einer der ohnmächtigsten Exekutivbehörden der Welt, versetzt. Und während er vorher mächtige Männer, die illegal Fleisch aßen, verhaftete, lachen jetzt jugendliche Parksünder über ihn. Falls sie ihn überhaupt beachten.
Währenddessen wird Tonys Tochter Olive von seinem alten Partner und Mentor Mason Savoy entführt. Savoy will die Wahrheit über das Vogelgrippevirus herausfinden, das weltweit Millionen tötete und zur Geflügelprohibition führte. Olive soll ihm, wenn sie die Talente von ihrem Vater geerbt hat, dabei helfen.
Und dann wird auch Tony entführt. Aber aus einem ganz anderen Grund.
Im sechsten Band „Space Kekse“ hat dann, während Tony Chu schwerverletzt im Krankenhaus liegt, seine Schwester Toni die Hauptrolle. Sie ist nicht nur nervig (wie eigentlich alle Charaktere in „Chew“ mindestens eine Eigenschaft haben, die sie – zu unserem Vergnügen – zu gesellschaftlichen Außenseitern macht), sondern auch Cibovoyante. Sie kann daher die Zukunft von fast allem sehen, was sie isst. Jedenfalls solange es lebendig ist. Bei der Arbeit ist das egal, bei Liebesbeziehungen nie. Denn wenn sie ihren Liebhaber beißt, um herauszufinden, ob sie ihre Beziehung vertiefen sollen, dann ist die Beziehung vorüber.
Sie arbeitet bei der NASA, die – wir erinnern uns – nachdem am Himmel eine riesige Botschaft auftauchte und mehrere Monate stehen bliebt, zur mächtigsten Exekutivbehörde der Welt wurde.
Und jetzt stoßen ihr einige seltsame Dinge zu.
Wie schon in den vorherigen „Chew“-Sammelbänden sind die, herrlich satirisch überspitzt von Rob Guillory gezeichneten, Geschichten voll von absurdem Humor und abgedrehten Ideen. Das beginnt mit den besonderen Fähigkeiten der verschiedenen Charaktere und endet bei dem Kampfhahn Poyo, der in „Space Kekse“ als Geheimagent Poyo einen Auftritt hat, der auch zerstörungswütige Haudegen der „Expendables“-Schule zu Vorschul-Möchtegernschlägern degradiert.
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John Layman/Rob Guillory: Chew – Bulle mit Biss!: Space Kekse (Band 6)
(übersetzt von Marc-Oliver Frisch)
Cross Cult, 2013
140 Seiten
16,80 Euro
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Originalausgabe
Chew Vol. 6: Space Cakes
Image Comics, 2013
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John Layman/Rob Guillory: Chew – Bulle mit Biss!: Erste Liga (Band 5)
Nach „Schwarzer Schwan“ verließ Horst Eckert grafit, wo alle seine bisherigen Polizeiromane erschienen, und ist jetzt bei Wunderlich. Ansonsten veränderte sich wenig. Auch sein neuester Roman „Schwarzlicht“ spielt in Düsseldorf, es treten einige alte Bekannte auf und der Protagonist ist, wie in seinen vorherigen Krimis, ein uns bislang unbekannter Polizist: Vincent Veih, 43 Jahre, Kommissar, Mutter RAF-Terroristin, Vater unbekannt, Großvater Polizist, der während der Nazi-Zeit Kriegsverbrechen beging. Da haben wir das gesamte Elend der deutschen Geschichte, das allerdings für die „Schwarzlicht“-Geschichte nicht so wichtig ist.
Veih wird, nach dem freiwilligen Weggang von Ela Bach, zum kommissarischen Leiter des KK 11, der Mordkommission, ernannt und er hat seinen größten Fall: Walter Castorp, CDU-Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und ein Mash-Up der korrupten CDU-Politiker der letzten Jahre, wird eine Woche vor der Landtagswahl von einer Putzfrau ertrunken in einem Schwimmbad gefunden. Castorp war in einen Politskandal über die heimliche Überwachung der Opposition verwickelt und die letzten Tage untergetaucht. Er war mit seiner persönlichen Referentin Carmen Markowitz in Zürich und kam mit zwei schweren Aktenkoffern, die verschwunden sind, zurück. Außerdem ertrank er nicht in seinem eigenen Swimmingpool, sondern in dem von Hartmut Osterkamp, einem Großinvestor, auf dessen neuester Großbaustelle bei einem Brand drei ukrainische Arbeiter starben.
Schnell stellt sich heraus, dass Castorp ermordet wurde.
„Schwarzlicht“ bewegt sich, wie die vorherigen Polit-Thriller von Horst Eckert, nah an der Wirklichkeit und transformiert die Schlagzeilen und Polit-Skandale der vergangenen Monate und Jahre in einen spannenden, schnörkellos erzählten Thriller. Das ist für langjährige Eckert-Fans nichts Neues und bewegt sich auf bekannt hohem Niveau.
Aber während Eckert in seinen vorherigen Romanen zwischen mehreren Erzählsträngen jonglierte, konzentriert er sich in „Schwarzlicht“ auf Vincent Veih und erzählt die Geschichte aus seiner Perspektive. Und, nach all dem Polit-Wirrwarr, immerhin wollen Regierung und Opposition Veih für sich gewinnen, Osterkamp macht ihm ebenfalls ein verlockendes Angebot, kommt die Lösung in dem Whodunit-artigen Roman etwas plötzlich. Auch weil die Spuren in andere Richtungen deuteten.
Davon abgesehen ist „Schwarzlicht“ ein echter Pageturner, der seine Geschichte in einer angenehmen Länge straff erzählt. Da ist kein Wort zu viel, und es gibt auch keine länglichen Passagen, die man am liebsten überblättern würde.
Für langjährige Frank-Göhre-Fans enthält „Geile Meile“, außer dem Essay „Es war einmal St. Pauli“ und der dreiseitigen Nachbemerkung, nichts neues. Nach „Die Kiez-Trilogie“, der seine Romane „Der Schrei des Schmetterlings“ (1986), „Der Tod des Samurai“ (1989) und „Der Tanz des Skorpions“ (1991) über die Organisierte Kriminalität in Hamburg, vor allem in St. Pauli, enthält und die als düstere, semidokumentarische Noirs das Kernstück des Frank-Göhre-Kults sind, sind in „Geile Meile“ zwei Romane, zwei Novellen und das eben erwähnte Essay enthalten.
Es sind der unmittelbar nach den drei St.-Pauli-Romanen entstanden „Short Cuts“-ähnlichen Roman „St. Pauli Nacht“, in dem Göhre anhand mehrerer vollkommen unterschiedlicher Menschen, die sich höchstens zufällig begegnen, in knappen Szenen von einer normalen Nacht auf der Vergnügungsmeile erzählt. Sönke Wortmann verfilmte das Buch mit Starbesetzung durchaus gelungen.
„Zappas letzter Hit“ führt zehn Jahre nach den Ereignissen von „Der Tanz des Skorpions“ die Geschichte der damals wichtigen und überlebenden Protagonisten fort, bildet einen Epilog zur Kiez-Trilogie und ist auch ein Abgesang auf ein St. Pauli, das es nicht mehr gibt. Außerdem porträtiert der Roman die Hamburger Stadtpolitik vor über einem Jahrzehnt und kann daher inzwischen schon als historischer Roman gelesen werden.
„Rentner in Rot“ und „Der letzte Freier“ sind zwei Novellen, in denen Hauptkommissar Jörg Fedder, den wir unter anderem aus den Kiez-Romane kennen, auf Mördersuche geht. Einmal wurde eine Rentnerin ermordet, einmal eine Prostituierte.
„Es war einmal St. Pauli“ ist ein 24-seitiges Essay in dem Frank Göhre sich mit den Spielfilmen „Polizeirevier Davidwache“ (1964), „Der Engel von St. Pauli“ (1969) und „Zinksärge für die Goldjungen“ (1973) von Jürgen Roland und den zahlreichen Verbindungen zwischen den Filmen und der Realität beschäftigt.
Für Noch-nicht-Frank-Göhre-Fans ist „Geile Meile“, die Ideen und Themen der Kiez-Trilogie fortführt, natürlich ein guter Einstieg in sein Werk, das inzwischen fast vollständig bei Pendragon vorliegt. Wobei ich „Zappas letzter Hit“ erst nach der Kiez-Trilogie lesen würde.
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Frank Göhre: Geile Meile
Pendragon, 2013
512 Seiten
14,99 Euro
–
enthält
Zappas letzter Hit
Pendragon, 2006
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St. Pauli Nacht
rororo, 1993
(danach mehrere, teilweise bearbeitete Neuveröffentlichungen mit unterschiedlichem Bonusmaterial)
Wahrscheinlich ist Donald Ray Pollock ein absolut angenehmer Zeitgenosse, der nichts mit den in seinen Geschichten geschilderten Charakteren gemein hat. Denn diese sind nicht besonders angenehme Zeitgenossen: Mörder, Schläger, Drogensüchtige und oft auch noch geistig minderbemittelt, übergewichtig und, auch wenn sie erst Zwanzig sind, vom Leben mehr gezeichnet als manche Vierzigjährige. Also Menschen, um die man im normalen Leben einen möglichst großen Bogen macht und man, nach einer Begegnung mit ihnen, egal wie verkorkst das eigene Leben ist, sich besser fühlt, weil es einem ja doch nicht so schlecht geht.
Seine Geschichten spielen in Ohio, meisten in und um den Ort Knockemstiff, den es wirklich gibt, in dem Pollock am 23. Dezember 1954 geboren wurde und der heute eine Geisterstadt ist. In Pollocks Geschichten, die oft nur rudimentär datiert sind, gibt es ihn noch. Aber die Realität ist auch eine schöne Spiegelung der Fiktion, in der Knockemstiff zu einem mythologischen Ort wird, in dem der amerikanische Traum nie geträumt wurde. Außerdem bewegen Pollocks Charaktere sich wie Geister durch die Welt. Teils weil sie auf Drogen sind. Teils weil sie von anderen Menschen nicht wahrgenommen werden wollen oder einfach übersehen werden.
In seinem Debütroman „Das Handwerk des Teufels“ schreibt er über ein Killerpärchen, das in den Sechzigern während ihrer Urlaube Tramper ermordet. Über einen jähzornigem Jungen, der den Tod seiner Mutter in einer Art religiösen Wahn erlebt, danach bei liebevollen Pflegeeltern großgezogen wird und der Konflikte am Liebsten mit seiner Faust löst. Auch als seine Quasi-Schwester von einem Pfarrer geschwängert wird. Über zwei seltsame Reisende mit einer religiösen Variete-Show, die sich das finanzielle Grundkapital dafür besorgten, indem sie die Ehefrau des einen ermordeten. Da wird ein korrupter Sheriff schon fast zum Sympathieträger und für alle ist Mord ein einfaches Mittel, um Probleme zu lösen oder einfach seinen Spaß zu haben.
Der Roman ist eigentlich eine Sammlung von miteinander verbundenen Kurzgeschichten und Episoden, die zwischen dem Ende des zweiten Weltkriegs und dem Ende der sechziger Jahre, als die Gegenkultur auch im ländlichen Ohio ankam, spielt. Denn Pollock springt zwischen den verschiedenen Handlungssträngen hin und her, die nur durch den Handlungsort Knockemstiff miteinander verbunden sind und verbindet sie am Ende eher gewollt miteinander. Als traditioneller Kriminalroman ist „Das Handwerk des Teufels“, trotz dem Deutschen Krimipreis, enttäuschend. Als Noir, als dunkle Vision des Menschseins ist das gelungen.
In seiner ersten Buchveröffentlichung „Knockemstiff“, einer Sammlung von achtzehn Kurzgeschichten, die zwischen den Sechzigern und der Jahrtausendwende spielen, erzählt er Geschichten aus Knockemstiff, das hier deutlich als Metapher für eine Gesellschaft am Ende steht und man den Eindruck hat, dass es überall besser als in Knockemstiff ist. Trotzdem will keiner von Donald Ray Pollocks Charakteren Knockemstiff verlassen. Vielleicht weil sie, obwohl allesamt keine Geistesgrößen, wissen, dass Knockemstiff überall ist und sie nicht vor sich selbst flüchten können.
Harbourfront Hamburg – Stückgutfrachter MS Bleichen (Australiastraße, Hansahafen/Bremerkai, 20457 Hamburg – das klingt doch nach einem ungewöhnlichem Ort)