Die Femme „Fatale“ hat „Den Tod im Nacken“ und das Dreamteam Ed Brubaker/Sean Phillips an ihrer Seite

März 10, 2013

Brubaker - Fatale 1

Bei dem Cover, eine dunkelhaarige Schönheit mit einer Pistole, und dem Wort „Fatale“ denken wir selbstverständlich sofort an Femme Fatale und bei einem Blick auf die Macher, Autor Ed Brubaker und Zeichner Sean Phillips, denken wir an die grandiosen Noir-Serien „Sleeper“, „Criminal“ und „Incognito“ und wissen, dass „Fatale“ nicht schlecht sein kann.

Allerdings hat es mich auch nicht so begeistert wie die eben genannten Werke. Das kann daran liegen, dass das Noir-Horror-Crossover „Fatale“ sich etwas unglücklich zwischen den in sich abgeschlossenen „Criminal“-Geschichten und einer längeren Geschichte, wie „Sleeper“, positioniert. Denn „Fatale“ war zuerst als abgeschlossene Serie konzipiert und wurde dann, wegen des Erfolgs, zu einer On-Going-Serie, also einer Serie, bei der unklar ist, wann sie endet.

Doch der Reihe nach. „Fatale“ beginnt in der Gegenwart bei einer Beerdigung. Nicolas Lash trifft noch am Grab von Dominic Raines, einem erfolgreichen Pulp-Autor, Jo. Die dunkelhaarige Schönheit behauptet, ihre Großmutter habe Raines gekannt. In einer Rückblende, die 1956 in San Francisco spielt und sich an einem unveröffentlichtem Manuskript von Raines orientiert und den größten Teil des ersten „Fatale“-Bandes „Den Tod im Nacken“ ausmacht, wird erzählt, wie Raines, der damals noch als Reporter arbeitete, an einer großen Story dran war. Der verheiratete Familienvater will den korrupten Polizisten Walt Booker und dessen Partner, von denen einer einen Zeugen getötet hat, in einer großen Reportage überführen. Seine Quelle ist die dunkelhaarige Josephine, die Jo wie aus dem Gesicht geschnitten ähnelt, und die Bookers Freundin ist. Auch Raines ist von ihr verhext.

Gleichzeitig versuchen Booker und sein Partner einen bestialischen Mehrfachmord mit okkultem Hintergrund zu klären.

Die immer gleich jung aussehende Josephine verbirgt etwas, das im ersten „Fatale“-Sammelband „Den Tod im Nacken“, der die ersten fünf „Fatale“-Hefte umfasst, noch nicht enthüllt wird, obwohl wir es uns denken können. Vor allem wenn einige übernatürliche Kreaturen auftauchen.

Für meinen Geschmack springt Ed Brubaker etwas zu sehr zwischen den verschiedenen Zeitebenen und, in der Vergangenheit zu sehr zwischen den verschiedenen Erzählperspektiven. Denn zuerst glauben wir, dass wir die 1956 in San Francisco spielenden Ereignisse aus der Sicht von Raines‘ unveröffentlichtem Manuskript erfahren. Aber dann wechselt Brubaker die Perspektive und wir erfahren immer mehr Dinge, die Raines nicht wissen kann. Außerdem bleibt der übernatürliche Hintergrund in Richtung H. P. Lovecraft noch zu unscharf, um wirklich zu überzeugen. Daran ändern auch die gewohnt atmosphärischen Panels von Sean Phillips nichts.

Ed Brubaker/Sean Phillips: Fatale: Den Tod im Nacken (Band 1)

(übersetzt von Claudia Fliege)

Panini, 2013

140 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe

Fatale # 1 – 5

Image, Januar – Mai 2012

 

Hinweise

“A Criminal Blog” (über “Criminal”)

Homepage von Ed Brubaker

Blog von Sean Phillips

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips” “Criminal 1 – Feigling” (Criminal 1: Coward, 2007)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Criminal 2 – Blutsbande” (Criminal 2: Lawless, 2007)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Criminal 3 – Grabgesang“ (Criminal 3: The Dead and the Dying, 2008)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Criminal 4 – Obsession“ (Criminal Vol. 4: Bad Night, 2009)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Criminal 5 – Sünder“ (Criminal: The Sinners, 2010)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips‘ „Criminal 6 – Unschuld“ (Criminal: The Last of the Innocent, Vol. 1 – 4, 2011)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Colin Wilsons “Point Blank” (Point Blank, 2003)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Sleeper 1 – Das Schaf im Wolfspelz” (Sleeper: Out in the cold, 2003)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Sleeper 2 – Die Schlinge zieht sich zu” (Sleeper: All false moves, 2004)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Sleeper 3 – Die Gretchenfrage“ (Sleeper 3: A crooked line, 2005)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Sleeper 4 – Das lange Erwachen“ (Sleeper 4: The long walk home, 2005)

Meine Besprechung von Ed BrubakerSean Phillips’ „Incognito 1 – Stunde der Wahrheit“ (Incognito, 2008/2009)

Meine Besprechung von Ed Brubaker (Autor)/Sean Phillips (Zeichner) „Incognito 2: Schlechter Einfluss“ (Incognito: Bad Influences, Vol. 1 – 5, 2010/2011)

Ed Brubaker in der Kriminalakte

Comic Book Resources: Interview mit Ed Brubaker über „Fatale“ (8. Mai 2012)

 


Akademisches Fanbuch

März 9, 2013

Wahl HRSG - Im Angesicht des Fernsehens

Auf dieses Buch habe ich lange gewartet.

Naja, fast. Denn „Im Angesicht des Fernsehens“, herausgegeben von Chris Wahl, Jesko Jockenhövel, Marco Abel und Michael Wedel beschäftigt sich zwar mit dem Regisseur Dominik Graf und analysiert auch, wie ein Blick in das Inhaltsverzeichnis zeigt, seine Filme:

Ich bedauere viele Dinge“ – Interview mit Dominik Graf

Chris Wahl: Dominik Grafs Karriere als Filmemacher zwischen Kino und Fernsehen – Eine Einführung

Judith Früh: „Lächerlicher kleiner Sensibilist“ – Dominik Graf an der HFF München

Marco Abel: Sehnsucht nach dem Genre – „Die Sieger“ von Dominik Graf

Sarah Kordecki: „Das unsichtbare Mädchen“ als „ultimativer Heimatfilm“? – Von Landschaftsthrillern, Heimatkomödien und Provinzdramen

Jesko Jockenhövel: Von Morlocks und Kakadus – Deutsch-deutsche Gesellschaftspolitik in den Filmen von Dominik Graf

Michaela Krützen: „Der Fahnder“, 2011 gesehen

Felix Lenz: Urelemente und Milieu – Die Coming-of-Age-Filme von Dominik Graf

Julian Hanich: Des Knaben wunder Zorn – Über das Motiv des Vater-Sohn-Konflikts in Dominik Grafs „Der Skorpion“

Daniel Eschköter: Außer Fassung – Drei Firmen-Familien-Melodramen: „Bittere Unschuld“, „Deine besten Jahre“, „Kalter Frühling“

Brad Prager: Gegenspieler und innere Dämonen – Dominik Grafs „Im Angesicht des Verbrechens“

Chris Wahl: Stilistische Muster in den Filmen von Dominik Graf – Off-Kommentar, Zwischenbild, Freeze Frame und transparente Reflexion

Tobias Ebbrecht: Geschichte im Transit – „Bei Thea“ oder: Orte, die in die Vergangenheit hineinziehen

Laura Frahm: Urbane Archäologie – Kartografie und Geschichte in „Das Wispern im Berg der Dinge“ und „München – Geheimnisse einer Stadt“

Jaimey Fisher: „Die Ehrlichkeit der Stadt“ – Skalierungen in Dominik Grafs und Martin Gressmans „Der Weg, den wir nicht zusammen gehen“

Chris Wahl: Kommentierte Filmografie

Das sieht doch ganz gut aus. Aber die Aufsätze sind von Wissenschaftlern geschrieben, die sich um eine entsprechend dröge wissenschaftliche, aber lesbare Sprache bemühen, die Bezüge und Vergleiche in einigen Aufsätzen sind weit hergeholt und der wissenschaftlichen Praxis des Vergleichens geschuldet. Die „Kommentierte Filmographie“ ist nur eine ziemlich knapp gehaltene Filmographie. Dafür ist die Bibliographie der von Dominik Graf geschriebenen Texte angenehm umfangreich geraten. Es werden nicht nur die im Buch zitierten Texte genannt und sie dürfte alle seine publizierten Texte umfassen.

Im Angesicht des Fernsehens“ ist insgesamt ein informatives und auch sehr lesenswertes Buch, aber mein Traumbuch über Dominik Graf würde sich an den bewährten Filmbüchern, die wir aus dem Carl Hanser Verlag, Bertz + Fischer und Heyne (vor allem die Bücher, die sich an der Hanser Reihe Film orientierten) kennen, orientieren: ein Interview mit Dominik Graf, eine Zusammenstellung von Zitaten von Dominik Graf, einige Einzelanalysen zu ausgewählten Filmen und Aspekten seines Werkes (gut, das ist „Im Angesicht des Fernsehens“ enthalten) und, das fehlt, eine kritische Vorstellung von jedem seiner Filme.

Denn im „Im Angesicht des Fernsehens“ ist ein akademisches Fanbuch, bei dem die Autoren gar nicht ernsthaft auf den Gedanken kommen, dass Graf auch einen schlechten Film inszenieren könnte. Hier reiht sich quasi ein Meisterwerk an das nächste.

Chris Wahl/Jesko Jockenhövel/Marco Abel/Michael Wedel (Hrsg.): Im Angesicht des Fernsehens – Der Filmemacher Dominik Graf

edition text + kritik, 2012

356 Seiten

26 Euro

Hinweise

Meine Besprechung von Dominik Grafs „Schläft ein Lied in allen Dingen“

Meine Besprechung der von Dominik Graf inszenierten TV-Serie  „Im Angesicht des Verbrechens“

Meine Besprechung von Johannes F. Sieverts Interviewbuch „Dominik Graf – Im Angesicht des Verbrechens: Fernseharbeit am Beispiel einer Serie“

Dominik Graf in der Kriminalakte

 


Neu im Kino/Filmkritik: Walter Hill meldet sich mit „Shootout – Keine Gnade“ zurück

März 8, 2013

Schon die ersten Minuten, mit den nächtlichen Bildern von New Orleans, den satten, nach Ry Cooder klingenden Gitarren (und dabei ist die Musik von Steve Mazzaro) und dem eingeblendeten Schriftzug „Regie: Walter Hill“, zeigen, wohin die Reise geht: in die Vergangenheit, als Walter Hill – soviel Geschichte muss sein – mit Genrefilmen wie „Driver“ (The Driver, USA 1978), „Die Warriors“ (The Warriors, USA 1979), „Die letzten Amerikaner“ (Southern Comfort, USA 1981), „Nur 48 Stunden“ (48 Hrs., USA 1982), „Straßen in Flammen“ (Streets of Fire, USA 1984), „Ausgelöscht“ (Extreme Prejudice, USA 1987), „Red Heat“ (Red Heat, USA 1988), dem ebenfalls in New Orleans spielenden Noir „Johnny Handsome“ (Johnny Handsome, USA 1989) und „Last Man Standing“ (Last Man Standing, USA 1996) das Action-Genre bestimmte. Sein letzter Spielfilm „Undisputed – Sieg ohne Ruhm“ (Undisputed, USA 2002) liegt schon über zehn Jahre zurück und erlebte hier nur eine DVD-Premiere.

Mit „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ (Alien, GB/USA 1979), den er mitproduzierte, und, auch wenn sein Anteil am Film teilweise kleiner als der Credit waren, den Drehbüchern für Sam Peckinpahs Jim-Thompson-Verfilmung „Getaway“ (The Getaway, USA 1972), John Hustons Desmond-Bagley-Verfilmung „Der Mackintosh-Mann“ (The Mackintosh Man, USA 1973) und Stuart Rosenbergs Ross-Macdonald-Verfilmung „Unter Wasser stirbt man nicht“ (The drowning Pool, USA 1975) hinterließ er weitere Spuren im Genrekino.

In den letzten Jahren war er, im TV, in die Western-Serie „Deadwood“ involviert und drehte den dreistündigen, unter anderem für 16 Emmys nominierten TV-Western „Broken Trail“.

Jetzt kehrt der 71-jährige wieder ins Kino zurück mit einem Action-Thriller, der nahtlos an seine Buddy-Filme aus den Achtzigern anknüpft: In New Orleans verschont der Profikiller Jimmy Bobo (Sylvester Stallone) bei einem Auftrag eine zufällig anwesende Zeugin. Kurz darauf wird sein Partner ermordet und aus Washington fliegt der junge Detective Taylor Kwong (Sung Kang) nach New Orleans. Denn Bobos Opfer war ein Ex-Polizist und Partner von Kwong. Der alte Killer und der junge, sehr gesetzestreue Polizist schließen eine Zweckallianz, weil sie herausfinden wollen, wer den Mord beauftragte. Dabei stoßen sie auf den skrupellosen Immobilienhai Nkomo Morel (Adewale Akinnuoye-Agbaje), dessen schmierigen Adlatus Marcus Baptiste (Christian Slater) und den von ihm beauftragten rücksichtslosen Auftragkiller Keegan (Jason Momoa), der Bobo und Kwong umbringen soll.

Diese überschaubare Geschichte erzählt Walter Hill in seinem gewohnt ökonomischen Stil, in dem die einzelnen Szenen die Geschichte bis zum finalen Aufeinandertreffen der Gegner vorantreiben, die Charaktere sich aus ihren aktuellen Taten und nicht aus episch langen Erzählungen über ihr bisheriges Leben erschließen und er noch einmal seine bekannten Themen und Obsessionen präsentiert.

Das ist nichts neues, sondern eine Wiederbelebung der von ihm vor allem in den Achtzigern gedrehten Action-Filme. In den Neunzigern wandte er sich, auch wenn er alle seine Filme letztendlich als Quasi-Western sieht, dem Western zu. Natürlich knüpft Walter Hill auch in seinem neuesten Film an das klassische Hollywoodgenrekino und alte Erzähltugenden an, die vor ihm schon Regisseure wie John Ford, Howard Hawks, Raoul Walsh, Anthony Mann, Don Siegel und Sam Peckinpah hoch hielten.

Mit dem aktuellen Action-Kino hat das nichts zu tun. Wie Don Siegel in dem Spätwestern „Der letzte Scharfschütze“ (The Shootist, USA 1976), dem letzten Spielfilm von John Wayne, fasst er einfach noch einmal die Genretopoi zusammen, untersucht sie und bestätigt sie. Und wie Don Siegel in seinem Film alte Aufnahmen von John Wayne verwandte, verwendet Walter Hill in „Shootout – Keine Gnade“ bei den Polizeifotos alte Bilder von Sylvester Stallone.

Shootout – Keine Gnade“ ist in jedem Fall ein gelungenes Alterswerk, das den Bogen zu seinem Debütfilm schlägt. Denn der Schlusskampf des komplett in und um New Orleans gefilmten Films ist in dem leerstehenden Kraftwerk an der Market Street, in dem Hill auch Szenen für „Ein stahlharter Mann“ (Hard Times, USA 1975), einem während der Wirtschaftskrise spielendem Boxerdrama mit Charles Bronson, drehte.

Shootout - Plakat

Shootout – Keine Gnade (Bullet to the Head, USA 2013)

Regie: Walter Hill

Drehbuch: Alessandro Camon

LV: Alexis Nolent: Du plomb dans la tête (Graphic Novel)

mit Sylvester Stallone, Sung Kang, Sarah Shahi, Adewale Akinnouye-Agabje, Christian Slater, Jon Seda, Jason Momoa

Länge: 91 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Film-Zeit über „Shootout – Keine Gnade“

Metacritic über „Shootout – Keine Gnade“

Rotten Tomatoes über „Shootout – Keine Gnade“

Wikipedia über „Shootout – Keine Gnade“ (deutsch, englisch)

Walter Hill in der Kriminalakte

Buchtipp

Ritzer - Walter Hill

Ein amerikanischer Filmemacher, ein amerikanischer Künstler. Walter Hill zählt zu den zentralen Protagonisten im US-Genre-, aber auch Autoren-Kino, seit nunmehr über dreißig Jahren. Heute finden seine Filme zwar noch immer regelmäßig Eingang in Kinos, Videotheken oder TV, gelten oft aber als anachronistisch. Dabei gehörte Hill noch in den 1980er Jahren nicht nur zu den kommerziell erfolgreichsten, sondern auch zu den von der intellektuellen Filmkritik am enthusiastischsten gewürdigten Regisseuren: als ‚einzigartiger Stilist und großer Erzähler‘. Umso erstaunlicher mutet es an, dass über die Jahre hinweg weder im englischen respektive amerikanischen Sprachraum eine umfassende Werkanalyse seiner Filme entstanden ist“, schreibt Ivo Ritzer am Anfang von „Walter Hill – Welt in Flammen“, seiner umfassenden Studie über Walter Hill, die diese Lücke schließt. Auf knapp dreihundert Seiten (wobei die kleine Schrift über die Länge der Arbeit täuscht) analysiert er jeden von Hills Filmen, seinen Stil und verortet sein Werk zwischen Autoren- und Genre-Kino.

Ein feines Buch und eine gute Ergänzung zu seinem neuesten Film „Shootout – Keine Gnade“.

Ivo Ritzer: Walter Hill – Welt in Flammen (Deep Focus 2)

Bertz + Fischer, 2009

288 Seiten

25 Euro

Hinweise

Seite von Ivo Ritzer

Meine Besprechung von Ivo Ritzers „Fernsehen wider die Tabus“ (2011)


Robert Kirkman zwischen dem „Dieb der Diebe“ und dem „Walking Dead“

März 3, 2013

Kirkman - Dieb der Diebe 1Kirkman - The Walking Dead 16

Schläft der gute Mann eigentlich nie? Robert Kirkman schreibt nicht nur die grandiose monatliche Comicserie „The Walking Dead“, sondern ist auch in die sehr erfolgreiche TV-Serie involviert und wacht über das expandierende „The Walking Dead“-Universum. Dann erfand er mit Todd McFarlane („Spawn“) „Haunt“ und schrieb und schreibt in anderen Serien mit.

Aber das scheint ihm nicht zu reichen.

Denn im Februar 2012 erschien in den USA das erste Heft von „Thief of Thieves“. Der erste „Thief of Thieves“-Story-Arc umfasste sieben Hefte, die jetzt liegt als „Dieb der Diebe: ‚Ich steige aus’“ auf Deutsch vorliegen. Held der Kriminalgeschichte ist, – wir ahnen es -, ein Dieb. Ein besonders guter Dieb, der sich Redmond nennt und als Conrad Paulson ein bürgerliches Leben führt. Jetzt will er sein Leben als Verbrecher beenden, aber sein Sohn landet nach einem schlecht geplanten Diebstahl im Gefängnis, eine FBI-Agentin macht ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen sollte und seine alten Verbündeten planen einen neuen, großen Diebeszug.

Und mehr will ich nicht verraten, weil „Dieb der Diebe“ zwar zunächst etwas verwirrend zwischen den verschiedenen Handlungssträngen hin- und herspringt und die Diebe und Polizisten sich emsig in der Disziplin Verrat, Doppelverrat und Trippelverrat (mindestens!) üben und normalerweise gleich mehrere Ablenkungsmanöver planen. Am Ende wird alles hübsch aufgedröselt und fügt sich schön zusammen.

Mit „Ich steige aus“ hat eine neue, gute Gangsterkrimiserie die Comicwelt betreten. Denn selbstverständlich steigt Redmond nicht endgültig aus. Dann wäre ja die Serie vorbei, bevor sie richtig beginnt.

Außerdem nähert sich „The Walking Dead“ langsam auch in Deutschland der Nummer 100. In dem neuesten „The Walking Dead“-Sammelband „Eine größere Welt“ sind die Hefte 91 bis 96 enthalten. In den USA ist bereits Heft 107 erschienen.

Inzwischen haben Rick Grimes und seine Gefährten sich in Alexandria häuslich niedergelassen. Aber sie fragen sich, wie es weitergehen soll. Da taucht ein Fremder auf, der sich Jesus nennt. Rick Grimes ist misstrauisch, aber nachdem der sich betont sanftmütig gebende, aber kampferprobte Jesus einige Chancen für Angriffe auf ihn und die Gemeinschaft verstreichen ließ und die Lebensmittel in Alexandria nur für eine überschaubare Zeit reichen, beschließt er, trotz der schlechten Erfahrungen, die sie vor längerer Zeit mit dem Governeur von Woodbury gemacht hatten (siehe die Sammelbände 5 bis 8), seinem Angebot zu folgen. Denn Jesus ist der Kundschafter für eine Gemeinschaft, in der zweihundert Menschen leben und die sich einfach, nach ihrer Lage, die Anhöhe nennt, und die gerne auch mit ihnen zusammenarbeiten würde. Inzwischen treibt die Anhöhe schon mit einigen anderen Enklaven Handel und das könnte der Nukleus für eine neue, größere Welt, für eine neue Gesellschaft, sein.

Rick Grimes, Andrea, Michonne, Glenn und Carl Grimes (der sich im Auto versteckt) mache sich auf den Weg zu einem ersten Besuch der Anhöhe.

Nachdem Rick Grimes und seine Gefährten in den vergangenen „The Walking Dead“-Bänden immer am eigenen Überleben interessiert waren und daher auch immer in einer entsprechend verschworenen Gemeinschaft lebten, hatte sich mit dem Eintreffen in Alexandria bereits ein Wechsel abgezeichnet. Dort konnten sie in einer größeren Gemeinschaft überleben. In „Eine bessere Welt“ zeichnet sich der Beginn einer neuen Gesellschaft ab.

Das ist einerseits eine neue Wendung in der „The Walking Dead“-Geschichte (immerhin wird vom Wunsch nach Überleben in den Wunsch nach dem Aufbau einer Gemeinschaft und damit Gesellschaft gewechselt), andererseits folgt das auch dem schon in den vorherigen Büchern angedachtem großen Handlungsbogen, der eine Siedlergeschichte erzählt. Vom Überleben in einer feindlichen Umwelt (ersetzt die Zombies durch Indianer) über Rückzüge in Forts, gute und schlechte Erfahrungen mit anderen Gruppen und der Erkenntnis, dass letztendlich der Mensch des Menschen größter Feind ist, hin zu einer viele Menschen umfassenden Gesellschaft. Von einem Recht des Stärkeren hin, oder wieder zurück, zu einem Recht des Gesetzes.

Ob und wie Robert Kirkman diesem Pfad folgt, wird in den nächsten „The Walking Dead“-Bänden erzählt.

Robert Kirkman/Nick Spencer (Autoren)/Shawn Martinbrough (Zeichner): Dieb der Diebe: „Ich steige aus“ (Band 1)

(übersetzt von Marc-Oliver Frisch)

Panini, 2013

156 Seiten

16, 95 Euro

Originalausgabe

Thief of Thieves # 1 – 7

Skybound/Image, Februar – August 2012

Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburn: The Walking Dead: Eine größere Welt (Band 16)

(übersetzt von Marc-Oliver Frisch)

Cross Cult, 2012

144 Seiten

16 Euro

Originalausgabe

The Walking Dead, Vol. 16: A larger world

Image 2012

(enthält # 91 – 96)

Hinweise

Offizielle „The Walking Dead“-Seite

Wikipedia über „The Walking Dead“ (deutsch, englisch)

AMC-Blog zu „The Walking Dead“

„The Walking Dead“-Fanseite

„The Walking Dead“-Wiki

Spiegel Online: Interview mit Charlie Adlard (21. Oktober 2011)

Kriminalakte: Meine Gesamtbesprechung der ersten zehn „The Walking Dead“-Bände

 Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead 11: Jäger und Gejagte“ (The Walking Dead Vol. 11: Fear the hunters)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead 12: Schöne neue Welt“ (The Walking Dead Vol. 12: Life among them)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead 13: Kein Zurück“ (The Walking Dead Vol. 13: Too far gone, 2011)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead 14: In der Falle“ (The Walking Dead Vol. 14: No way out, 2011)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns “The Walking Dead 15: Dein Wille geschehe” (The Walking Dead Vol. 15: We find ourselves, 2012)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Tony Moore/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead – Die Cover, Volume 1“ (The Walking Dead: The Covers, Vol. 1, 2010)

Meine Besprechung der TV-Serie „The Walking Dead – Staffel 1“ (USA 2010)

Meine Besprechung der TV-Serie „The Walking Dead – Staffel 2“ (USA 2011/2012)

Kriminalakte: das Comic-Con-Panel zur TV-Serie

“The Walking Dead” in der Kriminalakte 

Meine Besprechung von Todd McFarlane (Tusche, Co-Creator)/Robert Kirkman (Autor, Co-Creator)/Ryan Ottley (Zeichner)/Greg Capullo (Zeichner) „Haunt – Band 1“ (Haunt, Vol 1 – 5, 2010)

Meine Besprechung von Todd McFarlane (Tusche, Co-Creator)/Robert Kirkman (Autor, Co-Creator)/Greg Capullo (Zeichner) „Haunt – Band 2“ (Haunt, Vol. 6 – 12, 2010)

Meine Besprechung von Todd McFarlane (Tusche, Co-Creator)/Robert Kirkman (Autor, Co-Creator)/Greg Capullo (Zeichner) “Haunt – Band 3″ (Haunt, Vol. 13 – 18, 2011)

 

 


„Tough Sh*t“ von „Clerks“-Regisseur Kevin Smith über „Cop Out“, „Red State“ und den ganzen Rest

März 1, 2013

Die Fans von Kevin Smith, dem Regisseur von den typischen Kevin-Smith-Filmen „Clerks“, „Chasing Amy“, „Dogma“, seinem Hollywood-Mainstream-Debüt „Cop Out“ und seinem Quentin-Tarantino-Film „Red State“, haben „Tough Sh*t“ sicher schon gekauft.

Die anderen sollten die folgenden Zeilen über diese Mischung aus Autobiographie, Erlebnissen und ausführlichen Betrachtungen über Dies und Das lesen. Denn „Tough Sh*t“ liest sich wie eine eher lieblos-hastige Zusammenstellung von einigen, kaum zusammenpassenden Texten. So hätte ich nach dem ersten Kapitel „Na, dann wollen wir mal loslegen, oder, Leute?!“ am liebst gleich wieder aufgehört. Aber ich hatte in der U-Bahn nur dieses Buch dabei. Denn Kevin Smiths Eloge an seinen Vater und wie toll es ist, dass er der Sohn seiner ganz tollen Eltern ist, und dass er schon ein Gewinner ist, weil er überhaupt auf die Welt gekommen ist, ist letztendlich nur ein Stück Pennälerhumor der unwitzigen Sorte, die sich darin gefällt, möglichst oft „Wichse“ zu sagen und das für witzig hält.

Danach folgen die besten Kapitel des Buches. In „Was sind eigentlich Pig Newtons? Oder wie die ganze Kiste ins Rollen kam“ erzählt er von seinem ersten Kinobesuch in New York, die Premiere von „The Dark Backward“ von Adam Rifkin im Kultkino Angelika, und dass er dadurch und vor allem Richard Linklaters „Slackers“ das Vertrauen bekam, selbst Regisseur zu werden. Er fasst in „Scheiß, der auf meinen Mist gewachsen ist“ kurz seine Filme zusammen. Das ist okay, aber auch nicht viel tiefgründiger als ein Wikipedia-Artikel. Er erzählt unter anderem in „Miramaxtiere und so Scheiß“, aber auch in jedem Kapitel, das sich mit seinen Filmen beschäftigt, von seinen Jahren bei Miramax und was für ein Denken in der Firma der Weinstein-Brüder herrschte. In „Scheiße, ich dreh durch“ erzählt er von „Zack and Miri make a Porno“, der Werbekampagne für den Film (Hach, in Amiland kann man schon mit einem Titel für gewaltige Wellen sorgen.) und wie er von Warner-Brothers-Manager Jeff Robinov das Angebot erhielt, einen Film zu drehen. Es wurde „Cop Out“.

In „Was redest du da eigentlich, Willis? Und anderer Scheiß, den ich erst nach zwanzig Jahren geschnallt habe“ erzählt er von den katastrophalen Dreharbeiten für den Buddy-Copfilm „Cop Out“. Dabei rechnet er gnadenlos mit Bruce Willis ab, der bei den Dreharbeiten wohl nur sein Star-Ego heraushängen ließ (In einem Interview mit Empire bestätigte John Moore das durch die Blume, indem er sagte, dass man Mick Jagger ja auch nicht sage, wie er sich auf der Bühne zu bewegen habe. Man stelle einfach die Kamera in die richtige Position.).

Den größten Teil des Buches, nämlich siebzig Seiten, widmet Kevin Smith seinem neuesten und, wie er im Buch sagt, auch letzten Film „Red State“. Er erzählt von den Dreharbeiten, der Premiere in Sundance (lästert dabei Til-Schweiger-würdig über die Filmjournalisten ab) und dem Screening bei Quentin Tarantino, der von „Red State“ begeistert war.

Die restlichen hundertdreißig Seiten wird es wieder uninteressanter. Jedenfalls für den Filmfan. Kevin Smith erzählt in „Der beschissenste Flug meines Lebens“ auf fast vierzig Seiten, wie er aus einem Flugzeug geworfen wird, weil er zu dick sei, in „Meine Frau ist der ganz heiße Scheiß“ wie er seine Frau Jenny Schwalbach kennenlernte , in „Scheiße labern“ wie er mit einem Podcast und Gesprächsabenden Geld verdient und in „Gras, Gretzky und wie ich meinen Scheiß auf die Reihe bekam“ über den bei uns gänzlich unbekannten Eishockeyspieler Wayne Gretzky.

Das lässt sich zwar flott weglesen, aber das Versprechen des Untertitel „Ein Fettsack mischt Hollywood auf“ wird nicht gehalten. Denn gerade seine Erlebnisse als Regisseur machen nur einen kleinen Teil von „Tough Sh*t“ aus. Der Rest sind x-beliebige Erlebnisse und persönliche Bekenntnisse und Einsichten, die doch arg banal sind.

Smith - Tough Shit - 2

Kevin Smith: Tough Sh*t – Ein Fettsack mischt Hollywood auf

(übersetzt von Daniel Müller)

Heyne Hardcore 2013

336 Seiten

16,99 Euro

Originalausgabe

Tough Sh*t – Life Advice from a fat, lazy Slob who did good

Gotham Books, 2012

Die Spielfilme von Kevin Smith

Clerks (1994)

Mallrats (1995)

Chasing Amy (1997)

Dogma (1999)

Jay and Silent Bob Strike Back (2001)

Jersey Girl (2004)

Clerks II (2006)

Zack and Miri make a Porno (2008)

Cop Out (2010)

Red State (2011)

Hinweise

Homepage von Kevin Smith

Wikipedia über Kevin Smith (deutsch, englisch)

Und jetzt noch einige Worte von Kevin Smith über Bruce Willis und die Dreharbeiten für „Cop Out“

 


Verfilmte Bücher: „Appaloosa“ ist „Appaloosa“

Februar 25, 2013

Parker - Appaloosa - Europa Verlag 2

Ich gebe zu: damit hatte ich vor einem Jahr nicht gerechnet. Dass bei uns mal wieder ein waschechter Westernroman veröffentlicht wird. Und dann auch noch als Hardcover. Jedenfalls hat der Europa Verlag, mit etwas Hilfe von Robert B. Parkers deutschem Verlag Pendragon, jetzt „Appaloosa“ veröffentlicht und ich kann einfach (aber nach kritischer Durchsicht und mit kleinen Änderungen) meine alte Besprechung von „Appaloosa“ reposten:

Obwohl Robert B. Parker in seinen erfolgreichen Romanen mit dem Privatdetektiv Spenser immer wieder Western-Motive aufgreift, wandte er sich erst 2001 dem Western zu. Da erschienen der Spenser-Roman „Potshot“, ein Quasi-Western, und „Gunman’s Rhapsody“ über Wyatt Earp, seine Liebe zu dem Revuemädchen Josie Marcus und wie es zu der Schießerei am O. K. Corral kam.

2005 folgte „Appaloosa“, der erste Roman mit Virgil Cole und Everett Hitch, die als Revolvermänner ihre Art von Recht und Gesetz durchsetzen. Denn gerade Coles Selbstrechtfertigung, dass er sich immer an das Gesetz halte, wenn er jemand erschieße und ihn das von anderen Revolvermännern, die für Geld jeden erschießen, wird immer fadenscheiniger, weil Cole sich nur an die von ihm propagierten Gesetze hält.

Jetzt werden sie nach Appaloosa gerufen. Dort erschoss der Ranchbesitzer Randall Bragg kaltblütig den City Marshal. Virgil Cole, der in der Vergangenheit bereits mehrere Städte mit Everett Hitch (der die Geschichte erzählt) befriedete, wird von den Stadtoberen als sein Nachfolger eingestellt. Als erstes hängt Cole seine Gesetze aus – und wer sich nicht an sie hält, wird, nachdem er freundlich darauf hingewiesen wurde, erschossen. Das bekommt auch Bragg zu spüren, den sie, nachdem ein Zeuge für den Mord an dem City Marshal auftaucht, verhaften.

Appaloosa“ nimmt selbstverständlich die bekannten Themen von Freundschaft, Ehre und Verantwortung auf, die wir aus Robert B. Parkers anderen Romanen kennen und die Gespräche zwischen Cole und Hitch sind gar nicht so weit entfernt von den Gesprächen zwischen Spenser und seinem skrupellosen Freund Hawk oder ihm und seiner Freundin Susan. Entsprechend vertraut klingen sie für langjährige Parker-Leser.

Die Geschichte liest sich wie ein Best-of der aus zahlreichen anderen Western bekannten Motive und Situationen. So verhaften Cole und Hitch Bragg, sperren ihn im Gefängnis ein, müssen das Gefängnis gegen die Gefolgsleute von Bragg verteidigen, Bragg wird später aus einem Zug befreit, es gibt eine Verfolgungsjagd durch die Wildnis, eine Belagerung von Indianern, ein Shoot Out in einem Kaff und Bragg, der später versucht, die Stadt mit seinem Geld zu kaufen.

Insofern überzeugt „Appaloosa“ durchaus als zünftiger Western, der den Eindruck hinterlässt, dass Robert B. Parker sich hier beim Schreiben etwas mehr Gedanken über die Handlung gemacht hat, als bei seinen letzten Spenser-Romanen: – was vielleicht auch daran liegt, dass „Appaloosa“, nachdem sie sich bei dem TV-Western „Monte Walsh“ (USA 2003) kennen lernten, als Drehbuch für einen Western mit Tom Selleck begann und, via Romanveröffentlichung, zu einem gelungenen Western mit Ed Harris, Viggo Mortensen, Renée Zellweger, Jeremy Irons und Lance Henriksen wurde, der dem Buch bildgewaltig ohne große Änderungen folgt.

Trotzdem hatte ich beim Lesen von „Appaloosa“ den Eindruck, dass mehr möglich gewesen wäre. So ist es nur ein flott zu lesender Western, in dem Robert B. Parker seine vertrauten Themen in einem anderen Setting behandelt.

Die ARD zeigt den Western „Appaloosa“ am Samstag, den 2. März, um 22.15 Uhr (Wiederholung einige Stunden später, nach dem ebenfalls sehenswertem Thriller „Spurlos – Die Entführung der Alice Creed“ um 02.40 Uhr).

Ihr habt also noch genug Zeit, vorher den Roman zu lesen.

Robert B. Parker: Appaloosa

(übersetzt von Emanuel Bergmann)

Europa Verlag AG Zürich, 2012

208 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Appaloosa

G. P. Putnam’s Sons, 2005

Verfilmung

Appaloosa (Appaloosa, USA 2008)

Regie: Ed Harris

Drehbuch: Robert Knott, Ed Harris

mit Ed Harris, Viggo Mortensen, Renée Zellweger, Jeremy Irons, Lance Henriksen

(Boston Film Festival: Preis für bester Film und bestes Drehbuch)

Hinweise

Homepage von Robert B. Parker

Mein Porträt der Spenser-Serie und von Robert B. Parker

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Die blonde Witwe“ (Widow’s walk, 2002)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Alte Wunden” (Back Story, 2003)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der stille Schüler“ (School Days, 2005)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der gute Terrorist“ (Now & Then, 2007)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Hundert Dollar Baby” (Hundred Dollar Baby, 2006)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Trügerisches Bild“ (Painted Ladies, 2010)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Bitteres Ende” (The Professional, 2009)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Wildnis“ (Wilderness, 1979)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Appaloosa“ (2005)

Mein Nachruf auf Robert B. Parker

Robert B. Parker in der Kriminalakte


Verfilmte Bücher: „Mein fahler Freund“ ist „Warm Bodies“

Februar 20, 2013

Marion - Mein fahler Freund - 2Marion - Warm Bodies - 2

Die Idee von Isaac Marions Debütroman „Mein fahler Freund“, jetzt sehr gelungen verfilmt als „Warm Bodies“, ist grandios: er erzählt eine Liebesgeschichte zwischen einem Zombie und einer Frau aus der Sicht des Zombies. Das ist vor allem am Anfang, wenn der Ich-Erzähler R (an mehr erinnert der Zombie sich nicht) aus dem Leben seiner Artgenossen auf dem Flughafen erzählt, witzig. Auf einem ihrer Raubzüge nach Nahrung (also quicklebendigen Menschen) in die nahe gelegene Stadt entdeckt er Julie und anstatt sie, wie es sich für einen guten Zombie gehört, gleich zu verspeisen, verliebt er sich in sie. Er kann sich nicht erklären, warum er das tut, aber Liebe ist ja auch ein ewiges Mysterium. Dass er vorher ihren Freund verspeiste, hat immerhin den angenehmen Nebeneffekt, dass er einiges über sie weiß, weil ein Zombie beim Verspeisen eines menschlichen Gehirns dessen Erinnerungen absorbiert, bis er auch sie, wie schon seine eigenen Erinnerungen, vergisst.

Er nimmt sie mit zum Flughafen und in sein Refugium, eine 747-Passagiermaschine. Dort kommen sie sich bei der Musik von Frank Sinatra näher und er bemerkt, dass sich irgendetwas bei ihm verändert. Und sie findet ihn auch ganz sympathisch.

Aber die Menschen und die Zombies sind gegen die Liebe von R und Julie. Die Menschen, weil sie wissen, dass alle Zombies menschenfressende, gefühllose Bestien sind, die schon lange tot sind und am Besten noch einmal, aber dieses Mal endgültig umgebracht werden; die Zombies, nun, die vergessen Julie ziemlich schnell. Jedenfalls wenn sie nicht zu sehr nach Mensch riecht. Aber nachdem R und Julie mit den Knochen (besonders biestige Untote) einen Streit beginnen, müssen sie den Flughafen verlassen. Sie machen sich auf den Weg zur Stadt, in der Julie versucht R vor ihrem Vater, einem fanatischen Zombiejäger, zu verstecken.

Dass die Liebesgeschichte von Romeo und Julia für „Mein fahler Freund“ Pate stand, ist offensichtlich und auch gar nicht so schlecht. Das verleiht dem Roman immerhin eine Grundspannung und die Frage, wie Isaac Martin das Liebespaar am Ende zusammen bekommt.

Allerdings, und das ist das Problem der ursprünglich als Kurzgeschichte erschienenen und dann auf Romanlänge erweiterten Geschichte, hätte man auch gerne mehr über das Leben der Menschen in der Festung und die Ursache der Zombie-Apokalypse erfahren. So bleibt sie nur der beliebige, trendige Hintergrund für eine Liebesgeschichte zwischen Angehörigen zweier verfeindeter Gruppen, die gerade nach dem ersten, auf dem Flughafen spielendem, Drittel zunehmend beliebig vor sich hin plätschert und in einem konfusen Showdown endet.

Die Filmemacher haben es wohl ähnlich gesehen. Jedenfalls veränderte Autor und Regisseur Jonathan Levine (All the Boys love Mandy Lane, 50/50) eben jenen Teil stark, aktualisierte die Musik für ein jüngeres Publikum und bewies ein gutes Gespür bei der Balance zwischen Sentiment, Witz und Action. „Warm Bodies“ ist eine herzerwärmende Zombie-Liebesgeschichte, die aufgrund der Essgewohnheiten der Untoten definitiv keine Schmonzette ist.

Der Kinostart ist am 21. Februar.

Isaac Marion: Mein fahler Freund

(übersetzt von Daniel Sundermann)

Hobbit Presse/Klett-Cotta, 2011

304 Seiten

19,95 Euro (Hardcover)

9,95 Euro (Taschenbuch, erscheint am 21. Februar unter dem Filmtitel „Warm Bodies“)

Originalausgabe

Warm Bodies

Atria Books, 2009

Verfilmung

Warm Bodies (Warm Bodies, USA 2013)

Regie: Jonathan Levine

Drehbuch: Jonathan Levine

mit Nicholas Hoult, Teresa Palmer, Analeigh Tipton, Rob Corddry, Dave Franco, John Malkovich, Cory Hardriot

Länge: 98 Minuten

Kinostart: 21. Februar 2013

Hinweise

Homepage von Isaac Marion

Deutsche Homepage zum Film

 

 


Verfilmte Bücher: „Der Hypnotiseur“ ist „Der Hypnotiseur“

Februar 18, 2013

Kepler - Der Hypnotiseur - 2

Schon bevor ich die erste Zeile lese, sprechen zwei gute Gründe gegen Lars Keplers Debüt „Der Hypnotiseur“:

Das Buch hat 656 engbedruckte Seiten. Für einen zünftigen Kriminalroman sind das oft einige Seiten zu viel.

Es ist im Präsens geschrieben – und genau wie bei einem 3D-Film reißt mich das immer wieder aus der Geschichte. Denn nur wenigen Autoren gelingt es, eine Geschichte flüssig im Präsens zu erzählen.

Während der Lektüre kommt noch ein weiterer Grund hinzu: die Konstruktion der Geschichte. Denn Lars Kepler gehört zur Stieg-Larsson-Schule des Erzählens: auf hunderten von Seiten verirren diese Autoren sich in belanglose Subplots, erzählen die weitgehend überflüssigen Backstories der Charaktere auf Dutzenden von Seiten und breiten, bevor sie jeden Einrichtungsgegenstand der Wohnungen liebevoll beschreiben, wirklich jeden Informationshappen, den sie irgendwann recherchierten, aus. Nur die Hauptgeschichte, also die Story, weshalb wir das Buch lesen, wird wie eine lästige Pflichtübung abgehandelt. Auch in „Der Hyponiseur“ ist die Tat schneller aufgeklärt, als ich „Pups“ sagen konnte.

Sie glauben es nicht?

Also: In Stockholm wird eine Familie bestialisch ermordet. Nur der fünfzehnjährige Sohn Josef Ek überlebt schwerverletzt und wird in ein Krankenhaus eingeliefert. Kommissar Joona Linna (ein echtes Genie, dessen der Wahrheit entsprechender, furchtbar rechthaberischer Trademark-Satz „Ich hatte Recht“ ist, was ihn entsprechend unsympathisch machen würde, wenn er nicht so fürchterlich blass wäre) überzeugt Erik Maria Bark, Experte für Traumabehandlung, den Sohn zu hypnotisieren. Linna hofft so, ein Bild von dem Täter zu bekommen, der vielleicht die Tochter der Familie, die an einem unbekannten Ort ist, auch ermorden will. In der Hypnose gesteht Ek die Tat. Wir sind jetzt auf Seite 89 von gut 640 Seiten – und ich fragte mich, ob das nicht ein falsches Geständnis ist.

Ist es aber nicht. Auf Seite 188 flüchtet Ek aus dem Krankenhaus. Auf seiner Flucht ermordet er eine Krankenschwester, flüchtet über einen Friedhof, hängt dabei die ihn verfolgende Staatsgewalt lässig ab, verletzt einen Autofahrer schwer und klaut dessen Auto (Wow, diese scherverletzten Komapatienten haben es echt drauf). Aber anstatt jetzt eine zünftige Verfolgungsjagd nach einem flüchtigen, mordlüsternem Serienkiller zu erzählen, wird auch noch der schwerkranke Sohn der Barks entführt und das Ehepaar wälzt Eheprobleme, während Simones Vater, ein pensionierter Polizist, sich auf die Jagd macht und eine falsche Fährte nach der nächsten verfolgt. Dafür erfahren wir einiges von den Problemen, die Kinder und Pubertierende mit Gleichaltrigen haben (Yeah, das interessiert uns jetzt wirklich brennend). Von Seite 357 bis Seite 486 gibt es dann eine Rückblende, in der Bark von einer Hypnosegruppe erzählt, die er vor zehn Jahren betreute. Dass da irgendwo ein Hinweis auf die Entführerin von Benjamin Bark versteckt ist, können wir uns denken. Immerhin hat, auch das sei verraten, Josef Ek ihn nicht entführt.

Spannender wird das ganze dadurch nicht, aber wir können geruhsam darüber nachdenken, warum die Charaktere sich so bescheuert verhalten, warum offensichtliche Spuren nicht verfolgt werden und warum die Polizei sich lange Zeit nicht um ein entführtes Kind kümmert und sie bei der Jagd nach einem durchgeknallten Serienmörder Dienst nach Vorschrift macht. Und, wenn wir schon dabei sind, warum Simone nachdem ihr Sohn entführt wurde, sich liebevoll um ihre Galerie kümmert und schnell mit einem Künstler ins Bett springt.

Urgh.

Der Hypnotiseur“ ist nicht schlecht ausgedacht. Er ist blind zusammengeschustert worden.

Aber der Roman wurde ein Bestseller und die Verfilmung von Lasse Hallström startet am 21. Februar in unseren Kinos. Zum Glück nahmen die Macher sich etliche Freiheiten und verbesserten so die Geschichte des Autorenpaares Alexandra und Alexander Ahndoril. Ein guter Thriller ist es trotzdem nicht geworden.

Lars Kepler: Der Hypnotiseur

(übersetzt von Paul Berf)

Bastei Lübbe Taschenbuch, 2012

656 Seiten

9,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Bastei Lübbe, 2010

Originalausgabe

Hypnotisören

2009

Verfilmung

Der Hypnotiseur (Hypnotisören, Schweden 2012)

Regie: Lasse Hallström

Drehbuch: Paolo Vacirca, Paolo Vacirca (Story Adaption), Lasse Hallström (Story Adaption)

mit Tobias Zilliacus, Mikael Persbrandt, Lena Olin, Helena af Sandeberg, Oscar Pettersson, Anna Azcarate , Jonatan Bökman, Jan Waldekranz, Eva Melander

Kinostart: 21. Februar 2013

Hinweise

Homepage von Lars Kepler

Krimi-Couch über Lars Kepler

Wikipedia über Lars Kepler

Buchjournal: Ein Besuch bei Lars Kepler

Deutsch Homepage zum Film

 

 


Kurzkritik: James Ellroy: Der Hilliker-Fluch

Februar 15, 2013

Ellroy - Der Hilliker-Fluch - 292

Dass „Der Hilliker-Fluch – Meine Suche nach der Frau“ eine normale Biographie ist, kann man dem Buch nicht vorwerfen. Immerhin ist es von James Ellroy und er kann sich inszenieren. Außerdem lebte er in seinen düsteren Kriminalromanen voller Sex und Gewalt seine Obsessionen schon breit aus. In Interviews verhehlte er nie, wie wichtig für ihn der Tod seiner Mutter Jean Hilliker war. Sie wurde 1958 ermordet. Der Mord wurde nie aufgeklärt und auch als James Ellroy sich Jahrzehnte später auf die Suche nach dem Täter machte, fand er ihn nicht. Er schrieb darüber „Die Rothaarige – Die Suche nach dem Mörder meiner Mutter“ (My dark places, 1996).

In „Der Hilliker-Fluch – Meine Suche nach der Frau“ erzählt er von seiner Jugend, seinem dysfunktionalem Elternhaus, wie er als kleiner Spanner durch die Vorgärten schlich und wie er später in jeder Frau seine Mutter, die Wahre und Eine, suchte.

Ich habe fünf Jahrzehnte mit der Suche nach einer bestimmten Frau zugebracht, um einen Mythos zu zerstören. Der Mythos war selbstgeschaffen und willkürlich definiert. Ich habe ihm eine Geschichte aufgezwungen, um mein eigenes Überleben zu sicher. Sie erforderte Schuld, um den Kummer zu unterdrücken und meine verrückte Leidenschaft zu rechtfertigen. Der Fluch war ein halber Segen. Ich habe ganz gut damit gelebt.

Damit mich die Frauen lieben.

Dabei entsteht, anhand seiner teilweise langjährigen Beziehungen zu verschiedenen Frauen, so etwas wie ein Biographie, die, gerade weil James Ellroy dabei am allerschlechtesten wegkommt, durchaus ungeschönt und nah an der Wahrheit sein dürfte.

Der Hilliker-Fluch“ ist natürlich in erster Linie ein Buch für den James-Ellroy-Fan und nachdem er in seinen letzten Büchern immer knapper und unlesbarer schrieb, kehrt er jetzt wieder zu einem normalen Satzbau zurück und demontiert sich zuerst gründlich, nur um sich als „der größte Krimiautor, der je gelebt hat“ (Ellroy in seiner üblichen Bescheidenheit) doch wieder aufzubauen. Denn natürlich ist Ellroy auch als von Selbstzweifeln geplagter Spanner und Schürzenjäger der Größte.

Gerade dieser Zwiespalt, verbunden mit einem wohldosiertem Blick hinter die Kulissen, macht den „Hilliker-Fluch“ allerdings auch so lesenswert.

James Ellroy: Der Hilliker-Fluch – Meine Suche nach der Frau

(übersetzt von Stephen Tree)

Ullstein, 2012

256 Seiten

19,99 Euro

Originalausgabe

The Hilliker Curse – My Pursuit of Women

Alfred A. Knopf Inc., New York 2010

Hinweise

James Ellroy stellt „Der Hilliker-Fluch“ vor (Teil 1, Teil 2, Teil 3 – die normale Verlinkung klappt im Moment nicht)

Wikipedia über James Ellroy (deutsch, englisch)

Meine Besprechung der James-Ellroy-Verfilmung „Rampart – Cop außer Kontrolle“ (Rampart, USA 2011)

Meine Besprechung von James Ellroys Unterwelt-Trilogie

James Ellroy in der Kriminalakte

Dieses Cover ist noch retroer und gefällt mir daher entsprechend gut

Ellroy - The Hilliker Curse


Sekundärliteratur zu „The Wire“

Februar 13, 2013

The Wire“ ist eine Polizeiserie, die gleichzeitig ein Bild von Baltimore und den dortigen sozialen und politischen Konflikten liefert. Es ist auch die Polizeiserie, die damit die amerikanische Wirklichkeit ungeschönt reflektiert und so zum Liebling der Kritiker wurde. Im US-TV lief die HBO-Serie von 2002 bis 2008. In Deutschland verzichtete man auf eine Free-TV-Ausstrahlung und veröffentlichte die fünf Staffeln zwischen November 2010 und November 2012 gleich auf DVD.

Fast parallel dazu wurde die Serie und ihr Erfinder, der Journalist David Simon, in Zeitungen und Zeitschriften breit abgefeiert und es erschienen wissenschaftliche Aufsätze. Mal kürzer (beispielsweise Kathi Gormászss „»All in the game yo, all in the game« – Die Polizeiserie „The Wire“ als Anti-Cop-Show und TV-Roman“ in dem Sammelband „Die Lust am Genre“), mal länger.

Schröter - Verdrahtet - 2

Zu den Längeren gehört Jens Schröters kurze Studie „Verdrahtet – ‚The Wire‘ und der Kampf um die Medien“. Im wesentlichen analysiert der Professor für Theorie und Praxis multimedialer Systeme an der Universität Siegen den Vorspann in einer Bildanalyse und erzählt die Staffeln 1, 3 und 5 aus der Sicht des Kampfes um die Telefone nach. Die Polizisten versuchen die Kommunikationswege der Verbrecher abzuhören und deren Geheimcodes zu knacken, während die Verbrecher genau das verhindern wollen.

Denn, so Schröter: „Figuren und ihre Psychologie sind nicht zentral in ‚The Wire‘. Entscheidend ist nur, wie die Serie den Kampf um die Medien zwischen Polizei und Dealern und das Telefon in immer neuen Anläufen darstellt.“

Das liest sich dann doch wie eine akademisch getünchte Nacherzählung aus einem bestimmten Blickwinkel.

Simon - Homicide - 2Simon - Burns - The Corner - 2

Inzwischen sind auch die beiden als True-Crime-Klassiker anerkannten Bücher „Homicide – Ein Jahr auf mörderischen Straßen“ und „The Corner – Bericht aus dem dunklen Herzen der amerikanischen Stadt“ von David Simon auf deutsch erschienen. Beide Bücher sind inzwischen auch schon historische Bücher. Denn als David Simon für „Homicide“ 1988 ein Jahr in Baltimore Polizisten der Mordkommission begleitete, gab es auf den Polizeistationen noch keine Computer, DNA war ein Fremdwort, der CSI-Effekt noch nicht bekannt und alltagstaugliche Handys gab es höchstens in Science-Fiction-Filmen. Für „Homicide“ erhielt David Simon den Edgar Award als bestes Sachbuch und es war die Vorlage für die Polizeiserie „Homicide“.

1993 beobachtete David Simon mit seinem Kollegen Ed Burns, der zwanzig Jahre Detective bei der Mordkommission war, in „The Corner“ die andere Seite des Verbrechens: die Drogenhändler und wie sie an einer Straßenecke ihre Geschäfte tätigen. Dabei zeigt er den Drogenhandel als letzten funktionierenden ökonomischen Kreislauf und Halt für die daran beteiligten Menschen, die durch die sozialen Raster gefallen sind.

Jens Schröter: Verdrahtet – „The Wire“ und der Kampf um die Medien (Kultur & Kritik 6)

Bertz + Fischer, 2012

112 Seiten

9,90 Euro

David Simon: Homicide – Ein Jahr auf mörderischen Straßen

(übersetzt von Gabriele Gockel, Barbara Steckhan und Thomas Wollermann)

Verlag Antje Kunstmann, 2011

832 Seiten

24,90 Euro

11,99 Euro (Taschenbuchausgabe, Heyne Verlag)

Originalausgabe

Homicide – A year on the killing streets

Houghton Mifflin Company, Boston 1991/2006

David Simon/Ed Burns: The Corner – Bericht aus dem dunklen Herzen der amerikanischen Stadt

(übersetzt von Gabriele Gockel, Barbara Steckhan und Thomas Wollermann, Kollektiv Druck-Reif)

Verlag Antje Kunstmann, 2012

800 Seiten

24,95 Euro

Originalausgabe

The Corner – A year in the life of an inner-city neighbourhood

Broadway Books 1997

Hinweise

Wikipedia über David Simon (deutsch, englisch) und „The Wire“ (deutsch, englisch)

The Audacity of Despair – Homepage/Blog von David Simon

Homepage von Jens Schröter


Verfilmte Bücher: „Hitchcock und die Geschichte von ‚Psycho’“ ist „Hitchcock“

Februar 8, 2013

Rebello - Hitchcock und die Geschichte von Psycho2

Psycho“ war, vom Budget, vom Team und von der Drehzeit her, ein kleiner, billiger Film. Alfred Hitchcock wollte nach dem Megaerfolg „Der unsichtbare Dritte“ das komplette Gegenteil machen: einen kleinen, billigen SW-Horrorfilm. Er spekulierte damals, immerhin hatten es vorher bereits einige Horrorfilme gezeigt, auf einen satten Gewinn.

Die Rechnung ging auf. „Psycho“ spielte mehr als seine Produktionskosten ein. Viel mehr. Der Thriller wurde auch ein kulturelles Phänomen, beeinflusste etliche Regisseure, das Horror- und Thrillergenre und Hauptdarsteller Anthony Perkins, der während der Dreharbeiten vor allem als jugendlicher Liebhaber bekannt war, war danach nur noch Norman Bates, ein durchgeknallter Mörder, der sich, immer wenn er Frauen umbrachte, als Mutter verkleidete.

In seinem im Original bereits 1990 erschienenem Sachbuch „Hitchcock und die Geschichte von Psycho“ zeichnet Stephen Rebello, basierend auf ausführlichen Interviews (er hatte sogar die Chance Alfred Hitchcock kurz vor seinem Tod zu interviewen) und Aktenstudium, die gesamte Geschichte des Films nach: von den realen Ursprüngen über Robert Blochs Roman „Psycho“, die Vorbereitungen, die Dreharbeiten, den Schnitt, die Premiere bis hin zu den Nachwirkungen. Rebello erzählt das informativ und mit vielen Zitaten, die wirklich einen Blick hinter die Kulissen erlauben.

Für Hitchcock-Fans und „Psycho“-Fans ist Rebellos Buch sowieso eine Pflichtlektüre. Und auch Filmfans sollten einen Blick hineinwerfen. Denn Rebello liefert einen guten Einblick in alle Aspekte des Filmemachens. Eine kleine Sittengeschichte der damaligen Zeit gibt es auch. Denn Alfred Hitchcock hatte Probleme mit der Zensur.

Seit der Erstauflage erschien „Hitchcock und die Geschichte von Psycho“ in den USA in mehreren Ausgaben bei verschiedenen Verlagen und wurde 2012 von Sacha Gervasi verfilmt. Die hochkarätig besetzte Verfilmung ist allerdings mehr eine Fantasie über Alfred Hitchcock, angereichert mit seinen Sprüchen, Leidenschaften und Obsessionen, als ein auch nur halbwegs akkurates Biopic.

Immerhin wurde dank der Verfilmung Stephen Rebellos Buch ins Deutsche übersetzt.

Stephen Rebello: Hitchcock und die Geschichte von „Psycho“

(mit einem neuen Vorwort von Stephen Rebello)

(übersetzt von Lisa Kögeböhn, Bernhatt Matt und Uli Meyer)

Heyne, 2013

416 Seiten

9,99 Euro

Erstausgabe

Alfred Hitchcock and The Making of Psycho

Dembner Books, 1990

Verfilmung

Hitchcock (Hitchcock, USA 2012)

Regie: Sacha Gervasi

Drehbuch: John J. McLaughlin

mit Anthony Hopkins, Helen Mirren, Scarlett Johansson, Danny Huston, Toni Collette, Michael Stuhlbarg, Michael Wincott, Jessica Biel, James D’Arcy, Kurtwood Smith, Ralph Macchio, Tara Summers

Kinostart: 14. März 2013 (angekündigt)

Hinweise

Wikipedia über Stephen Rebello und „Hitchcock und die Geschichte von ‚Psycho'“

Wikipedia über Alfred Hitchcock (deutsch, englisch)

Senses of Cinema (Ken Mogg) über Alfred Hitchcock

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 2

Meine Besprechung von Alfred Hitchcocks „Mr. und Mrs. Smith“ (Mr. and Mrs. Smith, USA 1941)

Meine Besprechung von Thily Wydras “Alfred Hitchcock”

Alfred Hitchcock in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Robert Blochs „Psycho“ (Psycho, 1959)

Meine Besprechung von Robert V. Galluzzos „Psycho Legacy“ (The Psycho Legacy, USA 2010 – eine sehenswerte Doku über die „Psycho“-Filme mit Anthony Perkins, mit vielen Stunden informativem Bonusmaterial)

und so bewarb Alfred Hitchcok „Psycho“


Verfilmte Bücher: „Irgendwann gibt jeder auf“ ist „Parker“

Februar 6, 2013

Stark - Irgendwann gibt jeder auf2

Parker, kein Vorname, ist eigentlich kein richtiger Charakter, kein Mensch, sondern ein Prinzip. Deshalb konnte Richard Stark, der Erfinder von Parker, seinen skrupellosen Dieb, den er nach sechzehn Romanen, die zwischen 1962 und 1974 erschienen, in den Tiefschlaf schickte, nach einer dreiundzwanzigjährigen Pause 1997 mit „Comeback“ (Verbrechen ist Vertrauenssache) wieder an dem Punkt weitermachen lassen, an dem er 1974 die Welt verließ. Er zog einfach einen neuen Coup durch, es gab Probleme, Parker löste sie mit mehr oder weniger viel Gewalt und am Ende konnte er, wie früher, mehr oder weniger unverletzt, mal mit, mal ohne Beute entkommen.

Seit dem „Comeback“ erschienen bis zu Starks Tod am 31. Dezember 2008 insgesamt acht weitere Parker-Bände, die immer spannende, kurzweilige Hardboiled-Literatur sind.

In „Irgendwann gibt jeder auf“, das 2000 als „Flashfire“ im Original als dritter neuer Parker-Band erschien, hat Parker Ärger mit Melander, Carlson und Ross. Nach einem Banküberfall wollen sie Parker überreden, bei ihrem nächsten großen Ding, einem Juwelenraub von 12 Millionen Dollar, Minimum!, in Palm Beach, mitzumachen. Parker lehnt ab: „Polizei, Sicherheitsdienste, Wachmänner, Posten, wahrscheinlich Hunde, mit Sicherheit Hubschrauber, Metalldetektoren, die ganze Latte. Und das dann noch in Palm Beach, wo es mehr Polizei pro Quadratkilometer gibt als irgendwo sonst auf der Welt. Die sind alle reich in Palm Beach, und sie wollen reich bleiben. Außerdem ist es eine Insel, mit drei schmalen Brücken; den Ort kann man absolut dichtmachen, wie in Folie eingeschweißt.“ Er will nur seinen Anteil. Ein paar Tausend Dollar. Weil die anderen das Geld allerdings als Startkapital benötigen, nehmen sie es sich von Parker und lassen ihn in einem Motelzimmer zurück.

Parker kann diesen Vertragsbruch nicht akzeptieren. Er macht sich auf den Weg nach Palm Beach.

Irgendwann gibt jeder auf“ ist ein klassischer Parker-Roman und weil Richard Stark (ein Pseudonym von Donald E. Westlake), bis auf wenige, vernachlässigbare Ausnahmen und Details, ganz altmodisch seinen Helden einfach nur verschiedene Abenteuer erleben lässt, kann man die Romane auch unabhängig voneinander lesen und sich daran erfreuen, wie in einer durchkapitalisierten, utilitaristischen Welt ein Verbrecher, der seinem Moralcodex gehorcht, versucht zu überleben.

Dabei unterscheidet sich Parkers Kodex kaum von dem der anderen Verbrecher, außer dass er als Profi zu seinem Wort steht und Gewalt nur als ein rationales Mittel einsetzt, um seine Ziele zu erreichen. Wenn er ohne Gewalt seine Ziele erreichen kann, tut er es. Denn er will, als kleiner Unternehmer, als Einzelner, der bei Bedarf mit anderen Verbrechern zusammen arbeitet, vor allem möglichst unauffällig sein Geld in einer Welt, die zunehmend von großen Gruppen dominiert wird, verdienen. Und in diesen Momenten werden die auf den ersten Blick kleinen Gaunergeschichten, die man locker an ein, zwei Abenden lesen kann, zu tiefschwarzen Allegorien auf die US-amerikanische Gesellschaft und den Überlebenskampf des Einzelnen, der noch an Werte glaubt, während die großen Konzerne (einerlei ob Bank, Mafia oder Multinationaler Konzern) gewissenlos alle Schlupflöcher ausnutzen.

Und genau diesen Punkt nimmt Taylor Hackfords Verfilmung von „Irgendwann gibt jeder auf“, die ab Donnerstag als „Parker“ im Kino läuft, auf. „Parker“ ist letztendlich ein feiner Genrefilm, der sich, was für Parker-Fans nicht überraschend kommt, einige Freiheiten nimmt.

Richard Stark: Irgendwann gibt jeder auf

(übersetzt von Rudolf Hermstein)

dtv, 2013

272 Seiten

9,95 Euro

Deutsche Erstausgabe

Paul Zsolnay Verlag, 2010

Originalausgabe

Flashfire

Mysterious Press, 2000

Verfilmung

Parker (Parker, USA 2013)

Regie: Taylor Hackford

Drehbuch: John J. McLaughlin

mit Jason Statham, Jennifer Lopez, Michael Chiklis, Wendell Pierce, Clifton Collins Jr., Bobby Cannavale, Emma Booth, Nick Nolte

Kinostart: 7. Februar 2013

Hinweise (ein gewisses Fantum ist unübersehbar)

Homepage von Donald E. Westlake

Kriminalakte: Nachruf auf Donald E. Westlake

Kriminalakte: Covergalerie Donald E. Westlake

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „Get Real“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „What’s so funny?“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „Watch your back!“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Kurzroman „Die Geldmacher“ (Walking around money; erschienen in „Die hohe Kunst des Mordens“ [Transgressions])

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes „Mafiatod“ (361, 1962)

Meine Vorstellung von Westlakes als Richard Stark geschriebener Parker-Serie (mit „Nobody runs forever“)

Meine Besprechung von Richard Starks Parker-Romans „Ask the Parrot“

Meine Doppelbesprechung von Richard Starks Parker-Romanen „Fragen Sie den Papagei“ (Ask the Parrot) und „Dirty Money“

Meine Besprechung des Films “The Stepfather”, nach einem Drehbuch von Donald E. Westlake

Meine Besprechung von Lax/Donald Westlakes „Hot Rock“ (Pierre qui roule, 2008, Comic)


„Raylan“ räumt jetzt auch in der deutschen Übersetzung auf

Januar 21, 2013

Leonard - Raylan - Suhrkamp

Anstatt für die deutsche Ausgabe liebevoll auf altem Sütterlinpapier, hergestellt von Jungfrauen in einer Vollmondnacht, eine neue Besprechung zu schreiben, poste ich einfach, leicht aktualisiert und ohne die YouTube-Videos, meine Rezension zur Originalausgabe von Elmore Leonard neuestem Roman „Raylan“ wieder:

Raylan Givens ist ein Charakter von Elmore Leonard, der in den beiden in Florida spielenden Romanen „Jede Wette“ (Pronto, 1993) und „Volles Risiko“ (Riding the Rap, 1995) und der Novelle „Fire in the Hole“ (2001) auftrat.

Raylan Givens ist der Held der grandiosen US-Krimiserie „Justified“, die in den USA demnächst in die vierte Staffel geht, während bei uns im Herbst bei Kabel 1 die zweite Staffel so wenige Zuschauer hatte, dass die zweite Staffel zwar vollständig, aber in Doppelfolgen, ausgestrahlt wurde.

Raylan“ heißt der neue Roman von Elmore Leonard, in dem U. S. Marshal Raylan Givens in Harlan County, Kentucky, Bösewichter jagt. Dabei liest sich „Raylan“ weniger wie ein Roman, sondern wie drei Episoden für „Justified“: eine sehr gelungene Einzelepisode und eine sehr locker miteinander verknüpfte, durchwachsene Doppelfolge. Leonard selbst sagt in Interviews, er habe „Raylan“ geschrieben, um den Machern der TV-Serie einige Ideen zu liefern, aus denen sie dann machen könnten, was sie wollten. Die echten „Justified“-Fans werden auch einige Verbindungen zwischen Leonards Roman und der Serie entdecken.

Dass man beim Lesen immer das „Justified“-Ensemble und die Optik der TV-Serie vor seinem geistigen Auge hat, ist kein Nachteil. Immerhin treten etliche aus der TV-Serie bekannte Charaktere auf und Raylan Givens muss sich mit mehr oder weniger sympathischen weiblichen Bösewichtern herumschlagen. Es sind eine Krankenschwester, die mit dem Herausoperieren von Nieren außerhalb des OP-Raums und ohne Einverständnis des Spenders ein lukratives, aber auch sehr illegales Geschäftsmodell entdeckte (das ist die erste und auch beste Geschichte); eine Vertreterin einer Minenfirma, die auch mal gerne eine Pistole in die Hand nimmt und jemanden erschießt; und eine Pokerspielerin mit den falschen Freunden.

Elmore Leonard sorgt also für viel Spaß in Harlan County und Raylan Givens, der, nicht nur wegen seines Hutes, wie ein Überbleibsel aus dem Wilden Westen wirkt, darf auch von der Schusswaffe Gebrauch machen. Wenn Worte nicht helfen. Denn zuerst redet er.

Raylan“ ist ein oft skizzenhafter, episodenhafter Roman von Elmore Leonard, der nach der ersten Geschichte auch etwas vor sich hin plätschert. Aber nach dem enttäuschenden „Road Dogs“ und dem komplett vermurksten „Djibouti“ ist „Raylan“ wieder ein Elmore-Leonard-Werk, das eben jene Elemente hat, für die ihn seine Fans lieben: eindrucksvolle Charaktere und grandiose Dialoge. Dass dabei der Plot, mal wieder, vernachlässigt wird, ist für langjährige Elmore-Leonard-Fans keine Neuigkeit.

Haue noch einen Nachtrag ran: Für November ist mit „Blue Dreams“ ein neuer Roman von Elmore Leonard angekündigt.

Und frage mich, wo die deutsche DVD-Ausgabe der zweiten Staffel von „Justified“ bleibt. Immerhin liefen die Folgen schon vor einigen Wochen im TV.

Elmore Leonard: Raylan

(übersetzt von Kirsten Riesselmann)

Suhrkamp, 2013

312 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

Raylan

William Morrow, New York 2012

 

Hinweise

Homepage zur Serie

Kabel 1 über “Justified”

Wikipedia über „Justified“ (deutsch, englisch)

Meine Ankündigung von “Justified” (Staffel 2)

Christian Science Monitor: Interview mit Elmore Leonard (18. Januar 2012)

Wall Street Journal: Interview mit Elmore Leonard über “Raylan” und “Justified” (13. Januar 2012)

Homepage von Elmore Leonard

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Dschibuti“ (Djibouti, 2010)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Djibouti“ (2010)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Road Dogs“ (Road Dogs, 2009)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Up in Honey’s Room“ (2007)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Gangsterbraut“ (The hot Kid, 2005)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Callgirls“ (Mr. Paradise, 2004)

Mein Porträt „Man nennt ihn Dutch – Elmore Leonard zum Achtzigsten“ erschien im „Krimijahrbuch 2006“

Meine Besprechung der Elmore-Leonard-Verfilmung „Sie nannten ihn Stick“ (Stick, USA 1983)

Meine Besprechung der Elmore-Leonard-Verfilmung „Killshot“ (Killshot, USA 2008)

Elmore Leonard in der Kriminalakte

 

 


Charles Cumming über „Die Trinity-Verschwörung“

Januar 19, 2013

Cumming - Die Trinity-Verschwörung 2

Charles Cumming unterhält sich mit Schauspieler Dominic West („The Wire“, „300“, „John Carter“), der auch einige Ausschnitt aus dem Roman vorliest, über „Die Trinity-Verschwörung“ (The Trinity Six, 2011) und „The Wire“:

Außerdem gibt Charles Cumming einige Hintergrundinformationen zum historischen Hintergrund und seinen Roman

Meine Meinung zum Buch gibt es hier.


„Nur zu deinem Schutz“ – ein kleiner Nachtrag

Januar 18, 2013

Coben - Nur zu deinem Schutz

Wenn Harlan Coben einen neuen Roman veröffentlicht, gibt es normalerweise einen gelungenen Buchtrailer und einige Interviews mit ihm.

So auch bei seinem ersten Mickey-Bolitar-Roman „Nur zu deinem Schutz“ (Shelter, 2011), der sich in erster Linie an ein jugendliches Publikum richtet und den ich auch schon besprochen habe.

Aber ohne diese Videos:


Robert Littell und Charles Cumming denken in „Philby“ und „Die Trinity-Verschwörung“ über die Cambridge Five nach

Januar 12, 2013

Die Bücher habe ich schon vor einigen Tagen gelesen, aber ich weiß immer noch nicht, wie ich meine Buchbesprechung beginnen soll. Denn ich hatte mir vorgenommen, „Philby – Porträt des Spions als junger Mann“ von Robert Littell und „Die Trinity-Verschwörung“ von Charles Cumming gemeinsam zu besprechen.

Immerhin sind beide Werke Spionageromane (was noch kein Grund wäre), beide spielen in England (schon eher ein Grund), sind von hochgelobten Spionageroman-Autoren (dito), beschäftigen sich mit den Cambridge Five – und das ist der Grund.

Die Cambridge Five, wie die Doppelspione genannt wurden, waren Kim Philby, Guy Burgess, Anthony Blunt, Donald Maclean und John Cairncross. Sie studierten am Trinity College der Universität Cambridge, arbeiteten bereits während des zweiten Weltkriegs für den sowjetischen Geheimdienst und teilweise für den englischen Geheimdienst. Nach dem zweiten Weltkrieg erlangten sie wichtige Positionen im Geheimdienst und Außenministerium und einer wurde Leiter der königlichen Gemäldegalerie.

Ihre Enttarnung war ein großer Geheimdienstskandal und auch heute noch sind die Namen der Cambridge Five einer breiten Öffentlichkeit als Doppelagenten (oder Trippelagenten?) bekannt.

Wenn fast zeitgleich zwei Spionageromane erscheinen, die sich mit diesem Fall beschäftigen, dann lädt das natürlich zum Vergleich ein. Auch wenn der eine Roman in der Vergangenheit, der andere in der Gegenwart spielt.

Littell - Philby - 2

Robert Littell, hochgelobt, seit Jahren im Geschäft und immer noch viel zu unbekannt, schrieb über die Vergangenheit. In „Philby – Porträt des Spions als junger Mann“ erzählt er von Harold Adrian Russell ‚Kim‘ Philbys Jahren als junger Mann: wie er 1933 nach Wien fuhr um den dortigen Kommunisten gegen Kanzler Dollfuß zu helfen und er sich in Litzi Friedmann, eine ungarischstämmige, jüdische Kommunistin, verliebte und sie später, um sie vor der Judenverfolgung zu schützen, heiratete. Danach ging es zurück nach England, wo er zusammen mit Guy Burgess, einem homosexuellem Mitstudenten am Trinity College, die Idee hatte, als Spion für den sowjetischen Geheimdienst zu arbeiten. Aufgrund ihrer Herkunft und der damit verbundenen glänzenden Kontakte in die Oberschicht war der NKWD interessiert und Kim Philbys Rehabilitierungsprogramm begann, indem er als Times-Journalist betont deutschlandfreundlich über den spanischen Bürgerkrieg schrieb.

1940 wurde Philby, weil er ja seine jugendliche Phase als Kommunist hinter sich gelassen hatte, vom MI6 angeworben – und seine Karriere als Doppelagent begann. Wobei die Sowjets sich fragten, ob er nicht vielleicht sogar ein Trippelagent sei.

Robert Littell hielt sich, wie er im Nachwort sagt, eng an die historischen Fakten, die ja schon fantastisch genug sind, und er bietet am Ende eine Erklärung für Kim Philbys Verhalten an, die sowohl fantastisch, irrwitzig und logisch ist. Jedenfalls in der Welt der Geheimdienste, in denen jeder jeden als Falschspieler verdächtigt und Intrigen und Komplotte oft von so langer Hand vorbereitet werden, dass am Ende keiner mehr weiß, wem er noch vertrauen kann.

Anstatt diese wahre Geschichte jetzt aus einer Perspektive zu schildern oder als allwissender Erzähler die endgültige Wahrheit zu verkünden, wählte Littell einen anderen Zugang. Er lässt Kim Philbys Leben aus der Sicht von anderen Menschen, mit denen er mehr oder weniger gut vertraut war, schildern. Dabei hat nicht nur jeder Ich-Erzähler einen eigenen Blick auf Kim Philby, sondern auch auf die anderen Charaktere. Gleichzeitig führt Littell so auch auf erzählerische Ebene in die Spiegelwelt der Spione ein. Denn es ist unklar, ob eine Sicht die wahre Sicht auf Philby ist oder ob sich aus den verschiedenen Perspektiven das Bild des wahren Philby oder nur ein weiteres Trugbild entsteht.

Philby – Porträt des Spions als junger Mann“ ist, wie auch die anderen Romane von Robert Littell, ein intellektuelles, gut zu lesendes Vergnügen.

Cumming - Die Trinity-Verschwörung 2

Das kann von Charles Cummings „Die Trinity-Verschwörung“ nicht behauptet werden. In England hat er vor „Die Trinity-Verschwörung“ bereits vier und danach einen Spionage-Roman veröffentlicht. Mail on Sunday nannte ihn, den „Meister des modernen Spionageromans“. Library Journal meinte „Charles Cumming kann es jederzeit mit John le Carré aufnehmen“. Die Kirkus Reviews und die Washington Post hielten „Die Trinity-Verschwörung“ für einen der besten Thriller des Jahres. Und Hollywood hat die Filmrechte bereits gekauft; aber das macht Hollywood ja ständig. Für seinen neuesten Roman „A foreign Country“ erhielt er den CWA Ian Fleming Steel Dagger.

Und dennoch war, vor allem nach dem grandiosen „Philby – Porträt des Spions als junger Mann“, „Die Trinity-Verschwörung“ ein rechter Langweiler.

Dabei beginnt die Geschichte vielversprechend.

Der Anfang Vierzigjährige Sam Gaddis ist Uni-Professor und Russlandexperte mit einem Berg Schulden, die er mit einem Bestseller abbauen könnte. Zum Beispiel über ein bis heute unbekanntes sechstes Mitglied der legendären Cambridge Five, das sogar noch lebt.

Diese gut gepflegte Geheimdienstlegende und Verschwörungstheorie von einem sechsten Mann erhält neue Nahrung, als Gaddis von Holly Levette, einer jungen Frau, die er während einer Lesung kennen lernt, den Nachlass ihrer Mutter, die vor ihrem Tod an einer Geschichte des KGB arbeitete, erhält und seiner Freundin Charlotte Berg, die Journalistin ist und gerade an einer Reportage über den sechsten Mann der Cambridge Five arbeitet, anbietet, mit ihm ihre Rechercheergebnisse zu teilen. Am nächsten Tag hat sie, so steht es in ihrem Totenschein, einen tödlichen Herzanfall.

Gaddis beginnt mit ihren bisherigen Rechercheergebnissen nach dem sechsten Mann zu suchen. Dabei muss er, während seiner Hatz durch halb Europa, feststellen, dass jemand alle Mitwisser ausschaltet und der englische Geheimdienst eine junge Agentin, die ihm später hilft, auf ihn angesetzt hat.

Dummerweise versumpft Charles Cummings Roman nach einem verheißungsvollen Auftakt schnell in einer episodischen Reise durch halb Europa, die zwar die Seiten füllt, unseren Helden Sam Gaddis aber nicht wirklich näher an die Lösung, die dann doch erschreckend banal ist, bringt.

Außerdem, und das ist das größte Problem, von „Die Trinity-Verschwörung“, verhält Gaddis sich als Wissenschaftler absolut unvernünftig. Anstatt sich wenigstens einmal den Nachlass von Levettes Mutter anzusehen, hetzt er durch die Welt und, nachdem er einige Morde mitansehen durfte (der super effektive Killer weiß nichts von seiner Existenz) und der englische Geheimdienst (auch nicht gerade mit Geistesgrößen gesegnet) ihm mehrmals aus der Patsche geholfen hat, sieht er sich endlich, kurz vor dem Ende des Romans, den Nachlass an und – Oh, Wunder! – findet in diesen Dokumenten die Lösung.

Die Trinity-Verschwörung“ hat einen fast schon klassischen Idiotenplot.

Robert Littell: Philby – Porträt des Spions als junger Mann

(übersetzt von Werner Löcher-Lawrence)

Arche, 2012

288 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

Philby: Portrait de l’espion en jeune homme

Éditions Baker Street, Paris, 2011

Charles Cumming: Die Trinity-Verschwörung

(übersetzt von Walter Ahlers)

Goldmann, 2012

448 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

The Trinity Six

Harper Collins, London, 2011

Hinweise

Meine Besprechung von Robert Littels „Zufallscode“/“Der Gastprofessor“ (The Visiting Professor, 1993)

Meine Besprechung von Robert Littels „Die Söhne Abrahms“ (Vicious Circle, 2006)

Robert Littell in der Kriminalakte

Homepage von Charles Cumming

Wikipedia über die Cambridge Five (deutsch, englisch)

Crime Library über die Cambridge Spione


Nicht nett: Mit „Nur zu deinem Schutz“ soll der Harlan-Coben-Virus jetzt auch Jugendliche infizieren

Januar 9, 2013

Coben - Nur zu deinem Schutz

Carl Hiaasen hat es getan. Mehrmals und auch sehr erfolgreich.

Elmore Leonard hat es einmal getan.

Robert B. Parker hat es ebenfalls einmal getan – und bislang wurden ihre Jugendbücher nicht übersetzt.

Harlan Coben hat es jetzt getan. Der Jugendkrimi „Nur zu deinem Schutz“ schließt unmittelbar an den Myron-Bolitar-Thriller „Sein letzter Wille“ an. Aber jetzt wird die Geschichte nicht aus Myrons Bolitars Sicht, sondern von dem fünfzehnjährigen Mickey Bolitar erzählt, der inzwischen von Myron quasi adoptiert wurde, in Myrons Kinderzimmer einzog und auf die dortige, vor New York gelegene, Kleinstadt-Highschool geht.

Mickey ist der Sohn von Myrons Bruder Brad, der vor kurzem in Los Angeles bei einem Autounfall ums Leben kam. Die beiden Brüder hatten sich zerstritten und aus den Augen verloren. Mickeys drogensüchtige Mutter ist derzeit in einer Entzugsklinik und Mickey hasst Myron.

Das ist für langjährige Leser der Myron-Bolitar-Thriller ein interessanter Perspektivwechsel: der bewunderte Held als, nun, Bösewicht. Allerdings, das muss auch gesagt werden: auf die Dauer ist das keine gute Idee. Denn schon bei „Nur zu deinem Schutz“ fragt der langjährige Myron-Bolitar-Fan sich spätestens in der Mitte des Buches, was für ein Trottel Mickey ist. Denn er beginnt auf eigene Faust seine spurlos verschwundene Mitschülerin und Freundin Ashley zu suchen.

Dabei, Pubertät hin, Pubertät her, wäre es viel vernünftiger gewesen, wenn er Mickey davon erzählt hätte. Dann hätte er und sein Freund Win, die in den letzten Jahren in mehreren lesenswert-kurzweiligen Thrillern vielen Menschen geholfen haben, sich auf die Suche nach Ashley gemacht.

Denn, auch wenn Myron nicht mit seinen Heldentaten protzt, hätte Mickey über Myrons Eltern, die er mag, oder den Dorfklatsch davon erfahren müssen. Immerhin wird Mickey an der Schule immer wieder auf Myrons lange zurückliegende und sehr kurze Basketball-Karriere angesprochen.

Abgesehen von diesem Glaubwürdigkeitsproblem (das natürlich nur Myron-Bolitar-Fans haben), ist „Nur zu deinem Schutz“ ein flotter Thriller, der sich an ein jugendliches Publikum („empfohlen ab 13 Jahre“) richtet. Mit einer entsprechend überschaubaren Handlung. Denn eigentlich geht es auf den über dreihundert Seiten nur um Schulprobleme, seine beginnende Freundschaft zu den Schulaußenseitern Ema und Löffel und der Suche nach einer verschwundenen Mitschülerin, die sich unter einer falschen Adresse an der Schule anmeldete und auch von einem tätowierten Mann gesucht wird. Die Spur führt Mickey, Ema und Löffel rasch in einen schäbigen Stripclub in Newark.

Und, während Harlan Cobens andere Romane unabhängig voneinander und in jeder beliebigen Reihenfolge gelesen werden können, beginnt er in „Nur zu deinem Schutz“ einen größeren Handlungsfaden, der sich in diesem Roman noch im Aufwerfen von Rätseln erschöpft und der mit der Historie (Nazi-Verbrechen, Judenverfolgung, Hippietum) zu kämpfen hat. Denn Mickey erfährt bei seiner Suche nach Ashley auch Dinge über seinen Vater, warum er seine Jugend in den verschiedensten exotischen Ländern verbrachte und es gibt am Ende einen merkwürdigen Hinweis auf den Mörder seines Vaters; – falls er überhaupt wirklich tot ist.

Diese Geschichte wird in dem zweiten Mickey-Bolitar-Roman „Seconds Away“, der in den USA im September 2012 erschien, fortgeführt.

Harlan Coben: Nur zu deinem Schutz

(übersetzt von Anja Galic)

cbt, 2012

352 Seiten

14,99 Euro

Originalausgabe

Shelter

G. P. Putnam’s Sons, 2011

Hinweise

Homepage von Harlan Coben

Mein Gespräch mit Harlan Coben über Myron Bolitar und seine Arbeit

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Kein böser Traum“ (Just one look, 2004)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Kein Friede den Toten“ (The Innocent, 2005)

Meine Besprechung von Harlan Coben „Der Insider“ (Fade away, 1996)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Das Grab im Wald“ (The Woods, 2007)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Sie sehen dich“ (Hold tight, 2008)

Meine Kurzbesprechung der Harlan-Coben-Verfilmung „Kein Sterbenswort“ (F 2006)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Von meinem Blut“ (Long Lost, 2009)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „In seinen Händen“ (Caught, 2010)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Sein letzter Wille“ (Live Wire, 2011)

Harlan Coben in der Kriminalakte


Kurzkritik: Friedrich Ani: Süden und das heimliche Leben

Januar 8, 2013

Ani - Süden und das heimliche Leben

Obwohl Tabor Süden schon seit „Süden“ als Privatdetektiv arbeitetet, hat sich wenig geändert. Schon in der Vermisstenabteilung der Polizei suchte und fand er die Vermissten nicht mit Hilfe der Technik, sondern indem er ihren Leben nachlauschte und die Leute, die die Vermissten kannten, reden ließ. Gerne in einer Wirtschaft beim Bier. Als Privatdetektiv erledigt er seine Arbeit genau so.

Deshalb sitzt er am Anfang von „Süden und das heimliche Leben“ in der Wirtschaft von Dieter ‚Dieda‘ und Charlotte Nickl und hört den Stammkunden von „Charly’s Tante“ zu. Sie alle wollen, dass er ihre verschwundene Bedienung Ilka Senner findet. Alle haben sie gemocht und sie hätte demnächst sogar die Wirtschaft übernehmen sollen. Allerdings wusste auch niemand viel über die allein lebende Sechsundvierzigjährige.

Tabor Süden versucht herauszufinden, warum die unscheinbare Ilka verschwand. In ihrer Wohnung kommt er zur Überzeugung, dass sie ihr Verschwinden plante.

Süden und das heimliche Leben“ bewegt sich von der ersten bis zur letzten Seite auf vertrautem Ani-Terrain: es geht, wie immer, um die kleinen Leute und die Eckkneipen, in denen die Zeit anscheinend stehen geblieben ist. Entsprechend klein und vertraut sind die Gründe, weshalb die Vermissten aus ihrer vertrauten Umgebung verschwinden. Dabei lebten die Vermissten in den Süden-Romanen oft ein so unauffälliges Leben, dass ihr Verschwinden kaum auffällt. So ist Ilka, wie langjährig geschulte Krimileser vermuten könnten, keine untergetauchte Mörderin oder Terroristin oder eine von einem Stalker verfolgte Frau. Sie ist eine unscheinbare Frau, die sich in den vergangenen Jahrzehnten auch bemühte, ein entsprechend unauffälliges Leben zu führen.

Und Friedrich Ani verleiht diesen auf den ersten Blick unscheinbar-unauffälligen Menschen, die man im Linienbus sieht und schnell wieder vergisst, in seinen Geschichten eine Stimme.

Außerdem ist „Süden und das heimliche Leben“ ein handfester Krimi in denen Menschen versuchen, ihre Geheimnisse mit allen Mitteln zu schützen, sie falsche Namen benutzen und am Ende gibt es sogar einen Mord.

Friedrich Ani: Süden und das heimliche Leben

Knaur, 2012

208 Seiten

8,99 Euro

Hinweise

Homepage von Friedrich Ani

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Wer lebt, stirbt“ (2007)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Der verschwundene Gast“ (2008)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Totsein verjährt nicht” (2009)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Die Tat” (2010)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Süden“ (2011, mit Interview)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Süden und die Schlüsselkinder” (2011)

Friedrich Ani in der Kriminalakte


Kurzkritik: Charlie Huston und „Die Hank-Thompson-Trilogie“

Dezember 26, 2012

Huston - Die Hank-Thompson-Trilogie -2

Wenn Sie jetzt, verursacht von den vielen Weihnachtsfilmen und Predigten, einen Anfall christlicher Nächstenliebe bekommen und für ihren Nachbarn auf dessen Katze aufpassen wollen: Lassen Sie es sein. Denn es könnte Ihnen wie Hank Thompson ergehen.

Hank ist Barkeeper in New York. Lower East Side. Ein netter Kalifornier, dessen Baseball-Karriere mit einem Unfall endete, dessen Collegezeit, mangels Antrieb, ohne Abschluss endete, der mit einer Schauspielerin nach New York zog, von ihr herausgeworfen wurde, zu viel trinkt und keine große Karriere in Aussicht hat, aber er ist, wie gesagt, ein netter, ehrlicher, hilfsbereiter Typ, der keiner Fliege was zuleide tun kann.

Deshalb nimmt er für einige Tage die Katze von seinem Nachbarn in seine Obhut – und kurz darauf wird er zusammengeschlagen, bei ihm und dem Nachbarn wird eingebrochen und plötzliche zeigen viele zwielichtige Charaktere ein erstaunliches Interesse an dem Nobody Hank.

Aber „Der Prügelknabe“ Hank Thompson hat Glück im Unglück. Er kann mit dem Geld aus New York entkommen. Im zweiten Band der „Hank-Thompson-Trilogie“, die jetzt unter diesem Titel bei Heyne als Sammelband erschien, ist er „Der Gejagte“ und im dritten Band „Ein gefährlicher Mann“.

Dabei ist er immer der friedfertige Pechvogel, der, weil die Umstände halt so sind, wie sie sind, eine beeindruckende Menge an Gewalt ausüben muss, ihm unglaubliche Schmerzen zugefügt werden (rückblickend betrachtet war der Sportunfall harmlos) und er eine beeindruckende Menge an Leichen, für die er mehr oder weniger unmittelbar verantwortlich ist, hinterlässt. Zu seinen Gunsten spricht, dass er kein kaltblütiger Killer ist, es auch nie wird (was ihm in „Ein gefährlicher Mann“ vor wirklich schwierige Probleme stellt) und dass wir, dank Charlie Hustons schnörkelloser Hardboiled-Schreibe, mit ihm viele vergnügliche Stunden erleben können.

Und genau deshalb verrate ich jetzt auch nichts über die weiteren, von Charlie Huston schnörkellos, schwarzhumorig erzählten Abenteuer von Hank Thompson in Mexiko und etlichen Bundesstaaten der USA von der West- bis zur Ostküste.

Charlie Huston: Die Hank-Thompson-Trilogie

Heyne, 2013

1024 Seiten

13,99 Euro

enthält

Der Prügelknabe

(übersetzt von Markus Naegele)

Originalausgabe

Caught Stealing

Ballantine Books, 2004

Der Gejagte

(übersetzt von Alexander Wagner und Markus Naegele)

Originalausgabe

Six Bad Things

Ballantine Books, 2005

Ein gefährlicher Mann

(übersetzt von Alexander Wagner und Markus Naegele)

Originalausgabe

A Dangerous Man

Ballantine Books, 2006

Hinweise

Pulp Noir: Homepage/Blog von Charlie Huston

Meine Besprechung von Charlie Hustons „Killing Game“ (The Shotgun Rule, 2007)

Meine Besprechung von Charlie Hustons „Das Clean-Team“ (The mystic arts of erasing all signs of death, 2009)

Meine Besprechung von Charlie Hustons „Bis zum letzten Tropfen“ (Every last drop, 2008)

Meine Besprechung von Charlie Huston (Autor)/ Lan Medina (Zeichner) „Deathlok: Der Zerstörer (MAX 41)“ (Deathlok: The Demolisher, Vol. 1 – 7, Januar – Juli 2010)

Mein Interview mit Charlie Huston

Charlie Huston in der Kriminalakte

 


Holy Shit, Frank Miller’s „Holy Terror“

Dezember 24, 2012

Miller - Holy Terror

Miller - Holy Terror limitiert

Er selbst nannte seinen neuen Comic, bevor er veröffentlicht wurde, „naked Propaganda“ und das ist „Holy Terror“ auch. Und wie immer bei politischer Propaganda ist kein Platz für Differenzierungen. Die Guten sind gut. Die Bösen böse. Die dick aufgetragene politische Botschaft entweder ganz großer Mist oder die triumphale Verkündung der Wahrheit. In Frank Millers neuester Graphic Novel „Holy Terror“ sind die Bösen eine Al-Qaida-Gruppe, die Empire City (vulgo Gotham, vulgo Sin City, vulgo New York) vernichten will. Und nur der „Richter“ (vulgo Batman) und die „Katze“ Natalie Stack (vulgo Catwoman) können die Katastrophe verhindern.

Frank Miller, der den Klassiker „Batman: Die Rückkehr des dunklen Ritters“ und die Noir-Serie „Sin City“ schrieb, wollte die Geschichte ursprünglich als Batman-Geschichte erzählen und überlegte es sich, weil sie nicht in den Batman-Kosmos passe, anders. Dennoch sind die Parallelen zu Batman noch vorhanden. Vor allem am Anfang sind sie überdeutlich. Aber dass die Bösewichter mordgierige Islamisten sind und dass alle guten Amerikaner sich gegen sie verbünden müssen und dass in diesem Kampf alle Mittel erlaubt sind, macht „Holy War“ zu einem Stück ärgerlicher, humorloser, konservativer Propaganda, bei der man sich wirklich fragt, ob man Frank Miller früher anders betrachtet und seine reaktionäre Weltanschauung übersehen hat oder ob er, der auch die gesamte Occupy-Bewegung für einen Haufen Nichtsnutze hielt, in den letzten Jahren zunehmend konservativer wurde.

Jedenfalls können sein abstrakter „Sin City“-Zeichenstil, die hier noch abstrakter geraten ist, und die oft beidseitigen Panels nicht über die Botschaft, die wie ein sehr verspäteter Nachklapp zur Post-9/11-Paranoia und einem Geburtstagsgeschenk für die Tea Party wirkt, und die erzählerischen Schwächen der banalen Geschichte hinwegtäuschen.

Holy Terror“ ist ein ärgerliches Werk auf dem Niveau seiner komplett vermurksten „The Spirit“-Verfilmung, das mit einem Zitat von Mohammed beginnt („Tötet die Heiden, wo immer ihr sie findet.“) und mit der Widmung „Mit Respekt Theo Van Gogh gewidmet (1957 – 2004)“ endet.

Nuff said.

Miller - All Star Batman

Vor einigen Jahren war Frank Miller, wie ein Blick in den jetzt erschienenen Sammelband „All-Star Batman“ zeigt, politisch noch nicht so drauf. In dem Sammelband sind die zehn „All-Star Batman“-Bände „All Star-Batman & Robin, the Boy Wonder“ enthalten, die in den USA in einem arg unregelmäßigem Rhythmus erschienen; nämlich September, November, Dezember 2005, März 2006, Juli, September, November 2007, Januar, April und August 2008.

Frank Miller schrieb die Geschichte und Jim Lee, der für die Verspätungen verantwortlich war, zeichnete, eher traditionell und schön bunt, die grandiosen Panels. Sie erzählen, wie Batman Bruce Wayne den zwölfjährigen Dick Grayson, Sohn einer Hochseilartistenfamilie, aus den Händen von Gangstern befreit (Oh, ja, die Gangster ermordeten seine Eltern), zwangsrekrutiert und in der Bathöhle, feinfühlig wie ein von niemandem kontrollierter Kasernenhofschleifer, zu seinem Gehilfen Robin macht. Diese Wie-der Held-zum Helden-wurde-und-seinen-Gehilfen-rekrutierte-Geschichte ist außerhalb der offiziellen Kontinuität des DC-Comic-Universums, weshalb Frank Miller sich bei seiner Neuerzählung bekannter Ereignisse einige Freiheiten nehmen konnte.

Das ist zwar auch kein Meisterwerk, aber ein ungleich gelungeneres Werk.

Frank Miller: Holy Terror

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini, 2012

124 Seiten

29,95 Euro

Originalausgabe

Holy Terror

Legendary, 2011

Frank Miller (Autor)/Jim Lee (Zeichner)/Scott Williams (Tusche): All-Star Batman

(übersetzt von Steve Kups)

Panini 2012

252 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

All Star Batman & Robin: The Boy Wonder, Issue 1 – 10

September 2005 – August 2008

Hinweise

Blog/Homepage von Frank Miller

Wikipedia über Frank Miller (deutsch, englisch) und Jim Lee (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Frank Miller/Geoff Darrows “Hard Boiled” (Hard Boiled, 1990/1992)

Meine Besprechung von Frank Miller (Autor)/Dave Gibbons‘ (Zeichner) „Martha Washington – Ein amerikanischer Traum (Band 1)“ (Give me liberty, 1990)

Frank Miller in der Kriminalakte