Verfilmte Bücher: „Appaloosa“ ist „Appaloosa“

Februar 25, 2013

Parker - Appaloosa - Europa Verlag 2

Ich gebe zu: damit hatte ich vor einem Jahr nicht gerechnet. Dass bei uns mal wieder ein waschechter Westernroman veröffentlicht wird. Und dann auch noch als Hardcover. Jedenfalls hat der Europa Verlag, mit etwas Hilfe von Robert B. Parkers deutschem Verlag Pendragon, jetzt „Appaloosa“ veröffentlicht und ich kann einfach (aber nach kritischer Durchsicht und mit kleinen Änderungen) meine alte Besprechung von „Appaloosa“ reposten:

Obwohl Robert B. Parker in seinen erfolgreichen Romanen mit dem Privatdetektiv Spenser immer wieder Western-Motive aufgreift, wandte er sich erst 2001 dem Western zu. Da erschienen der Spenser-Roman „Potshot“, ein Quasi-Western, und „Gunman’s Rhapsody“ über Wyatt Earp, seine Liebe zu dem Revuemädchen Josie Marcus und wie es zu der Schießerei am O. K. Corral kam.

2005 folgte „Appaloosa“, der erste Roman mit Virgil Cole und Everett Hitch, die als Revolvermänner ihre Art von Recht und Gesetz durchsetzen. Denn gerade Coles Selbstrechtfertigung, dass er sich immer an das Gesetz halte, wenn er jemand erschieße und ihn das von anderen Revolvermännern, die für Geld jeden erschießen, wird immer fadenscheiniger, weil Cole sich nur an die von ihm propagierten Gesetze hält.

Jetzt werden sie nach Appaloosa gerufen. Dort erschoss der Ranchbesitzer Randall Bragg kaltblütig den City Marshal. Virgil Cole, der in der Vergangenheit bereits mehrere Städte mit Everett Hitch (der die Geschichte erzählt) befriedete, wird von den Stadtoberen als sein Nachfolger eingestellt. Als erstes hängt Cole seine Gesetze aus – und wer sich nicht an sie hält, wird, nachdem er freundlich darauf hingewiesen wurde, erschossen. Das bekommt auch Bragg zu spüren, den sie, nachdem ein Zeuge für den Mord an dem City Marshal auftaucht, verhaften.

Appaloosa“ nimmt selbstverständlich die bekannten Themen von Freundschaft, Ehre und Verantwortung auf, die wir aus Robert B. Parkers anderen Romanen kennen und die Gespräche zwischen Cole und Hitch sind gar nicht so weit entfernt von den Gesprächen zwischen Spenser und seinem skrupellosen Freund Hawk oder ihm und seiner Freundin Susan. Entsprechend vertraut klingen sie für langjährige Parker-Leser.

Die Geschichte liest sich wie ein Best-of der aus zahlreichen anderen Western bekannten Motive und Situationen. So verhaften Cole und Hitch Bragg, sperren ihn im Gefängnis ein, müssen das Gefängnis gegen die Gefolgsleute von Bragg verteidigen, Bragg wird später aus einem Zug befreit, es gibt eine Verfolgungsjagd durch die Wildnis, eine Belagerung von Indianern, ein Shoot Out in einem Kaff und Bragg, der später versucht, die Stadt mit seinem Geld zu kaufen.

Insofern überzeugt „Appaloosa“ durchaus als zünftiger Western, der den Eindruck hinterlässt, dass Robert B. Parker sich hier beim Schreiben etwas mehr Gedanken über die Handlung gemacht hat, als bei seinen letzten Spenser-Romanen: – was vielleicht auch daran liegt, dass „Appaloosa“, nachdem sie sich bei dem TV-Western „Monte Walsh“ (USA 2003) kennen lernten, als Drehbuch für einen Western mit Tom Selleck begann und, via Romanveröffentlichung, zu einem gelungenen Western mit Ed Harris, Viggo Mortensen, Renée Zellweger, Jeremy Irons und Lance Henriksen wurde, der dem Buch bildgewaltig ohne große Änderungen folgt.

Trotzdem hatte ich beim Lesen von „Appaloosa“ den Eindruck, dass mehr möglich gewesen wäre. So ist es nur ein flott zu lesender Western, in dem Robert B. Parker seine vertrauten Themen in einem anderen Setting behandelt.

Die ARD zeigt den Western „Appaloosa“ am Samstag, den 2. März, um 22.15 Uhr (Wiederholung einige Stunden später, nach dem ebenfalls sehenswertem Thriller „Spurlos – Die Entführung der Alice Creed“ um 02.40 Uhr).

Ihr habt also noch genug Zeit, vorher den Roman zu lesen.

Robert B. Parker: Appaloosa

(übersetzt von Emanuel Bergmann)

Europa Verlag AG Zürich, 2012

208 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Appaloosa

G. P. Putnam’s Sons, 2005

Verfilmung

Appaloosa (Appaloosa, USA 2008)

Regie: Ed Harris

Drehbuch: Robert Knott, Ed Harris

mit Ed Harris, Viggo Mortensen, Renée Zellweger, Jeremy Irons, Lance Henriksen

(Boston Film Festival: Preis für bester Film und bestes Drehbuch)

Hinweise

Homepage von Robert B. Parker

Mein Porträt der Spenser-Serie und von Robert B. Parker

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Die blonde Witwe“ (Widow’s walk, 2002)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Alte Wunden” (Back Story, 2003)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der stille Schüler“ (School Days, 2005)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der gute Terrorist“ (Now & Then, 2007)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Hundert Dollar Baby” (Hundred Dollar Baby, 2006)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Trügerisches Bild“ (Painted Ladies, 2010)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Bitteres Ende” (The Professional, 2009)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Wildnis“ (Wilderness, 1979)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Appaloosa“ (2005)

Mein Nachruf auf Robert B. Parker

Robert B. Parker in der Kriminalakte


Verfilmte Bücher: „Mein fahler Freund“ ist „Warm Bodies“

Februar 20, 2013

Marion - Mein fahler Freund - 2Marion - Warm Bodies - 2

Die Idee von Isaac Marions Debütroman „Mein fahler Freund“, jetzt sehr gelungen verfilmt als „Warm Bodies“, ist grandios: er erzählt eine Liebesgeschichte zwischen einem Zombie und einer Frau aus der Sicht des Zombies. Das ist vor allem am Anfang, wenn der Ich-Erzähler R (an mehr erinnert der Zombie sich nicht) aus dem Leben seiner Artgenossen auf dem Flughafen erzählt, witzig. Auf einem ihrer Raubzüge nach Nahrung (also quicklebendigen Menschen) in die nahe gelegene Stadt entdeckt er Julie und anstatt sie, wie es sich für einen guten Zombie gehört, gleich zu verspeisen, verliebt er sich in sie. Er kann sich nicht erklären, warum er das tut, aber Liebe ist ja auch ein ewiges Mysterium. Dass er vorher ihren Freund verspeiste, hat immerhin den angenehmen Nebeneffekt, dass er einiges über sie weiß, weil ein Zombie beim Verspeisen eines menschlichen Gehirns dessen Erinnerungen absorbiert, bis er auch sie, wie schon seine eigenen Erinnerungen, vergisst.

Er nimmt sie mit zum Flughafen und in sein Refugium, eine 747-Passagiermaschine. Dort kommen sie sich bei der Musik von Frank Sinatra näher und er bemerkt, dass sich irgendetwas bei ihm verändert. Und sie findet ihn auch ganz sympathisch.

Aber die Menschen und die Zombies sind gegen die Liebe von R und Julie. Die Menschen, weil sie wissen, dass alle Zombies menschenfressende, gefühllose Bestien sind, die schon lange tot sind und am Besten noch einmal, aber dieses Mal endgültig umgebracht werden; die Zombies, nun, die vergessen Julie ziemlich schnell. Jedenfalls wenn sie nicht zu sehr nach Mensch riecht. Aber nachdem R und Julie mit den Knochen (besonders biestige Untote) einen Streit beginnen, müssen sie den Flughafen verlassen. Sie machen sich auf den Weg zur Stadt, in der Julie versucht R vor ihrem Vater, einem fanatischen Zombiejäger, zu verstecken.

Dass die Liebesgeschichte von Romeo und Julia für „Mein fahler Freund“ Pate stand, ist offensichtlich und auch gar nicht so schlecht. Das verleiht dem Roman immerhin eine Grundspannung und die Frage, wie Isaac Martin das Liebespaar am Ende zusammen bekommt.

Allerdings, und das ist das Problem der ursprünglich als Kurzgeschichte erschienenen und dann auf Romanlänge erweiterten Geschichte, hätte man auch gerne mehr über das Leben der Menschen in der Festung und die Ursache der Zombie-Apokalypse erfahren. So bleibt sie nur der beliebige, trendige Hintergrund für eine Liebesgeschichte zwischen Angehörigen zweier verfeindeter Gruppen, die gerade nach dem ersten, auf dem Flughafen spielendem, Drittel zunehmend beliebig vor sich hin plätschert und in einem konfusen Showdown endet.

Die Filmemacher haben es wohl ähnlich gesehen. Jedenfalls veränderte Autor und Regisseur Jonathan Levine (All the Boys love Mandy Lane, 50/50) eben jenen Teil stark, aktualisierte die Musik für ein jüngeres Publikum und bewies ein gutes Gespür bei der Balance zwischen Sentiment, Witz und Action. „Warm Bodies“ ist eine herzerwärmende Zombie-Liebesgeschichte, die aufgrund der Essgewohnheiten der Untoten definitiv keine Schmonzette ist.

Der Kinostart ist am 21. Februar.

Isaac Marion: Mein fahler Freund

(übersetzt von Daniel Sundermann)

Hobbit Presse/Klett-Cotta, 2011

304 Seiten

19,95 Euro (Hardcover)

9,95 Euro (Taschenbuch, erscheint am 21. Februar unter dem Filmtitel „Warm Bodies“)

Originalausgabe

Warm Bodies

Atria Books, 2009

Verfilmung

Warm Bodies (Warm Bodies, USA 2013)

Regie: Jonathan Levine

Drehbuch: Jonathan Levine

mit Nicholas Hoult, Teresa Palmer, Analeigh Tipton, Rob Corddry, Dave Franco, John Malkovich, Cory Hardriot

Länge: 98 Minuten

Kinostart: 21. Februar 2013

Hinweise

Homepage von Isaac Marion

Deutsche Homepage zum Film

 

 


Verfilmte Bücher: „Der Hypnotiseur“ ist „Der Hypnotiseur“

Februar 18, 2013

Kepler - Der Hypnotiseur - 2

Schon bevor ich die erste Zeile lese, sprechen zwei gute Gründe gegen Lars Keplers Debüt „Der Hypnotiseur“:

Das Buch hat 656 engbedruckte Seiten. Für einen zünftigen Kriminalroman sind das oft einige Seiten zu viel.

Es ist im Präsens geschrieben – und genau wie bei einem 3D-Film reißt mich das immer wieder aus der Geschichte. Denn nur wenigen Autoren gelingt es, eine Geschichte flüssig im Präsens zu erzählen.

Während der Lektüre kommt noch ein weiterer Grund hinzu: die Konstruktion der Geschichte. Denn Lars Kepler gehört zur Stieg-Larsson-Schule des Erzählens: auf hunderten von Seiten verirren diese Autoren sich in belanglose Subplots, erzählen die weitgehend überflüssigen Backstories der Charaktere auf Dutzenden von Seiten und breiten, bevor sie jeden Einrichtungsgegenstand der Wohnungen liebevoll beschreiben, wirklich jeden Informationshappen, den sie irgendwann recherchierten, aus. Nur die Hauptgeschichte, also die Story, weshalb wir das Buch lesen, wird wie eine lästige Pflichtübung abgehandelt. Auch in „Der Hyponiseur“ ist die Tat schneller aufgeklärt, als ich „Pups“ sagen konnte.

Sie glauben es nicht?

Also: In Stockholm wird eine Familie bestialisch ermordet. Nur der fünfzehnjährige Sohn Josef Ek überlebt schwerverletzt und wird in ein Krankenhaus eingeliefert. Kommissar Joona Linna (ein echtes Genie, dessen der Wahrheit entsprechender, furchtbar rechthaberischer Trademark-Satz „Ich hatte Recht“ ist, was ihn entsprechend unsympathisch machen würde, wenn er nicht so fürchterlich blass wäre) überzeugt Erik Maria Bark, Experte für Traumabehandlung, den Sohn zu hypnotisieren. Linna hofft so, ein Bild von dem Täter zu bekommen, der vielleicht die Tochter der Familie, die an einem unbekannten Ort ist, auch ermorden will. In der Hypnose gesteht Ek die Tat. Wir sind jetzt auf Seite 89 von gut 640 Seiten – und ich fragte mich, ob das nicht ein falsches Geständnis ist.

Ist es aber nicht. Auf Seite 188 flüchtet Ek aus dem Krankenhaus. Auf seiner Flucht ermordet er eine Krankenschwester, flüchtet über einen Friedhof, hängt dabei die ihn verfolgende Staatsgewalt lässig ab, verletzt einen Autofahrer schwer und klaut dessen Auto (Wow, diese scherverletzten Komapatienten haben es echt drauf). Aber anstatt jetzt eine zünftige Verfolgungsjagd nach einem flüchtigen, mordlüsternem Serienkiller zu erzählen, wird auch noch der schwerkranke Sohn der Barks entführt und das Ehepaar wälzt Eheprobleme, während Simones Vater, ein pensionierter Polizist, sich auf die Jagd macht und eine falsche Fährte nach der nächsten verfolgt. Dafür erfahren wir einiges von den Problemen, die Kinder und Pubertierende mit Gleichaltrigen haben (Yeah, das interessiert uns jetzt wirklich brennend). Von Seite 357 bis Seite 486 gibt es dann eine Rückblende, in der Bark von einer Hypnosegruppe erzählt, die er vor zehn Jahren betreute. Dass da irgendwo ein Hinweis auf die Entführerin von Benjamin Bark versteckt ist, können wir uns denken. Immerhin hat, auch das sei verraten, Josef Ek ihn nicht entführt.

Spannender wird das ganze dadurch nicht, aber wir können geruhsam darüber nachdenken, warum die Charaktere sich so bescheuert verhalten, warum offensichtliche Spuren nicht verfolgt werden und warum die Polizei sich lange Zeit nicht um ein entführtes Kind kümmert und sie bei der Jagd nach einem durchgeknallten Serienmörder Dienst nach Vorschrift macht. Und, wenn wir schon dabei sind, warum Simone nachdem ihr Sohn entführt wurde, sich liebevoll um ihre Galerie kümmert und schnell mit einem Künstler ins Bett springt.

Urgh.

Der Hypnotiseur“ ist nicht schlecht ausgedacht. Er ist blind zusammengeschustert worden.

Aber der Roman wurde ein Bestseller und die Verfilmung von Lasse Hallström startet am 21. Februar in unseren Kinos. Zum Glück nahmen die Macher sich etliche Freiheiten und verbesserten so die Geschichte des Autorenpaares Alexandra und Alexander Ahndoril. Ein guter Thriller ist es trotzdem nicht geworden.

Lars Kepler: Der Hypnotiseur

(übersetzt von Paul Berf)

Bastei Lübbe Taschenbuch, 2012

656 Seiten

9,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Bastei Lübbe, 2010

Originalausgabe

Hypnotisören

2009

Verfilmung

Der Hypnotiseur (Hypnotisören, Schweden 2012)

Regie: Lasse Hallström

Drehbuch: Paolo Vacirca, Paolo Vacirca (Story Adaption), Lasse Hallström (Story Adaption)

mit Tobias Zilliacus, Mikael Persbrandt, Lena Olin, Helena af Sandeberg, Oscar Pettersson, Anna Azcarate , Jonatan Bökman, Jan Waldekranz, Eva Melander

Kinostart: 21. Februar 2013

Hinweise

Homepage von Lars Kepler

Krimi-Couch über Lars Kepler

Wikipedia über Lars Kepler

Buchjournal: Ein Besuch bei Lars Kepler

Deutsch Homepage zum Film

 

 


Kurzkritik: James Ellroy: Der Hilliker-Fluch

Februar 15, 2013

Ellroy - Der Hilliker-Fluch - 292

Dass „Der Hilliker-Fluch – Meine Suche nach der Frau“ eine normale Biographie ist, kann man dem Buch nicht vorwerfen. Immerhin ist es von James Ellroy und er kann sich inszenieren. Außerdem lebte er in seinen düsteren Kriminalromanen voller Sex und Gewalt seine Obsessionen schon breit aus. In Interviews verhehlte er nie, wie wichtig für ihn der Tod seiner Mutter Jean Hilliker war. Sie wurde 1958 ermordet. Der Mord wurde nie aufgeklärt und auch als James Ellroy sich Jahrzehnte später auf die Suche nach dem Täter machte, fand er ihn nicht. Er schrieb darüber „Die Rothaarige – Die Suche nach dem Mörder meiner Mutter“ (My dark places, 1996).

In „Der Hilliker-Fluch – Meine Suche nach der Frau“ erzählt er von seiner Jugend, seinem dysfunktionalem Elternhaus, wie er als kleiner Spanner durch die Vorgärten schlich und wie er später in jeder Frau seine Mutter, die Wahre und Eine, suchte.

Ich habe fünf Jahrzehnte mit der Suche nach einer bestimmten Frau zugebracht, um einen Mythos zu zerstören. Der Mythos war selbstgeschaffen und willkürlich definiert. Ich habe ihm eine Geschichte aufgezwungen, um mein eigenes Überleben zu sicher. Sie erforderte Schuld, um den Kummer zu unterdrücken und meine verrückte Leidenschaft zu rechtfertigen. Der Fluch war ein halber Segen. Ich habe ganz gut damit gelebt.

Damit mich die Frauen lieben.

Dabei entsteht, anhand seiner teilweise langjährigen Beziehungen zu verschiedenen Frauen, so etwas wie ein Biographie, die, gerade weil James Ellroy dabei am allerschlechtesten wegkommt, durchaus ungeschönt und nah an der Wahrheit sein dürfte.

Der Hilliker-Fluch“ ist natürlich in erster Linie ein Buch für den James-Ellroy-Fan und nachdem er in seinen letzten Büchern immer knapper und unlesbarer schrieb, kehrt er jetzt wieder zu einem normalen Satzbau zurück und demontiert sich zuerst gründlich, nur um sich als „der größte Krimiautor, der je gelebt hat“ (Ellroy in seiner üblichen Bescheidenheit) doch wieder aufzubauen. Denn natürlich ist Ellroy auch als von Selbstzweifeln geplagter Spanner und Schürzenjäger der Größte.

Gerade dieser Zwiespalt, verbunden mit einem wohldosiertem Blick hinter die Kulissen, macht den „Hilliker-Fluch“ allerdings auch so lesenswert.

James Ellroy: Der Hilliker-Fluch – Meine Suche nach der Frau

(übersetzt von Stephen Tree)

Ullstein, 2012

256 Seiten

19,99 Euro

Originalausgabe

The Hilliker Curse – My Pursuit of Women

Alfred A. Knopf Inc., New York 2010

Hinweise

James Ellroy stellt „Der Hilliker-Fluch“ vor (Teil 1, Teil 2, Teil 3 – die normale Verlinkung klappt im Moment nicht)

Wikipedia über James Ellroy (deutsch, englisch)

Meine Besprechung der James-Ellroy-Verfilmung „Rampart – Cop außer Kontrolle“ (Rampart, USA 2011)

Meine Besprechung von James Ellroys Unterwelt-Trilogie

James Ellroy in der Kriminalakte

Dieses Cover ist noch retroer und gefällt mir daher entsprechend gut

Ellroy - The Hilliker Curse


Sekundärliteratur zu „The Wire“

Februar 13, 2013

The Wire“ ist eine Polizeiserie, die gleichzeitig ein Bild von Baltimore und den dortigen sozialen und politischen Konflikten liefert. Es ist auch die Polizeiserie, die damit die amerikanische Wirklichkeit ungeschönt reflektiert und so zum Liebling der Kritiker wurde. Im US-TV lief die HBO-Serie von 2002 bis 2008. In Deutschland verzichtete man auf eine Free-TV-Ausstrahlung und veröffentlichte die fünf Staffeln zwischen November 2010 und November 2012 gleich auf DVD.

Fast parallel dazu wurde die Serie und ihr Erfinder, der Journalist David Simon, in Zeitungen und Zeitschriften breit abgefeiert und es erschienen wissenschaftliche Aufsätze. Mal kürzer (beispielsweise Kathi Gormászss „»All in the game yo, all in the game« – Die Polizeiserie „The Wire“ als Anti-Cop-Show und TV-Roman“ in dem Sammelband „Die Lust am Genre“), mal länger.

Schröter - Verdrahtet - 2

Zu den Längeren gehört Jens Schröters kurze Studie „Verdrahtet – ‚The Wire‘ und der Kampf um die Medien“. Im wesentlichen analysiert der Professor für Theorie und Praxis multimedialer Systeme an der Universität Siegen den Vorspann in einer Bildanalyse und erzählt die Staffeln 1, 3 und 5 aus der Sicht des Kampfes um die Telefone nach. Die Polizisten versuchen die Kommunikationswege der Verbrecher abzuhören und deren Geheimcodes zu knacken, während die Verbrecher genau das verhindern wollen.

Denn, so Schröter: „Figuren und ihre Psychologie sind nicht zentral in ‚The Wire‘. Entscheidend ist nur, wie die Serie den Kampf um die Medien zwischen Polizei und Dealern und das Telefon in immer neuen Anläufen darstellt.“

Das liest sich dann doch wie eine akademisch getünchte Nacherzählung aus einem bestimmten Blickwinkel.

Simon - Homicide - 2Simon - Burns - The Corner - 2

Inzwischen sind auch die beiden als True-Crime-Klassiker anerkannten Bücher „Homicide – Ein Jahr auf mörderischen Straßen“ und „The Corner – Bericht aus dem dunklen Herzen der amerikanischen Stadt“ von David Simon auf deutsch erschienen. Beide Bücher sind inzwischen auch schon historische Bücher. Denn als David Simon für „Homicide“ 1988 ein Jahr in Baltimore Polizisten der Mordkommission begleitete, gab es auf den Polizeistationen noch keine Computer, DNA war ein Fremdwort, der CSI-Effekt noch nicht bekannt und alltagstaugliche Handys gab es höchstens in Science-Fiction-Filmen. Für „Homicide“ erhielt David Simon den Edgar Award als bestes Sachbuch und es war die Vorlage für die Polizeiserie „Homicide“.

1993 beobachtete David Simon mit seinem Kollegen Ed Burns, der zwanzig Jahre Detective bei der Mordkommission war, in „The Corner“ die andere Seite des Verbrechens: die Drogenhändler und wie sie an einer Straßenecke ihre Geschäfte tätigen. Dabei zeigt er den Drogenhandel als letzten funktionierenden ökonomischen Kreislauf und Halt für die daran beteiligten Menschen, die durch die sozialen Raster gefallen sind.

Jens Schröter: Verdrahtet – „The Wire“ und der Kampf um die Medien (Kultur & Kritik 6)

Bertz + Fischer, 2012

112 Seiten

9,90 Euro

David Simon: Homicide – Ein Jahr auf mörderischen Straßen

(übersetzt von Gabriele Gockel, Barbara Steckhan und Thomas Wollermann)

Verlag Antje Kunstmann, 2011

832 Seiten

24,90 Euro

11,99 Euro (Taschenbuchausgabe, Heyne Verlag)

Originalausgabe

Homicide – A year on the killing streets

Houghton Mifflin Company, Boston 1991/2006

David Simon/Ed Burns: The Corner – Bericht aus dem dunklen Herzen der amerikanischen Stadt

(übersetzt von Gabriele Gockel, Barbara Steckhan und Thomas Wollermann, Kollektiv Druck-Reif)

Verlag Antje Kunstmann, 2012

800 Seiten

24,95 Euro

Originalausgabe

The Corner – A year in the life of an inner-city neighbourhood

Broadway Books 1997

Hinweise

Wikipedia über David Simon (deutsch, englisch) und „The Wire“ (deutsch, englisch)

The Audacity of Despair – Homepage/Blog von David Simon

Homepage von Jens Schröter


Verfilmte Bücher: „Hitchcock und die Geschichte von ‚Psycho’“ ist „Hitchcock“

Februar 8, 2013

Rebello - Hitchcock und die Geschichte von Psycho2

Psycho“ war, vom Budget, vom Team und von der Drehzeit her, ein kleiner, billiger Film. Alfred Hitchcock wollte nach dem Megaerfolg „Der unsichtbare Dritte“ das komplette Gegenteil machen: einen kleinen, billigen SW-Horrorfilm. Er spekulierte damals, immerhin hatten es vorher bereits einige Horrorfilme gezeigt, auf einen satten Gewinn.

Die Rechnung ging auf. „Psycho“ spielte mehr als seine Produktionskosten ein. Viel mehr. Der Thriller wurde auch ein kulturelles Phänomen, beeinflusste etliche Regisseure, das Horror- und Thrillergenre und Hauptdarsteller Anthony Perkins, der während der Dreharbeiten vor allem als jugendlicher Liebhaber bekannt war, war danach nur noch Norman Bates, ein durchgeknallter Mörder, der sich, immer wenn er Frauen umbrachte, als Mutter verkleidete.

In seinem im Original bereits 1990 erschienenem Sachbuch „Hitchcock und die Geschichte von Psycho“ zeichnet Stephen Rebello, basierend auf ausführlichen Interviews (er hatte sogar die Chance Alfred Hitchcock kurz vor seinem Tod zu interviewen) und Aktenstudium, die gesamte Geschichte des Films nach: von den realen Ursprüngen über Robert Blochs Roman „Psycho“, die Vorbereitungen, die Dreharbeiten, den Schnitt, die Premiere bis hin zu den Nachwirkungen. Rebello erzählt das informativ und mit vielen Zitaten, die wirklich einen Blick hinter die Kulissen erlauben.

Für Hitchcock-Fans und „Psycho“-Fans ist Rebellos Buch sowieso eine Pflichtlektüre. Und auch Filmfans sollten einen Blick hineinwerfen. Denn Rebello liefert einen guten Einblick in alle Aspekte des Filmemachens. Eine kleine Sittengeschichte der damaligen Zeit gibt es auch. Denn Alfred Hitchcock hatte Probleme mit der Zensur.

Seit der Erstauflage erschien „Hitchcock und die Geschichte von Psycho“ in den USA in mehreren Ausgaben bei verschiedenen Verlagen und wurde 2012 von Sacha Gervasi verfilmt. Die hochkarätig besetzte Verfilmung ist allerdings mehr eine Fantasie über Alfred Hitchcock, angereichert mit seinen Sprüchen, Leidenschaften und Obsessionen, als ein auch nur halbwegs akkurates Biopic.

Immerhin wurde dank der Verfilmung Stephen Rebellos Buch ins Deutsche übersetzt.

Stephen Rebello: Hitchcock und die Geschichte von „Psycho“

(mit einem neuen Vorwort von Stephen Rebello)

(übersetzt von Lisa Kögeböhn, Bernhatt Matt und Uli Meyer)

Heyne, 2013

416 Seiten

9,99 Euro

Erstausgabe

Alfred Hitchcock and The Making of Psycho

Dembner Books, 1990

Verfilmung

Hitchcock (Hitchcock, USA 2012)

Regie: Sacha Gervasi

Drehbuch: John J. McLaughlin

mit Anthony Hopkins, Helen Mirren, Scarlett Johansson, Danny Huston, Toni Collette, Michael Stuhlbarg, Michael Wincott, Jessica Biel, James D’Arcy, Kurtwood Smith, Ralph Macchio, Tara Summers

Kinostart: 14. März 2013 (angekündigt)

Hinweise

Wikipedia über Stephen Rebello und „Hitchcock und die Geschichte von ‚Psycho'“

Wikipedia über Alfred Hitchcock (deutsch, englisch)

Senses of Cinema (Ken Mogg) über Alfred Hitchcock

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 2

Meine Besprechung von Alfred Hitchcocks „Mr. und Mrs. Smith“ (Mr. and Mrs. Smith, USA 1941)

Meine Besprechung von Thily Wydras “Alfred Hitchcock”

Alfred Hitchcock in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Robert Blochs „Psycho“ (Psycho, 1959)

Meine Besprechung von Robert V. Galluzzos „Psycho Legacy“ (The Psycho Legacy, USA 2010 – eine sehenswerte Doku über die „Psycho“-Filme mit Anthony Perkins, mit vielen Stunden informativem Bonusmaterial)

und so bewarb Alfred Hitchcok „Psycho“


Verfilmte Bücher: „Irgendwann gibt jeder auf“ ist „Parker“

Februar 6, 2013

Stark - Irgendwann gibt jeder auf2

Parker, kein Vorname, ist eigentlich kein richtiger Charakter, kein Mensch, sondern ein Prinzip. Deshalb konnte Richard Stark, der Erfinder von Parker, seinen skrupellosen Dieb, den er nach sechzehn Romanen, die zwischen 1962 und 1974 erschienen, in den Tiefschlaf schickte, nach einer dreiundzwanzigjährigen Pause 1997 mit „Comeback“ (Verbrechen ist Vertrauenssache) wieder an dem Punkt weitermachen lassen, an dem er 1974 die Welt verließ. Er zog einfach einen neuen Coup durch, es gab Probleme, Parker löste sie mit mehr oder weniger viel Gewalt und am Ende konnte er, wie früher, mehr oder weniger unverletzt, mal mit, mal ohne Beute entkommen.

Seit dem „Comeback“ erschienen bis zu Starks Tod am 31. Dezember 2008 insgesamt acht weitere Parker-Bände, die immer spannende, kurzweilige Hardboiled-Literatur sind.

In „Irgendwann gibt jeder auf“, das 2000 als „Flashfire“ im Original als dritter neuer Parker-Band erschien, hat Parker Ärger mit Melander, Carlson und Ross. Nach einem Banküberfall wollen sie Parker überreden, bei ihrem nächsten großen Ding, einem Juwelenraub von 12 Millionen Dollar, Minimum!, in Palm Beach, mitzumachen. Parker lehnt ab: „Polizei, Sicherheitsdienste, Wachmänner, Posten, wahrscheinlich Hunde, mit Sicherheit Hubschrauber, Metalldetektoren, die ganze Latte. Und das dann noch in Palm Beach, wo es mehr Polizei pro Quadratkilometer gibt als irgendwo sonst auf der Welt. Die sind alle reich in Palm Beach, und sie wollen reich bleiben. Außerdem ist es eine Insel, mit drei schmalen Brücken; den Ort kann man absolut dichtmachen, wie in Folie eingeschweißt.“ Er will nur seinen Anteil. Ein paar Tausend Dollar. Weil die anderen das Geld allerdings als Startkapital benötigen, nehmen sie es sich von Parker und lassen ihn in einem Motelzimmer zurück.

Parker kann diesen Vertragsbruch nicht akzeptieren. Er macht sich auf den Weg nach Palm Beach.

Irgendwann gibt jeder auf“ ist ein klassischer Parker-Roman und weil Richard Stark (ein Pseudonym von Donald E. Westlake), bis auf wenige, vernachlässigbare Ausnahmen und Details, ganz altmodisch seinen Helden einfach nur verschiedene Abenteuer erleben lässt, kann man die Romane auch unabhängig voneinander lesen und sich daran erfreuen, wie in einer durchkapitalisierten, utilitaristischen Welt ein Verbrecher, der seinem Moralcodex gehorcht, versucht zu überleben.

Dabei unterscheidet sich Parkers Kodex kaum von dem der anderen Verbrecher, außer dass er als Profi zu seinem Wort steht und Gewalt nur als ein rationales Mittel einsetzt, um seine Ziele zu erreichen. Wenn er ohne Gewalt seine Ziele erreichen kann, tut er es. Denn er will, als kleiner Unternehmer, als Einzelner, der bei Bedarf mit anderen Verbrechern zusammen arbeitet, vor allem möglichst unauffällig sein Geld in einer Welt, die zunehmend von großen Gruppen dominiert wird, verdienen. Und in diesen Momenten werden die auf den ersten Blick kleinen Gaunergeschichten, die man locker an ein, zwei Abenden lesen kann, zu tiefschwarzen Allegorien auf die US-amerikanische Gesellschaft und den Überlebenskampf des Einzelnen, der noch an Werte glaubt, während die großen Konzerne (einerlei ob Bank, Mafia oder Multinationaler Konzern) gewissenlos alle Schlupflöcher ausnutzen.

Und genau diesen Punkt nimmt Taylor Hackfords Verfilmung von „Irgendwann gibt jeder auf“, die ab Donnerstag als „Parker“ im Kino läuft, auf. „Parker“ ist letztendlich ein feiner Genrefilm, der sich, was für Parker-Fans nicht überraschend kommt, einige Freiheiten nimmt.

Richard Stark: Irgendwann gibt jeder auf

(übersetzt von Rudolf Hermstein)

dtv, 2013

272 Seiten

9,95 Euro

Deutsche Erstausgabe

Paul Zsolnay Verlag, 2010

Originalausgabe

Flashfire

Mysterious Press, 2000

Verfilmung

Parker (Parker, USA 2013)

Regie: Taylor Hackford

Drehbuch: John J. McLaughlin

mit Jason Statham, Jennifer Lopez, Michael Chiklis, Wendell Pierce, Clifton Collins Jr., Bobby Cannavale, Emma Booth, Nick Nolte

Kinostart: 7. Februar 2013

Hinweise (ein gewisses Fantum ist unübersehbar)

Homepage von Donald E. Westlake

Kriminalakte: Nachruf auf Donald E. Westlake

Kriminalakte: Covergalerie Donald E. Westlake

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „Get Real“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „What’s so funny?“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „Watch your back!“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Kurzroman „Die Geldmacher“ (Walking around money; erschienen in „Die hohe Kunst des Mordens“ [Transgressions])

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes „Mafiatod“ (361, 1962)

Meine Vorstellung von Westlakes als Richard Stark geschriebener Parker-Serie (mit „Nobody runs forever“)

Meine Besprechung von Richard Starks Parker-Romans „Ask the Parrot“

Meine Doppelbesprechung von Richard Starks Parker-Romanen „Fragen Sie den Papagei“ (Ask the Parrot) und „Dirty Money“

Meine Besprechung des Films “The Stepfather”, nach einem Drehbuch von Donald E. Westlake

Meine Besprechung von Lax/Donald Westlakes „Hot Rock“ (Pierre qui roule, 2008, Comic)


„Raylan“ räumt jetzt auch in der deutschen Übersetzung auf

Januar 21, 2013

Leonard - Raylan - Suhrkamp

Anstatt für die deutsche Ausgabe liebevoll auf altem Sütterlinpapier, hergestellt von Jungfrauen in einer Vollmondnacht, eine neue Besprechung zu schreiben, poste ich einfach, leicht aktualisiert und ohne die YouTube-Videos, meine Rezension zur Originalausgabe von Elmore Leonard neuestem Roman „Raylan“ wieder:

Raylan Givens ist ein Charakter von Elmore Leonard, der in den beiden in Florida spielenden Romanen „Jede Wette“ (Pronto, 1993) und „Volles Risiko“ (Riding the Rap, 1995) und der Novelle „Fire in the Hole“ (2001) auftrat.

Raylan Givens ist der Held der grandiosen US-Krimiserie „Justified“, die in den USA demnächst in die vierte Staffel geht, während bei uns im Herbst bei Kabel 1 die zweite Staffel so wenige Zuschauer hatte, dass die zweite Staffel zwar vollständig, aber in Doppelfolgen, ausgestrahlt wurde.

Raylan“ heißt der neue Roman von Elmore Leonard, in dem U. S. Marshal Raylan Givens in Harlan County, Kentucky, Bösewichter jagt. Dabei liest sich „Raylan“ weniger wie ein Roman, sondern wie drei Episoden für „Justified“: eine sehr gelungene Einzelepisode und eine sehr locker miteinander verknüpfte, durchwachsene Doppelfolge. Leonard selbst sagt in Interviews, er habe „Raylan“ geschrieben, um den Machern der TV-Serie einige Ideen zu liefern, aus denen sie dann machen könnten, was sie wollten. Die echten „Justified“-Fans werden auch einige Verbindungen zwischen Leonards Roman und der Serie entdecken.

Dass man beim Lesen immer das „Justified“-Ensemble und die Optik der TV-Serie vor seinem geistigen Auge hat, ist kein Nachteil. Immerhin treten etliche aus der TV-Serie bekannte Charaktere auf und Raylan Givens muss sich mit mehr oder weniger sympathischen weiblichen Bösewichtern herumschlagen. Es sind eine Krankenschwester, die mit dem Herausoperieren von Nieren außerhalb des OP-Raums und ohne Einverständnis des Spenders ein lukratives, aber auch sehr illegales Geschäftsmodell entdeckte (das ist die erste und auch beste Geschichte); eine Vertreterin einer Minenfirma, die auch mal gerne eine Pistole in die Hand nimmt und jemanden erschießt; und eine Pokerspielerin mit den falschen Freunden.

Elmore Leonard sorgt also für viel Spaß in Harlan County und Raylan Givens, der, nicht nur wegen seines Hutes, wie ein Überbleibsel aus dem Wilden Westen wirkt, darf auch von der Schusswaffe Gebrauch machen. Wenn Worte nicht helfen. Denn zuerst redet er.

Raylan“ ist ein oft skizzenhafter, episodenhafter Roman von Elmore Leonard, der nach der ersten Geschichte auch etwas vor sich hin plätschert. Aber nach dem enttäuschenden „Road Dogs“ und dem komplett vermurksten „Djibouti“ ist „Raylan“ wieder ein Elmore-Leonard-Werk, das eben jene Elemente hat, für die ihn seine Fans lieben: eindrucksvolle Charaktere und grandiose Dialoge. Dass dabei der Plot, mal wieder, vernachlässigt wird, ist für langjährige Elmore-Leonard-Fans keine Neuigkeit.

Haue noch einen Nachtrag ran: Für November ist mit „Blue Dreams“ ein neuer Roman von Elmore Leonard angekündigt.

Und frage mich, wo die deutsche DVD-Ausgabe der zweiten Staffel von „Justified“ bleibt. Immerhin liefen die Folgen schon vor einigen Wochen im TV.

Elmore Leonard: Raylan

(übersetzt von Kirsten Riesselmann)

Suhrkamp, 2013

312 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

Raylan

William Morrow, New York 2012

 

Hinweise

Homepage zur Serie

Kabel 1 über “Justified”

Wikipedia über „Justified“ (deutsch, englisch)

Meine Ankündigung von “Justified” (Staffel 2)

Christian Science Monitor: Interview mit Elmore Leonard (18. Januar 2012)

Wall Street Journal: Interview mit Elmore Leonard über “Raylan” und “Justified” (13. Januar 2012)

Homepage von Elmore Leonard

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Dschibuti“ (Djibouti, 2010)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Djibouti“ (2010)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Road Dogs“ (Road Dogs, 2009)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Up in Honey’s Room“ (2007)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Gangsterbraut“ (The hot Kid, 2005)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Callgirls“ (Mr. Paradise, 2004)

Mein Porträt „Man nennt ihn Dutch – Elmore Leonard zum Achtzigsten“ erschien im „Krimijahrbuch 2006“

Meine Besprechung der Elmore-Leonard-Verfilmung „Sie nannten ihn Stick“ (Stick, USA 1983)

Meine Besprechung der Elmore-Leonard-Verfilmung „Killshot“ (Killshot, USA 2008)

Elmore Leonard in der Kriminalakte

 

 


Charles Cumming über „Die Trinity-Verschwörung“

Januar 19, 2013

Cumming - Die Trinity-Verschwörung 2

Charles Cumming unterhält sich mit Schauspieler Dominic West („The Wire“, „300“, „John Carter“), der auch einige Ausschnitt aus dem Roman vorliest, über „Die Trinity-Verschwörung“ (The Trinity Six, 2011) und „The Wire“:

Außerdem gibt Charles Cumming einige Hintergrundinformationen zum historischen Hintergrund und seinen Roman

Meine Meinung zum Buch gibt es hier.


„Nur zu deinem Schutz“ – ein kleiner Nachtrag

Januar 18, 2013

Coben - Nur zu deinem Schutz

Wenn Harlan Coben einen neuen Roman veröffentlicht, gibt es normalerweise einen gelungenen Buchtrailer und einige Interviews mit ihm.

So auch bei seinem ersten Mickey-Bolitar-Roman „Nur zu deinem Schutz“ (Shelter, 2011), der sich in erster Linie an ein jugendliches Publikum richtet und den ich auch schon besprochen habe.

Aber ohne diese Videos:


Robert Littell und Charles Cumming denken in „Philby“ und „Die Trinity-Verschwörung“ über die Cambridge Five nach

Januar 12, 2013

Die Bücher habe ich schon vor einigen Tagen gelesen, aber ich weiß immer noch nicht, wie ich meine Buchbesprechung beginnen soll. Denn ich hatte mir vorgenommen, „Philby – Porträt des Spions als junger Mann“ von Robert Littell und „Die Trinity-Verschwörung“ von Charles Cumming gemeinsam zu besprechen.

Immerhin sind beide Werke Spionageromane (was noch kein Grund wäre), beide spielen in England (schon eher ein Grund), sind von hochgelobten Spionageroman-Autoren (dito), beschäftigen sich mit den Cambridge Five – und das ist der Grund.

Die Cambridge Five, wie die Doppelspione genannt wurden, waren Kim Philby, Guy Burgess, Anthony Blunt, Donald Maclean und John Cairncross. Sie studierten am Trinity College der Universität Cambridge, arbeiteten bereits während des zweiten Weltkriegs für den sowjetischen Geheimdienst und teilweise für den englischen Geheimdienst. Nach dem zweiten Weltkrieg erlangten sie wichtige Positionen im Geheimdienst und Außenministerium und einer wurde Leiter der königlichen Gemäldegalerie.

Ihre Enttarnung war ein großer Geheimdienstskandal und auch heute noch sind die Namen der Cambridge Five einer breiten Öffentlichkeit als Doppelagenten (oder Trippelagenten?) bekannt.

Wenn fast zeitgleich zwei Spionageromane erscheinen, die sich mit diesem Fall beschäftigen, dann lädt das natürlich zum Vergleich ein. Auch wenn der eine Roman in der Vergangenheit, der andere in der Gegenwart spielt.

Littell - Philby - 2

Robert Littell, hochgelobt, seit Jahren im Geschäft und immer noch viel zu unbekannt, schrieb über die Vergangenheit. In „Philby – Porträt des Spions als junger Mann“ erzählt er von Harold Adrian Russell ‚Kim‘ Philbys Jahren als junger Mann: wie er 1933 nach Wien fuhr um den dortigen Kommunisten gegen Kanzler Dollfuß zu helfen und er sich in Litzi Friedmann, eine ungarischstämmige, jüdische Kommunistin, verliebte und sie später, um sie vor der Judenverfolgung zu schützen, heiratete. Danach ging es zurück nach England, wo er zusammen mit Guy Burgess, einem homosexuellem Mitstudenten am Trinity College, die Idee hatte, als Spion für den sowjetischen Geheimdienst zu arbeiten. Aufgrund ihrer Herkunft und der damit verbundenen glänzenden Kontakte in die Oberschicht war der NKWD interessiert und Kim Philbys Rehabilitierungsprogramm begann, indem er als Times-Journalist betont deutschlandfreundlich über den spanischen Bürgerkrieg schrieb.

1940 wurde Philby, weil er ja seine jugendliche Phase als Kommunist hinter sich gelassen hatte, vom MI6 angeworben – und seine Karriere als Doppelagent begann. Wobei die Sowjets sich fragten, ob er nicht vielleicht sogar ein Trippelagent sei.

Robert Littell hielt sich, wie er im Nachwort sagt, eng an die historischen Fakten, die ja schon fantastisch genug sind, und er bietet am Ende eine Erklärung für Kim Philbys Verhalten an, die sowohl fantastisch, irrwitzig und logisch ist. Jedenfalls in der Welt der Geheimdienste, in denen jeder jeden als Falschspieler verdächtigt und Intrigen und Komplotte oft von so langer Hand vorbereitet werden, dass am Ende keiner mehr weiß, wem er noch vertrauen kann.

Anstatt diese wahre Geschichte jetzt aus einer Perspektive zu schildern oder als allwissender Erzähler die endgültige Wahrheit zu verkünden, wählte Littell einen anderen Zugang. Er lässt Kim Philbys Leben aus der Sicht von anderen Menschen, mit denen er mehr oder weniger gut vertraut war, schildern. Dabei hat nicht nur jeder Ich-Erzähler einen eigenen Blick auf Kim Philby, sondern auch auf die anderen Charaktere. Gleichzeitig führt Littell so auch auf erzählerische Ebene in die Spiegelwelt der Spione ein. Denn es ist unklar, ob eine Sicht die wahre Sicht auf Philby ist oder ob sich aus den verschiedenen Perspektiven das Bild des wahren Philby oder nur ein weiteres Trugbild entsteht.

Philby – Porträt des Spions als junger Mann“ ist, wie auch die anderen Romane von Robert Littell, ein intellektuelles, gut zu lesendes Vergnügen.

Cumming - Die Trinity-Verschwörung 2

Das kann von Charles Cummings „Die Trinity-Verschwörung“ nicht behauptet werden. In England hat er vor „Die Trinity-Verschwörung“ bereits vier und danach einen Spionage-Roman veröffentlicht. Mail on Sunday nannte ihn, den „Meister des modernen Spionageromans“. Library Journal meinte „Charles Cumming kann es jederzeit mit John le Carré aufnehmen“. Die Kirkus Reviews und die Washington Post hielten „Die Trinity-Verschwörung“ für einen der besten Thriller des Jahres. Und Hollywood hat die Filmrechte bereits gekauft; aber das macht Hollywood ja ständig. Für seinen neuesten Roman „A foreign Country“ erhielt er den CWA Ian Fleming Steel Dagger.

Und dennoch war, vor allem nach dem grandiosen „Philby – Porträt des Spions als junger Mann“, „Die Trinity-Verschwörung“ ein rechter Langweiler.

Dabei beginnt die Geschichte vielversprechend.

Der Anfang Vierzigjährige Sam Gaddis ist Uni-Professor und Russlandexperte mit einem Berg Schulden, die er mit einem Bestseller abbauen könnte. Zum Beispiel über ein bis heute unbekanntes sechstes Mitglied der legendären Cambridge Five, das sogar noch lebt.

Diese gut gepflegte Geheimdienstlegende und Verschwörungstheorie von einem sechsten Mann erhält neue Nahrung, als Gaddis von Holly Levette, einer jungen Frau, die er während einer Lesung kennen lernt, den Nachlass ihrer Mutter, die vor ihrem Tod an einer Geschichte des KGB arbeitete, erhält und seiner Freundin Charlotte Berg, die Journalistin ist und gerade an einer Reportage über den sechsten Mann der Cambridge Five arbeitet, anbietet, mit ihm ihre Rechercheergebnisse zu teilen. Am nächsten Tag hat sie, so steht es in ihrem Totenschein, einen tödlichen Herzanfall.

Gaddis beginnt mit ihren bisherigen Rechercheergebnissen nach dem sechsten Mann zu suchen. Dabei muss er, während seiner Hatz durch halb Europa, feststellen, dass jemand alle Mitwisser ausschaltet und der englische Geheimdienst eine junge Agentin, die ihm später hilft, auf ihn angesetzt hat.

Dummerweise versumpft Charles Cummings Roman nach einem verheißungsvollen Auftakt schnell in einer episodischen Reise durch halb Europa, die zwar die Seiten füllt, unseren Helden Sam Gaddis aber nicht wirklich näher an die Lösung, die dann doch erschreckend banal ist, bringt.

Außerdem, und das ist das größte Problem, von „Die Trinity-Verschwörung“, verhält Gaddis sich als Wissenschaftler absolut unvernünftig. Anstatt sich wenigstens einmal den Nachlass von Levettes Mutter anzusehen, hetzt er durch die Welt und, nachdem er einige Morde mitansehen durfte (der super effektive Killer weiß nichts von seiner Existenz) und der englische Geheimdienst (auch nicht gerade mit Geistesgrößen gesegnet) ihm mehrmals aus der Patsche geholfen hat, sieht er sich endlich, kurz vor dem Ende des Romans, den Nachlass an und – Oh, Wunder! – findet in diesen Dokumenten die Lösung.

Die Trinity-Verschwörung“ hat einen fast schon klassischen Idiotenplot.

Robert Littell: Philby – Porträt des Spions als junger Mann

(übersetzt von Werner Löcher-Lawrence)

Arche, 2012

288 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

Philby: Portrait de l’espion en jeune homme

Éditions Baker Street, Paris, 2011

Charles Cumming: Die Trinity-Verschwörung

(übersetzt von Walter Ahlers)

Goldmann, 2012

448 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

The Trinity Six

Harper Collins, London, 2011

Hinweise

Meine Besprechung von Robert Littels „Zufallscode“/“Der Gastprofessor“ (The Visiting Professor, 1993)

Meine Besprechung von Robert Littels „Die Söhne Abrahms“ (Vicious Circle, 2006)

Robert Littell in der Kriminalakte

Homepage von Charles Cumming

Wikipedia über die Cambridge Five (deutsch, englisch)

Crime Library über die Cambridge Spione


Nicht nett: Mit „Nur zu deinem Schutz“ soll der Harlan-Coben-Virus jetzt auch Jugendliche infizieren

Januar 9, 2013

Coben - Nur zu deinem Schutz

Carl Hiaasen hat es getan. Mehrmals und auch sehr erfolgreich.

Elmore Leonard hat es einmal getan.

Robert B. Parker hat es ebenfalls einmal getan – und bislang wurden ihre Jugendbücher nicht übersetzt.

Harlan Coben hat es jetzt getan. Der Jugendkrimi „Nur zu deinem Schutz“ schließt unmittelbar an den Myron-Bolitar-Thriller „Sein letzter Wille“ an. Aber jetzt wird die Geschichte nicht aus Myrons Bolitars Sicht, sondern von dem fünfzehnjährigen Mickey Bolitar erzählt, der inzwischen von Myron quasi adoptiert wurde, in Myrons Kinderzimmer einzog und auf die dortige, vor New York gelegene, Kleinstadt-Highschool geht.

Mickey ist der Sohn von Myrons Bruder Brad, der vor kurzem in Los Angeles bei einem Autounfall ums Leben kam. Die beiden Brüder hatten sich zerstritten und aus den Augen verloren. Mickeys drogensüchtige Mutter ist derzeit in einer Entzugsklinik und Mickey hasst Myron.

Das ist für langjährige Leser der Myron-Bolitar-Thriller ein interessanter Perspektivwechsel: der bewunderte Held als, nun, Bösewicht. Allerdings, das muss auch gesagt werden: auf die Dauer ist das keine gute Idee. Denn schon bei „Nur zu deinem Schutz“ fragt der langjährige Myron-Bolitar-Fan sich spätestens in der Mitte des Buches, was für ein Trottel Mickey ist. Denn er beginnt auf eigene Faust seine spurlos verschwundene Mitschülerin und Freundin Ashley zu suchen.

Dabei, Pubertät hin, Pubertät her, wäre es viel vernünftiger gewesen, wenn er Mickey davon erzählt hätte. Dann hätte er und sein Freund Win, die in den letzten Jahren in mehreren lesenswert-kurzweiligen Thrillern vielen Menschen geholfen haben, sich auf die Suche nach Ashley gemacht.

Denn, auch wenn Myron nicht mit seinen Heldentaten protzt, hätte Mickey über Myrons Eltern, die er mag, oder den Dorfklatsch davon erfahren müssen. Immerhin wird Mickey an der Schule immer wieder auf Myrons lange zurückliegende und sehr kurze Basketball-Karriere angesprochen.

Abgesehen von diesem Glaubwürdigkeitsproblem (das natürlich nur Myron-Bolitar-Fans haben), ist „Nur zu deinem Schutz“ ein flotter Thriller, der sich an ein jugendliches Publikum („empfohlen ab 13 Jahre“) richtet. Mit einer entsprechend überschaubaren Handlung. Denn eigentlich geht es auf den über dreihundert Seiten nur um Schulprobleme, seine beginnende Freundschaft zu den Schulaußenseitern Ema und Löffel und der Suche nach einer verschwundenen Mitschülerin, die sich unter einer falschen Adresse an der Schule anmeldete und auch von einem tätowierten Mann gesucht wird. Die Spur führt Mickey, Ema und Löffel rasch in einen schäbigen Stripclub in Newark.

Und, während Harlan Cobens andere Romane unabhängig voneinander und in jeder beliebigen Reihenfolge gelesen werden können, beginnt er in „Nur zu deinem Schutz“ einen größeren Handlungsfaden, der sich in diesem Roman noch im Aufwerfen von Rätseln erschöpft und der mit der Historie (Nazi-Verbrechen, Judenverfolgung, Hippietum) zu kämpfen hat. Denn Mickey erfährt bei seiner Suche nach Ashley auch Dinge über seinen Vater, warum er seine Jugend in den verschiedensten exotischen Ländern verbrachte und es gibt am Ende einen merkwürdigen Hinweis auf den Mörder seines Vaters; – falls er überhaupt wirklich tot ist.

Diese Geschichte wird in dem zweiten Mickey-Bolitar-Roman „Seconds Away“, der in den USA im September 2012 erschien, fortgeführt.

Harlan Coben: Nur zu deinem Schutz

(übersetzt von Anja Galic)

cbt, 2012

352 Seiten

14,99 Euro

Originalausgabe

Shelter

G. P. Putnam’s Sons, 2011

Hinweise

Homepage von Harlan Coben

Mein Gespräch mit Harlan Coben über Myron Bolitar und seine Arbeit

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Kein böser Traum“ (Just one look, 2004)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Kein Friede den Toten“ (The Innocent, 2005)

Meine Besprechung von Harlan Coben „Der Insider“ (Fade away, 1996)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Das Grab im Wald“ (The Woods, 2007)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Sie sehen dich“ (Hold tight, 2008)

Meine Kurzbesprechung der Harlan-Coben-Verfilmung „Kein Sterbenswort“ (F 2006)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Von meinem Blut“ (Long Lost, 2009)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „In seinen Händen“ (Caught, 2010)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Sein letzter Wille“ (Live Wire, 2011)

Harlan Coben in der Kriminalakte


Kurzkritik: Friedrich Ani: Süden und das heimliche Leben

Januar 8, 2013

Ani - Süden und das heimliche Leben

Obwohl Tabor Süden schon seit „Süden“ als Privatdetektiv arbeitetet, hat sich wenig geändert. Schon in der Vermisstenabteilung der Polizei suchte und fand er die Vermissten nicht mit Hilfe der Technik, sondern indem er ihren Leben nachlauschte und die Leute, die die Vermissten kannten, reden ließ. Gerne in einer Wirtschaft beim Bier. Als Privatdetektiv erledigt er seine Arbeit genau so.

Deshalb sitzt er am Anfang von „Süden und das heimliche Leben“ in der Wirtschaft von Dieter ‚Dieda‘ und Charlotte Nickl und hört den Stammkunden von „Charly’s Tante“ zu. Sie alle wollen, dass er ihre verschwundene Bedienung Ilka Senner findet. Alle haben sie gemocht und sie hätte demnächst sogar die Wirtschaft übernehmen sollen. Allerdings wusste auch niemand viel über die allein lebende Sechsundvierzigjährige.

Tabor Süden versucht herauszufinden, warum die unscheinbare Ilka verschwand. In ihrer Wohnung kommt er zur Überzeugung, dass sie ihr Verschwinden plante.

Süden und das heimliche Leben“ bewegt sich von der ersten bis zur letzten Seite auf vertrautem Ani-Terrain: es geht, wie immer, um die kleinen Leute und die Eckkneipen, in denen die Zeit anscheinend stehen geblieben ist. Entsprechend klein und vertraut sind die Gründe, weshalb die Vermissten aus ihrer vertrauten Umgebung verschwinden. Dabei lebten die Vermissten in den Süden-Romanen oft ein so unauffälliges Leben, dass ihr Verschwinden kaum auffällt. So ist Ilka, wie langjährig geschulte Krimileser vermuten könnten, keine untergetauchte Mörderin oder Terroristin oder eine von einem Stalker verfolgte Frau. Sie ist eine unscheinbare Frau, die sich in den vergangenen Jahrzehnten auch bemühte, ein entsprechend unauffälliges Leben zu führen.

Und Friedrich Ani verleiht diesen auf den ersten Blick unscheinbar-unauffälligen Menschen, die man im Linienbus sieht und schnell wieder vergisst, in seinen Geschichten eine Stimme.

Außerdem ist „Süden und das heimliche Leben“ ein handfester Krimi in denen Menschen versuchen, ihre Geheimnisse mit allen Mitteln zu schützen, sie falsche Namen benutzen und am Ende gibt es sogar einen Mord.

Friedrich Ani: Süden und das heimliche Leben

Knaur, 2012

208 Seiten

8,99 Euro

Hinweise

Homepage von Friedrich Ani

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Wer lebt, stirbt“ (2007)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Der verschwundene Gast“ (2008)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Totsein verjährt nicht” (2009)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Die Tat” (2010)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Süden“ (2011, mit Interview)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Süden und die Schlüsselkinder” (2011)

Friedrich Ani in der Kriminalakte


Kurzkritik: Charlie Huston und „Die Hank-Thompson-Trilogie“

Dezember 26, 2012

Huston - Die Hank-Thompson-Trilogie -2

Wenn Sie jetzt, verursacht von den vielen Weihnachtsfilmen und Predigten, einen Anfall christlicher Nächstenliebe bekommen und für ihren Nachbarn auf dessen Katze aufpassen wollen: Lassen Sie es sein. Denn es könnte Ihnen wie Hank Thompson ergehen.

Hank ist Barkeeper in New York. Lower East Side. Ein netter Kalifornier, dessen Baseball-Karriere mit einem Unfall endete, dessen Collegezeit, mangels Antrieb, ohne Abschluss endete, der mit einer Schauspielerin nach New York zog, von ihr herausgeworfen wurde, zu viel trinkt und keine große Karriere in Aussicht hat, aber er ist, wie gesagt, ein netter, ehrlicher, hilfsbereiter Typ, der keiner Fliege was zuleide tun kann.

Deshalb nimmt er für einige Tage die Katze von seinem Nachbarn in seine Obhut – und kurz darauf wird er zusammengeschlagen, bei ihm und dem Nachbarn wird eingebrochen und plötzliche zeigen viele zwielichtige Charaktere ein erstaunliches Interesse an dem Nobody Hank.

Aber „Der Prügelknabe“ Hank Thompson hat Glück im Unglück. Er kann mit dem Geld aus New York entkommen. Im zweiten Band der „Hank-Thompson-Trilogie“, die jetzt unter diesem Titel bei Heyne als Sammelband erschien, ist er „Der Gejagte“ und im dritten Band „Ein gefährlicher Mann“.

Dabei ist er immer der friedfertige Pechvogel, der, weil die Umstände halt so sind, wie sie sind, eine beeindruckende Menge an Gewalt ausüben muss, ihm unglaubliche Schmerzen zugefügt werden (rückblickend betrachtet war der Sportunfall harmlos) und er eine beeindruckende Menge an Leichen, für die er mehr oder weniger unmittelbar verantwortlich ist, hinterlässt. Zu seinen Gunsten spricht, dass er kein kaltblütiger Killer ist, es auch nie wird (was ihm in „Ein gefährlicher Mann“ vor wirklich schwierige Probleme stellt) und dass wir, dank Charlie Hustons schnörkelloser Hardboiled-Schreibe, mit ihm viele vergnügliche Stunden erleben können.

Und genau deshalb verrate ich jetzt auch nichts über die weiteren, von Charlie Huston schnörkellos, schwarzhumorig erzählten Abenteuer von Hank Thompson in Mexiko und etlichen Bundesstaaten der USA von der West- bis zur Ostküste.

Charlie Huston: Die Hank-Thompson-Trilogie

Heyne, 2013

1024 Seiten

13,99 Euro

enthält

Der Prügelknabe

(übersetzt von Markus Naegele)

Originalausgabe

Caught Stealing

Ballantine Books, 2004

Der Gejagte

(übersetzt von Alexander Wagner und Markus Naegele)

Originalausgabe

Six Bad Things

Ballantine Books, 2005

Ein gefährlicher Mann

(übersetzt von Alexander Wagner und Markus Naegele)

Originalausgabe

A Dangerous Man

Ballantine Books, 2006

Hinweise

Pulp Noir: Homepage/Blog von Charlie Huston

Meine Besprechung von Charlie Hustons „Killing Game“ (The Shotgun Rule, 2007)

Meine Besprechung von Charlie Hustons „Das Clean-Team“ (The mystic arts of erasing all signs of death, 2009)

Meine Besprechung von Charlie Hustons „Bis zum letzten Tropfen“ (Every last drop, 2008)

Meine Besprechung von Charlie Huston (Autor)/ Lan Medina (Zeichner) „Deathlok: Der Zerstörer (MAX 41)“ (Deathlok: The Demolisher, Vol. 1 – 7, Januar – Juli 2010)

Mein Interview mit Charlie Huston

Charlie Huston in der Kriminalakte

 


Holy Shit, Frank Miller’s „Holy Terror“

Dezember 24, 2012

Miller - Holy Terror

Miller - Holy Terror limitiert

Er selbst nannte seinen neuen Comic, bevor er veröffentlicht wurde, „naked Propaganda“ und das ist „Holy Terror“ auch. Und wie immer bei politischer Propaganda ist kein Platz für Differenzierungen. Die Guten sind gut. Die Bösen böse. Die dick aufgetragene politische Botschaft entweder ganz großer Mist oder die triumphale Verkündung der Wahrheit. In Frank Millers neuester Graphic Novel „Holy Terror“ sind die Bösen eine Al-Qaida-Gruppe, die Empire City (vulgo Gotham, vulgo Sin City, vulgo New York) vernichten will. Und nur der „Richter“ (vulgo Batman) und die „Katze“ Natalie Stack (vulgo Catwoman) können die Katastrophe verhindern.

Frank Miller, der den Klassiker „Batman: Die Rückkehr des dunklen Ritters“ und die Noir-Serie „Sin City“ schrieb, wollte die Geschichte ursprünglich als Batman-Geschichte erzählen und überlegte es sich, weil sie nicht in den Batman-Kosmos passe, anders. Dennoch sind die Parallelen zu Batman noch vorhanden. Vor allem am Anfang sind sie überdeutlich. Aber dass die Bösewichter mordgierige Islamisten sind und dass alle guten Amerikaner sich gegen sie verbünden müssen und dass in diesem Kampf alle Mittel erlaubt sind, macht „Holy War“ zu einem Stück ärgerlicher, humorloser, konservativer Propaganda, bei der man sich wirklich fragt, ob man Frank Miller früher anders betrachtet und seine reaktionäre Weltanschauung übersehen hat oder ob er, der auch die gesamte Occupy-Bewegung für einen Haufen Nichtsnutze hielt, in den letzten Jahren zunehmend konservativer wurde.

Jedenfalls können sein abstrakter „Sin City“-Zeichenstil, die hier noch abstrakter geraten ist, und die oft beidseitigen Panels nicht über die Botschaft, die wie ein sehr verspäteter Nachklapp zur Post-9/11-Paranoia und einem Geburtstagsgeschenk für die Tea Party wirkt, und die erzählerischen Schwächen der banalen Geschichte hinwegtäuschen.

Holy Terror“ ist ein ärgerliches Werk auf dem Niveau seiner komplett vermurksten „The Spirit“-Verfilmung, das mit einem Zitat von Mohammed beginnt („Tötet die Heiden, wo immer ihr sie findet.“) und mit der Widmung „Mit Respekt Theo Van Gogh gewidmet (1957 – 2004)“ endet.

Nuff said.

Miller - All Star Batman

Vor einigen Jahren war Frank Miller, wie ein Blick in den jetzt erschienenen Sammelband „All-Star Batman“ zeigt, politisch noch nicht so drauf. In dem Sammelband sind die zehn „All-Star Batman“-Bände „All Star-Batman & Robin, the Boy Wonder“ enthalten, die in den USA in einem arg unregelmäßigem Rhythmus erschienen; nämlich September, November, Dezember 2005, März 2006, Juli, September, November 2007, Januar, April und August 2008.

Frank Miller schrieb die Geschichte und Jim Lee, der für die Verspätungen verantwortlich war, zeichnete, eher traditionell und schön bunt, die grandiosen Panels. Sie erzählen, wie Batman Bruce Wayne den zwölfjährigen Dick Grayson, Sohn einer Hochseilartistenfamilie, aus den Händen von Gangstern befreit (Oh, ja, die Gangster ermordeten seine Eltern), zwangsrekrutiert und in der Bathöhle, feinfühlig wie ein von niemandem kontrollierter Kasernenhofschleifer, zu seinem Gehilfen Robin macht. Diese Wie-der Held-zum Helden-wurde-und-seinen-Gehilfen-rekrutierte-Geschichte ist außerhalb der offiziellen Kontinuität des DC-Comic-Universums, weshalb Frank Miller sich bei seiner Neuerzählung bekannter Ereignisse einige Freiheiten nehmen konnte.

Das ist zwar auch kein Meisterwerk, aber ein ungleich gelungeneres Werk.

Frank Miller: Holy Terror

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini, 2012

124 Seiten

29,95 Euro

Originalausgabe

Holy Terror

Legendary, 2011

Frank Miller (Autor)/Jim Lee (Zeichner)/Scott Williams (Tusche): All-Star Batman

(übersetzt von Steve Kups)

Panini 2012

252 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

All Star Batman & Robin: The Boy Wonder, Issue 1 – 10

September 2005 – August 2008

Hinweise

Blog/Homepage von Frank Miller

Wikipedia über Frank Miller (deutsch, englisch) und Jim Lee (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Frank Miller/Geoff Darrows “Hard Boiled” (Hard Boiled, 1990/1992)

Meine Besprechung von Frank Miller (Autor)/Dave Gibbons‘ (Zeichner) „Martha Washington – Ein amerikanischer Traum (Band 1)“ (Give me liberty, 1990)

Frank Miller in der Kriminalakte


Norman Bates ist „Psycho“ und „Psycho II“

Dezember 18, 2012

Bloch - Psycho - Golkonda2Bloch - Psycho 2-2

Als ich „Psycho“ zum ersten Mal las, war ich erstaunt, wie sehr Alfred Hitchcocks Film sich von Robert Blochs Roman unterscheidet.

Als ich „Psycho“ jetzt zum zweiten Mal las, war ich erstaunt, wie viel Alfred Hitchcock in seinen Film übernommen hat.

Aber einen großen Unterschied gibt es: im Buch sieht Norman Bates anders aus als im Film. Denn Norman-Bates-Darsteller Anthony Perkins (in der Rolle seines Lebens) ist kein dicker Mann mit einem rundlichen Gesicht, rosafarbener Kopfhaut, sich lichtendem sandfarbenem Haar und einer randlosen Brille.

Die Grundstruktur der Geschichte wurde von Drehbuchautor Joseph Stefano und Regisseur Alfred Hitchcock allerdings erstaunlich genau übernommen.

Norman Bates betreibt das einsam gelegene Bates Motel, er wird von seiner herrischen Mutter unterdrückt und Mary Crane mietet sich eines Nachts bei ihm ein. Sie wird im Badezimmer ermordet und Norman bringt die Leiche weg. Marys Schwester Lila und Marys künftiger Ehemann Sam Loomis suchen sie und wir erfahren im Roman schon nach zwei Dritteln, dass Normans Mutter seit zwanzig Jahren tot ist.

Weitere große Unterschiede zwischen dem Roman und dem Film sind, dass in Blochs Roman das erste Drittel des Films (also Marys Diebstahl und ihre Fahrt zu ihrem Künftigem, Sam Loomis) in einem kurzen Rückblick eingefügt wird und wir in dem Roman mehr über Norman Bates erfahren.

Psycho“ ist ein spannender Kriminalroman, der wirklich geschickt mit den Erwartungen spielt und, wenn man weiß (was inzwischen ja als Allgemeinwissen vorausgesetzt werden kann), dass Mutter nur in Normans Vorstellung lebt und er die Morde begeht, fällt beim Lesen auf, wie geschickt Robert Bloch den Wahnsinn und die Schizophrenie von Norman Bates zeichnet und den Leser, wenn er das nicht weiß, auf eine falsche Fährte lockt.

Der Roman liegt jetzt in einer neuen Übersetzung vor, die als Grundlage den von Robert Bloch kurz vor seinem Tod am 23. September 1994 überarbeiteten Text nimmt, und er ist auch bei einer wiederholten Lektüre mit unter zweihundert Seiten ein kleiner, fieser Thriller.

Über zwanzig Jahre später kehrte Robert Bloch wieder zu Norman Bates zurück und obwohl sein Roman „Psycho 2“ heißt, hat er mit dem zeitgleich im Kino laufenden Horrorfilm „Psycho 2“, außer dem Hauptcharakter, nichts zu tun.

In Robert Blochs Roman ist Norman Bates nicht geheilt. Er sitzt immer noch in einer Irrenanstalt und liest viel. Während eines Gewitters nutzt er, im allgemeinen Chaos, einen unbewachten Moment aus. Er bringt eine Nonne, die mit ihm über seine Taten reden wollte, um und zieht sich ihre Tracht an. Er kann die Anstalt verlassen und als er mit dem Lieferwagen der Nonne flüchten will, entdeckt ihn ihre Ordensschwester, und er muss sie mitnehmen. Kurz darauf bringt er sie um und verbrennt sie in ihrem Auto. Die Polizei glaubt, dass die zweite Leiche der flüchtige Norman Bates ist. Aber sie weiß nicht, dass Norman auf seiner Flucht auch einen Anhalter mitgenommen hat.

Normans Psychiater Dr. Adam Claiborne glaubt jedenfalls nicht, dass Norman Bates tot ist. Er glaubt, dass der Flüchtling in Fairdale Sam Loomis und dessen Frau Lila ermordete und jetzt auf dem Weg nach Hollywood ist. Denn dort will ein Hollywood-Produzent einen Horrorfilm über Norman Bates drehen.

Claiborne, der sich für seinen Patienten verantwortlich fühlt, will weitere Morde verhindern. Er macht sich auf den Weg nach Hollywood.

Und wenn die Geschichte von „Psycho II“, die als geradliniger Flucht-Thriller beginnt, in Hollywood ankommt, entwirft Robert Bloch ein Sittengemälde der Filmstadt, das sicher von eigenen Erlebnissen des Drehbuchautors mit Produzenten, Regisseuren und Schauspielern inspiriert ist. Es gibt auch ätzende Kommentare zu den immer gewalttätiger und sexistischer werdenden neuen Horrorfilmen und Erinnerungen an Hollywoods Stummfilmära.

Im letzten Drittel verirrt die Geschichte sich dann auf einige Nebenschauplätze, wie einem Bordell, in dem Schauspieler-Doppelgänger ihre sexuellen Dienste einer männlich-homosexuellen Kundschaft anbieten.

Trotzdem ist „Psycho II“ ist eine würdige Fortsetzung.

Robert Bloch: Psycho – Ungekürzte Neuübersetzung, mit einer Nachbemerkung des Autors

(übersetzt von Hannes Riffel)

Golkonda, 2012

192 Seiten

14,90 Euro

Originalausgabe

Psycho – 35th Anniversary Edition

Gauntlet Publications, 1994

Erstausgabe

Psycho

Simon and Schuster, 1959

Robert Bloch: Psycho 2

(übersetzt von Willy Thaler)

Heyne, 1983

256 Seiten

(nur noch antiquarisch erhältlich)

Originalausgabe

Psycho II

Whispers Press, 1982

Hinweise

The Unofficial Robert Bloch Website

Wikipedia über Robert Bloch (deutsch, englisch)

Kirjasto über Robert Bloch

Krimi-Couch über Robert Bloch

Phantastik-Couch über Robert Bloch

Robert Bloch in der Kriminalakte


Kein Wiener Schmäh: Ein schönes Buch über Fritz Lang und sein Werk

Dezember 13, 2012

Viennale - Retrospektive Fritz Lang3

Der am 2. August 1976 verstorbene Fritz Lang ist immer noch einer der einflussreichsten Regisseure. In Deutschland drehte der am 5. Dezember 1890 in Wien geborene Regisseur „Dr. Mabuse, der Spieler“, „Die Nibelungen“, „Metropolis“, „Spione“ (zu Unrecht arg unbekannt), „Frau im Mond“, „M“ und „Das Testament des Dr. Mabuse“. In Hollywood musste er, nach seiner Flucht aus Deutschland über Frankreich (wo er 1933/1934 „Liliom“ drehte; deutsche Premiere war am 17. März 1973 im NDR; Kinopremiere war am 29. Oktober 1984 in Hof), mit kleineren Budgets auskommen; was gerade für seine vielen Noirs kein Nachteil war. Es entstanden „Blinde Wut“ (Fury), „Gehetzt“ (You only live once), „Du und ich“ (You and me), „Rache für Jesse James“ (The Return of Jesse James), „Menschenjagd“ (Man Hunt), „Auch Henker sterben“ (Hangman also die; nach einem Drehbuch von Bertold Brecht), „Gefährliche Begegnung“ (The Woman in the Window), „Engel der Gejagten“ (Rancho Notorious), „Gardenia – Eine Frau will vergessen“ (The blue Gardenia), „Heißes Eisen“ (The Big Heat) und, als sein letzter Hollywood-Film, „Jenseits aller Zweifel“ (Beyond a reasonable Doubt).

1958 kehrte er für den Doppelfilm „Der Tiger von Eschnapur/Das indische Grabmal“ und „Die 1000 Augen des Dr. Mabuse“, sein letzter Film, nach Deutschland zurück.

In Deutschland gibt es im Buchhandel, abgesehen den Sammelbänden über „Metropolis“ (anlässlich der Aufführung der fast vollständigen Fassung auf der Berlinale 2010) und „M“ und der rororo-Bildmonographie „Fritz Lang“ (von 1985), nichts über Fritz Lang. Der Band „Fritz Lang“ der legendären Hanser Reihe Film von 1976 (1986 gab es eine ergänzte Auflage), in dem alle Filme von Fritz Lang chronologisch besprochen wurden, ist schon lange nur noch antiquarisch erhältlich – und das Internet ist bei toten Künstlern, wenn man einen umfassenden und gründlichen Einblick in deren Werk erhalten will, verglichen mit den offiziellen und Fanseiten zu Joel & Ethan Coen, David Lynch und Quentin Tarantino (um nur einige zu nennen), nicht unbedingt eine große Hilfe.

Die Veröffentlichung von „Fritz Lang“ von Astrid Johanna Ofner und Stefan Flach, die die Texte für den Sammelband auswählten, anlässlich einer Retrospektive der Viennale und des Österreichischen Filmmuseums vom 18. Oktober bis 29. November 2012, schließt diese Lücke, für die nächste Zeit, mit einem Sammelband, der zu einem großen Teil aus bislang nicht übersetzten Texten besteht.

Alle Filme von Fritz Lang, bis auf seine beiden verschollenen, 1919 gedrehten Stummfilme „Halbblut“ und „Der Herr der Liebe“, werden chronologisch vorgestellt, indem zeitgenössische und neuere Filmkritiken (unter anderem von Graham Greene, Francois Truffaut, Jean-Luc Godard, Eric Rohmer, Enno Patalas, Norbert Grob und Frieda Grafe) und etliche Ausschnitte aus Peter Bogdanovichs Interview mit Fritz Lang (erschienen 1967 als „Fritz Lang in America“, nie übersetzt und auch im Original nur antiquarisch erhältlich) zusammengestellt wurden. Ergänzt werden diese Texte natürlich immer mit den Stabangaben und Film- und Setbildern. Das ist so gelungen, dass bei Langs Hollywood-Filmen der konsequente Verzicht auf die deutschen Filmtitel vollkommen unverständlich bleibt.

Ergänzt werden die über die Hälfte des Buches einnehmenden Filmvorstellungen um mehrere Essays, die anscheinend jetzt alle erstmals auf Deutsch erschienen, und einem langen Monolog von Fritz Lang, der 1965 und 1966 in der Cahiers du Cinéma abgedruckt wurde (Gretchen Berg: Die Wiener Nacht – Ein Bekenntnis von Fritz Lang) und seine „Erinnerungen an Wien“, die bislang nur in Bruchstücken veröffentlicht wurden.

Die anderen Essays sind „Über einige Begegnungen mit Fritz-Lang-Filmen“ von Peter Nau (Originalbeitrag), „Meine Begegnung mit Fritz Lang“ von Michel Piccoli, der ihn bei den Dreharbeiten von Jean-Luc Godards „Le Mépris“ (Die Verachtung) traf (Originalabdruck Cahiers du Cinéma, November 1990), „Fritz Langs Stil“ von Georges Franju (erstmals 1937 in Cinématographe, überarbeitet im November 1959 im Cahiers du Cinéma), „Hinter der Kamera“ von Otis Ferguson (Originalabdruck New Republic, Juni/Juli 1941), „Die Tragödie des Lang’schen Helden“ von Jean Douchet (Originalabdruck in Cahiers du Cinéma, November 1990), „Briefe von Bertolt Brecht an Fritz Lang“ von Bernard Eisenschitz und „Das Monster von Hollywood“ von Mary Morris (Originalausgabe Picture Magazin, Februar 1945).

Ich erspare mir jetzt den Satz „das Buch gehört in jede gutsortierte Filmbibliothek“, sondern sage: setzt dieses Schnäppchen gefälligst auf eure Weihnachtswunschliste.

Astrid Johanna Ofner (Hrsg.): Fritz Lang – Eine Retrospektive der Viennale und des Österreichischen Filmmuseums

Viennale, 2012 (Vertrieb Schüren Verlag)

208 Seiten

19,90 Euro

Hinweise

Wikipedia über Fritz Lang (deutsch, englisch)

Senses of Cinema: Dan Shaw über Fritz Lang

BFI über Fritz Lang

MovieMaker: Interview von 1972 mit Fritz Lang

Manhola Dargis: Making Hollywood Films Was Brutal, Even for Fritz Lang (New York Times, 21. Januar 2011)

Meine Besprechung von Fritz Langs „Du und ich“ (You and me, USA 1938)

Meine Besprechung von Fritz Langs „Auch Henker sterben“ (Hangmen also die, USA 1943)

Fritz Lang in der Kriminalakte

Bonusmaterial

eine 45-minütige, deutschsprachige Doku über Fritz Lang


Patrick Gensing schreibt über den „Terror von Rechts“

Dezember 4, 2012

Gensing - Terror von Rechts

Wenn ein Sachbuchautor im Moment ein Buch über den NSU schreibt, muss er sich schon vor der ersten Zeile überlegen, wie er damit zurechtkommt, dass es fast täglich neue Erkenntnisse gibt, die vor allem die Ermittlungsbehörden in einem sehr schlechten Licht da stehen lassen. Denn der NSU ist für die deutschen Sicherheitsbehörden das, was 9/11 für die US-Sicherheitsbehörden war: der Super-Gau. Sie haben über Jahre nichts von dem sich quer durch Deutschland mordendem Trio, das dabei Unterstützer gehabt haben muss, gewusst. Sie haben immer wieder betont, dass es keinen Rechtsterrorismus, keine rechte RAF, gebe.

In seinem Buch „Terror von Rechts – Die Nazi-Morde und das Versagen der Politik“ versucht Patrick Gensing diese Klippe zu umschiffen, indem er in der ersten Hälfte des Buches das Milieu, aus dem die NSU-Terroristen gekommen sind, beschreibt. Dabei zeigt er, dass es in den vergangenen Jahren schon immer einen Terror von Rechts gab, der von den Sicherheitsbehörde, vor allem dem Verfassungsschutz als selbsternanntes Frühwarnsystem, weitgehend übersehen wurde. So gab es 1980 einen Anschlag auf das Münchner Oktoberfest bei dem 13 Menschen starben und 211 Menschen verletzt wurden. Die Hintergründe des Attentates sind immer noch ungeklärt. Die Wehrsportgruppe Hoffmann (WSG) wurde damals als Wanderverein verniedlicht. Seit 1990 gab es bei über 180 Morden einen rechtsextremen Hintergrund. Die Bundesregierung ging dagegen vor vier Jahren nur bei vierzig Morden von einem rechtsextremen Hintergrund aus und veränderte auf Druck der Öffentlichkeit seitdem die statistische Erfassung.

In der zweiten Hälfte seines Buches beschreibt Gensing das Versagen der Politik in den vergangenen Jahren. Vor allem in den Parlamenten und mit einem genauen Blick auf die Besonderheiten in der ehemaligen DDR, vor allem in Sachsen, wo die NPD im Landtag sitzt. Denn anstatt den Rechtsextremismus zu bekämpfen, forderte die aktuelle Bundesregierung von Gruppen, die sich gegen Rechts engagieren, das Unterzeichnen einer Extremismusklausel verlangt. Und durch die ständige Gleichsetzung von Links- und Rechtsextremismus wird, vor allem von konservativen Politikern, eine gleich gefährlich Bedrohung der Demokratie suggeriert.

Das ist alles kundig geschrieben. Immerhin beschäftigt Gensing sich schon länger mit dem Rechtsextremismus und ist einer der Köpfe von „Publikative“, einer Internetseite zum Rechtsextremismus.

Aber es ist auch immer etwas verquast. Da wo ich mir eine Zuspitzung gewünscht hätte, liefert er ein Zitat – und der Gang der Argumentation erschließt sich mehr aus den Kapitelüberschriften und weniger aus dem Text. Es wird oft zu ausführlich aus anderen Texten zitiert und, immerhin arbeitet Gensing als Journalist für tagesschau.de und das Polit-Magazin „Panorama“, die aktuelle Vor-Ort-Recherche fehlt. So liest sich „Terror von Rechts“ über weite Strecken wie ein „Kommentar“ und, weil Gensing das gesellschaftliche Klima, inclusive dem Extremismus der Mitte, das zum Entstehen des NSU führte, beschreiben will, zeichnet er ein großes, historisch gesättigtes, grenzüberschreitendes Bild, das aber auch immer wieder zerfasert und das die Verbindungen zwischen dem gesellschaftlichem Klima, Rechtsextremisten und dem NSU-Trio nur noch rudimentär nachzeichnet.

So hatte ich am Ende das Gefühl, nichts wirklich neues über den NSU und das Versagen der Sicherheitsdienste erfahren zu haben. Stattdessen wurde nur mein Wissen über den Rechtsextremismus aufgefrischt.

Patrick Gensing: Terror von Rechts – Die Nazi-Morde und das Versagen der Politik

Rotbuch, 2012

240 Seiten

14,95 Euro


Kurzkritik: Roger Smith: Stiller Tod

November 28, 2012

Für Zeitungsleser und Krimifans ist Südafrika heute, fast zwanzig Jahre nach dem Ende der Apartheid, ein Hort der Kriminalität und es ist aus dieser Sicht schon verwunderlich, dass in dem Land 2010 die Fußballweltmeisterschaft friedlich abgehalten werden konnte und dass dort überhaupt noch Menschen leben.

Für TV-Schnulzen-Fans ist Südafrika das Paradies mit schönen Menschen die in einer schönen Landschaft über schnöde Liebesprobleme reden.

Der in Kapstadt lebende Südafrikaner Roger Smith versucht in seinem neuen Roman „Stiller Tod“, nach drei düster-blutigen Hardboiled-Thrillern, diese beiden Welten zu vereinigen; mit einer deutlichen Schlagseite zum von Kriminalität beherrschten Kapstadt.

In einer von der Außenwelt abgeschlossenen Reichensiedlung lebt der Motion-Capture-Software-Erfinder Nick Exley mit seiner Frau und seiner vierjährigen Tochter Sunny den zufriedenen Müßiggang der Reichen und Schönen. Eines Tages ertrinkt seine Tochter und, noch während er versucht, mit dem Verlust zurechtzukommen, erzählt ihm der Sicherheitsbeamte Vernon Saul, dass seine Frau einen Liebhaber hat, mit dem sie sich im Bett vergnügte, während Sunny ertrank.

Damit und mit seiner scheinbar selbstlosen Hilfsbereitschaft, die die Vorurteile von Exley über korrupte Polizisten und eine ebenso korrupte Justiz schamlos ausnutzt, setzt damit eine Serie von Verbrechen in Gang.

Denn Vernon Saul ist einer der von ihm beschriebenen korrupten, machtbesessenen Polizisten. Schamlos manipuliert er nicht nur Exley, sondern auch seine kranke Mutter und die Ex-Prostituierte Dawn, die jetzt in einem heruntergekommenen Striplokal tanzt und die er auch zu Exley bringt. Als Tänzerin für ein Musikvideo, das Exley für einen Kunden machen soll. Dabei weiß Saul, dass die Wirklichkeit, die er seinem neuen Studienobjekt (denn mehr ist Exley für ihn zunächst nicht) schildert, mit der Realität nichts zu tun hat.

So untergräbt Roger Smith zunächst die lieb gewonnenen Südafrik-Klischees – und bestätigt sie gleich darauf wieder. Dazu gibt es eine kräftige Portion „Pretty Woman“. Denn selbstverständlich wissen wir, als Dawn zum ersten Mal Exleys Haus betritt, was passieren wird.

Sowieso ahnen Hardboiled- und Noir-Fans schnell, wie sich die um einige Subplots angereicherte Geschichte der zwei Fremde in der Siedlung entwickeln wird.

Roger Smith: Stiller Tod

(übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann)

Tropen, 2012

384 Seiten

19,90 Euro

Originaltitel

Capture

Serpent’s Tail, London 2012

Hinweise

Homepage von Roger Smith

Deutsche Homepage von Roger Smith

Meine Besprechung von Roger Smiths „Kap der Finsternis“ (Mixed Blood, 2009)

Roger Smith in der Kriminalakte

 


Auf, auf, zu „111 Orte in Berlin, die Geschichte erzählen“

November 27, 2012

Nach den „111 Orten in Berlin, die man gesehen haben muss“, legen Autorin Lucia Jay von Seldeneck, Rechercheurin Carolin Huder und Fotografin Verena Eidel mit „111 Orte in Berlin, die Geschichte erzählen“ einen Folgeband vor. Aber während die Orte in dem ersten Band oft auch etwas für das Auge waren, sind geschichtsträchtige Orte oft, wie auch die Bilder in dem Buch zeigen, erschreckend austauschbar. Es sind Filmstudiohallen (sieht wie eine x-beliebige Lagerhalle im Nirgendwo aus), Wohnungen (Reihenhäuser, Reihenhäuser und Reihenhäuser) und Brachen. Manchmal auch ehemalige Brachen, die jetzt bebaut sind.

Aber es sind auch Orte, an denen man – jedenfalls wenn man das Buch in der Hand hat – erfahren kann, was früher an diesen Orten war und wie sehr Berlin sich in den vergangenen Jahren, Jahrzehnten und Jahrhunderten veränderte. Es sind auch Anekdoten, die wir Berliner unseren Freunden bei ihrem nächsten Berlin-Besuch erzählen können.

Zum Beispiel über die Mietskaserne in Moabit, in der die Brüder Sass, die als Geldschrankknacker in den zwanziger Jahren berühmt waren, wohnten oder die CCC-Studios in Spandau, in dem Louis Armstrong 1961 in dem Spielfilm „Auf Wiedersehen“ mitspielte und danach etwas Verrücktes tun wollte oder der Salon Kitty, ein Edelbordell in Charlottenburg, in dem die Damen im Auftrag des NS-Geheimdienstes ihre Kunden aushorchen sollten oder die damals vollkommen unbebaute Schlucht, in der 1810 die Bewegung von Turnvater Jahn ihren Anfang nahm. Der Dustere Keller liegt heute in Kreuzberg (Nostizstraße/Arndtstraße) und ist nur noch an einer Senke im Kopfsteinpflaster erkennbar.

Aufgebaut ist „111 Orte in Berlin, die Geschichte erzählen“ wie die anderen Bände der „111 Orte“-Reihe des Emons-Verlages: für jeden Ort gibt es eine Doppelseite. Links einen einseitigen Text. Rechts zwei Bilder. Ein historisches. Ein aktuelles. Und natürlich eine Wegbeschreibung.

Und jetzt mache ich mich mal auf den Weg, ein, zwei geschichtsträchtige Orte zu besuchen.

Lucia Jay von Seldeneck/Carolin Huder/Verena Eidel: 111 Orte in Berlin, die Geschichte erzählen

Emons, 2012

240 Seiten

14,95 Euro

Hinweise

Meine Besprechung von Lucia Jay von Seldeneck/Carolin Huder/Verena Eidels „111 Orte in Berlin, die man gesehen haben muss“ (2011)