Atlanta, USA: ein am helllichten Tag durchgeführter Banküberfall gerät zu einer veritablen Straßenschlacht, die bei Krimifans wohlige Erinnerungen an Michael Manns „Heat“ weckt. Nur wird hier eine dreckige Version präsentiert. Von John Hillcoat, der zuletzt das während der Prohibition spielende Gangsterdrama „Lawless – Die Gesetzlosen“ inszenierte
Kurz darauf erfahren wir, dass die Bankräuber Polizisten sind, die zu einer Sondereinheit gehören, die auch den Fall aufklären sollen. Zu ihnen stößt als neues Mitglied der Sondereinheit Chris Allen (Casey Affleck). Bei dem Neuling ist unklar, wie unehrlich er ist. Sein ihn beschützender Onkel, Sergeant Detective Jeffrey Allen (Woody Harrelson) von der Major-Crimes-Abteilung, soll ebenfalls den Fall aufklären.
Weil Irina Vlaslow (Kate Winslet), die Chefin der örtlichen Russen-Mafia, mit der Beute von dem Überfall nicht zufrieden ist, erpresst sie Chris Allens Vorgesetzten Michael Belmont (Chiwetel Ejiofor) zu einem weiteren, noch riskanteren Raubzug. Die von ihm angeführten verbrecherischen Polizisten glauben, – und damit ist der Titel erklärt -, mit einem Triple-9-Notruf können sie die Polizisten von ihrem eigentlichen Ziel ablenken. 999 sei, so erklären uns die Verbrecher, der Polizeicode für einen erschossenen Polizisten.
John Hillcoat, der mit seinen vorherigen Spielfilmen „The Proposition“, „The Road“ und dem schon erwähnten „Lawless“ immer sehenswerte, nie leichte Kost ablieferte, hat mit „Triple 9“ seinen enttäuschendensten Film vorgelegt. Da hilft auch die hochkarätige Besetzung nicht weiter. Neben den schon erwähnten Casey Affleck (unterfordert), Woody Harrelson (chargierend), Kate Winslet (böse, sehr böse) und Chiwetel Ejiofor sind Anthony Mackie, Norman Reedus, Aaron Paul, Michael Kenneth Williams, Teresa Palmer und Gal Gadot in dem testosterongeschwängertem, nihilistischem Männerfilm dabei, der seine Klischees über Verbrecher und korrupte Cops in einer drögen Geschichte, garniert mit viel Gewalt, kredenzt. Mit vielen langweilenden Nebenstränge, die die Hauptgeschichte nicht voranbringen. Bei der Hauptgeschichte, wobei man locker über den zentralen Konflikt streiten kann, ist kein Zentrum und damit auch kein Protagonist, kein Antagonist und keine sinnvolle Struktur von Haupt- und Nebengeschichten erkennbar. Erzählt wird das in durchgehend viel zu dunklen Bilder, weil Schwarz ja Noir bedeutet und je dunkler die Bilder sind, umso mehr Noir ist der Film. Nur ist Noir eine Haltung und kein Farbton. Das hatte vor wenigen Wochen auch Zack Snyder in „Batman v Superman: Dawn of Justice“ verwechselt.
Und, auch wenn man einen konsequent nihilistischen Kosmos zeichnet, ist es keine gute Idee diesen Kosmos nur mit unsympathischen und, was noch schlimmer ist, gänzlich uninteressanten Gestalten zu bevölkern. Jedes Problem, das sie haben, wirkt wie eine Drehbuchidee. Kein Charakter interessiert – und damit ist es einem herzlich egal, wer warum überlebt. Mit zunehmender Laufzeit hofft man sogar, dass sie sich möglichst schnell gegenseitig erschießen, damit das Elend schnell vorbei ist.
Das ist, wenn man den Regisseur und die beteiligten Schauspieler mag, ein äußerst ernüchterndes Fazit. „Triple 9“ ist ein zerfahrener Möchtegern-Noir-B-Movie-Gangsterfilm, der Schein mit Sein verwechselt; was bei Hillcoat erstaunt.
Triple 9(Triple 9, USA 2016)
Regie: John Hillcoat
Drehbuch: Matt Cook
mit Casey Affleck, Woody Harrelson, Kate Winslet, Anthony Mackie, Chiwetel Ejiofor, Norman Reedus, Aaron Paul, Clifton Collins Jr., Teresa Palmer, Gal Gadot, Michael Kenneth Williams
Fritz Bauer – Tod auf Raten (Deutschland 2010, Regie: Ilona Ziok)
Drehbuch: Ilona Ziok
Sehr gelungene Doku über Fritz Bauer, sein Leben, seine Ansichten und seine Taten. Der Jurist, Freidenker und Humanist engagierte sich nach dem zweiten Weltkrieg für den Aufbau der Demokratie und für die Aufklärung der NS-Verbrechen. Als Generalstaatsanwalt initiierte er die Auschwitzprozesse, verfolgte Euthanasie-Täter und trug zur Ergreifung von Adolf Eichmann bei. Am 1. Juli 1968 starb er unter rätselhaften Umständen.
Der Chef (Frankreich/Italien 1972, Regie: Jean-Pierre Melville)
Drehbuch: Jean-Pierre Melville
Polizist Coleman jagt den Nachtclubbesitzer Simon, mit dem er befreundet ist und der Überfälle begeht. Zwischen den beiden Männern steht Simons Freund Cathy.
Nach „Der eiskalte Engel“ und „Vier im roten Kreis“ war „Der Chef“ die dritte Zusammenarbeit von Alain Delon und Jean-Pierre Melville und zum ersten Mal spielte Delon einen Polizisten. Aber weil es Melville in „Der Chef“ auch um die Austauschbarkeit von Gangstern und Polizisten ging, unterschied Delons Rolle sich kaum von seinen vorherigen Rollen als Gangster. Denn Melville räumt Coleman und Simon etwa gleich viel Leinwandzeit ein.
„Melvilles letzter Film (…) ist ein würdiger Abschluss im Werk eines seines Metiers und seiner Liebe zum Kino sicheren Ultra-Professionellen, der die düstersten und unheimlichsten, aber auch ästhetisch vollkommendsten und menschlichsten Filme schuf, die in Frankreich je gedreht worden sind.“ (Hans Gerhold: Un Flic in „Jean-Pierre Melville, Hanser Reihe Film 27, 1982)
„‘Un Flic’ ist vermutlich der kälteste Film Melvilles, und Alain Delon gelingt als Chef-Fahnder Edouard Coleman der Pariser Kriminalpolizei eine brillante Charakterstudie über die Einsamkeit und Isolation des professionellen Menschenjägers.“ (Wolfgang Schweiger: Der Polizeifilm, 1989)
Mit Alain Delon, Catherine Deneuve, Richard Crenna, Riccardo Cucciolla, Michel Conrad
Hochkarätig besetztes CIA-Biopic, das die Geschichte des Geheimdienstes zwischen dem Zweiten Weltkrieg und den sechziger Jahren anhand des Lebens von Edward Wilson von der Spionageabwehr erzählt.
„Der gute Hirte“ war für mehrere renommierte Preise nominiert, wie den Oscar für die Ausstattung, und erhielt auch einige. Hauptsächlich für die Ausstattung und, auf der Berlinale, für das Ensemble.
Auch für den Edgar war Eric Roths Drehbuch nominiert. Den Preis der International Thriller Writers (ITW) als bester Thriller erhielt „Der gute Hirte“.
Und das fand ich dann doch ziemlich rätselhaft. Denn letztendlich ist Robert de Niros Film doch nur gut ausgestattetes, gut besetztes, ziemlich zähes Ausstattungskino.
Mit Matt Damon, Angelina Jolie, Alec Baldwin, Tammy Blanchard, Billy Crudup, Robert De Niro, Keir Dullea, Michael Gambon, Martina Gedeck, William Hurt, Timothy Hutton, Gabriel Macht, Joe Pesci, John Turturro
John le Carrés Roman „Der Nachtmanager“ (The Night Manager) erschien 1993 und war sein erster Roman in der nach dem Ende des Kalten Krieges spielenden Welt. Er erzählte die Geschichte eines Hotelportiers, der, vom britischen Geheimdienst rekrutiert und mit einer neuen Identität ausgestattet, in eine undurchsichtige Geschichte von Kokain- und Waffenhandel, höchst illegal, global und tödlich, verwickelt wird.
Der Roman, der mir damals gut gefiel, war ein Beleg dafür, dass der Spionageroman nach dem Ende des Kalten Krieges, der ja die Weltpolitik und das Genre seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bestimmte, immer noch relevant ist. Schließlich gab und gibt es weiterhin Geheimdienste und Spionage.
Über eine Verfilmung wurde seit dem Erscheinen immer wieder gesprochen, aber alle Pläne zerschlugen sich. Auch Hugh Laurie bemühte sich, wie er im Bonusmaterial von „The Night Manager“ sagt, um die Verfilmungsrechte.
Ein Grund für die gescheiterten Verfilmungspläne war, so hieß es, dass die Handlung des gut sechshundertseitigen Romans unmöglich in einem Zwei-Stunden-Film erzählt werden könne. Entsprechend folgerichtig ist dann auch die Entscheidung, den Roman nicht als Spielfilm, sondern – wie es jetzt geschah – als sechsstündige Miniserie zu verfilmen, die ihre TV-Premiere in England im BBC als Sechsteiler hatte und die bei uns auf DVD und bei Amazon Prime als Achtteiler verfügbar ist. Die einzelnen Folgen sind in dieser Schnittfassung, wie wir es von US-Serien gewohnt sind, jeweils knapp 45 Minuten. An der Gesamtlänge ändert sich nichts. Auch nicht an der langsamen Erzählweise, die sich mehr auf psychologische Entwicklungen und Stimmungen und weniger auf Action und das zügige Abhaken von Plot-Points oder überraschender Wendungen konzentriert.
In den ersten beiden Episoden entwickelt sich die Geschichte langsam und, auch wenn sich die Geschichte konstant vorwärts bewegt, hätte man ohne Mühe viel streichen können. Denn Drehbuchautor David Farr („Spooks“, „Wer ist Hanna?“) und Regisseurin Susanne Bier, die bislang, abgesehen von einem TV-Film, ausschließlich für das Kino arbeitete, erzählen die Geschichte ziemlich detailverliebt und in dem Wissen, dass sie viel Zeit haben.
Deshalb ist die erste Episode eigentlich nur das Vorspiel für die in der Gegenwart spielende Geschichte: In Kairo im Januar 2011, während des Arabischen Frühlings, vertraut Sophie Alekan, die Geliebte des Hotelbesitzers Freddie Hamid, Spross einer reichen und mächtigen ägyptischen Familie, dem immer britisch-höflichen Nachtmanager des Nobelhotels, Jonathan Pine (Tom Hiddleston), Papiere über einen illegalen Waffenhandel zwischen Hamid und Richard Onslow Roper (Hugh Laurie) an. Der Brite Roper ist ein internationaler Waffenhändler, den der britische Geheimdienst gerne überführen würde. In Kairo laufen die Dinge so aus dem Ruder, dass Sophie Alekan am Ende tot ist.
Vier Jahre später arbeitet Pine im schweizerischen Zermatt in einem anderen Nobelhotel. Als Roper mit seinem Gefolge dort als Gast auftaucht, beginnt Pine hinter ihm her zu spionieren. Und er kontaktiert wieder den britischen Geheimdienst. Die Anti-Korruptions-Agentin Angela Burr (Olivia Colman), die Pine in Kairo vor dem Attentat auf Sophie Alekan warnte und um Hilfe bat, kann den Ex-Soldaten überzeugen, sich in einem gefährlichen Undercover-Einsatz bei Roper einzuschleichen.
Das gelingt Pine dann auch in der dritten Episode, als er bei einem Feier von Roper und seinen Freunden in einem Restaurant auf Mallorca einen vom Geheimdienst initiierten Überfall mit anschließender Geiselnahme verhindert und dafür von den Geiselnehmern übel zusammengeschlagen wird. Roper lässt ihn auf seinem Anwesen pflegen und, nach einer ausführlichen Überprüfung, nimmt er Pine in seine Entourage auf. Denn nach der Geheimdienstlegende ist Pine ein skrupelloser, international gesuchter Verbrecher und eine solche Person kann Rober immer gebrauchen.
In den folgenden Episoden taucht Pine immer tiefer in das Leben von Roper ein. Wobei er sich nie sicher sein kann, wann seine Legende auffliegt. Denn nicht jeder von Ropers Gefolgsleuten vertraut ihm und dass Ropers Geliebte sich in ihn verliebt, verkompliziert den ohnehin gefährlichen Undercover-Einsatz.
Gleichzeitig kämpft Burr, die im Roman ein Mann, im Film eine hochschwangere Frau ist (Olivia Colman war wirklich schwanger), gegen Intrigen im Geheimdienst, die ihre sowieso ungeliebte Abteilung und den ganzen, vollkommen geheim gehaltenen Einsatz von Pine gefährden könnten.
Le Carrés Geschichte, die für die Miniserie in die Gegenwart verlegt wurde, hat keine großen Überraschungen. Entsprechend erahnbar ist das Ende und nervenzerfetzende Spannung ist etwas, das man in anderen Filmen findet.
Aber die Besetzung ist gut und man will wissen, wie die doch recht betulich erzählte Geschichte sich weiter entwickelt und wie die Konfrontation zwischen dem Nachtmanager und dem Waffenhändler, der erst ab der dritten Episode mehr Screentime hat, endet.
Insgesamt ist „The Night Manager“ eine weitere sehenswerte John-le-Carré-Verfilmung.
Im Kino läuft schon am 7. Juli mit „Verräter wie wir“ die nächste le-Carré-Verfilmung an.
Inszeniert von Susanna White, nach einem Drehbuch von Hossein Amini, mit
Ewan McGregor, Damian Lewis, Stellan Skarsgård, Naomie Harris, Mark Stanley und Mark Gatiss.
Die „The Night Manager“-DVD und Blu-ray haben als Bonusmaterial fünfzig Minuten Interviews mit Hugh Laurie, Tom Hiddleston, Elizabeth Debicki, Olivia Colman, Alistair Petri, John le Carré, Susanne Bier, Rob Bullock (Produzent), Simon Cornwell (Produzent), Stephen Garrett (Ausführender Produzent) und Matthew Patnick (Produktionsleiter) und ein reines Werbe-Featurette von der Premiere in Berlin, in dem alle Beteiligten, auf dem roten Teppich, begeistert von der Miniserie sind.
Ach ja: Der Miniauftritt von John le Carré ist in der fünften Episode in der einundzwanzigsten Minute. Er ist der Gast in einem Nobelrestaurant, das von Roper und seinem Gefolge besucht wird.
The Night Manager (The Night Manager, Großbritannien/USA 2016)
Regie: Susanne Bier
Drehbuch: David Farr
LV: John le Carré: The Night Manager, 1993 (Der Nachtmanager)
mit Tom Hiddleston (Jonathan Pine), Hugh Laurie (Richard Onslow Roper), Olivia Colman (Angela Burr), Tom Hollander (Corcoran), Elizabeth Debicki (Jed Marshall), Michael Nardone (Frisky), Alistair Petrie (Sandy Langbourne), Hovik Keuchkerian (Tabby), Neil Morrissey (Harry Palfrey)
–
DVD
Concorde Home Entertainment
Bild: 1,78:1 (16:9)
Ton: Deutsch (DTS, Dolby Digital 5.1, Dolby Digital 2.0), Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Interviews, Featurette: Die Premiere in Berlin
Länge: 338 Minuten (3 DVDs)
FSK: ab 12 Jahre
–
Die Vorlage in der aktuellen Ausgabe
John le Carré: Der Nachtmanager
(übersetzt von Werner Schmitz)
Ullstein 2016
576 Seiten
9,99 Euro
–
Die gebundene Ausgabe erschien bei Kiepenheuer & Witsch; Taschenbuchausgaben bei Heyne und List.
Jim Stone (Nicolas Cage) und David Waters (Elijah Wood) sind Polizisten in der Beweismittelabteilung der Polizei von Las Vegas und damit stehen sie in der polizeilichen Hierarchie ziemlich weit unten. Als Stone eine Quittung entdeckt, nach der die erstaunlich hohe Kaution von 200.000 Dollar für einen kleinen Gangster bar bezahlt wurde, wird er neugierig.
Nach einigen Erkundungen über den Gangster und sein Umfeld wittert er die Chance auf den Jackpot. Denn in einem Lebensmittelladen entdeckt er einen großen Safe, der dort nicht stehen sollte und der aufgrund des Kundenverkehrs in dem Laden gut mit Drogengeld gefüllt sein sollte.
Gemeinsam mit seinem Kumpel Waters will er den Safe in schönster „Rififi“-Manier öffnen. Weil Stone und Waters keine Einbrecher und keine Safeknacker sind, gestaltet sich schon die Vorbereitung schwierig. Als sie dann den Safe aus einer darüber liegenden Wohnung aufbrechen wollen, stoßen sie auf ein Pärchen. Ihn erschießt Stone. Sie (Sky Ferreira) wird im Badezimmer angekettet.
Dank der Besetzung – Nicolas Cage, Elijah Wood und Jerry Lewis (eigentlich nur ein langer Cameoauftritt, den er für seinen Freund Cage absolvierte) – und dank einiger einfallsreicher Sequenzen und eines durchgehend mild ironischen Tonfalls ist „The Trust“ ein netter kleiner, durchaus kurzweiliger, nie besonders aufregender Gangsterfilm geworden, der zwei ungewöhnliche Safeknacker bei ihrem ersten und letztem großen Verbrechen zeigt. Echte Überraschungen und auch Konflikte, die über das Trio im Apartment hinausgehen, fehlen. Die Story konzentriert sich auf die beiden Polizisten, die Vorbereitungen und den Einbruch.
Immer wieder irritierend in diesem Gangsterfilm ist allerdings Nicolas Cage, der Jim Stone als latent unzurechnungsfähige Nervensäge spielt. Da hätten die beiden Regisseure Ben und Alex Brewer den Star, der so dem Film einen bizarren Stempel aufdrückt, bremsen müssen.
The Trust – Big Trouble in Sin City (The Trust, USA 2016)
Regie: Ben Brewer, Alex Brewer
Drehbuch: Ben Brewer, Adam Hirsch
mit Nicolas Cage, Elijah Wood, Sky Ferreira, Jerry Lewis
–
DVD
Ascot Elite
Bild: 1,85:1 (16:9 Anamorph)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Making of, Interviews mit Nicolas Cage, Elijah Wood und Sky Ferreira, Trailer, Wendecover
Einsatz in Hamburg: Rückkehr des Teufels (Deutschland 2002, Regie: Lars Becker)
Drehbuch: Fabian Thaesler, Lars Becker
Diesen Fall hat Kommissarin Jenny Berlin schnell gelöst: In der Nähe einer in einem Müllcontainer liegenden Frauenleiche wird ein Mann gesehen. Kurz darauf wird er verhaftet. Doch nachdem er sich beim Verhör aus dem Fenster stürzt, zweifelt Berlin. Sie rollt den Fall wieder auf.
Dritter „Einsatz in Hamburg“-Krimi, inszeniert von dem immer zuverlässigen Lars Becker.
Mit Aglaia Szyszkowitz, Hannes Hellmann, Rainer Strecker, Harald Schrott, Christoph Bach, Hans Diehl, Ercan Durmaz, Oliver Franck, Sonja Kirchberger, Jessica Schwarz
We Are Legion – Die Geschichte der Anonymous-Hacker (USA 2012, Regie: Brian Knappenberger)
Drehbuch: Brian Knappenberger
Mitten in der Nacht versteckt Phoenix die TV-Premiere der, wenn man den Kritiken glauben darf, ziemlich gelungenen, spielfilmlangen Doku „We Are Legion“ über Anonymous.
Für die meisten Menschen dürfte der Chiemgau in Südost-Oberbayern eine Ferienregion sein. Für Marius Bieleck soll es für einige Minuten ein Arbeitsplatz sein. Er soll in dem Dorf Beching einen Mord begehen. Allerdings hat der Killer auf dem Weg dorthin einen tödlichen Herzinfarkt – und die Kommissare Andreas Gruber und Ulrike Bischoff von der Kripo Traunstein einen neuen Fall. Sie befürchten, dass Bielecks Auftraggeber einen zweiten Killer engagiert. Aber wen wollte Bieleck ermorden? Während die beiden Polizisten noch nach dem potentiellem Opfer suchen, bekommt der Lokaljournalist Jakob Reiter Wind von der Angelegenheit und er schlachtet sie gleich sensationslüstern aus.
Als kurz darauf Reiter, der eine Nacht in Beching verbringen wollte, ermordet wird und die beiden Kommissare auch Jahrzehnte zurückliegenden Dorfklatsch erfahren, beginnen sich ihre Ermittlungen auf ein mögliches Opfer und eine mögliche Auftraggeberin zu konzentrieren.
„Ein Dorf in Angst“ ist der siebte Fall für das angenehm normale Ermittlerduo Gruber/Bischoff und er unterscheidet sich kaum von den vorherigen Fällen, die dank des Verzichts auf private Subplots, vollkommen unabhängig von dem neuesten Fall gelesen werden können. Wieder hat Wolfgang Schweiger einen kurzen Roman geschrieben, in dem sich die Geschichte rasend schnell voranbewegt. Wieder mit einem starken Schlag in Richtung Gangsterroman in dem, dieses Mal, Profikiller und Organisierte Kriminalität (in Frankfurt am Main, nicht im Chiemgau) normal sind. Wieder mit einem Ende, das man so eher aus US-Krimis kennt. Für einen normalen deutschen Krimi irgendwo zwischen Regiokrimi und TV-Serienkost ist es dann doch zu zwiespältig. Das hat mit den üblichen bräsigen Regiokrimis, gerne auch regionale Schmunzelkrimis, nichts zu tun.
Ärgerlich ist allerdings, dass Schweiger es dieses Mal für eine gute Idee hielt, die Hälfte der Dialoge im Dialekt zu schreiben. Das ist, wahrscheinlich sogar für Bayern, nervig und unlesbarer als nötig, „du woaßt scho“.
Ferdinand stolpert in eine undurchsichtige Mordgeschichte und flüchtet mit seiner Ex Marianne quer durch Frankreich auf eine einsame Insel.
Auch bzw. besser bekannt als „Pierrot le fou“. Die Krimifarce hat mit dem Buch wenig bis nichts zu tun, aber viel mit Godard, seinem filmischen Kosmos und dem Lebensgefühl der Sechziger.
LV: Charles Portis: True Grit, 1968 (Die mutige Matti, Der Marshal und die mutige Mattie, True Grit)
Arkansas, 1880: Die 14-jährige Mattie will den Mörder ihres Vaters zur Strecke bringen. Weil sie das allein nicht schafft, überzeugt sie den einäugigen, dem Alkohol verfallenen Marshal Rooster Cogburn dazu, ihr zu helfen.
Der Western-Klassiker mit einem humoristischen Einschlag ist eine gelungene Abhandlung zum Thema Tapferkeit.
Ansonsten hat Joe Hembus alles gesagt: „Das glorreiche Denkmal von Hollywoods Western-Tradition, ein enorm junges, frisches, allumfassendes Werk von drei fetten alten Männern, dem Produzenten Hal B. Wallis, im Western-Geschäft seit 1922, dem Regisseur Henry Hathaway, der seine Karriere 1933 mit Zane-Grey-Verfilmungen begann, und Star John Wayne, der 1930 in The Big Trail debütierte. Die Summe dieser Erfahrungen wird mit einem Elan mobilisiert, den man sonst nur bei Debütfilmen sieht, zugleich mit dem gelassenen Humor, der weiß, dass man nur noch gewinnen kann.“ (Joe Hembus: Das Western-Lexikon)
John Wayne erhielt für diese Rolle seinen einzigen Oscar, einen Golden Globe und einen Laurel Award.
2010 verfilmten die Coen-Brüder den Roman und ihre Version von „True Grit“ ist ebenfalls sehenswert.
mit John Wayne, Kim Darby, Glen Campbell, Robert Duvall, Jeff Corey, Dennis Hopper, Strother Martin
ZDFneo, 20.15 Good Kill – Tod aus der Luft(USA 2015, Regie: Andrew Niccol)
Drehbuch: Andrew Niccol
Ruhiges, äußerst intensives Drama über die Gewissenskonflikte von einem Ex-Kampfpiloten (Ethan Hawke), der jetzt Drohnenpilot ist und, wie viele Kollegen, seelische Probleme mit dem Töten per Drohne und seinem normalen Leben, nach Feierabend, in Las Vegas (das hätte Hollywood sich nicht besser ausdenken können: die echten Basen sind in der Nähe des Spielerparadieses) hat.
Das Drehbuch ist straff und facettenreich (auch wenn das Militär etwas nachdenklicher, selbtreflexiver und vernünftiger rüberkommt, als es wohl in der Realität der Fall ist), die Schauspieler überzeugend, und Andrew Niccol („Gattaca“, „Lord of War“, beide ebenfalls mit Hawke) zeigt nach dem Totalausfall „Seelen“, dass er nichts verlernt hat. Für einen Kinostart hat es trotzdem nicht gereicht und der Film (es ist der erste Spielfilm über den Drohnenkrieg) ist aufklärerisch im besten Sinne. Unbedingt sehenswert!
Mit Ethan Hawke, Zoë Kravitz, January Jones, Bruce Greenwood, Jake Abel, Dylan Kenin Wiederholung: Sonntag, 1. Mai, 01.15 Uhr (Taggenau!) Hinweise Moviepilot über „Good Kill“ Metacritic über „Good Kill“ Rotten Tomatoes über „Good Kill“ Wikipedia über „Good Kill“ Meine Besprechung von Andrew Niccols „Seelen“ (The Host, USA 2013) Andrew Niccol in der Kriminalakte
Schach im Fernsehen? Heute gibt es so etwas vielleicht in irgendeinem Sportkanal, der halt sein Programm füllen muss. Früher war Schach auch nicht das Material für die samstägliche Sportschau. Aber 1972 gab es das Schachduell zwischen Bobby Fischer und Boris Spassky, das auch im Fernsehen übertragen wurde und eine weltweite Schachbegeisterung auslöste.
„Bauernopfer – Spiel der Könige“ von Edward Zwick („Blood Diamond“), nach einem straffen Drehbuch von Steven Knight („Eastern Promises“, „Madama Mallory und der Duft von Curry“), erzählt jetzt, nah an den Fakten, die Geschichte von diesem Schachduell, das auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, auch ein Kampf der Systeme war. Und es ist ein Biopic über Bobby Fischer (1943 – 2008), das sich auf die 1972er Schach-Weltmeisterschaft in Reykjavik, Island, und die Jahre davor konzentriert. Das spätere Leben von Bobby Fischer, das, höflich formuliert, nicht unproblematisch war, wird dann in einigen Texttafeln abgehandelt, während wir Bobby Fischer auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn verlassen.
Bis dahin erleben wir einen spannenden Film über einen hochintelligenten Menschen, der schon früh ein erfolgreicher Schachspieler war und der sein ganzes Leben auf das Spiel konzentrierte, weshalb er auch gegen jede Ablenkung, egal ob echt oder nur gefühlt, harsch vorging. Schon in den Sechzigern war er in den USA als Schachgenie bekannt. Seine Anti-Establishment-Haltung half. Er wird, nachdem seine Mutter als Teil der jüdisch-kommunistischen Gemeinschaft in Brooklyn in den Fünfzigern vom FBI überwacht wurde, zunehmend paranoid. Er fühlt sich ständig beobachtet. Er fühlt sich von Kameras, die damals lauter als heute waren, und dem Publikum in seiner Konzentration gestört und er setzte bei den Turnieren seine Wünsche nach Ruhe und einer entsprechenden Gestaltung der Räume gnadenlos durch.
Gleichzeitig wird das Spiel und die 1972er Schach-Weltmeister zu einem Duell der Systeme hochgejazzt. So als könnte der Kalte Krieg am Schachbrett besiegt werden (Sylvester Stallone tat es einige Jahre später in „Rocky IV – Der Kampf des Jahrhunderts“ im Boxring). Damals war Fischer gut genug, um die jahrzehntelange Dominanz der Sowjetunion im Schach brechen zu können. Außerdem waren, nach einem erzürnten Artikel von Fischer, die Regeln, die von der Sowjetunion zu ihrem Vorteil ausgelegt wurden, geändert worden. Jetzt hatte Fischer eine Chance, den Titel zu gewinnen.
Edward Zwick inszenierte diese Geschichte als Schauspielerkino, das sich auf das Drehbuch und sein Ensemble verlässt. „Spider Man“ Tobey Maguire überzeugt als zunehmend paranoides Schachgenie Bobby Fischer. Liev Schreiber als von der Sowjetunion geförderter Schachspieler Boris Spassky, der am Schachbrett die Überlegenheit des Kommunismus demonstrieren soll, ist ein ebenbürtiger Gegner, der fast während des gesamten Film nichts sagt. Gerade dadurch wirkt er noch bedrohlicher.
Am Ende der faszinierenden Charakterstudie hat man zwar nichts gelernt, was einem beim nächsten Schachspiel hilft (soweit man überhaupt die Bedeutung der Schachfiguren kennt), aber man hat einen ebenso spannenden, wie lehrreichen Ausflug in die Vergangenheit gemacht, als jeder wusste, wer die Guten und wer die Bösen sind.
Bauernopfer – Spiel der Könige (Pawn Sacrifice, USA 2014)
Regie: Edward Zwick
Drehbuch: Steven Knight
mit Tobey Maguire, Liev Schreiber, Peter Sarsgaard, Michael Stuhlbarg, Edward Zinoviev, Alexandre Gorchkov, Lily Rabe, Robin Weigert, Seamus Davey-Fitzpatrick, Aiden Lovekamp, Sophie Nelisse
Das ist eine Ansage: „Ich bin tot, macht was draus!“
Sie kommt allerdings nicht von Jipé, denn der ist ja tot. Nach einem Konzert stürzte der Sänger der seit Ewigkeiten erfolglosen Rockband „Grand Ours“ unglücklich in eine Baugrube, während seine Bandkollegen gerade kenntnisreich die Köstlichkeiten einer Imbissbude ausprobierten.
Danach ist eigentlich das Ende der Band besiegelt. Immerhin ist der Sänger tot. Aber in wenigen Tagen soll ihre erste Tour durch die USA beginnen und die könnte, wie sie in grandioser Realitätsleugnung glauben, ihr großer Durchbruch sein. Außerdem wollte Jipé schon immer in die USA und ein Tod bedeutet nicht unbedingt das Ende. Also wird die Asche von Jipé in einer comedyreifen und wenig geplanten Aktion gestohlen und illegal in die USA gebracht.
Dort beginnt für die dysfunktional-funktionale Band eine wahre Odyssee, die, wie der gesamte Film, nicht der Dramaturgie eines Spielfilms gehorcht. Auch nicht der Dramaturgie eines knackigen Zwei-Minuten-Rocksongs, sondern der des Talking Blues gehorcht, wie Arlo Guthries „Alice’s Restaurant Massacree“ (der als „Alice’s Restaurant“ verfilmt wurde), um nur einen episch vor sich hin mäandernden Song zu nennen. Es ist eine Abfolge mehr oder weniger absurder Begebenheiten, in der unfreiwillig und oft den Umständen geschuldet, die Asche von Jipé über das Land verteilt wird. Schließlich geht es in dem Film auch um Verlust und die Frage, wie man mit dem Tod eines geliebten Menschen umgeht und wie man die Realität akzeptiert, ohne die Realität zu akzeptieren, weil ein echter Rock’n’Roller niemals aufgibt.
„Ich bin tot, macht was draus!“ hat auch etwas von einem Helge-Schneider-Witz, der nicht auf eine Schlusspointe angelegt ist.
Wer damit leben kann, wird bei „Ich bin tot, macht was draus!“ seinen Spaß haben.
Ich hatte ihn.
Ich bin tot, macht was draus!(Je suis mort, mais j’ai des amis, Belgien/Frankreich 2015)
Regie: Guillaume Malandrin, Stéphane Malandrin
Drehbuch: Guillaume Malandrin, Stéphane Malandrin
mit Bouli Lanners, Wim Willaert, Lyse Salem, Serge Riaboukine, Eddy Leduc, Jacky Lambert, Marie-Renée André
Drehbuch: Henri Simoun (Pseudonym von Howard Rodman), Abraham Polonsky
LV: Richard Dougherty: The Commissioner, 1962
Ein Gangster kann mit Madigans Dienstwaffe entkommen. Der Commissioner gibt Madigan und Bonara 72 Stunden, die Waffe wieder zu finden.
Harter, düsterer Polizeithriller
„Es ist eine realistische Annäherung an das, was ohne Zweifel stattfindet…Es gibt eine Menge Bullen wie die, die dir sofort ins Gesicht schlagen, wenn sie glauben, auf diese Weise eine Antwort von dir zu bekommen. Sie würden keine zwei Sekunden nachdenken. Ihre brutale Arbeit macht sie brutal…Und sie wissen nicht, dass sie etwas Grausames getan haben. Sie reden mit mir und ich bin ihr Freund. Das erschreckt mich.“ (Don Siegel, in Alan Lovell: Don Siegel)
Mit Richard Widmark, Henry Fonda, Inger Stevens, Harry Guardino, James Whitmore, Susan Clark, Michael Dunn
Fast alle aus den vorherigen Avengers-Filmen bekannten Charaktere sind wieder dabei. Ergänzt um einige Neuzugänge wie Black Panther und Spider Man, die in den kommenden Jahren im Marvel Cinematic Universe, der erzählerischen Klammer der Marvel-Filme, eine größere Rolle bekommen sollen. Einzelfilme inclusive.
Die Kloppereien sind gewohnt episch und dieses Mal kämpfen sie wieder gegeneinander. Der Grund dafür ist etwas kompliziert.
Nachdem bei ihren vorherigen Aktionen einiges zu Bruch ging und es auch etliche Kollateralschäden gab, sollen in „The First Avenger: Civil War“ die freischaffend und von niemandem kontrollierten Avengers unter eine UN/US-Aufsicht gestellt werden. Ihr Handeln soll kontrolliert werden. Sie sollen Befehlsempfänger werden. Dann dürfen sie weitermachen. Falls jemand von ihnen dieses Angebot ablehnt, so erklärt ihnen ihr künftiger Chef, General Ross, soll er als Gesetzloser verfolgt werden. Einige der Avengers halten das für eine gute Idee. Einige nicht.
Und dann gibt es noch die Bedrohung durch den Winter Soldier, einer im Ostblock hochgezüchteten Kampfmaschine, die in Wirklichkeit Bucky Barnes, der Jugendfreund von Captain America Steve Rogers ist. Captain America war immer das golden glänzende patriotisch-aufrechte Herz der USA. Zunächst kämpfte der All-American-Boy gegen Nazis. Später gegen andere, nicht minder böse Bösewichter.
Bucky wird, wenn ihm eine bestimmte Abfolge von Worten gesagt wird, zu einer eiskalten Killermaschine, die sich danach nicht an ihre Taten erinnert. Weil einige seiner Taten den Weltfrieden gefährden, sollen die Avengers ihn aufhalten. Tot oder lebendig.
Steve glaubt allerdings, dass Bucky unschuldig ist.
Und dann ist da noch Baron Zemo, ein geheimnisvoller Bösewicht, der den Winter Soldier für seine Ziele einspannen will. Er hat sogar ein sehr nachvollziehbares Motiv für seine Taten. Weil wir das erst am Ende von „Civil War“ erfahren, ist er bis dahin einfach nur ein gefährlicher Bösewicht, der im Film nur die Aufgabe hat, etwas Böses zu tun, damit die Avengers sich gegenseitig verkloppen. Wie in den anderen Marvel-Filmen ist auch in „Civil War“ der Bösewicht blass. Dabei hätten die Macher dieses Mal einen einprägsamen Bösewicht schaffen könne. Aber vielleicht darf Baron Zemo in einem weiteren Marvel-Film auftreten. Dann als vollwertiger Gegner der Avengers.
Im Mittelpunkt von „Civil War“ steht nämlich der episch ausgebreitete Kampf der Avengers gegeneinander und so flott, unterhaltsam und auch witzig der über zweistündige Film ist, so unbefriedigend ist die auch in diesem Superheldenfilm geführte Diskussion über Verantwortung, die kaum das Niveau einer gepflegten Kaffeekonversation erreicht. Anstatt sich in tiefere moralphilosophische Diskussion zu wagen, den Utilitarismus zu problematisieren, die Frage zu diskutieren, ob der Zweck die Mittel heiligt, ob man durch sein Handeln erst die Probleme schafft, die dann mühselig beseitigt werden müssen und über die Verantwortung des Einzelnen für sein Handeln zu reden, wird einfach, wieder einmal, auf Grundschulniveau erklärt, dass man tat, was man tun musste.
Nachdem das Thema in einem Gespräch abgehandelt wurde – der Film ist sowieso sehr redselig -, teilen sich die Avengers in zwei Gruppen auf, die in ihrer Zusammensetzung nie besonders glaubwürdig wirken. Da soll auf der einen Seite der egozentrische, niemand gehorchende Milliardär und notorische Unruhestifter Tony Stark (aka Iron Man) sich plötzlich zum fügsamen Befehlsempfänger wandeln, weil er nach dem Kampf gegen Ultron über sein Handeln nachdachte. Auf der anderen Seite steht der immer folgsame Soldat Captain America. Steve Rogers. Der niemals an seinen Vorgesetzten und der US-Regierung zweifelnde Befehlsempfänger, soll jetzt den Befehl verweigern. Er will nämlich keine Befehle von einer neu gegründeten, ihn und die Avengers beaufsichtigende und auch mit Aufträgen versehenden Behörde erhalten. Die könnte sich ja irren. Deshalb will er vollkommen unkontrolliert arbeiten. Das wirkt nie besonders glaubwürdig. Auch nicht durch die nachgeschobene Erklärung, dass er eigentlich nur seinem Jugendfreund helfen will.
Genauso bemüht wie die Begründung für die Teilung der Avengers in zwei sich bekämpfende Gruppen, ist dann der sich zwischen ihnen entwickelnde Kampf, der an ihrer Intelligenz und über mehrere Filme und gemeinsame Kämpfe gegen etliche Bösewichter gewachsene Freundschaft zweifeln lässt. Anstatt miteinander zu reden, wird sich gekloppt in einer niemals auch nur halbwegs glaubwürdigen, dafür unnötig verkomplizierten Geschichte, die eher pointillistisch nach ihren Schauwerten zusammengefügt ist. Wegen des Humors und dem durchgehend spielfreudigem Ensemble fällt das dann gar nicht so sehr auf.
Und als Berliner freut man sich über die zahlreichen Berlin-Aufnahmen, in denen die Gegend um das ICC und den Bundestag ausführlich und auch gut erkennbar gezeigt werden.
The First Avenger: Civil War(Captain America: Civil War, USA 2016)
Regie: Anthony Russo, Joe Russo
Drehbuch: Christopher Markus, Stephen McFeely
mit Chris Evans, Robert Downey Jr., Anthony Mackie, Sebastian Stan, Paul Rudd, Jeremy Renner, Elizabeth Olsen, Scarlett Johannsson, Don Cheadle, Chadwick Boseman, Paul Bettany, Emily VanCamp, Tom Holland, Daniel Brühl, Frank Grillo, William Hurt, Martin Freeman, Marisa Tomei, Stan Lee (selbstverständlich)
Tom Tykwers neuer Film beginnt mit einer aktualisierten Version des „Talking Heads“-Klassikers „Once in a Lifetime“, gesungen von Tom Hanks, präsentiert in schönster Musikvideoclip-Optik, und innerhalb weniger Minuten erfahren wir alles wichtige über den Protagonisten.
Alan Clay (Tom Hanks) ist Vertreter und er soll jetzt in Saudi-Arabien dem König ein neues Telefonsystem für eine Stadt, die er in der Wüste errichten will, verkaufen. Der Clou bei dem Telefonsystem ist, dass man dank einer neuen Hologramm-Technik glaubt, der Gesprächspartner befinde sich im gleichen Raum. Clay will den Handel unbedingt abschließen und so seinen drohenden Ruin abwenden. Mit etwas Glück ist dann auch die Uni-Ausbildung seiner Tochter und seine Altersversorgung gesichert.
Aber die Produktpräsentation verzögert sich. Denn König Abdullah kommt nicht und niemand weiß, wann er kommen wird.
Bis dahin muss die Zeit tot geschlagen werden.
Diesen Stillstand beschrieb Dave Eggers in seinem episodischem Roman „Ein Hologramm für den König“ und Tom Tykwer folgt weitgehend den Episoden des Romans, allerdings in einem witzigerem Tonfall. So wartet Clay mit seinen wesentlich jüngeren Mitarbeitern, die für die technische Seite der Präsentation zuständig sind, im Zelt ohne WLAN und ohne Klimaanlage auf den König. Er erkundet die sich noch im Bau befindende, auf dem Reißbrett geplante Millionenstadt King Abdullah Economic City, von der in den letzten Jahren nur ein Empfangsgebäude und ein, zwei Miethäuser (inclusive einer in dem Rohbau schon luxuriös hergerichteten Wohnung) fertiggestellt wurden. Er hat flüchtigen Kontakt zu einer dänischen Angestellten, die ihn mit Alkohol versorgt und auf eine Party in der dänischen Botschaft einlädt, auf der es auch andere Drogen gibt. Er lässt sich von Yousef zur Wüstenstadt fahren und unterhält sich mit ihm. Er lernt, nachdem er betrunken versuchte, ein Geschwulst von seinem Rücken zu entfernte, die Ärztin Zahra Hakem kennen.
Das alles findet sich auch in Dave Eggers eher spröde geschriebenem Roman. Tom Tykwer erzählt diese Begebenheiten witziger und visuell ansprechend. Wobei natürlich schon das Bild eines verloren in der Wüste stehenden Bürogebäudes einen eigenen, absurden Reiz entfaltet. Tom Hanks, mit dem Tykwer schon bei „Cloud Atlas“ zusammenarbeitete, ist die perfekte Verkörperung dieses absolut durchschnittlichen Vertreters, der immer noch versucht, an den amerikanischen Traum zu glauben. Stand-Up-Comedian Alexander Black ist eine Entdeckung. Der Debütant spielt Clays Fahrer Yousef und man weiß nie, wie zurechnungsfähig er ist. Entsprechend witzig sind ihre gemeinsamen Szenen.
Im dritten Akt beschreitet Tykwer dann eigene Wege. Plötzlich und arg unvermittelt steht die bis dahin noch nicht einmal angedeutete Liebesgeschichte zwischen Clay und Zahra im Mittelpunkt. Aus der milden Satire auf die Wirtschaftswelt, in der der Westen als Bittsteller im Nahen Osten auftaucht und Saudi-Arabien in all seinen Widersprüchen gezeigt wird, wird ein kitschiger Liebesfilm, eine Romanze, in der heftig E-Mails ausgetauscht, gemeinsam im Meer gebadet und geknutscht wird als seien die Mittfünfziger Teenager.
Dieser Bruch in der Erzählung, die dem geschiedenen Verkäufer Clay während seines Wartens auf den König plötzlich eine neue Lebensperspektive eröffnet, funktioniert allerdings nicht wirklich. Die Liebesgeschichte passt nicht zum vorherigen Film. Sie wirkt wie der verzweifelte Versuch, die Beschreibung eines Stillstandes zu einem Ende zu bringen, das befriedigender als das abrupte Ende in Dave Eggers‘ Roman ist.
Bis dahin ist „Ein Hologramm für den König“ eine eher leichtgewichtige Business-Komödie, die, trotz deutscher Geldgeber und dreier Nominierungen für den Deutschen Filmpreis, nie wie ein deutscher Film wirkt. Und Tykwers Ende der Geschichte von Alan Clay ist auch besser als Eggers‘ Ende.
Ein Hologramm für den König (Deutschland/Großbritannien 2016)
Regie: Tom Tykwer
Drehbuch: Tom Tykwer
LV: Dave Eggers: A Hologramm for the King, 2012 (Ein Hologramm für den König)
mit Tom Hanks, Alexander Black, Sarita Choudhury, Sidse Babett Knudsen, Tom Skerritt, David Menkin, Megan Maczko, Christy Meyer, Ben Whishaw
RBB, 22.45 Cinema Perverso (Deutschland 2015, Regie: Oliver Schwehm)
Drehbuch: Oliver Schwehm
Kurzweilige, wenn auch nicht sonderlich tiefgründige einstündige Doku über die Bahnhofskinos, die heute nur noch (falls überhaupt) als Abspielstätte für schlechte Filme irgendwo zwischen Horror, Gewalt und Sex bekannt sind. Einige Filme haben immerhin einen gewissen Kultstatus und, ja, „Cinema Perverso“ macht Lust darauf, sich einige dieser Trash-Perlen wieder (?) anzusehen.
Dabei war das mit den Bahnhofskinos (bzw. den Bahnhofslichtspielen oder, abgekürzt, Bali) als erweiterter Warteraum für Reisende mal anders gedacht und in diesen Momenten wird die Doku zu einer kleinen Geschichte der BRD.
Mit Jörg Buttgereit, Uwe Boll, Ben Becker, Mechthild Großmann, Wolfgang Niedecken, Christian Anders, René Weller Hinweise Arte über „Cinema Perverso“ Lunabeach TV über „Cinema Perverso“ (dort gibt es Infos zur DVD, den Trailer und Bilder)
Im Kino ging, nachdem die erste Gillian-Flynn-Verfilmung „Gone Girl“ ein Publikums- und Kritikerhit war, „Dark Places – Gefährliche Erinnerung“, die prominent besetzte Verfilmung ihres zweiten Romans, unter. Dabei klingt die Story ähnlich vielversprechend.
1985 werden die Mutter und die beiden Schwestern von Libby Day ermordet. Die Achtjährige beschuldigt ihren Bruder Ben und dieser, damals ein bekennender Satanist, wird verurteilt.
Dreißig Jahre später hadert Libby (Charlize Theron) immer noch mit diesem Ereignis und sie lebt, auch und vor allem finanziell, davon. Von einem Club, in dem Privatleute ungeklärte Verbrechen nachermitteln, erhält sie das Angebot, dort über ihre Familiengeschichte zu reden. Weil sie das Geld braucht, nimmt sie das Angebot an.
Die Clubmitglieder präsentieren ihr ihre verschiedenen, mehr oder weniger abstrusen Theorien. Es gibt nämlich offensichtliche Widersprüche und sie sind überzeugt, dass der falsche Mann im Gefängnis sitzt.
Lbby erklärt sich – natürlich für Geld – bereit, dem Club zu helfen und dafür tief in ihrer Vergangenheit zu stöbern. Dabei entdeckt sie einiges.
Na, das klingt doch nicht schlecht.
Allerdings ist Gilles Pacquet-Brenner („Sarahs Schlüssel“) kein David Fincher und, nun, „Dark Places“ ist nicht „Gone Girl“. „Gone Girl“ erzählt aus, im Roman und im Film, zwei Perspektiven, die konsequent durchgehalten und klar getrennt sind, eine bitterböse Noir-Geschichte.
„Dark Places“ bedient sich einer ähnlichen Konstruktion. Im Film allerdings deutlich weniger gelungen. Er erzählt, vom Roman übernommen, die Geschichte auf zwei Ebenen. In der Gegenwart erzählt er eine ganz normale Detektivgeschichte, in der Libby Day einfach der Reihe nach die verschiedenen Beteiligten der damaligen Ereignisse befragt bis sie die ganze Wahrheit über die Mordnacht erfährt. Naja, fast. Denn wir als Zuschauer wissen mehr. In der Vergangenheit werden die damaligen Ereignisse nacherzählt. Diese Blicke in die Vergangenheit werden eher willkürlich über den Film gestreut. Sie erzählen chronologisch die Vorgeschichte das Mehrfachmordes und enthüllen dann am Ende die wahren Ereignisse der Tatnacht. Dieser Teil ist durchaus spannend, weil wir wissen wollen, wie es zu dem Mehrfachmord kam. Allerdings sind diese Rückblenden konsequent aus einer objektiven Perspektive erzählt. Das heißt, wir erfahren bis zum Ende Dinge, die weder Libby noch die von ihr Befragten wissen können. Und wenn doch, würden sie sie ihr niemals verraten. Aber irgendwann agiert Libby so, als wüsste sie diese Dinge auch. Obwohl sie sie, wie gesagt, nicht wissen kann und damit der ganzen Geschichte ein Glaubwürdigkeitsproblem beschert.
Dazu kommt, dass in den 1985 spielenden Teilen das Arme-Leute-Milieu und die jugendliche Satanistenclique, in der Ben ist, arg platt gezeichnet werden, dass in der Gegenwart aus dem „Kill Club“-Club kein erzählerisches Potential geschöpft wird, dass bei der Besetzung bei den Charakteren, die 1985 und 2015 auftreten, kein glückliches Händchen bewiesen wurde (die TV-Serie „Cold Case“ zeigt einfach, wie es besser geht) und dass die namhafte Besetzung größtenteils verschenkt ist in einer altbackenen Mörder-such-Geschichte mit einer angeklatschen Moral, die eine bessere Filmgeschichte verdient hätte.
Am Ende ist „Dark Places“ nur ein unnötig kompliziert erzählter, gut besetzter 08/15-Kriminalfilm.
Das Bonusmaterial besteht aus den Trailern und fünfundzwanzig Minuten Interviews mit Regisseur Gilles Paquet-Brenner, Autorin Gillian Flynn (das sind die interessanteren Interviews) Christina Hendricks und Nicholas Hoult.
Dark Places – Gefährliche Erinnerung (Dark Places, USA/Frankreich 2015)
Regie: Gilles Paquet-Brenner
Drehbuch: Gilles Paquet-Brenner
LV: Gillian Flynn: Dark Places, 2009 (Finstere Orte, später Dark Places – Gefährliche Erinnerung)
mit Charlize Theron, Sterling Jerins, Nicholas Hoult, Christina Hendricks, Corey Stoll, Tye Sheridan, Andrea Roth, Chloë Grace Moretz, Sean Bridger
–
DVD
Concorde
Bild: 2,35:1 (16:9)
Ton: Deutsch (DD 5.1/ DTS 5.1), Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Bonus: Deutscher und Original Trailer, Interviews
Länge: 109 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
–
Die Vorlage
Gillian Flynn: Dark Places – Gefährliche Erinnerung