Arte, 20.15 Sondertribunal – Jeder kämpft für sich allein (Section spéciale, Frankreich/Italien/Deutschland 1975)
Regie: Constantin Costa-Gavras
Drehbuch: Constantin Costa-Gavras, Jorge Semprún
LV: Hervé Villeré
August 1941: ein junger Kommunist erschießt in Paris in der Metro einen deutschen Marinesoldaten. Um die rachedurstigen Deutschen zu besänftigen, will die Vichy-Regierung als Bauernopfer sechs wegen kleinerer Delikte inhaftierte Kommunisten und Juden in dem titelgebendem Sondertribunal zum Tod verurteilen.
Präzise, auf einem wahren Fall basierende Analyse wie das Vichy-Regime versucht mit Hilfe der Justiz Unrecht in „Recht“ zu verwandeln. Das war keine Sternstunde der Grande Nation.
Der Film war für den Golden Globe als bester ausländischer Film nominiert und Constantin Costa-Gavras wurde in Cannes als bester Regisseur ausgezeichnet.
Endlich wird „Sondertribunal – Jeder kämpft für sich allein“ wieder einmal im TV gezeigt. Denn nach der Deutschlandpremiere am 30 Mai 1976 gab es seit Ewigkeiten (Zehn Jahre? Fünfzehn Jahre?) keine Wiederholungen des Films, der inzwischen zu Costa-Gavras unbekanntesten Werken zählt.
mit Louis Seigner, Roland Bertin, Michael Lonsdale, Ivo Garrani, François Maistre, Jacques Spiesser, Henri Serre, Heinz Bennent Hinweise Arte über die Costa-Gavras-Filmreihe Rotten Tomatoes über „Sondertribunal“
Wikipedia über „Sondertribunal“ (englisch, französisch)
Arte, 20.15 (VPS 20.40) Der Stellvertreter (Frankreich/Deutschland 2002, Regie: Constantin Costa-Gavras)
Drehbuch: Constantin Costa-Gavras, Jean-Claude Grumberg
LV: Rolf Hochhuth: Der Stellvertreter, 1963 (Theaterstück)
Als der gläubige Christ und SS-Mann Kurt Gerstein erfährt, wozu in den KZs Zyklon B verwendet wird, ist er entsetzt und wendet sich hilfesuchend an die katholische Kirche.
Costa-Gavras Verfilmung des gleichnamigen Theaterstücks von Rolf Hochhuth über die Rolle des Vatikans während des Zweiten Weltkriegs kam bei der damaligen deutschen Kritik nicht so gut an. Vor allem das Theaterhafte wurde bemängelt.
In Frankreich erhielt er, unter anderem einen César für das beste Drehbuch und er war als bester Film nominiert.
Heute startet Arte eine kleine, fünfteilige Constantin-Costa-Gavras-Reihe, der mit „Sondertribunal – Jeder kämpft für sich alleine“ (am 8. Februar), „Das Geständnis“ (am 10. Februar), „Hanna K.“ (am 11. Februar) und „Z – Anatomie eines politischen Mordes“ (am 15. Februar) ein guter Querschnitt durch sein Werk gelingt und es werden auch selten gezeigte Filme zu einer normalen Uhrzeit gezeigt.
mit Ulrich Tukur, Mathieu Kassovitz, Ulrich Mühe, Michel Duchaussoy Wiederholung: Mittwoch, 17. Februar, 00.15 Uhr (Taggenau!) Hinweise Arte über seine Costa-Gavras-Filmreihe Rotten Tomatoes über „Der Stellvertreter“
Wikipedia über „Der Stellvertreter“ (deutsch, englisch)
Dank etwas Planungskuddelmuddel legt die Kriminalakte die aktuelle KrimiZeit-Bestenliste (von Die Zeit und Nordwest Radio) etwas später und mit viel Alaf und Helau („Möge es nützen!“) zu den Akten. Aktenkundig sind:
1) (5) Malla Nunn: Tal des Schweigens
2) (2) Richard Price: Die Unantastbaren 3) (6) Tito Topin: Exodus aus Libyen
4) (-) Ryan Gattis: In den Straßen der Wut
5) (1) Fred Vargas: Das barmherzige Fallbeil
6) (4) Oliver Bottini: Im weißen Kreis
7) (7) Jeong Yu-jeong: Sieben Jahre Nacht
8) (9) Paul Mendelsohn: Die Unschuld stirbt, das Böse lebt
9) (-) Joseph Kanon: Leaving Berlin
10) (3) Adrian McKinty: Gun Street Girl
–
In ( ) ist die Platzierung vom Vormonat.
–
Tja, nun, wie gewohnt sind viele Nicht-Deutsche dabei und dass Joseph Kanon es doch noch auf die Liste gepackt hat, freut mich.
Ich bin gerade beim Lesen von Mattias Boströms Sachbuch „Von Mr. Holmes zu Sherlock“ (interessantes Buch über Sir Arthur Conan Doyle, seine Nachkommen und all die Menschen, die als Autoren, Schauspieler und Fans Sherlock Holmes am Leben erhielten; sollte die Tage abgefeiert werden) und Robert Karjels Thriller „Der Schwede“ (den ich wahrscheinlich nicht fertig lese, weil er mich nicht packt). Und „True Detective – Staffel 2“ habe ich auch schon gesehen und fand es, angesichts der katastrophalen Kritiken, gar nicht so schlecht. Wird die Tage, irgendwie zwischen Deadpool, mit einigen anderen Krimiserien besprochen.
LV: Joseph Wilson: The Politics of Truth: : A Diplomat’s Memoir – Inside the Lies That Led to War and Betrayed My Wife’s CIA Identity; Valerie Plame: Fair Game: My Life as a Spy, My Betrayal by the White House, 2007
Valerie Plame war CIA-Agentin. Ihr Mann, der Exbotschafter und Bill-Clinton-Berater Joseph Wilson, wurde von George W. Bush beauftragt, in Niger die Beweise für den Irak-Krieg zu liefern. Er fand keine. Die Regierung behauptete das Gegenteil. Wilson ging an die Öffentlichkeit – und die Regierung Bush startete eine Schmutzkampagne gegen Wilson und seine Frau, die dabei als CIA-Agentin enttarnt wurde.
Ein weiterer Polit-Thriller, der mit der Regierung Bush und dem „war on terror“ abrechnet. Doch während der unterschätzte „Green Zone“ (inszeniert von Paul Greengrass, der zwei „Bourne“-Film inszenierte), basierend auf einem Sachbuch, eine Geschichte erfand, nahm „Bourne“-Regisseur Liman als Grundlage für seinen international abgefeierten Film eine Interpretation der wahren Ereignisse, die auch „Plamegate“ (nach „Watergate“) genannt wurde . Die deutschen Kritiker sind dagegen negativer.
Jedenfalls ist es schön, dass der Polit-Thriller der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts eine so gelungene Renaissance erlebt.
mit Sean Penn, Naomi Watts, Sam Shepard, Noah Emmerich, Michael Kelly, Bruce McGill
Es ist eine Binsenweisheit, dass Horrorfilme gut als Zeitdiagnose funktionieren, weil in ihnen unterschwellige Stimmungen, physische und psychische Befindlichkeiten angesprochen werden können, ohne es offen verhandeln zu müssen. So war die Welle von Torture-Porn-Filmen, wie „Hostel“ und „Saw“, auch erklärbar als Auswirkung von 9/11. Der „war on terror“ bestimmte die globale Politik. Über Folter als legitime Verhörmethode wurde diskutiert.
Inzwischen ist die Bedrohung diffuser geworden. Terroristische Anschläge werden von Einheimischen verübt. Die Sicherheitsbehörden sprechen seit Jahren von einer hohen abstrakten Gefährdungslage. Veranstaltungen werden abgesagt. Ob die Absage gerechtfertigt war, bleibt unklar. Menschen als Terrorverdächtige öffentlichkeitswirksam verhaftet und etwas später wieder freigelassen. Die Beobachtung des Einzelnen nimmt ständig zu. Auch wenn er nicht aktuell beobachtet wird, kann er potentiell jederzeit überwacht werden. Videokameras sind ein fester Bestandteil des öffentlichen Raums. Geheimdienste, Polizei und Firmen können jederzeit, auch ohne dass man irgendein Verbrechen begangen haben soll, auf persönliche Daten zugreifen. Als Einzelner kann man sich nicht dagegen wehren.
Parallel dazu sind seit einigen Jahren, auch als Gegenentwurf zum blutig-hysterischen, Gewalt auskostendem Torture-Porn-Film, Geisterfilme äußerst beliebt. Und „The Forest“ ist das jüngste Beispiel.
Sara erfährt, dass ihre Zwillingsschwester vor einigen Tage in Japan im Aokigahara-Wald verschwunden ist. Der malerische Wald ist auch als „Wald der Selbstmörder“ bekannt. Man soll, was in diesem Fall wortwörtlich zu verstehen ist, nicht den Weg und vor Einbruch der Nacht den Wald verlassen. Sonst sinken, wegen der Geister der Verstorbenen, die Überlebenschancen dramatisch.
Natürlich geht Sara, mit einem Führer und einem Journalisten, in den Wald, selbstverständlich verlässt sie den Weg (was letztendlich nicht so schlimm ist) und natürlich bleibt sie, geplagt von einem Kindheitstrauma, über Nacht und unheimliche Dinge zwischen Wahn und Wirklichkeit geschehen, die den Genrefan nicht sonderlich überraschen, während Sara und Aiden plaudernd, Trauma und schlimme Erlebnisse aufarbeitend, durch den Wald schlendern und sie, mit fortschreitender Laufzeit, immer mehr an den lauteren Absichten des Reisejournalisten zweifelt.
Insgesamt ist der Wald durch den Sara und ihr Freund stolpern, nicht furchterregender als der nahe gelegene Wald vor unserer Haustür, Regisseur Jason Zada gelingen in seinem Spielfilmdebüt eigentlich keine Bilder, in denen der Wald zur Bedrohung wird. Im Gegensatz zu dem sehr aktiven Wald in Sam Raimis einflussreichem „The Evil Dead“/“Tanz der Teufel“, in dem der Wald es gleich mit einer Gruppe Jugendlicher aufnahm. In „The Forest“ ist es nur eine Person; was aufgrund des schwachen, unentschlossen zwischen psychologischem Drama und Horrorfilm schwankenden Drehbuchs und der langsamen Erzählung, ein großer Nachteil ist. So vergeht eine halbe Stunde, bis Sara erstmals den Wald betritt. Und dann muss das Zelt der Schwester gefunden werden.
Als Einzelfilm ist „The Forest“ deshalb ziemlich uninteressant und er wird niemals für den Wald, was „Der weiße Hai“ für das Schwimmen im Meer war. Auch wenn Produzent David Goyer („Blade“) das, laut Presseheft, hofft.
Als Teil eines Phänomens, einer Diagnose des psychischen Zustands westlicher Gesellschaften, und damit in Verbindung mit anderen, in den letzten Jahren entstandenen Horrorfilmen ist „The Forest“ interessant im Rahmen einer theoretischen Betrachtung, die den Film nicht braucht.
P. S.: Den Aokigahara-Wald gibt es wirklich. Er liegt in Japan am Fuß des Fuji und er ist wirklich ein Wald der Selbstmörder.
Die Waldaufnahmen für „The Forest“ wurden im serbischen Nationalpark Tara, der vier Autostunden von Belgrad entfernt ist.
Drehbuch: Roberto Orci, Alex Kurtzman, Damon Lindelof, Mark Fergus, Hawk Ostby (nach einer Geschichte von Mark Fergus, Hawk Ostby und Steve Oedekerk [klingt nach einer sehr langen Entwicklung])
Buch zum Film: Joan D. Vinge: Cowboys & Aliens, 2011
Wilder Westen: Aliens versuchten schon damals, die Erde zu besetzen. Aber dieses Mal legen sie sich mit „James Bond“ und „Indiana Jones“ an. Klarer Fall, wer die besseren Karten hat.
Vergnüglicher, starbesetzter, etwas unterschätzter Western, der gerade in seinen traditionellen Teilen gefällt, und viel besser als die Box-Office-Bombe „Lone Ranger“ ist.
mit Daniel Craig, Harrison Ford, Abigail Spencer, Buck Taylor, Olivia Wilde, Sam Rockwell, Clancy Brown, Paul Dano, Adam Beach, Noah Ringer, Keith Carradine, Walton Goggins
Die Geschichte von Robinson Crusoe dürfte allgemein bekannt sein. Immerhin ist Daniel Defoes Roman oft genug wieder veröffentlicht und verfilmt worden. Auch als auf dem Mars spielendes Science-Fiction-Abenteuer, das bei uns „Notlandung im Weltraum“, im Original „Robinson Crusoe on Mars“ heißt.
Jetzt erzählen Vincent Kesteloot und das belgische Studio nWave („Das magische Haus“, „Sammys Abenteuer“ und zahlreiche IMAX-Filme) die Geschichte als Animationsfilm und aus der Sicht eines Papageien. Warum auch nicht? Immerhin ist ihre „Robinson Crusoe“-Version ein Kinderfilm und eine altbekannte Geschichte kann neu interpretiert werden. Wobei, und das ist ein Problem des Films, die Filmgeschichte nichts mehr mit Defoes Geschichte zu tun hat. Außer, dass ein Mann auf einer einsamen Insel strandet. Der Rest ist dann freie Erfindung der Macher.
Auf der Insel befreunden sich, nach anfänglichem Misstrauen, die einheimischen Tiere und der Schiffbrüchige. Sie kämpfen gegen zwei biestige Schiffskatzen, die ebenfalls die Katastrophe überlebten, und gegen Piraten, die auf der Insel ein Feuer bemerken und deshalb die Insel ansteuern. Diese Geschichte, und das ist das große Problem des Films, ist nur die Ausgangssituation für nicht enden wollende und schnell ermüdende Slapstick-Actionszenen, die von etwas Klamauk (in der betont norddeutschen Synchronisation besonders klamaukig) unterbrochen werden. Das unterhält über die Filmlänge höchstens sehr kleine Kinder, denen, solange die Pixel sich bewegen, so etwas wie Charakterentwicklung, Plot, Thema und Subtext egal sind
So unbefriedigend „Robinson Crusoe“ auf der erzählerischen Ebene ist, so gelungen sind die Animationen in 3D. Da stimmt jedes Detail. Das Schiff, die Insellandschaften, sich bewegende Blätter und das Wasser, egal, ob es sich um einen Ozean oder eine Pfütze handelt, sind absolut realistisch. Auch die Figuren und ihre Bewegungen sind, innerhalb des Slapstick-Universums, absolut realistisch. Das hat in den 3D-Animationen eine atemberaubende Qualität, die locker mit den Spezialeffekten von Hollywood-Blockbustern mithalten kann.
Nur: wer will sich im Kino eine neunzigminütige Produktwerbung ansehen?
Robinson Crusoe (Robinson Crusoe, Belgien/Frankreich 2015)
Regie: Vincent Kesteloot
Drehbuch: Lee Christoper, Domonic Paris, Graham Welldon (nach einer Idee von Chris Hubbell, Sam Graham, Domonic Paris und Ben Stassen)
mit (in der deutschen Fassung den Stimmen von) Matthias Schweighöfer, Kaya Yanar, Cindy aus Marzahn, Dieter Hallervorden, Aylin Tezel
Länge: 90 Minuten
FSK: ab 0 Jahre
– Hinweise Homepage zum Film Moviepilot über „Robinson Crusoe“ Wikipedia über „Robinson Crusoe“
Als Autor der „Gänsehaut“/“Goosebumps“-Bücher ist R. L. Stine seit über zwanzig Jahren bekannt und beliebt. Die Kinderbücher wurden in 32 Sprachen übersetzt und die Auflage soll bei 400 Millionen liegen, was etwas schwer beweisbar ist, aber in jedem Fall verrät, dass sie verdammt erfolgreich sind. Trotzdem sind, im Gegensatz zu den Werken von Stephen King, fast keine von R. L. Stines Geschichten verfilmt worden.
Das, und dass King immer als viel besserer Autor gelobt wird, mag R. L. Stines abgrundtiefen Hass auf den König des Horrors erklären. Jedenfalls sollte man, wie wir in „Gänsehaut“ erfahren, den humorlosen Misanthropen R. L. Stine (Jack Black) nicht auf Stephen King ansprechen. Stine lebt unter falschem Namen mit seiner pubertierenden Tochter Hannah (Odeya Rush) in der typischen All-American-Kleinstadt Madison in Delaware. Als der Teenager Zach Cooper (Dylan Minette) ins Nachbarhaus einzieht, geraten die Dinge etwas außer Kontrolle. Denn Zach hält ihn zuerst nur für einen besonders unfreundlichen Menschen, der auch seine Tochter schlägt. Die herbeigerufene Polizei findet nichts und Zach steht als Lügner da.
Also bricht Zach mit seinem neuen Schulfreund Champ (Ryan Lee), ein Außenseiter in der Schule und Feigling vor dem Herrn, in der Nacht in das Nachbarhaus ein, um seine neue Freundin Hannah aus den Klauen ihres harmlos wirkenden Vaters zu retten. In der Bibliothek erkennt Champ anhand der Buchmanuskripte, dass sie im Haus von R. L. Stine sind. Die beiden Jungs fragen sich, warum die Bücher verschlossen sind. Als sie von Hannah erwischt werden, öffnen sie zufällig ein Buch, was ein schwerer Fehler ist. Denn Stine hat in seinen „Gänsehaut“-Büchern die Geister und Monster hineingeschrieben und sie so gefangen genommen. Jetzt brechen sie unter der Führung von Slappy, the Dummy, Stines Alter Ego, aus. Sie wollen sich an Stine rächen und die Stadt verwüsten.
Es sind, für die Fans der Bücher:
The Ghouls aus Attack of the Graveyard Ghouls
Snake Lady aus Escape from the Carnival of Horrors
Bog Monster aus You Can’t Scare Me!
Egyptian Princess aus Return of the Mummy
Cronby the cave troll aus Deep in the Jungle of Doom
The Evil Clown aus When the Ghost Dog Howls
Vampires aus Vampire Breath
The Witch Doctor aus Deep in the Jungle of Doom
Madam Doom aus Help! We Have Strange Powers!
The Executioner aus A Night in Terror Tower
The Pirate aus Creep from the Deep
The Creeps aus Calling All Creeps
The Haunted Mask aus The Girl with the Haunted Mask
Scarecrows aus The Scarecrow Walks at Midnight
Jack O’Lantern aus Attack of the Jack O’Lanterns
The Mummy aus Return of the Mummy
The Abominable Snowman of Pasadena
The Werewolf aus Werewolf of Fever Swamp
The Gnomes aus Revenge of the Gnomes
The Blob aus The Blob That Ate Everyone
Toy Robots aus Toy-Terror: Batteries Included
Bug-Eyed Aliens aus Invasion of the Body Squeezers
Vampire Poodle aus Please Don’t Feed the Vampire!
The Praying Mantis aus A Shocker on Shock Street
Zugegeben, der echte R. L. Stine soll viel netter als der Film-“R. L. Stine“ sein, aber um hundertprozentige Faktentreue geht es in dieser Horrorkomödie nicht. Es ist ein Spaß, der für die Fans der „Gänsehaut“-Bücher, die sich an ein junges Lesepublikum richten, viele vertraute Charaktere und die Atmosphäre des wohligen, aber sicheren Gruselns hat. Stine nennt sie „safe scares“. Sie sollen, wie eine Fahrt auf einer Geisterbahn, nur eine Gänsehaut verursachen.
In Rob Lettermans Film, der nicht auf einem „Gänsehaut“-Buch basiert, sondern viele aus den Büchern bekannte Monster und R. L. Stine in einer neuen und vollkommen frei erfundenen Geschichte versammelt, ist dann auch alles drin, was man als Horror- und Science-Fiction-Fan aus tausenden anderer Filme, in denen Monster Kleinstädte verwüsten, kennt. Hier allerdings in einer jugendfreien Version, die sich, wie Stines Bücher, an Kinder richten. Und gerade diesem jungen Publikum dürfte „Gänsehaut“ als insgesamt harmloser, aber humorvoll erzählter Gruselspaß gefallen. Sie können danach all die Monster- und Horrorfilme noch entdecken, die Stine inspirierten, und die ältere Semester, weil sie diese Monsterfilme schon vor Jahren gesehen haben, schon kennen. Für sie ist „Gänsehaut“ dann zu sehr ein Déjà-Vu-Erlebnis, das eben den schwarzen Humor und die satirischen Spitzen eines Tim Burton, der vor zwanzig Jahren sogar in eine geplante „Goosebumps“-Verfilmung als Produzent involviert war, vermissen lässt.
Immerhin schrieb Tim-Burton-Hauskomponist Danny Elfman einen voluminösen Orchester-Soundtrack, der ohne die Filmbilder sogar besser funktioniert. Denn was im Film arg bekannt nach einem Elfman-Pastiche klingt, lässt ohne die etwas zu glatten Filmbilder und wenn das Orchester schön zackig aufspielt, eine richtig wohlige Tim-Burton-Gruselatmosphäre mit eben dieser gut abgehangenen Mischung aus bekannten Horrorfilmversatzstücken und bizarrem Humor entstehen.
Gänsehaut (Goosebumps, USA 2015)
Regie: Rob Letterman
Drehbuch: Darren Lemke (nach einer Geschichte von Scott Alexander und Larry Karaszewski)
LV: Charaktere von R. L. Stine
Buch zum Film: R. L. Stine: Goosebumps The Movie: The Movie Novel, 2015 (Gänsehaut – Das Buch zum Film)
mit Jack Black, Dylan Minnette, Odeya Rush, Amy Ryan, Ryan Lee, Jillian Bell, R. L. Stine (Cameo)
Länge: 104 Minuten
FSK: ab 12 Jahre (aber auch schon für etwas jüngere Kinder geeignet)
– Der Soundtrack
Danny Elfman: Goosebumps – Original Motion Picture Soundtrack
Sony Classical
64 Minuten
– Der Roman zum Film
angekündigt für den 10. Februar 2016
R. L. Stine: Gänsehaut – Das Buch zum Film (übersetzt von Christoph Jehlicka) cbj 2016 160 Seiten
9,99 Euro
empfohlen ab 10 Jahre (also, eigentlich wie der Film)
– Hinweise Deutsche Homepage zum Film Englische Homepage zum Film
Arte, 22.40 Wir waren Könige (Deutschland 2014, Regie: Philipp Leinemann)
Drehbuch: Philipp Leinemann
Irgendwo in Deutschland: Nach einem fehlgeschlagenem Einsatz läuft ein Sondereinsatzkommando Amok und gerät zwischen zwei verfeindete Jugendgangs.
Ein deutscher Polizeithriller. Schön düstere Bilder, gut besetzt und es gab auch, so meine Erinnerung, etliche gute Kritiken, wie im epd Film: „Endlich einmal ein gelungener deutscher Polizeifilm.“
Ganz anders das Lexikon des deutschen und internationalen Films: „Ein zwar hochkarätig besetzter, aber lauter und holzschnittartiger Polizeifilm, der vorrangig auf Macho-Gehabe und Testosteron setzt, worüber alle Zwischentöne verloren gehen.“
mit Ronald Zehrfeld, Mišel Matičević, Hendrik Duryn, Thomas Thieme, Godehard Giese, Frederick Lau, Simon Werner, Torben Liebrecht, Jorres Risse, Felix Goeser Hinweise Filmportal über „Wir waren Könige“ Moviepilot über „War waren Könige“ Wikipedia über „Wir waren Könige“
Eins Festival, 20.15 Supermensch – Wer ist Shep Gordon? (USA 2014, Regie: Mike Myers, Beth Aala)
Drehbuch: Mike Myers, Beth Aala
Doku über den titelgebenden Shep Gordon, der in den späten Sechzigern nach Los Angeles kam, kurz darauf Manager von Alice Cooper wurde und als Manager, Filmproduzent (unter anderem mehrere Filme von John Carpenter) und Restaurantbesitzer äußerst umtriebig und beliebt ist. Und immer im Hintergrund blieb. Bis zu diesem Film.
Mit Shep Gordon, Alice Cooper, Anne Murray, Bob Ezrin, Mike Myers, Patricia Barson, Michael Douglas, Sylvester Stallone, Tom Arnold, Willie Nelson, Fab 5 Freddy, Steven Tyler, Sammy Hagar, Nancy Meola, Mick Fleetwood Wiederholung: Donnerstag, 4. Februar, 01.20 Uhr (Taggenau!) Hinweise Rotten Tomatoes über „Supermensch“
Wikipedia über „Supermensch“ (deutsch, englisch)
BR, 22.45 Fassbinder (Deutschland 2015)
Regie: Annekatrin Hendel
Drehbuch: Annekatrin Hendel (nach einer Idee von Juliane Maria Lorenz)
Insgesamt sehenswerte Doku über Rainer Werner Fassbinder, die vor allem als Einführung in sein Werk taugt und sich zu sehr seinem Privatleben widmet. Mehr dazu in meiner ausführlichen Besprechung.
mit Margit Carstensen, Irm Hermann, Juliane Lorenz, Hanna Schygulla, Harry Baer, Hark Bohm, Hubert Gilli, Wolf Gremm, Günter Rohrbach, Fritz Müller-Scherz, Volker Schlöndorff, Thomas Schühly, Rainer Werner Fassbinder (Archivaufnahmen)
Eigentlich könnte ich jetzt die Hälfte meiner „Mad Max: Fury Road“-Besprechung wiederverwenden. Denn „Star Wars: Vor dem Erwachen“ besteht aus drei von Greg Rucka geschriebenen Kurzgeschichten, die vor dem neuen „Star Wars“-Film „Das Erwachen der Macht“ spielen und in denen wir einiges über drei Hauptfiguren des Films erfahren. Allerdings auch nichts weltbewegendes und nichts, was wir uns nicht schon beim Film gedacht haben. Es sind im besten Fall Geschichten, die vielleicht einmal in einer frühen Fassung des Drehbuchs waren und dann -zu Recht – herausgekürzt wurde. Insofern ist „Vor dem Erwachen“ erfrischend überflüssig.
So erzählt Greg Rucka von Finns Ausbildung als Sturmtruppler. Er ist natürlich der Beste in seiner Einheit und seine Vorgesetzten setzen große Hoffnungen in ihn. Dummerweise plagt ihn schon da sein Verantwortungsgefühl und sein Gewissen. Er hilft lieber dem schwächsten Mitglied seiner Einheit, als ihn sich selbst zu überlassen. Die Geschichte endet mit dem Flug nach Jakku, wo der Film wenige Minuten später beginnt.
Mit seinem Gewissen hat Poe Dameron keine Probleme. Der Pilot der Republik (also der Guten) ist der Sohn von kampferprobten Piloten (was dann auch eine Verbindung zur originalen „Krieg der Sterne“-Trilogie herstellt). Jetzt entdeckt er durch wagemutige Manöver (also Verstößen gegen Anweisungen und Vorschriften) Raumschiffe der bösen Ersten Ordnung. General Leia Organa holt ihn in eine Spezialtruppe, den Widerstand, und gleich bei seinem ersten „Mission: Impossible“-Auftrag entdeckt er Hinweise auf noch größere Pläne der Bösewichter. Leia schickt ihn nach Jakku zu Lor San Tekka, wo der Film wenige Minuten später mit einem Gespräch zwischen Poe und Lor San Tekka beginnt.
Auf Jakku ist Rey schon länger als Schrottsammlerin, die auf irgendjemand, der sie abholen soll, wartet. Nach einem Sturm entdeckt sie ein gut erhaltenes Raumschiffwrack, das sie herrichten und für viel Geld an den örtlichen Schrotthändler verkaufen möchte. Als die Schrottsammler Devi und Strunk ihr ihre Hilfe anbieten, fragt sie sich, ob sie ihnen vertrauen kann.
Alle drei von Greg Rucka geschriebenen Geschichten lassen sich flott lesen und sie sind, weil sie vor dem Film spielen, unabhängig von dem Film verstehbar. Letztendlich sind die Geschichten kaum ummäntelte Charakterszenen, die, wie gesagt, normalerweise aus einem Film herausgeschnitten würden, weil sie die Haupthandlung nicht voran bringen und wir in ihnen auch nichts erfahren, was wir nicht in anderen Szenen genausogut oder besser erfahren würden.
Insofern sind sie vor allem Lesefutter für die „Star Wars“-Hardcorefans, die einfach alles dazu lesen müssen.
Für Greg-Rucka-Komplettisten, eine in Deutschland sicher sehr rare Spezis, ist „Star Wars: Vor dem Erwachen“ natürlich auch wichtig.
Mich erinnerten sie daran, dass ich mal wieder einen Roman von Greg Rucka lesen sollte.
– Greg Rucka: Star Wars: Vor dem Erwachen (übersetzt von Marc Winter) Panini Books, 2016 224 Seiten
9,99 Euro
– Originalausgabe
Star Wars: Before the Awakening
Disney/Lucasfilm, 2015
–
ZDFneo, 22.00 Angeklagt (USA 1988, Regie: Jonathan Kaplan)
Drehbuch: Tom Topor
Sarah (Jodie Foster, die dafür einen Oscar und Golden Globe als beste Hauptdarstellerin erhielt) wurde vergewaltigt. Weil sie aufreizend angezogen war und sich nicht sehr damenhaft verhielt, lässt sich die Staatsanwältin (Kelly McGillis, die damals, nach „Top Gun“ und „Der einzige Zeuge“ auf dem Höhepunkt ihrer Karriere stand) auf einen Deal mit der Verteidigung ein. Sarahs Vergewaltiger erhalten nur eine milde Strafe. Aber Sarah will eine angemessene Verurteilung der Täter.
„Vielleicht mag manchen die Inszenierung stören, die Emotionen erzeugt und keine Argumente sucht. Doch liegt darin auch eine Methode, nämlich mit dem Sujet zu konfrontieren, das Parteinahme erfordert und bei dem vor der Aufklärung vielleicht erst einmal die Aufrüttelung steht.“ (Fischer Film Almanach 1990)
Empfehlenswerter, zum Nachdenken anregender Justizthriller
mit Jodie Foster, Kelly McGillis, Bernie Coulson, Leo Rossi, Ann Hearn Wiederholung: Sonntag, 31. Januar, 01.30 Uhr (Taggenau!) Hinweise Rotten Tomatoes über „Angeklagt“
Wikipedia über „Angeklagt“ (deutsch, englisch)
Natürlich hat der langjährige Joe-R.-Lansdale-Fan schon „Mucho Mojo“ in seinem Bücherregal stehen. Denn das zweite Abenteuer von Hap Collins und Leonard Pine, die gegensätzlichen Texaner, die zwar immer an Geldnot leiden, aber nie ihren Humor verlieren, erschien bereits 1996 als „Texas Blues“ bei rororo und danach trat Joe R. Lansdale eine kleine Reise durch die bundesdeutsche Verlagslandschaft an. Denn Rowohlt ließ ihn irgendwann fallen. Bei Dumont erschien in der kurzlebigen Noir-Reihe das Collins/Pine-Abenteuer „Schlechtes Chili“. Seit einigen Jahren veröffentlicht Golkonda die Hap-Collins-Leonard-Pine-Romane und nimmt sich neben den neuen Abenteuern des chaotischen Duos auch deren ältere Abenteuer vor. Vor der Neuveröffentlichung werden die Übersetzungen noch einmal durchgesehen. Dieses Mal tat das der Übersetzer der Erstausgabe. Christoph Schuenke änderte an seiner alten, gut lesbaren Übersetzung, so meine kursorischer Vergleich, wenig bis nichts.
Dieses Mal beginnt das Abenteuer des Duos auf den Rosenfeldern von Osttexas, wo Hap als schlecht bezahlter Tagelöhner schuftet. Als Leonard ihm erzählt, dass sein Onkel Chester tot ist, gehen sie zur Beerdigung und dort erfährt Leonard, dass Onkel Chester, der ihn vor Jahren wegen seiner Homosexualität enterbte, jetzt doch im Testament berücksichtigte.
Als die beiden sich Onkel Chesters zugemülltes Haus in LaBorde ansehen, entdecken sie im Keller eine Kinderleiche und weil sie dem Verstorbenen die Tat nicht zutrauen, suchen sie den Täter und, wer auch nur ein Collins/Pine-Abenteuer gelesen hat, weiß, dass das der Beginn einer abgedrehten Kriminalgeschichte ist, in der respektlos und humorvoll die dunkle Seite von Texas beschrieben wird.
Gut, wer die alte Übersetzung hat, muss sich „Mucho Mojo“ nicht unbedingt zulegen, aber das einheitlichere Layout sieht im Buchregal natürlich schöner aus. Wer „Texas Blues“ nicht hat und keine Mondpreise bezahlen will (bei Amazon kann man derzeit zwischen 37 und 165 Euro für das Buch ausgeben [Will ich jetzt meine alte Ausgabe verkaufen? Gibt es Angebote?]) sollte natürlich zuschlagen.
– Joe R. Lansdale: Mucho Mojo (übersetzt von Christoph Schuenke) Golkonda, 2015 272 Seiten
16,90 Euro
– Originalausgabe
Mucho Mojo
Mysterious Press/Warner Books, 1994
– Deutsche Erstausgabe
Texas Blues
rororo, 1996
–
Apocalypse Now Redux (USA 1979, Regie: Francis Ford Coppola)
Drehbuch: John Milius, Francis Ford Coppola
LV: Joseph Conrad: Heart of Darkness, 1899 (Herz der Finsternis)
Während des Vietnamkrieges soll Captain Willard (Martin Sheen) Colonel Kurtz (Marlon Brando), der im Dschungel sein Reich errichtete, suchen und töten.
mit Martin Sheen, Robert Duvall, Marlon Brando, Fred Forrest, Sam Bottoms, Albert Hall, Larry Fishburne, Dennis Hopper, Harrison Ford, G. D. Spradlin, Bill Graham
Wenn man „Ein Atem“ als Metapher auf das Verhältnis von Deutschland zu Griechenland im Rahmen der Eurokrise betrachtet, dann eröffnet sich eine interessante Interpretationsfolie, die aber nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass in dem Film nichts auf eine solche Interpretation hinweist. Außer dass der Film in Griechenland und Deutschland spielt. Und dass in Griechenland auch die aktuelle wirtschaftliche Situation für junge Menschen angesprochen wird. Immerhin muss es einen nachvollziehbaren Grund geben, warum eine junge Griechin ihre Heimat verlässt und nach Deutschland geht.
Wenn man auf diese Interpretationsfolie verzichtet oder sie nicht überinterpretieren möchte, bleibt ein Film zurück, der durch seine Konstruktion und seine beiden Hauptfiguren, vor allem die von Jördis Triebel gespielte Tessa, einen auf Distanz hält.
Tessa ist in Frankfurt am Main eine glücklich verheiratete, gut verdienende, studierte, berufstätige Mutter, die für ihre anderthalbjährige Tochter Lotte eine Nanny braucht und eine richtige Helikopter-Mutter ist, die zwar nie da ist und Lotte am liebsten als abwaschbare Puppe hätte, aber trotzdem genau weiß, was sie essen, trinken und tun darf. Von allem möglichst wenig. Die junge Griechin Elena (Chara Mata Giannatou) nimmt die Arbeit an. Sie will, nachdem sie erst in Deutschland von ihrer Schwangerschaft erfahren hat, mit dieser Arbeit genug Geld für eine Abtreibung verdienen.
Eines Tages, als sie in einer Bäckerei schnell ein Gebäckstück für die schreiende Lotte kauft, verschwindet Lotte spurlos. Angsterfüllt flüchtet sie zurück nach Griechenland.
Während die Polizei in Frankfurt das verschwundene Kind sucht, macht Tessa sich auf den Weg nach Griechenland. Sie weiß, dass Elena Lotte entführt hat. In Athen sucht sie Elena, die von all dem nichts ahnt.
Normalerweise wird in einem Film eine Geschichte erzählt und zwischen verschiedenen Erzählsträngen gewechselt. So wie wir in einen James-Bond-Film erfahren, was der Bösewicht vorhat und tut, während James Bond ihn verfolgt. Oder wenn in „Auf der Flucht“ zwischen Harrison Ford als Flüchtling und Tommy Lee Jones als Verfolger gewechselt wird. In „Ein Atem“ wird dagegen in drei Erzählblöcken zuerst die Geschichte der Griechin, dann die der Deutschen erzählt. Erst am Ende, im Finale, kommen die beiden Geschichten halbwegs zusammen. Allein schon durch diese Konstruktion fühlt sich „Ein Atem“ weniger wie ein Spielfilm mit einer durchgehenden Geschichte, sondern mehr wie eine Kompilation von drei Kurzfilmen an.
Das ist zwar ungewohnt, aber es könnte funktionieren, wenn die Figuren sich nicht durchgehend unvernünftig verhielten und viel zu oft elliptisch um die spannenden Momente herumerzählt wird. So beginnt, um nur ein Beispiel zu nennen, eine Szene beim Arzt. Die Ärztin sagt, dass sie Elena etwas sagen müsse. In dem Moment, also genau vor der Eröffnung der lebensverändernden Nachricht, bricht die Szene ab. In der nächsten Szene sitzt Elena bei ihrer Freundin. Ihr und uns erzählt sie, was ihr die Ärztin gesagt hat. Nämlich dass sie schwanger sei und dass sie das Baby abtreiben wolle. Besser wäre es gewesen, wenn wir im Gespräch mit der Ärztin gesehen hätten, wie Elena auf die Mitteilung, die ihre gesamten Planungen zerstört, reagiert. So bleiben wir während des gesamten Films immer Beobachter des Geschehens, die sich mehr oder weniger mühsam die Lücken zwischen den Bildern zusammenreimen.
Das ist unschön, aber der Film könnte immer noch funktionieren, wenn das Verhalten von Elena und Tessa, den beiden Hauptfiguren, nicht so irrational wäre. Im ersten Erzählblock wird Elenas Geschichte von ihrem Leben in Griechenland (mit ihrem noch bei seinen Eltern lebendem Freund, der das Land nicht verlassen will) über ihr Leben in Deutschland und ihre Nanny-Arbeit bis zu Lottes Verschwinden erzählt. Es ist eine typische Auswanderergeschichte, die in diesem Rahmen auch gut funktioniert. Dass Elena dann allerdings nicht die Polizei informiert (immerhin hat sie, wie wir später erfahren, mehrmals versucht Tessa anzurufen), sondern sofort nach Griechenland abhaut, kann nur mit dem Willen des Drehbuchautors erklärt werden.
Der zweite Erzählblock gehört dann Tessa. Jetzt sehen wir einige Ereignisse, die wir vorher aus Elenas Perspektive gesehen haben, aus Tessas Perspektive und wir begleiten sie nach Athen, wo sie Elena sucht. Allerdings wird sie uns nicht sympathischer. Im Gegenteil. Aus der Helikopter-Mutter wird eine rechthaberische, über Leichen gehende Zicke, die Fehler immer nur bei den Anderen sucht, keine Einsicht in ihre eigenen Fehler und ihr Verhalten hat und die Dinge möglichst ungeschickt anpackt.
So, um wieder nur ein Beispiel zu nennen, plakatiert sie, weil sie nicht weiß, wo Elena wohnt, vor einem Laden, in dem Elena arbeitete, steckbriefähnliche Aufrufe, auf denen steht, dass sie Elena, die Entführerin ihres Kindes, suche. Erst als der Geschäftsführer herauskommt und sie auffordert, die Zettel von seinem Geschäft zu entfernen, fragt sie ihn, ob er wisse, wo Elena wohne. Vernünftig wäre es gewesen, wenn sie zuerst ihn gefragt hätte. Oder bei der Polizei um Hilfe gebeten hätte; was sie dann auch später tut. Dass in der Zwischenzeit die deutsche Polizei und ihr Ehemann ihr sagen, dass es absolut keine Spur gäbe, die zu Elena führe, ignoriert sie. Denn eines weiß Tessa mit Sicherheit: sie hat immer Recht.
Da fragte ich mich, wer mit diesem wandelndem Katastrophengebiet mehr Zeit als nötig verbringen möchte. Entsprechend gering fiel mein Mitgefühl mit dieser Mutter aus, der es im letzten Erzählblock sogar gelingt, noch unsympathischer zu werden.
Dabei, das muss immerhin zugestanden werden, ist es von Regisseur Christian Zübert, der das Drehbuch mit seiner Frau Ipek schrieb, mutig, Tessa durchgehend jede Einsichtsfähigkeit und Selbstreflektion zu versagen.
Wyoming, einige Jahre nach dem Bürgerkrieg, mitten im Winter: Nur widerwillig nimmt Kopfgeldjäger John „Der Henker“ Ruth (Kurt Russell), der die Verbrecherin Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh) für ein erkleckliches Kopfgeld nach Red Rock bringen will, Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson) in seiner Kutsche mit. Warren ist ebenfalls Kopfgeldjäger, der wegen des Kopfgeldes mit einem Haufen toter Verbrecher ebenfalls nach Red Rock will. Aber sein Pferd verendete. Kurz darauf nehmen sie Chris Mannix (Walton Goggins) mit. Sie kennen ihn als Südstaaten-Deserteur und nur Ärger verursachenden Verbrecher. Jetzt, so behauptet er, sei er der neue Sheriff von Red Rock und damit die Person, die ihnen, wenn sie ihn mitnehmen, das Kopfgeld geben werde.
Wegen des Schneesturms kehren sie in Minnies Miederwarenladen ein. Naja, eigentlich ist ‚Minnie’s Haberdashery‘ ein typischer Laden für alles, was der reisende Cowboy brauchen könnte, mit angeschlossenem Essbereich. Dort treffen sie auf Bob (Demian Bichir), der während Minnies Abwesenheit ihren Laden führt (was Major Warren, der Minnie kennt, misstrauisch macht), Oswaldo Mobray (Tim Roth im Christoph-Waltz-Modus), den neuen Henker von Red Rock, Joe Gage (Michael Madsen), der nur seine Familie besuchen will (sagt er und schweigt), und General Sandy Smithers (Bruce Dern), einen Südstaatengeneral, den Warren noch vom Krieg kennt, als sie Gegner waren.
In Minnies Laden wird dann aus dem potentiellen Schneewestern (wobei schon auf dem Weg zu der Hütte, in der Kutsche, viel geredet wurde) endgültig ein Kammerspiel, in dem jeder jedem misstraut. Einerseits wegen des erklecklichen Kopfgeldes, das sich in und vor der Hütte, auf der Kutsche, befindet. Andererseits weil Ruth befürchtet, dass die Verbrecherbande von Daisy Domergue versuchen wird, sie zu befreien und mindestens einer der Männer in der Hütte zu ihrer Bande gehört. Nur wer? In diesem Moment wird der Western zu einem veritablen Agatha-Christie-Rätselplot. Denn bis auf die beiden Kopfgeldjäger Ruth und Warren (wobei Ruth auch ihm nicht wirklich vertraut) hat jeder von ihnen mindestens ein Geheimnis, lügt mehr oder weniger ausschweifend und fast alle kennen sich von früher. Doch vor dem ersten Toten wird noch viel geredet. Immerhin sind wir in einem Quentin-Tarantino-Film. Im letzten Drittel des Dreistundenfilms wird blutig gestorben; was die Zahl der Verdächtigen rapide reduziert.
Das wird von Tarantino, wie man es kennt, in mehrere Kapitel unterteilt, und in einer ausführlichen Rückblende und einigen kleineren Szenen haben dann auch die Schauspieler einen Auftritt, die nicht zu den titelgebenden „Hateful 8“ gehören.
„The Hateful 8“ ist auch, nachdem Quentin Tarantinos „Django Unchained“ an seiner etwas unglücklich aufgebauten Geschichte litt, ein angenehm geradliniger Rätselkrimi, der seine Verdächtigen zuerst ausführlichst vorstellt, dann Einen an vergiftetem Kaffee unschön sterben lässt und die restlichen Verdächtigen, im Gegensatz zu Agatha Christie, durch Ausschalten der Lebensfunktionen eliminiert. Danach verschwinden sie aus der Geschichte, aus dem Bild und, durch Geisterhand, auch aus Minnies Ein-Raum-Hütte.
Es ist allerdings auch ein Film, der nie wirklich packt. Alles wirkt immer wie das Abspulen eines Programms. So darf Samuel L. Jackson ausgiebig das N-Wort benutzen und einen langen, nicht jugendfreien Monolog über seinen, ähem, Umgang mit dem Sohn von General Smithers halten. Jennifer Jason Leigh fungiert hauptsächlich als Punchingball für die Männer. Vor allem John Ruth (Kurt Russell) schlägt sie jedes mal, wenn wie etwas sagt. Aber anstatt dadurch irgendwie zu provozieren, befremdet der Umgang der Männer mit Daisy Domergue eher und es ist so offensichtlich auf Provokation gemacht, dass man sich genau deshalb nicht provozieren lassen will. Die Dialoge und Monologe gefallen, aber im Gegensatz zu Tarantinos früheren Filmen, fehlt ihnen das Besondere, das Erinnerungswürdige, das dazu führt, dass man sich gerne ganze Textkonvolute oder kürzere Zitate merkt.
Und wenn in der zweiten (kürzeren) Hälfte (die in der Roadshow-Fassung, bis auf einen Tod, nach der Pause beginnt) das große Töten beginnt, marschiert Tarantino auf eine Ich-bringe-alle-um-Lösung zu. Das tat er auch in seinem Debüt „Reservoir Dogs“, aber da war der Nihilismus, die Dialoge, die Brutalität noch neu.
In „The Hateful 8“ herrscht dagegen durchgehend ein Déjà-Vu-Gefühl. Durchaus wohlig, aber nie besonders aufregend und sehr redselig. Wie ein Männerabend am Kamin.
Optisch – ich habe die 70mm-Roadshow-Fassung gesehen – gefallen natürlich die vielen langen Szenen, in denen mehrere Minuten nicht geschnitten wird und die Personen sich ungezwungen durch den Raum bewegen oder im Hintergrund noch etwas anderes passiert. Und für die wenigen Landschaftsaufnahmen ist ein ultrabreites Bild natürlich auch angemessen. Allerdings wurde das Bild im Kino nicht noch breiter, sondern die Leinwand wurde schmaler. Also letztendlich kleiner. Es gab auch einige Effekte, wie wackelnde Bilder, Kratzer (beides wohl absichtlich) und vor allem bei den Schneeaufnahmen Helligkeitsschwankungen, bei denen unklar war, ob das jetzt von Quentin Tarantino wirklich so gewünscht war oder ob wir (wir haben nach der Vorführung darüber gesprochen) uns inzwischen so sehr an die moderne Projektion gewöhnt haben, dass uns Dinge, die uns früher egal waren, auffallen. Wie das unglaublich laute Grundrauschen einer Musikkassette im Vergleich zur absoluten Stille einer CD.