Neu im Kino/Filmkritik: „Treasure – Famillie ist ein fremdes Land“ und die Vergangenheit auch

September 13, 2024

Reisen mit den Eltern sind schon anstrengend. Vor allem wenn die Tochter einen festen Plan hat, der mehr ein ausufernder Arbeitsplan als eine Urlaubsreise ist und wenn diese Reise nicht an irgendwelche schönen sonnigen Strände, sondern in das triste postkommunistische Polen führt und die Tochter die Familiengeschichte erforschen möchte. Eine Familiengeschichte zu der ein KZ-Besuch gehört.

Deshalb wollte die 36-jährige New Yorker Musik-Journalistin Ruth Rothwax (Lena Dunham) 1991 die Reise auch ohne ihren Vater Edek (Stephen Fry) machen. Aber er lud sich ungefragt ein. Er benimmt sich – und so scheint er sich immer zu benehmen – wie ein Kind, das auf jede Ablenkung und jedes Vergnügen anspringt. Er nimmt jede Gelegenheit wahr, ihre Pläne zu sabotieren. Außerdem will er, der als Kind im KZ Auschwitz-Birkenau war, nicht Zug fahren. Schon am Flughafen besorgt er ein Taxi und verpflichtet den Fahrer bis zu ihrer Abreise als ihren persönlichen Chauffeur.

Ruth und Edek sind ein seltsames Paar. Sie ist ständig schlecht gelaunt. Er nicht. Die Stationen, die sie abfahren sind die vorhersehbaren Stationen eines Ausflugs in die Familienvergangenheit. Die Erlebnisse sind auch vorhersehbar. Sie treffen einige Menschen. Einige treffen sie öfter. Sie besuchen das inzwischen herunterkommene Haus, in dem Edek als Kind wohnte und in dem jetzt andere Menschen wohnen, die Angst um ihre Wohnung haben. Sie besuchen das KZ, werden am Zaun entlang gefahren und Edek entdeckt dabei Orte, an denen er früher war. Und langsam öffnet Edek sich.

Julia von Heinz‘ Film „Treasure – Familie ist ein fremdes Land“ basiert auf dem siebenhundertseitigem Roman „Zu viele Männer“ von Lilly Brett, den von Heinz und ihr Co-Autor John Quester für den Film veränderten. Ihre sich während eines einwöchigen Besuchs in Polen abspielende Familiengeschichte reiht konventionell die einzelnen Stationen der Reise aneinander. Die Vergangenheit bildet den Hintergrund für die Kabbeleien zwischen Ruth und Edek. Lena Dunham spielt die penibel planende Journalistin mit einem von ihrem Vater dauergenervtem Gesichtsaustdruck. Stephen Fry läuft als lebensbejahender Holocaust-Überlebender, der die Schrecken, die er im Zweiten Weltkrieg erlebte und jetzt unter der Maske der Fröhlichkeit versteckt, zu großer Form auf.

Treasure – Familie ist ein fremdes Land (Deutschland/Frankreich 2024)

Regie: Julia von Heinz

Drehbuch: Julia von Heinz, John Quester

LV: Lilly Brett: Too many men, 1999 (Zu viele Männer)

mit Lena Dunham, Stephen Fry, Zbigniew Zamachowski, Tomasz Wlosok, Iwona Bielska, Maria Mamona, Wenanty Nosul, Klara Bielawka, Magdalena Célowna

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Treasure – Familie ist ein fremdes Land“

Moviepilot über „Treasure – Familie ist ein fremdes Land“

Metacritic über „Treasure – Familie ist ein fremdes Land“

Rotten Tomatoes über „Treasure – Familie ist ein fremdes Land“

Wikipedia über „Treasure – Familie ist ein fremdes Land“ (deutsch, englisch)

Berlnale über „Treasure – Familie ist ein fremdes Land“

Meine Besprechung von Julia von Heinz‘ „Hannas Reise“ (Deutschland/Israel 2013)

Meine Besprechung von Julia von Heinz‘ „Und morgen die ganze Welt“ (Deutschland 2020)


Neu im Kino/Filmkritik: Was ist das „Das Gullspång-Geheimnis“?

September 13, 2024

Beim Kauf einer Wohnung in der schwedischen Kleinstadt Gullspång treffen zwei Schwestern auf eine Frau, die wie die Zwillingsschwester ihrer vor dreißig Jahren gestorbenen Schwester aussieht. Aber sie haben niemals etwas von einer Zwillingsschwester gehört. Neugierig und begleitet von Regisseurin Maria Fredriksson versuchen sie herauszufinden, weshalb ihre tote Schwester und die Verkäuferin der Wohnung wie Zwillinge aussehen.

Ziemlich schnell ist in „Das Gullspång-Geheimnis“ geklärt, dass es sich wirklich um Zwillinge handelt. Sie treffen ihre Familie. Bald fragen die Schwestern sich auch, ob ihre ältere Schwester sich damals wirklich umgebracht hat.

Und was jetzt der Auftakt für einen dicken skandinavischen Kriminalroman sein könnte, ist der Auftakt für einen etwas schrägen Dokumentarfilm. Einerseits ist die Schwester wirklich im Juli 1988 gestorben, es wurde nie wirklich ermittelt, einige Umstände ihres Todes sind seltsam und die vor den Kindern verschwiegene Familiengeschichte ist es wert, ausgegraben zu werden.

Andererseits inszeniert Maria Fredriksson ihren Film immer wie eine Fake-Doku. Mehrmals mischt sie sich als Regisseurin ein. Sie gibt Regieanweisungen, lässt Szenen mehrmals wiederholen und lässt gleichzeitig Interviews störende Ereignisse im fertigen Film. Die im Film auftretenden Personen werden nur mit ihren Vornamen vorgestellt. Die Musik ist in ihrer harmlosen Fröhlichkeit vollkommen unpassend für einen Dokumentarfilm über düstere Familiengeheimnisse und einen ungeklärten Mord. „Das Gullspång-Geheimnis“ ist das Gegenteil einer konventionellen True-Crime-Doku. Dazu passt auch, dass am Ende nichts geklärt ist. Es gibt noch nicht einmal eine tragfähige Vermutung, was mit ihr geschah.

Trotz wahrer Ereignisse wirkt „Das Gullspång-Geheimnis“ wie eine Parodie auf True-Crime-Dokus. Fredriksson dekonstruiert das Genre. Anstatt Geheimnisse aufzuklären, vernebelt sie und ist immer weniger an einer Aufklärung interessiert. Das ist während des Ansehens durchaus amüsant, am Ende aber auch frustrierend.

Das Gullspång-Geheimnis (Miraklet i Gullspång, Schweden/Norwegen/Dänemark 2023)

Regie: Maria Fredriksson

Drehbuch: Maria Fredriksson

mit Kari Klo, May-Elin Storsletten, Olaug Bakkevold Østby

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Das Gullspång-Geheimnis“

Rotten Tomatoes über „Das Gullspång-Geheimnis“

Wikipedia über „Das Gullspång-Geheimnis“


TV-Tipp für den 13. September: Die Unfassbaren – Now you see me

September 12, 2024

RTL II, 20.15

Die Unfassbaren – Now you see me (Now you see me, USA 2013)

Regie: Louis Leterrier

Drehbuch: Ed Solomon, Boaz Yakin, Edward Ricourt

Vier Illusionskünstler beginnen, im Auftrag eines Unbekannten, als „Die vier Reiter“ (The four Horsemen) verbrecherische Zauberkunststücke mit Robin-Hood-Touch auszuführen. Schnell werden sie vom FBI und einem Ex-Magier verfolgt.

Der Überraschungserfolg „Die Unfassbaren – Now you see me“ ist ein locker-lässiger Popcorn-Film, ein vergnüglicher Comic-Crime-Caper, der Spaß macht, solange man nicht zu genau über die Geschichte nachdenkt und das nach einem fulminanten ersten Trick zunehmend konventioneller wird. Denn ein Las-Vegas-Paris-Bankraub ist viel eindrucksvoller, als ein Geldtransfer von einem Konto zu anderen Konten; auch wenn dies während einer Show geschieht und sich dabei – dank unsichtbarer Schrift – der Kontostand auf den Papieren der Anwesenden verändert.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Jesse Eisenberg, Isla Fisher, Woody Harrelson, Dave Franco, Mark Ruffalo, Mélanie Laurent, Morgan Freeman, Michael Caine, Common, Michael J. Kelly

Wiederholung: Samstag, 14. September, 02.35 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Metacritic über „Die Unfassbaren – Now you see me“

Rotten Tomatoes über „Die Unfassbaren – Now you see me“

Wikipedia über „Die Unfassbaren – Now you see me“ (deutsch, englisch)

The Wrap: Interview mit den Drehbuchautoren Ed Solomon und Edward Ricourt (31. Mai 2013)

Schnittberichte: Vergleich der Kinofassung und der Extended Edition

Meine Besprechung von Louis Leteriers „Die Unfassbaren – Now you see me“ (Now you see me, USA 2013) und der DVD

Meine Besprechung von Louis Leterriers „Der Spion und sein Bruder“ (The Brothers Grimsby, USA 2016)

Meine Besprechung von Louis Leteriers „Fast & Furious 10“ (Fast X, USA 2023)

Meine Besprechung von Boaz Yakins „Todsicher“ (Safe, USA 2012)

Meine Besprechung von Boaz Yakins „Max“ (Max, USA 2015)

Meine Besprechung von Jon M. Chus „Die Unfassbaren 2 – Now you see me“ (Now you see me 2, USA 2016) und der DVD


Neu im Kino/Filmkritik: „Beetlejuice Beetlejuice“ – Tim Burton kehrt zu seinen Anfängen zurück

September 12, 2024

Beetlejuice ist zurück. 1988 war das, nach einigen kürzeren Arbeiten und dem Talentprobe-Spielfilmdebüt „Pee-Wee’s irre Abenteuer“ sein erster echter Tim-Burton-Spielfilm und sein Durchbruch. Danach inszenierte er „Batman“. In „Beetlejuice“ geht es um das Ehepaar Maitland, das bei einem tödlichen Unfall stirbt und die nächsten 125 Jahre in ihrem Haus als Geister leben muss. Als die Familie Geetz, eine neureiche Clique, die das gesamte Haus umgestalten will, einzieht, versuchen die Maitlands die neuen Bewohner loszuwerden. Ohne Erfolg. Aus nackter Verzweiflung rufen sie den selbsternannten Bio-Exorzisten Beetlejuice (bzw. Betelgeuse). Der erledigt die Aufgabe.

Burton erzählt das als liebevoll-skurille Geisterkomödie mit zahlreichen Anspielungen auf die entsprechenden Filme und Geschichten. Es ist die Mischung, die er seitdem in seinen Filmen perfektionierte.

Beetlejuice Beetlejuice“ spielt ungefähr fünfunddreißig Jahre nach dem ersten Film. Michael Keaton als Beetlejuice, Winona Ryder als Lydia Deetz und Catherine O’Hara als ihre Mutter Delia Deetz sind wieder dabei. Es gibt viele Neuzugänge, wie Jenny Ortega, Justin Theroux, Monica Bellucci, Arthur Conti, Willem Dafoe (erstaunlicherweise erstmals in einem Tim-Burton-Film) und Danny DeVito, in mehr oder weniger großen Rollen. Eine nennenswerte Story ist, im Gegensatz zu „Beetlejuice“, nicht mehr vorhanden. Es gibt mehrere Plots, die mehr oder weniger halbherzig erzählt werden, und einzelne mal mehr, mal weniger gelungene Gags, die die Hauptgeschichten nicht voranbringen.

Es geht um Delores (Monica Bellucci), die sich an ihrem Ehemann Beetlejuice rächen will. Es geht um die Familie Deetz, die nach dem Tod des Familienoberhaupts für die Beerdigung nach Winter River und in das Geisterhaus zurückkehrt und dort ‚Erlebnisse‘ hat. Es geht Lydias Tochter Astrid (Jenny Ortega), die als Teenager von dem ganzen Geisterbohei, ihrer Familie und dem Rest der Welt genervt ist. In Winter River trifft sie Jeremy Frazier (Arthur Conti) und verliebt sich in ihn. Zur gleichen Zeit wird ihrer Mutter Lydia, die als Gastgeberin der TV-Show „Ghost House with Lydia Deetz“ bekannt ist, von ihrem Freund und Produzenten Rory (Justin Theroux) während der Beerdigung ein Heiratsantrag gemacht. Notgedrungen akzeptiert sie und sofort wird die Hochzeit geplant.

Die einzelnen Szenen spielen in dieser und in der Geisterwelt, von der wir mehr als in „Beetlejuice“ sehen und das Verhältnis zwischen beiden Welten und wie vor allem die Geisterwelt funktioniert, ist wahnsinnig komplex. Oder einfach nur verwirrend.

Der Film ist eine Nummernrevue für die Fans des ersten Films. Nachdem Tim Burton in „Beetlejuice“ die Regeln des Geisterfilms parodierte und dekonstruierte, dekonstruiert er hier auch das Erzählen von Geschichten. Die einzelnen Szenen sind liebevoll inszeniert und für Freunde alter Horrorfilme und Gruselcomics ein Fest. Die Effekte gelungen. Die Musik von Danny Elfman gewohnt bombastisch. Die Schauspieler hatten beim Dreh ihren Spaß. Die von ihnen gespielten Figuren sind durchgehend eindimensionale Cartoons.

Da erscheint der Griff in den Tim-Burton-Zettelkasten trotz seiner kurzen Laufzeit von, ohne den langen Abspann, etwas über neunzig Minuten doch ziemlich lang.

Beetlejuice Beetlejuice (Beetlejuice Beetlejuice, USA 2024)

Regie: Tim Burton

Drehbuch: Alfred Gough, Miles Millar (nach einer Geschichte von Alfred Gough, Miles Millar und Seth Grahame-Smith, basierend auf von Michael McDowell und Larry Wilson)

mit Michael Keaton, Winona Ryder, Catherine O’Hara, Jenna Ortega, Justin Theroux, Willem Dafoe, Monica Bellucci, Arthur Conti, Nick Kellington, Santiago Cabrera, Danny DeVito

Länge: 105 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Beetlejuice Beetlejuice“

Metacritic über „Beetlejuice Beetlejuice“

Rotten Tomaotes über „Beetlejuice Beetlejuice“

Wikipedia über „Beetlejuice Beetlejuice“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Tim Burtons “Frankenweenie” (Frankenweenie, USA 2012, nach einem Drehbuch von John August)

Meine Besprechung von Tim Burtons „Big Eyes“ (Big Eyes, USA 2014)

Meine Besprechung von Tim Burtons „Die Insel der besonderen Kinder“ (Miss Peregrine’s Home for Peculiar Children, USA 2016)

Meine Besprechung von Tim Burtons „Dumbo“ (Dumbo, USA 2019)

Tim Burton in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Zur Neuinterpretation von „The Crow“

September 12, 2024

Die Macher nennen ihre Version von „The Crow“ eine „Neuinterpretation der legendären Graphic Novel von James O’Barr“. Barrs Comic erschien in fünf Heften zwischen 1989 und 1992. In ihm verarbeitete er den Unfalltod seiner Verlobten. In dem Comic werden Eric und seine Verlobte Shelly von einigen Straßenräubern bestialisch ermordet. Sie waren zur falschen Zeit am falschen Ort. Eric kehrt als wandelnde Leiche auf die Erde zurück und tötet die Männer, die Shelly und ihn ermordeten.

1993 wurde die Geschichte von Alex Proyas verfilmt. Die Dreharbeiten verliefen katastrophal. Der traurige Höhepunkt war der Tod von Hauptdarsteller Brandon Lee am Set kurz vor dem Ende der Dreharbeiten durch einen Schuss aus einem geladenen Revolver. Der 1994 in den Kinos gestartete Film erzählt eine einfache Rachegeschichte. Ein Jahr nachdem Eric Draven und seine Verlobte von Verbrechern ermordet wurden, kehrt er zurück aus dem Reich der Toten und tötet ihre Mörder. Proyas erzählt sie als eine eine Symphonie in Schwarz, Nacht und Regen. Der Film wurde ein Erfolg mit mehreren längst vergessenen Fortsetzungen.

Seit 2007 wurde über eine Neuinterpretation gesprochen. Autoren, Regisseure und auch Schauspieler wurden engagiert. Aber alle Pläne endeten in der Entwicklungshölle.

2022 wurde Rupert Sanders als Regisseur engagiert. In seinen vorherigen Spielfilmen „Snow White and The Huntsman“ und „Ghost in the Shell“ zeigte er sein Talent für eindrucksvolle Bilder. Der Rest überzeugte bestenfalls bedingt.

In „The Crow“ überzeugen nocht nicht einmal die Bilder. Der Plot – ein Toter rächt seine ermordete Freundin – bleibt in dieser abstrakten Form gleich. Der Rest – nun, es handelt sich um eine Neuinterpretation einer über dreißig Jahre alten Geschichte.

In „The Crow“ (2024) jagen die Handlanger von Filmbösewicht Vincent Roeg Shelly Webster (FKA twigs). Sie hat auf ihrem Handy ein belastendes Video, das für die Filmgeschichte nur die Funktion eines MacGuffins hat. Auf ihrer Flucht wird sie von der Polizei geschnappt und in ein Reha-Zentrum gesteckt, das mehr wie eine Mischung aus drakonisch geführter Besserungsanstalt und Gefängnis aussieht. Dort trifft sie auf Eric Draven (Bill Skarsgård), einen tätowierten Jungen mit offensichtlichen Problemen und einer künstlerischen Ader. Beides ist für den späteren Film unwichtig.

Als ihre Verfolger die Anstalt betreten, flüchten Shelly und Eric aus der abgelegen im Wald liegenden Einrichtung und gehen zurück in die große, namenlose dunkle Stadt. Dort verbringen sie die Tage zwischen Bett und Disco; immer Drogen nehmend. Als sie von den Verbrechern entdeckt werden, werden sie ermordet. Inzwischen befinden wir uns ungefähr in der Mitte des Films.

In einem Zwischenreich erklärt Torwächter Kronos (Sami Bouajila) Eric, dass tote Menschen in das Reich der Lebenden zurückkehren dürfen, wenn etwas so Grausames geschehen ist, dass die Seele keinen Frieden findet bis das Unrecht korrigiert wurde. Eric, der seine große Liebe verloren hat, kehrt zurück und begibt sich auf einen Rachefeldzug, der, den Genrekonventionen gehorchend, mit dem Tod von Vincent Roeg (Danny Huston) endet (aber, keine Panik, in einer Fortsetzung kann er selbstverständlich von den Toten wieder auferstehen). Vincent ist eine Art Vampir mit nebulösen Fähigkeiten und Interessen. Vincent ist außerdem, so dürfen wir annehmen, ein sehr mächtiger Verbrecherboss mit exzellenten Verbindungen und, was ihn in dieser Welt sofort zum Überbösewicht stempelt, Liebhaber klassischer Musik. Er befehligt hunderte Männer, deren Existenzberechtigung im Film darin besteht, sich von Eric fotogen zersäbeln zu lassen, weil sie alle etwas mit dem Tod seiner Freundin und seinem Tod zu tun haben oder weil sie für den Bösewicht arbeiten. Oder weil sie gerade rumstehen.

Dass der Plot nicht neu, triefend vor Klischees und abstrus ist, ist nicht das größte Problem des Films. Eine simple Rachegeschichte, wenn sie gut gemacht ist, kann für einen unterhaltsamen Kinoabend sorgen. Ich sage nur „John Wick“.

Aber in „The Crow“ stimmt nichts. So vergeht die halbe Filmzeit mit harmlos-langweiligem, für die spätere Geschichte weitgehend vollkommen unwichtigem Vorgeplänkel. Erst danach gibt es, immer wieder von langen Gesprächen unterbrochen, Action und auch Düsternis. Die Figuren verhalten sich immer wieder bescheuert. So kehren Eric und Shelly nach ihrer erstaunlich mühelosen Flucht aus der Besserungsanstalt zurück in die Großstadt, in der der Bösewicht auf sie wartet und dort bemühen sie sich, von ihm möglichst schnell entdeckt zu werden.

In „The Crow“ (2024) wird mit Vincent und seiner Organisation ein elaboriertes Worldbuilding angedeutet, das sich in einer Ansammlung bekannter, nicht zusammenpassender, die Geschichte unnötig verkomplizierender Versatzstücke erschöpft. Dabei hätte eine einfache Rachegeschichte wie in „The Crow“ (1994) funktioniert. Der Bösewicht hätte auch einfach nur ein einflussreicher Kapitalist oder Mafiosi sein können und Shelly hätte ihn einfach bei irgendeinem Verbrechen aufnehmen können. Das ganze hätte in einer von Verbrechern regierten Stadt wie Gotham City oder Sin City spielen können.

Gleiches gilt für die Bilder. „The Crow“ (2024) strebt niemals die stilistische Geschlossenheit von „The Crow“ (1994) an. Die neue Interpretation der Geschichte von Eric ist einfach nur der nächste Film mit Bildern die immer an andere, bessere Filme erinnern.

Das Ergebnis ist ein liebloser, schlecht erzählter und belangloser Mash-Up aus einem halben Dutzend Drehbüchern, die alle gänzlich andere Geschichten erzählten.

Auf „The Crow“ (2024) hätten wir gut verzichten können.

The Crow (The Crow, Großbritannien/Frankreich/USA/Deutschland 2024)

Regie: Rupert Sanders

Drehbuch: Zach Baylin, Will Schneider

LV: James O’Barr: The Crow, 1989 – 1992 (The Crow)

mit Bill Skarsgård, FKA Twigs, Isabella Wei, Danny Huston, Josette Simon, Sami Bouajila, Karel Dobrý, David Bowles

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 18 Jahre (auch eine Form von Jugendschutz)

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Crow“

Metacritic über „The Crow“

Rotten Tomatoes über „The Crow“

Wikipedia über „The Crow“ (deutsch, englisch)

Meine Beprechung von Rupert Sanders‘ „Snow White and the Huntsman (Snow White and the Huntsman, USA 2012)

Meine Besprechung von Rupert Sanders‘ „Ghost in the Shell“ (Ghost in the Shell, USA/Großbritannien 2017)


TV-Tipp für den 12. September: Express in die Hölle

September 11, 2024

Tele 5, 20. 15

Runaway Train – Express in die Hölle (Runaway Train, USA 1985)

Regie: Andrei Konchalovsky

Drehbuch: Djordje Milicevic, Paul Zindel, Edward Bunker (nach einem Drehbuch von Akira Kurosawa)

Alaska: zwei Knackis brechen aus und hoffen als blinde Passagiere auf einem Güterzug in die Freiheit fahren zu können. Doch der Lokführer stirbt, ein dritter blinder Passagier ist ebenfalls an Bord und der Zug kann nicht gebremst werden.

Harter, spannender, heute fast unbekannter Thriller mit guten Schauspielerleistungen. Voight und Roberts waren für je einen Oscar nominiert; Voight erhielt einen Golden Globe, Roberts war nominiert. Außerdem war der Film als bester Film für einen Golden Globe nominiert. Die Schmonzette „Out of Africa“ erhielt ihn.

Mit Jon Voight, Eric Roberts, Rebecca DeMornay, Edward Bunker, Danny Trejo (Debüt)

Wiederholung: Freitag, 13. September, 03.00 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Express in die Hölle“

Wikipedia über „Express in die Hölle“ (deutsch, englisch)

BBC: Nachruf auf Edward Bunker (Juli 2005)

New York Times: Nachruf auf Edward Bunker (AP)

Meine Besprechung von Edward Bunkers „Lockruf der Nacht“ (Stark, 2007)

Meine Besprechung von Andrei Konchalovskys „Paradies“ (Ray, Russland/Deutschland 2016)


TV-Tipp für den 11. September: Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush

September 11, 2024

Arte, 20.15

Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush (Deutschland/Frankreich 2022)

Regie: Andreas Dresen

Drehbuch: Laila Stieler

Wenige Wochen nach dem Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 wird in Pakistan der neunzehnjährige Murat Kurnat verhaftet und nach Guantanamo gebracht. Die Presse nennt ihn „Bremer Taliban“.

Seine Mutter Rabiye Kurnaz will ihren Jungen aus der Gefangenschaft befreien. Zusammen mit dem Menschenrechtsanwalt Bernhard Docke setzt sie Himmel und Hölle in Bewegung.

TV-Premiere. Sehr gelungenes, unterhaltsames, nah an den Fakten entlang erzähltes Drama, mit einer ordentlichen Portion Humor.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

Anschließend, um 22.10 Uhr, zeigt Arte die brandneue knapp einstündige Doku „Andreas Dresen – Ein Leben für den Film“.

Am 17. Oktober, startet der neue, selbstverständlich ebenfalls sehenswerte Film von Andreas Dresen und Laila Stieler. „In Liebe, eure Hilde“ erzählt von Hilde Coppi und der „Roten Kapelle“, einem immer noch wenig bekanntem Widerstandsnetzwerk gegen die Nazi-Diktatur.

mit Meltem Kaptan, Alexander Scheer, Charly Hübner, Nazmi Kirik, Sevda Polat, Abdullah Emre Öztürk

Wiederholung: Sonntag, 15. September, 01.30 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“

Moviepilot über „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“

Rotten Tomatoes über „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“

Wikipedia über „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“

Meine Besprechung von Andreas Dresens „Als wir träumten“ (Deutschland/Frankreich 2015)

Meine Besprechung von Andreas Dresens James-Krüss-Verfilmung „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“ (Deutschland 2017)

Meine Besprechung von Andres Dresens „Gundermann“ (Deutschland 2018)

Meine Besprechung von Andreas Dresens „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ (Deutschland/Frankreich 2022)


Cover der Woche

September 10, 2024

Lesenswert. Wie alle Krimis von Jean-Claude Izzo.


TV-Tipp für den10. September: Tatort: Die Macht des Schicksals

September 9, 2024

NDR, 22.00

Tatort: Die Macht des Schicksals (Deutschland 1987)

Regie: Reinhard Schwabenitzky

Drehbuch: Ulf Miehe, Klaus Richter

Ein falscher Polizist nimmt gutgläubige Rentner aus. Als es dabei Tote gibt, muss der echte Polizist Lenz ermitteln.

Hübsche kleine, pointiert erzählte Geschichte.

Mit Helmut Fischer, Georg Einerdinger, Henner Quest, Rolf Castell, Gunnar Möller, Hans Clarin, Sebastian Koch

Wiederholung: Mittwoch, 11. September, 01.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Ulf Miehe

Wikipedia über Ulf Miehe und über „Die Macht des Schicksals“

Meine Besprechung von Ulf Miehes „Puma“ (1976)

Meine Besprechung von Ulf Miehes „Lilli Berlin“ (1981)

Ulf Miehe in der Kriminalakte


„Cops und Killer“ – die Kriminalreportagen von Michael Connelly, wieder erhältlich

September 9, 2024

2007 erschien im Heyne-Verlag „L. A. Crime Report“, eine Sammlung von Reportagen, die Michael Connelly schrieb, bevor er mit seinen Harry-Bosch-Polizeiromanen weltweit Millionen Leser begeisterte. Sein mit dem Edgar ausgezeichnetes Romandebüt „Schwarzes Echo“ (The Black Echo) erschien 1992.

Jetzt veröffentlichte der Kampa Verlag unter dem Titel „Cops und Killer“ den Sammelband wieder – und ich hole meine alte Besprechung aus den Tiefen des Internets, entstaube sie (Hust!) und poste sie in leicht aktualisierter Form wieder:

Das neueste Buch “Cops und Killer“ von Michael Connelly ist eigentlich ein vollkommen überflüssiges Buch. Connelly-Fans wissen, dass er vor seiner Schriftstellerkarriere Polizeireporter für den „South Florida Sun-Sentinel“ und die „Los Angeles Times“ war. Diese Artikel verstauben, wie hunderttausende weitere Zeitungsartikel, in den Archiven der Zeitungen und Bibliotheken, wenn es nicht einen Grund gäbe, sie wieder auszugraben. Der Grund bei Michael Connelly ist ganz einfach. Er ist heute einer der großen zeitgenössischen Krimiautoren. Mit seinen Einzelwerken und, vor allem, der Harry Bosch-Reihe eroberte er weltweit die Herzen der Krimifans. Bei seinen Romanen fällt immer wieder auf, wie genau sie recherchiert sind und wie präzise die zahlreichen Informationen in der Geschichte präsentiert werden. Das lernte Connelly, wie die im irreführend betitelten „Cops und Killer“ abgedruckten Texte zeigen, als Polizeireporter.

In „Cops und Killer“ sind nämlich etliche Reportagen und Zeitungsartikel abgedruckt, die er zwischen 1984 und 1992 für den „South Florida Sun-Sentinel“ und die „Los Angeles Times“ schrieb. Die Artikel sind unter den Überschriften „Die Cops“, „Die Killer“ und „Die Fälle“ gebündelt. Meistens sind mehrere, miteinander zusammenhängende Artikel über einen Fall zusammengefasst worden. Diese Zeitungsartikel unterscheiden sich dann auch nicht von Zeitungsartikel, die andere Journalisten über teilweise ebenfalls Aufsehen erregende Verbrechen geschrieben haben. Es werden die Fakten, garniert mit einigen Zitaten, präsentiert. Es sind über dreißig bis vierzig Jahre alte Artikel, die damals für den schnellen Gebrauch geschrieben waren und heute – wenn man nicht gerade über diese Zeit recherchiert – vollkommen uninteressant sind.

Neben diesen für den täglichen Gebrauch geschriebenen Artikeln wurden auch einige seiner Reportagen aufgenommen. In ihnen ist am ehesten die Verbindung zwischen dem Polizeireporter, der irgendwann einmal Romane schreiben wollte, und dem heutigen Kriminalromanautor erkennbar. So findet sich in „Der Anruf“ die Stelle, in der Detective George Hurt, während er am Tatort keine Miene verzieht, den Plastiküberzug an seiner Brille mit seinen Zähnen zerbeißt. Für diese Reportage begleitete Michael Connelly eine Woche lang zwei Detectives. Ebenfalls von bleibendem Interesse sind die Reportagen über die Arbeit der Polizei gegen die sich in Florida entspannenden Mafiosi („Das Open Territory“), die Zusammenarbeit der Foreign Prosecution Unit von Los Angeles mit der ausländischen Justiz, um flüchtige Straftäter vor Gericht zu bringen („Grenzüberschreitungen“), die Reportage über eine Gruppe von unfähigen Mietkillern („Wo Gangster um die Ecke knallen“) und die Fallstudien „Böse, bis er stirbt“ über einen mutmaßlichen Mörder und „Ein Leben auf der Überholspur“ über einen Serieneinbrecher.

In den Reportagen und Artikeln, in denen Michael Connelly einzelne Fälle begleitete, fällt immer wieder auf, wie einige Fälle und darin verwickelte Personen in seine Romane eingeflossen sind. Denn, so Raymond-Chandler-Fan Connelly in dem lesenswerten Vorwort: „Meine Erlebnisse mit Cops und Mördern und meine Tage als Polizeireporter waren für mich als Romanautor von unschätzbarem Wert. Den Romanautor gäbe es nicht ohne den Polizeireporter. Ich könnte nicht über meinen fiktiven Detective Harry Bosch schreiben, hätte ich nicht zuerst die realen Detectives erlebt. Ich könnte meine Mörder nicht erfinden, hätte ich vorher nicht mit ein paar richtigen gesprochen.“

Deshalb ist „Cops und Killer“ kein überflüssiges Buch. Michael Connelly-Fans, die an allen von Connelly geschriebenen Texten und vor allem an den ersten Einflüssen für seine Romane interessiert sind, haben es bereits gekauft. Aber auch für True Crime-Fans und für Journalisten ist „Cops und Killer“ ein sehr lohnenswertes Buch. Denn, so Michael Carlson, in seinem ebenfalls lesenwertem Nachwort, Michael Connelly „ist Reporter im besten Sinn des Wortes, jemand, der es versteht, Informationen zu sammeln und die hinter den Fakten versteckte Geschichte zu erkennen, jemand, der es versteht, die Eindrücke der unterschiedlichen Menschen zu sortieren und zu erkennen, wie sie diesen Fakten zugrunde liegen, und vor allem jemand, der es versteht, das alles so zu Papier zu bringen, dass auch seine Leserschaft dazu in der Lage ist.“

Die deutsche Ausgabe wurde um einen kurzen Text von Jochen Stremmel über Connelly ergänzt.

 

Für die aktuelle Ausgabe wurde laut Impressum die Übersetzung überarbeitet. Beim flüchtigen Überprüfen fielen mir nur Kleinigkeiten.

Es gibt zwei weitere kleinere Änderungen. In der Originalausgabe werden die Originaltitel der Reportagen, Erscheinungsdatum und -ort am Ende des Buches gesammelt aufgelistet. In der Neuausgabe werden die Originaltitel nicht mehr genannt. Das Erscheinungsdatum und der -ort stehen bei den Reportagen.

Im Gegensatz zur Originalausgabe wurde auf ein Werkverzeichnis verzichtet. Weil diese Angaben leicht im Internet, u. a. bei Wikipedia, zu finden sind, ist das kein nennenswerter Verlust.

Ein Verlust wäre es allerdings, das Buch nicht zu lesen.

Michael Connelly: Cops und Killer – Wahre Fälle aus L. A.

(übersetzt von Sepp Leeb)

Kampa, 2024

336 Seiten

18,90 Euro

Deutsche Erstausgabe

L. A. Crime Report

Heyne, 2007

Originalausgabe

Crime Beat: Selected Journalism 1984 – 1992

Steven C. Vasic Publications, 2004

Neuauflage (bei einem größeren Verlag; diese Ausgabe ist populärer)

Crime Beat: A decade of covering cops and killers

Little, Brown and Company, 2006

Britische Ausgabe unter dem Titel “Crime Beat – True Stories of Cops and Killers” bei Orion, 2006

Hinweise

Homepage von Michael Connelly

Kampa über Michael Connelly

Wikipedia über Michael Connelly (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Michael Connellys “L. A. Crime Report” (Crime Beat, 2004)

Meine Besprechung von Michael Connellys „The Lincoln Lawyer“ (2005, deutscher Titel: Der Mandant)

Meine Besprechung der Filmausgabe von Michael Connellys „Der Mandant“ (The Lincoln Lawyer, 2005)

Meine Besprechung von Michael Connellys „Vergessene Stimmen“ (The Closers, 2005)

Meine Besprechung von Michael Connellys “Echo Park” (Echo Park, 2006)

Meine Besprechung von Michael Connellys “Kalter Tod” (The Overlook, 2007)

Michael Connelly in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Brad Furmans Michael-Connelly-Verfilmung „Der Mandant“ (The Lincoln Lawyer, USA 2011)

 


TV-Tipp für den 9. September: Brutale Schatten

September 8, 2024

Arte, 20.15

Brutale Schatten (Une homme est mort, Frankreich/Italien 1972)

Regie: Jacques Deray

Drehbuch: Jean-Claude Carrière, Jacques Deray, Ian McLellan Hunter

In Los Angeles soll der französische Auftragskiller Lucien Bellon (Jean-Louis Trintignant) einen Gangsterboss töten. Danach will sein Auftraggeber ihn umbringen – und das ist nicht die beste aller Idee. Also für den Auftraggeber, für uns Zuschauer sieht es anders aus.

Verdammt selten gezeigte, in den USA gedrehte, ziemlich unbekannte Genreperle. „Kühl inszenierter Gangsterfilm mit leichter Ironie bei der Zeichnung amerkanischer Mentalität und Gewohnheiten.“ (Lexikon des internationalen Films)

Die Musik ist von Michel Legrand

mit Jean-Louis Trintignant, Ann-Margret, Roy Scheider, Angie Dickinson, Georgia Engel, Felice Orlandi, Michel Constantin, Umberto Orsini, Jackie Earle Haley, John Hillerman, Talia Shire

Hinweise

Arte über den Film (bis zum 1. März 2025 in der Mediathek)

Allociné über „Brutale Schatten“

Rotten Tomatoes über „Brutale Schatten“

Wikipedia über „Brutale Schatten“ (deutsch, englisch, französisch)


TV-Tipp für den 8. September: Butch Cassidy und Sundance Kid

September 7, 2024

Tele 5, 22.20

Butch Cassidy und Sundance Kid (Butch Cassidy and Sundance Kid, USA 1969)

Regie: George Roy Hill

Drehbuch: William Goldman

In Wirklichkeit waren Butch Cassidy und Sundance Kid zwei Verbrecher, die zu Legenden wurden, und deren Leben öfters verfilmt wurde. Am erfolgreichsten von George Roy Hill, nach einem Drehbuch von William Goldman, der damit in die Topliga der Drehbuchautoren aufstieg, und mit Paul Newman als Butch Cassidy und Robert Redford als Sundance Kid. Der eine war damals schon ein Star, der andere danach.

In „Butch Cassidy und Sundance Kid“ erzählen sie das Leben der beiden Verbrecher in einem locker-flockigen Stil, bei dem die beiden einfach nette Jungs sind, die gegen die Autoritäten kämpfen, Züge und Banken überfallen, immer ihren Spaß haben und die besten Freunde sind.

Der Film war ein Kinohit. 1973 trafen sich George Roy Hill, Paul Newman und Robert Redford wieder für die ebenfalls sehr erfolgreiche Gaunerkomödie „Der Clou“ (The Sting, USA 1973), die mir nicht so gefällt. William Goldman erhielt für „Butch Cassidy und Sundance Kid“ einen Drehbuchoscar und schrieb in den nächsten Jahren die Drehbücher für „Vier schräge Vögel/Zwei dufte Typen“ (The hot rock, USA 1972), „Die Frauen von Stepford“ (The Stepford Wives, USA 1975), „Tollkühne Flieger“ (The great Waldo Pepper, USA 1975, ein schöner, unterschätzter Film mit Robert Redford), „Die Unbestechlichen“ (All the President’s Men, USA 1976, für den er seinen zweiten Drehbuchoscar erhielt) und „Der Marathon-Mann“ (Marathon Man, USA 1976, nach seinem Roman).

mit Robert Redford, Paul Newman, Katherine Ross, Strother Martin, Henry Jones, Jeff Corey

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Butch Cassidy und Sundance Kid“

Wikipedia über „Butch Cassidy und Sundance Kid“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von George Roy Hills „Butch Cassidy und Sundance Kid“ (Butch Cassidy and Sundance Kid, USA 1969)


Die Krimibestenliste September 2024

September 7, 2024

Draußen vor der Tür ist Baggerseewetter, drinnen stapeln sich die September-Empfehlungen der Krimibestenliste, präsentiert von Deutschlandfunk Kultur:

1 (1) Ross Thomas: Die Narren sind auf unserer Seite

Aus dem Englischen von Gisbert und Julian Haefs

Alexander, 580 Seiten, 20 Euro

2 (–) Tana French: Feuerjagd

Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermanns

Fischer, 525 Seiten, 25 Euro

3 (4) Liz Nugent: Seltsame Sally Diamond

Aus dem Englischen von Kathrin Razum

Steidl, 391 Seiten, 26 Euro

4 (–) Jochen Brunow: Die Chinesin

ars vivendi, 296 Seiten, 18 Euro

5 (3) Liza Cody: Die Schnellimbissdetektivin

Aus dem Englischen von Iris Konopik

Ariadne/Argument, 351 Seiten, 18 Euro

6 (–) Leye Adenle: Zügel der Macht

Aus dem Englischen von Yasemin Dinçer

Interkontinental, 358 Seiten, 24,50 Euro

7 (–) James Kestrel: Bis in alle Ewigkeit

Aus dem Englischen von Stefan Lux

Suhrkamp, 432 Seiten, 16,99 Euro

8 (–) Paul Lynch: Das Lied des Propheten

Aus dem Englischen von Eike Schönfeld

Klett-Cotta, 311 Seiten, 26 Euro

9 (–) Jake Lamar: Das schwarze Chamäleon

Aus dem Englischen von Robert Brack

Edition Nautilus, 326 Seiten, 22 Euro

10 (–) Bernhard Aichner: Yoko

Wunderlich, 333 Seiten, 23 Euro

In ( ) ist die Platzierung vom Vormonat.

 


TV-Tipp für den 7. September: Downsizing

September 6, 2024

Sat.1, 20.15

Downsizing (Downsizing, USA 2017)

Regie: Alexander Payne

Drehbuch: Alexander Payne, Jim Taylor

Forscher haben das Mittel gefunden, um die Klimakatastrophe abzuwenden: sie verkleinern einfach die Menschen. Denn so ein zwölf Zentimeter großer Mensch verbraucht fast keine Idee mehr. Der von seinem Leben gefrustete Paul lässt sich verkleinern. Seine Frau macht in letzter Sekunde einen Rückzieher und Paul muss die Miniwelt allein erkunden und neue Freunde finden.

Vor dem Hintergrund der äußerst detailliert ausgemalten Welt der Winzlinge erzählt Alexander Payne eine liebevoll erzählte Liebesgeschichte voller liebenswerter Menschen. Ein herzerwärmender Film.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Matt Damon, Kristen Wiig, Christoph Waltz, Hong Chau, Udo Kier, Jason Sudeikis, Neil Patrick Harris, Rolf Lassgård, Ingjerd Egeberg, Laura Dern

Wiederholung: Sonntag, 8. September, 12.30 Uhr

Hinweise

Moviepilot über „Downsizing“

Metacritic über „Downsizing“

Rotten Tomatoes über „Downsizing“

Wikipedia über „Downsizing“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Alexander Paynes „The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten“ (The Descendants, USA 2011)

Meine Besprechung von Alexander Paynes „Nebraska (Nebraska, USA 2013)

Meine Besprechung von Alexander Paynes „Downsizing“ (Downsizing, USA 2017)

Meine Besprechung von Alexander Paynes „The Holdovers“ (The Holdovers, USA 2023)

Alexander Payne in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Rock’n’Roll Ringo“ schlägt sich durch

September 6, 2024

Nachdem Gerüstbauer Ringo Fleisch, stockbetrunken wie immer, einen Kollegen verletzt, kommt er einem Rauswurf zuvor, indem er kündigt. Anschließend streift er ziellos durch seine Heimatstadt Herne und landet auf dem Rummelplatz. Geblendet von den Neonlichtern der Cranger Kirmes nimmt er einen Job auf der Achterbahn an. Kurz darauf engagiert ihn Frankie, der Besitzer einer Boxbude, als Kirmesboxer. Ringo nimmt den Job an, trainiert und steigt in den Ring.

Währenddessen freundet er sich mit dem immer wieder aus seiner Rolle fallendem Pantomimen Der Große Heinz und Jenny vom Autoscooter an. Sie wird seine Freundin, nimmt ihn mit auf Klautouren und hat Ärger mit ihrem Ex-Freund. Mit dem Geld, das der geschiedene, tumbe Ringo als Kirmesboxer verdient, will er seiner gehörlosen Tochter Mia einen Wunsch erfüllen.

Gut, die Story von „Rock’n’Roll Ringo“ entwickelt sich vorhersehbar und auch holprig. Einiges, wie die das Geschehen kommentierenden Texte von Kirmespfarrer Petrus, sind schlicht prätentiös. Die Schauspieler überzeugen vor allem durch ihre Präsenz und Authentizität. Authentizität und Atmosphäre sind dann auch die beiden Worte, die Dominik Galizias neuen Film, nach dem Off-Kinohit „Heikos Welt“, am besten beschreiben. Mit sehr bunten Cinemascope-Bildern taucht er in das liebevoll porträtierte Milieu der Schausteller ein.

Die Ästhetik orientiert sich dabei am Kino der achtziger Jahre, mit kleinen Referenzen an das davor und danach liegende Jahrzehnt, als die Nacht neonbunt leuchtete und in Deutschland ein Kirmesplatz als Ort der Träume von einem besseren Leben taugte.

Im Ruhrpott, in und um Herne, stehen die Zeichen gut für einen Publikumshit und kommenden Kultfilm.

Rock’n’Roll Ringo (Deutschland 2024)

Regie: Dominik Galizia

Drehbuch: Dominik Galizia

mit Martin Rohde, Larissa Sirah Herden, Charly Schultz, Margarethe Tiesel, Erwin Leder, Peter Trabner, Tuba Seese, Victoria Schulz, Eric Cordes

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Rock’n’Roll Ringo“

Moviepilot über „Rock’n’Roll Ringo“

 


Neu im Kino/Filmkritik: Über die französische Feelgood-Komödie „Was ist schon normal?“

September 6, 2024

Der Überfall auf ein Juweliergeschäft gelingt ihnen noch gerade so. Auf ihrer schlampig geplanten Flucht ist dann ihr auf einem Behindertenparkplatz geparktes Fluchtauto weg. Kopflos laufen die beiden Räuber Paulo (Artus) und sein Vater La Fraise (Clovis Cornillac) durch die Stadt und stoßen eher zufällig zu einer Reisegruppe. Alice (Alice Belaïdi), die Gruppenleiterin, hält die beiden Räuber für ein verspätetes, ihr nicht bekanntes Mitglied der Gruppe und seinen Begleiter. Sie bestätigen, ohne zu wissen, auf was sie sich einlassen, dass sie tatsächlich Sylvain und sein älterer Begleiter Orpi sind.

Als sie den Bus besteigen, bemerken sie, dass die elfköpfige Gruppe nur aus Behinderten besteht. Gemeinsam verlassen sie die Stadt in Richtung Berge zu einer gemeinsamen, einige Tage dauernden Freizeit. Dort ist der Handyempfang schlecht und es gibt keine Möglichkeit, die Gruppe vorher unauffällig zu verlassen.

Oh, und die vor allem geistig Behinderten haben schnell herausgefunden, dass Sylvain nicht behindert ist. Aber sie werden ihn nicht verraten, wenn er ihnen bei bestimmten Dingen hilft.

Was ist schon normal?“ ist eine warmherzige Komödie, in der nicht über, sondern mit Behinderten gelacht wird. Die Mitglieder der Reisegruppe werden von Behinderten gespielt, die letztendlich sich selbst spielen. Der Humor ist nicht sonderlich subtil, sondern oft eher fröhlich klamaukig. Es ist der Humor und die Witze, die, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, den Behinderten gefallen. Es gibt viel Situationskomik, die sich immer wieder aus dem in der Situation unangepasstem Verhalten und den Marotten der Laiendarsteller ergeben. Die drei Betreuer, die die Truppe begleiten und beaufsichtigen, geben den Behinderten, die Freiheiten, sie in einem sicheren Umfeld auszuleben. Der herzensgute, naive Sylvain und der ruppige Orpi, der ihnen anfangs ablehnend gegenüberstand, animieren sie, sich weiter zu entfalten.

Artus‘ Komödie, für die er die Idee hatte, das Drehbuch schrieb, die Hauptrolle spielte und erstmals die Regie übernahm, ist ein weitgehend vorhersehbarer Spaß, der von seinen Figuren und Schauspielern lebt, die vor einer malerischen Alpenkulisse einfach sie selbst sind.

In Frankreich ist die sommerliche Feelgood-Komödie „Was ist schon normal?“ ein Kassenerfolg mit deutlich über zehn Millionen Besuchern.

Was ist schon normal? (Un p’tit truc en plus, Frankreich 2024)

Regie: Artus

Drehbuch: Artus, Clément Marchand, Milan Mauger

mit Artus, Clovis Cornillac, Alice Belaïdi, Marc Riso, Céline Groussard, Gad Abecassis, Ludovic Boul, Stanislas Carmont, Marie Colin, Thibault Conan, Mayane Sarah El Baze, Theophile Leroy, Boris Pitoëff, Sofian Ribes, Arnaud Toupense, Benjamin Vandewalle

Länge: 100 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Was ist schon normal?“

AlloCiné über „Was ist schon normal?“

Wikipedia über „Was ist schon normal?“ (englisch, französisch)


TV-Tipp für den 6. September: Das fünfte Element

September 5, 2024

Pro7, 20.15

Das fünfte Element (The Fifth Element, Frankreich 1997)

Regie: Luc Besson

Drehbuch: Luc Besson, Robert Mark Kamen (nach einer Geschichte von Luc Besson)

Zukunft, Erde: Taxifahrer Korben Dallas (Bruce Willis), der noch nicht einmal sein Leben auf die Reihe bekommt, muss mal eben das Universum retten und besucht dafür auch einige ferne Planeten in weit entfernten Galaxien. Aliens und andere seltsame Wesen gibt es auch. Action und Spaß sowieso.

Quietschbuntes, vollkommen durchgeknalltes Science-Fiction-Abenteuer, das den Fans der „Guardians of the Galaxy“ gefallen dürfte.

Hier hat Luc Besson, nach „Subway“, „Nikita“, „Leon – Der Profi“, noch einmal gezeigt, was er kann: „ein Fest für die Augen“ (Annette Kilzer, Herausgeberin: Bruce Willis)

2017 drehte er mit „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ ein überflüssiges Quasi-Remake.

mit Bruce Willis, Gary Oldman, Ian Holm, Milla Jovovich, Chris Tucker, Luke Perry, Brion James, Lee Evans, Tricky, Mathieu Kassovitz

Wiederholung: Samstag, 7. September, 01.10 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Das fünfte Element“

Wikipedia über „Das fünfte Element“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Luc Bessons „Léon – Der Profi“ (Léon, Frankreich 1994)

Meine Besprechung von Luc Bessons „The Lady – Ein geteiltes Herz“ (The Lady, Frankreich/Großbritannien 2011)

Meine Besprechung von Luc Bessons „Lucy“ (Lucy, Frankreich 2014)

Meine Besprechung von Luc Bessons „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ (Valerian and the City of a thousand Planets, Frankreich 2017)

Meine Besprechung von Luc Bessons „Anna“ (Anna, Frankreich 2019)

Meine Besprechung von Luc Bessons „Dogman“ (Dogman, Frankreich/USA 2023)

Luc Besson in der Kriminalakte

 


Neu im Kino/Filmkritik: Über Asli Özarslans Spielfilmdebüt „Ellbogen“

September 5, 2024

Es passiert selten, aber ab und zu: ein Jugendfilm, der für Jugendliche gemacht wurde, erhält von der FSK eine Freigabe, nach der Jugendliche den Film nicht sehen dürfen. Dabei wurde „Ellbogen“ seit seiner Premiere auf der Berlinale in der Sektion „Generation 14plus“ auf Kinder- und Jugendfilmfestivals gezeigt, von Jugendlichen diskutiert und ausgezeichnet. Unter anderem mit dem Goldenen Spatz auf dem Deutschen Kinder Medien Festival. Die Festivaljury besteht aus Kindern. Und damit aus Menschen, die jetzt „Ellbogen“ im Kino nicht mehr sehen dürfen, weil der Film ‚frei ab 16 Jahren‘ ist. Lehrer dürfen ihn in der Schule selbstverständlich auch erst verwenden, wenn die Schüler älter als 16 Jahre sind.

Die FSK schreibt in ihrer Freigabebegründung: „Der Film hat eine durchgehend angespannte Grundstimmung und stellt eine Jugendliche in den Mittelpunkt, die ihr negatives und gewalttätiges Verhalten weder hinterfragt noch bereut.“

Die Jugendliche ist Hazal. An ihrem 18. Geburtstag will sie mit ihren beiden besten Freundinnen in einer angesagten Berliner Disco feiern. Sie werden nicht hineingelassen. Als sie am U-Bahnsteig von einem gleichaltrigen betrunkenem Jungen angemacht werden, reagieren sie mit Gewalt. Am Ende ist er tot. Sie verlassen den Tatort.

Hazal flüchtet nach Istanbul und schlüpft bei ihrer ungefähr gleichaltrigen Internetbekanntschaft unter. Mehmet arbeitet in einem Callcenter und konsumiert eifrig Drogen.

Ellbogen“ ist das auf Fatma Aydemirs Roman basierende Spielfilmdebüt von Asli Özarslan. Die Stärken des Films liegen in der Protagonistin und der Inszenierung, die immer nah an Hazal bleibt und die ihr Verhalten weder entschuldigt noch verurteilt. Das überlässt er dem Publikum.

Hazal, glaubwürdig gespielt von Melia Kara in ihrem Filmdebüt, ist eine im Wedding lebende Deutschtürkin. Sie ist vergnügungssüchtig, ichbezogen und faul. Sie möchte gerne erfolgreich sein, scheut aber die dafür notwendige Arbeit. Sie denkt, dass nicht sie, sondern die anderen Menschen und die Gesellschaft für ihre Situation verantwortlich sind. Und sie will keine Verantwortung für ihre Taten übernehmen. Stattdessen flüchtet sie.

Die Schwächen liegen im Aufbau der Geschichte und der ausschließlichen Konzentration auf Hazal. Das macht den Film zu einer Ich-Erzählung. Mit dem Abspann dauert „Ellbogen“ neunzig Minuten. Über dreißig Minuten vergehen, bis Hazal und ihre beiden Freundinnen den jungen Mann zusammenschlagen, treten und töten. In dem Moment beginnt die eigentliche Geschichte. Bis dahin geschieht eher wenig. Wir beobachten eine junge Frau zusammen mit ihrer Familie, ihren Freundinnen und, ein wenig, auf der Suche nach Arbeit. Das, was Özarslan in dieser halben Stunde erzählt, hätte ein anderer Regisseur in zwanzig oder sogar nur zehn Minuten erzählt.

Auch später, in Istanbul, geschieht eher wenig. Die Tat wird, bis auf einen Seitenaufruf im Internet, nicht weiter thematisiert. Hazal könnte, bis auf die letzten paar Minuten, genausogut einfach von zu Hause ausgerissen sein oder einen Urlaub bei ihrem Freund verbringen. Salopp sehen wir sie in der ersten halben Stunde in Berlin abhängen und danach in Istanbul abhängen. Die Tat scheint sie nur insofern zu berühren, dass sie nicht bestraft werden möchte.

Ein weiteres, damit zusammen hängendes Problem ist, dass wir wenig über ihre Gefühle und Motive erfahren. Es gibt kein Voice-Over und auch niemand, mit dem sie sich über ihre Tat und die Folgen für sie und ihr Umfeld unterhält. Sie ist eine von allen anderen isolierte Person, die stumm in die Landschaft blickt. Was sie denkt und fühlt, können wir erahnen, aber wir wissen es nicht.

Ellbogen (Deutschland/Frankreich/Türkei 2024)

Regie: Aslı Özarslan

Drehbuch: Claudia Schaefer, Aslı Özarslan (Co-Autorin)

LV: Fatma Aydemir: Ellbogen, 2017

mit Melia Kara, Jamilah Bagdach, Asya Utku, Nurgül Ayduran, Doğa Gürer, Mina Özlem Sağdıç, Jale Arikan, Ali-Emre Şahin

Länge: 90 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Ellbogen“

Moviepilot über „Ellbogen“

Rotten Tomatoes über „Ellbogen“

Wikipedia über „Ellbogen“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „Ellbogen“


Neu im Kino/Filmkritik: „Die Ironie des Lebens“, die Leichtigkeit des Todes

September 5, 2024

Eines Abends, während der 67-jährige erfolgreiche Comedian Edgar gerade vor einem begeisterten Publikum sein erstaunlich unwitziges Programm abspult, entdeckt er im Saal seine Ex-Frau Eva. Sie haben gemeinsame, erwachsene Kinder, aber sie haben sich seit 25 Jahren nicht mehr gesehen. Eva hat jetzt seine Vorstellung auch nur besucht, um ihm anschließend zu sagen, dass sie Krebs im Endstadium hat, sich nicht behandeln lassen will und demnächst sterben wird.

Edgar, der sich seit der Scheidung nicht um seine Familie kümmerte und auch nicht mit Eva redete, will nicht akzeptieren, dass sie bald stirbt. Er beginnt sich in ihr Leben und ihre Entscheidung einzumischen.

Als erste fällt einem die Besetzung auf. Eva wird von Corinna Harfouch gespielt. Sie kann alles spielen. Ihr Name steht für anspruchsvolles Kino. Edgar wird von Uwe Ochsenknecht gespielt. Im Kino sah man ihn in den letzten Jahren vor allem in Kinderfilmen. Anspruchsvolles Kino assoziert man nicht unbedingt mit ihm. Das war früher anders. Beispielsweise als er und Harfouch 2001 in Hark Bohms TV-Mehrteiler „Vera Brühne“ (später „Der Fall Vera Brühne“) mitspielten und für ihre Leistungen den Deutschen Fernsehpreis erhielten.

Dann fällt auf, dass der Film von Markus Goller inszeniert und von Oliver Ziegenbalg geschrieben wurde. Nach „Friendship!“, „25 km/h“ und „One for the Road“ ist dies ihre vierte Zusammenarbeit. Die Filme können als gehaltvolle Mainstream-Filme, die ernste Themen überraschend anspruchs- und humorvoll bearbeiten, bezeichnet werden.

Und das gelingt ihnen auch in „Die Ironie des Lebens“. Es geht um die Frage, wie man sterben möchte, um eine Familie, die sich auseinandergelebt hat und um einen allein lebenden Entertainer im Herbst seines Lebens, der durch Evas Auftauchen sein Leben bilanziert. Die Bilanz fällt ernüchternd aus. All das und wie Edgar sich mit Evas Wunsch arrangiert und wieder Kontakt zu seinem Sohn und seiner Tochter aufnimmt, erzählt das Team Goller/Ziegenbalg kurzweilig, humorvoll und die ernsten Aspekte des Themas ansprechend.

Die Ironie des Lebens“ ist ein erwartungsgemäß harmonisch und positiv endender, zum Nachdenken anregender Mainstream-Film, der sein Publikum nicht für dumm verkauft.

Die Ironie des Lebens (Deutschland 2024)

Regie: Markus Goller

Drehbuch: Oliver Ziegenbalg

mit Uwe Ochsenknecht, Corinna Harfouch, Emilia Schüle, Robert Gwisdek, Henning Peker, Salka Weber, Reiki von Carlowitz, Liza Tzschirner, Sabine Ritter, Ingrid Domann

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Die Ironie des Lebens“

Moviepilot über „Die Ironie des Lebens“

Meine Besprechung von Markus Gollers „25 km/h“ (Deutschland 2018)

Meine Besprechung von Markus Gollers „One for the Road“ (Deutschland 2023)


TV-Tipp für den 5. September: Becoming Nawalny – Putins Staatsfeind Nr. 1

September 4, 2024

SWR, 23.35

Becoming Nawalny – Putins Staatsfeind Nr. 1 (Deutschland 2024)

Regie: Igor Sadreev, Aleksandr Urzhanov

Drehbuch: Igor Sadreev, Aleksandr Urzhanov

Spielfilmlange Doku über Alexei Nawalny, der am 16. Februar 2024 in einem sibirischen Straflager starb.

Igor Sadreev und Aleksandr Urzhanov unterhielten sich für ihre Doku über Nawalnys Leben mit Weggefährte, Freunden und Kritikern des Mannes, der zum weltweit bekanntesten russischen Oppositionellen und erbitterten Gegner Putins wurde.

Hinweise

Wikipedia über Alexei Nawalny (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Daniel Rohers Dokumentarfilm „Nawalny“ (Nawalny, USA 2022) (u. a. ausgezeichnet mit dem Oscar als bester Dokumentarfilm)