Neu im Kino/Filmkritik: „#Zeitgeist – Von digitaler Nähe und analoger Entfremdung“ erzählt von Männern, Frauen und ihren Kindern

Dezember 11, 2014

„#Zeitgeist“ ist kein wirklich schlechter Film. Immerhin ist er von Jason Reitman, der mit „Thank you for Smoking“, „Juno“, „Up in the Air“ und „Young Adult“ einige äußerst gelungene satirische Komödien inszenierte. Und auch „Labor Day“ war kein vollkommener Reinfall. Es war nur eine äußerst kitschige und unglaubwürdige Schmonzette, gewohnt feinfühlig, aber auch todernst und bieder bis zum Abwinken erzählt. Sein neuester Film „#Zeitgeist“ soll nun eine Bestandsaufnahme der Gegenwart sein, indem er anhand von sieben WASP-Familien, die in einer Vorstadt von Austin, Texas, leben, über die Beziehungen von Eltern zu ihren Kindern, von Männern zu Frauen und welche Rolle dabei die modernen Medien, also Computer und Facebook, spielen, erzählt.
Es geht um einen fremdgehenden Vater, der auf dem Computer seines Sohnes Porno-Seiten entdeckt. Seine Frau sucht ebenfalls amouröse Abenteuer. Es geht um eine ehrgeizige Mutter und ihre noch ehrgeizigere Tochter, die unbedingt berühmt werden möchte; was heißt „im Fernsehen sein“. Egal wie. Es geht um einen alleinerziehenden Football-begeisterten Vater, der den Kontakt zu seinem Sohn verliert. Denn dieser vermisst seine Mutter, die sie vor kurzem verließ. Seitdem spielt der gute Sportler nicht mehr in der Football-Mannschaft mit, sondern spielt das Multiplayer-Onlinespiel „Guild Wars“. Es geht um einen magersüchtigen Teenager. Es geht um eine kontrollsüchtige Mutter, die die NSA in den Schatten stellt.
Es geht immer um Beziehungen. Zwischen den Erwachsenen. Zwischen den die gleiche Schule besuchenden Jugendlichen. Zwischen den Eltern und ihren Kindern.
Das alles ist durchaus feinfühlig erzählt, die Schauspieler sind gut, aber über den Einfluss der modernen Kommunikation auf das Zusammenleben von Eltern und ihren Kindern erfahren wir, auch weil in dem Ensemblefilm keine Geschichte besonders überzeugend ist, nichts Substantielles. Vieles wirkt auch einfach ausgedacht und übertrieben. So ist, jedenfalls aus deutscher Sicht, die von Jennifer Garner gespielte Gluckenmutter, die mit missionarische Eifer vor den Gefahren das Internets warnt und dafür auch einen Selbsthilfe-Gesprächskreis hat, ein Cartoon-Charakter der langweiligen Sorte. Und die Panik an der Schule, als ein Junge nicht mehr Football spielen will, geht grotesk an den Problemen vorbei. Der Schulpsychiater will, dass er wieder in der Mannschaft mitspielt. Dass er gerade von seiner Mutter verlassen wurde und er jetzt von seinem Vater erzogen wird, wird dagegen in dem Gespräch nicht angesprochen. Die Internet-Pornoseite und das Computerspiel sind einfach nur austauschbare Gimmicks, die vor dreißig Jahren ein Porno-Magazin und irgendeine zeitintensive, aber schulferne Freizeitbeschäftigung (wie das Kiffen in einer Band) waren. Und dass auch die besten Ehen, irgendwann ihre Probleme haben, ist nichts neues. Immerhin darf Dennis Haysbert („24“, „The Unit“) als Liebhaber auftreten und Adam Sandler spielt ungewohnt zurückhaltend einen Vater und Ehemann.
Aber keine dieser Geschichten hat eine wirkliche emotionale Schlagkraft oder eine überraschende Wendung. Immer ist ein Malen-nach-Zahlen-Gefühl und das Wissen, dass man das alles schon besser gesehen hat, vorhanden.
Zu dem stockbiederen Erzählduktus, der die Geschichten parallel, aber, auch auf der visuellen Ebene, ohne Überraschungen erzählt, kommt noch die bescheuerte Idee, Bilder aus dem Weltall zu zeigen und im Original Emma Thompson als Erzählerin Carl Sagan zitieren und über die Botschaft der 1977 von der NASA losgeschickten Weltraumsonde Voyager an Außerirdische, die Kleinheit des Menschen im Universum und die Gedanken der Filmcharaktere philosphieren zu lassen. Das ist dann so New Agig, dass auch der gutwilligste Zuschauer sich fragt, was diese pathetische Botschaft aus den Siebzigern über den heutigen Zeitgeist aussagen soll.
Im Vergleich mit Henry-Alex Rubins Episodendrama „Disconnect“, das im Januar bei uns in einigen Kinos lief, fällt die Enttäuschung über Jason Reitmans „#Zeitgeist“ noch größer aus. Denn „Disconnect“ erzählt mit viel stärkeren Geschichten und einem viel diverserem Cast viel eindrucksvoller über die Veränderungen der sozialen Beziehungen durch moderne Kommunikationsmittel und auch wie sehr sie nur eine neue Schicht sind, die sich über elementare Dramen und Gefühle legt. In Rubins Film ist alles das vorhanden, was in Reitmans Schul- und Familiendrama fehlt.

#Zeitgeist - Neues_Plakat

#Zeitgeist – Von digitaler Nähe und analoger Entfremdung (Men, Women, and Children, USA 2014)
Regie: Jason Reitman
Drehbuch: Jason Reitman, Erin Cressida Wilson
LV: Chad Kultgen: Men, Women, and Children, 2011
mit Timothee Chalamet, Olivia Crocicchia, Kaitlyn Dever, Rosemarie DeWitt, Ansel Elgort, Jennifer Garner, Judy Greer, Dennis Haysbert, Katherine Hughes, Elena Kampouris, Shane Lynch, Dean Norris, Will Peltz, Adam Sandler, J. K. Simmons, Travis Tope, Emma Thompson (Erzählerin im Original)
Länge: 120 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „#Zeitgeist“
Moviepilot über „#Zeitgeist“
Metacritic über „#Zeitgeist“
Rotten Tomatoes über „#Zeitgeist“
Wikipedia über „#Zeitgeist“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jason Reitmans „Young Adult“ (Young Adult, USA 2011)

Meine Besprechung von Jason Reitmans „Labor Day“ (Labor Day, USA 2013)


Neu im Kino/Filmkritik: Hugh Grant fragt „Wie schreibt man Liebe?“

November 13, 2014

Es ist schon erstaunlich, wie gut es „Wie schreibt man Liebe?“ gelingt, all die erzählerischen Trüffel, die Autor-Regisseur Marc Lawrence auf dem Silbertablett präsentiert werden, zu ignorieren und sich allein auf die Präsenz des immer liebenswerten Hugh Grant zu verlassen.
Grant spielt Keith Michaels, einen geschiedenen Hollywood-Drehbuchautor, der vor fünfzehn Jahren einen Drehbuchoscar für „Paradise Misplaced“ bekam. Seine späteren Filme waren nicht so gut und jetzt braucht er, weil er keine Bücher verkauft, Geld. Ein Lehrerjob in Binghampton, ein Uni-Kaff bei New York, bringt ihm das benötigte Geld. Dass er glaubt, dass man Schreiben nicht lehren kann, ist nur ein kleines Hindernis. Er will die finanziell einträgliche Lehrer-Charade einfach hinter sich bringen, weshalb er die Teilnehmer für den Drehbuchkurs auch nach ihrem Aussehen auswählt. Trotzdem verirren sich zwei Nerds in seinen Kurs, der sonst nur aus Uni-Schönheiten besteht. Und eine Mittvierzigerin ist auch dabei. Holly Carpenter macht noch ein Bachelor-Studium, hat zwei Kinder (die wir eigentlich nie sehen und die für die Geschichte egal sind), immer einen patenten Ratschlag für den sympatisch verwuschelten Kursleiter und nebenher jobbt sie. Passenderweise in dem Uni-Buchladen und einem Nobelrestaurant.
Weil Holly Carpenter von Marisa Tomei gespielt wird, wissen wir auch, wer am Filmende nach der bewährten RomCom-Formel zusammenfindet, obwohl sie nur den Schein haben will und er nicht die Frau fürs Leben sucht. Eine gut aussehende Studentin, mit der er gleich am ersten Abend ins Bett hüpft, tut es auch. Jedenfalls für den Moment. Dass das ein an der kleinen Universität nicht akzeptiertes Verhalten ist, erfährt er kurz darauf und nachdem er am Begrüßungsabend gleich eine Brandrede gegen starke Frauen und Jane Austen hält, hat er es sich mit Professor Mary Weldon (Allison Janney) verscherzt. Denn sie ist die anerkannte Jane-Austen-Expertin, die humorlose und stocksteife Dekanin der Universität und sie hält absolut nichts von Hollywood-Drehbuchautoren, die keine Ahnung von Literatur haben. Sie ist die Person, die den literarisch vollkommen unbefleckten Keith Michaels jederzeit feuern kann.
„Wie schreibt man Liebe?“, das im Original „The Rewrite“ heißt, hätte so einfach ein Film über zweite Chancen und die Wechselwirkungen von Literatur und Leben, von Drehbuchdramaturgie und Leben, von den Genreerfordernissen einer romantischen Komödie und dem Leben, werden können. Es hätte ein wundervoller, auf mehreren Ebenen funktionierender Film werden können, wie zuletzt zum Beispiel Lasse Hallströms „Madame Mallory und der Duft von Curry“, wo es um das richtige Zubereiten von Mahlzeiten, unterschiedliche Kulturen und Lebensphilosophien geht, oder Fred Schepisis „Words and Pictures“, wo Clive Owen und Juliette Binoche ein Feuerwerk von Weisheiten und Zitaten abbrennen, um vor ihren Schülern einen Kampf um die höhere Kunst zu entfachen, der natürlich kaum verdeckt, dass sie ineinander verliebt sind.
Oder, ein ganz anderes Genre, der selbstreferentielle Slasher-Film „Scream“. Schon vor fast zwanzig Jahren spielten Regisseur Wes Craven und Drehbuchautor
Kevin Williamson gelungen mit den Genreklischees, wenn die Studierenden sich über die Klischees in Horrorfilmen unterhalten und so den Killer finden wollen, während gerade die halbe Universität von einem maskierten Slasher gemeuchelt wird.
Gerade im direkten Vergleich mit „Words and Pictures“, der ja ein ähnliches Thema in einem ähnlichen Milieu behandelt, wird deutlich, wie lieblos „Wie schreibt man Liebe?“ zusammengeschustert ist. Marc Lawrences Film hätte dringend mindestens ein Rewrite gebraucht. Aber anscheinend wurde die erste Fassung verfilmt.

Wie schreibt man Liebe - Plakat

Wie schreibt man Liebe? (The Rewrite, USA 2014)
Regie: Marc Lawrence
Drehbuch: Marc Lawrence
mit Hugh Grant, Marisa Tomei, Bella Heathcote, J. K. Simmons, Chris Elliot, Allison Janney, Veanne Cox, Lily Wan, Olivia Luccardi, Emily Morden, Andrew Keenan-Bolger, Steven Kaplan
Länge: 106 Minuten
FSK: ab 0 Jahre

Hinweise
Deutsche Facebook-Seite zum Film
Moviepilot über „Wie schreibt man Liebe?“
Metacritic über „Wie schreibt man Liebe?“
Rotten Tomatoes über „Wie schreibt man Liebe?“
Wikipedia über „Wie schreibt man Liebe?“


Neu im Kino/Filmkritik: „Labor Day“ praktiziert Familienhilfe mittels Geiselnahme

Mai 11, 2014

1987 geht in der Kleinstadt Holton Mills in New Haven alles seinen geregelten Gang. Die Nachbarn sind höflich, bringen Äpfel rüber, die Türen sind sowieso nie abgeschlossen und manchmal vergißt man vor dem Eintreten auch das Anklopfen. Man kennt sich ja im Dorf. Auch wenn Adele Wheeler (Kate Winslet) und ihr damals dreizehnjähriger Sohn Henry (Gattlin Griffith) wohl so etwas wie Exoten sind. Sie ist geschieden und hat sich seitdem vollständig in ihr Haus, das auch schon etwas heruntergekommen ist, zurückgezogen. Es fehlt halt der Mann für die nötigen Arbeiten am Haus und an ihrer Psyche.
Vor dem Labor-Day-Wochenende überredet Henry seine Mutter, ihn zum Einkaufen in die Shopping Mal zu begleiten. Dort trifft Henry auf einen geheimnisvollen, blutenden Mann, der zuerst ihn und dann seine Mutter als Geisel nimmt und sich bei ihnen in ihrem Haus versteckt. Er ist der flüchtige Schwerverbrecher Frank Chambers (Josh Brolin), der sich schnell als liebevoller Vater- und Ehemann-Ersatz entpuppt, der in Adele wieder die Lebensgeister weckt und Henry das Backen von Obstkuchen beibringt, während vor ihrer Haustür die Polizei ihn sucht und auch über Zeitung und Fernsehen nach ihm fahndet. Kurz: der skrupellose Mörder ist das Ortsgespräch.
Aber trotz des flüchtigen Verbrechers, der eine Frau und ihren Sohn als Geisel nimmt, ist Ivan Reitmans neuer Film „Labor Day“ kein Kriminalfilm, sondern eine Schnulze im Nicholas-Sparks-Stil, veredelt durch die guten Schauspieler und immer wieder auf den nackten Boden der Tatsachen zurückgeholt. Denn es gelingt Reitman nie, die hochgradig künstliche Prämisse glaubhaft zu gestalten. Vor allem weil die eine gute Woche dauernde Geiselnahme mitten in der Kleinstadt stattfindet, freundliche Nachbarn immer wieder an die Tür klopfen, mit einem behinderten Nachbarjungen ein Nachmittag im Garten verbracht wird und der Flüchtling am hellichten Tag einige Reperaturen am Haus durchführt und Henry endlich die richtige Wurftechnik im US-amerikanischen Nationalsport beibringt. Aber die furchtbar aufmerksamen Nachbarn bemerken nicht, dass der gutaussehende Mann der skrupellose Mörder ist, dessen Bild es auf die erste Seite der Tageszeitungen und ins Fernsehen gebracht hat.
Und wenn Henry zur Schule geht, sich mit einer neuen Schulfreundin trifft oder einige Einkäufe erledigen muss, verrät er Frank auch nicht an die Polizei. Immerhin ist der Gast ja ein verständnisvoller Superdaddy, der wirklich alles kann, und ein feinfühliger Liebhaber. Wenn er kein gesuchter Schwerverbrecher wäre (aber auch das Problem wird gelöst), wäre er der perfekte Mann. Und in Rückblenden erfahren wir, was uns nicht wirklich überrascht, dass er kein kaltblütiger Mörder ist. Eigentlich ist er ein Pechvogel.
Nein, wenn die Schauspieler und die Regie nicht so gut wären, wäre „Labor Day“ ein ungenießbares Kitsch-Fest. So ist es ein zäh erzähltes, ironiefreies und wirklichkeitsfernes Kitsch-Fest, das besser ist, als es die im Kern unglaubwürdige Geschichte verdient hat.

Labor Day - Plakat

Labor Day (Labor Day, USA 2013)
Regie: Jason Reitman
Drehbuch: Jason Reitman
LV: Joyce Maynard: Labor Day, 2009 (Der Duft des Sommers)
mit Kate Winslet, Josh Brolin, Gattlin Griffith, Tobey Maguire, Tom Lipinski, Clark Gregg, Brighid Fleming, J. K. Simmons
Länge: 111 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Labor Day“
Moviepilot über „Labor Day“
Metacritic über „Labor Day“
Rotten Tomatoes über „Labor Day“
Wikipedia über „Labor Day“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Jason Reitmans „Young Adult“ (Young Adult, USA 2011)
Homepage von Joyce Maynard

Das DP/30-Gespräch mit Jason Reitman

Das DP/30-Gespräch mit Josh Brolin

Und das ist eher Freestyle mit Kate Winslet, Josh Brolin und Jason Reitman


TV-Tipp für den 30. März: Celebrity – Schön, reich, berühmt

März 30, 2014

3sat, 22.05

Celebrity (USA 1998, Regie: Woody Allen)

Drehbuch: Woody Allen

Der verheiratete Klatschreporter Lee (Kenneth Branagh als Woody-Allen-Ersatz) ist auf der Suche nach dem Glück in der Welt des Scheins.

Mediensatire, die Woody Allen mal wieder in Schwarzweiß drehte und bei der etliche Stars mitspielten.

mit Kenneth Branagh, Judy Davis, Joe Mantegna, Leonardo DiCaprio, Charlize Theron, Melanie Griffith, Winona Ryder, Hank Azaria, Famke Janssen, Bebe Neuwirth, Michael Lerner, Gretchen Mol, J. K. Simmons, Jeffrey Wright

Wiederholung: Montag, 31. März, 03.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Celebrity“

Wikipedia über „Celebrity“ (deutschenglisch)

Homepage von Woody Allen

Deutsche Woody-Allen-Seite

Meine Besprechung von Robert B. Weides „Woody Allen: A Documentary“ (Woody Allen: A Documentary, USA 2012)

Meine Besprechung von Woody Allens “To Rome with Love” (To Rome with Love, USA/Italien 2012)

Meine Besprechung von Woody Allens “Blue Jasmine” (Blue Jasmine, USA 2013)

Kriminalakte über Woody Allen