Neu im Kino/Filmkritik: Für den Oscar als Bester Film des Jahres nominiert: „Der Brutalist“

Januar 31, 2025

Alles an „Der Brutalist“ sagt überdeutlich, wie wichtig, groß, grandios und monumental dieser Film aus Sicht seiner Macher ist.

Er dauert 216 Minuten. Im Film gibt es eine fest einprogrammierte 15-minütige Pause, in der eine Uhr rückwärts läuft.

Gedreht wurde er im in den fünfziger Jahren benutztem VistaVision-Format. Bekannte VistaVision-Filme sind „Krieg und Frieden“, „Der Schwarze Falke“, „Die oberen Zehntausend“, „Der unsichtbare Dritte“ und „Der Besessene“.

In den wenigen Kinos, in denen es möglich ist, wird „Der Brutalist“ auch in einer 70-mm-Fassung gezeigt. Nur so kann das VistaVision-Bild seine ganze Pracht entfalten,

Die Geschichte versteht sich von der ersten bis zur letzten Minute als das große, die US-amerikanische Seele und den amerikanischen Traum erkundende und erklärende Nationalepos.

Der Lohn für diese Bemühungen und den selbstgewählten Anspruch sind überschwängliches Kritikerlob, Preise, wie, nach seiner Premiere bei den Filmfestspielen von Venedig, der Silberne Löwe für die Beste Regie und zuletzt zehn Oscar-Nominierungen, unter anderem als Bester Film, für die Beste Regie (Brady Corbet), das Beste Drehbuch (Brady Corbet und Mona Fastvold), den Besten Hauptdarsteller (Adrien Brody), den Besten Nebendarsteller (Guy Pearce), die Beste Nebendarstellerin (Felicity Jones), die Beste Kamera (Lol Crawley) und den Besten Schnitt (Dávid Jancsó).

Brady Corbet erzählt die Geschichte des Emgranten László Tóth (Adrien Brody). Der in Europa bekannte Bauhaus-Architekt und titelgebende „Brutalist“ kommt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs als mittelloser Einwanderer in die USA. Als er Jahre später den Industriellen Harrison Lee Van Buren Sr. (Guy Pearce) trifft und dieser von seinen Entwürfen fasziniert ist, wendet sich sein Schicksal. Tóth soll zu Ehren von Van Burens verstorbener Mutter ein Institut mit Bibliothek, Sporthalle, Auditorium und Kapelle errichten.

Wer jetzt denkt, dass in „Der Brutalist“ der Bau dieses Mammutprojekts im Mittelpunkt steht, irrt sich. Wer denkt, dass es zwischen dem Architekten und dem Bauherrn einen über den Film tragenden Konflikt gibt, irrt sich. Sicher, es gibt einige kleinere Streitigkeiten zwischen den beiden Männern, aber die sind schnell beigelegt. Van Buren ist von der ersten bis zur letzten Minute ein enthusiastischer Förderer von Tóth und des von ihm in Auftrag gegebenen, selbstverständlich immer teurer werdenden Projekts.

Und wer denkt, dass der Film anhand der fiktiven Biographie eines Architekten schnell zu einer informativen Geschichtsstunde über das Bauhaus und den Brutalismus wird, irrt sich ebenfalls. Diese Architekten verbanden mit ihren Gebäuden auch gesellschaftspolitische Utopien. Im Film ist davon nichts zu hören.

Stattdessen erzählt Brady Corbet, meist in langen Szenen in Nahaufnahmen in karg möblierten Innenräumen, elliptisch die Geschichte eines Einwanderers und seiner Jahre nach ihm in die USA kommenden Familie. Das ist nicht schlecht und hat auch einen weitgehend über die epische Dauer von gut vier Stunden andauernden erzählerischen Schwung. Aber „Der Brutalist“ ist niemals „There will be Blood“. Das liegt an seinem Desinteresse an der gezeigten Architektur und dem abwesenden zentralen Konflikt zwischen dem Künstler und dem Kapitalisten.

Der Brutalist“ ist ein durchaus beeindruckender und gut gemachter Film. Aber er ist auch nicht so gut, wie er gerade hochgejubelt wird. Das Drama ist breitbeiniges, von seiner eigenen Größe hemmungslos überzeugtes Überwältigungskino, das einen geschüttelt, aber nicht berührt zurücklässt.

Der Brutalist (The Brutalist, USA 2024)

Regie: Brady Corbet

Drehbuch: Brady Corbet, Mona Fastvold

mit Adrien Brody, Felicity Jones, Guy Pearce, Joe Alwyn, Raffey Cassidy, Stacy Martin, Emma Laird, Isaach de Bankolé, Alessandro Nivola

Länge: 216 Minuten (inkl. 15 Minuten Pause)

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Der Brutalist“

Metacritic über „Der Brutalist“

Rotten Tomatoes über „Der Brutalist“

Wikipedie über „Der Brutalist“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Brady Corbets „Vox Lux“ (Vox Lux, USA 2018)


TV-Tipp für den 18. April: The Killing of a sacred Deer

April 17, 2024

WDR, 23.30

The Killing of a sacred Deer (The Killing of a sacred Deer, Großbritannien/Irland 2017)

Regie: Yorgos Lanthimos

Drehbuch: Yorgos Lanthimos, Efthimis Filippou

Ein 16-jähriger Junge drängt sich in das Leben eines erfolgreichen Chirurgen.

In „The Killing of a sacred Deer“ interpretiert Yorgos Lanthimos („The Favourite“) den antiken Mythos der Iphigenie. Das Ergebnis enttäuschte mich.

Warum erkläre ich in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Colin Farrell, Nicole Kidman, Barry Keoghan, Alicia Silverstone, Raffey Cassidy, Sunny Suljic, Bill Camp

Hinweise

Moviepilot über „The Killing of a sacred Deer“

Metacritic über „The Killing of a sacred Deer“

Rotten Tomatoes über „The Killing of a sacred Deer“

Wikipedia über „The Killing of a sacred Deer“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Yorgos Lanthimos‘ „The Killing of a sacred Deer (The Killing of a sacred Deer, Großbritannien/Irland 2017)

Meine Besprechung von Yorgos Lanthimos‘ „The Favourite – Intrigen und Irrsinn“ (The Favourite, USA 2018)

Meine Besprechung von Yorgos Lanthimos‘ „Poor Things“ (Poor Things, USA 2023)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Noah Baumbachs Don-DeLillo-Verfilmung „Weißes Rauschen“

Dezember 9, 2022

Der 1936 in der Bronx, New York City, geborene Don DeLillo zählt zu den wichtigsten zeitgenössischen US-amerikanischen Schriftstellern. „Americana“, seinen ersten Roman, veröffentlichte er 1971. 1985 hatte er mit „Weißes Rauschen“ (White Noise) seinen Durchbruch. Zu seinen seitdem erschienenen Werken gehören „Sieben Sekunden“ (Libra, 1988), „Mao II.“ (1991), „Unterwelt“ (Underworld, 1997; allein schon wegen seines Umfangs von knapp tausend Seiten erschlagend) und „Cosmopolis“ (2003). Er gehört zu der sehr losen Gruppe der Postmodernisten – und das ist auch schon die Erklärung, warum die IMDb nur sechs Verfilmungen auflistet. Zwei sind Originaldrehbücher ohne eine literarische Vorlage. Zwei sind Kurzfilme. Eine Verfilmung ist eine französische Produktion, die bei uns anscheinend nie gezeigt wurde. Die bekannteste DeLillo-Verfilmung ist David Cronenbergs „Cosmopolis“. Sie basiert auf einem zweihundertseitigem Buch, in dem DeLillo eine ziemlich gradlinige Geschichte erzählt. Das erleichtert die Verfilmung. Denn normaleweise sind die Bücher der Postmodernisten, wozu auch Thomas Pynchon, Kurt Vonnegut, Joseph Heller und Paul Auster gehören, unverfilmbar. Aber eine grandiose Lektüre.

Der neueste Versuch einen Roman von Don DeLillo zu verfilmen, ist von Noah Baumbach. Er nahm sich „Weißes Rauschen“ vor. Netflix gab ihm das Geld und dort ist die Satire ab dem 30. Dezember zu sehen. Bis dahin kann sie im Kino angesehen werden. Das ist der Ort, für den Baumbach seinen Film inszenierte. Denn jedes Bild ist für die große Leinwand komponiert. Einige Bilder entfalten erst dort ihre volle Wirkung.

Die Story hat Baumbach von DeLillo übernommen. Im Mittelpunkt steht Jack Gladney (Adam Driver). Er ist in der Provinz im College-on-the-Hill Professor für Geschichte, Experte für Adolf Hitler, verheiratet mit Babette (Greta Gerwig) und Erzieher von vier aus unterschiedlichen Ehen stammenden Kindern. Vor allem mit seinem Kollegen Murray Siskind (Don Cheadle), Experte für Elvis Presley und Autounfälle in Filmen, redet er über alles, was gerade an tages- und gesellschaftspolitisch wichtigen Themen diskutiert werden kann.

Der Film zeigt ihn im Gespräch mit seiner Frau und seinen Kindern und mit seinen Kollegen. Am Frühstückstisch, in der Universität und im Lebensmittelgeschäft.

In der Mitte des Films ereignet sich, wie im Roman, das „Airborne Toxic Event“. Bei einem Zugunfall treten unbekannte, möglicherweise tödliche, aber vielleicht auch vollkommen harmlose Gase aus. Als die Wolke sich ihrem Ort nähert, zwingt die Regierung alle Einwohner, sofort ihre Wohnung zu verlassen. In einem Ferienlager verbringen die Gladneys mit vielen anderen Menschen, die ebenfalls vor der Giftwolke geflüchtet sind, einige Tage. Nach einem Alarm flüchten sie kopflos. Gladney will auf ihrer Flucht vor der Wolke nicht mit den anderen Menschen in einem Stau stehen. Er wählt kopflos eine andere Route, steuert sein Auto mit seiner Familie panisch durch den Wald in einen Fluss. Sie treiben etwas flussabwärts und stehen etwas später im Stau.

Seine Frau Babette betrügt ihn und nimmt Dylar, eine Droge, über die nichts bekannt ist und die erhebliche Nebenwirkungen hat. Aber sie könnte Menschen helfen, die unter Todesangst leiden. Sie könnte mit dem Wissen der Regierung ausprobiert werden; – oder nicht.

Und dann endet der Film in einer Tanzszene in einem Supermarkt.

Das ist keine Geschichte im traditionellem Sinn, sondern eine ermüdende Abfolge von Ereignissen, die auch in irgendeiner anderen Reihenfolge präsentiert werden könnten. Oft wird auf eindeutige Erklärungen zugunsten eines Potpourris alternativer Erklärungen, absurder Erklärungen, Nicht-Erklärungen oder Verschwörungstheorien verzichtet. Es gibt Konsumkritik und Kritik am ‚american way of life‘, die vor gut vierzig Jahren neu war. Heute wirkt sie wie die nostalgische Erinnerung an eine bessere und einfachere Zeit. Natürlich ist alles immer etwas absurd und, wie der Chemieunfall, eine Verkettung unglaublicher Zufälle.

Noah Baumbachs „Weißes Rauschen“ wirkt immer wie eine textnahe Inszenierung des Romans für die Fans des Romans, die sich an den Gemeinsamkeiten und Unterschieden abarbeiten können. Denn DeLillos Themen, seine Sprache und der Aufbau des Romans sind jederzeit erkennbar. Baumbach garniert das mit einigen filmischen und popkulturellen Anspielungen.

Als eigenständige Interpretation versagt diese Verfilmung dann. Einmal weil der 136-minütige Film zu nah an dem plotlosen Roman ist; einmal weil die in dieser Satire formulierte Kritik an der US-amerikanischen Gesellschaft eine Welt kritisiert, die es vor vierzig Jahren gab.

Weißes Rauschen (White Noise, USA 2022)

Regie: Noah Baumbach

Drehbuch: Noah Baumbach

LV: Don DeLillo: White Noise, 1985 (Weißes Rauschen)

mit Adam Driver, Greta Gerwig, Don Cheadle, Raffey Cassidy, Sam Nivola, May Nivola, Lars Eidinger, Andre Benjamin, Jodie Turner-Smith, Barbara Sukowa

Länge: 136 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Jetzt im Kino. Ab 30. Dezember auf Netflix.

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Metacritic über „Weißes Rauschen“

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Wikipedia über „Weißes Rauschen“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Noah Baumbachs „Frances Ha“ (Frances Ha, USA 2012)

Meine Besprechung von Noah Baumbachs „Gefühlt Mitte Zwanzig“ (While we’re young, USA 2014)

Meine Besprechung von Noah Baumbachs „Mistress America“ (Mistress America, USA 2015)

Meine Besprechung von David Cronenbergs Don-DeLillo-Verfilmung „Cosmopolis“ (Cosmopolis, Frankreich/Kanada 2012)


TV-Tipp für den 14. September: The Killing of a sacred Deer

September 13, 2020

Arte, 22.00

The Killing of a sacred Deer (The Killing of a sacred Deer, Großbritannien/Irland 2017)

Regie: Yorgos Lanthimos

Drehbuch: Yorgos Lanthimos, Efthimis Filippou

Ein 16-jähriger Junge drängt sich in das Leben eines erfolgreichen Chirurgen.

In „The Killing of a sacred Deer“ interpretiert Yorgos Lanthimos („The Favourite“) den antiken Mythos der Iphigenie. Das Ergebnis enttäuschte mich.

Warum erkläre ich in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Colin Farrell, Nicole Kidman, Barry Keoghan, Alicia Silverstone, Raffey Cassidy, Sunny Suljic, Bill Camp

Hinweise

Moviepilot über „The Killing of a sacred Deer“

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Rotten Tomatoes über „The Killing of a sacred Deer“

Wikipedia über „The Killing of a sacred Deer“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Yorgos Lanthimos‘ „The Killing of a sacred Deer (The Killing of a sacred Deer, Großbritannien/Irland 2017)

Meine Besprechung von Yorgos Lanthimos‘ „The Favourite – Intrigen und Irrsinn“ (The Favourite, USA 2018)


Neu im Kino/Filmkritik: „Vox Lux“ – irgendwie die Geschichte einer Pop-Sängerin

Juli 25, 2019

2000 wird Celeste (Raffey Cassidy) mit einem kitschigen Lied bekannt, in dem die Dreizehnjährige ihre Gefühle nach einem Amoklauf an ihrer Schule, den sie schwer verletzt überlebte, verarbeitet. Weil das Lied zu einer überall gesungenen Hymne wird, erhält Celeste einen Plattenvertrag. Sie wird zu einem Star aufgebaut. Ihre Schwester, die Songwriterin Eleanor (Stacy Martin), ist immer bei ihr. Ihr Manager (Jude Law) und die Pressesprecherin Josie (Jennifer Ehle) kümmern sich um alles. Vor allem um die perfekte, massentaugliche Pop-Produktion.

Dieser Aufstieg nimmt die erste Hälfte von Brady Corbets zweitem Spielfilm ein. Und es ist die bessere Hälfte von „Vox Lux“.

Nach einem mehrjährigem Zeitsprung spielt die zweite Hälfte des Films 2017. Es werden die Stunden vor einem Konzert von Celeste geschildert. Sie ist ein großer Popstar und das Konzert in ihrem Heimatort ist der Abschluss ihrer Tour. Auf der Bühne ist sie ein in Science-Fiction-Outfits auftretender Star. Hinter der Bühne kämpft sie mit ihrer Drogensucht, ihren Stimmungsschwankungen und ihren Selbstzweifeln. Sie ist, wie man es aus der Regenbogenpresse kennt, ein Bündel von Allüren, das davon ausgeht, dass sich der gesamte Kosmos um sie dreht. Die Beziehung zu ihrer Tochter ist verkorkst.

Diese Hälfte ist eine zerfaserte Abfolge elend lang und ohne großen Erkenntnisgewinn vor sich hin mäandernder Dialoge, garniert mit einigen bedeutungsschwangeren Bildern.

In dieser Hälfte wird Celeste von Natalie Portman gespielt. Raffey Cassidy, die zuerst Celeste spielte, spielt jetzt ihre Tochter Albertine. Stacy Martin, Jennifer Ehle und Jude Law (der immerhin seinen Bart abrasierte) spielen, optisch unverändert, die Rollen, die sie in der ersten Filmhälfte spielten, weiter. Ein Grund für diese idiotische Entscheidung, eine Schauspielerin durch eine andere zu ersetzen und die ersetzte Schauspielerin eine andere Rolle spielen zu lassen, ohne ihr Aussehen zu verändern (was dann ja als Hinweis auf den Rollenwechsel verstanden werden könnte), ist nicht ersichtlich. Außer dass es einen irritiert.

Nach einer guten Stunde langweiligem Seelenstriptease gibt es dann den aus der Werbung bekannten Auftritt von Natalie Portman als Celeste in einer Spektakel-Pop-Show, die auch Madonna gefiele. Und Celestes Überleben während des Amoklaufs wird mit einer Geschichte erklärt, die Musikfans schon bei Robert Johnson besser gehört haben.

Vox Lux“ zerfällt in eine interessante erste und eine hoffnungslos zerfaserte zweite Hälfte. In der ersten Stunde, wenn Corbet den Weg eines Mädchens zu einem internationalen Popstar nachzeichnet, findet er immer wieder ungewohnte Wege, um seine Geschichte zu erzählen. Und diese Geschichte hat auch einen eindeutigen Fokus. Der fehlt in der zweiten Hälfte. Den Abschluss bildet dann das Popkonzert, das einem nur gefällt, wenn man diese Disco-Stampfmusik mag, zu der futuristisch gekleidete Männer und Frauen synchronisierte Tanzbewegungen abliefern.

Im Original ist Willem Dafoe der Erzähler, der immer wieder bedeutungsschwanger Celestes Leben mit weltpolitischen Ereignissen verknüpft. Dafoes Stimme ist ein eindeutiger Pluspunkt in einem Film, bei dem unklar ist, was er erzählen möchte.

Die Filmmusik ist von Scott Walker. Die Songs sind von Sia.

Vox Lux (Vox Lux, USA 2018)

Regie: Brady Corbet

Drehbuch: Brady Corbet

mit Natalie Portman, Jude Law, Stacy Martin, Jennifer Ehle, Raffey Cassidy, Christopher Abbott, Willem Dafoe (Erzähler im Original)

Länge: 115 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

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Neu im Kino/Filmkritik: Über Yorgos Lanthimos‘ „The Killing of a sacred Deer“

Dezember 28, 2017

Den meisten Kritikern gefällt Yorgos Lanthimos‘ neuer Film „The Killing of a sacred Deer“ und auf einer intellektuellen Ebene kann ich das auch nachvollziehen. Jedenfalls teilweise.

Es geht, in einem Satz, um eine Arztfamilie, die von einem jungen Mann, der ihr Leben zerstören will, bedroht wird und wie sich die Familie dagegen wehrt. Wie es sich für einen Mystery-Thriller gehört, wird der Grund für das zunächst seltsame Verhalten des jungen Mannes erst spät enthüllt. Spätestens in dem Moment ist der Filmtitel für Menschen mit einer gesunden abendländischen Bildung mühelos verständlich.

Und ungefähr jetzt begeben wir uns notgedrungen auf das Terrain von Spoilern.

Denn der Filmtitel spielt auf den griechischen Mythos der Iphigenie an. Danach muss Agamemnon seine Tochter Iphigenie opfern, weil er in einem heiligen Hain der Jagdgöttin Artemis einen Hirsch getötet hat und sich mit der Tat brüstete.

Im Film ist dann Doktor Steven Murphy Agamemnon. Vor Jahren starb bei einer Operation einer seiner Patienten. Vorher hatte der Patient einen Autounfall. Aber der ist für die Filmgeschichte egal. Irgendwie geplagt von Schuldgefühlen trifft er sich mit Martin, dem sechzehnjährigen Sohn des toten Patienten. Und dieser schleicht sich in Murphys Familie ein. Er will sogar Murphy mit seiner Mutter verkuppeln und so wohl wieder eine richtige Familie haben. Letztendlich ist Martin aber kein nach Liebe und Geborgenheit suchender Stalker, sondern der durchgeknallte Psycho von nebenan, den wir aus zahlreichen Filmen kennen und der stoisch seinen Racheplan verfolgt.

Denn er schleicht sich nicht nur in de Bilderbuchfamilie Murphy ein, sondern belegt sie mit einem Fluch. Plötzlich können Murphys beiden Kinder sich nicht mehr bewegen und Martin fordert Murphy auf, eines seiner Kinder zu opfern. Oder er werde die gesamte Familie töten.

Diesen eher wenig plausiblen Konflikt (Warum rächt er sich nicht an der Person, die den tödlichen Unfall verursachte? Warum will er nur Murphy und nicht auch das restliche Klinikpersonal bestrafen?) etablieren Lanthimos und seinem Stamm-Co-Autor Efthimis Filippou arg umständlich. Jedenfalls wenn man die gängigen Drehbuchregeln anlegt. Auch verglichen mit ihrem vorherigen, ungleich gelungeneren Film „The Lobster“ (ebenfalls mit Colin Farrell n der Hauptrolle) dauert es in „The Killing of a sacred Deer“ lange, bis der Konflikt etabliert ist und die damit zusammenhängende Geschichte beginnt. Dafür zeigen sie, in schönster David-Lynch-Manier inszeniert und mit Schauspielern, die konsequent unnatürlich spielen, in elegant gefilmten Szenen die bröselige Fassade des gut situierten Bürgertums. Diese Szenen bringen die Geschichte nicht vorwärts, aber sie etablieren eine herrlich ver-rückte, absurde Welt. Emotionslos werden Sätze vorgetragen. Man agiert eher neben- als miteinander und auch offensichtliche Lügen zerstören den schönen Schein nicht. Das führt zu wohltuenden Irritationen in einer durch und durch artifiziellen Welt, die mit der Realität oder einer realistischen Inszenierung der Realität nichts zu tun hat. Das ist eher die Welt von „Twin Peaks“. Ohne die Überhöhungen, Symbolismen und Andeutungen von großen Geheimnissen, die irgendwann gelöst werden.

In der zweiten Hälfte, wenn die Murphys Martin im Keller gefangenhalten (nicht in einem kleinen Kellerloch, sondern im Freizeitzimmer) und die üblichen Psychospielchen beginnen, mutiert „The Killing of a sacred Deer“ schnell zu einer banalen und erschreckend eindimensionalen Rachegeschichte in der Martin sich rächen und Murphy seine Familie beschützen will. Wie in Sabus „Happiness“, der vor einigen Wochen bei uns anlief und der in der Mitte einen ähnlichen erzählerischen Bruch hat, zieht sich dieser Teil elendig lang hin, ohne dass wir etwas substantiell neues erfahren, die Geschichte irgendeine Entwicklung hat oder das Thema aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird.

In „The Killing of a sacred deer“ wäre es natürlich die Frage, welches Opfer für eine schlimme Tat erbracht werden muss. Im alten Griechenland war es ein Menschenopfer. In dem Film verlangt das auch Martin. Immerhin ist, aus seiner Sicht, Murphy für den Tod seines Vaters verantwortlich.

Weil Lanthimos diese Frage nur innerhalb der von ihm selbst sehr eng gesteckten Regeln seines Spiel thematisiert, geht es nur darum, ob die Murphys Martin töten oder einer aus ihrer Familie (oder alle) sterben. Das hat einen Erkenntnisgewinn, der nicht über das alttestamentarische Auge um Auge, Zahn um Zahn hinausgeht, weil die Spielregeln genau so festgelegt wurden. Diese verkopfte Rache- oder, je nach Perspektive, Sühnegeschichte im Arthaus-Gewand ist damit sogar flacher als ein hundsgewöhnliches und strunzdummes Revenge-B-Movie.

The Killing of a sacred Deer (The Killing of a sacred Deer, Großbritannien/Irland 2017)

Regie: Yorgos Lanthimos

Drehbuch: Yorgos Lanthimos, Efthimis Filippou

mit Colin Farrell, Nicole Kidman, Barry Keoghan, Alicia Silverstone, Raffey Cassidy, Sunny Suljic, Bill Camp

Länge: 121 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

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Die Cannes-Pressekonferenz

Q&A beim TIFF


Neu im Kino/Filmkritik: „A world beyond“ im Tomorrowland hier und da

Mai 22, 2015

Der Anfang von Brad Birds neuem Film „A world beyond“ (er war zuerst als „Projekt: Neuland“ angekündigt) ist eine schöne Einführung in verschiedene Weltsichten und auch ein kleiner Ulk auf Kosten des Produzenten: George Clooney wendet sich direkt an uns und sagt, dass man die nun folgende Geschichte in die richtige Perspektive setzen müsse. Nämlich die Negative, mit Kriegen und von Menschen verursachte Umweltzerstörung und Katastrophen, die die Welt zerstören. Eine Stimme unterbricht ihn und fordert eine postivere Perspektive. Für Kinder ist diese Szene sicher nur ein gelungener Witz, für Filmkundige eine liebevolle Auseinandersetzung mit der immer positiven Disney-Welt und der ganz anderen Realität, die natürlich im weiteren Film nur noch eine Nebenrolle spielt. Immerhin ist der retrofuturistische Science-Fiction-Abenteuerfilm „A world beyond“ ein Disney-Film, der sich in erster Linie an das typische Disney-Publikum, also Kinder, richtet, ohne dass Erwachsene schreiend den Saal verlassen müssen. Für die gibt es genug Subtexte, Anspielungen und filmische Zitate, um sie kurzweilig zu unterhalten, während die Geschichte auf der logischen Ebene wenig bis keinen Sinn ergibt. Dafür stimmt die emotionale Reise, auf die uns Regisseur und Drehbuchautor Brad Bird (Ratatouille, Mission: Impossible – Phantom Protokoll) und Mit-Drehbuchautor Damon Lindelof (Lost, World War Z) mitnehmen umso mehr.

Casey Newton (Britt Robertson) ist als Teenager ein echter Wildfang, die sich, wenn sie nicht gerade um ihren jüngeren Bruder kümmert, die Abrissbagger an einer Raketenabschussrampe in Cape Canaveral sabotiert (sie will den Abriss und die damit drohende Arbeitslosigkeit ihres Vaters verhindern). Sie ist superschlau, von der Technik begeistert und gnadenlos fortschrittsgläubig. Die Optimistin glaubt, dass mit Erfindungen eine bessere Welt möglich ist. Sie ist die große Schwester, die wir als Zehnjährige gerne gehabt hätten.

Als sie nach einem ihrer nächtlichen Streifzüge inhaftiert wird, erhält sie bei ihrer Entlassung einen Button mit einem „T“, der sie, als sie ihn anfasst, in eine andere Welt versetzt. Es ist das Tomorrowland, dessen Silhoutte dem bekannten Disney-Logo ähnelt und in Disneyworld gab es bereits 1955 den ersten „Tomorrowland“-Themenpark, der den naiven, an seine technische Machbarkeit glaubenden Fortschrittsglauben der fünfziger Jahre huldigte und der sich auch bruchlos im Film wiederfindet.

Als forschungsbegeisterte Jugendliche will Casey natürlich mehr über diese fantastische, saubere und perfekte Zukunftswelt erfahren und sie begibt sich auf eine gefahrvolle Reise, auf der sie auch Frank Walker (George Clooney) begegnet. Vor Jahrzehnten war er, wie sie, ein an eine wundervolle Zukunft voller wundervoller technischer Spielereien und Gadgets glaubender Jugendlicher. Für die Weltausstellung 1964 hat der damals Zehnjährige einen Raketen-Rucksack erfunden, der noch nicht perfekt funktionierte. Anstatt nach oben bewegte er sich seitwärts. Damals gab die gleichaltrige Athena (Raffey Cassidy) ihm ebenfalls einen „T“-Button und er konnte das Tomorrowland, ein Ort, in dem die besten Erfinder der Welt abgeschieden von der normalen Welt, an Erfindungen, die die Welt zu einem besseren Ort machen sollen, arbeiten.

Doch dieser Traum wurde irgendwann zu einem Alptraum, der auch unsere Welt bedroht.

Als letzte Chance für eine Rettung beider Welten hat die immer noch jugendliche Athena Casey den letzten „T“-Button gegeben.

Aber bis wir erfahren, wer Tomorrowland und die Welt zerstören will und Casey und Frank auf den erstaunlich blassen Bösewicht treffen, muss sie in der Gegenwart (im SF-Andenkenladen „Blast from the Past“ und mit vielen menschenähnlichen Robotern) und in der Vergangenheit (die etwas mit dem Eiffelturm zu tun hat) viele Abenteuer erleben, die alle in sich vergnüglich sind, aber, genau wie ein Kindergeburtstag, nicht viel Sinn ergeben. Außer natürlich, dass man eine gute Zeit hat.

A World Beyond - Plakat

 

A world beyond (Tomorrowland, USA 2015)

Regie: Brad Bird

Drehbuch: Brad Bird, Damon Lindelof (nach einer Geschichte von Damon Lindelof, Brad Bird und Jeff Jensen)

mit George Clooney, Britt Robertson, Hugh Laurie, Raffey Cassidy, Tim McGraw, Keegan-Michael Key, Kathryn Hahn, Thomas Robinson, Judy Greer

Länge: 130 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

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Film-Zeit über „A world beyond“

Moviepilot über „A world beyond“

Metacritic über „A world beyond“

Rotten Tomatoes über „A world beyond“

Wikipedia über „A world beyond“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Brad Birds „Mission: Impossible – Phantom Protokoll“ (Mission: Impossible – Ghost Protocol, USA 2011)