Das Cabinet des Dr. Caligari (Deutschland 1920, Regie: Robert Wiene)
Drehbuch: Hans Janowitz, Carl Mayer
Der wahnsinnige Dr. Caligari versetzt eine norddeutsche Kleinstadt in Angst und Schrecken.
Ein Stummfilmklassiker, ein Horrorfilmklassiker, ein Klassiker es expressionistischen Films und sicher noch einige „Klassiker“-Ernennungen mehr – und in jedem Fall in der heute präsentierten restaurierten Fassung, die auf dem Kameranegativ basiert, ein Augenschmaus. Und ein Ohrenschmaus: denn es wird die von John Zorn live während der Berlinale-Premiere auf der Karl-Schuke-Orgel der Berliner Philharmonie gespielte Musik den Ton angeben.
D. h.: Aufnahmebefehl!
mit Werner Krauß, Conrad Veidt, Lil Dagover, Hans Heinrich von Twardowski, Rudolf Lettinger
ZDFneo, 20.15 Arlington Road (USA 1999, Regie: Mark Pellington)
Drehbuch: Ehren Kruger
Mein Nachbar, der Terrorist – oder doch nicht?
Feiner Paranoia-Thriller mit einem bombigen Ende.
mit Jeff Bridges, Tim Robbins, Joan Cusack, Hope Davis, Robert Gossett Hinweise Rotten Tomatoes über „Arlington Road“
Wikipedia über „Arlington Road“ (deutsch,englisch)
Mit „Foxcatcher“ kommt der nächste, für mehrere Oscars nominierte Film in unsere Kinos. Fünf insgesamt. Bennett Miller, der als bester Regisseur nominiert ist, inszenierte vorher das grandiose Biopic „Capote“ (über Truman Capote und seine Recherche zu „In Cold Blood“) und das Baseball-Biopic „Die Kunst zu gewinnen – Moneyball“. Auch bei seinem neuen Film „Foxcatcher“ bleibt er in der Welt des Sports. Dieses Mal ist es Ringen und auch ein True-Crime-Drama, das reichlich frei die Vorgeschichte zu einen in den USA bekanntem und spektakulärem Mordfall erzählt. Denn „Foxcatcher“ erzählt – ich folge jetzt der Filmgeschichte – die Geschichte der Wrestling-Brüder Mark (Channing Tatum) und Dave Schultz (Mark Ruffalo, nominiert als bester Nebendarsteller), die 1984 bei den Olympischen Spielen in Los Angeles jeweils Gold erhielten, und ihrer Beziehung zu John du Pont (Steve Carell, nominiert als bester Hauptdarsteller). Er gehört zur Du-Pont-Dynastie, die ihr Vermögen mit Sprengstoff für das Militär machten und eine der reichsten Familien der USA ist. Von normalen Sorgen enthobener Geldadel eben. Seine Zeit investiert John du Pont in exzentrische Hobbys, die Pflege seines Images und er kämpft um die Achtung seiner Mutter (Vanessa Redgrave); was vergebliche Liebesmüh ist, weil John du Pont nicht den Reitstall seiner Mutter übernehmen will und sie für seine Hobbys nur Verachtung übrig hat. Seine neueste Idee, die er mit manischer Begeisterung verfolgt, ist ein eigenes Wrestling-Team, das von Mark Schultz geleitet wird. Sein Ziel ist Gold bei der nächsten Olympiade.
Als das Training stockt, holt er Dave Schultz, den Bruder von Mark, auf sein Anwesen, auf dem die Ringer frei von finanziellen Sorgen trainieren können. Mark, der sich endlich von seinem Bruder emanzipieren will, ist damit nicht einverstanden. Dennoch raufen die beiden Brüder sich zusammen und das Team „Foxcatcher“ (so der ihm von du Pont gegebene Name) fährt 1988 zu den Olympischen Spielen nach Seoul.
Diese Geschichte endet – Das ist jetzt kein Spoiler. -, indem John du Pont Dave Schultz erschießt und für diese Tat auch zu einer langjährigen Haftstrafe (dreizehn bis dreißig Jahre) verurteilt wird. John du Pont starb im Dezember 2010 im Gefängnis, aber das sehen wir nicht mehr.
Der Film endet vor der Verhandlung und das könnte, immerhin ist die Atmosphäre in „Foxcatcher“ immer schön unangenehm, die klinische Studie eines geistig kranken Milliardärs sein. Oder halt die Geschichte von seinem neuesten Projekt, das sich zu einem Misserfolg entwickelt. Oder, immerhin wird Mark Schultz am Anfang als Protagonist eingeführt, die Geschichte einer versuchten Verführung, indem ihm Geld und Ruhm angeboten werden. Oder über die Beziehung der beiden Schultz-Brüder zueinander. Alles das spricht Regisseur Bennett Miller an, ohne dass er sich jemals für eine Geschichte entscheidet. Was in diesem Fall dazu führt, dass man eher mäßig interessiert die schleppend inszenierte Handlung verfolgt.
So verschwindet die Anfangs breit eingeführte Geschichte der beiden Brüder irgendwann aus der Filmgeschichte. Die olympischen Kämpfe, auf die Foxcatcher-Mannschaft so lange hin trainierte, werden so knapp und lieblos gezeigt, dass es vollkommen unklar ist, ob und welche Medaillien sie gewonnen haben.
In diesen Momenten wird dann du Pont wichtiger, aber der Mord an Dave Schultz am Ende des Films kommt dann ohne Vorwarnung als Affekttat. Eine Affekttat, die im Film so aussieht, als sei du Pont, nachdem das von ihm geförderte Team die Olympiade nicht gewann, die Person tötet, die dafür verantwortlich ist. Nämlich den Trainer der Mannschaft. Und als I-Tüpfelchen will Dave Schultz den Tag nicht mit ihm, sondern mit seiner Familie verbringen.
In Wirklichkeit lagen zwischen der Olympiade und der Tat acht Jahre. Und John du Pont war, laut medizinischer Diagnose, ein paranoider Schizophrener.
Dieser durchgehend laxe Umgang mit den Tatsachen verärgert. Denn Miller und die Drehbuchautoren E. Max Fry und Dan Futterman (ebenfalls Oscar-nominiert) behaupten hier Kausalitäten, Beziehungen und Konflikte, die es so nicht gab. „Foxcatcher“ ist nur von wahren Ereignissen inspiriert und schafft dabei einen interessanten, aber auch idiotischen Spagat: einerseits wurde sich bei Details viel Mühe gegeben, andererseits ist der zentrale Konflikt – die Dreiecksbeziehung zwischen den Schultz-Brüdern und du Pont – erfunden und, obwohl eindeutige Erklärungen vermieden werden (was kein Problem sein muss. Etwas Ambivalenz schadet nie.), legt die Anordnung des Materials wiederum Erklärungen nahe, die so einfach falsch sind. Und das ist dann, wenn man die Hintergründe kennt, ein großes Problem. Vor allem weil die Tatsachen mehr als genug Stoff für mehrere Filme hergeben.
Da helfen die guten Schauspieler und die Kamera nicht weiter. So ist Steve Carell hinter der Maske kaum erkennbar und er spielt weitab von seinen Komödienrollen einen beziehungsgestörten Egomanen, der sich nach Liebe sehnt und die Empathie eines Eisklotzes versprüht. Er ist kein Mensch, mit dem man länger als nötig in einem Raum sein möchte. Auch seine Mutter, Vanessa Redgrave in einer prägnanten Nebenrolle, ist in ihrem Snobismus ebenso unangenehm. Sie ist, abgesehen von seiner Schizophrenie, in jeder Beziehung das Vorbild für ihren Sohn.
Oder der erste Ringkampf zwischen den Brüdern Mark und Dave, der ohne Worte alles über ihre Beziehung verrät und der erst gegen Ende, wenn er sich von einem Training zu einem Kampf entwickelt, öfter geschnitten wurde. Das ist großes Kino.
„Foxcatcher“ hat noch einige solcher eindrucksvollen Szenen, aber er kann sich nicht entscheiden, welche Geschichte er erzählt und, ohne Vorwissen, fühlt man sich wie in einem Alptraum. Leider keinem besonders interessanten.
Wenn man sich allerdings in die historischen Hintergründe vertieft, fragt man sich, warum Miller sich nicht an die Tatsachen hielt, sondern eine ziemlich erfundene Geschichte erzählt, die er als Wahrheit verkauft.
Arte, 20.15 5 Jahre Leben (Deutschland 2013, Regie: Stefan Schaller)
Drehbuch: Stefan Schaller, David Finck
Es trifft ja nur Terroristen. Zum Beispiel diesen Deutschtürken Murat Kurnaz, der kurz nach 9/11 als „feindlicher Kämpfer“ nach Guantánamo gebracht wurde. Nach fünf Jahren – auch weil die Bundesregierung absolut keine Eile hatte, den unschuldig Inhaftierten Kurnaz wieder in Deutschland einreisen zu lassen – kehrte er 2006 nach Bremen zurück.
Stefan Schallers beeindruckener Spielfilm konzentriert sich auf die Verhöre durch Gail Holford und Kurnaz‘ Kampf um seine Würde. Gerade dank dieser Beschränkung gewinnt er an erzählerischer Kraft. Mehr in meiner ausführlichen Besprechung des Films.
mit Sascha Alexander Gersak, Ben Miles, Trystan Pütter, John Keogh, Timur Isik, Kerem Can, Siir Eloglu, Tayfun Bademsoy Hinweise
Wie zeige ich Computercodes, das Internet und den Cyberkrieg? Schwierig, aber in den vergangenen Jahren gab es ja einige interessante Ideen. Michael Mann, einer der stilprägenden und stilistisch überzeugendsten Regisseure der verganenen Jahrzehnte, stand in seinem neuen Thriller „Blackhat“ ebenfalls vor der Frage. Denn in dem Film geht es um den Cyberwar, einen skrupellosen Gangster und zwei Männern, die gegen ihn kämpfen.
Es beginnt mit Angriffen auf das Chai Wan Atomkraftwerk in Hong Kong und die Börse in Chicago. Den ersten Angriff zeigt Michael Mann in einer atemberaubenden Montage, in der die Kamera sich von China durch Datenleitungen und Computer zu einem weit entfernten Ort rast, wo die Kamera sich aus einem Computer heraus in das Zimmer bewegt, in dem der Verbrecher, mit einem Tastendruck seine Schadsoftware losschickt. Beim zweiten und dritten Verwenden dieser Montage fällt dann vor allem die bescheidene Animation auf. Die restliche Zeit lässt Mann, wenn er die Computerspezialisten bei der Arbeit beobachtet, dann Männer angestrengt auf Bildschirme blicken (langweilig!) und zeigt einen mit grünen Buchstaben, Zahlen und Ziffern gefüllten schwarzen Bildschirm. Das ist noch langweiliger (jaja, in der Wirklichkeit ist das so) und erinnert an die Uralt-Cybercrimethriller aus den Achtzigern und Neunzigern, die heute sogar durch die nostalgische Brille betrachtet, nur langweiliger Unfug sind. Und genau das ist „Blackhat“: langweiliger Unfug, der gerade so die Qualität eines passablen, aber verzichtbaren B-Pictures erreicht, das sich mit einer sattsam bekannten Story einfach an ein aktuelles Thema, wie Drogenhandel, Terrorismus oder halt Cybercrime, ranhängt. Da hilft es auch nichts, dass Computerexperten sich über die richtige Verwendung von Fachbegriffen und der richtigen Darstellung von Abläufen freuen.
Denn der Plan des extrem blassen und austauschbaren Bösewichts ist hirnrissig, sichert ihm aber die uneingeschränkte Aufmerksamkeit aller Sicherheitsbehörden von zwei normalerweise miteinander verfeindeter Weltmächte. Als erstes jagt er ein AKW in die Luft. Danach manipuliert er die Börse. Das waren die unauffälligen Testläufe seiner Software. Sein nächstes Ziel bleibt lange im Dunkeln, aber unsere tapferen Helden entdecken es mit einer Sherlock-Holmes-würdigen Deduktion.
Der Held, gespielt von Chris Hemsworth, ist der Super-Supermann: der beste Hacker der Galaxis, sportlich, an allen möglichen und unmöglichen Waffen ausgebildet, philosophisch bewandert und ein echter Frauenheld, der sich in die sexy Schwester von seinem Unifreund verliebt. Der Unifreund, ebenfalls ein begnadeter Hacker, Chinese und jetzt im Staatsdienst, will bei der Jagd nach dem unbekannten Saboteur unbedingt seinen alten Kumpel Nick Hathaway haben. Denn ein Teil der Schadsoftware wurde von Hathaway an der Uni, als kleine Entspannungsübung, geschrieben.
Dieses Dreieck von zwei miteinander befreundeten Männern und einer Frau erinnert an „Miami Vice“. Sowieso wirkt „Blackhat“ oft wie „Miami Vice 2“, der allerdings nie die hypnotische Qualität erreicht, die „Miami Vice“ in seinen besten Momenten hatte. „Miami Vice“ ist allerdings auch ein eher konfuses Remake der TV-Serie mit einem größeren Budget, aber ohne neue Erkenntnisse.
Auch all die anderen vertrauten Michael-Mann-Elemente sind da: die Männerfreundschaften, die dünne Grenze zwischen Gut und Böse, die Beziehungen der Charaktere zueinander, die tollen Bilder (allerdings viel zu wenige; meistens sind es eben Nahaufnahmen von Menschen, die in Räumen an Schreibtischen sitzen), die Musik. Aber immer wirkt es wie eine Pflichtübung.
Die Story ist eine Ansammlung von Klischees, die wir aus besseren Filmen kennen. Denn „Blackhat“ kann sich nie entscheiden, was in welchem Tonfall seine Geschichte erzählt werden soll. So schwankt der Film unentschlossen zwischen einem realistichen Hackerkrimi, einem eskapistischer James-Bond-Film, einem Neo-Noir, der dieses Mal vor exotischer Kulisse spielt, und, gegen Ende, einem Gangsterthriller.
Und diese Filmgeschichte ist – trotz des realen Hintergrundes und den stimmigen Details – unglaubwürdig. Eigentlich verharmlost sie in der Post Snowden-Ära die realen Gefahren des Cyberkriegs, indem die altbekannte Geschichte von dem Einzelgänger, der im Alleingang den Bösewicht (der als Handlanger einige Terroristen und Söldner hat) in einer ganz und gar irdischen Konfrontation besiegt. Sozusagen: Nick Hathaway gegen Doktor Mabuse.
Das ist nicht besonders beeindruckend.
Einige Spötter meinten, es sei eine vollkommen bescheuerte Idee von Warner Brothers gewesen, „Jupiter Ascending“ während des Sundance Festivals der Welt zu präsentieren. Naja, die Welt bei der Premiere war dann ein kleiner Kinosaal (knapp 300 Sitzplätze), der spartanisch gefüllt war und sich während der Vorführung leerte. Was keinen Außenstehenden ernsthaft verwunderte: ein Mainstreamfilm, ein Big-Budget-Science-Fiction-Abenteuer, das 175 Millionen Dollar gekostet haben soll, selbstverständlich in 3D gezeigt wird, und schon dessen Plot-Synopse eher ein jüngeres Publikum anpeilt, vor einem Arthaus-Publikum zu präsentieren, das vor allem Filme ohne Stars (oder Stars ohne Schminke), ohne Hollywood-Plot und ohne Budget liebt; das kann ja nur schief gehen.
Aber auf Festivals werden Filme ja oft ungerecht behandelt.
Das ändert allerdings nichts daran, dass, nach dem durchaus sehenswertem „Cloud Atlas“ der Wachowski-Geschwister und Tom Tykwer, „Jupiter Ascending“ ein einziger Murks ist. Das beginnt schon mit dem konfusen und sinnfreien Plot. Jupiter Jones (Mila Kunis) ist eine junge, auf der Erde als Putzfrau lebende Schönheit. Sie erfährt, dass sie von königlichem Geblüt und designierte Thronfolgerin einer das gesamte Weltall beherrschenden Dynastie ist. Deshalb wollen irgendwelche Aliens sie töten. Ein anderer Alien, der wie Channing Tatum mit spitzen Ohren aussieht, rettet sie. Er hat supercoole Schuhe, die ihn, wenn er mit ihnen scheinbar schwerelos, einen langen Schweif hinter sich herziehend, durch die Nacht surft, zu einem Nachfolger von Silver Surfer machen. Er heißt Caine und er will die junge Majestät retten.
Nach einigen epischen Schlachten verlässt die Filmgeschichte endgültig die Erde und es gibt einen verwirrenden, aber auch komplett uninteressantes Intrigantenstadel über Jupiter und die Erde, die Teil von irgendwelchen königlichen Erbmassen ist. Dazwischen gibt es einige Kämpfe, die vor allem dazu dienen, die Qualitäten des edlen Ritters bei der Rettung der jungen Dame aus gefährlichen Situation, wie einer Heirat, zu zeigen.
Dieser Teil des Films spielt in Kulissen, die an die alten Sandalenfilme erinnern, die ja alle irgendwie bei den alten Ägyptern, Griechen und Römern spielten und die, wenn das Budget hoch genug war, von einer gediegenen und schon vor einem halben Jahrhundert muffigen Ernsthaftigkeit lebten. Auch die damaligen Palastintrigen waren nur mäßig interessant. Vor allem wenn endlos lange darüber geredet wurde. Und in „Jupiter Ascending“ wird endlos geredet. In wallenden Gewändern. Mit einer Hofgarde, die teils aus einem schlechten SM-Porno übernommen wurde, teils mutierte Dinosaurier aus dem CGI-Department sind.
In diesen Momenten fragte ich mich, warum uns in jeder Beziehung weit überlegene Rassen sich immer so mediterran anziehen müssen und sich architektonisch an längst untergegangenen Kulturen orientieren. Können Sie uns nicht neue Welten, die noch kein Mensch je gesehen hat, zeigen?
Zwischen dem Gequatsche gibt es dann nett anzusehende Action, die zu ungefähr hundert Prozent aus dem Computer kommt und die eher verwirrend als mitreisend geschnitten ist.
Und dann gibt es noch eine witzig gemeinte Szene, in der Jupiter Jones eine außerirdische Einwanderungsbürokratie über sich ergehen lassen muss. Das sieht wie ein Mix aus Kafka und „Brazil“ Terry Gilliam (der in dieser Szenen seinen Mini-Auftritt hat) aus, ist aber weder kafkaesk, noch satirisch, sondern nur absurd in der Fähigkeit, eine in den restlichen Film vollkommen unpassende Szene einzufügen. Witzig ist es auch nicht.
Es ist kaum zu glauben, dass Andy und Lana (früher Larry) Wachowski mit ihren ersten beiden Filmen „Bound“ und „Matrix“ spannende Genrevarianten lieferten und mit „Matrix“ sogar eine neue Welt schufen, die stilprägend war. Ihr neuester Film knüpft nur an die alten, ungleich gelungeneren und kurzweiligeren Science-Fiction-Space-Operas an. Also an „John Carter zwischen zwei Welten“ (die Romanvorlage wurde in den vergangenen hundert Jahren filmisch so weit geplündert, dass der Kinofilm wie ein Remake der anderen Filme aussah), „Flash Gordon“ (in jeder Inkarnation) und die Original-„Krieg der Sterne“-Filme. Geremixt mit den Monumentalfilmen, die wir aus dem Nachmittagsprogramm kennen. „Quo Vadis“, „Cleopatra“, „Land der Pharaonen“, „Die letzten Tage von Pompeji“, „Der Koloß von Rhodos“ und so Zeug, das man nicht unbedingt zweimal sehen will.
„Jupiter Ascending“ ist nur alter Wein in alten Schläuchen. Garniert mit besseren Spezialeffekten, aber gänzlich ohne Humor. Während des ganzen Films ist ein pathetischer Ernst am Werk, der höchst selten wenigstens die Dimension des unfreiwilligen Humors erreicht.
Dafür wird in dieser pubertären Fantasie ein bekanntes Klischee nach dem nächsten bedient. Es gibt nicht einmal eine Brechung oder einen überraschenden Moment, wie das lesbische Liebespaar in „Bound“. Schon das Wechseln der Geschlechter der Hauptcharaktere, ein homoerotischer oder lesbischer Kontext hätten dieser alten Geschichte Esprit verliehen. Aber noch nicht einmal dieses Quentchen Mut bringen die Wachowski-Geschwister im Moment auf.
Diese Druckwerke empfehlen die Damen und Herren der KrimiZeit in ihrer aktuellen Bestenliste:
1 (2) Denise Mina: Das Vergessen
2 (-) Jesper Stein: Weißglut 3 (-) Dennis Lehane: The Drop – Bargeld
4 (-) Tana French: Geheimer Ort
5 (8) Oliver Harris: London Underground
6 (-) Norbert Horst: Mädchenware
7 (7) Andrew Brown: Trost
8 (-) Tony Parsons: Dein finsteres Herz
9 (9) Jo Nesbø: Der Sohn
10 (10) Nathan Larson: Boogie Man
–
In ( ) ist die Platzierung vom Vormonat.
Schon der Anfang von „Untervörde“ erfordert einiges an Gutwilligkeit. Immerhin sollen wir glauben, dass eine 22-jährige erst während einer sommerlichen Fahrradtour 2012 zufällig erfährt, dass ihre Mutter im August 1997 ermordet wurde. Ihr wurde damals gesagt, dass ihre Mutter bei einem Autounfall starb. Ihr Vater zog mit ihr aus dem Dorf Untervörde weg – und sie hat deshalb auch nicht erfahren, dass der Mörder ihrer Mutter kurz darauf verhaftet und verurteilt wurde.
Auch später erfuhr Klara Göbel nichts davon. Während all der Jahre hat niemand in der Verwandschaft oder von den Bekannten ihres Vaters darüber gesprochen. Naja, ihre gesamte Verwandschaft ist schon tot und zu den früheren Bekannten ihrer Eltern hat sie keinen Kontakt. Auch im Nachlass ihres Vaters entdeckte sie nichts. Und, wenn wir gerade dabei sind, auch kein Reporter fragte bei ihr, was sie davon hält, dass der Mörder ihrer Mutter wieder frei kommt. Immerhin zog sie von Untervörde an der Weser nach Berlin und sie änderte nicht ihren Namen. Bei der heutigen Aufregung über Sexualmorde ist das ein durchaus naheliegender Gedanke. Immerhin wurde ihre Mutter vergewaltigt und erdrosselt.
Außerdem wirken alle Alterangaben immer leicht verschoben. So ist Klaras Mutter 1971 geboren; sie gebar ihre Tochter 1990 als Neunzehnjährige. Ist selten, kommt aber in den besten Familien vor. Ihr Vater ist einige Jahre älter. Er starb 2011 mit Anfang fünfzig. D. h. er ist spätestens 1960 geboren. Dieser Altersunterschied von über zehn Jahren scheint in dem Dorf allen egal gewesen zu sein. Denn er wird im Roman nicht einmal angesprochen.
Ebenso seltsam ist die Beziehung von Klara zu ihrem Vater. Immerhin heißt es auf Seite vierzig, dass sie sich schon seit Jahren nicht mehr gesehen haben, während sie in Berlin die Schauspielschule absolvierte und mit Anfang Zwanzig abschloss. Das ist jetzt zwar nicht gänzlich unmöglich, aber wenn man die Erinnerungen von Klara an ihren Vater liest, denkt man eher an eine Endzwanzigerin. Aber eigentlich hat sie ihn, ohne dass uns irgendein Grund genannt wird, dann wohl seit ihrem sechzehnten oder siebzehnten Geburtstag nicht mehr gesehen.
Selbstverständlich kann es die merkwürdigsten Beziehungen geben und wahrscheinlich wird jetzt irgendein Leser brüllen „ich kenne eine solche Familie“, aber es ist einfach unnötig kompliziert, nicht besonders glaubwürdig und lenkt von der eigentlichen Geschichte ab. Denn Höhmann hätte auch einfach schreiben können, dass Klara die Erinnerungen überkamen, als sie im Wald das Kreuz sah und sie schockiert war, dass der Mörder wieder frei ist.
Schockiert ist sie auch im Roman. Aber ihr aus heiterem Himmel kommender Hass gegen den Mörder und ihre Rachegelüste wirken absolut nicht glaubwürdig. Denn plötzlich wird aus der Frau, die nichts über ihre Mutter weiß, eine die Todesstrafe befürwortende Furie, die wild gegen die lasche Justiz und den vor Gericht lügenden Mörder und seinen Anwalt polemisiert; – ehe sie plötzlich aus der Geschichte verschwindet und mit ihr verschwindet auch die Justizkritik.
Stattdessen beginnen zwei Polizisten den Mörder von Bernd Pohlmeier, dem damaligen Täter, zu suchen und eine Sache ist sicher: Klara, die für die Polizei auch keine Tatverdächtige ist, hat ihn nicht umgebracht. Immerhin will sie in diesem Moment immer noch Pohlmeier umbringen. Damit werden ihre Selbstjustizgedanken in diesem Moment zu einer akademischen Übung mit einem höchst unangenehm reaktionärem Beigeschmack. Denn das ist dieser „wegsperren, und zwar für immer“-Populismus, der bestimmten Angeklagten nur ein Verfahren vor einem Lynchmob zugesteht.
„Untervörde“ ist ein psychologisch vollkommen unglaubwürdiger Krimi, der nie versucht glaubwürdige Charaktere in einer glaubwürdigen Geschichte zu präsentieren. Stattdessen läuft eine Trägerin des vermeintlich gesunden Volksempfindens kopflos durch die unnötig komplizierte, zunehmend uninteressantere Geschichte.
– Christiane Höhmann: Untervörde grafit, 2014 192 Seiten
9,99 Euro
– Hinweise Homepage von Christiane Höhmann LovelyBooks über „Untervörde“
ARD, 20.15 Der blinde Fleck – Das Oktoberfestattentat(Deutschland 2013, Regie: Daniel Harrich)
Drehbuch: Ulrich Chaussy, Daniel Harrich
Oktoberfest 1980: Bei einem Anschlag sterben 13 Menschen. 211 werden verletzt. Als Einzeltäter wird Gundolf Köhler, der bei dem Attentat starb, identifiziert. Dass der Student auch Mitglied der Wiking-Jugend und der rechtsradikalen Wehrsportgruppe Hoffmann war, ist egal. Aber Radioreporter Ulrich Chaussy stellt Fragen.
Das passiert selten: dem durchwachsenen Politthriller gelang es, das Oktoberfestattentat wieder ins gesellschaftliche Bewusstsein zurückzuholen und auch neue Ermittlungen zu initiieren. Denn die Einzeltäterthese war schon immer umstritten.
Im Anschluß, um 21.45 Uhr, läuft die spielfilmlange Doku „Attentäter – Einzeltäter? Neues zum Oktoberfestattentat“ von Daniel Harrich. In ihr erzählt er, was nach der Premiere des Films geschah und welche neuen Fakten seitdem bekannt wurden. Denn der Film stieß neue Ermittlungen über das Oktoberfestattentat durch den Generalbundesanwalt an.
ZDFneo, 00.10 Low Winter Sun: 24 lange Stunden (USA 2013, Regie: Ernest Dickerson)
Drehbuch: Chris Mundy (basierend auf „Low Winter Sun“ von Simon Donald)
Detroit: Frank Agnew (Mark Strong) und Joe Geddes (Lennie James) bringen ihren korrupten, alkohlsüchtigen Kollegen Brendan McCann, der Agnews Freundin ermordet haben soll, um und lassen es wie einen Suizid erscheinen. Als in McCanns Auto eine verstümmelte Leiche gefunden wird, soll Agnew die beiden Morde aufklären. Dabei war der Verstümmelte ein Informant für den internen Ermittler Simon Boyd (David Costabile), der gegen McCann ermittelte. Und Agnew fragt sich, wie sehr er Geddes, der seit vier Jahren der Partner von McCann war, trauen kann.
„Low Winter Sun“ ist das Remake des gleichnamigen englischen TV-Films von 2006, in dem Mark Strong ebenfalls die Hauptrolle spielte. Aber aus dem Zweistünder wurde jetzt eine zehnteilige TV-Serie, die sich viel Zeit für ihre Charaktere und ihre Verwicklungen nehmen kann. Denn hier hat jeder mindestens einen Grund, seinen Partnern zu misstrauen. Die ersten beiden Folgen machen jedenfalls neugierig.
ZDFneo zeigt die düstere Serie zu einer unchristlichen Zeit, aber dafür immer nur eine Folge.
Mit Mark Strong, Lennie James, James Ransone, Sprague Grayden, Athena Karkanis, Ruben Santiago-Hudson, David Costabile, Billy Lush Hinweise ZDFneo über „Low Winter Sun“ Rotten Tomatoes über „Low Winter Sun“
Wikipedia über „Low Winter Sun“ (deutsch, englisch) Crime Time Preview über „Low Winter Sun“
Eine Serie oder eine Trilogie sind die drei „Badass Gets Out of Jail“-Romane von Dave Zeltserman nicht. Eigentlich sind sie eine Schreibübung, in der, ausgehend von einer Ausgangsidee – ein harter Junge verlässt das Gefängnis – verschiedene Geschichten erzählt werden. In „Small Crimes“ (2008, noch nicht übersetzt) ist es ein Polizist, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde und jetzt, wenn ein todkranker Mafiosi singt, wieder ins Gefängnis zurück muss.
In „Paria“ (Pariah, 2009) ist es ein Mobster, der sich nach einem Verrat, der ihn ins Gefängnis brachte, an dem Verräter rächen will.
Und in „Killer“ (Killer, 2010) ist es ein Mafiakiller, der 1993 einen Deal mit dem Staatsanwalt macht, seine 28 Morde gesteht und nach vierzehn Jahren aus dem Gefängnis entlassen wird.
Als Leonard March entlassen wird, ist er Zweiundsechzig. Seine Frau ist verstorben. Seine Kinder wollen nichts mit ihm zu tun haben. Sein Vermögen ist futsch. Und sein Ex-Boss Salvatore Lombard will ihn, daran zweifelt March keine Sekunde, umbringen. Während er auf seine baldigen Tod wartet, richtet er sich provisorisch in seinem neuen Leben ein. Er hat, vermittelt durch seinen Fallmanager, eine Wohnung (eigentlich eine abgeranzte Einzimmerbude) und einen Job als Putzmann in einem Bürogebäude. Mitten in der Nacht, wenn er keinen anderen Menschen trifft. March bemüht sich, möglichst wenig aufzufallen, während er sich an seine Vergangenheit erinnert.
Aber dann trifft er Sophie, eine junge Frau, die dringend Geld benötigt und die mit ihm ein Buch über ihn schreiben möchte. March ist von der Frau fasziniert – und man muss wirklich keinen Noir gelesen haben, um zu wissen, dass sie mit gezinkten Karten spielt.
Zeltsermans Hardboiled-Gangstergeschichte „Killer“ ist ein grandioser Noir mit einem echten Killer-Ende.
Eine absolute Leseempfehlung.
– Dave Zeltserman: Killer (übersetzt von Ango Laina und Angelika Müller) Pulp Master, 2015 272 Seiten
14,80 Euro
– Originalausgabe
Killer
Serpent’s Tail, 2010
–
ZDF, 22.15 Savages – Im Auge des Kartells (Savages, USA 2012)
Regie: Oliver Stone
Drehbuch: Shane Salerno, Don Winslow, Oliver Stone
LV: Don Winslow: Savages, 2010 (Zeit des Zorns)
Chon und Ben stellen Super-Heroin her und mit Ophelia leben sie in Laguna Beach in einer offenen Dreierbeziehung. Alles ist in bester Ordnung, bis ein mexikanisches Drogenkartell (angeführt von einer Frau) bei Chon und Ben einsteigen möchte und die beiden Jungs das Angebot nicht annehmen, sondern aus dem Drogengeschäft aussteigen wollen.
Don-Winslow-Verfilmung, die nicht als Ersatz, sondern als Anreiz zur Romanlektüre dienen sollte. Denn „Savages“ ist zwar kein wirklich schlechter Film, aber eine letztendlich enttäuschende Don-Winslow-Verfilmung. Warum habe ich hier ausführlicher begründet (und dort gibt es auch noch einige Clips).
mit Aaron Taylor-Johnson, Blake Lively, Taylor Kitsch, Benicio Del Toro, Salma Hayek, John Travolta, Demián Bichir, Shea Whigham, Sandra Echeverria, Emile Hirsch
Wiederholung: Mittwoch, 4. Februar, 00.20 Uhr (Taggenau!)
Arte, 20.15 Hafen im Nebel (Frankreich 1938, Regie: Marcel Carné)
Drehbuch: Jacques Prévert
LV: Pierre Mac Orlan (geboren als Pierre Dumarchais): Quai des brumes, 1938 (Hafen im Nebel)
In Le Havre wartet der Deserteur auf sein Schiff in die Freiheit. Da verliebt er sich in die schöne Nelly, die allerdings auch von einem Gauner und ihrem Vormund begehrt wird.
Ein auch heute noch absolut sehenwerter Filmklassiker, ein Welterfolg des „poetischen Realismus“ und manchmal wird „Hafen im Nebel“ auch in den Noir-Kanon aufgenommen. Ratet mal warum.
Mit Jean Gabin, Michèle Morgan, Michel Simon, Pierre Brasseur Wiederholungen
Donnerstag, 5. Februar, 14.05 Uhr
Mittwoch, 11. Februar, 14.10 Uhr
Montag, 16. Februar, 13.55 Uhr Hinweise Arte über „Hafen im Nebel“ Rotten Tomatoes über „Hafen im Nebel“
Wikipedia über „Hafen im Nebel“ (deutsch,englisch)