TV-Tipp für den 3. Oktober: Marlowe

Oktober 2, 2026

ZDF, 23.35

Marlowe (Marlowe, Irland/Spanien/Frankreich 2022)

Regie: Neil Jordan

Drehbuch: William Monahan, Neil Jordan

LV: Benjamin Black (Pseudonym von John Banville): The Black-Eyed Blonde, 2014 (Die Blonde mit den schwarzen Augen – Ein Philip-Marlowe-Roman)

Los Angeles, 1939: Privatdetektiv Philip Marlowe (Liam Neeson) wird von einer Frau beauftragt, ihren verschwundenen Liebhaber zu suchen. Bei seiner Suche sticht Marlowe in ein Wespennest.

Neil Jordans „Marlowe“ ist eine erstaunlich leblos-museale Angelegenheit, die einfach noch einmal, ohne einen eigenen Gedanken, Chandler bebildert. Von dem Team hätte ich mehr erwartet.

mit Liam Neeson, Diane Kruger, Jessica Lange, Adewale Akinnuoye-Agbaje, Ian Hart, Colm Meaney, Daniela Melchior, Danny Huston, Alan Cumming

Hinweise

Moviepilot über „Marlowe“

Metacritic über „Marlowe“

Rotten Tomatoes über „Marlowe“

Wikipedia über „Marlowe“ (deutsch, englisch), Philip Marlowe (deutsch, englisch) und Raymond Chandler (deutsch, englisch)

Thrilling Detective über Philip Marlowe

Thrilling Detective über Raymond Chandler

Krimi-Couch über Raymond Chandler

Mordlust über Raymond Chandler

Meine Besprechung von Raymond Chandlers „Lebwohl, mein Liebling“ (Farewell, my Lovely, 1940)

Mein Hinweis auf Raymond Chandlers „Das hohe Fenster“ (The High Window, 1942)

Meine Besprechung von Raymond Chandlers „Die Lady im See“ (The Lady in the Lake, 1943)

Meine Besprechung von Denise Minas „Die große Hitze – Ein Philip-Marlowe-Roman“ (The second Murderer, 2023)

Meine Besprechung von Neil Jordans „Mona Lisa“ (Mona Lisa, Großbritannien 1986)

Meine Besprechung von Neil Jordans „Die Fremde in dir“ (The Brave One, USA 2007)

Meine Besprechung von William Monahans “London Boulevard” (London Boulevard, USA/GB 2010)

Meine Besprechung von William Monahans “The Gambler” (The Gambler, USA 2014 – nur Drehbuch)

Meine Besprechung von Benjamin Blacks „Der Lemur“ (The Lemur, 2008)


Neu im Kino/Filmkritik: Über die Colleen-Hoover-Verfilmung „Verity – Dunkle Geheimnisse“

Oktober 2, 2026

Bekannt ist Colleen Hoover für ihre erfolgreichen Young/New Adult-Liebesromane, von denen inzwischen auch drei fürs Kino verfilmt wurden.

„Verity – Dunkle Geheimnisse“ ist ihr erster Thriller. Ein Kollege, der den Roman gelesen hatte, verriet mir nach der Pressevorführung, dass der Roman sehr frei verfilmt wurde. Die Vorlage gefiel ihm besser.

Hoover, die zu den Produzenten des Films gehört, meint: „It’s still a great reflection of the book.“

Im Film wird die nicht so wahnsinnig erfolgreiche Thrillerautorin Lowen Ashleigh (Dakota Johnson) engagiert, der Thriller-Königin Verity Crawford (Anne Hathaway) bei ihrem neuen Buch zu helfen. Verity schreibt sehr erfolgreiche und sehr brutale Thriller, in denen sie sich in die Psyche des Täter hineinversetzt.

Als Lowen bei den Crawfords ankommt, erfährt sie, dass sie Verity nicht beim Schreiben des Buches helfen soll. Sie soll das Buch und die nächsten Bücher ganz allein schreiben. Denn Verity liegt schon einige Zeit vollständig gelähmt im Bett. Wie sie in diesen Zustand kam, wird erst viel später im Film verraten. Warum Veritys Verlag und auch sonst niemand etwas davon weiß, erfahren wir nie.

„Verity – Dunkle Geheimnisse“ ist ein 08/15-Lady-Thriller, der sich banal, jedes Klischee mitnehmend, überraschungsfrei bis zum ebenso überraschungsfreien Ende bewegt. Jeder Satz, jeder Dialog, jede Szene, jede Entwicklung kommt aus dem Klischeebaukasten. Gleiches gilt für die Figuren. Und wer nach Logiklöchern und Unplausibilitäten sucht, wird einen Großkampftag erleben.

Garniert wird die banale Thrillergeschichte, genrekonform und erwartungsgemäß, mit einer Liebesgeschichte. Denn selbstverständlich verlieben sich die Ghostwriterin Lowen und Veritys überaus liebevoller, treusorgender, verständnisvoller und gut aussehender Ehemann und Vater Jeremy (Josh Hartnett) ineinander.

Das ist alles so vorhersehbar und so wirklichkeitsfern, dass es nie spannend wird. Es wird noch nicht einmal interessant. Immerhin ist dieser Romantic-Thriller professionell inszeniert mit guten, aber sträflich unterforderten Schauspielern in nobler Ambiente mit Wald- und Seeblick.

Während des gesamten Films fragte ich mich, was Donald E. Westlake (der Autor der Vorlage für „No other choice“) daraus gemacht hätte. Und schon hatte ich Ideen für mindestens ein Dutzend bessere Filme. Was wäre, wenn…

Verity – Dunkle Geheimnisse (Verity, USA 2026)

Regie: Michael Showalter

Drehbuch: Nick Antosca

LV: Colleen Hoover: Verity, 2018 (Verity)

mit Anne Hathaway, Dakota Johnson, Josh Hartnett, Ismael Cruz Cordova, Brady Wagner

Länge: 118 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

–

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Verity – Dunkle Geheimnisse“

Metacritic über „Verity – Dunkle Geheimnisse“

Rotten Tomatoes über „Verity – Dunkle Geheimnisse“

Wikipedia über „Verity – Dunkle Geheimnisse“ (Buch: deutsch, englisch; Film: deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Michael Showalters „Spoiler Alarm“ (Spoiler Alert, USA 2022)

Meine Besprechung von Vanessa Caswills Colleen-Hoover-Verfilmung „Für immer ein Teil von Dir – Reminders of Him“ (Reminders of Him, USA 2026)


Neu im Kino/Filmkritik: Tom Cruise ist „Digger“ und Alejandro G. Iñárritu erzählt seine Geschichte

Oktober 2, 2026

Maßlos beschreibt Alejandro G. Iñárritus neuen Film „Digger“ wohl am besten. Es ist ein Film, der von allem zu viel hat.

Der Ölmagnat Digger Rockwell (Tom Cruise) ist ein Erzkapitalist aus dem Bilderbuch. Er lebt in einem viel zu großen Palast, schläft in einem viel zu großen Bett, ist vulgär, pubertär, egoistisch, egozentrisch und, nun, das lebendig gewordene Cartoonbild eines mächtigen Kapitalisten. Das passt. Denn „Digger“ ist kein subtiles Drama, in dem die Schauspieler um feinste Nuancen kämpfen, sondern eine Farce auf den Kapitalismus, das US-amerikanische Großmachtdenken und über dumme mächtige Männer, die damit beschäftigt sind, selbstverschuldete Katastrophen zu bekämpfen, bevor sie zu noch größeren Katastrophen werden.

Das muss Digger jetzt tun. Bei Bohrungen in der Nähe des Nordpols, bei denen, auf seinen Befehl hin, jede bestehende und jede denkbare Sicherheitsvorschrift missachtet wurde, löste sich ein riesiger Eisberg. In Rekordgeschwindigkeit treibt er auf Europa zu und er wird den gesamten Kontinent begraben. Nur Digger, so versichern ihm der US-Präsident und seine Minister und Generäle, kann die Katastrophe verhindern.

„The Revenant“-Regisseur Alejandro G. Iñárritu erzählt diese Katastrophengeschichte als sich in wenigen Innenräumen abspielende grelle, aufgrund ihrer Länge zunehmend monoton werdende Farce.

Vor allem die mächtigen Männer sind als debile Idioten hemmungslos überzeichnet. Das führt dazu, dass Tom Cruise sein schauspielerisches Talent, das er hier, nach Jahrzehnten in Mainstream-Blockbuster-Filmen, wieder demonstrieren wollte, nicht ausspielen kann. Digger ist eine eindimensionale Figur, die im Rahmen des präsentiertes Stückes, noch weiter zugespitzt wird. Er ist die überdimensionale Parodie eines skrupellos die Erde ausbeutenden Kapitalisten, der über keinen menschlichen Wesenszug verfügt. Das spielt Cruise in all seinen Übertreibungen gut, aber auch eindimensionaler als die vielen in den vergangenen Jahrzehnten von ihm gespielten Helden. Sein Captain Pete „Maverick“ Mitchell in „Top Gun: Maverick“ ist gegen Digger Rockwell eine subtile Charakterstudie.

Die anderen Schauspieler, unter anderem Riz Ahmed, John Goodman, Sandra Hüller, Michael Stuhlbarg und Jesse Plemons, haben in dieser Farce, weil ihre Auftritte kürzer sind, die besseren Karten.

Die absurd aus dem Ruder laufende Geschichte, die so auch schon vor fünfzig Jahren hätte spielen können, steht in der Tradition von Stanley Kubricks „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ (Dr. Strangelove or: How I learned to stop worrying and love the Bomb, Großbritannien 1964, 102 Minuten, später von Kubrick auf 95 Minuten gekürzt). Dieser Klassiker ist über eine halbe Stunde kürzer als Iñárritus Komödie. Und diese Laufzeit ist ein Problem. Denn „Digger“ hat keine komplexe Geschichte. Er ist nicht subtil, sondern grotesk überzeichnet und eindeutig. Über epische hundertdreißig Minuten wird immer wieder der gleiche Punkt gemacht: Wir werden von größenwahnsinnigen Idioten beherrscht, mit denen wir freiwillig keine fünf Minuten verbringen möchten.

Ein weiteres Problem von „Digger“ ist eine Enthüllung, die ziemlich früh im Film erfolgt und die besser erst im oder kurz vor dem dritten Akt erfolgt wäre.

So läuft „Digger“ wie Diggers Aktionen aus dem Ruder. Während die Trottel aus der Wirtschaft und Politik versuchen, die Welt, die sie gerade zerstören, zu retten, lacht das Publikum über deren Demaskierung.

Digger (Digger, Großbritannien/Mexiko/USA 2026)

Regie: Alejandro G. Iñárritu

Drehbuch: Alejandro G. Iñárritu, Alexander Dinelaris, Nicolás Giacobone, Sabina Berman (nach einer Geschichte von Sabina Berman, Alejandr G. Iñárritu und Jez Butterworth)

mit Tom Cruise, Riz Ahmed, John Goodman, Sandra Hüller, Michael Stuhlbarg, Jesse Plemons, Robert John Burke, Emma D’Arcy

Länge: 129 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

–

Hinweise

Moviepilot über „Digger“

Metacritic über „Digger“

Rotten Tomatoes über „Digger“

Wikipedia über „Digger“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Alejandro G. Iñárritus „Biutiful“ (Biutiful, Mexiko/USA 2010)

Meine Besprechung von Alejandro G. Iñárritus „Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“ (Birdman, USA 2014)

Meine Besprechung von Alejandro G. Iñárritus „The Revenant – Der Rückkehrer (The Revenant, USA 2015)

Meine Besprechung von Alejandro G. Iñárritus „Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten“ (Bardo, falsa crónica de unas cuantas verdades, Mexiko 2022)


TV-Tipp für den 2. Oktober: Django Unchained

Oktober 1, 2026

Pro7, 20.15

Django Unchained (Django Unchained, USA 2012)

Regie: Quentin Tarantino

Drehbuch: Quentin Tarantino

Wilder Westen: Nachdem der Kopfgeldjäger Dr. King Schultz Django aus der Sklaverei befreite und sie das erkleckliche Kopfgeld für die Brittle-Brüder kassierten, machen sie sich auf die Suche nach Djangos Frau Broomhilda (oder Brunhilde). Ihre Suche führt sie nach Candyland, der Farm des durchtriebenen Südstaatlers und Sklavenhalters Calvin Candie.

„Django Unchained“ ist ein typischer Quentin-Tarantino-Film, mit vielen bekannten Gesichtern, teilweise in Kleinstrollen, die dieses Mal unter der Maske von Bart und Dreck kaum bis überhaupt nicht erkennbar sind. Als Tarantino- und Western-Fan hat mir die Nummernrevue, bei der Tarantino einfach die vertrauten Pfade in einem anderen Setting abschreitet, durchaus gefallen.

Mehr in meiner ausführlichen Filmbesprechung.

mit Jamie Foxx, Christoph Waltz, Leonardo DiCaprio, Samuel L. Jackson, Kerry Washington, Walton Goggins, Dennis Christopher, Don Johnson, Laura Cayouette, James Remar, James Russo, Nichole Galacia, Dana Gourrier, Don Stroud, Bruce Dern, Lee Horsley, Zoe Bell, Michael Bowen, Robert Carradine, Tom Savini, Rex Linn, Ned Bellamy, Michael Parks, Quentin Tarantino, Franco Nero

Wiederholung: Montag, 5. Oktober, 00.35 Uhr (Taggenau! – Nach „Inglourios Basterds“ um 20.15 Uhr und „Die Christoph Waltz Story“ um 23.30 Uhr)

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Die Bildergeschichte zum Film

Mehr oder weniger parallel zum Film erschien auch eine Comic-Version von „Django Unchained“, über die Quentin Tarantino sagt: „Dieser Comic ist im Grunde die erste Entwurfsfassung des Drehbuchs. Sämlichtes Material, das es am Ende doch nicht in den Film geschafft hat, ist in der vorliegenden Ausgabe sehr wohl enthalten.“ Dafür wurde dann an anderen Stellen, vor allem bei den Dialogen, gekürzt. Aber insgesamt ist der Comic eine schöne Ergänzung zum Film, die für Tarantino- und Western-Fans eine unterhaltsame Lektüre ist.

Dass die Geschichte mir im Comic schlüssiger als im Film erschien, hat wohl damit zu tun, dass ich die Spaghettiwestern-Geschichte schon bis zur letzten Wendung kannte und, so meine Erinnerung an den Film, einige Szenen umgestellt wurden.

In jedem Fall ist „Django Unchained“ ein großer Spaß für den Western-Fan.

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Quentin Tarantino (Originaldrehbuch)/Reginald Hudlin (Adaption)/R. M. Guéra/Jason Latour/Denys Cowan/Danijel Zezelj/John Floyd (Zeichnungen): Django Unchained

(übersetzt von Dietmar Schmidt)

Eichborn, 2013

272 Seiten

19,99 Euro

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Originalausgabe

Django Unchained

Vertigo/DC Comics, 2013
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Hinweise

Metacritic über „Django Unchained“

Rotten Tomatoes über „Django Unchained“

Wikipedia über „Django Unchained“ (deutsch, englisch)

The Quentin Tarantino Archives (Fanseite)

Everthing Tarantino (dito)

Q-Tarantino.de (noch eine Fanseite)

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „Quentin Tarantino gegen die Nazis – Alles über ‘Inglourious Basterds’“ (Kleine Schriften zum Film: 1, 2009)

Kriminalakte über Quentin Tarantino und „Django Unchained“ (Bilder, Pressekonferenz)

Meine Besprechung von Quentin Tarantinos „Django Unchained“ (Django Unchained, USA 2012)

Meine Bespechung von Quentin Tarantinos „The Hateful 8“ (The Hateful Eight, USA 2015)

Meine Besprechung von Quentin Tarantinos „Once upon a Time in…Hollywood“ (Once upon a Time in…Hollywood, USA 2019)

Meine Besprechung von Quentin Tarantinos „Kill Bill: The Whole Bloody Affair“ (Kill Bill: The Whole Bloody Affair, USA 2003/2025)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Über Lena Stahls Juli-Zeh-Verfilmung „Corpus Delicti“

Oktober 1, 2026

„Corpus Delicti“ ist Abiturlektüre, aber all die faulen Schüler, die jetzt denken, das unkonzentrierte Ansehen des Films erspare ihnen das mühame Lesen des Buches, muss ich aus- und nachdrücklich warnen. Denn Lena Stahl, Drehbuchautorin und Regisseurin des Films, hat mit dem Einverständnis von Juli Zeh den Roman sehr frei bearbeitet. Eigentlich haben Roman und Film bis auf einige Details, Namen und die Idee einer Gesundheitsdiktatur (die für die Geschichte eher unwichtig ist) nichts miteinander zu tun.

Im Buch geht es vor allem um den Prozess gegen die Biologin Mia Holl wegen methodenfeindlichen Umtrieben und anderen Delikten.

Im Film geht es vor allem um den Prozess gegen Mias Bruder. Er soll einen Mord begangen haben. Der Beweis des Staates sind DNA-Spuren am Tatort. Sie beweisen eindeutig seine Schuld. Aber Mia glaubt nicht, dass ihr Bruder der Mörder ist.

Der Film ist, von der Struktur, ein Science-Fiction-Kriminalfilm. Die Vorlage eher ein sehr lose an der Struktur eines Gerichtsverfahrens orientiertes Gedankenspiel, das sich nicht um Spannungsaufbau kümmert. Das Buch beginnt mit dem Urteil gegen Mia Holl. Kurz vor der Buchmitte enthüllt Mia in einem Gespräch mit ihrem Anwalt Rosentreter und dem Journalisten Kramer, die Sache, die die Unschuld ihres Bruders beweisen kann und die im Film die große Enthüllung gegen Ende des Films ist.

Insgesamt ist die Filmgeschichte besser konstruiert und stringenter erzählt als die Romangeschichte. Aber besser ist noch lange nicht gut.

Beide Male spielt die Geschichte in der Mitte des Jahrhunderts in Deutschland in einer Gesundheitsdiktatur. „Gesundheit ist ein Zustand des vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens – und nicht die bloß Abwesenheit von Krankheit. (…) Gesundheit führt über die Vollendung des Einzelnen zur Vollkommenheit des gesellschaftlichen Zusammenseins. Gesundheit ist das Ziel des natürlichen Lebenswillens und deshalb natürliches Ziel von Gesellschaft, Recht und Politik. Ein Mensch, der nicht nach Gesundheit strebt, wird nicht krank, sondern er ist es schon.“ (Zeh: Corpus Delicti, Seite 7/8)

Die Regierung überwacht jede Körperfunktion. Nachbarn und Kollegen helfen dabei. Es ist allerdings auch eine seltsam unterentwickelte Welt. Im Film fliegen immer wieder Drohnen durch das Bild. Es gibt eine in die Straße eingebaute Sperre, die Mias Auto beim Verlassen der Hygienezone automatisch abschaltet. Danach kann sie immer noch zu Fuß weitergehen. Irgendwelche direkten Folgen, wie eine Strafe oder ein Gespräch in der nächsten Polizeistation, scheint der Grenzübertritt nicht zu haben. Den Menschen wurden Chips implantiert, die alle ihre Körperfunktionen überwachen.

Aber gleichzeitig scheint es keine Überwachungskameras zu geben. Eine Drohne verfolgt Mia mit Scheinwerfern durch den Wald. Über irgendeine Art von Wärmebildkameras scheinen die Drohnen nicht zu verfügen.

Und was die Frage der Gesund mit dem Mord zu tun hat, bleibt unklar. Eine profane Datenbank mit der DNA von jedem Bürger hätte es auch getan; – aber dann hätte es die Anklage wahrscheinlich nie gegeben.

Damit kämen wir zum nächsten großen Problem des Film: der Kriminalfall ist hahnebüchen. Moritz soll eine Frau vergewaltigt und erwürgt haben. Sie haben sich über ein Datingportal kennen gelernt. Auf ihrer Leiche wurde seine DNA gefunden. Dieser DNA-Beweis genügt, um ihn zu verhaften und später anzuklagen.

Jeder Anwalt hätte diese Klage in der Luft zerfetzt. Es gibt kein Motiv. Nur die DNA-Spur platziert Moritz am Tatort. Es gibt keine Videoaufnahmen, in denen Moritz auf dem Weg vom und zum Tatort zu sehen ist. Ebenso fehlen Telefondaten oder Bewegungsdaten des Smartphones. Oder des Autos. Oder Zeugen, die Moritz am Tatabend in der Nähe des Tatortes sahen. Auch ein Moritz implantierter Chip war abgeschaltet. Nichts von der ganz normalen Ermittlungsarbeit, die wir aus unzähligen Krimis kennen, wurde gemacht.

Im Film tut der Anwalt Rosentreter es nicht, weil das Anzweifeln des Ergebnis der „Methode“ ein Verstoß gegen die allen ein gesundes Leben garantierende, absolut fehlerfreie „Methode“ wäre.

Stattdessen ermittelt die an die Unschuld ihres Bruders glaubende Mia etwas und trifft den Journalisten Kramer, der im Film als eine Person gezeichnet wird, die gleichzeitig ein systemkritischer und ein konformistischer Journalist und, später, so etwas wie ein Kriminalbeamter ist. Jedenfalls folgt die Polizei seinen Befehlen.

Weil der Staat alles tut, um den wahren Täter zu schützen, glaubt der Verschwörungsthriller-geschulte Zuschauer sofort, dass Moritz ein Bauernopfer ist, dass der wahre Täter eine wichtige Persönlichkeit ist und dass die Enttarnung des wahren Täters eine Staatskrise auslösen könnte.

Das ist im Buch und Film nicht der Fall. Entsprechend enttäuschend gestaltet sich die Auflösung. Regisseurin Lena Stahl behauptet zwar im Film, dass die Enttarnung des Täters die „Methode“ widerlegen würde. Aber das ist Quatsch. Es handelt sich, erstens, um normales wissenschaftliches Arbeiten, das die „Methode“ nicht tangiert. Und zweitens zeigen Mias Enthüllungen, dass die „Methode“ fehlerfrei funktioniert. Der Mensch ist für den Fehler verantwortlich, weil Menschen der „Methode“ (die wir uns wohl als einen riesigen Computer vorstellen müssen) nicht alle Informationen gaben.

Das gesagt sind die „Methode“ und die Gesundheitsdiktatur, der Mordfall und die damit verbundene Verfahren ein riesiger Bohei. Der Mord hat nichts mit der Gesundheit in der Gesundheitsdiktatur zu tun, weil es nur um den Totalitätsanspruch einer Diktatur geht. Wobei die von Juli Zeh im Buch und von Lena Stahl im Film skizzierte Welt sich anscheinend eher an Aldous Huxleys „Brave New World“ und weniger an George Orwells „1984“ orientiert. Das spezifische der Gesundheitsdiktatur beschränkt sich auf ein höflich gesagtes „Santé“ zur Begrüßung, während gut aussehende Menschen bedächtig durch fotogene Räume gehen und, solange sie gesund leben, frei in ihrer Lebensgestaltung sind.

Im Roman gestaltet sich die Geschichte zwischen nebensächlichem Gerichtsverfahren, pointilistisch eingestreuten Erinnerungen, Mias Gesprächen mit ihrer „idealen Geliebten“ in ihrer Wohnung (heute würde sie wohl Alexa heißen) und philosophischen Betrachtungen noch kryptischer.

Corpus Delicti (Deutschland 2026)

Regie: Lena Stahl

Drehbuch: Lena Stahl

LV: Juli Zeh: Corpus Delicti, 2009

mit Hannah Herzsprung, Damian Hardung, Alexander Fehling, Christian Friedel, Haley Louise Jones, Imogen Kogge, Leopold Hornung, Agnes Decker

Länge: 108 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

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Die Vorlage

(in der aktuellen Ausgabe)

Juli Zeh: Corpus Delicti – Ein Prozess

btb, 2025

272 Seiten

11 Euro

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Originalausgabe

Schöffling & Co., 2009

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Seitdem zahlreiche weitere Auflagen.

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Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Corpus Delicti“

Moviepilot über „Corpus Delicti“

Wikipedia über „Corpus Delicti“ (Buch: deutsch, englisch, Film)

Perlentaucher über den Roman „Corpus Delicti“

Homepage von Juli Zeh