„Die Söhne von El Topo: Kain“ macht den Anfang

März 1, 2017

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In den siebziger Jahren war der surreale Western „El Topo“ ein Kultfilm, ein waschechter Mitternachtskinofilm, der als psychedelischer Trip glänzend funktioniert. In die deutschen Kinos kam der Film erst 1975. Die später erfolgte Indizierung wurde im Januar 2012 aufgehoben. Regisseur Alejandro Jodorowsky wurde mit dem Film zu einem Star, der Frank Herberts „Dune – Der Wüstenplanet“ inszenieren sollte. Daraus wurde nichts, aber in Cineastenkreisen werden die verschiedenen Skizzen und Entwürfe wie der heilige Gral herumgereicht.

Er wollte auch „El Topo“ fortsetzen. Aber alle Verfilmungspläne zerschlugen sich. Jetzt hat Jodorowsky mit Zeichner José Ladrönn eine Comicversion seines Drehbuchs erstellt. „Kain“, der erste Band der mehrbändigen Geschichte „Die Söhne von El Topo“ beginnt ziemlich langsam und endet mit zwei Fragen: Wie viele Seiten benötigt Jodorowsky, um seine Geschichte zu erzählen? Wird er genug Zeit haben, um sie in dieser Form zu erzählen?

Denn in „Kain“ werden wir nur in die Welt nach dem Tod von El Topo eingeführt und lernen seine beiden Söhne Kain und Abel kennen.

El Topo war ein gefürchteter Revolverheld, der zu einem Heiligen wurde und sich am Ende des Films umbrachte. Er hatte zwei Söhne.

Kain, der ältere der beiden Söhne (das wäre Miguel im Film), wurde von El Topo verflucht, damit er seinen jüngeren Halbbruder Abel nicht umbringen kann. Seitdem reitet der Verbrecher Kain als marodierender ‚Unsichtbarer‘ durch die Wüste.

Sein Bruder Abel reist mit einer Puppenschau durch die Gegend. Als seine Mutter stirbt, hat sie einen letzten Wunsch. Sie möchte neben El Topo „im selben Grab aus Honig und Steinen“ beerdigt werden. Es liegt auf einer Insel, die nur seelisch reine Menschen betreten können. Weil der Weg durch das Land gefährlich ist, schickt Abel den Adler Angela mit einer Botschaft für seinen Bruder los.

Der vielversprechende erste Band von „Die Söhne von El Topo“ liest sich gut und er ist auch – noch – konventioneller als „El Topo“.

Alejandro Jodorowsky/José Ladrönn: Die Söhne von El Topo: Kain (Band 1)

(übersetzt von Monja Reichert)

Panini, 2017

64 Seiten

16,99 Euro

Originalausgabe

Glénat, 2016

Hinweise

Homepage von José Ladrönn

Wikipedia über Alejandro Jodorowsky (deutsch, englisch)


„Worte müssen etwas bedeuten“ – Barack Obamas große Reden

Februar 27, 2017

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Normalerweise ist das ein Buch, das man schulterzuckend ins Regal stellt. Immerhin muss man sich die Reden nicht im Internet zusammensuchen, sondern hat hier wichtige Reden einer Person gesammelt. Irgendwann holt man es vielleicht hervor, weil man ein Zitat benötigt. Aber ansonsten sind die Reden von Politikern, wenn man sich nicht wissenschaftlich damit beschäftigen muss, spätestens nach ihrem Ausscheiden aus dem Amt Altpapier.

Normalerweise.

Aber im Moment leben wir nicht in normalen Zeiten.

Deshalb werden die Reden von Barack Obama, dem vorherigen US-Präsidenten, im Moment täglich wichtiger. Sie zeigen nämlich in jedem Satz, wie groß der Unterschied zwischen ihm und seinem Nachfolger ist. Der notorische Lügner, halbstarke Chaot und erklärte Militarist Donald Trump (ohne Kampferfahrung) redet von „America First“, zeichnet (fernab aller Fakten) die USA als ein Land im Bürgerkrieg und denkt, Amerika wieder (?) groß zu machen, indem er alles alleine tut. Im besten Fall führt sein erratisches Gerede dazu, dass es bei seinem Abgang nur der USA in jeder Beziehung schlechter geht.

Barack Obama sprach in seinen Reden auch von den Problemen, vor denen die USA und die Welt stehen und der Rolle, die die USA übernehmen müsse.

Wenn man mehrere der in „Worte müssen etwas bedeuten – Seine großen Reden“ von Birgit Schmitz zusammengestellten Reden, die Obama zwischen 2004 und 2016 an verschiedenen Orten auf dem Globus hielt, durchliest bemerkt man schnell immer wieder auftauchende Themen: der Glaube an den amerikanischen Traum und die liberale Gesellschaft, die Kraft von Ideen und Menschen, die die Welt zu einem besseren Ort machen wollen, die wichtige Rolle der Zusammenarbeit von Menschen und Staaten für eine bessere Welt und Glaube an die fundamentale Gleichheit aller Menschen. Obama betont immer das Verbindende und stellt es immer in den Zusammenhang einer globalen Politik für eine friedlichere Welt und dem Erhalt der Welt für die nachfolgenden Generationen.

Das sind selbstverständlich keine wirklich in die Tiefe des philosophischen und politikwissenschaftlichen Denken gehenden Reden, in denen mit Zitaten und Namen um sich geworfen wird, sondern eher grundvernünftige, alltagstaugliche Auslegungen christlicher und philosophischer Gedanken, die auch, zum Beispiel in seiner Rede zum Empfang des Friedensnobelpreises zeigen, in welchem Zwiespalt der Präsident des mächtigsten Landes der Erde bewegt. Denn er ist auch oberster Befehlshaber des Militärs.

Die Reden sind auch das vollständige Gegenprogramm zu dem jetzigen US-Präsidenten.

Ungefähr auf jeder Seite steht etwas, das man Donald Trump als Spruch an die Wand nageln möchte. Zum Beispiel: „Würde ist der grundlegende Gedanke, dass wir aufgrund dessen, dass wir alle Menschen sind, alle gleich geboren und von der Gnade Gottes berührt sind, unabhängig davon, wo wir herkommen oder wie wir aussehen. Jeder Mensch ist wertvoll. Jeder Mensch ist wichtig. Jeder Mensch verdient es, mit Anstand und Respekt behandelt zu werden. Die längste Zeit der Geschichte haben die Menschen das nicht erkannt. Würde war etwas, das hochrangigen und privilegierten Menschen, Königen und Respektspersonen vorbehalten war. Es war eine jahrhundertelange Revolution des Geistes notwendig, um uns die Augen zu öffnen, dass jeder Mensch eine Würde hat. Auf der ganzen Welt haben Generationen darum gekämpft, diesen Gedanken durch Gesetze und Institutionen in die Praxis umzusetzen.“

In dem Sammelband „Worte müssen etwas bedeuten“ hat Birgit Schmitz 25 Reden von Barack Obama und eine von seiner Frau Michelle Obama zusammengestellt. Es handelt sich um ihre um die Welt gegangene, vielzitierte und hochgelobte „Wenn die anderen ihre schlechteste Seite zeigen, zeigen wir unsere beste“-Rede während Hillary Clintons Wahlkampf am 13. Oktober 2016 in New Hampshire über die frauenfeindlichen Äußerungen von Donald Trump.

Leider gibt es zu den Reden keine weiteren Erklärungen und Einordnungen. Es fehlt ein Essay über Obamas Leben und Wirken und warum gerade diese Reden ausgewählt wurden. Es fehlen erklärende Worte zu den Reden, die über eine Nennung vom Ort und Tag hinausgehen. Das liest sich dann so: „Rede für eine atomwaffenfreie Welt, Prag, 5. April 2009“ oder „Rede anlässlich des Attentats auf einen Nachtclub in Orlando, Florida, Washington, 12. Juni 2016“.

Bei einigen Reden, wie seine Reden zum Wahlsieg der Präsidentschaftswahlen am 4. November 2008 und, zu seiner Wiederwahl, am 7. November 2012, in Chicago, seine Amtsantrittsrede am 20. Januar 2009 in Washington, seiner Rede zum Erhalt des Friedensnobelpreises am 10. Dezember 2009 in Oslo, zum 50. Jahrestag der Protestmärsche von Selma nach Montgomery in Selma, Alabama am 7. März 2015, ist dies selbsterklärend.

Bei anderen Reden, wie der zum Millenniumsgipfel der Vereinten Nationen am 22. September 2010 in New York (Wer kann ad hoc erklären, was auf dem Gipfel besprochen wurde und warum er wichtig ist?) oder der Eröffnungsrede der Weltklimakonferenz COP21 am 30. November 2015 in Paris oder seine „Rede beim Besuch auf Kuba“ in Havanna am 22. März 2016 oder zu verschiedenen Schießereien (Tuscon, Arizona, am 12. Januar 2011; Newton am 16. Dezember 2012, zum Attentat auf einen Nachtclub in Orlando, Florida, am 12. Juni 2016 und, wenige Tage später, in Dallas am 12. Juli 2016) hätte eine kleine Einsortierung, vielleicht auch eine kleine Wirkungsgeschichte (ich rede hier eher von einer halben als von zwei Seiten) gut getan.

Trotzdem ist „Worte müssen etwas bedeuten“ ein sehr lesenswertes und auch Trost spendendes Buch, das auf jeder Seite zeigt, dass eine andere Welt möglich ist.

Inzwischen haben Historiker die Präsidentschaft von Barack Obama in einer ersten Einschätzung als die zwölftbeste aller Zeiten einsortiert. Wenn die Beziehung zwischen dem Weißen Haus und dem Kongress besser gewesen wäre, hätte er sogar eine noch bessere Platzierung erhalten: „Obama received high marks from presidential historians for his pursuit of „equal justice for all“ and for his commanding „moral authority,“ ranking third and seventh among all former presidents in each respective category. The 44th president also cracked a top 10 ranking for his „economic management“ and public persuasion.“

Barack Obama: Worte müssen etwas bedeuten – Seine großen Reden

(herausgegeben von Birgit Schmitz)

Suhrkamp, 2017

256 Seiten

10 Euro

Hinweise

Wikipedia über Barack Obama (deutsch, englisch)

 


Über Ian Rankins „Rebus – Alle Inspector-Rebus-Stories“

Februar 21, 2017

REBUS von Ian Rankin

Da war wohl auch Ian Rankin überrascht, als er für „Rebus – Alle Inspector-Rebus-Stories“ die in den vergangenen Jahrzehnten, seit dem ersten Rebus-Roman „Verborgene Muster“ (Knots and Crosses, 1987), von ihm geschriebenen Kurzgeschichten mit dem kantigen Inspector zusammenfasste. Denn im Zentrum von Rankins schriftstellerischem Schaffen standen und stehen die Rebus-Romane. Kurzgeschichten schrieb er, wenn er für einen Sammelband oder eine Zeitungsbeilage angefragt wurde. Die Fans, vor allem natürlich die englischsprachigen Fans, nahmen sie dankbar als kleinen Zwischenhappen auf. Preise, wie den Dagger und Edward Award, erhielt er für seine Romane.

Vor neun Jahren erschien mit „Eindeutig Mord“ schon einmal ein Sammelband mit Rebus-Geschichten. Er enthielt zwölf Geschichten, hatte 320 Seiten und war ein richtiges Taschenbuch.

Warum schreibe ich das?

Weil „Rebus“ 31 Geschichten enthält und 768 Seiten umfasst. Oder zwei Rebus-Romane; was dann höchstens in eine große Jackentasche passt.

Zehn der Geschichten des Sammelbandes sind erstmals auf Deutsch erhältlich. Die anderen Kurzgeschichten erschienen in den nicht mehr erhältlichen Sammelbänden „Eindeutig Mord“ und „Der Tod ist erst der Anfang“ (dort sind auch mehrere Nicht-Rebus-Geschichten enthalten). „Schöne Bescherung“ erschien nur als E-Book.

Im Original erschienen die Geschichten über die vergangenen Jahrzehnte an den verschiedenen Orten.

Für „Rebus“ ergänzte Ian Rankin die Geschichten um ein 22-seitges Nachwort, in dem er von seinen schriftstellerischen Anfängen, dem ersten, als Einzelroman geplantem Rebus-Roman (der ihm heute nicht mehr so gefällt, weil John Rebus einfach zu belesen ist), wie er schnell wieder zu Rebus zurückkehrte und wie er mit der Pensionierung von Rebus umging. Rebus erreichte 2007 mit sechzig Jahren die damals für Polizisten geltende Pensionsgrenze und weil Ian Rankin seinen Charakter in Echtzeit altern ließ, musste er ihn in den Ruhestand schicken, der dann doch nicht so endgültig war. Über die Kurzgeschichten schreibt er leider nichts.

Aber das muss er auch nicht: sie sind die kleinen, süchtig machenden „Einer geht noch“-Happen für Zwischendurch, in denen Rebus schnell einen Fall aufklären kann, der nicht unbedingt ein Mord sein muss. Und, auch wenn so ein Sammelband immer gerne als Einstieg in das Werk eines Autors bezeichnet wird, ist es eher die Ergänzung für den Fan, der die Romane schon gelesen hat.

Seitdem – die Originalausgabe erschien bereits 2014 – hat Ian Rankin weitere Geschichten mit John Rebus geschrieben, zum Beispiel „Im allerletzten Augenblick“, zusammen mit Peter James (der Erfinder von Roy Grace) für den Sammelband „FaceOff – Doppeltes Spiel“.

Ian Rankin: Rebus – Alle Inspector-Rebus-Stories

(übersetzt von Giovanni und Ditte Bandini und Conny Lösch)

Goldmann, 2017

768 Seiten

12,99 Euro

Originalausgabe

The Beat goes on – The complete Rebus Short Stories

Orion Books, London 2014

Hinweise

Homepage von Ian Rankin

Deutsche Homepage von Ian Rankin (Goldmann-Verlag)

Ian Rankin: The very last drop (16. – 18. Februar 2010; – eine neue Inspector-Rebus-Geschichte)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Ein reines Gewissen“ (The Complaints, 2009)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Der Mackenzie Coup“ (Doors Open, 2008)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Rebus’s Scotland – A personal journey“ (2005)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Eindeutig Mord – Zwölf Fälle für John Rebus“ (A good hanging, 1992)

Meine Besprechung von Ian Rankins “Ein Rest von Schuld“ (Exit Music, 2007)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Im Namen der Toten” (The Naming of the Dead, 2006)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Die Seelen der Toten“ (Dead Souls, 1999)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Der diskrete Mr. Flint“ (Watchman, 1988)

 Meine Besprechung von Ian Rankins „Mädchengrab“ (Standing in another Man’s Grave, 2012)

Meine Besprechung von Ian Rankins Geschichte „The Lie Factory“ für Rory Gallaghers „Kickback City“

Ian Rankin in der Kriminalakte

 


James Lee Burke sieht auf der “Straße der Gewalt” „Blut in den Bayous“ und Dave Robicheaux

Februar 20, 2017

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Es hat lange gedauert, aber seitdem die Romane von James Lee Burke in Deutschland wieder veröffentlicht werden, können alte Burke-Fans teilweise große Leselücken schließen (wenn sie die Romane nicht schon im Original gelesen haben) und junge Burke-Fans auch das Frühwerk entdecken. Denn der Pendragon-Verlag veröffentlicht auch die alten Robicheaux-Romane wieder. Doch dazu später mehr.

Mit „Straße der Gewalt“ (Last Car to Elysian Fields, 2003) liegt der dreizehnten von zwanzig Robicheaux-Romanen erstmals in deutscher Übersetzung vor.

Dave Robicheaux, der erste, bekannteste und erfolgreichste Seriencharakter von James Lee Burke, ist ein trockener Alkoholiker, war Kriminalpolizist in New Orleans und ist jetzt Sheriff in New Iberia.

Weil Jimmie Dolan, ein mit ihm befreundeter, umstrittener katholischer Pater in New Orleans, brutal zusammengeschlagen wird, kehrt Robicheaux auf der Suche nach den Tätern zurück in den Big Easy.

Gleichzeitig muss er sich in New Iberia um die Folgen eines Autounfalls, bei dem drei Teenagerinnen starben, kümmern. Denn der Tod der Mädchen setzt eine Spirale von Rache und Mord in Gang.

Und ein Erlösung suchender IRA-Killer treibt sich in Louisiana herum.

Straße der Gewalt“ gehört zu den späteren Robicheaux-Romanen, in denen die Atmosphäre, die Landschaftsbeschreibungen, einzelne Szenen und ihre Wirkung wichtiger als ein auch nur halbwegs stringent entwickelter Plot sind. Der Anfang ist, wie immer bei James Lee Burke, äußerst gelungen. Aber dann schleppen sich die verschiedenen Plots labyrinthisch über hunderte von Seiten vor sich hin bis sie, im Fall von „Straße der Gewalt“, in einem hastigen Ende münden.

Das war bei seinen ersten Robicheaux-Romanen anders. „Blut in den Bayous“, der zweite Robicheaux-Roman, erschien jetzt wieder in einer Neuauflage.

Robicheaux betreibt in New Iberia einen Bootsverleih und Laden für Fischköder. Bei einem Angelausflug mit seiner Frau Annie stürzt vor ihnen ein kleines Flugzeug ab. Robicheaux kann einen Passagier, ein kleines Mädchen, aus dem in den Bayous versinkendem Flugzeug retten. Die anderen Passagiere, Flüchtlinge aus El Salvador, sind tot. Als die Behörden eine falsche Opferzahl veröffentlichen, weiß Robicheaux, dass etwas faul ist. Vor allem weil die im Bericht nicht erwähnte Tote als Muli für den Rauschgiftbaron Bubba Rocque, den er seit seiner Kindheit kennt, arbeitete.

Robicheaux hört sich in New Orleans bei seinen alten Freunden um und sticht in ein Wespennest aus Organisierter Kriminalität und Geheimdiensten.

Vielleicht weil „Blut in den Bayous“ zu den ersten Romanen gehört, die ich von James Lee Burke gelesen habe und die mich zu einem Burke-Fan machten, gehört für mich der zweite Robicheaux-Roman zu den besten Romanen der seit dreißig Jahren bestehenden Serie.

In seinem Nachwort beschäftigt sich Alf Mayer vor allem mit „Mississippi Delta“, der Verfilmung des Romans von Phil Joanou, nach einem Drehbuch von Scott Frank mit Alec Baldwin (damals Dave Robicheaux, heute…), Kelly Lynch, Mary Stuart Masterson, Teri Hatcher, Eric Robert, Vondie Curtis Hall und Paul Guilfoyle (vor seiner Beschäftigung bei der Las-Vegas-Ausgabe von „C. S. I.“). Er geht dabei auch detailliert auf die schwierige Produktion ein. Sehenswert ist der Film trotz seiner Mängel. Und ich kann Alf Mayers Frage nach dem deutschen Kinostart klären. Ja, er lief in den Kinos. Ich sah ihn damals im Kino. In einer ganz normalen Vorführung in einem ganz normalen Kino. Jahre später besorgte ich mir eine DVD-Ausgabe des Films und wenn es eine schöne Blu-ray-Ausgabe gäbe, würde ich meine DVD gerne dagegen eintauschen.

James Lee Burke: Straße der Gewalt

(übersetzt von Jürgen Bürger)

Pendragon, 2017

520 Seiten

18 Euro

Originalausgabe

Last Car to Elysian Fields

Simon & Schuster, 2003

James Lee Burke: Blut in den Bayous

(übersetzt von Jürgen Behrens, mit einem Nachwort von Alf Mayer)

Pendragon, 2016

456 Seiten

17 Euro

Deutsche Erstausgabe 1991 als „Blut in den Bayous“ bei Ullstein.

Neuausgabe 1996 zum Filmstart als „Mississippi Delta – Blut in den Bayous“ bei Ullstein.

Originalausgabe

Heaven’s Prisoners

Holt, New York, 1988

Erster Bonushinweis

Vater und Sohn von James Lee Burke

Vor einigen Wocheen erschien „Vater und Sohn“ bei Heyne Hardcore und weil ich den seitenstarken Roman noch nicht gelesen habe, beschränke ich mich auf die Fakten. Burke erzählt von Texas Ranger Hackberry Holland, der seit Jahren keinen Kontakt mehr zu seinem Sohn Ishmael hat. Er sucht ihn und will sich mit ihm aussöhnen. Der Roman spielt zwischen 1891 und 1918. Es ist also ein historischer Roman.

James Lee Burke: Vater und Sohn

(übersetzt von Daniel Müller)

Heyne, 2016

640 Seiten

17,99 Euro

Originalausgabe

House of the Rising Sun

Simon & Schuster, New York, 2015

Zweiter Bonushinweis

Sturm ueber New Orleans von James Lee Burke

Der Dave-Robicheaux-Krimi Sturm über New Orleans“ erschien vor wenigen Tagen als Taschenbuch bei Heyne. Das Buch kostet 10,99 Euro.

Hinweise

Homepage von James Lee Burke

Wikipedia über James Lee Burke (deutsch, englisch)

Mein Porträt von James Lee Burke

James Lee Burke in der Kriminalakte

„In the Electric Mist“ in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers James-Lee-Burke-Verfilmung „In the Electric Mist – Mord in Louisiana“ (In the Electric Mist, USA 2009)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Neonregen“ (The Neon Rain, 1987)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Regengötter“ (Rain Gods, 2009)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Sturm über New Orleans“ (The Tin Roof Blowdown, 2007)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Mississippi Jam“ (Dixie City Jam, 1994)

 


TV-Tipp für den 18. Februar: B-Movie – Das wilde West-Berlin der 80er Jahre

Februar 18, 2017

Arte, 23.50
B-Movie – Das wilde WEst-Berlin der 80er Jahre (TV-Titel)/B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979 – 1989 (Kinotitel) (Deutschland 2015)
Regie: Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck, Heiko Lange
Drehbuch: Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck, Heiko Lange
Mark Reeder kommt 1979 von Manchester nach Berlin, der Stadt seiner Träume. Er stürzt sich in das Nachtleben und begegnet dort einer pulsierenden Szene von Künstlern und Spinnern. In „B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979 – 1989“ (Kinotitel) blickt er äußerst kurzweilig auf die Zeit zwischen 1979 und 1989 zurück.
Dabei gelang es ihm und den Filmemachern Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck und Heiko Lange eine unglaubliche Menge auch obskurer zeitgenössischer Film- und Tonaufnahmen zu beschaffen, die sie zu einer ebenso wilden, wie kurzweiligen und, dank Reeders selbstironischem Humor und nimmermüder Begeisterung, ämusanten und informativen Collage über ein pophistorisch noch nicht aufgearbeitetes Jahrzehnt zusammenstellten.
mit Mark Reeder, Gudrun Gut, Westbam, Blixa Bargeld, Nick Cave, Joy Division, Zazie de Paris, Nena, Die Toten Hosen, Der Wahre Heino, Einstürzende Neubauten, Die Ärzte, Malaria!, Ideal, Jörg Buttgereit

Das Buch zum Film

Reeder - B Book - 250
Eigentlich Reeders Filmkommentar (deutsch und englich) und viele Bilder. Neben den bekannten Gesichtern von/mit Nena, Nina Hagen, Inga Humpe, den Ärzten, den Einstürzenden Neubauten, und Underground-Stars gibt es Bilder von dem damaligen, herrlich abgeranzten Berlin, das es heute nicht mehr gibt.
Da wünscht man sich eine Zeitmaschine.

Mark Reeder: B-Book – Lust und Sound in West-Berlin
Edel, 2015
224 Seiten
39,95 Euro

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „B-Movie“
Film-Zeit über „B-Movie“
Moviepilot über „B-Movie“
Wikipedia über Mark Reeder (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jörg A. Hoppe/Klaus Maeck/Heiko Langes „B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979 – 1989“ (Deutschland 2015)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „Oh…“ – Philippe Djians Roman ist jetzt Paul Verhoevens „Elle“

Februar 17, 2017

Im Moment ist Paul Verhoeven Präsident der Berlinale-Jury und gleichzeitig läuft sein neuer Film „Elle“ endlich in unseren Kinos an. Seine grandiose Philippe-Djian-Verfilmung wurde bereits 2016 bei den Filmfestspielen von Cannes gezeigt. Seitdem gab es Preise, wie Golden Globes als bester fremdsprachiger Film und für Isabelle Huppert als beste Darstellerin, eine Oscar-Nominierung für Huppert, elf César-Nominierungen und Nominierungen für den Europäischen Filmpreis in den Kategorien „Bester Film“, „Beste Regie“ und „Beste Darstellerin“, die auf die Qualitäten von Verhoevens neuem Film hinweisen.

Isabelle Huppert spielt Michèle Leblanc, die Chefin einer Videogame-Firma.

Als sie in ihrer Wohnung vergewaltigt wird, kriegt sie keine Panikattacke oder ruft um Hilfe. Stattdessen räumt sie äußerlich ungerührt die Scherben weg. Sie geht zum Arzt und lässt sich auf mögliche Krankheiten und Infektionen testen. Sie kauft sich Pfefferspray. Bei einem Abendessen in einem noblen Restaurant mit ihrem Ex-Mann Richard, einem erfolglosem Schriftsteller, ihrer Geschäftspartnerin und Freundin Anna und deren Mann Robert (mit dem Michèle ein Verhältnis hat), sagt sie ihnen beiläufig, dass sie vergewaltigt wurde. Weiter will sie nicht darüber reden.

Sie ist ein Biest, das sich schon früh einen Panzer zulegte,und ihren Mitmenschen in einer Mischung aus schnippischer Kaltschnäuzigkeit, gnadenloser Ehrlichkeit und offensichtlicher Ungerührtheit über ihre Gefühle begegnet, Sie ist in keinster Weise liebenswert, aber dank Isabelle Hupperts Spiel schließt man sie dann doch ins Herz. Soweit das möglich ist, bei einer Person, die sich nie als Opfer sieht, immer die Kontrolle behält und keine Emotionen zeigt.

Die anderen Menschen und Paul Verhoevens eiskalt-illusionsfreier Blick auf die conditio humana zeichnet ein reichlich misanthropisches Bilder der Menschheit. Kein Mann ist auch nur im Ansatz eine Zierde seines Geschlechts. Es sind Jammerlappen. Robert ist einfach nur ein ständig notgeiler Trottel. Christian Berkel hatte erkennbar seinen Spaß an diesem tumben Mannsbild. Die Frauen sind kaum besser. Michèles Mutter lässt sich ständig liften und hält sich jüngere Liebhaber. Ihre Nachbarin ist eine überzeugte Katholikin, die auf einem Tischgebet besteht und am Ende einen harmlos klingenden Satz sagt, der, weil wir den Hintergrund und die wahre Dimension des Satzes kennen, schlimmer kaum sein könnte. Ob er aus ehrlicher Erkenntnis oder vollkommener Verlogenheit gesagt wurde, bleibt dagegen dem Zuschauer überlassen. Ihre Freundin Anna erscheint da schon fast wie eine moralische Lichtgestalt.

Es sind, wenn auch mit mehr oder weniger großen Abweichungen von der Norm, ganz normale Menschen, die immer ihr Geheimnis bewahren. Das liegt auch an David Birkes Drehbuch, in dem jeder Satz ein Treffer ist, und Paul Verhoevens präziser Regie. Sie haben aus Philippe Djians Roman „Oh…“ vieles übernommen, ihn aber an den entscheidenden Stellen verbessert und Motive und Beziehungen klarer herausgearbeitet. Dem mit dem Prix Interallié ausgezeichneten Roman fehlt die klare Struktur, der ironische Ton und die satirische Schärfe des Films. So ist Michèle im Roman eine Filmproduzentin, die oft zu Hause Drehbücher liest. Im Film ist sie eine Videogame-Produzentin, die vor allem junge Männer angestellt hat, die gerade ein neues, sehr sexistisches und gewaltverherrlichendes Spiel programmieren. Michèles reale Vergewaltigung wird im Spiel mehr als einmal in verschiedenen Facetten reflektiert. Im Roman wird das Verbrechen von ihrem Vater nur angedeutet. Im Film erfahren wir die ganze Wahrheit. Der Katholizismus von ihrer Nachbarin spielt im Film eine größere Rolle. Sowieso wurden etliche Szenen dazu erfunden, die gleichzeitig Konflikte stärker zuspitzen als im Roman, die Charaktere in einem kälteren Licht erscheinen lassen und der gesamten Geschichte eine faszinierende Zwiespältigkeit verleihen. Denn Verhoeven und sein grandioses Ensemble lassen den Charakteren immer einen Hauch ihres Geheimnisses und fast jeder Satz und jede Handlung kann auf mindestens zwei Arten interpretiert werden.

Auch weil Michèle, nachdem sie die Identität ihres Vergewaltigers enthüllte, mit ihm eine Beziehung eingeht.

Elle“ gehört zu den Filmen, die beim zweiten Ansehen besser als beim ersten Ansehen sind. Wie gut wird der Erotik-Thriller dann beim dritten Ansehen sein?

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Elle (Elle, Frankreich/Deutschland/Belgien 2016)

Regie: Paul Verhoeven

Drehbuch: David Birke

LV: Philippe Djian: Oh…, 2012 (Oh…)

mit Isabelle Huppert, Laurent Lafitte, Anne Consigny, Christian Berkel, Charles Berling, Virginie Efira, Judith magre, Jonas Bloquet, Alice Isaaz, Vamila Pons

Länge: 126 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

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Philippe Djian: Oh…

(übersetzt von Oliver Ilan Schulz)

Diogenes, 2017

240 Seiten

12 Euro

Deutsche Erstausgabe

Diogenes, 2014

Originalausgabe

Oh…

Éditions Gallimard, 2012

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Französische Homepage zum Film

Filmportal über „Elle“

Moviepilot über „Elle“

Metacritic über „Elle“

Rotten Tomatoes über „Elle“

Wikipedia über „Elle“ (deutsch, englisch, französisch)

Perlentaucher über Philippe Djian

Wikipedia über Philippe Djian (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Philippe Djians „Die Rastlosen“ (Incidences, 2010 – und der Verfilmung „Liebe ist das perfekte Verbrechen“)

Meine Besprechung von Paul Verhoevens „Flesh + Blood“ (Flesh + Blood, USA 1985)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen“ schicken Jungs ins All

Februar 7, 2017

Wenn man auch nur kurz nachdenkt, sagt man sich „Ja, klar“ und fragt sich dann, warum diese Geschichte noch nicht erzählt wurde. Denn dass John Glenn, der erste Amerikaner im Weltall, und, Jahre später, die Männer der Apollo 11, – Neil Armstrong, Buzz Aldrin und Michael Collins -, die als erste zum Mond und zurück flogen, die ganzen Berechnungen für Start und Landung, für den Flug und für alle Eventualitäten nicht allein programmierten, ist offensichtlich. Sie waren dazu gar nicht in der Lage. Ihre allseits bekannten Taten (eigentlich saßen sie nur mehr oder weniger lang auf ihrem Platz und taten nichts) gelangen ihnen nur, weil andere Menschen die Arbeit fehlerfrei erledigt hatten.

Die wichtigste Arbeit war dabei natürlich die Grundlagenforschung für die Flüge. Die wurde von Mathematikern erledigt und weil es damals noch keine Computer gab – also nicht in den heutigen Dimensionen, eher so Rechenschieber – mussten natürlich alle Rechnungen von vielen Menschen berechnet werden. Als es in den späten fünfziger und frühen sechziger Jahren die ersten Computer gab, wurden alle Berechnungen noch einmal von Menschen überprüft. Diese aus Sicht eines Mathematikers einfachen Tätigkeiten (wir Normalos, die schon beim Zusammenzählen von einem Bier und einem weiteren Bier verzweifeln, sehen das etwas anders) wurden von unzähligen Frauen erledigt, die damals aus männlicher Sicht nicht für Forschungstätigkeiten qualifiziert waren. Unter diesen Frauen waren auch etliche Afroamerikanerinnen.

Und hier beginnt die Geschichte von „Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen“. In dem Sachbuch, auf dem Theodore Melfis Film basiert, schildert Margot Lee Shetterly diese Geschichte von ihren Anfängen, als die NASA-Vorläuferorganisation NACA 1943 erstmals Afroamerikanerinnen als „Menschliche Computer“ einstellte, bis zur Mondlandung. In dem Film wird die Geschichte dann auf einen Ausschnitt von wenigen Jahren und drei Frauen – Katherine G. Johnson (Taraji P. Henson), Dorothy Vaughan (Octavia Spencer) und Mary Jackson (Janelle Monáe) – verdichtet. Mit einigen erzählerischen Freiheiten, die Faktennerds vielleicht stören. Vor allem die von Kevin Costner, Jim Parsons und Kirsten Dunst gespielten Charaktere basieren nicht auf einer, sondern auf mehreren realen Personen. Aber keine dieser Änderungen und Zuspitzungen (vor allem in der Toilettenfrage) ändert etwas an der emotionalen Wahrheit und der zutreffenden Schilderung der damaligen Zustände, in der die Rassen dank der Jim-Crow-Gesetze sauber getrennt waren und Schwarze in jeder Beziehung diskriminiert wurden. In der NASA dabei weniger als in der restlichen Gesellschaft, weil es hier um klar messbare Leistungen ging. Entweder konnte man rechnen. Oder man konnte es nicht.

Nachdem die Russen im November 1957 die Hündin Laika in den Weltraum schickten, hatten sie den Amerikanern die zweite Schlappe im Kampf um die Eroberung des Weltraums beschert. Als nächstes sollte ein Mensch ins All befördert werden und dieses Mal wollten die Amerikaner die ersten sein. Katherine G. Johnson arbeitete damals in der Abteilung von Dorothy Vaughan. Auch wenn Vaughan formal nicht den Posten einer Abteilungsleiterin hatte, war sie die Leiterin der Abteilung, in der die afroamerikanischen Frauen Teile von größeren Rechnungen berechneten. Die „Mädchen“, die „menschlichen Computer“ (wie sie genannt wurde), waren Hilfskräfte, die ad hoc immer wieder in andere Abteilungen versetzt wurden. Aufgrund einer der zahlreichen Anfragen für temporäre Versetzungen schickte sie Katherine G. Johnson zur Space Task Group. Dort sollte sie bei den Berechnungen für die ersten Flüge ins All helfen. Dass sie eine ausgezeichnete Mathematikerin war, bemerken ihre Kollegen – alles weiße Männer – erst später.

Währenddessen versucht Vaughan endlich auch formal als Abteilungsleiterin eingestuft zu werden und, weil sie im Computer die Zukunft sieht, die die Jobs ihrer Mädchen bedrohen könnte, lernt sie autodidaktisch die Computersprache Fortran und bringt sie ihren Mädchen bei. Damit sind sie, als Fachkräfte für die Computer benötigt werden, die Personen, die die IBM-Computer bedienen können.

Dritte Protagonistin des Films ist Mary Jackson, die von einer Mathematikerin zu einer Ingenieurin befördert werden will. Weil die Einstellungsvoraussetzungen für eine Beförderung immer wieder geändert werden, muss sie sich zuerst zu den für die Beförderung notwendigen College-Kursen (die natürlich nur an einer weißen Universität gehalten wurden) einklagen.

Diese drei Frauen kämpfen um Anerkennung und wir fühlen und leiden mit diesen gewitzten Frauen, die mit weiblichem Charme und viel Kompetenz um ihren Platz in der Gesellschaft kämpfen.

Jackson wurde die erste afroamerikanische Raumfahrtingenieurin der NASA und, später, Managerin des Gleichberechtigungsprogramms.

Vaughan berechnete die Flugbahnen der frühen Mercury-Flüge und John Glenns Friendship-7-Mission, die der Höhepunkt des Films ist. Später wirkte sie bei bei den Berechnungen für die Apollo-11-Mission und das Space-Shuttle-Programm mit. 2015 wurde sie von Präsident Barack Obama mit der Presidential Medal of Freedom, der höchsten zivilen Auszeichnung in den USA, ausgezeichnet.

Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen“ ist ein punktgenau inszenierter Feelgood-Film über weibliche Selbstermächtigung und Selbstbewusstsein und wie es ihnen gelingt, die Männer auf den Mond zu schicken.

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Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen (Hidden Figures, USA 2016)

Regie: Theodore Melfi

Drehbuch: Allison Schroeder, Theodore Melfi

LV: Margot Lee Shetterly: Hidden Figures, 2016 (Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen)

mit Taraji P. Henson, Octavia Spencer, Janelle Monáe, Kevin Costner, Kirsten Dunst, Jim Parsons, Mahershala Ali, Aldis Hodge, Glen Powell, Kimberly Quinn, Olek Krupa

Länge: 127 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Die Inspiration

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Schon vor der Buchveröffentlichung kaufte Hollywood die Geschichte und begann, ausgehend von einem 55-seitigen Exposé, mit dem Schreiben des Drehbuchs, das letztendlich nur einige Absätze, Sätze und Figuren aus dem Buch übernimmt. Auch weil das Sachbuch sich mehr auf die Anfänge, die Kriegs- und ersten Nachkriegsjahre, konzentriert.

Margot Lee Shetterly erzählt in „Hidden Figures“ die Geschichte von mehreren Afroamerikanerinnen, die bei der NACA und NASA arbeiteten. Die NASA war ein verlässlicher Arbeitgeber, der über viele Jahre viele gut ausgebildete Menschen brauchte. So waren 1984 8,4 Prozent der NASA-Ingenieure und 2 Prozent aller amerikanischen Ingenieure schwarz. Bei ihren Recherchen stieß sie auf fast fünfzig Afroamerikanerinnen, die zwischen 1943 und 1980 als Rechenspezialistinnen, Mathematikerinnen, Ingenieurinnen oder Forscherinnen im Langley Memorial Aeronautical Laboratory arbeiteten. Bei einer weiteren Recherche, so Shetterly, könnten noch zwanzig weitere Namen entdeckt werden.

Über ihre Bedeutung schreibt sie: „vor allem verhalfen die schwarzen Rechnerinnen von Langley den USA zu einer Vormachtstellung in Luftfahrt, Raumforschung und Computertechnologie und erkämpften sich dabei einen Platz als Mathematikerinnen, die außerdem schwarz waren, und als schwarze Mathematiker, die außerdem weiblich waren. Für eine Gruppe intelligenter und ehrgeiziger Afroamerikanerinnen, sorgfältig ausgebildet für eine mathematische Karriere und bereit für den Sprung in die obere Liga, muss sich Hampton, Virginia, wie das Zentrum des Universums angefühlt haben.“

Besser bezahlt als eine Tätigkeit als Lehrerin an wechselnden Provinzschulen mit unklarer Perspektive war es sowieso.

Shetterly ergänzt die Biographien um Informationen zur NACA und NASA, die damals beide an der Speerspitze des Fortschritts waren. Was heute Silicon Valley ist, war damals die NASA. Ingenieure, Mathematiker und Physiker wollten in die Weltraumforschung und zeigen, dass Menschen mit Überschallgeschwindigkeit fliegen können, dass Menschen ins All und zum Mond fliegen können. Sie schreibt auch viel über den Alltag der Afroamerikaner, die durch die Rassentrennungsgesetze überall in ihrem Leben behindert wurden.

Das alles erzählt sie allerdings in einer biederen, teilweise geschwätzigen Prosa, die nie die Brillanz eines Tom Wolfe hat. Der erzählte in „The Right Stuff“ die Geschichte der Piloten, die in ihren Düsenjets die Schallmauer durchbrachen und nicht zur NASA gehen wollten, weil echte Helden nicht zu Laborratten werden. Aber das ist eine andere Geschichte, die schon vor Jahren erzählt wurde.

Margot Lee Shetterly: Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen

(übersetzt von Michael Windgassen und Sandra Ritters)

HarperCollins, 2017

416 Seiten

14 Euro

Originalausgabe

Hidden Figures

William Morrow, 2016

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Hidden Figures“

Metacritic über „Hidden Figures“

Rotten Tomatoes über „Hidden Figures“

Wikipedia über „Hidden Figures“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über „Hidden Figures“

Meine Besprechung von Theodore Melfis „St. Vincent“ (St. Vincent, 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: „Live by Night“ – Ben Afflecks zweite Dennis-Lehane-Verfilmung

Februar 4, 2017

Joe Coughlin (Ben Affleck) ist kein gewöhnlicher Gangster. Nicht nur, weil er sich selbst als „Outlaw“ (im Buch öfter, im Film nur einmal) bezeichnet und sieht, sondern weil er ein intelligenter Bursche ist. Er ist der Sohn des stellvertretenden Polizeichefs von Boston, der nach seinen Erfahrungen als Soldat im Ersten Weltkrieg außerhalb der Gesellschaft leben möchte.

In Boston der zwanziger Jahre tut er das als kleiner Ganove, der zwischen die Fronten von Albert White (Robert Glenister), einem irischen Mobster, und Don Maso Pescatore (Remo Girone), einem italienischen Mafiosi, gerät. Coughlins Freundin Emma Gould (Sienna Miller) ist auch Whites Geliebte. Als sie – indirekt bei einem Autounfall– durch Whites Hand stirbt, will Coughlin sie rächen. Er geht einen Pakt mit Pescatore ein, der ihn nach Florida schickt. In Ybor, „the Harlem of Tampa“, übernimmt er den dortigen Rumschmuggel. Er organisiert ihn neu und, im Gegensatz zu den bisherigen Gepflogenheiten, mit den Kubanern als gleichberechtigte Partner. Und er verliebt sich in Graciela (Zoe Saldana), die mit ihrem Bruder den Alkoholhandel aus Kuba organisiert.

Nicht allen gefällt Coughlins Aufstieg und seine Zusammenarbeit mit den Kubanern (ich sage nur Rassismus). Oh, und White ist ebenfalls in Florida.

Live by Night“ basiert auf einem gut sechshundertseitigem Epos von Dennis Lehane. Der sehr lesensverte, zwischen 1926 und 1935 spielende Gangsterroman erhielt den Edgar, einen der wichtigsten Krimipreise.

Ben Affleck, der, nach einem Kurzfilm, mit der grandiosen Dennis-Lehane-Verfilmung „Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel“ sein Spielfilmdebüt gab, schrieb dieses Mal das Drehbuch, führte Regie und übernahm auch gleich die Hauptrolle. In seinem Script folgt er dem Roman, abgesehen von den notwendigen Kürzungen, genau. Zu genau für meinen Geschmack.

Anstatt sich auf einen Teil von Coughlins Geschichte zu konzentrieren und eine Geschichte zu erzählen, kondensiert er den Roman auf eine eher ungeschickte Weise. Er behandelt Lehanes Roman nicht wie einen Unterhaltungsroman, der die Grundlage für einen packenden Film liefern soll, sondern ehrfurchtsvoll wie ein Stück hohe Literatur, bei dem nichts geändert werden darf. Dieser Ehrfurcht überträgt sich dann auf den gesamten Film, der dadurch oft lebloser als nötig ist.

Die Episoden aus dem Gangsterleben treten immer wieder in den Hintergrund zugunsten von Coughlins Beziehungen zu verschiedenen Frauen und wie sie sein Leben in negativer Hinsicht beeinflussen. Das ist dann, wie im Roman, eine interessante Verschiebung der vertrauten Perspektive. In einem Gangsterfilm, vor allem in einem während der Prohibition spielendem Gangsterfilm, sind Frauen nur Beiwerk, während die gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen Gangsterbanden und der Polizei und auch innerhalb der Gangsterbande im Mittelpunkt stehen. Das fehlt dann in „Live by Night“ in einem erstaunlich großem Ausmaß. Hier ist der Schmuggel ein einträgliches Geschäft, bei dem alle gut verdienen und Konflikte lieber mit Geld und Arrangements als mit Gewalt erledigt werden. Obwohl Coughlin durchaus, wenn es nicht anders geht, Gewalt anwendet.

Dagegen muss sich Coughlin mit dem Ku Klux Klan (sie wollen einen Teil seines Geschäftes) und einer Christin (sie will sein Geschäft zerstören) auseinandersetzen. Coughlin versucht beide Konflikte ohne Gewalt zu lösen.

Live b Night“ ist dann ein Gangsterfilm, dem der Drive eines klassischen Gangsterfilms (in dem ein Junge aus der Gosse sich skrupellos den Weg an die Spitze frei schießt) fehlt, ein Liebesfilm, der sich nicht für die Liebesgeschichte(n) interessiert und ein Biopic, das primär Episoden aneinanderreiht, ohne einen klar erkennbaren erzählerischen Bogen zu schlagen. So verweilt Affleck mit seiner Geschichte viel zu lange in Boston, das nur das Vorspiel für Coughlins eigentlich Geschichte ist, die sich im sonnigen Florida abspielt. Dort arbeitet er zwar zielstrebig und in Pescatores Sinn, wie ein neuer Abteilungsleiter, der keine größeren Ambitionen hat. Er will nicht der neue Boss der gesamten Firma werden und er will sich anscheinend auch nicht mehr an White rächen. Auch weil White für ihn überhaupt keine Bedrohung mehr ist.

So plätschert der Gangsterfilm, der sich nicht wirklich entscheiden will, was der Hauptplot und was die Subplots sind, immer wieder vor sich hin, während er ein kleines Gesellschaftsbild von Ybor während der Prohibition zeichnet.

Affleck inszenierte das alles mit viel Liebe zum Detail und Gangsterfilmfans – wir wurden in den letzten Jahren ja auf eine ziemliche Diät gesetzt – dürfen sich über einen stilechten Gangsterfilm freuen. Jedenfalls wenn Affleck die Gangsterfilmszenen inszeniert. Aber oft interessieren ihn andere Dinge und der Film kann in seiner jetzigen Fassung, obwohl er bereits über zwei Stunden ist, nicht verleugnen, dass er besser noch länger wäre. Mindestens eine halbe Stunde. Oder besser sogar eine Miniserie im Fernsehen, die sich dann stärker den Konflikten zwischen den Verbrechern, den politischen und rassistischen Konflikten widmet, die alle schon in Lehanes Roman angesprochen werden und die heute immer noch aktuell sind.

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Live by Night (Live by Night, USA 2016)

Regie: Ben Affleck

Drehbuch: Ben Affleck

LV: Dennis Lehane: Live by Night, 2012 (In der Nacht)

mit Ben Affleck, Elle Fanning, Remo Girone, Brendan Gleeson, Robert Glenister, Matthew Maher, Chris Messina, Sienna Miller, Zoe Saldana, Chris Cooper, Titus Welliver, Max Casella, Clark Gregg, Anthony Michael Hall

Länge: 129 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage (Lesebefehl)

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Dennis Lehane: In der Nacht

(übersetzt von Sky Nonhoff)

Diogenes, 2013

592 Seiten

10 Euro (Movie-Tie-In-Ausgabe)

Originalausgabe

Live by Night

William Morrow, New York, 2012

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Moviepilot über „Live by Night“

Metacritic über „Live by Night“

Rotten Tomatoes über „Live by Night“

Wikipedia über „Live by Night“ (deutsch, englisch)

Homepage von Dennis Lehane

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Coronado“ (Coronado, 2006)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Moonlight Mile“ (Moonlight Mile, 2010)

Meine Besprechung von Ben Afflecks Dennis-Lehane-Verfilmung „Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel“ (Gone Baby Gone, USA 2007)

Meine Besprechung von Christian De Metter/Dennis Lehanes Comic „Shutter Island“ (Shutter Island, 2008)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Shutter Island“ (Shutter Island, 2003)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes “In der Nacht” (Live by Night, 2012)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „The Drop“ (The Drop, 2014) (Buch und Film)

Dennis Lehane in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Ben Afflecks Dennis-Lehane-Verfilmung “Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel” (Gone Baby Gone, USA 2007)

Meine Besprechung von Ben Afflecks “Argo” (Argo, USA 2012)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Zur neuen Verfilmung des Kinderbuchklassikers „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“

Februar 4, 2017

Jetzt hat es auch Andreas Dresen getan. Einen Kinderfilm gedreht. Nach einem erfolgreichen Buch. Und bei Andreas Dresen hätte man das – siehe „Bibi & Tina“-Regisseur Detlev Buck – am wenigsten erwartet. Immerhin ist Dresen als Regisseur von Filmen wie „Die Polizistin“, „Halbe Treppe“, „Sommer vorm Balkon“ und „Wolke 9“ vor allem als improvisationsfreudiger Erwachsenenregisseur bekannt. Mit „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“ inszenierte er jetzt eine Big-Budget-Produktion, die ganz anderen Gesetzen gehorcht. Sie ist mit vielen alten Dresen-Bekannten und einigen Neuzugängen prominent besetzt und für ein junges Publikum inszeniert. Die dürfen mit diesem Kinofilm ihren Timm Thaler, der von Arved Friese gespielt wird, entdecken. Ältere Semester erinnern sich ja immer noch an ihren 1979er Timm Thaler, der von Thomas Ohrner gespielt wurde. Ohrner hat als Concierge des Grand Hotel einen Kurzauftritt.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der junge Timm Thaler. Ein aufgeweckter, fröhlicher Junge, der mit seinem Lachen jeden verzaubert. Auf der Pferderennbahn lernt er Baron Lefuet (Justusvon Dohnányi) kennen, der ihm ein teuflisches Geschäft anbietet: wenn er Lefuet sein Lachen verkauft, wird er fortan jede Wette gewinnen. Der in bitterster Armut lebende Timm ist einverstanden und ab jetzt gibt es zwischen dem Roman von James Krüss und dem Film von Andreas Dresen (nach einem Drehbuch von „Unter Verdacht“-Erfinder Alexander Adolph) auf der reinen Handlungsebene viele Unterschiede. Auf der emotionalen Ebene und dem Ende nicht. Deshalb habe ich mit den Veränderungen auch keine Probleme und finde sie sogar gut. Denn wer will schon wirklich einen Film sehen, in dem Timm während der halben Geschichte durch die Welt stolpert, Geschäftspartner von Baron Lefuet kennenlernt und sich um Firmeninterna kümmern muss? Außerdem erstreckt sich der Roman über mehrere Jahre.

Der Film spielt dagegen in einem überschaubarem Zeitraum in einer Stadt zwischen Timms Armenviertel, der Pferderennbahn, dem Grand Hotel und dem Anwesen von Baron Lefuet. Wie der Roman spielt der Film in den zwanziger Jahren. Allerdings in einer Steampunk-Variante der zwanziger Jahre, die deutlich von Fritz Langs Filmen, wie „Metropolis“, „Spione“ und seinen „Dr. Mabuse“-Filme inspiriert ist.

Timm hat im Film viele Freunde und damit ein soziales Umfeld, das die gesamte Geschichte realistisch erscheinen lässt. Neben dem aus dem Roman bekannten Kreschimir (Charly Hübner), der ihm im Film als freundlicher Bartender des Grand Hotels hilft und schnell Timms Geheimnis erahnt, ist vor allem Timms Freundin Ida (Jule Hermann) wichtig. Im Roman ist Timm, trotz böser Stiefmutter und bösem Stiefbruder, ein Waisenknabe.

Einige Details in Dresens gelungener und eigenständiger Verfilmung sind allerdings misslungen. Am ärgerlichsten sind Behemoth (Axel Prahl) und Belial (Andreas Schmidt. Koptisch sprechend, in Frauenkleidern), die von Baron Lefuet immer wieder zu Ratten verwandelt werden und Timm hinterherspionieren sollen. Das spekuliert, wenn sie als Ratten durchs Bild laufen, zu sehr auf billige Lacher.

Und das große Finale auf der Rennbahn fällt arg schwach aus. Obwohl es pompöser als das Buchfinale ist.

Erwachsene dürfte auch die fehlende zweite (oder dritte) Ebene stören, die aus Anspielungen besteht, die sie, aber nicht die Kinder verstehen. Wie das geht, zeigt Pixar ja in seinen Animationsfilmen.

So ist „Timm Thaler“ dann ein guter, unterhaltsamer, kurzweiliger, auch anspielungsreicher Kinderfilm, der vor allem für Kinder ist, die wissen wollen, warum Timm keine Freude an seinem Wettglück hat, mit dem er alles haben kann, was er sich wünscht. Außer seinem Lachen und allem, was damit zusammenhängt.

James Krüss‘ kapitalismuskritischer Roman ist nach dem Filmbesuch immer noch eine Lektüre wert. Immerhin erzählt Krüss eine andere, eine globetrottende Geschichte, in der man an einigen Stellen vermutet, dass Behemoth und Belial schon damals Timm beobachten mussten.

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Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen (Deutschland 2017)

Regie: Andreas Dresen

Drehbuch: Alexander Adolph

LV: James Krüss: Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen

mit Arved Friese, Justus von Dohnányi, Axel Prahl, Andreas Schmidt, Jule Hermann, Charly Hübner, Nadja Uhl, Steffi Kühnert, Bjarne Mädel, Fritzi Haberlandt, Harald Schmidt, Heinz-Rudolf Kunze, Milan Peschel, Joachim Król (Erzähler)

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Die Vorlage

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James Krüss: Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen

Verlag Friedrich Oetinger, 2017

336 Seiten

12,99 Euro

Hinweise

Homepage von James Krüss

Oettinger-Verlag über James Krüss

Wikipedia über James Krüss und „Timm Thaler“

Homepage zum Film

Filmportal über „Timm Thaler“

Moviepilot über „Timm Thaler“

Wikipedia über „Timm Thaler“ (die aktuelle Verfilmung)

Meine Besprechung von Andreas Dresens „Als wir träumten“ (Deutschland/Frankreich 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: Das römische Mafiaepos „Suburra“

Januar 29, 2017

Giancarlo de Cataldo

Carlo Bonini

Stefano Sollima

Wer ein gutes Namensgedächtnis hat, hat jetzt alle nötigen Informationen, um sich auf den Weg ins Kino zu machen. Denn „Suburra“ basiert auf einem Roman von Giancarlo de Cataldo und Carlo Bonini, die bereits in mehreren hochgelobten Romanen eine inzwischen Jahrzehnte umspannende Chronik über römische Gangsterbanden und die Verstrickungen von ihnen mit der Politik schrieben. Giancarlo de Cataldo schrieb auch „Romanzo Criminale“ über die Magliana-Verbrecherbande, die in den siebziger und achtziger Jahren Rom beherrschte.

Stefano Sollima war der Regisseur der TV-Serie „Romanzo Criminale“ und, später, der TV-Serie „Gomorrha“ (die auf Roberto Savianos Tatsachenroman über die neapolitanische Mafia basiert) und des Polizeidramas „ACAB – All Cops are Bastards“, das auf dem Roman von Carlo Bonini basiert. Derzeit dreht Sollima „Soldado“, die Fortsetzung von „Sicario“. Das fällt dann wohl in die Kategorie: anderer Schauplatz, gleiches Thema.

Suburra“ erzählt dann die Geschichte von „Romanzo Criminale“ weiter. Jedenfalls insofern, dass der Film in Rom spielt und er wieder ein Porträt der Organisierten Kriminalität ist. In dem Roman gibt es dann auch einige sehr kurze Verweise auf die aus „Romazo Criminale“ bekannten und verstorbenen Bandenchefs.

In „Suburra“ plant der Samurai, der skrupellose Kopf des Verbrechens in Rom mit guten Verbindungen in die Wirtschaft und Politik, ein großes Bauprojekt, bei dem alle viel Geld verdienen können und einige Habenichts gegen ihren Willen, mehr oder weniger handgreiflich, umgesiedelt werden.

Aufgrund der Größe und der notwendigen Baugenehmigungen sind auch die Politik und die katholische Kirche involviert. Und das einzige, was der Samurai im Moment nicht gebrauchen kann, ist Unruhe und unerwünschte Aufmerksamkeit von der Polizei, der Presse und der Öffentlichkeit.

Als während einer kleinen Orgie in einem Nobel-Hotelzimmer eine von dem konservativen Abgeordneten Filippo Malgradi (im Roman Pericle Malgradi, „ein Musterbeispiel christlicher Lebensführung“) bezahlte minderjährige Prostituierte an einer Überdosis stirbt, beginnt eine Kette von Ereignissen, die Samurais Pläne gefährdet.

Sollima erzählt diese Geschichte, die in einer Woche im November 2011 spielt, bildgewaltig und mit großem epischen Atem. Dabei hat er mit seinen Drehbuchautoren Carlo Bonini, Giancarlo de Cataldo, Sandro Petraglia und Stefano Rulli (beide ebenfalls das Buch für den Spielfilm „Romanzo Criminale“ und mehrere Episoden für die legendäre TV-Serie „Allein gegen die Mafia“) das Dickicht der Personen und Handlungsstränge des Romans zurechtgestutzt, ohne es zu übermäßig zu vereinfachen. Es gibt immer noch viele Personen und viele Handlungsstränge, die sich langsam miteinander verknüpfen und gegenseitig beeinflussen. Meist, immerhin ist „Suburra“ ein Noir, in Richtung Abgrund. Nicht umsonst werden die Tage bis zur Apokalypse immer wieder eingeblendet.

Das ist großes Kino, das wegen seiner Bilder (Rom bietet halt immer einiges für das Auge) auf der großen Leinwand seinen vollen Reiz entfaltet.

Der Roman liest sich dagegen wie eine faktenversessene Reportage, die auf ausführlichen Recherchen (de Cataldo ist Richter, Bonini Investigativ-Journalist) basiert und wirklich keine Ecke des römischen Sumpfes und der Verflechtungen zwischen den verschiedenen Ebenen, Hierarchien, Personen und Organisationen unbeleuchtet lassen will. Für Italiener, die die Hintergründe, Personen (auch wenn sie im Roman andere Namen haben) und Anspielungen kennen, wird sich „Suburra“ wie eine lange Reportage lesen. Für uns ist das Geflecht des Enthüllungsromans mit den vielen handelnden Personen oft mühsam zu durchschauen.

In der aktuellen Ausgabe des Romans bei Heyne Hardcore gibt es daher dankenswerterweise auf der zweiten Umschlagseite ein Namensverzeichnis mit 37 Namen und etliche namenlose „Sonstige“.

Die bedächtige Erzählweise des Spielfilms und die vielen Personen erinnern dann an eine TV-Serie. Und die ist auch geplant. Für Netflix soll dieses Jahr die Geschichte von „Suburra“ weiter erzählen werden. Und das könnte wieder eine Serie sein, die man sich ansehen muss.

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Suburra (Suburra, Frankreich/Italien 2015)

Regie: Stefano Sollima

Drehbuch: Carlo Bonini, Giancarlo de Cataldo, Sandro Petraglia, Stefano Rulli

LV: Giancarlo de Cataldo/Carlo Bonini: Suburra, 2013 (Suburra)

mit Pierfrancesco Favino, Elio Germano, Claudio Amendola, Alessandro Borghi, Greta Scarano, Giuila Elettra Gorietti, Antonello Fassari, Jean-Hugues Anglade

Länge: 135 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Suburra von Giancarlo de Cataldo

Giancarlo de Cataldo/Carlo Bonini: Suburra

(übersetzt von Karin Fleischanderl)

Heyne, 2016

416 Seiten

9,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Folio Verlag, Wien/Bozen, 2015

Originalausgabe

Suburra

Giulio Einaudi editore, Turin, 2013

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Suburra“

Rotten Tomatoes über „Suburra“

Wikipedia über „Suburra“ (englisch), italienisch [mit den Tagen bis zur Apokalypse])

Perlentaucher über den Roman „Suburra“

Meine Besprechung von „Romanzo Criminale – Staffel 1“

Meine Besprechung von „Romanzo Criminale – Staffel 2“


Neu im Kino/Filmkritik: Wim Wenders, Peter Handke, „Die schönen Tage von Aranjuez“

Januar 27, 2017

Wim Wenders verfilmt Peter Handke. Wieder einmal. Schon als Student drehte er 1969 mit Peter Handke den Kurzfilm „3 amerikanische LP’s“. Sein erster Spielfilm „Die Angst des Tormanns vor dem Elfmeter“ (1972) basiert auf Handkes gleichnamigem Roman und Handke schrieb mit ihm die Dialoge. Für „Falsche Bewegung“ (1975), einen seiner frühen Erfolge, schrieb Handke, frei nach Johann Wolfgang Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, das Drehbuch. „Der Himmel über Berlin“ (1987), für den sie gemeinsam das Drehbuch schrieben, war ein weltweiter Erfolg, der sogar ein Hollywood-Remake erhielt.

Jetzt, nach jahrelanger Handke-Abstinenz, verfilmte Wenders dessen Theaterstück „Die schönen Tage von Aranjuez“ mit zwei großen und einigen kleineren Ergänzungen. Eine der kleinen Ergänzungen ist die Jukebox, die einerseits schon in Wenders‘ Studentenfilmen (und in „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“) verewigt ist, andererseits an Handkes Erzählung „Versuch über die Jukebox“ erinnert. Wenders hat sie als Hommage an diese Erzählung in den Film eingebaut und deshalb steht in der Villa des Schriftstellers eine heute vollkommen unmoderne und auch unpraktische Wurlitzer. Damit kommen wir zur ersten großen Veränderung: Wenders bettet Handkes Stück in eine Rahmenhandlung ein. Dafür erfand er einen Schriftsteller, den es im Stück nicht gibt.

Der Schriftsteller (Jens Harzer) beobachtet aus seinem Arbeitszimmer heraus zwei Menschen, die sich unterhalten. Das Gespräch zwischen ihnen ist dann Handkes auf französisch geschriebenes Theaterstück „Die schönen Tage von Aranjuez“, das er einen „Sommerdialog“ nennt und in dem der Mann (Reta Kateb) und die Frau (Sophie Semin, Handkes Ehefrau) sich, nach vorher abgesprochenen Regeln, über ihre Sexualerlebnisse und seine Tage in Aranjuez unterhalten, garniert mit Bemerkungen von ihm über Obst, Bäume und Vögel. Allerdings ohne jemals wirklich konkret zu werden. Fast alles bleibt im Ungefähren und vieles an dem Dialog verläuft tastend, so als wisse der Autor nicht, wohin das Gespräch sich entwickeln soll.

In dem Film ist schnell deutlich, dass der Mann und die Frau, die beide keinen Namen haben, nur in der Fantasie des ebenfalls namenlosen Schriftstellers existieren. Und dass die Regeln – keine einsilbigen Antworten, kein Wort von Gewalt, keine Aktion, keine Handlung, sondern nur Dialog – von dem Autor selbst auferlegte Beschränkungen bei einer Schreibübung sind, in der der Mann mehr über die Sexualität der Frau, die nur in der Phantasie des Schriftstellers existiert, erfahren will. Deshalb fragt er auch als erster nach ihrem ersten sexuellen Erlebnis: „Das erste Mal, du mit einem Mann, wie ist das gewesen?“

Als Lektüre funktioniert diese Idee auch gut. Im Film weniger bis überhaupt nicht. Das beginnt mit Reta Kateb und Sophia Semin, die den Mann und die Frau spielen. Wobei spielen übertrieben ist, weil sie nicht spielen, sondern einfach nur in einem Garten auf einer Terrasse an einem Tisch sitzen, sich nicht bewegen. Sie reden in einem immergleichen monotonen Tonfall, der nicht vom Text ablenken soll, aber einschläfernd ist. Auch weil der Dialog keine Handlung und keine erkennbare Richtung hat, sondern mäandernd, mehr oder weniger konsequent, um einige Punkte kreist.

In seiner Regie spiegelt Wim Wenders dann diese Idee. Auch die Kamera folgt den Regeln, die Handke seinen beiden Redenden auferlegt: sie bewegt sich nicht. Benoit Debie nimmt einfach die beiden Redenden auf. Meistens über Minuten ohne einen Schnitt und oft in einer Totalen, in der der Mann und die Frau, am Tisch sitzend, im Bild sind. Damit verstärken die Kamera und der Schnitt die einschläfernde Tendenz des Textes.

Da hilft – und das ist die zweite große Änderung – der Auftritt von Nick Cave als Nick Cave, der am Flügel sein Liebeslied „Into my Arms“ singt, nicht. Nick Cave gibt es nicht in Handkes Stück, aber langjährige Wenders-Fans sind Nick Cave bereits öfter begegnet. Zuerst in „Der Himmel über Berlin“, als Cave mit den Bad Seeds live auftrat.

Auch in „Die schönen Tage von Aranjuez“ hat die Musik eine wichtige, das Stück kommentierende Rolle; beginnend mit Lou Reeds „Perfect Day“, der mit Bildern von menschenleeren Pariser Straßen und Parks illustriert wird, und endend mit Gus Blacks „The World is on Fire“. Wenders und Handke ohne Musik ist halt nur die halbe Miete. Jedenfalls in einem Wenders-Film.

Trotzdem funktioniert „Die schönen Tage von Aranjuez“, mal wieder in 3D gefilmt, als Film nicht. Er hat den Charme eines Standbildes, das man sich gut hundert Minuten ansehen muss und dem Begriff „Langeweile“ ungeahnte Dimensionen verleiht. Vor allem wenn man mit Handkes Prosa nichts anfangen kann. Denn Wenders‘ Film ist nur die statische Illustration des Textes.

Deshalb wäre die beste Präsentation des Filmes wahrscheinlich ein illustriertes Filmbuch. Dann könnte man sich an den Bildern erfreuen und den Text so lesen, wie man ihn lesen möchte.

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Die schönen Tage von Aranjuez (Les beaux jours d‘ Aranjuez, Deutschland/Frankreich 2016)

Regie: Wim Wenders

Drehbuch: Wim Wenders

LV: Peter Handke: Die schönen Tage von Aranjuez – Ein Sommerdialog, 2012 (Theaterstück)

mit Reta Kateb, Sophie Semin, Jens Harzer, Nick Cave

Länge: 98 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Die Vorlage

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Peter Handke: Die schönen Tage von Aranjuez – Ein Sommerdialog

Suhrkamp, 2012

72 Seiten

12,99 Euro

Hinweise

Homepage zum Film

Facebook-Seite zum Film

Filmportal über „Die schönen Tage von Aranjuez“

Moviepilot über „Die schönen Tage von Aranjuez“

Rotten Tomatoes über „Die schönen Tage von Aranjuez“

Wikipedia über „Die schönen Tage von Aranjuez“

suhrkamp über Peter Handke

Homepage von Wim Wenders

Meine Besprechung von Wim Wenders’ “Hammett” (Hammett, USA 1982)

Meine Besprechung von Wim Wenders/Juliano Ribeiro Salgados “Das Salz der Erde” (The Salt of the Earth, Frankreich/Deutschland 2013)

Meine Besprechung von Wim Wenders‘ „Every thing will be fine“ (Deutschland/Kanada/Norwegen/Schweden 2015)

Wim Wenders in der Kriminalakte

 


Verfilmte Bücher: „In der Nacht“ ist „Live by Night“

Januar 23, 2017

Lehane - In der Nacht - 2lehane-live-by-night-diogenes-movie-tie-in-2

Am 2. Februar läuft die neueste Dennis-Lehane-Verfilmung „Live by Night“ an. Der Roman erschien bei uns als „In der Nacht“ und damals schrieb ich über ihn:

Ein neuer Roman von Dennis Lehane ist immer gut für einige spannende Lesestunden. Das gilt auch für „In der Nacht“, seinen in den Zwanzigern und Dreißigern spielenden Gangsterroman, der – verdient – 2013 den Edgar als bester Kriminalroman des Jahres erhielt.

So – das war der Teil für alle, die wirklich jeden SPOILER vermeiden wollen, aber wissen wollen, ob es ein gutes Buch ist.

Ja, es ist ein gutes Buch.

Und ab jetzt werde ich, weil ich nicht vollkommen gekünstelt herumschwurbeln will (was dann auch wieder Spoiler durch die Hintertür wären), einiges von der Geschichte und Teile des Endes spoilern. Aber das Wissen um das Ende hat uns echten Gangsterkrimifans noch nie vom Genuss des Werkes – ich sage nur „Scarface“ – abgehalten.

Als Dennis Lehane 1994 mit seinem ersten Kenzie/Gennaro-Privatdetektivroman „Streng vertraulich“ (A Drink before the War) die Szene betrat, wurde er gleich zum Liebling der Krimifans. In Deutschland dauerte es fünf Jahre, bis seine Romane übersetzt wurden und man nahm dann keine Rücksicht auf die Reihenfolge, in der die durchaus miteinander zusammenhängenden Romane in den USA veröffentlicht wurden.

Nach fünf Kenzie/Gennaro-Geschichten konzentrierte Lehane sich ab 2001, bis auf „Moonlight Mile“ (Moonlight Mile, 2010), auf Einzelwerke, in denen er verschiedene Subgenres ausprobierte. Sehr erfolgreich. Am Bekanntesten sind, auch wegen der erfolgreichen Verfilmungen „Mystic River“ und „Shutter Island“ (wobei mir hier das Buch viel besser gefällt). Außerdem wurde der Kenzie/Gennaro-Roman „Gone, Baby, Gone“ verfilmt. Ebenfalls eine äußerst gelungene Verfilmung.

Wenn sein neuester Roman „In der Nacht“ verfilmt wird, dann wohl nur als Film mit Überlänge oder, was besser wäre, als Mini-TV-Serie. Denn Lehane erzählt auf gut sechshundert kurzweiligen Seiten die Geschichte von Joe Coughlin von 1926 bis 1935. Er gehört zur Familie Coughlin, die wir aus „Im Aufruhr jener Tage“ (The given Day, 2008) kennen. Der Roman spielte unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg in Boston und Joes älterer Bruder Danny stand im Mittelpunkt. Inzwischen ist Danny nicht mehr Polizist und hat Boston verlassen.

1926 ist der neunzehnjährige Joe Coughlin Laufbursche und kleiner Gangster in Boston. Nach einem Überfall beginnt er eine Beziehung mit Emma Gould, der Freundin des Gangsterbosses Albert White. Als ein Banküberfall grandios schiefgeht, wird er zu einer zweijährigen Zuchthausstrafe verurteilt. Im Nachgang des Überfalls starb auch Emma bei einem Autounfall.

Im Gefängnis nimmt ihn der mit White verfeindete Gangsterboss Maso Pescatore unter seine Fittiche. Er schickt Coughlin, nachdem er aus dem Gefängnis entlassen wird, nach Ybor, Florida. Dort steigt Coughlin zum lokalen Gangsterboss auf, indem er den Schmuggel von Alkohol professionalisiert, enge Kontakte zu den dortigen ethnischen Minderheiten hat, sich in die Kubanerin Graciella verliebt, immer wieder, auch skrupellos, aber meistens langfristig planend, seine Interessen durchsetzt, und mit ihr in Kuba ein neues Heim aufbaut.

Lehane folgt dabei, mit eher kleinen, aber interessanten Variationen und etlichen breit geschilderten Episoden, wie den Überfall auf das Waffenlager eines Kriegsschiffes und natürlich etlichen Konflikten mit anderen Gangstern, dem Ku-Klux-Klan und der lokalen Oberschicht, den vertrauten Pfaden des klassischen Gangsterromans vom Aufstieg und Niedergang eines Gangster.

Die wichtigste Variation ist der Protagonist. Joe Coughlin ist ein aus einem guten Haus kommender, gebildeter junger Mann. Sein Vater ist der Stellvertretende Polizeichef von Boston. Damit ist er das Gegenteil des klassischen Gangsters, der ein großmäuliger Aufsteiger aus kleinen Verhältnissen ist, ein oft nicht besonders gebildeter Einwanderer ist, der letztendlich an sich selbst scheitert. Al Capone war das Vorbild für diesen Typ. Little Caesar und Scarface die literarischen und filmischen Verarbeitungen dieses Typs. Der Ire Coughlin schlägt da mehr nach den jüdischen Gangstern, wie Meyer Lansky, die das Gangstertum als eine Phase betrachteten, um an Geld zu kommen. Ihre popkulturelle Faszination und Strahlkraft ist deutlich geringer.

Die zweite Variation ist, dass in „In der Nacht“ die Phase des Niedergangs fehlt. Joe Coughlin kann sein Imperium konsolidieren. Er liegt am Ende nicht im Schmutz. Bei ihm blinkt kein „The World is yours“ im Hintergrund.

Und dennoch, wenn man sich Coughlin und seine Beziehungen zu seinen Frauen ansieht, ist das Ende düsterer als das der klassischen Gangsterkrimis.

 

Die Verfilmung wird in der Kriminalakte zum Kinostart besprochen.

Bis dahin: Viel Spaß bei der Lektüre.

Dennis Lehane: In der Nacht

(übersetzt von Sky Nonhoff)

Diogenes, 2013

592 Seiten

10 Euro (Movie-Tie-In-Ausgabe)

Originalausgabe

Live by Night

William Morrow, New York, 2012

Die Verfilmung

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ab 2. Februar 2017 in allen Kinos, die mal wieder einen zünftigen Gangsterfilm zeigen wollen

 

Live by Night (Live by Night, USA 2016)

Regie: Ben Affleck

Drehbuch: Ben Affleck

LV: Dennis Lehane: Live by Night, 2012 (In der Nacht)

mit Ben Affleck, Elle Fanning, Remo Girone, Brendan Gleeson, Robert Glenister, Matthew Maher, Chris Messina, Sienna Miller, Zoe Saldana, Chris Cooper, Titus Welliver, Max Casella, Clark Gregg, Anthony Michael Hall

Länge: 129 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Moviepilot über „Live by Night“

Metacritic über „Live by Night“

Rotten Tomatoes über „Live by Night“

Wikipedia über „Live by Night“ (deutsch, englisch)

Homepage von Dennis Lehane

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Coronado“ (Coronado, 2006)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Moonlight Mile“ (Moonlight Mile, 2010)

Meine Besprechung der Dennis-Lehane-Verfilmung „Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel“ (Gone Baby Gone, USA 2007)

Meine Besprechung von Christian De Metter/Dennis Lehanes Comic „Shutter Island“ (Shutter Island, 2008)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Shutter Island“ (Shutter Island, 2003)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes “In der Nacht” (Live by Night, 2012)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „The Drop“ (The Drop, 2014) (Buch und Film)

Dennis Lehane in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Die Blumen von gestern“, die Probleme von heute

Januar 16, 2017

Kurz vor dem Beginn einer wichtigen Tagung über Auschwitz stirbt der hochverehrter Professor Norkus (Rolf Hoppe, der fortan als Standbild im Film präsent ist). Sein Lebenswerk ist ein kleines, staatlich gefördertes Institut in Ludwigsburg, das die Tagung organisiert und den Charme einer seit den Fünfzigern nicht mehr gelüfteten, renovierten oder im Inventar erneuerten Beamten-Bruchbude hat. Alle Beschäftigten sind psychisch mehr oder weniger gestört.

Balthasar ‚Balti‘ Thomas (Jan Josef Liefers), ein verheirateter Karrierist, der schon die Tagung plant, soll jetzt auch die Institutsleitung übernehmen, weil er sich gut mit Öffentlichkeitsarbeit auskennt. Er soll das Institut vor dem Ruin retten. Da sind Sponsoren, auch Mercedes-Benz, und Häppchen okay.

Sein Gegner ist Totila ‚Toto‘ Blumen (Lars Eidinger). Er ist ein frustrierter, ständig schlecht gelaunter, ebenfalls verheirateter (wird später wichtig) Vierzigjähriger, für den die Holocaustforschung auch aus familiärer Betroffenheit seine Lebensmittelpunkt darstellt und der nur an der wahren Forschung interessiert ist. Entsprechend energisch und auch handgreiflich wehrt sich gegen die Karnevalisierung seiner Forschung durch einen wissenschaftlich minderwertigen Kollegen, mit dem ihn eine alte Hassliebe verbindet.

Toto soll, beauftragt von Balti, am Flughafen die neue französische Praktikantin abholen. Toto hasst Zazie Lindeau (Adèle Haenel) vom ersten Augenblick an und befördert sie in die Bruchbude, in der Professor Norkus lebte. Später muss er mit ihr, ebenfalls auf Anweisung von Balti, Holocaust-Überlebende besuchen und von ihnen Geld und Auftritte für die Tagung erbetteln. Dummerweise ist Toto dafür absolut ungeeignet.

Aus dieser etwas weit hergeholten und forcierten Prämisse könnte Chris Kraus („Vier Minuten“, „Poll“) eine Komödie über die unterschiedlichen Formen des Umgangs mit unserer Vergangenheit und die Zunft der Holocaust-Historiker entwickeln. Immerhin entstand der Film, so Kraus, aus seiner Beschäftigung mit seiner Familiengeschichte und der Beobachtung, dass in den Archiven über die NS-Zeit Nachfahren von Opfern und Tätern, friedlich nebeneinander sitzend, Akten lesen. Das ist, zugegeben, eine etwas absurde Situation, die aber per se in keinster Weise witzig oder dramatisch ist.

Auf den ersten Blick ist „Die Blumen von gestern“ eine Komödie über unseren Umgang mit der Nazi-Zeit, welche Art des Umgangs angemessen ist und ihren Aus- und Nachwirkungen auf die Gegenwart, vor allem der Nachgeborenen (deren Eltern und, bei den Hauptfiguren des Films, Großeltern in das System involviert waren) und der Forscher, die sich beruflich an Hochschulen und in Instituten damit beschäftigen und berufsbedingt in einer Forschungsblase leben. Das sind nicht die Menschen und die Probleme mit der deutschen Vergangenheit, die in David Wnendts „Er ist wieder da“ oder in Dietrich Brüggemanns „Heil“ (der mir zwar nicht gefiel, aber bei dem die persönliche Betroffenheit des Regisseurs in jedem Bild spürbar war) im Zentrum der Geschichte standen. Beide Filme sind außerdem Komödien.

Wenn man den Film genauer betrachtet, erzählt „Die Blumen von gestern“ eine Liebesgeschichte. Diese schlecht ausgehende Romantic Comedy zwischen Toto und Zazie wird viel zu lange ignoriert und später lustlos mitgeschleppt. Es dauert ewig, bis sich überhaupt irgendetwas außer gegenseitiger Abneigung zwischen ihnen entwickelt. Daher wirkt die Liebesgeschichte nicht wie das Zentrum des Films, um das sich alles andere dreht, sondern wie die späte Erkenntnis, dass ein Film nicht ohne eine Geschichte funktioniert und weil eine Liebesgeschichte immer funktioniert, gibt es eben in der zweiten Hälfte des Films die aus heiterem Himmel kommende Liebesgeschichte zwischen einem Täter-Enkel und einer Opfer-Enkelin, die schon in Frankreich die Werke des Holocaust-Forschers studierte und damit natürlich auch in den Autor verliebt ist. Trotz anerkannter Teutonen-Phobie und gut verborgenem Interesse an dem Objekt ihrer Begierde. Das ist dann doch mehr als nur etwas verquer, taugt aber vielleicht für die nächste erweiterte Familienaufstellung.

Zwischen der teils schwarzhumorigen, oft klamaukigen Komödie über die Holocaust-Forscher und der Liebesgeschichte pendelt „Die Blumen von gestern“ unentschlossen über zwei Stunden. Dabei nerven die in jeder Beziehung vermurksten Figuren mehr als sie zum Lachen anregen. Das liegt auch daran, dass der Film sich nie entscheiden kann, was er will und wen er warum angreift.

Dabei kann über die Nazi-Diktatur, den Holocaust und die Holocaust-Forschung durchaus in der Form einer Komödie erzählt werden. Charlie Chaplin mit „Der große Diktator“, Mel Brooks mit „Frühling für Hitler“ und Roberto Benigni mit „Ist das Leben nicht schön“ (den Film nennt Kraus im Presseheft als filmisches Vorbild für seinen Film) zeigen das.

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Die Blumen von gestern (Deutschland/Österreich 2016)

Regie: Chris Kraus

Drehbuch: Chris Kraus

mit Lars Eidinger, Adèle Haenel, Jan Josef Liefers, Hannah Herzsprung, Sigrid Marquardt, Bibiana Zeller, Rolf Hoppe, Eva Löbau, Cornelius Schwalm

Länge: 126 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Das Buch zum Film

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Zum Filmstart erschien bei Diogenes „Die Blumen von gestern – Ein Filmbuch“. Es enthält das Shooting Script vom 12. April 2015 (d. h. Szenen, die gedreht, aber nicht im Film enthalten sind, sind im Script vorhanden), den kompletten Abspann, ein dreiseitiges Nachwort von Chris Kraus und einen sechzehnseitigen, farbigen Bildteil.

Chris Kraus: Die Blumen von gestern – Ein Filmbuch

Diogenes, 2017

176 Seiten

20 Euro

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Die Blumen von gestern“

Moviepilot über „Die Blumen von gestern“

Wikipedia über „Die Blumen von gestern“


Verfilmte Bücher (mit Kritik des TV-Films): „Inspektor Jury spielt Katz und Maus“ ist „Inspektor Jury spielt Katz und Maus“

Januar 8, 2017

Am Dienstag, den 10. Januar, zeigt das ZDF um 20.15 Uhr seine dritte Martha-Grimes-Verfilmung „Inspektor Jury spielt Katz und Maus“. Die Österreicher konnten sie schon am 6. Januar sehen und sich angesichts der beteiligten Personen, die schon in die vorherigen Grimes-Verfilmungen involviert waren, davon überzeugen, dass das unterirdische Niveau der vorherigen beiden Jury-Filme mühelos gehalten wird.

Ihren ersten Inspektor-Jury-Roman „Inspektor Jury schläft außer Haus“ (The Man With a Load of Mischief) veröffentlichte Martha Grimes 1981. Für „Inspektor Jury sucht den Kennington-Smaragd“ (The Anodyne Necklace, 1983) erhielt sie den Nero Wolfe Award. Der neunte Jury-Roman „Inspektor Jury besucht alte Damen“ (The Five Bells and Bladebone, 1987) war ihr erster Roman auf der „New York Times“-Bestsellerliste. Seit Ewigkeiten sind die deutschen Übersetzungen ihrer Romane bei verschiedenen Verlagen in unzähligen Ausgaben gut erhältlich. 2012 ernannten die Mystery Writers of America sie zum Grand Master.

Der jetzt verfilmte Krimi „Inspektor Jury spielt Katz und Maus“ ist der siebte von inzwischen 23 Jury-Romanen und es handelt sich eigentlich um einen Nicht-Fall. In – ich folge jetzt der Romangeschichte – Ashdown Dean stirbt in einer Telefonzelle Una Quick. Alles spricht, auch wenn die Umstände etwas ungewöhnlich sind, für einen natürlichen Todesfall. Die alte Dame hatte einen Herzinfarkt. Weil die Tote von Polly Praed entdeckt wurde und sie Melrose Plant darüber informiert, ist Richard Jury schnell involviert.

Plant ist ein Adliger, der seinen Adelstitel ablegte und ständiger Begleiter von Scotland-Yard-Superintendent Richard Jury ist. Jury wird nur auf den deutschen Buchtiteln mit konstanter Boshaftigkeit zum „Inspektor“ degradiert.

Jury will in Ashdown Dean ein wenig herumschnüffeln und dabei seinen beiden Freunden Plant und Praed helfen.

Nach diesem Set-Up verliert der Fall in der englischen Provinz schnell jede Struktur in einem Dickicht von Sub- und Nebenplots, die spannungsfrei mehr die Seiten füllen als die Ermittlungen irgendwie voran zu bringen. Jedenfalls gibt es weitere seltsame Todesfälle; den dritten, schon im Klappentext angekündigten Toten gibt es auf Seite 204. Der Roman endet auf Seite 250. Ein von einer Baronin quasi adoptierter Teenager mit seltsamer, in epischer Breite geschilderter (und deshalb für die Lösung wichtiger) Vergangenheit, einem großen Herz für Tiere und einer riesigen Abneigung gegen eine Tierversuchsanlage (die am Ende als Handlungsort wichtig wird) streunt durch die englischen Wälder und erteilt Tierquälern handfeste Lektionen. Und, immerhin steht Martha Grimes in der Tradition von Agatha Christie, eine Baronin mit Hang zum Alkohol ist auch in den Fall involviert.

Letztendlich ist „Inspektor Jury spielt Katz und Maus“ ein reichlich konfuses Werk mit einer auch im Nachhinein kaum nachvollziehbaren Geschichte und einer kryptischen Auflösung in wenigen lustlos präsentierten Zeilen, während Agatha Christie dafür mehrere Seiten mit zahlreichen Verdächtigen und ihren möglichen Motiven, die uns haarklein von einem Meisterdetektiv erklärt werden, benötigt hätte.

Der Klamauk der Verfilmungen fehlt zwar in dem Roman, aber dieser Jury-Krimi ist wirklich nicht geeignet, irgendjemand zu einem Jury-Fan zu machen.

In der Verfilmung entdeckt dann nicht Polly Praed, sondern Melrose Plants nervig -trutschige Tante. Lady Agatha Ardry (Katharina Thalbach mit perversem Hang zur Wilmersdorfer Witwe) die Leiche und, als Amateurdetektivin, ermittelt sie auch ganz eifrig. Wobei ihr Tatverdächtiger dann gleich – witzig, witzig – der nächste Tote ist und sie – gähn – schreiend die Leiche entdeckt. Insgesamt ist der weit hergeholte Krimiplot in dem Neunzig-Minüter deutlich nachvollziehbarer und stringenter erzählt als im Roman. Auch weil auf einige seitenlange Abwege zugunsten einer knappen Erklärung verzichtet wurde und Verdachtsmomente und mögliche Mordmotive deutlicher herausgearbeitet werden. Aber der biedere, vollkommen unwitzige Fünfziger-Jahre-Humor und das zwischen extremer Blasiertheit und extremsten Overacting, für das sich sogar ein Laientheater schämen würde, schwankende Spiel der Schauspieler, die in anderen Rollen durchaus überzeugen (zum Beispiel Arndt Schwering-Sohnrey in dem Tatort „Das verlorene Kind“, den der BR am Dienstag parallel zum Jury-Film zeigt) vergällt einem jede Freude.

Trotzdem ist, vielleicht angesichts meinen eh schon geringen Erwartungen und der zeitnahen Lektüre der mehr als enttäuschenden Vorlage, „Inspektor Jury spielt Katz und Maus“ nach „Der Tote im Pub“ und „Mord im Nebel“ die bislang erträglichste Jury-Verfilmung.

Inspektor Jury spielt Katz und Maus von Martha Grimes

Martha Grimes: Inspektor Jury spielt Katz und Maus

(übersetzt von Susanne Baum)

Goldmann, 2017

256 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

The Deer Leap

Little Brown and Company, 1985

Die Verfilmung (im ZDF am Dienstag, den 10. Januar, um 20. 15 Uhr)

Inspektor Jury spielt Katz und Maus (Deutschland/Irland/Österreich 2017)

Regie: Andi Niessner

Drehbuch: Günter Knarr

mit Fritz Karl, Götz Schubert, Katharina Thalbach, Arndt Schwering-Sohnrey, Marlene Morreis, Robyn Wright, Judith Rosmair

Hinweise

ZDF über „Inspektor Jury: Mord im Nebel“

Homepage von Martha Grimes

Krimi-Couch über Martha Grimes

Goldmann: Martha-Grimes-Special

Wikipedia über Martha Grimes (deutsch, englisch)

Berühmte Detektive über Richard Jury


Liza Cody erzählt von „Miss Terry“

Januar 2, 2017

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In der KrimiZeit-Jahresbestenliste steht der für uns neue Roman von Liza Cody auf dem vierten Platz. In England erschien „Miss Terry“ bereits 2012 und seitdem hat er nichts von seiner Aktualität verloren.

Die titelgebende Miss Terry heißt eigentlich Nita Tehri, ist 23 Jahre alt, lebt in einer Mietwohnung in einer typischen englischen Straße und ist Lehrerin an einer Grundschule irgendwo in England. Sie ist auf den ersten Blick das, was im aktuellen Diskurs gerne „voll integriert“ genannt wird. Trotzdem gerät die gebürtige Engländerin sofort in Verdacht, als vor ihrer Haustür in dem öffentlich zugänglichem Bauschuttcontainer eine Babyleiche gefunden wird. Mit all den Folgen, den so ein Verdacht hat: falsche Verdächtigungen, grundlose Freistellung von der Arbeit, ein Brandanschlag auf das Mietshaus und Schmierereien.

Das ist ein Thema, das mich interessiert und das so in Kriminalromanen kaum behandelt wird. Meistens geht es ja um die Ermittlungen der Polizei, zum Beispiel in John Balls auch verfilmtem Klassiker „In der Hitze der Nacht“ (In the Heat of the Night, 1965). Opfer, Verdächtige und nur indirekt von Verbrechen Betroffene, wie der Nachbar, der etwas gesehen hat, haben da nur eine Nebenrolle. Liza Cody konzentriert sich auf eine solche Nebenfigur: eine zu Unrecht (jedenfalls vermuten wir das) Beschuldigte. Das ist schon einmal ein interessanter Ansatzpunkt, an dem leicht eine Gesellschaftsanalyse aufgehängt und über die in der Gesellschaft virulenten Vorurteile geschrieben werden kann. Das tut Liza Cody auch und sie zeigt auch, wie ein Verdacht ein Leben beeinflusst, verändert und auch zerstören kann.

Trotzdem hat mich der Roman nicht begeistert. Einerseits wegen der mich nicht ansprechenden Sprache. Andererseits, und das sind die wichtigeren Gründe, wegen dem Verhalten der Protagonistin und Problemen im Plotting. So dauert es viel zu lange, bis wir erfahren, was für ein Verbrechen vorgefallen ist. Die Nita Tehri befragenden Polizisten sagen es nicht. Die Nachbarn wissen nichts davon. Die Presse schreibt nicht darüber. Dabei würde über ein tot in einem Müllcontainer aufgefundenes Baby schnell geredet und berichtet werden. In „Miss Terry“ sollen wir dagegen glauben, dass über Tage nichts davon geschieht. Währenddessen wird Nita Tehri zunehmend mit Vorurteilen konfrontiert, die in dem Moment noch nicht einmal einen echten Grund haben. Denn in dem Moment weiß noch niemand, was für ein Verbrechen vorgefallen ist. Später, nachdem die Presse über das Baby berichtet, scheint diese Meldung keine Erkennbare Auswirkung auf das Leben in der Straße zu haben. Der Pressebericht ist einfach nur ein weiterer Baustein in dem Gebäude der Vorurteile gegen Nita Tehri. Nach dem Artikel scheinen die Medien ihr Interesse an dem Fall verloren zu haben. Beides ist nicht besonders glaubwürdig.

Ebenfalls oft nicht besonders glaubwürdig, teilweise sogar erschreckend naiv, ist Nita Tehris Verhalten. Immerhin reden wir hier von einer Lehrerin. Also einer akademisch gebildeten Person, die in ihrem Leben einiges gelernt haben sollte. Vor allem nachdem wir gegen Ende des Romans auch einiges über ihre Familie und ihre Vergangenheit erfahren. Es hat einen Grund, warum sie allein lebt und zu ihrer Familie keinen Kontakt mehr hat.

Die Auflösung des Verbrechens geschieht in erster Linie durch eine Reihe absurder Zufälle, in denen ‚Kommissar Zufall‘ viel arbeiten muss. Als sei Liza Cody irgendwann eingefallen, dass sie einen Kriminalroman schreibt und da auch ein Verbrechen aufgeklärt werden muss und die Hauptperson in die Aufklärung involviert sein sollte. Also muss die hyperangepasste, eher passive ‚Miss Terry‘ Miss Marple spielen, ohne allerdings jemals auch nur im Ansatz so neugierig wie die alte Dame zu sein.

Liza Cody ist bei Krimifans bekannt als Erfinderin von Anna Lee und Eva Wylie. Letztes Jahr wurde ihr Roman „Lady Bag“ (2013) mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet.

P. S.: In fast allen anderen Rezensionen, die ich kenne, wird der Roman wesentlich positiver besprochen. Hier ist die zweite negative Besprechung.

Liza Cody: Miss Terry

(übersetzt von Grundmann & Laudan)

Ariadne/Argument Verlag, 2016

288 Seiten

17 Euro

Originalausgabe

Miss Terry

iUniverse, 2012

Hinweise

Homepage von Liza Cody

Perlentaucher über Liza Cody und „Miss Terry“

Wikipedia über Liza Cody (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 14. Dezember: Minority Report

Dezember 14, 2016

Kabel 1, 20.15

Minority Report (USA 2002, Regie: Steven Spielberg)

Drehbuch: Scott Frank, Jon Cohen

LV: Philip K. Dick: The Minority Report, 1956 (erstmals erschienen in Fantastic Universe, Januar 1956, Der Minderheiten-Bericht, Kurzgeschichte)

Schöne neue Welt: 2054 werden in Washington, D. C., Verbrecher bereits vor der Tat, aufgrund der Prognose von Precogs, verhaftet. Ein perfektes System, bis die Precogs sagen, dass der Polizist John Anderton bald einen Mann, den er überhaupt nicht kennt, umbringen wird. Anderton glaubt nicht an die Prognose. Er flüchtet und versucht herauszufinden, warum er zum Mörder werden soll.

Guter, etwas zu lang geratener Science-Fiction-Thriller, der für den Bram-Stoker-, Nebula- und Hugo-Preis nominiert war und den Saturn-Preis erhielt.

Danach, um 23.05 Uhr, gibt es mit „Indiana Jones und der Tempel des Todes“ einen weiteren Spielberg-Film.

mit Tom Cruise, Colin Farrell, Samantha Morton, Max von Sydow, Lois Smith, Peter Stormare, Frank Grillo

Wiederholung: Donnerstag, 15. Dezember, 01.35 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Wikipedia über „Minority Report“ (deutsch, englisch)

Rotten Tomatoes über „Minority Report“

Homepage von Philip K. Dick

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels” (Indiana Jones and the kingdom of the skull, USA 2008)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Gefährten” (War Horse, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Lincoln” (Lincoln, USA 2012)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Bridge of Spies – Der Unterhändler“ (Bridge of Spies, USA 2015)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „BFG – Big Friendly Giant (The BFG, USA 2016)

Steven Spielberg in der Kriminalakte

Bonushinweis

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Am 18. Dezember wird Steven Spielberg siebzig Jahre. Für die TV-Sender ist das natürlich ein hochwillkommener Anlass, wieder einmal, eine Auswahl seiner bekannten Filme zu zeigen, wie „A. I. – Künstliche Intelligenz“ (Kabel 1, 8. Dezember, 20.15 Uhr), „Indiana Jones und der Tempel des Todes“ (Kabel 1, 12. Dezember, 20.15 Uhr), „Der Soldat James Ryan“ (Kabel 1, 12. Dezember, 22.35 Uhr), „Minority Report“ (Kabel 1, 14. Dezember, 20.15 Uhr), „Die Farbe Lila“ (Kabel 1, 15. Dezember, 20.15 Uhr), „Sugarland Express“ (ZDF, 18. Dezember, 01.45 Uhr) und „Terminal“ (Kabel 1, 21. Dezember, 20.15 Uhr).

Den Filmgenuss kann und sollte man mit Georg Seeßlens „Steven Spielberg und seine Filme“ vervollständigen. In der brandaktuellen Neuauflage seines Buches beschäftigt er sich, gewohnt wortgewaltig, gewohnt kundig, auf gut dreihundert, mit einigen Fotos illustrierten, engbedruckten Seiten mit all seinen Filmen von den Anfängen beim Fernsehen bis hin zum „Big Friendly Giant“. Er ordnet sie ein, stellt Querverbindungen her und lädt zum wiederholten Sehen der Filme ein.

Georg Seeßlen Steven Spielberg und seine Filme

(2., überarbeitete und aktualisierte Auflage)

Schüren Verlag, 2016

304 Seiten

29,90 Euro

Hinweise

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „Quentin Tarantino gegen die Nazis – Alles über ‘Inglourious Basterds’“ (Kleine Schriften zum Film: 1, 2009)

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „George A. Romero und seine Filme“(2010)

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „Filmwissen: Detektive (Grundlagen des populären Films)“ (2010)

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „Filmwissen: Western (Grundlagen des populären Films)“ (2010)

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „Filmwissen: Abenteuer (Grundlagen des populären Films)“ (2011)

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „Filmwissen: Thriller (Grundlagen des populären Films“ (2013)


Marc-Oliver Bischoff besucht „Die Sippe“

Dezember 13, 2016

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Nach einem seltsamen Anruf verschwindet Katharina Hoffmanns Schwester Sara spurlos. Saras wenig hilfsbereiter Vorgesetzter behauptet, dass sie seit letzter Woche krank geschrieben geschrieben sei. Ihre Wohnung in Rostock ist verwaist. Eine Suche nach ihr in den städtischen Krankenhäusern und eine Vermisstenanzeige bei der Polizei bringen nichts. Laut ihrem Terminkalender hatte Sara, eine Gerichtsvollzieherin, am Tag vor ihrem Anruf bei Katharina einen Termin in Grantzow im Rechenbachhof, ein Biohof mit finanziellen Problemen.

Katharina fährt nach Grantzow und entdeckt ein lauschiges Dorf, das sich anscheinend gerade erfolgreich für einen „Unser Dorf soll schöner“-Wettbewerb bewirbt und in dem die Bewohner ein besonders positives Verhältnis zum deutschen Brauchtum haben. Aber eine Spur von ihrer Schwester entdeckt sie nicht; was auch daran liegt, dass sie die Dorfbewohner nicht mit Fragen nach ihrer Schwester belästigt.

Auf dem Cover von Marc-Oliver Bischoffs neuem Roman „Die Sippe“ steht „Kriminalroman“. Das bestimmt die Erwartungshaltung und die Blaupause für die Geschichte wird auch gleich mitgeliefert: die Protagonistin will ihre Schwester retten und sie wird dafür Himmel und Hölle in Bewegung setzen. Sie kann jederzeit enttarnt werden. Ihre Schwester, falls sie noch lebt, kann jederzeit getötet werden. Und selbstverständlich hat sich die gesamte Gemeinde gegen sie verschworen.

Diese Erwartung nach einer spannenden, so ähnlich schon oft erzählten Geschichte ist dann auch das größte Problem des Romans. Bis weit über die Hälfte des Buches ist es egal, ob Sara in Grantzow verschwunden ist oder nicht. Katharina sieht sich um, befreundet sich mit den hilfsbereiten Bewohnern und findet die Gemeinschaft eigentlich ganz nett. Erst langsam wird deutlich, dass es sich um Völkische Siedler (bzw. [Neo-]Artamanen), mit Verbindungen zu Reichsbürgern und Nazis, handelt. Trotzdem überlegt Katharina, auf einem spärlich motiviertem Selbstfindungstrip, ob sie ein Teil dieser Gemeinschaft werden soll.

Der Krimiplot – also der Plot, in dem Katharina, gegen alle Widerstände, Himmel und Hölle in Bewegung setzen müsste, um ihre Schwester zu finden und zu retten – ist dagegen nicht existent. Das liegt auch daran, dass sie erst auf Seite 181 von LKA-Mann Max Klee gesagt bekommt, dass ihre Schwester wahrscheinlich in einem Haus in Grantzow ist. Ein richtiger Beweis ist das allerdings nicht. Den findet sie erst einige Seiten später. Trotzdem geht es ab da, immerhin hat der Roman nur etwas über dreihundert Seiten, relativ schnell, aber auch arg episodisch in Richtung Katastrophe. So rufen die Dörfler plötzlich die „Freie Reichsstadt Grantzow“ aus. Auf den letzten fünfzig Seiten läuft die aus heiterem Himmel kommende deutsche Version einer Belagerung à la Waco ab, während Friedrich-Glauser-Preisträger Bischoff noch schnell die Eckpunkte einer größeren Verschwörung skizziert, die, soweit sie überhaupt erkennbar wird, beliebig bis fragwürdig wirkt.

Dabei hätte „Die Sippe“ das Buch zu den aktuellen Schlagzeilen werden können. Vor allem in Ostdeutschland sind die Völkischen Siedler und Reichsbürger schon länger ein Problem und vor wenigen Wochen, am 19. Oktober 2016, erschoss ein Reichsbürger in Georgensgmünd einen Polizisten und verletzte drei weitere Beamte.

Das dreiseitige, von der Amadeu-Antonio-Stiftung geschriebene Nachwort über Völkische Siedler ist dagegen sehr lesenswert.

Marc-Oliver Bischoff: Die Sippe

grafit, 2016

320 Seiten

12 Euro

Hinweise

Homepage von Marc-Oliver Bischoff

Krimi-Couch über Marc-Oliver Bischoff


Tödliche Weihnachten – in Romanen und Kurzgeschichten

Dezember 7, 2016

Weihnachten – auch bekannt als die Zeit, in der die Geschäfte brechend voll sind, in den Vorweihnachtstagen in den Zügen Sitzplätze Mangelware sind (es aber immer ein großer Spaß ist, zu beobachten, wie jemand seinen Sitzplatz in einem nicht vorhandenen Zug sucht) und ehrliche Geister mit meist grottenschlechten Weihnachtsfilmen gefoltert werden.

Es ist auch die Zeit, in der man sich mit einem Weihnachtskrimi an einen ruhigen Ort zurückziehen kann. Wer das allerdings nicht schon wieder mit Hercule Poirot oder Kommissar Maigret tun will, kann dies auch mit anderen Werken tun.

Den längsten Rückzug ermöglicht der von Otto Penzler herausgegebene Sammelband „Eine Leiche zum Advent“. 708 Seiten müssen erst einmal gelesen werden. Trotzdem hat der Lübbe-Verlag es geschafft, den großen Sammelband (19 x 5 x 23,4 cm, also so in Richtung Bildband gehend) so zu drucken, dass er angenehm leicht in der Hand liegt. Damit eignet er sich auch nicht als Schlagwaffe (diese Verwendung schlägt der Klappentexter, wahrscheinlich ein echter Scrooge, vor). Otto Penzler schlägt in seinem Vorwort vor, die Geschichten im trauten Kreis von Freunden und Verwandten vorzulesen. „Und falls irgendjemand diese nette, altmodische Aktivität nicht zu schätzen weiß…Nun, Sie können ihn immer noch umbringen.“

Über die Geschichten sagt Penzler: „viele Geschichten in dieser Anthologie [sind] nicht so einfach zu bekommen. Manche sind sogar nicht mehr erhältlich oder auch nur irgendwie auffindbar.“ Und was für die USA gilt, gilt für Deutschland noch mehr.

Für den Sammelband „Eine Leiche zum Advent“ suchte Penzler 49 Geschichten aus (im Original 59; der Verlust einiger Geschichten, u. a. von Agatha Christie, liegt wohl an der Rechtesituation), die er thematisch sortierte. Unter anderem in „Traditionelle Weihnachten“, „Lustige Weihnachten“, „Ein Sherlockianisches Weihnachten“, „Unheimliche Weihnachten“ „Moderne Weihnachten“ und „Klassische Weihnachten“. Es sind teils bekannte, teils ziemlich unbekannte Geschichten von, in der Reihenfolge ihres Auftretens, Peter Lovesey, Ellery Queen, Colin Dexter, Donald E. Westlake, Thomas Hardy, Edward D. Hoch, Arthur Conan Doyle, John D. MacDonald, Andrew Klavan, Max Allan Collins, Peter Robinson, Ed McBain, John Lutz, Sara Paretsky, Mary Higgins Clark, Isaac Asimov, Ed Gorman, G. K. Chesteron, Rex Stout, H. R. F. Keating, Robert Louis Stevenson, O. Henry, Edgar Wallace, undsoweiter. Teilweise mit vertraut-beliebten Charakteren, wie Sherlock Holmes, Father Brown und Nero Wolfe.

Allein schon die Namen verraten Krimifans, dass Krimikenner Penzler eine schöne, undogmatische Auswahl zwischen Tradition und Moderne zusammenstellte. Zu jeder Geschichte verfasste er, wie bei seinen anderen Anthologien, eine kurze Einführung über den Autor und sein Werk.

Da werden auch „die Mürrischsten – jene, die behaupten, sie könnten es gar nicht erwarten, dass die Feiertage vorbei sind“ (Penzler), um eine kleine Verlängerung der Weihnachtstage bitten. Immerhin müssen über siebenhundert, zweispaltig bedruckte Seiten (also viel Lesestoff) durchgearbeitet werden.

Für die schnelle Flucht auf die Toilette eignet sich Stuart MacBrides „Zwölf tödliche Gaben – Zwölf kurze Weihnachtskrimis“ mit 160 Seiten. Der schottische Hardboiled-Autor der dicken Logan-McRae-Thriller wählte dieses Mal die kurze Form in zwölf sehr lose miteinander zusammenhängenden Geschichten, in denen er auch etwas mit der Form experimentierte und die nicht unbedingt an und um Weihnachten spielen müssten. Denn die Anspielungen auf das Fest der Liebe sind überschaubar. ‚Liebe‘ gibt es allerdings viel in MacBrides Geschichten. Nur, und da wird der Geschlechtsverkehr dann zu einem Problem, normalerweise nicht mit dem Ehepartner.

Insgesamt ist „Zwölf tödliche Gaben“ ein Zwischenhappen, bei dem ich immer wieder den Eindruck hatte, dass MacBride in einigen Geschichten Szenen verarbeitete, die er aus einem seiner Romane entfernte. In anderen wird es etwas schnurrig. Aber dann gibt es auch noch die bitterbösen Geschichten, in denen Pädophile, Verbrecher und Polizisten sich das Leben schwer machen und oft auch töten.

Länger ist J. Jefferson Farjeons „Geheimnis in Weiß“, das man wohl eine Entdeckung nennen muss. Im Original erschien der Roman 1937. 2014 wurde er, mit einem Nachwort von Krimiautor Martin Edwards, in der Reihe British Library Crime Classics neu aufgelegt und jetzt erschien der Roman erstmals auf Deutsch.

In dem Roman beschließen vier Menschen, die sich zufällig am Vorweihnachtsabend in einem Zugabteil getroffen haben, nicht in dem im Schnee stecken gebliebenem Zug auf besseres Wetter zu warten. Sie wollen zum nächsten Bahnhof gehen, verlaufen sich und landen in einem Haus, in dem niemand ist, aber der Tisch gedeckt ist. Sie beschließen, zu bleiben und schnell beginnt, wie in einem Boulevardstück, ein flottes Auf- und Abtreten der beteiligten Personen, weiterer Reisenden und auch ein Mörder (der, nachdem ihm ein Mord im Zug vorgeworfen wird, schnell wieder verschwindet) gesellen sich zu ihnen und, wie bei einem Boulevardstück ist auch „Geheimnis in Weiß“ eine Übung in rasendem Stillstand. Denn der eine Mörder ist schnell bekannt; die anderen Morde geschehen außerhalb des Hauses, niemand von der zusammengewürfelten Reisegesellschaft ist in ernsthafter Gefahr oder ernsthaft eines Mordes verdächtig und, auch wenn die Geschichte in einem einsamen Landhaus, also dem typischen Rätselkrimisetting mit den auf den ersten Blick typischen Rätselkrimicharakteren, spielt, gibt es nichts zu rätseln.

So ist Farjeons Roman vor allem etwas für die Fans des klassischen englischen Kriminalromans, die wirklich jede echte und vermeintliche Lücke in ihrer Sammlung schließen müssen.

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Otto Penzler (Herausgeber): Eine Leiche zum Advent – Das große Buch der Weihnachtskrimis

(übersetzt von Stefan Bauer, Winfried Czech, Axel Franken, Stefanie Heinen, Daniela Jarzynka, Helmut W. Pesch, Barbara Röhl, Anna-Lena Römisch, Thomas Schichtel, Dietmar Schmidt und Rainer Schumacher)

Lübbe, 2016

708 Seiten

25 Euro

Originalausgabe

The Big Book of Chistmas Mysteries

Vintage Books, 2013

Hinweis

Wikipedia über Otto Penzler

Zwoelf toedliche Gaben von Stuart MacBride

Stuart MacBride: Zwölf tödliche Gaben – Zwölf kurze Weihnachtskrimis

(übersetzt von Andreas Jäger)

Goldmann, 2016

160 Seiten

8,99 Euro

Deutsche Erstausgabe: November 2013 als eBook

Originalausgabe

Twelve Days of Winter: Crime at Christmas

HarperCollins, 2011 (als ePub)

Hinweise

Homepage von Stuart MacBride

Wikipedia über Stuart MacBride (deutsch, englisch)

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J. Jefferson Farjeon: Geheimnis in Weiß – Eine weihnachtliche Kriminalgeschichte

(übersetzt von Eike Schönfeld, mit einem Nachwort von Martin Edwards)

Klett-Cotta, 2016

288 Seiten

14,95 Euro

Originalausgabe

Mystery in White

Wright & Brown, London, 1937

Hinweis

Wikipedia über J. Jefferson Farjeon


TV-Tipp für den 7. Dezember: Catch me if you can (+ Buchtipp: Georg Seeßlen: Steven Spielberg und seine Filme)

Dezember 7, 2016

Kabel 1, 20.15

Catch me if you can (USA 2002, Regie: Steven Spielberg)

Drehbuch: Jeff Nathanson

LV: Frank Abagnale (mit Stan Redding): Catch me if you can: The Amazing True Story of the Youngest and Most Daring Con Man in the History of Fun and Profit, 1980 (Mein Leben auf der Flucht, Catch me if you can)

Spielberg erzählt kurzweilig die wahre Geschichte des Hochstaplers Frank Abagnale. Der Film „ist eine swingende, schwerelose Krimikomödie, die durch Tempo, Charme und Verspieltheit überzeugt.“ (Berliner Zeitung, 30. Januar 2003)

Mit Leonardo DiCaprio, Tom Hanks, Christopher Walken, Martin Sheen, Nathalie Baye, James Brolin, Jennifer Garner

Wiederholung: Donnerstag, 8. Dezember, 01.40 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Wikipedia über “Catch me if you can” (deutsch, englisch)

Rotten Tomatoes über “Catch me if you can”

History vs. Hollywood überprüft den Wahrheitsgehalt der Hochstaplergeschichte

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels” (Indiana Jones and the kingdom of the skull, USA 2008)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Gefährten” (War Horse, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Lincoln” (Lincoln, USA 2012)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Bridge of Spies – Der Unterhändler“ (Bridge of Spies, USA 2015)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „BFG – Big Friendly Giant (The BFG, USA 2016)

Steven Spielberg in der Kriminalakte

Bonushinweis

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Am 18. Dezember wird Steven Spielberg siebzig Jahre. Für die TV-Sender ist das natürlich ein hochwillkommener Anlass, wieder einmal, eine Auswahl seiner bekannten Filme zu zeigen, wie „A. I. – Künstliche Intelligenz“ (Kabel 1, 8. Dezember, 20.15 Uhr), „Indiana Jones und der Tempel des Todes“ (Kabel 1, 12. Dezember, 20.15 Uhr), „Der Soldat James Ryan“ (Kabel 1, 12. Dezember, 22.35 Uhr), „Minority Report“ (Kabel 1, 14. Dezember, 20.15 Uhr), „Die Farbe Lila“ (Kabel 1, 15. Dezember, 20.15 Uhr), „Sugarland Express“ (ZDF, 18. Dezember, 01.45 Uhr) und „Terminal“ (Kabel 1, 21. Dezember, 20.15 Uhr).

Den Filmgenuss kann und sollte man mit Georg Seeßlens „Steven Spielberg und seine Filme“ vervollständigen. In der brandaktuellen Neuauflage seines Buches beschäftigt er sich, gewohnt wortgewaltig, gewohnt kundig, auf gut dreihundert, mit einigen Fotos illustrierten, engbedruckten Seiten mit all seinen Filmen von den Anfängen beim Fernsehen bis hin zum „Big Friendly Giant“. Er ordnet sie ein, stellt Querverbindungen her und lädt zum wiederholten Sehen der Filme ein.

Georg Seeßlen Steven Spielberg und seine Filme

(2., überarbeitete und aktualisierte Auflage)

Schüren Verlag, 2016

304 Seiten

29,90 Euro

Hinweise

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „Quentin Tarantino gegen die Nazis – Alles über ‘Inglourious Basterds’“ (Kleine Schriften zum Film: 1, 2009)

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „George A. Romero und seine Filme“(2010)

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „Filmwissen: Detektive (Grundlagen des populären Films)“ (2010)

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „Filmwissen: Western (Grundlagen des populären Films)“ (2010)

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „Filmwissen: Abenteuer (Grundlagen des populären Films)“ (2011)

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „Filmwissen: Thriller (Grundlagen des populären Films“ (2013)


Verfilmte Bücher: „Wanted“ ist „Wanted“

Dezember 5, 2016

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Okay, Mark Millers Comic „Wanted“ hat schon einige Jahre auf dem Buckel und Timur Bekmanbetovs Verfilmung ist von 2008.

Aber die jetzt erschienene, schöne Sammler-Edition (mit Figurendossiers, Cover-Galerie, Figurenentwürfen und entfallenen Szenen) ist ein guter Anlass, sich den Mark Millar geschriebenen und J. G. Jones gezeichneten Comic wieder (?) durchzulesen.

Wesley Gibson ist ein Jedermann, „ein ganz normaler Kerl in einer miesen Lage“ (Gibson über Gibson). Mit 24 Jahren geht er in einem Großraumbüro einem beschissenen Job nach, für den er überqualifiziert ist (sogar mit abgebrochener Hauptschule wäre er überqualifiziert) und der von seiner Freundin betrogen wird.

Da erfährt er, dass sein Vater, den er nicht kannte, gestorben ist.

Mit dieser Nachricht wird sein Leben auf den Kopf gestellt. Denn sein Vater war stinkreich und Mitglied einer Loge. Einer ultrageheimen Bruderschaft von – und ungefähr hier beginnen Buch und Film sich radikal zu unterscheiden – Superschurken, die vor einigen Jahren die Superhelden, die sie immer bei ihren Verbrechen behinderten, vernichteten. 1986 teilten sie, in schönster Mafia-Tradition, die Welt untereinander in fünf Gebiete auf. Seitdem regieren sie unangefochten und ungestört. Gibson soll jetzt ebenfalls ein Mitglied dieser Gemeinschaft werden.

Außerdem will er herausfinden, wer seinen Vater mit einem Schuss aus einer Entfernung von zwei Städten ermordete. Sein Tod scheint im Zusammenhang mit einem gerade tobendem Machtkampf der Superschurken untereinander zu stehen.

Mit „Wanted“ hatte Mark Millar, nachdem er bereits seit längerem als Autor für verschiedene Comicserien arbeitete, vor zwölf Jahren seinen Durchbruch als Autor und Schöpfer eigener Comicwelten, die er seitdem in seinem für „Wanted“ gegründetem Label „Millarworld“ veröffentlicht.

Im Original erschienen die sechs „Wanted“-Hefte zwischen Dezember 2003 und Februar 2005, in denen er die Geschichte von Gibson sehr sprunghaft erzählt. Es gibt weniger eine Entwicklung oder eine sich stetig entwickelnde Geschichte, sondern Episoden. Oder, musikalisch ausgedrückt: „Wanted“ ist keine Symphonie, sondern eine Abfolge von Punksongs.

Davon abgesehen hat die Geschichte von Wesley Gibson schon alle Markenzeichen einer Millar-Geschichte, indem er vertraute Topoi neu, respektlos und damit überraschend zusammenmischt. Immer mit viel schwarzem Humor. Es ist auch gleichzeitig und stärker als in seinen späteren Werken, die Allmachtsphantasie eines Nerds. Denn Gibson kann als Killer plötzlich alles das machen, was er im realen Leben nie konnte. Dies thematisiert Millar am Ende von „Wanted“ auch ganz direkt, indem Gibson die Leser darauf anspricht.

Die Verfilmung – nun, Ähnlichkeiten mit der Vorlage sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

RTL II zeigt sie am Freitag, den 9. Dezember, um 22.35 Uhr und 04.00 Uhr.

Mark Millar/J. G. Jones: Wanted (Mark Millar Collection 1)

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini Comics, 2016

192 Seiten

19,99 Euro

Originalausgabe

Wanted # 1 – 6

Millarworld/Top Cow Productions, Dezember 2003 – Februar 2005

Verfilmung

Wanted (Wanted, USA 2008)

Regie: Timur Bekmambetov

Drehbuch: Michael Brandt, Derek Haas, Chris Morgan (nach einer Geschichte von Michael Brandt und Derek Haas)

LV: Mark Millar/J. G. Jones: Wanted, 2003/2005 (Wanted)

mit James McAvoy, Morgan Freeman, Angelina Jolie, Terence Stamp, Thomas Kretschmann, Common, Chris Pratt

Hinweise

Homepage von Mark Millar

Meine Besprechung von Mark Millar/Steve McNivens „Nemesis“ (Nemesis, 2010/2011)

Meine Besprechung von Mark Millar/Grant Morrisons “Vampirella: Heiliger Krieg (Master Series 1)”

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita, Jr. „Kick-Ass 2 (Band 1)“ (Kick-Ass 2 – Issue 1 – 4, Dezember 2010 – November 2011)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita, Jr. „Kick-Ass 2 (Band 2)“ (Kick-Ass 2 – Issue 5 – 7, Januar – Mai 2012)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita, Jr. „Hit-Girl – Kick-Ass 2: Die Vorgeschichte“ (Hit-Girl, Issue 1 – 5, August 2012 – April 2013)

Meine Besprechung von Mark Millar/Leinil Yus „Superior – Band 2“ (Superior, Issue 5 – 7, Dezember 2011 – März 2012)

Meine Besprechung von Mark Millar/Dave Gibbons‘ „Secret Service“ (Secret Service # 1- 6, Juni 2012 – April 2013)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita jr. „Kick-Ass 3 – Band 1“ (Kick-Ass 3, # 1 – 5, Juli 2013 – Januar 2014)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita jr. „Kick-Ass 3 – Band 2“ (Kick-Ass 3 – # 6 – 7, April – August 2014)

Meine Besprechung von Mark Millar/Leinil Yu/Nacho Vigalondos (Co-Autor/Drehbuch) „Super Croocks – Band 1: Der Coup“ (Super Crooks # 1 – 4, 2012)

Meine Besprechung von Jeff Wadlows Mark-Millar-Verfilmung „Kick-Ass 2“ (Kick-Ass 2, USA 2013)

Meine Besprechung von Matthew Vaughns Mark-Millar-Verfilmung „Kingsman: The Secret Service“ (Kingsman: The Secret Service, USA/Großbritannien 2015)