Für Cineasten sind der Country-Noir „Die Nacht des Jägers“ und der Neo-Western „Einsam sind die Tapferen“ Klassiker, die bislang in Deutschland noch nicht auf DVD oder nur in einer sehr spartanischen DVD veröffentlicht wurden.
So war „Die Nacht des Jägers“ bislang nur als DVD ohne Bonusmaterial erhältlich. Die DVD/Blu-ray-Ausgabe von Koch-Media in der „Masterpieces of Cinema“-Collection enthält jetzt den Film auf DVD und, erstmals, Blu-ray mit knapp zwanzig Minuten Bonusmaterial. Der nächste Schritt wäre eine deutsche Veröffentlichung der Criterion-DVD/Blu-ray mit umfangreichem Bonusmaterial, wie einem Audiokommentar mit dem Second-Unit-Regisseur Terry Sanders, Filmarchivar Robert Gitt, Kritiker F. X. Feeney und Autor Preston Neal Jones, dem gut vierzigminütigem „The Making of ‚The Night of the Hunter’“, dem gut 160-minütigem „Charles Laughton directs ‚The Night of the Hunter’“ und vielen weiteren Extras. Aber das dürfte noch einige Zeit dauern; falls überhaupt.
In „Die Nacht des Jägers“, dem einzigen Spielfilm von Schauspieler Charles Laughton, spielt Robert Mitchum den während der Depression über das Land ziehenden Prediger Harry Powell, der „Hate“ (Hass) und „Love“ (Liebe) auf seine Finger tätowiert hat und diese Tätowierungen bei seinen Predigen beeindruckend zur Geltung bringt. Er ist aber auch ein eiskalter Psychopath, der sich bei den Harpers einnistet, weil der vorherige Hausherr dort nach einem missglückten Überfall, für den er die Todesstrafe erhielt, 10.000 Dollar versteckt hat. Nur die beiden Kinder John und Pearl wissen, wo das Geld versteckt ist.
Nachdem Powell ihre Mutter getötet hat und will er von ihnen das Versteck erpressen. In einem kleinen Boot flüchten sie. Aber wie ein böser Dämon verfolgt Powell sie.
Der Country-Noir-Klassiker, der formal an den deutschen expressionistischen Film anschließt und dessen oft irreale Fotografie und das oft übertriebene Schauspiel auch heute noch verstört, ist auch unglaublich spannend. Vor allem weil Robert Mitchum als Prediger eine Ausgeburt der schlimmsten Alpträume der beiden Kinder ist.
Und sicher beeinflusste der Film auch Joe R. Lansdale bei seinem neuesten Roman „Dunkle Gewässer“ (Edge of Dark Water). Jedenfalls sind die Bezüge und Querverweise zwischen dem Film und dem Buch, vor allem in der alptraumhaften Stimmung, wenn man sie kurz hintereinander genießt, verblüffend – und Joe R. Lansdale schrieb für eine für Juli 2013 angekündigte US-Prachtausgabe von Davis Grubbs Roman, der die Vorlage für den Film ist, eine Einleitung.
„Einsam sind die Tapferen“ ist ein Post-Western, der normalerweise irgendwo im Nachtprogramm versteckt wird und jetzt erstmals auf DVD erhältlich ist. Das Bonusmaterial (es entspricht der US-DVD der Universal „Backlot Serie“) ist zwar kurz, aber sehr informativ.
Wie in „Die Nacht des Jägers“ ist die Geschichte auf den ersten Blick nicht sonderlich komplex. Es wird die Geschichte einer Jagd erzählt. Jack Burns, einer der letzten Cowboys, der sich den Cowboy-Idealen verpflichtet fühlt, provoziert 1953 in einer Kleinstadt in New Mexico eine Schlägerei, um in das Gefängnis eingeliefert zu werden. Dort sitzt sein Freund Paul, weil er Mexikanern über die Grenze geholfen hat. Ein Verbrechen vor dem Gesetz. Für Burns einfach ein Akt der Menschlichkeit. Eine Selbstverständlichkeit für jemand, der Grenzen sowieso nicht respektiert. Als Paul, der inzwischen bürgerlich wurde, nicht mit ihm ausbrechen will, bricht Burns alleine aus. Er will über eine Hügelkette in Richtung Mexiko flüchten. Sheriff Johnson verfolgt ihn.
Kirk Douglas nannte „Einsam sind die Tapferen“ später immer wieder seinen Lieblingsfilm, sein Sohn Kirk Douglas hält ihn für den besten Film seines Vaters, der Western taucht regelmäßig in Bestenlisten auf und er hat heute viele Fans, wie Steven Spielberg, der im Bonusmaterial über den Western spricht.
Für dieses Lob gibt es viele Gründe. So ist der Film, nach einem grandiosen Drehbuch von Dalton Trumbo, zugleich eine einfache, Western-typische Verfolgungsjagd, und eine komplexe, auf mehreren Ebenen spielende Meditation über das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, von Freiheit und Konformität, von Western-Idealen, die vielleicht schon immer ein Mythos waren, und einer Gegenwart, in der andere Werte zählen.
Dazu kommen die grandiosen Schauspieler: Kirk Douglas als freiheitsliebender Cowboy, Gena Rowlands als seine Freundin und Pauls Frau, Walter Matthau als nach außen hin schläfriger Polizist (ungefähr so schläfrig wie ein im Schatten auf seine Beute lauernder Panther) und George Kennedy als sadistischer Gefängniswärter. Oh, und das Pferd von Kirk Douglas.
„Einsam sind die Tapferen“ ist der bekannteste Film von David Miller und wahrscheinlich auch, – zugegeben, ich kenne seine anderen Filme nicht so sehr -, sein bester Film.
Genug gelobt, lassen wir zwei andere Stimmen zu Wort kommen:
„Die Qualitäten und das Engagement des Films sind die Qualitäten und das Engagement seiner Autoren. Edward Abbey, der Romanautor, war hauptsächlich Umweltschützer in US-Nationalparks. Dalton Trumbo, der Drehbuchautor, war der prominenteste unter den ‘Hollywood-Ten’, die nach den McCarthy-Verfolgungen offiziell nicht mehr beschäftigt werden durften,…Es gibt Kritiker, die finden, dass in diesem Film sein missionarischer Enthusiasmus mit ihm durchgegangen ist.“ (Joe Hembus: Das Western-Lexikon, 1976/1995)
„‘Einsam sind die Tapferen’ ist der paradigmatische Postwestern. Ein existenzialistischer Film, eine kritische Studie, ein selbstreflexives Metapherngewitter. Schwarz-weiß war ein genialer Schachzug. (…) ‚Lonely are the Brave‘, ein kleiner Schwarzweißfilm, ist ein großer Western. Sollte einmal die Geschichte des Western als Genre tatsächlich geschrieben werden, so wird dieser Film in der Gruppe der Gründungsmythen und der filmischen Reflexionen auf das Problem der Gründungsgeschichte der amerikanischen Gesellschaft einen herausragenden Platz einnehmen.“ (Josef Rauscher in Bernd Kiefer/Norbert Grob, Hrsg.: Filmgenres: Western, 2003)
Die Nacht des Jägers (Night of the Hunter, USA 1954)
Regie: Charles Laughton
Drehbuch: James Agee
LV: Davis Grubb: Night of the hunter, 1953
mit Robert Mitchum, Shelley Winters, Lillian Gish, Billy Chapin, Sally Jane Bruce, James Gleason, Evelyn Warden, Peter Graves
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DVD/Blu-ray
Koch Media (Masterpieces of Cinema Collection No. 01)
Bild: 1,66:1
Ton: Deutsch, Englisch (DTS-HD Master Audio 2.0, Dolby Digital 2.0)
Die Macher von „Kommissarin Lund – Das Verbrechen“ dachten sich wohl, man solle aufhören, wenn es am schönsten ist und so ist die dritte Staffel der dänischen Krimiserie auch die letzte. Jedenfalls heißt es so; aber so lange die Heldin nicht tot ist, bleibt natürlich eine Hintertür offen.
Sarah Lund ist, auch wenn sie gar nicht so viel Bildschirmzeit hat, das Zentrum der Serie und, obwohl Lund-Darstellerin Sofie Gråbøl mit 1,75 Meter gar nicht so klein ist, wird sie immer als die kleinste Person im Zimmer gezeigt. Das und ihr störrischer Blick, den man eher bei einem Teenager vermutet, verstärken den Eindruck, dass sie sich kompromisslos gegen eine feindliche Umwelt durchsetzt, die ihr auf den ersten Blick nichts zutraut.
In dieser Staffel muss Kommissarin Sarah Lund, die gerade ihr 25-jähriges Dienstjubiläum hat, den Mord an einem Matrosen aufklären. Er gehörte zum dreiköpfigen Wachpersonal des Frachters „Medea“, der der einflussreichen Reederei Zeeland gehört, und der demnächst verschrottet werden soll. Auf dem Schiff findet sie die Leichen der beiden anderen Matrosen und Hinweise auf ein weiteres Verbrechen: der Entführung der neunjährigen Emilie Zeuthen, der Tochter des Reederei-Besitzers. Der Entführer verlangt von Zeuthen Sühne für ein Verbrechen.
Weil die Entführung zehn Tage vor der Parlamentswahl ist, schaltet sich auch die Politik, vor allem Premierminister Kristian Kamper, der ein seltsam hohes Interesse an dem Fall hat, ein und Sarah Lund, die mit ihrem alten Freund Mathias Borch, der jetzt bei dem notorisch verschwiegenen Inlandsgeheimdienst PET ist, ermittelt, hat erst in dem Moment eine heiße Spur, als sie auf den Jahre zurückliegenden Mord an dem dreizehnjährigem Waisenkind Louise Jelby stößt, der damals als Suizid vertuscht wurde. Anscheinend will der Entführer die damals Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen und die einzige Möglichkeit, Emilies Leben zu retten ist, den Mörder von Louise zu finden.
Der in fast zehn Stunden erzählte Kriminalfall ist ein spannendes Stück TV-Unterhaltung, bei dem es den Machern bewundernswert gelingt, jeden Handlungsstrang (im Wesentlichen: die Ermittlungen von Sarah Lund, die Nöte der Familie Zeuthen und der Wahlkampf von Premierminister Kamper) spannend erscheinen zu lassen und am Ende auch miteinander zu verknüpfen. Und man will wirklich wissen, wer der Täter ist.
Allerdings ist gerade die Verknüpfung der vielen Handlungsstränge und Verdächtigen dann doch etwas zu gewollt. So scheinen an dem Tag, als Louise ermordet wurde, wirklich die halbe Chefetage der Reederei Zeeland und alle Regierungs- und Oppositionspolitiker, samt Mitarbeiter und Kinder, auf der Insel Jütland gewesen zu sein. Entsprechend verdächtig sind sie auch der Reihe nach und, wenn dann der Täter enttarnt wird, bleibt sein Motiv, auch wenn wir es uns denken können, eher im Dunkeln.
Auch das Motiv von Emiles Entführer bleibt zu lange im Dunkeln. Deshalb gestalten sich die Verhandlungen zwischen ihm und Sarah Lund zunächst höchst seltsam und eher unglaubwürdig. Denn wir sollen glauben, dass die Polizei ihm sofort glaubt, dass er Emilie entführt hat und auf seine ziemlich durchgeknallte Forderung eingeht. Denn er fordert, dass Robert Zeuthen ihm so viel Geld geben soll, wie ihm seine Tochter wert ist. Die erste Lösegeldübergabe geht schief. Dafür bringt der Entführer jemand um, der den Mord an Louise vertuschte. Bei den nächsten Lösegeldübergaben wiederholt sich das Spiel: Sarah Lund folgt brav seinen Anweisungen; verwickelt ihn nicht in Gespräche; verlangt nur einmal einen Beweis dafür, dass er Emilie hat und sie noch lebt; hofft, dass der Entführer sie frei lässt, wenn er das Geld hat und muss jedes Mal erkennen, dass die Lösegeldübergabe nur ein Ablenkungsmanöver für seinen nächsten Mord war. Hm, hätte er, wenn er schon nicht mit seiner Verschwörungsfantasie an die Öffentlichkeit geht oder die Polizei und Zeuthen erpresst, den damaligen Mord jetzt aufzuklären, einfach die nach seiner Meinung Schuldigen der Reihe nach umbringen und in die Nordsee werfen können? Das wäre zwar weniger spektakulär, aber sicher zielführender gewesen.
Das Ende geht dann zu sehr in Richtung eines „24“-Staffelfinales, das aber hier vollkommen unglaubwürdig wirkt und auch ziemlich unpassend ist. Denn während bei „24“ es genau so kommen musste, hätte Sarah Lund hier durchaus andere Handlungsoptionen gehabt.
Und, das scheint aber eine CSI-Krankheit zu sein, auch in Dänemark sind Lichtschalter Mangelware und gute Taschenlampen Standard. Sonst kann ich mir nicht erklären, dass die Polizisten nach Sonnenuntergang Gebäude immer mit ihren leuchtstarken Taschenlampen betreten und niemals das Licht anschalten.
Die DVD-Ausstattung der spannenden Krimiserie ist in jeder Beziehung ärmlich. So gibt es nur die deutsche Tonspur und keine Untertitel. Bonusmaterial gibt es auch nicht.
Kommissarin Lund – Das Verbrechen: Staffel 3 (Forbrydelsen, Dänemark 2012)
Regie: Mikkel Serup, Hans Fabian Wullenweber, Natasha Arthy, Kathrine Windfeld
Drehbuch: Søren Sveistrup, Torleif Hoppe, Michael W. Horsten
Erfinder: Søren Sveistrup
mit Sofie Gråbøl, Nikolaj Lie Kaas, Morten Suurballe, Sigurd Holmen le Dous, Anders W. Berthelsen, Helle Fagralid, Stig Hoffmeyer, Olaf Johannessen, Trine Pallesen, Jonatan Spang
Für Eastern-Fans, also diesen Filmen, in denen Asiaten mit Schwertern und Fäusten aufeinander treffen, endlos miteinander kämpfen und so eine höchstens rudimentäre Handlung vergessen lassen, ist die Meldung, dass „Der Todesspeer des Shaolin“ in der „Shaw Brothers Collection 2“ seine deutsche Erstveröffentlichung erhält, eine freudige Nachricht. Die anderen vier Filme der Box, „Zhao – Der Unbesiegbare“ (1972), „Marco Polo – Im Reiche des Kung Fu“ (1975), „Das unbesiegbare Schwert der Shaolin“ (1977) und „Die Todeshand des gelben Adlers“ (1979), waren bisher nur mehr oder weniger stark gekürzt auf Deutsch erhältlich.
Für den Rest der Welt ist es wohl eher anders. Dabei gehört „Der Todesspeer des Shaolin“, einer der späten Filme der Shaw Brothers, zu ihren besten Werken. So heißt es jedenfalls. Das macht den Film noch lange nicht zu einem Meisterwerk, aber zu einer angenehm sinnfreien und auch kurzweiligen Unterhaltung, in dem man viele Minuten Kampfkunst bei einer rudimentären, ziemlich düsteren Geschichte bestaunen darf.
Denn die Feindschaft zwischen der regierungstreuen Yang-Familie und General Pan Mai und seinen mongolischen Verbündeten wird vor allem in verlustreichen Kämpfen gepflegt. In einem Hinterhalt sterben fünf Yang-Söhne. Nur zwei überleben. Der eine wird verrückt, wobei sich sein Wahnsinn vor allem in sinnfreien Kampfattacken äußert, der andere will Mönch werden, hat aber Probleme mit deren Ethos der Gewaltlosigkeit. Aber da naht schon der epische Schlusskampf – und genau wegen der Kämpfe sieht man sich einen Eastern ja an.
Kämpfe, in denen man die Kampfkünste der, hm, Schauspieler bewundern kann und die vergessen lassen, dass der Dreh von „Der Todesspeer des Shaolin“ durch den Tod von Alexander Fu Sheng überschattet wurde. Er starb bei einem Autounfall und das Drehbuch musste danach hastig umgeschrieben werden.
Als Bonusmaterial gibt es eine Bildergalerie, den Trailer und zwei jeweils sechsminütige Featurettes. Eines, von 2005, über Gordon Liu („Kill Bill“), das wahrscheinlich für ein Hongkong-Äquivalent unseres Frühstückfernsehens gedreht wurde, und, als historische Kuriosität, einen Nachruf auf Alexander Fu Sheng, das damals in den Kinos als Vorprogramm lief.
Der Todesspeer des Shaolin (The 8 Diagramm Pole Fighter, Ng Long Baat Gwa Gwan, Hongkong 1984)
Regie: Sheng Fu, Chia Yung Liu, Jing Wong
Drehbuch: Jing Wong
mit Gordon Liu Chia-Hui, Alexander Fu Sheng, Chang Chan-Peng
Als „Vega$“ vor Ewigkeiten im Fernsehen lief, fand ich, als Jugendlicher, die Serie toll. Ich wollte selbstverständlich wie Dan Tanna sein. Ich meine: was kann es Schöneres geben, als mit seinem Sportwagen in die eigene Wohnung fahren zu können, zwei wunderschöne Sekretärinnen, die gleichzeitig nicht-eifersüchtige Freundinnen sind und über keinen Seitensprung meckern, und ein Autotelefon zu haben (Wir reden von 1978 beziehungsweise 1980, als die Folgen in Deutschland im TV liefen. Da war ein Autotelefon wirklich edge of technology) und in Las Vegas, dem Spielerparadies mit schönen Frauen, Showstars, die man alle kennt, und angenehmen Temperaturen zu arbeiten?
So muss doch das Paradies aussehen.
Heute fällt als erstes auf, dass das Paradies gar nicht so prächtig aussah. Vor über dreißig Jahren war, wie man in jeder Folge der komplett in Las Vegas gedrehten TV-Serie sehen kann, Las Vegas eine Stadt in der Wüste, die gegen Sand und Trockenheit kämpft. Die meisten Bäume haben braune Blätter. Auch das Gras ist nur selten grün. Die Asphaltstraßen wurden in die Wüste geteert und neben den Spielcasinos gibt es nur gesichtslose Motels und Wohnkomplexe. Nein, wie die Stadt der Träume sieht Las Vegas bei Tageslicht nicht aus.
Als zweites fällt auf, dass in „Vega$“ unglaublich viel telefoniert wird und, da wären wir schon bei drittens, dass mir die von Aaron Spelling produzierte Serie, der auch „Starsky und Hutch“, „Drei Engel für Charlie“ „Hart aber herzlich“, „Der Denver-Clan“ und viele weitere, erfolgreiche Serien produzierte, immer noch gefällt. Obwohl Dan Tannas Fälle meistens nicht tiefgründiger als eine Wasserpfütze auf dem Strip sind.
Aber unterhaltsam sind sie und die Schauspieler hatten offensichtlich ihren Spaß. Vor allem Tony Curtis als Casinobesitzer Philip ‚Slick‘ Roth, Arbeitgeber und Freund von Dan Tanna, ist eine zwischen cholerischen Anfällen und Freundlichkeitsattacken manisch wechselnde Persönlichkeit. Leider beschränken sich seine Auftritte fast vollständig auf die erste Hälfte der ersten „Vega$“-Staffel. Auch Angie Turner (Judy Landers), die naiv-charmante, blonde Sekretärin von Dan Tanna, deren IQ anscheinend unter dem eines Blondinenwitzes liegt, tritt vor allem in den ersten Folgen auf.
Dagegen sind Lieutenant David Nelson (Greg Morris) und Sergeant Bella Archer (Naomi Stevens) vom Las Vegas Police Department fast in jeder Folge wiederkehrende Gastrollen. Dans indianischer Freund Harlon Twoleaf (Will Sampson), so eine Art freundlicher Hawk (der skrupellosen Womanizer und Freund des von Robert B. Parker erfundenen Privatdetektiv Spenser, der in der gleichnamigen TV-Serie von Robert Urich gespielt wurde), taucht manchmal auf. Bobby ‚Binzer‘ Borso (Bart Braverman) hat dagegen als Sidekick von Dan Tanna in jeder Folge seine witzigen Auftritte. Denn Binzer ist zwar freundlich und bemüht, aber wahrlich kein Dan Tanna. In „Mordpoker“ (Doubtful Target) wird eine blinde Freundin von Binzer erschossen und sein Charakter gewinnt Tiefe.
Tannas zweite helfende Hand ist Beatrice Travis (Phyllis Davis), eine alleinerziehende Mutter, die in den ersten Folgen auch als Tänzerin arbeitet. In den späteren Folgen scheint sie diese Arbeit – leider – zugunsten einem Job als Fulltime-Sekretärin für Tanna aufgegeben zu haben.
Und Dan Tanna, angenehm unprätentiös von Robert Urich gespielt, ist eigentlich der typische Hardboiled-Privatdetektiv, der für 200 Dollar am Tag, plus Spesen, für fast jeden arbeitet, aber meistens für junge, gutaussehende Frauen arbeitet oder jungen, gutaussehenden Frauen hilft, der pro Auftrag normalerweise einmal verprügelt wird und der letztendlich, wenn er eine schöne Maid retten kann, doch nicht auf sein Honorar achtet. Michael Mann („Miami Vice“, „Heat“), der die Serie erfand und dessen Pilotfilm auch für den Edgar nominiert war, bleibt hier, abgesehen von dem Handlungsort, doch der Tradition des Hardboiled-Privatdetektivs verhaftet.
Robert Urich (1946 – 2002) erhielt für seine Rolle als Dan Tanna zwei Golden-Globe-Nominierungen als bester Darsteller. Sein Spielfilmdebüt gab er, nach einigen TV-Rollen, in dem zweiten Dirty-Harry-Film „Calahan“ (Magnum Force, USA 1973). In Erinnerung blieb er, trotz zahlreicher Rollen, vor allem im TV, als Dan Tanna in „Vega$“ (USA 1978 – 1981) und als Spenser in „Spenser“ (USA 1985 – 1988).
Einige der Gaststars der ersten Staffel sind heute noch bekannt. Auch weil sie damals am Beginn ihrer Karriere standen, wie Kim Cattrall und Kim Basinger, schon damals als Blondes Gift, das Dan Tanna verführen will. Leslie Nielsen, der damals schon unzählige Filmrollen hinter sich hatte, wurde danach, dank der „nackten Kanone“, richtig bekannt.
Bewährte Schauspieler wie Strother Martin, Slim Pickens, Cameron Mitchell, Cesar Romero, Moses Gunn, Robert Loggia, Richard Lynch, Don Gordon, Ken Curtis, Keye Luke, Joan Van Ark, R. G. Armstrong und Stephen Elliott sind vor allem aus Nebenrollen und Serienrollen, teilweise auch als Teil der Stammbesetzung, auch heute noch vertraute Gesichter.
Und, wie es sich für eine in Las Vegas spielende Serie gehört, traten auch Showstars und Prominente auf. In der ersten Staffel waren das unter anderem Muhamed Ali, Scatman Crothers, Doc Severinsen und Ronee Blakley, eine mit Wim Wenders verheirateten Sängerin, die in „Ihr Auftritt, Ginny“ (Second Stanza) eine Sängerin spielt.
Gerade in den ersten Fällen der ersten „Vega$“-Staffel ist die Stadt Las Vegas, die Casinos und die teils sehr vermögenden und prominenten Besucher wichtig. Es geht um Betrügereien im Casino und im Showbiz, Diebstähle aus Hotelzimmern, und, immer wieder, um den Schutz von Personen. Mal eine Sängerin, mal eine Prinzessin, mal ein Tennisspielern und einmal auch ein durch einen Autounfall behinderten Läufer. Sozusagen die normalen Fälle eines Privatdetektivs; – auch wenn Dan Tanna mal einen Löwen einfangen muss.
In den späteren Fällen gibt es dann, für meinen Geschmack zu oft einen Mordfall am Beginn der Episode und zu oft wollen die Gangster Dan Tanna umbringen. In „Der Flammenwerfer“ (Kill Dan Tanna!) erfahren wir etwas über Tannas Vergangenheit als Soldat in Vietnam. In „Rauchzeichen über dem Berg“ (Death Mountain) geht es um Konflikte im Indianerreservat, die damit enden, dass Tannas Freund Twoleaf deren neuer Anführer wird.
Insgesamt ist „Vega$“ eine kurzweilige, eskapistische PI-Krimiserie vor glitzernder Kulisse mit einigen kritischen Untertönen, einem angenehm bunten Hauptcast (fast schon wie die Besatzung von „Raumschiff Enterprise“, aber mit mehr Sex), vielen Bildern von Las Vegas und Fällen, in denen, wie damals üblich, die Bösewichter von Anfang an bekannt sind und die nicht stumpfsinnig eine Formel exekutieren. Außer, dass mindestens eine gutaussehende, junge Frau in den Fall involviert ist und sie meistens in Gefahr schwebt. Aber der rettende Ritter Dan Tanna ist schon unterwegs.
Vega$ – Staffel 1 (USA 1978/1979)
Erfinder: Michael Mann
mit Robert Urich (Dan Tanna), Bart Braverman (Bobby ‚Binzer‘ Borso), Phyllis Davis (Beatrice Travis), Greg Morris (Lt. David Nelson), Naomi Stevens (Sgt. Bella Archer), Tony Curtis (Philip ‚Slick‘ Roth), Judy Landers (Angie Turner), Will Sampson (Harlon Twoleaf)
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DVD
Studio Hamburg
Bild: 4:3
Ton: Deutsch/Englisch (DD 2.0 Mono)
Untertitel: –
Bonusmaterial: US-TV-Trailer zu ausgewählten Episoden
Länge: 1100 Minuten (6 DVDs)
FSK: ab 12 Jahre
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Dan Tannas erste Fälle in Las Vegas
Auftrag ohne Honorar (High Roller, Erstausstrahlung: 25. April 1978, Pilotfilm)
Regie: Richard Lang
Drehbuch: Michael Mann
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Der Löwenanteil (Centerfold, Erstausstrahlung: 20. September 1978)
Regie: Harry Falk
Drehbuch: Burton Armus
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Ein Spiel mit drei Damen (The Games Girls Play)
Regie: Sutton Roley
Drehbuch: Fred Freiberger
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Mishkin-Mädchenagentur (Mother Mishkin)
Regie: Bernard McEveety
Drehbuch: Ron Friedman
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Das Todes-Trio (Love, laugh and die)
Regie: Don Chaffey
Drehbuch: Richard Carr
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Ein Mann ohne Grab (Yes, my darling daughter)
Regie: Don Chaffey
Drehbuch: Milt Rosen
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Leichte Beute (Lady Ice)
Regie: Marc Daniels
Drehbuch: Burton Amus (nach einer Geschichte von Jeffrey Hayes und John Francis Whepley)
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Schnee über der Show (Milliken’s Stash)
Regie: Lawrence Doheny
Drehbuch: Larry Alexander
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Der Showgirl-Jäger (The Pagenat)
Regie: Lawrence Dobkin
Drehbuch: E. Nick Alexander
Eine Art Sklavenhandel (Lost Women)
Regie: Paul Stanley
Drehbuch: Burton Armus
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Ihr Auftritt, Ginny (Second Standza)
Regie: Bob Kelijan
Drehbuch: Jeff Myrow
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Aufschlag, Bobby Howard (Serve, Volley and Kill)
Regie: Sutton Roley
Drehbuch: Norman Lessing
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Wie Jack the Ripper (Ghost of the Ripper)
Regie: Lawrence Dobkin
Drehbuch: Larry Forrester
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Das Plattenkomplott (The Eleventh Event)
Regie: Don Chaffey
Drehbuch: Brian McKay
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Der Flammenwerfer (Kill Dan Tanna!!)
Regie: Curtis Harrington
Drehbuch: Larry Forrester
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Rauchzeichen überd dem Berg (Death Mountain)
Regie: George McCowan
Drehbuch: Larry Forrester
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Sein Freund, der Killer (Best Friends)
Regie: Don Chaffey
Drehbuch: Robert Earl
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Mädchen – Angebot und Nachfrage (Demand and Supply)
Alain Corneau war einer der großen französischen Regisseure, der mit „Policy Python 357“, „Série Noire“, „Wahl der Waffen“ und „Blues Cop“ einige grandiose Noirs inszenierte. 2007 drehte er sogar ein in Deutschland nie verliehenes Remake von Jean-Pierre-Melvilles „Le deuxième souffle“ und drei Jahre später „Crime d’amour“, das als „Liebe und Intrigen“ im TV lief und jetzt als „Love Crime“ auf DVD veröffentlicht wurde. Es wurde sein letzter Film, der noch einmal zeigte, warum er ein so geachteter Regisseur ist.
Christine (Kristin Scott Thomas) ist die leitende Managerin der französischen Abteilung eines US-Konzerns, die kurz vor einer Beförderung in die USA steht und als eiskalte Machtpolitikerin Menschen gnadenlos benutzt und ausnutzt. Auch Isabelle (Ludivine Sagnier) bekommt das zu spüren. Sie bewundert Christine, arbeitet bis zum Umfallen für sie und erntet höchstens, gelegentlich ein Wort des Dankes. Wenn Christine dann mit der Firmenleitung spricht, erwähnt sie Isabelles Leistungen überhaupt nicht, sondern gibt sie als die eigenen aus.
Irgendwann hat Isabelle genug. Sie will endlich anerkannt werden und organisiert hinter Christines Rücken eine Konzeptpräsentation, die von der Konzernspitze gelobt wird. Für Christine ist das eine Kriegserklärung, die sich schnell zu einem veritablen Zickenkrieg zwischen der souveränen, in jeder Beziehungen überlegenen, weltgewandten und kaltschnäuzigen Vorgesetzten und der kleinen, untergebenen Landpomeranze ausweitet, bei der die Gewinnerin anscheinend schon vor der ersten Runde feststeht.
Aber dann plant Isabelle einen Schachzug, der alles verändern könnte.
„Love Crime“ ist ein edler französischer Noir. Ein elegant inszenierter Kriminalfilm, der fest in der Tradition des französischen Kriminalfilms steht und seine Vorbilder in den Filmen der sechziger und siebziger Jahre hat, in denen man niemals sicher sein konnte, welche Gerechtigkeit, falls überhaupt, am Ende siegt. Denn das Drehbuch ist gleichzeitig verschachtelt und einfach, weil bei allen überraschenden Wendungen, die einem Genrejunkie allerdings, vor allem in der zweiten Hälfte ziemlich vertraut sind, niemals die Geschichte aus dem Auge verloren wird, die die Machtstrukturen in einem Unternehmen präzise analysiert. Die Schauspieler sind gut. Vor allem die beiden Hauptdarstellerinnen dürfen brillieren. Kristin Scott Thomas als verführerische, aber auch eiskalte Chefin ist fantastisch. Ebenso Ludivine Sagnier als ihre zunächst einfältige, vasallentreue Untergebene, die sich nicht mehr alles Gefallen lässt. Da bemerkt man kaum, wie gut auch die anderen Schauspieler sind.
Und Jazzfans sollten bei der Musik genau hinhören. Denn die ist von Pharoah Sanders, der hier seinen ersten Filmsoundtrack ablieferte.
Brian de Palma hat das US-Remake gedreht. Es heißt „Passion“, Rachel McAdams und Noomi Rapace übernahmen die Hauptrollen, der deutsche Kinostart ist am 2. Mai und es dürfte schwer sein, die Qualität von „Love Crime“ zu erreichen.
Love Crime (Crime d’amour, Frankreich 2010)
Regie: Alain Corneau
Drehbuch: Alain Corneau, Nathalie Carter
mit Ludivine Sagnier, Kristin Scott Thomas, Patrick Mille, Guillaume Marquet, Gérald Laroche, Julien Rochefort, Olivier Rabourdin
Der erste Einsatz von Mikael Persbrandt als Carl Hamilton, schwedischer Geheimagent mit guten Verbindungen und einem eigenen Kopf, hat mir ausnehmend gut gefallen. „Agent Hamilton 2 – In persönlicher Mission“ schließt ziemlich nahtlos an „Agent Hamilton – Im Interesse der Nation“ an. Während er damals für die Regierung arbeitete, zieht er dieses Mal ohne Auftrag, unterstützt von einigen Verbündeten, los. Ein saudischer Prinz, der sich nach einem missglückten Attentatsversuch an der dafür verantwortlichen SÄPO-Chefin rächen will, hat die Patentochter von Carl Hamilton entführt.
Aufgrund ökonomischer Interessen verfolgt die schwedische Regierung die Angelegenheit nur mit gedämpftem Interesse. Also handelt Hamilton, wie so oft, auf eigene Faust.
Wie schon in dem ersten „Agent Hamilton“-Film wird die einfache Geschichte mit Subplots angereichert, komplexer und reichhaltiger gemacht. In dem so entstehendem zynischen Bild der internationalen Politik erscheint der US-amerikanische Geheimdienst als wahrer Bad Guy. Bei dem Bösewicht sind die Ähnlichkeiten mit Osama bin Laden und seiner sehr vermögenden Familie sicher nicht zufällig. Sowieso nimmt Drehbuchautor Stefan Thunberg, der auch das Buch für den ersten „Agent Hamilton“-Film schrieb, die Schlagzeilen und entstellt sie bis zur Kenntlichkeit als ein zwar tödliches, aber von der Staatsräson und nachvollziehbaren Interessen geleitetes Spiel.
Und Mikael Persbrandt verkörpert den von Jan Guillou erfundenen Geheimagenten als einen eiskalten Killer, der tut, was getan werden muss.
Die zahlreichen Action-Szenen sind alle etwas zerfahren im Post-Action-Modus inszeniert und hinterlassen alle den Eindruck, dass mit etwas mehr Geld und Zeit deutlich mehr möglich gewesen. So sieht es eher nach TV als nach Kino aus.
Davon abgesehen ist „Agent Hamilton 2 – In persönlicher Mission“ ein angenehm altmodisch-zynischer Polit-Thriller, in dem es nicht um höhere Moral, sondern schnöde Interessen und machtpolitische Spielchen geht, mit einer ordentlichen Portion Action.
Agent Hamilton 2 – In persönlicher Mission (Hamilton: Men inte om det gäller din dotter, Schweden 2012)
Regie: Tobias Falk
Drehbuch: Stefan Thunberg
LV: Charakter von Jan Guillou
mit Mikael Persbrandt, Saba Mubarak, Frida Hallgren, Reuben Sallmander, Nadja Christiansson, Lennart Hjulström, Peter Eggers, Steven Waddington, Cal Macaninch, John Light, Nigel Whitmey
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DVD
Ascot-Elite
Bild: 2.35:1 (16:9 PAL)
Ton: Deutsch (DTS, Dolby Digital 5.1), Schwedisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Deutscher und Originaltrailer, Wendecover
Als während der siebziger Jahre reihenweise Flugzeuge entführt wurden, war auch Hollywood nicht weit, um mehr oder weniger dokumentarische Filme über die Entführungen zu machen. Auch „…die keine Gnade kennen“ basiert auf einer wahren Entführung: Am 27. Juni 1976 entführte die Volksfront zur Befreiung Palästinas, angeführt von Wilfried Böse, eine „Air France“-Maschine mit überwiegend israelischen Passagieren nach Uganda. Dort wurden die Passagiere, während der Diktator Idi Amin sich im Rampenlicht der Scheinwerfer sonnte, sukzessive freigelassen bis nur noch die jüdischen Passagiere, die vorher von den Entführern von den anderen Passagieren getrennt wurden, übrig blieben. In der Nacht vom 3. zum 4. Juli 1976 wurden sie von einem israelischen Kommando befreit.
Kurz danach entstanden gleich drei Filme, die sich mit der Befreiungsaktion befassten: der Schnellschuss „Unternehmen Entebbe“ (Victory at Entebbe, USA 1976, Regie: Marvin J. Chomsky, mit Anthony Hopkins, Burt Lancaster, Elizabeth Taylor, Richard Dreyfuss und Kirk Douglas), der mit Unterstützung der israelischen Regierung und des Militärs gedrehten „ Operation Thunderbolt“ (Mivtsa Yonatan, Israel 1977, Regie: Menahan Golan, mit Klaus Kinski und Sybill Danning; Golan drehte 1986 mit dem Chuck-Norris-Action-Vehikel „The Delta Force“ ein Quasi-Remake) und „Raid on Entebbe“, einem am 9. Januar 1977 erstmals gezeigten TV-Film, der in einer auf 124 Minuten gekürzten Fassung am 29. April 1977 bei uns als „…die keine Gnade kennen“ im Kino anlief, in den USA den Golden Globe als bester TV-Film des Jahres und zwei Emmys erhielt und für acht weitere Emmys nominiert war und mit einer ziemlich beeindruckenden Besetzung aus damaligen Stars, Altstars und, nun, aus heutiger Sicht, künftigen Stars aufwarten kann. Peter Finch (in seiner letzten Filmrolle), Martin Balsam, Yaphet Kotto (grandios als Idi Amin), Charles Bronson, Horst Buchholz, John Saxon, Jack Warden, Sylvia Sidney, Robert Loggia. Eddie Constantine und James Woods.
Der Film selbst folgt den historischen Ereignissen, wobei in der ersten Hälfte die Passagiere und ihr Leid, in der zweiten Hälfte die Befreiung im Mittelpunkt stehen und immer wieder Yitzhak Rabin (Peter Finch), sein Gewissenskonflikt und die Diskussionen am Kabinettstisch gezeigt werden; – wobei diese Diskussionen eher Schreiereien sind, die sich in einem länglichen pro und contra des Verhandelns mit Terroristen und ob eine solche Militäraktion am Sabbat durchgeführt werden dürfe, ergehen.
Das ist dann aus heutiger Sicht als historisches Dokument interessant, recht flott erzählt und verschenkt die hochkarätige Besetzung ziemlich. Denn wir erfahren nichts über die Terroristen, wenig über die Passagiere und kaum etwas über die politischen Hintergründe der Täter und den Verhandlungen Israels mit Uganda. Im Gegensatz zur GSG-9-Befreiungsaktion der Lufthansa-Maschine „Landshut“ 1977 in Mogadischu, bei der die somalische Regierung der Befreiungsaktion zustimmte, war die Befreiungsaktion in Entebbe eine militärische Aktion, die sich nicht um das Völkerrecht scherte (wobei gesagt werden muss, dass Diktator Idi Amin die Terroristen unterstützte) und die israelischen Soldaten auch, je nach Quelle, zwischen 25 und 45 ugandische Soldaten erschossen.
Diese Frage wird ignoriert zugunsten einer direkt von den Schlagzeilen und Interviews mit Beteiligten übernommenen Geschichte, die sich auf die menschlichen Probleme konzentriert.
„…die keine Gnade kennen“, kompetent inszeniert von Irvin Kershner (Die Augen der Laura Mars, Das Imperium schlägt zurück, Sag niemals nie), ist ein gutes Dokudrama, das sich auf die Entführung und die Befreiung konzentriert und alle weiteren Hintergründe, die damals bekannt waren, ausblendet. Aber gerade diese Unmittelbarkeit macht auch, aus heutiger Sicht, den Reiz des Films, der in Deutschland jetzt erstmals in der ungekürzten Fassung veröffentlicht wurde, aus.
…die keine Gnade kennen (Raid on Entebbe, USA 1977)
Regie: Irvin Kershner
Drehbuch: Barry Beckerman
mit Peter Finch, Martin Balsam, Yaphet Kotto, Charles Bronson, Horst Buchholz, John Saxon, Jack Warden, Sylvia Sidney, Robert Loggia. Eddie Constantine, James Woods
–
DVD
Ascot-Elite
Bild: 1,33:1 (4:3)
Ton: Deutsch (DTS 2.0 Mono/Dolby Digital 2.0 Mono), Englisch (Dolby Digital 2.0 Mono)
Untertitel: –
Bonusmaterial: Wendecover
Länge: 139 Minuten (Langfassung, teilweise im Originalton mit deutschen Untertiteln)
Während die Hollywood-Filme von Peter Weir, wie „Der einzige Zeuge“, „Mosquito Coast“, „Der Club der toten Dichter“, „Green Card – Schein-Ehe mit Hindernissen“, „Die Truman-Show“ und „Master and Commander“ regelmäßig im Fernsehen gezeigt werden und entsprechend bekannt sind, sind die Frühwerke von Peter Weir, mit denen er sich den Weg nach Hollywood ebnete, unbekannte Klassiker. Filme, von denen man schon einmal gehört hat und die unter Cineasten und Genrefreaks Kultstatus genießen, aber bei uns teils überhaupt nicht im Kino liefen und auch im TV kaum gezeigt werden. Man kennt zwar, die Bilder der „Killerautos von Paris“, man hat von der dräunenden Apokalypse der „letzten Flut“ gehört, man fürchtet sich vor „Wenn der Klempner kommt“ und das „Picknick am Valentinstag“ dürfte der bekannteste Film aus dem Frühwerk von Peter Weir sein, aber man hat sie, mangels Gelegenheit nicht oder vor Ewigkeiten gesehen – und daher ist es gut, dass Koch Media diese vier Filme in einer schicken Box (mit überschaubarem Bonusmaterial) versammelte. Denn so kann man auch die Verbindungen zwischen seinem Kinodebüt „Die Autos, die Paris auffrassen“, seinem internationalen Durchbruch „Picknick am Valentinstag“, dem apokalyptischen Science-Fiction-Film „Die letzte Flut“ und der kleinen, für das TV gedrehten Satire „Wenn der Klempner kommt“ sehen.
Auf den ersten Blick haben diese vier Filme kaum etwas gemeinsam. In „Die Autos, die Paris auffrassen“ wird Arthur Waldo nach einem Autounfall mit sanfter Gewalt in dem Städtchen Paris festgehalten. Dabei entdeckt er, dass in der Nähe von Paris schon vor ihm viele Autofahrer in einer Kurve verunglückten. Gleichzeitig hält eine Gruppe autobegeisterter Jugendlicher die Bewohner im Schach und auch die Autos scheinen ein Eigenleben zu führen. Am Einfachsten kann man den Film als ziellose Satire mit einigen Splatter-Einlagen beschreiben. Denn es wird nie deutlich wogegen sich der Film richtet, die Bedrohung beziehungsweise das Geheimnis von Paris bleibt diffus und die wenigen, blutigen Bilder von Organentnahmen wirken wie aus einem anderen Film geklaut. Wahrscheinlich wollte Peter Weir so das Mitternachtspublikum ansprechen und seinem Film ein weltweites Publikum verschaffen.
Das gelang ihm mit seinem zweiten Film „Picknick am Valentinstag“, der Australien als Filmnation auf die internationale Landkarte hob. Später kamen Filme wie „Mad Max“ und „Razorback“ und „Crocodile Dundee“, um nur die wirklich bekanntesten Filme zu nennen und die Spannbreite des australischen Filmwunders aufzuzeigen, dazu.
Weirs zweiter Spielfilm erzählt von einer Internatsschülerinnengruppe die am Valentinstag 1900 einen Ausflug zum Hanging Rock macht. Drei Schülerinnen verschwinden spurlos. Nach einer langen Suche wird eine Schülerin gefunden. Aber sie schweigt. Das Verschwinden der Mädchen bleibt rätselhaft. Ebenso die zweite Hälfte des Films, die zunehmend zwischen verschiedenen Plots zerfasert.
Aber die erste Hälfte, in der Weir eine geheimnisvolle Spannung aufbaut, der Hanging Rock mystisch überhöht wird zu einer Erkundung in das unerforschte Land der Sexualität – immerhin sind die Schülerinnen alle im Teenager-Alter, die strengen Regeln an der Schule, die sie zu gesellschaftlich wertvollen Menschen erziehen sollen, verbieten jede Gefühlsäußerung und immer wieder gibt es Andeutungen in diese Richtung, auch in Richtung gleichgeschlechtlichem Sex – ist grandios.
In „Die letzte Flut“ gelingt es Peter Weir durchgängig die Stimmung einer geheimnisvollen Bedrohung zu schaffen, auch wenn der Plot dem sattsam bekannten Muster von Geschichten über nahende Apokalypsen folgt in dem zuerst geheimnisvolle Dinge geschehen, der Protagonist erkennt, dass diese Ereignisse mit seinen Visionen etwas zu tun haben und es am Ende – wahlweise – die Apokalypse gibt oder der Protagonist als Auserwählter sie doch irgendwie aufhalten kann.
Aber wie Peter Weir diese Geschichte erzählt, verrät dann eine erzählerische Souveränität, die er so in „Picknick am Valentinstag“ noch nicht hatte. David Burton (Richard Chamberlain) ist ein Anwalt in Sydney, der teils von Visionen einer nahenden Flut gequält wird, teils fassungslos die Wetterkapriolen mit Sturmfluten beobachtet. Als er pro bono die Verteidigung von einigen jungen Aborigines übernimmt, die einen anderen Aborigine im Suff ermordeten, und er glaubt, dass der Hintergrund für die Tat ein Stammesgesetz ist (obwohl es in der Stadt keine Aborigine-Stämme geben soll), werden seine Visionen deutlicher.
Bei dem langsam erzählten Film beeindruckt vor allem die mit geringen Mitteln hergestellte unheimliche Atmosphäre, die zu einem großen Teil durch Manipulation der Bildgeschwindigkeit und des Sounds entsteht. So bewegen sich Menschen oft in Zeitlupe. Bestimmte Geräusche werden hervorgehoben, andere sind nicht zu hören und manchmal gibt es auch überhaupt keine Geräusche. Ebenso unterscheidet Weir nicht zwischen den Träumen und Visionen von Burton und der Realität.
Nach „Die letzte Flut“ kehrte Peter Weir, bevor er mit „Gallipoli“ und „Ein Jahr in der Hölle“, beide mit Mel Gibson, seine letzten australischen Spielfilme vor seinem Sprung nach Hollywood drehte, mit „Wenn der Klempner kommt“ noch einmal zurück zum Fernsehen zurück.
„Wenn der Klempner kommt“ ist eine kleine schwarzhumorige Satire über Ängste. Denn Jill fürchtet sich zunehmend vor dem Klempner Max, der in ihrer Wohnung zunächst nur die Wasserleitungen überprüfen will und dann, weil die Rohre schlecht verlegt sind, das Badezimmer zielstrebig in eine Baustelle verwandelt, während er Jill – jedenfalls empfindet sie es so – zunehmend sexuell bedrängt. Aber Max könnte auch einfach nur ein etwas unsensibler, leicht großmäuliger Mann sein, der nur höflich zu der intellektuellen Hausfrau sein will, die in ihrer Wohnung an einer Studie über die Aborigines arbeitet und sich von ihrem Mann, der wegen den Verhandlungen für einen großen Forschungsauftrag gerade mit anderen Dingen beschäftigt ist, vernachlässigt fühlt.
Diese Spannung zwischen Jills Sicht, die den Film dominiert, und den Bildern, die eben immer wieder Jills Perspektive unterlaufen, hält Peter Weir bis zum Schluss seines kurzen Films aufrecht.
So unterschiedlich diese vier Filme, wie auch Peter Weirs späteren Filme, auf den ersten Blick auch sein mögen, schon auf den zweiten Blick fällt auf, dass in ihnen immer das Grauen in den Alltag einbricht und quasi unerklärliche Dinge passieren.
Außerdem thematisiert er, abgesehen von seinem Debüt, auch immer das Verhältnis zwischen den weißen Australiern und den Aborigines, den australischen Ureinwohnern, die lange ähnlich rücksichtsvoll wie die Indianer in den USA behandelt wurden, ohne in einen platten Mystizismus oder platte Verklärung der Ureinwohner abzugleiten.
Die vier Filme, wobei „Wenn der Klempner kommt“ erstmals auf DVD erschien und nur in dieser Box enthalten ist, kommen in einer schicken Box mit einer überschaubaren Menge an Bonusmaterial. Nämlich den Trailern und Bildergalerien.
Von „Picknick am Valentinstag“ ist bei Koch Media auch eine umfangreiche Special Edition auf 3 DVDs und einer Blu-ray mit der Kinofassung, der gut zweistündigen Dokumentation „A Dream within a Dream“, mehreren Featurettes und Interviews erschienen.
Es ist – – – verdammt ärgerlich. Da kommt nach einigen enttäuschenden Prä-1955-Gangsterfilmen, wie Michael Manns „Public Enemies“ und Ruben Fleischers „Gangster Squad“ (nach dem Kritikerkonsens ein verheerend uninteressanter Film), endlich ein richtig gutes, top-besetztes Gangsterdrama heraus und dann findet sich aus unerfindlichen Gründen kein Verleih.
Am Film kann es nicht liegen. Denn „Lawless“ ist das, was „Public Enemies“ sein wollte und vor elf Jahren „Road to Perdition“ war: eine glaubwürdige Geschichte aus der Prohibitionszeit, als in den Großstädten in Speakeasies Schnaps verkauft wurde und Gangsterimperien entstanden und im Hinterland einige noch heute bekannte Gangster, die quasi Volkshelden waren, wie Bonnie Parker, Clyde Barrow, John Dillinger und Pretty Boy Floyd, von FBI-Agenten gnadenlos verfolgt und Schnaps gebrannt wurde.
In Franklin County, Virginia, scheint fast jeder irgendwie in die Schnapsbrennerei involviert gewesen zu sein. Zuerst legal, später, wegen der Prohibition, illegal. Das änderte aber nichts am freundlichen Umgang zwischen Schnapsbrennern und örtlichen Polizisten, die gerne auch einen Schluck tranken. Auch die Bondurant-Brüder verdienten damit um 1930 ihr Geld – und „Lawless“ erzählt, basierend auf wahren Ereignissen, angenehm unaufgeregt, fast schon beschaulich, wenn da nicht immer wieder die Gewaltausbrüche wären, aus ihrem Leben. Forrest Bondurant (Tom Hardy) und sein Bruder Howard (Jason Clarke) sind die maulfaulen Oberhäupter der Familie. Ihnen eilt, nachdem sie den Krieg und mehrere Mordanschläge überlebten, der Ruf voraus, unsterblich zu sein. Ihr jüngerer Bruder Jack (Shia LaBeouf) beginnt sich gerade die ersten Sporen im Schnapsbrennergeschäft zu verdienen. Gleichzeitig bewundert er den aus der Großstadt kommenden Gangster Floyd Banner (Gary Oldman), der sich mit seinem Maschinengewehr, mit dem er am hellichten Tag, mitten auf der Straße die Insassen eines sich ihm nähernden Autos erschießt, einen denkwürdigen ersten Auftritt verschafft.
Dieses ruhige Landleben, in dem Polizisten und Schnapsbrenner biotopisch-friedlich zusammenleben, wird durch das Auftauchen des skrupellosen und psychopathischen Bundesagenten Charlie Rakes (Guy Pearce) gestört. Er will die Bondurant-Brüder vernichten.
In diese Geschichte weben Drehbuchautor Nick Cave (Ja, der Musiker, der mit Warren Ellis auch die stimmige Musik für den Film schrieb.) und Regisseur John Hillcoat in ihrer dritten Zusammenarbeit zwei zarte Liebesgeschichten. Jack verliebt sich in die Pfarrerstochter Bertha Minix (Mia Wasikowska, die wir demnächst im Kino neben Nicole Kidman in Chan-wook Parks „Stoker“ bewundern können). Tom verliebt sich in die neue, wie Rakes aus Chicago kommende, bei ihnen im Lokal arbeitende Kellnerin Maggie Beauford (Jessica Chastain), die letztendlich die Initiative ergreift.
Das alles mündet in einem historisch verbürgten Schusswechsel an einer Brücke, der für Matt Bondurant die Initialzündung für seinen Roman „The wettest County in the World“ war, in dem er, anscheinend nur leicht fiktionalisiert, von seinen Vorfahren erzählt und der jetzt als „Lawless“ verfilmt wurde. Den Titel habe man, so John Hillcoat im informativen Audiokommentar, geändert, weil die Leute bei dem Titel nicht an ein Gangsterdrama, sondern einen Dokumentarfilm oder einen Porno dachten. Denn die Bondurant-Brüder haben sich nicht als Gesetzlose gesehen.
Aber selbstverständlich waren sie es und sie verteidigten ihr Eigentum auch mit Gewalt. Gewalt, die von John Hillcoat ungeschönt gezeigt wird. Im Gegensatz zu den Dreißiger-Jahre-Gangsterfilmen, die „Lawless“ auch inspirierten, spritzt hier das Blut, wenn ein Fausthieb im Gesicht landet oder mit einem Messer zugestochen wird. Wir sehen die Wunden, die blauen Flecken und Schwellungen und auch einen von Rakes‘ als Warnung an die Bondurants geteerten und gefederten Mann. Doch Gewalt, die teilweise atemberaubend schnell vorbei ist, wird in „Lawless“ nie zum Selbstzweck, sondern sie reflektiert auch die damalige Zeit, in der im Zweifelsfall das wenige Jahrzehnte früher im Wilden Westen erprobte Faustrecht herrschte.
Dennoch ist „Lawless“ in erster Linie ein brillant fotografierter Schauspielerfilm, in dem auch Shia LaBeouf überzeugt. Er kann wirklich mehr, als in „Transformers“ vor irgendwelchen Robotern davonzulaufen oder in „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“ sich die Haartolle zu kämmen. Tom Hardy, Guy Pearce, Jason Clarke, Jessica Chastain und Rising-Star Mia Wasikowska sind gewohnt gut und Gary Oldman, der nur zwei größere Szenen hat, bringt, auch wenn er hier so zurückgenommen wie in „Dame, König, As, Spion“ spielt, den Wahnsinn seiner früheren Filme, wie „Bram Stokers Dracula“, „True Romance“, „Romeo is bleeding“, „Leon – Der Profi“ und „Air Force One“, ein.
Damit stellt sich der traditionell erzählte Ensemble-Film gelungen in der Tradition der klassischen Gangsterfilme, wie Arthur Penns „Bonnie & Clyde“, John Milius‘ „Jagd auf Dillinger“ (Dillinger) und Richard Quines sträflich unterschätzten Elmore-Leonard-Verfilmung „Whisky brutal“ (The moonshine war).
Das Bonusmaterial
Als Bonusmaterial gibt es einen hörenswerten Audiokommentar von Regisseur John Hillcoat und Romanautor Matt Bondurant, die in einem lockeren Gespräch den Film kommentieren und viele interessante Informationen zum Film, zu den Unterschieden zwischen Film und Buch und den wahren Hintergründen liefern. Wahrscheinlich ist es eine gute Idee, einen Audiokommentar nicht von einer Person, die sich manchmal fragt, was sie wem erzählen soll, sondern von zwei Leuten, die sich miteinander über den Film unterhalten, bestreiten zu lassen. Bei „Girlfriend Experience“ funktionierte das Gespräch zwischen Regisseur Steven Soderbergh und Hauptdarstellerin Sasha Grey ja auch gut. Und wenn mehr als zwei Personen den Audiokommentar bestreiten wird es leicht chaotisch.
Es gibt einige geschnittene Szenen und drei ausführliche Featurettes, – eines über den Film, zwei über die wahren Hintergründe -, die den Film gelungen und informativ abrunden.
Lawless – Die Gesetzlosen (Lawless, USA 2012)
Regie: John Hillcoat
Drehbuch: Nick Cave
LV: Matt Bondurant: The wettest County in the World, 2008
mit Shia LaBeouf, Tom Hardy, Jason Clarke, Guy Pearce, Jessica Chastain, Mia Wasikowska, Dane DeHaan, Chris McGarry, Tim Tolin, Gary Oldman, Lew Temple, Marcus Hester , Bill Camp
Bonusmaterial: Audiokommentar mit John Hillcoat und Matt Bondurant, Entfallene Szenen, Die wahre Geschichte des feuchtesten Landes in der Welt, Franklin Country: Damals & Heute, Die Geschichte der Bondurant Family, Trailer (deutsch, englisch)
Ein Gespräch mit Matt Bondurant über seinen Roman und den Film
Ein Gespräch mit John Hillcoat über den Film
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Bonushinweis
Wer mehr über die Prohibition erfahren will, sollte sich die gerade erschienene DVD „Prohibition – Eine amerikanische Erfahrung“ (Polyband) anschaffen. Auf ihr ist die fünfteilige, mit einem Primetime Emmy ausgezeichnete PBS-Dokuserie von Ken Burns und Lynn Novick in der Arte-Fassung enthalten.
Prohibition – Eine amerikanische Erfahrung (Prohibition, USA 2011)
Polyband
Bild: 16:9 (1,78:1)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: –
Bonusmaterial: Im Studio, Bonusszenen, Interview Outtakes (90 Minuten, im Original mit deutschen Untertiteln)
Als Steven Soderbergh „The Girlfriend Experience“ ankündigte, sorgte vor allem die Besetzung der Hauptrolle für Aufsehen. Denn Sasha Grey war Adult Actress, vulgo Pornodarstellerin. Der Film sollte auch, so hieß es, in dem Milieu spielen. Einen deutschen Kinostart erlebte der Film nie und jetzt, vier Jahre nach der US-Premiere, liegt der Film auf DVD vor – und er wirkt inzwischen wie eine Vorstudie zu seinem letzten Film „Magic Mike“.
In beiden Filmen geht es um Menschen, die mit ihrem Körper Geld verdienen. Einmal um eine Escortdame, einmal um einen Stripper. Aber während „Magic Mike“ seine Geschichte, sehr züchtig, im gepflegten New-Hollywood-Stil erzählt und der Film ein Kinohit war, ist „Girlfriend Experience – Aus dem Leben eines Luxus-Callgirls“ einer von Soderberghs experimentellen Filme. Wie „Voll Frontal“ (lief sogar in deutschen Kinos) und „Bubble“ (den er in den USA gleichzeitig im Kino, auf DVD und im Fernsehen präsentierte und in Deutschland noch nicht veröffentlicht wurde) improvisierten die Schauspieler und die Kameraführung und Bildqualität ist teilweise so schlecht, dass sogar ein Dokumentarfilmer vor Scham im Boden versinken würde. Eine herkömmliche Geschichte gibt es auch nicht. In „Girlfriend Experience“ gibt es Impressionen aus dem Leben einer von Sasha Grey glaubhaft gespielten Escortdame, die für ihre reichen Freier in der Öffentlichkeit die Freundin mimt, und ihres Umfeldes. Dabei drehen sich die Gespräche die sie mit Kunden, ihrem Freund, einer Freundin, einem Interviewer und möglichen Geschäftspartnern führt, letztendlich immer ums Geld. Beziehungen scheinen nur über ihren ökonomischen Nutzen und ihr ökonomisches Potential möglich zu sein. Diese, durchaus sehr amerikanische, Verkürzung aller Beziehungen auf eine Dimension macht die Charakterstudie zu einem ziemlich deprimierendem Gesellschaftsporträt.
Trotzdem sieht „Girlfriend Experience“ weniger wie ein durchdachter Film, sondern wie eine Notizsammlung, eine Skizze, aus, die keinen Anspruch auf eine letzte und gültige Aussage erhebt an. Deshalb schnitt Soderbergh in dem „Alternativen Director’s Cut“, der fast genausolang wie die Kinofassung ist, das Material, das er hatte, anders zusammen.
Diese Schnittfassung ist neben der Kinofassung auf der jetzt erschienenen DVD enthalten. Außerdem gibt es einen informativen Audiokommentar von Steven Soderbergh und Sasha Grey, in dem er sie ziemlich geschickt ausfragt, und ein kurzes Featurette, das sich in den üblichen Lobhuddeleien ergeht und wahrscheinlich als Werbematerial für den Film erstellt wurde.
Für die echten Steven-Soderbergh-Fans ist mit dieser DVD eine Lücke in ihrer Sammlung geschlossen. Für die Fans von Filmen wie „The Good German“, „Ocean’s Eleven“, den beiden Fortsetzungen und „Magic Mike“ (trotz thematischer Nähe) dürfte „Girlfriend Experience“ nichts sein. Dafür ist dieser Film dann doch zu experimentell und nicht-narrativ.
Girlfriend Experience – Aus dem Leben eines Luxus-Callgirls (The Girlfriend Experience, USA 2009)
Regie: Steven Soderbergh
Drehbuch: David Levien, Brian Koppelman
mit Sasha Grey, Chris Santos, Philip Eytan, T. Colby Trane, Peter Zizzo, David Levien
Bonusmaterial: Alternativer Director’s Cut (73 Minuten), Audiokommentar mit Steven Soderbergh und Sasha Grey, Ein Blick hinter The Girlfriend Expererience, Original Kinotrailer, Wendecover
Nach der fantastischen Welt von Oz, vor „Hitchcock“ und zwischen „Vega$“ (muss sein, für mich als PI-Junkie) und Peter Weir (muss sein, für alle Filmfans) stapeln sich Bücher und Filme, die ich teilweise schon vor Weihnachten gelesen habe und ausführlich besprechen wollte. Aber bis jetzt kam ich nicht dazu und in den nächsten Tagen sieht es auch nicht viel besser aus. Bevor meine Notizen auch für mich vollkommen unlesbar werden, gibt es jetzt einen Schwund kurzer Kritiken. Ich würde ja sagen Drei-Satz-Kritiken, aber dann werden es doch vier, fünf oder noch mehr Sätze.
Beginnen wir mit einigen Gangsterfilmen:
„Black’s Game“ führt uns in die Unterwelt von Island. Student Stebbi hat Angst vor einer drohenden Gefängnisstrafe. Doch dann trifft er seinen Jugendfreund Toti, der inzwischen als Gangster sein Geld verdient und ihm bei diesem Problemchen helfen will. Er gibt Stebbi eine kleine Aufgabe, die er mit Bravour erledigt und fortan verfolgen wir gespannt seinen Aufstieg in der isländischen Gangsterhierarchie, in der die Protagonisten jünger und brutaler als bei Martin Scorsese sind.
Das ist mitreisend hartes Kino mit überzeugenden Schauspielern, die teilweise hier ihr Leinwanddebüt gaben. Óskar Thór Axelssons Film basiert auf einem Roman von Stefán Máni, der in einem Featurette von den Recherchen für den Roman erzählt. Wobei allerdings unklar bleibt, wie sehr der, bis auf den Epilog, 1999/2000 spielende Film „Black’s Game“ auf Tatsachen beruht oder verschiedene Vorfälle und Personen aus der isländischen Unter- und Halbwelt zu einer spannenden Geschichte verdichtet.
Black’s Game – Kaltes Land (Svartur á leik, Island 2012)
Regie: Óskar Thór Axelsson
Drehbuch: Óskar Thór Axelsson
LV: Stefán Máni: Svartur á leik, 2004
mit Þorvaldur Davið Kristjánsson, Jóhannes Haukur Jóhannesson, Damon Younger, Maria Birta Bjarnadóttir, Vignir Rafn Valþórsson, Egill Einarsson, Björn Jörundur Friðbjörnsson
Bei „Mr. Nice“ stellt sich die Frage nicht. Denn Bernard Roses Film erzählt, basierend auf der Biographie von Howard Marks, dessen Lebensgeschichte und wie er vom begabten, aus ärmlichen Verhältnissen kommendem Kleinstadtjungen während der Swinging Sixties an der Universität Oxford mit Drogen und freier Liebe in Berührung kam und ratzfatz zum größten Dope-Dealer Englands aufstieg, mit dem Gesetz Probleme hatte und heute, das ist die dramaturgische Klammer, auf der Bühne locker-flockig von seinem Leben erzählt.
„Mr. Nice“ ist eine mäßig unterhaltsame Selbstinszenierung von Howard Marks. Aber die Einzel-DVD ist mit einem Audiokommentar von Bernard Rose und einem von Howard Marks gut ausgestattet. Wer mehr Infos will, muss die Doppel-DVD kaufen.
Mr. Nice (Mr. Nice, GB 210)
Regie: Bernard Rose
Drehbuch: Bernard Rose
LV: Howard Marks: Mr. Nice, 1996 (Mr. Nice)
mit Rhys Ifans, Chloe Sevigny, David Thewlis, Omid Djalili, Crispin Glover
Wesentlich gelungener ist Bernard Roses 1944 in London spielendes, heute fast vergessenes Frühwerk „Chicago Joe und das Showgirl“, nach einem Drehbuch von David Yallop, mit Kiefer Sutherland und Emily Lloyd in den Hauptrollen.
Emily Lloyd spielt das titelgebende Showgirl Georgina Grayson, die sich ein Leben auf der großen Bühne und als Gangsterbraut erträumt und als sie Rick ‚Chicago Joe‘ Allen (Kiefer Sutherland) kennenlernt, ist sie sofort in ihn verliebt. Denn er ist ein waschechter Gangster aus Chicago! Das Liebespaar beginnt schnell ihre Version von Bonnie und Clyde zu spielen. Dummerweise ist Chicago Joe kein Gangster, sondern ein kleiner, fahnenflüchtiger Soldat und notorischer Aufschneider.
Rose spielt in diesem Film sehr interessant und für einen über zwanzig Jahre alten Mainstream-Film sehr avantgardistisch mit den verschiedenen Wahrnehmungsebenen. Denn er wechselt ständig zwischen der Realität und Georginas Träumen von der großen Hollywood-Karriere (so beginnt und endet der Film mit einer Fantasie von ihr bei der Premiere ihres großen Films [Remember „Sunset Boulevard“?]) und ihrem, aus den Hollywood-Gangsterfilmen entlehntem Bild der Wirklichkeit. Die Kulissen sind überdeutlich als Kulissen erkennbar, das Filmformat erinnern an einem Dreißiger-Jahre-Gangsterfilm, die Farben an das damals gebräuchliche Technicolor. Und auch Chicago Joe hat seine Probleme mit der schnöden Realität. Denn er steht zwischen zwei Frauen, die er beide belügt.
Ach ja: „Chicago Joe und das Showgirl“ basiert auf einem wahren Fall: dem „Cleft Chin Murder“. Am 3. Oktober 1944 lernten sich die am 5. Juli 1926 in South-Wales geborene Elizabeth ‚Betty‘ Maud Jones (die als Georgina Grayson als Striptease-Tänzerin arbeitete) und der 1922 in Schweden geborene, in Massachusetts aufgewachsene Karl Hulten, der sich Ricky nannte und damals seit einem halben Jahr fahnenflüchtig war, kennen. Der Film folgt den damaligen Ereignissen anscheinend ziemlich genau.
Beide wurden zum Tode verurteilt. Hulten wurde als einziger G. I. der je in Großbritannien hingerichtet wurde, am 8. März 1945 erhängt. Jones wurde 1954 begnadigt.
Chicago Joe und das Showgirl (Chicago Joe and the Showgirl, GB 1989)
Regie: Bernard Rose
Drehbuch: David Yallop
mit Emily Lloyd, Kiefer Sutherland, Patsy Kensit, Keith Allen, Liz Fraser, Alexandra Pigg
Dass „The Take – Zwei Jahrzehnte in der Mafia“ nicht das Budget von „Der Pate“ oder „Goodfellas“ hatte, sieht man und dass „The Take“ ursprünglich eine vierteilige TV-Serie war, sieht man ebenfalls. Denn der Film teilt sich in vier Blöcke, die 1984, 1988 und 1994 (der dritte und vierte Teil) spielen und die Länge einer TV-Episode haben. Und dass die Geschichte weitgehend den bekannten Genrepfaden folgt, merkt man schnell.
„The Take“ erzählt die Geschichte von Freddy Jackson (Tom Hardy) und seinem Freund und Cousin Jimmy Jackson (Shaun Evans), zwei Londoner Verbrecher, die sich seit Ewigkeiten kennen. Freddie verbrachte einige Jahre im Gefängnis und kaum ist er draußen, beginnt er mit einer fiebrigen Energie, die Scarface vor Neid erblassen lassen würde, sein Imperium aufzubauen. Gleichzeitig wird er zunehmend psychopathisch und man fragt sich spätestens ab der Filmmitte, wie ein so durchgeknallter Verbrecher die letzten zehn Jahre (und die Jahre vor dem Filmbeginn) überleben konnte. Währenddessen festigt Jimmy seinen Ruf als Geschäftsmann, der zwar illegale Geschäfte betreibt, aber zunehmend verbürgerlicht.
Das folgt alles bis zum Ende, durchaus kraftvoll und für eine TV-Serie sehr brutal, den bekannten Genrekonventionen. Aber schon von Anfang spielen die Frauen an der Seite von Freddy und Jimmy, teils als Schwester, teils als Ehefrau, eine wichtige Rolle, die zwar zunächst irritiert, weil sie mit dem verbrecherischen Leben der Gangster nichts zu tun haben, aber sie sorgt auch für ein überraschendes und ungewöhnliches Ende, das auch eine Verschiebung innerhalb des Genres anzeigt. Denn im Spiel zwischen Gangstern und Gangstern und Gangstern und Polizisten ist ein weiterer Mitspieler hinzugekommen.
Und dann ist da noch Tom Hardy in Bad-Ass-Bad-Ass-Mode. Für sein Spiel war er für den 2009er Crime Thriller Award als bester Darsteller nominiert. Danach spielte er, um nur seine bekannteste Rolle zu nennen, in „The Dark Knight Rises“ den Bösewicht.
The Take – Zwei Jahrzehnte in der Mafia (The Take, GB 2009)
Regie: David Drury
Drehbuch: Neil Biswas
LV: Martina Cole: The Take, 2005 (Die Schwester)
mit Tom Hardy, Shaun Evans, Charlotte Riley, Kierston Wareing, Margot Leicester, Brian Cox, Jane Wood
Dank „Drive“ ist Nicolas Winding Refn inzwischen wohl bekannt genug, dass mit seinem Namen geworben werden kann. Bei „Black’s Game – Kaltes Land“ war er Executive Producer, aber auf dem DVD-Cover wird er groß erwähnt. Der englische Gangsterfilm „Pusher“ basiert auf Nicholas Winding Refns gleichnamigem, rauhen Debütfilm von 1996 über einen kleinen Drogendealer, der gerade eine Pechsträhne hat und innerhalb weniger Tage viel Geld besorgen muss, das er nicht hat. Er lässt sich auf zunehmend riskante Geschäfte ein und bei einem Noir können wir uns denken, wie die Geschichte ausgeht.
Diese nicht sonderlich spektakuläre Geschichte (sie wurde durch Nicholas Winding Refns Regie, die Kamera und die Schauspieler zu etwas Besonderem) hat jetzt Drehbuchautor Matthew Read (Produzent bei „Miss Marple“, „Aurelio Zen“ und „Kommissar Wallander“) mit kleinen Änderungen ins heutige London übertragen, der Spanier Luis Prieto gab sein UK-Debüt und Richard Coyle übernahm die Hauptrolle in dieser Version von „Pusher“, die die altbekannte Geschichte in einer anderen Stadt erzählt. Das ist als eigenständiger Film gelungen, interessant im Vergleich zwischen Original und Remake und ähnelt dem US-Remake von Stieg Larssons „Verblendung“, das auch gut, aber für die Kenner des Originals auch ziemlich überflüssig ist.
Die „Briefe aus dem Jenseits“ haben mächtig Patina angesetzt. Die Geschichte ist auch mehr ein Gruselfilm als ein Noir. Allerdings einer, der zwar einige gelungene, also unheimliche Szenen hat, aber insgesamt eher den Eindruck von verwirrend zusammengesetztem, sich als Liebesdrama viel zu ernst nehmendem Stückwerk hinterlässt.
Denn als Literaturagent Lewis Venable (Robert Cummings) in Venedig in der Villa der über hundertjährigen Juliana Bordereau (Agnes Moorehead) unter einem Vorwand die anscheinend unglaublich beeindruckenden Liebesbriefe des verschollenen Poeten Jeffrey Ashton an sie sucht, wird er in ein Spiel um Identitäten, Schein und Sein hineingezogen und er verliebt sich in die Nichte der Hausherrin (Susan Hayward), die nach Sonnenuntergang zu einer anderen Frau wird.
Briefe aus dem Jenseits (The Lost Moment, USA 1947)
Regie: Martin Gabel
Drehbuch: Leonardo Bercovici
LV: Henry James: The Aspern Papers, 1888 (Asperns Nachlass)
mit Robert Cummings, Susan Hayward, Agnes Moorehead, Joan Lorring, John Archer
„Der Mann mit der Stahlkralle“. Das klingt doch nach zünftiger, gehirnbefreiter Action mit vielen schlagenden und tretenden Asiaten. Vor allem weil der Film erst 1980, drei Jahre nach dem US-Kinostart, in die deutschen Kinos kam und in den Bahnhofkinos gerade gefühlt jeder zweite Film einen „Bruce Lee“ im Titel hatte. Da konnte „Der Mann mit der Stahlkralle“ nur ein weiterer billiger Action-Film sein, der auch bei der Kritik schlecht ankam: „übles Kinostück“ (Fischer Film Almanach 1981), „blutrünstiger Film“ (Lexikon des internationalen Films).
Nun, blutrünstig ist der Film in einigen Momenten und natürlich im Showdown. Und ein Mann mit einer Stahlkralle kommt auch vor. Aber der Originaltitel „Rolling Thunder“ trifft es schon eher. Denn wie ein Donnergrollen bewegt sich die Noir-Geschichte langsam und sehr fatalistisch voran. Paul Schrader, der Autor von „Taxi Driver“, hatte die Idee für die Geschichte von einem Kriegsheimkehrer, der sich in seiner alten Heimat nicht mehr zurechtfindet. Eine Geschichte, die in vielen Momenten in einem interessanten Verhältnis zu „Taxi Driver“ steht und damals, – wir sind in der Prä-“Rambo“-Zeit und auch auch vor den kritischen Vietnam-Filmen „Sie kehren heim“ (Coming Home) und „Die durch die Hölle gehen“ (The Deer Hunter) -, im Kino noch Terra Incognita war. Heywood Gould (The Bronx, Cocktail) wurde dann als zweiter Drehbuchautor genommen und John Flynn, der davor die unterschätzte Richard-Stark-Verfilmung „Revolte in der Unterwelt“ (The Outfit) drehte, übernahm die Regie. Flynn drehte später unter anderem „Bestseller“ und „Lock Up – Überleben ist alles“.
Erzählt wird die Geschichte von Major Charles Raine (William Devane) der 1973 nach einer siebenjährigen Gefangenschaft in einem Vietcong-Gefangenenlager wieder in seine alte Heimat San Antonio, Texas zurückkehrt. Aber der introvertierte Mann, der überall als Kriegsheld gefeiert wird, hat Probleme, in sein altes Leben, das es auch nicht mehr gibt, zurückzukehren. Für seinen Sohn ist er ein fremder Mann. Seine Frau hat sich in einen anderen Mann verliebt. Er hat keinen Job.
Erst als einige Verbrecher ihm einige Münzen, die er als Anerkennung für seine Gefangenschaft erhielt, klauen, seine Familie umbringen und ihm in einem Küchenabfallzerkleinerer (in Texas ein übliches Haushaltsgerät) seine Hand zerhäckseln, hat er wieder eine Mission und die titelgebende Stahlkralle als Ersatz für die fehlende Hand.
Raine will die Mörder seiner Frau und seines Sohnes finden.
Dabei hilft ihm Johnny Vohden (Tommy Lee Jones), der mit ihm in Gefangenschaft war und daran ebenfalls zerbrochen ist.
Tommy Lee Jones hat zwar nur wenige Szenen in dem Film, aber wie er in ihnen die Verlorenheit seines Charakters zeigt, ist großes Schauspiel.
Denn Raine und Vohden sind zutiefst gebrochene Charaktere, die in der Gesellschaft ihren Platz nicht mehr finden. Genau wie Travis Bickle (Robert De Niro) in „Taxi Driver“ oder William James (Jeremy Renner) in „The Hurt Locker“.
Das gesagt, muss allerdings auch gesagt werden, dass „Der Mann mit der Stahlkralle“ sogar nach damaligem Standard sehr langsam erzählt ist, die wenigen Schnitte, die dunklen Bilder und die introvertierten Charaktere dieses Gefühl der Langsamkeit noch verstärken und so „Der Mann mit der Stahlkralle“ sich zäher als nötig ansieht. Jedenfalls wenn man auf die Action gespannt ist. Die gibt es erst in der zweiten Hälfte und sie ist immer noch ziemlich graphisch. Wobei die schlimmste Szene, gerade weil wir sie uns so gut vorstellen können, wohl das Zerkleinern von Raines‘ Hand ist.
Das Bonusmaterial ist sehr gelungen. Es gibt eine Bildergalerie, ein elfminütiges Interview mit Linda Haynes über die Dreharbeiten und ihr Leben nach dem Film abseits der Filmindustrie und einen sehr interessanten und sehr informativen Audiokommentar, bei dem Drehbuchautor Heywood Gould im lockeren Gespräch mit Roy Frumkes aus seinem Leben und über den Film erzählt. Wer also einen Blick hinter die Kulissen werfen will, ist hier ziemlich gut bedient. Und wer wissen will, warum „Der Mann mit der Stahlkralle“ einer der Lieblingsfilme von Quentin Tarantino und Eli Roth ist, sollte sich Eli Roths „Trailer from Hell“-Audiokommentar zum Trailer anhören.
Ach ja: „Der Mann mit der Stahlkralle“ war bis 2001 auf dem Index und diese DVD/Blu-ray ist die erste ungekürzte Veröffentlichung des Films in Deutschland.
Der Mann mit der Stahlkralle (Rolling Thunder, USA 1977)
Regie: John Flynn
Drehbuch: Paul Schrader, Heywood Gould
mit William Devane, Tommy Lee Jones, Linda Haynes, James Best, Lisa Richards
Bonusmaterial: Audiokommentar mit Drehbuchautor Heywood Gould, Interview mit Darstellerin Linda Haynes (11 Minuten), Trailer mit Kommentar von Eli Roth, Trailer, TV-Spot, Bildergalerie
Krimileser kennen den von Bestsellerautor James Patterson erfundenen Polizeipsychologen Alex Cross schon seit zwanzig Jahren. Filmfans dürften sich an die beiden Alex-Cross-Filme „Denn zum Küssen sind sie da“ (Kiss the Girls, USA 1997) und „Im Netz der Spinne“ (Along came a Spider, USA 2001) mit Morgan Freeman in der Hauptrolle erinnern. Aber das ist schon über zehn Jahre her.
Jetzt gibt es mit „Alex Cross“ den Versuch, eine neue Serie von Alex-Cross-Filmen zu etablieren. Und auf dem Papier sah es auch gut aus. Rob Cohen übernahm die Regie. Kein Kritikerliebling, aber mit „Daylight“, „The Fast and the Furious“, „XXX“ und „Die Mumie: Das Grabmal des Drachenkaisers“ (The Mummy: Tomb of the Dragon Emperor) reüssierte er an der Kinokasse.
Das Drehbuch ist von Kerry Williamson und Marc Moss, der bereits das Buch für die Alex-Cross-Verfilmung „Im Netz der Spinne“ schrieb.
Die Schauspieler sind vielleicht nicht die wirklich großen Stars und bei uns in Deutschland eher unbekannt, aber in den USA kennt man Tyler Perry, Matthew Fox, Edward Burns und Jean Reno. Gut, Reno kennen wir hier auch, aber man muss sich nicht wirklich jeden Film mit ihm ansehen.
Kleinere Rollen übernahmen bekannte Gesichter wie John C. McGinley („Scrubbs“) und Giancarlo Esposito (zuletzt unter anderem „Breaking Bad“).
Das hört sich vielversprechend an, aber irgendwann ging irgendetwas vollkommen schief bei „Alex Cross“, das zwar auf dem Roman „Cross“ von James Patterson basieren soll, mit dem Buch aber eigentlich nichts mehr gemein hat. Im Film ist Alex Cross ein Polizist des Detroit Police Department und glücklich verheiratet mit zwei Kindern. Er ist psychologisch geschult und kann beim Betreten eines Tatortes sofort, Sherlock-Holmes-würdig, den Tathergang rekonstruieren und ein Täterprofil erstellen. An seinem neuesten Tatort hat ein Killer in einer Villa eine Konzern-Managerin und ihre Leibwächter ermordet. Die Managerin hat er vorher noch gefoltert. Cross schließt messerscharf, dass der Killer die Konzernspitze (Jean Reno) töten will und sich dafür die Hierarchieebenen nach oben mordet. Den zweiten Mord des Killers, dessen Motiv bis zum Schluss im Dunkeln bleibt, können die tapferen Polizisten verhindern. Dabei geht etwas Mobiliar zu Bruch und einige deutsche Leibwächter (die in der Originalfassung auch Deutsch reden) sterben.
Doch dann ändert der Killer seine Pläne und – Gähn! – er nimmt auch Alex Cross und dessen glückliche Familie ins Fadenkreuz.
Aber viel schlimmer als die ausgelutschte 08/15-Geschichte des Films ist die inkompetente Regie, die niemals auch nur einen Hauch von Atmosphäre oder Spannung aufkommen lässt, und die Neuorientierung im Charakter von Alex Cross, die ihn zu einem x-beliebigem Cop, der im Zweifelsfall erst zuschlägt und dann fragt, werden lässt. Alex Cross setzt im Kampf gegen den Killer nicht mehr auf sein Gehirn, sondern auf seine Fäuste und großkalibrige Schusswaffen. Das ganze kulminiert in einem erschreckend schlecht inszeniertem Schlusskampf.
Insgesamt sieht und wirkt „Alex Cross“, abgesehen vom Breitwandbild, immer wie ein schlecht inszenierter TV-Film, der in den USA zu recht von den Kritikern verrissen wurde und bei uns, ebenfalls zu recht, keinen Kinostart erlebte. Es ist einfach ein langweilig-schlechter, klischeebeladener und -triefender Cop-Thriller ohne Thrill.
Das Bonusmaterial bewegt sich so gerade an der Wahrnehmbarkeitsschwelle. Es gibt den Trailer und dieses Gespräch zwischen James Patterson und Tyler Perry (der für seine Interpretation der Rolle eine Razzie-Nomierung erhielt):
Alex Cross (Alex Cross, USA 2012)
Regie: Rob Cohen
Drehbuch: Marc Moss, Kerry Williamson
LV: James Patterson: Cross, 2006 (Blood [jaja, das ist der deutsche Titel])
mit Tyler Perry, Matthew Fox, Edward Burns, Jean Reno, Carmen Ejogo, Cicely Tyson, Rachel Nichols, John C. McGinley, Werner Daehn, Yara Shahidi, Sayeed Shahidi, Bonnie Bentley, Stephanie Jacobsen, Giancarlo Esposito
–
DVD
Ascot-Elite
Bild:1,78:1 (16:9)
Ton: Deutsch (DTS 5.1, Dolby Digital 5.1), Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Im Gespräch mit Tyler Perry und James Patterson, Deutscher Trailer, Originaltrailer, Wendecover
Und noch zwei Gespräche mit James Patterson zum Filmstart. Im ersten Clip spricht er auch darüber, wie wichtig es ist, dass wir unsere Kinder zum Lesen bringen:
Für Science-Fiction-Fans war „Looper“ letztes Jahr eine freudige Überraschung. Ein Science-Fiction-Film der nicht auf sein Budget, sondern auf eine gute Idee, eine gute Geschichte und gute Schauspieler baute. Joseph Gordon-Levitt war gut wie immer. Aber auch Bruce Willis engagierte sich hier spürbar.
Gerade wenn man nach einigen enttäuschenden (ich sage nur „Prometheus“ und „Total Recall“) und grottenschlechten Science-Fiction-Filmen (ich sage nur „Battleship“) mal wieder den Glauben an das Genre verliert und sich mit Actionkrachern wie „Lockout“ zufrieden geben will, kann man einen Science-Fiction-Film genießen, der nicht Unsummen für Effekte ausgibt, sondern sich auf ein gutes Drehbuch verlässt.
„Looper“ ist so ein Film, der wirklich, wie „Moon“ und „Source Code“ Spaß macht und zum Nachdenken anregt. Nicht unbedingt über Zeitreisen (die Paradoxien bleiben Paradoxien), sondern über den Wert und den Sinn des Lebens.
Joe (Joseph Gordon-Levitt) ist ein Looper. Das heißt, er ist ein Killer, der für ein Verbrechersyndikat Leute umbringt, die aus der Zukunft zu ihm geschickt werden. Eines Tages wird sein dreißig Jahre älteres Ich (Bruce Willis) zurückgeschickt. Der junge Joe versagt und der alte Joe kann flüchten. Jetzt beginnt eine Hetzjagd durch das ländliche Kansas. Denn der alte Joe will den Mann finden, der in der Zukunft für den Tod seiner Frau verantwortlich ist. Er hat einige spärliche Hinweise auf dessen Identität. Der junge Joe sucht dagegen verzweifelt sein älteres Ich. Wenn er es nicht findet, wird er von seinen Looper-Freunden umgebracht – und er würde so um dreißig Lebensjahre gebracht werden.
Rian Johnson, der vorher „Brick“ (2005) und „Brothers Bloom“ (2009) drehte, verknüpft in seinem ziemlich noirischen Science-Fiction-Actionthriller verschiedene Elemente und Ideen aus älteren Science-Fiction-Filmen und Büchern, wie „Terminator“ und der Stephen-King-Verfilmung „Feuerkind“, einer ordentlichen Prise Philip K. Dick, und schafft daraus etwas ganz eigenes, das wirklich Spaß macht bis zum überraschenden Ende.
Da verzeiht man auch, dass „Looper“ in der zweiten Hälfte, wenn der junge Joe bei Sara (Emily Blunt) auf ihrer Farm Unterschlupf findet, sich in sie verliebt und mit ihrem Sohn (der auch auf der Todesliste des alten Joe steht) anfreundet, die Action zugunsten eines Liebesfilms geopfert wird. Beim zweiten Ansehen wirkt die Liebesgeschichte dann allerdings nicht mehr so lang und eine 08/15-Liebesgeschichte der Marke „er sieht sie, er liebt sie, er kriegt sie“ ist es auch nicht. Dafür haben beide schon zu viel gesehen und sie hat sich aus einem sehr guten Grund auf die Farm zurückgezogen.
Als Joes Freunde und der alte Joe auftauchen, wird deutlich, welchen furiosen Showdown Rian Johnson mit den Bildern vom beschaulichen Landleben vorbereitete.
Ein weiteres Pfund sind die beiden Hauptdarsteller. Bruce Willis, der zuletzt in bestenfalls mediokren Filmen, teils in arg kurzen Rollen, oft auf Autopilot, mitspielte, spielt hier endlich wieder einmal. Joseph Gordon-Levitt, der auch einer der Produzenten ist, mausert sich langsam zu einem Schauspieler, dessen Filme unter einem potentiellen Ansehen-Müssen-Verdacht stehen.
„Looper“ ist ein spannender Krimi, ein zum Denken anregender Science-Fiction-Film und ein großer intellektueller Spaß, mit einigen gut platzierten Hinweisen auf andere Filme und Bücher.
Und wie ist das Bonusmaterial?
Auf den ersten Blick mit Audiokommentar, zweiteiligem „Making of“ (bestehend aus „Der Anfang“ und „Zeitreisen: Eine Wissenschaft“) und „Looper: Der Score“ und knapp zwanzig Minuten „Entfernte Szenen“ (die auch von Rian Johnson kommentiert werden) ist das Bonusmaterial sehr umfangreich geraten. Insgesamt sind es, ohne die Audiokommentare, über fünfzig Minuten. Der Informationsgehalt ist allerdings durchwachsen.
Das etwas über siebenminütige Film-Making-of „Der Anfang“ vermittelt interessante Einblicke. Das achtminütige Gespräch mit dem Wissenschaftler und Autor des Buches „How to build a time machine“, Brian Clegg, ist befremdlich. Denn er erklärt Zeitreisen so, als seien sie demnächst möglich und, bis auf einige kleine technische Details, auf die man nicht eingehen muss, vollkommen unproblematisch. Das hört sich dann nicht wie der Beitrag eines seriösen Wissenschaftlers, der den Realitätsgehalt eines Films erklärt, an.
In „Looper: Der Score“ erzählt Komponist Nathan Johnson in drei informativen Featurettes, wie er die Musik und die Geräuschkulisse für „Looper“ aus vorhandenen Geräuschen komponierte und so einen ganz eigenen Sound kreierte.
Die „Entfernten Szenen“ vertiefen einige Charaktere mit sieben neuen und erweiterten Szenen. Aber die Erklärungen von Rian Johnson für die Kürzungen sind schlüssig. Meistens führten die Szenen, so Johnson, zu weit vom Hauptplot weg oder das was in ihnen gezeigt wird, wurde schon gesagt oder das Publikum benötigt die Erklärung nicht, um die Geschichte zu verstehen.
Der Audiokommentar von Regisseur und Autor Rian Johnson, Hauptdarsteller Joseph Gordon-Levitt und Hauptdarstellerin Emily Blunt, ist gut anhörbar. Die drei haben ihren Spaß und man hört ihnen gerne zu, wenn sie von den Dreharbeiten erzählen. Allerdings hätte ich mir hier mehr Informationen über die Filmgeschichte und die hinter ihr stehenden Themen und Ideen gewünscht. Aber darüber reden sie nicht.
Dafür gibt es, neben dem deutschen und dem Originaltrailer noch den animierten Trailer. Eine hübsche Spielerei.
Looper (Looper, USA 2012)
Regie: Rian Johnson
Drehbuch: Rian Johnson
mit Joseph Gordon-Levitt, Bruce Willis, Emily Blunt, Paul Dano, Noah Segan, Piper Perabo, Jeff Daniels, Summer Qing, Tracie Thoms, Garret Dillahunt
Ich kenne zwar die Romane von Arne Dahl (das Pseudonym von Jan Arnald) nicht, aber die Verfilmungen seiner ersten drei Romane mit der „A-Gruppe“, Misterioso“, „Böses Blut“ und „Falsche Opfer“, sind eine zwar unterhaltsame, aber auch zwiespältige Angelegenheit, die mich nicht besonders neugierig auf die Vorlagen macht. Denn in den Filmen steht der Kriminalfall gegenüber den persönlichen Problemen und Geschichten der Ermittler, die einem durchaus ans Herz wachsen, im Hintergrund. Die „A-Gruppe“ (wie sie im Film heißt und daher auch nicht mit dem „A Team“ verwechselt werden kann) wurde von Kriminalrätin Hultin eingerichtet, um besonders spektakuläre Fälle aufzuklären und dafür braucht sie ein besonders schlagkräftiges Team. Nun, bei dem Ansehen des Teams bei der Arbeit zweifelte ich öfters, ob sie wirklich so gut sind, wie behauptet. Denn manchmal stellen sie sich doch ziemlich dumm an, unternehmen gefährlich-dumme Alleingänge und so intellektuell brillant, wie es sich für eine Spezialeinheit gehört, sind sie auch nicht. Eher schon angenehm durchschnittlich. Aber sie lösen die Fälle.
In „Misterioso“, dem ersten verfilmten Fall, aber dem zweiten Roman der elfbändigen „A-Team“- oder Paul-Hjelm-Reihe, müssen sie sich als Team finden und herausfinden wer warum schwedische Finanzgrößen ermordet. Weil der Täter ziemlich eifrig beim Morden ist, haben die Polizisten nur wenig Zeit, um die schwedische Elite zu retten.
In „Böses Blut“ scheint ein Serienkiller, der seit Ewigkeiten in den USA mordet, aus den USA nach Schweden gekommen zu sein. Mit etwas Hilfe aus den USA führen die Ermittlungen der „A-Gruppe“ sie in die Hinterhöfe der Politik, wo die schmutzigen und illegalen Umtriebe der Geheimdienste das Leben bestimmen.
In „Falsche Opfer“ sterben in Holland durch eine Autobombe ein schwedischer Polizist, seine Freundin und deren Tochter. Zuerst glauben Hjelm und seine Kollegen, dass der Anschlag dem Polizisten, der Undercover in einem Nobelrestaurant gegen Drogenhändler ermittelte, gegolten hat. Aber das stimmt nicht – und weil Teamkollege Nyberg gerade gegen einen Pädophilenring ermittelt, ahnen wir, in welche Richtung sich der Fall entwickeln wird.
Im Gegensatz zu den ersten beiden „Arne Dahl“-Verfilmungen dauert „Falsche Opfer“ drei Stunden und ist damit auch deutlich ruhiger erzählt als „Misterioso“ und „Böses Blut“, die hier auf DVD jeweils ungefähr zwei Stunden sind. Es sind die vom ZDF ausgestrahlten und auch vom mitproduzierendem ZDF synchronisierten Fassungen. Diese zweistündigen Fassungen wurden, wie bei den Stieg-Larsson-Verfilmungen „Verblendung“, „Verdammnis“ und „Vergebung“, wo es auch eine kürzere Kino- und eine längere TV-Fassung gibt, bereits in Schweden für eine Kinoauswertung erstellt. Dort liefen im Fernsehen dann, immer als Zweiteiler, die dreistündigen Fassungen. Aber während bei den Larsson-Verfilmungen die Kinofassungen gut gekürzt und gut ansehbar sind, sind „Misterioso“ und „Böses Blut“ schlecht gekürzt. Die Handlung und die Beziehungen zwischen den Polizisten entwickeln sich sprunghaft, einige Handlungslücken weisen unangenehm deutlich auf die Kürzungen hin und einige Szenen, die viel zu viel storyfernes Füllmaterial enthalten, konnten wegen der in ihnen enthaltenen Informationen nicht gekürzt werden.
„Arne Dahl“, wie die Serie betitelt wurde, ist eine gut ansehbare, aber letztendlich unspektakuläre Polizeiserie, die schon von Anfang an viele seriellen Aspekte hat (wie den intellektuellen Putzmann, der immer nachts im Büro der A-Gruppe putzt) und sich mehr den Ermittlern und ihrem Privatleben als den Fällen widmet.
Für die zweite „Inspector Barnaby – Collector’s Box“ wurden die ursprünglich als Volume 6 bis 10 erschienenen DVD-Boxen in einer platzsparenden Box zusammengefasst, die der chaotischen Ausstrahlungsreihenfolge des ZDF folgt. Denn der TV-Sender zeigte die Folgen ziemlich wahllos. Aber weil im Zentrum der Krimis immer der einzelne Fall steht und es keine wirkliche episodenübergreifende Handlung gibt, ist das nicht so schlimm.
In der in der lauschigen Grafschaft Midsomer spielende Krimiserie ermittelt der glücklich verheiratete Tom Barnaby (John Nettles), Vater einer im Lauf der Jahre immer erwachsener werdende Tochter, entspannt, immer mit einem leicht ironischen Unterton und einem sanften Blick auf die Skurrilitäten des typisch britischen Landlebens, das in Midsomer County noch typischer als in einem Agatha-Christie-Roman ist. Dass die Mordmethoden oft ziemlich abstrus sind und nach der Mordrate die Grafschaft schon lange entvölkert sein müsste und nach der Aufklärungsrate von hundert Prozent die Mörder ihr schändliches Treiben doch besser in die benachbarte Grafschaft verlegen sollten, wird in der unkritischen, aber informativen TV-Doku „Super Sleuth“ (enthalten auf der Bonus-DVD der Box) auch von allen Interviewpartnern, wie Barnaby-Erfinderin Caroline Graham, Drehbuchautor Anthony Horowitz (seine „Inspector Barnaby“-Filme sind in der ersten Collector’s Box), Produzent Brian True-May und Barnaby-Darsteller John Nettles, erwähnt. Auch dass in den TV-Filmen ein England gezeichnet wird, das es heute so nicht mehr gibt, wird verraten. Aber vielleicht hat „Inspector Barnaby“ deshalb in England und seit einigen Jahren auch in Deutschland und vielen anderen Ländern eine so große Gefolgschaft. Es ist eine eskapistische Krimiserie, in der Mord als etwas vollkommen Normales betrachtet wird und der Ermittler ein ganz normaler Mensch ist. Das ist, wenn man nach dem Genuss von einigen anderen Krimis und Krimiserien mal wieder an der gesamten Menschheit zweifelt und alle Polizisten für suizidgefährdete, psychopathische, beziehungsgestörte, an ihrer Arbeit verzweifelnde, von Schuldkomplexen geplagte Alkoholiker hält, eine willkommene Entspannung.
In der „Collector’s Box 2“ sind folgende zwanzig spielfilmlangen TV-Filme enthalten:
Nachts, wenn Du Angst hast (Things that go bump in the Night, GB 2004, Staffel 8, Folge 1)
Regie: Peter Smith
Drehbuch: Peter J. Hammond
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Erben oder sterben? (Banting Boy, GB 2005, Staffel 8, Folge 4)
Regie: Sarah Hellings
Drehbuch: Steve Trafford
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Melodie des Todes (Midsomer Rhapsody, GB 2005, Staffel 8, Folge 8)
Regie: Richard Holthouse
Drehbuch: Richard Cameron
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Fluch über Winyard (The House in the Woods, GB 2005, Staffel 9, Folge 1)
Regie: Peter Smith
Drehbuch: Barry Simner
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Die tote Königin (Dead Letters, GB 2006, Staffel 9, Folge 2)
Regie: Renny Rye
Drehbuch: Peter J. Hammond
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Der Krieg der Witwen (Vixen’s run, GB 2006, Staffel 9, Folge 3)
Regie: Peter Smith
Drehbuch: Michael Aitkens
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Die Spur führt ins Meer (Down among the dead Men, GB 2006, Staffel 9, Folge 4)
Regie: Renny Rye
Drehbuch: Douglas Watkinson
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Erst Morden, dann heiraten (Four Funerals and a Wedding, GB 2006, Staffel 9, Episode 5)
Regie: Sarah Hellings
Drehbuch: Elizabeth-Anne Wheal
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Tote singen nicht (Death in Chorus, GB 2006, Staffel 9, Episode 7)
Tanz in den Tod (Dance with the Dead, GB 2006, Staffel 10, Episode 1)
Regie: Peter Smith
Drehbuch: Peter J. Hammond
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Mord mit Groove (The Axeman Cometh, GB 2007, Staffel 10, 4)
Regie: Renny Rye
Drehbuch: Michael Aitkens
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Kameraschüsse (Pictures of Innocence, GB 2007, Staffel 10, Folge 6)
Regie: Richard Holthouse
Drehhbuach: Andrew Payne
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Treu bis in den Tod (Faithful unto Death, GB 1998, Staffel 1, Folge 4)
Regie: Baz Taylor
Drehbuch: Douglas Watkinson
LV: Caroline Graham: Faithful unto Death, 1997 (Treu bis in den Tod)
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Ein Toter, den niemand vermisst (Death of a Stranger, GB 1999, Staffel 3, Folge 1)
Regie: Peter Creegen
Drehbuch: Douglas Livingstone
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Drei tote alte Damen (Blue Herrings, GB 2000, Staffel 3, Folge 2)
Regie: Peter Smith
Drehbuch: Hugh Whitemore
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Leichen leben länger (Who killed Cock Robin?, GB 2001, Staffel 4, Folge 4)
Regie: David Tucker
Drehbuch: Jeremy Paul
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Morden, wenn die Blätter fallen (Dark Autumn, GB 2001, Staffel 4,Folge 5)
Regie: Jeremy Silberston
Drehbuch: Peter J. Hammond
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Das Tier in Dir (The Animal within, GB 2007, Staffel 10, Folge 2)
Regie: Renny Rye
Drehbuch: David Hoskins
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Ein Sarg aus China (King’s Crystal, GB 2007, Staffel 10, Folge 3)
Regie: Peter Smith
Drehbuch: Steve Trafford
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Außerdem gibt es die sehenswerte 47-minütige Dokumentation „Super Sleuth“ (GB 2006) von Janette Clucas, ein elfminütiges Interview mit John Nettles und eine Landkarte von Midsomer County.
mit John Nettles (DCI Tom Barnaby), , Daniel Casey (Sergeant Gavin Troy, 1997 – 2003), John Hopkins (Sergeant Dan Scott, 2004 – 2005), Jane Wymark (Joyce Barnaby), Barry Jackson (Dr Bullard), Laura Howard (Cully Barnaby)
Inspector Barnaby – Collector’s Box 2
(Volume 6 – 10)
DVD
Edel
Bild: Pal 4:3/Pal 16:9
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: –
Bonusmaterial: Interview mit John Nettles, TV-Dokumentation „Super Sleuth“, Poster mit Landkarte von Midsomer County
Länge: 1947 Minuten (21 DVDs, also 1 Folge pro DVD, plus eine für die Doku)
Meine Erinnerung an die Aurelio-Zen-Kriminalromane von Michael Dibdin ist inzwischen etwas verblasst, aber mir gefielen die Romane vor einigen Jahren verdammt gut. Sein erster Zen-Roman „Entführung auf italienisch“ machte mich nach einigen Seiten zu einem Fan und ich wurde in den Neunzigern nicht müde, die Romane von Michael Dibdin zu empfehlen. Denn sie waren (und sind) viel bessere Romane von einem Nicht-Italiener über Italien als die erfolgreichen Commisario-Brunetti-Bücher von Donna Leon.
Dibdin schickte seinen Ermittler in elf Romanen quer durch Italien und er erzählte von den dunklen Geheimnissen Italiens – und inzwischen ist, wer die deutschen Ausgaben der Zen-Romane haben will, eine Suche quer durch die Antiquariate angesagt.
Jedenfalls freute ich mich auf die Verfilmungen, auch wenn mir klar war, dass die Macher einiges ändern würden. Immerhin erschienen die drei Romane, die die Grundlagen für die drei spielfilmlangen TV-Filme lieferten, vor über zwanzig Jahren. Aber ich hatte mit zwei Problemen zu kämpfen: Rufus Sewell als Aurelio Zen war für mich niemals der Aurelio Zen, den ich aus den Büchern im Gedächtnis hatte, und es wurde viel zu viel Zeit mit Zens Liebesgeschichte mit Tania Moretti (Caterina Murino), einer gerade noch verheirateten Sekretärin bei der Polizei, verbracht.
Im Film ist Aurelio Zen ein schüchterner, fast schon gehemmter Mann, der auf den ersten Blick das Gegenteil eines Latin Lovers ist; was ihn für das andere Geschlecht nur noch attraktiver macht. Er ist außerdem ein guter Polizist, der für seine Ehrlichkeit bekannt und gefürchtet ist. Deshalb bekommt er in „Aurelio Zen“ (so der Titel der TV-Serie) auch immer die harten, politischen Fälle auf den Schreibtisch. Fälle, in denen die eine Seite ihm explizit sagt, dass er den Fall vertuschen soll, und die andere Seite ihm sagt, dass er den wahren Täter finden soll. Dabei haben hochrangige Politiker, vermögende Unternehmer, die Kirche und auch die Mafia (wobei sie hier noch eine Nebenrolle spielt) ihre Finger im Spiel. Und der italienische Staat ist bis in den letzten Winkel korrupt.
Gerade vor diesem Hintergrund entfalten die drei sehr stilvoll inszenierten „Aurelio Zen“-Krimis ihren Reiz. In „Vendetta“ soll Aurelio Zen sich noch einmal die Beweise in einem abgeschlossenen Mordfall ansehen. Der Bauunternehmer Faso wurde in seiner Villa ermordet und es gibt auch einen Täter, der die Tat allerdings hartnäckig leugnet. Als Zen sich auf Sardinien den Tatort ansieht, entdeckt er eine neue Spur. Gleichzeitig will Tito Spadola sich an den Menschen rächen, die ihn aus seiner Sicht unschuldig in den Knast brachten. Einer von ihnen ist Aurelio Zen.
In „Himmelfahrt“ stürzt der Adlige Umberto Ruspanti sich nachts von einer Brücke. Zen soll den Fall schnell als Selbstmord abschließen. Aber er stellt Fragen, stößt auf Ungereimtheiten und hört von einem geheimnisvollen, mächtigen Bund, der sich Cabal nennt.
In „Entführung auf italienisch“ ist in Perugia ein reicher Industrieller entführt worden. Nachdem die erste Geldübergabe scheiterte, soll Aurelio Zen die Kohlen aus dem Feuer hohlen. Dabei ist sein geringstes Problem, dass die Entführer selbstverständlich keine Polizei wollen und dass der italienische Staat niemals ein Lösegeld bezahlen würde. Zen bekommt, wenig überraschend in einem Staat mit einer gut funktionierenden Doppelmoral, sogar das Lösegeld aus einem staatlichen Reptilienfonds.
Diese drei Geschichten werden von den Regisseuren John Alexander, Christopher Menaul und Jon Jones fast schon altmodisch ruhig erzählt. Auch die gewählten Drehorte in Italien (es wurde vor Ort mit vielen einheimischen Schauspielern gedreht) und die Kameraarbeit von Tony Miller (Vendetta, Entführung auf italienisch) und Julian Court (Cabal) tauchen die Geschichten in ein noirisches Licht, bei dem die Braun- und Schwarztöne überwiegen. Und so wirken die Filme oft wie ein aus der Zeit gefallener neorealistischer Film von Michelangelo Antonioni, irgendwo zwischen „Die mit der Liebe spielen“ (L’avventura, 1960), „Die Nacht“ (La notte, 1961) und „Liebe 1962“ (L’eclisse, 1962).
„Aurelio Zen“ ist vielleicht nicht der Aurelio Zen aus Michael Dibdins Romanen, aber es sind drei ansehnliche, in Italien spielende Kriminalfilme.
Obwohl die Quoten gut waren, wurde die Serie von der BBC nach diesen Filmen eingestellt, weil der damals neue BBC-One-Controller Danny Cohen die Zahl der männlichen Ermittler reduzieren wollte. Und „Aurelio Zen“ ist doch eher, vor allem im Vergleich zu den sehr packenden BBC-Serien „Sherlock“ und „Luther“, gediegene Kriminunterhaltung mit einem hohen Soap-Anteil.
Als Bonusmaterial gibt es ein informatives halbstündiges „Making of“.
Aurelio Zen (Zen, GB 2010)
mit Rufus Sewell (Aurelio Zen), Caterina Murino (Tania Moretti), Stanley Townsend (Moscati), Ben Miles (Amedeo Colonna), Vincent Riotta (Giorgio de Angelis), Catherine Spaak (Mamma), Sargon Yelda (Romizi), Francesco Quinn (Gilberto Nieddu), Ed Stoppard (Vincenzo Fabri), Anthony Higgins (Guerchini), Garry Cooper (Angelo), Cosima Shaw (Nadia Pirlo)
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DVD
Polyband
Bild: 16:9 (1,78:1)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Englisch
Bonusmaterial: Making of (31 Minuten, deutsch untertitelt)
Länge: 270 Minuten (3 x 90 Minuten) (2 DVDs)
FSK: ab 12 Jahre
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Die drei „Aurelio Zen“-Filme
Vendetta (Vendetta)
Regie: John Alexander
Drehbuch: Simon Burke
LV: Michael Dibdin: Vendetta, 1991 (Vendetta)
Erstausstrahlung: 2. Januar 2011 (BBC)
Deutsche Premiere: 4. Januar 2013 (ZDFneo)
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Himmelfahrt (Cabal)
Regie: Christopher Menaul
Drehbuch: Simon Burke
LV: Michael Dibdin: Cabal, 1992 (Himmelfahrt)
Erstausstrahlung: 9. Januar 2011 (BBC)
Deutsche Premiere: 5. Januar 2013 (ZDFneo)
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Entführung auf italienisch (Ratking)
Regie: Jon Jones
Drehbuch: Simon Burke, Peter Berry
LV: Michael Dibdin: Ratking, 1988 (Entführung auf italienisch; ausgezeichnet mit dem Gold Dagger)
„The Raid“ zeigt, dass ein Nonstop-Actionfeuerwerk auch mitreisendes, spannendes Kino sein kann. Regisseur Gareth Evans hält sich in seinem Film nicht lange mit dem Vorspiel auf. Eine Spezialeinheit soll in einem Hochhaus einen Drogenboss verhaften. Der kontrolliert das gesamte Gebäude und auch die Bewohner des Gebäudes. Nachdem die Polizisten entdeckt werden, beginnt das Schlachtfest, bei dem die Polizisten ihre Waffen und, reihenweise, ihr Leben verlieren. Auch die Gangster sterben wie die Fliegen. In den Kämpfen kristallisieren sich bei den Polizisten ein Protagonist und bei den Verbrechern neben dem Gangsterboss zwei wichtige Handlanger heraus.
Und dann gibt es die Kämpfe. Zuerst ein episches Feuergefecht im Treppenhaus und in zwei übereinander liegenden Wohnungen, das mit einem explodierendem Kühlschrank endet. Danach mehrere Faustkämpfe, in denen verschiedene Kampfstile und alle Gegenstände, die gerade im Weg liegen, verwandt werden, in den Gängen und Zimmern des Hochhauses und dem Drogenlabor. Der mehrere Minuten lange Schlusskampf zwischen den beiden Handlangern des Gangsterbosses und dem Polizisten in einem fensterlosem Lagerraum toppt dann noch einmal die vorherigen Kämpfe.
Die geradlinige Geschichte, die zufälligerweise an „Dredd“ erinnert (beide Filme wurden etwa zeitgleich gedreht), hat zwei kleinere Überraschungen, die ihr mehr Tiefe verleihen. Aber vor allem charakterisieren die Kämpfe die Polizisten und die Verbrecher als erkennbare Individuen. Wir fühlen mit den Kämpfenden. Wir verstehen, um was gekämpft wird und was auf dem Spiel steht. Die brutalen Kämpfe sind, wie es sein soll, Handlung und nicht höchstens als Spektakel faszinierende l’art pour l’art.
Deshalb ist „The Raid“ der bessere „Stirb langsam“-Film.
Als Bonusmaterial bei der Single-DVD gibt es eine witzige Kurzfilmversion von „The Raid“ mit Knetfiguren und einen sehr informativen Audiokommentar von Autor und Regisseur Gareth Evans.
The Raid (The Raid, Indonesien/USA 2011)
Regie: Gareth Evans
Drehbuch: Gareth Evans
mit Iko Uwais, Ray Sahetapy, Joe Taslim, Donny Alamshya, Yayan Ruhian, Pierre Gruno
„Guns and Girls“ liefert ziemlich genau das, was der Titel verspricht: Schießereien (viele), Mädchen (sehr wenige, eigentlich nur zwei, wobei nur die „Blonde“ als „Girl“ durchgeht. Die andere ist nämlich „das Mädchen von nebenan“. Und dann gibt es noch eine Taschendiebin.), Elvis-Imitatoren (viele, aber noch überschaubar) und ziemlich viele, ziemlich abgedrehte Szenen und Sprüche, die deutlich in Richtung Guy-Ritchie-Imitat gehen. Ihr wisst schon: „Bube, Dame, König, grAs“, „Snatch – Schweine und Diamanten“ und „RocknRolla“. Auch stilistisch hat Autor und Regisseur Michael Winnick einiges bei dem Briten abgeschaut.
So entwickelt die Geschichte sich mit vielen Zeitsprüngen eher chaotisch und lässig auf die Pointe zielend, als wirklich stringent oder besonders wahrscheinlich. Dafür sind die Schauspieler, unter anderem Gary Oldman (in glänzender Spiellaune als Elvis-Imitator), Christian Slater (mal wieder gut besetzt als Schlawiner, der in eine Geschichte hineingerät, die er nicht überblickt, dafür aber von allen als Punchingball benutzt wird), Helena Mattsson (die „Blonde“, deren Filmkarriere in Filmen wie „Surrogates“ und „7 Psychos“ sich bislang weitgehend in Rollen erschöpfte, die nach ihrer Haarfarbe benannt waren), Powers Boothe, Jeff Fahey und Tony Cox (als sehr biestiger „Kleiner Elvis“), enorm spielfreudig und es gibt genug komisch-absurde Situationen um kurzweilig zu unterhalten. Die Story: Während eines Elvis-Doppelgängerwettbewerbs wird in einem Casino in einem Indianerreservat die für den Indianerstamm sehr wertvolle Kriegsmaske geklaut. Der Indianerhäuptling weiß, dass einer der Elvis-Imitatoren der Dieb ist und irgendwie glauben alle, dass John Smith (Christian Slater) der Übeltäter ist oder wenigstens die Maske wiederbeschaffen kann. Und alle, auch die beiden korrupten Polizisten (die damit kein Problem haben), sind schießwütig und haben einen mangelnden Respekt vor dem Leben.
„Guns and Girls“ ist zwar keine weltbewegende, aber eine durchaus kurzweilige Angelegenheit.
Guns and Girls (Guns, Girls and Gambling, USA 2011)
Regie: Michael Winnick
Drehbuch: Michael Winnick
mit Gary Oldman, Christian Slater, Helena Mattsson, Megan Park, Dane Cook, Powers Boothe, Jeff Fahey, Chris Kattan, Sam Trammell, Tony Cox, Matthew Willig, Paulina Gretzky, Eddie Spears, Gordon Tootoosis, Michael Spears, Heather Roop, Anthony Azizi, Anthony Brandon Wong
In den meisten Krimis dürfen die Jungs vom SEK oder dem SWAT-Team nur kurz anrücken und dann weitgehend dumm, aber in voller Montur, in der Landschaft herumstehen, während der tapfere Kommissar mit seinem heroischen Einsatz, abseits jeglicher Dienstvorschriften und Vernunft, den Täter überwältigt. Und, gerade in deutschen Krimis, ist von Teamarbeit zwischen verschiedenen Einheiten und Abteilungen in der Polizei wenig bis nichts zu sehen. Außer natürlich den Gesprächen mit dem Gerichtsmediziner, der auch gleich die gesamte Spurensuche und sonstige lästige, anfallende Arbeiten erledigt. Alle anderen sind mehr oder weniger doofe Trottel, die vor allem deshalb im Bild herumhängen, um die Genialität des Kommissars zu bestätigen.
Nun, in der kanadischen Krimiserie „Flashpoint“ gibt es keine Gerichtsmediziner. Denn in der TV-Serie wird von der Arbeit des dortigen SEKs, der Stratetic Response Unit (SRU) erzählt, die in Toronto bei Geiselnahmen, Amokläufen und sonstigen unklaren, aber gefährlichen Situationen eingreifen müssen. Dabei versuchen sie, die Situation friedlich zu lösen und sie wollen herausfinden, warum der Täter seine Tat begeht. Immerhin haben sie dann die Möglichkeit, ihn zur Aufgabe zu bewegen.
Geleitet wird die Einheit von Sergeant Greg Parker (Enrico Colantoni) und Ed Lane (Hugh Dillon). In dem Team sind Mike Scarlatti (Sergio Di Zio), Kevin ‚Wordy‘ Wordsworth, der die Einheit aufgrund gesundheitlicher Probleme verlässt (Michael Cram), Jules Callaghan (Amy Jo Johnson), Sam Braddock (David Paetkau) und, ab „Ein Tag im Leben“, der Neuzugang Raf Rousseau (Clé Bennett). Und weil die Einheit am besten als Team funktioniert, in dem jeder seine Stärken hat, haben wir in den ersten Folgen auch wenig privates über sie erfahren. Das ändert sich in der vierten und fünften Staffel der Serie, die die Folgen 32 bis 53 enthalten und jetzt auf DVD vorliegen. Ob das an dem Erfolg der kanadischen Serie im US-TV liegt, der immerhin zu einer Partnerschaft mit dem US-Sender CBS führte, oder einfach an der zunehmenden Zahl von Folgen liegt, weiß ich nicht. Jedenfalls erfahren wir jetzt mehr Details aus dem Privatleben der SRU-Mitglieder, sie sind öfter (aber noch nicht in einem störendem Maß) auch persönlich in die Fälle involviert und gegen Ende gibt es oft noch die überraschende Wendung, die wir aus den US-Krimis kennen (also, wenn nach etwa dreißig Minuten die CSIler feststellen, dass der Täter doch nicht der Täter ist, alle Beweise wieder angesehen werden und dann der richtige Täter, den vorher niemand verdächtigte, überführt wird) und die hier oft etwas überflüssig wirkt. Immerhin haben die ersten drei „Flashpoint“-Staffeln gerade wegen des betont unspektakulären Erzählgestusses gefallen.
Aber das ist nur ein kleiner Einwand, gegen eine weiterhin vorzügliche Serie.
Die Staffeln…
Zum Abschluss noch ein Wort zur Staffelnummerierung: „Flashpoint“ lief zuerst erfolgreich im kanadischen TV, danach in den USA. Ebenfalls erfolgreich. Dort wurden die Folgen zwar auch chronologisch gezeigt, aber die Staffeln hatten eine andere Länge. Koch Media folgt bei der deutschen Veröffentlichung der kanadischen Staffeleinteilung, vergibt aber für jede DVD-Box eine eigene Nummer. Danach sieht die Einteilung so aus:
Deutsche Staffel 1 entspricht der ersten kanadischen Staffel und enthält die Episoden 1 bis 13.
Deutsche Staffel 2 entspricht der ersten Hälfte der zweiten kanadischen Staffel und enthält die Episoden 14 bis 22.
Deutsche Staffel 3 entspricht der zweiten Hälfte der zweiten kanadischen Staffel und enthält die Episoden 23 bis 31.
Deutsche Staffel 4 entspricht der dritten kanadischen Staffel und enthält die Episoden 32 bis 44.
Deutsche Staffel 5 entspricht der ersten Hälfte der vierten kanadischen Staffel und enthält die Episoden 45 bis 54, aber ohne Folge 52 (Grounded).
Die für den 22. März 2013 angekündigte sechste „Flashpoint“-Staffel enthält dann, dieser Logik folgend, die zweite Hälfte der vierten Staffel.
Und in der irgendwann erscheinenden siebten Staffel wären dann die dreizehn Folgen der finalen Staffel enthalten. Die 75. und letzte Episode wurde am 13. Dezember 2012 ausgestrahlt.
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Flashpoint – Das Spezialkommando (Kanada, 2010/2011)
Erfinder: Mark Ellis, Stephanie Morgenstern
mit Hugh Dillon (Ed Lane), Enrico Colantoni (Sgt. Gregory Parker), Amy Jo Johnson (Julianna ‘Jules’ Callaghan), David Paetkau (Sam Braddock), Sergio Di Zio (Mike Scarlatti), Michael Cram (Kevin ‘Wordy’ Wordsworth), Mark Taylor (Lewis Young), Olunike Adeliyi (Leah Kerns) Clé Bennett (Rafik „Raf“ Rousseau)
Krimiautor David Rousseau (Jean-Paul Rouve) fährt nach Mouthe, dem kältesten Ort in Frankreich, um eine Erbschaft zu erhalten. Die entpuppt sich als ausgestopfter Hund („weil er ihn immer so liebte“), die schnell im nächsten Mülleimer landet. Doch noch bevor er sich auf den Heimweg machen kann, hört er von einer Toten, die mitten im Niemandsland zwischen Frankreich und der Schweiz gefunden wurde und die uns schon in den ersten Filmminuten von ihrem Tod erzählte.
Rousseau sieht in ihrem Tod, den die Polizei sofort als Suizid deklariert, den Nukleus für seinen nächsten Roman und er beginnt in der Provinz über das Leben der Lokalschönheit Candice Lecoeur, geborene Martine Langevin (Sophie Quinton), zu recherchieren. Dabei bemerkt er schnell die vielen Parallelen zwischen Lecoeurs Leben und dem von Marilyn Monroe, geborene Norma Jeane Mortenson. Nicht nur, dass die beiden Frauen sich ähnlich sahen, sie starben auch im gleichen Alter unter mysteriösen Umständen. Aber während Marilyn Monroe mit dem Baseball-Spieler Joe DiMaggio und dem Dramatiker Arthur Miller verheiratet war und sogar eine Affäre mit John F. und Robert Kennedy hatte, reichte es bei der Lokalberühmheit, die auch das Gesicht für die Werbung einer Käserei ist, nur für entsprechende Affären auf provinzieller Ebene.
Gerade in dieser lässigen Verbindung zwischen den beiden Leben liegt der Reiz von „Poupoupidou“, so der verspielte Originaltitel. Denn Regisseur und Autor Gérald Hustache-Mathieu erzählt einen typisch französischen Krimi, der mit leicht seltsamen Charakteren und einer herrlich abstrus-glaubwürdigen Geschichte kurzweilig unterhält.
„Who killed Marilyn?“ ist so gut, dass es schon ein kleines Rätsel ist, warum Hollywood sich noch nicht die Remakerechte gesichert hat.
Who killed Marilyn? (Poupoupidou, Frankreich, 2011)