Drehbuch: Alex Ross Perry, Tom McCarthy, Allison Schroeder (nach einer Geschichte von Greg Brooker und Mark Steven Johnson, basierend auf den Charakteren von A. A. Milne und dem Illustrator E. H. Shepard)
Christopher Robin ist kein Kind mehr. Er lebt in London, ist verheiratet, Vater einer neunjährigen Tochter und Effizienzmanager bei Winslow Luggage. Für ihn steht die Arbeit an erster Stelle. Da taucht Winnie Puuh, sein schluffiger Freund aus unschuldig-entspannten Kindheitstagen, wieder auf und entführt ihn in den Hundertmorgenwald.
TV-Premiere (keine Ahnung, warum das so lange gedauert hat). Netter, naiver, niemals wirklich packender Abenteuerfilm, der seine witzigen Momente hat (vor allem wenn Winnie Puuh mal wieder hungrig ist) und der eine begrüßenswerte Botschaft hat. Nur für welches Publikum?
JFK Revisited – Die Wahrheit über den Mord an John F. Kennedy (JFK Revisited: Through the Looking Glass, USA 2021)
Regie: Oliver Stone
Drehbuch: James DiEugenio
TV-Premiere. Heute vor (Uh, wurde er damals wirklich erschossen?); – also am 22. November 1963 wurde in Dallas der damalige US-Präsident John F. Kennedy erschossen. Und weil es nicht sein kann, dass ein Einzeltäter der Täter ist, ranken sich seitdem etliche (Verschwörungs)theorien um seinen Tod. Einige beleuchtete Oliver Stone bereits 1991 in seinem Spielfilm „John F. Kennedy – Tatort Dallas“ (der läuft zeitgleich und um 02.50 Uhr auf Kabel Eins). Dreißig Jahre später und einige geöffnete Akten später nimmt Olliver Stone sich wieder der Sache an. Dieses Mal in einem Dokumentarfilm, mit Ausschnitten aus seinem Spielfilm und, jedenfalls im Orignal, Donald Sutherland als Erzähler. Der hat in Stones JFK-Spielfilm eine wichtige Rolle.
Für Kennedy-Verschwörungstheoretiker ist „JFK Revisited – Die Wahrheit über den Mord an John F. Kennedy“ eine sie bestätigende Goldgrube. Für alle anderen ist „JFK Revisited“ ein enttäuschendes Pamphlet, das nur „John F. Kennedy – Tatort Dallas“ aufwärmt.
Ein Mann, den sie Pferd nannten(A man called horse, USA 1970)
Regie: Elliot Silverstein
Drehbuch: Jack DeWitt
LV: Dorothy M. Johnson: A man called horse, 1950 (Kurzgeschichte, Erstveröffentlichung in Collier’s, Nachdruck 1953 in dem Sammelband „Indian Country“)
Ein englischer Aristokrat wird von Sioux gefangen genommen. Mit der Zeit erwirbt er sich den Respekt der Indianer.
Enorm erfolgreicher Western, der damals als erster authentischer Indianerfilm beworben wurde. Es gab Input von Experten und im Film wird fast nur Sioux gesprochen (jedenfalls in der Originalfassung), trotzdem warfen die Sioux ihm zahlreiche Verfälschungen und Fehler vor.
mit Richard Harris, Judith Anderson, Jean Gascon, Manu Tupou, Corinna Tsopei
1858 nehmen Soldaten in Bologna den siebenjährigen Edgardo Mortara in ihre Obhut. Sie handeln im Auftrag von Papst Pius IX. Damals war Bologna ein Kirchenstaat. Es galten die Regeln der Römischen Inquisition. Deshalb konnte der Papst ihnen befehlen, den Jungen aus seiner jüdischen Familie zu nehmen. Edgardo wurde nämlich, wie seine Eltern später erfahren, als Säugling von seiner Amme heimlich getauft. Nach dem damals in Bologna gültigem Gesetz, hatte die katholische Kirche das Recht (und die Pflicht) getaufte Kinder katholisch zu erziehen.
Denn: ein Katholik ist ein Katholik. Von der Taufe bis zu seinem Tod. Und ein Katholik darf unter keinen Umständen von Mitglieder einer anderen Glaubensgemeinschaft, in diesem Fall Juden. erzogen werden.
Marco Bellocchios neuer Film „Die Bologna-Entführung – Geraubt im Namen des Papstes“ erzählt eine wahre Geschichte. Nach seinem grandiosen Drama „Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Mafia“ ist sein neuester Spielfilm ein höchstens zu zwei Dritteln gelungener Film. Bellocchio zeichnet zunächst ein überzeugendes Bild der jüdischen Gemeinschaft von Bologna. Packend zeigt er, wie die Mortaras um ihr von der Kirche geraubtes Kind kämpfen. Zur gleichen Zeit erhält Edgardo, ohne dass seine Eltern davon wissen, in Rom in einem Katechumenenhaus eine streng katholische Erziehung. Es ist eine Indoktrination.
Schnell bewegt der Fall eine weltweite Öffentlichkeit. In Italien läuft, weil die Kirche sich weigert, Edgardo zurückzugeben, alles auf ein Gerichtsverfahren hinaus. Ein Richter muss entscheiden, ob es rechtens ist, wenn ein Kind aufgrund einer bestenfalls zweifelhaften Behauptung einer Amme von seinen Eltern getrennt wird. In diesen Momenten geht es auch um die Macht der katholischen Kirche, das Judentum, den Umgang von Glaubensgemeinschaften miteinander, die Pflichten und Rechte von Eltern und selbstverständlich um Politik.
Aber Bellocchio beendet seinen Film nicht mit dem Urteilsspruch. Sondern er erzählt die Geschichte von Edgardo weiter, Allerdings ohne zu wissen, was er ab diesem Moment erzählen will. Kryptisch wird auf politische Kämpfe und die Nachwirkungen des Urteils eingegangen und es gibt seltsame Begegnungen von Edgardo mit seiner Familie. So will er seine im Totenbett liegende Mutter noch schnell taufen.
Das I-Tüpfelchen dieser Orientierungslosigkeit steht im Abspann. In ihm wird auf Edgardos weiteres Leben eingegangen. Edgardo wude 1873 mit einer Dispens des Papstes zum Priester geweiht und war danach in Europa und Amerika in der Judenmission tätig. Er starb 1940 in Lüttich in einem Kloster. In dem Moment scheint Bellocchio uns sagen zu wollen, dass Edgardo Mortara zwar aus seiner ihn liebenden, gut erziehenden und finanziell auskömmlich gestellten Familien (also sozusagen der beste aller Familien) geraubt wurde, aber er dank seiner darauf folgenden katholischen Erziehung zu einem überzeugten Katholiken wurde, der sein Leben in den Dienst des Glaubens stellte. Was hätte der Kirche besseres passieren können? Und in welcher anderen Welt hätte Edgardo ein besseres Leben haben können?
Wer also, wieder einmal (wie beispielsweise bei „Die Tribute von Panem – The Ballad of Songbirds & Snakes“ oder „Elvis“), das Kino mitten im Film verlässt, kann einen sehenswerten Film sehen. Wer bis zum Ende bleibt, sieht einen schlechten Film. In diesem Fall sieht er auch einen Film, der mit zunehmender Laufzeit das vorher gezeigte negiert, ohne dass eine überzeugende andere Erzählung entsteht.
Die Bologna-Entführung – Geraubt im Namen des Papstes (Rapito, Italien/Frankreich/Deutschland 2023)
Regie: Marco Bellocchio
Drehbuch: Marco Bellocchio, Susanna Nicciarelli, Daniela Ceselli
mit Paolo Pierobon, Fausto Russo Alesi, Barbara Ronchi, Enea Sala, Leonardo Maltese, Filippo Timi, Francesco Giufuni
Die zwanzigjährige Studentin Margot arbeitet in einem Arthouse-Kino (Einschub: für sie ist das irgendein Job. Für Filme interessiert sie sich nicht.). Dort lernt sie den Mitt-Dreißiger Robert kennen. Nach einigen Gesprächen treffen sie sich zu einem Date, aus dem mehr wird. Gleichzeitig ist sie immer wieder von seinem Verhalten irritiert. So eloquent seine Textnachrichten sind, so unbeholfen ist er, wenn sie sich treffen.
„Cat Person“, der dritte Spielfilm von Susanna Fogel, ist ein kleines schwarzhumoriges Drama über Missverständnisse und den aktuellen Stand im Kampf der Geschlechter in den USA. Mit einigen Szenen, die sich in Margots blühender Fantasie abspielen. Sie fragt sich nämlich, ob der schüchterne ältere Junge nicht vielleicht ein Serienkiller ist. Roberts fundamental andere Sicht der Ereignisse und seiner Motive wird uns auch gezeigt. Und so kann nach dem Film, wie schon vor sechs Jahren über Kristen Roupenians gleichnamige Kurzgeschichte, vorzüglich über Paarbeziehungen diskutiert werden.
Im Westen nichts Neues (All quiet on the western front, USA 1930)
Regie: Lewis Milestone
Drehbuch: Del Andrews, Maxwell Anderson, George Abbott, Lewis Milestone
LV: Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, 1928
Deutschland, 1915: Paul Bäumer und seine Mitschüler melden sich, angestiftet von einer Kampfrede ihres Lehrers, begeistert zum Fronteinsatz. Schon während der Ausbildung werden ihnen die Träume über das heldenhafte Soldatenleben ausgetrieben. Dann kommen sie an die Westfront – als Kanonenfutter.
Klassiker des Antikriegsfilm, der den Oscar als bester Film des Jahres erhielt und der mich, als ich ihn als Teenager sah, wirklich beeindruckte. Denn er war (und ist) wirkungsvoller und brutaler als viele neuere Filme.
Ebenfalls beeindruckend ist die Zensurgeschichte. Denn schon kurz nach der Uraufführung wurde der Film beschnitten. In Deutschland wurde nur eine gekürzte Version gezeigt, die dennoch sofort das Hassobjekt der Nazis wurde. Die SA störte Aufführungen des antideutschen Films und schon wenige Tage nach seiner deutschen Premiere war er verboten. In „Skandalfilme“ zeichnet Stefan Volk diese Geschichte genau nach.
Während der Ming-Dynastie treffen in der Herberge zum Drachentor mehrere verfeindete Gruppen aufeinander. Auf der einen Seite sind Gefolgsleute des von Obereunuch Zhao hingerichten Generals Yu. Sie wollen Yus Kinder auf dem Weg ins Exil beschützen. Auf der anderen Seite sind Zhaos Gefolgsleute, die Yus Kinder töten sollen.
Die Prämisse und die von Mißtrauen geprägte Atmosphäre in der einsam gelegenen Herberge erinnern an Quentin Tarantinos Schneewestern „The Hateful 8“. Nur dass King Hus „Dragon Inn“ schon Jahrzehnte vor Tarantinos Western entstand. „Dragon inn“ ist das Original und Quentin Tarantino verarbeitete etliche Elemente von King Hus Film in seinem Werk.
„Dragon Inn“ war 1967 in Korea, Taiwan, den Philippinen und Hongkong ein gigantischer Kinohit und, rückblickend, der Film, der das Wuxia-Genre definierte. Seitdem versteht man unter Wuxia-Filmen in der Vergangenheit oder in Fantasielandschaften (wobei das eine das andere nicht ausschließt) spielende Geschichten von tapferen Kämpfern, die alle im Raum befindenden Gegenstände zu einer tödlichen Waffe verwandeln können und die sich scheinbar schwerelos bewegen. Immer sind sie überragende Faust- und Schwertkämpfer. Entsprechend beeindruckend sind die epischen Kampfszenen.
Neuere populäre Wuxia-Filme sind Zhang Yimous „Hero“ und „House of Flying Daggers“ und Ang Lees „Tiger and Dragon“/“Crouching Tiger, Hidden Dragon“.
Seine deutsche Premiere hatte „Dragon Inn“ 1989 im ZDF als „Die Herberge zum Drachentor“.
Jetzt bringt Rapid Eye Movies Hus Martial-Arts Film im Rahmen ihrer uneingeschränkt lobenswerten monatlichen „Zeitlos“-Reihe in der vom Taiwan Film Institut restaurierten 4K-Fassung erstmals regulär in die Kinos. Die vielen Landschaftsaufnahmen, die auch gut in einen Western oder epischen Fantasy-Film passen würden, sind für die große Leinwand komponiert. Die Kämpfe sind heute immer noch beeindruckend.
Nächsten Monat, ab dem 21. Dezember, zeigt Rapid Eye Movies in der „Zeitlos“-Reihe King Hus nächsten Film, den auch hier bekannten Klassiker „A Touch of Zen“.
Dragon Inn (Dragon Inn/Lung Men K’I Chan, Taiwan 1967)
Regie: King Hu
Drehbuch: King Hu
mit Lingfeng Shangguan, Chun Shih, Ying Bai, Feng Hsu
Länge: 112 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
auch bekannt als „Die Herberge zum Drachentor“ (TV-Titel)
LV: Delacorta (Pseudonym von Daniel Odier): Diva, 1979 (Diva)
Postbote Jules besitzt zwei Tonbänder, für die einige Menschen morden. Auf dem einen Tonband ist der von ihm heimlich aufgenommene Mitschnitt eines Konzerts einer von ihm verehrten Operndiva, die keine Aufnahmen von ihrem Gesang will. Auf dem anderen Tonband ist das Geständnis eines Callgirls, das einige ihrer Kunden belastet.
Beinix bildgewaltiger, zitatenreicher Debütfilm war in den USA ein Überraschungserfolg und wurde danach auch in Europa zu einem Kultfilm.
„‚Diva‘ ist ein ganz und gar modischer Film für ein Großstadtpublikum. (…) Elegant zwischen Kitsch und Kunstfertigkeit balancierend, macht der Film im Kino großen Spaß.“ (Fischer Film Almanach 1984)
„‚Diva‘ ist ein aufregendes Werk, eine Mischung aus Märchen, Romanze und Thriller: Oper, Pop und schräge Typen in einem höchst stilisierten Kriminalfilm.“ (Meinolf Zurhorst: Lexikon des Kriminalfilms)
Mit Frédéric Andrei, Wilhelmenia Wiggins Fernandez, Roland Bertin, Richard Bohringer, Gérard Darmon
Als 2007 die blutigen B-Pictures „Planet Terror“ und „Death Proof – Todsicher“ als Grindhouse-Double-Feature in die Kinos kamen, gab es zwischen den Filmen einige Trailer für kommende Filme. Es waren Fake-Trailer, die auf echte und scheinbar echte Exploitation-Filme anspielten – und in einigen Fällen die, uh, Inspiration für echte Spielfilme, wie „Machete“, waren.
Bei „Thanksgiving“, einem weiteren Fake-Trailer des Grindhouse-Double-Features, dauerte es sechzehn Jahre. Deshalb ist der jetzt, wenige Tage vor Thanksgiving, gestartete Horrorfilm „Thanksgiving“ nicht der Film zum Trailer, sondern eine Art Reboot. Im Presseheft erklärt Eli Roth das so: „We began with the working premise that Thanksgiving 1980 was the film the Grindhouse trailer was made from, and it was so shocking that every print was destroyed, and the only element that survived was the one trailer. The new film we were making would be the reboot of that movie, starting again from scratch, but cherry picking elements we knew would work in the story we were telling today.”
Ausgehend von dieser Idee einer Neuimagination eines verschollenen Films wurde die Geschichte in die Gegenwart verlegt. Es gibt Überwachungskameras und Smartphones, die wichtig für die Filmgeschichte sind. Der Cast ist sicher ethnisch gemischter als in einem 1980er-Slasherfilm. Und damals, also 1980, hätte der diesjährige „Sexiest Man Alive“ höchstens als Teenager spielen können.
„Thanksgiving“ beginnt mit einem Thanksgiving-Black-Friday, bei dem in Plymouth, Massachusetts der „RightMaRT“ von den kaufwütigen Kunden verwüstet wird und mehrere Menschen einen qualvollen Tod sterben.
Ein Jahr später plant der Chef des „RightMaRT“ trotzdem einen weiteren Black-Friday-Verkaufsabend. Auch als ein als ‚John Carver‘ maskierter Killer duch die Kleinstadt zieht und Menschen bestialisch zweiteilt, köpft, kocht und noch auf einige andere Arten umbringt, sollen die örtlichen Thanksgiving-Festivitäten und der verkaufsoffene Abend nicht abgesagt werden.
Anscheinend hat der Killer es bei seiner Mordserie auf die Menschen abgesehen, die irgendetwas mit dem Thanksgiving-Massaker zu tun hatten. Dazu gehören auch – wie es sich für einen zünftigen Slasher-Film gehört – etliche Jugendliche. In diesem Fall sind es die Tochter des Einzelhändlers und ihre Clique, die schon vor der Öffnung durch den Hintereingang in den Laden gelangten. Wobei auch einer der Jugendlichen sich hinter der ‚John Carver‘-Maske verstecken könnte.
Während der Killer sich durch die Kleinstadt mordet, versucht Sheriff Newton (Patrick Dempsey, der „Sexiest Man Alive“) ihn zu schnappen.Hauptsächlich sind er und seine Männer mit dem Einsammeln der Leichenteile beschäftigt.
Die Story hält genau das, was der Fake-Trailer und der originale Tralier versprechen. „Thanksgiving“ ist ein blutiges und schwarzhumoriges Slasher-Fest, bei dem das Blut spritzt und die Gedärme, gut sichtbar, aus den mit der Axt geöffneten Körpern hervorquellen. „Hostel“-Regisseur Eli Roth hat beim Austoben in seinem Horror-Kinderzimmer erkennbar seinen Spaß. „We came of age in the early 80s, the golden era of the holiday slasher movie. ‚Black Christmas‘, ‚Halloween‘, ‚My Bloody Valentine‘, ‚April Fool’s Day‘, ‚New Year’s Evil’… When we saw ‚Silent Night, Deadly Night‘, we cheered the mayhem while the Santa Claus killer yelled, ‘PUNISH!’”
Jetzt kann eine neue Generation von Horrorfans kreischen, wenn eine Frau in eine Mülltonne springt und dabei in der Höhe ihres Bauchnabels in zwei Teile geteilt wird. Oder wenn der maskierte Killer das Programm eines Umzugs ändert. Roth zeigt das immer mit viel Liebe zum groteskem Detail und einer ordentlichen Portion Schwarzen Humors.
Nachdem seine letzten Kinofilme, unter anderem die Gurke „Death Wish“ und der Kinderfilm „Das Haus der geheimnisvollen Uhren“ enttäuschten, kehrt Roth mit seinem neuen Film zu seinen Wurzeln zurück. Dabei beginnt er furios mit einer Black-Friday-Einkaufstour, die mühelos als eine satirisch hemmungslos überspitzte Kapitalsmuskritik gesehen werden kann. Und die Melissa McCarthys legendäre SNL-Supermarket-Spree in den Schatten stellt:
Wer also Lust auf einen zünftigen 80er-Jahre-Slasher mit vielen blutigen Morden und schwarzem Humor hat, wird mit diesem Slasher-Film eine vergnügliche Zeit haben. Alle anderen, also die Feinfühligen, Schreckhaften und Zartbesaiteten, nicht. Die werden nach spätestens fünf Minuten den Kinosaal verlassen.
Thanksgiving (Thanksgiving, USA 2023)
Regie: Eli Roth
Drehbuch: Eli Roth, Jeff Rendell
mit Patrick Dempsey, Addison Rae, Milo Manheim, Jalen Thomas Brooks, Nell Verlaque, Rick Hoffman, Gina Gershon
Drehbuch: David O. Selznick, Alma Reville (Adaption), Ben Hecht (ungenannt), James Bridie (ungenannt)
LV: Robert Hichens: The Paradine case, 1933 (Wege im Zwielicht)
Der verheiratete Staranwalt Keane soll die des Mordes angeklagte Mrs. Paradin verteidigen. Er verliebt sich in die Angeklagte und möchte ihre Unschuld beweisen. Aber die Beweise für ihre Schuld sind eindeutig.
„Der Fall Paradin“ war ein Lieblinsprojekt von David O. Selznick. Hitchcock hielt nie besonders viel von dem Stoff, aber er drehte den Film, um seinen Vertrag mit Selznick zu erfüllen. Selznick begann die Dreharbeiten ohne ein vollständiges Drehbuch, mischte sich immer wieder in die Drehbarbeiten ein (er gab Hitchcock täglich die zu drehenden Seiten), es wurde endlos unnützes Material gedreht, die Drehbarbeiten dauerten 92 Tage, die Kosten explodierten. Mit vier Millionen Dollar, so Donald Spoto in seiner Hitchcock-Biografie, kostete „Der Fall Paradin“ etwas mehr als Selznicks Epos „Vom Winde verweht“. Das kostete 3,9 Millionen Dollar; die allerdings auch im Film zu sehen sind. Eine erste Fassung von „Der Fall Paradin“ war fast drei Stunden. Für die Kinoauswertung wurde dann eine Stunde herausgekürzt. Dennoch ist „Der Fall Paradin“ immer noch ein dröger, langatmiger Gerichtsfilm. Halt zu viel Selznick und zu wenig Hitchcock.
P. S.: In der deutschen Fassung wurde aus ‚Paradine‘ ‚Paradin‘.
Mit Gregory Peck, Ann Todd, Charles Laughton, Ethel Barrymore, Louis Jordan, Alida Valli, Leo G. Carroll
Bislang kennnen wir Präsident Coriolanus Snow nur als alten Mann, der die Hunger Games verantwortet. In jedem Jahr kämpfen in diesen Spielen, zum Vergnügen der sensationshungrigen Masse, zufällig ausgewählte Jugendliche aus den zwölf Distrikten gegeneinander und bringen sich um. Katniss Everdeen aus dem zwölften Distrikt wird bei den 74. Hunger Games zum Star. In den folgenden Jahren bedroht sie die Herrschaft von Snow und beendet sie letztendlich.
Die drei „Die Tribute von Panem“-Young-Adult-Romane von Suzanne Collins, – „Tödliche Spiele“, „Gefährliche Liebe“ und „Flammender Zorn“ -, waren Bestseller. Die vier Filme – der letzte Teil der Trilogie wurde auf zwei Filme aufgeteilt – waren Hits. Und Katniss-Darstellerin Jennifer Lawrence ein Star.
Danach schrieb Suzanne Collins das Prequel „Die Tribute von Panem X – Das Lied von Vogel und Schlange“. Das Bestseller wurde jetzt von dem bewährten Team am bewährten Ort verfilmt. Ein großer Teil des Young-Adult-Actionfilms wurde im Studio Babelsberg und in Berlin an auch für Nicht-Einheimische erkennbaren Orten gedreht. Regisseur Francis Lawrence und Kameramann Jo Willems waren in die vorherigen drei „Die Tribute von Panem“-Filme als Regisseur und Kameramann dabei. Die Musik ist wieder von James Newton Howard und produziert wurde der Film, unter anderem, von Nina Jacobson. Newton und Jacobson sind seit dem ersten „Die Tribute von Panem“-Film dabei. Editor Mark Yoshikawa ist zum zweiten Mal dabei. Damit ist hinter der Kamera in jeder Beziehung für Kontinuität gesorgt. Die Hauptdarsteller wurden, aus nachvollziehbaren Gründen, ausgetauscht.
„Tie Tribute von Panem – The Ballad of Songbirds & Snakes“ spielt vierundsechzig Jahre vor dem ersten „Die Tribute von Panem“-Film. Coriolanus Snow (Tom Blyth) ist ein junger Mann, der sich eine große Karriere erhofft. Der Achtzehnjährige ist intelligent, ehrgeizig und sieht gut aus. Nur mit den Finanzen und dem damit verbundenem gesellschaftlichem Ansehen hapert es. Er hofft, als Mentor für einen „Hunger Games“-Spieler, einen weiteren wichtigen Karriereschritt zu absolvieren.
Allerdings wurden bei den jetzt stattfindenden zehnten Hunger Games plötzlich die Regeln geändert. Er passt sich an und versucht sie weiter zu seinen Gunsten zu ändern. Und er muss Lucy Gray Baird (Rachel Zegler) zum Sieg führen. Lucy kommt aus dem verarmten zwölften Distrikt. Sie ist eine begnadete Sängerin und sehr eigensinnig. Schnell erkennt sie, dass sie das in einer Gladioatorenarena stattfindende Töten-oder-getötet-werden-Spiel nur überleben kann, wenn sie mit Coriolanus zusammen arbeitet.
Mit 157 Minuten ist „Die Tribute von Panem – The Ballad of Songbirds & Snakes“ der längste Film der Reihe. Das Prequel ist ein gelungener Blick in die Vergangenheit von Panem, das allerdings an seiner Länge von gut drei Stunden und den schon immer ärgerlichen Konventionen von Young-Adult-Dystopien leidet.
Die Welt von Panem ist eine Retro-Dystopie, die hier wie ein leicht upgedateter Mix aus George Orwells „1984“, Drittem Reich und Kalter-Krieg-Ostblock aussieht. Die Gesellschaft ist in eine prosperierende Hauptstadt und ländliche, teils verarmte Distrikte unterteilt. Die Gesellschaft ist, soweit erkennbar, eine Ständegesellschaft. In ihnen wird mit strenger Hand und einer gnadenlosen Auswahl regiert. Es ist eine Welt, in der niemand leben möchte. Die Hauptfiguren sind junge Erwachsene, die um ihr überleben kämpfen müssen. Dabei sind in „The Ballad of Songbirds & Snakes“ die Spiele noch sehr einfach gehalten. In einer Arena müssen sie sich umbringen. Gewonnen hat, wer überlebt.
Alles in dieser Young-Adult-Dystopie ist auf ein Teenager-Publikum zugeschnitten. Dementsprechend ist alles immer eine Spur zu plakativ und naiv.
Ein weiteres Problem ist die Länge. Anstatt den sechshundertseitigen Roman radikal für die Verflmung zu überarbeiten (was wahrscheinlich bei den Fans für entsetzte Aufschreie sorgen würde) oder ihn in zwei Filmen zu verfilmen, wurde er jetzt als Ganzes verfilmt. Und das war keine gute Entscheidung. Nach dem Ende des zehnten Hunger Games und damit nach gut zwei Stunden Filmzeit, hätten die Macher den Film, mit einem kleinen Cliffhanger, gut beenden können. Das wäre ein guter Young-Adult-Actionfilm mit einer stringenten Spannungskurve geworden.
Aber sie erzählen im dritten Teil des Films (der deutlich länger als ein normaler dritter Filmakt ist), ohne einen eindeutigen erzählerischen Fokus, die Geschichte von Coriolanus und Lucy Gray, die jetzt im Wald und am See endgültig zum Liebespaar werden, weiter. Entsprechend zäh und auch uninteressant gestaltet sich dieser dritte Teil. Immerhin erfahren wir in diesen Minuten mehr über das Leben im zwölften Distrikt.
„Die Tribute von Panem – The Ballad of Songbirds & Snakes“ ist ein guter zweistündiger Young-Adult-Film mit einem überlangem Epilog, der einem die ganze Lust am Film nimmt.
Die Tribute von Panem – The Ballad of Songbirds & Snakes(The Hunger Games: The Ballad of Songbirds and Snakes, USA 2023)
Regie: Francis Lawrence
Drehbuch: Michael Lesslie, Michael Arndt
LV: Suzanne Collins: The Ballad of Songbirds and Snakes – A Hunger Game Novel, 2020 (Die Tribute von Panem X – Das Lied von Vogel und Schlange)
mit Tom Blyth, Rachel Zegler, Hunter Schafer, Jason Schwartzman, Peter Dinklage, Viola Davis, Josh Andrés Rivera, Hunter Schafer, Fionnula Flanagan
Drehbuch: Carlo Bonini, Giancarlo de Cataldo, Sandro Petraglia, Stefano Rulli
LV: Giancarlo de Cataldo/Carlo Bonini: Suburra, 2013 (Suburra)
Rom, November 2011: der konservative Abgeordnete Malgradi (laut Roman „ein Musterbeispiel christlicher Lebensführung“) will für Roms Mafiapaten ein Gesetz durchbringen, das ihm ein großes Bauprojekt in Ostia ermöglicht. Dummerweise hat der Politiker gerade Probleme mit einer Prostituierten, die starb, während er in einem Hotelzimmer Sex mit ihr hatte.
Ein großartiges Sittenporträt der italienischen Gesellschaft, ein Gangsterthriller und ein Polit-Thriller in schönster italienischer Tradition.
Clockwork Orange – Im Räderwerk der Gewalt(Frankreich 2023)
Regie: Benoit Felici, Elisa Mantin
Drehbuch: Benoit Felici, Elisa Mantin
TV-Premiere. Knapp einstündige Doku über den Roman von Anthony Burgess, die Verfilmung von Stanley Kubrick und die Skandale und Diskussionen, die der Film und der Roman entfachten. Inzwischen sind der Roman und die Verfilmung Klassiker. Wer sie noch nicht kennt, sollte das schnellstmöglich ändern.
Die Doku konzentriert sich dabei auf den Roman. Sie „führt an den Ursprung des Skandals zurück und beleuchtet das Werk mit Hilfe des von Burgess hinterlassenen, unveröffentlichten Manuskripts „The Clockwork Condition“. (…) Er brachte darin seine Bedenken über die Auswirkungen der Technologie auf die Menschheit und sein Misstrauen gegenüber Medien, Film und Fernsehen zu Papier.“ (Arte zur Doku)
Leider zeigt Arte Kubricks grandiose Verfilmung nicht vorher oder nachher.
Mach’s noch einmal, Sam (Plat it again, Sam, USA 1972)
Regie: Herbert Ross
Drehbuch: Woody Allen (nach seinem Theaterstück)
Der New Yorker Filmkritiker Allan wird von seiner Frau verlassen. Die Suche nach einer neuen Freundin gestaltet sich schwierig. Erst als sein Idol Humphrey Bogart ihn berät, scheint sich das Blatt zu wenden.
Woody Allen sagte über „Mach’s noch einmal, Sam“, es sei „die autobiographische Geschichte eines Verliebten mit ungeheuren Komplexen. Die Anhäufung von Themen, die mich faszinieren, Sex, Ehebruch, neurotische Liebe, Angst. Dennoch ist es eine Komödie im strengsten Sinn des Wortes, ohne ein ernsthaftes Element.“
Außerdem ist es Woody Allens erste Liebeserklärung an den Film.
Mit Woody Allen, Diane Keaton, Tony Roberts, Jerry Lacy, Susan Anspach
Drehbuch: Anthony Veiller, Victor Trivas (Adaptation), Decla Dunning (Adaptation), Orson Welles (ungenannt), John Huston (ungenannt) (nach einer Geschichte von Victor Trivas)
Nach dem Krieg lebt der Kriegsverbrecher Franz Kindler als Charles Rankin in einer Kleinstadt in Neuengland. Dort ahnt niemand, dass der geachtete Geschichtslehrer Rankin ein Nazi und einer der Planer des Völkermords war. Am Vorabend von Rankins Hochzeit mit der Tochter eines Richters tauchen zwei Fremde, ein alter Kampfgefährte und ein Nazijäger, auf. Beide könnten sein neues Leben gefährden.
Seit fünfzehn Jahren nicht mehr im TV gezeigter Noir.
Orson Welles hält „Die Spur des Fremden“ für seinen schlechtesten Film. Das lag sicher auch daran, dass er bei diesem Film keinerlei künstlerische Freiheiten hatte und das Drehbuch bei beschränktem Budget verfilmen musste. Hätte er sich nicht daran gehalten, wäre ihm die Regie entzogen worden. Die Hauptrolle hätte er trotzdem spielen müssen. „Die Spur des Fremden“ ist auch sein erfolgreichster Film. Und es ist ein ziemlich guter Film. Auch wenn er nicht so bekannt ist, wie die Klassiker von Orson Welles („Citizen Kane“).
Sein nächster Film war „Die Lady von Shanghai“
In Deutschland wurde „Die Spur des Fremden“ erst im Februar 1977 gezeigt. Immerhin im Kino.
mit Orson Welles, Loretta Young, Edward G. Robinson, Philip Merivale, Richard Long, Byron Keith
Der Stellvertreter (Amen., Frankreich/Deutschland 2002)
Regie: Constantin Costa-Gavras
Drehbuch: Constantin Costa-Gavras, Jean-Claude Grumberg
LV: Rolf Hochhuth: Der Stellvertreter, 1963 (Theaterstück)
Als der gläubige Christ und SS-Mann Kurt Gerstein erfährt, wozu in den KZs Zyklon B verwendet wird, ist er entsetzt und wendet sich hilfesuchend an die katholische Kirche.
Costa-Gavras Verfilmung des gleichnamigen Theaterstücks von Rolf Hochhuth über die Rolle des Vatikans während des Zweiten Weltkriegs kam bei der damaligen deutschen Kritik nicht so gut an. Vor allem das Theaterhafte wurde bemängelt.
In Frankreich erhielt er, unter anderem einen César für das beste Drehbuch und er war als bester Film nominiert.
mit Ulrich Tukur, Mathieu Kassovitz, Ulrich Mühe, Michel Duchaussoy
Als „Die Truman-Show“ im Kino lief, war es Science-Fiction. Aber das war auch, bevor es die TV-Show „Big Brother“ gab und danach erschien „Die Truman Show“ nicht mehr soo abwegig. Denn der titelgebende Truman Burbank wird ständig von Kameras überwacht. Sein Leben ist eine Reality Show mit einem Millionenpublikum. Dummerweise hat Truman davon keine Ahnung. Als eines Tages ein Scheinwerfer vom Himmel fällt, beginnt der Dreißigjährige Fragen zu stellen.
Die grandiose Mediensatire gewann unter anderem einen Hugo.
„ein modernes Märchen mit existentieller Tiefenschärfe (…) ein Filmereignis“ (Fischer Film Almanach 1999)
Die Musik ist von Philip Glass.
mit Jim Carrey, Laura Linney, Noah Emmerich, Natascha McElhone, Peter Krause, Paul Giamatti
Tastenarbeiter – was für ein deutsches Wort. Nicht Pianist oder Klavierspieler, sondern ein Tastenarbeiter ist Alexander von Schlippenbach. Das klingt nach harter, freudloser Arbeit in irgendeiner Maschinenhalle. Es hat einen teutonischen Beiklang, der Assoziationen an Maschinenlärm und Marschmusik weckt. Und nichts könnte bei Alexander von Schlippenbach falscher sein. Er ist nämlich einer der ganz großen Musiker des Free Jazz und damit auch des deutschen Free Jazz. Der am 7. April 1938 in Berlin geborene und immer noch dort (in meiner unmittelbaren Nachbarschaft) lebende Pianist ist vor allem bekannt für seine Kompositionen und Leitungen großer Free-Jazz-Orchester, namentlich das Globe Unity Orchestra und das Berlin Contemporary Jazz Orchestra. In beiden Großgruppen spielen und spielten die großen Improvisatoren des Free Jazz, wie Willem Breuker, Gunter Hampel, Steve Lacy, Albert Mangelsdorff, Evan Parker, Tomasz Stanko und Kenny Wheeler, mit. Während diese Free-Jazz-Bigband-Musik, wenn sie nicht in atonalen Krach versumpfen soll, schon immer nach vorstrukturierten Abläufen und der ordnenden Hand eines Dirigenten verlangte, frönt von Schlippenbach in kleineren Gruppen, unter anderem mit seiner Frau Aki Takase, das freie Spiel. Oder er nimmt einfach einmal das Gesamtwerk von Thelonious Monk neu auf.
Seit den frühen sechziger Jahren blieb er sich, wie zahlreiche Studio- und Live-Mitschnitte zeigen, musikalisch treu. Verbogen hat er sich nur am Klavier. Wobei auch dort, wenn man sich Bilder von ihm aus den Sechzigern und der Gegenwart ansieht, seine Haltung immer die gleiche blieb. Immer scheint er im Klavier zu versinken.
In seinem Porträt „Tastenarbeiter – Alexander von Schlippenbach“ zeigt Tilman Urbach den Künstler bei der Arbeit und, allein und mit musikalischen Weggefährten, in Erinnerungen schwelgen. Außerdem unterhielt Urbach sich mit Jost und Dagmar Gebers. Jost Gebers ist für das von ihm 1969 als Kollektiv mitgegründete und später geleitete Label FMP (Free Music Production) und das Total Music Meeting und der damit verbundenen jahrzehntelangen akribischen und umfassenden Dokumentation des deutschen (West- und Ostdeutschland), europäischen und weltweiten Free Jazz bekannt.
„Tastenarbeiter“ ist ein liebevolles Porträt das von Schlippenbach in der Gegenwart zeigt und tief in die sechziger und siebziger Jahre eintaucht. Damals war improvisierte Musik immer auch eine Auseinandersetzung mit der Politik und der politischen Stimmung. Längere Ausschnitte aus Konzerten und Improvisationen mit verschiedenen Musikern in verschiedenen Studios runden das Porträt ab. Die ältesten Konzertausschnitte sind aus den sechziger Jahren.
Allerdings bleibt Urbach in seinem konventionell gemachtem Dokumentarfilm bei der Selbstbeschreibung der Musiker stehen. Sie reden über sich und die Musik, die sie damals und heute spielen. Es fehlt eine objektive Perspektive, die von Schlippenbachs Werk und Wirken in die Musikgeschichte einordnet.
Ärgerlich und rätselhaft ist Urbachs Verzicht auf Textinserts. Denn wer Urbachs Gesprächspartner nicht kennt, hat keine Ahnung, wer gerade redet, was er gemacht hat und warum er wichtig ist. Denn wer weiß schon, wie der am 15. September 2023 verstorbene Jost Gebers aussah?
Das sind für gestandene Jazzfans (und die sind eindeutig das Zielpublikum dieser Dokumentation) kleinere Mängel. Mit „Tastenarbeiter – Alexander von Schlippenbach“ dürfen sie sich sogar über die nächste gelungene Jazzdokumentation innerhalb weniger Wochen freuen, die nicht noch einmal einen der großen, allseits bekannten Stars abfeiert.
Tastenarbeiter – Alexander von Schlippenbach(Deutschland 2023)
Regie: Tilman Urbach
Drehbuch: Tilman Urbach
mit Alexander von Schlippenbach, Aki Takase, Günter „Baby“ Sommer, Manfred Schoof, Jost Gebers, Dagmar Gebers, Vincent von Schlippenbach (alias DJ Illvibe)
Bonusmaterial: ein Konzert von Alexander von Schlippenbach (p) mit Evan Parker (sax) und Paul Lytton (dr), aufgenommen am 13. Dezember 2019 in Linz im C. Bechstein Centrum