Drehbuch: Ben Affleck, Peter Craig, Aaron Stockard
LV: Chuck Hogan: Prince of Thieves, 2004 (Endspiel)
Bankräuber Doug MacRay überfällt mit drei Freunden eine Bank und verliebt sich anschließend in die Filialleiterin, die sie auf der Flucht als Geisel mitgenommen hatten. Jetzt will er aussteigen. Davor muss er allerdings noch seinen letzten Coup durchführen.
Nach der tollen Dennis-Lehane-Verfilmung „Gone Baby Gone“ blieb Ben Affleck in seiner zweiten Regiearbeit dem Genre und Boston treu. „The Town“ ist gutes altmodisches Erzählkino, bei dem die Story, die Charaktere und ihr Umfeld im Vordergrund stehen. In seinen wenigen Actionszenen und in der Struktur erinnert „The Town“ teilweise an Michael Manns „Heat“ – und das ist durchaus anerkennend gemeint. Ein feiner Gangsterfilm.
Da ist es auch egal, dass die Zahl der Banküberfälle in Boston viel geringer ist, als im Film behauptet wird und dass das Viertel Charlestown in den vergangenen Jahrzehnten gentrifiziert wurde. Jetzt sitzen da ganz andere Räuber.
Chuck Hogan erhielt für seinen Roman „Endspiel“, der Vorlage für „The Town“, den Hammett-Preis und auch Stephen King (ein passionierter Blurber) war begeistert.
mit Ben Affleck, Rebecca Hall, Jon Hamm, Jeremy Renner, Pete Postlethwaite, Chris Cooper
Wiederholung: Freitag, 10. Mai, 00.30 Uhr (Taggenau! – Und um die Uhrzeit sollte in jedem Fall die ungekürzte Kinoversion gezeigt werden)
Mit einem beherzten Sprung in die Zukunft führt „Maze Runner“-Regisseur Wes Ball die Geschichte vom „Planet der Affen“ fort. Sein Science-Fiction-Western spielt nicht unmittelbar nach den Ereignissen von „Planet der Affen: Survival“ oder einige Jahre danach, sondern viele Jahrzehnte, möglicherweise sogar mehrere Jahrhunderte später. Caesar, der Protagonist der vorherigen Trilogie, ist für die Affen eine Legende geworden. Wenn sich auf ihn, sein Leben und seine Philosophie berufen, hat das, weil die Affenkultur eine mündliche Kultur ist, primär anekdotische Relevanz. Caesars Denken ist nur aus immer wieder erzählten und veränderten Erählungen bekannt. Jeder, der will, kann man mit seinem Namen sein eigenes Machtstreben ummänteln und besser durchsetzen.
Im Mittelpunkt der neuen Geschichte, für die man keinen der vorherigen Filme gesehen haben muss, steht Noa. Er steht kurz vor einer für alle Mitglieder des Eagle Clans in dem Alter wichtigen Mutprobe. Sein Stamm lebt friedlich und in Harmonie mit der Natur. Diese Harmonie wird durch das Auftauchen von Proximus Caesar und seiner wilden Horde gestört. Proximus Caesar sieht sich als Nachfolger von Caesar. Sie zerstören Noas Dorf, brennen es nieder und bringen etliche Mitglieder seines Stammes um. Die anderen entführen sie.
Noa, der die Schlacht durch einen Zufall überlebt, macht sich auf die Suche nach seiner Familie, Freunden und Stammesgenossen. Er will sie retten. Auf seiner Reise trifft er den weisen älteren Affen Raka und die Menschenfrau Nova, die, zum Erstaunen der beiden Affen, sprechen kann.
Denn das ist die ebenso einfache wie geniale Prämisse von Pierre Boulle für seinen kurzen, 1963 in Frankreich erschienenen Roman „La planète des singes“ (Der Planet der Affen). In der von ihm erfundenen Welt dreht er einfach die Verhältnsisse um: die Affen sind intelligent und herrschen über den Planeten, die Menschen werden gejagt, versklavt und wie Nutztiere gehalten. Aus Boulles Satire wurde 1968 ein Hollywood-Film. Vom Roman wurde die Grundidee übernommen, eine actionhaltige Geschichte über einen Raumfahrer, der auf einem fremden Planeten strandet, und eine Schlusspointe erfunden, die der Schlusspointe des Romans nicht nachsteht. Am Filmende muss George Taylor (Charlton Heston) entsetzt feststellen, dass er auf der Erde gelandet ist. Der Film war ein Hit. Bis 1973 folgten vier schlechtere Spielfilme. Es gab zwei kurzlebige TV-Serien. 2001 erzählte Tim Burton die aus dem ersten Film vertraute Geschichte noch einmal. Nicht besonders erfolgreich. 2011 startete Rupert Wyatt eine neue „Planet der Affen“-Trilogie, die erzählt, wie es zur Herrschaft der Affen kam.
Und jetzt erzählt Wes Ball die Geschichte weiter als epischen SF-Western, in dem die Affen die friedlich und im Einklang mit der Natur lebenden Ureinwohner sind und ein Kundschafter, in diesem Fall in der Gestalt einer jungen Menschenfrau, in ihr Gebiet eindringt. Es ist ‚Pocahontas‘ ohne die Liebesgeschichte und aus einer anderen Perspektive. Bei der Suche nach seinen Eltern erlebt Noa viele Abenteuer, die Ball immer jugendfrei inszeniert. Entsprechend harmlos sind die Bilder, die er von dem Kriegsgebiet zeigt, durch das Noa mit seinen Gefährten reist. Das ist „Little Big Man“, „Das Wiegenlied vom Totschlag“, „Apocalypse Now“ oder ein Italo-Western in seiner in jeder Beziehung jugendfreien Version. Balls „New Kingdom“ ist gänzlich unironischer, unzynischer und politikfreier Blockbuster, der in jeder Beziehung ganz altmodisch seine Geschichte erzählt. Diese ist nicht frei von Logiklöchern und in Grundzügen vertraut aus älteren Filmen, in denen meist junge Männer sich auf eine gefährliche Reise begeben. Ball erzählt eine in sich stimmige Geschichte mit einige Plot-Twists und guten CGI-Effekten. Das ist gut gemachtes Blockbuster-Kino.
Ball erzählt, das muss auch gesagt werden, in „New Kingdom“ neben der Hauptgeschichte vieles, was erst in den nächsten beiden Filmen der Trilogie wichtig wird. Trotzdem ist der Film mit 146 Minuten zu lang geraten. Neben der Bewunderung für die CGI-Effekte und das Eintauchen in den Landschaften, die sich die Natur seit dem Beginn der Herrschaft der Affen zurück eroberte, bleibt genug Zeit, über verschiedene größere und kleinere, wichtigere und unwichtigere Unstimmigkeiten nachzudenken. Zum Beispiel warum die von Menschen vor vielen Jahren, möglicherweise Jahrhunderten, gebauten, edel verfallenen und fotogen überwucherten Gebäude und Straßen noch so gut aussehen, warum seit Ewigkeiten keine Menschen gesehen wurden (jaja, es wird etwas von Respekt vor bestimmten Grenzen erzählt), warum die Menschen vor langer, langer Zeit eine riesige, bestens gesicherte Garage in den Fels direkt ans Meer mit nur einem Ausgang direkt an den Strand bauten (jaja, im Lauf der Jahrhunderte kann sich der Verlauf der Küste geändert haben, aber auch dann hat das Gebäude ein unpraktisches, aber immerhin fotogenes Design) undsoweiter. Was in der Garage, die Proximus Caesar unbedingt öffnen will, ist, wird im Finale gezeigt. Aber warum Noa sich in dem Kampf um den Inhalt der Garage engagiert, bleibt dann doch eher nebulös.
Diese und andere Fragen sollten dann in den nächsten beiden „Planet der Affen“-Filmen beantwortet werden. Wes Ball arbeitet bereits daran. Und wir sind gespannt auf das Ergebnis.
Planet der Affen: New Kingdom(Kingdom of the Planet of the Apes, USA 2024)
Regie: Wes Ball
Drehbuch: Josh Friedman (basierend auf von Rick Jaffa und Amanda Silver erfundenen Figuren)
LV (naja, irgendwie, aber eher nicht): Pierre Boulle: La planète des singes, 1963 (Planet der Affen)
mit Owen Teague, Freya Allan, Kevin Durand, Peter Macon, William H. Macy
Pilot Whip Whitaker rettet mit einem waghalsigen Manöver die Passagiere seiner Linienmaschine. Er wird als Held gefeiert. Aber bei der Untersuchung des Unglücks könnte auch herauskommen, dass Whip alkoholisiert flog.
„Flight“ ist in erster Linie ein etwas zu lang geratenes, gut gespieltes, konventionelles Alkoholikerdrama, das mit einer spektakulären Bruchlandung garniert wird.
Als „Die Truman-Show“ im Kino lief, war es Science-Fiction. Aber das war auch, bevor es die TV-Show „Big Brother“ gab und danach erschien „Die Truman Show“ nicht mehr soo abwegig. Denn der titelgebende Truman Burbank wird ständig von Kameras überwacht. Sein Leben ist eine Reality Show mit einem Millionenpublikum. Dummerweise hat Truman davon keine Ahnung. Als eines Tages ein Scheinwerfer vom Himmel fällt, beginnt der Dreißigjährige Fragen zu stellen.
Die grandiose Mediensatire gewann unter anderem einen Hugo.
„ein modernes Märchen mit existentieller Tiefenschärfe (…) ein Filmereignis“ (Fischer Film Almanach 1999)
Die Musik ist von Philip Glass.
mit Jim Carrey, Laura Linney, Noah Emmerich, Natascha McElhone, Peter Krause, Paul Giamatti
Der älteste Film des Tages (der Zweitälteste ist Paul Verhoevens „Robocop“ von 1987)
Arte, 20.15
Ich beichte (I confess, USA 1953)
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch: George Tabori, William Archibald
LV: Paul Anthelme: Nos deux consciences, 1902 (Theaterstück)
In Québec bringt ein deutscher Einwanderer einen Anwalt, der ihn bei einem Einbruch überrascht, um. Danach gesteht er dem katholischen Geistlichen Michael Logan die Tat. Als die Polizei Logan verdächtigt, der Mörder zu sein, steht Logan vor der Frage, ob er sich an das Beichtgeheimnis gebunden fühlt.
Hitchcocks Thriller kam bei der Premiere nicht gut an. Inzwischen beurteilen Kritiker den Film wesentlich positiver. Trotzdem gehört „Ich beichte“ zu Hitchcocks unbekannteren Filmen.
Once upon a Time in…Hollywood(Once upon a Time in…Hollywood, USA 2019)
Regie: Quentin Tarantino
Drehbuch: Quentin Tarantino
Roman zum Film: Quentin Tarantino: Once upon a Time in Hollywood, 2021 (Es war einmal in Hollywood)
Quentin Tarantions 9. Film. Einige richtige Story hat „Once upon a Time in…Hollywood“ nicht. Eigentlich geht es nur um ein entspanntes Abhängen mit TV-Schauspieler Rick Dalton (Leonardo DiCaprio) und seinem Stuntman Cliff Booth (Brad Pitt), die glorios in ihrem Selbstmitleid ertrinken. Daltons großer Hit, die TV-Westernserie „Bounty Law“, ist schon einige Jahre her, die neuen Rollen sind klein und schlecht und der Vorschlag seines Agenten, in einem Italowestern mitzuspielen, begeistert ih nicht. Das alles spielt 1969 in Hollywood an zwei Tagen im Februar und in einer Nacht im August 1969.
„Once upon a Time in…Hollywood“ ist übervoll mit Anspielungen auf die Hollywood-Geschichte und die damalige Zeit, prächtig ausgestattetet, top besetzt und gespielt, sehr unterhaltsam, aber auch problematisch.
mit Leonardo DiCaprio, Brad Pitt, Margot Robbie, Emile Hirsch, Margaret Qualley, Timothy Olyphant, Dakota Fanning, Bruce Dern, Mike Moh, Damian Lewis, Al Pacino, Rafal Zawierucha, Damon Herriman, Lena Dunham, Rumer Willis, Clu Gulager, Kurt Russell, Zoë Bell, Michael Madsen, James Remar
Wiederholung: Montag, 6. Mai, 02.25 Uhr (Taggenau!)
Der Schneider von Panama (The Tailor of Panama, USA/Irland/Großbritannien 2001)
Regie: John Boorman
Drehbuch: John le Carré, John Boorman, Andrew Davis
LV: John le Carré: The Tailor of Panama, 1996 (Der Schneider von Panama)
Für den britischen Geheimagenten Osnard ist Panama die Endstation, bis er den Nobelschneider Pendel kennen lernt und von ihm – gegen Geld – brisante Regierungsgeheimnisse (die vollkommen erfunden sind) anvertraut bekommt.
Köstliche und sehr britische Demontage der Spionagewelt. Mit Sicherheit viel näher an der Realität, als die Bond-Abenteuer. Brosnan zieht hier als Geheimagent sein Image durch den Kakao.
Danach zeigt ZDFneo zwei weitere Thriller mit Pierce Brosnan: um 22.00 Uhr „No Escape – Renn um dein Leben“ (USA/Thailand 2015) und um 23.35 Uhr „Jagd durch London“ (Survivor, USA 2015).
Mit Pierce Brosnan, Geoffrey Rush, Jamie Lee Curtis, Harold Pinter, Brendan Gleeson, Martin Ferrero, Mark Margolis, Dylan Baker, Daniel Radcliffe
Wiederholung: Sonntag, 5. Mai, 01.00 Uhr (Taggenau!)
TV-Premiere von Maggie Perens sehenswertes Drama „Der Passfälscher“ über den jungen Juden Cioma Schönhaus, der sich 1942 in Berlin ins pulsierende Großstadtleben stürzt, nach dem Motto „wenn mich alle sehen, kann ich kein von den Nazis verfolgter Jude sein“ und der gleichzeitig zahlreiche Pässe für andere Juden, die aus Deutschland flüchten wollen, fälscht.
New Jersey: Mafiosi Perello beauftragt Joey, den Revolver, mit dem er einen Undercover-Polizisten erschossen hat, zu entsorgen. Joey versteckt den Revolver im heimischen Keller. Ein Nachbarjunge entdeckt den Revolver, erschießt seinen brutalen Stiefvater und, weil jetzt verschiedene Gangstergruppen und die Polizei die Waffe wollen, hat Joey plötzlich eine ganze Menge Probleme, die er in einer Nacht lösen muss.
Düster-grotesker, blut- und bleihaltiger, zynischer Thriller, den man, weil alles mit allem zusammenhängt und alle irgendwie miteinander verbandelt sind, besser nicht zu genau auf Logik und Wahrscheinlichkeit überprüfen sollte.
Wayne Kramer scheint seine letzten Filme nach dem Prinzip der größtmöglichen Distanz geschrieben zu haben. Anders ist nicht zu erklären, warum er nach dem Las-Vegas-Märchen für Erwachsene „The Cooler“ und der knalligen Thriller-Groteske „Running Scared“ das ernste Episodendrama „Crossing Over“ über illegale Einwanderer in die USA inszenierte. 2013 folgte dann sein bislang letzter Film „Gangster Chronicles“ (Pawn Shop Chronicles), der wohl als Grindhouse-Version von „Pulp Fiction“ beschrieben werden kann. Laut IMDb befindet sich sein nächster Film, der Cop-Thriller „Blue before Blood“, in der Vorproduktion.
mit Paul Walker, Cameron Bright, Vera Farmiga, Chazz Palminteri, Johnny Messner, Karel Roden
Mitten in der Nacht hört der achtjährige Peter ein Klopfen. Seine Eltern versuchen ihn zu beruhigen. Sie lebten in einem alten Haus, in dem es in der Nacht Geräusche gebe.
In der nächsten Nacht hört Peter wieder ein Klopfen und eine Stimme, die behauptet, seine ältere Schwester zu sein.
Und mehr will ich nicht über Samuel Bodins „Knock Knock Knock“ verraten. Denn die Geschichte entwickelt sich schnell anders als erwartet.
Ich kann aber verraten, dass die in der Woche vor Halloween in der US-Kleinstadt Holdenfield spielende Geschichte ein sich auf, je nach Zählung, drei bis vier Personen konzentrierendes Stück ist. Die meiste Leinwandzeit haben Peter und seine Eltern. Nachdem sie ein von ihm gezeichnetes düsteres Bild gesehen hat, versucht die Aushilfslehrerin Peter zu helfen. Und dann ist da noch das in der Wand lebende Monster, das behauptet, Peters Schwester zu sein.
Die Geschichte spielt vor allem in dem Haus, in dem Peter mit seinen Eltern lebt. Von außen sieht es wie ein normales älteres Einfamilienhaus aus. Innen ist es dann viel größer mit Räumen, die es in diesem Haus so eigentlich nicht geben kann. Diese überdimensionierten Räume tragen zur unheimlichen Atmosphäre bei.
Den Rest erledigen die etwas übertrieben spielenden Schauspieler, klug kombinierte Einstellungen (Werft einen Blick auf das Plakat.) und die praktischen Effekte, die in der Dunkelheit kaum zu erkennen sind. Das gilt auch für das eigentlich nie zu sehende Monster.
Die Geschichte selbst verströmt einen leichten, aber wohltuenden Jack-Ketchum-Vibe. Aber anstatt diesen Teil der Geschichte konsequent weiter zu verfolgen, bedient die Filmgeschichte lieber bekannte Horrortopoi von unheimlichen Dingen, die in dunklen Gebäuden passieren. Entsprechend konventionell ist der Weg zum Finale, bei dem das Monster allen Menschen, die zu dem Zeitpunkt in dem Haus sind, in Todesangst versetzt und tötet. Das Ende ist konsequent düster und hoffnungsloser als man es aus anderen Horrorfilmen kennt.
Trotzdem ist „Knock Knock Knock“ ein Horrorfilm, der mit einem konsequenteren Drehbuch ein viel besserer Horrorfilm hätte werden können.
Als Talentprobe ist Samuel Bodins erster Kinofilm durchaus gelungen. In der Vergangenheit drehte er mehrere Kurzfilme und Episoden für TV- und Streaming-Serien, wie die TV-Serie „T. A. N. K.“ und die Netflix-Serie „Marianne“.
Knock Knock Knock(Cobweb, USA 2023)
Regie: Samuel Bodin
Drehbuch: Chris Thomas Devlin
mit Lizzy Caplan, Antony Starr, Cleopatra Coleman, Woody Norman, Luke Busey
LV: Haruki Murakami: Drive my Car, 2014 (Erzählung, enthalten in „Von Männern, die keine Frauen haben“)
Der verwitwete Regisseur Yusuke Kafuku soll in Hiroshima für ein Festival Anton Tschechows Theaterstück „Onkel Wanja“ inszenieren. Eine Bedingung der Organisatoren ist, dass er sich während seines Engagements von einem Chauffeur jeden Tag vom Hotel zum Theater und zurück fahren lässt. Hamaguchi zeigt, wie Kafuku und seine Fahrerin Misaki Watari sich auf den langen täglichen Autofahrten langsam näher kommen und wie die Proben zu Kafukus Tschechow-Neuinterpretation verlaufen.
TV-Premiere. Sehr ruhiges, sich langsam über drei Stunden entwickelndes Drama, das in Cannes den Drehbuchpreis und später den Oscar als bester internationaler Film erhielt.
Kommen wir zur nächsten TV-Serie, die zu einem Spielfilm verwurstet wird und mit viel Werbetamtam im Kino anläuft. Im Werbesprech heißt das dann „Neuinterpretation“ oder „zeitgemäßes Update“. Das Rezept besteht normalerweise aus einer neuen Story, die mit der Serie eher weniger als mehr zu tun hat, einigen Reminiszenzen an die Originalserie, die die mit der Serie verbundenen wohligen Erinnerungen der Menschen, die sie damals im TV gesehen haben triggern, einem Cameoauftritt der damaligen Stars am Filmende und der irrwitzigen Hoffnung der Macher auf den Start eines erfolgreichen Kino-Franchises. Das gelang, in den letzten Jahren, nur bei „The Equalizer“. „Starsky & Hutch“, „Miami Vice“, „Das A-Team“, „Baywatch“, „ChiPs“, „Codename U.N.C.L.E.“ und „Drei Engel für Charlie“ kamen und gingen.
Und jetzt ist „The Fall Guy“ an der Reihe. Bei uns lief die TV-Serie über den Stuntman und Kopfgeldjäger Colt Seavers als „Ein Colt für alle Fälle“. Produziert wurde die 113 Serienepisoden von 1981 bis 1986. Bei der Serie gefielen die Stunts, der Blick hinter die Kulissen von Hollywood (immerhin arbeitete Colt Seavers in jeder Folge auch als Stuntman auf einem Filmset) und die Auftritte der Gaststars. In den Geschichten jagten Colt Seavers und seine Freunde dann als Kopfgeldjäger flüchtige Verbrecher. Es gab etwas Humor und noch mehr Action.
Oder, in den Worten von Martin Compart in dem Standardwerk „Crime TV – Lexikon der Krimi-Serien“ (2000): „Aus hirnrissigen Drehbüchern, abgehalfterten Altstars (darunter immerhin Richard Burton) als Gästen und jeder Menge kaputter Autos bestand das Erfolgsrezept, das besonders Kinder begeisterte.“ Diese Kinder – die Serie lief in Deutschland im Vorabendprogramm – sind heute vierzig Jahre älter und können jetzt mit ihren Kindern ins Kino gehen und sich über Explosionen, Faustkämpfe, zerdepperte Autos, einige Wortgefechte und ein hirnrissiges Drehbuch freuen.
David Leitch, ein ehemaliger Stuntman, der mit „John Wick“ erfolgreich die Seiten wechselte und zuletzt „Bullet Train“ furios inszenierte, erzählt in „The Fall Guy“ so etwas wie die Vorgeschichte zur TV-Serie, ohne die Vorgeschichte zu sein. Im Film arbeitet Colt Seavers noch nicht als Kopfgeldjäger und wir erfahren auch nicht, wie er einer wird; – wobei es für diesen Job auch keinen elaborierten Grund geben muss. Es ist halt ein Job, den er macht, um Geld zu verdienen. Und für die Serie war es eine gute Prämisse, um ihn unzählige Abenteuer an verschiedenen Orten erleben zu lassen.
Im Film wird die Geschichte des Stuntmans Colt Seavers (Ryan Gosling) erzählt, der sich bei einem Set-Unfall schwer verletzt. Achtzehn Monate später wird er von der damaligen Produzentin angerufen. Er soll unbedingt nach Australien kommen und als Stuntman bei einem Film mithelfen, der anscheinend eine familientaugliche Mischung aus „Mad Max“ und „Firefly“ ist. Halt ein Science-Fiction-Film, in dem Aliens und Menschen sich am Strand kloppen, mit Autos rumfahren und ständig irgendetwas explodiert. Gedreht wird der Science-Fiction-Film „Metalstorm“ von Jody Moreno (Emily Blunt), seiner damaligen Freundin, die damals als Kamerafrau arbeitete und jetzt ihren ersten Film dreht.
Kurz nachdem er am Set angekommen ist, erfährt er von Gail Meyer (Hannah Waddingham), der Produzentin des Films, dass Tom Ryder (Aaron Taylor-Johnson), der Star des Films, spurlos verschwunden ist. Sie bittet Colt, der Ryders Stuntdouble war, den verschwundenen Star zu suchen und innerhalb weniger Stunden, bevor die Presse und die anderen Produzenten davon erfahren, zu finden.
Er beginnt ihn zu suchen und gerät in ein Komplott, das sogar für eine Episode einer TV-Serie eine dünne Suppe wäre. Gleichzeitig kabbeln sich Colt und Jody, die sich seit Colts Unfall nicht mehr gesehen haben und die immer noch ineinander verliebt sind. Und Colt hat, als ob die Liebesgeschichte nicht schon genug Ablenkung vom Krimiplot wäre, noch genug Zeit für zeitaufwändige Filmstunts.
Nach „John Wick“ (wo David Leitch die ungenannte Co-Regie führte), „Atomic Blonde“, „Deadpool 2“ und „Bullet Train“ ist der garantiert jugendfreie „The Fall Guy“ eine ziemliche Enttäuschung. Anstatt dem Hauptplot – der Suche nach dem verschwundenem Filmstar – zu folgen, verzettelt der Film sich in Nebengeschichten, Episoden, Episödchen und ziemlich altbackene Insider-Gags über egomanische Stars und skrupellose Produzenten. Das alles ist nie so witzig, wie es gerne wäre.
Es gibt nur wenige Actionszenen, die immer erstaunlich lieblos und fahrig wirken. Öfters sehen sie sogar wie im Studio gedrehte und mit schlechten CGI-Effekten aufgepeppte Szenen aus. Im Abspann werden dann Aufnahmen von den Dreharbeiten gezeigt, die zeigen, dass viele der Actionszenen vor Ort gedreht wurde. Aber an dem ersten desaströsen Eindruck aus dem Film ändert sich nichts mehr. Außerdem hatte Leitch es bei seinen vorherigen Filmen nicht nötig, solche Bilder von den Dreharbeiten zu zeigen. Die Bilder im Film zeigten schon, dass vor Ort gedreht wurde.
Zwischen den wenig beeindruckenden Actionszenen und dem noch weniger vorhandenem Krimiplot nehmen die endlos langen Kabbeleien zwischen Ryan Gosling und Emily Blunt so viel Zeit in Anspruch, dass „The Fall Guy“ über weite Strecken eine ziemlich nervige RomCom ist. Gosling und Blunt verstehen sich zwar gut vor der Kamera, aber ihre sich schnell wiederholenden Streitereien ziehen sich viel zu lang hin.
Am Ende ist „The Fall Guy“ ein Film, der aus den umfangreichen Resten einer RomCom-Improvisation, einem 80er Jahre B-Science-Fiction-Actionkracher, einer läppischen Actionkomödie und einer Synopse für einen banalen TV-Krimi zusammengeklebt und mit einem Retro-Soundtrack garniert wurde.
Das hat mich nie begeistert und über weite Strecken sogar gelangweilt.
Vielleicht hätten die Macher einfach beim Serienkonzept bleiben sollen. Dann hätten sie erzählt, wie ein Stuntman, der als Kopfgeldjäger arbeitet, einen flüchtigen Verbrecher jagt und die Story mit reichlich Action und Anspielungen auf Hollywood garniert. Hätte eine schöne Actionkomödie werden können.
P. S.: Es gibt eine Abspannszene.
The Fall Guy(The Fall Guy, USA 2024)
Regie: David Leitch
Drehbuch: Drew Pearce (nach der TV-Serie von Glen A. Larson)
mit Ryan Gosling, Emily Blunt, Aaron Taylor-Johnson, Hannah Waddingham, Teresa Palmer, Stephanie Hsu, Winston Duke, Lee Majors (Cameo am erwartbaren Ort)
LV: Joe R. Lansdale: Cold in July, 1989 (Kalt brennt die Sonne über Texas, Die Kälte im Juli)
Osttexas, 1989: Mitten in der Nacht überrascht und erschießt der glücklich verheiratete Vater Richard Dane einen Einbrecher. Kurz darauf möchte Ben Russell, der Vater des erschossenen Einbrechers, seinen Sohn rächen. Als die Polizei Russell auf die Bahngleise legt, rettet Dane ihn vor dem sicheren Tod. Und das ist noch nicht die letzte überraschende Wendung.
Eine gelungene Lansdale-Verfilmung mit lakonischen Dialogen, lakonischen Schauspielern und ordentlichen Portionen Suspense und Gewalt. Düsterer Thriller
mit Michael C. Hall, Don Johnson, Sam Shepard, Vanessa Shaw, Nick Damici, Wyatt Russell
Wiederholung: Donnerstag, 2. Mai, 01.45 Uhr (Taggenau!)
Der Sträfling und die Witwe(La Veuve Couderc, Frankreich/Italien 1971)
Regie: Pierre Granier-Deferre
Drehbuch: Pierre Granier-Deferre, Pascal Jardin
LV: Georges Simenon: La Veuve Couderc, 1940 (Die Witwe Couderc)
1934 auf einem abgelegenen Hof spielende Liebesgeschichte zwischen einem entflohenen Sträfling (Alain Delon) und einer deutlich älteren Witwe (Simone Signoret).
Krimidrama mit zwei Ikonen des französischen Kinos in den Hauptrollen.
„Trotz der guten Darsteller eine langweilige Romanverfilmung mit aufgesetzt werkenden politischen Bezügen.“ (Lexikon des internationalen Films)
Anschließend einfach dranbleiben: um 21.40 Uhr zeigt Arte die Doku „Brainwashed – Sexismus in Kino“ (USA 2022) und um 23.25 Uhr, als TV-Premiere, den Stummfilmkrimi „Filibus“ (Italien 1915).
mit Alain Delon, Simone Signoret, Ottavia Piccolo, Jean Tissier, Monique Chaumette
Im Jahr des Drachen (Year of the Dragon, USA 1985)
Regie: Michael Cimino
Drehbuch: Oliver Stone, Michael Cimino
LV: Robert Daley: Year of the dragon, 1981 (Im Jahr des Drachen)
Äußerst gewalttätiger, realistischer Krimi über einen Polizisten, der gegen die Drogenmafia kämpft und, als ehemaliger Vietnam-Veteran, den Vietnam-Krieg in den Straßen von New Yorks Chinatown gewinnen will. Damals gab es Proteste von chinesischen Gemeinden (wegen Rassismus) und Robert Daley (wegen Gewalt); – trotzdem einer der besten Cop-Thriller der Achtziger.
Mit Mickey Rourke, John Lone, Ariane, Leonard Termo, Ray Barry, Caroline Kava, Eddie Jones
Auch bekannt unter den eher nichtssagenden Titeln „Manhattan-Massaker“ und „Chinatown-Mafia“
Wiederholung: Freitag, 3. Mai, 00.50 Uhr (Taggenau! – Und dann mit Sicherheit ungekürzt. Denn der Film ist FSK 16.)
Drehbuch: Shane Black, David Arnott (nach einer Geschichte von Zak Penn und Adam Leff)
Jack Slade ist ein Superbulle wie es ihn nur im Film gibt. Und das ist er auch: ein fiktionaler Polizist. Als er durch eine Verkettung unglücklicher Umstände – der junge Danny und eine magische Eintrittskarte haben etwas damit zu tun – in der realen Welt landet, bemerkt er schmerzhaft den Unterschied zwischen Fiktion und Fakt. Daneben muss er immer noch einen fiesen Filmganoven jagen.
Actionkomödie, die damals beim Publikum und der Kritik nicht so gut ankam. Inzwischen sieht das anders aus.
mit Arnold Schwarzenegger, Austin O’Brien, Charles Dance, Robert Prosky, Tom Noonan, Frank McRae, Anthony Quinn, F. Murray Abraham, Mercedes Ruehl, Art Carney
auch bekannt als „Der letzte Action-Held“ (Kinotitel)
Zehn Jahre nach seinem letzten Spielfilm „Jauja“, ebenfalls mit Viggo Mortensen, läut jetzt Lisandro Alonsos neuer Film „Eureka“ bei uns an. Mit 147 Minuten ist er ziemlich lang geraten; was auch daran liegt, dass er drei Geschichten erzählt, die lose bis überhaupt nicht miteinander verbunden sind und die, wie erwartbar bei voneinander unabhängigen Kurzfilmen, von unterschiedlicher Qualität sind. Der erste Kurzfilm ist ein im neunzehnten Jahrhundert spielender Western. Ein Fremder kommt in einen von Gesetzlosen, halbseidenen Säufern und Huren bewohnten Ort. Was er in dem Ort zu finden hofft, ist unklar. Aber schnell ist klar, dass er ein begnadeter und schneller Schütze ist, der ohne zu zögern andere Menschen erschießt.
Diese Geschichte endet abrupt nach 23 Minuten in der Gegenwart in einem Fernseher, der in der Wohnung einer Polizistin in South Dakota im Pine Ridge Reservat im Hintergrund läuft. In den nächsten über siebzig Minuten beobachtet Alonso die Polizistin bei der Arbeit, die vor allem aus langen nächtlichen Fahrten auf einsamen Straßen besteht. Dabei trifft sie auf eine Französin, deren Auto liegen geblieben ist, und einen Einheimischen, der betrunken Auto fährt. Sie wird auch zu einem Fall von Häuslicher Gewalt gerufen. Alltag im Reservat eben.
Zur gleichen Zeit putzt ihre Nichte eine Turnhalle, trifft einen auf der Polizeistation inhaftierten Gleichaltrigen und sie bittet ihren Großvater um einen mythischen Trank, der ihr eine Flucht aus ihrem Leben im Reservat ermöglicht.
Nach diesem mit über siebzig Minuten umfangreichsten Erzählblock des Films springt der Film für die dritte und letzte Episode in das Jahr 1974 und in den brasilianischen Dschungel zu einem anscheinend weitab von der Zivilisation lebendem indigenen Volk. Deren naturverbundenes Leben wird von Goldsuchern bedroht. Einer der Indigenen begibt sich in das Lager der Goldsucher und sucht mit ihnen Gold. Später flüchtet er aus dem kapitalistisch-ausbeuterisch geführtem Lager in den Regenwald.
Alonso inszenierte seinen neuesten Film, bis auf den Western-Kurzfilm am Filmanfang, der lakonisch schwarzhumorig, schnell geschnitten und wie ein klassisches B-Picture erzählt ist, im Stil des dokumentarisch beobachtenden Slow Cinemas. Gerade im zweiten Teil, der sich stark am Independent Cinema orientiert, bleibt die Kamera fast immer auf dem Gesicht der Streifenpolizistin Alaina. Auch dieser Teil gefällt in den Teilen, in denen Alainas Arbeit und das Leben im Reservat dokumentiert wird. Er zeigt auch ausführlich die im Reservat stehenden hässlichen Billiggebäude und die menschenleere Landschaft, von der wir in der Nacht nur die Straße und einige Fertighäuser sehen. Erklärt wird wenig bis nichts. So kommt ihre Nichte, die in diesem Erzählblock die zweite Hauptrolle hat, im Lauf der normal wirkenden Nacht zu der Erkenntnis, dass sie nicht mehr im Reservat bleiben möchte, Sie bittet ihren Großvater um einem mythischen Trank, der ihr eine Reise durch Raum und Zeit ermöglicht; – was jetzt erst einmal nur nach einer pompösen Umschreibung für einen Drogentrip klingt. Immerhin ermöglicht dieser Trip Alonso den Übergang vom US-amerikanischen Indianerreservat nach Brasillien. Dieser dritte, in den siebziger Jahren spielende Kurzfilm langweilt dann nur noch. Viel zu vieles bleibt nebulös und das, was wir sehen, ist nicht interessant.
„Eureka“ ist nach einem fabelhaftem Start im Wilden Westen ein zunehmend uninteressanter und langweiliger werdender Slow-Cinema-Film.
Zwölf Jahre sind seit seinem letzten Spielfilm „Gnade“ vergangen. Danach schrieb und inszenierte er für das Fernsehen unter anderem die vergurkte TV-Krimiserie „Blochin“ und die zweite Staffel von „Das Boot“. Mit „Sterben“ kehrt Matthias Glasner jetzt zurück ins Kino; wobei der dreistündige Spielfilm mit seiner Unterteilung in fünf weitgehend in sich abgeschlossene Kapitel und einem Epilog wie eine leicht für das Kino erfolgte Umarbeitung einer auf sechs halbstündigen Episoden bestehenden Miniserie aussieht. In Interviews und Statements betont Glasner dagegen, dass er, gerade Vater geworden, in Berlin in einem Coffee Shop vor sich hin schrieb über seine Eltern und notgedrungen auch über sich. Dramaturgische Regeln ignorierte er dabei. Am Ende hatte er zweihundert Seiten und stand vor der Frage, ob jemand eine Verfilmung dieses Konvoluts finanzieren würde.
Es geht, im ersten Kapitel von „Sterben“, um Lissy Lunies (Corinna Harfouch) und ihren Mann Gerd (Hans-Uwe Bauer), der zunehmend unselbstständig wird. Dabei muss auch Lissy mit den Gebrechlichkeiten des Alters kämpfen. Glasner zeigt diesen Verfall präzise in Szenen, die gleichzeitig peinlich, grotesk und witzig sind. Ihre Kinder sind schon vor Jahren ausgezogen. Sie sehen sie nur selten. Ihr Sohn Tom (Lars Eidinger), den wir im zweiten Kapitel kennen lernen, arbeitet als Dirigent. Im Moment probt er das neue Stück seines Freundes Bernard (Robert Gwisdek). Dieser hadert, ganz die sensible, von Selbstzweifeln geplagte, depressive, suizidgefährdete Künstlerseele, mit seinem Werk und den Musikern, die es spielen sollen. Durch sein Verhalten verhindert er zuverlässig die geplante Aufführung des Stücks „Sterben“.
Und dann ist da noch Toms Schwester Ellen (Lilith Stangenberg), die erst im dritten Kapitel auftaucht. Sie ist eine Alkoholikerin, die eine Beziehung mit ihrem Chef, dem verheirateten Zahnarzt Sebastian Vogel (Ronald Zehrfeld), beginnt.
Jedes dieser Kapitel und auch die nächsten beiden Kapitel und der kürzere Epilog, in denen Gerd ins Altersheim kommt, es nach Gerds Beerdigung eine hochpeinliche Aussprache zwischen Lissy und Tom gibt, es doch zur desaströs verlaufenden Uraufführung des Orchesterwerkes und weiteren Todesfällen kommt, sind eigenständige, teils parallel spielende Kurzfilme/-geschichten, die unabhängig voneinander genossen werden können. Keine dieser Geschichten ist auf ein bestimmtes Ende hin geschrieben. Immer gibt es Szenen, die die Filmgeschichte nicht voran bringen. So werden die Proben für Bernards Musikstück und seine Selbstzweifel ausführlich gezeigt. Das Stück wird auch im Film gespielt. In den Momenten erfahren wir nichts über die Familie Lunies.
Eine blinde Stelle des Films ist, dass wir zwar viel über schwierigen Familienmitglieder, die ein Talent zum Unglücklichsein haben, erfahren, aber vieles auch nur erahnen können, weil Glasner sich nicht sonderlich für eine tiefenpsychologische Ursachenforschung oder einfache Erklärungen interessiert.
Deshalb können wir nur erahnen, warum Lissy, Gerd, Tom und Ellen nur noch in gegenseitiger Abneigung miteinander verbunden sind. Sie sind zwar alle schwierige Personen, aber am Ende sind die Lunies‘ weniger eine dysfunktionale, sondern mehr eine schrecklich normale Familie, die nicht mehr miteinander spricht, weil sie an verschiedenen Orten leben und sich nur noch zu Beerdigungen sehen.
Inwiefern das Porträt der Familie Lunies auch ein Porträt der Familie Glasner ist, ist natürlich unklar und auch unerheblich, um die Qualität des Films zu beurteilen. Auch wenn Glasner es explizit auf eine solche Interpretation anlegt, weil er unter anderem auf dem Filmplakat den von Hans-Uwe Bauer gespielten Gerd Lunies als „mein Vater“ bezeichnet.
Alle Bedenken wegen der Länge und der Dramaturgie, die keine stringente Geschichte erzählt, sondern in Ab- und Umwege zerfleddert, werden schnell von Glasners epischem Atem und seiner erzählerischen Kraft hinweggefegt. „Sterben“ dauert drei Stunden, die schnell vergehen, weil das in diesem Fall die richtige Länge ist und es einiges zu Lachen gibt. Auch wenn es das Lachen der Verzweiflung ist.
Auf der diesjährigen Berlinale erhielt Glasner den Silbernen Bären für das beste Drehbuch und der Film den Preis der Leserjury der Berliner Morgenpost.
Sterben (Deutschland 2024)
Regie: Matthias Glasner
Drehbuch: Matthias Glasner
mit Lars Eidinger, Corinna Harfouch, Lilith Stangenberg, Ronald Zehrfeld, Robert Gwisdek, Anna Bederke, Hans Uwe Bauer, Saskia Rosendahl, Saerom Park, Nico Holonics, Catherine Stoyan, Tatja Seibt
LV: Ferenc Molnár: Egy, kettó, három, 1929 (Theaterstück)
Der Berlin-Berlin-Film: Westberlin, August 1961: Mr. MacNamara, der Leiter der örtlichen Coca-Cola-Filiale, muss die heimliche Heirat zwischen der Tochter seines Chefs und einem Ostberliner Über-Proletarier rückgängig machen. Bevor der garstige Chef ankommt.
Billy Wilders turbulente und respektlose Komödie kam wenige Wochen nach dem Bau der Berliner Mauer in die Kinos und floppte. 1985, bei seiner Wiederaufführung, kam er deutlich besser an. Seitdem ist der Film ein Klassiker.
mit James Cagney, Horst Buchholz, Liselotte Pulver, Pamela Tiffin, Arlene Francis, Hanns Lothar, Karl Lieffen, Howard St. John, Ralf Wolter, Hubert von Meyerinck
Art Donaldson (Mike Faist) befindet sich als Tennisprofi – mehrfacher Grand-Slam-Gewinner und einer der fünf besten Tennisspieler weltweit – in einer mentalen Tiefphase. Anstatt zu gewinnen, verliert er. Seine Frau und Managerin Tashi (Zendaya) schickt ihn deshalb zu einem kleinen Turnier an einer Provinzuniversität. Seine Gegner sind Anfänger, die er leicht besiegen kann. Danach sollte er mental wieder fit für die nächsten richtigen Turniere sein.
Dieser Plan kollidiert mit der Wirklichkeit, als Patrick Zweig (Josh O’Connor) auftaucht. Auch er ist ein Tennisprofi. Er zehrt von früheren Erfolgen und ist in einer finanziellen Tiefphase. Mit seiner Kreditkarte kann er noch nicht einmal ein billiges Hotelzimmer bezahlen. Das Preisgeld würde sein Bankkonto aufbessern.
Es ist klar, dass diese beiden Profis, wenn nichts unvorhergesehenes passiert, im Finale gegeneinander antreten werden. Aber es kommt noch schlimmer. Denn Art, Patrick und Tashi kennen sich von früher.
Vor dreizehn Jahren waren die Jugendfreunde Art und Patrick sehr gut miteinander befreundet. Auf der Tennisschule teilen die Schüler ein Zimmer. Auf dem Tennisplatz sind sie ein Team. Das im Profisport übliche und vor allem im Tennis alles dominierende Konkurrenzdenken und der unbedinge Wille zum Gewinnen ist ihnen, wenn sie gegeneinander spielen, fremd. Sogar während des Trainings treten sie äußerst ungern gegeneinander an.
Während eines Turniers lernen die beiden Achtzehnjährigen die gleichaltrige Tashi Duncan kennen. Sie ist ein raketengleich aufsteigendes Talent, in das sie sich bei ihrer ersten Begegnung sofort verlieben. Als sie eines ihrer Spiele besuchen, haben sie nur noch Augen für Tashi. Luca Guadagnino zeigt das wunderschön ökonomisch und überdeutlich: anstatt das Spiel und damit, wie die anderen Zuschauer, die Bewegungen des Tennisballs zu verfolgen, starren Art und Patrick mit offenen Mündern nur auf Tashi. Kurz darauf sprechen sie sie, in dem sicheren Bewusstsein, von ihr eine Abfuhr zu erhalten, an. Sie nimmt die Einladung an, verdreht den beiden verliebten Jungs hoffnungslos den Kopf und manipuliert sie.
Ob sie dies mehr unschuldig-naiv oder eiskalt-berechnend tut, wie sehr ihre Handlungen rein egoistisch motiviert sind und wie sehr sie die beiden Jungs liebt, bleibt dabei bis nach dem Abspann wohltuend diffus. Ähnliches gilt für Art und Patrick, die beide deutlich naiver und manipulierbarer sind. Trotzdem ist immer zumindest etwas unklar, wer hier wen gerade für was benutzt. Weil Guadagnino die wahren Gefühle und Motive von Tashi, Art und Patrick, die sich im Lauf der Zeit auch ändern, durchgehend in der Schwebe lässt, gelingt es ihm einerseits komplexe Figuren und ein komplexes Beziehungsgeflecht zu schaffen, und andererseits, in schönster trashiger Pulp-Tradition, munter drauflos zu delirieren. Hier ist alles immer eine Spur zu offensichtlich, zu grell, zu laut (die Musik ist von Trent Reznor und Atticus Ross) und jede Szene ist länger und intensiver als nötig inszeniert. Dafür verzichtet er auf Psycholigisierungen. Hier ist alles Oberfläche. In seiner Inszenierung schielt Guadagnino mit seiner im Profitennismilieu spielenden Dreiecksgeschichte , die sich für Tennis herzlich wenig interessiert, eindeutig in Richtung Werbe- oder Musikvideo.
Während des gesamten Films springt er, mit vielen bewussten Lücken und Auslassungen, zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her und erzählt dabei die Liebes-Dreiergeschichte zwischen Tashi, Patrick und Art als Delirium zwischen Traum und Alptraum.
Das macht „Challengers – Rivalen“ zu einem Trip, der einem, wie mir, gerade wegen seinem hemmungslosem Flirten mit und zwischen Trash und Pulp gefällt. Oder man hält das Drama für prätentiöse Scheiße, in der ein Nichts an Handlung mit exaltierter Kameraarbeit, hoffnungslosen Übertreibungen, einer konfusen Erzählung und dröhnend lauter Techno-Musik überdeckt werden soll, Zwischen diesen polarisierenden Meinungen dürfte es bei Guadagninos neuem Film nichts geben. Und das ist gut so.
Challengers – Rivalen (Challengers, USA 2024)
Regie: Luca Guadagnino
Drehbuch: Justin Kuritzkes
Musik: Trent Reznor, Atticus Ross
mit Zendaya, Mike Faist, Josh O’Connor, Darnell Appling, Bryan Doo, Nada Despotovich, Joan Mcshane