Eine kleine Geschichte erzählt Colm Bairéad, nach mehreren Kurz-, Dokumentar- und TV-Filmen, in seinem Spielfilmdebüt „The Quiet Girl“. Es basiert auf Claire Keegans hochgelobter Kurzgeschichte „Foster“, die ursprünglich im Magazin „The New Yorker“ erschien und von Keegan für die spätere Buchveröffentlichung etwas erweitert wurde.
In der in Irland spielenden Geschichte geht es um die schweigsame neunjährige Cáit. Im Sommer 1981 wird sie von ihren Eltern zu einer Cousine ihrer hochschwangeren, von allem überforderten Mutter geschickt. Cáit soll dort über den Sommer bei den Cinnsealachs auf deren Farm bleiben. Vielleicht auch länger. Eibhlin hat Cáit zuletzt als Baby gesehen.
Eibhlín ist freundlich zu der schüchternen Cáit. Ihr Mann Seán schweigt währenddessen vor sich hin. Langsam fassen sie Vertrauen zueinander und Cáit blüht etwas auf. Am Ende des stillen Dramas des Sommers wird sie von Seán und Eibhlin zu ihren Eltern zurückgebracht. Aber Cáit ist jetzt ein anderer Mensch. Sie hat ein anderes Leben und andere Erwachsene kennen gelernt.
Viel passiert nicht in „The Quiet Girl“. Und doch passiert viel. Denn Bairéad erzählt, betont undramatisch, wie sich drei Menschen langsam näherkommen. Er erzählt, wie ein Kind endlich Geborgenheit findet. Und er zeigt, ebenfalls ohne alle Hintergründe zu verraten, wie Eltern mit dem Verlust eines Kindes umgehen. Dabei wird wenig geredet. Und trotzdem ist es ein sehr beredsames Schweigen, das sich im Lauf des Films verändert und den drei Hauptfiguren ihre Geheimnisse lässt. Das liegt auch an Bairéads distanziert-beobachtender, bis auf einige sehr wenige Szenen, betont undramatischer Regie.
„The Quiet Girl“ gewann 2022 auf der Berlinale in der Sektion „Generationen“ den Hauptpreis. Bairéads Film war, als erster irischer Film, 2023 für den Oscar als bester internationaler Film nominiert. Er gewann, unter anderem von der Irish Film & Television Academy, etliche irische Filmpreise. Und er war in Irland ein Publikumshit.
Das Bonusmaterial der DVD besteht aus einem knapp elfminütigem, informativem Interview mit dem Regisseur und Drehbuchautor Colm Bairéad.
Sherlock: Die sechs Thatchers (The Six Thatchers, Großbritannien 2017)
Regie: Rachel Talalay
Drehbuch: Mark Gatiss
Erfinder: Steven Moffat, Mark Gatiss
LV: Charakter von Sir Arthur Conan Doyle
Ein Ministersohn wird ermordet. Auf einem Beistelltisch mit Margaret-Thatcher-Devotionalien fehlt eine Thatcher-Gipsbüste. Sherlock Holmes fragt sich, warum die Thatcher-Büste verschwunden ist – und was das Geheimnis der Thatcher-Büsten ist.
Die Inspiration für „Die sechs Thatchers“ ist die Sherlock-Holmes-Geschichte „Die sechs Napoleons“.
Ziemlich furioser Auftakt der vierten „Sherlock“-Staffel, die wieder aus drei spielfilmlangen Episoden besteht. Nachdem bei der dritten Staffel die Fälle so nebensächlich wurden, dass man sie schon während des Sehens vergaß, sind die Fälle jetzt wieder gelungener. Allerdings sind sie wieder kaum nacherzählbar und zunehmend durchgeknallter und immer mehr miteinander und mit den Biographien von Sherlock Holmes und Dr. John Watson verknüpft und sie gehen immer mehr in Richtung einer großen, großen Verschwörung. Das ist nicht uninteressant und flott erzählt, aber auch der Stoff, der sich (schlechter) in ungefähr jeder zweiten Serie findet.
Denn auch Sherlock Holmes‘ brave Haushälterin Mrs. Hudson hat eine Vergangenheit, die wir bis jetzt nicht kannten.
Mit Benedict Cumberbatch, Martin Freeman, Amanda Abbington, Una Stubbs, Louise Brealey, Rupert Graves, Mark Gatiss, Lindsay Duncan, Simon Kunz, Sacha Dhawan
Beverly Hills Cop – Ich lös’ den Fall auf jeden Fall (Beverly Hills Cop, USA 1984)
Regie: Martin Brest
Drehbuch: Daniel Petrie jr. (nach einer Geschichte von Danilo Bach und Daniel Petrie jr.)
Als ein alter Freund von Detroit-Cop Axel Foley ermordet wird, nimmt Foley Urlaub und beginnt im noblen Beverly Hills den Mörder zu jagen. Dort fällt er nicht nur wegen seiner Hautfarbe, seinen Klamotten, seinem Mundwerk, sondern auch wegen seinen Methoden (die jede geschriebene und ungeschriebene Dienstvorschrift ignorieren) auf.
Die Action-Comedy war damals ein Kassenschlager und zog zwei schwächere Fortsetzungen nach sich. Einen vierten Film mit Axel Foley (Eddie Murphy) wird, nachdem er Ewigkeiten im Gespräch war, im Sommer bei Netflix veröffentlicht.
„Meisterwerk des Kommerzes“ (Fischer Film Almanach 1986)
„pures Entertainment“ (Wolfgang Schweiger: Der Polizeifilm)
Tja, das Team Simpson/Bruckheimer wusste schon damals, wie sie an unser Geld kommen. Ihr nächster Film war „Top Gun“.
Das Drehbuch war für einen Oscar und den Edgar-Allan-Poe-Preis nominiert.
mit Eddie Murphy, Judge Reinhold, John Ashton, Lisa Eilbacher, Steven Berkoff, James Russo, Jonathan Banks, Stephen Elliott
Wiederholung: Montag, 1. April, 13.45 Uhr (davor zeigt Kabel 1 um 9.55 Uhr „Beverly Hills Cop III“ und um 11.50 Uhr „Beverly Hills Cop II“)
Nächstes Jahr sollte ich auf der Leipziger Buchmesse endlich die vielen Cosplayer*innen aus dieser und allen anderen Welten fotografieren. Die scheinen das Posieren zu genießen. Deadpool – auch ihn habe ich auf der Messe gesehen – wohl auch.
Dieses Jahr habe ich Interviews mit Christine Lehmann (über „Alles nicht echt“), Stefán Máni (über „Abgrund“) und Anthony J. Quinn (über „Frau ohne Ausweg“) geführt. Ich muss sie die Tage noch etwas bearbeiten.
Bis dahin gibt es einige Schnappschüsse von gutgelaunten Krimiautor*innen mit ihren neuesten Kriminalromanen. In alphabetischer Reihenfolge:
Frauke Buchholz ist mit „Skalpjagd“ (Pendragon) am Ende einer Trilogie um den kanadischen Profiler Ted Garner, die vielleicht doch eine aus vier (oder mehr) Romanen bestehende ‚Trilogie‘ wird. Sie meinte, es gebe noch offene Fragen.
Jürgen Heimbach entführt uns in seinem neuen Krimi „Waldeck“ (Unionsverlag) in die sechziger Jahre zum ersten Burg-Waldeck-Festival. Während dort noch heute bekannte Musiker klampfen, sucht Journalist Ferdinand Broich einen untergetauchten SS-Arzt.
Chrstine Lehman lässt in ihrem 13. Lisa-Nerz-Krimi „Alles nicht echt“ (Ariadne) ihre Heldin in der Nachrichtenredaktion eines ÖRR-Senders ermitteln. Sie soll herausfinden, wer einige Daten aus dem Sender geklaut hat. Kurz darauf sucht sie einen Mörder.
Stefán Máni führt in Island seinen jungen Helden an den „Abgrund“ (Polar). Der Naivling glaubt, irgendetwas mit dem Verschwinden einer jungen Videothek-Mitarbeiterin zu tun zu haben. „Abgrund“ ist auch der erste Roman mit Kriminalpolizist Hörður Grímsson.
Anthony J. Quinn ist mit einer untergetauchten, aus Osteuropa kommenden „Frau ohne Ausweg“ (Polar) und seinem Ermittler Celcius Daly im irisch/nordirischen Grenzgebiet unterwegs. Daly sucht den Mörder ihres Zuhälters. Troubles garantiert
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Das sind jetzt mindestens fünf leichengesättigte Lesetipps für den qualitätsbewussten Krimifan.
Als ihr Sohn Minato mal verstört, mal schmutzig, mal nur mit einem Schuh und auch mal verletzt aus der Schule kommt, ist seine ihn liebende Mutter Saori Mugino zunehmend irritiert und auch entsetzt. Sie will wissen, was vorgefallen ist. Aber Minato schweigt. An der Schule wird die alleinerziehende Witwe von den Lehrern höflich-abweisend behandelt. Die Entschuldigung von Minatos Lehrer Michitoshi Hori ist so gekünstelt, dass sie nicht mehr als eine für alle peinliche und steife Übung in japanischer Höflichkeit ist. Danach hat Saori noch mehr Fragen als vorher.
Diese Antworten gibt Hirokazu Kore-Eda im Lauf seines neuen Films „Die Unschuld“. Erstmals seit seinem Debüt „Maboroshi – Das Licht der Illusion“ (Maboroshi no Hikari, 1995) verfilmte er wieder ein von einem anderen Autor geschriebenes Drehbuch. Es ist von Yûji Sakamoto. Sakamoto ist in Japan vor allem als TV-Autor bekannt. Kore-Eda sagt über ihn und warum sie für diesen Film zusammen arbeiteten: „Sakamoto ist der Drehbuchautor, den ich von den heute noch aktiven Autoren am allermeisten schätze. Unsere Geschichten haben ähnliche Inhalte und Themen, obwohl wir sie an verschiedenen Zeitpunkten verhandeln und eine jeweils ganz eigenen Herangehensweise und Sichtweise haben. Es ist, als würden wir dieselbe Luft einatmen, aber auf unterschiedliche Weise ausatmen.“
Das Rätsel über Minatos seltsames Verhalten lösen Kore-Eda und Sakamoto, indem sie sich ihm aus drei unterschiedlichen Perspektiven nähern. Sie erzählen sie nacheinander, quasi wie thematisch zusammenhängende, sich zeitlich teilweise überlappende Kurzgeschichten. Aus einem Spielfilm, der die Geschichte einer Person erzählt, machen sie drei Kurzfilme, in denen einige Ereignisse und das Verhalten einiger Personen aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet wird.
Nachdem in „Die Unschuld“ zuerst die Sicht der besorgten Mutter Saori erzählt wird, wird das Geschehen anschließend aus der Sicht des jungen, allgemein beliebten und um seine Schüler bemühten Lehrers Hori erzählt. Auf den ersten Blick ist undenkbar, dass er irgendetwas Schlimmes getan haben könnte. Die dritte Annäherung erfolgt aus Minatos Sicht. Mit jeder neuen Perspektive erfahren wir mehr über die beschwiegenen Ereignisse, die Motive der mehr oder weniger daran beteiligten Menschen, wie sie sich fühlen, wie sie sie wahrnahmen und warum sie sich so verhalten, wie sie sich verhalten. Dabei lässt Kore-Eda auch immer einiges in der Schwebe. Er lässt jeder Figur ihre Sicht auf die Geschehnisse. Er will, wie auch in seinen anderen Filmen, nicht verurteilen, sondern verstehen.
Ein Problem bei diesem gleichberechtigten Erzählen aus verschiedenen Perspektiven in in sich abgeschlossenen Erzählblöcken ist, dass in jeder Geschichte vieles, das bereits aus einer anderen Geschichte bekannt ist, mit kleinen Akzentverschiebungen, noch einmal erzählt wird. Das Geheimnis um das von allen beschwiegene Ereignis ist ziemlich schnell offensichtlich. „Die Unschuld“ ist halt kein Rätselkrimi, in dem ein Mörder überführt werden soll, wie in Akira Kurosawas Klassiker „Rashomon“, sondern eine Geschichte von Schule und Kindheit. Mit zwei Jungen, die im Wald gemeinsam viel Zeit verbringen.
Das erzählt Kore-Eda gewohnt feinfühlig und seinen Figuren zugewandt. Trotzdem hatte ich während des Films immer das Gefühl, dass der Gimmick mit den drei Perspektiven überflüssig ist und mehr stört als hilft.
LV: Robert L. Pike (Pseudonym von Robert L. Fish): The mute witness, 1963 (später “Bulitt”)
Lieutenant Bullitt soll einen Mafia-Kronzeugen bewachen. Als dieser umgebracht wird, beginnt Bullitt die Täter zu suchen.
In die Filmgeschichte ging Bullitt wegen seiner arschlangen Autoverfolgungsjagd durch San Francisco ein. An der Kinokasse war der Film besonders wegen der Besetzung erfolgreich: Steve McQueen und Jacqueline Bisset. – Inzwischen hat „Bullitt“ mächtig Patina angesetzt: die Story ist wirklich simpelst, die Kamera von einer unerträglichen Glätte und, seitdem eine Autoverfolgungsjagd zum Inventar eines Polizeifilms (und selbstverständlich eines Action-Films) gehört, ist die „Bullitt“-Verfolgung auch nicht mehr so sensationell.
Das Drehbuch von Alan Trustman und Harry Kleiner erhielt einen Edgar als bestes Spielfilmdrehbuch.
Mit Steve McQueen, Robert Vaughn, Jacqueline Bisset, Don Gordon, Robert Duvall, Simon Oakland
Paul Matthews (Nicolas Cage) ist ein ganz gewöhnlicher, unauffälliger, biederer, glücklich verheirateter Familienvater, studierter Naturwissenschaftler und Collegeprofessor an einer absolut okayen Schule. Nichts an ihm ist außergewöhnlich. Alles ist durchschnittlicher Durchschnitt. Bis eine frühere Freundin in einen Artikel über sein Auftauchen in ihren Träumen schreibt. Danach sagen immer mehr Menschen, die ihn vorher noch nie gesehen haben, dass er seit einiger Zeit auch in ihren Träumen auftaucht. Egal was in den Träumen passiert, er steht einfach nur so da und beobachtet alles teilnahmslos. Das entfaltet bei Katastrophen und ungewöhnlichen, nur in der Fantasie möglichen Ereignissen natürlich eine absurde Komik, die Regisseur Kristoffer Borgli („Sick of Myself“) weidlich ausnutzt. Gleichzeitig schildert er, ebenfalls mit einem Gespür für die komischen und absurden Sollburchstellen, wie sich Pauls Leben verändert. Plötzlich ist er ein weltweites Phänomen. Alle wollen mit ihm reden, ein Selfie machen und Ratschläge erhalten. Eine Agentur möchte ihn gewinnbringend vermarkten.
Alles ist perfekt, bis er beginnt, sich in den Träumen der Menschen anders zu verhalten. Als erstes erzählt ihm die junge Assistentin der Agentur davon. Sie kennt ihn aus ihren Träumen als Sexmonster. In anderen Träumen mordet er. Seine Schüler haben, weil er in ihren Träumen schlimme Dinge tat, plötzlich Angst vor ihm. Sie wollen seine Kurse nicht mehr besuchen. Die Schulleitung möchte die Sorgen und Ängste ihrer Schüler berücksichtigen. Und Paul, der nichts getan hat, ist plötzlich das Opfer in einem kafkaeskem Cancel-Culture-Alptraum.
„Dream Scenario“ ist eine köstliche, wundervoll reduziert und unaufgeregt inszenierte Schwarze Komödie über einen Mann, der berühmt wird, weil er plötzlich in jedem Traum auftaucht. Was am Anfang wie ein absurder Gag wirkt, entwickelt sich zu einem globalen Alptraum. Mit einigen Seitenhieben gegen die Cancel Culture, etwas Mediensatire und einem etwas unbefriedigendem Ende.
Das unbestrittene Highlight in Borglis deprimierend unterhaltsamer Komödie ist Nicolas Cage. Er spielt diesen biederen, absolut durchschnittlichen Collegeprofessor, der plötzlich berühmt wird, sehr überzeugend und sehr reduziert als einen von der Situation überforderten Jedermann, an den sich niemand erinnert und der in einer Menschenmasse nicht auffällt.
Dream Scenario(Dream Scenarion, USA 2023)
Regie: Kristoffer Borgli
Drehbuch: Kristoffer Borgli
mit Nicolas Cage, Julianne Nicholson, Michael Cera, Tim Meadows, Dylan Baker, Dylan Gelula
Vor einigen Monaten zeigte Wim Wenders in „Anselm – Das Rauschen der Zeit“ die Bibliothek von Anselm Kiefer. Der Künstler hat sie eher minderprächtig in einer riesigen alten Lagerhalle untergebracht.
Jetzt zeigt Davide Ferrario in „Umberto Eco: Eine Bibliothek der Welt“ die Bibliothek von Umberto Eco, die es so nicht mehr gibt. Einerseits weil der am 5. Januar 1932 geborene Umberto Eco am 19. Februar 2016 verstorben ist, andererseits weil seine Familie Anfang 2021 mit dem Kulturministerium eine Vereinbarung unterzeichnete, nach der die über 30.000 zeitgenössischen Werke aus Ecos Bibliothek der Universität von Bologna und die 1.500 antiken und seltenen Bücher nach Mailand an die Biblioteca Braidense übergeben werden sollen. Ecos Bibliothek soll dauerhaft für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Und das geht in einem verwinkelten Mailänder Privathaus nicht.
Umberto Eco war Semiotiker, Medienwissenschaftler, Philosoph, Essayist, in Italien ein bekannter, respektierter, humorvoller Intellektueller und Romanautor. Sein bekanntestes Buch ist „Im Namen der Rose“. Wobei seine nächsten Romane viel besser seien, sagt er in einem Interview, das Ferrario in „Umberto Eco: Eine Bibliothek der Welt“ zeigt. Ferrarios essaystischer Dokumentarfilm beginnt mit einem Blick in Umberto Ecos riesige Bibliothek. Ein Jahr vor seinem Tod bat Ferrario Eco durch die Bibliothek zu gehen und dabei den umständlichsten Weg zu dem entlegensten Buch zu wählen. Eco tat ihm, begleitet von einem Kameramann, den Gefallen.
Ausgehend von dem Gang durch die Bibliothek spannt Ferrario einen Bogen zu Umberto Ecos Schaffen und Denken. In drei Kapiteln und einem Epilog nähert er sich essaystisch und sehr verspielt dem Denker. Immer ist eine Tür für eine andere Interpretation offen oder es handelt sich um gleichzeitig kluge und witzige Beobachtungen. So lehnt Eco E-Books ab, weil er im Text nichts unterstreichen und sich am Textrand keine Notizen machen kann (das Problem sollte inzwischen technisch gelöst sein) und er keine Marmeladenflecken im Buch hinterlassen kann. Den Wert eines Mobiltelefons – er besitzt eines, hat es aber immer ausgeschaltet – sieht er als Notizbuch. Das Internet sieht er, mit gut nachvollziehbaren Argumenten, kritisch. Ergänzt werden Ecos Interviews und öffentliche Auftritte von Schauspielern, die Texte von Eco in einer theaterhaften Performance vortragen. Diese Auftritte inszenierte Ferrario in verschiedenen anderen Bibliotheken. Familienmitglieder erzählen über ihr Leben mit Umberto Eco. Und selbstverstänlich zeigt Ferrario auch die Bücher, die in Ecos Bibliothek stehen. Es sind, wenig überraschend für alle, die Ecos Werk (und seine Romane) kennen, vergessene und obskure Werke,
Das ergibt eine spielerische und kurzweilige Annäherung an Umberto Eco, sein Denken und Werk, in der die eine Ansicht die andere Ansicht nicht ausschließt.
Umberto Eco: Eine Bibliothek der Welt ( Umberto Eco: La biblioteca del mondo, Italien 2022)
Regie: Davide Ferrario
Drehbuch: Davide Ferrario
mit Umberto Eco, Giuseppe Cederna, Niccolò Ferrero, Paolo Giangrasso, Walter Leonardi, Zoe Tavarelli, Mariella Valentini, Bücher
Eine Großstadt in Südkorea, Gegenwart: Familie Kim lebt in einer verwanzten, auch mal überschwemmten, viel zu kleinen Kellerwohnung. Die ebenfalls vierköpfige Familie Park lebt in einem schicken Haus. Als der Sohn der Familie Kim bei den Parks einen Job als Nachhilfelehrer erhält, öffnet sich für die Kims die Tür zu einem besseren Leben, die sie skrupellos wahrnehmen.
„Parasite“ ist eine tiefschwarze, sehr präzise Gesellschaftssatire, bei der schnell unklar ist, wer die titelgebenden Parasiten sind. Nachdem der in jeder Beziehung überzeugende Thriller in Cannes abgefeiert wurde, erhielt er u. a. den Oscar als bester Film und den Oscar als bester ausländischer Film.
Nach dem nächsten Weltkrieg verbietet ein Diktator, der sich „Vater“ nennt, die Ursache für alles Übel: Gefühle. Als einer seiner Vollstrecker, der gnadenlos gegen Menschen, die doch Gefühle entwickeln (und damit so etwas wie einen freien Willen haben), jagt, dann doch Gefühle entwickelt…
Kleiner Kultfilm, der ganz hübsch „Fahrenheit 451“ (und ähnliche Dystopien, in denen die Regierung alles ausmerzt, was ihnen nicht in den Kram passt und eine Schöne Neue Welt errichtet) mit „Matrix“-artigen Kämpfen verbindet und das alles mit vielen Aufnahmen aus Berlin (einerseits weil in Babelsberg gedreht wurde, andererseits weil die Architektur zwischen Faschismus und Moderne einfach toll aussieht), etwas „Metropolis“-Style und Faschismus-Look garniert. Die meisten Kritiker mochten den Film nicht (der Rotten-Tomatoes-Frischegrad ist 40 Prozent), die wenigen Zuschauer (in Deutschland war’s eine DVD-Premiere) mochten den durchaus geschickt bekannte Versatzstücke miteinander verbindenden Film und die Phoenix Film Critics Society nominierte den Film in der Kategorie „Übersehener Film des Jahres“.
Kurt Wimmer verspielte seinen Credit in der SF-Szene mit dem komplett misslungenen SF-Film „Ultraviolet“, rehabilitierte sich etwas mit seinem “Total Recall”-Drehbuch und Christian Bale wurde Batman.
mit Christian Bale, Emily Watson, Taye Diggs, William Fichtner, Sean Bean, Dominic Purcell, Angus MacFadyen, Mehmet Kurtulus, David Hemmings
Gordon Davis (Samuel L. Jackson) und sein Auftragskiller Reggie Pitt (Joe Manganiello) sind gut im Geschäft. Deshalb sucht Gordon nach einer weiteren Möglichkeit, ihr illegal erworbenes Geld so anzulegen, dass die Herkunft ohne große Verluste verschleiert wird. Gordon ist dabei das Gehirn. Er besorgt die Aufträge von der Mafia. Er betreibt als Tarnung eine Bäckerei. Als er zufällig erfährt, dass mit Kunst viel Geld gemacht werden kann und dass die Preise für Kunstwerke in einem gewissen Rahmen willkürlich festgelegt werden, sieht er eine Möglichkeit zur Geldwäsche. Er fragt die finanziell klamme New Yorker Galeristin Patrice Capullo (Uma Thurman) ob sie für ihn Geld waschen würde. Nach einem kurzen Zögern ist sie einverstanden. Aber sie besteht darauf, dass sie irgendwelche Kunstwerke haben muss. Die Qualität der Werke ist egal. Sie sollen der illegalen Geldwäsche lediglich einen legalen Anschein geben. Also beauftragt Gordon Reggie mit der Herstellung dieser Werke. Es sind dilletantische Farbkleksereien und Abfall-Installationen, die er als „The Bagman“ signiert.
Ungeahnt schnell werden die Werke von „The Bagman“ zum letzten Schrei in der New Yorker Kunstszene. Jeder Sammler will ein Bagman-Werk haben. Sie bieten Patrice Höchstpreise für die Werke des unbekannten, öffentlichkeitsscheuen Künstlers. Patrices Galerie wird belagert. Gordon fragt sich, wie er seine Geschäftidee, die unter dem Radar der Öffentlichkeit ablaufen soll, retten kann. Und der etwas tumbe Reggie genießt die Anerkennung, die er plötzlich als Künstler für seine Arbeit erhält, Da ist es nur eine Frage der Zeit, bis der ganze Schwindel auffliegt.
„The Kill Room“ ist einer dieser Filme, die meist direkt auf DVD/Blu-ray/Stream erscheinen und die man sich wegen der Hauptdarsteller als „werde ich mir irgendwann einmal ansehen“ notiert. In diesem Fall sind das Uma Thurman und Samuel L. Jackson. „The Kill Room“ ist ihr erster gemeinsamer Film seit Quentin Tarantinos „Pulp Fiction“; – wobei sie, wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, in dem Film keine gemeinsame Szene haben. Samuel L. Jackson ist immer angenehm anzusehen, aber besonders wählerisch ist er bei seiner Rollenwahl nicht. Uma Thurman war vor Jahrzehnten ein Star. Ihr letzter großer Film ist „Kill Bill“. Das war vor zwanzig Jahren. Seitdem drehte sie emsig weiter. Sie spielte in Lars von Triers „Nymphomaniac“ und „The House that Jack built“ mit. Aber diese beiden Filme hat man sich nicht wegen ihr, sondern wegen von Trier angesehen.
Wegen lobender Besprechungen wandert das B-Picture dann auf der Watchlist etwas weiter nach oben und man vergisst den Film, bis er im Fernsehen gezeigt wird. Weil er aber zu einem so ungünstigen Zeitpunkt gezeigt wird, vergisst man ihn wieder – und, ehrlich gesagt, man hat auch nichts großartiges verpasst. Aber, wenn einem kleine, launige Gaunerkomödie mit gut aufgelegten Schauspielen gefallen, wird man vergnügliche hundert Minuten haben.
Regisseurin Nicol Paone vermengt in „The Kill Room“ locker-flockig, durchgehend selbstironisch die snobistische Welt der Kunstwelt mit der Working-Class-Gangsterwelt. Dabei entfaltet die Galeristin schnell eine beachtliche kriminelle Energie. Und der tumbe Killer wird mit seinen primitiven Werken schnell zur Sensation. Das erinnert ein wenig an Tarantinos „Pulp Fiction“ (ohne die Gewalt und Tarantinos Dialoge) und mehr an Woody Allens Gaunerkomödie „Schmalspurganoven“ (Small Time Crooks, 2000), in der eine zur Tarnung eröffnete Bäckerei gewinnbringender als der geplante Bankraub ist.
The Kill Room (The Kill Room, USA 2023)
Regie: Nicol Paone
Drehbuch: Jonathan Jacobsen
mit Uma Thurman, Samuel L. Jackson, Joe Manganiello, Maya Hawke, Debi Mazar, Dree Hemingway
Der vorherige „Ghostbusters“-Film „Legacy“ (Ghostbusters: Afterlife, USA 2021) wirkte wie eine gelungene Staffelübergabe an eine neue Generation Geisterjäger. Regisseur Jason Reitman verlegte die Handlung ins ländliche Oklahoma, führte eine neue Generation teils jugendlicher Ghostbusters ein und zitierte nebenbei das Original so, dass die Zitate niemals störten. Danach hätte es, während das alte Team seinen Ruhestand genießt, mit dem neuen Team weitergehen können. Aber jetzt sind wir mit der Fortsetzung „Frozen Empire“ gefangen in einem Film, der wie ein liebloses Abhaken der Wunschliste der „Ghostbusters“-Fans wirkt.
Die Geschichte von „Frozen Empire“ spielt, wie die Prä-“Legacy“-Filme, in New York. Die in „Legacy“ eingeführte Spengler-Familie und ihre Freunde aus Summerville, Oklahoma, sind in New York. Die Spenglers, also die superschlaue Phoebe, ihr älterer Bruder Trevor, ihre Mutter Callie und ihr Freund Gary Grooberson, leben in Tribeca in der altbekannten Ghostbusters-Zentrale und sie jagen Geister. Regisseur Gil Kenan, der bei „Legacy“ Co-Drehbuchautor war und 2015 das überflüssige „Poltergeist“-Remake inszenierte (ein Film, den auch Sam Rockwell nicht retten konnte), übernahm die Regie. Sein Film beginnt mit einer großen Actionszene, die auch gleichzeitig der Action-Höhepunkt ist. Dafür hat das Finale mit den aus dem Trailer bekannten Bildern vom vereisten New York die besseren Bilder. Am Filmanfang jagt die Spengler-Familie im altbekannten Ghostbuster-Mobil Ecto-1 am helllichten Tag durch die engen Gassen von Manhattan den Hell’s Kitchen Kanaldrachen, den sie letztendlich fangen können. Bis dahin missachten sie ungefähr jede Verkehrsregel und sie hinterlassen eine Spur der Verwüstung. Danach mäandert die Story ziellos zwischen mehr oder weniger schrecklichen Auftritten von teils bekannten Geistern, lahmen Witzen, der Vorbereitung des Auftritts des Oberbösewichts Garraka und dem Vorstellen der vielen, vielen, sehr vielen Ghostbusters.
In „Legacy“ konzentrierte sich die Geschichte auf die damals zwölfjährige Phoebe und ihre Familie. Das war ein überschaubares Ensemble, in dem jede Figur im Gedächtnis blieb. In „Frozen Empire“ sind alle, die jemals zu den Ghostbusters gehörten, sofern sie nicht verstorben sind, dabei.
Aus „Ghostbusters: Legacy“ sind
Mckenna Grace als Phoebe Spengler,
Finn Wolfhard als Trevor Spengler,
Carrie Coon als Callie Spengler,
Paul Rudd als Gary Grooberson
Logan Kim als Podcast und
Celeste O’Connor als Lucky Domingo
wieder dabei. Das sind alle Figuren, die vor drei Jahren in „Legacy“ als Haupt- und Nebengeisterjäger in das „Ghostbusters“-Universum eingeführt wurden.
Aus dem ersten „Ghostbusters“-Filmen sind
Bill Murray als Dr. Peter Venkman,
Dan Aykroyd als Dr. Raymond Stantz,
Ernie Hudson als Dr. Winston Zeddemore,
Annie Potts als Janine Meinitz und, auch wenn er kein Geisterjäger, sondern ein Geisterjäger-Jäger ist,
William Atherton als Bürgermeister Walter Peck
dabei.
In „Legacy“ hatte sie kurze, ans Ende geklatschte Cameo-Auftritte, die für den Film egal, für die Werbung und das Fanherz wichtig waren. Dieses Mal haben sie umfangreichere, für die Geschichte wichtigere Rollen.
Und, als ob das nicht genug Ghostbuster wären, führt Regisseur Gil Kenan noch einige weitere Ghostbusters ein. Nämlich
Kumail Nanjiani als Nadeem Razmaadi,
James Acaster als Lars Pinfield und wenn ich jetzt vielleicht einen weiteren Neuzugang vergessen habe, dann tut es mir leid. Irgendwann geht der Überblick verloren und aus individuellen, wiedererkennbaren Figuren, mit denen man mitfiebert, wird nur noch eine Masse austauschbarer Fußsoldaten. Patton Oswalt hat, obwohl er im Trailer prominent auftaucht, nur einen Auftritt als Dr. Hubert Wartzki. Und das ist gut so.
Acaster arbeitet in Winston Zeddemores Paranormal Research Center. Das baute er in den vergangenen Jahren als zweiten Standort neben dem Ghostbusters-Hauptquartier auf (Frag nicht. Ist halt so.). Neben dem altbekannten Ghostbusters-Hauptquartier ist Zeddemores Forschungszentrum ein zweiter wichtiger Handlungsort.
Razmaadi ist ein Taugenichts, der am Anfang der Horrorkomödie ein Erbstück verkauft, ohne zu wissen, dass in der fußballgroßen Kugel seit Jahrzehnten der Dämon Garraka gefangen ist. Garraka ist der Anführer der Untoten. In Sekundenbruchteilen kann er Menschen zu Eis gefrieren lassen. Falls er sich aus der Kugel befreit, könnte sein Auftauchen das Ende der Welt bedeuten. Im Lauf des Films erfährt Razmaadi einiges über seine Familie. Am Ende gehört er zu den Geisterjägern.
Das sind jetzt zwölf Ghostbuster, die alle im Finale irgendetwas tun müssen. Auch wenn der geneigte Zuschauer sich nachher fragt, was denn diese Figur im Finale genau getan hat.
Der Weg bis zum Finale, in dem die Ghostbusters gegen Garraka kämpfen und Manhattan, New York und die Welt retten wollen, gestaltet sich arg langwierig. Das liegt auch daran, dass Garraka erst im Finale auftaucht und dann schwuppdiwupp New York und seine Bewohner gefrieren lässt. Bis dahin gibt es einige Hinweise auf sein Auftauchen, das Auftauchen anderer Geister, Witzeleien und jeder Ghostbuster darf einmal durch das Bild laufen.
Das Ergebnis ist das als Horrorkomödie getarnte Abarbeiten einer Checkliste. Lustlos, ohne besonderes Engagement und mit viel zu vielen Geisterjägern. Als Auftakt für eine TV-Serie mag das funktionieren. Als Spielfilm nicht.
Ghostbusters: Frozen Empire (Ghostbusters: Frozen Empire, USA 2024)
Regie: Gil Kenan
Drehbuch: Gil Kenan, Jason Reitman (basierend auf dem 1984er Film „Ghostbusters“ von Ivan Reitman [Regie], Dan Aykroyd [Drehbuch] und Harold Ramis [Drrehbuch])
mit Mckenna Grace, Finn Wolfhard, Carrie Coon, Paul Rudd, Logan Kim, Celeste O’Connor, Bill Murray, Dan Aykroyd, Ernie Hudson, Annie Potts, William Atherton, Kumail Nanjiani, James Acaster, Patton Oswalt, Emily Alyn Lind
Alice im Wunderland (Alice in Wonderland, USA 2010)
Regie: Tim Burton
Drehbuch: Linda Woolverton
LV: Lewis Carroll: Alice’s Adventures in Wonderland, 1865 (Alice im Wunderland), Through the Looking-Glass, 1871 (Alice hinter Spiegeln)
Tim Burtons Interpretation der allseits bekannten Geschichte von Alice, die als Kind im Wunderland phantastische Figuren trifft und phantastische Abenteuer erlebt. Bei Burton kehrt sie als junge Erwachsene zurück in das Wunderland, wo sie ihre alten Freunde wieder trifft und ihnen beim Kampf gegen die böse Rote Königin helfen soll.
mit Mia Wasikowska, Johnny Depp, Helena Bonham Carter, Anne Hathaway, Crispin Glover, Matt Lucas
Regulär startet die grandios aussehende 4K-Restaurierung von Jonathan Demmes „Stop Making Sense“ erst am 28. März. Aber bereits am 22., 23. und 24. März gibt in zahlreichen Kinos Previews, für die sich bereits einige Tage vorher einige Karten gekauft werden können. Und, ja, es lohnt sich, den Konzertfilm wieder oder erstmals im Kino zu sehen. Nicht umsonst wird „Stop Making Sense“ immer noch, vierzig Jahre nach seiner Premiere, als einer der besten Konzertfilme genannt. Das liegt an der betont minimalistischen Inszenierung. Nichts lenkt von dem Konzert der Talking Heads und seiner ebenso einfachen, wie durchdachten, schlüssigen und überzeugenden Dramaturgie ab. Jonathan Demme verzichtet auf die bei Rockkonzerten immer wieder nervende Kamera, die hektisch wackelt und zoomt als gäbe es kein Morgen und die nur eine Aufgabe erfüllt: vom Spiel der Band abzulenken. Gleiches gilt für die Bilder vom begeistert klatschendem und mitgröhlendem Publikum. In „Stop Making Sense“ ist das Publikum erst am Filmende für einige Sekunden zu sehen. Bis dahin wird nur die Bühne und was auf ihr geschieht, gezeigt. Ohne Brimborium und von der Musik und dem Spiel der Musiker ablenkenden Effekthaschereien.
An drei Abenden im Dezember 1983 nahm „Das Schweigen der Lämmer“-Regisseur Jonathan Demme mit sieben Kameras im Pantages Theater in Hollywood, Los Angeles, die Konzerte der Talking Heads auf. Dabei konzentrierten sich die Kameras an jedem Abend auf einen anderen Teil der Bühnenpräsentation. Deshalb sehen wir in den Totalen von der Bühne keine Kameras auf der Bühne. Damit es beim späteren Zusammenschnitt keine Probleme mit den Outfits der Musiker gab, trugen sie während der Konzerte immer das gleiche Outfit. Bevorzugt nicht reflektierende dunkle oder neutrale Kleidung. Kein Bandmitglied sollte besonders hervorhoben werden und so den Gesamteindruck stören. Für die Abwesenheit von Publikumsbildern gibt es, auch wenn heute unklar ist, ob das von Anfang an so geplant oder eine glückliche Fügung war, eine einfache Erklärung. An einem Abend wurden auch das Publikum aufgenommen. Dafür musste im Saal Licht eingeschaltet werden. In dem beleuchteten Saal und vor den Kameras reagierte das Publikum verhaltener als in den anderen Shows und die Band spielte, so heißt es, ihr vielleicht schlechtestes Konzert.
Es waren also einige Zufälle und technische Notwendigkeiten, die zu dem gelungenen Gesamteindruck beitragen. Dass an mehreren Abende gefilmt wurde, half. Ebenso dass die Talking Heads für dieses Konzert ein ebenso einfaches, wie überzeugendes, in der vorherigen Tour erprobtes Konzept hatten. Mit jedem Song, beginnend mit David Byrnes Solo-Interpretation von „Psycho Killer“, betreten weitere Bandmitglieder die Bühne. Bühnenarbeiter schieben während der einzelnen Songs immer mehr Bühnenteile und Instrumente auf die zunächst leere Bühne. Später verändert sich das Bühnenbild mit minimalen Mitteln. Während des Konzerts werden auf die hintere Wand der Bühne nur einige Bilder projeziert. Das Bühnenlicht setzt einige Akzente. Es gibt eine schon damals schreiend altertümliche Stehlampe. Und David Byrne tritt in einem Big Suit auf.
Dabei fällt in der Physiognomie eine erstaunliche Ähnlichkeit zwischen Band-Mastermind David Byrne und „Oppenheimer“-Schauspieler Cillian Murphy auf. Falls es also demnächst ein Biopic über die Talking Heads gibt, wäre der Hauptdarsteller schon gefunden.
Für die jetzige Kinopräsentation wurde der Film vom Original-Negativ, das seit 1992 unangetastet bei MGM im Filmlager lag, in 4K und Dolby Atmos restauriert. Das Ergebnis überzeugt restlos und die Musik, über die ich jetzt kein Wort verloren habe, ist immer noch grandios.
Stop Making Sense(Stop Making Sense, USA 1984)
Regie: Jonathan Demme
Drehbuch: Jonathan Demme, Talking Heads
mit David Byrne, Chris Frantz, Jerry Harrison, Tina Weymouth, Ednah Holt, Lynn Mabry, Steve Scales, Alex Weir, Bernie Worrell
Länge: 88 Minuten
FSK: ab 0 Jahre
Regulärer Kinostart: 28. März 2024
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Die Previews (sortiert nach Ort, Tag, Kino – Mein Tipp: das größte Kino mit dem besten Sound wählen)
DDR, 1980: nachdem sie einen Ausreiseantrag gestellt hat, erhält die Charité-Ärztin Barbara Wolff ein Angebot, das sie nicht ablehnen kann: eine Stelle in einem Krankenhaus an der Ostseeküste. Dort plant sie ihre Flucht und fragt sich, wem sie vertrauen kann.
Gewohnt gelungener Film von Christian Petzold.
mit Nina Hoss, Ronald Zehrfeld, Rainer Bock, Christina Hecke, Claudia Geisler, Mark Waschke, Jannik Schümann (sein Kinodebüt)
Heute wurden die Nominierungen für den diesjährigen Deutschen Filmpreis, Lola genannt, bekannt gegeben.
Die größte Änderung beim Deutschen Filmpreis ist das geänderte Wahlverfahren. In der Vergangenheit stimmten die 2200 Mitglieder der Deutschen Filmakademie über eine von einer Kommission getroffene Vorauswahl ab. Diese Auswahl sorgte immer wieder für Kritik. So gelangte 2023 Christian Petzolds mit dem Silbernen Bären ausgezeichnetes Drama „Roter Himmel“ noch nicht einmal in die Vorauswahl. Dieses Jahr stimmten die Mitglieder über alle eingereichten Filme ab. Alle Mitglieder konnten über die Nominierungen für den Besten Spielfilm und den Besten Kinderfilm abstimmen.
Michael Schlömer, Corinna Fleig, Tobias Fleig · THE DIVE
Max Vornehm, Christof Ebhardt, Christian Bischoff · EIN GANZES LEBEN
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BESTE VISUELLE EFFEKTE
Manfred Büttner · DER FUCHS
Marco Del Bianco, Benedict Neuenfels · STELLA. EIN LEBEN
Kariem Saleh, Adrian Meyer · DIE THEORIE VON ALLEM
Juri Stanossek, Apollonia Hartmann, Jan Burda · GIRL YOU KNOW IT’S TRUE
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EHRENPREIS DES DEUTSCHEN FILMPREISES
Hanna Schygulla
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Bis zum 30. April stimmen die Mitglieder nun darüber ab, wer am 3. Mai 2024 in den einzelnen Kategorien die Lolas erhält. Dem Grundsatz „online first“ folgend, wird die Preisverleihung ab 19.30 Uhr in der ARD Mediathek gestreamt und um 22.20 Uhr im Fernsehen gezeigt.
Wahrscheinlich macht Matthias Glasners Dreistundenepos „Sterben“ den Oppenheimer und sackt die meisten Preise ein. Beim Dokumentarfilmpreis bin ich unentschlossen zwischen „Anselm“ (wegen der Kamera) und „Vergiss Meyn nicht“ (wegen der zeitgeschichtlichen Relevanz). Und beide Kinderfilme sollen gut sein.
Gekaufte Politik? Europa in der Korruptionskrise(Deutschland 2023)
Regie: Helmar Büchel
Drehbuch: Helmar Büchel
Spielfilmlange Doku über Korruption in der Europäischen Union. Im Mittelpunkt steht dabei die Rekonstruktion des Katar-Korruptionsskandals von 2022, auch bekannt als „Katargate“. Es geht um den Verdacht, dass Abgeordnete und Beamte sich von den Regierungen von Katar, Marokko und Mauretanien bestechen ließen.
Dokumentarisch und ohne Pausen geht es weiter. Um 21.55 Uhr gibt es die Doku „Bittere Früchte – Ausbeutung in der Landwirtschaft“ (Deutschland 2023) und um 23.25 Uhr „Die Unsichtbaren“ (Tschechien/Frankreich 2023; über osteuropäische Billigarbeitskräfte). Alle drei Dokumentarfilme werden zum ersten Mal im Fernsehen gezeigt.