In seinem letzten Film erzählt Konrad Wolf (20. Oktober 1925, Hechingen, Hohenzollernsche Lande – 7. März 1982, Ost-Berlin) die Geschichte der ehemaligen Arbeiterin Ingrid ‚Sunny‘ Sommer (Renate Krößner). Als Sängerin der „Tornados“ tingelt sie durch die DDR-Provinz und versucht, ihr Leben in den Griff zu bekommen.
mit Renate Krößner, Alexander Lang, Heide Kipp, Dieter Montag, Klaus Brasch
Am 13. Dezember wird im winterlich verschneiten Prag im Garten einer Zwischenkriegsvilla eine Frauenleiche gefunden. Während Kriminalrat Marián Holina vom Dezernat für Tötungsdelikte noch rätselt, wer die Tote ist und wer sie vor einigen Tagen ermordete, haben wir Leser von Iva Procházkovás Kriminalroman „Die Spur der Kälte“ bereits eine ziemlich gute, sich später bestätigende Idee über ihre Identität. Es handelt sich um die 22-jährige Tran Chau Anh, eine Vietnamesin mit tschechischer Staatsbürgerschaft. Sie studierte Jura, lebte in einer Wohngemeinschaft und, obwohl ihre geschiedenen Eltern vermögend sind, arbeitete sie als Pflegeassistentin von Andrej und Tamara Knotek und kellnerte in einer ‚Oben-Unten-Ohne‘-Bar. Einer der Kunden des Lokals könnte sie ermordet haben.
Ein anderes, noch besseres Motiv ergibt sich aus ihrer Arbeit als Assistentin. Nach einem schweren Unfall, bei dem der Ingenieur Andrej sich am Kopf verletzte, wurde er wieder zum Kind, das mehr oder weniger ständig beaufsichtigt werden muss. Anh erledigt diese Aufgabe an einigen Stunden in der Woche. Inclusive, und ohne dass Tamara es erfährt, kleineren sexuellen Gefälligkeiten. Er gibt ihr immer wieder Geld. Und vergisst es anschließend. Neben Anh hilft die junge Physiotherapeutin Doubravka Andrej.
Es ist eines dieser Pflegenetzwerk, in dem viele Menschen viele intime Details aus dem Leben der anderen wissen. Beispielsweise, dass die Knoteks bei der letzten Ziehung des Eurojackpots den Hauptgewinn gewonnen haben. Dummerweise ist der Wettschein, der jetzt 45 Millionen Euro wert ist, unauffindbar.
Im folgenden konzentriert Procházková sich nicht auf die polizelichen Ermittlungen. Sie entfaltet ein ausuferndes Bild, in dem sie von den vielen Verdächtigen, ihrem noch größerem Umfeld und ihrem Leben nach der Entdeckung von Anhs Leiche erzählt. Der Leser, der versucht bei der Mördersuche mitzurätseln, wird dabei genötigt, immer mehr potentiell Verdächtige aus der Liste der möglichen Täter zu streichen. Vor allem, weil sie immer noch den Lottoschein suchen. Oder keine sichtbaren Wunden haben. Denn Anh wehrte sich.
„Die Spur der Kälte“ ist also kein Rätselkrimi. Er ist auch kein Polizeiroman, der sich auf die Arbeit der Polizei konzentriert. Er ist ein Mini-Mini-Gesellschaftsporträt, das den Fokus auf verschiedene Menschen lenkt, die von einem Mord betroffen sind und von denen einer der Mörder sein könnte. Procházková erzählt dies sehr kleinteilig in einem angenehm Tonfall, der sich an klassischen Erzähltugenden orientiert. Außerdem erfahren wir einiges über die kriminalliterarisch wenig erkundete tschechische Hauptstadt, die sich in diesem Fall und mit diesen Verdächtigen und ihren Problemen kaum von einer anderen westlichen Metropole unterscheidet. Besonders spannend ist das dann nicht. Die Auflösung, in der der Mörder uns in seinen Gedanken den Tathergang schildert, gerät eher unbeholfen.
Iva Procházková wurde 1953 in Olmütz, Tschechoslowakei, geboren. Sie lebte viele Jahre in Österreich und Deutschland. Seit 2001 lebt sie in Prag. Neben den Romanen für Erwachsene schrieb sie Drehbücher und Kinder- und Jugendbücher. Für diese erhielt sie, unter anderem, den Deutschen Jugendliteraturpreis, den Österreichischen Jugendbuchpreis und den Luchs des Jahres.
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Iva Procházková: Die Spur der Kälte – Ein neuer Fall von Kommisaar Holina
(übersetzt von Mirko Kraetsch)
braumüller, 2025
432 Seiten
22 Euro
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Originalausgabe
Dívky nalehko
Paseka, Prag 2016
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Außerdem von Iva Procházková erhältlich
Iva Procházková: Der Mann am Grund – Der erste Fall von Kommissar Holina
Drehbuch: Christa Wolf, Gerhard Wolf, Konrad Wolf, Willi Brückner, Kurth Barthel
LV: Christa Wolf: Der geteilte Himmel, 1963
Zum Geburtstag von Konrad Wolf (20. Oktober 1925, Hechingen, Hohenzollernsche Lande – 7. März 1982, Ost-Berlin) präsentiert Arte einer seiner besten Filme (es gibt ja noch „Ich war neunzehn“ und „Solo Sunny“) und gleichzeitig einen Klassiker des DDR-Kinos.
Halle an der Saale, 1961: Kurz vor dem Mauerbau flüchtet der Chemiker Manfred in den Westen. Seine Geliebte, die Studentin Rita, besucht ihn und fragt sich dabei, ob sie ebenfalls aus der DDR flüchten soll.
Das Lexikon des internationalen Films urteilt: „Ein inhaltlich und stilistisch außergewöhnlicher DEFA-Film.“
mit Renate Blume, Eberhard Esche, Hans Hardt-Hardtloff, Hilmar Thate, Martin Flörchinger, Erika Pelikowsky, Günter Grabbert
Kopfgeldjäger Howard Kemp (James Stewart) sucht den Mörder Ben Vandergoat (Robert Ryan). Die Probleme beginnen, nachdem er ihn gefangen hat und er ihn, begleitet von einigen Weggefährten, der Justiz übergeben möchte.
Western-Klassiker
mit James Stewart, Janet Leigh, Robert Ryan, Ralph Meeker, Millard Mitchell
Drehbuch: Will Merrick, Nick Johnson (basierend auf einer Geschichte von Sev Ohanian und Aneesh Chaganty)
Via Computer sucht die 18-jährige June von Los Angeles aus ihre während eines Wochenendtrips in Cartagena, Kolumbien, mit ihrem neuen Freund spurlos verschwundene Mutter.
TV-Premiere zu einer unmöglichen Uhrzeit (nach dem aktuellen Sportstudio [wie jeden Samstagabend] und zwei bereits mehrfach gezeigten Thrillern). Denn dieser Desktop-Thriller ist ziemlich gelungen.
„Missing“ ist ein überaus spannender, wendungsreicher und entsprechend kurzweiliger Spaß für den immer nach spannender Unterhaltung süchtigen Thrillerfan.
Die Klapperschlange (Escape from New York, USA 1981)
Regie: John Carpenter
Drehbuch: John Carpenter, Nick Castle
USA, 1997: Manhattan wurde zum Gefängnis umfunktioniert, in dem Verbrecher den Ton angeben. Durch einen dummen Zufall muss das Flugzeug des US-Präsidenten in Manhattan notlanden. Da hat der Polizeichef eine geniale Idee: Er bietet dem rauhbeinigen Knacki Snake Plissken die Freiheit an, wenn er den US-Präsidenten lebendig aus Manhattan herausholt. Zur Motivationsförderung lässt er Plissken zwei Sprengkapseln implantiert.
Ein schön zynischer, dystpischer SF-Klassiker und ein John-Carpenter-Klassiker.
„einer der spannendsten Filme der letzten Jahre, sorgfältig inszeniert, wenn auch recht gewalttätig.“ (Fischer Film Almanach 1982)
mit Kurt Russell, Lee Van Cleef, Ernest Borgnine, Donald Pleasence, Isaac Hayes, Harry Dean Stanton, Adrienne Barbeau, Tom Atkins
James Blaine ‚J. B.‘ Mooney (Josh O’Connor) ist keiner dieser Filmdiebe, der beim Einbruch in einen hoch gesicherten Safe eine komplizierte Alarmanlage ausschaltet und mit einer Millionenbeute verschwindet. Er ist auch keiner dieser Diebe, der mit großem Auftritt und breitem Lachen die Schönen und Reichen bestiehlt. Er ist auch kein Profi wie Richard Starks Parker, der eiskalt seine Raubzüge plant und durchführt. Mooney ist ein kleiner Fisch im Verbrecher-Haifischbecken. Er ist ein arbeitsloser, verheirateter Tischler und Vater, der sich regelmäßig mit seinen gutbürgerlichen Eltern trifft. „Er ist klug genug, um sich in Schwierigkeiten zu bringen, aber nicht klug genug, um aus den Schwierigkeiten wieder herauszukommen“ (Presseheft). Während er als unauffälliger Kunstliebhaber durch ein geöffnetes Museum streift, klaut er kleine Figuren aus der Ausstellung. Er passt auf, dass seine Diebstähle nicht bemerkt werden. Er arbeitet allein.
Beides soll sich jetzt ändern. Er will aus dem kleinen örtlichen Kunstmuseum „Framingham Museum of Art“ mehrere abstrakte Gemälde des von ihm bewunderten Künstlers Arthur Dove stehlen. Dafür ist er auf Helfer angewiesen.
Kelly Reichardt schildert in ihrem neuen, 1970 in Framingham, Massachusetts, einer ruhigen Gemeinde zwischen Worcester und Boston, spielendem Film „The Mastermind“ akribisch Mooneys familiäres Umfeld, seine präzisen Planungen, ihre gemeinsame Vorbereitung des großen Coups und den sich anders als geplant entwickelnden Diebstahl. In diesen Momenten knüpft Reichardt gelungen an das New-Hollywood-Kino und damalige Gangsterfilme an.
Auch die Zeit nach dem erfolgreichen Diebstahl, wenn die Amateurverbrecher mit der Beute entkommen wollen, ist spannend. Aber wie in „Night Moves“, ihrem Thriller über eine Gruppe Öko-Terroristen, die sich nach der Sprengung eines Staudamms trennen und an verschiedenen Orten untertauchen, schlägt die vorherige Spannung, aus den gleichen Gründen, in eine zunehmend langweilige Abfolge zufälliger Episoden um.
Bis dahin ist „The Mastermind“, musikalisch unterlegt mit einem wunderschön experimentell-jazzigem Soundtrack von Rob Mazurek (Chicago Underground), ein sich auf Details und seine Figuren konzentrierender, minimalistischer, unterkühlter und auch realistischer Heist-Thriller, der in einer Zeit spielt, als auch wertvolle Gemälde in öffentlichen Ausstellungen kaum gesichert waren.
Ohne die Schwächen in der zweiten Hälfte, vor allem im dritten Akt, wäre „The Mastermind“ ein perfekter Film für den Cineasten, New-Hollywood-Fan und Fan von Siebziger-Jahre-Gangsterfilmen. So reiht sich Reichardts gewohnt ruhig erzählter Film in die dieses Jahr erstaunlich umfangreiche Reihe der Filme ein, die eine überzeugende, teils sogar grandiose erste Hälfte haben und an einem bestimmten Punkt in der zweiten Hälfte ihren Plot eigentlich erzählt haben oder vollständig verlieren und in jedem Fall zunehmend langweilen.
The Mastermind (The Mastermind, USA 2025)
Regie: Kelly Reichardt
Drehbuch: Kelly Reichardt
mit Josh O’Connor, Alana Haim, Sterling Thompson, Jasper Thompson, Hope Davis, Bill Camp, John Magaro, Gaby Hoffmann, Eli Gelb
Im ersten Moment, wenn der Schutzengel Gabriel traurig und gelangweilt von seinem Alltag auf seine Stadt blickt, denken wir Cineasten und in Berlin lebenden Menschen sofort an Wim Wenders, der in „Der Himmel über Berlin“ Engel durch die damals noch geteilte deutsche Hauptstadt streifen ließ.
Dieser Eindruck, nämlich dass „Good Fortune – Ein ganz spezieller Schutzengel“ Wenders‘ Klassiker schamlos kopiert, verflüchtigt sich schnell. Gabriel, kongenial von Keanu Reeves gespielt, ist ein Schutzengel auf einer der untersten Hierarchiestufen. Er soll Menschen, die im Verkehr auf ihr Handy starren, vor Unfällen bewahren. Das geschieht durch eine sanfte Berührung.
Als er Arj (Aziz Ansari) trifft, möchte er ihm helfen. Arj hat das College abgeschlossen. Er möchte Film-Cutter werden. Im Moment schlägt er sich mit mehreren Jobs mehr schlecht als recht durchs Leben. Er schläft in seinem Auto und er ist, wenig überraschend, unzufrieden mit seinem Leben.
Eines Tages beauftragt ihn Selfmade-Millionär Jeff (Seth Rogen) via eines Gelegenheitsjobs-Portals mit dem Entrümpeln seiner Garage. Jeff findet Arj sympathisch und stellt ihn ein. Er gibt sich kumpelhaft. Aber nach einer kleinen Verfehlung entlässt er Arj sofort.
In diesem Moment beschließt Gabriel, einzugreifen. Schon lange will er etwas Gutes tun; etwas, das das Leben eines Menschen entscheidend zum Besseren beeinflusst. Er vertauscht die Körper von Arj und Jeff. Er hofft, Arj so zu überzeugen, dass Geld allein nicht glücklich macht und dass sein Leben am unteren Rand des Existenzminimums gar nicht so schlimm ist.
Arj sieht das allerdings anders. Er genießt seinen plötzlichen Reichtum und will dieses Leben unbedingt weiterführen.
Währenddessen beauftragte Gabriels Chefin ihren übereifrigen Engel, das von ihm verursachte Chaos wieder rückgängig zu machen. Und degradiert ihn zum Menschen. Zusammen mit Jeff, der möglichst schnell wieder in sein altes Leben zurück will, versucht Gabriel Arj zu überzeugen, wieder in sein altes Leben zurückzukehren.
„Good Fortune – Ein ganz spezieller Schutzengel“ ist das Spielfilmdebüt von Aziz Ansari, der auch das Drehbuch schrieb und die Hauptrolle übernahm. Bekannt ist Stand-up-Komiker Ansari als Schauspieler aus den Serien „Parks and Recreation“ und „Master of None“.
Der Film selbst ist eine wunderschön entspannt erzählte und gespielte, leicht sozialkritische Komödie mit einem erstaunlich präzisen und nüchternen Blick auf den US-amerikanischen Kapitalismus. Die Stimmung ist durchgehend sehr freundlich. Die Botschaft zutiefst humanistisch, das Positive sehend und an das Gute glaubend. „Good Fortune“ ist einer dieser kleinen Filme, denen man unbedingt eine Chance geben sollte. Auch wenn er auf den ersten Blick wie ein verzichtbarer Direct-to-DVD/Streaming/Nachmittags-TV-Film aussieht.
Die humorvoll-ernste Geschichte dieses sympathisch tölpelhaften Schutzengels und seiner sich zunehmend schwierig gestaltenden Mission könnte sogar zu einem kleinen Sleeper-Hit werden, den man sich gerne immer wieder ansieht. Die Komödie könnte auch die Inspiration für eine Feelgood-TV-Serie werden, in der die Engel, die wir im Film während ihrer Treffen kennen lernen, jede Woche in Los Angeles Seelen retten müssen.
Good Fortune – Ein ganz spezieller Schutzengel (Good Fortune, USA 2025)
Regie: Aziz Ansari
Drehbuch: Aziz Ansari
mit Keanu Reeves, Seth Rogen, Aziz Ansari, Sandra Oh, Keke Palmer
Hat er oder lügt sie? Sicher, auf der Party war er etwas breitbeinig-machohaft. Aber Maggie Resnick (Ayo Edebiri) stahl auf dieser Party aus dem Badezimmer ihrer gastgebenden Yale-Professorin Alma Imhoff (Julia Roberts) einen Zeitungsbericht, den wahrscheinlich die Hausherrin dort, mit einigen Bildern, sorgfältig versteckt hatte. Außerdem ist Maggies Dissertation, die sie gerade schreibt und über die sie nicht reden möchte, ein dreistes Plagiat. Hank Gibson (Andrew Garfield) wusste davon und sagte es ihr. Aber als Schwarze Studentin gehört sie zu einer förderungswürdigen Minderheit; – auch wenn die Frage der Hautfarbe im folgenden unwichtiger als die auch nur gestreifte Frage des Vermögens ihrer Adoptiveltern ist, die großzügige Spender sind.
Dummerweise hat sie sich, so sagt Maggie, nach der Vergewaltigung gewaschen und dabei alle Beweise für Hanks Tat vernichtet. Und sie ist nicht zur Polizei, sondern zu Alma gegangen.
Diese steht kurz vor einer heiß ersehnten lebenslangen Anstellung an der Universität. Ihr einziger aussichtsreicher Konkurrent für die Stelle ist Hank.
Schon nach einigen Filmminuten sind wir in der schönsten US-amerikanischen universitären Geschlechterdiskussion, die in den folgenden über zwei Stunden episch ausgebreitet wird. Das ist der Stoff für einen potentiell spannenden, erhellenden und Diskussionen provozierenden Film. In diese Fall ist es die Prämisse für einen enttäuschenden Film, der noch enttäuschender ist, weil er von Luca Guadagnino ist, dem Regisseur von „I am Love“, „A Bigger Splash“, „Call Me by Your Name“, „Suspiria“, „Bones and All“, „Challengers – Rivalen“ und, zuletzt, „Queer“. Alles bildgewaltige Meisterwerke mit vielen Bildern, Szenen und Schauspielerleistungen, die im Gedächtnis bleiben. „After the Hunt“ ist, nicht nur im Vergleich zu diesen Filmen, ein viel zu lang geratener Film, der fest den TV-Bildschirm und ein bestenfalls milde aufmerksames Publikum im Blick hat.
Beginnen tut „After the Hunt“, sehr formbewusst und die Filmgeschichte kennend, mit seinen Texteinblendungen wie ein Woody-Allen-Film. Auch der Rest – der Bildaufbau, die sich unauffällig im Hintergrund haltende Kamera, das Milieu, die langen, intellektuell mit Anspielungen auf Literatur, Philosophie und Politik unterfütterten Dialoge und die Musik – könnten aus einem Woody-Allen-Film sein. Wobei die Musikauswahl bei Allen jazziger und älter ausgefallen wäre.
Die von Autorin Nora Garrett (ihr Debüt) erfundene Geschichte führt dann die verschiedenen Fährten und Verdachtsmomente, die sie in den ersten Minuten etabliert, nicht konsequent weiter. Der Kriminalfall, der das mehr als solide Gerüst für ein Porträt des akademischen Milieus, der Gesellschaft und ihrer Abhängigkeiten bietet, wird nicht weiter verfolgt. Es geht auch nicht in Richtung Satire oder Hochschulthriller, in dem jeder gegen jeden kämpft. Stattdessen verliert sich die Geschichte, die von den Machern als „fesselnder Thriller“ beworben wird, in mehr oder weniger interessanten, oft viel zu langen und bizarren Episoden, so hat Alma ein spärlich möbliertes Apartment gemietet. Ihr Mann Frederick, ein verständnisvoller und kluger Psychiater, wird von Michael Stuhlbarg unterkühlt in einer bizarren Performance zwischen zutiefst verständnisvollem Ehemann, alles wissendem, auf die Menschen herabschauendem Psychiater und kindischem Störenfried gespielt. Er ist eine permanent nervende, aus dem Film herausreißende künstliche Figur.
Enden tut das Drama mit einem Jahre später spielenden Epilog, der alles ungenehm harmonieselig zusammenfasst und einem die Restlust an einer Diskussion über den Film austreibt.
„After the Hunt“ ist mit großem Abstand Luca Guadagninos schlechtester Film. Dieses Made-for-TV-Campusdrama mit seinen uninteressanten Klischeefiguren, #MeToo-Klischeedialogen und nicht vorhandenen dramatischen Zuspitzungen hat nichts von dem, weshalb man sich seine Filme ansieht.
In seinem neuesten Film präsentiert er nur das überlange Imitat eines ganz schlechten Woody-Allen-Film. Denn mit knapp 140 Minuten ist Guadagninos Drama mindestens vierzig Minuten zu lang. Allen hätte das in seinen üblichen neunzig bis hundert Minuten besser erzählt.
P. S.: Die Musik ist von Trent Reznor und Atticus Ross, die letzte Woche als Nine Inch Nails „Tron: Ares“ vertonten.
After the Hunt(After the Hunt, USA 2025)
Regie: Luca Guadagnino
Drehbuch: Nora Garrett
mit Julia Roberts, Ayo Edebiri, Andrew Garfield, Michael Stuhlbarg, Chloë Sevigny
LV: Robert Moore: A Time to Die: The Untold Story of the Kursk Tragedy, 2002 (aktualisierte Neuausgabe unter „Kursk“)
Angenehm unpathetische Rekonstruktion der Tragödie der „Kursk“. Im August 2000 explodiert in dem russischen U-Boot ein Torpedo. Die meisten Besatzungsmitglieder sterben sofort. 23 Männer überleben die Explosion und kämpfen anschließend um ihr Leben, während die Rettungsaktionen erschreckend langsam anlaufen und das russische Militär internationale Hilfe ablehnt.
mit Matthias Schoenaerts, Léa Seydoux, Peter Simonischek, August Diehl, Max von Sydow, Colin Firth, Bjarne Henriksen, Magnus Millang, Artemiy Spiridonov, Joel Basman, Matthias Schweighöfer, Pernilla August, Martin Brambach
Wer war Xaver, der X. genannt wird? Sein bester Freund Erich will für einen Nachruf, den er ihren gemeinsamen Bekannten zuschicken will, die wichtigsten Stationen im Leben seines Freundes zusammentragen. Sie lernten sich in den Achtzigern in Zürich während des Studiums kennen. Erich studierte BWL. X. alles andere, nach Lust und Laune, abseits des Lehrplans. Danach trafen sie sich, teils mit langen Unterbrechungen, immer wieder. Vor zwei Monaten wurde X. Leiche neben der Straße zum Flughafen von Bissau, der Hauptstadt voun Guinea-Bissau gefunden. Wahrscheinlich wurde der 49-jährige ermordet.
Aber wie seriös ist Erichs Erinnerung an X.? In der ersten Hälfte von David Signers „Das Ende der Maskeraden“ porträtiert er X. als um die Welt reisenden Abenteurer, Freigeist, Schlawiner und Künstler. Er hatte überall Freunde und sicher war er auch in halbseidene und gefährliche Geschäfte verwickelt. In jedem Fall erlebte er in seinem kurzen Leben mehr als ein halbes Dutzend Pulp-Helden.
In der zweiten Hällfte von „Das Ende der Maskeraden“ beginnt Signer dann, den Ich-Erzähler und dessen Behauptung von der tiefen, durch keinerlei Neid oder schlechte Gefühle getrübten Freundschaft zu demontieren. Die Polizei ermittelt gegen ihn. X. erscheint in einem anderen, deutlich unvorteilhafteren Licht.
„Das Ende der Maskeraden“ ist eine schnell gelesene, spannende Geschichte, mehr Kurzroman oder Novelle als klassischer Roman, über Erinnerungen, Freundschaft und den Lügen, die wir uns über unser Leben erzählen. Nach knapp hundertfünfzig Seiten ist alles anders als es auf den ersten Blick erschien.
Mehr will ich nicht verraten über das Leben und den Tod von X..
Drehbuch: Roland Kibee, James R. Webb (nach einer Story von Borden Chase)
1866 machen die beiden Glücksritter Trane und Erin Mexiko unsicher. Denn sie sind nicht politischen Ideologien, sondern grünen Scheinen treu.
Damals ein gewaltiger Erfolg an der Kasse, später eines der Vorbilder für den Spaghetti-Western und heute immer noch höchst unterhaltsam anzusehen, wie zwei Jungs mit einigen lässigen Sprüchen und Schüssen die mexikanische Revolution zur Operette degradieren.
Anschließend, um 21.45 Uhr, zeigt Arte, anscheinend als TV-Premiere, die 55-minütige Doku „Irresistible Gary Cooper“ (Frankreich 2019).
Mit Gary Cooper, Burt Lancaster, Denise Darcel, Cesar Romero, Ernest Borgnine, Charles Bronson (noch als Charles Buchinsky), Jack Elam
Screamers – Tödliche Schreie(Screamers, Kanada/USA/ Japan 1995)
Regie: Christian Duguay
Drehbuch: Dan O’Bannon, Miguel Tejada-Flores
LV: Philip K. Dick: Second Variety, 1953 (Variante 2; Kurzgeschichte)
Sirius 6 B, 2078: auf dem rohstoffreichen Planeten bekämpfen sich zwei mächtige Wirtschaftsblöcke. Die Allianz setzt gegen die Männer des New Economic Block die titelgebenden Screamers. Diese auf Menschen reagierende Killerroboter könnten sich weiterentwickelt haben. Sie könnten sogar wie Menschen aussehen. Allianz-Colonel Hendricksson gerät zwischen die Fronten.
Knackiges, hübsch paranoides B-Picture für den Genre-Junkie
mit Peter Weller, Roy Dupuis, Jennifer Rubin, Andy Lauer, Charles Edwin Powell
Cédric Jimenez liefert in „November“ eine packende Rekonstruktion der mehrtägigen Jagd der Anti-Terror-Einheit SDAT auf die Terroristen, die für die Anschläge auf das Bataclan und weitere Orte in Paris am 13. November 2015 verantwortlich waren.
„Amrum“ könnte der schlechteste Film von Hark Bohm sein. ‚könnte‘, weil ich nicht alle, aber fast alle Filme von ihm gesehen habe und sie mir durchgängig gefielen. Ich sage das auch schweren Herzens. Denn es könnte sein letzter Film sein und, jedenfalls von der Filmgeschichte, ist diese Filmgeschichte direkt autobiographisch inspiriert. Es geht um einen zwölfjährigen Jungen und seinen Alltag auf der Insel Amrum während der letzten Tage des Zweiten Weltkriegs.
Es ist auch ein weiterer Film von Hark Bohm, in dem Jugendliche, ihre Welt und ihre Probleme, Ziele und Wünsche im Mittelpunkt stehen. In seinemn Debüt „Tschetan, der Indianerjunge“, „Nordsee ist Mordsee“, „Moritz, lieber Moritz“ und „Yasemin“ standen ebenfalls Jugendliche im Mittelpunkt. Am Drehbuch für Fatih Akins „Tschick“ schrieb er mit.
Bohm ist also ein Geschichtenerzähler, der schon einige ausgezeichnete Jugendfilme inszenierte. Was sollte schon schiefgehen? Vor allem wenn es dieses Mal sogar und im Gegensatz zu seinen vorherigen Filmen, wie „Der Fall Bachmeier – Keine Zeit für Tränen“, „Der kleine Staatsanwalt“ und „Vera Brühne“, sogar um eine persönliche Geschichte geht?
Ein großes Problem war Bohms Gesundheitszustand. Er sah sich schon vor Jahren nicht mehr in der Lage, den Film nach seinem Drehbuch zu inszenieren. In diesem Moment kam Fatih Akin ins Spiel. Den Roman „Amrum“ schrieb Bohm später.
Auch Fatih Akin ist ein Geschichtenerzähler, der schon mehrere überzeugende Filme mit jüngeren Protagonisten inszenierte. Außerdem war „Yasemin“ für ihn ein wichtiger Film. Es war der erste Film, der ihm zeigte, dass er als Kind türkischer Einwanderer in Hamburg Filme über sein Leben machen könnte. Bohm erzählt in „Yasemin“ die Liebesgeschichte zwischen einem zwanzigjährigem deutschen Studenten und einer siebzehnjährigen Türkin und den damit zusammenhängenden Culture Clash.
Später wurde Hark Bohm Fatih Akins Mentor und Freund. Und jetzt inszenierte Fatih Akin „Amrum“. Aber in diesem Fall handelt es sich nicht einfach um den häufiger vorkommenden Fall, dass ein Regisseur das Buch eines anderen Regisseurs verfilmt. Schon der Filmanfang mit den Worten „Ein Hark Bohm Film von Fatih Akin“ sagt, dass Fatih Akin sich in diesem Fall als Erfüllungsgehilfen von Hark Bohm sieht. Bei diesem Film ist er in erster Linie ein Handwerker, der die Vision eines anderen möglichst getreu umsetzt.
Dementsprechend ist „Amrum“ der Akin-Film in dem am wenigsten von Akin sichtbar ist. Er wollte und inszenierte einen Hark-Bohm-Film. Basierend auf einem Drehbuch von Hark Bohm, das Akin überarbeitete und von, in der ersten Fassung, der Länge eines TV-Mehrteilers auf Spielfilmlänge kürzte. Die Geschichte basiert auf den Erinnerungen des am 18. Mai 1939 in Hamburg geborenen und auf Amrum aufgewachsenem Hark Bohm.
Im Mittelpunkt des episodischen, im April 1945 während der letzten Kriegstage spielenden Films steht der zwölfjährige Nazi-Junge Nanning (Jasper Billerbeck). Seine hochschwangere Mutter ist immer noch eine fanatische Hitler-Verehrerin. Sein Vater ist in Kriegsgefangenschaft. Zusammen mit seinen jüngeren Geschwistern flohen sie aus Hamburg auf die Insel, wo sie die Fremden sind.
Lose zusammengehalten wird der Film von Nannings Versuch, seiner Mutter ihren größten Wunsch zu erfüllen. Sie möchte ein Honigbrot mit Butter. Dafür muss er in mühevoller Kleinarbeit zuerst die Zutaten besorgen.
Akin erzählt die Filmgeschichte chronologisch als eine in wenigen Tagen spielende Abfolge von weitgehend unabhängigen Episoden, teils mit bekannten Schauspielern, wie Detlev Buck und Matthias Schweighöfer, die dann nur Gastauftritte haben. Die meiste Zeit verbringt Nanning alleine auf der Insel. Potentielle Konflikte werden angetippt, aber nicht weiterverfolgt. Das gilt vor allem für den Umgang der Inselbewohner mit Fremden. Dazu gehören Nanning und seine Familie, die zwar Wurzeln auf der Insel haben, aber jetzt die Hamburger sind, und die am Filmanfang eintreffenden Flüchtlinge aus Schlesien und Ostpreußen. Das gilt auch für den Nationalsozialismus, der nicht mehr als ein folkloristisches Hintergrundrauschen ist. Hier vergibt Akin erzählerische Möglichkeiten zugunsten der Geschichte von der Beschaffung eines Brotes, die auch zu jeder anderen Zeit und an jedem anderen Ort spielen könnte.
Illustrieren tut Akin dies mit Postkartenbildern von der Insel, in die er seine brandneue Kleider tragenden Schauspieler drapiert. Der Horizont ist dabei meist in der Bildmitte, was laut John Ford, zitiert nach Steven Spielbergs Erinnerungsfilm „The Fabelmans“, „boring as shit“ ist. „Amrum“ wirkt wie der Beweis für diese Ansicht.
Natürlich ist „Amrum“ objektiv betrachtet kein schlechter Film. Es ist nur ein weiterer gut gemeinter, niemals packender Film. Früher nannte man solche Filme Auftragsarbeiten. Und das ist viel weniger, als man von einem Film von Hark Bohm und Fatih Akin erwartet.
Amrum (Deutschland 2025)
Regie: Fatih Akin
Drehbuch: Hark Bohm, Fatih Akin
mit Jasper Billerbeck, Kian Köppke, Laura Tonke, Lisa Hagmeister, Diane Kruger, Detlev Buck, Lars Jessen, Matthias Schweighöfer, Jan Georg Schütte, Marek Harloff, Steffen Wink
Ein Film – – – muss nicht teuer sein, um gut zu sein. Der Regisseur muss nur eine Idee, ein daraus entstandenes Drehbuch, einige Schauspieler, einige Tage Zeit und ein iPhone haben. Drehgenehmigungen hatte er, jedenfalls sehen die Außenaufnahmen so aus, nicht. Falls doch, wurde nichts abgesperrt. Warum auch? Schließlich sind heute in Städten Smartphones so allgegenwärtig, dass sich niemand mehr nach einem Menschen umdreht, der etwas aufnimmt.
So drehte Radu Jude, direkt im Anschluss an seine dreistündige sehr freie „Dracula“-Adaption (deutscher Starttermin: unklar), innerhalb von knapp elf Tagen, ohne zusätzliche Beleuchtung oder Grip-Ausstattung „Kontinental ’25“.
In Cluj, der Hauptstadt Transsylvaniens, bringt sich ein Obdachloser um in seinem sparsam eingerichteten Unterschlupf im Keller eines Hauses, das einem Luxushotel weichen soll. Er stranguliert sich an der Heizung, während die Gerichtsvollzieherin Orsolya (Eszter Tompa) bei ihm eine Zwangsräumung vollstrecken will.
Danach fühlt Orsolya sich schuldig und spricht mit verschiedenen Menschen, die ihr mehr oder weniger nahe stehen, darüber.
Inszeniert hat Jude seinen neuen Film in langen, etwas ziellosen Szenen. Anstatt eine voranschreitende Geschichte zu erzählen, erzählt Orsolya immer wieder, fast wortgleich die Geschichte von dem Suizid des Obdachlosen und ihren Schuldgefühlen. Das langweilt schnell. Es fehlen auch die ätzenden satirischen Zuspitzungen seiner vorherigen Filme. In „Kontinental ’25“ entwickelt sich alles deutlich bedächtiger, ernster und humorfreier.
Auffallend ist, nachdem er früher immer einen offensiv ausgelebten Kult des Dilletantismus, der fröhlichen Improvisation und der Vielfalt der verwendeten Mittel predigte, wie formal geschlossen, überlegt in seiner Struktur und sich, auf verschiedenen Ebenen, offen auf andere Filme beziehend „Kontinental ’25“ ist. Die Struktur hat er von Alfred Hitchcocks „Psycho“ übernommen. In „Psycho“ beginnt Hitchcock mit der Geschichte des zukünftigen Opfers Marion Crane. Nach einem Drittel des Films wird sie von Norman Bates in einer Dusche ermordet. Anschließend steht Bates im Zentrum des Films. Weil auch er ein Opfer ist, kann man als Zuschauer seine Sympathie von Crane auf Bates übertragen. Gleiches gilt für „Kontinental ’25“. Der Obdachlose, der am Filmanfang im Mittelpunkt des Films steht, ist ein Opfer der Gesellschaft. Orsolya ebenso. Und wie Norman Bates muss sie mit ihren Schuldgefühlen umgehen.
Gleichzeitig ist Judes Film eine Hommage an und Karikatur von Roberto Rossellinis Drama „Europa 51“. Rossellini erzählt eine größtenteils andere Geschichte. Bei Rossellini beginnt die vermögende Irene Gerard (Ingrid Bergmann) nach dem Suizid ihres Sohnes, von Schuldgefühlen geplagt und nach Erlösung suchend, eine Reise durch die Arbeiterklasse von Rom. Irene lernt die Welt kennen, in der Orsolya lebt.
Auf der Berlinale erhielt „Kontinental ’25“ den Silbernen Bären für das beste Drehbuch.
Kontinental ’25(Kontinental ’25, Rumänien 2025)
Regie: Radu Jude
Drehbuch: Radu Jude
mit Eszter Tompa, Gabriel Spahiu, Adonis Tanța, Oana Mardare, Șerban Pavlu