Neu im Kino/Filmkritik: Über Cédric Klapischs „Die Farben der Zeit“

August 14, 2025

Die Ein-Satz-Beschreibung für Cédric Klapischs neuesten Film ist: Wenn Ihnen „The Life of Chuck“ gefallen hat, wird Ihnen „Die Farben der Zeit“ gefallen. Aber nicht jeder hat die erst seit einigen Tagen ziemlich erfolgreich im Kino laufende Stephen-King-Verfilmung „The Life of Chuck“ (kein Horrorfilm) gesehen, und der Vergleich bezieht sich nur auf die sehr ähnliche Stimmung und Erzählweise. Beide Filme sind zutiefst humanistisch und äußerst freundlich in ihrer Grundstimmung. Sie sind assoziativ und verspielt erzählt. Dabei nehmen sie gerne Abschweifungen und Umwege in Kauf.

Aber die Filme erzählen vollkommen verschiedene Geschichten. Während „The Life of Chuck“ sich auf eine Person konzentriert, deren Leben rückwärts erzählt wird, ist „Die Farben der Zeit“ ein auf zwei klar voneinander getrennten Zeitebenen spielender Ensemblefilm.

In der Gegenwart erfahren ungefähr fünfzig Menschen, die über den gesamten Globus verstreut leben und sich bislang nicht kannten, dass sie in der Normandie ein kleines, verfallenes Landhaus geerbt haben. Auf dem Grundstück soll ein Einkaufszentrum entstehen. Die Erben sollen dem Verkauf des Landes an die Stadt zustimmen. Aus ihren Reihen wählen sie vier Vertreter, die sich das Haus und das Gelände ansehen sollen. Es sind der junge, in Paris bei seinem Großvater lebende, leicht versponnene Fotograf/Videokünstler/Content Creator Seb (Abraham Wapler), der leutselige Bienenzüchter Guy (Vincent Macaigne), der kurz vor der Pensionierung stehende Lehrer Abdelkrim (Zinedine Soualem) und die zunächst unnahbare Geschäftsfrau Céline (Julia Platon). In dem Gebäude entdecken sie viele um die Jahrhundertwende entstandene Fotografien und Gemälde.

Diese Bilder sind der Ausgangspunkt für den zweiten Handlungsstrang. 1895, nach dem Tod ihrer Großmutter, beschließt Adèle (Suzanne Lindon) nach Paris zu reisen. Die 21-jährige will herausfinden, wer ihre Mutter ist. Sie hat Adèle unmittelbar nach der Geburt weggeben, jeden Monat einen festen Geldbetrag gezahlt und sich nie gemeldet. Auf ihrer Reise nach Paris trifft Adèle die Freunde Anatole (Paul Kircher) und Lucien (Vassili Schneider). Der eine ist ein Maler (mit einem Hang zum Impressionismus). Der andere ein Fotograf, der Anatole damit aufzieht, dass die Fotografie bald die Malerei ersetzen werde. Zu dritt erkunden sie, an „Jules und Jim“ in ihrer glücklichen Zeit erinnernd, Paris.

Klapisch wechselt flüssig zwischen Vergangenheit und Gegenwart. In ihr lernen die vier Interessenvertreter für die Erbengemeinschaft sich besser kennen. Nach anfänglichem Zögern interessieren sie sich immer mehr für das Leben der anderen. Und sie entdecken in dem Haus ein bis dahin unbekanntes impressionistisches Gemälde. Es sieht gut aus, aber ist es in irgendeiner Beziehung wertvoll?

Die Farben der Zeit“ ist ein wundervolles, positiv stimmendes Stimmungsstück. Schon der Anfang, wenn Museumsbesucher vor den großen Gemälden in Zeitlupe durch ein Museum schweben, verzaubert. Dieser Zauber hält an und am Ende sieht man die Welt mit etwas impressionistischeren Augen.

Die Farben der Zeit (La Venue de l´avenir, Frankreich 2025)

Regie: Cédric Klapisch

Drehbuch: Cédric Klapisch, Santiago Amigorena

mit Suzanne Lindon, Abraham Wapler, Vincent Macaigne, Julia Piaton, Zinedine Soualem, Paul Kircher, Vassili Schneider, Sara Giraudeau, Cécile de France

Länge: 127 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

AlloCiné über „Die Farben der Zeit“

Moviepilot über „Die Farben der Zeit“

Metacritic über „Die Farben der Zeit“

Rotten Tomatoes über „Die Farben der Zeit“

Wikipedia über „Die Farben der Zeit“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Cédric Klapischs „Einsam Zweisam“ (Deux moi, Frankreich 2019)

Meine Besprechung von Cédric Klapischs „Das Leben ein Tanz“ (En Corps, Frankreich 2022)


Neu im Kino/Filmkritik: Sie sehen sich als „Soldaten des Lichts“

August 14, 2025

Soldaten des Lichts“ ist ein Dokumentarfilm über vegane Influencer, selbsternannte Heiler, Reichsbürger und windige Geschäftemacher. Und weil es eine beobachtende Doku ist, ist damit auch der Inhalt des Films beschrieben. Im Zentrum von Julian Vogel und Johannes Büttners Film steht der Influencer, Coach und selbsternannte Heiler Mr. Raw (bzw. Dr. Raw, bürgerlich David Ekwe-Ebobisse), der wortreich von seinem Geschäft und seiner Sicht auf die Welt erzählt. Einige seiner Gesprächspartner, wie der selbsternannte „König von Deutschland“, ergänzen das Bild eines ungesunden Gebräus zwischen propagierter gesunder Ernährung und Ideen von einem gesunden Volkskörper.

In ihrem beobachtendem Dokumentarfilm reihen Büttner und Vogel kommentarlos Szenen aneinander, in denen die mehr oder weniger einflussreichen Führer ihre Thesen verbreiten. Wer sie sind, erfährt man, wenn in einem Gespräch eine Person mit ihrem Namen angesprochen wird. Das geschieht fast nie. Im gesamten Film gibt es keine Namenseinblendungen. Es keine Texte mit weiterführenden Informationen. Es gibt kein Informationen vermittelndes Voice-Over. Es gibt, bis auf ganz Ausnahmen, keine Nachfragen und kein Gespräch mit den Porträtierten. Es gibt auch keine Statements von Menschen, die einige der kruden Thesen der Redner einordnen. Dr. Raw und seine Freunde dürfen ihren gefährlichen Unfug unwidersprochen verbreiten.

Allein das tragische Schicksal von Timo, der Dr. Raws Thesen begierig aufsagt, seine Ratschläge sklavisch befolgt und für ihn für Kost und Logi arbeitet, bildet da einen Kontrapunkt zur Selbstinszenierung des selbsternannten Doktors..

Entsprechend gering ist der Erkenntnisgewinn des knapp zweistündigen Films. Er bestätigt beim Publikum letztendlich nur die vorhandenen positiven oder negativen Meinungen über diese Szene. Mehr nicht.

Das macht „Soldaten des Lichts“, aufgrund seiner selbst gewählten Beschränkungen, zu einer ärgerlichen Zeitverschwendung.

Und wer jetzt glaubt, das sei – auch weil der Film von anderen Kritikern als aufklärerisches Werk in die Welt von jawasdennnun? gelobt wird – etwas harsch, sollte wissen, dass Dr. Raw der Film gefällt. Möglicherweise empfiehlt er ihn gerade auf seinen Social-Media-Kanälen und verwendet ihn als Werbung für sich.

Auf diesen und den entsprechenden YouTube-Kanälen kann man sich – natürlich nur in homöopathischen Dosen und mit selbstauferlegter Zeitbeschränkung – einen mehr als ausführlichen Eindruck von ihrer Gedankenwelt machen.

Soldaten des Lichts (Deutschland 2025)

Regie: Julian Vogel, Johannes Büttner

Drehbuch: Julian Vogel, Johannes Büttner

Länge: 108 Minuten

FSK: ?

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Soldaten des Lichts“

Moviepilot über „Soldaten des Lichts“

 


Neu im Kino/Filmkritik: Über „Bring her back“, den neuen Horrorfilm der Philippou-Brüder

August 14, 2025

Nach dem Tod ihres Vaters werden der fast erwachsene Andy (Billy Barratt) und seine jüngere, stark sehbeeinträchtigte Schwester Piper (Sora Wong) bei einer Pflegemutter untergebracht. Laura (Sally Hawkins) lebt in einem abgelegen in einem Wald liegendem Haus und sie ist etwas überdreht.

Langsam dämmert den beiden Geschwistern – vor allem Andy, der seine Schwester beschützen will -, dass mit der vom Jugendamt als zuverlässige und gute Pflegemutter geschätzten, allein lebenden Frau etwas nicht stimmt und dass in dem Haus seltsame Dinge passieren.

Bring her back“ gehört zu den Horrorfilmen, in denen einige Menschen seltsame Verwandte oder von Geistern besessene Häuser besuchen und bis zum Finale schreckliche Ereignisse nur angedeutet werden. Es sind Andeutungen, die das Interesse an der Lösung wachhalten, aber auch wenig bis nichts über diese Lösung verraten.

In diesem Fall sind es Kreidemarkierungen, willkürlich eingestreute Videoaufnahmen von einem Ritual, ein sich höchst seltsam verhaltender, im gleichen Haus lebender, autoaggressiver Junge und Sally Hawkins, die mit großem Vergnügen eine sich sehr, sehr seltsam verhaltende, wahrscheinlich sehr, sehr böse Pflegemutter spielt. Schon bei der überfreundlichen Begrüßung ihrer beiden neue Pflegekinder, stößt sie bei dem gemeinsamen Begrüßungsselfie Andy unsanft aus dem Bild. Danach bringt sie ihn in einer nicht aufgeräumten Rumpelkammer unter. Die subtilen Demütungen, die auch einfach nur Unachtsamkeiten sein könnten, setzen sich fort.

Wer diese Art Horrorfilm mag, dem dürfte „Bring her back“ sehr gut gefallen. Die Philippou-Brüder Danny und Michael schaffen eine bedrohliche Atmosphäre und platzieren die wirklich beunruhigenden Schockmomente gut.

Außerdem – habe ich das schon gesagt? – spielt Sally Hawkins die Hauptrolle. Sie allein rechtfertigt schon den Kinobesuch.

Danny und Michael Philippou inszenierten davor den hochgelobten und ziemlich intensiven Horrorfilm „Talk to Me“.

Bring her back (Bring her back, USA 2025)

Regie: Danny Philippou, Michael Philippou

Drehbuch: Danny Philippou, Bill Hinzman

mit Sally Hawkins, Billy Barratt, Sora Wong, Jonah Wren Phillips, Sally-Anne Upton, Stephen Phillips, Mischa Heywood

Länge: 105 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Bring her back“

Metacritic über „Bring her back“

Rotten Tomatoes über „Bring her back“

Wikipedia über „Bring her back“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Danny und Michael Philippous „Talk to me“ (Talk to me, Australien 2022)


Neu im Kino/Filmkritik: Erst ein Schuh, jetzt „Das Kanu des Manitu“

August 14, 2025

Dieses Mal müssen Abahachi, der edle Häuptling der Apachen (Michael Bully Herbig), und sein Blutsbruder Ranger (Christian Tramitz) das Kanu des Manitu finden. Einige Banditen und ein Ölbaron wollen es ebenfalls haben. Weil „Das Kanu des Manitu“ eine Komödie von Michael Bully Herbig ist, die gedanklich in der Tradition der „Bullyparade“ (1997 – 2002) und der daraus entstandenen, überaus erfolgreichen und ziemlich klamaukigen Komödie „Der Schuh des Manitu“ (2001) steht, ist diese Filmgeschichte nur der Aufhänger für allerei Albernheiten, Blödeleien und Sketche. Der gemeinsame Nenner dieser Parodie sind dabei die erfolgreichen Karl-May-Western aus den sechziger Jahren. Ob heutige Jugendliche diese Filme noch so gut kennen wie die Jugendlichen der achtziger und neunziger Jahren, die diese Western regelmäßig im TV sehen konnten, werden die kommenden Tage zeigen.

Unabhängig von dem möglichen Kassenerfolg – „Der Schuh des Manitu“ ist mit knapp 12 Millionen Kinobesucher in Deutschland die erfolgreichste deutsche Komödie; Herbigs Nachfolgefilm „(T)Raumschiff Surprise – Periode 1“ (2004) folgt mit über 9 Millionen Besuchern auf dem zweiten Platz, „Bullyparade – Der Film“ (2017) konnte mit knapp 1,9 Millionen Besuchern nicht an die vorherigen Erfolge anknüpfen – stellt sich natürlich die Frage, ob der Film nötig ist. Schließlich sind Michael Herbig, Christian Tramitz, Rick Kavanian und die anderen Mitwirkenden, die schon beim ersten Film dabei waren, an anderen Punkten in ihrer Karriere.

Jetzt kehren sie also zu den Anfängen ihrer Karriere und ihrem erfolgreichsten Werk zurück. Damit die Angelegenheit mehr als ein Aufwärmen altbekannter Gags für die Fans, eine Art Klassentreffen des damaligen Teams (und einiger Neuzugänge, von denen vor allem ein „Komparse“ im Gedächtnis bleibt) und eine Spekulation auf einen positiven Effekt auf das eigene Bankkonto ist, sollte es natürlich einen künstlerischen Grund geben, um sich wieder in die Welt von Winnetou, Karl May und den erfolgreichen Verfilmungen in den sechziger Jahren zu begeben.

Denn schon 2001 demontierte, parodierte und verschwulte Herbig die Karl-May-Western so sehr, dass danach alles dazu gesagt war. Entsprechend unnötig ist „Das Kanu des Manitu“.

Gelungen ist die Komödie so halbwegs. Sie ist technisch überzeugend, liebevoll ausgestattet und mit vielen Nebenbei-Gags. Sowieso ist die Gagdichte ziemlich hoch. Die Qualität ist durchwachsen und etliche der guten Gags werden bereits im Trailer präsentiert.

Die Aktualisierungen beziehen sich auf das gefahrlose Gebiet des Umgangs mit dem Wort „Indianer“ und einer durchaus berührenden Szene am Filmende. In ihr nehmen echte Apachen und Natives weiterer Stämme Abahachi/Herbig in ihren Kreis auf und bezeichnen ihn als einen der ihren, weil es nicht auf das Blut, sondern die inneren Werte ankomme.

In dem Moment sagt Bully Herbig auch, mit dem sprichwörtlichen Zaunpfahl, etwas über echte und falsche kulturelle Aneignung. Dass damals „Der Schuh des Manitu“ und heute „Das Kanu des Manitu“ keine Auseinandersetzung mit dem echten Wilden Westen ist, wusste schon damals jeder, der nicht vollkommen verblödet ist. Sie sind eine liebevolle Parodie der fantastischen Karl-May-Western, die unzählige Jugendliche durch die Kindheit und Jugend begleiteten.

Deshalb gibt es auch keine weiteren Aktualisierungen oder neue Themen für die Witze. Der Rassismus der aus Europa kommenden weißen Siedler, deren Glaube, ungezügelter Kapitalismus und die damit verbundene rücksichtslos betriebene Eroberung des Wilden Westens wären dankbare Objekte für neue Witze gewesen. Solche Gags würden das sichere Gebiet der Karl-May-Westernfilmparodie verlassen und sich mehr mit dem echten Wilden Westen und der Gegenwart beschäftigen. Das wollten die Macher nicht. Sie wollten einfach ihr altes Programm wieder präsentieren, etwas entstaubt und garniert mit zu vielen von Stefan Raab komponierten Songs und damit verbundenen Gesangseinlagen.

Das Kanu des Manitu“ ist ein unnötiger Film mit Albernheiten, Klamauk und kindgerechtem Humor (beispielsweise wenn sie in einer Höhle das Kanu des Manitu suchen und finden), der in der Welt dreißig Jahre alter Sketche lebt.

Das Kanu des Manitu (Deutschland 2025)

Regie: Michael Bully Herbig

Drehbuch: Michael Bully Herbig, Christian Tramitz, Rick Kavanian

mit Michael Bully Herbig, Christian Tramitz, Rick Kavanian, Jasmin Schwiers, Jessica Schwarz, Friedrich Mücke, Daniel Zillmann, Tobias van Dieken, Pit Bukowski, Akeem van Flodrop, Tutty Tran, Merlin Sandmeyer, Waldemar Kobus, Jan van Weyde, Sky du Mont

Länge: 88 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Das Kanu des Manitu“

Moviepilot über „Das Kanu des Manitu“

Wikipedia über „Das Kanu des Manitu“

Meine Besprechung von Michael Bully Herbigs „Ballon“ (Deutschland 2018)

Meine Besprechung von Michael Bully Herbigs „Tausend Zeilen“ (Deutschland 2022)


TV-Tipp für den 14. August: Die Gesetzlosen – Bürgerwehren gegen Drogenbosse (aka „Cartel Land“)

August 13, 2025

Phoenix, 23.00

Die Gesetzlosen – Bürgerwehren gegen Drogenbosse (Cartel Land, USA/Mexiko 2015)

Regie: Matthew Heineman

Drehbuch: Matthew Heineman

Etwas versteckt und mit einem dümmlichen TV-Titel läuft Matthew Heinemanns beeindruckende Doku über einen Mexikaner und einen Amerikaner, die in ihrem Land gegen die Drogenkartelle kämpfen, im TV.

„Cartel Land“ war, unter anderem, für den Oscar als bester Dokumentarfilm nominiert.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit José Manuel Mireles, Tim Foley

Hinweise

Moviepilot über „Cartel Land“

Metacritic über „Cartel Land“

Rotten Tomatoes über „Cartel Land“

Wikipedia über „Cartel Land“ 

Meine Besprechung von Matthew Heinemans „Cartel Land (Cartel Land, USA/Mexiko 2015)

Meine Besprechung von Matthew Heinemans „A private War“ (A private War, USA/Großbritannien 2018)


The Song remains the same, aber nicht die Präsentation: Über einige Songcomics

August 13, 2025

Letztes Jahr habe ich bereits zwei Songcomics besprochen. Aber der Ventil Verlag hat noch mehr Songcomics veröffentlicht, die abgefeiert werden können.

Zuerst muss wahrscheinlich erklärt werden, was ein „Songcomic“ ist. Das ist ganz einfach: es ist ein Comic, der einen Song illustriert und dabei den Text des Liedes übernimmt. Aus Lyrics werden Sprechblasen. Das geschieht mal näher, mal weniger nah an dem Song, aber es ist immer ein Vergnügen.

Die Auswahl der Songs erfolgt mal indem die Songs von einem markanten Album der Band genommen werden, mal indem einige ihrer bekannten Songs genommen werden. Jeder Zeichner illustriert einen Song. Das sichert eine stilistische Vielfalt. Dazu gibt es kurze Kommentare der Musiker zu den Songs und der Zeichner erklärt, was er mit dem Song verbindet.

Am Ende steht ein schönes Buch, das sich vor allem an die Fans der Band richtet. Die können dann die Schallplatte/CD aus dem Regal ziehen oder die Playlist anklicken.

In „Thank you for a lovely day“ werden die „The Go-Betweens“-Songs „Karen“, „Lee Remick“, „Right Here“, „The Clarke Sister“, „Bye Bye Pride“, „Love Goes on“, „Quiet Heaart“, „Streets of Your Town“, „German Farmhouse“, „Too Much of One Thing“ und „Here Comes a City“ von Philip Waechter, Katharina Kuhlenkampff, Matthias Lehmann, Bim Eriksson, Christopher Tauber, Noah van Sciver, Ulf K., Klaus Cornfield, Oska Wald, Luka Lenzin/Leif Gütschow und Sarah Lippett illustriert. In diesem Songcomics-Band sind alle Texte auf Englisch.

In „Monarchie und Alltag“ werden die „Fehlfarben“-Songs „Hier und jetzt“, „Grauschleier“, „Das sind Geschichten“, „All that heaven allows“, „Gottseidank nicht in England“, „Militürk“, „Apokalypse“, „Ein Jahr (Es geht voran)“, „Angst“, „Das war vor Jahren“ und „Paul ist tot“ – also die gesamte legendäre „Monarchie und Alltag“-LP – von Frank Witzel, 18 metzger, Anke Kuhl, Anna Sommer, Minou Zaribaf, Ricaletto, Karolina Chyzewska, Nicolas Mahler, Tine Fetz, Andreas Michalke und Markus Färber illustriert.

In „Ab dafür“ werden die „Trio“-Songs „Los Paul“, „Broken Hearts for you and me“, „Sabine, Sabine, Sabine“, „Danger is“, „Da Da Da ich lieb dich nicht du liebst mich nicht aha aha aha“ (ihr Überklassiker), „Kummer“, „Anna – lassmichrein lassmichraus“, „Bye Bye“, „Herz ist Trumpf“ und „Out in the streets“ von Jan Soeken, Klaus Cornfield, Helena Baumeister, Nadine Redlich, Dominik Wendland, Nicolas Mahler, Mawil/Gregor Hinz, Jul Gordon, Amelie Persson und Sandra Rummler illustriert.

In „Schwule Mädchen Sondereinheit“ werden die „Fettes Brot“-Songs „Jein“, „Amsterdam“, „Schwule Mädchen“, „Emanuela“, „Falsche Entscheidung“, „Klaus & Klaus & Klaus“, „Bettina, zieh dir bitte etwas an“, „Silberfische in meinem Bett“, „Echo“, und „An Tagen wie diesen“ von Kati Rickenbach, Kathrin Klinger, Noëlle Kröger, Jens Cornils, Tobi Dahmen, Wiebke Bolduan, Hamed Eshrat, Helena Baumeister, Josephine Mark und Büke Schwarz illustriert.

Gunther Buskies/Jonas Engelmann (Hrsg.): Thank you for a lovely day – 11 The Go-Betweens Songcomics

Ventil, 2023

128 Seiten

25 Euro

Gunther Buskies/Jonas Engelmann (Hrsg.): Monarchie und Alltag – Ein Fehlfarben-Songcomic

Ventil, 2022

128 Seiten

25 Euro

Gunther Buskies/Jonas Engelmann (Hrsg.): Ab dafür – 10 Trio-Songcomics

Ventil, 2024

112 Seiten

25 Euro

Gunther Buskies/Jonas Engelmann (Hrsg.): Schwule Mädchen Sondereinheit – 10 Fettes Brot Songcomics

Ventil, 2025

128 Seiten

25 Euro

Hinweise

Ventil über die Songcomics zu The Go-Betweens, Fehlfarben, Trio und Fettes Brot 

Wikipedia über The Go-Betweens (deutsch, englisch), Fehlfarben (deutsch, englisch), Trio (deutsch, englisch) und Fettes Brot (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Gunther Buskies/Jonas Engelmanns (Hrsg.) „Keine Macht für Niemand – Ein Ton Steine Scherben Songcomic“ (2022)

Meine Besprechung von Michael Büsselbergs (Hrsg.) „Sie wollen uns erzählen – Zehn Tocotronic-Songcomics“ (2020)


TV-Tipp für den 13. August: Tatort: Gefährliche Wanzen

August 12, 2025

SWR, 23.30

Tatort: Gefährliche Wanzen (Deutschland 1974)

Regie: Theo Mezger

Drehbuch: Wolfgang Menge

In einer Ölraffinerie werden Minisender (vulgo Wanzen) gefunden. Aus dem Atomkraftwerk in Karlsruhe werden geheime Unterlagen gestohlen. Kommissar Lutz (Werner Schuhmacher) glaubt, auch weil die Spuren ins Ausland führen, dass es sich um Spionage handelt.

Tatort-Oldie mit einer aus heutigen Sicht beeindruckenden Besetzung von Theaterschauspielern und künftigen TV-Ermittlern, unter anderem im Tatort. Den Krimi, nach einem Drehbuch des immer zuverlässigen Wolfang Menge, habe ich als ziemlich gelungen in Erinnerung.

mit Werner Schumacher, Peter Drescher, Werner Kreindl, Günther Ungeheuer, Claus Theo Gärtner, Margot Leonard, Rolf von Sydow, Elert Bode, Manfred Boehm, Dietz-Werner Steck, Karl-Heinz von Hassel, Christiane Pauli, Wolfgang Preiss, Stephan Orlac, Walter Richter, Willy Semmelrogge

Hinweis

Wikipedia über „Tatort: Gefährliche Wanzen“


Cover der Woche

August 12, 2025

Der erste Wilsberg-Krimi. Der Rest ist Geschichte zwischen Buchdeckeln und im Fernsehen.


TV-Tipp für den 12. August: Spotlight

August 11, 2025

Pro7, 20.15

Spotlight (Spotlight, USA 2015)

Regie: Tom McCarthy

Drehbuch: Tom McCarthy, Josh Singer

Hochspannender Thriller über die Recherchen des „Boston Globe“ über den jahrzehntelangen Missbrauch von Kindern durch katholische Priester und die ebenso lange Vertuschung durch die Erzdiözese.

2003 erhielt das „Spotlight“-Team den Pulitzer-Preis für seine Arbeit.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Mark Ruffalo, Michael Keaton, Rachel McAdams, Liev Schreiber, John Slattery, Brian D’Arcy James, Stanley Tucci, Jamey Sheridan, Billy Crudup, Elena Wohl, Gene Amoroso, Neal Huff, Paul Guilfoyle, Len Cariou

Wiederholung: Mittwoch, 13. August, 02.40 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Moviepilot über „Spotlight“

Metacritic über „Spotlight“

Rotten Tomatoes über „Spotlight“

Wikipedia über „Spotlight“ (deutsch, englisch) und sexuellen Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche

History vs. Hollywood über „Spotlight“

Bishop Accountability (äußerst umfassende Seite, die Fälle sexuellen Missbrauchs durch Geistliche behandelt)

Meine Besprechung von Tom McCarthys „Win Win“ (Win Win, USA 2011)

Meine Besprechung von Tom McCarthys „Spotlight“ (Spotlight, USA 2015)

Meine Besprechung von Tom McCarthys „Stillwater – Gegen jeden Verdacht“ (Stillwater, USA 2021)


Wie ist es „Im Jugendarrest“?

August 11, 2025

Der wichtige und auch interessanteste Punkt bei „Im Jugendarrest“ sind nicht die Bilder und die nicht vorhandene Story, sondern die Entstehungsgeschichte und die so gewährten Einblicke. Illustratorin Patricia Thoma traf sich über mit Insassen der Jugendarrestanstalt Berlin-Brandenburg. Sie erzählten ihr von ihrem Alltag im Gefängnis, ihrer Familie, ihren Freunden und ihren Plänen für die Zukunft. Gemeinsam erarbeiteten sie daraus diesen Comic, der ihre Erzählungen illustriert – und ihnen ein Gesicht verleiht. Denn diese Jungs, von denen wir nur die Vornamen erfahren, entsprechen, trotz schwerwiegender Verfehlungen, die zu ihrer Inhaftierung führten, nicht dem von Medien und bestimmten Politikern gezeichneten Bild des verbrecherischen, migrantischen Jugendlichen.

Sie sind eher Kinder, um die sich bislang niemand richtig kümmerte und die in der Haft die letzte und ironischerweise auch die erste Chance auf ein anderen Leben haben. Denn in der Haft hat ihr Leben erstmals eine feste Struktur. Sie erhalten die Chance, etwas von einem anderen möglichen Leben zu erfahren.

Empfehlenswert!

Patricia Thoma und Jugendliche in der Jugendarrestanstalt Berlin-Brandenburg: Im Jugendarrest

Jacoby & Stuart, 2025

96 Seiten

22 Euro

Hinweise

Homepage von Patricia Thoma

Jacoby & Stuart über den Comic


TV-Tipp für den 11. August: Das Salz der Erde

August 10, 2025

Anlässlich des 80. Geburtstages von Wim Wenders (am 14. August) werden einige seiner Filme im TV gezeigt. Beispielsweise zeigt Arte heute um 21.50 Uhr sein Roadmovie „Don’t come knocking“ (2005) und 3sat seinen deutlich gelungeneren Dokumentarfilm

3sat, 22.25

Das Salz der Erde (The Salt of the Earth, Frankreich/Deutschland 2013)

Regie: Wim Wenders, Juliano Ribeiro Salgado

Drehbuch: Wim Wenders, Juliano Ribeiro Salgado, David Rosier

Sehr sehenswerte Dokumentation über den Fotografen Sebastião Salgado.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Sebastião Salgado, Wim Wenders, Juliano Ribeiro Salgado, Hugo Barbier, Jacques Barthélémy, Lélia Wanick Salgado

Hinweise

Filmportal über „Das Salz der Erde“

Moviepilot über „Das Salz der Erde“

Rotten Tomatoes über „Das Salz der Erde“

Wikipedia über „Das Salz der Erde“ (deutsch, englisch), Sebastião Salgado und über Wim Wenders (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Wim Wenders’ “Hammett” (Hammett, USA 1982)

Meine Besprechung von Wim Wenders/Juliano Ribeiro Salgados “Das Salz der Erde” (The Salt of the Earth, Frankreich/Deutschland 2013)

Meine Besprechung von Wim Wenders‘ „Every thing will be fine“ (Deutschland/Kanada/Norwegen/Schweden 2015)

Meine Besprechung von Wim Wenders‘ „Die schönen Tage von Aranjuez“ (Les beaux jours d‘ Aranjuez, Deutschland/Frankreich 2016)

Meine Besprechung von Wim Wenders‘ „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“ (Pope Francis: A Man of his Word, Deutschland 2018)

Meine Besprechung von Wim Wenders‘ „Grenzenlos“ (Submergence, USA 2017)

Meine Besprechung von Wim Wenders‘ “Anselm – Das Rauschen der Zeit” (Deutschland/Frankreich 2023)

Mein Gespräch mit Wim Wenders über „Anselm – Das Rauschen der Zeit“ (Deutschland/Frankreich 2023)

Meine Besprechung von Wim Wenders‘ „Perfect Days“ (Japan/Deutschland 2023)

Wim Wenders in der Kriminalakte

Homepage von Wim Wenders


TV-Tipp für den 10. August: Laurence Anyways

August 9, 2025

RBB, 22.00

Laurence Anyways (Laurence Anyways, Kanada/Frankreich 2012)

Regie: Xavier Dolan

Drehbuch: Xavier Dolan

Ein knapp dreistündiger Rausch: Laurence (Melvil Poupaud) und Fred (Suzanne Clément) sind ineinander verliebt. Da trifft Laurence eine folgenschwere Entscheidung: Er will ab jetzt als Frau leben.

„Laurence Anyways“ ist, wie alle großen Liebesfilme, letztendlich ein Film über die Unmöglichkeit der großen Liebe, bei dem die ordnende Hand eines Regisseurs fehlt, der beherzt Szenen aus dem Film entfernt, den Film auf verträgliche zwei Stunden gekürzt und die Vision klarer herausgearbeitet hätte. Denn gegen Ende zerfasert der Film etwas. Aber das ist ein kleiner Einwand gegen einen insgesamt mitreißenden Film.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung. 

mit Melvil Poupaud, Suzanne Clément, Nathalie Baye, Monia Chokri, Susie Almgren, Yves Jacques

Hinweise

Metacritic über „Laurence Anyways“

Rotten Tomatoes über „Laurence Anyways“

Wikipedia über „Laurence Anyways“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Xavier Dolans „Laurence Anyways“ (Laurence Anyways, Kanada/Frankreich 2012)

Meine Besprechung von Xavier Dolans „Sag nicht, wer du bist!“ (Tom à la ferme/Tom at the Farm, Kanada/Frankreich 2013)

Meine Besprechung von Xavier Dolans „Mommy“ (Mommy, Kanada/Frankreich 2014)

Meine Besprechung von Xavier Dolans „Matthias & Maxime“ (Matthias et Maxime, Kanada 2019)


TV-Tipp für den 9. August: The Woman King

August 8, 2025

Pro 7, 20.15

The Woman King (The Woman King, USA 2022)

Regie: Gina Prince-Bythewood

Drehbuch: Dana Stevens (nach einer Geschichte von Maria Bello und Dana Stevens)

Afrika, frühes 19. Jahrhundert: die Oyo verkaufen Schwarze als Sklaven an die Weißen. Nancisa (Viola Davis!), Anführerin einer Elite-Kriegerinnen-Kampftruppe, will das ändern.

Konventionelles, aber äußerst packend erzähltes, von wahren Ereignissen inspiriertes Drama, bei dem gefällt, wie kompetent die bekannte Geschichte aus weiblicher Perspektive erzählt wird.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Viola Davis, Thuso Mbedu, Lashana Lynch, Sheila Atim, Hero Fiennes Tiffin, John Boyega, Jordan Bolger, Jayme Lawson

Wiederholung: Sonntag, 10. August, 02.25 Uhr (Taggenau! Wahrscheinlich wird in der Nachtwiederholung die ungekürzte Fassung des FSK-16-Films gezeigt)

Hinweise

Moviepilot über „The Woman King“

Metacritic über „The Woman King“

Rotten Tomatoes über „The Woman King“

Wikipedia über „The Woman King“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood fragt, ob der Film den Geschichtsunterricht ersetzten kann

Meine Besprechung von Gina Prince-Bythewoods „The Woman King“ (The Woman King, USA 2022).


TV-Tipp für den 8. August: American Hustle

August 7, 2025

3sat, 22.25

American Hustle (American Hustle, USA 2013)

Regie: David O. Russell

Drehbuch: Eric Warren Singer, David O. Russell

New York in den späten Siebzigern: FBI-Agent DiMaso will einen korrupten Bürgermeister überführen. Dabei sollen ihm der Betrüger Rosenfeld und seine Geliebte helfen.

Durchaus vergnügliche, aber auch von sich selbst zu sehr überzeugte Mega-Retro-Gaunerkomödie, die auf einem wahren Fall basiert.

Alles weitere in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Christian Bale, Amy Adam, Bradley Cooper, Jennifer Lawrence, Jeremy Renner, Jack Huston, Michael Peña, Louis C. K., Shea Whigham, Elisabeth Rohm, Barry Primus, Robert De Niro

Hinweise

Moviepilot über „American Hustle“

Metacritic über „American Hustle“

Rotten Tomatoes über „American Hustle“

Wikipedia über „American Hustle“ (deutsch, englisch) und die Operation Abscam (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über „American Hustle“

Meine Besprechung von David O. Russells „American Hustle“ (American Hustle, USA 2013)

Meine Besprechung von David O. Russells „Joy – Alles außer gewöhnlich“ (Joy, USA 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: „Weapons – Die Stunde des Verschwindens“ einer Schulklasse

August 7, 2025

In der im Nordosten der USA liegenden Kleinstadt Maybrook verschwinden in einer Nacht um 2:17 Uhr 17 Kinder. Sie verließen, wie verschiedene Überwachungskameras zeigen, die elterliche Wohnung und liefen in die Nacht. Niemand weiß, wohin sie gelaufen sind. Oder warum.

Sie waren alle in der Schulklasse von Justine Gandy. Nur einer von Justines Schülern ist nicht verschwunden.

Was für eine Prämisse. Was für ein wundervoller Auftakt. „Barbarian“-Regisseur Zach Cregger führt in den ersten Minuten von seinem neuen Horrorfilm „Weapons – Die Stunde des Verschwindens“ sehr gelungen mit einer Kinderstimme im Voice-Over, atmosphärischen Bildern und gleitender Kamera in die Geschichte ein. Danach will man wirklich wissen, warum die Kinder verschwanden und welche Auswirkungen ein solcher plötzlicher und unerklärlicher Verlust von siebzehn Kindern auf eine kleine US-Gemeinde hat.

In den folgenden knapp zwei Stunden (wenn wir die Einführung in die Geschichte und den Abspann weglassen) erzählt Zach Cregger in sechs Kapiteln, die Ereignisse aus der Sicht verschiedener Figuren. Das tut er nicht, wie in „Rashomon“, indem er ein Ereignis aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet, sondern weitgehend chronologisch. Ganz selten werden bestimmte Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven gezeigt. Im Zentrum der einzelnen, stilistisch unterschiedlich gestalteten Kapiteln stehen die Lehrerin Justine Gandy, ein Vater, ein Polizist, ein drogensüchtiger Slacker (in der vergnüglichsten Episode des Horrorfilms), der Schuldirektor und Alex Lilly, der einzige Schüler aus Justines Klasse, der in der fraglichen Nacht nicht verschwunden ist.

Bedingt durch diese Struktur ist lange unklar, was die Erklärung für das Verschwinden der Kinder sein könnte. Stattdessen erzählt Cregger aus dem Leben der im Mittelpunkt des Kapitels stehenden Figur. Es geht also um ihre Probleme bei der Arbeit und im Privatleben, ihren Alkohol- und Drogenkonsum und wie sie, – teils -, zu obsessivem und vollkommen unvernünftigem Verhalten tendieren.

Es gibt symbolträchtige Bilder, wie das Bild einer Maschinenpistole mit der Uhrzeit des Verschwindens der Kinder am Nachthimmel, und immer wieder Horrortopoi zitierende Bilder seltsam geschminkter Gesichter und sich seltsam verhaltender Menschen. Es sind Bilder, die Assoziationen auslösen. Mehr nicht. In einem Krimi wären es falsche Fährten.

Es gibt einige Jumpscares, die aber die Geschichte (jedenfalls auf den ersten Blick, manchmal auch rückblickend [ich will ja nichts spoilern]) nicht voranbringen, sondern nur durch die Kombination von plötzlich auftauchenden seltsamen Gesichtern und plötzlichem Musikeinsatz erschrecken. Beispielsweise wenn Justine einen Alptraum hat, aus dem sie erwacht und mit dem nächsten Horrorfilmgesicht konfrontiert wird. Und es gibt eine durchgehende Horrorfilmatmosphäre.

Die Lösung ist dann, angesichts der neugierig machenden Prämisse, ziemlich unbefriedigend. Sie bewegt sich, ohne Erklärungen, im Rahmen der bekannten Horrorfilmkonventionen. Die Bilder, die Handlungen einiger Personen und das Wissen des Horrorfans über, ähem, gewisse Dinge müssen genügen.

Weapons“ Ist primär eine Versuchsanordnung und eine formale Spielerei zwischen verschiedenen Genres und Stilen. Das ist immer wieder gut und überraschend inszeniert, aber keine Figur trägt durch den gesamten Film. Sie haben, auch wenn sie in den anderen Kapiteln auftauchen, nur ein Kapitel. Es sind miteinander verbundene Kurzgeschichten, die in ihrer Gesamtschau die Geschichte erzählen und sich dabei immer wieder, mehr oder weniger lang, von der Ausgangsfrage entfernen.

Weapons – Die Stunde des Verschwindens (Weapons, USA 2025)

Regie: Zach Cregger

Drehbuch: Zach Cregger

mit Julia Garner, Josh Brolin, Alden Ehrenreich, Austin Abrams, Cary Christopher, Benedict Wong, Amy Madigan

Länge: 129 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Weapons“

Metacritic über „Weapons“

Rotten Tomatoes über „Weapons“

Wikipedia über „Weapons“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Freakier Friday“ – dieses Mal tauschen vier Frauen aus drei Generationen ihre Körper

August 7, 2025

2003 tauschen die Schülerin Anna Coleman (Lindsay Lohan) und ihre Mutter Tess (Jamie Lee Curtis), wenige Stunden vor ihrer Hochzeit, ihre Körper. Anschließend mussten sie sich im Körper und Leben der anderen Frau bewähren. Die flotte Komödie endete mit der in einem Disney-Film erwartbaren Botschaft. „Freaky Friday“ kam beim Publikum gut an und entwickelte sich seitdem zu einem immer wieder gern gesehenem Film. In den USA scheint es an Schulen „Freaky Friday“-Freitage mit dem Tausch von Kleidern zu geben. Ein Körpertausch ist in der Realität ja etwas schwieriger. Und Jamie Lee Curtis wurde, so erzählt sie, immer wieder auf diese Rolle angesprochen und nach einer Fortsetzung gefragt.

Jetzt ist es soweit. 22 Jahre nach dem ersten Film ist Anna eine alleinerziehende Mutter und Managerin einer Pop-Sängerin. Ihre fünfzehnjährige Tochter Harper (Julia Butters) ist eine begeisterte Surferin. Ihre Mutter Tess ist die dauerpräsente Oma und Podcasterin (naja, einmal am Filmanfang) und immer noch Sachbuchautorin. Die praktizierende Psychotherapeutin ist außerdem immer noch mit Ryan (Mark Harmon) verheiratet. Er ist der nett am Rand stehende, sie bedinungslos unterstützende Mann.

Anna will in wenigen Stunden Eric Reyes (Manny Jacinto) heiraten. Er ist ein aus London kommender Koch und die jüngere Ausgabe von Ryan. Erics Tochter Lily (Sophia Hammons) geht in Harpers Klasse. Beide Mädchen mögen sich nicht, weil es so im Drehbuch steht. Außerdem möchte Lily unbedingt zurück nach London zu ihren alten Freundinnen und in ihr altes Leben.

Wer den ersten Film noch präsent hat, kann leicht nachvollziehen, was geändert wurde und vermuten, dass die Fortsetzung in weiten Teilen ein Remake des ersten Films ist. Und so ist es auch. Mit minimalen Aktualisierungen und geringen Veränderungen, so tauschen dieses Mal nicht zwei sondern vier Personen unfreiwillig ihre Körper, wird die alte Geschichte noch einmal erzählt. Nur viel schlechter. Keine Figur ist klar gezeichnet. Kein Konflikt überzeugt. Der Körpertausch ist daher nur ein bedeutungsloser Gimmick. Es gibt nämlich keine sich aus den Figuren und ihren Konflikten ergebende Notwendigkeit für diesen Tausch und dass diese Personen miteinander tauschen. Entsprechend flach und eklektisch zusammengefügt ist die Geschichte. Dagegen ist „Freaky Friday“ eine mustergültig konstruierte Geschichte mit klar gezeichneten Figuren und Konflikten, die zu einer ebenso folgerichtig ablaufenden Geschichte und daraus resultierenden komischen Situationen führen.

In „Freakier Friday“ regieren dagegen Willkür und Zufall, auch bekannt als „der Drehbuchautor will das so“.

So fragte ich mich immer wieder, ob jetzt wirklich diese Person in diesem Körper ist. Zu ähnlich sind sich die vier Frauen, die ihre Körper tauschen. Im Film tauschen Tess (Jamie Lee Curtis) mit der Engländerin Lily (Sophia Hammons) und Anna (Lindsay Lohan) mit ihrer Tochter Harper (Julia Butters). Anschließend versuchen Lily und Harper als Tess und Anna die Hochzeit zu verhindern. Daneben gibt es einige Szenen, in denen Jamie Lee Curtis hemmungslos dem Affen Zucker gibt. Auch wenn das eher nicht dem Verhalten von Lily entspricht. Allerdings habe wir vor dem Körpertausch auch kaum etwas über Lily erfahren.

Beispielhaft sei hier die Szene in dem Second-Hand-Schallplattenladen von Jake (Chad Michael Murray) genannt. Jake war Annas High-School-Liebe, der im ersten Film starke Gefühle für Annas Mutter entwickelte. Sie und Anna (mit Lily und Harper in ihren Körpern) tauchen jetzt in seinem Plattenladen auf und Anna versucht ihn zu verführen. Die beiden Mädchen glauben, so die Hochzeit ihrer Eltern zu verhindern. Während die Schauspielerinnen munter chargieren und ikonische LP-Cover präsentieren, fragte ich mich, ob sich die beiden Teenager, die sich gerade in den Körpern von älteren Frauen befinden, so verhalten würden oder ob das nicht das Verhalten von anderen Frauen ist.

Das Problem der mangelnden Motivation von Handlungen kann gut mit dem Konzert am Filmende illustriert werden.

So ist in „Freaky Friday“ Annas Wunsch, dass sie zusammen mit ihrer Rockband „Pink Slip“ auftreten möchte, absolut nachvollziehbar. Dummerweise ist der Auftritt während dem Polterabend ihrer Mutter und sie sollte die Feier unter keinen Umständen verlassen. Das ist ein klarer Konflikt: Anna will in dem Moment unbedingt an einem anderen Ort sein. Noch komplizierter wird die Situation, weil Anna in dem Moment im Körper ihrer Mutter Tess steckt. Sie kann ihre eigene Feier natürlich unter keinen Umständen verlassen. Und Tess, die im Körper ihrer Tochter steckt, interessiert sich nicht für die Musik der Rockband ihrer Tochter. Sie kann auch nicht Gitarre spielen. Das wissen die anderen Mitglieder ihrer Band, die ihre Gitarristin unbedingt auf der Bühne haben wollen, nicht. Und schon ist das weidlich ausgenutzte Potential für zahlreiche Verwicklungen, komische Szenen und Screwball-Momente vorhanden.

Freakier Friday“ endet ebenfalls mit einem Konzert, zu dem Anna und ihre Tochter Harper (die haben ihre Körper getauscht) während des Polterabends müssen. Aber dieses Mal gibt es keine,Dringlichkeit und keinen Konflikt, der Anna zwingt, zu dem Konzert zu gehen. Sicher, Anna ist inzwischen die Managerin der an massiven psychischen Problemen leidenden Pop-Sängerin Ella (Maitreyi Ramakrishnan). Sie tritt an dem Abend auf. Kurz vor dem Konzert erhält Anna eine SMS, dass sie unbedingt zu dem Konzert kommen müsse. Warum steht da nicht drin, aber Anna (Lindsay Lohan) eilt, dem Willen des Drehbuchautors gehorchend, los; – wobei besser ihre Tochter Harper (wir erinnern uns: Anna ist in ihrem Kopf) losgeeilt wäre. Ihr Verschwinden wäre niemand auf der Feier aufgefallen.

So geht es durch den gesamten Film. Dinge passieren einfach oder weil die Schauspieler es beim Drehen für witzig hielten. Das führt dazu, dass die wenigen Gags über Gebühr strapaziert werden.

Freakier Friday“ ist eine auf der ganzen Linie gescheiterte Komödie. Immerhin hatten die Schauspieler bei diesem Familientreffen, bei dem alle bekannten Gesichter aus „Freaky Friday“ dabei sind, offensichtlich ihren Spaß und Jamie Lee Curtis konnte dem Affen ordentlich Zucker geben.

Freakier Friday (Freakier Friday, USA 2025)

Regie: Nisha Ganatra

Drehbuch: Jordan Weiss (nach einer Geschichte von Elyse Hollander und Jordan Weiss, basieren auf dem Kinderbuch „Freaky Friday“ von Mary Rodgers)

mit Jamie Lee Curtis, Lindsay Lohan, Julia Butters, Sophia Hammons, Manny Jacinto, Mark Harmon, Chad Michael Murray, Christina Vidal Mitchell, Haley Hudson, Lucille Soong, Stephen Tobolowsky, Rosalind Chao, Maitreyi Ramakrishnan, Vanessa Bayer, Ryan Malgarini

Länge: 111 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Freakier Friday“

Metacritic über „Freakier Friday“

Rotten Tomatoes über „Freakier Friday“

Wikipedia über „Freakier Friday“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Nisha Ganatras „Late Night – Die Show ihres Lebens“ (Late Night, USA 2019)


TV-Tipp für den 7. August: Milk

August 6, 2025

ZDFneo, 21.35

Milk (Milk, USA 2008)

Regie: Gus Van Sant

Drehbuch: Dustin Lance Black

Überzeugendes Biopic über Harvey Milk, der in den siebziger Jahren in San Francisco politisch aktiv und bekannt wurde als erster offen homosexueller Stadtverordneter in den USA. Am 27. November 1978 wurde er in San Francisco von dem Ex-Cop und Ex-Stadtrat Dan White erschossen.

Für das Drehbuch und den Hauptdarsteller gab es einen Oscar. Um nur zwei Preise aus dem Feld der über sechzig gewonnenen Preise und gut hundertfünfzig Nominierungen zu nennen.

mit Sean Penn, James Franco, Diego Luna, Emile Hirsch, Josh Brolin, Lucas Grabeel, Victor Garber, Jeff Koons

Hinweise

Metacritic über „Milk“

Rotten Tomatoes über „Milk“

Wikipedia über „Milk“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Gus Van Sants „The Sea of Trees – Liebe wird dich nach Hause führen“ (The Sea of Trees, USA 2015)

Meine Besprechung von Gus Van Sants „Don’t worry, weglaufen geht nicht“ (Don’t worry, he won’t get far on foot, USA 2018)


Neu als Taschenbuch: Denise Minas Alex-Morrow-Noir „Götter und Tiere“

August 6, 2025

Die Hardcover-Ausgabe (rechts) ist schon seit einigen Jahren erhältlich. Die Taschenbuch-Ausgabe (links) von Denise Minas drittem Alex-Morrow-Krimi erschien erst jetzt.

Kurz vor Weihnachten spaziert ein Maskierter mit einer AK-47 in eine Glasgower Postfiliale und richtet, als ein älterer Mann gegen seine Anweisungen verstößt, ein Massaker an. Anscheinend hat Brendan Lyons den maskierten Mann erkannt. Aber woher? Und warum hat er ihn angesprochen? Die Ermittlungen von Detective Sergeant Alex Morrow und ihrem Kollegen, Detective Constable Harris, ergeben keine heiße Spur. Lyons scheint nur ein honoriger Gewerkschaftler und Arbeiter gewesen zu sein. Der Zeuge Martin Pavel verfügt zwar über eine nebulöse Biographie, aber mit dem Täter und dem Opfer hat der junge Mann offensichtlich nichts zu tun.

Zur gleichen Zeit beschuldigt die lokale Tageszeitung den verheirateten Politiker Kenny Gallagher einer sexuellen Affäre mit einer jüngeren Angestellten der Partei. Obwohl die Anschuldigen stimmen und er in den vergangenen Jahren mehrere Affären hatte, verklagt er die Zeitung. Er hofft, so seine Ehe und seine politische Karriere zu retten.

Wenige Stunden nach dem Überfall auf die Postfiliale nehmen Morrows Kollegen Tasmin Leonard und Wilder eine prallvoll mit Geldscheinen gefüllte Ikea-Tasche mit, die ihnen ein sich auffällig unschuldig gebender Rauschgiftkurier bei einer Kontrolle anbietet. Kurz darauf werden sie mit Fotos von ihrer Tat erpresst.

Aus diesen Handlungssträngen entwirft Denise Mina, die Queen of Tartan Noir, in ihrem dritten von fünf Alex-Morrow-Kriminalromanen ein dichtes Geflecht unterschiedlicher Abhängigkeiten. Für die Aufklärung des Falles und ein sauberes Ende, wie man es aus traditionellen Krimis kennt, interessiert Mina sich nicht. Sie entwirft das Porträt einer zutiefst korrupten Stadt, in der alle mit allen verflochten sind.

Als die Hardcover-Ausgabe vor fünf Jahren erschien, stand „Götter und Tiere“ mehrere Monate auf der monatlichen Krimibestenliste und auf dem dritten Platz der aus den monatlichen Bestenlisten zusammengestellten Krimijahresbestenliste. Der Polizeikrimi erhielt den Deutschen Krimipreis. Außerdem gewann der Noir 2013 den renommierten Theakstons Old Peculier Crime Novel of the Year Award.

Götter und Tiere“ ist absolut lesenswert, wenn man einen guten Noir lesen möchte.

Denise Mina: Götter und Tiere

(übersetzt von Karen Gerwig)

Unionsverlag, 2025

352 Seiten

15 Euro

Deutsche Erstausgabe

Ariadne/Argument Verlag, 2020

21 Euro

Originalausgabe

Gods and Beasts

Orion, 2012

Hinweise

Homepage von Denise Mina

Wikipedia über Denise Mina (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Denise Mina (Autor)/Leonardo Manco/Andrea Mutti (Zeichner) „Stieg Larsson – Millennium: Verblendung – Band 1“ (The Girl with the Dragoon Tattoo – Book One, 2012 )

Meine Besprechung von Denise Mina/Leanordo Manco/Andrea Muttis „Stieg Larsson- Millennium: Verblendung – Band 2“ (The Girl with the Dragoon Tattoo – Book Two, 2013)

Meine Besprechung von Denise Mina/Leonardo Manco/Andrea Mutti/Antonio Fusos „Stieg Larsson Millenium: Verdamnis – Band 1″ (The Girl who played with Fire, 2014)

Mein Hinweis auf Denise Minas „Götter und Tiere“ (Gods and Beasts, 2012)

Meine Besprechung von Denise Minas „Fester Glaube“ (Confidence, 2022)


TV-Tipp für den 6. August: Watching you – Die Welt von Palantir und Alex Karp

August 5, 2025

ARD, 22.50

Watching you – Die Welt von Palantir und Alex Karp (Deutschland 2024)

Regie: Klaus Stern

Drehbuch: Klaus Stern

TV-Premiere. Spielfilmlange Doku über Alex Karp, den Gründer der US-amerikanischen Firma Palantir. Aktuell diskutieren deutsche Sicherheitsbehörden über einen Einsatz der US-Überwachungssoftware. Aber anstatt sich mit der von Polizei und Geheimdiensten eingesetzten, von Datenschützern kritisierten Überwachungssoftware auseinanderzusetzten, konzentriert „Watching you“ sich auf Alex Karp, der als etwas schrulligen und interviewscheuer Unternehmer porträtiert.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Watching you“

Moviepilot über „Watching you“

Wikipedia über Klaus Stern, Palantir (deutsch, englisch) und Alex Karp (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Klaus Sterns „Watching you – Die Welt von Palantir und Alex Karp“ (Deutschland 2024)


Cover der Woche

August 5, 2025

Noir-Lesetipp, ausgezeichnet mit dem Deutschen Krimipreis