TV-Premiere. Die Geschichte von Anne Frank, die sich mit ihrer Familie von 6. Juli 1942 bis 4. August 1944 in Amsterdam in einem Hinterhaus vor den Nazis versteckte. Bis zu ihrer Entdeckung schrieb sie ein Tagebuch, das, neben weiteren Schriftstücken aus dem Archiv des Anne Frank Fonds, die Grundlage für das berührende Drama bildete.
Nach ihrer Entdeckung werden sie nach Auschwitz gebracht. Bis auf Anne Franks Vater Otto sterben sie in verschiedenen KZs. Anne Frank stirbt an Typhus Ende Februar/Anfang März 1945 im Lager Bergen-Belsen.
Hans Steinbichlers „Das Tagebuch der Anne Frank“ ist, nach einem Drehbuch von Fred Breinersdorfer, der erste deutsche Kinofilm, der die Geschichte von Anne Frank erzählt. Es ist ein sehr sehenswerter Film.
mit Lea van Acken, Martina Gedeck, Ulrich Noethen, Stella Kunkat, André Jung, Margarita Broich, Leonard Carow, Arthur Klemt, Gerti Drassl, Stefan Merki
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Die Vorlage
Wer nach (oder vor) dem Film so richtig in die Schriften von Anne Frank einsteigen möchte, sollte sich die Gesamtausgabe, die auch ganz banal „Gesamtausgabe“ heißt, zulegen. In ihr sind die verschiedenen Versionen ihres Tagebuchs (es gibt das ursprüngliche Tagebuch, eine von ihr für eine Veröffentlichung schon überarbeitete Fassung, die von ihrem Vater Otto Frank für die Veröffentlichung erstellte Fassung und die von Mirjam Pressler 2001 im Auftrag des Anne Frank Fonds erstellte und autorisierte „Version d“, die die heute verbindliche Fassung ist und in der für frühere Veröffentlichungen gekürzte und weggelassene Teile wieder aufgenommen wurden), die „Geschichten und Ereignisse aus dem Hinterhaus“ (ihre Erzählungen, die teils auf selbst Erlebtem basieren und die auch teils von ihr in ihr Tagebuch übernommen wurden), weitere Erzählungen, Briefe, Einträge in Poesiealben, „Das Schöne-Sätze-Buch“ (das hauptsächlich eine Sammlung von Texten, die ihr gefielen und die sie im Versteck abschrieb, ist) und ‚Das Ägyptenbuch‘ (das ebenfalls vor allem aus anderen Texten besteht und das Anne Franks Faszination für das alte Ägypten dokumentiert) abgedruckt. Damit ist ihr schriftstellerisches Gesamtwerk in diesem Buch enthalten.
Ergänzt wird der Sammelband durch Fotos und Dokumente über sie und ihre Familie und vier Aufsätze über Anne Frank, ihre Familie, den zeitgeschichtlichen Kontext und die Rezeptionsgeschichte.
Diese umfassende Ausgabe eignet sich vor allem für das vertiefte und auch vergleichende Studium.
Für den Hausgebrauch reicht natürlich auch die Ausgabe ihres Tagebuchs.
– Anne Frank: Gesamtausgabe (herausgegeben vom Anne Frank Fonds) (übersetzt von Mirjam Pressler) Fischer, 2015 816 Seiten
12,99 Euro
– Deutsche Erstausgabe
Fischer, 2013
– Hinweise Homepage zum Film Filmportal über „Das Tagebuch der Anne Frank“ Moviepilot über „Das Tagebuch der Anne Frank“
Wikipedia über „Das Tagebuch der Anne Frank“ (deutsch,englisch) und Anne Frank (deutsch, englisch) Der Anne Frank Fonds
Drehbuch: John Logan, Dante Harper (nach einer Geschichte von Jack Paglen und Michael Green) (nach Charakteren von Dan O’Bannon und Ronald Shusett)
Buch zum Film: Alan Dean Foster: Alien: Covenant, 2017 (Alien: Covenant)
Das Besiedlungsraumschiff „Covenant“ ist auf dem Weg nach Origae-6. Auf ihrem Weg hören sie ein Signal von einem Planeten, der anscheinend für menschliches Leben sehr geeignet ist. Sie beschließen, sich diesen Planeten anzusehen und, nun, sagen wir es mal so, das ist keine wahnsinnig brillante Idee.
TV-Premiere. Technisch perfekter Film, der einfach die bekannte „Alien“-Geschichte noch einmal erzählt und sie mit einige Ideen garniert, die nirgendwohin führen. Ein richtiger ‚Meh‘-Film, der auch an der Kinokasse höchstens solala lief. Trotzdem will Ridley Scott weitere „Alien“-Prequels inszenieren und so weiter auf seinem Vermächtnis herumtrampeln.
Im Anschluss, um 00.55 Uhr, läuft „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“.
mit Michael Fassbender, Katherine Waterston, Billy Crudup, Danny McBride, Demián Bechir, Carmen Ejogo, Nathaniel Dean, Benjamin Rigby, Callie Hernandez, James Franco, Guy Pearce
Die Private Eye Writers of America (PWA)haben die Nominierungen für die diesjährigen Shamus-Preise veröffentlicht. Die Preisverleihung ist im Herbst auf der Bouchercon in Dallas.
Nominiert sind folgende Privatdetektivkrimis:
Best Private Eye Novel
• Wrong Light, von Matt Coyle (Oceanview)
• What You Want to See, von Kristen Lepionka (Minotaur)
• The Widows of Malabar Hill, von Sujata Massey (Soho Crime)
• Baby’s First Felony, von John Straley (Soho Crime)
• Cut You Down, von Sam Wiebe (Quercus)
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Best Original Private Eye Paperback
• She Talks to Angels, von James D.F. Hannah (Independently published)
• No Quarter, von John Jantunen (ECW Press)
• Shark Bait, von Paul Kemprecos (Independently published)
• Second Story Man, von Charles Salzberg (Down & Out)
• The Questionable Behavior of Dahlia Moss, von Max Wirestone (Redhook)
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Best First Private Eye Novel
• The Best Bad Things, von Katrina Carrasco (MCD/Farrar, Straus and Giroux)
• Broken Places, von Tracy Clark (Kensington)
• Last Looks, von Howard Michael Gould (Dutton)
• What Doesn’t Kill You, von Aimee Hix (Midnight Ink)
• Only to Sleep, von Lawrence Osborne (Hogarth)
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Best Private Eye Short Story
• “Fear of the Secular,” von Mitch Alderman (Alfred Hitchcock Mystery Magazine, November-December 2018)
• “Three-Star Sushi,” von Barry Lancet (Down & Out: The Magazine, Vol. 1, Issue 3)
• “The Big Creep,” von Elizabeth McKenzie (aus Santa Cruz Noir, herausgegeben von Susie Bright; Akashic)
Drehbuch: Andy T. Hoetzel, Ralf Huettner, Hans Dräxler
Did Stricker (Harald Juhnke) ist ein Marktschreier mit finanziellen Problemen. Da wird er von der rechten Splitterpartei NSDU zum Spitzenkandidaten gemacht. Stricker genießt die öffentliche Aufmerksamkeit und spielt mit.
Polit-Komöide, die „in der Story den richtigen Biss hat und in Harald Juhnke einen souveränen Entertainer.“ (Fischer Film Almanach 1994)
Ewig nicht mehr gezeigte Satire, die mir vor Jahren sehr gut gefiel und die heute immer noch aktuell ist.
Huettner inszenierte danach „Texas – Doc Snyder hält die Welt in Atem“, die „Musterknaben“-Filme, „Vincent will Meer“ und mehrere „Kommissarin Lucas“-Krimis.
Mit Harald Juhnke, Dominick Raacke, Ilse Zielstorf, Ludwig Haas, Veronika Ferres, Amelie Fried
Um Liebe geht es auch in Olivier Assayas neuestem Film. Schließlich ist „Zwischen den Zeilen“ ein französischer Film und er ist sehr französisch. Es wird also viel geredet. Aber Alain und Léonard reden ohne Punkt und Komma über Literatur und wie die Neuen Medien die Kultur verändern. Alain ist ein Verleger, der E-Books gegenüber aufgeschlossen ist. Schließlich werde mehr gelesen und geschrieben. Léonard sieht das anders. Er ist ein von ihm seit Ewigkeiten verlegter, konsequent miesepetriger, angenehm verpeilter Autor, der wenig von dem neumodischen Kram hält. Bekannt ist er für seine autofiktiven Romanen, in denen er, kaum verhüllt, eigene Erlebnisse beschreibt. Mit abnehmenden Verkaufszahlen.
Dieses lange Gespräch, das damit endet, dass Alain Léonard sagt, er werde sein neues Buch niciht verlegen, ist der Auftakt für viele weitere Gespräche, in denen Alain, Léonard und ihre Freunde, die sich immer wieder gegenseitig einladen, redselig und in epischer Breite alle aktuelle Feuilleton-Themen abhandeln. Irgendwann zwischen all den gepflegten Gesprächen erfahren wir auch, dass einige, naja, fast alle, außereheliche Affären haben. So ist Alains Frau Selena, Hauptdarstellerin in einer erfolgreichen Krimiserie, seit Jahren die Geliebte von Léonard. Vielleicht gefällt ihr deshalb auch Léonards Buch, in dem er leicht verfremdet ihre Affäre schildert. Alain glaubt allerdings, dass Léonard eine andere Frau porträtiert und dass Selena treu ist. Zur gleichen Zeit beginnt er eine Affäre.
Munter betrügen sie sich gegenseitig. Teilweise wissen sie es auch. Oder glauben es, nach einem Blick in Léonards autofiktiven Romane, zu wissen. Ein übermäßig schlechtes Gewissen haben sie nicht. Außerdem gehört für richtige Pariser Intellektuelle eine Affäre einfach zum großstädtischen Leben dazu.
Assayas‘ Figuren reden in „Zwischen den Zeilen“ mindestens so viel, wie die Figuren in einem Eric-Rohmer-Film. Aber nicht über Liebe und Seitensprünge, sondern über Literatur, die neuen Medien, Veränderungen in der Buchbranche und Fernsehserien. Bahnbrechend neue Erkenntnisse gibt es bei diesen endlosen, rotweingesättigten Gesprächen nicht. Eher schon geben Assayas‘ Figuren kurzweilig den aktuellen Stand der Diskussion wieder. Denn Assayas‘ wie hingeworfen klingende Dialoge sind genau formuliert.
Gleichzeitig hält er dem Bildungsbürgertum gewitzt und durchaus versöhnlich im Ton, den Spiegel vor. Denn selbstverständlich reden die Intellektuellen auch immer über sich. Und bei allen Betrügereien sind sie doch mit sich selbst im Reinen.
„Zwischen den Zeilen“ ist ein wunderschöner Redefilm, der im beständigen Fluss des Lebens überhaupt nicht an endgültigen Antworten und großen emotionalen Katastrophen interessiert ist.
Zwischen den Zeilen (Doubles Vies, Frankreich 2018)
Regie: Olivier Assayas
Drehbuch: Olivier Assayas
mit Guillaume Canet, Juliette Binoche, Vincent Macaigne, Christa Théret, Nora Hamzawi, Pascal Greggory
Während eines Urlaubs in den Bergen bricht die achtjährige Jana zusammen. Im Krankenhaus stellen die Ärzte fest, dass sie eine akute Herzmuskelentzündung hat und dringend ein neues Herz benötigt. Im Schnitt dauert es acht Monate, bis ein passendes Spenderherz gefunden wird. Nach einem Jahr ist Jana immer noch im Krankenhaus. Ihre Chancen zu überleben, schwinden täglich.
Da entdeckt Janas Vater Micha Faber im Internet ein Angebot. In Osteuropa sind die Gesetze laxer. Ein passendes Organ kann schneller besorgt werden. Es kostet nur die Kleinigkeit von 250.000 Euro. Janas Ärztin Dr. Andrea Benesch und Janas Mutter Natalie raten ab. Aber Micha lässt sich mit den illegalen Organhändlern ein.
So ein spannendes Thema, so eine schön zugespitztes moralisches Dilemma und dann ist „Das Leben meiner Tochter“ ein erschreckend leb- und auch spannungsloser Film. Dem Drehbuch gelingt es nämlich nie, die Fabers Dilemma in eine spannende Erzählung zu übertragen. Strukturell ist der strikt chronologisch erzählte Film wie ein Thriller aufgebaut. Aber in den einzelnen Szenen zeigt sich das nicht. Das liegt vor allem an den Dialogen. Sie hören sich durchgängig wie eine erste Fassung an. Das ist bestenfalls Bürokratendeutsch, das in einer Überarbeitung in gesprochene Dialoge hätte übersetzt werden müssen. Aus einem „Hat Janas Zustand sich verbessert?“ wäre ein „Geht es Jana besser?“ oder „Wie geht es Jana?“ geworden. Es sind Sätze, die man aufschreiben, aber nicht sagen kann. Entsprechend emotionslos und distanziert tragen die Schauspieler die Drehbuchsätze dann vor.
Auch die Bilder und die ruhige Inszenierung zielen auf den TV-Bildschirm. Die Ausstattung wirkt durchgehend unpassend. Oder haben in den Alpen die Chefärzte Büros, in denen sie locker ganze Betriebsversammlungen und Partys abhalten können?
Dabei ist das Thema Organspende und illegaler Organhandel wichtig und verdient eine ernsthafte Behandlung. Nur werden in Steffen Weinerts Drama „Das Leben meiner Tochter“ diese Fragen zu oberflächlich behandelt. Wichtige Informationen über den Ablauf von Organspenden und dem Problem des illegalen Organhandels werden kaum geliefert. So warnt Janas Ärztin die Fabers zwar, vor der illegalen Transplantationen und den möglichen strafrechtlichen Folgen. Aber das ist nur eine Szene im Film. Ein späteres Gespräch, das Natalie mit Dr. Benesch führt, wird nur in einem späteren Gespräch mit ihrem Mann in einem Satz erwähnt.
„Das Leben meiner Tochter“ ist ein ambitioniertes Fernsehspiel, das deutlich unter den Möglichkeiten des Themas bleibt.
Das Leben meiner Tochter (Deutschland 2019)
Regie: Steffen Weinert
Drehbuch: Steffen Weinert
mit Christoph Bach, Maggie Valentina Salomon, Alwara Höfels, Barbara Philipp, André M. Hennicke, Marc Zwinz, Erik Madsen, Birge Schade
Wo soll ich nur anfangen bei diesem Totaldesaster? Vielleicht mit zwei Hinweisen.
Erstens: die „X-Men“-Filme waren immer mal besser, mal schlechter. So war der letzte „X-Men“-Film „Apocalypse“, in dem die X-Men als Gruppe auftreten, schlecht. „Logan“, der letzte Auftritt von Hugh Jackman als Wolverine, war nicht nur der beste „Wolverine“-Film, sondern einer der besten Filme aus dem „X-Men“-Universum. Wenn wir die beiden „Deadpool“-Filme ignorieren. Sie werden zwar zum „X-Men“-Franchise gezählt, aber eigentlich gehören sie nicht in die Welt der X-Men.
Zweitens: dass die Premiere von „X-Men: Dark Phoenix“ mehrfach verschoben wurde und es umfangreiche Nachdrehs gab, sagt nicht unbedingt etwas über die Qualität des Films aus. Manchmal ist der Film, der dann in die Kinos kommt, gelungen. Meistens allerdings nicht.
„X-Men: Dark Phoenix“ gehört zu den Filmen, bei denen irgendwann in der Produktion irgendetwas so gründlich schief lief, dass man nicht erkennt, an welchem Punkt aus einem potentiell grandiosem Blockbuster das Gegenteil wurde. Hier lief einfach alles so schief, dass es keinen Unterschied macht, welche Szenen nachgedreht wurden und welche nicht. Und auch nicht, dass der gesamte dritte Akt verändert wurde. Ursprünglich spielte er im Weltraum. Jetzt spielt er in einem Zug.
Schon die ersten Filmminuten sind beeindruckend schlampig inszeniert. 1975 fahren die Greys auf einer Landstraße. Sie streiten sich über die Musik und die achtjährige Jean Grey, die noch nichts von ihren Kräften ahnt, provoziert einen Autounfall, bei dem ihre Eltern sterben. Das Problem in dieser Szene ist, dass die am Steuer sitzende Mutter sich während der Fahrt immer wieder für längere Zeit zu ihrer auf der Rückband sitzenden Tochter umdreht und niemand sich daran stört, weil Mütter selbstverständlich auch bei gut hundert Stundenkilometern in Gesprächen immer ihrer Tochter tief in die Augen blicken.
Entsprechend sorglos geht es die nächsten zwei Stunden weiter. Dabei sind solche Details, die in einem besseren Film nicht negativ auffallen, ein deutlicher Hinweis auf fundamentale Schwächen im gesamten Film.
Nach dem Unfall wird Jean Grey von Professor Charles Xavier in seine Mutantenschule aufgenommen.
Jahre später gehört sie zu den X-Men, dieser Gruppe hoch- und ungewöhnlich begabter Menschen. Professor Charles Xavier ist der Anführer dieser gesellschaftlichen Außenseiter. Er will, dass die Mutanten keine Außenseiter mehr sind. Dafür müssen sie von der Menschheit als gleichberechtigt anerkannt werden.
1992 ist ihm das gut gelungen. Er trifft sich, ganz Lobbyist in eigener Sache, mit Staatsoberhäuptern. Die X-Men sind eine Truppe, die immer wieder Menschen aus tödlichen Situationen rettet. Als ein Space Shuttle in Gefahr gerät, schickt Xavier sofort eine Rettungsmission los. Die Astronauten können gerettet werden.
Aber ‚Phoenix‘ Jean Grey gerät mit einer unbekannten und rätselhaften Substanz in Kontakt. Danach wird sie körperlich und geistig stärker. Sie will kein Mitglied der X-Men mehr sein. Sie wendet sich gegen ihre Familie. Und sie will mehr über ihre Vergangenheit erfahren. Denn Xavier hat sie über ihre Eltern belogen.
Das muss als Storyskelett genügen, um beliebige Auftritte der verschiedenen X-Men und wenig berauschende CGI-Actionszenen aneinanderzureihen.
Die Schauspieler laufen dabei durch die Landschaft, als hätten sie keine Ahnung, was sie in dem Film zu suchen haben. Jessica Chastain als aus dem Weltall kommende Bösewichtin Vuk verzichtet auf jegliches Schauspiel und steht so ausdruckslos wie ein Pappaufsteller herum. Jennifer Lawrence scheint zu ihrem Auftritt als Raven/Mystique erpresst worden zu sein. James McAvoy ist wieder Professor Charles Xavier (mit wechselnden Frisuren) und Michael Fassbender ist wieder ‚Magneto‘ Erik Lehnsherr. Dieses Mal lebt er als Anführer der Mutanten-Selbstversorger-Hippie-Kommune Genosha auf einer Insel. Beide Schauspieler laufen auf Autopilot durch das Bild.
Sophie Turner hinterlässt in ihrem zweiten Auftritt als ‚Phoenix‘ Jean Grey und als titelgebende, unglaublich mächtige Dark Phoenix ebenfalls keinen nachhaltigen Eindruck. Die Macher sahen das wohl so ähnlich. In den Credits wird sie nämlich erst an fünfter Stelle, nach James McAvoy, Michael Fassbender, Jennifer Lawrence und Nicholas Hoult, genannt.
Offiziell spielt „Dark Phoenix“ 1992. Aber nichts im Film deutet darauf hin, dass der Film in diesem Jahr spielt. Es gibt keinerlei Hinweise auf das Jahr oder popkulturelle Anspielungen, wie sie sogar jede TV-Serie (vollkommen unabhängig von ihrem Budget) hinbekommt. Dass es anders geht, zeigten in den vergangenen Monaten das Neunziger-Jahre-Fest „Captain Marvel“ und das Achtziger-Jahre-Fest „Bumblebee“. Oder die „X-Men“-Filme „Erste Entscheidung“ und „Zukunft ist Vergangenheit“ für die sechziger und siebziger Jahre. „Dark Phoenix“ könnte mit seinen zahlreichen, zeitlich nicht zuordenbaren Innenaufnahmen aus Xaviers Mutantenschule und einem Gefangenentransportzug irgendwann spielen.
Das alte X-Men-Thema, dass sie Außenseiter sind, die zur Gesellschaft dazugehören wollen, wird in „Dark Phoenix“ selbstverständlich auch angesprochen. Im ersten „X-Men“-Film wurde eine Linie von den Konzentrationslagern der Nazis und der Vernichtung der Juden zu den X-Men gezogen.
Spätestens seit der Wahl von Donald Trump und dem Erstarken rechtspopulistischer Einstellungen, wozu Rassismus, Antisemitismus, Ausländer- und Islamfeindlichkeit gehören, ist der Umgang der Mehrheit mit Minderheiten ein brennend aktuelles Thema, das auch in einem 1992 spielendem „X-Men“-Film behandelt werden kann. Die einzige Antwort, die der Film in der Gestalt von Professor Xavier darauf gibt, ist Überanpassung. Um von der Gesellschaft anerkannt und akzeptiert zu werden, müssen die Mutanten besser, fehlerfreier und unterwürfiger sein, als die Menschen. Dieses alte und diskriminierende Konzept von Integration wird im Film nicht weiter problematisiert.
Weil allerdings immer wieder gezeigt wird, dass die Menschen die Mutanten nicht dauerhaft als gleichberechtigt anerkennen wollen, müsste Xavier irgendwann darüber nachdenken, ob sein Konzept von Integration tragbar ist. Denn es ist höchstens kurzfristig erfolgreich.
„X-Men: Dark Phoenix“ ist das Regiedebüt von Simon Kinberg. Er schrieb die Drehbücher zu den „X-Men“-Filmen „Der letzte Widerstand“ (2006), „Days of Future Past“ (2014) und „Apocalypse“ (2016). Außerdem ist er seit seinem ersten „X-Men“-Drehbuch auch als Produzent in die Serie involviert. Man kann ihm also nicht vorwerfen, dass er keine Ahnung vom „X-Men“-Filmuniversum hat. Aber eine tragfähige Idee, wie er die Geschichte der X-Men weiter und wahrscheinlich zu Ende erzählt, hat er in „Dark Phoenix“ nicht.
Denn das „X-Men“-Franchise wanderte durch die jüngsten Firmenverkäufe von Twentieth Century Fox zu den Marvel Studios und Disney. Wie Marvel-Produzent Kevin Feige die Geschichte der X-Men weitererzählt und ob er sie in das Marvel Cinematic Universe integriert, ist noch unklar. Aktuell sind jedenfalls keine weiteren Filme mit diesen X-Men geplant.
X-Men: Dark Phoenix (Dark Phoenix, USA 2019)
Regie: Simon Kinberg
Drehbuch: Simon Kinberg
LV: John Byrne, Chris Claremont: The Dark Phoenix Saga, 1980 (X-Men: Die Dark Phoenix Saga)
Erfinder: Comiccharaktere von Jack Kirby und Stan Lee
mit James McAvoy, Michael Fassbender, Jennifer Lawrence, Nicholas Hoult, Sophie Turner, Tye Sheridan, Alexandra Shipp, Evan Peters, Kodi Smit-McPhee, Jessica Chastain
Die bekannte Geschichte der am 12. Juni 1929 geborenen Anne Frank, die sich in Amsterdam während des Zweiten Weltkriegs mit ihrer Familie in einem Hinterhaus versteckte, erzählt Raymond Ley primär aus der Sicht von Annes Vater Otto Frank, der den Krieg überlebte.
„Die künstlerisch ambitionierte Collage setzt sich eindrucksvoll aus Spielszenen und dokumentarischen Einsprengseln zusammen.“ (Lexikon des internationalen Films)
mit Mala Emde, Götz Schubert, Axel Milberg, Lion Wasczyk, Harald Schrott, André M. Hennicke
Wer nach (oder vor) dem Film so richtig in die Schriften von Anne Frank einsteigen möchte, sollte sich die Gesamtausgabe, die auch ganz banal „Gesamtausgabe“ heißt, zulegen. In ihr sind die verschiedenen Versionen ihres Tagebuchs (es gibt das ursprüngliche Tagebuch, eine von ihr für eine Veröffentlichung schon überarbeitete Fassung, die von ihrem Vater Otto Frank für die Veröffentlichung erstellte Fassung und die von Mirjam Pressler 2001 im Auftrag des Anne Frank Fonds erstellte und autorisierte „Version d“, die die heute verbindliche Fassung ist und in der für frühere Veröffentlichungen gekürzte und weggelassene Teile wieder aufgenommen wurden), die „Geschichten und Ereignisse aus dem Hinterhaus“ (ihre Erzählungen, die teils auf selbst Erlebtem basieren und die auch teils von ihr in ihr Tagebuch übernommen wurden), weitere Erzählungen, Briefe, Einträge in Poesiealben, „Das Schöne-Sätze-Buch“ (das hauptsächlich eine Sammlung von Texten, die ihr gefielen und die sie im Versteck abschrieb, ist) und ‚Das Ägyptenbuch‘ (das ebenfalls vor allem aus anderen Texten besteht und das Anne Franks Faszination für das alte Ägypten dokumentiert) abgedruckt. Damit ist ihr schriftstellerisches Gesamtwerk in diesem Buch enthalten.
Ergänzt wird der Sammelband durch Fotos und Dokumente über sie und ihre Familie und vier Aufsätze über Anne Frank, ihre Familie, den zeitgeschichtlichen Kontext und die Rezeptionsgeschichte.
Diese umfassende Ausgabe eignet sich vor allem für das vertiefte und auch vergleichende Studium.
Für den Hausgebrauch reicht natürlich auch die Ausgabe ihres Tagebuchs.
– Anne Frank: Gesamtausgabe (herausgegeben vom Anne Frank Fonds) (übersetzt von Mirjam Pressler) Fischer, 2015 816 Seiten
12,99 Euro
– Deutsche Erstausgabe
Fischer, 2013
Für eine erfolglose TV-Serie ist „Firefly“ erstaunlich langlebig. Zwischen September und Dezember 2002 wurden in den USA elf Folgen ausgestrahlt, ehe die Serie eingestellt wurde. Die restlichen drei bereits produzierten Folgen zeigte Fox im Juni und Juli 2003. Aber die DVD verkaufte sich prächtig. 2005 kam der die Serie fortsetzende Film „Serenity – Flucht in neue Welten“ in die Kinos. In Deutschland erschien die DVD mit allen Serienfolgen parallel zum Filmstart und 2009 zeigte Super RTL sie. Nach dem Serienende gab es mehrere Comics, eine Romanfassung des Kinofilms und jetzt den ersten offiziellen Roman zur von Joss Whedon erfundenen humorvollen Science-Fiction-Westernserie.
Im Mittelpunkt der Serie steht Captain Malcolm ‚Mal‘ Reynolds, ein ehemaliger Soldat des Widerstands gegen die Allianz im Vereinigungskrieg. Die Seite, auf der er kämpfte, verlor. Bei der Buchlektüre musste ich, auch wenn wir letztendlich nichts über die Hintergründe des Krieges erfahren, immer an den US-amerikanischen Bürgerkrieg denken und damit wäre Reynolds ein Südstaatler, der immer noch nicht verwinden kann, dass er zu den Kriegsverlierern gehört. Seit dem Kriegsende düst Reynolds mit seinem Schiff, der Serenity, als Abenteurer und Halunke durch das Weltall.
Zur Besatzung der Serenity gehören Zoë Washburne, Erster Offizier der Serenity und eine alte Kampfgefährtin von Reynolds bei ihrem Kampf gegen die Allianz, Zoës Mann Hoban ‚Wash‘ Washburne, der begnadete und humorvolle Pilot der Serenity, die ebenso begnadete Schiffsmechanikerin Kaywinnit Lee „Kaylee“ Frye und der einfältige Söldner Jayne Cobb. Die ständigen Schiffsgäste und letztendlich inzwischen auch Teil der Besatzung sind der Companion (vulgo Kurtisane) Inara Serra, der geheimnisumwitterte Geistliche Shepherd Derrial Book, und die Geschwister Dr. Simon und River Tam. Er ist ein Arzt. Sie eine Hochbegabte, mit ungewöhnlichen geistigen und körperlichen Fähigkeiten. Deswegen wurde sie von der Allianz mit einem Stipendium geködert und dann gefoltert. Er befreite seine Schwester. Seitdem werden sie von der Allianz gejagt. Die Männer und Frauen der Serenity sind eine bunte Mischung liebenswerter Charaktere.
Ihre Abenteuer erleben sie meistens auf abgelegenen Planeten, auf denen die Technik noch nicht so wahnsinnig weit entwickelt ist und im Zweifelsfall das Recht des Stärkeren und die Ganovenehre gelten. Wie im Wilden Westen.
Die Serie ist ein netter Zeitvertreib, die niemals ihr Potential auch nur halbwegs ausschöpfen konnte. Das lag auch daran, dass die Serie unentschlossen zwischen durchgehender Geschichte und Einzelgeschichten pendelt und so nie klar wird, in welche Richtung Joss Whedon die Serie über mehrere Staffeln entwickeln wollte.
In dem jetzt erschienenem, ersten offiziellem Roman zur TV-Serie hat die Serenity auf Persephone gerade mehrere Kisten hochexplosiven Sprengstoff geladen. Vor dem Abflug will Malcolm Reynolds sich noch mit Hunter Covington treffen. Der ihm unbekannte Mann übergibt Reynolds bei ihrem Treffen dann allerdings nicht die versprochene Ware, sondern nimmt ihn gefangen und entführt ihn an einen unbekannten Ort.
Während die Mannschaft der Serenity Reynolds sucht, muss er sich einer illegalen Gerichtsverhandlung stellen. Ihm wird vorgeworfen, seine Freunde im Vereinigungskrieg verraten zu haben.
„Großer, verdammter Held“ ist der erste „Firefly“-Roman von James Lovegrove. Er schrieb ihn nach einem Story-Konzept von Nancy Holder. Lovegrove war für den Arthur C. Clarke Award und den John W. Campbell Award nominiert. Er schrieb mehrere Sherlock-Holmes-Romane und die Cthulhu Casebooks. Sein Debüt „The Hope“ (1990) erschien 1998 im Heyne-Verlag als „Die Hoffnung“ und ist nur noch antiquarisch erhältlich.
In seinem ersten „Firefly“-Roman erzählt er jetzt eine Geschichte, die tief in Reynolds Vergangenheit eintaucht. Auch über Sheperd Book erfahren wir einige Details aus seiner Vergangenheit, während die Geschichte zwischen den verschiedenen Handlungssträngen hin und herspringt. Denn, wie in der TV-Serie, muss jede Figur etwas zu tun haben. Dabei wird Reynolds, auch wenn er sich über viele Buchseiten an seine Jugend auf dem Planeten Shadow erinnert, zu einer auf seinen Prozess und seine Rettung wartenden Nebenfigur. Er wird von seinen Entführern, meistens betäubt, zum Ort der Verhandlung transportiert, die mit seinem Tod enden soll.
Währenddessen gestaltet sich die Suche der „Serenty“-Besatzung nach dem spurlos verschwundenen Reynolds schwierig. Das liegt vor allem daran, dass die in der „Firefly“-Welt verwandte Technik sogar aus heutiger Sicht ziemlich altmodisch ist. Mit einem GPS-Tracker wären unsere Helden von der Serenity nämlich schnell am Ziel gewesen. So sind schnell gut dreihundertfünfzig Seiten mit farbenprächtigen Abenteuer auf fremden Welten gefüllt sind.
„Großer, verdammter Held“ ist natürlich vor allem für die Fans der Serie geschrieben. So erzählt Lovegrove wenig über die Serenity-Besatzung. Schließlich wissen die Fans der Serie alles über sie und für sie müssen die Charaktere und ihre Geschichte nicht über viele Seiten vorgestellt werden. Der Tonfall ist in diesem Roman weniger humoristisch als in der TV-Serie, was natürlich auch daran liegt, dass wir im Roman nicht Nathan Fillion, der Captain Malcolm Reynolds spielt, sehen können.
In den USA erschien Ende März „The Magnificent Nine“, Lovegroves zweiter „Firefly“-Roman. Schon der Titel klingt nach einer waschechten „Firefly“-Geschichte. Die TV-Serie ist ja deutlich vom Western beeinflusst und spielt immer wieder mit Western-Motiven. Mit „The Ghost Maschine“ hat Lovegrove bereits einen dritten „Firefly“-Roman geschrieben.
James Lovegrove: Firefly: Großer, verdammter Held
(nach einem Story-Konzept von Nancy Holder, basierend auf der TV-Serie von Joss Whedon)
„Gloria, die Gangsterbraut“ ist der zehnte Film von John Cassavetes und ein ziemlich gradliniger Actionthriller. Gena Rowlands spielt die gealterte, vom Leben und ihrem Beruf abgehärtete Ex-Sängerin Gloria Swenson. Als die Mafia die Nachbarfamilie ermordet, überlebt nur der sechsjährige Phil , ein altkluger Mini-Möchtegernmacho, das Massaker. Widerwillig übernimmt Gloria die Beschützerinnenrolle für die Nervensäge. Gemeinsam flüchten sie durch New York. Verfolgt von der Mafia, die den Jungen töten und ein in Phils Besitz befindendes Buch mit Aufzeichnungen über ihre Geschäfte haben will.
Ein düsterer in New York spielender Gangsterthriller, der zwischen Charakterstudie – Cassavetes Metier – und Thriller pendelt. Und Gena Rowlands ist härter als Liam Neeson. „Gloria, die Gangsterbraut“ wird auch als Inspiration für Luc Bessons „Leon – Der Profi“ gesehen.
John Cassavetes über „Gloria, die Gangsterbraut“: „Es ist nicht mein Lieblingsfilm, aber ich finde, dass Gena [Rowlands] großartig ist. Ich habe das Buch geschrieben und ihnen geschickt, um es zu verkaufen. Als Drehbuch zu verkaufen, um Geld zu verdienen. Mein Agent rief an und sagte: ‚Hör mal zu. Sie wollen den Film kaufen und deinen Preis bezahlen, aber sie wollen auch, dass du Regie führst. Und sie wollen, dass Gena spielt.‘ Das war eine gute und eine schlechte Nachricht. Ich hatte seit elf Jahren keinen Film mehr für sie gemacht und dachte: warum nicht? Sie bezahlen mich gut. Die einzigen Probleme, die ich hatte, hingen mit der Geschichte zusammen, der ich zugestimmt hatte.“ (Hanser Reihe Film 29: John Cassavetes)
Und so drehte John Cassavetes wieder einen Film mit Hollywood-Geld.
mit Gena Rowlands, John Adames, Buck Henry, Jessica Castillo, Julie Carmen, Tom Noonan
Nitro, 20.15 Der Mandant (The Lincoln Lawyer, USA 2011)
Regie: Brad Furman
Drehbuch: John Romano
LV: Michael Connelly: The Lincoln Lawyer, 2005 (Der Mandant)
Lincoln Lawyer Mickey Haller (Matthew McConaughey) tut alles für seine meist mehr als halbseidenen Mandanten. Als er aber einen Freispruch für den stinkreichen Louis Roulet erwirken soll, packt ihn das Gewissen. Auch weil Roulets Taten mit einem früheren Mandanten von ihm, der seine Unschuld beteuerte und dem er mit einem guten Deal einen Knastaufenthalt verschaffte, zusammen hängen.
Rundum geglückte Michael-Connelly-Verfilmung, die Matthew McConaugheys Karriere auf spannende Bahnen lenkte. Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.
„Der Mandant“ war Michael Connellys erster Justizthriller. Danach schrieb er noch weitere Romane mit Mickey Haller, der auch Harry Bosch (Connellys ersten Seriencharakter, der inzwischen eine „Fernseh“-Serie hat) trifft.
mit Matthew McConaughey, Ryan Phillippe, Marisa Tomei, William H. Macy, Josh Lucas, John Leguizamo, Michael Pena, Bob Gunton, Frances Fisher, Bryan Cranston
Aus dem Englischen von Susanna Mende. Suhrkamp, 526 Seiten, 9,95 Euro.
9. Joseph Incardona – Asphaltdschungel (Platzierung im Vormonat: 4)
Aus dem Französischen von Lydia Dimitrow. Lenos Polar, 340 Seiten, 22 Euro.
10. Tess Sharpe – River of Violence (Platzierung im Vormonat: 10)
Aus dem Englischen von Beate Schäfer. Bold, 524 Seiten,14,90 Euro.
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Einige alte Bekannte (Cody, Atkinson, Lehmann, Bingham), einige Neuzugänge und auf Platz 1 ein Roman, den ich demnächst besprechen werde und, soviel kann schon verraten werden, dessen Spitzenposition mich erstaunt.
Außerdem erstaunt mich, dass Jim Nisbets neuer, verdammt guter Noir „Welt ohne Skrupel“ nicht (noch nicht?) auf der Bestenliste ist. Auch der Roman wird demnächst von mir besprochen.
Das Biest muß sterben (Que la bête meure, Frankreich/Italien 1969)
Regie: Claude Chabrol
Drehbuch: Paul Gégauff, Claude Chabrol
LV: Nicholas Blake: The Beast must die, 1938 (Mein Verbrechen)
Ein unbekannter Raser überfährt in einem bretonischen Dorf den neunjährigen Sohn des Kinderbuchautors Charles Thénier. Weil die Polizei den Täter nicht überführt, beginnt Thénier ihn auf eigene Faust zu suchen. Anschließend will er ihn umbringen.
Ein schon lange nicht mehr gezeigter Chabrol-Klassiker, der damals einen bemerkenswerten Film nach dem nächsten drehte.
Klassisch sind auch die ersten Zeilen von Blakes Roman: “Ich will einen Menschen töten. Ich weiß nicht, wie er heißt, ich weiß nicht, wo er wohnt, ich habe keine Ahnung, wie er aussieht. Aber ich werde ihn finden und ihn töten.”
mit Michel Duchaussoy, Caroline Cellier, Jean Yanne, Maurice Pialat
LV: Paula Hawkins: Girl on the Train, 2015 (Girl on the Train)
Auf ihren täglichen Zugfahrten beobachtet Rachel ein junges Liebespaar. Eines Tages ist die Frau verschwunden. Rachel befürchtet das Schlimmste und sie will herausfinden, was geschah.
TV-Premiere der auf einem Bestseller basierenden Thrillerschmonzette von Tate Taylor. Sein neuester Film „Ma“ läuft seit Donnerstag im Kino.
mit Emily Blunt, Rebecca Ferguson, Haley Bennett, Justin Theroux, Luke Evans, Allison Janney, Edgar Ramírez, Lisa Kudrow, Laura Prepon, Darren Goldstein
„Wohnen ist vor allem ein Menschenrecht. Es ist der Mittelpunkt unseres Lebens. Es ist der Ort, an dem wir in Sicherheit, Frieden und Würde leben könne. Es ermöglicht uns, alle unsere anderen Rechte in Anspruch zu nehmen. (…)
Ich glaube, es gibt einen großen Unterschied zwischen Wohnraum als Ware und Gold als Ware. Gold ist kein Menschenrecht. Wohnen schon.“
Leilani Farha, UN-Sonderberichterstatterin für das Menschenrecht auf Wohnen
Weil wir von der Bürgerrechtsorganisation Humanistische Union den Film im Rahmen von „One World Berlin“ präsentieren und ich den Abend moderiere, kann ich den Dokumentarfilm „Push – Für das Grundrecht auf Wohnen“ nicht besprechen. Denn wenn ich sage, der Film sei gut, heißt ich, ich müsse das ja sagen.
Und trage einige Fakten zusammen. Fredrik Gertten („Becoming Zlatan“, Bikes vs Cars“, „Big Boys gone Bananas!*“) begleitet in seinem neuen Film Leilani Farha, seit 2014 UN-Sonderberichterstatterin für das Menschenrecht auf Wohnen, bei ihren Besuchen in Großstädten, wie Berlin, London, New York und Toronto. Diese Städte sind alle mit erschreckend ähnlichen Problemen konfrontiert. Farha unterhält sich mit Mietern, sieht sich ihre Wohnungen an, erkundet den Wohnungsmarkt in den besuchten Großstädten (sofern es überhaupt noch einen Markt gibt) und redet mit Experten. Diese Einblicke zeigen eindrucksvoll, wie immer mehr Investmentgesellschaften Miethäuser kaufen und kein Interesse daran haben, Wohnungen zu vermieten. Ihr Geschäft ist nicht das Vermieten von Wohnungen, sondern die Geldvermehrung mit Spekulationen. Es handelt sich um eine Form der exorbitanten Verteuerung von Wohnraum, die nichts mit den seit langem bekannten Gentrifizierungen zu tun hat. Und die für die potentiellen Mieter noch erschreckender ist. Denn die Mietwohnungen werden überhaupt nicht mehr zur Vermietung angeboten.
Farha und auch Gertten bemühten sich während der Dreharbeiten auch um ein Gespräch mit einem Vertreter dieser Gesellschaften. Das Gespräch fand nicht statt. Vor diesem Problem stand auch Bettina Borgfeld in ihrer ebenfalls sehenswerten Doku „Was kostet die Welt“ über den Aufkauf der Ärmelkanal-Insel Sark durch die Barclay-Zwillingsbrüder.
Dafür traf „Push“-Regisseur Gertten die Soziologin Saskia Sassen, den Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und den Schriftsteller Roberto Saviani („Gomorrha“, „Paranza – Der Clan der Kinder“ [Verfilmung ab dem 22. August im Kino]).
Zugunsten der Konzentration auf Farhas Arbeit vor Ort vernachlässigt Gertten Farhas sonstige Arbeit als UN-Sonderberichterstatterin. Es gibt kaum Bilder und Informationen über von ihr besuchte Konferenzen und Tagungen und geführte Hintergrundgesprächen. Wie sie ihr auf den Reisen gesammeltes Wissen in Resolutionen und für von Entmietungen Betroffene versucht in konkrete Politik umzusetzen und welche Probleme es dabei gibt, wird kaum gezeigt.
Wer nur daran interessiert ist, wie Politik funktioniert, sieht sich daher besser David Bernets Dokumentarfilm „Democracy – Im Rausch der Daten“ über die Arbeit an der Datenschutz-Grundverordnung (DGSVO) an. Als Ästhet empfehle ich die im Kino gezeigte SW-Version.
Für die Berliner gibt es in „Push – Für das Grundrecht auf Wohnen“ auch einige Bilder aus Deutschland schönster Stadt.
Push – Für das Grundrecht auf Wohnen (Push, Schweden 2019)
Regie: Fredrik Gertten
Drehbuch: Fredrik Gertten
mit Leilani Farha, Saskia Sassen, Joseph Stiglitz, Roberto Saviani
Diskussion in der Rosa-Luxemburg-Stiftung am 8. Mai 2019 mit Leilani Farha, Fredrik Gerrten, Katalin Gennburg (Sprecherin für Stadtentwicklung, Tourismus, Smart City aus dem Berliner Abgeordnetenhaus, Die Linke) und Dr. Ulrike Hamann (Soziologin an der HU Berlin und Aktivistin bei Kotti & Co.)
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Die Veranstaltungen zum Film (soweit bis jetzt bekannt):
Preview in Kooperation mit der Humanistischen Union und das One World Berlin Human Rights Film Festival mit anschließender Diskussion mit Aktivist*innen vom Bündnis Zwangsräumung verhindern, in Rahmen der Reihe »One World Berlin – Menschenrechte aktuell«
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Berlin | Dienstag, 4. Juni 2019 | 21:00 Uhr | Freiluftkino Insel im Cassiopeia
Sondervorführung mit anschließender Diskussion. In Kooperation mit dem Human Rights Film Festival Berlin.
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Berlin | Mittwoch, 5. Juni 2019 | 21:30 Uhr | Griessmühle
Preview mit Filmgespräch mit Klaus Lübke von der SPD, Stadtteilkümmerer auf der Veddel und Christoph Winkler, Architekt und Vorstand des Hamburger Architektursommers
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München | Donnerstag, 6. Juni 2019 | 20:30 Uhr | Monopol Kino
Sondervorführung mit anschließender Diskussion. In Kooperation mit #ausspekuliert und MUCBOOK
Sonderveranstaltung mit anschließender Diskussion. In Anwesenheit von Josef Wirges (Bezirksbürgermeister Ehrenfeld) Martin Schmittseifer (Vorstand JACK IN THE BOX e.V.), Hawe Möllmann (Sprecher der Bürgerinitiative Helios) und weiteren Gästen
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Bochum | Mittwoch, 12. Juni 2019 | 19:00 Uhr | Endstation Kino
Sonderveranstaltung mit Filmgespräch in Kooperation mit dem Mieterverein Bochum
Sondervorführung mit anschließendem Filmgespräch. In Anwesenheit von Dr. Norbert Gestring, Uni Oldenburg – Institut für Sozialwissenschaften, Stadtforschung. In Kooperation mit dem Ökumenische Zentrum Oldenburg
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Bonn | Mi., 26. Juni 2019 | 20 Uhr | Rex Kino
Sondervorführung mit anschließendem Filmgespräch. In Anwesenheit von Bernhard von Grünberg, Vorsitzender des Deutscher Mieterbund Bonn/Rhein-Sieg/Ahr e.V. und weiteren Gästen. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe #100JahreDMBBonn.
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Frankfurt a.M. | 10. Juli 2019 | 20 Uhr | Mal Seh’n
Sondervorführung in Kooperation mit Mietentscheid Frankfurt.
Später gab Jim Jarmusch zu, dass es eine bescheuerte Idee war, fünf Kurzfilme zu drehen, in denen Taxifahrer in Los Angeles, New York, Paris, Rom und Helsinki ihre seltsamen Kunden durch die Nacht fahren und diese Begegnungen ausschließlich im fahrenden Taxi spielen zu lassen. Denn was auf dem Papier nach wenig Aufwand aussieht, ist ein logistischer Albtraum.
Zum Glück für uns kam Jarmusch erst nach den Dreharbeiten zu seiner wundervollen Ode an das Leben in der Nacht zu dieser Erkenntnis.
Tom Waits schrieb die Musik
Mit Winona Ryder, Gena Rowlands, Giancarlo Esposito, Armin Mueller-Stahl, Béatrice Dalle, Rosie Perez, Isaach de Bonkolé, Roberto Benigni, Paolo Bonacelli, Matti Pellonpää, Kari Väänänen
Es dauert lange, sehr lange, für meinen Geschmack viel zu lange, bis wir mehr über Gyllen (Fionn Whitehead) erfahren. Das erste Mal begegnen wir dem 18-jährigen Engländer in der ersten Filmminute von „Roads“, als er mitten in der Nacht in Marokko an einer Straße steht und alle in seinem Telefon gespeicherten Freunde und Bekannte anruft, die ihm helfen könnten. Denn sein Wohnwagen ist mitten in der Einöde liegen geblieben.
William (Stéphane Bak) beobachtet ihn. Später kommen sie ins Gespräch miteinander und nachdem William Gyllens Wohnwagen wieder flott gemacht hat, bietet Gyllen ihm eine Mitfahrgelegenheit an. Beide wollen nach Europa. Vor der Grenze versteckt Gyllen William in der Toilette des Wohnwagens. Denn William ist ein Flüchtling.
Dass Gyllen ebenfalls ein Flüchtling ist, erfahren wir erst viel später. Der Londoner Gyllen hielt den Urlaub mit seiner Mutter und seinem Stiefvater (beide sehen wir niemals) nicht mehr aus. Jetzt will er nach Frankreich zu seinem auf dem Land lebendem Vater.
Der aus dem Kongo kommende William will nach Calais. Von dort erhielten er vor einem halben Jahr er und seine Familie die letzte Nachricht seines Bruders.
Sebastian Schipper erzählt, basierend auf einem Drehbuch, das er zusammen mit Oliver Ziegenbalg („25 km/h“) schrieb und während des chronologischen Drehs weiterentwickelte, wie sich seine beiden jugendlichen Protagonisten auf ihrer Fahrt quer durch Europa miteinander befreunden. Dass Schipper dabei nicht die Formel seines Debütfilms „Absolute Giganten“ oder seines in einer Einstellung gedrehten Überraschungserfolg „Victoria“ wiederholt, ist ihm hoch anzurechnen. Aber wirklich überzeugen kann das schön aussehende, formal gut gemachte und gut gespielte, aber primär gut gemeinte Road-Movie nicht.
Neben den typischen Erlebnissen, die Jugendliche auf ihrer ersten Reise haben (Drogen!), geht es auch um die Flüchtlingsfrage, die hier anhand einer Freundschaft zwischen zwei Jungen erzählt wird. Oder besser gesagt: nicht erzählt wird. Sie ist das durch Williams Biographie gewählte Hintergrundrauschen, das auch dazu führt, dass Gyllen immer wieder anderen Flüchtlingen begegnet, ohne dass hier thematische Vertiefungen stattfänden. Überraschende Einsichten fehlen ebenfalls.
Dafür verläuft die Begegnung zwischen Gyllen und William zu sehr in den Bahnen einer jugendlich unschuldigen Coming-of-Age-Geschichte, in der aus einer Zufallsbekanntschaft eine kurzzeitige Freundschaft wird. Dabei ist es ziemlich egal, ob der eine Junge aus London und der andere aus dem Kongo kommt, oder beide aus Berlin kommen.
Roads (Deutschland/Frankreich 2019)
Regie: Sebastian Schipper
Drehbuch: Sebastian Schipper, Oliver Ziegenbalg
mit Fionn Whitehead, Stéphane Bak, Moritz Bleibtreu, Ben Chaplin, Marie Burchard, Josue Ndofusu
Um meine Besprechung von Dexter Fletchers Elton-John-Biopic „Rocketman“ in die richtige Perspektive zu rücken, sind zwei Vorbemerkungen sinnvoll: Musicals sind nicht mein Lieblingsgenre (okay, das dürftet ihr wissen) und Elton John gehört nicht zu meinen Lieblingsmusikern. Abhängig von den posthumen Veröffentlichungen, Deluxe-Ausgaben und Live-Mitschnitten steht stattdessen das Gesamtwerk von den Doors, Jimi Hendrix und David Bowie bei mir rum. Neben vielen anderen Bands und Musikern, die in diesem Zusammenhang unwichtig sind. Denn es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen Jimi Hendrix und Elton John. Ersterer war zu Lebzeiten wichtig für die Gegenkultur, letzterer war und ist ein Popmusiker. Ein begnadeter Popmusiker, der zusammen mit Bernie Taupin, etliche Hits schrieb, die inzwischen zu Klassikern wurden, und der seit Jahrzehnten kommerziell unglaublich erfolgreich ist. Daher irrlichtert Elton John in „Rocketman“, um sich selbst kreisend, durch die Jahrzehnte.
Regisseur Dexter Fletcher und Drehbuchautor Lee Hall („Billy Elliot – I will dance“, „Gefährten“) erzählen in dem sich zahlreiche Freiheiten nehmendem Biopic von der Kindheit, Jugend, den Anfangsjahren über Elton Johns große kommerziellen Erfolge bis in die späten achtziger Jahre. Weil Elton John als Megastar in seiner eigenen Sphäre lebte und weil Fletcher immer wieder zwischen den Zeitebenen hin und her springt, verschwimmen die Jahre ab Elton Johns erster eigenen LP – „Empty Sky“ (1969) – bis 1990, als er einen letztendlich erfolgreichen Drogenentzug beginnt, zu einem einzigen Rausch.
Der erzählerische Rahmen ist dabei eine Therapiesitzung, die der 1947 als Reginald Kenneth Dwight geborene Elton John besucht, auf der er sich zu seinen verschiedenen Süchten, – Drogen, Alkohol, Sex und was es sonst noch so gibt – bekennt und von seinem Leben erzählt. Dieser Rahmen ermöglicht es, innerhalb von zwei Stunden alles Mögliche anzusprechen. Elton Johns gute Beziehung zu seiner Mutter und Großmutter, seine unerwiderte Liebe zu seinem Vater, seine Beziehung zu Bernie Taupin, seine Liebesbeziehungen (und, Sensation!, wir sehen erstmals in einem Mainstreamfilm eine gleichgeschlechtliche Liebesszene) und seine verschiedenen Drogenabhängigkeiten. Dazu gibt es ein Greatest Hits,wobei die Songs von Elton-John-Darsteller Taron Egerton neu eingesungen wurden. Sie wurden auch neu arrangiert von Giles Martin. Damit entfallen die wohlfeilen Vergleiche zwischen Original und Filmversion.
Die Songs hat Fletcher als Musical-Nummern inszeniert, in denen Elton John dann nicht nur am Esstisch beginnt zu singen, sondern, beispielsweise bei „Saturday Night’s Alright for Fighting“, die Konzertbühne verlässt, um durch die halbe Stadt und das aufregende Nachtleben zu tanzen und singen und am Ende, deutlich gealtert, wieder auf die Konzertbühne zurückzukehren. Diese und auch die anderen Songs können mühelos als Musik-Videos veröffentlicht werden. Wenn es heute noch richtig aufwändig produzierte Musik-Videos gäbe.
Mit Taron Egerton als Elton John hatte ich durchgehend ein Problem. Für mich ist er, obwohl ich keine Ahnung habe, wie Elton John privat ist und wie er sich in den siebziger Jahren verhielt, nicht Elton John, sondern Eggsy aus den beiden „Kingsman“-Filmen
In „Eddie, the Eagle“, der ebenfalls von Fletcher inszeniert wurde, hatte ich dieses Problem nicht.
Für Elton-John-Fans ist „Rocketman“ definitiv einen Blick wert. Weil Elton John und sein Mann David Furnish das Projekt initiierten und zu den Produzenten des Films gehören, ist das Musical natürlich nicht im Ansatz kritisch. Dieses Schicksal teilt er mit „Bohemian Rhapsody“ über Freddie Mercury und Queen. Und wie „Bohemian Rhapsody“ kümmert „Rocketman“ sich nicht sonderlich um die Chronologie. Die Songs werden so in den Film eingefügt, wie es gerade zur Filmgeschichte passt. Aber hier stört das nicht sonderlich. Denn „Rocketman“ ist ein Musical, das auch und vor allem in den Songs immer wieder zwischen verschiedenen Zeitebenen hin und herspringt. Es orientiert sich locker an den biographischen Stationen. Thematisch wird einfach alles angesprochen, was die Macher an Elton Johns Leben interessierte. Daraus ergibt sich keine kohärente Geschichte, sondern ein Potpourri der größten Hits.
Wenn man „Bohemian Rhapsody“ (Fletcher übernahm von Bryan Singer die Regie) und „Rocketman“ vergleichen will, muss man sagen: musikalisch ist „Bohemian Rhapsody“ der mitreisendere Film. Das liegt vor allem an den „Queen“-Stadionrockhymnen, die auch nach dem zehnten Bier noch mitgesungen werden können. Filmisch ist „Rocketman“ in jeder Beziehung der interessantere und auch gewagtere Film.
Rocketman (Rocketman, USA 2019)
Regie: Dexter Fletcher
Drehbuch: Lee Hall
mit Taron Egerton, Jamie Bell, Richard Madden, Bryce Dallas Howard, Gemma Jones, Steven Mackintosh