1. James Sallis – Willnot (Plazierung im Vormonat: 2)
Aus dem Englischen von Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt. Liebeskind, 224 Seiten, 20 Euro
2. Heinrich Steinfest – Der schlaflose Cheng (Plazierung im Vormonat: 4)
Piper, 288 Seiten, 16 Euro.
3. Sara Gran – Das Ende der Lügen (Plazierung im Vormonat: 7)
Aus dem Englischen von Eva Bonné. Heyne, 348 Seiten, 16 Euro.
4. Gary Victor – Im Namen des Katers (Plazierung im Vormonat: 3)
Aus dem Französischen von Peter Trier. Litradukt, 168 Seiten, 12 Euro.
5. Attica Locke – Bluebird, Bluebird (Plazierung im Vormonat: 1)
Aus dem Englischen von Susanna Mende. Polar, 330 Seiten, 20 Euro.
6. Leonardo Padura – Die Durchlässigkeit der Zeit (Plazierung im Vormonat: 8)
Aus dem Spanischen von Hans-Joachim Hartstein. Unionsverlag, 440 Seiten, 24 Euro.
7. Jonathan Robijn – Kongo Blues (Plazierung im Vormonat: /)
Aus dem Flämischen von Jan-Frederik Bandel. Edition Nautilus, 176 Seiten, 16,90 Euro
8. Melissa Scrivner Love – Lola (Plazierung im Vormonat: /)
Aus dem Englischen von Sven Koch und Andrea Stumpf. Suhrkamp, 392 Seiten, 14,95 Euro
9. Don Winslow – Jahre des Jägers (Plazierung im Vormonat: /)
Aus dem Englischen von Conny Lösch.Droemer, 992 Seiten, 26 Euro
10. Antonio Ortuño – Die Verschwundenen (Plazierung im Vormonat: /)
Aus dem Spanischen von Hans-Joachim Hartstein, Kunstmann, 254 Seiten, 2o Euro
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Das sieht doch nach einer sehr frühlingshaften Leseliste mit vielen Ideen für den Sommerurlaub aus. Jedenfalls wenn man nicht schon wieder durch Gotham City in seinen verschiedenen Inkarnationen wandeln will. Denn auch in der Provinz wird gemordet.
Ich sehe mich mit „Bluebird, Bluebird“ noch etwas in Osttexas um.
La belle saison – Eine Sommerliebe (La belle saison, Frankreich/Belgien 2015)
Regie: Catherine Corsini
Drehbuch: Catherine Corsini, Laurette Polmanss
1971 trifft die 23-jährige Delphine in Paris die Aktivistin Carole. Sie verlieben sich ineinander. Aber dann muss Delphine zurück auf den Hof ihrer Eltern. Carole folgt ihr in eine für sie vollkommen fremde Welt.
TV-Premiere: eine wunderschöne, politisch grundierte Sommerromanze, die auch viel über die frühen Siebziger Jahre in Frankreich erzählt
Christian Wolff (Ben Affleck) ist Autist, Chef von „ZZZ Accounting“ und Kreditberater. Außerdem ist das auf seine Aufgaben fokussierte Mathegenie der Buchprüfer für verschiedene Verbrecherkartelle.
Für Living Robotics, einer Firma die auch Prothesen herstellt, soll er die Bücher prüfen. Ein hundertprozentig legaler Auftrag, der ihn in Teufels Küche bringt. Jetzt werden seine Fähigkeiten als Auftragskiller benötigt.
Wenn man darüber hinwegsieht, dass „The Accountant“ Humbug ist, ist Gavin O’Conner ein angenehm altmodischer Gangsterfilm gelungen, der seine Geschichte etwas intelligenter als erwartet zusammenfügt.
Die Ausstrahlung des FSK-16-Films um 20.15 Uhr ist wahrscheinlich gekürzt.
mit Ben Affleck, Anna Kendrick, J. K. Simmons, Jon Bernthal, Jean Smart, Cynthia Addai-Robinson, Jeffrey Tambor, John Lithgow, Rob Treveiler, Andy Umber, Ron Prather, Susan Williams
Wiederholung: Montag, 8. April, 01.05 Uhr (Taggenau!)
Beginnen wir zuerst mit einigen notwendigen Erklärungen. Der Film „Another Day of Life“ tut es auch. 1975 fährt der Journalist Ryszard Kapuscinski (4. März 1932 – 23. Januar 2007) im Auftrag der polnischen Presseagentur PAP nach Angola. Dort wird gerade, beflügelt durch den Erfolg der Nelkenrevolution in Portugal, ein blutiger Krieg um die Unabhängigkeit des Landes ausgefochten. Im Zentrum stehen dabei drei Unabhängigkeitsbewegungen, die sich spinnefeind sind. Gleichzeitig findet dort ein weiterer Stellvertreterkrieg statt, in dem die USA und die Sowjetunion, mehr oder weniger offen, Material, eigene Soldaten, angeheuerte Söldner und Soldaten befreundeter Mächte in das Kriegsgebiet schicken. Es geht um politischen Einfluss und Rohstoffe. Angola hat Öl und Diamanten.
Als Kapuscinski dort eintrifft ist die Situation unübersichtlich. Höflich ausgedrückt. Denn die Grenze zwischen Revolutionsromantik und Barbarei ist dünn. Ein falsches Wort, ein falscher Gruß kann den Tod bedeuten. Der Frontverlauf ist unklar. Lügen und Gerüchte bestimmen die Meldungen von und über die verschiedenen kämpfenden Gruppen.
Kapuscinski will nicht aus seinem Hotelzimmer in in der Hauptstadt Luanda, sondern von der Front berichten. Das ist ein Selbstmordkommando, das vor ihm noch kein Journalist gewagt hat.
Zusammen mit einem Fahrer, der für ihn auch als landeskundiger Übersetzer fungiert, fährt er in Richtung der Front. Dort trifft er Carlotta, eine junge, sehr angesehen Guerillakämpferin, und General Farrusco.
Seine Erlebnisse verarbeitete er später in dem Buch „Wieder ein Tag Leben“.
Diese lange Reportage ist die Grundlage für den Film „Another Day of Life“ von Raúl de la Fuente und Damian Nenow, der eine Mischung aus Real- und Animationsfilm ist. Für ihren Film reisten de la Fuente und Nenow nach Angola, filmten was sie sahen und trafen einige noch lebende Menschen, die auch in Kapuscinskis Reportage erwähnt werden. Vor allem sein damaliger Fahrer und General Farrusco.
Die Animationsszenen wurden, wie in einigen Animationsfilmen der letzten Jahren, die sich an Erwachsene richten, mit Schauspielern aufgenommen und dann, in diesem Fall, von über zweihundert Illustratoren und Trickfilmzeichnern nachgezeichnet und bearbeitet. Das ermöglicht es ihnen, Kapuscinskis Erlebnisse nachzuerzählen und auch einige der unvorstellbaren Grausamkeiten, die Kapuscinski sah, wie eine mit Kinder- und Frauenleichen übersäte Straße, zu zeigen. Ohne den Voyeurismus zu bedienen.
Am Ende besteht der Film, so das Presseheft, aus sechzig Minuten Animation und zwanzig Minuten Realfilm.
Bei dem Realfilm – und das ist ein Problem – ist nicht immer erkenntlich, ob es sich um historische oder neue Aufnahmen handelt. Das gilt nicht für die Bilder von einem Straßenfest (die Laptops im Bild verorten die Feier eindeutig in der Gegenwart) und die aktuellen Interviews, sondern für die Naturaufnahmen aus dem Hinterland.
Ein anderes Problem ist, dass Kapuscinskis im Film immer wieder angesprochenes moralisches Dilemma zwischen professioneller Objektivität und dem Ergreifen von Partei für eine Seite des Konflikts, etwas zu plakativ beschrieben wird. Außerdem ist es seltsam, dass ein 43-jähriger Journalist, der seit Jahren vor allem aus Asien, Lateinamerika und Afrika über Bürgerkriege und Revolutionen berichtet, sich in Angola zum ersten Mal mit der Frage beschäftigt, wie sehr er durch die Auswahl der Informationen und die Perspektive auch ein Teil des Konflikts ist und ihn möglicherweise in eine bestimmte Richtung beeinflusst.
Aber das sind Details. I
nsgesamt ist „Another Day of Life“ eine beeindruckende, informative, gut strukturierte und gelungene Verbindung von Dokumentar- und Spielfilm. Der Wechsel zwischen Real- und Animationsfilm ist auch größtenteils gelungen. Hier stören vor allem die Aufnahmen von der Straßenparty. Formal erinnert das natürlich an die unzähligen historischen TV-Dokus, in denen vergangene Ereignisse mehr oder weniger schlecht nachgespielt werden. Da hat „Another Day“ of Life“ ein ganz anderes Niveau und die Macher zielen eindeutig auf die große Kinoleinwand.
Another Day of Life (Another Day of Life, Polen/Spanien/Belgien/Deutschland 2018)
Regie: Raúl de la Fuente, Damian Nenow
Drehbuch: Raúl de la Fuente, David Weber, Amaia Remirez
LV: Ryszard Kapuscinski: Jeszcze dzień życia, 1976 (Wieder ein Tag Leben)
ZDFneo, 22.00 Savages – Im Auge des Kartells (Savages, USA 2012)
Regie: Oliver Stone
Drehbuch: Shane Salerno, Don Winslow, Oliver Stone
LV: Don Winslow: Savages, 2010 (Zeit des Zorns)
Chon und Ben stellen Super-Heroin her und mit Ophelia leben sie in Laguna Beach in einer offenen Dreierbeziehung. Alles ist in bester Ordnung, bis ein mexikanisches Drogenkartell (angeführt von einer Frau) bei Chon und Ben einsteigen möchte und die beiden Jungs das Angebot nicht annehmen, sondern aus dem Drogengeschäft aussteigen wollen.
Don-Winslow-Verfilmung, die nicht als Ersatz, sondern als Anreiz zur Romanlektüre dienen sollte. Denn „Savages“ ist zwar kein wirklich schlechter Film, aber eine letztendlich enttäuschende Don-Winslow-Verfilmung. Warum habe ich hier ausführlicher begründet (und dort gibt es auch noch einige Clips).
mit Aaron Taylor-Johnson, Blake Lively, Taylor Kitsch, Benicio Del Toro, Salma Hayek, John Travolta, Demián Bichir, Shea Whigham, Sandra Echeverria, Emile Hirsch
Wiederholung: Sonntag, 7. April, 01.45 Uhr (Taggenau!)
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Buchhinweis
Neu erschienen, ziemlich dick und in keiner Beziehung eine Gute-Nacht-Lektüre, aber mit ziemlicher Sicherheit ein verdammt gutes Buch: das neue Opus von Don Winslow. In „Jahre des Jägers“ erzählt er die Geschichte von „Tage der Toten“ und „Das Kartell“ weiter. Es geht also wieder um den schon seit Jahrzehnten währenden amerikanisch-mexikanischen Drogenkrieg. Mit seinem neuen Roman, der der Abschluss einer Trilogie sein soll, hat er diesen Krieg in all seinen Verästelungen von 1975 bis in die Gegenwart nacherzählt. Der Abschluss der Trilogie spielt zwischen 2012 und April 2017, mit einem Epilog im Mai 2018. Viel näher an die Gegenwart kann ein Roman wohl kaum kommen. Vor allem weil Winslows Art-Keller-Trilogie immer nah an der Wirklichkeit geschrieben wurde. Teilweise las sie sich wie eine kaum verhüllte Serie von Zeitungsreportagen und Kurzmeldungen.
In „Jahre des Jägers“ kämpft der US-Drogenfahnder Art Keller wieder gegen den mexikanischen Kartell-Boss Adán Barrera.
Brauchen wir wirklich noch einen in Südamerika spielenden Drogenthriller? Nach all den grandiosen Filmen und Serien und den wahnsinnig dicken Büchern von Don Winslow, in denen die Geschichte in all ihren Verästlungen vorwärts und rückwärts, aus allen möglichen Perspektiven erzählt wurde, dürfte doch so langsam wirklich alles schon mindestens zweimal erzählt sein.
Nach „Birds of Passage – Das grüne Gold der Wayuu“ lautet die Antwort: Eindeutig Nein. Mindestens diesen Film haben wir noch gebraucht.
Das Regioduo Ciro Guerra und Cristina Gallego erzählt nicht die Geschichte eines bekannten Drogenbosses, wie Pablo Escobar, dessen Leben für uns heute keine Geheimnisse mehr hat. Sie erzählen sozusagen die Vorgeschichte. Also wie es dazu kam, dass Drogen im großen Stil aus Südamerika in die USA geschmuggelt werden.
Es beginnt 1968 in Kolumbien. Auf der im Norden des Landes liegenden Guajira-Halbinsel lebt das indigene Volk der Wayuu. Als einige US-Amerikaner, Mitglieder des Friedenskorps, kommen, verändert sich alles. Denn die jungen Amis sind, ganz Kinder der Flower-Power-Zeit, begeistert von dem Marihuana, das sie hier am Strand genießen können.
Zuerst verkauft ihnen Rapayet (José Acosta) nur kleine Mengen. Schnell hat er die Idee, größere Mengen zu verkaufen. Denn viele Amerikaner wollen die bei den Wayuus zum Alltag gehörende Droge.
Aber bevor Rapayet und die anderen Männer groß in den Drogenhandel einsteigen, müssen sie ihre Frauen fragen. Ohne ihr Wort geht in dem Matriarchat nichts.
Bühnenschauspielerin Carmina Martínez in ihrer ersten Filmrolle spielt die gebieterische und furchteinflößende Ursula, die als Mutter die Herrscherin ist und damit auch bestimmt, wie hoch das Brautgeld ist, das Rapayet bezahlen muss.
Für Cristina Gallego ist „Birds of Passage“ ihre erste Regiearbeit. 2001 gründete sie mit Ciro Guerra die Produktionsfirma Ciudad Lunar und produzierte seine Filme. Guerras vorheriger Film „Der Schamane und die Schlange“, fast vollständig in SW gedreht, erhielt in Cannes den Hauptpreis der Director’s Fortnight und war, als erster kolumbianischer Film für den Auslands-Oscar nominiert.
Ihr neues Werk quillt vor Farben über, während sie, streng in Kapitel eingeteilt, über mehrere Jahre bis in die frühen achtziger Jahre, die Geschichte zweier Wayuu-Familien erzählen. Dabei folgen sie auf der einen Ebene den Standards des Gangsterfilm. Wie in einem großen Mafiadrama werden aus Freunden Feinde und kleine Ereignisse, Dummheit und Gier setzen eine tödliche Dynamik in Gang. Auf der anderen Ebene zeichnen sie eine matriarchalische Gesellschaft, in der die Männer zwar wie Machos agieren, aber die Frauen die wahren Herrscherinnen sind. Jede ihrer Aktionen wird von ihnen abgesegnet oder angeordnet. Es ist eine faszinierende ethnographische Studie, die auch zeigt, wie sehr Traditionen das Leben bestimmen. Und weil die Geschichte sich über ein Jahrzehnt erstreckt, zeigen sie auch, wie diese Traditionen verschwinden. In „Birds of Passage“ sind es die Traditionen der Ureinwohner.
Dieser ethnographische Blick hebt das düstere Drama von der Masse der anderen Drogenthriller ab. Gleichzeitig liefert er für die Genrefans das nötige Maß an Gewalt.
„Birds of Passage“ war 2018 in Cannes der Eröffnungsfilm der Quinzaine des Réalisateurs und stand auf der Shortlist für den diesjährigen Auslands-Oscar.
Natalia Reyes, die Ursulas Tochter Zaida spielt, ist eine der Hauptdarstellerinnen in dem neuen Terminator-Film „Dark Fate“.
Birds of Passage – Das grüne Gold von Wayuu (Pájaros de Verano, Kolumbien/Dänemark/Mexiko 2018)
Regie: Ciro Guerra, Cristina Gallego
Drehbuch: Maria Camila Arias, Jacques Toulemonde (nach einer Geschichte von Cristina Gallego)
mit Carmina Martinez, José Acosta, Jhon Narváez, Natalia Reyes, José Vincentes Cotes, Juan Martinez, Greider Meza
Spielfilmlange Doku über „Sweet little Rock ’n‘ Roller“ Chuck Berry (1926 – 2017), der mit „Roll Over Beethoven“ eine klare Ansage machte und etliche weitere Klassiker schrieb. Let it Rock
mit Chuck Berry, Steven Van Zandt, Joe Perry, Alice Cooper, Gene Simmons, Keith Richards, Nile Rodgers, Nils Lofgren, George Thorogood, Joe Bonamassa, Johnny Rivers, Taylor Hackford, Jerry Lee Lewis, Wayne Kramer, Martel Rudd
Stephen Kings Horrorroman „Friedhof der Kuscheltiere“ las ich als Teenager innerhalb weniger Tage während der Schule. Heute erinnere ich mich vor allem an die Hauskatze, die, nachdem sie von den Toten wiederauferstanden ist, einige richtig fiese und angsteinflößende Gruselkatze ist und dass immer wieder, mitten in der Nacht, über die im Wald liegende Holzbarriere geklettert wird.
Die Verfilmung von 1989 interessierte mich danach nicht sonderlich. Wie könnte ein Film, der damals von der Kritik nicht gerade euphorisch abgefeiert wurde, den Grusel des Romans toppen?
Irgendwann später sah ich mir die Verfilmung an und fand sie okay.
Jetzt, dreißig Jahre nach Mary Lamberts Verfilmung, für die Stephen King höchstpersönlich das Drehbuch geschrieben und eine kleine Rolle übernommen hatte, gibt es eine neue Verfilmung von Kings Roman, die gelungen eigene Akzente setzt.
Die Geschichte dürfte bekannt sein: Die Familie Creed zieht von der Großstadt nach Ludlow, einer Kleinstadt in Maine. Der Vater, Dr. Louis Creed (Jason Clarke), hat eine Stelle als Arzt im Gesundheitszentrum der Universität angenommen. Bei ihm sind seine Frau Rachel (Amy Seimetz) und ihre beiden Kinder, die achtjährige Tochter Ellie (Jeté Laurence) und ihr zweijähriger Sohn Gage (Hugo und Lucas Lavoie). Sie sind eine stinknormale, glückliche Familie. Sie freuen sich auf ihr neues Leben in der Provinz.
Kurz nach ihrer Ankunft beobachten sie eine Prozession mit Tierköpfen maskierter Kinder. Die Kinder bringen ein totes Haustier zum titelgebenden Friedhof der Kuscheltiere. Ihr Nachbar Jud Crandall (John Lithgow) erklärt ihnen, dass es diesen Friedhof schon lange gibt und dass etliche Tiere auf der vor ihrem Haus liegenden Straße von Lastern überfahren wurden.
Das nächste Opfer der Laster ist Church, die kuschelige Katze der Creeds.
Weil Ellie ihre Katze so sehr liebte, verrät Crandall Louis ein Geheimnis. Hinter dem Friedhof der Haustiere und damit hinter der Barriere aus Ästen und Buschwerk gibt es eine Grabstätte der Ureinwohner. Die dortigen Geister können Tote wieder lebendig werden lassen. Als Mann der Wissenschaft ist Louis skeptisch. Aber er begräbt Church auf der alten Grabstätte.
Und das Wunder geschieht: Church kehrt zurück. Aber sein Fell ist verfilzt und sein Wesen hat sich verändert. Er ist jetzt nicht mehr der liebe Kater.
Kurz darauf wird – und das ist eine der Veränderungen zur Vorlage – Ellie von einem Laster getötet.
Louis, der uns zuerst als vollkommen rationaler Mann präsentiert wurde, ist verzweifelt über den Verlust seiner über alles geliebten Tochter. Er ignoriert Crandalls Warnungen und bringt seine tote Tochter zu der Grabstätte im Wald. Denn warum soll etwas, das bei einer Katze funktioniert, nicht auch bei einem Menschen funktionieren?
Wie Kings Roman beginnt die Verfilmung mit dem Einzug der Creeds in ihr neues Haus. Mit ihnen entdecken wir die auf der Straße vorbeirasenden Laster, den Haustier-Fritof, die Holzbarriere und den netten Nachbarn, der die gesamte Geschichte von Ludlow kennt. All das etabliert das Regieduo Kevin Kölsch und Dennis Widmyer in den ersten Minuten. Durch ihre Inszenierung geben sie bereits eine Vorahnung auf das kommende Grauen für die glückliche Familie Creed.
Danach verlangsamen sie gekonnt das Erzähltempo. Es dauert einige Zeit bis zuerst Church und dann Ellie sterben. Und die meiste Action gibt es am Filmende, wenn Ellie ihren Eltern ihre dunkle Seite zeigt. Bis dahin ist „Friedhof der Kuscheltiere“ vor allem ein psychologisches Drama, in dem Louis zunehmend fanatisch agiert. Wahlweise wie ein religiöser Eiferer oder wie ein Alkoholiker, der die Welt nach seinen Wünschen gestalten will und dabei alle Warnungen, auch wider besseres Wissen, ignoriert.
„Friedhof der Kuscheltiere“ ist eine kühl erzählte Reise in den Wahnsinn. Mit seiner Beschränkung auf wenige Drehorte (zwei Häuser, ein Wald), eine Handvoll Schauspieler (eine Familie, der Nachbar) und seiner kurzen Laufzeit (ohne Abspann keine hundert Minuten) gehört der Horrorfilm zu den Thrillern, die die Freiheiten eines niedrigen Budgets für eine sehr düstere Geschichte nutzen.und eine sehr spezielle Auffassung von einem Hollywood Ending haben.
Friedhof der Kuscheltiere (Pet Sematary, USA 2019)
Regie: Kevin Kölsch, Dennis Widmyer
Drehbuch: Jeff Buhler (nach einer Geschichte von Matt Greenberg)
LV: Stephen King: Pet Sematary, 1983 (Friedhof der Kuscheltiere)
mit Jason Clarke, Amy Seimetz, John Lithgow, Jeté Laurence, Aliyssa Levine
Länge: 101 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
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Die Vorlage
Stephen King: Friedhof der Kuscheltiere
(übersetzt von Christel Wiemken)
Heyne, 2019 (Filmausgabe) (überarbeitete, vollständige Taschenbuchausgabe, mit einer 2000 geschriebenen Einleitung von Stephen King)
Schauplatz des Verbrechens (Le lieu du crime, Frankreich 1986)
Regie André Téchiné
Drehbuch: André Téchiné, Pascal Bonitzer, Oliver Assayas
Eine alleinerziehende, in der Provinz lebende Tanzlokalbetreiberin verliebt sich in einen flüchtigen Verbrecher.
So zusammengefasst klingt das nach einer Schmonzette und Catherine Deneuve hat auch in einigen Schmonzetten mitgespielt. Aber die Namen André Téchiné und Olivier Assayas (noch ganz am Anfang seiner Karriere) weisen in eine andere Richtung.
„Drehbuch und Inszenierung sind ein steter Drahtseilakt über den Abgründen von Glaubhaftigkeit und Realitätstreue, den Téchiné indes brillant meistert. Er analysiert in der ausgeklügelten Konstruktion seiner Geschichte die ‚France profonde‘ mit ihren verlogenen Konventionen, die den Menschen die Luft zum Atmen nehmen.“ (Fischer Film Almanach 1989)
Téchiné inszenierte auch „Barocco“ (1976), „Die Schwestern Brontë“ (Les sœurs Brontë, 1979), „Meine liebste Jahreszeit“ (Ma saison préférée, 1993), „Wilde Herzen“ (Les roseaux sauvages, 1994) und „Diebe der Nacht“ (Les voleurs, 1996).
mit Catherine Deneuve, Wadeck Stanczak, Danielle Darrieux, Victor Lanoux, Nicholas Giraudi, Jacques Nolot
Spoilerwarnung für alle, die die Geschichte von Mark Hogancamp, einem Künstler, der mit Puppen erfundene Weltkrieg-II-Szenarien nachstellt und fotografiert, nicht kennen – und sich vorm Kinobesuch den Trailer nicht ansehen.
In den ersten Minuten von Robert Zemeckis neuem Film „Willkommen in Marwen“ begleiten wir den US-Soldaten Captain Hogie, der während des Zweiten Weltkriegs in Belgien von seiner Truppe getrennt wird, ein Paar Stöckelschuhe findet, sie anzieht, von einer Gruppe deutscher Soldaten gestellt wird und, ehe die Nazis ihn erschießen können, von einer Truppe vollbusiger Kampfamazonen gerettet wird.
Irritierend, also noch irritierender als die Handlung, ist das Aussehen der Figuren und wie sie sich bewegen. Nicht wie Menschen, sondern wie Puppen.
Und das sind sie auch. Es sind 1:6-Modelle, teils Barbiepuppen, teils andere Puppen, mit deren Hilfe sich Mark Hogancamp in eine Fantasiewelt flüchtet. Diese Flucht ist für ihn die Chance, ein Trauma zu bewältigen. Nachdem er sich im 8. April 2000 in einer Bar in Kingston, New York, betrank, wurde er auf seinem Heimweg von einer Gruppe junger Männer zusammengeschlagen, weil er ihnen erzählt hatte, dass er gerne Frauenschuhe anziehe. Im Film wird das Hassverbrechen von Nazis verübt. Nur durch Zufall überlebte er den feigen Angriff. Danach lag er neun Tage im künstlichen Koma und musste alles wieder neu erlernen. Nachdem seine Krankenkasse seinen Klinikaufenthalt nicht weiter bezahlen wollte, wurde er, immer noch krank, nach vierzig Tagen aus der Klinik entlassen (Yep, ein Hoch auf das US-Krankensystem! Immerhin kommt im Film einmal im Monat eine Schwester vorbei, die überwachen soll, ob er seine Medikamente genommen hat.). Das Spielen mit Puppen in einer II-Weltkrieg-Fantasiewelt, für die er auch die belgische Fantasiestadt Marwencol baute, ist für ihn die Möglichkeit, den Alltag zu bewältigen. Alle Puppen und Ereignisse in Marwencol haben eine realweltliche Entsprechung.
Weil Hogancamp seine Fantasiewelt auch fotografierte, wurde er in den USA zu einem bekannten Künstler, beginnend mit einer Ausstellung in New York, die auch im Film gezeigt wird, über die hochgelobte Dokumentation „Marwencol“ (die auch die Inspiration für den Spielfilm war), Zeitungsartikel und dem Buch „Welcome to Marwencol“.
Jetzt verfilmte Robert Zemeckis die Geschichte von Mark Hogancamp als Spiel zwischen Real- und Fantasiewelt, in der langsam deutliche wird, dass der schrullige Nachbar, der wie ein pubertierender Junge lebt, eine gequälte Seele ist.
Dummerweise ist Hogancamps Fantasiewelt die durch und durch sexistische und brutale Welt der Men’s-Adventure-Magazine, in denen Sex und Gewalt hemmungslos verherrlicht und ohne irgendeine ironische Brechung dargeboten werden. Es ist eine Welt, die bei uns niemals so richtig populär war und die heute extrem reaktionär ist.
Es ist auch die Welt der Naziploitationfilme, in denen Nazifetische, Sex und Gewalt fließend ineinander übergehen und die Hogancamp als 1-zu-1-Inspiration für seine Fantasiewelt nimmt. Es ist Fanfiction.
Diese Men’s-Adventure-Welt war schon immer eine hoffnungslos übertriebene Fantasiewelt, die heute nur noch mit ironischen Brechungen erträglich sind. Brechungen zu denen Hogancamp nicht fähig ist, weil die von ihm geschaffene Welt ein Spiegel seines Inneren ist und er so ein Ventil für sein Trauma hat, das er so vielleicht auch bewältigen kann.
Das ist, – wenn wir ignorieren, dass Hogancamp professionelle Hilfe benötigt hätte -, eine gute, richtige und auch begrüßenswerte Methode, um Erlebnisse zu verarbeiten. Es ist auch besser, als das Ausleben von „Ein Mann sieht rot“-Rachefantasien in der Realität.
Zemeckis zeigt Hogancamps Welt ohne Distanzierungen und Brechungen. Er will, dass wir emotional involviert sind. Damit verstehen wir nicht nur, wie in einem Dokumentarfilm, Hogancamps Problem, sondern wir sollen auch emotional auf seiner Seite stehen und, wenigstens implizit, seine Fantasien gutheißen. Das versucht jeder Film und, wahrscheinlich weil „Forrest Gump“-Regisseur Zemeckis ein guter Regisseur ist, war ich die ganze Zeit befremdet von „Willkommen in Marwen“.
Vielleicht auch, weil alles eine Spur zu deutlich ist und ich die Tricks und Absichten des Magiers durchschaute. Und so versagt „Willkommen in Marwen“ bei mir genau auf der Ebene, auf der ein Spielfilm funktionieren sollte.
Willkommen in Marwen (Welcome to Marwen, USA 2018)
Regie: Robert Zemeckis
Drehbuch: Robert Zemeckis, Caroline Thompson
mit Steve Carell, Leslie Mann, Diane Kruger, Merritt Wever, Janelle Monáe, Eiza Gonzalez, Gwendoline Christie, Leslie Zemeckis, Neil Jackson, Falk Hentschel, Matt O’Leary, Nikolai Witschl, Patrick Roccas, Alexander Lowe
The Music of Strangers: Yo-Yo Ma & The Silk Road Ensemble (The Music of Strangers: Yo-Yo Ma & The Silk Road Ensemble, USA 2015)
Regie: Morgan Neville
Drehbuch: Morgan Neville
TV-Premiere zu einer unmöglichen Uhrzeit: Schöne Doku über das von Yo-Yo Ma initiierte, kulturübergreifende Silk Road Ensemble. Mit tollen Musikern aus der ganzen Welt und toller Musik.
Tim Burton drehte immer wieder Kinderfilme, wie „Charlie in der Schokoladenfabrik“ und „Alice im Wunderland“. Finanziell gehören sie zu seinen erfolgreichsten Filmen. Er drehte auch immer wieder Kinderfilme, die nicht für Kinder waren, wie „Frankenweenie“. Für den Spielfilm erweiterte er seinen 1984 für Walt Disney Pictures hergestellten Kurzfilm zu einem Spielfilm. Damals hielt Disney seine Vision für zu gruselig für Kinder. Außerdem passte die SW-Liebeserklärung an alte SW-Horrorfilme nicht zum Image der Firma.
Seitdem veränderte sich einiges. Burton und Disney arbeiteten in den vergangenen Jahren erfolgreich zusammen. Ihr jüngstes gemeinsames Projekt ist der Realfilm „Dumbo“; ein Remake des gleichnamigen Trickfilm-Klassikers von 1941. Und dieser Film kann als Kinderfilm für Senioren beschrieben werden.
Erzählt wird die Geschichte von Dumbo. Der Elefant kommt 1919 in einem Zirkus zur Welt. Max Medici, Inhaber eines um sein Überleben kämpfenden Wanderzirkus, hat Dumbos schwangere Mutter gekauft, weil er sich von dem Elefantenbaby ein Riesengeschäft erhoffte. Mit seinen riesigen Schlappohren ist Dumbo allerdings eine Missgeburt, mit der man kein Geschäft machen kann.
Das ändert sich, als Medici erfährt, dass Dumbo fliegen kann.
„Dumbo“ ist eine weitere Realverfilmung eines Disney-Klassikers. Wobei man Realverfilmung vor allem in diesem Fall nicht allzu eng definieren sollte. Letztendlich sind nur die hochkarätige Besetzung – in Hauptrollen sind Colin Farrel, Danny DeVito, Michael Keaton und Eva Green dabei – und einige Sets real. Die Tiere wurden am Computer animiert. Gedreht wurde ausschließlich im Studio. Entsprechend künstlich sieht der Film aus. Jedes Bild sieht wie gemalt aus.
Schöne Bilder, Künstlichkeit und porentiefe Sauberkeit sind allerdings nicht das Problem von „Dumbo“. Es sind das langsame Erzähltempo und die schleppend entwickelte Geschichte, bei der immer unklar ist, wer das in erster Linie angesprochene Publikum ist und die keine klare Struktur zwischen Haupt- und Nebenplots findet. Stattdessen werden mehrere Geschichten parallel erzählt. Im Mittelpunkt steht dabei die Familie Farrier, die von Zirkusbesitzer Medici (Danny DeVito) angewiesen wird, sich um das Elefantenbaby zu kümmern.
Für einen Kinderfilm konzentriert sich der Film zu sehr auf Holt Farrier (Colin Farrell). Der Kriegsheimkehrer hat ein ganzes Bündel physischer und seelischer Probleme. Im Kampf in Europa verlor der Reitartist seinen linken Arm. Zur gleichen Zeit verstarb seine Frau. Der Witwer muss sich jetzt um ihre beiden Kinder kümmern und, als ob das alles noch nicht genug sei, verlor er seine Zirkusnummer und damit seine berufliche Existenz. Jetzt ist er im Zirkus Medici nur noch als Stallbursche im Elefantenkäfig zu gebrauchen. Immerhin trifft er in der zweiten Filmhälfte, die im Vergnügungspark des erzbösen Kapitalisten V. A. Vandevere (Michael Keaton) spielt, die Luftakrobatin Colette Marchant (Eva Green).
Für einen Erwachsenenfilm konzentriert „Dumbo“ sich sehr auf Holts Kinder Milly und Joe. Millie (Nico Parker) ist Holts naseweise, wissenschaftlich interessierte, superschlaue Tochter. Joe (Finley Hobbins) sein begeisterungsfähiger, aber artistisch hoffnungslos untalentierten Sohn. Beide wären in einem klassischen Kinderfilm die Protagonisten. In Tim Burtons neuem Film verschwinden sie immer wieder für lange Zeiträume aus der Filmgeschichte.
Diese plätschert, ohne den bekannten Tim-Burton-Humor, orientierungslos vor sich hin.
Sogar die im Hintergrund plätschernde Musik ist so austauschbar, dass ich erst im Abspann bemerkte, dass Burtons Hauskomponist Danny Elfmann sie geschrieben hat.
„Dumbo“ ist ein seltsamer Film. Ein Tim-Burton-Film ohne Tim Burton. Ein Kinderfilm, der sich nicht an Kinder richtet. Ein Realfilm, der fast ausschließlich am Computer entstand. Es ist kein wirklich schlechter Film, es ist eher ein belangloser Film, der als Zirkusfilm arm an Attraktionen ist.
Und Dumbo? Der schaut die meiste Zeit traurig in die Welt.
Dumbo (Dumbo, USA 2019)
Regie: Tim Burton
Drehbuch: Ehren Kruger
LV: Helen Aberson, Harold Pearl: Dumbo the Flying Elephant, 1939 (Roll-a-Book, von dem wahrscheinlich nur ein Prototyp hergestellt wurde)
mit Colin Farrell, Michael Keaton, Danny DeVito, Eva Green, Alan Arkin, Nico Parker, Finley Hobbins, Roshan Seth, Deobia Oparei, Joseph Gatt, Sharon Rooney, Lars Eidinger
Catharine (Theresa Russell) heiratet immer wieder Millionäre, die kurz darauf sterben. Die Justizbeamtin Alex Barnes (Debra Winger) glaubt, dass Catharine ihre Männer ermordet. Auf Hawaii trifft sie Mörderin und verfällt ihrem Charme. Oder doch nicht?
Selten gezeigter Noir, in dem die klassische Femme Fatale auf eine Computerspezialistin (!) trifft und beide als komplexe Charaktere gezeichnet werden. „Das macht seinen Thriller intelligent, sehenswert und ein bisschen innovativ. Der Rest ist clever konstruiertes Genrekino, mit all den notwendigen Zutaten.“ (Meinolf Zurhorst: Lexikon des Kriminalfilms)
Rafelson inszenierte auch „Five Easy Pieces“ (USA 1970), „Der König von Marvin Gardens“ (USA 1972), „Wenn der Postmann zweimal klingelt“ (USA 1982) und die Chandler/Parker-Verfilmung „Poodle Springs“ (USA 1998).
mit Debra Winger, Theresa Russell, Sami Frey, Dennis Hopper, James Hong, Nicol Williamson, Terry O’Quinn, Diane Ladd, D. W. Moffett, Leo Rossi
Weil die Neuverfilmung am Donnerstag in unseren Kinos startet
RTL II, 22.30
Friedhof der Kuscheltiere (Pet Sematary, USA 1989)
Regie: Mary Lambert
Drehbuch: Stephen King
LV: Stephen King: Pet Sematary, 1983 (Friedhof der Kuscheltiere)
Zuerst vergräbt der Familienvater die tote Hauskatze auf einer indianischen Grabstätte. Sie kehrt lebendig, aber leicht verändert zurück. Danach vergräbt er seinen bei einem Autounfall verstorbenen Sohn.
An der Kinokasse erfolgreicher Horrorfilm, der inzwischen allgemein zu den besten King-Verfilmungen gezählt wird.
Zwei Jahre später drehte Lambert eine ziemlich überflüssige Fortsetzung.
Zeitgenössische Kritiker waren vom „Friedhof der Kuscheltiere“ nicht so begeistert: „Grelle Effekte und schockende Grausamkeiten, statt psychologisch stimmigen Schreckens.“ (Fischer Film Almanach 1990) „enttäuschend, weil sie nach der behäbig-sorgfältige gestalteten Exposition den eher sanften Schrecken der Vorlage mit den genre-üblichen grellen Effekten überzeichnet.“ (Lexikon des internationalen Films) „ein weiterer Beweis dafür, dass die Verfilmungen der King-Romane immer ein ganzes Stück der Qualität des literarischen Originals hinterherhinken.“ (
mit Dale Midkiff, Fred Gwynne, Denise Crosby, Brad Greenquist, Michael Lombard, Stephen King
Wiederholung: Montag, 1. April, 02.10 Uhr (Taggenau!)
Weil Volker Schlöndorff am Sonntag wieder ein Jahr nicht jünger wird und er dieses Jahr sogar einen runden Geburtstag feiert (was alle anderen TV-Sender ignorieren [Pfui!])
RBB, 22.50
Die Blechtrommel (Deutschland/Frankreich 1979)
Regie: Volker Schlöndorff
Drehbuch: Volker Schlöndorff, Jean-Claude Carrière, Franz Seitz, Günther Grass (Dialogbearbeitung)
LV: Günter Grass: Die Blechtrommel, 1959
Die Geschichte von Blechtrommler Oskar Matzerath, der am 12. September 1927 als Dreijähriger beschließt, nicht weiter zu wachsen.
Ein Klassiker des deutschen Films, ausgezeichnet, u. a., mit der Goldenen Palme in Cannes und dem Oscar als bester ausländischer Film und ein Kassenerfolg.
Mit David Bennent, Mario Adorf, Angela Winkler, Daniel Olbrychski, Katharina Thalbach, Heinz Bennent, Andrea Ferréol, Fritz Hakl, Ernst Jacobi, Otto Sander, Charles Aznavour
Moondog ist der ultimative Abhänger. Vor Ewigkeiten schrieb er ein erfolgreiches Buch mit Gedichten. Später heiratete er die vermögende Minnie (Isla Fisher), die ihn bedingungslos liebt, mit ihm eine inzwischen 22-jährige Tochter hat und ihn finanziell durchfüttert. Dabei braucht Moondog nicht viel. Er lebt auf einem Hausboot, was in Florida nicht ungewöhnlich ist. Er konsumiert die Drogen, die schon die Beatniks in rauen Mengen genossen. Er hat Affären mit anderen Frauen. Und er torkelt fröhlich bekifft, das Leben genießend, über die Strandpromenade.
Diesen Mann verkörpert Matthew McConaughey als einen grenzdebilen, immer freundlichen und allseits toleranten Freigeist, der die Anforderungen der Konsumgesellschaft nonchalant ignoriert. Und der dabei, wegen des Vermögens seiner Frau, hemmungslos von ihr profitiert. Er ist ein Schnorrer, Faulenzer und Kiffer. Er verkörpert nicht das philosophische Gegenmodell zum Kapitalismus. Er ist ein zu Gefühlen unfähiger Parasit, dessen Rechnungen im Zweifelsfall immer von Minnie bezahlt werden.
Harmony Korine idolisiert diesen Menschen in seinem neuen Film „Beach Bum“. Mit ihm kehrt er, sieben Jahre seinem letzten Film, dem erfolgreichen „Spring Breakers“, zurück in den Sunshine State. Wieder hat er kein Interesse am konventionellen Erzählen einer Geschichte. Er ignoriert all die bekannten Drehbuchregeln. Wieder glorifiziert er den Lebensstil seiner in rauen Mengen Drogen konsumierenden Charaktere. Unklar ist dabei, ob es sich nicht vielleicht doch um eine sehr versteckte und subtile Art der Kritik am US-Lebensstil handeln könnte.
„Beach Bum“ ist, mit einigen Nebencharakteren, eine Charakterstudie über einen Mann, der keine Lust hat, sich zu verändern und die Studie eines fröhlichen Stillstands. Das was Korine als Handlung anbietet, ist weniger als nichts. So soll Moondog nach dem von ihm mitverschuldetem Tod seiner Frau nur dann sein Erbe erhalten, wenn er sein lange geplantes neues Buch endlich vollendet. Das führt dazu, dass Korine in der zweiten Filmhäfte einige Male Moondog an verschiedenen Orten mit einer alten mechanischen Schreibmaschine zeigt. Dann haut der Poet fröhlich bekifft, fotogen am Strand sitzend, in die Tasten. Dass er dabei irgendetwas verwertbares herstellt, erscheint unwahrscheinlich. Und dass dieser Vollzeitkiffer jetzt noch irgendeinen bemerkenswerten Gedanken formuliert, erscheint unmöglich. Denn während des gesamten Films hat Moondog zwar eine klare und eindeutige Haltung zum Leben, aber dass er in der Lage ist, diese in Poesie zu überführen, wird noch nicht einmal angedeutet. Es wird nur von seiner Frau, seinen Freunden und seinem Manager behauptet, dass er früher einmal ein großer Poet war.
Heute hat der Aussteiger noch nicht einmal die Energie, um sich dem uramerikanischen Leistungsprinzip zu verweigern. Das wäre zu viel Aktivität. Dazu müsste er eine Haltung dazu entwickeln, ein Ziel haben und es verfolgen. Stattdessen trinkt und kifft er sich, wie ein Haustier, einfach durch den Tag. Den nächsten und den übernächsten.
Weil ein Tag wie der andere ist und weil Moondog keine Entwicklung durchmacht und Minnies Tod keinerlei Auswirkung auf sein Leben hat, könnten die Erlebnisse von Moondog auch in irgendeiner anderen Reihenfolge gezeigt werden.
Dieser Moondog ist nämlich eine Person ohne Geheimnisse. Entsprechend schnell weiß man alles über ihn und die Komödie erscheint, trotz schöner Bilder, witziger Szenen, Starauftritten und einer mit etwas über neunzig Minuten (mit Abspann) kurzen Laufzeit ziemlich lang.
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Harmony Korine: „Ich wollte etwas machen, das einen in Hochstimmung versetzt und völlig respektlos ist. Es soll die Menschen auf den Humor und die Poesie des Lebens einstimmen, man soll eine Weile eintauchen können in einen durch und durch aberwitzigen Trip. Die Welt ist so dunkel und ernst und pedantisch geworden. Ich finde, es ist erfrischend, einem unangepassten Hallodri zu folgen, einem Typ, dem Regeln völlig egal sind, jemandem, der total abgefahren ist, aber einen gleichzeitig mit seinem Charme sofort für sich einnimmt. Die Geschichte mag einem albern erscheinen, aber es geht um echte Menschen und Menschlichkeit.
Im Herzen ist Moondog immer jung geblieben. Er hat jedes Hindernis, das das Leben vor einem aufstellen kann, bezwungen. Am Ende des Tages reicht es ihm, high zu sein, anders zu sein als die Anderen und so viele Frauen und Drinks wie möglich zu haben. Es macht ihm Spaß, andere Leute auf die Palme zu bringen. Die Geschichte von Moondog ist wie eine perverse Jimmy-Buffett-Ballade. Er ist der Held einer modernen Stoner-Rock-Erzählung. In der heutigen Welt kommt uns das wie Fantasy vor. Dieser Typ sagt einfach:,Fickt Euch alle! Ich lasse meine Füße in den Sand baumeln, trinke und genieße das Leben.‘ Für ihn ist es, als würde er seine Poesie jetzt nicht mehr schreiben, sondern einfach nur noch ausleben.
Für mich ist er die Strandversion eines Cheech-und-Chong-Films.“
Isla Fisher: „’Beach Bum‘ ist wie ein Gedicht ohne Pointe.“
Beach Bum(The Beach Bum, USA 2019)
Regie: Harmony Korine
Drehbuch: Harmony Korine
mit Matthew McConaughey, Isla Fisher, Snoop Dog, Zac Efron, Jonah Hill, Martin Lawrence, Stefania LaVie Owen, Jimmy Buffett
Eine Gruppe von unschuldig verurteilten Elite-Soldaten, das A-Team, will seine Unschuld beweisen und verursacht dabei beträchtliche Kollateralschäden.
Die kurzweilige Kinoversion der gleichnamigen 80er-Jahre-Serie „Das A-Team“ ist natürlich in jeder Beziehung einige Nummern größer als das Original und passt sich den zeitgenössischen Sehgewohnheiten an.
Joe Carnahan, der zuvor den düsteren Cop-Thriller „Narc“ und das krachige Jungskino „Smokin’ Aces“ inszenierte, nahm den Job an, weil er mit seinen beiden anderen Projekten, dem Pablo-Escobar-Biopic „Killing Pablo“ und der James-Ellroy-Verfilmung „White Jazz“, nicht weiterkam. „Das A-Team“ richtet sich, wenig überraschend, vor allem an die „Smokin’ Aces“-Fans.
Ebenfalls wenig überraschend ist, dass „Das A-Team“ jahrelang in Hollywood entwickelt wurde und wahrscheinlich jeder bekannte Regisseur und Schauspieler irgendwann im Gespräch war.
Mit Liam Neeson arbeitete Joe Carnahan auch bei seinem nächsten Film “The Grey – Unter Wölfen” zusammen.
mit Liam Neeson, Bradley Cooper, Jessica Biel, Quinton ‘Rampage’ Jackson, Sharlto Copley, Patrick Wilson, Gerald McRaney
Vor dem Kinostart sagte Robert Redford, dass „Ein Gauner & Gentleman“ sein letzter Film sein werde. Danach wolle der 82-jährige in den wohlverdienten Ruhestand gehen. Inzwischen ist er sich anscheinend nicht mehr so sicher, ob David Lowerys warmherzige Gaunerkomödie „Ein Gauner & Gentleman“ wirklich sein letzter Film sein soll.
David Lowery, der Redford bereits in seinem Kinderfilm „Elliot, der Drache“ inszenierte, erzählt die Geschichte von Forrest Tucker, einem notorischen Bankräuber, der inzwischen ein alter, aber immer noch junggebliebener Gentleman ist. Er ist ein Berufsverbrecher, der immer wieder in Haft saß, ausbrach und jetzt weiter Banken überfällt. Sein jüngster Überfall, dieses Mal in Dallas, lief wieder einmal so höflich und gesittet ab, dass wir unwillkürlich an „Out of Sight“ Jack Foley (George Clooney) denken müssen. Wobei es historisch korrekt wahrscheinlich umgekehrt war. Denn Tucker, den es wirklich gab, begann seine Verbrecher- und Ausbrecherkarriere 1936 als Fünfzehnjähriger und Lowerys Film spielt 1981. Der von Elmore Leonard erfundene Foley betrat erst später zuerst die literarische und dann die filmische Bühne.
Forrest Tucker war ein vollendeter Gentleman, der seine Verbrechen ohne Gewalt verübte. Den Revolver, den er dabei hatte, zeigte er niemals. Aber diese Angewohnheit erklärt den Originaltitel des Films, der auf der gleichnamigen „The New Yorker“-Reportage von David Grann basiert. Trotzdem ist der deutsche Titel „Ein Gauner & Gentleman“ viel zutreffender.
Als Gentleman hält Tucker auf seiner Flucht vor der Polizei selbstverständlich an, um einer Frau, die Probleme mit ihrem Auto hat, zu helfen. Auch wenn er keine Ahnung von Autos hat. Er unterhält sich mit Jewel (Sissy Spacek). Er fährt sie nach Hause und das ist der Beginn einer wundervollen, erwachsenen Beziehung, in der sich zwei Menschen redend näherkommen.
Diese Liebesgeschichte könnte sein Abschied vom Verbrecherleben sein, wenn er nicht ein Berufsverbrecher wäre, der einfach gerne das tut, was er tut. Also raubt er weiter Banken aus mit seinen Verbrecherkumpels, der „Over-the-Hill-Gang“. Sie besteht aus Teddy (Danny Glover) und Waller (Tom Waits). Der Musiker, dessen letzte CD 2011 erschien, und Ab-und-zu-Schauspieler wurde dafür aus seinem filmischen Ruhestand gezerrt.
Verfolgt werden sie über Landesgrenzen hinweg von Detective John Hunt. Casey Affleck liefert eine weitere feine, minimalistische Charakterstudie. Dieses Mal ist er unter dem Porno-Schnauzbart Tom-Selleck-Schnauzbart (Hunt ist ja ein ehrlicher Polizist) kaum erkennbar. In Lowerys vorherigem Film „A Ghost Story“ war er als stummer Geist mit einem Bettlaken über dem Kopf noch weniger erkennbar.
Diese Erzählstränge verknüpft David Lowery zu einer wunderschön entspannten Schnurre, einer Verbrecherballade, die einem auch am Lagerfeuer erzählt werden könnte. Denn früher, in diesem Fall 1981, ging alles langsamer. Nachrichten verbreiteten sich über Tage und Wochen von der einen Küste des Landes zur anderen. Falls überhaupt. Computer waren keine Alltagsgegenstände, sondern schrankgroße Geräte, die in Science-Fiction-Filmen riesige Hallen füllten. Ein Ermittler musste damals, nachdem er auf die abstruse Idee gekommen war, dass verschiedene Überfälle in verschiedenen Bundesstaaten miteinander zusammenhängen könnten, mühsam die Informationen über die Überfälle zusammentragen, immer wieder Ländergrenzen überschreiten, mit unterschiedlichen Gesetzgebungen kämpfen und in Archiven wühlen. Denn schon auf den ersten Blick klingt die Idee, dass ein Haufen alter Männer professionell Banken überfällt, ziemlich fantastisch.
Währenddessen hat Forrest Tucker viel Zeit, um mit seinen Kollegen weitere Überfälle zu planen und, vor allem, mit Jewel den Sonnenuntergang zu genießen.
Und wir können Robert Redford und Sissy Spacek dabei beobachten.
Es gibt wirklich schlechtere Möglichkeiten, seine Zeit zu verbringen.
Wenn Robert Redford jetzt wirklich keinen weiteren Film mehr dreht, ist „Ein Gauner & Gentleman“ eine rundum gelungene, angenehm nostalgische Abschiedsvorstellung, die noch einmal, mühelos und ohne erkennbare Anstrengung, die Karriere von Robert Reedford Revue passieren lässt.
Aber wie beginnt noch einmal Davd Granns Artikel über den sympathischen Bankräuber? „Forrest Tucker had a long career robbing banks, and he wasn’t willing to retire.“
Ein Gauner & Gentleman (The old man & the gun, USA 2018)