Der jetzt erschienene zweite Band von „Marvel Cinematic Universe – Das Film-Kompendium“ mit dem Untertitel „Die Guten, die Bösen & die Guardians“ schließt unmittelbar an den ersten Band „Die Avengers-Initiative“ an und bespricht chronologisch die nach „Thor: The Dark Kingdom“ ins Kino gekommenen Marvel-Filme. Das sind, zur Erinnerung, „The Return of the First Avenger“, „Ant-Man“, „Guardians of the Galaxy“, Avengers: Age of Ultron“, „The First Avenger: Civil War“, „Doctor Strange“ und „Guardians of the Galaxy Vol. 2“.
Die neuesten Marvel-Filme und auch das Ende des ersten Teils von „Infinity War“ werden in diesem Filmbuch nicht verraten. Dafür gibt es ja einen späteren Band. Denn der in den USA im Januar erschienene dritte Band „It’s all connected“ beschäftigt sich mit den TV-Serien „Agents of S. H. I. E. L. D.“ und „Agent Carter“.
Die Filme werden, wie im ersten Band nicht mit ihrer Filmgeschichte vorgestellt. Stattdessen gibt es Informationen über die wichtigen Charaktere, Gebäude und Gegenstände, die im Film auftauchen und es wird gesagt, was mit ihnen in diesem Film geschieht.
Wenn sie in mehreren Filmen auftauchen, wird das, was mit ihnen in einem Film geschieht, bei diesem Film besprochen, und das, was im nächsten Film geschieht, im nächsten Film besprochen. Was bei Tony Stark und Hawkeye viel Blättern bedeutet. Diese lexikalische Form verschafft einem einen schnellen Überblick über bestimmte Fakten im Marvel-Kinouniversum und, wenn man etwas blättert, was mit einer Person von Film zu Film geschieht. Aber wer die Filme nicht kennt, wird wenig mit den Beschreibungen und Nacherzählungen von Teilen der Filmhandlung anfangen können. Es wird ja nicht der Film, sondern das, was der Charakter erlebt, nacherzählt.
In Kästchen gibt es wieder Informationen zu den ersten Auftritte der besprochenen Personen und Gegenstände in den Comics. Weiter heraus aus dem Kosmos der Filme begibt sich das Film-Kompendium nicht. Es gibt keine Informationen über die Schauspieler, Regisseure und Autoren. Es wird noch nicht einmal erwähnt, wer wen spielt. Diese Informationen gehören zu einem anderen Universum, in dem die Avengers gegen ganz andere Gegner kämpfen müssen.
Insofern hat Koordinator Mike O’Sullivan mit dem zweiten MCU-Film-Kompendium wieder ein Buch herausgegeben, das nur für die Fans ist, die schon alle Filme in mindestens einer Ausgabe in ihrem Regal stehen haben…und für die Kritiker, die beim Besprechen des neuesten Marvel-Films elegant mit ihrem scheinbar unendlichem Hintergrundwissen über die verschiedenen Charaktere und ihre Herkunft prahlen wollen.
–
Mike O’Sullivan (Chefautor/Koordinator): Marvel Cinematic Universe – Das Film-Kompendium Bd. 1: Die Guten, die Bösen & die Guardians
(übersetzt von Stefan Pannor)
Panini, 2018
184 Seiten
29,99 Euro
–
Originalausgabe
Marvel Cinematic Guidebook: The The Good, The Bad, The Guardians
LV: Emile Zola: La bete humaine, 1890 (Der Totschläger)
Lokführer Jacques Lantier verliebt sich in die Frau des Bahnhofvorstehers Roubaud. Sie überredet Lantier ihren Gatten umzubringen.
Beeindruckendes Drama und einer der besten Filme von Jean Renoir.
André Bazin, langjähriger Freund von Renoir und Herausgeber von „Cahiers du Cinéma“, schrieb zu „Bestie Mensch“: „Insgesamt lässt sich sagen, dass Renoir den Roman an fast allen Stellen verbessert hat. Die Darstellung des technischen Milieus bleibt im Film nicht hinter der des Romans zurück, ja übertrifft sie recht häufig. Die Motivierung der Charaktere ist bei Renoir viel besser. Denn er begründet sie nicht aus der Psychologie, sondern aus einer Metaphysik des Schauspielers. Was man auf der Leinwand sieht, ist nicht die Mordlust eines Lantier, sondern die von Gabin…Insgesamt hat Renoir die Geschichte fachgerecht nach den Regeln des Kinos dramatisiert und vereinfacht, und das Ergebnis ist besser als der Roman. Man könnte fast sagen: die wenigen Schwächen des Drehbuchs sind Überbleibsel aus dem Roman.“
Mission Wahrheit – Die New York Times und Donald Trump(The Fourth Estate, USA 2018)
Regie: Liz Garbus
Drehbuch: Liz Garbus
Vierteilige, gut vierstündige Doku-Miniserie, die im Mai und Juni auf Showtime lief. Arte zeigt die gesamte Serie an einem Abend. Garbus begleitete nach der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA die Reporter der New York Times bei ihrer Arbeit und unterhielt sich mit ihnen darüber. Ein spannender Einblick in die Arbeit einer Tageszeitung.
BBC Culture fragte für ihre neueste Bestenliste über zweihundert Filmkritiker und Experten aus über vierzig Längern nach den hundert besten nicht englischsprachigen Filmen. Die Liste ist natürlich ein Angebot zur Diskussion (Ich meine, wie konnten sie ausgerechnet diese Perle der Filmkunst vergessen?) und zum Ansehen von Spielfilmen, die allein schon aufgrund des Expertenvotums, wichtige, sehenswerte und oft auch einflussreiche Filme sind.
Insgesamt ist es eine gute Liste, die viele Klassiker und einige in Deutschland ziemlich unbekannte Filme enthält. Ad hoc fällt mir auf, dass „Der letzte Tango in Paris“ fehlt. Und einige deutsche Stummfilme wie „Nosferatu“ und „Der letzte Mann“ (beide von Friedrich Wilhelm Murnau). Aber dafür sind „M“ und „Metropolis“ (beide von Fritz Lang) dabei.
Und jetzt bin ich schon beim herummaulen, anstatt die noch nicht gesehenen Filme der Liste nachzuholen.
In dem zehnten Roman mit den beiden nie um einen flotten Spruch und eine Schlägerei verlegenen Kumpels Hap Collins und Leonard Pine schlagen sie sich in ihrer Heimat Texas mit Polizisten, die einem jungen schwarzen Mann ermordeten, einem geheimen Zirkel von Nachwuchsboxern, rostfarben überzogenen Kampfhundekadavern und dem Diebstahl von Leonards Vanillekeksen herum.
Bei Golkonda sind auch Lansdales ältere, durchgehend empfehlenswerten, schwarzhumorige Romane mit Hap Collins (weiß, hetero, Kriegsdienstverweigerer) und Leonard Pine (schwarz, schwul, Republikaner) erhältlich
Da soll noch jemand sagen, Krimifans seien unsportlich. Am 5. November beginnt der „9. Krimimarathon Berlin-Brandenburg“ und der Lauf endet am 18. November.
Krimifans sind allerdings auch gewitzt. Denn die meiste Zeit verbringen sie den Marathon nicht schwitzend auf asphaltierten Straßen, sondern sitzend in klimatisierten Räumen und lauschen unter anderem Sebastian Fitzek, Michael Tsokos (von denen läuft noch „Abgeschnitten“ in den Kinos), Elisabeth Herrmann, Arne Dahl, Klaus-Peter Wolf, Bernhard Aichner, Max Bentow, Andreas Pflüger, Max Annas, Axel Petermann, Marc Raabe. Mario Giordano, D. B. Blettenburg, Rainer Wittkamp, Matthias Wittekindt und Die mörderischen Schwestern sind auch dabei.
Die Lesungen sind in Berlin, Potsdam und um die beiden Hauptstädte herum.
Alle sachdienlichen Hinweise und das Programm gibt es hier (oder gleich zum Programm). Einige Lesungen sind bereits ausverkauft (Fitzek), einige sind kostenlos und einige richtig teuer. Dafür gibt es dann auch etwas zu essen.
1. Mick Herron – Slow Horses. Ein Fall für Jackson Lamb (Platzierung im Vormonat: 2)
Aus dem Englischen von Stefanie Schäfer. Diogenes, 480 Seiten, 24 Euro
2. Fred Vargas – Der Zorn der Einsiedlerin (Platzierung im Vormonat: /)
Aus dem Französischen von Waltraud Schwarze. Limes, 512 Seiten, 23 Euro
3. Louise Penny – Hinter den drei Kiefern (Platzierung im Vormonat: /)
Aus dem Englischen von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck. Kampa, 496 Seiten, 16,90 Euro
4. Simone Buchholz – Mexikoring (Platzierung im Vormonat: 5)
Suhrkamp, 248 Seiten, 14,95 Euro
5. Tom Franklin – Krumme Type, krumme Type (Platzierung im Vormonat: 1)
Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Pulp Master, 416 Seiten, 15,80 Euro
6. Jérôme Leroy – Die Verdunkelten (Platzierung im Vormonat: 7)
Aus dem Französischen von Cornelia Wend.Edition Nautilus, 224 Seiten, 18 Euro
7. Bill Beverley – Dodgers (Platzierung im Vormonat: /)
Aus dem Englischen von Hans M. Herzog. Diogenes, 400 Seiten, 24 Euro
8. Ryan Gattis – Safe (Platzierung im Vormonat: 8)
Aus dem Englischen von Ingo Herzke und Michael Kellner. Rowohlt, 412 Seiten, 20 Euro
9. Christoph Peters – Das Jahr der Katze (Platzierung im Vormonat: /)
Luchterhand, 352 Seiten, 22 Euro
10. Susanne Saygin – Feinde (Platzierung im Vormonat: /)
Heyne, 352 Seiten, 12,99 Euro
–
Mächtig viel Lesestoff. Auch weil anscheinend die Zeiten von Zweihundert-Seiten-Büchern endgültig vorbei sind. Nur Simone Buchholz und Jérôme Leroy erzählen ihre Geschichten in unter Zweihunderfünfzig Seiten. Fred Vargas braucht über fünfhundert Seiten.
Okayer Thriller über die Mafia unter Melonenfarmern, mit Charles Bronson als titelgebender Vince Majestyk, der als Melonenfarmer zuerst seine Ruhe haben will und später rot sieht.
Von Elmore Leonards Homepage: „Before Joe Kidd was released, Clint Eastwood called Elmore and asked for a Dirty Harry like story of a guy with a big gun. Elmore told Eastwood the story of what was to become Mr. Majestyk. Eastwood said, write it up. But, by the time Elmore finished the outline, Eastwood had acquired High Plains Drifter and bowed out. Swanson then sold Walter Mirisch on the project, who interested Charles Bronson. Mr Majestyk was the story of Vince Majestyk, a Vietnam veteran and now peaceful watermelon farmer whose workers are threatened by the local mob lead by hit man, Frank Renda (Al Lettieri).
But typically in an Elmore story, Bronson represents the workers and incurs the wrath of and delivers vengeance on the mob boys. Bronson nailed his role but Al Lettieri was over the top, playing essential the same role he did in The Getaway. Elmore saw Renda as the majority of his characters, more subtle and laid back. After completing the screenplay, Elmore Leonard novelized Mr. Majestyk. The most well known scene in Mr. Majestyk is of the bad guys shooting up the watermelons. (Shot in eastern Colorado – not Northern California as in the script.) Colorado was the only place in the West the producers could find such a crop, in season. Elmore’s script called for cantaloupes. Quentin Tarantino, Elmore’s great fan, pays homage to Mr. Majestyk in True Romance (1991).
mit Charles Bronson, Al Lettieri, Linda Cristal, Lee Purcell, Paul Koslo
Drehbuch: William Monahan (nach dem Drehbuch „The Gambler“ von James Toback)
Mit seiner Spielsucht hat der Literaturdozent Jim Bennett längst sein Leben zerstört. Jetzt versucht der Spieler durch neue Spieleinsätze seine alten Schulden zurückzuzahlen.
Die sehenswerte, glänzend gespielte Charakterstudie ist ein Noir, der immer auf einen besseren Film hoffen lässt. Auch und gerade weden des versammelten Talents vor und hinter der Kamera.
Während der diesjährigen Berlinale provozierte „Touch me not“ heftige Reaktionen. Etliche Zuschauer verließen den Saal. Die anderen applaudierten und am Ende gewann Adina Pintilles Werk den Goldenen Bären.
Jetzt läuft ihr Film im Kino an und, nun, so richtig nachvollziehbar ist der Preis nicht. Denn nackte Haut und onanierende Männer sind heute schon lange nicht mehr skandalös. Die Vermischung von dokumentarischem und inszeniertem Material ist auch nicht besonders neu. In diesem Fall bringt die rumänische Regisseurin Adina Pintille sich und ihr Team mehrmals offensiv ins Bild. So wird zusätzlich die Künstlichkeit des gesamten Films verdeutlicht. Denn „Touch me not“ ist letztendlich eine Versuchsanordnung; ein Experiment, das schon auf dem Papier eine Kopfgeburt ist.
Die Story – die Mit-Fünfzigerin Laura versucht ihre Angst vor Berührungen zu überwinden und will Sex haben – ist nur der Aufhänger für Gespräche über Sex, Gefühle und das Verhältnis zum eigenen Körper. Diese führt Laura mit Menschen, die ihre Sexualität verschieden ausleben. Dazu gehören ein Callboy, eine Transfrau und ein Rollenspiel-Therapeut. Diese Gesprächspartner spielen sich selbst. Einige sind auch Aktivisten. Eine statische Kamera nimmt die Gespräche auf. Etwaige belanglose Teile werden einfach herausgeschnitten. Diese Momente sieht man deutlich im Bild. Es wird überhaupt nicht versucht, die Bildsprünge und die damit verbundene Bearbeitung des Gesprächs zu kaschieren.
Neben Laura verfolgt Adina Pintille ausführlicher Tómas, der ebenfalls eine fiktive Figur ist und der ebenfalls Probleme mit seinem Körper und Berührungen hat. Er besucht einen Touch-Workshop. In diesem Workshop sollen Behinderte und Nicht-Behinderte sich berühren. Zu den Teilnehmenden gehören der an spinaler Muskelatrophie erkrankte Christian Bayerlein und seine nichtbehinderte Freundin Grit Uhlemann. Sie sind ebenfalls keine Schauspieler, sondern Menschen, die vor laufender Kamera von ihren Gefühlen erzählen und sich dabei berühren.
Allein diese permanente Grenzüberschreitung zwischen Fiktion und Dokumentation ist ein Problem, das durch den Schauplatz der fiktiven Filmgeschichte verschärft wird. Denn offensichtlich spielt die Filmgeschichte in einer Stadt. Aber gedreht wurde in halb Europa und die verschiedenen Drehorte sind immer wieder deutlich zu sehen und zu hören.
Und es ist nicht immer deutlich, wo die Inszenierung beginnt. Damit stehen aber alle dokumentarisch beobachteten Bilder unter dem Verdacht einer Inszenierung. Es ist eine Versuchsanordnung, bei der am Anfang zwar die Rahmenbedingungen der Anordnung erklärt werden, aber später unklar ist, wie sehr sich die Regisseurin an eben diesen von ihr selbst für den Film gegebenen Rahmen hält oder das dokumentarische Material manipuliert.
Und so versagt „Touch me not“ als Spielfilm, als Dokumentarfilm und als Filmessay.
Für einen Spielfilm ist Lauras emotionale Reise nämlich nicht nachvollziehbar genug. Sie bleibt Stückwerk unter den dokumentarischen Teilen, bei denen es prinzipiell egal ist, wo sie aufgenommen wurden, und den essayistischen Teilen, in denen die Regisseurin sich und ihre Gefühle offensiv einbringt und so die fiktionalen und realen Teile stört.
Diese Gedanken über das Ausleben der eigenen Lust und das Zeigen verschiedener Aspekte von Sexualität, Lust und Liebe mögen vielleicht in einer repressiven Gesellschaft wichtig und befreiend sein. Aber in Berlin, wo in Stadtmagazinen jedes Jahr große Berichte über den Sex der Hauptstädter erscheinen und erst vor wenigen Tagen das 13. Pornfilmfestival endete, ist das ungefähr so aufregend wie die Tageszeitung von vorgestern.
Touch me not (Touch me not, Rumänien/Deutschland/Tschechische Republik/Bulgarien/Frankreich 2018)
Regie: Adina Pintilie
Drehbuch: Adina Pintilie
mit Laura Benson, Tómas Lemarquis, Christian Bayerlein, Grit Uhlemann, Adina Pintilie, Hanna Hofmann, Seani Love, Irmena Chichikova
Der siebzehnjährige Franz Huchel ist glücklich am Attersee. Aber seine Mutter schickt ihn 1937 nach Wien. Dort soll er bei Otto Trsnjek, einem ihrer früheren Liebhaber, eine Lehre als Trafikant beginnen. Ein Trafikant ist ein Verkäufer in einem Tabak-, Schreibwaren- und Zeitungsgeschäft. Neben seiner Lehre bei dem nur auf den ersten Blick unzugänglichen Kriegsinvaliden Trsnjek, lernt Franz die Kundschaft des Trafik kennen, wozu Sigmund Freud gehört, und er verliebt sich in die etwas ältere und sehr lebenserfahrene Böhmin Anezka. Aber erwidert sie seine Gefühle? In dieser und einigen anderen Fragen kann ihm Dr. Freud helfen, der die Gespräche mit dem jungen Mann genießt.
Und so plätschert in Nikolaus Leytners Coming-of-Age-Drama „Der Trafikant“ die Geschichte vor sich hin, ohne als Verfilmung von Robert Seethalers Bestseller eigene Akzente zu setzen. Episoden und Beobachtungen reihen sich aneinander, bis die Nazis aktiv in das Geschehen eingreifen und Franz zu einer ebenso zufälligen, wie wirkungslosen Widerstandshandlung provozieren. Das mag im Roman alles funktionieren, aber besonders filmisch ist das nicht.
„Der Trafikant“ ist einer dieser Middle-of-the-Road-Filme, die für eine 20.15-Uhr-Ausstrahlung im TV konzipiert werden: Inszenierung, Schauspieler und Ausstattung sind gut, und immer wird der kleinste gemeinsame Nenner anvisiert. Anstelle eines irgendwie originären Zugriffs auf das Material und eigener Akzentsetzungen, wird einem nur die bebilderte Readers-Digest-Version des Romans präsentiert.
Der Trafikant (Österreich/Deutschland 2018)
Regie: Nikolaus Leytner
Drehbuch: Klaus Richter, Nikolaus Leytner
LV: Robert Seethaler: Der Trafikant, 2012
mit Simon Morzé, Bruno Ganz, Johannes Krisch, Emma Drogunova, Regina Fritsch, Karoline Eichhorn, Michael Fitz
Die Valachi-Papiere (Carteggio Valachi/Cosa Nostra, Italien/Frankreich 1972)
Regie Terence Young
Drehbuch: Stephen Geller, Dino Maiuri, Massimo de Rita
LV: Peter Maas: The Valachi Papers, 1968 (Die Valachi Papiere)
Biopic über Joe Valachi. Er war über dreißig Jahre Mitglied der Mafia und wurde, nachdem Don Vito Genovese ihn zum Tod verurteilte, in den frühen Sechzigern zum Kronzeugen gegen die Mafia.
Valachi war der erste Mafia-Gangster, der für eine Strafminderung der Polizei sein gesamtes Leben erzählte.
„James Bond“-Regisseur Terence Young inszenierte, im Fahrwasser von „Der Pate“, einen harten Thriller, der damals auch ein Kassenhit war. Das ist gut, aber natürlich ist Martin Scorseses „GoodFellas“ tausendmal besser.
Mit Charles Bronson, Lino Ventura, Joseph Wiseman, Jill Ireland, Amadeo Nazzari
Als ihr Vater beerdigt wird, treffen Christian Schneider (Lars Eidinger) und sein älterer Bruder Georg (Bjarne Mädel) sich nach fast dreißig Jahren wieder. Am Grab, während der Trauerfeier, eskaliert die gar nicht herzliche Begrüßung innerhalb von Sekundenbruchteilen zu einer Schlägerei zwischen Georg, der in dem Schwarzwalddorf Löchingen blieb und ihren Vater pflegte, und Christian, der als geschäftiger Manager in Singapur eine Mietwohnung hat, die er fast nie betritt.
Nach einem längeren Versöhnungstischtennisspiel mit viel Alkohol entdeckt Christian am Abend unter der Tischtennisplatte ihren alten Plan, mit ihren Mopeds von Löchingen zum Timmendorfer Strand zu fahren und in die Ostsee zu urinieren. Während der Fahrt wollen sie einige selbst gestellte Aufgaben absolvieren, wie das Aufessen der gesamten Gerichte, die auf der Speisekarte eines griechischen Restaurants stehen, und, immerhin waren sie damals Teenager, Sex haben und viel Alkohol trinken.
Das war schon damals, als sie als fünfzehnjährige Buben diesen Plan und die Regeln aufschrieben, eine Schnapsidee. Heute, nach einigen angeheitert durch das Dorf gedrehte Runden mit ihren Mopeds (Äh, kurzer Einschub für die Städter: auf dem Land wirft man, weil Platz vorhanden ist, vieles nicht weg, sondern verstaut es im Keller, im Dachboden oder in der nahe gelegenen Scheune.) – – also, nachdem die beiden Brüder betrunken durch ihr Dorf geheizt sind, schlägt Christian seinem älteren Bruder vor, dass sie ihren alten Plan in die Tat umsetzen sollen. Jetzt. Gleich. Sofort.
Und so brausen sie los. Richtung Norden, ohne Helm, im Anzug, mit ihren Kreditkarten (Man ist ja keine Zwanzig mehr.) und ohne Plan. Sie lassen sich treiben und Markus Gollers wundervoll stimmiges Roadmovie „25 km/h“ nimmt dieses Lebensgefühl seiner Protagonisten kongenial auf.
Sie brechen für einige Tage aus ihrem Leben, in dem sie brav die gesellschaftlichen Konventionen befolgen, aus. Sie kommen sich bei der Fahrt wieder näher und sie bearbeiten auch ihre von ihnen nicht wahrgenommene Midlife-Crisis. Denn Georg und Christian stecken in ihrem Leben fest. Bei Christian ist es der Job. Bei Georg die frühere, inzwischen unglücklich verheiratete Schulhofliebe. Träume haben sie schon lange keine mehr. Falls sie jemals welche gehabt haben, die über die normalen Träume von bürgerlichen Schwarzwaldjungs hinausgehen.
Die einzelnen Begegnungen, die sie auf ihrer Fahrt haben, reihen sich locker aneinander. Christian und Georg düsen mit reduzierter Geschwindigkeit im „Easy Rider“-Modus durch Deutschland. Die Musik passt zu ihrem Alter. Die Dialoge klingen natürlich. Immer wieder betätigen die beiden Brüder sich sportlich. Zum Beispiel bei einem Fußballspiel in einem Park in Berlin mit einigen Jungs oder bei einem Tennisturnier auf einem Campingplatz gegen Hantel. Wotan Wilke Möhring hat seine kurze Rolle als großmäuliges Arschloch vom Campingplatz sichtlich genossen. Er konnte, wie die anderen bekannten Gaststars, – Sandra Hüller, Franka Potente, Alexandra Maria Lara, Jella Haase, Jördis Triebel -, in wenigen Drehtagen eine Figur porträtieren, ohne sich Gedanken über deren Vorgeschichte und deren weiteres Leben zu machen.
Und, weil die Dreharbeiten für das Roadmovie viel unter freiem Himmel stattfanden, kommt niemals der übliche Muff deutscher Filme auf.
So transportiert „25 km/h“ ein Gefühl großer Freiheit. In diesem Fall ist es die Freiheit einer kurzen Auszeit, in der man sich, wie in Urlaub, zurückfallen lässt in die glücklich-sorglose Zeit der Pubertät. Nur sind Georg und Christian keine Kinder mehr, die ihre Sommerferien genießen, oder Jugendliche, die ihr erstes großes Abenteuer (so mit Drogen und Sex) erleben wollen, sondern Erwachsene, die hier auch Deutschland entdecken, aber vor allem ihr bisheriges Leben bilanzieren. Im Rahmen eines satten Kinofilms, der in der Tradition von „Easy Rider“ und „Im Lauf der Zeit“ steht. Goller behandelt in seinem Film erfrischen undidaktisch und erfrischend undeutsch das Lebensgefühl der Mittvierziger, die ganz normale Männer sind. Entsprechend normal sind ihre Träume, ihre Gefühle und auch ihre Begegnungen; – naja, bis auf ein, zwei Ausnahmen.
25 km/h (Deutschland 2018)
Regie: Markus Goller
Drehbuch: Oliver Ziegenbalg
mit Lars Eidinger, Bjarne Mädel, Sandra Hüller, Franka Potente, Alexandra Maria Lara, Jella Haase, Jördis Triebel, Wotan Wilke Möhring
Drehbuch: Darren Lemke (nach einer Geschichte von Scott Alexander und Larry Karaszewski)
LV: Charaktere von R. L. Stine
Buch zum Film: R. L. Stine: Goosebumps The Movie: The Movie Novel, 2015 (Gänsehaut – Das Buch zum Film)
Zach, der gerade mit seiner Mutter von der Großstadt in die Kleinstadt gezogen ist, verguckt sich sofort in das Nachbarmädchen Hannah. Aber ihr unhöflicher Vater verbietet ihr den Umgang mit Zach. Als Zach und sein Schulfreund Champ kurz darauf, aufgeschreckt durch seltsame Ereignisse, in das Nachbarhaus einbrechen, entdecken sie einen Schrank voller Bücher von R. L. Stine. Sie öffnen eines der Bücher und all die Monster, die R. L. Stine in seine Bücher verbannte, brechen aus. Zach, Champ, Hannah und ihr Vater, R. L. Stine höchstpersönlich, versuchen, das Schlimmste zu verhindern.
Wenige Tage nach dem Kinostart von „Gänsehaut 2: Gruseliges Halloween“ gibt es die TV-Premiere des ersten „Gänsehaut“-Spielfilms und weil ich den Gruselfilm für Kinder seit Tagen ständig lobe, gibt es heute Gänsehaut als Tagestipp.
„Gänsehaut“ ist eine sehr unterhaltsame Gruselkomödie für ein jüngeres Publikum, eine Liebeserklärung an die klassischen Horror- und Monsterfilme und auch eine kleine Meditation über die Arbeit eines Horrorschriftstellers, garniert mit einigen gut platzierten Witzen, die vor allem Erwachsene verstehen.
Danny Elfman: Goosebumps – Original Motion Picture Soundtrack
Sony Classical
64 Minuten
– Der Roman zum Film
R. L. Stine: Gänsehaut – Das Buch zum Film (übersetzt von Christoph Jehlicka) cbj 2016 160 Seiten
9,99 Euro
empfohlen ab 10 Jahre (also, eigentlich wie der Film)
Muss „Queen“ groß vorgestellt werden? Die Band, die uns so Perlen des Stadionrocks wie „We are the Champions“ (ungefähr bei jedem Fußballspiel zu hören) und „We will rock you“ (ungefähr bei jeder Party zu hören) bescherte und das als „A Kind of Magic“ bezeichnete?
Wahrscheinlich nicht.
Aber wahrscheinlich kennen die meisten nur den charismatischen Leadsänger der Band und einige ihrer Hits.
Da kann, wenn man nicht einige Lexika-Artikel, Reportagen oder sogar ein Buch über die Band lesen will, ein Dokumentarfilm oder ein Biopic, wie „Bohemian Rhapsody“, Bildungslücken schließen. Wobei man bei den Biopics vor dem angeberischen Gespräch in der Kneipe wenigstens der Wikipedia-Artikel durchlesen sollte. Denn auch in Bryan Singers „Queen“-Biopic triumphiert im Zweifelsfall die gut erzählte Anekdote und die bildgewaltige Verknappung über der historischen Genauigkeit.
In „Bohemian Rhapsody“ erzählt Singer die Geschichte von Freddie Mercury und „Queen“ von ihrer ersten Begegnung 1970 bis zu ihrem weltweit ausgestrahltem Live-Aid-Auftritt am 13. Juli 1985 im Londoner Wembley Stadion. Dieses inzwischen legendäre Kurzkonzert bildet den erzählerischen Rahmen des Films, der in den Gängen des Stadions beginnt, in das London von 1970 springt, chronologisch die Geschichte von „Queen“ erzählt und mit dem Live-Auftritt endet. „Bohemian Rhapsody“ zeigt in diesem ausführlich nachgestelltem Moment die Rockband auf dem Höhepunkt ihres globalen Ruhms.
Der Film konzentriert sich dabei auf Freddie Mercury (grandios gespielt von Rami Malek), der als begnadeter Entertainer und visionärer Bandleader gezeigt wird. Die anderen Musiker von „Queen“ – Gitarrist Brian May, Bassist John Deacon und Schlagzeuger Roger Taylor – sind nur die Staffage für die als alles bestimmende Rampensau Mercury.
Dabei überschreitet der Film immer wieder die Grenze zur Parodie. Denn in dem Biopic sind die bekannten „Queen“-Songs von Anfang an perfekt. Das Publikum ist konstant begeistert. Und die Band ist eine ultra-harmonische Familie sympathischer und akademisch gebildeter Zeitgenossen. Brian May promovierte sogar in Astrophysik.
Über etwaige Probleme und unangenehme Punkte wird hinweggegangen. Das gilt vor allem für Mercurys Sexualpartner und seine HIV-Infektion, von der er erst nach dem Live-Aid-Konzert erfuhr. Beides wird im Film nur gestreift, während in jeder Minute die passende Zeile aus einem „Queen“-Song ertönt. Bei der Songauswahl wird konsequent nach dem Prinzip „Wenn der Song zur Szene passt, wird er genommen.“ vorgegangen. Schließlich werden in einem Konzert die Songs auch nicht nach ihrer Entstehung gespielt.
Viele Songs werden auch auf der Bühne gespielt und der zwanzigminütige, sorgfältig geprobte Live-Aid-Auftritt wird, als Höhepunkt des Films, fast vollständig nachgespielt. Der Auftritt war auch ein Best-of-Queen-Medley.
Als Konzertfilm mit einigen mehr oder weniger wahren biographischen Informationen über die Band und etlichen witzig pointierten Szenen, funktioniert „Bohemian Rhapsody“ daher ausgezeichnet.
Das ist alles allerdings durchgehend reichlich oberflächlich. Es ist eine Heldenverklärung, die auch damit erklärt werden kann, dass Mercurys frühere Mitmusiker Brian May und Roger Taylor, die noch heute als „Queen“ auftreten, als Berater stark in den Film involviert waren und die Macher einen Film machen wollten, der ihnen und den anderen in die Geschichte von „Queen“ involvierten Menschen gefällt. Immerhin hätten sie mit ihrem Veto den Film stoppen können..
Für eine auch nur ansatzweise kritische Sicht ist das tödlich. Damit fällt Singers Musikfilm deutlich, um nur die neueren Musiker-Biopics zu nennen, hinter Tate Taylors „Get on Up“ (über James Brown), F. Gary Grays „Straight Outta Compton“ (über N. W. A.), Robert Budreaus „Born to be Blue“ (über Chet Baker) und Bill Pohlads „Love & Mercy“ (über „Beach Boys“-Mastermind Brian Wilson) zurück.
Er hat auch kein Interesse an der Schlüssellochperspektive, die es zuletzt in Dokus wie Brett Morgens „Cobain: Montage Of Heck“ und Asif Kapadias „Amy“ (über Amy Winehouse) gab.
„Bohemian Rhapsody“ ist auch als Bryan-Singer-Film enttäuschend. Nicht auf der formalen Ebene. Da rockt der Film. Sondern, obwohl Singer immer vor allem ein Mainstream-Regisseur für ein Mainstream-Publikum ist, auf der persönlichen Ebene. In seinen vorherigen Filmen, wie „Der Musterschüler“ und vor allem den „X-Men“-Filmen, ging es immer um Außenseiter, ihre Rolle in der Gesellschaft und wie die Gesellschaft sie sieht und die Auswirkungen und der Umgang mit der Nazi-Zeit.
Das waren immer auch und leicht erkennbar, persönliche Filme. Singer wurde als Kind adoptiert, wuchs in einer jüdischen Familie auf und ist bisexuell. Die Parallelen zwischen seinem und Freddy Mercurys Leben sind offensichtlich.
Mercury wurde am 5. September 1946 in Sansibar (heute Tansania) als Farrokh Bulsara geboren. Seine Eltern kamen aus Indien und zogen später mit ihm und seiner Schwester nach London. Mercury war ebenfalls bisexuell und erst einen Tag vor seinem Tod am 24. November 1991 machte er seine bereits 1987 diagnostizierte AIDS-Erkrankung publik. Das alles wird im Musikfilm erwähnt, aber nie weiter vertieft. Es sind Dinge, die man gerne verschwiegen hätte, aber nicht verschweigen konnte. Also begräbt man sie unter einem Berg von Band-Kameradie und Rockmusik.
So ist der Film „Bohemian Rhapsody“ wie der Song „Bohemian Rhapsody“: laut, oberflächlich und auf eine primitive Art mitreisend. Am Ende ist Singers Biopic 135 Minuten Fanservice mit einem Best-of-Soundtrack und verklärenden Zwischenszenen. .
Bohemian Rhapsody (Bohemian Rhapsody, USA 2018)
Regie: Bryan Singer, Dexter Fletcher (ungenannt)
Drehbuch: Anthony McCarten (nach einer Geschichte von Anthony McCarten und Peter Morgan)
mit Rami Malek, Lucy Boynton, Ben Hardy, Joseph Mazzello, Mike Myers, Gwilym Lee, Aidan Gillen, Allen Leech, Tom Hollander, Aaron McCusker
Frankenstein Junior (Young Frankenstein, USA 1974)
Regie: Mel Brooks
Drehbuch: Gene Wilder, Mel Brooks (nach Motiven des Romans „Frankenstein“ von Mary Shelley)
Dr. Frederick Frankenstein ist ein anerkannter, in New York praktizierender Neurochirurg. Da überreicht ihm während einer Vorlesung ein Bote das Vermächtnis seines Urgroßvaters Victor von Frankenstein. Frederick reist ins ferne Transsylvanien. Dort tritt er gleich in die Fußstapfen seines experimentierfreudigen Großvaters.
Grandiose, ewig nicht mehr gezeigte Horrorfilmparodie, vor allem auf die klassischen „Frankenstein“-Filme (mit Boris Karloff). Aber auch auf viele andere Filme.
mit Gene Wilder, Peter Boyle, Marty Feldman, Teri Garr, Madeline Kahn, Cloris Leachman, Gene Hackman
Mit friedlichen Protestmärschen will Dr. Martin Luther King 1965 in Selma, Alabama, für das allgemeine Wahlrecht kämpfen. Denn dort ist die Diskriminierung der Afroamerikaner besonders deutlich. Und dort eskaliert die Situation in auch von King ungeahnter Weise. Ein Diakon wird von Weißen erschlagen. Auf der Edmund Pettus Bridge werden die friedlich Demonstrierenden mit Tränengas und nackter Gewalt zurückgedrängt. Die Bilder wurden im Fernsehen ausgestrahlt. An dem Abend schlagen Klu-Klux-Klan-Mitglieder drei weiße Geistliche zusammen. Einer stirbt an den Verletzungen.
Der dritte Versuch, friedlich von Selma nach Montgomery, der Hauptstadt von Alabama, zu marschieren wird dann zwischen dem 21. und 25. März 1965 zu einem Triumphzug für die Bürgerrechtsbewegung.
Das grandiose und wichtige Drama/Biopic „Selma“ setzt King und seinen Mitkämpfern ein würdiges Denkmal. DuVernays Film wurde von der Kritik abgefeiert und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.
mit David Oyelowo, Tom Wilkinson, Tim Roth, Cuba Gooding Jr., Alessandro Nivola, Carmen Ejogo, Lorraine Toussaint, Ophrah Winfrey, Tessa Thompson, Giovanni Ribisi, Common, Dylan Baker, Wendell Pierce, Stan Houston