Henri Charrière, genannt Papillon, wird 1931 zu lebenslanger Strafarbeit in der Strafkolonie Bagno auf der Teufelsinsel Cayenne in Französisch-Guayana verurteilt. Er soll einen Zuhälter ermordet haben. Kaum angekommen, denkt Papillon nur an eine scheinbar unmögliche Flucht.
Tolle Verfilmung der beeindruckenden und höchst erfolgreichen Autobiographie von Charrière. Das Nachfolgewerk „Banco“ war dann mehr episodisch.
Mit Steve McQueen, Dustin Hoffman, Dalton Trumbo (Nebenrolle)
Auf dem Papier sieht „Königin der Wüste“ mehr als vielversprechend aus. Die Besetzung mit Nicole Kidman, James Franco und Robert Pattinson ist gut. Das Thema – ein Biopic über Gertrude Bell, eine Frau, die vor hundert Jahren allein durch die Wüste reiste und gute Kontakte zu den Beduinen und ihren Stammesführern hatte – ebenso. Und dass Werner Herzog, der inzwischen in den USA kultisch verehrte globetrottende deutsche Regisseur, dessen Filme mit Klaus Kinski (wie „Aguirre, der Zorn Gottes“ oder „Fitzcarraldo“) schon jetzt Klassiker sind, Regie führt, steigert die Erwartung. Auch das Drehbuch ist, wie gewohnt, von ihm. „Königin der Wüste“ kann nur ein außergewöhnlicher Film werden.
Und dann quält man sich durch eine vollkommen austauschbare Wüstenschmonzette, an der nichts, aber auch absolut nichts interessant ist. Auch wenn nicht Werner Herzog, von dem man mehr als pure Konfektion erwartet (und der bislang jedem seiner Filme seinen persönlichen Stempel aufdrückte), sondern irgendein austauschbarer Gebrauchsregisseur, der weiß, wo er die Kamera hinstellen muss, um ein schönes Bild zu bekommen (als ob es in einem Herzog-Film jemals um ein konventionell-schönes Bild gegangen wäre) und die Stars ordentlich ausgeleuchtet sind, den Film inszeniert hätte. Den Hauptdarstellern – Nicole Kidman, die immer aussieht als käme sie gerade aus dem Schminkstudio und deren makellosem Gesicht Alter, Sonne und Trockenheit über die Jahrzehnte nichts anhaben können, James Franco, Robert Pattinson und Damian Lewis als ihre ebenso gutaussehenden Liebhaber – kann man das Desaster nicht anlasten. Sie mühen sich redlich. Aber es hilft nichts, wenn das Drehbuch nur darauf angelegt ist, aus einer spannende Figur eine vollkommen langweilige Person zu machen. Dabei hätte man so viel über Gertrude Bell (1868 – 1926) erzählen können. Sie kam aus einer vermögenden Industriellenfamilie, studierte in Oxford (als das für Frauen ein No Go war), bereiste ab 1893 allein die Welt (als das für Frauen ein No Go war), war im Nahen Osten bei den Beduinen anerkannt (als das unmöglich erschien), wurde dadurch 1915 zu einer Beraterin im Arab British Burea, die mehr Ahnung von den Strukturen des Nahen Ostens hatte als die Männer vom Geheimdienst und vom Militär und die bei der Aufteilung des arabischen Reiches eine Schlüsselposition hatte. Sie war gebildet, neugierig und abenteuerlustig – und es erstaunt, wie man aus so einem Leben einen so langweiligen Film machen kann, bei dem man zunehmend das Interesse an Gertrude Bell verliert, während Herzog wie ein fliebenbeinzählender Chronist von ihrer ersten Begegnung mit der fremden Welt des Orients bis zu ihrer Beratertätigkeit während des Ersten Weltkriegs strikt chronologisch dem Lauf der Jahre, die zu Jahrzehnten werden, erzählt was halt so nacheinander auf ihren Reisen durch die Wüste geschah.
Am Ende bleibt nur die Frage, was Werner Herzog bei der „Königin der Wüste“ geritten hat? Wollte er wirklich seinen austauschbaren Hollywood-Orientfilm abliefern, der weniger Seele als eine Auftragsproduktion verströmt und der nur als Bewerbungsfilm für den nächsten Inga-Lindström-Film taugt? Sogar Jean-Jacques Annauds Orient-Kitsch „Black Gold“ war besser.
Königin der Wüste(Queen of the Desert, USA/Marokko 2015)
Regie: Werner Herzog
Drehbuch: Werner Herzog
mit Nicole Kidman, James Franco, Robert Pattinson, Damian Lewis, Jay Abdo, Holly Earl, David Calder, Jenny Agutter, Mark Lewis Jones
Länge: 129 Minuten
FSK: ab 0 Jahre
– Hinweise
Beginnen wir mit den guten Punkten: Camille Delamarres zweiter Spielfilm „The Transporter Refueled“ ist besser als sein Debüt „Brick Mansions“, was jetzt nicht unbedingt eine Kunst ist. Die Actionszenen, hauptsächlich Nahkämpfe mit bloßen Händen und herumliegenden Gegenständen und Autoverfolgungsjagden, sind konventioneller gefilmt als man es zuletzt aus den Luc-Besson-Produktionen, wie „Taken 3“ und „The Gunman“, kannte. Man kann ihnen besser folgen und bei den Autocrashs sieht man wirklich, wie die Autos (Polizeiautos scheinen besonders gerne Unfälle zu bauen) schrottplatzreif demoliert werden. Der Film ist auch, wegen des Humors, angenehm kurzweilig geraten. Wirklich niemand der Beteiligten scheint die Geschichte sonderlich ernst genommen zu haben.
Aber, wieder einmal, ist das aus der Luc-Besson-Fabrik kommende Drehbuch erschreckend schlampig zusammengestoppelt. Im wesentlichen geht es um eine Gruppe gutaussehender Ex-Prostituierter, die sich an einem osteuropäischem Gangsterboss und Zuhälter und seinen Vertrauten rächen wollen. Für einige ihrer Aktionen brauchen sie einen Fahrer und da engagieren sie Frank Martin (Ed Skrein in der Rolle, mit der Jason Statham bekannt wurde), der für seine Pünktlichkeit, seine gepflegte Kleidung und seine Regeln bekannt ist. Deshalb macht er auch gleich bei seinem ersten Auftrag für die schöne Auftraggeberin Stress. Denn die beiden Pakete, die er abholen soll (und, so eine seiner Regeln, deren Aussehen und Inhalt ihm egal sind), sind keine Koffer, sondern zwei schöne Blondinen, die Zwillingsschwestern seiner Auftraggeberin sein könnten. Und die will er zunächst nicht transportieren. Er tut es dann doch und er hilft ihnen, etwas später und gegen jede seiner Regeln, sogar im Kampf gegen den Bösewicht. Dass sie seinen Vater (Ray Stevenson) entführt haben, ist zwar eine nette Drehbuchidee, die man schnell fallen lässt. Denn der Vater, ein Schwerenöter vor dem Herrn und Ex-Geheimagent (mit Einsätzen an allen Brennpunkten der vergangenen Jahrzehnte), genießt die Gesellschaft der Damen zu sehr, um auch nur eine Sekunde seine Geiselnahme glaubhaft erscheinen zu lassen.
Diese Geschichte dient natürlich nur dazu, die Damen und Südfrankreich fotogen ins Bild zu setzen und einen roten Faden für die Actionszenen zu liefern. Aber auch hier zeigt sich immer wieder, dass die Macher nicht eine Sekunde über die innere Logik der Geschichte und ihrer Figuren nachgedacht haben.
So gibt es eine große Actionszene, die damit beginnt, dass unser Held sich in einem Hinterzimmer mit einigen übergewichtigen Hausmeistern kloppt. Plötzlich geht der Kampf in einem Gang mit Aktenschränken weiter. Martin benutzt die Schubladen, um seine Gegner zu besiegen. Dann sind wir plötzlich wieder in dem Hinterzimmer und Martin kloppt sich immer noch oder schon wieder mit den Hausmeistern. Warum er wieder in dem Zimmer ist und warum er so lange braucht, um sie zu besiegen: keine Ahnung. Aber es kommt noch besser. Kurz darauf besteigt Martin in einer Garage sein Auto. Seine Mitpassagiere, drei gutaussehende Frauen, sitzen schon ungeduldig wartend drin. Da tauchen etliche schlechtgelaunte Türsteher-Typen auf, die ihre Flucht verhindern wollen. Martin lässt sein Auto langsam auf die Ausfahrt zurollen, steigt aus und schlägt die durchtrainierten Handlanger mit ein, zwei schnellen Schlägen zu Boden, während auch der gutwilligste Zuschauer sich fragt, warum er das nicht auch einige Minuten früher, bei den wesentlichen untrainierteren Männern gemacht hat.
Ein weiteres großes Problem des Films ist, dass die Macher mit „The Transporter Refueled“ an die drei Jason-Statham-“Transporter“-Spielfilme, die auch die Vorlage für eine kurzlebige TV-Serie (mit Chris Vance als Transporter) waren, anknüpfen wollen. So gibt es etliche Szenen (zum Beispiel: der Transporter verkloppt in einer Tiefgarage eine Gruppe Bösewichter, die um sein Auto herumlungern), die Figur und sein Regelwerk (das hier penetrant zitiert wird), die direkt aus „The Transporter“ übenommen wurden und die in „The Transporter Refueled“ vor allem stören. Sie hätten besser einen neuen Charakter – einen Ex-Soldaten, der jetzt an der Côte d’Azur lebt und halbseidene Geschäfte macht – erfunden und ihn in ein neues Abenteuer geschickt. Ein Abenteuer, bei dem das Drehbuch vorher einem Plausibiltätstest unterzogen wird und bei dem man die Jahreszahlen angepasst hätte. Denn es gibt keinen Grund, warum die Filmgeschichte nicht in der Gegenwart, sondern 2010 spielt.
P. S.: Läuft auch einige Tage im CineStar IMAX im Sony Center (Potsdamer Straße 4, 10785 Berlin) und im Filmpalast am ZKM IMAX in Karlsruhe (Brauerstraße 40, 76135 Karlsruhe) in der deutschen und der englischen Fassung auf der supergroßen IMAX-Leinwand, die dem Film mehr Größe verleiht.
Während der Hochsommer seine Abschiedsvorstellung einleitet, verkünden die KrimiZeit-Juroren ihre September-Bestenliste:
1) Friedrich Ani: Der namenlose Tag
2) Dror Mishani: Die Möglichkeit eines Verbrechens
3) Newton Thornburg: Cutter und Bone
4) Andreas Kollender: Kolbe
5) Merle Kröger: Havarie
6) Antonin Varenne: Die sieben Leben des Arthur Bowman
7) Petros Markaris: Zurück auf Start
8) William Shaw: Kings of London
9) Jax Miller: Freedom’s Child
10) Michael Robotham: Um Leben und Tod
–
Hübsche Liste. Auch ohne Don Winslows „Das Kartell“.
Einiges will ich die Tage abfeiern.
Außerdem den neuen Roman „Der Wintertransfer“ (Tropen) von Philip Kerr, der im Fußballmilieu spielt und der Start einer neuen Serie mit Fußballtrainer Scott Manson ist (und es nicht auf die KrimiZeit-Bestenliste schaffen wird) und den neuen Kryszinski-Roman „Trailerpark“ (Rotbuch) von Jörg Juretzka (der es ebenfalls nicht auf die Krimizeit-Bestenliste schaffen wird) und „Mr. Duckworth sammelt den Tod“ (Kunstmann, erschient am 9. September) von Tim Parks (der es als Abschluss einer Trilogie über einen Hochstapler ebenfalls nicht auf die KrimiZeit-Bestenliste schaffen wird) und jetzt kommen wir zu den Büchern, die es auf die Oktober-KrimiZeit-Bestenliste schaffen könnten, Celil Okers „Lass mich leben, Istanbul – Ein Fall für Remzi Ünal“ (Unionsverlag), William McIlvanneys dritter und letzter Laidlaw-Roman „Fremde Treue“ (Kunstmann, erscheint am 9. September), James Lee Burkes dritter Hackberry-Holland-Roman „Glut und Asche“ (Heyne, erscheint Mitte September), Seamus Smyths „Spielarten der Rache“ (pulp master, – muss ich noch mehr sagen?) und Bill Moodys „Der Spion, der Jazz spielte“ (polar; – da lohnt sich auch die Suche nach seinen älteren, fast nur noch antiquarisch erhältlichen Jazz-Krimis, die im Unionsverlag erschienen).
Hm, und dann gibt es noch neues von Stephen King, einen James-Bond-Roman von Anthony Horowitz und die Fortschreibung der Romane eines gewissen Stieg Larsson.
Wann soll ich das alles lesen???
Kabel 1, 20.15 Spiel auf Zeit (USA 1998, Regie: Brian De Palma)
Drehbuch: David Koepp (nach einer Geschichte von Brian De Palma und David Koepp)
Während eines Boxkampfs in einem Casino in Atlantic City wird der Verteidigungsminister erschossen. Kurz darauf stirbt der Attentäter. Rampensau-Cop Rick Santoro (Nicolas Cage) reißt die Ermittlungen an sich und als er sich die Videoaufzeichnungen der Kampfarena ansieht, entdeckt er Unstimmigkeiten.
Der Anfang, eine gut viertelstündige Plansequenz Szene mit Nicolas Cage und dem Tatort im Mittelpunkt, ist grandios und atemberaubend. Danach dekonstruiert De Palma in einem atemberaubendem Tempo diese Sequenz bis kein Bild mehr auf dem anderen bleibt.
„Inhaltlich an klassischen Verschwörungsfilmen orientiert, ist der Parforcerittt vor allem eine gekonnte Studie, wie man mit Film manipulieren und die Wahrnehmung beeinflussen kann.“ (Fischer Film Almanach 1999)
Damals freute man sich noch auf den neuen Film mit Nicolas Cage und den neuen Film von Brian De Palma.
mit Nicolas Cage, Gary Sinise, John Heard, Carla Gugino, Stan Shaw, Kevin Dunn, Lou Logan, Michael Rispoli, Joel Fabiani, Luis Guzmán Wiederholung: Freitag, 4. September, 00.40 Uhr (Taggenau!) Hinweise Rotten Tomatoes über „Spiel auf Zeit“
Wikipedia über „Spiel auf Zeit“ (deutsch, englisch) Brian De Palma in der Kriminalakte
Der Schmuggler und Familienvater Kristófer, auf Bewährung draußen, will, obwohl er finanziell kaum über die Runden kommt, ehrlich bleiben. Aber für seine Familie lässt er sich auf eine letzte Schmuggeltour ein.
„Isländischer Kriminalfilm, der trockenen Humor mit rasanten Actionszenen verbindet.“ (Lexikon des internationalen Films)
Für das gelungene US-Remake „Contraband“ übernahm Hauptdarsteller Baltasar Kormákur die Regie und Mark Wahlberg die Hauptrolle.
Heute hat mein eine der seltenen Gelegenheiten, sich das Original anzusehen – und man kann überrascht feststellen, dass einige der unglaublichsten Szenen schon im deutlich vom US-Gangsterthriller beeinflussten Original, das einen kräftigen Schluck aus der Kaurismäki-Pulle genommen hat, drin waren.
„Reykjavik – Rotterdam: Tödliche Lieferung“ wirkt wie die Skizze für „Contraband“.
mit Baltasar Kormákur, Ingvar Eggert Sigurdsson, Kilja Nótt Thórarinsdóttir
Mr. Brooks – Der Mörder in dir (USA 2007, Regie: Bruce A. Evans)
Drehbuch: Bruce A. Evans, Raynold Gideon
Mr. Brooks ist ein geachteter Unternehmer mit einem dunklen Geheimnis: er ist auch ein Serienkiller. Als er bei seiner letzten Tat von Mr. Smith beobachtet wird, erpresst dieser ihn. Er wird schweigen, wenn Mr. Brooks ihn in die Kunst des perfekten Mords einweiht. Und dann ist da noch eine hartnäckige Polizistin.
Köstlich-schwarzhumoriger Krimi, der etwas unter seinen vielen Subplots leidet, aber das Zusammenspiel von Kevin Costner (als Mr. Brooks) und William Hurt (als sein mordgieriges Alter Ego) macht das mehr als wett.
„Raffiniert konstruierter Neo-Noir-Thriller“ (Lexikon des internationalen Films)
Davor, um 20.15 Uhr, und danach, um 01.25 Uhr läuft „Perfect World“ von und mit Clint Eastwood und Kevin Costner als Verbrecher auf der Flucht.
mit Kevin Costner, Demi Moore, Dane Cook, William Hurt, Marg Helgenberger, Danielle Panabaker, Ruben Santiago-Hudson, Lindsay Crouse, Reiko Aylesworth
Der Film erzählt von einer Schauspielerin, die eine Theaterrolle annimmt, die Rolle einstudiert und schließlich die Premiere feiert. Das klingt jetzt nicht furchtbar spannend, aber „Die Wolken von Sils Maria“ ist von Olivier Assayas inszeniert, der zuletzt mit „Carlos – Der Schakal“ und „Die wilde Zeit“ überzeugte, und mit Juliette Binoche und Kristen Stewart in den Hauptrollen und Chloë Grace Moretz in einer wichtigen Nebenrolle ist der Film auch namhaft besetzt. Und Assayas nutzt den Plot zu einer vielschichtigen Betrachtung über das Wesen des Künstlers, die verschwimmenden Grenzen zwischen Wirklichkeit und Rolle und die Unterschiede zwischen Hoch- und Trivialkultur, garniert mit Ausschnitten aus Arnold Fancks Stummfilmfragment „Das Wolkenphänomen von Maloja“ und dieser Malojaschlange, einem Wolkenphänomen, bei dem Wolken sich tagsüber in das Tal bewegen. Dabei ist sein Film zwar anspruchsvoll, intellektuell herausfordernd und kompromisslos. Er verfolgt seine Vision und nimmt dabei keine Rücksicht auf seine Zuschauer. Aber gleichzeitig ist er ungeheuer verspielt, kurzweilig, voller schöner Betrachtungen, eklektisch und niemals zerfassernd, sondern auch lustvoll Umwege nehmend, wie man bei einem Spaziergang auch mal einen kleinen Abstecher macht, ehe man wieder auf den Weg zurückkehrt und immer etwas interessantes entdeckte. Und wenn es nur die Aussicht in ein Bergtal ist. Im Mittelpunkt stehen die Textproben der von Juliette Binoche gespielten Maria Enders. Sie hatte vor zwanzig Jahren, im Theater, ihren Durchbruch als verführerische junge Sigrid, die ihre Vorgesetzte Helena in Gefühlswirren stürzt und in den Selbstmord treibt. Wilhelm Melchior, der Autor des Stückes, wurde während der Proben und danach in jeder Hinsicht ihr Mentor. Kurz vor einer Ehrung für sein Lebenswerk, bei der sie eine Rede halten sollte, erfährt sie, dass er gestorben ist. Gleichzeitig wird ihr die Hauptrolle in einer Neuinszenierung des Stückes angeboten. Der junge, von der Kritik abgefeierte Regisseur will sie unbedingt haben. Aber jetzt soll sie nicht Sigrid, mit der sie sich identifizierte, sondern Helena, ihre Antagonistin, die Böse, spielen. Zögernd nimmt sie die Rolle an, quartiert sich in der Berghütte von Melchior in Sils Maria ein und beginnt mit ihrer persönlichen Assistentin Valentine (Kristen Stewart) die Rolle zu proben. Dabei übernimmt Valentine die Rolle der Jüngeren – und bei den Proben ist oft nicht erkennbar, wann der Text des Stückes übergeht in persönliche Bekenntnisse und wann persönliche Bekenntnisse von dem Stück überlagert werden. Später lernt Enders auch Jo-Ann Ellis (Chloë Grace Moretz) kennen, die Sigrid spielen soll. Sie ist ein junger Hollywoodstar, die mit einer Rolle in einem Superheldenfilm berühmt wurde, jetzt souverän mit ihren Skandalen auf der Klaviatur der Facebook- und Twitter-Öffentlichkeit spielt und mit einer prestigeträchtigen Theaterrolle den nächsten Schritt in ihrer Karriere machen würde. Dieses Spiel zwischen Rolle und Schauspielerpersönlichkeit gewinnt durch die Besetzung natürlich zusätzliche Facetten und wird dadurch ein schönes Spiel zwischen den verschiedenen Ebenen, zwischen Selbsterkenntnissen, Einblicken in die Welt der Schauspielerinnen und schönen Lügen, die wahrer als das wahre Leben sind. Immerhin trifft hier ein europäischer Altstar auf zwei Hollywood-Jungstars, die auch in Superheldenfilmen mitspielen – und wenn es keine Theaterrolle gibt, ist natürlich eine Rolle in einem europäischen Kunstfilm auch nicht zu verachten. Ein Punkt störte mich allerdings bei „Die Wolken von Sils Maria“. Olivier Assayas verjüngte Juliette Binoche um mindestens zehn Jahre. Denn als sie, im Film, vor zwanzig Jahren ihren Durchbruch hatte, war sie eine Achtzehnjährige; was sie im Film zu einer knapp Vierzigjährigen machen würde, während ich mich immer wieder fragte, warum sie keine Fünfzigjährige spielen darf. Das hätte ihren inneren Konflikt noch glaubwürdiger gemacht. Das ändert aber nichts daran, dass „Die Wolken von Sils Maria“ die europäische Version des ebenfalls grandiosen „Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“, der am 29. Januar bei uns anläuft, ist. Man sollte sich unbedingt beide Filme ansehen. Vielleicht sogar hintereinander und dann vergleichen.
Seitdem hat „Birdman“ den Oscar als bester Film bekommen und Kristin Stewart trat neben Julianne Moore (die für ihre Rolle den Oscar erhielt) in dem Alzheimer-Drama „Still Alice“ auf.
Stewart und Juliette Binoche erhielten für ihr Spiel in „Die Wolken von Sils Maria“ jeweils einen César. Ein dritter César ging an Oliver Assayas‘ Drehbuch.
Stewart soll auch in Assayas‘ nächstem Film „Personal Chopper“ auftreten, der nächstes Jahr in die Kinos kommen soll.
Das Bonusmaterial besteht nur aus einem zwölfminütigem Interview mit Olivier Assayas, das aber gewohnt informativ ausgefallen ist.
Die Wolken von Sils Maria (Clouds over Sils Maria, Deutschland/Frankreich/Schweiz 2014)
Regie: Olivier Assayas
Drehbuch: Olivier Assayas
mit Juliette Binoche, Kristen Stewart, Chloë Grace Moretz, Lars Eidinger, Hanns Zischler, Angela Winkler, Nora von Waldstätten, Aljoscha Stadelmann
– DVD
NFP marketing & distribution/EuroVideo
Bild: 2,35:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Originalfassung (Englisch mit Passagen in Deutsch und Französisch)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Interview mit Olivier Assayas, Trailer, Hörfilmfassung
Länge: 118 Minuten
FSK: ab 6 Jahre
Arte, 20.15 Schwaches Alibi (USA 1954, Regie: Jerry Hopper)
Drehbuch: Lawrence Roman
LV: J. Robert Bren/Gladys Atwater: Cry Copper
Polizeichef Joe Conroy glaubt, dass ein braver Familienvater und Bäcker, nachdem die Polizei ihn unsanft behandelte, zum Polizistenmörder wurde. Conroy hat zwar keine Beweise, aber dennoch verfolgt er ihn. Auch nachdem er entlassen wurde.
Selten gezeigter Noir
mit Sterling Hayden, Gloria Grahame, Gene Barry, Marcia Henderson, Casey Adams, Billy Chapin, Chuck Connors Wiederholung: Freitag, 4. September, 14.00 Uhr Hinweise TCM über „Schwaches Alibi“ Wikipedia über „Schwaches Alibi“ Noir of the Week über „Schwaches Alibi“ FilmNoir.net über „Schwaches Alibi“ The Film Noir File über „Schwaches Alibi“
Dass „Frank“ es doch noch in unseren Kinos gezeigt wird (wobei der DVD-Start schon für den 30. Oktober angekündigt ist), ist schon eine kleine, freudige Überraschung. Immerhin hatte der Musikfilm bereits im Januar 2014 seine Premiere auf dem Sundance-Festival. In England startete er am 9. Mai 2014. Die schrullige Komödie wurde allgemein abgefeiert und erhielt einige Preise. Aber von einer deutschen Veröffentlichung war nichts zu hören. Bis jetzt. Dabei sollte doch allein schon der Hinweis, dass Everbody’s Darling Michael Fassbender die Hauptrolle spielt, für Interesse sorgen.
Fassbender spielt Frank, einen genialen, aber auch seltsamen Musiker. Sein Gesicht verbirgt er hinter einem riesigen Pappmaché-Kopf, auf dem ein immer leicht erstaunt wirkendes, kindlich naives Gesicht gemalt ist und die von ihm geleitete Band „Soronprfbs“ ist zwar unter Alternative-Fans beliebt, aber kommerziell vollkommen erfolglos. Außerdem hat die Band genialer Dilletanten ein ständiges Keyboarder-Problem. Der letzte wurde nach einem erfolglosen Suizid-Versuch ins Krankenhaus eingeliefert.
Jon (Domhnall Gleeson), ein introvertierter Möchtegern-Musiker, der seine banalen Alltagsbeobachtungen mit Keyboardklängen abschmeckt, wird als Ersatz-Keyboarder angeheuert. Frank ist von ihm begeistert. Er lädt ihn zu einer Aufnahmesession ein, die nicht, wie Jon erwartet, im Studio um die Ecke an einem Nachmittag, sondern in einer einsam an einem irischen See gelegenen Hütte ist und die achtzehn Monate dauert, in der die Band, die aus merkwürdigen Gestalten und fragilen Beziehungen besteht, dank der ungefragten Social-Media-Arbeit von Jon zu einem Auftritt bei dem Indie-Festival „South by Southwest“ in Austin, Texas führt, was den Durchburch bedeuten könnte.
„Frank“ spielt zwar in der Gegenwart, aber die Musik und die Anspielungen kommen dann doch aus der Vergangenheit. Der Film basiert nämlich sehr lose auf einer Reportage von Jon Ronson, die er und Peter Straughan stark bearbeiteten. Wie schon bei ihrer Bearbeitung von Ronsons Sachbuch „Männer, die auf Ziegen starren“. Denn Ronsons Reportage „Oh Blimey“ ist über Frank Sidebottom, ein von dem verstorbenen Komiker Chris Sievey 1984 erfundener Kunstcharakter, dessen wahre Identität zunächst unbekannt war. Frank Sidebottom tourte Ende der Achtziger und in den Neunzigern durch England, hatte zahlreiche Fernsehauftritte und es gab einen Comicstrip mit ihm. Eine Zeit lang spielte Ronson in Sidebottoms Band Keyboard.
Dieser Charakter, bzw. die Idee eines genialen Musiker, der immer mit einem Pappmaché-Kopf auftritt und einer ihn bewundernden Band, wurde dann in die Gegenwart transferiert und eine neue Geschichte erfunden, bei der das Wissen um die Ursprünge eher stört. Denn „Frank“ ist kein Biopic und von ‚wahren Ereignissen‘ ist er auch nicht inspiriert. Dafür sind die Änderungen dann zu groß.
Trotzdem wirkt Lenny Abrahamsons Film immer wie ein aus der Zeit gefallener Bastard, bei dem die modernen Elemente eher stören. Denn Franks Musik, die absurde Heldenvereherung seiner Mitmusiker für ihn und seine Suche nach dem perfekten Ton als Teil der nur in seinem Kopf vorhandenen depressiven Symphonie und die monatelange Aufnahmesession in einer einsam gelegenen Hütte atmen in jeder Sekunde den depressiven Geist der achtziger Jahre, inclusive dem vom Punk kommenden Hang zum Dilletantismus und einen unbedingten Experimentierwillen.
So nennen die Macher den manisch-depressiven Singer/Songwriter Daniel Johnston, der seit den frühen Achtzigern Platten veröffentlicht, und Captain Beefheart, ein Frank-Zappa-Mitmusiker, der in den frühen Siebzigern seine großen Erfolge hatte (wobei er über Kultstatus nie hinauskam), als Inspiration für ihre Musik.
Sie hätten auch die Residents nennen können. Die bereits 1969 gegründete Band wurde mit seltsamen Cover-Versionen und Aktionen zwischen Musik und Kunst bekannt (naja, ebenfalls primär Kultstatus). Die Musiker halten ihre Identität immer noch geheim und sie treten immer maskiert auf.
Jons deprimierend eintönige, mit spartanischen Keyboarklängen zu Songs verarbeitete Alltagsbeobachtungen erinnern dann an Depeche Mode, eine 1980 gegründete Synthie-Pop-Band, die lange Zeit auf Gitarren verzichtete.
Trotzdem ist „Frank“ ein herrlich schrulliger Film mit einem liebevollen Blick auf gesellschaftliche Außenseiter, die sich in einer Band einen eigenen, gut funktionierenden Schutzraum geschaffen haben.
In „Straight Outta Compton“ erzählt F. Gary Gray („Friday“ [mit Ice Cube], „Set It Off“, „Verhandlungssache“, „The Italian Job“) die Geschichte der Rap-Band „N. W. A.“ von ihren Anfängen Mitte der Achtziger bis zum Tod von Eazy-E am 26. März 1995 durch AIDS, kurz vor einer geplanten Reunion der 1991 aufgelösten Band, in einer mitreisenden Mischung aus Einblicken in das Leben in Compton, der Dynamik innerhalb der Band, ihren Konflikten mit dem Gesetz und dem großen Erfolg mit Songs wie „Fuck tha Police“, die auch live dargeboten werden. Jedenfalls solange, bis dank der Polizei das Konzert im Chaos mündet.
Das ist gut gemacht, kurzweilig und ein Teil der afroamerikanischen Geschichtsschreibung, der in den USA an der Kinokasse überraschend erfolgreich ist. Es ist allerdings auch ein Film, der von den Bandmitgliedern mitproduziert wurde und sie und ihre Angehörigen halfen in jeder Beziehung tatkräftig mit. Daher sollte man auch keinen übermäßig kritischen Blick auf „N. W. A.“, ihre Bedeutung und ihr Erbe erwarten. Es ist auch keine Auseinandersetzung darüber, wie sehr der Gangsta Rap, der letztendlich von „N. W. A.“ erfunden wurde und zu einem der populärsten HipHop-Stile wurde, wirklich authentische Botschaften aus dem Ghetto vermittelte. Es wird auch nicht auf die Ironie eingegangen, dass die Mitglieder von „N. W. A.“, – „Eazy-E“ Eric Wright, „Dr. Dre“ Andre Romell Young, „Ice Cube“ O’Shea Jackson, „DJ Yella“ Antoine Carraby und „MC Ren“ Lorenzo Patterson -, zwar mit Songs über den Alltag in Compton bekannt werden, aber sie schnell vor einem weißen Publikum sangen und dass ihre Texte zwar vom Leben in Compton erzählten, sie aber nie – wie „Public Enemy“ – einen sozialkritischen und politischen Blick auf die Realität in den USA hatten und sie daher auch nie verändern wollten. Sie wollten Geld verdienen – und das taten die Niggaz wit Attidudes als Musterknaben des Kapitalismus. Das wird schon in den ersten Minuten deutlich. Die Jungs, die oft gerade alt genug sind, um Auto zu fahren, wollen nur Musik machen und sind von dem gesamten Gangwesen in ihrem Viertel gänzlich unbeeindruckt, moralisch integer und gewaltfrei. Erst als sie Erfolg haben und durch die USA durch die Stadien touren, gibt es Drogenmissbrauch, Schlägereien und Streitereien. Vor allem mit ihrem Manager Jerry Heller (Paul Giamatti, gewohnt grandios) und um das liebe Geld.
Diesen kritischen Diskurs über ihre Musik und ihr Wirken muss man in anderen Medien, in Dokumentarfilmen, in Büchern, in Artikeln, suchen. Dort kann man sich auch in die Geschichte des HipHop vertiefen.
In dem Film gibt es ein fulminantes zweieinhalbstündiges HipHop-Feuerwerk, das einen auch daran erinnert, wie wichtig diese Musik damals war.
Die innere Sicherheit (Deutschland 2000, Regie: Christian Petzold)
Drehbuch: Christian Petzold, Harun Farocki
Die 15-jährige Jeanne ist mit ihren Eltern ständig auf der Flucht. Denn diese sind gesuchte, ehemalige RAF-Terroristen. Jetzt müssen sie wegen Geldproblemen zurück nach Deutschland. Die alten Freunde sollen ihnen aus der finanziellen Misere helfen. Und Jeanne ist erstmals wirklich verliebt.
Mit dem genau beobachteten, die deutsche Wirklichkeit sezierenden Drama über vergangene Schuld, das Erwachsenwerden und Verpflichtungen hatte Christian Petzold seinen Durchbruch bei den Kritikern und dem Publikum (über 100.000 Zuschauer). Stellvertretend für die zahlreichen euphorischen Besprechungen: „bester deutscher Film des Jahres“ (Michael Althen, SZ, 31. Januar 2001)
Mit Julia Hummer, Barbara Auer, Richy Müller, Günther Maria Halmer
Heute sind Märchen Kindergeschichten. Gute-Nacht-Geschichten, die nachmittags im Fernsehen gezeigt werden und deren Ursprung, nämlich eine Erzählung für Erwachsene zu sein, heute kaum noch feststellbar ist.
Matteo Garrone, der das realistische Gangsterepos „Gomorrah“ inszenierte, drehte jetzt mit „Das Märchen der Märchen“ einen Film, der garantiert nicht für Kinder geeignet ist. Auch wenn die FSK ihn ab 12 Jahre freigegeben hat, richtet sich dieser Märchenfilm an ein erwachsenes Publikum, das die Anspielungen und Märchenmotive, die hier vom Kopf wieder auf die Füße gestellt werden, gerne wieder erkennt. Inspiriert ist der Film von Giambattista Basiles Geschichtensammlung „Il Racconto dei Racconti“ („Das Märchen der Märchen“ bzw. „Das Pentameron“). Basile sammelte – wie wir es von Giovanni Boccaccios „Das Dekameron“ (Decamerone, das zwischen 1349 und 1353 geschrieben wurde), einer Sammlung von hundert Novellen, kennen – fünfzig Märchen, die er in eine Rahmenhandlung, in der sich eine Gruppe von Menschen in fünf Tagen 49 Geschichten erzählte, einbettete. „Il Racconto dei Racconti“ erschien 1634/1636 und ist eines der großen Märchenbücher, das, weil es im neapolitanischen Dialekt geschrieben ist, lange unbekannt blieb und später von den Brüdern Grimm als Grundlage für ihre Märchensammlung genommen wurde.
Garrone wählte für seinen Film „Das Märchen der Märchen“ drei Geschichten aus, über deren Anfang und Ende gestritten werden kann. Er erzählt von einer Königin (Salma Hayek), die alles tun würde, um einen Sohn zu gebären. Dafür schickt sie ihren Mann in den Tod. Und nach der Geburt – gleichzeitig gebar eine Dienstmagd einen identischen Zwilling – ist die Geschichte noch nicht vorbei. In der zweiten Geschichte verliebt der König von Strongcliff (Vincent Cassel) sich in eine liebreizende Frau, die bis jetzt seinem Sextrieb entgehen konnten. Was er nicht ahnt, ist, dass sie, die sich seinen Avancen entzieht und ihr Gesicht verbirgt, nicht jung und schön, sondern alt und hässlich ist. Und dabei kriegt der König, wenn er bei einer Frau auch nur eine Falte sieht, Panickattacken. In der dritten Geschichte sucht der König von Highhills (Toby Jones) mit einem Ratespiel einen Gemahl für seine Tochter Violet (Bebe Cave). Der künftige Bräutigam ist ein riesiger, ungeschlachteter Unhold, der sie auch gleich über seine Schulter wirft und in seine Höhle verschleppt.
Diese in verschiedenen, aber benachbarten Königreichen spielenden Hauptgeschichten ergänzt Garrone um viele kürzere Episoden und er erzählt sie nicht hintereinander (obwohl ich seine solche Schnitffassung gerne sehen würde), sondern parallel und auch eher distanziert, was dem Film ein schleppendes Tempo verleiht und mit zunehmender Laufzeit bemerkt man, dass der Film primär eine Sammlung von nur lose miteinander verbundenen Episoden ist. Weshalb einige Charaktere plötzlich aus dem Film verschwinden und andere Charaktere, die für den gesamten Film letztendlich eine große Bedeutung haben, wie die Königstochter Violet, erst sehr spät auftauchen. Es gibt nicht, wie bei anderen Ensemblefilmen, einen den gesamten Film tragenden Charakter. Eher schon betrachtet man alle Personen gleich distanziert. Es gibt ein eigentümliches Missverhältnis zwischen Nebencharakteren, deren Gefühle man versteht und die manchmal nur ein, zwei Szenen oder eine große, äußerst berührende Szene haben, und den Hauptcharakteren, die dagegen schon zu einer eindimensionalen Parodie mutieren. Das gilt vor allem für den sexsüchtigen König von Strongcliff (Vincent Cassel), der nur mit schönen, jungen Frauen Sex haben will, dem wir zum ersten Mal nach einem solchen Gelage begegnen und der dem Begriff „Oberflächlichkeit“ eine neue Dimension verleiht. Er ist wahrlich nicht der Märchenprinz, sondern eher ein notgeiler, alternder Vampir.
Auffallend bei allen Geschichten ist, wie sehr die bekannten Märchenkonventionen gegen den Strich gebürstet werden. Als habe Garrone sich gefragt „Was würde Disney tun?“ und dann das Gegenteil getan. Daher ist auch in jeder Szene eine ungebremste sexuelle Lust spürbar und alle sind von niederen Trieben und Obsessionen beherrscht. Das gilt für den König von Highhill (Toby Jones), der sich nur für einen einen schweinemäßig riesigen Floh, den er in seinem Gemach füttert, interessiert. Seine Tochter ist ihm dagegen herzlich egal.
Oder für die Königin von Longtrellis (Salma Hayek), die sich unbedingt einen Erben wünscht, dafür ihren Mann in den Kampf mit einem Seeungeheuer schickt und anschließend das blutig pulsierende Herz des Ungeheuers genußvoll verspeist; – wobei wir uns fragen, wer hier das wirkliche Ungeheuer ist. Denn den durch das Ungeheuer verursachten Tod ihres Mannes betrauert sie nur pflichtschuldig.
Ebenso auffallend ist, dass bei Garrone die Frauen das starke Geschlecht sind und sie auch sympathischer sind, während die Männer ausgemachte Trottel sind, mit denen man keinen Funken Mitleid hat. In diesem Anti-Disney-Kosmos gibt es dann auch keinen Traumprinz und die Prinzessin muss die Dinge selbst in die Hand nehmen.
Seine düsteren Märchen bettet Garrone in eine vom Barock inspirierte Fantasywelt, die in ihrer Opulenz verzaubert. Auch dank der prächtigen Ausstattung und den handgemachten Tricks. Das erinnert dann an die vor Jahrzehnten in Cinecittà entstandenen Filme, irgendwo zwischen Fellinis Pracht und dem Trash der Sandalenfilme.
Unter Actionfans hat Drehbuchautor Skip Woods einen Ruf zu verteidigen. Nämlich der Autor zu sein, der jeden Film in Grund und Boden rammt. Der anstatt einer guten Geschichte einen unbekömmlichen Brei serviert, der von der ersten bis zur letzten Minute vollkommen misslungen ist. So als habe man einfach ein halbes Dutzend Drehbücher und Ideen zusammengeworfen und dann gemeint „passt, wackelt und hat Luft“.
Skip Woods schrieb die Drehbücher für Hitman: Agent 47 (2015) Sabotage (2014) Stirb langsam – Ein guter Tag zum Sterben (2013)
Das A-Team – Der Film (2010)
X-Men Origins: Wolverine (2009)
Hitman – Jeder stirbt alleine (2007)
Passwort: Swordfish (2001)
Thursday (1998)
Manchmal mit einem anderen Autor zusammen, dem man natürlich einen Teil an dem Desaster aufbürden kann. Aber sein „Hitman: Agent 47“-Co-Autor Michael Finch schreib vorher „The November Man“. Ein absolut okayer Agententhriller mit Pierce Brosnan. Oder David Benioff, der neben „X-Men Origins: Wolverine“ auch „25 Stunden“ (nach seinem Roman), „Troja“ und „Brothers“ schrieb und der Erfinder der TV-Serie „Game of Thrones“ ist, ist eigentlich ein zuverlässiger Autor.
Oft ist bei einem Film, weil man keinen intimen Einblick in die Hintergründe der Produktion hat, auch unklar, wer welchen Anteil an dem Desaster hat. Es könnte ja der Hauptdarsteller sein. Oder der Regisseur, der einfach mal schnell das Drehbuch zugunsten seiner Vision in die Tonne wirft. Immerhin sind bei Spielfilmen die Regisseure bekannter als die Drehbuchautoren.
Und die Regeln für die Nennung als Drehbuchautor sind einigermaßen komplex, weil in Hollywood Drehbücher oft mehrere Fassungen von verschiedenen Autoren haben und manchmal am Ende Autoren genannt werden müssen, die mit der verfilmten Fassung nichts zu tun haben.
Das gesagt, werfen wir einen Blick auf das Werk der Regisseure und wie diese Filme im Vergleich mit ihren anderen Filmen bei der Kritik ankamen. Das dürfte uns ein Gefühl geben, wer einen größeren Anteil an dem Misserfolg hat. Dafür genügt ein Blick auf die Bewertungen bei Rotten Tomatoes und Metacritic, die beide viele Kritiken sammeln:
Hitman: Agent 47(2015): Regie: Aleksander Bach
Bewertung „Hitman: Agent 47“: 8 % Rotten Tomatoes; 29 % Metacritic
Bewertung bester Film: entfällt, weil Debüt
Bewertung schlechtester Film: dito
– Sabotage (2014): Regie: David Ayer
Bewertung „Sabotage“: 19 % Rotten Tomatoes; 41 % Metacritic
Bewertung schlechtester Film: 19 % (Sabotage), 41 % (Sabotage)
Bewertung bester Film: 85 % (End of Watch), 70 % (Training Day)
– Stirb langsam – Ein guter Tag zum Sterben (2013): Regie: John Moore
Bewertung „Stirb langsam – Ein guter Tag zum Sterben“: 14 % Rotten Tomatoes; 28 % Metacritic
Bewertung schlechtester Film: 14 % (Stirb langsam – Ein guter Tag zum Sterben); 28 % (Stirb langsam – Ein guter Tag zum Sterben)
Bewertung bester Film: 37 % (Im Fadenkreuz – Allein gegen Alle); 49 % (Im Fadenkreuz – Allein gegen alle)
– Das A-Team – Der Film (2010), Regie: Joe Carnahan
Bewertung „Das A-Team – Der Film“: 47 % Rotten Tomatoes; 47 % Metacritic
Bewertung schlechtester Film: 29 % (Smokin‘ Aces); 45 % (Smokin‘ Aces)
Bewertung bester Film: 83 % (Stretch; Narc; bei uns beide nur DVD-Start, „The Grey“ mit 79 % ist der zweitplatzierte); 70 % (Narc)
– X-Men Origins: Wolverine(2009), Regie: Gavin Hood
Bewertung „X Men Origins: Wolverine“: 38 % Rotten Tomatoes; 40 % Metacritic
Bewertung schlechtester Film: 38 % (X-Men Origins: Wolverine“); 40 % X-Men Origins: Wolverine)
Bewertung bester Film: 82 % (Tsotsi), 70 % (Tsotsi)
– Hitman – Jeder stirbt alleine(2007), Regie: Xavier Gens
Bewertung „Hitman – Jeder stirbt für sich alleine“: 14 % Rotten Tomatoes; 35 % Metacritic
Bewertung schlechtester Film: 14 % (Hitman – Jeder stirbt für sich alleine), 28 % (The Divide)
Bewertung bester Film: 55 % (Frontier(s)); 44 % (Frontier(s))
– Passwort: Swordfish (2001), Regie: Dominic Sena
Bewertung „Passwort: Swordfisch“: 26 % Rotten Tomatoes; 32 % Metacritic
Bewertung schlechtester Film: 7 % (Whiteout [der gar nicht so schlecht ist]); 28 % (Whiteout; Season of the Witch)
Bewertung bester Film: 67 % (Kalifornia); 49 % (Kalifornia)
– Thursday(1998): Regie: Skip Woods
Bewertung „Thursday“: 33 % (Rotten Tomatoes)
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Von den acht Drehbüchern, die von Skip Woods verfilmt wurden, fallen zwei „Hitman: Agent 47“ und „Thursday“ weg, weil die Regisseure bis jetzt keine weiteren Filme inszeniert haben. Dann bleiben noch sechs Filme übrig, davon ist in drei Fällen bei Rotten Tomatoes und Metacritic der schlechteste Film des Regisseurs identisch mit dem Film, für den Skip Woods das Drehbuch schrieb. Und in einem weiteren Fall ist bei Rotten Tomatoes der schlechteste Film des Regisseurs der Film, für den Skip Woods das Drehbuch schrieb.
Da kann man wohl kaum noch von Zufall reden.
Nur: Warum werden in Hollywood weiter Bücher von ihm verfilmt? Denn so richtig Michael-Bay-erfolgreich war keiner seiner Filme. Im Gegenteil.
Weil es ein guter Film ist und er heute etwas früher kommt und ich Lars Beckers „Zum Sterben zu früh“ (Arte, 20.15 Uhr) noch nicht gesehen habe:
Eins Festival, 22.00 5 Jahre Leben (Deutschland 2013, Regie: Stefan Schaller)
Drehbuch: Stefan Schaller, David Finck
Es trifft ja nur Terroristen. Zum Beispiel diesen Deutschtürken Murat Kurnaz, der kurz nach 9/11 als „feindlicher Kämpfer“ nach Guantánamo gebracht wurde. Nach fünf Jahren – auch weil die Bundesregierung absolut keine Eile hatte, den unschuldig Inhaftierten Kurnaz wieder in Deutschland einreisen zu lassen – kehrte er 2006 nach Bremen zurück.
Stefan Schallers beeindruckener Spielfilm konzentriert sich auf die Verhöre durch Gail Holford und Kurnaz’ Kampf um seine Würde. Gerade dank dieser Beschränkung gewinnt er an erzählerischer Kraft. Mehr in meiner ausführlichen Besprechung des Films.
mit Sascha Alexander Gersak, Ben Miles, Trystan Pütter, John Keogh, Timur Isik, Kerem Can, Siir Eloglu, Tayfun Bademsoy Hinweise
In der Theorie spricht nichts dagegen, dass man aus einem Computerspiel einen guten Film machen kann. Immerhin dienen Computerspiele auch als Inspirationen für Romane und Comics – und das sind nicht unbedingt die schlechtesten Romane und Comics, die sogar von Menschen genossen werden können, die mit der Vorlage nichts anfangen können.
Außerdem werden ständig Romane und Comics verfilmt.
Und Agent 47 ist für einen Spielfilm eigentlich ein genialer Charakter. Er hat, dank Anzug, Glatze und Strichcode, einen hohen Wiedererkennungswert und ein eiskalter Profikiller ist nicht die schlechteste Ausgangslage für eine spannende Geschichte. Schon sein Beruf „Auftragsmörder“ gibt die Geschichte vor, die mit seiner aus den Spielen bekannten Hintergrundgeschichte beliebig angereichert werden kann.
In der Praxis sind viele Spiel-Verfilmungen nicht gut, sondern schlecht, sehr schlecht oder filmischer Sondermüll. Auch die erste Verfilmung des Spiels „Hitman“, „Hitman – Jeder stirbt alleine“ (Hitman, Frankreich/USA 2007), war nicht gut. Obwohl; rückblickend erscheint Timothy Olyphants Auftritt als Killer gar nicht mehr so schlecht. Denn inzwischen gibt es „Hitman: Agent 47“ mit Rupert Friend („Homeland“) als Agent 47,
Die Story für den neuen Film, wieder geschrieben von Skip Woods (der eine beeindruckende Liste schlechter Filme in seiner Filmographie hat), ist eine verworrene Entschuldigung für die mauen Actionszenen. Irgendwie geht es um eine junge Frau, die Agent 47 umbringen soll, es dann aber doch nicht tut, während andere sie umbringen wollen und irgendwie ist die Dame sehr wichtig für verschiedene Organisationen. Und dann geht es noch ums Klonen und die Vergangenheit von Agent 47.
Diese „der Killer hilft seinem Opfer gegen seinen Auftraggeber“-Geschichte ist zwar nicht neu, aber für einen Actionfilm wäre sie absolut ausreichend, wenn man einfach diese Geschichte erzählen würde. Stattdessen lassen die Macher einfach Szenen aufeinander folgen, die keinen Sinn ergeben und sich widersprechen. Da hilft dann auch nicht die Pseudo-Erklärung, dass der als Retter eingeführte Charakter doch ein Bösewicht ist und dass der Killer dann doch zum Guten mutiert, weil der Autor es so will. Denn die Hälfte dieser Erklärungen wird in der nächsten Szene wieder kassiert und auch das Interesse des gutwilligsten Zuschauer erlahmt schneller als ein Flammkuchen kalt wird, weil man zu keinem Charakter eine emotionale Bindung aufbauen kann.
Dadurch geraten die Actionszenen zu einer langweiligen Angelegenheit, bei der uns ziemlich egal ist, wer wen warum wie besiegt. Immerhin verfolgt man als Berliner die in der Hauptstadt spielende Actionszene gespannt, weil man zuerst die Drehorte erkennen will und danach verzweifelt überlegt, wie die Charaktere von A nach B gekommen sind. Der in Saigon spielende Schlußkampf hat sogar diesen Vorteil nicht mehr.
Etwas Gutes hat „Hitman: Agent 47“, das Spielfilmdebüt des Werbefilmers Aleksander Bach, dann doch. Er kann künftig bei Seminaren wundervoll als ein in jeder Sekunde überzeugendes Lehrbeispiel für vermeidbare Fehler im Erzählen von Geschichten gezeigt werden.
Hitman: Agent 47 (Hitman: Agent 47, USA 2015)
Regie: Aleksander Bach
Drehbuch: Skip Woods, Michael Finch (nach einer Geschichte von Skip Woods)
mit Rupert Friend, Hannah Ware, Zachary Quinto, Ciarán Hinds, Thomas Kretschmann, Angelababy, Dan Bakkedahl
Länge: 97 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
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In den letzten Jahren mauserte sich Blumhouse Productions zu einer verläßlichen Bank für Horrorfilmfans. Allerdings, trotz einiger echter Hits und guter Filme, nicht unbedingt zu einer guten. Eher zu einer, die man mit Interesse beobachtet, immer auf einen guten Film hofft und oft enttäuscht ist. „Paranormal Activity“ war 2007 ihr großer Erfolg, dessen fünfter Teil als „Paranormal Activity: Ghost Dimension 3D“ (Yeah, der Horror erhält eine dritte Dimension) am 22. Oktober bei uns anläuft. Es ist ein Found-Footage-Horrorfilm: in einem Haus geschehen unheimliche Dinge, die von den überall platzierten Überwachungskameras in nicht gerade berauschender Bildqualität aufgenommen werden. Der Film kostete 15.000 US-Dollar und spielte weltweit fast 200 Millionen US-Dollar ein, was ihn zu einem der profitabelsten, vielleicht sogar zu dem profitabelsten Hollywood-Film aller Zeiten machte. Danach kamen „Sinister“, „Insidious“, „Unknown User“ (wird fortgesetzt), zahlreiche Fortsetzungen und die beiden „The Purge“-Filme, die sogar richtig gut und keine Horrorfilme sind. Aber der typische Blumhouse-Film ist ein billig produzierter Horrorfilm mit unbekannten Schauspielern, gedreht im Found-Footage-Stil (also mit Überwachungskameras, Videokameras und, inzwischen, Handy-Kameras), einer entsprechend improvisierten Geschichte und oft mit Geistern. Das führt dann dazu, dass wenig Blut fließt (was nicht unbedingt schlecht ist) und es wenige Schockmomente gibt, die oft schon im Trailer, der den Film ja verkaufen soll, gezeigt werden.
„The Gallows“, das Regiedebüt von Chris Lofing und Travis Cluff, reiht sich nahtlos in das Blumhouse-Oeuvre ein. In diesem Fall geht es um eine Schule, die nach zwanzig Jahren wieder das Stück „The Gallows“ aufführen will. Damals erhängte sich der Hauptdarsteller des Stücks während der Premiere durch einen bedauerlichen Unfall am nicht richtig präpariertem Galgen.
In der Nacht vor der Premiere schleichen sich die Schüler Cassidy, Reese und Ryan in die Schule. Sie wollen die Bühnendekoration zerstören und so die Premiere sabotieren. Aber bevor sie mit ihrem schändlichen Tun beginnen können, taucht Pfeifer auf und Reese, der in sie verknallt ist und sich deshalb als Schauspieler in dem Stück versucht, versucht sich an einer weit hergeholten Erklärung. Kurz darauf geschehen in der dunklen Schule seltsame Dinge, wie seltsame Geräusche und plötzlich auf- und zugehende Türen. Außerdem, und hier hört der Spaß für die vier Schüler auf, sterben sie der Reihe nach, ohne dem Täter oder der Lösung einen erkennbaren Schritt näher zu kommen.
Obwohl der Film mit knapp achtzig Minuten (ohne Abspann) angenehm kurz geraten ist, bleibt genug Zeit, sich Gedanken über den seltsamen Grundriss der Schule zu machen, die eher ein Escher-Labyrinth als eine real existierende Schule ist, und warum die Eingeschlossenen nicht die Polizei anrufen (denn jede Schule hat Telefone) oder die Feuerwehr rufen (denn jede Schule hat einen Feueralarm) oder ganz einfach aus der Schule flüchten. Denn eine Schule ist kein Hochsicherheitsgefängnis. Eine Flucht, vor allem wenn man Todesangst hat und sich deshalb über eine zerbrochene Fensterscheibe keine Gedanken mehr machen muss, wäre einfach zu bewältigen. Aber lieber stehen sie ratlos vor einer verschlossenen Tür und stolpern dann durch den Keller oder hinter der Bühne herum, bis der Bösewicht sein Werk vollenden kann.
Dazu kommt die nervige Handykamera, die immer wackelt und mal wieder am Verstand des Kameramanns zweifeln lässt, der in höchster Not doch nur an das Filmen der Ereignisse denkt.
Dabei ist die Auflösung dieses Mal gar nicht so übel geraten. Ich bin sogar überzeugt, dass „The Gallows“, wenn er konventionell gedreht worden wäre (also mit einem ausformuliertem Drehbuch und ohne Found-Footage-Gedöns), ein ganz ordentlicher kleiner Horrorfilm geworden wäre.
Aber so ist es, mal wieder, typischer Blumhouse-Mist, der aufgrund des geringen Budgets von 100.000 US-Dollar sein Geld mehr als einmal einspielen wird, bis nächstes Jahr „The Gallows 2 – Der Galgen steht immer noch“ (oder wie auch immer die unvermeidliche Fortsetzung heißt) in unseren Kinos anläuft. Laut Box Office Mojo hat „The Gallows“ bis jetzt weltweit fast 38 Millionen US-Dollar eingespielt.
Arte, 22.15 Heimat – Eine deutsche Chronik: Fernweh (1919 – 1928), Die Mitte der Welt (1929 – 1933) (Deutschland 1984)
Regie: Edgar Reitz
Drehbuch: Edgar Reitz, Peter Steinbach
Toll, dass „Heimat“, das Werk, mit dem Edgar Reitz seinen Durchbruch hatte, das damals wirklich ein TV-Ereignis war und das eindrucksvoll zeigt, was im Fernsehen möglich war, bevor es diese langen „Fernsehen ist der neue Roman“-Elogen gab, wieder im Fernsehen läuft.
Schade, dass Arte das Opus in einer von Reitz selbst von 924 Minuten auf 888 Minuten gekürzten Fassung in Doppelfolgen heute und an den kommenden Donnerstagen zeigt. D. h., dass um 01.45 Uhr der Abspann läuft und das Aufnahmegerät seine Arbeit beendet, während einige Nachteulen den Fernseher ausschalten.
In „Heimat“ erzählt Reitz anhand der in dem fiktiven Hunsrückdorf Schabbach lebenden Maria Simon (1900 – 1982) die wechselvolle Geschichte Deutschlands vom Ende des Ersten Weltkriegs bis zu Marias Tod aus der Perspektive der kleinen Leute, die nicht in einer Metropole leben.
Großes Kino! Auch in der Mediathek.
Mit Marita Breuer, Gertrud Bredel, Willi Burger, Michael Lesch, Rüdiger Weigang, Karin Rasenack