TV-Tipp für den 28. November: Leaving Las Vegas – Liebe bis in den Tod

November 28, 2015

Eins Festival, 22.00

Leaving Las Vegas – Liebe bis in den Tod (USA 1995, Regie: Mike Figgis)

Drehbuch: Mike Figgis

LV: John O’Brien: Leaving Las Vegas, 1990 (Leaving Las Vegas)

Ben ist Drehbuchautor und Trinker. Er macht sich auf den Weg nach Las Vegas, um sich dort zu Tode zu trinken. Da trifft er Sera, eine Hure, die seine Begleiterin auf seinem Trip in den Tod wird.

Beeindruckendes Trinkerdrama, das nach einem autobiographischem Roman entstand und für das Nicolas Cage unter anderem einen Oscar als bester Darsteller erhielt. Im Nachhinein beendete „Leaving Las Vegas“ die Phase in Cages Leben, in der er ein ernstzunehmender Schauspieler war. Danach trat er in „The Rock“, „Con Air“ und „Face/Off – Im Körper meines Feindes“ (der im Vergleich zu den beiden vorherigen Filmen ein tiefsinniges Drama ist) auf und es wurde, von wenigen Ausnahmen abgesehen, noch viel schlimmer. Ich sage nur “Ghost Rider”.

mit Nicolas Cage, Elizabeth Shue, Julian Sands, Emily Procter, Valeria Golino, Mike Figgis, R. Lee Ermey, Mariska Hargitay, Danny Huston, Bob Rafelson, Xander Berkeley, Lou Rawls, Julian Lennon

Wiederholung: Sonntag, 29. November, 02.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Drehbuch “Leaving Las Vegas” von Mike Figgis (Shooting Script September 1994)

Rotten Tomatoes über “Leaving Las Vegas”

Wikipedia über „Leaving Las Vegas“ (deutsch, englisch)

Filmcritic: Interview mit Mike Figgis (18. Februar 1996)

The Hollywood Interview mit Mike Figgis (ursprünglich erschienen in Venice Magazine Juni 1999)


Neu im Kino/Filmkritik: Es führt keine „Highway to Hellas“

November 27, 2015

Das ist nicht „Local Hero“. Das ist nicht „Local Hero“. Das ist nicht „Local Hero“, obwohl die Prämisse von „Highway to Hellas“ sehr nach „Local Hero“ klingt, dieser herzigen Komödie von Bill Forsyth, in der ein US-Amerikaner aufgrund seines schottischen Namens ein abgelegen an der Küste gelegenes schottisches Dorf überzeugen soll, dass eine riesige Ölraffinerie vor der Haustür eine tolle Angelegenheit sei.
In „Highway to Hellas“ soll Jörg Geissner für die AVO-Bank die Sicherheiten für einen Kredit, den die Bank der griechischen Insel Paladiki vor Jahren zur Entwicklung des Tourismus gewährte, überprüfen. Die Inselbewohner sind von dem Besuch aus Deutschland nicht begeistert. Aber südländisch gewitzt wie sie sind, wollen sie den stocksteifen deutschen Aktenfresser so lange an der Nase herumführen, bis er bestätigt, dass die in der Realität nicht vorhandenen Sicherheiten für den Kredit vorhanden sind.
Deshalb beginnen die wenigen Inselbewohner (insgesamt scheint die Insel mit einem großen Leerstand bezugsfertiger Wohnungen nur von einer Handvoll Menschen bewohnt zu sein) mit einer Charade, die alles das enthält, was einem halt so einfällt, wenn man die bekannten Klischees über Griechenland und die Südeuropäer so sammelt. Es gibt also bunte Fassadenhäuser, epische Beerdigungen, reichlich Alkohol und wonneproppige Frauen. Es gibt Improvisationen und kleine Gemeinheiten, wenn Herr Geissner (gespielt von Christoph Maria Herbst, der seit Stromberg nur noch einen Typ spielen darf) auf einem Esel reitet oder, tags drauf, Sozius auf dem Motorrad des deutsch-griechischen Klein-Casanova-Einzelhändlers Gigolo Panos (Adam Bousdoukos) sein darf, das natürlich prompt liegen bleibt.
Diese eher weniger witzigen Episoden plätschern dann so aufregend wie eine schlechte „Traumschiff“-Folge bis zum vorhersehbaren und auch unbefriedigenden Ende vor sich hin. Da gibt es dann sogar ein, zwei Überraschungen, die, wenn sie früher präsentiert worden wären, auch aus dieser arg vor sich hin langatmigen Geschichte einen besseren Film gemacht hätten.
Allerdings, das muss auch gesagt werden, taugt das auf Harmonie machende Ende noch nicht einmal als Scheinlösung. Jedenfalls wenn man sich nur eine Zehntelsekunde fragt, was jetzt aus den Plänen der AVO-Bank wird. Diese und der Widerstand der Inselbewohner dagegen hätten die Grundlage für einen guten Film sein können. Aber die Macher drehten einen anderen Film.
So ist „Highway to Hellas“ vor allem behauptete Völkerverständigung mittels sich bestätigender Klischees.

Highway to Hellas - Plakat

Highway to Hellas (Deutschland 2015)
Regie: Aron Lehmann
Drehbuch: Arnd Schimkat, Moses Wolff, Aron Lehmann
LV/Buch zum Film (oder so): Arndt Schimkat/Moses Wolff: Highway to Hellas, 2014
mit Christoph Maria Herbst, Adam Bousdoukos, Akillas Karazisis, Christos Valavanidis, Giorgos Kotanidis, Rosalie Thomass, Eva Bay, Errikos Litsis, Gitta Schweighöfer
Länge: 89 Minuten
FSK: ab 6 Jahre
–
Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Highway to Hellas“
Film-Zeit über „Highway to Hellas“
Moviepilot über „Highway to Hellas“


TV-Tipp für den 27. November: Citizenfour

November 27, 2015

Tagesschau 24, 21.02
Citizenfour (Citizenfour, USA/Deutschland 2014)
Regie: Laura Poitras
Drehbuch: Laura Poitras
TV-Premiere der äußerst sehenswerten, mit dem Oscar für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnete Dokumentation über „Citezenfour“ Edward Snowden. Laura Poitras filmte in einem Hotelzimmer in Hongkong die ersten Gespräche zwischen NSA-Mitarbeiter Snowden und Glenn Grennwald. Sie dokumentierte den vielleicht wichtigsten Zeitpunkt für unser gewandeltes Verhältnis zur globalen Überwachung durch die Geheimdienste. Und allein schon das macht „Citizenfour“ sehenswert.
Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.
mit Edward Snowden, Glenn Greenwald, Laura Poitras, William Binney, Jacob Appelbaum, Ewen MacAskill, Jeremy Scahill
Hinweise
Deutsche Facebook-Seite zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Citizenfour“
Moviepilot über „Citizenfour“
Metacritic über „Citizenfour“
Rotten Tomatoes über „Citizenfour“
Wikipedia über „Citizenfour“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Glenn Greenwalds „Die globale Überwachung“ (No place to hide, 2014)

Meine Besprechung von Laura Poitras’ „Citzenfour“ (Citizenfour, USA/Deutschland 2014) (mit weiteren Video-Interviews) und der DVD (ebenfalls mit Bonusmaterial)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Agentenaustausch auf der „Bridge of Spies – Der Unterhändler“ ist auch dabei

November 26, 2015

Als James Donovan (Tom Hanks) 1957 die Anfrage für ein Pflichtmandat erhält, will er zuerst ablehnen. Nach dem Krieg war er zwar Assistent des Hauptanklagevertreters bei den Nürnberger Prozessen, aber jetzt ist er vor allem ein Versicherungsanwalt. Strafrecht hat er schon lange nicht mehr praktiziert. Aber solche Pflichtmandate müssen gemacht werden. Er wird also Rudolf Abel (Mark Rylance) verteidigen. Abel ist ein hochrangiger sowjetischer Spion und ihm droht die Todesstrafe. Donovan kann sie verhindern, indem er argumentiert, dass es möglich sei, dass in naher Zukunft die Sowjets einen wichtigen US-Bürger verhaften. Dann könne man die Gefangenen austauschen.
Am 1. Mai 1960 schießen die Sowjets den U-2-Piloten und CIA-Spion Francis Gary Powers während eines Spionagefluges, den er über ihrem Gebiet unternimmt, ab. Sie präsentieren ihn und seine Spionageausrüstung im Fernsehen und verurteilen ihn zu einer langjährigen Haftstrafe.
Anfang 1962 soll Donovan im Auftrag der US-Regierung in Berlin über den Austausch verhandeln.
Auch wenn man weiß, wie die Geschichte damals endete – es war der erste Gefangenenaustausch zwischen Ost und West, die Medien berichteten damals nachträglich groß darüber und Donovan veröffentlichte schon 1964 ein Buch über seine Begegnung mit Oberst Rudolf Iwanowitsch Abel und den Gefangenenaustausch – ist „Bridge of Spies – Der Unterhändler“ ein spannender Thriller, in dem Steven Spielberg nach der enttäuschenden Geschichtsstunde „Lincoln“ wieder zur gewohnten Form zurückkehrt. Denn trotz einer Laufzeit von über 140 Minuten wird es nie langweilig. Das straffe und pointierte Drehbuch von Matt Charman und den Coen-Brüdern half sicher. Alle Hintergründe werden erklärt (was bei „Lincoln“ ein Problem war), die Geschichte entwickelt sich beständig weiter und die Schauspieler dürfen mit klugen Sätzen brillieren, während die Ausstattung sich im Zeitkolorit badet und Spielbergs Stamm-Kameramann Janusz Kaminski (der für „Schindlers Liste“ und „Saving Private Ryan“ Oscars erhielt) die damalige Zeit und auch die damals beliebten, heute eher vergessenen Kalter-Krieg-Thriller, in denen es in Ost-Berlin mindestens fünf Grad kälter als in West-Berlin ist, wieder aufleben lässt. Dass auch an historischen Orten, wie der Glienicker Brücke, an der dieser erste von mehreren Gefangenaustäusche stattfand, gedreht wurde, erhöht nur die Glaubwürdigkeit der wahren Geschichte, bei der sich für den Film einige wenige Freiheiten genommen wurden, die vor allem Geschichts-Geeks in den Wahnsinn treiben.
Alle anderen dürfen einen feinen Schauspielerfilm genießen.

Bridge Of Spies - Plakat

Bridge of Spies – Der Unterhändler (Bridge of Spies, USA 2015)
Regie: Steven Spielberg
Drehbuch: Matt Charman, Ethan Coen, Joel Coen
mit Tom Hanks, Mark Rylance, Scott Shepherd, Amy Ryan, Sebastian Koch, Alan Alda, Austin Stowell, Mikhail Gorevnoy, Will Rogers
Länge: 142 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
–
Die Hintergrundgeschichte

Donovan - Strangers on a Bridge - 4

Es gibt inzwischen mehrere Sachbücher, die sich mit diesem Agentenaustausch beschäftigen. Spielbergs Film basiert explizit auf keiner Vorlage.
Dennoch wird die Neuausgabe von James B. Donovans „Strangers on a Bridge – Der Fall des Oberst Abel“ vom Goldmann- Verlag als die Hintergrundgeschichte zum Film beworben, was durchaus zutreffend ist. Immerhin verteidigte Donovan Abel und er verhandelte den Agentenaustausch.
Donovan (1916 – 1970) war während des Zweiten Weltkriegs Marine-Offizier und juristischer Berater des Office of Strategic Services (dem militärischen Nachrichtendienst und Vorläufer der CIA) und danach Assistent des Hauptanklagevertreters der Nürnberger Prozesse. Er war also, auch wenn er als Pflichtverteidiger zu dem Fall Abel kam, keine so schlechte Wahl wie der Film suggeriert. Denn, so Donovan in „Strangers on a Bridge“: „Die Wahl verdankte ich (…) dem Vorsitzenden des Ausschusses. Vor mehr als zehn Jahren hatte Goodenough einen Vortrag über die Nürnberger Prozesse angehört, den ich vor einer Gruppe konservativer Rechtsanwälte aus Brooklyn gehalten hatte und unter denen auch einige prominente Deutsch-Amerikaner waren. Goodenough hatte meinem Kompagnon erzählt, die Schlussdebatte sei damals recht hitzig gewesen, und er meinte, ich sei jedenfalls für meine Überzeugung eingetreten.“
Donovan nimmt das Mandat an, weil er überzeugt ist, dass „auch der gemeinste Verbrecher, Anspruch auf Rechtsbeistand und ein faires Gerichtsverfahren habe.“
In dem Buch, das auf seinen Tagebuch, das er während des Prozesses führte und das er für die Veröffentlichung um Gerichtsprotokolle, Briefe und gekabelte Berichte für das Außenministerium (über seine Verhandlungen in Berlin) ergänzte, erzählt er vor allem die Geschichte des Prozesses. Sie nimmt deutlich über die Hälfte des 576-seitigen Buches (über 330 Seiten) ein. Die Verhandlungen über den im Film zentralen Gefangenaustausch werden auf knapp siebzig Seiten érzählt, die Donovan mit dem Hinweis „Aus Sicherheitsgründen mussten gewisse Fakten unerwähnt bleiben und manche Einzelheiten verändert werden“ einleitet.
Das gesagt ist Donovans Einblick in seine Arbeit als Abels Pflichtverteidiger ein faszinierender Einblick in die Arbeit eines Verteidigers, in das damalige US-Rechtssystem und die damalige Geisteshaltung nach der Ära McCarthy und vor dem Bau der Mauer und der Kuba-Krise.
Wer also tiefer in die damalige Zeit eintauchen möchte, sollte sich diesen spannenden Erlebnisbericht eines Zeitzeugen, geschrieben mit dem damaligen Wissen, zulegen.
–
James B. Donovan: Strangers on a Bridge – Der Fall des Oberst Abel
(übersetzt von Eva Bornemann und Michael Molitor; mit einem neuen Vorwort von Jason Matthews)
Goldmann, 2015
560 Seiten
9,99 Euro
–
Originalausgabe
Strangers on a Bridge – The Case of Colonel Abel
Atheneum House, Inc., 1964
–
Frühere deutsche Ausgabe
Der Fall des Oberst Abel
Scheffler-Verlag, 1965
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Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Bridge of Spies“
Moviepilot über „Bridge of Spies“
Metacritic über „Bridge of Spies“
Rotten Tomatoes über „Bridge of Spies“
Wikipedia über „Bridge of Spies“ (deutsch, englisch)
History vs. Hollywood über „Bridge of Spies“
Das Drehbuch zum Film

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels” (Indiana Jones and the kingdom of the skull, USA 2008)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Gefährten” (War Horse, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Lincoln” (Lincoln, USA 2012)

Steven Spielberg in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Gaspar Noé macht „Love“ (aka „Love 3D“)

November 26, 2015

Es ist wie immer: es wird geworben mit einem tabubrechendem Skandalfilm der Hardcore-Sex zeigt und am Ende bin ich enttäuscht, weil, nun, länglich gezeigte Penisse und Penetrationen nicht abendfüllend sind. Denn ohne ein emotionales Zentrum, ein Thema und eine Geschichte ist ein Film meistens eine langweilige Angelegenheit.
So auch Gaspar Noés neuester Film „Love“, der sogar in 3D gedreht wurde (deshalb auch „Love 3D“ heißt), was allerdings nur in zwei Szenen (ja, genau die zwei Szenen, die ihr euch jetzt spritzig denkt) einen Effekt hat. Der Rest besteht aus wenigen Menschen in engen Räumen.
Im Mittelpunkt steht Murphy, der von der Mutter seiner früheren Freundin Electra einen Anruf erhält. Electra ist seit zwei Monaten spurlos verschwunden. Jetzt hat Murphy eine neue Freundin, er ist Vater einer zweijährigen Tochter und den gesamten Film hängt er todtraurig, wie ein nasses Hemd, in seiner Wohnung herum und erinnert sich an Electra.
Diese Erinnerungen, die nicht-chronologisch präsentiert werden, dehnen sich über zwei Stunden, in denen die Schauspieler eifrig improvisieren durften (das Drehbuch bestand, so Noé, aus sieben Seiten) und weil das alles in keiner besonderen Chronologie präsentiert wird, gibt es auch keinen Spannungsbogen, sondern nur die beliebig austauschbaren Erinnerungen von Murphy an seine große Liebe, garniert mit vielen, äußerst statisch inszenierten Sexszenen, die daher eher an Stilleben erinnern.
Präsentiert wird diese Nicht-Geschichte in dunkel versumpften 3D-Bildern, die wie die schlampig gezogenen YouTube-Kopie eines schlechten Siebziger-Jahre-Pornos aussehen. Alles ist zu dunkel, oft erkennt man fast nichts und die 3D-Brille ist hier noch nerviger als bei einem kunterbunten Blockbuster.
Dass es auch anders geht, zeigen Filme wie „Der letzte Tango in Paris“ oder „Blau ist eine warme Farbe“. Um nur zwei Filme zu nennen, die man sich immer wieder ansehen kann, weil sie, abseits von jedem Skandalfilmgetue, eine emotional berührende Geschichte haben.

Love - Plakat

Love 3D (Love, Frankreich/Belgien 2015)
Regie: Gaspar Noé
Drehbuch: Gaspar Noé
mit Aomi Muyock, Karl Glusman, Klara Kristin, Juan Saavera, Jean Couteau
Länge: 141 Minuten
FSK: ab 18 Jahre
–
Hinweise
Deutsche Facebook-Seite zum Film
Film-Zeit über „Love“
Moviepilot über „Love“
Metacritic über „Love“
Rotten Tomatoes über „Love“
Wikipedia über „Love“ (englisch, französisch)


TV-Tipp für den 26. November: Die innere Sicherheit

November 26, 2015

3sat, 23.10

Die innere Sicherheit (Deutschland 2000, Regie: Christian Petzold)

Drehbuch: Christian Petzold, Harun Farocki

Die 15-jährige Jeanne ist mit ihren Eltern ständig auf der Flucht. Denn diese sind gesuchte, ehemalige RAF-Terroristen. Jetzt müssen sie wegen Geldproblemen zurück nach Deutschland. Die alten Freunde sollen ihnen aus der finanziellen Misere helfen. Und Jeanne ist erstmals wirklich verliebt.

Mit dem genau beobachteten, die deutsche Wirklichkeit sezierenden Drama über vergangene Schuld, das Erwachsenwerden und Verpflichtungen hatte Christian Petzold seinen Durchbruch bei den Kritikern und dem Publikum (über 100.000 Zuschauer). Stellvertretend für die zahlreichen euphorischen Besprechungen: „bester deutscher Film des Jahres“ (Michael Althen, SZ, 31. Januar 2001)

Mit Julia Hummer, Barbara Auer, Richy Müller, Günther Maria Halmer

Hinweis

M Means Movie: Interview mit Christian Petzold (2001)

Wikipedia über “Die innere Sicherheit”

Meine Besprechung von Christian Petzolds “Phoenix” (Deutschland 2014)

Christian Petzold in der Kriminalakte


Inspector Jack Laidlaw empfindet „Fremde Treue“

November 25, 2015

Schon in seinem zweiten Laidlaw-Kriminalroman „Die Suche nach Tony Veitch“ war der Mordfall für William McIlvanney eher nebensächlich. In dem dritten und letzten Laidlaw-Roman „Fremde Treue“ kann dann kaum noch von einem Kriminalfall gesprochen werden.
Inspector Jack Laidlaw, inzwischen allein lebend, aber mit einer Freundin in einer schwierigen Beziehung, nimmt eine Woche Urlaub. Er will herausfinden, wer für den Tod seines Bruders verantwortlich ist. Denn er kann nicht glauben, dass der 38-jährige Scott nach einer durchzechten Nacht betrunken vor ein Auto lief und überfahren wurde. Der Fahrer floh.
Wer jetzt glaubt, dass Laidlaws Ermittlungen in dem schottischen Provinzkaff ihn in eine ähnliche Welt voller Gewalt und Verrat wie Jack Carter in Ted Lewis‘ „Jack rechnet ab“/“Jack Carters Heimkehr“ (Jack’s Return Home, 1970) führen, kann „Fremde Treue“ getrost ignorieren.
Laidlaws Reise in die Provinz erinnert eher an die melancholischen Erkundungen, die wir aus den Romanen von Friedrich Ani kennen, in denen Ermittler unaufgeregt die Vergangenheit von normalen Menschen erforschen, ohne dass es letztendlich ein großes Verbrechen gibt. Auch Scott Laidlaw, ein verheirateter Lehrer an einer ländlichen Schule, ist so eine normale Person, die in einer Zeitung keinen Nachruf erhält.
Nachdem McIlvanney die ersten beiden Laidlaw-Romane aus verschiedenen Perspektiven erzählte, wechselt er in „Fremde Treue“ in die erste Person Singular. Ein Grund ist sicher, dass Laidlaw hier nicht primär als Polizist, sondern als Quasi-Privatdetektiv agiert und traditionell sind Privatdetektiv-Geschichten Ich-Erzählungen. Ein anderer ist, dass es um Ideale, Selbstansprüche, das Scheitern an den eigenen Ansprüchen und eben auch verpasste Chancen geht. Das sind persönliche Themen, die hier in einer persönlichen Geschichte erzählt werden. Es ist letztendlich Jack Laidlaws Geschichte.
„Fremde Treue“ ist daher eher ein Erinnerungsbuch mit einigen pointierten Betrachtungen, weitab jeglicher Krimispannung und nach der Lektüre bleibt erstaunlich wenig im Gedächtnis haften.
McIlvanney - Fremde Treue - 2
William McIlvanney: Fremde Treue
(übersetzt von Conny Lösch)
Kunstmann, 2015
352 Seiten
19,95 Euro
–
Originalausgabe
Strange Loyalties
Hodder & Stoughton Ltd, 1991
–
Die Übersetzung folgt der 2013 bei Canongate Books Ltd. erschienen Ausgabe.
–
Hinweise

Homepage von William McIlvanney

Wikipedia über William McIlvanney (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von William McIlvanneys “Laidlaw” (Laidlaw, 1977)

Meine Besprechung von William McIlvanneys „Die Suche nach Tony Veitch“ (The Papers of Tony Veitch, 1983)


TV-Tipp für den 25. November: Liebe und Intrigen

November 25, 2015

BR, 00.00
Liebe und Intrigen (Crime d’amour, Frankreich 2010)
Regie: Alain Corneau
Drehbuch: Alain Corneau, Nathalie Carter
Christine (Kristin Scott Thomas) ist die Managerin der französischen Abteilung eines US-Konzerns, die kurz vor einer Beförderung in die USA steht und die ihre Untergebenen schamlos manipuliert. Auch die sie bewundernde Isabelle (Ludivine Sagnier), die irgendwann auch anerkannt werden möchte. Es beginnt ein tödlicher Zickenkrieg voller Wendungen und Überraschungen.
„Love Crime“ ist ein edler französischer Noir. Ein elegant inszenierter Kriminalfilm, der fest in der Tradition des französischen Kriminalfilms steht und seine Vorbilder in den Filmen der sechziger und siebziger Jahre hat, in denen man niemals sicher sein konnte, welche Gerechtigkeit, falls überhaupt, am Ende siegt.
Das Sahnehäubchen ist die Musik von Pharoah Sanders.
mit Ludivine Sagnier, Kristin Scott Thomas, Patrick Mille, Guillaume Marquet, Gérald Laroche, Julien Rochefort, Olivier Rabourdin
auch bekannt als „Love Crime“ (DVD-Titel)

Hinweise

AlloCine über „Love Crime“

Rotten Tomatoes über „Love Crime“

Wikipedia über „Love Crime“ (englisch, französisch)

Meine Besprechung von Alain Corneaus „Wahl der Waffen“ (Le choix des armes, Frankreich 1981)

Meine Besprechung von Alain Corneaus „Love Crime“ (Crime d’amour, Frankreich 2010)

Mein Nachruf auf Alain Corneau

 

Alain Corneau in der Kriminalakte


Cover der Woche

November 24, 2015

McIlvanney - Laidlaw - Dumont Noir


TV-Tipp für den 24. November: Cop Land

November 24, 2015

RTLnitro, 20.15

Cop Land (USA 1997, Regie: James Mangold)

Drehbuch: James Mangold

Freddy Heflin hat als frühes Gnadenbrot eine Stelle als Sheriff in Garrison, New Jersey bekommen. Die Einwohner sind von ihm bewunderte New Yorker Polizisten. Als eines Tages ein Interner Ermittler aus New York ihn um Hilfe bei Ermittlungen gegen korrupte Polizisten bittet, muss Heflin sich zwischen seinem Job und dem polizeilichen Ehrenkodex entscheiden.

Gutes Schauspielerkino mit einem kräftigen Touch 70-Jahre-Kino und einem genießbaren Stallone, der in diesem Cop-Movie versuchte von seinem Rambo/Rocky-Image wegzukommen. Inzwischen ist er wieder bei „Rocky“ und „Rambo“ angekommen, drehte mit einer Action-All-Star-Besetzung „The Expendables“ (über Söldner, die tun, was Söldner tun), zwei Fortsetzungen und, als neuesten Film, „Creed“. Einen weiteren, 132 Minuten langen Rocky-Film, der diese Woche in den USA und am 14. Januar bei uns anläuft. Die ersten Kritiken sind äußerst positiv.

Mit Sylvester Stallone, Robert De Niro, Harvey Keitel, Ray Liotta, Peter Berg, Michael Rapaport, Annabella Sciorra, Robert Patrick, Noah Emmerich

Wiederholung: Mittwoch, 25. November, 00.10 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Wikipedia über „Cop Land“ (deutsch, englisch)

Rotten Tomatoes über „Cop Land“

Meine Besprechung von James Mangolds “Wolverine – Weg des Kriegers” (The Wolverine, USA 2013)


Vorgeschichten zu „Mad Max: Fury Road“

November 23, 2015

Miller - Mad Max Fury Road - 4

Der jetzt erschienene Comic „Mad Max: Fury Road“ erzählt, wie es ja derzeit öfter gemacht wird, die Vorgeschichte zu George Millers Actiongewitter „Mad Max: Fury Road“, das im Mai in den Kinos anlief und von den meisten Kritikern und Fans der ursprünglichen Trilogie abgefeiert wurde. Ich fand den Film mit seiner nicht sonderlich überzeugenden Geschichte insgesamt etwas langweilig.
In dem Film hilft Mad Max Imperator Furiosa und einigen wohlproportionierten Frauen auf ihrer Flucht vor Immortan Joe, dem Herrscher über die Zitadelle, durch die Wüste in das gelobte Land. Die Geschichte spielt in einer postapokalyptischen Wüstenwelt, in der Wasser und Benzin (zwei Dinge, die ein echter Mann braucht) knapp sind.
Was vor dem Film geschah verrät jetzt der Comic, der, nun, einige Hintergründe über Mad Max, Imperator Furiosa, Immortan Joe und Nux verrät.
Bei Nux, der im Film ein durchgeknallter Kriegsjunge ist und Mad Max zunächst als Blutlieferanten benutzt, erfahren wir, wie er als kleines Kind in die Festung von Immortan Joe kam.
Immortan Joe war früher ein militanter Ex-Soldat, der sich Colonel Joe Moore nannte. Seine Handlanger, mit denen er durch das postapokalyptische Wüstenland marodierte, hatten farbige Namen wie Major Kalaschnikow. In der Zitadelle, einem uneinnehmbaren Höhlenmassiv, will er sein Reich errichten. Dafür muss er die bisherigen Bewohner besiegen.
Diese beiden Geschichten erzählen Ereignisse, die so weit vor der Filmhandlung liegen, dass sie dafür höchstens vernachlässigbares Hintergrundwissen sind.
Später, als Immortan Joe schon der Herrscher über die Zitadelle ist, bewacht Furiosa die Frauen, die von ihm als Gebärmaschinenen gefangen gehalten werden. Sie entschließt sich ihnen zu helfen und wenige Minuten später beginnt die Filmgeschichte. Diese Geschichte leidet darunter, dass sie uns einerseits etwas erzählt, was wir uns aus dem Film denken können und das uns andererseits nicht sonderlich interessiert. Denn dass Furiosa den Frauen vor dem Bösewicht und seinen debilen Schergen retten will, ist Motivation genug.
Bei Max Rockatansky, genannt Mad Max, wird zuerst die Geschichte der drei vorherigen „Mad Max“-Filme (mit Mel Gibson als Mad Max; in „Mad Max: Fury Road“ wird Max von Tom Hardy gespielt) erzählt. Dann erkämpft er sich in einer dieser abgewrackten Industriestädte, die wir aus den Filmen kennen, einen neuen Motor für sein Auto und er soll für eine Mutter ihr Kind aus der Gefangenschaft retten.
Diese beiden actionhaltigen Episoden aus dem Leben von Mad Max haben, bis auf einige verzichtbare Andeutungen, nichts mit dem Film zu tun und könnten auch nach ihm spielen. Trotzdem, oder gerade deswegen, sind sie die besten Geschichten des Sammelbandes.
Insgesamt ist der Comic, für den „Mad Max“-Regisseur George Miller die Geschichten schrieb, eine verzichtbare Ergänzung zu dem Spielfilm. Die Geschichten fügen ihm nichts hinzu und ohne die Kenntnis des Films hängen vor allem die Episoden mit Immortan Joe, Nux und Imperator Furiosa, die ungefähr die Hälfte des Sammelbandes ausmachen, im luftleeren Raum.
–
George Miller/Mark Sexton/Nico Lathaoris/Tristan Jones/Riccardo Burchielli: Mad Max: Fury Road
(übersetzt von ?)
Panini, 2015
148 Seiten
19,99 Euro
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Originalausgabe
Mad Max: Fury Road – Max 1 – 2
Mad Max: Fury Road – Furiosa 1
Mad Max: Fury Road – Nux & Immortan Joe 1
DC Comics/Vertigo, 2015
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Hinweise

DC Comics: Mark Sexton über die Entstehungsgeschichte des Comics

Meine Besprechung von George Millers „Mad Max: Fury Road“ (Mad Max: Fury Road, Australien/USA 2015)

Meine Besprechung von Davide Dileo/Victor Gischler/Riccardo Burchielli/Francesco Mattinas „Highway to Hell – Kopflos in die Hölle“ (Highway to Hell, 2014)


TV-Tipp für den 23. November: Citizenfour

November 23, 2015

ARD, 22.45
Citizenfour (Citizenfour, USA/Deutschland 2014)
Regie: Laura Poitras
Drehbuch: Laura Poitras
TV-Premiere der äußerst sehenswerten, mit dem Oscar für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnete Dokumentation über „Citezenfour“ Edward Snowden. Laura Poitras filmte in einem Hotelzimmer in Hongkong die ersten Gespräche zwischen NSA-Mitarbeiter Snowden und Glenn Grennwald. Sie dokumentierte den vielleicht wichtigsten Zeitpunkt für unser gewandeltes Verhältnis zur globalen Überwachung durch die Geheimdienste. Und allein schon das macht „Citizenfour“ sehenswert.
Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.
Wer die Uhrzeit für eine Frechheit hält, sollte am Freitag den Sender „Tagesschau 24“ suchen. Dort läuft die Doku bereits um 21.02 Uhr.
mit Edward Snowden, Glenn Greenwald, Laura Poitras, William Binney, Jacob Appelbaum, Ewen MacAskill, Jeremy Scahill
Wiederholung: Freitag, 27. November, Tagesschau 24, 21.02 Uhr

Hinweise
Deutsche Facebook-Seite zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Citizenfour“
Moviepilot über „Citizenfour“
Metacritic über „Citizenfour“
Rotten Tomatoes über „Citizenfour“
Wikipedia über „Citizenfour“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Glenn Greenwalds „Die globale Überwachung“ (No place to hide, 2014)

Meine Besprechung von Laura Poitras’ „Citzenfour“ (Citizenfour, USA/Deutschland 2014) (mit weiteren Video-Interviews) und der DVD (ebenfalls mit Bonusmaterial)


TV-Tipp für den 22. November: Der Smaragdwald

November 22, 2015

Arte, 20.15
Der Smaragdwald (Großbritannien 1985, Regie: John Boorman)
Drehbuch: Rospo Pallenberg
Während der Vater als Ingenieur ein Staudammprojekt im Amazonas überwacht, verschwindet sein siebenjähriger Sohn Tommy spurlos. Bill Markahm sucht ihn und als er ihn nach einer zehnjährige Suche bei einem zurückgezogen lebendem Indiostamm findet, erlebt er eine Überraschung.
Man kann „Der Smaragdwald“ als geglückte und sehr eigenständige Variante von John Fords „Der schwarze Falke“ (mit John Wayne) sehen, oder einfach als ein bildgewaltiges, von einem wahren Fall von 1972 inspiriertes Ökoabenteuer. Während der Dreharbeiten erfuhr Boorman von weiteren ähnlichen Fällen.
In jedem Fall ist „Der Smaragdwald“ ein weiterer lohnenswerter Film von Regisseur John Boorman („Point Blank“, „Beim Sterben ist jeder der erste“, „Der Genera“, „Der Schneider von Panama“). Es ist ein vor Ort gedrehtes, facettenreiches Plädoyer für den Schutz des Regenwaldes und die Rechte der Ureinwohner.
„Ein meisterhafter Abenteuerfilm von mitreisender Schönheit ist dabei entstanden – als geglückte Mischung aus Fantasy- und Actionelementen, aus Mythologie und Anthropologie -, der sich nie in einer idyllisch-heilen Scheinwelt verliert, sondern beiläufig und unaufdringlich an die Gefährdung des Dschungels und seiner Bewohner durch Technik und Zivilisation gemahnt.“ (Fischer Film Almanach 1986)
mit Powers Boothe, Meg Foster, Charley Boorman, William Rodriguez, Yara Vaneau, Estee Chandler, Dira Paes, Rui Polonah, Maria Helena Velasco, Tetchie Agbayani, Claudio Moreno

Wiederholungen

Montag, 23. November, 14.00 Uhr

Freitag, 11. Dezember, 14.00 Uhr

Hinweise
Arte über „Der Smaragdwald“
Rotten Tomatoes über „Der Smaragdwald“
Wikipedia über „Der Smaragdwald“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von John Boormans „Zardoz“ (Zardoz, USA 1973 – Kult mit Sean Connery)
John Boorman in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 21. November: Tatort: Kressin und der Mann mit dem gelben Koffer

November 21, 2015

HR, 21.40
Tatort: Kressin und der Mann mit dem gelben Koffer (Deutschland 1972, Regie: Michael Verhoeven)
Drehbuch: Wolfgang Menge
Zollfahnder Kressin sucht einen verschwundenen gelben Koffer, in dem Unterlagen über schmutzige Waffendeals sind. Für den Koffer interessiert sich auch der Gentleman-Gangster Sievers, ein alter Bekannter von Kressin.
Damals war Zollfahnder Kressin so etwas wie die deutsche TV-Ausgabe von James Bond. Heute sind die Abenteuer des Jungen mit der lockeren Dienstauffassung immer noch vergnüglich.
Kressin durfte zwischen 1971 und 1973 sieben Mal ermitteln. Vier der Drehbücher sind von Wolfgang Menge, der die besten Kressin-Tatorte schrieb. Und dann gibt es noch, vollkommen außer Konkurrenz, Sam Fullers durchgeknallten Kressin-Tatort „Tote Taube in der Beethovenstraße“, in dem er Zollfahnder sich schnell aus der Handlung verabschiedet.
mit Sieghardt Rupp, Ivan Desny, Paul Verhoeven, Günther Stoll, Friedrich von Thun, Friedrich Nowottny, Ernst Dieter Lueg, Fritz Eckhardt
Hinweise
Tatort-Fundus über Zollfahnder Kressin
Wikipedia über Zollfahnder Kressin


Neu im Kino/Filmkritik: Was steht im „The Diary of a Teenage Girl“?

November 20, 2015

San Francisco, 1976: Teenager Minnie Goetze (Bel Powley) ist ein leicht pummeliges Mädchen, das lieber in ihrem Zimmer im Robert-Crumb-Stil (aber ohne dessen Weltsicht) Comics zeichnet als mit Klassenkameradinnen US-amerikanischen Schönheitsidealen zwischen Cheerleadertum und Sex mit dem Star der Footballmanschaft hinterherzuhecheln. Gleichzeitig erlebt sie die ganz normale Teenagerhölle, in der sie sich fragt, ob jemals irgendjemand Sex mit ihr haben will. Ihre lebenslustige, ungefähr doppelt so alte Mutter Charlotte (Kristen Wiig), ein immer noch nicht erwachsen gewordener scharfer Feger, der sich auch in der Alternativkultur tummelt (sicher inclusive dem regelmäßigen „The Grateful Dead“-Konzertbesuch), ist ihr bei der Selbstfindung keine große Hilfe. Ihr anzugtragender Vater (Christopher Meloni) ist zwar ansprechbar, aber er und Charlotte sind schon länger geschieden.
Außerdem hat Charlotte inzwischen einen neuen Freund, der auch Minnie gefällt. Monroe Rutherford (Alexander Skarsgård) ist wirklich nett. Minnie glaubt, dass er mehr als quasi-väterliche Gefühle für sie hat und sie hält ihn für den perfekten Mann für den ersten Sex.
Sie hat recht und damit beginnen die Probleme.
Das hätte, auch vor dem Hintergrund der liberalen siebziger Jahre, leicht schief gehen können. So in Richtung Klamotte mit Vulgärhumor. Aber Marielle Heller erzählt Minnies Geschichte in ihrem Spielfilmdebüt zurückhaltend aus der unschuldig-experimentierfreudigen Sicht eines 15-jährigen Mädchens. Der Film basiert auf dem semi-autobiographischen Buch von Phoebe Gloeckner, einer Mischung aus Comic und Roman. Heller verarbeitete das Buch bereits zu einem Theaterstück mit ihr in der Hauptrolle. Diese Mischung aus Roman und Comic überträgt sie in den Film, indem Minnie versucht, ihre Gefühle in ihrem akustischen Tagebuch und in ihren Zeichnungen (die teilweise für den Film animiert werden) auszudrücken. Dabei ist Minnie eine angenehm frei denkende Protagonistin, die die Welt erkunden will.
„The Diary of a Teenage Girl“ ist, weil Minnie nie verurteilt wird, ein durchgängig harmlos wirkender Film, den man, trotz etlicher Nacktszenen, bedenkenlos allen als Teenagerdrama, das ihre Protagonistin und ihre Gefühle ernst nimmt, empfehlen kann.
Das gesagt, muss ich auch sagen, dass ich nicht zur Zielgruppe von „The Diary of a Teenage Girl“ gehöre. Die, Teenager, vor allem weibliche Teenager, verliehen dem Film auf der diesjährigen Berlinale den Großen Preis der Internationalen Jury von Generation 14plus. Dummerweise können diese Jugendlichen den Film jetzt wegen der FSK-16-Freigabe nicht im Kino sehen.
Das Problem hatte Hark Bohm vor gut dreißig Jahren mit seinem Jugenddrama „Nordsee ist Mordsee“ auch. Damals gab es Proteste gegen die zu hohe FSK-Freigabe, die verhinderte, dass das Zielpublikum den Film sehen konnte.

The Diary of a Teenage Girl - Plakat

The Diary of a Teenage Girl (The Diary of a Teenage Girl, USA 2015)
Regie: Marielle Heller
Drehbuch: Marielle Heller
LV: Phoebe Gloeckner: The Diary of a Teenage Girl: An Account in Words and Pictures, 2002
mit Bel Powley, Alexander Skarsgård, Christopher Meloni, Kristen Wiig
Länge: 102 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
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Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „The Diary of a Teenage Girl“
Moviepilot über „The Diary of a Teenage Girl“
Metacritic über „The Diary of a Teenage Girl“
Rotten Tomatoes über „The Diary of a Teenage Girl“
Wikipedia über „The Diary of a Teenage Girl“ (deutsch, englisch)
Berlinale über „The Diary of a Teenage Girl“

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Ein Gespräch mit der Regisseurin und der Hauptdarstellerin


TV-Tipp für den 20. November: Der Banker – Master of the Universe

November 20, 2015

ARD Alpha, 20.15
Der Banker – Master of the Universe (Deutschland/Österreich 2013, Regie: Marc Bauder)
Drehbuch: Marc Bauder
Ex-Banker Rainer Voss plaudert aus dem Nähkästchen.
Das ist aszinierend anzuhören und liefert einen fundierten Einblick in einen Wirtschaftszweig, der einmal dafür gedacht war, Firmen das nötige Kapital für ihre Arbeit zu besorgen – und weil Bauder nur in einer verlassenen Bank drehte, sind die ästhetisch ansprechenden Bilder von leeren Büros auch ein süffisanter Kommentar zur glänzenden Fassade der Bankenwelt, die wie eine Sekte von ihren Jüngern bedingungslose Gefolgschaft fordert.
mit Rainer Voss

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Master of the Universe“

Moviepilot über „Master of the Universe“

Meine Besprechung von Marc Bauders „Master of the Universe“ (Deutschland/Österreich 2013) (mit zwei weiteren Clips, in denen die Macher über den Film reden)


Neu im Kino/Filmkritik: „Mia Madre“, der neue Film von Nanni Moretti

November 19, 2015

Es beginnt mit einem zünftigem Arbeiteraufstand. Gemeinsam, revolutionäre Parolen skandierend, marschieren die Arbeiter gegen die Polizei, die verschlossenen Werktore und den Kapitalismus. Das ist bestes italienisches Siebziger-Jahre-Agitpropkino und Kino ist es auch. Denn schnell unterbricht Margherita (Margherita Buy) den Kampf für ein Gespräch mit ihrem Kameramann.
Margherita ist eine erfolgreiche Regisseurin, die sich gerade von ihrem Freund getrennt hat und ihre flügge werdende Tochter, die einen Führerschein für wichtiger als eine gute Lateinnote hält, lebt bei ihrem Vater. Neben den Dreharbeiten für ihr Arbeiterdrama, – einer der Filme, die heute nicht mehr gemacht werden -, kümmert sie sich auch, wenn sie die Zeit dafür findet, um ihre im Krankenhaus im Sterben liegende Mutter Ada (Giulia Lazzarini). Ihr Bruder Giovanni (Nanni Moretti, eine Legende des italienischen Kinos) kümmert sich vor allem liebevoll um Ada, die, als frühere Lehrerin, immer noch alle mit ihrem enzyklopädischem Wissen beeindruckt. Er scheint auch, nach seiner Kündigung, mit sich und seinem Leben im Reinen zu sein, während Margherita von Selbstzweifeln geplagt ist. Sie steht im Mittelpunkt von „Mia Madre“.
Ihre Selbstzweifel sind die von Nanni Moretti. Immerhin verarbeitet er seit Jahrzehnten in seinen Filmen auch immer persönliche Erlebnisse, oft stellte er sich, seine Gefühle, seine politischen Ansichten und seine Zweifel in den Mittelpunkt seiner Filme, in denen er die Wünsche, Sehnsüchte und Zweifel des linken Bürgertums reflektierte. Auch „Mia Madre“ ist so ein persönlicher Film, der deshalb auch als inoffizielles Making-of zu seinem vorherigen Film „Habemus Papam – Ein Papst büxt aus“ (2011) gesehen werden kann. So hatte Moretti damals Probleme mit Michel Piccoli, dem großen Star des Films, und während des Drehs starb seine Mutter, die ebenfalls eine Lateinlehrerin war.
Es ist, auch wegen des Themas, ein sehr humorfreier, fast schon depressiver Film. Ganz im Gegensatz zu dem verspielten „Liebes Tagebuch“, mit dem er vor über zwanzig Jahren in Deutschland endlich bekannt wurde.
Allerdings funktioniert die Balance aus Szenen von den anstrengenden Dreharbeiten (inclusive der Zweifel, ob ihr relevanter Film wirklich relevant ist), übereilten Krankenhausbesuchen, Gesprächen mit der Tochter, Erinnerungen und Träumen, vor allem realistische Alpträume (wie ihre unter Wasser stehenden Wohnung) nicht wirklich. Was auch daran liegt, dass die Szenen von den Drehbarbeiten mit dem großen US-Star Barry Huggins (John Turturro) etwas zu sehr auf Klamauk angelegt sind. Andererseits reflektiert eben diese leichte Unausgewogenheit zwischen den verschiedene Anforderungen mit denen Margherita kämpft, auch ihre Selbstzweifel und ihr vor allem durch das Sterben ihrer Mutter aus dem Gleichgewicht geratenes Leben.
Die für Margherita und uns am Filmende kommende große Enthüllung über ihre Mutter ist dann auch zu unvermittelt, um wirklich zu überzeugen. Es wirkt eher wie ein schlecht platzierter Taschenspielertrick.
Das gesagt, ist „Mia Madre“ natürlich ein Film, der seine Figuren mit großer Sympathie betrachtet und der sich fragt, wie man zwischen Beruf und Privatleben eine Balance findet, sich verändert und wie man mit dem Sterben seiner Eltern umgeht. Denn das Leben ist nicht perfekt. Und da wäre ein perfekter Film auch die falsche Antwort, weshalb „Mia Madre“ dann vielleicht gerade deswegen perfekt ist.
Auch ohne Vespa.

Mia Madre - Plakat

Mia Madre (Mia Madre, Italien/Frankreich 2015)
Regie: Nanni Moretti
Drehbuch: Nanni Moretti, Francesco Piccolo, Valia Santella (nach einem Treatment von Gaia Manzini, Nanni Moretti, Valia Santella und Chiara Valerio)
mit Margherita Buy, John Turturro, Giulia Lazzarini, Nanni Moretti, Beatrice Mancini, Stefano Abbati
Länge: 112 Minuten
FSK: ab 6 Jahre
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Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „Mia Madre“
Moviepilot über „Mia Madre“
Metacritic über „Mia Madre“
Rotten Tomatoes über „Mia Madre“
Wikipedia über „Mia Madre“ (englisch, italienisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Stonewall“, eine nicht besonders gelungene Geschichtsstunde

November 19, 2015

Auf der technischen Ebene gibt es bei „Stonewall“ nichts zu meckern. Roland Emmerich hatte mit 13,5 Millionen Dollar zwar nur ein arg überschaubares Budget, das in Hollywood-Kategorien im kleineren Independent-Bereich liegt (sogar Clint Eastwoods „Million Dollar Baby“ kostete 30 Millionen Dollar), aber schon mit seinen ersten Filmen – „Das Arche-Noah-Prinzip“, „Joey“ und „Moon 44“ – zeigte er, dass er mit wenig Geld beeindruckend tricksen kann. Und so sieht „Stonewall“ teurer aus als er war.
Auch über die Schauspieler kann nicht wirklich gemeckert werden. Große Namen fehlen zwar, aber Ron Perlman und Jonathan Rhys Meyers sieht man immer wieder gerne und Hauptdarsteller Jeremy Irvine („Gefährten“, „Die Liebe seines Lebens“, „The Reach“) ist auf dem Weg zum Star.
Aber sie und der gesamte Film haben mit einem extrem schlechten Drehbuch zu kämpfen, das ohne eine wirkliche Geschichte Klischees aneinanderreiht und jede Analyse vermissen lässt. Das wird einem beim Abspann, wenn wir etwas über die wahren Hintergründe wichtiger Figuren des Films erfahren, schmerzhaft bewusst. Denn der Schwule im Anzug, der Schwule auf der Parkbank und die nervige Transe waren später wichtige Figuren der Schwulenbewegung. Im Film gibt es dafür kein Anzeichen. Er verschenkt hier ohne Not sein Potential als wahre Geschichte ohne sich wirklich auf eine andere zu konzentrieren. Es gibt zwar immer wieder Ansätze, aber weder der Krimiplot, noch die Verflechtung zwischen Polizei und Mafia, noch die sozio-politische Analyse, noch die Liebesgeschichte werden auch nur halbwegs vorangetrieben. Jeder dieser Ansätze verpufft letztendlich folgenlos.
Im Mittelpunkt des Films steht Danny Winters (Jeremy Irvine), ein Junge vom Lande, der von seinem konservativen Vater, nachdem Dannys Homosexualität schulbekannt wurde, vor die Tür gesetzt wird. Weil die Columbia Universität Danny aufnehmen würde, macht er sich auf den Weg nach New York. In Greenwich Village trifft er in der Christopher Street dann auch gleich auf das bunte Leben der Ausgestossenen. Sie sind nicht schwul, sondern SCHWUL oder S! C! H! W! U! L! und damit nur noch die schreienden Klischees von Klischees über die verrückten Großstädter, die Landbewohner, die niemals die Grenze ihres Landkreises überschritten haben, über das verruchte Leben in der Großstadt haben. Trotzdem wirkt Danny nicht sonderlich schockiert. Er betritt diese neue Welt, in der Männer mit Männern auch in der Öffentlichkeit, gegen jeden Anstand und Gesetz Sex miteinander haben, als sei deren Leben vollkommen normal. Schockiert ist er dagegen von der Polizeigewalt, die er gleich am ersten Abend erleben muss.
Und weil diese schwule Coming-of-Age-Geschichte 1969 in den Tagen vor den Stonewall-Unruhen spielt, gibt es dann auch, als Höhepunkt, die für die Schwulenbewegung sehr wichtigen Unruhen, für die es in der Realität einige Erklärungen gibt. Im Film wird dagegen letztendlich jede Erklärung vermieden. Es ist einfach eine Randale, die entsteht, weil die Polizei, wieder einmal, eine Razzia in der Kneipe durchführt.
Damit wird im Film die Bedeutung der Stonewall-Unruhen für die Schwulenbewegung allerdings sträflich heruntergespielt.
Diese durchgehende Abneigung gegen jede Analyse zugunsten einer in schönsten Nicholas-Sparks-Bildern inszenierten Schmonzette ohne eine Liebesgeschichte, ohne erinnerungswürdige Charaktere (obwohl die Schauspieler sich bemühen) und damit ohne jegliche Dynamik steht immer auf der Kippe zur unfreiwilligen Komik, bei der man nur noch darauf wartet, dass die Schauspieler plötzlich beginnen zu singen; – was sie bei den hübsch inszenierten Unruhen, die im Film nicht mehrere Tage, sondern nur einige Minuten an einem Sommerabend dauern, tun.
In den USA bekam „Stonewall“ den ganzen Hass der LGBT-Bewegung (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender) ab, die Kritik stampfte den Film ein und an der Kinokasse war die Schmonzette mit mildem Trash-Potential ein Flop. So schlecht ist „Stonewall“ nicht. Aber es ist auch kein guter Film und es ist, trotz seines Titels, auch nicht der Film, der die Geschichte der Bar „Stonewall Inn“, der Schwulen, Lesben und Transsexuellen in den Sechzigern in den USA, der beginnenden Schwulenbewegung und dem Christopher Street Day, der erstmals ein Jahr nach den Stonewall-Unruhen als Demonstration gegen Polizeiwillkür stattfand, erzählt.
„Stonewall“ erzählt nur von einem Landei, das zufällig im Sommer 1969 in Greenwich Village war.

Stonewall - Plakat

Stonewall (Stonewall, USA 2015)
Regie: Roland Emmerich
Drehbuch: Jon Robin Baitz
mit Jeremy Irvine, Jonny Beauchamp, Jonathan Rhys Meyers, Ron Perlman, Joey King, Caleb Landry Jones, Matt Craven, Vladimir Alexis, Otoja Abit, Alex Nachi, Matt Craven, David Cubitt, Andrea Frankle, Karl Glusman, Ben Sullivan
Länge: 129 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Film-Zeit über „Stonewall“
Moviepilot über „Stonewall“
Metacritic über „Stonewall“
Rotten Tomatoes über „Stonewall“
Wikipedia über „Stonewall“ (deutsch, englisch) und die wahren Ereignisse, die den Film nicht wirklich inspirierten (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Roland Emmerichs „White House Down“ (White House Down, USA 2013)

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Q&A zum Film auf dem TIFF (scheint keine bessere Aufnahme zu geben)


TV-Tipp für den 19. November: Der bewegte Mann

November 19, 2015

Eins Festival, 20.15/23.35
Der bewegte Mann (Deutschland 1994, Regie: Sönke Wortmann)
Drehbuch: Sönke Wortmann
LV: Ralf König: Der bewegte Mann, 1987; Pretty Baby, 1988
Nachdem Doro ihren Freund Axel wieder einmal mit einer anderen Frau erwischt, wirft sie den ständig untreuen Frauenhelden aus der gemeinsamen Wohnung. Notgedrungen zieht er in eine schwule Wohngemeinschaft ein.
Komödienkinohit, der Ralf Königs grandiose Bildergeschichten mainstreamtauglich verflachte.
Mit Til Schweiger, Katja Riemann, Joachim Król, Rufus Beck, Armin Rohde, Martina Gedeck, Kai Wiesinger, Christof Wackernagel, Heinrich Schafmeister, Leonard Lansink (ach, waren die damals alle noch jung)
Hinweise
Filmportal über „Der bewegte Mann“
Wikipedia über „Der bewegte Mann“ und Ralf König
Homepage von Ralf König
Meine Besprechung von Sönke Wortmanns „Frau Müller muss weg“ (Deutschland 2014)


„Wilsberg – Ein bisschen Mord muss sein“, ein bisschen Spaß darf es sein

November 18, 2015

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„Der neue Wilsberg“ – ich hätte nicht gedacht, dass ich das noch einmal schreiben darf. Denn der letzte Wilsberg-Roman „Wilsberg und die dritte Generation“ von Jürgen Kehrer liegt neun Jahre zurück. Danach gab es zwar noch eine Kurzgeschichtensammlung und einen „Wilsberg trifft Pia Petry“-Roman, den Kehrer zusammen mit Petra Würth schrieb; was halt etwas anderes als ein Wilsberg-Roman ist. Und natürlich läuft die beliebte TV-Serie, für die Kehrer auch einige Drehbücher schrieb, immer noch erfolgreich im ZDF. Am Samstag, den 28. November, zeigt das ZDF um 20.15 Uhr den neuen Wilsberg-Krimi „Bittere Pillen“.
Aber insgesamt hatte ich den Eindruck, dass für Jürgen Kehrer das Kapitel „Wilsberg in Romanform“ abgeschlossen ist und er andere Romane, wie die bei rororo erscheinenden Krimis mit Kommissar Bastian Matt und Rechtsmedizinerin Yasi Ana, schreibt.
Und jetzt „Wilsberg – Ein bisschen Mord muss sein“, der schon auf den ersten Blick mit seinen schlanken 192 Seiten an die früheren Wilsberg-Romane anschließt.
Wilsberg soll für seinen Studienkumpel Wolfram Schniederbecke einen Geldkoffer überbringen. Während des Studiums war Schniederbecke ein Frauenschwarm und Punkmusiker. Heute ist er als Wolf Schatz immer noch ein Seitensprüngen nicht abgeneigter, verheirateter Frauenschwarm und ein erfolgreicher Schlagersänger, der Spielschulden bei einem Russen-Mafiosi hat. Wilsberg übernimmt für ein erkleckliches Honorar den Auftrag. In dem Hotel will allerdings niemand den Koffer in Empfang nehmen.
Als Wilsberg das Hotel verlassen will, sieht er Schatz auf dem Hotelparkplatz in seinem Auto sitzen, das auch gleich in die Luft fliegt. Wilsberg überlebt den Anschlag leicht verletzt und er macht sich mit dem Geld aus dem Staub, bevor die Polizei auftaucht.
Überflüssig zu sagen, dass die Polizei doch einige Stunden später bei ihm anklopft, Hauptkommissarin Bauer und Kommissar Langenbeck überhaupt nicht begeistert sind und Wilsberg herausfinden will, wer Wolf Schatz ermordete.
In „Wilsberg – Ein bisschen Mord muss sein“ legt Jürgen Kehrer schnell genug falsche Spuren aus, um Georg Wilsberg ordentlich zu beschäftigen und die Handlung bewegt sich zwischen den falschen Spuren und den zahlreichen Rätseln, die oft neue Fragen aufwerfen, angenehm schnell voran. Das ist eine sehr vergnügliche Krimilektüre und eine sehr willkommene Wiederbegegnung mit dem Buch-Wilsberg, die mir allerdings auch etwas zu sehr mit dem Blick auf eine Verfilmung geschrieben ist und sie das in jeder Beziehung schreckliche Schlager-Milieu nur am Rand streift.
Wobei, das muss auch gesagt werden, die definitive Satire auf die heile Welt des Schlagers bereits 1994 als BR-Tatort „…und die Musi spielt dazu“ (Drehbuch: Ortun Erkener, Regie: Hanns-Christian Müller) mit den Kommissaren Ivo Batic und Franz Leitmayr gemacht wurde.
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Jürgen Kehrer: Wilsberg – Ein bisschen Mord muss sein
grafit, 2015
192 Seiten
9,99 Euro
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Hinweise

Homepage von Jürgen Kehrer

Wikipedia über Jürgen Kehrer

Meine Besprechung von Jürgen Kehrers „Wilsberg und die dritte Generation“ (2006)

Meine Besprechung von Jürgen Kehrers „Fürchte dich nicht“ (2009)

Meine Besprechung von Jürgen Kehrers „Wilsbergs Welt“ (2012)

Jürgen Kehrer in der Kriminalakte