Zusammen mit ihrem Freund fährt Judith, die in Berlin als Notärztin arbeitet, nach Österreich. Dort hat sie das in der tiefsten Provinz stehende Haus ihrer ihr unbekannten Eltern geerbt. Sie will es sich ansehen und verkaufen. Aber die Dorfbewohner wollen sie nicht mehr gehen lassen. Sie soll die Praxis ihres Vaters übernehmen.
Schnell bemerkt Judith, dass es in dem Dorf Kräfte gibt, die mit allen Mitteln verhindern wollen, dass sie wieder nach Berlin fährt.
„Welcome Home Baby“ ist ein psychologischer Horrorfilm, der von Andreas Prochaska atmosphärisch dicht und mit einigen eindrücklichen Bildern inszeniert wurde. Allerdings dürfte jeder Horrorfilmfan spätestens zwei Minuten nach der Ankunft von Judith und ihrem Freund in dem Dorf ahnen, wie der Film endet und was das sorgsam gehütete Geheimnis der Dorfgemeinschaft ist. Insofern kopiert der Regisseur von „In 3 Tagen bist du tot“ und „Das finstere Tal“ gekonnt, aber wenig innovativ bekannte Genremuster und überträgt sie in die österreichische Provinz.
Welcome Home Baby (Österreich/Deutschland 2025)
Regie: Andreas Prochaska
Drehbuch: Andreas Prochaska, Daniela Baumgärtl, Constantin Lieb
mit Julia Franz Richter, Reinout Scholten van Aschat, Gerti Drassl, Maria Hofstätter, Erika Mottl, Gerhard Liebmann
Seit über zwanzig Jahren lebt Ray Stoker (Daniel Day-Lewis) irgendwo Großbritannien, weitab von der Zivilisation im Wald in einer Hütte. Den Kontakt zu seiner in Sheffield lebenden Familie hat er abgebrochen. Es handelt sich um eine selbstauferlegte Buße für etwas, das während des Nordirlandkonfliktes, den Troubles, geschah. Damals waren er und sein Bruder in Nordirland stationiert.
Weil es jetzt, Mitte der neunziger Jahre, Probleme in der Familie gibt, besucht ihn sein Bruder Jem (Sean Bean). Er will Ray überzeugen, in die Zivilisation zurückzukehren. Davor wühlen die beiden unterschiedlichen Brüder erst einmal in ihrer Vergangenheit herum.
Neun Jahre nach seinem letzten Spielfilm – Paul Thomas Andersons „Der seidene Faden“ (Phantom Thread) und seinem selbsterklärten Rückzug in den Ruhestand – kehrt der bei seinen Rollen extrem wählerische Daniel Day-Lewis mit „Anemone“ auf die Leinwand zurück. Die Erklärung dafür dürfte sein, dass er das Drehbuch zusammen mit seinem 1998 geborenem Sohn Ronan Day-Lewis schrieb und Ronan Day-Lewis mit dem Film sein Spielfilmdebüt gibt. Es ist also eine Familienangelegenheit und die Förderung eines Familienmitglieds.
Ronan hat sich für sein Debüt seinen schweren Stoff ausgesucht. Es geht um Glaube, Schuld und Sühne vor dem Hintergrund der Troubles, erzählt als karges, fast ausschließlich in einer Hütte spielendem Zwei-Personenstück. Ronan hat ein Auge für atmosphärische Bilder und zwei unbestritten talentierte Hauptdarsteller, die wahrscheinlich auch ohne irgendeine Regieanweisung gut spielen können.
Aber sie müssen mit einem Drehbuch kämpfen, das ihnen wenig zum Spielen gibt. Die meiste Zeit schweigen sie sich, unterbrochen von einigen Monologen, an. Über ihre Vergangenheit reden sie meistens nur in Andeutungen. Schließlich geht es um ihnen bekannte Erinnerungen, Verletzungen und Vorwürfe. Da genügen dann ein zwei Stichworte und ein zustimmendes Nicken. Die beiden Miesepeter Ray und Jem wissen, über was sie sich vorwurfsvoll anschweigen. Aber der Zuschauer bleibt in den Momenten außen vor. Erst langsam erschließt sich ihm, was damals geschah und warum Ray sich von der Welt zurückzog. Das erfährt er erst am Ende und angesichts des damals tobenden Bürgerkrieges erscheint der Grund für Rays über zwanzigjährige Buße (sogar verurteilte Mörder verbringen weniger Zeit im Gefängnis) unglaubwürdig. Das liegt auch daran, dass Ray als Figur in dieser schlecht konstruierten Charakterstudie zu sparsam gezeichnet ist.
Als Kurzgeschichte oder Novelle könnte diese Geschichte funktionieren. Im Kino funktioniert sie in dieser Form in keinster Weise nicht.
P. S.: Anemone ist das englische Wort für Windröschen.
Anemone (Anemone, Großbritannien/USA 2025)
Regie: Ronan Day-Lewis
Drehbuch: Ronan Day-Lewis, Daniel Day-Lewis
mit Daniel Day-Lewis, Sean Bean, Samantha Morton, Samuel Bottomley
Regie: Byron Howard, Rich Moore, Jared Bush (Ko-Regisseur)
Drehbuch: Jared Bush, Phil Johnston, Dan Fogelman (zusätzliches Material) (Nach einer Geschichte von Byron Howard, Jared Bush, Rich Moore, Phil Johnston, Jennifer Lee, Josie Trinidad und Jim Reardon)
Als Jung-Polizistin und Karnickel Judy Hopps mit dem verbrecherischen Fuchs Nick Wilde (Hey, er ist ein Fuchs!) den spurlos verschwundenen Mr. Otterton sucht, entdecken sie ein riesiges, Zoomania bedrohendes Komplott.
Äußerst gelungener Disney-Film mit sympathischer Botschaft und unzähligen Anspielungen, die jüngere Zuschauer übersehen werden. Aber die sollten um diese Uhrzeit auch im Bett sein.
Sangerhausen ist laut dem Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung eine kleine Mittelstadt. Für Julian Radlmaier ist die in Sachsen-Anhalt liegende Stadt ein mythischer Ort mit Verbindungen in die Vergangenheit und zur deutschen Seele. Novalis, der Dichter der Romantik, wurde in der Nähe geboren. Die in einem Schloss arbeitende Magd Lotte, so fabuliert Radlmaier in seinem Film, denkt beim Leeren des von Novalis gefüllten Nachttopfs nicht an die von ihm erfundene „blaue Blume“, sondern an ihre ökonomische Situation und die Französische Revolution. Etwas später brennt sie mit einem Steineschlucker durch. Vor ihren Verfolgern versteckt sie sich in einer Höhle.
In dem Moment springt Radlmaiers neuer Film „Sehnsucht in Sangerhausen“ in die Gegenwart. Ursula arbeitet als Putzfrau und Kellnerin und bräuchte eigentlich noch einen dritten schlecht bezahlten Job. Als sie ein Klassik-Trio trifft, das ihm Rahmen des Kultursommers im Ort ein Konzert gibt, und mit ihnen einige Zeit verbringt, denkt sie daran, Sangerhausen zu verlassen. Zur gleichen Zeit dreht die aus dem Iran geflohene Influencerin Neda touristische Videoclips über die Schönheiten von Sangerhausen und der Umgebung. Als ihr schrottreifes Auto endgültig den Geist aufgibt, bleibt sie länger als geplant in Sangerhausen und trifft eine alte Bekannte. Und Sung-Nam bietet in einem klimatisiertem Kleinbus Touristentouren an. Die meiste Zeit steht er, auf Kundschaft wartend, auf dem Marktplatz.
Diese durch ihre ökonomische Situation zu einer alle anderen Unterschiede überdeckenden Klasse gehörenden Menschen treffen sich irgendwann in und um Sangerhausen. Gemeinsam begeben sie sich auf eine Geisterjagd.
Im Hintergrund des munteren Treibens ist immer, als „Relikt der sozialistischen Bergbauindustrie“ (Radlmaier), die an eine Pyramide erinnernde, alles überragende Abraumhalde zu sehen. Dieser Berg aus Schutt, auf dem kein Grashalm wächst, soll nicht bestiegen werden.
Radlmaier erzählt dieses teils normale, teils skurrile Treiben in einer durchgehend ironischen Haltung, einem nüchternen Blick auf die Merkwürdigkeiten und Trostlosigkeiten des Lebens in der Provinz, etwas magischem Realismus und in langen Einstellungen. Mehr als einmal hoffte ich für die Schauspieler, dass er nicht zu den Regisseuren gehört, der seine Schauspieler Szenen Dutzende Male wiederholen lässt.
In jedem dieser bewusst kargen Bild ist seine bürgerliche Bildung und seine Zuneigung zur marxistischen Gesellschaftsanalyse spürbar. Aber er predigt nicht, er politisiert nicht und er verurteilt seine Figuren nicht. Das Ergebnis ist ziemlich spaßig und sehr zugänglich.
Langer Rede kurzer Sinn: „Sehnsucht in Sangerhausen“ ist ein typischer Radlmaier. Und das ist gut so.
Sehnsucht in Sangerhausen (Deutschland 2025)
Regie: Julian Radlmaier
Drehbuch: Julian Radlmaier
Montage (ausnahmsweise erwähnt): Julian Radlmaier
mit Clara Schwinning, Maral Keshavarz, Paula Schindler, Henriette Confurius, Ghazal Shojaei, Kyung-Taek Lie, Buksori Lie
Das ist ein Mord, der die besonderen Talente von Benoit Blanc (Daniel Craig) erfordert. In dem erfolgreichen Rätselkrimi „Knives Out“ (2019) überführte er im Kino den Mörder des Bestsellerautors Harlan Thrombey. Ein Familienmitglied ermordete Thrombey an seinem 85. Geburtstag in dem noblen Familienwohnsitz. In „Glass Onion: A Knives Out Mystery“ (2022) überführte Blanc auf Netflix den Mörder des Tech-Milliardärs Miles Bron. Während eines Krimi-Rollenspiels wurde Bron auf seiner Insel von einem der von ihm eingeladenen Spielteilnehmenden ermordet.
Jetzt überführt Benoit Blanc im Kino (für einige Tage) und ab dem 12. Dezember auf Netflix den Mörder von Monsignore Jefferson Wicks (Josh Brolin). Wicks führt im Staat New York eine ländliche Gemeinde mit ihm treu ergebenen Gläubigen und einer besonderen Verbindung zu weltlichen Einkünften. Wicks wurde während eines Gottesdienstes in einer Kammer ermordet, die man nur vom Altarraum aus betreten kann. Der junge Priester Jud Duplenticy (Josh O’Connor) entdeckte noch während des Gottesdienstes den Toten. Trotzdem beteuert er seine Unschuld. Duplenticy wurde wegen seines aufbrausenden, von tiefempfundenem Gerichtigkeitssinn geprägten Wesens zur Bewährung in Wicks‘ sündige Gemeinde versetzt.
Alle anderen Verdächtigen, die, wie Duplenticy im Voice-Over erzählt und gleichzeitig in einem Heft aufschreibt, ausgezeichnete Mordmotive hatten, saßen zum Tatzeitpunkt im Schiff auf den Kirchenbänken. Es handelt sich um die betont fromme, seit Ewigkeiten für den Monsignore klaglos alle Büroarbeiten übernehmende Martha Delacroix (Glenn Close), den umsichtigen Hausmeister Samson Holt (Thomas Haden Church), die verdächtig nervöse Anwältin Vera Draven (Kerry Washington), ihren Sohn, den aufstrebenden Politiker Cy Draven (Daryl McCormack), den Hausarzt Nat Sharp (Jeremy Renner), den zum Glauben bekehrten Bestsellerautor Lee Ross (Andrew Scott) und die Konzertcellistin Simone Vivane (Cailee Spaeny). Jeder von ihnen hat, wie es sich für einen Rätselkrimi gehört, ein Motiv und ein ausgezeichnetes Alibi.
Für Benoit Blanc ist dieser räselhafte Mord eine weitere Gelegenheit, seine besonderen Talente bei der Suche nach schlauen oder sich für schlau haltenden Mördern anzuwenden. Dabei kann er, zu unserem Vergnügen, neben den Verdächtigen auch die Polizeichefin Geraldine Scott (Mila Kunis) nerven.
Wieder einmal hat Rian Johnson ein hochkarätiges Ensemble versammelt. Wieder handelt es sich nur auf den ersten Blick um einen traditionellen Rätselkrimi, in dem der Ermittler geduldig verschiedene Spuren verfolgt, während der Zuschauer miträtselt, sondern um eine Komödie, die sich der Form des Rätselkrimis bedient. Wieder wird die Form mit zahlreichen Anspielungen und Verweisen auf andere Werke bedient. Rian Johnson hat seine Agatha-Christie-Sammlung gelesen. Und wieder hat das Ensemble erkennbar seinen Spaß dabei, möglichst amoralisch und verdächtig zu erscheinen.
Allerdings ist dieser Spaß mit 144 Minuten für einen Rätselkrimi auch zu lang geraten. Denn anstatt den Plot mit seinen falschen Spuren zügig zu entwickeln, gibt es eindeutig zu lang geratene Szenen, wie Wicks‘ Beichten vor seinem Kollegen Duplenticy, und zu viele Ab- und Umwege, die einfach beschritten werden, weil man die Zeit dafür hat. Entsprechend konfus gestalten sich dann Blancs‘ Ermittlungen. Sie wirken weniger wie die zielgerichteten Ermittlungen eines Detektivs, sondern mehr wie das Freizeitprogramm eines unaufmerksamen Kindes. Die von Autor und Regisseur Johnson ersonnene Lösung ist dann größtenteils Unfug. Anstatt dem überraschten Publikum am Ende einen (oder mehrere) Täter (oder Täterinnen) mit einem guten Motiv für ihre Tat und einem genialen, in sich stimmigem Plan zu präsentieren, wird ein auf den ersten Blick spektakuläres und überraschendes Ende gewählt, das, wenn man darüber nachdenkt, schneller als ein Kartenhaus in sich zusammen fällt und dabei das überzeugende Motiv und die wirklich guten Teile des Mordplans unter sich begräbt.
Wenn man die Lösung einfach als gottgegeben und gottgewollt hinnimmt, dann ist die witzige Rätselkrimi-Komödie „Wake up Dead Man“ (benannt nach einem „U2“-Song von ihrem 1997er Album „Pop“), trotz seiner epischen Länge, ein kurzweiliges, einfallsreich inszeniertes Vergnügen mit einem gut aufgelegtem Ensemble.
Wake up Dead Man: A Knives Out Mystery(Wake up Dead Man: A Knives Out Mystery, USA 2025)
Regie: Rian Johnson
Drehbuch: Rian Johnson
mit Daniel Craig, Josh O’Connor, Glenn Close, Josh Brolin, Mila Kunis, Jeremy Renner, Kerry Washington, Andrew Scott, Cailee Spaeny, Daryl McCormack, Thomas Haden Church, Jeffrey Wright
Länge: 144 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
–
Jetzt in einigen wenigen Kinos und auf Netflix ab 12. Dezember 2025.
Jung, militant, national – Die Neuen Rechten (Deutschland 2025)
Regie: ?
Drehbuch: ?
Brandneue 45-minütige Doku über die Rechtsextreme und wie sie für ihre Sache werben mit Clips im Netz, mit Aktionen auf der Straße und Hüpfburgfesten für die ganze Familie.
Für die Doku begleitete das Team rechte Influencer in Berlin und Wien beim Produzieren von Clips für die Sozialen Medien und in Hintergrundinterviews sprechen Mitglieder rechtsextremer Organisationen über ihre Motive.
Als „Zoomania“ vor neun Jahren im Kino lief, gab es fast einhelliges Kritikerlob, Preise und ein Einspiel von über einer Milliarde US-Dollar. Trotzdem war eine Fortsetzung nicht nötig. Denn der Animationsfilm erzählt eine wunderschöne in sich abgeschlossene Geschichte über eine junge Häsin, die in der nur von Tieren bewohnten Metropole Zoomania Polizistin werden will. Allerdings war noch nie ein Kaninchen bei der Polizei. Gegen alle Widerstände, grenzenlos optimistisch, voller Energie und mit einem ungewöhnlichem Verbündeten, dem Fuchs und sympathischen Trickbetrüger Nick Wilde, erreicht Judy Hopps ihr Ziel.
In „Zoomania 2“ sind Judy Hopps und Nick Wilde Partner. Für ihre Kollegen und ihren Chef vom Zoomania Police Departement (ZPD) sind sie wahre Nervensägen.
Nachdem Judy bei einer etwas aus dem Ruder laufenden Verhaftung eine Schlange sieht, beginnt sie, zusammen mit Nick, auf eigene Faust zu ermitteln. Denn seit hundert Jahren sind Schlangen in Zoomania geächtet.
Die Verbannung von Schlangen aus der Stadt hat etwas mit dem Gründungsmythos von Zoomania und der mächtigen Familie Lynxley zu tun.
„Zoomania 2“, geschrieben und inszeniert von Jared Bush und Byron Howard, den Machern des ersten Films, ist ein klassischer Buddy-Cop-Actionfilm. Wie in den „Lethal Weapon“-, „Beverly Hills Cop“- und „Bad Boys“-Filmen, um nur einige bekannte Actionfilme nennen, die in Serie gingen, jagen zwei gegensätzliche Polizisten Verbrecher, machen Witze und hinterlassen eine Spur der Verwüstung. Die älteren Semester dürften daher ihr Vergnügen am Erkennen der seit Jahrzehnten etablierten und immer wieder erfolgreich variierten Genrekonventionen haben. Jüngere, also Kinder, für die der Disney-Film in erster Linie gemacht ist, dürfen sich über eine flotte Geschichte freuen. Sie ist mit vielen Gags, auch vielen Nebenbei-Gags, gespickt. Es gibt wunderschöne und stimmige Erweiterungen der aus dem ersten Film bekannten Welt. Und, im Herzen des Films, ein wirklich sympathisches Duo.
Die Filmgeschichte selbst gehorcht jetzt den Gesetzen des Polizeifilms, in denen der Ermittler einen neuen Fall aufklären muss. Das hat nicht mehr die emotionale Fallhöhe des ersten Films, eröffnet aber mühelos den Weg zu weiteren Judy-Hopps/Nick-Wilde-Filmen. Wie „Tatort“-Kommissare oder Sherlock Holmes (der ohne seinen Dr. Watson nicht denkbar ist) oder James Bond (vor Daniel Craig) können Judy und Nick für das ZPD viele weitere Fälle lösen.
Zoomania 2(Zootopia 2, USA 2025)
Regie: Jared Bush, Byron Howard
Drehbuch: Jared Bush
mit (im Original den Stimmen) Ginnifer Goodwin, Jason Bateman, Ke Huy Quan, Fortune Feimster, Andy Samberg, Patrick Warburton, Quinta Brunso, Idris Elba, Bonnie Hunt, Don Lake, Maurice LaMarche, Nate Torrence, Raymond S. Persi, David Strathairn, Shakira, Danny Trejo, Alan Tudyk, Macaulay Culkin, Jean Reno, John Leguizamo, Josh Gad, June Squibb, Tig Notaro, Michael J. Fox, Dwayne Johnson, Ed Sheeran (teils in kleinen Sprechrollen)
(in der deutschen Fassung) Josefine Preuß, Florian Halm, Rick Kavanian, Susanne Dauber, Steven Gätjen
Ich hatte nur das Nichts – „Shoah“ von Claude Lanzmann(Je n’avais que le néant – „Shoah“ par Lanzmann, Frankreich 2025)
Regie: Guillaume Ribot
Drehbuch: Guillaume Ribot
TV-Premiere. Spielfilmlange Doku über die Entstehung des preisgekrönten, legendären und stilbildenden Dokumentarfilms „Shoah“ (1985) von Claude Lanzmann.
Arte über die „Ich hatte nur das Nichts“: „40 Jahre nach Erscheinen des Films gibt diese Dokumentation neue Einblicke in die Produktion. Der Film stützt sich ausschließlich auf Lanzmanns eigene Worte aus seiner Autobiografie ‚Der patagonische Hase: Erinnerungen‘ (2010) sowie auf 220 Stunden unveröffentlichtes Filmmaterial zu ‚Shoah‘, das im United States Holocaust Museum in Washington bewahrt wird.
Die Montage von Filmaufnahmen und Passagen aus Lanzmanns Autobiografie erlauben es, die lange Entstehungsgeschichte nachzuvollziehen: die Recherchen, Hunderte von Vorbereitungstreffen, die Finanzierungsschwierigkeiten, Sackgassen, Zufälle, Irrtümer, Fallen. Die Dokumentation zeigt im Großen wie im Kleinen, warum ‚Shoah‘ als Meilenstein der Filmgeschichte gilt. Sie beleuchtet die Zweifel und die radikale, intuitive Herangehensweise Lanzmanns, dessen Name wohl immer untrennbar mit seinem Werk verbunden sein wird.“
Choi Yu-hee betreibt im Stadteil Dosan ein Blumengeschäft. Es ist in einem abgelegenem Teil Sejins, aber dank einer treuen, zuerst aus der Nachbarschaft kommenden Kundschaft, Social Media und einem Extra-Service läuft ihr Laden ganz gut.
Dieser Extra-Service macht Minyoung Kangs Debütroman „Plant Lady“ auch für den Krimifan interessant. Denn Yu-hee bringt die Männer um, die ihre Kundinnen schlagen, belästigen oder sonstwie schlecht behandeln. Dabei gilt die Regel: wer Pflanzen schlecht behandelt, behandelt auch Frauen schlecht. Oder umgekehrt.
Selbstverständlich erweckt ihr Tun – es verschwinden einfach zu viele Männer für immer in ihrem Geschäft – auch den Verdacht der Polizei. Der Kriminalbeamter Cha Do-kyung will unbedingt die Wahrheit herausfinden.
Das klingt doch nach einer Idee, aus der eine gute Geschichte entstehen könnte.
Leider ist einiges schief gegangen. So ist „Plant Lady“ weniger ein Roman und viel mehr eine Sammlung unabhängiger Kurzgeschichten. Einzig die Ermittlungen von Do-kyung, der erst kurz vor der Buchmitte seinen ersten Auftritt hat, bringen eine rudimentäre Chronologie und die sich nicht erfüllende Erwartung auf ein konventionelles Finale in die sechs Geschichten.
Aber eine Sammlung von Kurzgeschichten kann doch, wie, um nur ein aktuell im Handel erhältliches Buch zu nennen, Maurice Leblancs „Arsène Lupin, der Gentleman-Gauner“, der der Polizei immer wieder entwischt, eine kurzweilige und vergnügliche Lektüre sein. In diesem Fall ist sie es nicht. Die einzelnen Geschichten und damit der gesamte Roman sind zu spröde geschrieben und an den entscheidenden Stellen zu unklar. Während Minyoung Kang das Motiv, also die Verfehlungen des Mannes, noch grob skizziert, handelt sie seinen Tod mit einem Halbsatz, den man leicht überlesen kann, ab. Es ist, auch wenn wir uns denken können, dass sein Tod irgendwie durch irgendeine Pflanze verursacht wurde, unklar, wie er genau stirbt. Wie sie die Leiche dann entsorgt, ist noch unklarer. Auch wenn wir vermuten können, dass er irgendwie zu Dünger verarbeitet wird. Wir erfahren nichts über die Planung und die immer problemlos ablaufende Durchführung.
Ein weiteres Problem ist, dass Yu-hee nie zweifelt. Sie glaubt ihren Kundinnen bedingungslos und geht kompromisslos gegen den Problemverursacher vor.
Das macht die Rachefantasie „Plant Lady“ zu einer drögen und auch enttäuschenden Lektüre. Jedenfalls für alle, die gerne einen schwarzhumorigen Krimi gelesen hätten, in dem einige Männer bestraft werden.
Kunstauktionator Simon versteckt während eines Überfalls ein wertvolles Goya-Gemälde. Weil er durch einen Schlag auf den Kopf sein Gedächtnis verloren hat und die Gangster das Gemälde unbedingt wollen, soll eine Hypnotiseurin bei der Wiederbeschaffung helfen.
Nichts, aber auch wirklich nichts ist so, wie es scheint.
Herrlich vertrackter Noir von Danny Boyle, der für meinen Geschmack mit der Zeit schon etwas zu vertrackt wird.
Davor, um 20.15 Uhr, zeigt Tele 5 einen weiteren, natürlich ebenfalls sehenswerten Film von Danny Boyle: „Sunshine“ (Großbritannien/USA 2007).
Drehbuch: Brian Moore, Keith Waterhouse (ungenannt), Willis Hall (ungenannt)
Ein Physiker läuft in den Osten über. Allerdings nicht, um sein Land zu verraten, sondern um von einem Ost-Kollegen wichtige Informationen zu erhalten.
In den Sechzigern drehte Hitchcock zwei Spionagefilme. Doch „Der zerrissene Vorhang“ und „Topas“ zählen zu seinen schwächsten Werken: zu viele Charaktere, eine zu lahme Geschichte, einfach zu wenig Hitchcock und zu viel von einem starbesetzten Spionagefilm, für Menschen, die Filme gerne mit einer Flipchart ansehen.
Aus heutiger Sicht bietet „Der zerrissene Vorhang“ immerhin einige bekannte deutsche Schauspieler in einem Hitchcock-Film und einen hübschen Mord. Das ist für zwei Stunden aber zu wenig.
Brian Moore schrieb später unter anderem die Romane „Hetzjagd“, „Die Farbe des Blutes“ und „Es gibt kein anderes Leben“.
Mit Paul Newman, Julie Andrews, Lila Kedrova, Hansjörg Felmy, Wolfgang Kieling, Günther Strack
LV: Dennis Lehane: Mystic River, 2001 (Spur der Wölfe, Mystic River)
Jimmy Markum, Dave Boyle und Sean Devine waren Jugendfreunde. Jahrzehnte später treffen sie sich wieder. Jimmys Tochter wurde ermordet. Sean soll als Polizist den Fall aufklären und Dave gerät in Verdacht, der Mörder zu sein.
Clint Eastwoods Dennis-Lehane-Verfilmung „Mystic River“ ist ein ruhiges, im positiven Sinn altmodisch erzähltes, düsteres Drama ohne einfache Lösungen über Schuld, Sühne und der Frage nach Gerechtigkeit.
Mit seinen exzellenten Schauspielern, dem guten Drehbuch, der ruhigen Kameraarbeit (Tom Stern, seit „Honkytonk Man“ [1982] bei fast jedem Eastwood-Film dabei) und der stimmigen Musik (Clint Eastwood himself) ist der Film sogar dem etwas ausufernden Roman überlegen.
Neben zahlreichen Nominierungen und Preisen wurde Helgelands Buch auch für den Edgar Allan Poe-Preis als bestes Drehbuch nominiert.
Anschließend, um 22.25 Uhr, zeigt Arte die 55-minütige Doku „Sean Penn – Amerikas Enfant terrible“ (Frankreich 2024)
Mit Sean Penn, Tim Robbins, Kevin Bacon, Laurence Fishburne, Marcia Gay Harden, Laura Linney
Was für ein Anfang! 1988 verfolgt die Kamera im Westjordanland zwei Teenager, die ihren Spaß beim Toben durch die engen Gassen haben. Schüsse fallen – und eine ältere Frau blickt in die Kamera und sagt, um Noors Geschichte zu verstehen, müsse sie die Geschichte von Noors Großvater Sharif erzählen.
Diese Geschichte führt zurück in das Jahr 1948 und zur der Vertreibung der Palästinenser aus ihrem Land, der Nakba (deutsch: Katastrophe),. Es ist die Geburtsstunde des heute immer noch andauernden Leidens des palästinensichen Volkes und ein wichtiger Teil der komplizierten Situation im Nahen Osten.
Sharif und seine Familie leben in Jaffa in einer Villa. Sie sind offensichtlich gebildet, vermögend und besitzen einen Orangenhain. Er ist ein liebevoller Vater. Ihre Existenz ist duch die ständigen Angriffe Israels bedroht, die die Einheimischen mit brutaler militärischer Gewalt vertreiben. Sharif gehört zu den Bewohnern, die das ihnen gehörende Land nicht verlassen wollen. Sie trauen den Versprechungen der Israelis nicht.
Im folgenden entfaltet Cherien Dabis (auch Drehbuch und Hanan im Film) ein ruhiges, weitgehend chronologisch und entsprechend konventionell erzähltes Epos, das die Geschichte einer gewöhnlichen Familie über drei Generationen von 1948 bis 2022 verfolgt. „Im Schatten des Orangenbaums“ ist gleichzeitig eine Geschichte Palästinas und Israels aus der Sicht der vertriebenen und unterdrückten Palästinenser.
Dabis erzählt diesen Konflikt mit einer klaren Zeichnung der Konfliktparteien. In ihrer Erzählung steht sie eindeutig auf der Seite der Palästinenser und der von ihr porträtierten Familie. Die Lücken und blinden Stellen sind, auch ohne vertiefte Ahnung über die Ereignisse seit 1945 im Nahen Osten, offenkundig. Die daraus folgende Schuldzuschreibung ist durchgehend und auf jeder Ebene verstörend einseitig.
Der Anfang und die unmittelbaren Nachkriegsjahre sind packend erzähltes episches Kino. Hier verdichtet Dabis klug die Geschichte zu einem mitreißendem Drama und aufwühlenden Geschichtsstunde. Später erlahmt das Erzähltempo zum Schneckentempo. Es gibt für die gesamte Geschichte zunehmend über Gebühr aufgeblähte Szenen und Plots, die bestenfalls einer Chronistenpflicht genügen, die unbedingt eine Jahrzehnte umspannende, fast in der Gegenwart endende Geschichte erzählen will. Das wird besonders deutlich bei den nach 1988 spielenden Ereignissen.
Im Schatten des Orangenbaums(All That‘s Left Of You, Deutschland/Zypern/Palästina/Jordanien/Griechenland/Katar/Saudi Arabien 2025)
Regie: Cherien Dabis
Drehbuch: Cherien Dabis
mit Saleh Bakri, Cherien Dabis, Adam Bakri, Maria Zreik, Mohammad Bakri, Muhammad Abed Elrahman
Michael Clayton ist der Troubleshooter für eine große New Yorker Kanzlei. Als einer ihrer Anwälte ausrastet und damit der Prozess gegen das multinationale Chemieunternehmen U/North gefährdet, ist Clayton gefordert. Doch dieser steckt gerade selbst in einer Midlife-Crises.
Tony Gilroy, der als Autor der actionhaltigen Jason-Bourne-Trilogie bekannt wurde, hat mit seinem Regiedebüt einen Paranoia-Thriller inszeniert, bei dem die Bedrohung nicht mehr vom Staat sondern von der Wirtschaft ausgeht. Trotzdem haben Action-Fans bei „Michael Clayton“ schlechte Karten. Fans des guten, im positiven Sinn altmodischen Schauspielerkinos haben dagegen gute Karten.
Tony Gilroy war als bester Autor und Regisseur für einen Oscar nominiert, George Clooney als bester Darsteller, Tom Wilkinson als bester Nebendarsteller und Tilda Swinton erhielt einen Oscar einen BAFTA-Awards als beste Nebendarstellerin.
Gilroys Buch erhielt auch den Edgar-Allan-Poe-Preis.
Mit George Clooney, Tom Wilkinson, Tilda Swinton, Sydney Pollack, Michael O’Keefe
Eddington ist ein Kaff in New Mexico. Im Frühjahr 2020 kandidiert Ted Garcia (Pedro Pascal) wieder als Bürgermeister. Er will in der menschenleeren Gegend ein Rechenzentrums für künstliche Intelligenz ansiedeln. Dieses Jahr hat er einen Spontan-Gegenkandidaten: den Ortssheriff Joe Cross (Joaquin Phoenix). Der Wahlkampf, der in dem 2345-Seelen-Dorf aufgezogen wird, kopiert schamlos und sinnfrei die aus Metropolen bekannten Bilder und Methoden. Gleichzeitig eskaliert er vor der damaligen Corona-Politik, die zum Tragen von Masken und dem Halten von bestimmten Abständen zwingt. Das entbehrt in einer menschenleeren Stadt nicht einer gewissen Komik. Dazu kommen Meldungen über den Tod von George Floyd und die Reaktionen darauf. Schließlich wird auch in Eddington von Jugendlichen gegen Polizeigewalt demonstriert. Und schon ist Eddington das Zentrum der Welt, in dem Paranoia und Verschwörungstheorien, vor allem Online-Verschwörungstheorien, aufeinandertreffen und sinnfrei nachgestellt werden.
Mittels vieler auf Handys gezeigter Nachrichtenschnipsel und verschwörungstheoretischer Statements eröffnet Aster einen weiteren Zugang zur großen Politik.
„Eddington“ könnte der Film zur Stunde sein. Es könnte der Film sein, der die US-amerikanische Gesellschaft schonungslos seziert, ihr den satirischen Spiegel vorhält und dabei gleichermaßen nach allen Seiten austeilt.
Aster scheint dagegen, jedenfalls legen das seine Statements im Presseheft nahe, eher so in Richtung filmisches Äquivalent zum ‚großen amerikanischen Roman‘ gedacht zu haben.
„Eddington“ soll soll ein Gesellschaftsporträt sein, „ohne jemandem explizit den schwarzen Peter zuzuschieben“. Aster will „eine Art amerikanisches Genre-Epos mit aktualisierten Archetypen erschaffen“, das „für alle diese Charaktere Sympathie aufbringt“.
Das klingt nach einer todsterbenslangweiligen Soziologie-Stunde, in der der Professor liebevoll die einzelnen gesellschaftlichen Gruppen aufschlüsselt. Danach kann man schlauer sein, aber ein guter Spielfilm entsteht so nicht.
Aster hat auch eine These zur aktuellen US-amerikanischen Gesellschaft. Danach ist die ursprüngliche Idee der Demokratie verschwunden. Die Menschen werden immer machtloser, Big-Tech-Konzerne immer mächtiger. Diese Konzerne erfinden Strohmänner und imaginäre Feinde. Sie lenken von den wahren Problemen und Machtstrukturen ab. Stattdessen hetzen sie die Menschen aufeinander.
Diese These, siehe den vor einigen Tagen gestarteten SF-Actionfilm „The Running Man“ und ungefähr jede Dystopie, kann eine gute Grundlage für einen guten Film sein. „Eddington“ ist nicht dieser Film. Statt einer scharfen und zugespitzen Analyse der Gesellschaft gibt es eine Satire mit unscharfen Cartoon-Figuren und einer politischen Analyse, die noch nicht einmal das Niveau eines Tweets erreicht. Plakativ wird einfach ausgestellt, was gerade auf dem Smartphone in den Schlagzeilen aufpoppte.
„Eddington“ ist eine zähe, ausufernde und ausfransende Möchtegernsatire, die mit 150 Minuten mindestens dreißig bis fünfzig Minuten zu lang ist. Es ist ein Wust absurder, abstruser und vollkommen belangloser, meist viel zu lang geradener Episoden, in denen nervig-unsympathische Dummköpfe sich und uns nerven. Dazwischen schneidet Aster Nachrichtenschnipsel und Bespaßungen von Verschwörungstheoretikern aus dem Internet und er lässt Sheriff Cross in seinem Polizeiwagen in Echtzeit im Schritttempo durch das Dorf fahren.
Eddington(Eddington, USA 2025)
Regie: Ari Aster
Drehbuch: Ari Aster
mit Joaquin Phoenix, Deirdre O’Connell, Emma Stone, Micheal Ward, Pedro Pascal, Cameron Mann, Matt Gomez Hidaka, Luke Grimes, Austin Butler
Jay Kelly (George Clooney) ist ein alternder Hollywood-Star klassischer Prägung. So wie, uh, der Star aus „Out of Sight“, „Ocean’s Eleven“ und der Nespresso-Werbung oder Brad Pitt (der die Rolle ursprünglich spielen sollte) oder Leonardo DiCaprio (der gerade „One Battle after another“ drehte). Nach dem Tod eines mit ihm befreundeten Regisseurs, der ihm seine erste große Rolle gab, und dem Wunsch eines italienischen Filmfestival, ihn für sein Lebenswerk auszuzeichnen, gerät er in eine Sinnkrise. Verschärft wird sie von seiner jüngsten Tochter. Sie will den Sommer vor ihrem Studienbeginn nicht mit ihm, sondern mit ihren Freunden in Europa verbringen.
Kurzentschlossen fliegt er mit seiner Entourage, die dafür alle ihre Pläne umwirft, nach Europa. Er will sie dort zufällig treffen und dann mit ihr Zeit verbringen – und die Zeit nachholen, die sie bis jetzt nicht miteinander verbrachten, weil er einen weiteren Film drehte.
Diese Erlebnisse des Hollywoodstars zwischen Luxushotels und ganz normalen Menschen in Frankreich und Italien, filmisch angesiedelt zwischen Screwball-Comedy und nostalgischer Reiseerzählung, ist der schwächere Teil von Noah Baumbachs neuestem Film „Jay Kelly“. Er wirkt, als hätten sie aus Frankreich und Italien Geld bekommen mit der Auflage vor Ort zu drehen. Also erfanden sie einige Szenen, die genausogut an jedem anderen Ort spielen könnten.
Viel gelungener und umfangreicher sind die in Hollywood spielenden Szenen. Das sind einmal Aufnahmen von Dreharbeiten, so beginnt „Jay Kelly“ mit einer grandiosen Plansequenz,in Hollywood und in Kellys Villa. Immer ist der Hollywood-Star von Dutzenden Helfern umgeben, die ihm alles abnehmen, was lästig sein könnte. Die in der Gegenwart spielenden Szenen werden von Rückblenden unterbrochen. In diesen Erinnerungen an wichtige Stationen in seinem Leben und seiner Karriere ist er dabei gleichzeitig als alter und junger Jay Kelly im Bild.
Aus der Gegenwart und Kellys Erinnerungen entwirft Noah Baumbach ein liebevoll-ironisches Porträt eines selbstbezogenen Hollywood-Stars, der etwas den Kontakt zur Wirklichkeit verloren hat. Er ist kein schlechter Mensch, aber ein Mensch, der in seinen Rollen interessanter als in seinem Privatleben ist.
Neben Kelly ist sein Manager Ron Sukenick die zweite Hauptfigur. Gespielt wird Sukenick überzeugend von Adam Sandler in einer seiner seltenen dramatischen Rollen. Sukenicks Leben besteht darin, Jay Kelly zu einem angenehm sorgenfreiem Leben zu verhelfen. Er liest ihm jeden Wunsch von den Lippen ab und tut alles, damit er erfolgreich ist und unbeschwert sein Image leben kann. Auch wenn dafür ein lange geplantes Tennismatch mit seiner Tochter ausfallen muss. Warum Sukenick sich für dieses Leben entschied, erfahren wir nicht. Aber wir erfahren, was er dafür opfert und erhält.
Zum Vergnügen beim Ansehen dieses bittersüß-melanchollischen, eindeutig für die Kinoleinwand gemachten Abgesang auf ein Hollywood, das es so schon lange nicht mehr gibt, trägt auch das große Staraufgebot in teils kleinsten Rollen bei.
P. S.: Jay Kelly ist eine fiktive Figur und George Clooney ist nicht Jay Kelly.
Jay Kelly(Jay Kelly, USA 2025)
Regie: Noah Baumbach
Drehbuch: Noah Baumbach, Emily Mortimer
mit George Clooney, Adam Sandler, Laura Dern, Billy Crudup, Riley Keough, Grace Edwards, Stacy Keach, Jim Broadbent, Patrick Wilson, Eve Hewson, Greta Gerwig , Alba Rohrwacher, Josh Hamilton , Lenny Henry, Emily Mortimer, Nicôle Lecky, Thaddea Graham, Isla Fisher, Louis Partridge, Charlie Rowe, Jamie Demetriou, Parker Sawyers, Patsy Ferran, Lars Eidinger, Kyle Soller, Tom Francis, Giovanni Esposito
Länge: 132 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
–
Jetzt in einigen wenigen Kinos und auf Netflix ab 5. Dezember 2025.
James Bond 007: GoldenEye (GoldenEye, Großbritannien 1995)
Regie: Martin Campbell
Drehbuch: Michael France, Jeffrey Caine
LV: Charakter von Ian Fleming
Buch zum Film: John Gardner: GoldenEye, 1995 (GoldenEye)
General Ourumov (Gottfried John) und Xenia (Famke Janssen), die zur Geheimorganisation „Janus“ gehören, haben sich den Zugang zu Weltraumsatelliten verschafft und damit können sie alles kontrollieren. James Bond soll das Schlimmste verhindern und bei seiner Hatz nach den Verbrechern trifft er auch auf einen alten Bekannten.
Erster Auftritt von Pierce Brosnan als Agent mit der Lizenz zum Töten. Für Bond-Fans eine etwas lang geratene, aber unterhaltsame Tour durch die bisherigen Bond-Filme mit beeindruckenden Actionszenen. Finanziell war der Actionfilm unglaublich erfolgreich, – obwohl Brosnan der (wir reden Prä-Daniel-Craig!) in diesem Film der stilloseste Bond aller Zeiten war: unrasiert (!!) und schwitzend (!!!). DAS wäre den anderen niemals passiert.
Thriller-Autor John Gardner (u. a. schrieb er einen Gegententwurf zu Bond: die Boysie-Oakes-Serie über einen sehr unheldischen Geheimagenten) schrieb ab 1981 auf Wunsch der Fleming-Erben die Abenteuer von James Bond fort und hier das Buch zum Film.
mit Pierce Brosnan, Sean Bean, Izabella Scorupco, Famke Janssen (die Bond in die Zange nimmt), Judi Dench (als M nennt sie 007 ein „Relikt aus dem Kalten Krieg“), Gottfried John, Joe Don Baker (mal wieder dabei, inzwischen auf der Seite der Guten), Robbie Coltrane, Samantha Bond, Desmond Llewelyn, Tcheky Karyo, Michael Kitchen
Als Osgood Perkins 2023 wegen des monatelangen Hollywood-Arbeitsstreiks die Arbeit an seiner Stephen-King-Verfilmung „The Monkey“ ruhen lassen musste, suchte er nach einem Projekt, das er schnell und unter den gültigen Streik-Richtlinien realisieren konnte.
Dieses Projekt war „Keeper“. Perkins drehte, nach einem Buch von Nick Lepard, den minimalistischen Zwei-Personen-Horrorfilm in Kanada mit Tatiana Maslany („Orphan Black“) und Rossif Sutherland (Sohn von Donald Sutherland, u. a. „Possessor“ und die TV-Serie „Murder in a small town“) in den Hauptrollen.
Sie spielen die Malerin Liz und den Arzt Malcolm. Die beiden wollen ein gemeinsames Wochende in einer abgelegenen und ziemlich noblen, der Familie gehörenden Hütte verbringen. Der einzige Nachbar in Sichtweite ist Malcolms nerviger Cousin, der sie aber, so versichert er Liz, in Ruhe lassen werde.
Schon während der Fahrt zur Hütte deutet Perkins an, dass etwas Unheimliches im Wald lebt und sie beoachtet. Und spätestens wenn das Liebespaar die Haustür öffnet, können Horrorfans die weitere, sich auf das Paar konzentrierende und weitgehend in der Hütte spielende Geschichte vorausformulieren und wahrscheinlich zutreffende Vermutungen über das Wesen im Wald anstellen.
Das Zwei-Personenstück ist ein sanfter psychologischer Horrorfilm. In seiner Inszenierung betont Perkins durchgehend ein Gefühl, dass Liz und Malcolm beobachtet werden. Dabei sät er in einigen wenigen Momenten Zweifel an diesem Wesen im Wald. Er deutet dann an, dass Liz sich alles einbilden könnte, dass sie an Wahnvorstellungen leidet und psychisch sehr labil ist. Dies wird besonders deutlich, wenn Malcolm sie für einige Stunden allein lassen muss, weil er zu einem Notfall in die Klinik gerufen wird. Schon vor der Abfahrt ist er ungewöhnlich besorgt und sie erleidet in dieser Zeit einen Nervenzusammenbruch.
Aber letztendlich ist klar, wie die Geschichte enden wird. Und weil, wie auch in anderen psychologischen Horrorfilmen und Folk-Horrorfilmen, die Enthüllung über das Wesen der Bedrohung auf das Filmende verschoben wird, besteht die Filmgeschichte über neunzig Minuten in unheilvollen Andeutungen und bedeutungsschwangerem Geraune. Mehr passiert nicht in dieser sich auf die Inszenierung konzentrierenden Fingerübung.
Immerhin endet die klassische Horrorgeschichte, die mit einem überschaubarem Budget, wenigen Drehorten und wenigen Schauspielern realisiert werden konnte, mit einer kleinen, etwas arg elliptisch herbeigeführten Überraschung. Trotzdem hätte „Keeper“ besser als „Twilight Zone“-Episode funktioniert.
Keeper(Keeper, USA 2025)
Regie: Osgood Perkins
Drehbuch: Nick Lepard
mit Tatiana Maslany, Rossif Sutherland, Birkett Turton, Eden Weiss
Das finnisch-russische Grenzgebiet 1946: durch eine Grenzverschiebung ist das Elternhaus des Finnen Aatami Korpi (Jorma Tommila) in der Sowjetunion. Er fährt über die Grenze, um das Holzhaus abzubauen und auf der finnischen Seite der Grenze wieder aufzubauen.
Aatami kennen wir aus „Sisu“ (2022). Das titelgebende Wort ist kein Spitzname für Aatami, sondern ein finnisches Wort, das meistens als „Kraft“, „Ausdauer“, „Beharrlichkeit“ und „Unnachgiebigkeit“ übersetzt wird. Es geht um eine besondere, für Finnland identitätsstiftende Form von Beharrlichkeit und Tapferkeit in vollkommen ausweglosen Situationen. Aatami ist die fleischgewordene Verkörperung dieser Idee. In „Sisu“ tötete er, noch während des Zweiten Weltkriegs, ganze Horden von Nazi-Soldaten, die ihn umbringen und sein Gold stehlen wollten.
In der Fortsetzung „Sisu: Road to Revenge“ kämpft der schweigsame Aatami gegen Yeagor Dragunov (Stephen Lang). Der Offizier der Roten Armee fiel in der Sowjetunion in Ungnade, weil Aatami dreihundert von seinen Männern tötete. Dafür soll Aatami jetzt sterben. Um dieses Ziel zu erreichen, erhält Dragunov jede gewünschte Unterstützung.
Und schon sind wir Mitten in einer munteren Schlachtplatte. Denn Aatami ist vielleicht verwundbar, aber nichts wird ihn davon abhalten, sein Elternhaus in Finnland wieder aufzubauen. Vor allem nicht einige Soldaten der Roten Armee, die ihn und seinen schweren Laster auf Motorrädern oder in Flugzeugen verfolgen oder in einem Zug zum nächsten Kampfschauplatz gebracht werden.
Formal gesehen ist „Sisu: Road to Revenge“ die Fortsetzung des Überraschungshits „Sisu“, die eine vollkommen eigenständige, in sich abgeschlossene Geschichte erzählt, für die keinerlei Vorwissen nötig ist. Und alles, was ich damals über Jalmari Helanders blutrünstigen Kriegsfilm schrieb, trifft auch auf „Sisu: Road to Revenge“ zu. Mit eine kleinen ‚aber‘.
Wie schon der erste Teil knüpft „Sisu: Road to Revenge“ stilistisch an den Italo-Western und harte italienische B-Kriegsfilme aus den siebziger Jahren an, die auch Quentin Tarantino zu seinen „Inglourious Basterds“ inspirierten. Der schwarze Humor, die zynisch-satirischen Überspitzungen in den hemmungslos übertriebenen Kämpfen und die ideenreichen Tötungsmethoden erinnern an Italo-Western. So zeigt der sehr schweigsame Aatami sich überraschend einfallsreich beim Abschießen von Flugzeugen.
Und damit kämen wir zum ‚aber‘. Die Story, die schon im ersten Teil nicht mehr als die Skizze für die Actionszenen war, ist noch minimalisitscher. Eigentlich geht es nur um einen Mann, der gegen Horden sowjetischer Soldaten kämpft. Zuerst auf der Straße, die ihn möglichst schnell nach Finnland bringen soll, und später in einem Zug. Da fehlen dann die Variationen und Twists des ersten Teils.
Es fehlt auch der Überraschungseffekt des ersten Films. Damals überraschten Aatamis kämpferische Talente, sein Improvisationsvermögen und sein unbedingter Durchhaltewille. Jetzt fragt man sich nur noch, wie der unbesiegbare Griesgram seine austauschbaren Gegner tötet. Störend ist dabei Helanders Marotte, jedes von Aatami geschrottete sowjetische Fahrzeug fotogen explodieren zu lassen.
Trotzdem können die Fans von „Sisu“ sich beruhigt zurücklehnen. Helander bietet in „Sisu: Road to Revenge“ in unter neunzig Minuten ‚more of the same‘.
Sisu: Road to Revenge(Sisu: Road to Revenge, Finnland/USA 2025)