Neu im Kino/Filmkritik: „King’s Land“ – Kampf um die Kartoffel in der jütländischen Heide

Juni 7, 2024

1755 geht der ehemalige, jetzt arbeitssuchende Hauptmann Ludvig Kahlen (Mads Mikkelsen, grandios) mit dem König von Dänemark, bzw. genaugenommen seinem für ihn sprechendem Beraterstab, einen Deal ein: wenn es ihm gelingt, die jütländische Heide urbar zu machen, erhält er einen Adelstitel und die damit verbundenen Privilegien. Für Kahlen, den Bastardsohn eines Adligen, wäre das ein Lebenstraum und eine ungeahnte gesellschaftliche Anerkennung.

Die Heide war damals ein ungastliches und menschenleeres Gebiet mit hartem Boden, Wölfen und Wegelagerern. Kahlen beginnt – unter großen Schwierigkeiten – mit der Arbeit. Der schweigsame Einzelgänger hofft mit dem Anbau von Kartoffeln, die damals in Mittel- und Nordeuropa noch ziemlich unbekannt waren, das Land urbar zu machen. Mit der Zeit scharrt er einige Getreue um sich. Es sind gesellschaftliche Außenseiter und teils von ihren Gutsherren verfolgte Menschen, wie die Hausmagd Ann Barbara (Amanda Collin).

Als Kahlen mit seinen Methoden und seinem Ehrgeiz erste Erfolge hat, wird der Gutsbesitzer Frederik De Schinkel (Simon Bennebjerg) zu seinem Todfeind. Der erhebt ebenfalls Anspruch auf das Land. Er ist, neben der Natur, der zweite Bösewicht der Geschichte. Er kann, wie der König, in seinem Herrschaftsbereich nach Gutdünken über Leben und Tod entscheiden.

King’s Land“ von Nikolaj Arcel ist ein europäischer Quasi-Western und der europäische Gegenentwurf zu Paul Thomas Andersons „There will be Blood“. Was dem einen sein Öl ist, ist dem anderen seine Kartoffel. Beide Hauptfiguren gehen für ihre Ambitionen über Leichen. Sie opfern jede Beziehung ihrem selbstgestecktem Ziel vom Reichtum und dem damit verbundenem bzw. erhofftem gesellschaftlichem Aufstieg.

Diese Geschichte über Ambitionen und wie sie mit der Wirklichkeit in Konflikt geraten erzählt Arcel mit Bildern für die Kinoleinwand. Es sind Bilder einer unwirtlichen Gegend mit wenigen Menschen, die in Bretterbuden leben. Es sind Bilder, die eher an eine Westernlandschaft und nie an eine mitteleuropäische Kulturlandschaft erinnern.

Dabei geht es Nikolaj Arcel, wie er in einem Statement ausführt, nicht primär um den historischen Stoff: „Als ich vor ein paar Jahren Vater wurde, machte ich eine völlig neue Erfahrung. Ich begann meine früheren Filme (…) durch eine neue Linse zu betrachten. (…) sie spiegelt die Sichtweise eines Mannes wieder, der nur ein einziges Ziel verfolgt (…) aber nicht viel mehr. ‚King’s Land‘ ist aus dieser existenziellen Reflexion entstanden und mein bisher persönlichster Film. Mit Hilfe des brillanten Romans von Ida Jessen wollten Anders Thomas Jensen und ich eine große, epische Geschichte darüber erzählen, wie unsere Ambitionen und Wünsche unweigerlich scheitern, wenn sie alles sind, was wir haben.“

Davon erzählt er, sehr gelungen, in seinem neuesten Film. Das historische Drama wurde mit zahlreichen Filmpreisen ausgezeichnet und war in der Vorauswahl für den diesjährigen Oscar als bester internationaler Film.

P. S. 1: Nikolaj Arcel ist vor allem als Nordic-Noir-Drehbuchautor bekannt. Er schrieb die Bücher für die Stieg-Larsson-Verfilmung „Verblendung“ und für die Jussi-Adler-Olson-Verfilmungen „Erbarmen“, „Schändung“, „Erlösung“ und „Verachtung“. Und, ohne eine Romanvorlage, für „Helden der Wahrscheinlichkeit“. Anders Thomas Jensen verfilmte es.

P. S. 2: Irgendjemand sollte sich mal Gedanken darüber machen, wie die unterschiedlichen Titel die Erwartungen an den Film und die Rezeption des Films verändern. Die Romanvorlage heißt „Kaptajnen og Ann Barbara“ (Hauptmann Kahlen und Ann Barbara), der Originaltitel ist „Bastarden“ (womit Ludvig Kahlen gemeint ist), der internationale Titel ist „The Promised Land“ (das versprochene Land) und der deutsche Titel ist „King’s Land“ (das Land des Königs). Keiner dieser Titel ist falsch. Ich halte sie sogar alle für zutreffende, mögliche und auch gute Titel. Aber sie betonen unterschiedliche Dinge in der Geschichte.

King’s Land (Bastarden, Dänemark/Schweden/Norwegen/Deutschland 2023)

Regie: Nikolaj Arcel

Drehbuch: Anders Thomas Jensen, Nikolaj Arcel

LV: Ida Jessen: Kaptajnen og Ann Barbara, 2020

mit Mads Mikkelsen, Amanda Collin, Simon Bennebjerg, Kristine Kujath Thorp, Gustav Lindh, Morten Hee Anderson, Melina Hagberg, Martin Feifel, Arved Friese

Länge: 128 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Internationaler Titel: The Promised Land

Hinweise

Filmportal über „King’s Land“

Moviepilot über „King’s Land“

Metacritic über „King’s Land“

Rotten Tomatoes über „King’s Land“

Wikipedia über „King’s Land“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Nikolaj Arcels „Der dunkle Turm“ (The dark Tower, USA 2017)


TV-Tipp für den 7. Juni: Ein Mann sieht rot

Juni 6, 2024

heute ohne Werbepausen

BR, 22.50

Ein Mann sieht rot (Death Wish, USA 1974)

Regie: Michael Winner

Drehbuch: Wendell Mayes

LV: Brian Garfield: Death Wish, 1972 (Ein Mann sieht rot)

Nachdem seine Frau und Tochter in ihrem New Yorker Apartment überfallen und vergewaltigt werden und seine Frau von den Verbrechern ermordet wird, sieht der friedliebende, linksliberale Paul Kersey (Charles Bronson) rot.

Selbstjustiz-Klassiker, der das schlechte Vorbild für unzählige weitere Vigilantenfilme war. Das gilt auch für die direkten „Ein Mann sieht rot“-Fortsetzungen.

Michael Winner inszenierte die krude Geschichte kraftvoll, ohne große Subtilitäten mit eindeutiger Botschaft. Trotzdem ist sein Film immer wieder ambivalenter als das Publikum den Kassenhit damals sah.

Brian Garfield, der Autor der Vorlage, ist überzeugt, dass Gewalt nur Gegengewalt erzeugt und sie zu einem moralischen Verfall des Täters führt. Weil er fand, dass seine Botschaft von Michael Winner falsch dargestellt wurde, schrieb er die „Ein Mann sieht rot“-Fortsetzung „Death Sentence“ (1975). Der Roman wurde 2007 von James Wan als äußerst pessimistische Studie über Selbstjustiz verfilmt. In anderen Romanen erzählt Garfield, wie seine Protagonisten erfolgreich und ohne Gewalt anzuwenden gegen Gewalttäter vorgehen.

Zu „Ein Mann sieht rot“ erklärte Garfield: „I meant it (if you believe in the influence of subtext) as a cautionary lesson, not a recommendation. Revenge is a universal fantasy but, in practice, it isn’t a solution, it’s a problem.“

Hauptdarsteller Charles Bronson äußerte sich in Interviews über den Film ähnlich. Und Winners Film hat durchaus ein Interesse an dieser Frage. Sein Film spielt vor einem konkreten sozialen und politischen Hintergrund: dem New York der frühen siebziger Jahre, als die Millionenstadt in einem Sumpf von Gewalt und Verbrechen versank.

2018 drehte Eli Roth mit Bruce Willis ein vollkommen missglücktes Remake von Michael Winners Film.

mit Charles Bronson, Hope Lange, Vincent Gardenia, Steven Keats, William Redfield, Stuart Margolin, Stephen Elliott, Jeff Goldblum (sein Debüt)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Ein Mann sieht rot“

Wikipedia über „Ein Mann sieht rot“ (deutsch, englisch)

Homepage von Brian Garfield

Meine Besprechung von Michael Winners Brian-Garfield-Verfilmung „Ein Mann sieht rot“ (Death Wish, USA 1974)

Meine Besprechung von Joseph Rubens  “The Stepfather” (The Stepfather, USA 1986, nach einer Geschichte von Brian Garfield)

Meine Besprechung von Eli Roths Brian-Garfield-Verfilmung „Death Wish“ (Death Wish, USA 2018)

Mein Nachruf auf Brian Garfield

Meine Besprechung von Michael Winners „Rendezvous mit einer Leiche“ (Appointment with Death, USA 1988)

Mein Nachruf auf Michael Winner


Neu im Kino/Filmkritik: „They see you“, aber was wollen sie, Frau Night Shyamalan?

Juni 6, 2024

They see you“, das ist der deutsche Titel, der englische Titel ist „The Watchers“, ist das Spielfilmdebüt von Ishana Night Shyamalan und sie ist die Tochter von „Sixth Sense“ M. Night Shyamalan. Er ist einer der Produzenten des Horrorfilms. Über die Qualität des Films sagt das erst einmal nichts aus, aber natürlich weckt dieses Wissen Erwartungen, die der Film teilweise einlöst. Denn der auf dem nicht ins Deutsche übersetzten Gothic-Horrorroman „The Watchers“ von A. M. Shine basierende Film ist ein Horrorfilm mit einer Prämisse, die sofort zum Nachdenken, Assoziieren und Rätselraten über die Lösung einlädt.

Als die Mittzwanzigern Mina einen Vogel von einer Zoohandlung in Galway zu einem Kunden bringen soll, verfährt sie sich auf ihrer Fahrt durch Irland aus nie geklärten Gründen. In einem riesigen Waldgebiet versagt der Motor ihres Autos. Sie steigt aus und verliert die Orientierung. Als es dunkel wird, kann sie vor irgendwelchen gefährlichen im Wald lebenden Wesen in einen brutalistischen Betonbunker flüchten. Dort trifft sie auf drei Menschen: eine ältere Frau, die weiß, welche Regeln man im Umgang mit den Wesen befolgen muss, einen jüngeren Mann und eine jüngere Frau, über die wir eigentlich nichts erfahren. Nachts müssen sie in dem Haus bleiben und auf eine riesige verspiegelte Fensterscheibe starren. Auf der anderen Seite sind die Wesen, die sie beobachten.

Ob es diese Wesen wirklich gibt, ist unklar. Was sie wollen, ist unklar. Und ob sie wirklich eine Bedrohung sind, ist ebenso unklar. Aber sie halten die vier Menschen in dem Wald gefangen.

Diese Prämisse und die Atmosphäre haben durchaus einen Shyamalan-Touch. Aber wenn in der zweiten Hälfte des Films langsam die Fragen beantwortet werden, wird „They see you“ zu einem in jeder Beziehung generischen und mutlosen 08/15-Horrorfilm. Alle sich aus der Prämisse ergebenden Möglichkeiten werden zuverlässig zugunsten des kleinsten möglichen Geisterhorror-Nenners ignoriert. Mehr kann über die Lösung nicht verraten werden. Denn jedes weitere Wort wäre ein massiver Spoiler .

They see you (The Watchers, USA 2024)

Regie: Ishana Night Shyamalan

Drehbuch: Ishana Night Shyamalan

LV: A. M. Shine: The Watchers, 2021

mit Dakota Fanning, Georgina Campbell, Oliver Finnegan, Olwen Fouéré

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „They see you“

Metacritic über „They see you“

Rotten Tomatoes über „They see you“

Wikipedia über „They see you“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Watching you – Die Welt von Palantir und Alex Karp“ bleibt verschlossen

Juni 6, 2024

Wer oder was ist Palantir? Und wer ist Alex Karp? Im Gegensatz zu anderen Milliardären, die irgendetwas mit Computern und dem Internet zu tun haben, wie Bill Gates, Jeff Bezos und Mark Zuckerberg, ist Alex Karp unbekannt. Auch seine Firma Palantir und deren Produkt Palantir Gotham ist außerhalb der Datenschutz-Szene unbekannt.

Da kann ein gut gemachter Dokumentarfilm die notwendige Aufklärungsarbeit leisten. Die Idee, den Dokumentarfilmer erfolglos sein Objekt der Begierde verfolgen zu lassen, ist durchaus tragfähig für einen Film. Und dass Klaus Stern für seinen Dokumentarfilm „Watching you – Die Welt von Palantir und Alex Karp“ auch auf 1997 von seinem Kameramann Thomas Giefer gemachte Aufnahmen von Alex Karp für einen Dokumentarfilm über den jüdischen Schriftsteller Richard Plant zurückgreifen kann ist ein Gewinn. Hier wird Karp als junger Bohemien, als eine sympathische Kreuzung aus einer Jim-Jarmusch-Figur, ‚Stadtneurotiker‘ Woody Allen und Groucho Marx gezeigt, der durch New York streift und sich Zigarren anzündet. Stern befragt auch die Menschen, die ihn in den Neunzigern und frühen nuller Jahren kannten. Damals war er als Philosophie-Doktorand in Frankfurt am Main an der Universität und arbeitete im Sigmund-Freud-Institut. Für die Geschichte von Palantir ist das zwar nicht wichtig, aber durchaus interessant als Einblick in Karps Zeit vor der Unternehmensgründung. Damals ahnte niemand, dass dieser etwas seltsame Sohn eines jüdischen Medizin-Professors und einer afro-amerikanischen Künstlerin, der seine Kindheit auf Friedensdemos verbrachte und sich als Neomarxist bezeichnete, der CEO eines global tätigen Software-Unternehmens werden würde, das mit dem Militär und Sicherheitsdiensten eng zusammen arbeitet.

Später, wenn Stern versucht, ihn in Davos zu einem Interview zu überreden und er neuere Aufnahmen von Karp präsentiert, erinnert er noch mehr Groucho Marx. Über sein Denken, auch die Widersprüche in seinem Denken, und seine Vision erfährt man dagegen nichts substantielles. Das Gleiche gilt für die von ihm gegründete Firma Palantir, die „größte kommerzielle Überwachungsfirma der Welt“ (Presseheft), und warum seine Software so umstritten ist. Die Bedenken der Datenschützer werden in zwei kurzen Statements angesprochen. Wie die Software funktioniert und was die Probleme dabei sind, überhaupt nicht.

Gerade das und die damit verbundene Bedrohung einer freien Gesellschaft müsste in einer Doku nicht nur kurz angesprochen, sondern vertieft werden.

Doch hier kratzt die in jahrelanger Arbeit entstandene Doku noch nicht einmal an der Oberfläche. Von der Filmidee bis zur Premiere vergingen sieben Jahre.

Nach etwas über neunzig Minuten bleibt nur das Bild von einem etwas schrullig wirkendem, netten Firmengründer, der irgendetwas mit Daten macht.

© hr/DOKfest

Watching you – Die Welt von Palantir und Alex Karp (Deutschland 2024)

Regie: Klaus Stern

Drehbuch: Klaus Stern

Länge: 98 Minuten

FSK: ?

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Watching you“

Moviepilot über „Watching you“

Wikipedia über Klaus Stern, Palantir (deutsch, englisch) und Alex Karp (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 6. Juni: There will be Blood

Juni 5, 2024

RBB, 20.15

There will be Blood (There will be Blood, USA 2007)

Regie: Paul Thomas Anderson

Drehbuch: Paul Thomas Anderson

LV: Upton Sinclair: Oil!, 1927 (Öl!)

Porträt von Daniel Plainview (Daniel Day-Lewis), einem kapitalistisch-egoistischem, Menschen verachtenden und rein instrumentell behandelnden Ölsucher, der zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in Kalifornien ein Vermögen macht. Sein Gegenspieler ist der ebenso ehrgeizige evangelikale Prediger Eli Sunday (Paul Dano). Mit großen Showveranstaltungen sammelt er Gläubige um sich. Und mit Plainview kooperiert er, um seine Gemeinde (und damit sich selbst) zu mästen.

Bildgewaltiges Drama, das in jeder Sekunde auf maximale Überwältigung zielt. Und vom Wesen der amerikanischen Kultur erzählt.

Mit Daniel Day-Lewis, Paul Dano, Kevin J. O’Connor, Ciarán Hinds, Dillon Freasier, Elizabeth Barrett

Wiederholung: Samstag, 8. Juni, 00.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „There will be Blood“

Wikipedia über „There will be Blood“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Paul Thomas Andersons „Inherent Vice – Natürliche Mängel“ (Inherent Vice, USA 2015)

Meine Besprechung von Paul Thomas Andersons „Der seidene Faden“ (Phantom Thread, Großbritannien 2017)

Meine Besprechung von Paul Thomas Andersons „Licorice Pizza“ (Licorice Pizza, USA 2021)


Neu im Kino/Filmkritik: „Bad Boys: Ride or Die“ in den alten Melodien

Juni 5, 2024

Die kürzeste Kritik zum vierten „Bad Boys“-Film geht so: wenn dir der vorherige Film gefiel, wird dir auch „Bad Boys: Ride or Die“ gefallen.

Und das waren vor vier Jahren, während der Coronavirus-Pandemie, ziemlich viele Menschen. In Deutschland war er mit 1,8 Millionen Zuschauern der erfolgreichste Film des Jahres. In den USA sah es genauso aus. Weltweit war die Actionkomödie mit einem Umsatz von 426,5 Millionen US-Dollar, hinter drei asiatischen Filmen (es war ein ungewöhnliches Jahr), der vierterfolgreichste Film des Jahres. Und es war der an der Kinokasse und bei der Kritik der erfolgreichste „Bad Boys“-Film. Das Publikum liebte sie durchgehend.

Da war eine Fortsetzung unvermeidlich und dieses Mal ging es auch schneller als zwischen dem zweiten und dritten Filmabenteuer mit den in Miami ermittelnden Drogenfahndern Mike Lowrey (Will Smith) und Miles Burnett (Martin Lawrence). Sie sind Schwarz, haben ein loses Mundwerk und sind seit über dreißig Jahren Partner. Der eine ist ein glücklicher Familienvater. Der andere ein überzeugter Single. Jedenfalls bis jetzt. Denn Lowrey heiratet am Filmanfang.

In ihrem vierten Leinwandeinsatz wird ihr ehemaliger, in „Bad Boys for Life“ erschossener Vorgesetzter Captain Howard (dieses Mal als Geist dabei) verdächtigt, für die Kartelle gearbeitet zu haben. Die titelgebenden „Bad Boys“ Lowrey und Burnett glauben es nicht. Sie wollen seine Unschuld beweisen und geraten dabei in Teufels Küche. Denn die wahren Täter und Hintermänner, die gestandene Krimigucker ohne große Mühe schnell enttarnen, wehren sich mit allen Mitteln. Sie scheinen über jeden Schritt der beiden Drogenfahnder informiert zu sein.

Erzählt wird das in der bewährten Buddy-Cop-Mischung aus Humor, dummen Sprüchen und exzessiver Gewalt. Die Zerstörungsorgie wird, auch das ist keine Neuigkeit, in hektischen Schnitten erzählt. Es ist fast nie möglich, die Action zu verfolgen. Und wenn dann einmal in einer Actionszene länger nicht geschnitten wird, bewegt die Kamera sich so hektisch, dass auch dann das Geschehen kaum verfolgt werden kann. Dass das anders geht, haben in den letzten Jahren vor allem die „John Wick“-Filme gezeigt. Auch ein Blick auf die „James Bond“- oder „Mission: Impossible“-Filme zeigt, dass Action anders inszeniert werden kann.

Oder auf den ersten „Bad Boys“-Film. Den hat Michael Bay zwar auch schon hektisch im Sekundentakt geschnitten.

Aber ihm gelangen in seinem Spielfilmdebüt einige ikonische Bilder und im Gedächtnis bleibende Actionszenen. Das kann von Adil & Bilalls zweitem „Bad Boys“-Film nicht gesagt werden. Bei ihnen verschwimmt alles in einem monotonem Schnittgewitter. Das ist keine überkandidelte Rocksinfonie, sondern der Rhythmus-Track für ein Hip-Hop-Stück, bei dem die anderen Instrumente und der Gesang fehlen.

Der Humor besteht vor allem aus den endlosen, redundanten Streitereien zwischen Lowrey und Burnett. Sie zanken sich wie ein altes Ehepaar auf Autopilot. Und Burnett wird hier zum absoluten Trottel degradiert.

Die Story ist, wie erwartbar, nicht der Rede wert. Sie dient nur als Perlenschnur, an der Action und Witze aneinandergereiht werden.

In „Bad Boys: Ride or Die“ werden die bekannten Zutaten, mit vielen aus den vorherigen Filmen bekannten und einigen neuen, weitgehend vollkommen austauschbaren Figuren, einfach noch einmal präsentiert. Ohne nennenswerte Variationen und Engagement. Das ist mehr Autopilot als Innovation; – also ziemlich genau das, was ich erwartete und was die Fans der vorherigen, vor allem des vorherigen Films wollen.

Bad Boys: Ride or Die (Bad Boys: Ride or Die, USA 2024)

Regie: Adil & Bilall (aka Adil El Arbi und Bilall Fallah)

Drehbuch: Chris Bremner, Will Beall (basierend auf von George Gallo erfundenen Figuren)

mit Will Smith, Martin Lawrence, Vanessa Hudgens, Alexander Ludwig, Paola Núñez, Eric Dane, Ioan Gruffudd, Jacob Scipio, Melanie Liburd, Tasha Smith, Tiffany Haddish, Joe Pantoliano, John Salley, DJ Khaled, Rhea Seehorn, Dennis McDonald, Michael Bay (Cameo)

Länge: 116 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Bad Boys: Ride or Die“

Metacritic über „Bad Boys: Ride or Die“

Rotten Tomatoes über „Bad Boys: Ride or Die“

Wikipedia über „Bad Boys: Ride or Die“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Adil & Bilalls „Bad Boys for Life“ (Bad Boys for Life, USA 2020)


TV-Tipp für den 5. Juni: Pulp Fiction

Juni 4, 2024

Kabel 1, 20.15

Pulp Fiction (Pulp Fiction, USA 1994)

Regie: Quentin Tarantino

Drehbuch: Quentin Tarantino (nach einer Geschichte von Quentin Tarantino und Roger Avary)

Tausendmal gesehen, tausendmal hat’s Spaß gemacht.

„Im Stil der Pulp Fiction, der Groschenromane und B-Pictures aus den 30er und 40er Jahren, komprimiert Quentin Tarantino eine Handvoll Typen und Storys zu einem hochtourigen Film noir (…) Ein ausgezeichnetes Darsteller-Ensemble, eine intelligente Inszenierung und ein gutes Timung durch flotte Schnitte tragen dazu bei, dass Blutorgien mit Slapstick und bitterer Zynismus mit leichter Ironie so raffiniert ineinander übergehen oder aufeinander folgen, dass die Brüche und Übergänge nicht stören.“ (Fischer Film Almanach 1995)

Tarantino erzählt von zwei Profikillern, die zuerst Glück und dann Pech bei ihrer Arbeit haben, einem Boxer, der entgegen der Absprache einen Boxkampf gewinnt und sich dann wegen einer Uhr in Lebensgefahr begibt, einem Gangsterpärchen, das ein Schnellrestaurant überfällt, einem Killer, der die Frau seines Chefs ausführen soll und in Teufels Küche gerät, einer Gangsterbraut, die eine Überdosis nimmt, einem Killer, der zum Christ wird und von einem Tanzwettbewerb.

Kurz: wir haben mit einem Haufen unsympathischer Leute eine verdammt gute Zeit.

Der Kassenknüller erhielt zahlreiche Preise, aber für Krimifans zählt natürlich nur der gewonnene Edgar.

Aufgrund der Uhrzeit könnte eine gekürzte Fassung des FSK-16-Films gezeigt werden.

Mit Tim Roth, Harvey Keitel, Uma Thurman, Amanda Plummer, John Travolta, Samuel L. Jackson, Bruce Willis, Rosanna Arquette, Ving Rhames, Eric Stoltz, Christoper Walken, Quentin Tarantino, Steve Buscemi

Wiederholung: Dienstag, 11. Juni, 01.00 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über “Pulp Fiction”

Wikipedia über “Pulp Fiction” (deutsch, englisch)

Pulp Fiction (deutsche Fanseite zum Film)

Drehbuch “Pulp Fiction” von Quentin Tarantino und Roger Avary

The Quentin Tarantino Archives (Fanseite)

Everthing Tarantino (dito)

Q-Tarantino.de (noch eine Fanseite)

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „Quentin Tarantino gegen die Nazis – Alles über ‘Inglourious Basterds’“ (Kleine Schriften zum Film: 1, 2009)

Meine Besprechung von Quentin Tarantinos “Django Unchained” (Django Unchained, USA 2012)

Kriminalakte über Quentin Tarantino und „Django Unchained“ (Bilder, Pressekonferenz, Comic)

Meine Bespechung von Quentin Tarantinos „The Hateful 8“ (The Hateful Eight, USA 2015)

Meine Besprechung von Quentin Tarantinos „Once upon a Time in…Hollywood“ (Once upon a Time in…Hollywood, USA 2019)


„Der Letzte löscht das Licht“ und gewinnt einen Max-und-Moritz-Preis

Juni 4, 2024

Wissenswertes über Erlangen: dort wird jedes Jahr beim Internationalen Comic-Salon in mehreren Kategorien der wichtigste deutsche Comicpreis, der Max-und-Moritz-Preis, vergeben.

Dieses Jahr gewann Tobias Aeschbacher mit „Der Letzte löscht das Licht“ den Preis für das beste deutschsprachige Comic-Debüt. Es handelt sich um eine Kriminalgeschichte in der Quentin-Tarantino-Tradition. Wir erinnern uns: Nach seinen beiden ersten Filmen „Reservoir Dogs“ und „Pulp Fiction“ und dem Drehbuch für „True Romance“ wollte jeder so wie Tarantino erzählen. Es kam zu einer Schwemme von Filmen und Büchern, die Gewalt mit coolen Sprüchen verbanden. Manchmal gut, meistens nicht gut.

Auch bei Aeschbacher sind die Verbrecher extrem redselig, der Respekt vor dem Leben und der körperlichen Unversehrtheit nicht vorhanden und eine Situation gerät schnell und mit grotesken Folgen außer Kontrolle. Es ist, als ob bei einem „Was ist das Schlimmste, das passieren kann?“-Spiel immer die schlimmste Option gezogen würde.

Eric, der Kopf eines Gangstertrios will unbedingt einen Koffer und eine Vase, die ihm gestohlen wurden, wieder haben. Geklaut wurde die Vase mit dem für Eric wertvollen Inhalt von einem jungen Pärchen, das mit Überfällen sein Einkommen bestreitet. Sie wohnen in einem heruntergekommenem Mietshaus. In ihm fällt, wie Aeschbacher in seinem Comic zeigt, regelmäßig der Strom aus und in jedem der sechs Apartment gibt es in der Geschichte mindestens eine Begegnung mit dem Tod. Die erste ist in dem Apartment, in dem das Gaunerpärchen wohnt. Weil sie die Vase, die Eric unbedingt wieder haben will, bereits an eine Nachbarin weitergegeben hat, und jemand von oben durch die Decke auf sie schießt, gibt es in dem Mietshaus den ersten Schusswechsel und die ersten Toten.

Danach besucht Eric die anderen Wohnungen und begegnet den Mietern. Diese sind unter anderem ein Auftragskiller und seine Katze, ein illegal Cannabis anbauendes Kifferpaar und ein älteres Ehepaar, das einen Doppel-Suizid begehen will. Normalerweise endet jeder Besuch, teils auf groteske Weise, mit Verletzungen und Toten.

Davor gibt es lange zwischen Pseudo-Coolness und bratzender Dummheit oszillierende Mono- und Dialoge. Im Gegensatz zu Aeschbachers Figuren erscheinen Tarantinos Figuren wie große Schweiger und tiefsinnige Denker. Dazwischen gibt es alle paar Seiten eruptiv ausbrechende tödliche Gewalt. Denn – die Geschichte spielt in der Schweiz – in fast jedem Schrank liegt eine Schusswaffe.

Der Letzte löscht das Licht“ ist ein okayes Werk in der Tarantino-Tradition.

Tobias Aeschbacher: Der Letzte löscht das Licht

Helvetiq, 2024

128 Seiten

20 Euro

Hinweise

Helvetiq über den Comic

Homepage von Tobias Aeschbacher


Cover der Woche

Juni 4, 2024

„Das Ende der Straße“ ist der deutsche Titel. Meine längere, meine kürzere Besprechung.


TV-Tipp für den 4. Juni: Dredd

Juni 3, 2024

Nitro, 22.00

Dredd (Dredd, Großbritannien 2012)

Regie: Pete Travis

Drehbuch: Alex Garland

LV: Charakter von John Wagner und Carlos Ezquerra

Ein normaler Tag in Mega-City One: Judge Dredd sorgt, begleitet von einer Berufsanwärterin, in einem Hochhaus für Ruhe und Ordnung.

Herrlich kompromiss- und humorloser Actionfilm.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

Davor, um 20.15, läuft „Judge Dredd“ (USA 1995), die Version mit Sylvester Stallone.

mit Karl Urban, Lena Headey, Olivia Thirlby, Wood Harris, Domhnall Gleeson

Hinweise

Metacritic über „Dredd“

Rotten Tomatoes über „Dredd“

Wikipedia über „Dredd“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Pete Travis‘ „Dredd“ (Dredd, Großbritannien 2012)

Meine Besprechung von Alex Garlands „Ex Machina“ (Ex Machina, USA/Großbritannien 2014)

Meine Besprechung von Alex Garlands Jeff-VanderMeer-Verfilmung „Auslöschung“ (Annihilation, USA 2018)

Meine Besprechung von Alex Garlands „Men – Was dich sucht, wird dich finden“ (Men, Großbritannien 2022)

Meine Besprechung von Alex Garlands „Civil War“ (Civil War, USA 2024)


TV-Tipp für den 3. Juni: Der Panther wird gehetzt

Juni 2, 2024

Arte, 20.15

Der Panther wird gehetzt (Classe tous risques, Frankreich/Italien 1960)

Regie: Claude Sautet

Drehbuch: José Giovanni, Claude Sautet, Pascal Jardin

LV: José Giovanni: Classe tous risques, 1958 (Das Ende vor Augen)

Gangster Abel Davos kehrt aus seinem italienischen Versteck nach Frankreich zurück. Seine alten Freunde wollen nichts mehr von ihm wissen. Nur der Einzelgänger Eric Stark hält zu ihm.

Tolles Unterweltdrama über die letzten Tage eines Gangsters. Jean-Pierre Melville war begeistert. „Für mich bedeutete dieser Film einen Wendepunkt in meiner Karriere, rein gefühlsmäßig zählt er sehr viel. Er gehört zu jenen Filmen, die ich liebe. Aber das ist ganz persönlich.“ (Lino Ventura)

Damals fand die kirchliche Filmkritik keine lobenden Worte: „Was soll eigentlich der Film? Eine spannende Handlung hat er nicht zu bieten…Dann wird zu unserer berechtigten Empörung das Leben eines Verbrechers ganz unverfroren als Beruf hingestellt. In der gleichen Weise wird die Freundestreue hier so erstaunlich gewürdigt, dass man beinahe vergisst, dass hier Menschen durch Gewaltverbrechen aneinander gebunden sind. Die Kinder des Panthers sind schließlich noch der Gipfel der Unverfrorenheit, denn sie dienen nur dem Zweck, den eiskalten Mörder außerberuflich zum rührenden Familienvater zu verklären.“ (Evangelischer Filmbeobachter)

Mit Lino Ventura, Jean-Paul Belmondo, Sandra Milo

Wiederholung: Mittwoch, 5. Juni, 16.10 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Der Panther wird gehetzt“

Wikipedia über „Der Panther wird gehetzt“ (deutsch, englisch, französisch)

 


TV-Tipp für den 2. Juni: Die Elenden

Juni 1, 2024

Arte, 20.15

Die Elenden (Les Misérables, Frankreich 1995)

Regie: Claude Lelouch

Drehbuch: Claude Lelouch

LV: Victor Hugo: Les Misérables, 1862 (Die Elenden)

Genaugenommen handelt es sich nicht um eine TV-Premiere, weil der fast dreistündige Film bereits schon mindestens einmal im deutschen Fernsehen lief (laut OFDb am 9. Oktober 1999 um 06.05 Uhr auf RTL II [kein Kommentar]). Aber er ist hier vollkommen unbekannt, obwohl Claude Lelouch („Ein Mann und eine Frau“) die Regie führte und das Drehbuch schrieb, Jean-Paul Belmondo die Hauptrolle spielt (und er dabei in drei Rollen brilliert), die Vorlage Victor Hugos „Les Misérables“, ein vielfach verfilmter Nationalklassiker, ist, der Film in Frankreich in der Startwoche auf dem ersten Platz stand, er von Kritikern gelobt wurde und den Golden Globe als bester fremdsprachiger Film erhielt.

Bemerkenswert bei Lelouchs Adaption von Hugos Roman, der die Geschichte des ehemaligen Sträflings Jean Valjean erzählt, der nach seiner Haft in der Gesellschaft aufsteigt, aber immer Angst davor hat, dass jemand von seiner Haft erfährt, sind die Freiheiten, die Lelouch sich nimmt. Er verlegt die Geschichte in die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts und er lässt die Geschichte auf mehreren Zeitebenen spielen, unter anderem während der Nazi-Zeit.

mit Jean-Paul Belmondo, Michel Boujenah, Alessandra Martines, Salomé Lelouch, Annie Girardot, Philippe Léotard, Robert Hossein

auch ‚bekannt‘ als „Les Misérables“

Wiederholung: Sonntag, 9. Juni, 11.25 Uhr

Hinweise

Arte über den Film (nach der Ausstrahlung in der Mediathek neben anderen Filmen von Claude Lelouch)

AlloCiné über „Die Elenden“

Rotten Tomatoes über „Die Elenden“

Wikipedia über „Die Elenden“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Claude Lelouchs „Die schönsten Jahre eines Lebens“ (Les plus belles années d’une vie, Frankreich 2019)


TV-Tipp für den 1. Juni: Inception

Mai 31, 2024

RTL II, 20.15

Inception (Inception, USA/Großbritannien 2010)

Regie: Christopher Nolan

Drehbuch: Christopher Nolan

Leonardo DiCaprio spielt einen Spion, der sich in die Gehirne von anderen Menschen einloggt. Jetzt soll er allerdings nichts ausspionieren, sondern eine schädliche Idee in das Gehirn seines Opfers implantieren.

Die Kritiker waren begeistert von “Batman“ Christopher Nolans Mindfuck. Die Zuschauer ebenso. Die Kinobetreiber zählten strahlend die verkauften Eintrittskarten. Denn „Inception“ ist ein inzwischen seltenes Beispiel für Blockbusterkino, bei dem man sein Gehirn nicht an der Kinokasse abgeben muss.

mit Leonardo DiCaprio, Joseph Gordon-Levitt, Ellen Page, Tom Hardy, Ken Watanabe, Cillian Murphy, Tom Berenger, Marion Cotillard, Pete Postlethwaite, Michael Caine, Lukas Haas

Wiederholung: Sonntag, 2. Juni, 03.10 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über “Inception”

Wikipedia über “Inception” (deutsch, englisch)

Nolan Fans (umfangreiche Homepage, auch mit den Drehbüchern zu seinen Filmen, u. a. “Inception”)

Meine Besprechung von Christopher Nolans „Interstellar“ (Interstellar, USA/Großbritannien 2014)

Meine Besprechung von Christopher Nolans „Dunkirk“ (Dunkirk, USA/Frankreich/Großbritannien 2017)

Meine Besprechung von Christopher Nolans „Tenet“ (Tenet, USA 2020)

Meine Besprechung von Christopher Nolans „Oppenheimer“ (Oppenheimer, USA 2023)

Also eigentlich ist die Filmgeschichte ganz einfach:


Neu auf Mubi/Filmkritik: Über „Gasoline Rainbow“

Mai 31, 2024

Die High School haben sie überstanden und jetzt wollen die fünf Schulfreunde zum letzten Mal die Freiheit genießen, bevor, so sagen sie am Filmanfang vollkommen unironisch, der Ernst des Lebens beginne. In einem alten Transporter wollen sie von ihrem Heimatdorf Wiley, Oregon, zum Pazifik fahren. Es handelt sich dabei um eine Strecke von 513 Meilen, was nach US-amerikanischen Maßstäben ein Katzensprung ist. Für dem Ausflug müssen sie noch nicht einmal ihren Heimatstaat verlassen. Trotzdem ist dieser Kurztrip für sie ein großes Abenteuer und möglicherweise das letzte Mal, dass sie als Clique über einen längeren Zeitraum zusammen sind.

Die Ross Brothers Bill und Turner schildern in ihrem neuesten Independent-Film „Gasoline Rainbow“ diese Fahrt indem sie Fotos, Handy-Aufnahmen und professionelle Aufnahmen munter und mit vielen Schnitten zu einem in sich geschlossenem Werk machen. Auch wenn die wackeligen Handyaufnahmen am Anfang nerven, überzeugt dieser Teil des Films. Die Story schwächelt dagegen.

In dem Road-Movie bewegen sich die fünf Jugendlichen, drei Jungen und zwei Mädchen, meistens von einer Party zur nächsten Party, die sich kaum von der vorherigen Party unterscheidet. Auf ihrem Weg treffen sie einige Partygäste öfter. Die Begegnungen erschöpfen sich dann vor allem im gemeinsamen Tanzen und Konsum aller möglichen legalen und illegalen Drogen.

Nur aufgrund der zurückgelegten Entfernungen zwischen den Party-Orten unterscheidet sich das Party-Hopping der Reisenden von einem hiesigen Party-Hopping, bei dem an einem Samstagabend von Kneipe zu Kneipe, Party zu Party, getrunken wird.

Dabei entsteht ein ziemlich deprimierendes Bild der USA. Es gibt, abseits fotogener Sonnenuntergänge, keinen Mythos USA mehr. Die fünf Jugendlichen suchen auch nicht, wie die beiden Motorradfahrer in „Easy Rider“, danach. Sie wollen nur möglichst schnell und ohne erkennbaren Widerstand einen Job bekommen. Für sie ist der Kurztrip zur Party am Ende der Welt das letzte große Abenteuer. Und dabei sind sie noch zu jung um in Oregon legal Bier zu trinken, Bars zu besuchen oder Zigaretten zu kaufen. Dafür müssten sie 21 Jahre alt sein. Mehr Anpassung an die Gesellschaft und deren Ideale gibt es wohl nicht.

Im Film erfahren wir arg wenig über die fünf Jugendlichen. Sie werden von Laienschauspielern gespielt, die hier ihre erste Filmrolle hatten. Die Ross Brothers gaben ihnen kein ausgearbeitet Drehbuch, sondern nur Notizen, die die Grundlage für Improvisationen bildeten. Auch nach gut zwei Stunden kennen wir nicht ihre Namen und können sie nicht voneinander unterscheiden. Sie sind ganz normale Jugendliche ohne besondere Eigenschaften, Interessen, Fähigkeiten – und mit einem für Teenager erstaunlich altmodischem Musikgeschmack. So singen sie im Van „Yellow Submarine“ und „Don’t worry, be happy“, hören Ice Cube und Guns N‘ Roses.

Während in „Easy Rider“ die beiden Motorradfahrer auf ihrer Fahrt durch die USA, musikalisch begleitet von einigen Songs, die zu Klassikern wurden, nach der Seele Amerikas suchten und von einem anderen Amerika träumten, suchen die Reisenden in „Gasoline Rainbow“ nur nach dem nächsten Bier; – was dann auch eine Aussage über das heutige Amerika ist.

Gasolne Rainbow (Gasoline Rainbow, USA 2023)

Regie: Bill Ross IV, Turner Ross (aka The Ross Brothers)

Drehbuch: Bill Ross IV, Turner Ross

mit Makai Garza, Micah Bunch, Nichole Dukes, Nathaly Garcia, Tony Aburto

Länge: 108 Minuten

FSK: ?

Ab 31. Mai auf Mubi verfügbar.

Hinweise

Mubi über den Film

Moviepilot über „Gasoline Rainbow“

Metacritic über „Gasoline Rainbow“

Rotten Tomatoes über „Gasoline Rainbow“

Wikipedia über „Gasoline Rainbow“ und die Ross Brothers

Zwei Gespräche mit den beiden Ross-Brüdern über ihren neuen Film

 


TV-Tipp für den 31. Mai: Life of Crime

Mai 30, 2024

Sport 1, 20.15

Life of Crime (Life of Crime, USA 2013)

Regie: Daniel Schechter

Drehbuch: Daniel Schechter

LV: Elmore Leonard: The Switch, 1978 (Wer hat nun wen auf’s Kreuz gelegt?)

1978 hoffen die Ganoven Ordell Robbie and Louis Gara (yep, die in „Rum Punch“/“Jackie Brown“ wieder dabei sind), mit der Entführung der Frau eines Immobilienhais an das große Geld zu kommen. Dummerweise will der Geschäftsmann seine Frau nicht wieder haben. Und die will sich das nicht gefallen lassen.

Okaye Verfilmung eines alten Elmore-Leonard-Romans, der trotz guter Besetzung bei uns nur auf DVD erschien.

„Dank guter Darsteller und flotter Inszenierung wird aus dem etwas abgegriffenen Komödienstoff halbwegs passable Unterhaltung.“ (Lexikon des internationalen Films).

Frühere Verfilmungspläne wurden wegen einer zu großen Ähnlichkeit zur erfolgreichen Komödie „Die unglaubliche Entführung der verrückten Mrs. Stone“ (USA 1986) gecancelt.

mit Jennifer Aniston, Yasiin Bey (aka Mos Def), Isla Fisher, Will Forte, Mark Boone Junior, Tim Robbins, John Hawkes, Kevin Corrigan

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Life of Crime“

Wikipedia über „Life of Crime“

Homepage von Elmore Leonard

Mein Hinweis auf Elmore Leonards „Letztes Gefecht am Saber River“ (Last Stand at Saber River, 1959)

Meine Besprechung von Elmore Leoanrds “Raylan” (Raylan, 2012)

Meine Besprechung von Elmore Leonards “Raylan” (2012)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Dschibuti“ (Djibouti, 2010)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Djibouti“ (2010)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Road Dogs“ (Road Dogs, 2009)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Up in Honey’s Room“ (2007)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Gangsterbraut“ (The hot Kid, 2005)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Callgirls“ (Mr. Paradise, 2004)

Mein Porträt „Man nennt ihn Dutch – Elmore Leonard zum Achtzigsten“ erschien im „Krimijahrbuch 2006“

Meine Besprechung der Elmore-Leonard-Verfilmung „Sie nannten ihn Stick“ (Stick, USA 1983)

Meine Besprechung der Elmore-Leonard-Verfilmung „Killshot“ (Killshot, USA 2008)

Elmore Leonard in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Frank Göhre/Alf Mayers „King of Cool – Die Elmore-Leonard-Story“ (2019)


Neu im Kino/Filmkritik: „The End we start from“ ist auch nur ein Anfang. Ist das ein Spoiler?

Mai 30, 2024

Ein Drehbuchautor sagte einmal, dass es in der Geschichte über die Alien-Invasion und die Jugendlichen, die gegen die Außerirdischen kämpfen, um seine Beziehung zu seiner Frau gehe. Aber kein Hollywood-Produzent hätte einen teuren Spielfilm über zwei weinerliche Fünfzigjährige finanziert. Über verliebte Jugendliche, Aliens und eine zerstörte Kleinstadt schon. Er sagte auch, dass niemand, der sich den Film ansieht, diesen Hintergrund – also die Sache mit seiner Bezeihung zu seiner Frau – auch nur ahne. Und das gut so. Jedenfalls wenn es um Unterhaltungsfilme geht, die sich an ein breites Publikum richten. Da kann das Wissen um die persönlichen Hintergründe und die Inspiration für das Drehbuch interessant sein, aber es ist letztendlich unwichtig für den daraus entstandenen Film, der als eigenständiges Werk funktionieren muss.

Bei „The End we start from“ ist das anders. Hier ist eine bestimmte Interpretation so offensichtlich, dass sie nicht wirklich ignoriert werden kann. Und, je nachdem, ob man sich auf das Geschehen auf der Leinwand oder auf die Interpretation konzentriert, ist der Film schlechter oder besser.

Im Mittelpunkt steht eine von Jodie Comer gespielte Frau, die auch in den Credits nur „Woman“ (bzw. „Frau“) heißt. Sie ist hochschwanger, glücklich verheiratet und lebt mitten in London in einem kleinen Einfamilienhaus. So weit, so normal.

Aber ein ständiger Regen führt zu Überschwemmungen in der Stadt und dem ganzen Land. Dieser Regen führt zu einem Zusammenbruch der britischen Gesellschaft. Auch nachdem es aufhört zu regnen, kehrt die Gesellschaft nicht schnell zur Normalität zurück, sondern sie begibt sich in die Welt der Apokalypse-Dystopien, in denen die Menschen sich in kleinen Gruppen zusammenrotten und gegenseitig umbringen. Faustrecht eben.

Nach der Geburt fahren die Frau und ihr Mann zuerst zu seinen Eltern, die etwas abgelegen auf dem Land leben. Als die Eltern des Mannes bei der Suche nach Nahrung getötet werden, begeben sich die Frau und ihr Mann auf eine Reise durch das Land. Zuerst zusammen, später getrennt und ohne eine Möglichkeit miteinander in Kontakt zu treten. Handy können nicht aufgeladen werden, das Internet und das Telefonnetz funktionieren nicht mehr; jedenfalls vermute ich das, weil sie es nicht benutzen.

Sie findet in einem Lager des Militärs, das mit Waffengewalt gegen Angriffe von Außen geschützt wird, ein Bett. Vor dem Lager trennen sie sich und er verschwindet in den Wäldern. Fortan taucht er nur noch in ihren Erinnerungen und in Visionen auf, in denen er tatenlos in der Landschaft herumsteht.

Weil ihr das Leben in dem Lager nicht gefällt, begibt sie sich mit einer anderen Frau auf den Weg zu anderen Gruppen, die anders organisiert sein sollen.

Vom Plot her ist „The End we start from“ eine typische Dystopie, die wie an einer Perlenkette ein Dystopie-Klischee an das nächste reiht. Nur dass hier eine Frau mit einem nur wenige Wochen altem Baby durch die postapokalyptische, sehr sumpfige Landschaft wandert. Das ist gut gemacht, aber in seiner Vorhersehbarkeit auch elend langweilig. Viel zu einfallslos werden die bekannten Stationen einer dystopischen Reisegeschichte abgehakt. Da helfen auch die atmosphärischen Bilder und die guten Schauspieler nicht.

Die Apokalypse selbst und warum Überschwemmungen eine Gesellschaft vollkommen zusammenbrechen lassen, wird nicht weiter erklärt. Das muss einfach so hingenommen werden.

Wenn man die Geschichte allerdings als eine leicht zu entschlüsselnde Metapher auf die Gefühle einer Frau während und nach ihrer Schwangerschaft sieht, dann ist das etwas anders. Dann ist das Dystopie-Gewand eine interessante Visualisierung ihrer Gefühle. Die Frau wandert allein durch eine feindliche Welt. Ihr Mann zieht sich schnell aus der gemeinsamen Kindererziehung zurück. Verschiedene Menschen geben ihr Ratschläge. Es ist ein einziger Alptraum, den sie allein durchleiden muss. Und den nur sie für sich beenden kann. Erst danach kann aus dem „ich“ ein „wir“ werden.

Diese Interpretation macht aus „The End we start from“ und seinem Ende, das, wie der Titel verrät, ein Anfang ist, einen deutlich interessanteren Film.

P. S.: Jodie Comers nächster Film startet bereits am 20. Juni. In Jeff Nichols‘ „The Bikeriders“ hat sie eine der Hauptrollen. Meine Besprechung des in den sechziger Jahren spielenden Biker-Dramas gibt es zum Kinostart.

The End we start from (The End we start from, Großbritannien 2024)

Regie: Mahalia Belo

Drehbuch: Alice Birch

LV: Megan Hunter: The End we start from, 2017 (Vom Ende an)

mit Jodie Comer, Joel Fry, Katherine Waterston, Gina McKee, Nina Sosanya, Mark Strong, Sophie Duval, Benedict Cumberbatch

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „The End we start from“

Metacritic über „The End we start from“

Rotten Tomatoes über „The End we start from“

Wikipedia über „The End we start from“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Über den Horrorfilm „Late Night with the Devil“

Mai 30, 2024

Wenn in Archiven gestöbert wird, tauchen manchmal unbekannte, aber ausgezeichnete Aufnahmen auf (ich sage nur John Coltrane) oder gern von allen Beteiligten vergessenes (wie dieses „Star Wars Holiday Special“ von 1978), oder der Mitschnitt einer katastrophal aus dem Ruder gelaufenen Talkshow. Jedenfalls wird das am Anfang von „Late Night with the Devil“ gesagt.

Es geht um die 1977er Halloween-Show von „Night Owls with Jack Delroy“. Jack Delroy war damals ein Late-Night-Host, dessen Show mit Quotenproblemen zu kämpfen hat; was eine freundliche Umschreibung für „der Sender überlegt, ob er die Show aus dem Programm streicht“ ist. Außerdem ist Delroy immer noch in Trauer über den erst einen Monat zurückliegenden qualvollen Tod seiner Frau. Die Halloween-Show soll die Wende bringen. Dafür sind, passend zum Sendeabend, dem allgemeinen Interesse an Okkultem, Übernatürlichem und, nach den Kinohits „Der Exorzist“ und „Das Omen“, vom Teufel besessenen Kindern, Gäste eingeladen, die etwas zu dem Thema des Abends sagen können. Es sind ein Hellseher, ein junges, von einem Dämon besessenes Mädchen, ihre Vertrauensperson, die einen Bestseller über diesen Fall schrieb, und ein den gesamten Hokuspokus ablehnender Experte für Paranormales.

Ziemlich schnell wird der geplante Ablauf von unvorhergesehenen Ereignissen gestört. Möglicherweise ist der Teufel als nicht eingeladener Gast dabei. Oder es handelt sich nur um einen weiteren Fall von kollektivem Wahn, der dieses mal allerdings von Kameras aufgezeichnet wird.

Mit „Late Night with the Devil“ haben die australischen Brüder Cameron und Colin Cairnes einen Found-Footage-Horrorfilm gedreht, der am Ende seine Prämisse verrät. Das führt zu einem ziemlich durchgedrehtem Finale und ermöglicht es ihnen, einige der vorher im Film geschehenen Ereignisse und Motive des Gastgebers und der Talkshow-Gäste zu erklären. Ob man diese Entscheidung jetzt gut oder schlecht findet, ist Geschmacksache. Mich störte sie nicht. Im Gegentei: sie gefiel mir und befriedigte mich mehr als das alles offen lassende Ende von „The Blair Witch Project“, der Mutter aller Found-Footage-Horrorfilme.

Bis zum Finale erfreut der Horrorfilm der Cairnes-Brüder mit seiner gelungenen Rekonstruktion einer Late-Night-Show aus den siebziger Jahren und dem ebenso gelungenem Spiel mit, vor allem, 70er-Jahre-Horrorklischees und dem damaligen kollektiven Wahn vor teuflischen Besessenheiten. Das liegt an dem guten Drehbuch, der souveränen Regie, den unbekannten, aber guten Schauspielern (David Dastmalchian, der den Gastgeber Jack Delroy spielt, ist der bekannteste Name im Ensemble und auch ihn dürften nur die Menschen kennen, die sich in Blockbustern für jeden Nebendarsteller interessieren), der die 70er Jahre heraufbeschwörenden Ausstattung und der benutzten Technik. Die Cairnes-Brüder entschlossen sich, einfach die in damaligen Talkshows übliche Technik zu verwenden und die Schauspieler spielen zu lassen. In einer Live-Talkshow gibt es ja auch keine Schnitte, sondern nur Werbepausen, in denen hektisch das Make-Up des Moderators erneuert wird, Absprachen getroffen werden und, nach Bedarf, auf- und umgeräumt wird.

Schon jetzt ist „Late Night with the Devil“ einer der besten Horrorfilme des Jahres. Das Regieduo beschreibt ihn zutreffend als „unsere alptraumhafte Ode an die Talkshows und Horrorfilme der 70er Jahre“.

Late Night with the Devil (Late Night with the Devil, Australien/USA/Vereinigte Arabische Emirate 2023)

Regie: Cameron Cairnes, Colin Cairnes

Drehbuch: Cameron Cairnes, Colin Cairnes

mit David Dastmalchian, Laura Gordon, Ian Bliss, Fayssal Bazzi, Ingrid Torelli, Rhys Auteri, Georgina Haig, Josh Quong Tart, Michael Ironside (Erzähler)

Länge: 92 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Late Night with the Devil“

Metacritic über „Late Night with the Devil“

Rotten Tomatoes über „Late Night with the Devil“

Wikipedia über „Late Night with the Devil“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 30. Mai: Ein Becken voller Männer

Mai 29, 2024

RBB, 20.15

Ein Becken voller Männer (Le grand bain, Frankreich 2018)

Regie: Gilles Lellouche

Drehbuch: Gilles Lellouche, Ahmed Mamidi, Julien Lamroschini

Der dauerkrankgeschriebene antriebslose Bertrand schließt sich einer Gruppe vor sich hin dilettierender Synchronschwimmer an. Das ändert sich, als sie an der Weltmeisterschaft teilnehmen wollen.

TV-Premiere. Bekannte Geschichte, anderes Land. In der französischen Variante von „Männer im Wasser“ und „Swimming with Men“ (oder, wenn wir das Wasser verlassen, „Ganz oder gar nicht“) wird die flott erzählte Geschichte mit einer Top-Besetzung mehr dramatisch und melancholisch als witzig durchgespielt.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Mathieu Amalric, Guilaume Canet, Benoit Poelvoorde, Jean-Hugues Anglade, Virginia Efira, Leila Bekhti, Marina Fois, Philippe Katerine, Félix Moati, Alban Ivano

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Ein Becken voller Männer“

AlloCiné über „Ein Becken voller Männer“

Rotten Tomatoes über „Ein Becken voller Männer“

Wikipedia über „Ein Becken voller Männer“ (deutsch, französisch, englisch)

Meine Besprechung von Gilles Lellouches „Ein Becken voller Männer“ (Le grand bain, Frankreich 2018)


„Der Tote im Pool“, die Frau in U-Haft, der Konsul ermittelt

Mai 29, 2024

Niemand mochte das Mordopfer. Entsprechend groß ist die Zahl der Verdächtigen, die den über siebzigjährigen Hotelbesitzer Roger Béliot getötet haben könnten. Ganz oben auf der Liste der Verdächtigen stehen die drei Frauen, mit denen das Opfer in festen Beziehungen lebte. Die Hauptverdächtige ist seine erste Ehefrau Francoise, eine fast zwanzig Jahre jüngere Französin. Sie trennten sich schon vor Ewigkeiten. Aber jetzt will sie die Hälfte seines Vermögens. Sie wurde sofort nach dem Mord verhaftet und sitzt in Maputo im Gefängnis. Béliots zweite Ehefrau ist ebenfalls deutlich jünger als er. Fatouma ist Mosambikanerin und die Tochter eines mächtigen Stammesfürsten. Sie lernten sich während ihres Studiums auf der Handelshochschule kennen. Er unterrichtete dort. Sie sind schon seit längerem getrennt. Zuletzt war Béliot mit der mehrere Jahrzehnte jüngeren Lucrecia zusammen. Sie erwartet ein Kind von ihm. Und das sind nur die Verdächtigen aus Béliots Privatleben.

Während die Polizei mit Francoise als Täterin hochzufrieden ist, zweifelt Aurel Timescu an ihrer Täterschaft. Aurel ist seit einigen Monaten als Konsul in Mosambik. Der Mittfünfziger hat im diplomatischen Dienst keine große Karriere mehr vor sich. Ehrlich gesagt hat er eine solche Bilderbuchkarriere auch nie angestrebt. Inzwischen ist er unkündbar und wird an die entlegensten Orte geschickt. Dort bemüht er sich, möglichst wenig zu arbeiten. Bis es einen Mordfall gibt, der sein Interesse weckt.

Der Tote im Pool“ ist der zweite von bis jetzt fünf Rätselkrimis mit Aurel Timescu, die Jean-Christophe Rufin seit 2018 in Frankreich veröffentlichte. Auf Deutsch sind bis jetzt die ersten beiden Bände erschienen. Mit 208 Seiten ist „Der Tote im Pool“ angenehm kurz. Der Krimi verschwendet keine Zeit mit länglichen Nebengeschichten. Er konzentriert sich ausschließlich auf den Mordfall und die Suche nach dem Täter. Diese süffig geschriebene Tätersuche mit humoristischem Unterton findet vor exotischer Kulisse statt und besitzt ein ordentliches Retro-Flair. Das erinnert dann mehr an einen Kolonialkrimi, in dem weiße Europäer in den Kolonien unter der tropischen Hitze litten, liebten und mordeten, als an einen aktuellen Krimi, in denen es Klimaanlagen, Computer und Mobiltelefone gibt.

Der von Rufin erfundene Konsul Aurel Timescu lehnt ein solches Mobiltelefon für sich ab. Er möchte für seinen Vorgesetzten möglichst schwer erreichbar sein. Er ist ein Ermittler mit offensiv vorgetragener Arbeitsunlust, liebevoll gepflegter Misantrophie, exzessivem Weinkonsum, nächtlichen Arbeitsstunden und einer Liebe zum Jazz. Er entspricht dabei von seiner Persönlichkeit und seinem Verhalten weniger einem heute lebendem Mittfünziger, sondern einem Mann aus den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts, der sich bestimmt gut mit Monsieur Claude versteht. Aurel ist ein von Rufin voller Sympathie beschriebenes, tapfer Widerstand leistendes Relikt aus einer anderen Zeit.

So ist „Der Tote im Pool“ vielleicht etwas aus der Zeit gefallen. Aber das ändert nichts am Lesevergnügen. Rufins zweiter Aurel-Timescu-Krimi ist genau der richtige Krimi für einen langen Tag am Pool.

Jean-Christophe Rufin: Der Tote im Pool – Ein Fall für den Konsul

(übersetzt von Eliane Hagedorn und Barbara Reitz)

Tropen, 2024

208 Seiten

17 Euro

Originalausgabe

Les Trois Femmes du Consul

Flammarion, Paris, 2019

Hinweise

Tropen über Jean-Christophe Rufin

Wikipedia über Jean-Christophe Rufin (deutsch, französisch)


TV-Tipp für den 29. Mai: Gloria Mundi

Mai 28, 2024

Arte, 20.15

Gloria Mundi – Rückkehr nach Marseille (Gloria Mundi, Frankreich/Italien 2019)

Regie: Robert Guédiguian

Drehbuch: Serge Valletti, Robert Guédiguian

Glorias Geburt ist ein freudiges, die Familie zusammenführendes Ereignis. Aber es ist nur eine kurze Unterbrechung von den Alltagssorgen, die die in Marseille lebende Arbeiterfamilie hat. Und dann taucht auch noch, nach zwanzig Jahren im Gefängnis, Daniel wieder auf. Er möchte seiner Familie helfen.

TV-Premiere. Gekonnt und etwas spröde zwischen Analyse, Sozialdrama und, am Ende, Feelgood-Movie schwankendes Drama.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Ariane Ascaride, Jean-Pierre Darroussin, Gérard Meylan, Anaïs Demoustier, Robinson Stévenin, Lola Naymark, Grégoire Leprince-Ringuet

Hinweise

Homepage zum Film

AlloCiné über „Gloria Mundi“

Moviepilot über „Gloria Mundi“

Rotten Tomatoes über „Gloria Mundi“

Wikipedia über „Gloria Mundi“ (englisch, französisch)

Arte über „Gloria Mundi“ (in der Mediathek sind weitere Filme von Robert Guédiguian)

Meine Besprechung von Robert Guédiguians „Gloria Mundi – Rückkehr nach Marseille“ (Gloria Mundi, Frankreich/Italien 2019)