Christian hat sie vorgewarnt. Trotzdem ist Sigrid schockiert, als sie seinen Hund sieht. Denn Frank ist kein Hund, sondern ein Mann in einem Hundekostüm, der sich wie ein Hund benimmt und auch so behandelt werden möchte. Schockiert verlässt sie den gut aussehenden, charmanten Christian. Aber als ihre Studienfreundin ihr sagt, dass Christian Iversen ein Millionenerbe ist, überdenkt sie ihre Entscheidung. Denn ihr Studium verläuft eher mittelprächtig im Nichts. Besondere Ambitionen hat sie keine. Und auch keinen anderen Freund. Also gibt sie Christian, der in jeder Beziehung ihr Gegenteil ist, eine zweite Chance.
Zu Dritt brechen sie zu einem verlängertem Wochenende in seinem Ferienhaus auf. Dort bittet Christian sie als erstes, ihm ihr Handy zu geben. Dann könnten sie ungestört und ohne Ablenkungen mehr Zeit miteinander verbringen.
„Good Boy“ von Viljar Bøe hat eine vielversprechende Prämisse und ein Drehbuch, das die Motive seiner Protagonisten lange in der Schwebe lässt. Ist Christian wirklich ein psychopathischer Kontrollfreak und Perfektionist? Ihr erstes Treffen in einem noblen Lokal hätte fast nicht stattgefunden, weil sie sich grundlos verspätete und ihn auch nicht anrief. Warum beginnt er eine Beziehung mit einer Frau, die so offensichtlich das nicht zu ihm passende Gegenteil ist? Will Sigrid wirklich eine echte Beziehung mit ihm beginnen oder will sie nur sein Geld? Und wer ist Frank? Oder anders gefragt: warum will ein Mann 24/7 der Hund von einem anderen Mann sein? Das sind genug Fragen für eine spannende Geschichte, die nur einen kleinen Schritt von einer ätzenden Gesellschafts- und Beziehungssatire entfernt ist.
Nach einem gelungenem Set-Up führt Bøe sein Drei-Personen-Stück mit zu wenigen überraschenden Wendungen zu Ende. In den entscheidenden Momenten ist „Good Boy“ einfach viel zu brav und geht zu wenig in die Tiefe, um wirklich zu überzeugen.
Das macht „Good Boy“ trotz seiner Kürze von siebzig Minuten (wenn wir den Abspann weglassen) zu einer zu lang geratenen mediokren „Twilight Zone“-Episode, ohne deren schwarzen Humor.
In den besten Händen (La Fracture, Frankreich 2021)
Regie: Catherine Corsini
Drehbuch: Catherine Corsini
Paris, Dezember 2018: Draußen protestieren die Gelbwesten. Drinnen herrscht in der Notaufnahme eines Krankenhaues das (künstlerisch enorm verdichtete) normale Chaos mit überfordertem Personal und hysterischen Patienten, die wir im Lauf der Nacht besser kennen lernen.
TV-Premiere. Hochenergetisch, mit viel Schwarzem Humor, durchaus plakativ und mit pseudokumentarischer Handkamera erzählter Einblick in das französische Gesundheitswesen. Dabei wird die Notaufnahme zu einem Mikrokosmos der französischen Gesellschaft, ihrer Probleme und Verwerfungen. Sehenswert!
Jetzt ist die Neuausgabe von Frank Millers „Sin City“ komplett – und als Bonus gibt es noch ein älteres, bislang nicht ins Deutsche übersetztes Werk von Frank Miller: „The Big Guy and Rusty the Boy Robot“.
Als Frank Miller in den neunziger Jahren seine ultrabrutale Version einer sündigen Hardboiled-Noir-Großstadt schrieb und zeichnete, war er in der Comicszene mit seiner bahnbrechenden Batman-Neuinterpretation, verschiedenen Beiträgen zu bestehenden DC- und Marvel-Serien und Einzelwerken wie „Ronin“, „Martha Washington“ und „Hard Boiled“ schon ein bekannter Name. „Sin City“, seine erste Soloserie, war dann sein großer Durchbruch. In ihr erzählt er, in den dunklen, selten regennassen Straßen von Sin City, Noir-Geschichten von Gangstern, Schlägern, Killern, Privatschnüfflern, Bullen, Psychopathen und vollbusigen Femme Fatales, die mal diesem, mal jenem Gewerbe nachgehen. Verrat ist immer möglich. Gewalt und Mord sind immer eine Option.
Die Serie erschien bei Dark Horse zuerst in Einzelheften und später in verschieden zusammengestellten Sammelbänden. Inzwischen hat sich die Sammlung in sieben unterschiedlich dicken Bücher durchgesetzt. Sechs von ihnen enthalten jeweils eine Geschichte. In einem siebten Band sind mehrere One-Shots gesammelt.
2005 verfilmte Robert Rodriguez mit Frank Miller und Gastregisseur Quentin Tarantino einige von Millers „Sin City“-Geschichten. Unter anderem die aus dem vierten „Sin City“-Buch „Dieser feige Bastard“.
In ihr befreit der harte Cop John Hartigan an seinem letzten Arbeitstag die elfjährige Nancy Callahan aus den Händen von Ethan Roark Jr.. Junior ist der Sohn von Senator Ethan Roark, dem Oberhaupt einer in der Stadt einflussreichen Familie. Hartigan kann Nancy, schwer verletzt, befreien. Aber aufgrund eines Komplotts wandert er für acht Jahre ins Gefängnis. Als er freigelassen wird, beginnt er Nancy zu suchen. Er will sie vor der Familie Roark beschützen. Bei seiner Suche begegnet er auch dem totgeglaubten Junior, der sich an ihm rächen will. Grandiose Lektüre.
„Familienbande“ erschien ursprünglich als eigenständige Graphic Novel. Sie ist kürzer als die anderen langen „Sin City“-Geschichten und sie ist die schwächste „Sin City“-Geschichte.
Dwight McCarthy, beschützt von der im Hintergrund agierenden Ninja-Attentäterin Miho, soll für Gail einiges über einen Anschlag von Gangstern auf einen Diner herausfinden. Daneben interessiert er sich aus ‚persönlichen Gründen‘, die erst am Ende der Geschichte enthüllt werden, für das Massaker. Bis zum Ende folgt er einem für uns undurchsichtigem Plan, der ihn durch die Nacht und die dunklen Ecken der Stadt führt.
Mein Problem mit dieser Geschichte ist, dass zu viele wichtige Motive und Hintergründe erst auf den letzten Seiten enthüllt werden.
„Bräute, Bier und blaue Bohnen“ ist eine Sammlung von elf kurzen, manchmal nur wenige Seiten langen Kurzgeschichten, die nur sehr locker miteinander verbunden sind. Wir begegnen vielen aus anderen „Sin City“-Geschichten bekannten Figuren wieder. Und wir lernen Delia kennen. Sie will Blue Eyes genannt werden und sie möchte eine Killerin werden. Ihr erster Auftrag und gleichzeitig ihre Bewährungsprobe für den Job ist ihr erster Mord: sie muss den einzigen Mann umbringen, den sie jemals geliebt hat.
Der siebte und letzte „Sin City“-Band „Einmal Hölle und zurück“ erzählt die längste „Sin City“-Geschichte. Sie besteht aus neun Einzelheften, die 1999 und 2000 erschienen. Der erfolglose Maler und desillusionierte Kriegsheld Wallace sieht, wie die ebenfalls erfolglose Schauspielerin Esther ins Meer springen will. Er hält sie davon ab, verliebt sich in sie (böser Fehler) und will ihr helfen (nächster böser Fehler). Denn die Dame befindet sich im Fadenkreuz eines Killers.
Mit fast dreihundert Seiten ist das die längste Geschichte, was auch daran liegt, dass Wallace von der Killerin Blue Eyes unter Drogen gesetzt wird und plötzlich auf einem sehr schlechten, sehr farbigem Trip ist, in dem er, neben vielen bekannten Figuren, auch Big Boy und Rusty (auf Seite 200/201) begegnet. Der Rest des Comics ist, wie alle anderen „Sin City“-Comics, in Schwarz-Weiß (und, ja, für die Pedanten, einigen Farbtupfern) und einer sehr avantgardistischen Seitengestaltung erzählt.
Die „Sin City“-Geschichten gehören immer noch zu Millers besten Werken. Sie sind, wie die aktuelle Lektüre von allen „Sin City“-Comics zeigt, immer noch äußerst lesenswerte, sehr brutale Hardboiled-Comics, die in einer zeitlosen Über-Noir-Fantasiewelt spielen.
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Während Frank Miller die „Sin City“-Geschichten schrieb, nahm er sich, nach „Hard Boiled“, die Zeit für einen weiteren Comic mit Zeichner Geof Darrow. „The Big Guy and Rusty the Boy Robot“ ist ihre Version einer „Godzilla“-Geschichte, verbunden mit dem Touch eines naiven Comics für Kinder. Denn Rusty the Boy Robot sieht wie ein kleiner Junge aus. Er ist Japans letzte Verteidigungslinie gegen ein riesiges reptilienartiges Monster, das aus einem Labor ausgebrochen ist, durch Tokio trampelt, dabei Menschen tötet und Gebäude zerstört. Weil der unbekümmert hemdsärmelig auftretende Rusty das Monster nicht besiegen kann, hilft ihm im zweiten und finalen Heft (der Comic erschien ursprünglich in zwei Comicheften) Big Guy aus den USA.
Für Fans von „Godzilla“- und Monstergeschichten ist „The Big Guy and Rusty the Boy Robot“ ein Fest.
Die jetzt bei Cross Cult erschienene deutsche Erstausgabe punktet mit ihrem großen Format (22 x 32 cm), das einen förmlich in die detailreichen, teils doppelseitigen Panels von Zeichner Geof Darrow und Kolorist Dave Stewart versinken lässt. Es gibt außerdem eine Cover-Galerie, eine Pin-Up-Galerie und eine weitere Geschichte mit den beiden Helden („Das Ungeheuer vom Unabhängigkeitstag!“).
Frank Miller: Sin City: Dieser feige Bastard (Band 4)
(übersetzt von Karlheinz Borchert, Paul Scholz und Andreas Mergenthaler)
Cross Cult, 2023
240 Seiten
30 Euro
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Originalausgabe
Frank Miller’s Sin City Volume 4: That Yellow Bastard (# 1 – 6)
Dark Horse, 1996
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Frank Miller: Sin City: Familienbande (Band 5)
(übersetzt von Rossi Schreiber, Lutz Göllner und Andreas Mergenthaler)
Cross Cult, 2023
144 Seiten
20 Euro
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Originalausgabe
Frank Miller’s Sin City Volume 5: Family Values
Dark Horse, 1997
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Frank Miller: Sin City: Bräute, Bier und blaue Bohnen (Band 6)
(übersetzt von Rossi Schreiber, Lutz Göllner und Andreas Mergenthaler)
Cross Cult, 2023
168 Seiten
25 Euro
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Originalausgabe
Frank Miller’s Sin City Volume 6: Booze, Broads, & Bullets
Dark Horse 1993/1994/1995/1996/1997
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Frank Miller: Sin City: Einmal Hölle und zurück (Band 7)
(übersetzt von Rossi Schreiber, Lutz Göllner und Dirk Lenz)
Cross Cult, 2023
328 Seiten
45 Euro
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Originalausgabe
Frank Miller’s Sin City Volumen 7: Hell and Back (#1 – 9)
Dark Horse, 1999 – 2000
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Frank Miller/Geof Darrow/Dave Stewart: The Big Guy and Rusty the Boy Robot
A rainy Day in New York (A rainy Day in New York, USA 2019)
Regie: Woody Allen
Drehbuch: Woody Allen
Während seine Freundin Ashleigh sich für die Studentenzeitung an einem verregneten Tag in New York mit dem von ihr bewunderten Arthaus-Regisseur Roland Pollard trifft, bummelt ihr wohlhabender Freund Gatsby durch die Stadt und trifft dabei einige alte Bekannte.
TV-Premiere. Typisches Alterswerk von Woody Allen.
Sein fünfzigster Film „Ein Glücksfall“ startet am 11. April in den deutschen Kinos.
mit Timothée Chalamet, Elle Fanning, Selena Gomez, Jude Law, Diego Luna, Liev Schreiber, Annaleigh Ashford, Rebecca Hall, Cherry Jones, Will Rogers, Kelly Rohrbach
Drehbuch: Paul Haggis (nach einer Geschichte von Mark Boal und Paul Haggis)
Ex-Militärpolizist und Vietnamveteran Hank Deerfield erfährt, dass sein Sohn Mike sich nach seiner Rückkehr aus dem Irak fahnenflüchtig ist. Kurz darauf wird seine verbrannte Leiche gefunden. Deerfield beginnt mit einer Polizistin Mikes Mörder zu suchen. Dabei werden sie vom Militär behindert.
Haggis benutzt in seinem feinen Thriller das Genre, um auf ein gesellschaftliches Problem aufmerksam zu machen. Denn der auf einem wahren Fall basierende, hochgelobte Thriller beschäftigt sich mit den seelischen Kosten von Kriegseinsätzen für den Einzelnen und die Gesellschaft.
Der Titel spielt auf die David-und-Goliath-Geschichte in der Bibel an. Deren Kampf fand im Valley of Elah, bei uns je nach Bibelübersetzung bekannt als Eichgrund, Elberfelder oder Terebinthental, statt.
Mit Tommy Lee Jones, Charlize Theron, Susan Sarandon, Jason Patric, James Franco, Josh Brolin, Jonathan Tucker
Mit einem Familienurlaub beginnt Denise Minas zweiter Kriminalroman mit Anna McDonald. Die Idee für den gemeinsamen Urlaub in einem Leuchtturm in der Nähe von Glasgow hatte Anna. Doch schnell hat sie genug von den Streitigkeiten und sie nimmt begeistert die erste Gelegenheit wahr, um abzuhauen. Beim Checken ihrer Mails stolpert sie nämlich über eine Mail, in der es um die verschwundene YouTuberin Lisa Lee geht. Sie hat in einem verfallenen Château irgendwo in der französichen Provinz eine römische Schatulle entdeckt und ein Video über diese Expedition veröffentlicht. Diese Schatulle ist jetzt im Katalog eines Auktionshauses gelistet. Es besteht der Verdacht, dass sie – gegen den Ehrenkodex der Urban Explorer – die sogenannte Voyniche-Schatulle mitgenommen und dem Auktionshaus gegeben hat.
Und schon beginnt Anna, zusammen mit ihrem Mit-Podcaster Fin Cohen, Material für eine neue Folge ihres gemeinsamen Crime-Podcast zu recherchieren. Einen Teil der Recherche, sozusagen den langweiligen Teil der Recherche, ‚hören‘ wir dann als Podcast-Folgen. Den, nun, spannenden Teil der Recherche, der teils aus verschiedenen Gründen so nicht im Podcast erzählt wurde (wird? Nun, ihr wisst was gemeint ist), erleben wir dann live. Ihr Begleiter, Führer, Antreiber und Türöffner bei der Suche nach Lisa Lee wird Bram van Wyk. Er behauptet, der rechtmäßige Besitzer der Schatulle zu sein. Er erzählt ihnen einiges über die Vergangenheit und der Bedeutung der Schatulle für Gläubige und die Kunstwelt. Er führt sie in die Welt des internationalen, nicht immer legalen Kunsthandels ein. Er ist äußerst vermögend. Und seine Motive sind unklar. Oder anders gesagt: Anna und Fin wissen nicht, wie sehr, falls überhaupt, sie ihm vertrauen können.
Dieser klug und spannungsfördernd orchestrierte Wechsel zwischen dem nach dem Ende des Abenteuers aufgenommenen Podcast, der wie eine spannende Reportage gestaltet ist, und den Recherchen von Anna und Fin dafür, macht einen guten Teil des Reizes von Denise Minas neuem Buch aus.
Ein anderer Teil des Reizes ist die Welt, in die uns die Geschichte entführt. Es ist zu einem kleinen Teil die Welt der Urban Explorer, die verlassene Gebäude erkunden (natürlich ohne die Besitzer um Erlaubnis zu fragen) und, zu einem größeren Teil, die der Kunstjäger und -sammler, denen der Besitz eines Artefakts wichtiger als dessen lupenreine Herkunft ist.
Ein weiterer Teil des Reizes liegt einfach in der Geschichte. Sicher, Lisa Lee ist verschwunden und möglicherweise tot. Aber das wissen wir nicht. Deshalb erzählt „Fester Glaube“ in erster Linie die Geschichte von der Suche nach einer spurlos verschwundenen YouTuberin, die irgendwie in die Fänge internationaler illegaler Kunsthändler geriet. Und weil für mich ein guter Krimi nicht unbedingt eine Mördersuche sein muss, freue ich mich über jeden Krimi, der kein Tätersuchspiel ist.
Aber so richtig hat mich „Fester Glaube“ nie gepackt. Schon die Prämisse – eine wertvolle Schatulle steht unberührt in einer Ruine herum, bislang hat sie niemand mitgenommen und, nachdem Lisa Lee ihr Video hochgeladen hat, glaubt sie, dass niemand die Ruine erkennt und die herrenlose Schatulle stiehlt – fand ich, – Ehrenkodex der Urban Explorer hin, Ehrenkodex der Urban Explorer her -, unglaubwürdig. Mir war auch nie ganz klar, warum van Wyk einen so komplizierten Weg wählt, um an die Schatulle zu gelangen – und dabei Anna und Fin immer mitnimmt. Außerdem plätschert die Story, nach einem flotten Anfang, doch arg vor sich hin. Es gibt keine konkreten Spuren zu Lisa Lee und damit ist auch unklar, warum sie verschwunden ist, ob sie entführt oder sogar ermordet wurde.
Doch das Böse gibt es nicht (Sheytan vojud nadarad/There is no Evil, Deutschland/Tschechische Republik/Iran 2020)
Regie: Mohammad Rasoulof
Drehbuch: Mohammad Rasoulof
TV-Premiere. In vier voneinander unabhängigen, nacheinander erzählten, im heutigen Iran spielenden Geschichten beschäftigt Mohammad Rasoulof sich mit der Frage, was die Todesstrafe für eine Gesellschaft bedeutet. In den einzelnen Geschichten sind die Protagonisten auf die eine oder andere Art davon betroffen und sie müssen sich entscheiden, wie sie damit umgehen. Wozu auch der Vollzug der Todesstrafe als Henker gehört.
Der sperrige 152-minütige Film gewann 2020 auf der Berlinale den Goldenen Bären.
The Wicker Man(The Wicker Man, Großbritannien 1973)
Regie: Robin Hardy
Drehbuch: Anthony Shaffer
Wenige Tage vor dem 1. Mai 1973 fliegt Sergeant Neil Howie (Edward Woodward) nach Summerisle. Die Insel gehört dem Magier Lord Summerisle (Christopher Lee). Dort soll ein Mädchen verschwunden sein. Aber die inselbewohner sagen, dass sie Rowan Morrison nicht kennen. Das ist, wie Howie schnell herausfindet, eine Lüge. Aber was ist passiert? Während seiner Ermittlungen ist der strenggläubige Polizist (er will sogar als Jungfrau in den Stand der Ehe gehen) von den exzessiv ausgelebten Fruchtbarkeitsriten der Inselbewohner irritiert.
TV-Premiere. Stilprägender Folk-Horrorfilm, der nach einem schweren Start im Kino (die Produktionsfirma British Lion Films wechselte während des Dreh zu EMI und denen gefiel der Film nicht) inzwischen ein hochgeschätzter Kultfilm ist. In Deutschland lief „The Wicker Man“ nie im Kino. Seine deutsche Premiere hatte er, ohne eine deutsche Synchronisation, 2009 auf DVD. Die wurde erst 2020 erstellt.
Anscheinend wird heute die 84-minütige Kinofassung gezeigt. Sie wurde vor dem Kinostart von den Produzenten erstellt, weil sie den 99-minütigen Director’s Cut für zu lang hielten.
„The Wicker Man“ ist keiner dieser typischen damals populären Hammer-Horrorfilme, in denen Vampire in dunklen Gemäuern ihr Unwesen treiben. Hardys Film ist eine im Sonnenschein spielende Geschichte mit viel eindeutig zweideutigem Gesang (weshalb der Film auch manchmal, ironisch, als Musical gelabelt wird), heidnischen, in diesem Fall keltischen, Ritualen und viel Freizügigkeit. Ein ziemlicher Spaß mit einem höllischem Ende.
„Perfekt inszeniert, fehlerlos gespielt und mit brillanter Musik“ (James Marriott/Kim Newman: Horror, 2007)
Mit Edward Woodward, Christopher Lee, Britt Ekland, Ingrid Pitt, Diane Cilento
Stillwater – Gegen jeden Verdacht(Stillwater, USA 2021)
Regie: Tom McCarthy
Drehbuch: Tom McCarthy, Thomas Bidegain, Noé Debre
Bill Baker (Matt Damon) ist ein in Stillwater, Oklahoma, lebender gläubiger Bohrarbeiter, Ex-Alkoholiker und Witwer. Seine Tochter Allison (Abigail Breslin) sitzt seit fünf Jahren in Marseille im Gefängnis. Sie soll ihre Mitbewohnerin ermordet haben. Bei seinen Besuchen in Marseille versucht er, ihre Unschuld zu beweisen.
TV-Premiere. Überzeugende Charakterstudie im Gewand eines Kriminalfilms, die zum Kinostart unglücklich und falsch als Film über den Fall Amanda Knox beworben wurde.
Nach einer Katastrophe, über die wir nichts genaues erfahren, ist die Welt wieder einmal in einen vorindustriellen Zustand zurückgefallen. Eine Gesellschaft oder auch nur nennenswerte Gemeinschaften scheint es nicht mehr zu geben.
In einer Sumpflandschaft lebt ein Vater mit seinen beiden Söhnen zurückgezogen in einer Hütte. An das Flußufer werden immer wieder Leichen von Menschen angespült. Sie sind so giftig, dass sie sofort wieder ins Wasser geworfen werden.
Zu ihrem Nachbarn Aringo beschränkt sich der Kontakt auf den Tauschhandel. Die anderen Nachbarn, die Hexe und die Grosskopf-Zwillinge, trifft man noch seltener. Und obwohl der Vater ein Tagebuch führt, bringt er seinen Kindern nicht lesen und schreiben bei.
Nach seinem Tod machen die beiden Brüder sich auf den Weg. Sie wollen jemand finden, der ihnen das Tagebuch ihres Vaters vorlesen kann
Der italienische Künstler Gipi (aka Gian Alfonso Pacinotti) lässt in seiner dystopischen Graphic Novel „Die Welt der Söhne“ eindeutig die Bilder sprechen. Geredet wird wenig. Erklärt noch weniger. Die Panels sind nur mit einem Stift gezeichnete SW-Skizzen, die sehr präzise und eindrücklich zeigen, wie wenig lebenswert diese Welt der Söhne ist.
Der Comic wurde 2021 von Claudio Cupellini verfilmt.
Während des Ersten Weltkriegs müssen zwei britische Soldaten einem anderen Bataillon eine wichtige Botschaft über die Pläne der deutschen Armee überbringen. Der Weg führt durchs Feindgebiet.
Atemberaubend als Quasi-One-Take inszenierter Kriegsfilm.
mit George MacKay, Dean-Charles Chapman, Mark Strong, Andrew Scott, Richard Madden, Claire Duburcy, Colin Firth, Benedict Cumberbatch, Daniel Mays, Colin Firth, Nabhaan Rizwan, Jamie Parker, Adrian Scarborough
1901 schickt der chilenische Landbesitzer José Menéndez einen kleinen Trupp los. Offiziell sollen der britische Lieutenant MacLennan, der US-amerikanische Söldner Bill und das einheimische Halbblut Segundo in Feuerland sein ihm von der Regierung zugewiesenes Land und Transportwege sichern. In Wirklichkeit sollen sie die dort lebende indigene Bevölkerung beseitigen. Die Mission wird zu einer ziemlich blutigen Angelegenheit, die nichts von dem Pioniergeist klassischer Westerngeschichten hat. Es ist ein sich in seinem gesamten inhumanen Umfang langsam entfaltender Alptraum in einem menschenleeren Land.
Felipe Gálvez erzählt in seinem Debütfilm „Colonos“ von einem vergessenen Teil der Vergangenheit Chiles, nämlich der blutigen Kolonisierung Feuerlands, als eine Mischung aus wenig Fiktion und viel historischer Wahrheit. So gab es den Landbesitzer Menéndez, MacLennan und den im Zentrum des Films stehenden Völkermord an den in Feuerland lebenden Selk’nam.
Gálvez sagt über seinen Western, er sei keine „true reconstruction of history. Rather it is a reflection on how fiction, and especially cinema, can modify and distort it, and even rewrite it.“ Dabei setzt er einiges an historischem Wissen über die Geschichte Chiles voraus.
Er erzählt seinen düsteren Western in langen, statischen Einstellungen und in zwei großen Erzählblöcken. Im ersten, knapp siebzig Minuten langen Teil erzählt er die Geschichte von MacLennan, Bill und Segundo. In der letzten halben Stunde, die sieben Jahre später spielt, untersucht Vicuna, ein Gesandter des chilenischen Präsidenten, die damaligen Ereignisse. Er unterhält sich, getrennt und in deren Häusern, mit Menéndez und Segundo.
„Colonos“ ist ein sperriger Arthaus-Western (mit der Betonung auf Arthaus) für ein begrenztes Publikum.
„Bob Marley: One Love“ gehört zu den Biopics, die nicht das gesamte Leben eines Menschen von der Wiege bis zur Bahre schildern, sondern die sich auf einen kurzen entscheidenden Abschnitt im Leben des Porträtierten konzentrieren. „Selma“ war so ein Biopic.
Reinaldo Marcus Green, der zuletzt das Biopic „King Richard“ (über Richard Williams und seine Töchter Venus und Serena Williams) inszenierte, beginnt sein Bob-Marley-Biopic Ende 1976. Jamaika versinkt im nachkolonialen Bürgerkriegschaos. Bob Marley, schon damals ein Star, möchte mit einem Friedenskonzert zur Versöhnung aufrufen. Politisch ist das selbstverständlich unglaublich naiv. Aber Bob Marley ist ein Künstler und ein gläubiger Rastafari. Am 3. Dezember 1976, zwei Tage vor dem Smile Jamaica Concert, wird in seinem Haus in Kingston ein Anschlag auf ihn verübt. Neben ihm werden seine Frau Rita, sein Manager Don Taylor und der Band-Assistent Louis Griffiths teils schwer verletzt. Wie durch ein Wunder überleben alle.
Nach dem Konzert verlässt Bob Marley die Insel. Der Druck ist zu groß. Seine Frau Rita und seine Kinder schickt er in die USA zu Verwandten (und ziemlich vollständig aus der Filmgeschichte). Er selbst fliegt mit seiner Band, den Wailers, nach London. Dort nimmt er seine nächste Platte auf. „Exodus“ wird am 3. Juni 1977 veröffentlicht und ein riesiger Erfolg. Bob Marley wird noch populärer.
Er tourt durch die Welt. Sein Wunsch, auch in Afrika zu spielen, verwirklicht sich in dem Moment noch nicht.
Am 22. April 1978 kehrt er zu einem weiteren Friedenskonzert, dem One Love Peace Concert, nach Jamaika zurück.
Diese beiden Konzerte bilden in Greens Film die erzählerische Klammer.
Dazwischen gibt es viele Episoden und Musik, aber es wird nie klar, was Green an genau diesem Teil aus Bob Marleys Leben interessiert. Alle damit zusammenhängenden potentiell interessanten Fragen werden vermieden. Es gibt auch keine Perspektive auf Marleys Leben, die das präsentierte Material irgendwie ordnen würde. Entsprechend ziellos plätschert das Biopic zwischen Episoden aus Marleys Familienleben, Proben und Abhängen mit seiner Band, Auftritten und Gesprächen mit Vertrauten und zusammenhanglos eingestreuten Rückblenden vor sich hin.
Dabei hätten diese anderthalb Jahre das Potential gehabt, eine interessante Geschichte zu erzählen. Green hätte erzählen können, wie es ist, wenn man aus seiner Heimat flüchten muss und wieder zurückkehren und Frieden stiften möchte. Oder wie es ist, wenn man plötzlich von einem weltweit bekannten Star, der schon damals in Jamaika gottgleich verehrt wurde, zu einem Superstar wird und man so zu einer einflussreichen Stimme wird. Oder wenn man von Freunden ausgenutzt und Vertrauen missbraucht wird. Oder wie ein Künstler, der in London auf Punk-Musiker trifft, sich mit seinem neuen Werk neu erfinden möchte. Oder über seine Beziehung zu seiner Frau. Das alles wird in „Bob Marley: One Love“ kurz angesprochen, aber nie konsequent vertieft.
Stattdessen rückt mit zunehmender Filmzeit die Rastafari-Religion immer mehr in den Mittelpunkt. Allerdings auf einem so plakativen und nervigem Niveau, das wir sonst nur aus unerträglichen christlichen Faith-based-Movies kennen.
Am Ende ist „Bob Marley: One Love“ nur, mit einigen Auslassungen, die Verfilmung einiger Zeilen aus dem Wikipedia-Artikel über Bob Marley. Garniert wird die Bilderbuch-Zusammenstellung nicht zusammenhängender Ereignisse mit vielen Bob-Marley-Songs, die im Film von Bob Marley gesungen werden.
Bob Marley: One Love(Bob Marley: One Love, USA 2024)
Regie: Reinaldo Marcus Green
Drehbuch: Terence Winter, Frank E. Flowers, Zach Baylin, Reinaldo Marcus Green (nach einer Geschichte von Terence Winter und Frank E. Flowers)
mit Kingsley Ben-Adir, Lashana Lynch, James Norton, Tosin Cole, Umi Myers, Anthony Welsh, Nia Ashi, Aston Barrett Jr., Anna-Sharé Blake, Gawaine „J-Summa” Campbell, Naomi Cowan, Alexx A-Game, Michael Gandolfini, Quan-Dajai Henriques, Hector Roots Lewis, Abijah „Naki Wailer” Livingston, Nadine Marshall, Sheldon Shepherd, Andrae Simpson, Stefan A.D Wade
Am Freitag, den 16. Februar, zeigt Arte um 21.45 Uhr die Doku „Marley“ (USA/Großbritannien 2012) und danach um 00.05 Uhr „Bob Marley: Uprising Live!“ (Deutschland 1980). Das Konzert wurde am 13. Juni 1980 in der Dortmunder Westfalenhalle für den „Rockpalast“ aufgenommen.
Wahrscheinlich die bessere Wahl, die auch danach einige Tage in der Mediathek (Folge den Links) verfügbar ist.
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Bob Marley live 1977 in London im Rainbow Theatre.
Bob Marley live 1980 in der Dortmunder Westfalenhalle
TV-Premiere. Für den Homosexuellen Hans Hoffmann ist 1945 die Befreiung aus dem KZ nicht der Tag der Befreiung, sondern der Weg ins nächste Gefängnis. In den kommenden 25 Jahren verbringt Hans, weil er seine Homosexualität im einvernehmlichen Sex mit anderen Männern ausleben will, mit Unterbrechungen, einen großen Teil seines Lebens im Gefängnis. Dabei entwickelt sich im Gefängnis eine Freundschaft mit dem lebenslänglich verurteiltem Mörder Viktor, der zuerst nichts mit dem 175er zu tun haben will.
Der Strafgesetzparagraph 175, der Homosexualität unter Strafe stellte, wurde in Westdeutschland 1969 entschärft und 1994 gestrichen.
Sehenswertes, top gespieltes kammerspielartiges Drama mit kleinen Schwächen.
Schon auf dem Buchcover steht „James Bond ist verschwunden“ – und beim Lesen; doch dazu später mehr. Also: James Bond ist bei seiner letzten Mission vor 17 Monaten spurlos verschwunden. Möglicherweise ist er sogar im Einsatz verstorben. Seine Kollegen vom MI6, die bislang in den James-Bond-Romanen nur dazu da waren, um vor dem Beginn des Romans von dem Bösewicht getötet zu werden, rücken in Kim Sherwoods „James Bond“-Roman „Doppelt oder nichts“ in den Mittelpunkt. Das „James Bond“ habe ich in Anführungszeichen gesetzt, weil ihr Roman, der auch der Auftakt einer Trilogie ist, zwar in der Welt von James Bond spielt, aber James Bond im ersten Roman überhaupt nicht auftritt. Er wird auch nicht als James-Bond-Roman, sondern etwas nebulös als Double-0-Roman beworben. In „Doppelt oder nichts“ müssen 003 (Johanna Harwood), 004 (Joseph Dryden) und 009 (Sid Bashir) die Welt retten und dabei herausfinden, was mit dem von ihnen bewunderten 007 geschehen ist.
Drei 00-Agenten eröffnen erzählerische Möglichkeiten, die in den traditionellen 007-Romanen nicht vorhanden sind. Dort und in den Filmen geht es immer um einen Agenten, der in einer lebensgefährlichen Mission gegen einen Bösewicht kämpfen und die Welt retten muss. Bond ist dabei ein das gute Leben genießender, allein lebender Weltreisender. Bei den von Sherwood erfundenen 00-Agenten ist das anders. Sie sind jünger, haben verschiedene Geschlechter, sind ineinander verliebt und müssen mit sehr alltäglichen Problemen kämpfen. Mit diesem Kniff können in der James-Bond-Welt auch Fragen von Race und Gender aus verschiedenen Perspektiven behandelt werden. Die Agenten können sich mit für James Bond undenkbaren Problemen herumschlagen. Die Romane können in der Gegenwart spielen und an aktuelle Diskurse anknüpfen. Das war bei den in den fünfziger und sechziger Jahren spielenden Romanen von Sebastian Faulks, William Boyd und Anthony Horowitz, die in den vergangenen Jahren James-Bond-Romane schrieben, anders.
So bestechend Sherwoods Idee auf den ersten Blick auch ist, so unbefriedigend ist dann die Ausführung. Einiges liegt dabei an der „ein James-Bond-Roman ohne James Bond“-Idee, einiges an der Ausführung. Beginnen wir mit der Idee. Natürlich ist die Frage berechtigt, wer die anderen 00-Agenten sind und welche Missionen sie haben. Nur stehen wir jetzt vor der Frage, welche Missionen das sein sollen. Weil James Bond der beste Agent des Geheimdienstes ist und er gegen die gefährlichsten Bösewichter kämpfen muss, bleibt für die anderen 00-Agenten nur noch der Rest, also zweit- bis drittklassige Bösewichter, übrig. Und, egal wie gut sie sind, sie sind immer schlechter als James Bond. Sie sind die Ersatzmannschaft, die niemand sehen will. Weil sie schlechter als James Bond sind, müssen sie Qualität durch Quantität aufwiegen. Sherwood schickt also drei 00-Agenten in den Kampf gegen den Bösewicht, der möglicherweise James Bond tötete. Diese Agenten muss sie zuerst einmal etablieren. In verschiedenen Handlungssträngen jagen sie dann den Bösewicht. Diese Konstruktion führt dazu, dass „Doppelt oder nichts“ mit 496 Seiten einer der längsten Romane im James-Bond-Kosmos ist. Nur Jeffery Deavers James-Bond-Roman „Carte Blanche“ ist mit 544 Seiten länger.
Dazu kommt, dass sich die Story in „Doppelt oder nichts“ unglaublich zäh entwickelt. Das liegt, wie gesagt, an den verschiedenen Handlungsstränge, die bedient werden müssen, den vielen, die Story nicht weiterbringenden Erklärdialogen und dass die Geschichte in einem unnötig kompliziert zu lesendem Gemisch aus Gegenwarts-Handlung, Rückblenden und Erinnerungen erzählt wird.
Heute endet der kleine Lauf von neuen Filmen mit Sydney Sweeney. Nach der launigen RomCom „Wo die Lüge hinfällt“ und dem auf Fakten basierendem Drama „Reality“ spielt sie jetzt in einem Superheldenfilm mit. „Madame Web“ heißt das Werk. Es ist der neueste Film im Sony’s Spider-Man Universe und sie spielt Julia Cornwall. Eine Schülerin irgendwo im Teenageralter. Nach den beiden eben erwähnten Filmen, in denen sie, ihrem Alter entsprechend, Mitt-/Endzwanziger spielte, wird hier vom Zuschauer schon eine ordentliche Portion suspension of disbelief verlangt. Da helfen auch die betont unattraktive Schuluniform und die riesige Bücherwurm-Brille nur bedingt. Aber sie hat nur eine Nebenrolle.
Im Zentrum steht Cassandra ‚Cassie‘ Webb (Dakota Johnson), die titelgebende Madame Web. Am Filmanfang ist sie eine dreißigjährige Rettungssanitäterin, die 2003 mit Blaulicht durch Manhattan rast und Menschen rettet. Bei einem Einsatz stürzt sie in einem verunglückten Wagen in den Fluss und kann erst nach drei Minuten aus dem Wasser gerettet werden. Entgegen jeder Wahrscheinlichkeit überlebt sie, ist kurz darauf wieder mopsfidel und kann in die Zukunft sehen.
Der Bösewicht Ezekiel Sims (Tahar Rahim) kann ebenfalls in die Zukunft sehen. Er ermordete, weil er an eine seltene Spinnenart gelangen wollte, 1973 in Peru im Amazonas Cassies hochschwangere Mutter. Die eingeborenen, plötzlich aus den Bäumen kommenden Spinnenmenschen versuchen die Mutter und ihr noch ungeborenes Kind zu retten. Sie können allerdings nur Cassie retten.
Heute, also 2003, hat der in New York lebende Ezekiel einen wiederkehrenden Alptraum. Er sieht, wie er irgendwann in der Zukunft von drei maskierten Frauen getötet wird. Er will sie töten, bevor sie ihn töten. Dafür muss er sie zuerst finden. Benutzen tut er die damals moderne Überwachungstechnik, auf die er mit gestohlener NSA-Software zugreifen kann.
Als Cassie in einer ihrer Visionen sieht, wie Spinnenmann Ezekiel in einer U-Bahn die Teenager Julia Cornwall (Sydney Sweeney), Mattie Franklin (Celeste O’Connor) und Anya Corazon (Isabela Merced), umbringt, will sie sie retten. Erschwert wird ihre Mission dadurch, dass Ezekiel über Spinnen-Superkräfte verfügt, Julia, Mattie und Anya sind in dem Moment (und während des gesamten Films) nur normale Teenager ohne irgendwelche Superkräfte. Sie verfügen noch nicht einmal über die Teenager-Superkraft, alle Erwachsenen unglaublich zu nerven. Sie sind sehr ruhig, folgsam, einsichtig und halten sich fast immer an Cassies Anweisungen. Und Cassie verfügt nur über die manchmal vorhandene Gabe, in die Zukunft sehen zu können. Das erlaubt der erfahrenen TV-Regisseurin SJ Clarkson in ihrem Spielfilmdebüt, eine Szene mehrmals mit kleinen Variationen zu zeigen.
Diese weitgehende Abwesenheit von irgendwelchen Superkräften erspart uns langwierige Trainings-Montagen, in denen der Superheld seine Kräfte kennen lernt, und macht aus dem angekündigten Superheldenfilm einen eher gewöhnlichen Thriller, in dem der Bösewicht einige Menschen umbringen will und die Heldin das verhindern will.
Für eine Superhelden-Origin-Story ist das schon ein ungewöhnlicher Ansatz. Am Endergebnis ändert das nichts: „Madame Web“ ist ein erstaunlich anspruchsloser Film, der eher an einen TV-Film, bei dem alle nur wegen des Geldes dabei waren, erinnert. Die Schauspieler sind zwar anwesend, aber niemand hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Die Dialoge sind zweckdienliche Erklärdialoge, die dann für die Story unwichtig sind. Und die Filmstory wirkt immer so, als habe man nur Teile des Drehbuchs verfilmt. Da fehlen immer wieder Szenen, die die gezeigten Szenen wirkungsvoller machen würden. So sehen wir, zum Beispiel, nicht, wie Cassies Kollegen versuchen, sie aus dem Wasser zu retten. In dem einen Moment ist sie in dem in das Wasser fallendem Auto. Dann ist sie unter Wasser in einer Quasi-Traumsequenz und danach ist sie gerettet und reanimiert. In einer anderen Szene, ebenfalls vom Filmanfang, rast Cassie mit Blaulicht durch die Stadt. Aber warum sie sich so beeilt, wissen wir nicht. Denn wir wissen nichts über den Patienten, den sie befördert. Und ihr Kollege/Freund Ben Parker (Adam Scott; ja, wir können hier eine kleine Verbindung zu Spider-Man erahnen) agiert betont entspannt im hinteren Teil des Rettungswagen. Andere Szenen werden später nicht fortgeführt. Sie bleiben in der Luft hängen. Dafür benutzt Cassie, entgegen jeder Vernunft, während des gesamten Films ein von ihr geklautes und ramponiertes Taxi. Denn zu dem Zeitpunkt wird bereits nach ihr gefahndet und auch nach dem Taxi sollte gesucht werden. Die wenigen Actionszenen versumpfen im erwartbaren CGI-Overkill.
Und obwohl „Madame Web“ zum Sony’s Spider-Man Universe gehört, ist „Madame Web“ ein Einzelfilm ohne irgendwelche offensichtlichen Anspielungen oder Verbindungen zu den „Spider-Man“-Filmen. Diese waren wohl während der Produktion geplant, wurden aber vor dem Kinostart aus dem Film entfernt. Die wenigen jetzt noch vorhandenen Anspielungen auf Spider-Man, nämlich dass Ben Parker und die im Film hochschwangere Mary Parker (so heißt die Mutter von ‚Spider-Man‘ Peter Parker) mitspielen, sind dann so versteckt, dass unklar ist, ob es sich wirklich um eine Verbindung zum Spider-Man Universe oder nur um einen blöden Zufall handelt.
„Madame Web“ ist in seiner allumfassenden Anspruchslosigkeit, wenn man dies akzeptiert, ein durchaus sympathisch-harmloser, sich nicht weiter um Logik und Wahrscheinlichkeit kümmernder Film mit einer angenehm kurzen Laufzeit, der mehr Fernsehen als Kino ist. Als möglicher Start eines Franchises – wobei ich jetzt nicht sagen kann, welches Franchise mit welchen Figuren gestartet werden soll – hat der Film trotz seines niedrigen Budgets von 80 Millionen US-Dollar wohl höchst unklare Zukunftsaussichten.
Madame Web (Madame Web, USA 2024)
Regie: S. J. Clarkson (alternative Schreibweise SJ Clarkson)
Drehbuch: Matt Sazama, Burk Sharpless, Claire Parker, S. J. Clarkson
mit Dakota Johnson, Sydney Sweeney, Celeste O’Connor, Isabela Merced, Tahar Rahim, Adam Scott, Emma Roberts, Mike Epps, José María Yazpik, Zosia Mamet, Kerry Bishé
Monuments Men – Ungewöhnliche Helden(The Monuments Men, USA/Deutschland 2013)
Regie: George Clooney
Drehbuch: George Clooney, Grant Heslov
LV: Robert M. Edsel/Bret Witter: The Monuments Men, 2010 (Monuments Men)
Während der letzten Kriegswochen versuchen einige anerkannte Kunstexperten im Auftrag der US-Army Kunstschätze, die sich in den Händen der Nazis befinden, vor ihrer Vernichtung zu retten.
Launiges Kriegsabenteuer mit Starbesetzung, etwas Action, Drama, Witz, pathetischen Ansprachen und einer kleinen Dosis Liebe. Das ist durchaus kurzweilig und unterhaltsam, aber nicht mehr.
mit George Clooney, Matt Damon, Bill Murray, John Goodman, Jean Dujardin, Bob Balaban, Hugh Bonneville, Cate Blanchett, Dimitri Leonidas, Justus von Dohnányi, Michael Brandner, Alexandre Desplat, Serge Hazanavicius, Grant Heslov, Nick Clooney (Vater von George Clooney; er tritt in der letzten Szene auf)
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Die Vorlage
Robert M. Edsel (mit Bret Witter) Monuments Men – Die Jagd nach Hitlers Raubkunst
(übersetzt von Hans Freundl)
Heyne, 2014
560 Seiten
9,99 Euro (nur noch antiquarisch erhältlich)
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Deutsche Erstausgabe
Residenz Verlag, St. Pölten, 2013
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Originalausgabe
The Monuments Men – Allied Heroes, Nazi Thieves, and the greatest Treasure Hunt in History
Was geht in den USA vor? Und wie kann die aktuelle allumfassende Dysfunktionalität des Systems erklärt werden? Mit seinem Buch „Die zerrissenen Staaten von Amerika: Alte Mythen und neue Werte – ein Land kämpft um seine Identität“ versucht ARD-Hörfunkjournalist Arthur Landwehr das Mysterium USA zu erklären ohne sich zu sehr in die Tagespolitik zu verstricken.
Denn bei der sich aktuell im Vorwahlkampf befindenden rasend schnell entwickelnden Politik und den vielen Anklagen und Gerichtsverfahren in die Donald Trump verwickelt ist, ist das gedruckte Buch, egal wie oft und wie umfassend es vor der Veröffentlichung aktualisiert wird, in Teilen veraltet. So nennt Landwehr mehrmals Ron DeSantis als aussichtsreichen Gegner von Trump im Vorwahlkampf der Republikaner. Inzwischen ist DeSantis aus dem Wahlkampf ausgestiegen. Seiner Kampagne wird das bislang schlechteste Verhältnis von eingesetztem Geld und gewonnenen Stimmen bescheinigt. Nikki Haley, die im Buch nicht erwähnt wird, ist im Moment Trumps einzige Gegenkandidatin. Ihre einzige Chance auf die Nominierung als Präsidentschaftskandidatin der Republikaner besteht darin, so lange im Rennen zu bleiben, bis Trump aufgrund irgendwelcher Gerichtsentscheide oder einer aktuell nicht vorhersehbaren überraschenden Entwicklung aus dem Rennen aussteigt.
Landwehr versucht eher herauszufinden, warum Menschen Donald Trump wählen oder ihn vehement ablehnen. Er konzentriert sich auf die das Land im Moment definierenden kulturellen Konflikte. Es geht um die Culture Wars, in denen politische und auch wissenschaftliche Fragen durch die Brille eines Kulturkampfes betrachtet und als Identitätsfragen definiert werden. In dem Moment geht es nicht mehr um ein politisches Problem, das politisch gelöst werden kann, sondern um eine Frage der Identität. Da sind Kompromisse schwierig bis unmöglich. Es geht um den Waffenfetischismus der Amerikaner und den Mythos der Freiheit, der sich in der Vergangenheit in langen Fahrten auf der Highway und häufigen Umzügen manifestierte. Es geht um den alltäglichen Überlebenskampf in den USA. Aufgrund des dort bestenfalls rudimentär vorhandenen Sozialstaats sind viele US-Amerikaner verschuldet und sie fürchten täglich um ihre Existenz. Einkommen sind zunehmend ungleich verteilt. Universitäten und Leistungen des Gesundheitssystems können sehr schnell sehr teuer werden und ganze Existenzen ruinieren. Trotzdem lehnen Konservative eine Änderung hin zu einem Sozialstaat europäischer Prägung vehement als ‚Sozialismus‘ ab. Erinnert sei hier an die Versuche der Republikaner, Obamacare während der Trump-Präsidentschaft abzuschaffen.
Diese verschiedenen Probleme, die auf konservativer Seite entstehen, weil es eine größer werdende Kluft zwischen Mythos, dem damit verbundenem Selbstbild und der Realität gibt, beschreibt Landwehr anhand von Begegnungen mit Menschen, die er während seiner Arbeit hatte.
Dabei kann der Eindruck entstehen, das der aktuelle Tribalismus in den USA gottgegeben ist. Das ist Quatsch. Er wird von bestimmten Strukturen und Menschen erzeugt und befördert. So sind die Republikaner bereit, alle demokratischen Werte zu opfern, um an die Macht zu gelangen und an der Macht zu bleiben. Das war früher anders. Das US-amerikanische Wahlrecht befördert eine Polarisierung. Das Mediensystem ist ebenso polarisiert. Evangelikale verstehen sich als politische Akteure, die ihre Agenda mit allen Mitteln durchsetzen wollen. Das Verbot des Schwangerschaftsabbruchs und das Bannen von unliebsamen Büchern aus Schulbibliotheken gehören dazu. Alle diese Akteure verfolgen ihre Agenda kompromisslos. Sie forcieren Konflikte und ändern Gesetze und Regeln zu ihren Gunsten. So wird in den USA aktuell über das Verbot von jedem Schwangerschaftsabbruch diskutiert. Diese Punkte werden von Landwehr höchstens gestreift.
Das macht „Die zerrissenen Staaten von Amerika“ zu einem Überblick über die US-amerikanische Gefühlslage, der weitgehend anekdotisch bleibt und sich primär an Menschen richtet, die nicht regelmäßig Zeitung lesen.
Die Lesungen könnten allerdings interessant sein, weil ARD-Korrespondent Landwehr dann mehr ins Detail gehen und aktuelle Eintwicklungen erklären kann.
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Arthur Landwehr: Die zerrissenen Staaten von Amerika – Alte Mythen und neue Werte – ein Land kämpft um seine identität
Der bislang letzte Wyatt-Roman: dieses Mal will Profieinbrecher Wyatt (kein Vorname) den betrügerischen Finanzberater Jack Tremayne ausrauben. Treymayne hat deswegen inzwischen Probleme mit dem Gesetz. Eine Haftstrafe droht ihm. Er will sie vermeiden, indem er mit einem Koffer voller Geld flüchtet. Dieses Geld will Wyatt klauen. Aber der einfache Einbruch läuft ziemlich schnell ziemlich spektakulär aus dem Ruder.
„Moder“ stand 2019 auf der Shortllist für den Ned Kelly Award.
Garry Disher serviert in seinem neunten Wyatt-Krimi gewohnt spannende Lektüre. Der von ihm erfundene Profigangster ist erkennbar Parkers australischer Bruder ist und wer die Parker-Krimis von Richard Stark (Donald E. Westlake) liebt, wird auch Dishers Wyatt-Romane mögen.
„Moder“ ist ein absoluter Lesebefehl für Fans von gut abgehangenen Hardboiled-Gangsterromanen.
Danach kann man die davor erschienenen acht Wyatt-Romane lesen. Die Reihenfolge ist egal.
Das Foto von Garry Disher mit seinen damals neuesten Büchern „Moder“ und „Stunde der Flut“ (Unionsverlag, ein lesenswerter Polizeikrimi; ach eigentlich sind alle seine Bücher lesenswert) schoss ich im Oktober 2022.