DVD-Kritik: Wenn der Horror in die Normalität einbricht: die „Peter Weir Collection“ mit den frühen Filme von Peter Weir

April 12, 2013

 

Während die Hollywood-Filme von Peter Weir, wie „Der einzige Zeuge“, „Mosquito Coast“, „Der Club der toten Dichter“, „Green Card – Schein-Ehe mit Hindernissen“, „Die Truman-Show“ und „Master and Commander“ regelmäßig im Fernsehen gezeigt werden und entsprechend bekannt sind, sind die Frühwerke von Peter Weir, mit denen er sich den Weg nach Hollywood ebnete, unbekannte Klassiker. Filme, von denen man schon einmal gehört hat und die unter Cineasten und Genrefreaks Kultstatus genießen, aber bei uns teils überhaupt nicht im Kino liefen und auch im TV kaum gezeigt werden. Man kennt zwar, die Bilder der „Killerautos von Paris“, man hat von der dräunenden Apokalypse der „letzten Flut“ gehört, man fürchtet sich vor „Wenn der Klempner kommt“ und das „Picknick am Valentinstag“ dürfte der bekannteste Film aus dem Frühwerk von Peter Weir sein, aber man hat sie, mangels Gelegenheit nicht oder vor Ewigkeiten gesehen – und daher ist es gut, dass Koch Media diese vier Filme in einer schicken Box (mit überschaubarem Bonusmaterial) versammelte. Denn so kann man auch die Verbindungen zwischen seinem Kinodebüt „Die Autos, die Paris auffrassen“, seinem internationalen Durchbruch „Picknick am Valentinstag“, dem apokalyptischen Science-Fiction-Film „Die letzte Flut“ und der kleinen, für das TV gedrehten Satire „Wenn der Klempner kommt“ sehen.

Auf den ersten Blick haben diese vier Filme kaum etwas gemeinsam. In „Die Autos, die Paris auffrassen“ wird Arthur Waldo nach einem Autounfall mit sanfter Gewalt in dem Städtchen Paris festgehalten. Dabei entdeckt er, dass in der Nähe von Paris schon vor ihm viele Autofahrer in einer Kurve verunglückten. Gleichzeitig hält eine Gruppe autobegeisterter Jugendlicher die Bewohner im Schach und auch die Autos scheinen ein Eigenleben zu führen. Am Einfachsten kann man den Film als ziellose Satire mit einigen Splatter-Einlagen beschreiben. Denn es wird nie deutlich wogegen sich der Film richtet, die Bedrohung beziehungsweise das Geheimnis von Paris bleibt diffus und die wenigen, blutigen Bilder von Organentnahmen wirken wie aus einem anderen Film geklaut. Wahrscheinlich wollte Peter Weir so das Mitternachtspublikum ansprechen und seinem Film ein weltweites Publikum verschaffen.

Das gelang ihm mit seinem zweiten Film „Picknick am Valentinstag“, der Australien als Filmnation auf die internationale Landkarte hob. Später kamen Filme wie „Mad Max“ und „Razorback“ und „Crocodile Dundee“, um nur die wirklich bekanntesten Filme zu nennen und die Spannbreite des australischen Filmwunders aufzuzeigen, dazu.

Weirs zweiter Spielfilm erzählt von einer Internatsschülerinnengruppe die am Valentinstag 1900 einen Ausflug zum Hanging Rock macht. Drei Schülerinnen verschwinden spurlos. Nach einer langen Suche wird eine Schülerin gefunden. Aber sie schweigt. Das Verschwinden der Mädchen bleibt rätselhaft. Ebenso die zweite Hälfte des Films, die zunehmend zwischen verschiedenen Plots zerfasert.

Aber die erste Hälfte, in der Weir eine geheimnisvolle Spannung aufbaut, der Hanging Rock mystisch überhöht wird zu einer Erkundung in das unerforschte Land der Sexualität – immerhin sind die Schülerinnen alle im Teenager-Alter, die strengen Regeln an der Schule, die sie zu gesellschaftlich wertvollen Menschen erziehen sollen, verbieten jede Gefühlsäußerung und immer wieder gibt es Andeutungen in diese Richtung, auch in Richtung gleichgeschlechtlichem Sex – ist grandios.

In „Die letzte Flut“ gelingt es Peter Weir durchgängig die Stimmung einer geheimnisvollen Bedrohung zu schaffen, auch wenn der Plot dem sattsam bekannten Muster von Geschichten über nahende Apokalypsen folgt in dem zuerst geheimnisvolle Dinge geschehen, der Protagonist erkennt, dass diese Ereignisse mit seinen Visionen etwas zu tun haben und es am Ende – wahlweise – die Apokalypse gibt oder der Protagonist als Auserwählter sie doch irgendwie aufhalten kann.

Aber wie Peter Weir diese Geschichte erzählt, verrät dann eine erzählerische Souveränität, die er so in „Picknick am Valentinstag“ noch nicht hatte. David Burton (Richard Chamberlain) ist ein Anwalt in Sydney, der teils von Visionen einer nahenden Flut gequält wird, teils fassungslos die Wetterkapriolen mit Sturmfluten beobachtet. Als er pro bono die Verteidigung von einigen jungen Aborigines übernimmt, die einen anderen Aborigine im Suff ermordeten, und er glaubt, dass der Hintergrund für die Tat ein Stammesgesetz ist (obwohl es in der Stadt keine Aborigine-Stämme geben soll), werden seine Visionen deutlicher.

Bei dem langsam erzählten Film beeindruckt vor allem die mit geringen Mitteln hergestellte unheimliche Atmosphäre, die zu einem großen Teil durch Manipulation der Bildgeschwindigkeit und des Sounds entsteht. So bewegen sich Menschen oft in Zeitlupe. Bestimmte Geräusche werden hervorgehoben, andere sind nicht zu hören und manchmal gibt es auch überhaupt keine Geräusche. Ebenso unterscheidet Weir nicht zwischen den Träumen und Visionen von Burton und der Realität.

Nach „Die letzte Flut“ kehrte Peter Weir, bevor er mit „Gallipoli“ und „Ein Jahr in der Hölle“, beide mit Mel Gibson, seine letzten australischen Spielfilme vor seinem Sprung nach Hollywood drehte, mit „Wenn der Klempner kommt“ noch einmal zurück zum Fernsehen zurück.

Wenn der Klempner kommt“ ist eine kleine schwarzhumorige Satire über Ängste. Denn Jill fürchtet sich zunehmend vor dem Klempner Max, der in ihrer Wohnung zunächst nur die Wasserleitungen überprüfen will und dann, weil die Rohre schlecht verlegt sind, das Badezimmer zielstrebig in eine Baustelle verwandelt, während er Jill – jedenfalls empfindet sie es so – zunehmend sexuell bedrängt. Aber Max könnte auch einfach nur ein etwas unsensibler, leicht großmäuliger Mann sein, der nur höflich zu der intellektuellen Hausfrau sein will, die in ihrer Wohnung an einer Studie über die Aborigines arbeitet und sich von ihrem Mann, der wegen den Verhandlungen für einen großen Forschungsauftrag gerade mit anderen Dingen beschäftigt ist, vernachlässigt fühlt.

Diese Spannung zwischen Jills Sicht, die den Film dominiert, und den Bildern, die eben immer wieder Jills Perspektive unterlaufen, hält Peter Weir bis zum Schluss seines kurzen Films aufrecht.

So unterschiedlich diese vier Filme, wie auch Peter Weirs späteren Filme, auf den ersten Blick auch sein mögen, schon auf den zweiten Blick fällt auf, dass in ihnen immer das Grauen in den Alltag einbricht und quasi unerklärliche Dinge passieren.

Außerdem thematisiert er, abgesehen von seinem Debüt, auch immer das Verhältnis zwischen den weißen Australiern und den Aborigines, den australischen Ureinwohnern, die lange ähnlich rücksichtsvoll wie die Indianer in den USA behandelt wurden, ohne in einen platten Mystizismus oder platte Verklärung der Ureinwohner abzugleiten.

Die vier Filme, wobei „Wenn der Klempner kommt“ erstmals auf DVD erschien und nur in dieser Box enthalten ist, kommen in einer schicken Box mit einer überschaubaren Menge an Bonusmaterial. Nämlich den Trailern und Bildergalerien.

Von „Picknick am Valentinstag“ ist bei Koch Media auch eine umfangreiche Special Edition auf 3 DVDs und einer Blu-ray mit der Kinofassung, der gut zweistündigen Dokumentation „A Dream within a Dream“, mehreren Featurettes und Interviews erschienen.

Peter Weir Collection

Peter Weir Collection

Koch Media

Bild: 1.85:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0; „Picknick am Valentinstag“ auch Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Originaltrailer, Bildergalerien

FSK: ab 16 Jahre

enthält

The Cars that eat people

Die Autos, die Paris auffrassen (The Cars, that ate Paris, Australien 1974)

Regie: Peter Weir

Drehbuch: Peter Weir (nach einer Geschichte von Peter Weir, Keith Gow und Piers Davies)

mit John Meillon, Terry Camilleri, Kevin Miles, Rick Scully, Max Gillies, Danny Adcock, Bruce Spence

Länge: 84 Minuten

Deutsche Premiere: 1983 (Kino) (möglich, dass bereits 1979 der Atlas-Filmverleih die Originalfassung verlieh)

auch bekannt als „Die Killer-Autos von Paris“ (TV-Titel)

Picknick am Valentstag - DVD-Cover

Picknick am Valentinstag (Picnic at Hanging Rock, Australien 1975)

Regie: Peter Weir

Drehbuch: Cliff Green

LV: Joan Lindsay: Picnic at Hanging Rock, 1967

mit Rachel Roberts, Vivean Gray, Helen Morse, Kirsty Child, Anthony Llewellyn-Jones, Jacki Weaver, Frank Gunnell, Anne Lambert, Karen Robson

Länge: 103 Minuten

Deutsche Premiere: 24. Juli 1977 (ARD)

Die letzte Flut - DVD-Cover

Die letzte Flut (The last Wave, Australien 1977)

Regie: Peter Weir

Drehbuch: Peter Weir, Tony Morphett, Petru Popescu

mit Richard Chamberlain, Olivia Hamnett, Gulpilil, Frederick Parslow, Vivean Gray, Nandjiwarra Amagula, Walter Amagula, Roy Bara

Länge: 101 Minuten

Deutsche Premiere: 15. September 1978 (Kino)

The Plumber

Wenn der Klempner kommt (The Plumber, Australien 1979)

Regie: Peter Weir

Buch: Peter Weir

mit Judy Morris, Ivar Kants, Robert Coleby, Candy Raymond

Länge: 74 Minuten

Deutsche Premiere: 5. Mai 1984 (TV)

Hinweise

Wikipedia über Peter Weir (deutsch, englisch)

Senses of Cinema über Peter Weir

The Peter Weir Cave (eine Fanseite)

Peter Weir in der Kriminalakte

 


TV-Tipp für den 12. April: Stranger than Paradise

April 12, 2013

ZDFkultur, 20.15

Stranger than Paradise (USA/D 1984, R.: Jim Jarmusch)

Drehbuch: Jim Jarmusch

Musik: John Lurie

Willie, Eva und Eddie fahren von New York nach Florida.

Das „Kleine Fernsehspiel“ des ZDF als Talentförderer. Das echte Spielfilmdebüt (sein Abschlussfilm „Permanent Vacation“ ist, trotz seiner Länger, wohl doch eher als Talentprobe zu sehen.) von Jim Jarmusch gewann unter anderem den Special Jury Price in Sundance und die Goldene Kamera in Cannes und er war der Liebling der Filmkritiker und der Jugendlichen (jedenfalls wenn ihnen Punk, No Wave und die damalige New-Yorker-Kunstszene imponierten). Danach drehte Jarmusch „Down by Law“ (mit Tom Waits, John Lurie und Roberto Benigni), „Mystery Train“, „Dead Man“ und „Ghost Dog“.

„Damals, Mitte der 80er, haben wir das Öde, Strenge, Hermetische gemocht. ‘Stranger than Paradise’ war ein Film, der als cool galt, ein Film, an dem man sich gegenseitig erkennen konnte. Wer ihn bloß langweilig fand, hatte nichts verstanden. Wir mochten ihn, weil er von etwas erzählte, genauer: etwas der Erzählung voraussetzte, das wir kannten: einen diffusen Hunger nach Erfahrung, gepaart mit dem Misstrauen, vielleicht der Unfähigkeit, daraus Worte zu machen. Wir (das waren wohl vor allem Jungs) waren fasziniert von der Reduktion, von der Weigerung, eine Geschichte auf eine elaborierte Art zu erzählen, von der Coolness der Figuren.“ (Stefan Reinecke: Stranger than Paradise, in Rolf Aurich/Stefan Reinecke, Hrsg.: Jim Jarmusch, 2001)

mit John Lurie, Eszter Balint, Richard Edson, Cecillia Stark Danny Rosen, Rammellzee, Tom DiCillo

Hinweise

Wikipedia über Jim Jarmusch (deutsch, englisch)

The Jim Jarmusch Resource Page

Senses of Cinema über Jim Jarmusch


Neu im Kino/Filmkritik: „Oblivion“ oder So macht Science-Fiction Spaß

April 11, 2013

Im Gegensatz zu den normalen Alien-Invasions-Science-Fiction-Filmen à la „Independence Day“ in denen der Kampf der tapferen Erdbewohner gegen gesichts- und körperlose außerirdische Invasoren, die irgendetwas mit der Erde anstellen wollen, im Mittelpunkt steht, ist in Joseph Kosinskis „Oblivion“ die Schlacht bereits vorbei.

Die Menschen, die die Aliens vor sechs Jahrzehnten besiegten, müssen 2077 noch einige Rohstoffe aus der nach der Schlacht verwüsteten Erde bergen, ehe sie zu neuen Welten aufbrechen.

Jack Harper (Tom Cruise) kurvt in einem Hubschrauber-ähnlichem Gerät, dem Bubbleship, über die zerstörte Erde und repariert Drohnen, die Scavenger jagen. So werden die wenigen überlebenden Aliens genannt, die auch noch getötet werden sollen. Damit Harper den Aliens, wenn er von ihnen gefangen genommen wird, nichts über seine Mitmenschen verraten kann, wurde ihm – wir ahnen es bei dem Titel „Oblivion“, der mit „Vergessen“, „Vergesslichkeit“ oder „in Vergessenheit geraten“ übersetzt werden kann – vor dem Einsatz sein Gedächtnis gelöscht. Trotzdem hat er Flashback-artige Erinnerungen. Er denkt über seine Mission nach und hat sich an einem abgelegenen Bergsee ein kleines Paradies mit Basketball-Korb, Plattenspieler, einigen gut abgehangenen LPs und Büchern, die er in zerstörten Bibliotheken gefunden hat, aufgebaut.

Eines Tages senden die Scavenger ein Signal in den Weltraum. In der kurz darauf abstürzenden Kapsel, die anscheinend schon einige Jahrzehnte alt ist, findet er mehrere, sich im Tiefschlaf befindende Astronauten. Bevor die Drohnen diese Raumfahrer töten, kann Harper eine Astronautin retten.

Sie erinnert ihn an jemand – und dann werden die Beiden von unter der Erde lebenden Menschen, die es eigentlich nicht mehr geben dürfte, gefangen genommen.

Mehr will ich jetzt nicht über die Geschichte von „Oblivion“ verraten. Denn sie hat, wie eine „Twilight Zone“-Episode, noch einige Überraschungen, die vor acht Jahren, als „Tron: Legacy“-Regisseur Joseph Kosinski das erste Treatment schrieb, weitaus überraschender waren, als sie es heute sind und einige Wendungen könnte man, wie bei „Moon“ und „Looper“, endlos kritisieren oder einfach als Teil der Science-Fiction-Geschichte akzeptieren. Das gilt natürlich vor allem für die Prämisse, die Jack Harper zum letzten Mann auf der Erde macht.

Aber dann ist „Oblivion“ eine klassische, gut erzählte Science-Fiction-Geschichte, in der nicht die Action (wenig), die Special-Effects (eher wenig), sondern letztendlich die Charaktere im Mittelpunkt stehen. Und natürlich einige philosophische Fragen, wie die Frage, was einen Menschen ausmacht.

Gleichzeitig reflektiert „Oblivion“ im Gewand eines Science-Fiction-Films auch die Gegenwart. Eine Diskussion darüber würde einige überraschende Wendungen des Plots vorwegnehmen und dann stünde ich als Spielverderber da.

Aber spätestens bei der DVD-Veröffentlichung dieses guten Science-Fiction-Films können wir das ja vielleicht nachholen.

 

Eine Bemerkung zu den Super-Duper-Bildern: Gedreht wurde der Film mit einer hochauflösenden Sony F65-Kamera, deren Bilder in einer 4K-Auflösung problemlos in einem IMAX gezeigt werden können. Die Bilder sind zwar beeindruckend, aber mir und den Kollegen, mit denen ich mich nach dem Film vor dem IMAX unterhielt, erschloss sich der visuelle Gewinn gegenüber einer normalen Kinovorführung nicht. Einige sahen sich den Film sogar mit einer 3D-Brille an, weil ihnen die Bilder zu hell waren.

Das sollte man vielleicht wissen, bevor man in den Film geht.

Oblivion - Teaser Tom Cruise

Oblivion (Oblivion, USA 2013)

Regie: Joseph Kosinski

Drehbuch: Karl Gajdusek, Michael deBruyn (basierend auf der Graphic-Novel-Originalstory von Joseph Kosinski)

mit Tom Cruise, Morgan Freeman, Olga Kurylenko, Andrea Riseborough, Nikolaj Coster-Waldau, Melissa Leo

Länge: 125 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Oblivion“

Metacritic über „Oblivion“

Rotten Tomatoes über „Oblivion“

Wikipedia über „Oblivion“ (deutsch, englisch)

Collider: Interview mit Joseph Kosinski über „Oblivion“ (30. Dezember 2012)

Collider: Interview mit Joseph Kosinski über „Oblivion“ (2. April 2013)

Meine Besprechung des Tom-Cruise-Films „Mission: Impossible – Phantom Protokoll (Mission: Impossible – Ghost Protocol, USA 2011)

Meine Besprechung des Tom-Cruise-Films „Jack Reacher“ (Jack Reacher, USA 2012)

Tom Cruise in der Kriminalakte

 

 


TV-Tipp für den 11. April: Yella

April 11, 2013

ZDF Kultur, 20.15

Yella (D 2007, R.: Christian Petzold)

Drehbuch: Christian Petzold

Die Ostdeutsche Yella will aus ihrem tristen Leben fliehen. In Hannover lernt sie einen Finanzmanager kennen und wird seine Geliebte und Partnerin.

Wie gewohnt bei Christian Petzold: toller, angenehm undeutscher Film.

„Mit viel Gespür für Rhythmus und innere Beziehungen, präzisen Darstellern und einer suggestiven Raumdramaturgie inszeniert Christian Petzold den dritten Teil seiner ‘Gespenster’-Trilogie als Mischung aus kühl-moralischem Blick auf Mechanismen des Geldmarktes und surrealem Märchen.“ (Lexikon des internationalen Films)

mit Nina Hoss, Devid Striesow, Hinnerk Schönemann, Burghart Klaußner, Barbara Auer, Christian Redl

Wiederholung: Freitag, 12. April, 00.10 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Yella“

Rotten Tomatoes über “Yella”

Wikipedia über „Yella“


Mit Joe R. Lansdale auf der „Straße der Toten“ und in „Dunkle Gewässer“

April 10, 2013

Lansdale - Dunkle Gewässer - 2Lansdale - Strasse der Toten - 2

Die Zivilisation mit geteerten Straßen, Zentralheizungen, Radios und fließendem Wasser gab es in den frühen dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts in Osttexas noch nicht.

Obwohl – fließend Wasser gab es schon. Immerhin floss der Sabine River schon damals an den wackeligen Holzhäusern, in denen die Räume teils mit von der Decke hängenden Decken in zimmerähnliche Einheiten unterteilt wurden, vorbei.

Und das Telefon wurde von Sue Ellens Vater meistens zum Fische fangen benutzt. Bei einer solchen Angeltour mit ihrem Vater und ihrem Onkel, beides Nichtsnutze vor dem Herrn, entdecken sie im Fluss die Leiche von May Lynn, einer Freundin von Sue Ellen, die ermordet und mit einer Nähmaschine beschwert, im Fluss versenkt wurde. Während der korrupte und faule Constable Sy den Fall sofort als quasi natürlichen Tod zu den Akten legt, ist die sechzehnjährige Sue Ellen neugierig.

Zusammen mit ihren beiden Freunden Jinx, einer Afroamerikanerin, und Terry, ein Frauenschwarm, der, wie wir später erfahren, dummerweise homosexuell ist, wollen sie May Lynns großen Traum, die in Hollywood Schauspielerin werden wollte, erfüllen: sie wollen ihre Asche nach Hollywood bringen. Das nötige Startkapital finden sie auf einem Friedhof. Denn dort versteckte May Lynns inzwischen verstorbener Bruder die Beute von seinem Banküberfällen.

Gemeinsam machen sich die Drei, begleitet von Sue Ellens alkoholsüchtig-depressiver Mutter, auf einem Floß auf dem Sabine River auf den Weg in die nächste größere Stadt.

Als sie aufbrechen ahnt Sue Ellen noch nicht, dass sie von ihrem Vater und Onkel, May Lynns Vater, dem Sheriff und dem sagenumwobenen Killer Skunk (der seinen Opfern die Hände abhacken soll) verfolgt werden.

Dunkle Gewässer“, der neueste Roman von Joe R. Lansdale, ist eine weitere Geschichte aus Osttexas während der Depression. Denn Lansdale, der sich zunächst mit in der Gegenwart spielenden Kriminalromanen, der grandiosen Hap-Collins-Leonard-Pine-Serie, Horrorgeschichten und abgedrehten Pulp-Geschichten, einen exzellenten Ruf bei den Fans spannender Geschichten erschrieb, hat sich ungefähr seit dem mit dem Edgar ausgezeichneten „Die Wälder am Fluss“ (The Bottoms, 2000) eine neue Nische erschrieben: spannende Geschichte, die in Osttexas in der Vergangenheit so zwischen 1900 und 1950 spielen, oft einen jugendlichen Protagonisten haben und sich mit dem damaligen Rassismus sehr undidaktisch auseinandersetzen. Einerseits ist die Rassentrennung auf jeder Seite spürbar, andererseits überwinden seine Protagonisten diese Grenzen, wie auch in „Dunkle Gewässer“, wo eine Bande von Outcasts sich gemeinsam auf eine Reise begeben.

Aber in erster Linie ist Joe R. Lansdale ein begnadeter Storyteller und „Dunkle Gewässer“ kann locker als modernisierte Version von Tom Sawyer und Huckleberry Finn gelesen werden.

Wer sich jetzt fragt, warum dieser Joe R. Lansdale nicht viel bekannter ist (er sollte es nämlich definitiv sein), muss nur einen Blick auf den Klappentext und die Widmung von „Straße der Toten“ werfen.

Denn in dem Roman und den vier Kurzgeschichten steht Reverend Jebediah Mercer im Mittelpunkt, ein Geistlicher, der mehr mit „Dirty Harry“ Callahan als mit Pater Brown oder Rabbi Small (erfunden von Harry Kemelman) zu tun hat.

Und die Geschichten? Nun, Joe R. Lansdale schreibt in der Widmung: „Die ursprüngliche Version von ‚Dead in the West‘ erschien in den Ausgaben 10 bis 13 von Eldritch Tales. Sie war eine Hommage an die Pulps, besonders Weird Tales. Die vorliegende, grundlegen überarbeitete Fassung ist nicht nur eine Hommage an die Pulps, sondern auch an Comics wie die berühmt-berüchtigten von EC und Jonah Hex (die frühen Hefte), und vielleicht vor allem an Horror-B-Movies wie Curse of the Undead, Billy the Kid versus Dracula, Jesse James meets Frankenstein’s Daughter und dergleichen.“

Ähem, ja, das ist definitiv kein Stoff für die breiten Massen. Vor allem, wenn ich jetzt noch sage, dass dieser Reverend Jebidiah Mercer nicht Strauchdiebe und andere Gesetzesbrecher, sondern Vampire, Untote, Zombies, Ghule, Werwölfe und sonstige definitiv nicht-menschlichen Wesen jagt.

In „Dead in the West“, mit 130 Seiten die längste Geschichte des Sammelbandes „Straße der Toten“, kämpft er in dem Kaff Mud Creek gegen Vampire, die zunächst unbemerkt ihre ersten Taten begehen, während Reverend Jebidiah sich auf seinen nächsten Gottesdienst vorbereitet, einem Jungen Schießunterricht gibt, sich in die Tochter des Ortsdoktors verliebt und mit dem Doktor über übersinnliche Phänomene räsoniert. Denn sie entdeckten eine Leiche, die bei Sonnenaufgang verfiel.

Kurz gesagt liest sich „Dead in the West“ wie eine gelungene Verbindung aus „Der letzte Scharfschütze“ (The Shootist, USA 1976) und dem Jahre später entstandenem „From Dusk till Dawn“ (USA 1996).

In den Kurzgeschichten „Straße der Toten“, „Das Gentleman’s Hotel“, „Der schleichende Himmel“ und „Tief unter der Erde“, die alle, wie der Roman „Dead in the West“, deutsche Erstveröffentlichungen sind und nach den Ereignissen in Mud Creek spielen, hat Reverend Jebidiah Mercer sein Schicksal als Dämonenjäger akzeptiert. Entsprechend schnell begibt der lakonische Geistliche sich auf die Jagd nach den Geschöpfen der Nacht. Mit wechselnden Gefährten, der Bibel, seinem Revolver und auch mal einer Stange Dynamit.

Die Abenteuer von Reverend Jebidiah Mercer sind feine Pulp-Geschichten, die einfach Spaß machen und ziemlich „weird“ sind.

Joe R. Lansdale: Dunkle Gewässer

(übersetzt von Hannes Riffel)

Tropen, 2013

320 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

Edge of Dark Water

Mulholland Books, 2012

Joe R. Lansdale: Straße der Toten

(übersetzt von Robert Schekulin und Doreen Wornest)

Golkonda, 2013

288 Seiten

16,90 Euro

Originalausgabe

Deadman’s Road

Subterranean Press, 2010

enthält

Dead in the West (Dead in the West, Erstdruck in Eldritch Tales 10 – 13, 1984 – 1987, für diese Ausgabe grundlegend überarbeitet)

Straße der Toten (Deadman’s Road, Erstdruck in Weird Tales 343, Februar/März 2007)

Das Genleman’s Hotel (The Gentleman’s Hotel, Erstdruck in The Shadows, Kith and Kin, Subterranean Press, 2007)

Der schleichende Himmel (The crawling Sky, Erstdruck in Son of Retro Pulp Tales, Subterranean Press, 2009)

Tief unter der Erde (The Dark down there, Erstdruck in Deadman’s Road, Subterranean Press, 2010)

Hinweise

Homepage von Joe R. Lansdale

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Wilder Winter“ (Savage Season, 1990)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Rumble Tumble“ (Rumble Tumble, 1998 )

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Der Gott der Klinge” (The God of the Razor, 2007)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Der Teufelskeiler” (The Boar, 1998)

Meine Besprechung  von Joe R. Lansdales „Akt der Liebe“ (Act of Love, 1981)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Die Wälder am Fluss“ (The Bottoms, 2000)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Kahlschlag” (Sunset and Sawdust, 2004)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Gauklersommer“ (Leather Maiden, 2008)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Ein feiner dunkler Riss“ (A fine dark Line, 2003)

Stuttgarter Zeitung: Thomas Klingenmaier hat Joe R. Lansdale getroffen (25. März 2013)

 


TV-Tipp für den 10. April: Heat

April 10, 2013

Kabel 1, 22.10

Heat (USA 1995, R.: Michael Mann)

Drehbuch: Michael Mann

Die Story ist einfach und altbekannt: ein Polizist jagt einen ihm geistesverwandten Dieb.

Der Film ist sogar ein Remake. Michael Mann nahm einfach sein altes Drehbuch für „Showdown in L. A.“ (L. A. Takedown, 1989) und machte aus einem anderthalbstündigem TV-Piloten einen dreistündigen Kinofilm. Dank des größeren Budgets und guter Schauspieler (eine aus heutiger Sicht sehr beeindruckende Liste von Mann-Vertrauten, Stars und damals noch unbekannteren Namen) entstand ein Klassiker.

Berater bei dem Film waren Chuck Adamson (vor seinem Tod: Polizist und Autor für „Miami Vice“ und „Crime Story“), Dennis Farina (heute: Ex-Polizist und Schauspieler) und Andy McNab (heute: Ex-SAS und Schriftsteller).

mit Al Pacino, Robert De Niro, Val Kilmer, Jon Voight, Tom Sizemore, Amy Brenneman, Ashley Judd, Mykelti Williamson, Wes Studi, Diane Venora, Ted Levine, Dennis Haysbert, William Fichtner, Natalie Portman, Tom Noonan, Danny Trejo, Henry Rollins, Jeremy Piven, Xander Berkeley, Marty Ferrero, Rick Avery, Bud Curt (ungenannt, als Restaurantmanager Solenko)

Wiederholung: Donnerstag, 11. April, 02.00 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Wikipedia über „Heat“ (deutsch, englisch)

Drehbuch „Heat“ von Michael Mann (Fassung vom 3. März 1994)

Michael Mann in der Kriminalakte


Cover der Woche

April 9, 2013

Alexie - Smoke Signals


TV-Tipp für den 9. April: Der Boss

April 9, 2013

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Jean-Paul Belmondo!

ARD, 00.50

Der Boß (F/Can 1985, R.: Alexandre Arcady)

Drehbuch: Francis Veber, Daniel Saint-Harmont, Alexandre Arcady

LV: Jay Cronley: Quick Change, 1981

Für Grimm und sein Team beginnen die wahren Probleme erst nach dem Banküberfall auf dem Weg zum Flughafen.

„Der Boß“ ist der angenehmste Film der Achtziger von Jean-Paul Belmondo: eine lockere Krimikomödie mit Action-Einlagen. Während des Banküberfalls kann Belmondo in einem Clownskostüm dem Affen Zucker geben.

Mit Jean-Paul Belmondo, Guy Marchand, Kim Cattrall

Hinweise

Wikipedia über Jay Cronley und „Der Boss“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Jean-Luc Godards “Außer Atem” (F 1959 – dem Durchburch von Jean-Paul Belmondo)

Kriminalakte über  Jean-Paul Belmondo

Und diese schon fünf Jahre alten Geburtstagsartikel sind sicher alle noch weitgehend aktuell:

Kölner Stadt-Anzeiger: Daniel Kothenschulte zum 75. Geburtstag von Jean-Paul Belmondo

Stuttgarter Zeitung: Sabine Glaubitz zum 75. Geburtstag von Jean-Paul Belmondo

Tagesschau: Angela Ulrich zum 75. Geburtstag von Jean-Paul Belmondo

Deutsche Welle: 4-minütiger Film zum 75. Geburtstag von Jean-Paul Belmondo


Und noch ein Berlin-Krimi: „Schneckenkönig“ von Rainer Wittkamp

April 8, 2013

Rainer Wittkamp schrieb Bücher für „Die Wache“, „Soko Leipzig“, „Soko Wismar“ und „Unser Charly“. Wie man eine Geschichte aufbaut, weiß er und das merkt man auch in seinem Romandebüt „Schneckenkönig“, einem in Berlin spielendem Krimi über den Mord an einem Ghanaer.

Dessen Leiche wird in einem Abwasserkanal auf einer Baustelle beim Ostbahnhof entdeckt und weil die Polizei gerade einen Personalengpass hat, darf Kommissar Martin Nettelbeck, bester Kommissar im LKA und seit drei Jahren strafversetzt in die Büromaterialbeschaffung, wieder in einem Mordfall ermitteln.

Allerdings gibt es zunächst kaum Spuren, außer einem Silberkettchen mit einem runden Anhänger, das im Matsch neben der Leiche gefunden wird, und den Narben im Gesicht des Toten, die ihn eindeutig einem bestimmten Stamm zuordnen. Über die Community der Ghanaer, und deren gut aussehender Quasi-Sprecherin Philomena Baddoo, erfährt Nettelbeck den Namen des Toten und dass er Pfarrer für die Kirche der Ewigen Erlösung von Christian Mattheuer war, der in Afrika ein großes Missionswerk aufgebaut hat und in Berlin in einem ihm gehörendem Hochhaus residiert.

Schneckenkönig“ lässt sich flott weglesen, aber für einen Ratekrimi ist die Zahl der Verdächtigen viel zu überschaubar. Eigentlich kommt nur eine Person als Täter in Frage. Es werden die üblichen Themen in der üblichen Weise präsentiert. Die Afrikaner sind gut. Die Sekte ist nur das Geschäftsmodell eines Gurus. Und die Nazis sind blöde. Da hat man das Modell für einen sonntäglichen „Tatort“ oder eine „Soko“-Folge; wobei die ja mit größeren Ermittlerteams arbeiten.

Wittkamps Debüt ist kein schlechter Krimi. Es ist nur ein in jeder Beziehung durchschnittlicher Krimi mit teils arg papiernen Dialogen und einem Bosetzky-typischen Auflisten der von den Kommissaren zurückgelegten Strecken. Als würde es einen Nicht-Berliner wirklich interessieren, wie sie von A nach B gelangen und an welchen Stationen der Zug zwischendurch anhält. Einen Berliner lenken dagegen die ständigen Orts- und Straßennamen, die wild über Gesamt-Berlin verteilt sind, ab.

Wittkamp - Schneckenkönig - 2

Rainer Wittkamp: Schneckenkönig

Grafit, 2013

256 Seiten

9,99 Euro

Hinweis

Homepage von Rainer Wittkamp

 


TV-Tipp für den 8. April: James Bond: Der MORGEN stirbt nie

April 7, 2013

ZDF, 22.15

James Bond: Der MORGEN stirbt nie (GB/USA 1997, R.: Roger Spottiswoode)

Drehbuch: Bruce Feirstein

LV: Charakter von Ian Fleming

Buch zum Film: Raymond Benson: Tomorrow never dies, 1997 (Der MORGEN stirbt nie)

Die Zeiten ändern sich: Bonds Gegner ist ein Pressezar, der für eine Schlagzeile einen Weltkrieg riskiert.

Brosnans zweiter Einsatz war an der Kinokasse selbstverständlich ein Erfolg. Der Rest war auch wie gewohnt; – auch die zahlreichen Drehbuchentwürfe und Veränderungen während der Dreharbeiten. Da arbeitete ein Team von vier Autoren in einem Londoner Hotel an neuen Ideen und den Wünschen von Spottiswoode. Entsprechend zerfällt der Film immer wieder in Einzelteile. Es gibt dazu einen bissigen Artikel von Feirstein.

Mit Pierce Brosnan, Michelle Yeoh, Jonathan Pryce, Götz Otto, Teri Hatcher, Judi Dench, Samantha Bond (nicht verwandt mit James Bond), Desmond Llewelyn

Hinweise

Rotten Tomatoes über „James Bond: Der MORGEN stirbt nie“

Wikipedia über „Der MORGEN stirbt nie“ (deutsch, englisch)

Drehbuch von Bruce Feirstein

Homepage von Ian Fleming

Meine Besprechung von Sebastian Faulks’ James-Bond-Roman „Der Tod ist nur der Anfang“ (Devil may care, 2008)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers James-Bond-Roman “Carte Blanche” (Carte Blanche, 2011)

Meine Besprechung von Ian Flemings ersten drei James-Bond-Romanen “Casino Royale”, “Leben und sterben lassen” und “Moonraker”

Meine Besprechung des James-Bond-Films „Skyfall“ (Skyfall, GB/USA 2012)

James Bond in der Kriminalakte

Ian Fleming in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 7. April: GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia

April 7, 2013

Arte, 21.45 (VPS 20.15)

GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia (USA 1990, R.: Martin Scorsese)

Drehbuch: Martin Scorsese, Nicholas Pileggi

LV: Nicholas Pileggi: Wiseguy, 1985 (Der Mob von innen)

Preisgekrönter und mitreisender Gangsterfilm über das Leben des Mafia-Aussteigers Henry Hill zwischen 1955 und 1980 in New York.

Bei Scorsese sind Gangster die Kehrseite des amerikanischen Traums und die Mafia keine ehrenwerte Gesellschaft, sondern eine Ansammlung von Killern, Schlägern und Betrügern.

mit Robert De Niro, Joe Pesci (Oscar als bester Nebendarsteller), Ray Liotta, Lorraine Bracco, Paul Sorvino

Wiederholung: Freitag, 12. April, 01.35 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Wikipedia über “GoodFellas” (deutsch, englisch)

Wikipedia über Martin Scorsese (deutsch, englisch)

Martin-Scorsese-Fanseite

Meine Beprechung von Martin Scorseses “Hugo Cabret” (Hugo, USA 2011)

Martin Scorsese in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 6. April: Der Mann aus Marseille

April 6, 2013

Als Vorbereitung für den 80. Geburtstag von Jean Paul Belmond0 (am 9. April) zeigt der Bayerische Rundfunk heute „Das Superhirn“ (20.15 Uhr; gut), „Der Mann aus Marseille“ (22.15 Uhr, Tagestipp), „Der Profi 2“ (23.55 Uhr, Ähem) und „Der Außenseiter“ (01.25 Uhr, das war wohl mein erster Kino-Belmondo und ist daher über jede Kritik erhaben). Die nächsten Tage gibt es noch einige weitere Filme mit Bebel.

Bis dahin

BR, 22.15

Der Mann aus Marseille (F/I 1972, R.: José Giovanni)

Drehbuch: José Giovanni

LV: José Giovanni: L´excommunié/La scoumoune, 1958 (Der Gangsterboss)

Ballade über die Freundschaft zwischen zwei Gangstern, die nach dem Zweiten Weltkrieg sich wieder einen Platz in der Pariser Unterwelt sichern wollen.

Mit Jean-Paul Belmondo, Michel Constantin, Claudia Cardinale, Andréa Ferréol, Gérard Depardieu

Wiederholungen

NDR, Montag, 8. April, 00.00 Uhr (Taggenau!)

RBB, Sonntag, 14. April, 00.00 Uhr (Taggenau! – Im Rahmen einer Bebel-Filmnacht mit „Der Windhund“ um 22.15 Uhr und dem Godard-Kult „Eine Frau ist eine Frau“ um 01.40 Uhr)

Hinweise

Homepage von/über José Giovanni

Wikipedia über José Giovanni (deutsch, englisch, französisch)

Krimi-Couch über José Giovanni

Meine Besprechung von Robert Enricos José-Giovanni-Verfilmung  „Die Abenteurer“ (Les Aventuriers, Frankreich 1967)

Meine Besprechung von Jean-Luc Godards „Außer Atem“ (F 1959 – dem Durchburch von Jean-Paul Belmondo)

Kriminalakte über José Giovanni und Jean-Paul Belmondo

Und diese schon fünf Jahre alten Geburtstagsartikel sind sicher alle noch weitgehend aktuell:

Kölner Stadt-Anzeiger: Daniel Kothenschulte zum 75. Geburtstag von Jean-Paul Belmondo

Stuttgarter Zeitung: Sabine Glaubitz zum 75. Geburtstag von Jean-Paul Belmondo

Tagesschau: Angela Ulrich zum 75. Geburtstag von Jean-Paul Belmondo

Deutsche Welle: 4-minütiger Film zum 75. Geburtstag von Jean-Paul Belmondo


Wo Homosexualität noch „Der Verstoß“ ist

April 5, 2013

Carrino - Der Verstoss - 2

Das erste, was bei L. R. Carrinos „Der Verstoß“ auffällt, ist die Länge. Eigentlich Kürze. Denn der Roman umfasst lediglich achtzig Druckseiten und wird mit dem wissenschaftlichen Aufsatz „Der schwule Mafiosi: Zur Konstruktion und Dekonstruktion von Männlichkeit in Carrinos Roman ‚Acqua Storta‘ – Der Verstoß“ von Christian Gabriele Moretti auf 128 Seiten hochgepimpt, was heute dann doch schon fast wie ein Buch wirkt. Denn die seeligen Ullstein- und rororo-Krimi-Zeiten, als viele Krimis, teils in sehr kleiner Schrift, 128 bis 160 Seiten hatten, sind schon lange vorbei.

Morettis Aufsatz beschreibt dann auch auf einer Metaebene prägnant L. R. Carrinos Roman. Denn der Ich-Erzähler (im nervigen Präsens) ist ein schwuler Mafiosi, der der Sohn des örtlichen Mafia-Bosses Don Antonio ist, mit Mariasole verheiratet und in den Geldeintreiber Salvatore verliebt ist. In „Der Verstoß“ erzählt Giovanni, mit einigen Zeitsprüngen in die Vergangenheit, von seinen letzten Stunden. Denn als er jetzt mit Salvatore unterwegs ist, fühlt er sich verfolgt.

Einige dürften die Geschichte von „Der Verstoß“ schon kennen. Denn Valerio Bindi und MP5 schrieben die darauf basierende tolle Graphic Novel „Der Frevel am Altar der Heiligen Klara“, die der Vorlage sehr genau folgt und deutlich gelungener ist. Denn bei ihnen fügen sich die Erinnerungen von Giovanni organisch in den in der Gegenwart spielenden Plot ein. Bei Carrino sind dagegen einige Zeitsprünge, vor allem wenn es um Ereignisse aus der jüngsten Vergangenheit, wie dem Nachmittag vor der letzten Nacht, geht, arg abrupt und damit den Lesefluss störend. Und dass Giovanni im Präsens, einer zu recht unüblichen Zeitform, die inzwischen aus einem falsch verstandenem Unmittelbar-dabei-sein-Glaube in Romanen immer öfter verwandt wird, erzählt, hilft nicht. Denn es liest sich, weil es unglaublich schwierig ist, im Präsens flüssig zu formulieren, wieder einmal einfach holprig.

Davon abgesehen ist „Der Verstoß“ eine kleine Mafiageschichte aus dem unglamourösen Alltag und der Bigotterie der italienischen Mafia, die in einem katholischem Land nach außen den Glauben und ihre tiefe Verbundenheit mit der Kirche zelebriert, während gleichzeitig ungefähr gegen alle zehn Gebote verstoßen wird. Wobei Homosexualität für einen Mafiosi, wenn sie bekannt wird, das sichere Todesurteil bedeutet.

Und natürlich ist Homosexualität auch ein Angriff auf das gepflegte Bild des italienischen Macho, des Latin Lovers, der jede Frau rumkriegt.

In seinem Debütroman „Der Verstoß“ verstieß L. R. Carrino gegen diese Tabus – und gerade dieser außerliterarische Dimension, die im Nachwort ausführlich erläutert wird, macht die Geschichte lesenswert.

L. R. Carrino: Der Verstoß

(übersetzt von Klaudia Ladurner)

Pulp Master, 2013

128 Seiten

11,80 Euro

Originalausgabe

Acqua Storta

Meridiano zero, 2008

Die Graphic Novel

Bindi - MP5 - Frevel

Valerio Bindi/MP5: Der Frevel am Altar der Heiligen Klara

(übersetzt von Resel Rebiersch)

schreiber & leser, 2012

184 Seiten

18,80 Euro

Originalausgabe

Acqua Storta

Meridiano zero, Padova, 2010

Hinweise

Pulp Master über L. R. Carrino

Meine Besprechung von Valerio Bindi/MP5s „Der Frevel am Altar der Heiligen Klara“ (Acqua Storta, 2010)


TV-Tipp für den 5. April: Back Fire – Eine Mutter sieht rot

April 5, 2013

ARD, 03.15

Back Fire – Eine Mutter sieht rot (F 1984, R.: Alain Bonnot)

Drehbuch: André G. Brunelin, Marie-Thérèse Cuny, Alain Bonnot

LV: Gérald Moreau: Nathalie ou la Punition, 1979

Annie Girardot sieht rot – und die Polizei sieht schweigend zu.

Schnörkelloser französischer Selbstjustiz-Thriller, der –  wie üblich – im Nachtprogramm versteckt wird.

Hinweise

AlloCine über „Back Fire“

Wikipedia über „Back Fire“


Kleine Fitzek-mania

April 4, 2013

Fitzek - Der Nachtwandler - 3

Sebastian Fitzek hat einen neuen Psychothriller veröffentlicht.

„Der Nachtwandler“ heißt das Werk – und es ist ein typischer Pageturner-Fitzek mit einem überraschendem Ende.

Die Story: Der Schlafwandler Leon glaubt, dass er im Schlaf seine Freundin geschlagen hat. Er will herausfinden, was er im Schlaf tut und schnallt sich eine Kamera um. Als er am nächsten Tag die nächtlichen Aufnahmen ansieht, entdeckt er hinter einem Schrank eine Tür – und das ist nicht das einzige Geheimnis, das das noble Mietshaus beherbergt.

Zur Buchveröffentlichung unternimmt Sebastian Fitzek eine Unplugged-Lesetour. Denn dieses Mal gibt es nur den Mann, das Buch und ein Mikrofon. In einer Buchhandlung.

Am Dienstag war der Tourauftakt hier in Berlin in der SoSch-Buchhandlung (in den Gropius-Passagen) vor über zweihundert Fans. Fitzek las während der über neunzigminütigen Lesung mehrere Ausschnitte aus dem Roman (mehr als bei seinen vorherigen Lesungen), erzählte gewohnt kurzweilig Geschichten aus seinem Leben, beantwortete Fragen aus dem Publikum und signierte Bücher. Kurz gesagt: eine Lesung, die, bis auf die Sache mit dem Bücher signieren, auch einem Nicht-Fitzek-Fan gefallen kann.

Die weiteren Tourdaten (wobei etliche Lesungen bereits ausverkauft sein dürften) sind (schamlos kopiert von Sebastian-Fitzeks-Homepage):

04. April 2013 Der Nachtwandler – Unplugged Delmenhorst
05. April 2013 Der Nachtwandler – Unplugged Dülmen
08. April 2013 Der Nachtwandler – Unplugged Kleinmachnow
11. April 2013 Der Nachtwandler – Unplugged Erlangen
12. April 2013 Der Nachtwandler – Unplugged Pforzheim
15. April 2013 Der Nachtwandler – Unplugged Berlin
20. April 2013 Theaterstück Leverkusen
02. Mai 2013 Der Nachtwandler – Unplugged Lübeck
03. Mai 2013 Der Nachtwandler – Unplugged Hannover
06. Mai 2013 Der Nachtwandler – Unplugged Schwerin
07. Mai 2013 Der Nachtwandler – Unplugged Haldensleben
08. Mai 2013 Der Nachtwandler – Unplugged Erfurt
10. Mai 2013 Der Nachtwandler – Unplugged Neuenhagen bei Berlin
13. Mai 2013 Der Nachtwandler – Unplugged Wunstorf
14. Mai 2013 Der Nachtwandler – Unplugged Gescher
15. Mai 2013 Der Nachtwandler – Unplugged Dortmund
25. Mai 2013 Theaterstück München

Während der Lesung war auch das ZDF anwesend und nahm einige Bilder für ein kurzes Porträt auf, das am Freitag (also Morgen) im ZDF Morgenmagazin ausgestrahlt wird und danach in der Mediathek zu finden ist.

Bis dahin kann man sich diese einstündige Vorstellung von „Abgeschnitten“, dem Gemeinschaftswerk von Sebastian Fitzek und Michael Tsokos ansehen (ja, die Macher hätten einen kleineren Bildausschnitt wählen können und sie hätten die Autoren nicht auf eine Couch setzen müssen):

Sebastian Fitzek: Der Nachtwandler

Knaur, 2013

320 Seiten

9,99 Euro

Hinweise

Homepage von Sebastian Fitzek

Sebastian Fitzek in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Der Seelenbrecher“ (2008)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Das Kind“ (2008)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Splitter“ (2009)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks “Der Augensammler” (2010)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks “Der Augenjäger” (2011)

Meine Besprechung der Sebastian-Fitzek-Verfilmung „Das Kind“ (D 2012)


Neu im Kino/Filmkritik: Geh nicht in „Zimmer 205“! Da geschehen schlimme Dinge.

April 4, 2013

Studieren ist die Hölle. Da bekommt man als Erstsemester nur in einem Studentenwohnheim, das die Bausünden der siebziger Jahre unter einem anderen Licht erscheinen lässt und schon von außen Depressionsschübe auslöst, ein Zimmer, das trister als ein Mehrbettzimmer in einem seit anno dunnemals nicht mehr renoviertem Schullandheim mit Gemeinschaftsküche ist. Die anderen Studenten schneiden einen. Blicken sogar gehässig auf den Neuling und alle deuten an, dass in Zimmer 205 etwas schlimmes geschah. Dass das Zimmer, das man gerade bezogen hat, verflucht ist.

Nicht schön, vor allem wenn man, wie die neunzehnjährige Katrin (Jennifer Ulrich) noch einen Psychoknacks hat, deshalb Medikamente nehmen muss und entsprechend fürsorglich von ihrem alleinerziehenden Vater umsorgt wird. Trotzdem versucht Katrin sich das Zimmer schönzureden und dann lernt sie auch noch einen netten Kommilitonen kennen.

Damit könnten sich die Eingewöhnungsprobleme erledigen, wenn nicht die Geschichte mit ihrer Vormieterin wäre. Die verschwand nämlich spurlos. Katrin findet einige Aufzeichnungen von ihr im Zimmer (da hat der Hausmeister beim Aufräumen aber kräftig geschlampt) und entdeckt ihr Videotagebuch, in dem sie berichtet, wie sie zunehmend von einer Studentengruppe, die auch sie schlecht behandelt, bedroht wird und sie glaubt, dass die Clique sie töten will.

Katrin glaubt nun, dass mit ihr etwas ähnliches geschieht. Vor allem weil mehrere Menschen in ihrem Umfeld mysteriöse Unfälle haben oder ermordet werden. Außerdem stoßen ihr mehr mysteriöse Dinge zu als dem Protagonisten eines Sebastian-Fitzek-Romans.

Ihr ahnt es: „Zimmer 205 – Traust du dich rein?“ ist ein Psychothriller mit einer satten Portion Horror.

Leider kein guter. Denn die Macher von „Zimmer 205“ bieten immer mindestens zwei, sich widersprechende Erklärungen an: nach der einen ist das Zimmer verflucht und der Geist ihrer Vormieterin will sich an ihren Mördern rächen, nach der anderen ist Katrin die zunehmend verrückt werdende Mörderin. Aber es könnte auch ganz anders sein. Diese Ungewissheit könnte bis zur Auflösung spannungsfördernd sein, wenn nicht viele Szenen so vorhersehbar wären. Wenn das erste Mal aus einem Abfluss eine dunkle Masse blubbert, wissen wir, was einige Minuten später geschehen wird – und es geschieht. Wenn eine Frau allein auf einen Dachboden geht und die durchsichtigen Plastikplanen sich stylisch im Wind bewegen, wissen wir, was geschehen wird – und es geschieht. Wenn ein Mann – Na, ich glaube, ihr habt das Prinzip verstanden, das während des Sehens für eifriges Miträtseln sorgen soll; am Ende, wenn die Macher versuchen, das ganze irgendwie logisch und sinnvoll aufzulösen, aber nicht aufgeht.

Vor allem wenn einem die Damsel in Distress, die bedrohte, sich Genre-konform blöde benehmende Jungfrau, herzlich egal ist.

Da hilft es auch nicht, dass Regisseur Rainer Matsutani und Drehbuchautor Eckhard Vollmar in ihrem Remake des bei uns nicht veröffentlichten dänischen Horrorfilms „Kollegiet“ von Martin Barnewitz die Geschichte in jeder Szene mit einem mysteriösem Rätsel aufluden und sie in ausgesucht abschreckendem Siebziger-Jahre-Gebäuden inszenierten. Vor allem bei den Inneneinrichtungen und den Gebäuden, – es wurde unter anderem in einer ehemaligen SED-Parteischule, auf einem Berliner Campus und einem Fabrikgelände, auf dem auch Quentin Tarantino einige Szenen für „Inglourious Basterds“ drehte, gedreht -, inszenierten sie lustvoll eine dicke Patina vergangener Zeiten, die schon auf den ersten Blick ordentliche Ekelgefühle auslöst.

Am Ende ist „Zimmer 205“ doch nur ein formelhafter, unlogischer Horrorfilm mit einem entsprechend unbefriedigendem Ende.

Zimmer 205 - Plakat

Zimmer 205 – Traust du dich rein? (D 2011)

Regie: Rainer Matsutani

Drehbuch: Eckhard Vollmar (nach einer Vorlage von Jannik Tai Mosholt)

mit Jennifer Ulrich, Julia Dietze, Inze Björg David, Marleen Lohse, Florian Jahr, Tino Mewes, Daniel Roesner, Hans Uwe Bauer, André Hennicke, Gitta Schweighöfer, Dennis Gansel

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Zimmer 205“

Wikipedia über „Zimmer 205“

Unnützes Wissen

Gedreht wurde „Zimmer 205“ zwischen dem 27. Januar und dem 19. März 2010.

Die FSK prüfte den Film als „205 – Zimmer der Angst“ bereits im Oktober 2011.

Rainer Matsutani und Eckhard Vollmar arbeiteten bereits bei „Feuerläufer – Der Fluch des Vulkans“ und „Einladung zum Mord“ zusammen.

Eine Zwerg mit einem roten Umhang kennen wir aus „Wenn die Gondeln Trauer tragen“.


Die KrimiZeit-Bestenliste April 2013

April 4, 2013

Weil die arktischen Temperaturen nicht zum Biergartenbesuch einladen, kann man ja einigen Anregungen der KrimiZeit-Kritiker von ihrer April-Bestenliste genauer studieren:

1 (2) Joe R. Lansdale: Dunkle Gewässer

2 (3) Elmore Leonard: Raylan

3 (-) Sara Gran: Das Ende der Welt

4 (-) Giancarlo de Cataldo: Der König von Rom

5 (-) Derek Nikitas: Brüche

6 (-) Cathi Unsworth: Opfer

7 (-) Ian Rankin: Mädchengrab

8 (5) Madison Smartt Bell: Die Farbe der Nacht

9 (9) Paolo Roversi: Milano Criminale

10 (-) P.D.James: Der Tod kommt nach Pemberley

In ( ) ist die Platzierung vom Vormonat.

Also sechs Neueinsteiger. Lansdale ist grandios (seine eben erschienene „Straße der Toten“ ebenfalls, aber das ist ein Horror-Western, oder so ähnlich), Leonard und Bell dito. „Mädchengrab“ von Ian Rankin ist ein neuer Rebus-Roman; – muss ich noch mehr sagen?


TV-Tipp für den 4. April: Real Humans – Echte Menschen

April 4, 2013

Arte, 21.00

Real Humans – Echte Menschen: Folge 1/2 (Schweden 2012)

Regie: Harald Hamrell

Drehbuch/Erfinder: Lars Lundström

Keine Ahnung, ob die TV-Serie gut ist, aber als ich die Inhaltsangabe las, fragte ich mich sofort, warum so eine Serie nicht auch vom deutschen Fernsehen gemacht wird. Denn in der Science-Fiction-Serie geht es um humanoide Roboter, die im Haushalt nützliche Arbeiten vollbringen und sich mit ihrem Schicksal nicht mehr zufrieden geben wollen. Viele Menschen betrachten die immer dienstbaren Roboter nicht mehr nur als technische Hilfsmittel – und es können viele philosophische Fragen in spannenden Geschichten behandelt werden.

In Schweden war der Zehnteiler so erfolgreich, dass jetzt über eine Fortsetzung nachgedacht wird.

Arte zeigt die Serie in Doppelfolgen.

Lars Lundström schrieb mehrere Drehbücher für „Mankells Wallander“.

Mit Andreas Wilson, Lisette Pagler, Pia Halvorsen, Johan Paulsen, Natalie Minnevik, Kåre Hedebrant

Hinweise

Arte über „Real Humans“

STV über „Real Humans“

Wikipedia über „Real Humans“ (englisch, schwedisch)

 


R. i. P. Jess Franco

April 3, 2013

R. i. P. Jess Franco (geboren als Jesús Franco Manera, am 12. Mai 1930 in Madrid, gestorben am 2. April 2013 in Malaga)

Das ist zu gut, um es euch vorzuenthalten:

Screenshot Berliner Zeitung Jess Franco Todesmeldung

Denn, auch wenn in der dpa-Meldung (die wahrscheinlich dumm gekürzt oder blind von Wikipedia übernommen wurde), steht, dass Jess Franco beim Publikum wenig Anerkennung fand, ist das natürlich Unfug. Denn Jess Franco war ein klassischer Publikumsregisseur, der mit Horror, Sex und Gewalt, unter diversen Pseudonymen) versuchte ein möglichst großes Publikum zu erreichen und in den sechziger und siebziger Jahren gehörten Titel wie „Necromonicum – Geträumte Sünden“, „Vampyros Lesbos“ und „Mondo Cannibale“ mit ihrem Versprechen auf Sex und Gewalt zu den Klassikern des Bahnhofskinos. Später raunte man sich die Titel zu und hätte die verbotenen Filme gerne gesehen. Nicht weil man glaubte, ein Meisterwerk der Filmkunst entdecken zu können, sondern weil sie nicht erhältlich waren.

Einige Connaisseure des Horrorfilms begannen schon früh ein Loblied auf einige seiner surrealistischen Filme voller Sex und Gewalt anzustimmen. Denn unter seinen 199 Filmen (aktueller Stand bei der IMDB) war auch viel Schrott, der vor allem in den vergangenen Jahren niemals Deutschland erreichte, und die etablierte Filmkritik konnte mit ihm wenig anfangen. Hier mal einige Zitate, wild herausgegriffen aus dem „Lexikon des Horrorfilms“ (im „Lexikon des internationalen Films“ dürfte der Daumen ebenfalls chronisch nach unten zeigen) zu einigen Jess-Franco-Trash-Klassikern:

Jack the Ripper – Der Dirnenmörder von London (Deutschland 1976, mit Klaus Kinski): „Jess Franco…verlässt sich hier ganz auf den Londoner Nebel, in dem Dramaturgie und Spannung beinahe spurlos verschwinden. Dazu gibt es billigen Sex..und übel chargierende Darsteller.“ (Filmdienst) „In nur wenigen Tagen hastig zusammengeschustert, dient dieser Film zu nichts anderem als zu beweisen, dass sich im Laufe der Jahre nichts an der Talentlosigkeit von Herrn Franco geändert hat.“ (Philippe Setbon: Klaus Kinski – Sein Leben, seine Filme)

Marquis de Sade: Justine (Deutschland/Italien/Frankreich 1968, mit Klaus Kinski): „Franco ist offen gesagt, ein sehr schlechter Regisseur und ‚Justine’…ist dementsprechend kein bisschen besser als seine bisherigen Filme.“ (Philippe Setbon: Klaus Kinski – Sein Leben, seine Filme)

Mondo Cannibale – 3. Teil: Die blonde Göttin der Kannibalen (Frankreich/Spanien 1979): „Leider wurden die nötigen Kotztüten nicht mitgeliefert.“ (Ronald M. Hahn/Volker Jansen: Lexikon des Horrorfilms)

Nachts, wenn Dracula erwacht (Deutschland/Spanien/Italien 1969, mit Christopher Lee und Klaus Kinski): „Identische Sequenzen werden dutzendfach wiederholt, und die Spezialeffekte der am Ende erfolgenden Verbrennung des Grafen (steht das überhaupt so im Roman?) sind so schrecklich amateurhaft, dass man nur noch lachen kann.“ (John McCarthy, Cinefantastique) „Bei Francos Dracula-Version handelt es sich vielleicht um die schönste Verfilmung des Stoker-Romans überhaupt.“ (Rolf Thissen/Leo Phelix: Pioniere und Prominente des modernen Sexfilms)

Die Nacht der offenen Särge (Portugal/Spanien/Liechtenstein 1972): „Wie hat Jess Franco es geschafft, für dieses handwerklich völlig indiskutable Dummstück gleich drei Produktionsfirmen zu gewinnen?“ (Ronald M. Hahn/Volker Jansen: Lexikon des Horrorfilms)

Necromonicon – Geträumte Sünden (Deutschland 1967): „Was Jess Franco auch anpackt – immer kriegt er eins auf die Rübe! In diesem Fall gleich von allen, die dem Film bei der Uraufführung beiwohnten.“ (Ronald M. Hahn/Volker Jansen: Lexikon des Horrorfilms) „’Necronomicon’…ist ein ungewöhnlicher aber witzloser Hybride aus Horror-, Sexploitation- und Neue Welle-Film. Soweit ich mich erinnern kann, besteht er aus einem Mischmasch aus Sadismus, Erotizismus und Übernatürlichem.“ (Gary Arnold, The Washington Post)

Vampyros Lesbos – Die Erbin des Dracula (Deutschland/Spanien 1970): „Mit jedem einzelnen Meter…stürzt (der Film) den unglücklichen Betrachter in die verzweifelte Situation des Alex aus ‚Uhrwerk Orange‘. Der wird im Rahmen der ‚Ludovico-Therapie‘ gezwungen, sich bis zum Erbrechen furchtbarste Filmschnipsel anzugucken, wobei er dem Einfluss einer Droge ausgesetzt ist, die entsetzliche Übelkeit verursacht. ‚Vampiros Lesbos‘ kann freilich auf solch eine Droge getrost verzichten – die Übelkeit stellt sich hier von ganz allein ein.“ (Rolf Giesen: Kino, wie es keiner mag)

Genug gemeckert. Immerhin fanden sich später auch einige positivere Stimmen.

Zu „Vampyros Lesbos“, dem – allein schon wegen des Titels – Kultfilm, bei dem die Filmmusik von Sigi Schwab und Manfred Hübler in den Neunzigern dank einer CD-Veröffentlichung zu neuen Ehren (auch in der Disco) kam, schreibt Harald Keller in „Schräg, schrill, scharf und schundig – Tausend Filme zwischen Trash und Kult“ (2000): „Jess Franco zeigt sich inspiriert und setzt bekannte Motive der Vampirliteratur als mal schwülen, mal duftigen Wachtraum in Szene.“

Und zu „Necronomicon“ steht in James Marriott und Kim Newmans „Horror“ (2006): „Willkürlich bis zum Verrücktwerden in seiner Imagination und seiner Technik, mit all den Wortspielen der Figuren, Hoch- und Alltagskultur, Trash und Experimentalkino vermischend, verleiht die flickenhafte Uneinheitlichkeit, die daher rührt, dass es kein Drehbuch gab (Franco notierte jede Nacht Drehbuchideen und gab diese am nächsten Morgan an die Schauspieler weiter), ‚Necromonicom‘ eine halluzinatorische, psychedelische Qualität.“

Am besten nähert man sich einem Jess-Franco-Film (wobei man vielleicht seinen bekanntesten Werken den Vorzug geben sollte) wie einem Drogentrip: zurücklehnen und nicht nach dem Sinn fragen. Das geht bei „Vampyros Lesbos“ auch im nicht-untertitelten O-Ton:

Nachrufe gibt es bei Spiegel Online, taz, Variety, Empire Online, Huffington Post und Fangoria

 

 

 


TV-Tipp für den 3. April: Whatever Works

April 3, 2013

Arte, 20.15

Whatever Works (USA 2009, R.: Woody Allen)

Drehbuch: Woody Allen

Dass Woody Allen das Skript für „Whatever Works“ bereits in den frühen Siebzigern schrieb, merkt man an einigen Stellen und oft wirkt „Whatever Works“ wie ein abgefilmtes Theaterstück, aber whatever, it works. Denn der schlechtgelaunte Misanthrop Boris Yellnikoff, der fast den Physik-Nobelpreis bekommen hätte und jetzt in Manhattan versucht, geistigen Tieffliegern (also eigentlich alle, die nicht Boris Yellnikoff heißen) Schach beizubringen, lässt seinen Welthass an der gesamten Nachbarschaft und auch den Zuschauern, die er direkt anspricht, aus. Bis er Melody kennen lernt, die wahrlich keine Intelligenzbestie ist.

Spaßige Unterhaltung

mit Larry David, Evan Rachel Wood, Patricia Clarkson, Adam Brooks, Henry Cavill, Ed Begley jr.

Wiederholung: Donnerstag, 4. April, 13.55 Uhr

Hinweise

Film-Zeit über „Whatever Works“

Metacritic über „Whatever Works“

Rotten Tomatoes über „Whatever Works“

Wikipedia über „Whatever Works“ (deutsch, englisch)

Homepage von Woody Allen

Deutsche Woody-Allen-Seite

Meine Besprechung von Robert B. Weides „Woody Allen: A Documentary“ (Woody Allen: A Documentary, USA 2012)

Meine Besprechung von Woody Allens „To Rome with Love“ (To Rome with Love, USA/Italien 2012)

Woody Allen in der Kriminalakte