TV-Tipp für den 20. Februar: Das letzte Schweigen

Februar 20, 2015

ZDFkultur, 23.10

Das letzte Schweigen (Deutschland 2010, Regie: Baran bo Odar)

Drehbuch: Baran bo Odar

LV: Jan Costin Wagner: Das Schweigen, 2007

Wurde die 13-jährige Sinikka ermordet? Denn am gleichen Ort wurde vor 23 Jahren ein Mädchen ermordet. Der Täter wurde nie gefunden. Kommissar Jahn ermittelt.

Werkgetreue, gut besetzte, gut fotografierte, aber letztendlich langweilige Verfilmung von Wagners Roman.

Alles weitere in meiner ausführlichen Besprechung (mit Bildern, Links und dem Trailer)

mit Ulrich Thomsen, Wotan Wilke Möhring, Burghart Klaußner, Katrin Sass, Sebastian Blomberg, Karoline Eichhorn, Roeland Wiesnekker, Claudia Michelsen, Oliver Stokowski, Jule Böwe

Wiederholung: Samstag, 21. Februar, 02.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage zum Film

Facebook-Seite zum Film

Film-Zeit über „Das letzte Schweigen“

Homepage von Baran bo Odar

Homepage von Jan Costin Wagner

Meine Besprechung von Jan Costin Wagners „Sandmann träumt“

Meine Besprechung von Baran bo Odars „Who am I – Kein System ist sicher“ (Deutschland 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: „Altman“ porträtiert den „M. A. S. H.“-Regisseur

Februar 19, 2015

Ich wünsche dem Film viele Zuschauer. Im TV. Als Begleitprogramm einer umfangreichen Robert-Altman-Retrospektive, gerne auch mit weiteren Dokus über Robert Altman und seine Filme, die dann in die Tiefe gehen. Denn „Altman“ von Ron Mann ist eine ziemlich oberflächlich geratene Dokumentation über den Regisseur Robert Altman (20. Februar 1925 – 20. November 2006), in der einfach chronologisch sein Leben abgehandelt wird.
Dabei ist der Blick auf seine unbekannten Anfangsjahre als Industriefilmer und TV-Serienregisseur (unter anderem „Alfred Hitchcock präsentiert“ und „Bonanza“) interessant, weil man vor allem seine Spielfilme kennt, die oft Ensemblefilme sind. Einige seiner Filme, wie „M. A. S. H.“, „Der Tod kennt keine Wiederkehr“, „Nashville“, „Buffalo Bill und die Indianer“, „The Player“ und „Short Cuts“, wurden zu Klassikern, die auch in „Altman“ mit kurzen Ausschnitten gezeigt werden und einen anregen, sich die Filme wieder anzusehen.
Altman-Fans werden sich auch über die bislang unveröffentlichten Privataufnahmen und die Hinter-den-Kulissen-Aufnahmen, die während verschiedener Dreharbeiten entstanden, freuen.
Auch die vielen O-Töne von Robert Altman sind erfreulich. Sie entstanden bei TV-Sendungen, Publikumsgesprächen und Preisverleihungen, wie seine Rede als er 2006 den Ehrenoscar für sein Lebenswerk erhielt. Sie dürften weitgehend unbekannt sein.
Die vielen bekannten Schauspieler, die mit Robert Altman zusammenarbeiteten und in den Credits von „Altman“ genannt werden, haben im Film nur Kürzestauftritte, in denen sie mit einem Wort oder einem Satz „Altmanesque“ erklären. Das ist eine nette Spielerei, die vor allem eine vertanene Möglichkeit ist. Da hat man Größen wie Keith Carradine, Elliott Gould, Sally Kellerman und Lily Tomlin, die öfters mit Altman zusammen arbeiteten, und Stars wie James Caan und Robin Williams, die nur in einem seiner Filme mitspielten, vor der Kamera und lässt sich von ihnen nichts über ihre Erlebnisse mit Robert Altman erzählen.
Sowieso wagt „Altman“ nie einen kritischen Blick auf den Regisseur. Es kommen nur der Regisseur selbst in Auftritten vor einem Publikum, seine Familie und Mitarbeiter, die ihn bewundern, zu Wort. Aber nie wird Altmans Werk von Filmhistorikern eingeordnet. Ron Mann bildet auch keine thematische Schwerpunkte. Er beschränkt sich auf die nackte Chronologie und das Erwähnen der bekannten Filme.

Altman - Plakat

Altman (Altman, Kanada 2014)
Regie: Ron Mann
Drehbuch: Len Blum
mit Robert Altman, Kathryn Reed Altman, Matthew Seig, Paul Thomas Anderson, James Caan, Keith Carradine, Elliott Gould, Philip Baker Hall, Sally Kellerman, Lyle Lovett, Julianne Moore, Michael Murphy, Lily Tomlin, Robin Williams, Bruce Willis
Länge: 95 Minuten
FSK: ?

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Altman“
Moviepilot über „Altman“
Rotten Tomatoes über „Altman“
Wikipedia über Robert Altman
Robert Altman in der Kriminalakte

Robert Altman erhält den Ehrenoscar

Ein längeres Interview von Elvis Mitchell mit ihm


TV-Tipp für den 19. Februar: The Losers

Februar 19, 2015

Vox, 22.15

The Losers (USA 2010, Regie: Sylvain White)

Drehbuch: Peter Berg, James Vanderbilt

LV: Andy Diggle/Jock: The Losers, 2003 (The Losers)

Als ein Anschlag auf eine Drogenbaron in Bolivien grandios schiefgeht, wissen Clay und sein Team, dass ihr Auftraggeber, der geheimnisvolle Max, ein ganz hohes Tier im US-amerikanischen Geheimdienst und zuständig für die wirklich schmutzigen Aktionen, sie umbringen will. Sie beschließen, es ihm heimzuzahlen.

Das bessere A-Team und der bessere „A-Team“-Film, dank eines selbstironischen Tons, guter Schauspieler und ordentlicher Action.

Die Vorlage, der Comic von Andy Diggle und Jock, ist auch einen Blick wert.

mit Jeffrey Dean Morgan, Zoe Saldana, Chris Evans, Idris Elba, Columbus Short, Oscar Jaenada, Jason Patric

Wiederholung: Freitag, 20. Februar, 02.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

 Metacritic über “The Losers”

Rotten Tomatoes über “The Losers”

Wikipedia über “The Losers”

Homepage von Andy Diggle

Blog von Andy Diggle

Meine Besprechung von Andy Diggle/Jocks „The Losers: Goliath – Band 1“

Meine Besprechung von Andy Diggle/Jock/Shawn Martinbroughs „The Losers: Die Insel – Band 2“

Meine Besprechung von Andy Diggle/Jock/Nick Dragotta/Alé Garza: The Losers: Der Pass, Band 3 (The Losers 13 – 19, 2005)
Meine Besprechung von Andy Diggle/Jock/Ben Olivers (Zeichner) „The Losers: London Calling (Band 4) (The Losers # 20 – 25, 2005)

Meine Besprechung von Andy Diggle/Jock/Colin Wilsons “The Losers: Endspiel (Band 5)” (The Losers # 26- 32, 2005/2006)

Meine Besprechung von Andy Diggle (Autor)/Leonard Manco/Danijel Zezelj (Zeichner) „John Constantine, Hellblazer: Spritztour (Band 10)“ (Hellblazer: Vol. 230 – 239, 2008)

 Meine Besprechung von Andy Diggles “The Punisher”-Geschichte “Stille Nacht” (in “PunisherMAX: Hässliche kleine Welt”)

Meine Besprechung von Sylvain Whites „Choral des Todes“ (La Marque des anges – Miserere, Frankreich/Belgien 2013)


Thomas Perry enthüllt „Das Vermächtnis der Maya“

Februar 18, 2015

Cussler - Perry - Das Vermächtnis der Maya - 2

Ein neuer Roman von Thomas Perry ist für Krimifans natürlich eine gute Nachricht. Mit seinen ersten beiden Romanen „Abrechnung in Las Vegas“ (The Butcher’s Boy, 1982), das den Edgar-Allan-Poe-Preis als bestes Debüt erhielt, und „Der Tag der Katze“ (Metzger’s Dog, 1983) schrieb er gleich zwei veritable Klassiker. Später war seine Serie mit Jane Whitefield, über eine Indianerin, die Menschen beim Untertauchen hilft, mit der er zwischen 1994 und 1999 fünf, auch ins Deutsche übersetzte, Romane veröffentlichte, ziemlich beliebt. Aber in Deutschland setzte er sich nie richtig durch und seit einem Jahrzehnt wird er, obwohl er ungefähr im Jahresturnus einen normalerweise hochgelobten Roman veröffentlicht, nicht mehr übersetzt.
Außer die beiden Fargo-Romane, die aus Clive Cusslers Schreibwerkstatt stammen. Denn Clive Cussler, der mit seinem Abenteuerthriller „Hebt die Titanic“ (Raise the Titanic, 1976) und dem Protagonisten Dirk Pitt die Leserherzen eroberte, lässt seit einigen Jahren, wie James Patterson, unter seinem Namen als verkaufsförderndes Gütesiegel Romane schreiben, die in die Clive-Cussler-Welt passen und in denen sein Name groß und, kleiner, der des Co-Autors auf dem Cover stehen. Normalerweise erledigt der unbekanntere Co-Autor die Schreibarbeit und die Geschichte wird vorher mit dem Namensgeber abgesprochen. Bei Clive Cussler sind es Abenteuerthriller, in denen historische Entdeckungen im Mittelpunkt stehen.
So auch in Thomas Perrys zweiten Roman mit dem Ehepaar Sam und Remi Fargo, die bereits in mehreren Romanen von Grant Blackwood Abenteuer erlebten und die Perry bereits in „Das fünfte Grab des Königs“ (The Tombs, 2012) auf Abenteuerreise schickte. Sie sind ein vermögendes Ehepaar, das um die Welt reist und historische Artefakte sucht. Zufällig finden sie bei einer Hilfsaktion nach einem Erdbeben in Mexiko ein altes Maya-Buch, das auch die Karte zu weiteren Maya-Orten enthält. Es ist wahrscheinlich die größte Entdeckung über die Kultur der Maya.
Millionerbin Sarah Allersby, die ihren Ruf von Partygirl zur anerkannten Archäologin und Förderin wandeln will, will das Buch unbedingt haben. Um dieses Ziel zu erreichen schreckt sie auch nicht vor verbrecherischen Mitteln zurück. Durch einen dreisten Betrug gelangt das Buch in ihre Hände.
Die Fargos wollen Allersby davon abhalten, die historischen Stätten zu plündern. Zwischen ihnen entsteht ein Kampf um das Buch, die in ihm verzeichneten Kulturstätten und den Umgang mit den dort vermuteten historischen Artefakten.
„Das Vermächtnis der Maya“ ist ein Abenteuerroman, der banalen Art mit ziemlich blassen Charakteren und zu vielen Klischees. Denn im Gegensatz zum missverständlichen Klappentext geht es einfach nur um den Kampf zwischen den Fargos und Allersby und die Frage, wer zuerst eine historsche Stätte entdeckt. Das Ehepaar will sie den Wissenschaft geben, Allersby will ihren Ruf verbessern und auch einige Schätze gewinnbringend veräußern. Dieser Kampf zwischen ihnen entwickelt sich in einer episodischen, vor sich hin plätschernden Geschichte, die man flott lesen kann, die aber den Humor, die irrwitzigen Twists und die ätzende Satire von „Der Tag der Katze“ vermissen läßt und Thomas-Perry-Fans enttäuscht, aber vielleicht Clive-Cussler-Fans befriedigt. Immerhin wird „Das Vermächtnis der Maya“ in erster Linie als Clive-Cussler- und nicht als Thomas-Perry-Roman rezipiert.
Ach ja: Nach einer zehnjährigen Pause hat Thomas Perry seit 2009 drei neue Jane-Whitefield-Romane veröffentlicht. „Runner“ (2009), „Poison Flower“ (2012) und „A String of Beads“ (2014) sind alle noch nicht übersetzt.
Da könnte ein deutscher Verlag mal einen Übersetzer dransetzen. Und natürlich an Perrys Einzelromane, die alle verdammt gut sein sollen.

Clive Cussler/Thomas Perry: Das Vermächtnis der Maya – Ein Fargo-Roman
(übersetzt von Michael Kubiak)
Blanvalet, 2015
480 Seiten
9,99 Euro

Originalausgabe
The Mayan Secrets
Putnam, 2013

Hinweise
Englische Homepage von Clive Cussler
Deutsche Homepage von Clive Cussler (die Blanvalet-Seite)
Homepage von Thomas Perry
Krimi-Couch über Thomas Perry
Wikipedia über Thomas Perry (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 18. Februar: Die Frau des Schakals (aka „In the Darkroom“)

Februar 18, 2015

Arte, 22.35
Die Frau des Schakals (Deutschland/Israel/Finnland/Rumänien/Italien 2012, Regie: Nadav Schirman)
Drehbuch: Nadav Schirman
Spielfilmlange Doku über und mit Magdalena Kopp über ihre Beziehung zu dem in den siebzigern und achtzigern meistgesuchten Terroristen Ilich Ramírez Sánchez, besser bekannt als „Carlos, der Schakal“.
Achtung: es sind keine Wiederholungen von dem Film angekündigt und er wird auch nicht in der Mediathek sein.
Auch bekannt als „In the Darkroom“ (Kinotitel)
Hinweise
Arte über „Die Frau des Schakals“
Filmportal über „Die Frau des Schakals“
Film-Zeit über „Die Frau des Schakals“
Moviepilot über „Die Frau des Schakals“
Wikipedia über Magdalena Kopp


Cover der Woche

Februar 17, 2015

Campbell - Krokodile weinen nicht


TV-Tipp für den 17. Februar: Dr. T and the Women

Februar 17, 2015

Servus TV, 20.15
Dr. T. and the Women (USA 2000, Regie: Robert Altman)
Drehbuch: Anne Rapp
Dallas, Texas: Dr. T (eigentlich Sullivan Travis) ist der Frauenarzt der Schönen und Reichen. Er liebt die Frauen – und Frauen lieben ihn. Dummerweise ist er verheiratet.
„Intelligente Gesellschaftskomödie, die ein genüssliches Kinoerlebnis ermöglicht.“ (Multimedia)
„Mit Leichtigkeit bringt er seine Zuschauer zu der Einsicht, sich selbst nicht so ernst zu nehmen.“ (Markus Tschiedert, AZ)
Einer von Altmans letzten Filmen, der, nach den für Altman-Fans dürftigen achtziger Jahren ab „The Player“ (1992) mit einer Reihe grandioser Ensemblefilme verzückte.
Am Donnerstag läuft die Doku „Altman“ über den Regisseur in einigen Kinos an.
mit Richard Gere, Helen Hunt, Farrah Fawcett, Laura Dern, Shelly Long, Tara Reid, Kate Hudson, Liv Taylor, Robert Hays, Lee Grant
Hinweise
Rotten Tomatoes über „Dr. T. and the Women“
Wikipedia über „Dr. T. and the Women“ (deutsch, englisch)
Robert Altman in der Kriminalakte


Aufschieber John Perry rät philosophisch „Einfach liegen lassen“

Februar 16, 2015

Es gibt so viele wichtige Dinge zu tun – und am Ende putzt man die Wohnung, schichtet einige Papiere um, sortiert die Plattensammlung um (Alphabetisch? Chronologisch? Welche Chronologie? Thematisch? Nick Hornby hilf!) oder liest ein Buch. Zum Beispiel „Einfach liegen lassen – Das kleine Buch vom effektiven Arbeiten durch gezieltes Nichtstun“ von John Perry, emeritierter Professor für Sprachphilosphie an der Stanford University. Und er reiht sich mit diesem Buch, „eine Art philosophischer Selbsthilfekurs für deprimierte Dauertrödler“ (seine sprachphilosophischen Werke sind sicher schwerer zu lesen), in die höchst angenehme angloamerikanische Philosophietradition ein, die gar nicht die großen Weisheiten verkünden, sondern pragmatische Lebenshilfe und kluge Einsichten in die Conditio Humana geben will, ohne eine gute Pointe, gerne auf eigene Kosten, zu vernachlässigen. Damit umschifft Perry auch elegant die Falle von fast jedem Ratgeber: den Dogmatismus, dass es nur diesen einen Weg gibt und dass deshalb alle Menschen sich danach ausrichten müssen. Zum Beispiel besonders effizient ihre Arbeit erledigen, alles in einer bestimmten Form auf dem Schreibtisch anordnen zu müssen und am Ende den Schreibtisch sauber zurückzulassen. Oder sein E-Mail-Eingangspostfach am Abend aufgeräumt zu haben. Unbedingt. Alles andere ist der Hinweis auf ein großes Defizit in der Persönlichkeitsbildung. Man leidet zum Beispiel an Prokastination. Man ist ein unorganisierter Aufschieber. Eine Last für die aus vernünftigen Menschen bestehende rationale Gesellschaft.
Nun, ja, stimmt irgendwie. Löst aber nicht das Problem und fragt auch nicht danach, ob Aufschieberitis wirklich ein Problem ist.
Für John Perry ist es, solange es im Zustand des gepflegten Nichtstun bleibt, kein Problem. Man muss halt nur mit seinen vermeintlichen Defiziten so umgehen, dass am Ende doch einiges geschafft wurde und man keine anderen Menschen schädigt und auch nicht die wirklich wichtigen Dinge, wie die Steuererklärung, verschlampt. Seine kurzweiligen und amüsanten Überlegungen sind natürlich von seinem Alltag an der Universität geprägt, die eine ganz eigene Subkultur ist. Davon abgesehen gelten sie vor allem für Berufe, in denen man sich seine Arbeit ziemlich frei einteilen kann. Ein Busfahrer wird während seiner Arbeit nicht mit dem Problem konfrontiert werden, weil er einen Fahrplan hat. Aber jeder Büromensch kann sich von Perrys Buch anregen lassen. So hat Perrys Idee, die ganze Arbeit auf einer großen runden Platte abzulegen und dann, durch Drehen sich die nächste wichtige Arbeit auszusuchen, ihren Charme, aber sie erfordert einen großen Raum, in dem man ungestört arbeiten kann. Das dürften die Wenigsten haben, aber auch ich lege meine Arbeit gerne so hin, dass ich sie sehe und sie besser nebeneinander als übereinander liegt; was natürlich den angenehmen Effekt hat, dass man am Anfang unglaublich viel Arbeit vor sich hat und am Ende unglaublich viel getan hat. Ein großer Schreibtisch, viel freier Boden und sonstige weitere Ablegeflächen sind da gut. Es darf allerdings kein Windhauch oder ein anderes Wesen (Frauen, Kinder, Hunde haben den gleichen katastrophalen Effekt) durch das Zimmer gehen.
Perry verrät uns auch, wie er seine E-Mails bearbeitet (weil der erfahrene Aufschieber seine E-Mails niemals effektiv sortieren will), wie man sich die richtigen Arbeitspartner aussucht und es gibt, immerhin ist Perry Philosoph, auch einige philosphische Gedanken. Einmal gebündelt am Ende des Büchleins mit den hochtrabenden Namen, einmal nebenbei ausgebreitet im gesamten Buch.
Und dann hilft noch eine klug geführte Prioritätenliste. Dieses „Aufschieben nach Plan“ funktioniert auf den ersten Blick wie eine gewöhnliche Prioritätenliste (die wichtigste und dringenste Aufgabe steht oben und muss als erstes erledigt werden), aber der erfahrene Aufschieber sucht sich, so Perry, dafür die richtigen Projekte vor: „Die idealen Projekte weisen zwei Eigenschaften auf: Erstens muss es so aussehen, als wäre eine bestimmte Frist einzuhalten (obwohl das in Wirklichkeit gar nicht stimmt). Zweitens muss es so aussehen, als wären sie unheimlich wichtig (was genauso wenig stimmt). Zum Glück wimmelt es in unserem Leben von solchen Aufgaben.“
Natürlich sollte man jetzt nicht den ganzen Tag an seiner Prioritätenliste arbeiten. Obwohl man sie natürlich ständig umstellen muss und natürlich betrügt man sich selbst, indem man unwichtige Projekte ganz vorne auf die Liste setzt, sie nicht bearbeitet (was man nie wollte) und stattdessen andere Aufgaben erledigt. „Aber das ist überhaupt kein Problem, sind doch so gut wie alle Aufschieber in hohem Maße mit der Gabe der Selbsttäuschung gesegnet. Und was gäbe es Eleganteres, als den einen Charakterfehler mit einem anderen auszuhebeln?“
Und jetzt meldet sich mein Magen. Das lässt sich nicht aufschieben.

Perry - Einfach liegen lassen - 2

John Perry: Einfach liegen lassen – Das kleine Buch vom effektiven Arbeiten durch gezieltes Nichtstun
(übersetzt von Marie Andreas)
Goldmann, 2015
128 Seiten
7,99 Euro

Deutsche Erstausgabe
Riemann Verlag, 2012

Originalausgabe
The Art of Procrastination – A Guide to Effective Dawdling, Lollygagging and Postponing
Workman Publishing Company, 2012

Hinweise, mit denen man gut andere, wichtigere Aufgaben aufschieben kann

Homepage von John Perry

Stanford-Homepage von John Perry

Structured Procrastination (Seite von John Perry über das Aufschieben)

Philosophy Talk (eine Radiosendung von John Perry und Ken Taylor)

Wikipedia über John Perry (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 16. Februar: Bad Lieutenant – Cop ohne Gewissen

Februar 16, 2015

https://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=RreGyna3hX4

Arte, 21.40

Bad Lieutenant – Cop ohne Gewissen (USA 2009, Regie: Werner Herzog)

Drehbuch: William Finkelstein (nach dem Drehbuch von Victor Argo, Paul Calderon, Zoë Lund und Abel Ferrara)

Werner Herzogs Comeback. Jedenfalls in Deutschland. Denn hier verschwand er nach seinen großen Erfolgen in den Siebzigern (Aguirre, der Zorn Gottes; Jeder für sich und Gott gegen alle; Herz aus Glas; Stroszek; Nosferatu; Woyzek) und frühen Achtzigern (Fitzcarraldo; Wo die grünen Ameisen träumen; Cobra Verde [sein Abschied vom Kino]) von der Bildfläche und man hörte nur noch, dass er jetzt vor allem Dokumentarfilme mache. Einige liefen auch auf den üblichen weltabgewandten Plätzen im TV.

Aber in den USA wurde er zu dem Mann. Einem der wenigen Deutschen, die auch in Hollywood anerkannt sind. Neben den vielen Dokus drehte er auch einige Spielfilme, die bei uns – falls überhaupt – unter Ausschluss der Öffentlichkeit liefen.

Doch 2009, mit dem grandiosen Remake eines Genrefilms, das sich kaum an die Vorlage hält, und mit der Präsidentschaft der Berlinale-Jury kehrte er zurück in die deutschen Kinosäle.

Die Story, für alle die Abel Ferraras grandiosen „Bad Lieutenant“ (mit Harvey Keitel) nicht kennen: Nach dem Hurrikan Katrina muss ein drogensüchtiger Cop den Mord an einer schwarzen Familie aufklären.

Mit Nicholas Cage, Val Kilmer, Eva Mendes, Xzibit, Vondie Curtis Hall, Brad Dourif

Wiederholung: Donnerstag, 19. Februar, 23.45 Uhr

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Bad Lieutenant“

Metacritic über “Bad Lieutenant”

Rotten Tomatoes über “Bad Lieutenant”

Wikipedia über “Bad Lieutenant” (deutsch, englisch)

Die Zeit: Interview mit Werner Herzog (4. Februar 2010)

Berliner Zeitung porträtiert Werner Herzog (11. Februar 2010)

Kriminalakte über “Bad Lieutenant” und über Werner Herzog


TV-Tipp für den 15. Februar: Auf Liebe und Tod

Februar 15, 2015

https://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=DElnVd5d0pY

Tele5, 00.00

Auf Liebe und Tod (Frankreich 1983, Regie: Francois Truffaut)

Drehbuch: Francois Truffaut, Suzanne Schiffman, Jean Aurel

LV: Charles Williams: The long saturday night, 1962 (Die lange Samstagnacht, Auf Liebe und Tod)

Sekretärin Barbara versucht zu beweisen, dass ihr Chef nicht den Liebhaber seiner Frau und anschließend sie umgebracht hat. Aber die Beweise sprechen eine andere Sprache.

„Kriminalkomödie, die darüber hinaus formal und inhaltlich wie eine Anthologie eines Vierteljahrhunderts Truffaut wirkt, und das ohne Staubwolken und Nostalgie. ‘Auf Liebe und Tod’ ist ein frischer kleiner Spaß, den der Regisseur sich (um sich von ‘La femme d’à côte’ zu erholen) und den Samstagabendzuschauern gönnt, die sich unterhalten lassen sollen, ohne sich hinterher schämen zu müssen.“ (Fischer Film Almanach 1985)

„Auf Liebe und Tod“ „ist eine Rückbesinnung auf seine Kino-Vorlieben der Zeit, in der er mit dem Filmemachen begann, es ist eine Hommage an den ‘Film Noir’. Allerdings eine, die sich vor allem auf die ästhetischen Muster bezieht und weniger die Figuren und Geschichten umschließt.“ (Meinolf Zurhorst: Lexikon des Kriminalfilms, 1985/1993)

mit Fanny Ardant, Jean-Lous Trintignant, Philippe Laudenbach, Caroline Sihol, Philippe Morier-Genoud

Hinweise

Wikipedia über Charles Williams und Francois Truffaut (deutsch, englisch, französisch)

Arte über Francois Truffaut

Kriminalakte über Francois Truffaut


TV-Tipp für den 14. Februar: Inside Man

Februar 14, 2015

ZDFneo, 20.15

Inside Man (USA 2006, Regie: Spike Lee)

Drehbuch: Russell Gewirtz

Dalton Russell überfällt eine Wall-Street-Bank. Schnell wird sie von der Polizei umzingelt und Detective Keith Frazier beginnt mit den Verhandlungen. Spätestens als Madaline White als Unterhändlerin des Bankgründers auftaucht und sich in die Verhandlungen einmischt, weiß er, dass er es nicht mit einem normalen Banküberfall zu tun hat.

„‘Inside Man’ ist ein typischer Spike-Lee-Film, insofern er in jeder Sekunde ein bisschen mehr ist al ein reiner Genrefilm. Er macht böse Witze ebenso über den kulturellen Reichtum New Yorks wie über Post-9/11-Paranoia und War-on-Terror-Vorurteile. Er analysiert die Mechanik der Macht, verbindet sie mit gesellschaftlicher Hierarchie und bricht sie an der Politik der Hautfarben.“ (Alexandra Seitz: Inside Man, in Gunnar Landsgesell/Andreas Ungerböck, Hrsg.: Spike Lee, 2006)

Ein feiner Thriller

Anschließend, um 22.15 Uhr und 01.00 Uhr läuft „After.Life“ (USA 2009) mit Liam Neeson als Bestatter.

mit Denzel Washington, Clive Owen, Jodie Foster, Willem Dafoe, Chiwetel Ejiofor, Christopher Plummer

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Wikipedia über „Inside Man“ (deutsch, englisch)

Film-Zeit über „Inside Man“

Rotten Tomatoes über “Inside Man”

Drehbuch “Inside Man” von Russel Gewirtz (Fassung vom 17. Januar 2005)

Meine Besprechung von Spike Lees „Buffalo Solders ’44 – Das Wunder von St. Anna“ (Miracle at St. Anna, USA/Italien 2008)

Meine Besprechung von Spike Lees “Oldboy” (Oldboy, USA 2013)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Die Thomas-Pynchon-Verfilmung „Inherent Vice – Natürliche Mängel“

Februar 13, 2015

Die Banknoten mit dem Konterfei von Richard Nixon haben es leider nicht von Thomas Pynchons Roman „Natürliche Mängel“ in Paul Thomas Andersons Verfilmung „Inherent Vice – Natürliche Mängel“ geschafft. Abgesehen von dieser Kleinigkeit folgt Anderson dem 480-seitigen Roman erstaunlich genau, verstärkt – vor allem am Anfang – etwas den erkennbaren Plot und suhlt sich ansonsten im Früh-Siebziger-Jahre-Feeling, während er Larry ‚Doc‘ Sportello (Joaquin Phoenix) als dauerbekifften Privatdetektiv durch einen labyrinthischen Plot schlurfen lässt, der nie auf eine irgendwie erkennbare Lösung angelegt ist.
Doc soll, beauftragt von einer Ex-Freundin Shasta, ihren Liebhaber, den spurlos verschwundenen Baumogul Mickey Wolfmann, der halb Los Angeles gentrifiziert, suchen. In Wolfmans Verschwinden sind auch seine Leibwächter und eine im Gefängnis entstandene Verbindung zwischen der Arischen Bruderschaft und der Black Guerilla Family, die im Gefängnis entdeckten, dass sie einen gemeinsamen Feind haben, involviert.
Doc soll auch Coy Harlington, einen Saxophonisten einer Surf-Rock-Band, finden. Seine Frau glaubt nicht, dass er an einer Überdosis gestorben ist.
Und alle sind irgendwie mit der „Golden Fang“ verbunden.
Bei seinen zahlreichen Ermittlungen trifft Doc mehr als einmal auf LAPD-Detective Christian F. ‚Bigfoot‘ Bjornsen mit dem ihn eine wahre Haßliebe verbindet. Bigfoot ist ein überlebensgroßer Fünfziger-Jahre-Polizist, ein John-Wayne-Möchtegern und die archetypische Verkörperung des faschistoiden Polizisten, der auch im Fernsehen (Hey, wir sind in Hollywood!) nach Serienruhm giert und wenn er Doc besucht, normalerweise seine Tür eintritt.
Das klingt nicht nur, das ist im Buch und im Film, ein Megacut des bekannten Hardboiled- und Noir-Kanons: Raymond Chandlers Philip-Marlowe-Geschichten, James Ellroy, vor allem „L. A. Confidential“, die Verfilmungen dieser Romane, Roman Polanskis „Chinatown“, Joel und Ethan Coens „The Big Lebowski“ (aber nicht so witzig), gekreuzt mit der „Illuminatus!“-Trilogie von Robert Shea und Robert A. Wilson. Wobei gerade der erste Band „Illuminatus! – Das Auge in der Pyramide“ als absolut durchgeknallt Satire auf alle Verschwörungstheorien eigentlich das Ende aller Verschwörungstheorien ist.
Diese Vorbilder sind immer deutlich erkennbar. Im Buch noch mehr als im Film, der durch seine gute Besetzung und seine oft gewitzte Inszenierung punktet und die eben genannten Vorbilder in den Hintergrund rückt, während der Roman immer eine Pastiche bleibt, die vor allem die Filmbilder aus den bekannten Noirs heraufbeschwört. Auch weil Pynchon immer wieder filmische Vorbilder anspricht und Doc ein Fan des Schauspielers John Garfield ist.
Und beide Male ist die Geschichte viel zu lang geraten. Der Roman umfasst fast 480 Seiten. Der Film dauert gut 150 Minuten. Denn beide Male folgen wir einer weitgehend plotlosen Erzählung, die einfach so, wie ein Drogentraum, vor sich hin mäandert, bis Doc über die Lösungen seiner Fälle stolpert oder sich der Fall, in einem Nebensatz, in Luft auflöst. Und im Hintergrund gibt es eine große Verschwörung, die etwas mit der oder dem „Golden Fang“ zu tun hat und die alles und nichts sein kann. Also auch eine zufällige Namensgleichheit oder eine paranoide Hippie-Fantasie, die alles mit allem verknüpft.
Paul Thomas Anderson erzählt hier seine Geschichte Kaliforniens weiter. „There will be blood“ (über den Ölboom kurz nach der Jahrhundertwende) und „The Master“ (über einen Sektenführer in den Nachkriegsjahren) spielten vor und „Boogie Nights (über die Porno-Filmindustrie in den Siebzigern und Achtzigern) nach „Inherent Vice“. Jetzt geht es um die Flower-Power-Jahre und das damalige Geflecht von freier Liebe, Drogenexzessen, Kulten und der Wirtschaft. Das ist, auch dank der grandiosen Schauspieler, des Lokalkolorits, der pointierten Inszenierungen und archetypischer Bilder immer unterhaltsam und eine deutliche Einladung, sich noch einmal die Klassiker anzusehen.
Denn Anderson sagt hier nichts, was nicht schon Robert Altman in seiner grandiosen Raymond-Chandler-Verfilmung „Der Tod kennt keine Wiederkehr“ (The long Goodbye, USA 1972) gesagt hat. Oder die Coens, einige Jahre später, in „The Big Lebowski“.

Inherent Vice - Plakat

Inherent Vice – Natürliche Mängel (Inherent Vice, USA 2015)
Regie: Paul Thomas Anderson
Drehbuch: Paul Thomas Anderson
LV: Thomas Pynchon: Inherent Vice, 2009 (Natürliche Mängel)
mit Joaquin Phoenix, Josh Brolin, Owen Wilson, Katherine Waterston, Reese Witherspoon, Benicio Del Toro, Martin Short, Jena Malone, Joanna Newson, Eric Roberts, Hong Chau, Michael Kenneth Williams, Martin Donovan, Sasha Pieterse
Länge: 149 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Pynchon - Natürliche Mängel - 4

Thomas Pynchon: Natürliche Mängel
(übersetzt von Nikolaus Stingl)
rororo, 2012
480 Seiten
11,99 Euro

Deutsche Erstausgabe/Gebundene Ausgabe
Rowohlt, 2010

Originalausgabe
Inherent Vice
The Penguin Press, 2009

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Film-Zeit über „Inherent Vice – Natürliche Mängel“
Moviepilot über „Inherent Vice – Natürliche Mängel“
Metacritic über „Inherent Vice – Natürliche Mängel“
Rotten Tomatoes über „Inherent Vice – Natürliche Mängel“
Wikipedia über „Inherent Vice – Natürliche Mängel“ (deutsch, englisch) und über Thomas Pynchon
Perlentaucher über Thomas Pynchons „Natürliche Mängel“

Ein Gespräch mit Paul Thomas Anderson über „Inherent Vice“

und die Pressekonferenz/Q&A beim NYFF

 


TV-Tipp für den 13. Februar: Tatort: Alles Palermo

Februar 12, 2015

https://www.youtube.com/watch?v=W_l8NxhppI0

BR, 20.15
Tatort: Alles Palermo (Deutschland 1993, Regie: Josef Rödl)
Drehbuch: Josef Rödl
Ein Gärtnereibesitzer wird ermordet und die Kommissare Batic und Leitmayr suchen in München den Mörder. Eine Spur führt sie ins Rotlichtmilieu, eine andere zum Geschäftspartner des Toten. Denn die Gärtnerei behindert die Erweiterung einer Mülldeponie.
Erster von drei „Tatorten“, die Josef Rödl („Albert – warum?“) inszenierte und die alle einen Blick wert sind. Vor allem seine beiden BR-Tatorte.
mit Miroslav Nemec, Udo Wachtveitl, Michael Fitz, Jacques Breuer, Andreas Giebel, Friedrich von Thun, Ruth Drexel, Veronika Ferres, Hans Brenner
Hinweise
Tatort-Fundus über die Kommisare Batic und Leitmayr
Wikipedia über „Tatort: Alles Palermo“


Neu im Kino/Filmkritik: Jason Statham spielt die „Wild Card“

Februar 12, 2015

https://www.youtube.com/watch?v=BEq3MSwf6z8&feature=youtu.be

Ein neuer Film, für den William Goldman das Drehbuch schrieb, ist für Filmfans ein Jubelfest. Goldman schrieb, neben einigen Romanen, die teilweise verfilmt wurden, und seinen beiden äußerst kurzweiligen Hollywood-Erinnerungsbüchern „Das Hollywood Geschäft“ (Adventures in the Screen Trade, 1984) und „Wer hat hier gelogen?“ (Which lie did I tell?, 2000), die Drehbücher für „Ein Fall für Harper“, „Butch Cassidy und Sundance Kid“, „Die Unbestechlichen“, „Der Marathon-Mann“, „Die Braut des Prinzen“, „Misery“, „Absolute Power“, „Wehrlos – Die Tochter des Generals“ und „Dreamcatcher“. Seitdem, also seit über zwölf Jahren, schrieb der 1931 geborene Autor kein verfilmtes Drehbuch mehr. Aber für Simon West, der bereits „Wehrlos – Die Tochter des Generals“ verfilmte, kehrte er aus seinem Ruhestand zurück und was auf den ersten Blick gut klingt, wird schon beim allerersten genaueren Hinsehen bedenklich. Denn „Wild Card“ ist ein Remake von „Heat – Nick, der Killer“ (Heat, USA 1986)“, einem Privatdetektiv-Krimi mit Burt Reynolds, dessen Produktionsgeschichte so chaotisch war, dass William Goldman ihn in „Wer hat hier gelogen?“ nur in einem Halbsatz erwähnt.
Auch abseits der chaotischen Produktion ist „Heat“ ein bestenfalls durchschnittlicher Privatdetektiv-Krimi, den niemand mehr kennt.
Aber für ein Remake ist das eigentlich nicht schlecht. Immerhin stehen die Chancen gut, dass alle das Remake als die bessere Fassung der Geschichte loben. Man kann als Autor alte Fehler beseitigen und, immerhin ist „Heat“ gut dreißig Jahre alt, die Geschichte in die Gegenwart verlagern. Man kann sogar eine mehr oder weniger neue Geschichte erzählen.
Aber „Wild Card“ nimmt keine dieser Möglichkeiten wahr. Stattdessen wirkt der Film, als ob William Goldman einfach sein altes Drehbuch aus dem Regal genommen hat, ein, zwei vollkommen unwichtige Details änderte (Heißa, es gibt Mobiltelefone!) und Simon West das Buch gab, der es dann verfilmte als müsse er eine Folge der immer noch vergnüglichen TV-Serie „Vegas“ (die in den späten Siebzigern/frühen Achtzigern in Las Vegas gedreht wurde) inszenieren. Das gewinnt der einfachen Geschichte keinen einzigen neuen Aspekt ab und Themen, die damals neu (naja, halbwegs neu) im Genre waren, sind heute hoffnungslos veraltet. Denn Nick Wild (damals Burt Reynolds, heute Jason Statham) ist ein Spieler. Ein Süchtiger. Ja, das war damals neu. Damals haderten der von Lawrence Block erfundene New-Yorker-Privatdetektiv-ohne-Lizenz Matt Scudder und der von James Lee Burke erfundene Privatdetektiv-Polizist Dave Robicheaux in grandiosen Privatdetektivkrimis mit ihrem Alkoholismus. Heute gehört eine gepflegte Suchtgeschichte zur Grundausstattung eines erfolgreichen Ermittlers.
Ansonsten ist Privatdetektiv und Bodyguard Nick Wild aus der bewährten Klischeekiste des Privatdetektiv-Genres geformt: harte Schale, weicher Kern, großes Ehrgefühl, allseits beliebt, auch bei den Frauen, die er alle ohne Ausnahme respektvoll behandelt und mit guten Freunden in der ganzen Stadt bei der Polizei, den Verbrechern und den Casinobesitzern. Wenn er eine feste Freundin hätte, könnte er fast Spenser sein.
Die Freundin, der Nick Wild hilft, ist eine Prostituierte, die von Danny DeMarco, dem Sohn eines Gangsterbosses, vergewaltigt wurde. Jetzt will sie sich für die Vergewaltigung rächen. Ja, damals war das noch halbwegs innovativ. Heute fällt vor allem auf, dass man eine Rachegeschichte so nicht mehr erzählen kann.
Die Story, ergänzt um einige Episödchen aus dem Privatdetektivleben, plätschert auf TV-Serienniveau vor sich hin (wobei mir „Vegas“ besser gefiel; „Simon & Simon“ und „Magnum“ waren auch besser) und bis auf ungefähr zwei Slow-Motion-Action-Szenen hätte auch alles so vor dreißig Jahren gedreht werden können. Denn das „Wild Card“-Las Vegas sieht nie so geleckt aus, wie wir es aus „Ocean’s Eleven“ oder „C. S. I.“ kennen, sondern, nun, wie das immer leicht schmuddelige Las Vegas aus „Vegas“.
Besonders störend bei dem schleppend erzähltem Krimi, der eine Charakterstudie sein will, aber dafür zu sehr an der Oberfläche bleibt, ist die seltsame Anlage der Hauptrolle von Jason Statham. Er spielt, ohne einen ersichtlichen Grund, den allseits beliebten Nick Wild immer so, als ob er auf Gott und die Welt wütend ist. Ein echter Stinkstiefel eben, mit dem man keine zwei Minuten verbringen möchte.
Da hat Burt Reynolds im Original einen viel lässigeren Charme versprüht. Oder Robert Urich („Spenser“) als Dan Tanna in – Sie ahnen es – „Vegas“.

Wild Card - Plakat

Wild Card (Wild Card, USA 2015)
Regie: Simon West
Drehbuch: William Goldman
LV: William Goldman: Heat, 1985
mit Jason Statham, Sofia Vergara, Milo Ventimiglia, Stanley Tucci, Anne Heche, Hope Davis, Michael Angarano, Dominik Garcia-Lorido, Max Casella, Jason Alexander
Länge: 93 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Deutsche Facebook-Seite zum Film
Film-Zeit über „Wild Card“
Moviepilot über „Wild Card“
Metacritic über „Wild Card“
Rotten Tomatoes über „Wild Card“
Wikipedia über „Wild Card“
Meine Besprechung von Simon Wests „The Mechanic“ (The Mechanic, USA 2011)
Meine Besprechung von Simon Wests „The Expendables 2“ (The Expendables 2, USA 2012)

William Goldman in der Kriminalakte

Ein ausführliches Interview mit William Goldman, aufgenommen im Mai 2010


TV-Tipp für den 12. Februar: The Hunter

Februar 12, 2015

Servus TV, 22.15

The Hunter (Australien 2011, Regie: Daniel Nettheim)

Drehbuch: Alice Addison, Wain Fimeri (Original Adaptation)

LV: Julia Leigh: The Hunter, 1999 (Der Jäger)

Martin David (Willem Dafoe, grandios!) soll für einen Konzern den sagenumwobenen Tasmanischen Tiger finden und von ihm genetische Proben entnehmen. Allerdings jagen auch andere Menschen das Tier und David gerät in einen Konflikt zwischen Umweltschützern und Einheimischen.

„The Hunter“ ist ein angenehm altmodischer Abenteuerfilm mit Öko-Touch, einem Kopfnicken in Richtung „Mein großer Freund Shane“ und grandiosen Landschaftsaufnahmen.

mit Willem Dafoe, Sam Neill, Frances O’Connor, Sullivan Stapleton, Callan Mulvey, Morgana Davies, Jacek Koman, Dan Wyllie

Wiederholung: Freitag, 13. Februar, 01.45 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage zum Film

Rotten Tomatoes über „The Hunter“

Wikipedia über „The Hunter

Meine Besprechung von Daniel Nettheims „The Hunter“ (The Hunter, Australien 2011)


Empfehlenswerte Kriminal- und Science-Fiction-Romane – wieder aufgelegt, meist in neuen Übersetzungen

Februar 11, 2015

Jetzt, wo Don Winslows neuer Roman auf meinem Schreibtisch liegt, will ich schnell auf einige empfehlenswerte Kriminal- und Science-Fiction-Romane hinweisen, die ältere Semester vielleicht schon in ihrem Bücherregal stehen haben. Trotzdem lohnt sich auch für sie ein Blick in die Neuausgaben. Denn oft wurde vom Verlag nicht nur ein neues Cover, sondern fast immer auch eine neue Übersetzung spendiert.

Winslow - London Undercover

Zum Beispiel bei Don Winslows neuem Roman, der eine Neuausgabe von seinem ersten Roman ist. Damals erschien „A Cool Breeze on the Underground“ (1991) als „Ein kalter Hauch im Untergrund“ bei Piper, der auch die nächsten beiden Neal-Carey-Romane veröffentlichte, aber beim vierten und fünften Carey-Roman ausstieg.
Don Winslow begann, was natürlich alles Winslowianer wissen, seine Schriftstellerkarriere mit einer Privatdetektiv-Serie. Neal Carey ist ein Waise, der sich in New York als Taschendieb durchschlug, bis er von Joe Graham erwischt, adoptiert und ein Teil der „Freunde der Familie“, einer geheimen Abteilung einer kleinen Privatbank, die ihren Kunden unauffällig aus der Klemme hilft, wurde.
Zwischen 1991 und 1996 erschienen fünf Carey-Krimis, in den Carey den halben Globus bereist. Danach ließ Don Winslow Weltreisen und Neal Carey links liegen. Schriftstellerisch versteifte er sich auf Kalifornien und er wurde zuerst in den USA und, mit jahrelanger Verspätung, auch in Deutschland, nachdem Winslow bei Piper und Goldmann kein Glück hatte, bei Suhrkamp zu einem abgefeierten Krimi-Autor. Inzwischen erscheinen Winslows neue Thriller bei Knaur, aber Suhrkamp hat noch die Rechte an seiner Backlist, die jetzt mit „London Undercover“ (so der neue deutsche Titel von „A Cool Breeze on the Underground“) bei uns veröffentlicht wird. Sogar mit einer neuen Übersetzung von Conny Lösch.
In seinem ersten Fall soll der 23-jährige Student, Bücherwurm und Manchmal-Privatdetektiv Neal Carey in London die spurlos verschwundene Tochter eines US-Senators finden – und wir dürfen eine Reise in die Vergangenheit, in die Zeit, als Männer noch täglich mehrere Tageszeitungen lasen, unternehmen. Oh, und Punk noch nicht tot war, sondern gerade gegen den bombastischen Prog-Rock und alles andere rebellierte.
Die nächsten Neal-Carey-Neuübersetzungen sind schon angekündigt. Im April erscheint bei Suhrkamp „China Girl“, im Juni „Holy Nevada“ und im August „Lady Las Vegas“ (der bislang noch nicht auf Deutsch erschienene vierte Neal-Carey-Roman). Die deutsche Publikation von seinem letzten Auftritt „While Drowning in the Desert“ ist noch nicht angekündigt. Aber ich tippe auf Oktober.

Don Winslow: London Undercover – Neal Careys erster Fall
(übersetzt von Conny Lösch)
Suhrkamp, 2015
384 Seiten
9,99 Euro

Originalausgabe
A Cool Breeze on the Underground
St. Martin’s Press, 1991

Deutsche Erstausgabe (übersetzt von Ulrich Anders)
Ein kalter Hauch im Untergrund
Piper, 1997

Hinweise

Thrilling Detective über Neal Carey

Hollywood & Fine: Interview mit Don Winslow (11. Juli 2012)

Homepage von Don Winslow (etwas veraltet, weil eigentlich eine Verlagsseite)

Deutsche Homepage von Don Winslow (von Suhrkamp)

Don Winslow twittert ziemlich oft

Meine Besprechung von Don Winslows „Pacific Private“ (The Dawn Patrol, 2008)

Meine Besprechung von Don Winslows „Pacific Paradises“ (The Gentlemen’s Hour, 2009) und „Tage der Toten“ (The Power of the Dog, 2005)

Meine Besprechung von Don Winslows „Bobby Z“ (The Death and Life of Bobby Z, 1997)

Meine Besprechung von Don Winslows „Satori“ (Satori, 2011)

Mein Interview mit Don Winslow zu “Satori” (Satori, 2011)

Meine Besprechung von Don Winslows “Savages – Zeit des Zorns” (Savages, 2010)

Meine Besprechung von Don Winslows “Kings of Cool” (The Kings of Cool, 2012)

Meine Besprechung von Don Winslows „Vergeltung“ (Vengeance, noch nicht erschienen)

Meine Besprechung von Don Winslows „Missing. New York“ (Missing. New York, noch nicht erschienen)

Meine Besprechung von Oliver Stones Don-Winslow-Verfilmung „Savages“ (Savages, USA 2012)

Don Winslow in der Kriminalakte

Trevanian - Der Experte - 2

Bleiben wir gerade in England, in London, in den Siebzigern, als in den Pubs noch ungehemmt geraucht wurde. Jonathan Hemlock hat sich in „Der Experte“ (The Loo Sanction“, 1973) nach London zurückgezogen. Hier will er ein ruhiges Leben ohne Straftaten und Geheimdienstkomplotte leben.
Als in der Kathedrale St.-Martin’s-In-The-Fields ein wichtiges Mitglied der Oberschicht ermordet wird, bittet eine Geheimorganisation Jonathan Hemlock um Hilfe. Hemlock kann das Angebot nicht ablehnen. Seine Ermittlungen führen ihn zu Maximilian Strange, einem Clubbesitzer, der heimlich seine hochstehenden Gäste belauscht und filmt. Strange will sein Wissen versilbern.
Als Teenager hat mir der zweite Hemlock-Thriller gefallen.
Es ist schön, dass die drei Hemlock-Thriller „Im Auftrag des Drachen“, „Der Experte“ und „Shibumi“ wieder erhältlich sind. Ergänzend kann man Don Winslows Hemlock-Thriller „Satori“ lesen, der in die abenteuerliche Vergangenheit von Hemlock führt.
Nach Angaben des Heyne-Verlages handelt es sich um eine „vollständig überarbeitete Neuausgabe“ von „Der Experte“.

Trevanian: Der Experte
(übersetzt von Werner Peterich)
Heyne, 2014
448 Seiten
9,99 Euro

Originalausgabe
The Loo Sanction
Crown Publishers, 1973

Zahlreiche frühere deutschsprachige Ausgaben.

Hinweise

Homepage von Trevanian

Wikipedia über Trevanian

L. A. Times: Nachruf auf Rod Whitaker (19. Dezember 2005)

Meine Besprechung von Trevanians „Im Auftrag des Drachen“ (The Eiger Sanction, 1972)

Meine Besprechung von Trevanians “Shibumi” (Shibumi, 1979)

McIlvanney - Laidlaw
Bleiben wir weiterhin in den Siebzigern, gehen aber etwas weiter in den Norden. Nach Glasgow, wo Detective Inspector Jack Laidlaw arbeitet.
Er wurde von William McIlvanney erfunden, der nicht sonderlich produktiv, aber einflußreich ist. Er gilt als Begründer des Tartan Noir, Rebus-Erfinder Ian Rankin bekennt, dass er ohne die Laidlaw-Romane kein Krimischriftsteller geworden wäre, und Martin Compart schreibt im Nachwort zur DuMont-Ausgabe von „Laidlaw“ über William McIlvanney: „Seine stilistische Brillanz, sein Gespür für Charaktere und Atmosphäre und die moralische Dimension seiner Kriminalromane, die weit über den Standards des Genres liegen, haben ihm nicht nur Vergleich mit Chandler und Ross Macdonald eingebracht, sondern ihn auch zum Geheimtip als einem der besten lebenden Kriminalliteraten werden lassen. Allein seine geringe Produktivität im Genre hat ihn nach Ansicht der Spezialisten daran gehindert, als führender britischer Autor des Genres weltweit Anerkennung und Bestsellererfolg einzuheimsen. Es gibt wenige zeitgenössische Noir-Autoren, die ihr Material so vielschichtig anlegen und so souverän handhaben.“
Im ersten Laidlaw-Roman, der auch einfach „Laidlaw“ heißt, jagt Detective Inspector Jack Laidlaw von dr Glasgower Polizei den Zwanzigjährigen Tommy Bryson, der ein junges Mädchen ermordetete, weil er beweisen wolle, dass er nicht homosexuell ist. Jetzt ist Tommy nicht nur vor der Polizei auf der Flucht.
Als ich damals, als „Laidlaw“ in der kurzlebigen DuMont-Noir-Reihe erschien und ich den Roman begeistert verschlungen hatte, freute ich mich schon auf die nächsten Laidlaw-Romane, die dann doch nicht übersetzt wurden und irgendwie kam ich nicht dazu, mir die Originale (Waren die damals überhaupt erhältlich?) zu besorgen.
Jedenfalls, nachdem Laidlaws erster Fall bereits in zwei verschiedenen Verlagen in der Übersetzung von Ute Tanner erschien, gibt es dieses Mal eine sehr erfreuliche Meldung. Der Kunstmann-Verlag hat die Tage „Die Suche nach Tony Veitch“ veröffentlicht und will im Herbst „Falsche Treue“, den dritten und bislang letzten Laidlaw-Roman, veröffentlichen.

William McIlvanney: Laidlaw
(übersetzt von Conny Lösch)
Kunstmann, 2014
304 Seiten
19,95 Euro

Originalausgabe
Laidlaw
Hodder and Stoughton Limited, 1977

Deutsche Erstausgabe (übersetzt von Ute Tanner)
Im Grunde ein ganz armer Hund
Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1979

Neuveröffentlichung
Laidlaw
(mit einem Nachwort von Martin Compart; DuMont Noir 15)
DuMont, 1999

Hinweise

Homepage von William McIlvanney

Wikipedia über William McIlvanney (deutsch, englisch)

Katzenbach - Das Tribunal

Verlassen wir die Siebziger, bleiben aber in Europa.
Mit „Das Tribunal“ schrieb John Katzenbach seinen historischen Roman, seinen Weltkrieg-II-Roman und seinen Gerichtsthriller, der auch erfolgreich von Gregory Hoblit mit Bruce Willis und Colin Farrell verfilmt wurde. Weil die Verfilmung öfter im Fernsehen läuft, dürfte die Geschichte bekannt sein: 1943 wird in Deutschland in einem Kriegsgefangenenlager ein Häftling ermordet. Als Täter wird Lincoln Scott angeklagt und weil alles nach Recht und Gesetz vonstatten gehen soll (inclusive einer Selbstinszenierung der Lagerleitung), wird der junge, ebenfalls gefangene Jurastudent Thomas Hart als Verteidiger des angeklagten Afroamerikaners bestellt.
Natürlich ist „Das Tribunal“ ein Planspiel, das wichtige Themen anspricht, und mit siebenhundert Seiten nichts für die schnelle Lektüre in der U-Bahn. Eher schon für die lange Zugfahrt quer durch Deutschland. Oder ein Wochenende ohne Binge-Watching.
Auch hier gibt es eine vollständige Neuübersetzung.

John Katzenbach: Das Tribunal
(übersetzt von Anke und Eberhard Kreutzer)
Knaur, 2015
704 Seiten
9,99 Euro

Originalausgabe
Hart’s War
Ballantine Books, 1999

Deutsche Erstausgabe (übersetzt von Bernhard Liesen)
Das Tribunal
Heyne, 2002

Verfilmung
Das Tribunal (Hart’s War, USA 2002, Regie: Gregory Hoblit)
Drehbuch: Billy Ray, Terry George
LV: John Katzenbach: Hart´s war, 1999 (Das Tribunal)
Mit Bruce Willis, Colin Farrell, Rory Cochrane, Terrence Howard, Cole Hauser

Hinweise

Homepage von John Katzenbach

Deutsche Homepage von John Katzenbach

Wikipedia über John Katzenbach (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von John Katzenbachs „Der Professor“ (What comes next, 2012)

Meine Besprechung von John Katzenbachs „Der Wolf“ (Red 123, 2013)

In der Abteilung „Science-Fiction“ gibt es auch einige erwähnenswerte Neuveröffentlichungen. „Captain Future“ erobert weiter das Weltall und zwei Klassiker von Robert A. Heinlein gibt es erstmals in ungekürzten Übersetzungen, was vor allem bei „Mondspuren“ gut ist.

Heinlein - Mondspuren - 2Heinlein - Raumjäger - 2

„Mondspuren“ ist der aktuelle deutsche Titel von „The Moon is a harsh Mistress“, einem 1967 mit dem Hugo Award ausgezeichneter Roman, der auch – immerhin schrieb Heinlein „Starship Troopers“ – bei der Gegenkultur beliebt war.
In dem Roman ist der Mond besiedelt und er fungiert als Kornkammer für die Erde. Die Farmer sind Sträflinge und ihre Kinder, die noch nie den Mond verlassen haben und deren Körper sich der Schwerkraft auf dem Mond unwiderruflich angepasst haben. Da ergeben Berechnungen, dass der Mondbevölkerung eine Hungersnot droht, wenn sie weiterhin die Erde versorgen. Einige Menschen beginnen eine Revolution gegen ein Erdregime, das man mit der USA verwechseln könnte.
Kein Wunder, dass damals die Hippies und Studenten davon begeistert waren.
Acht Jahre früher schrieb Heinlein mit „Raumjäger“ seinen letzten Jugendroman. In ihm gewinnt Kip Russell bei einem Wettbewerb den zweiten Preis: einen ausrangierten Raumanzug, den er repariert, einmal zur Probe anzieht und ihn ins Weltall katapultiert, wo er fantastische Abenteuer erlebt.
Der Roman war für den Hugo nominiert.

Robert A. Heinlein: Mondspuren
(übersetzt von Wulf H. Bergner und Jürgen Langowski)
Heyne, 2014
464 Seiten
9,99 Euro

Originalausgabe
The Moon is a harsh Mistress
G. P. Putnam’s Sons, 1966

Frühere deutsche Veröffentlichungen als „Revolte auf Luna“ und „Der Mond ist eine herbe Geliebte“.

Robert A. Heinlein: Raumjäger
(übersetzt von Heinz Nagel)
Heyne, 2014
336 Seiten
8,99 Euro

Originalausgabe
Have Space Suit – Will Travel
Charles Scribner’s Sons, 1958

Frühere deutsche Veröffentlichungen als „Piraten im Weltraum“, „Kip überlebt auf Pluto“ und „Die Invasion der Wurmgesichter“. Und diese Titel, hintereinander gelesen, verraten doch einiges von der Handlung.

Hinweise

Homepage der Heinlein Society (also eigentlich die Homepage von Robert A. Heinlein)

Wikipedia über Robert A. Heinlein (deutsch, englisch)

Hamilton - Captain Future - Der Triumph - 2

Bei Golkonda darf Captain Future weitere Abenteuer erleben, die in den USA erstmals, mit einigen Nachfolgern, zwischen 1940 und 1944 erschienen. In Deutschland erschienen bei Bastei-Lübbe zwischen 1981 und 1984, im Zusammenhang mit der Ausstrahlung der inzwischen legendären TV-Zeichentrickserie (jedenfalls für uns Jungs, die sie damals im TV sahen), fünfzehn „Captain Future“-Romanen. „Der Triumph“, das vierte Abenteuer von Captain Future, war auch dabei.
Aber bei Golkonda gibt es immer eine Neuübersetzung, die dem Text des Originals folgt, ergänzt um die Zeichnungen und dem Bonusmaterial, das damals im Pulpmagazin „Captain Future – Wizard of Science“ erschien und der Leserbindung diente. Allein schon für diese liebevolle Ausstattung kann der Verlag nicht genug gelobt werden.
Ach ja; die Story. Ein selbsternannter „Lebensherr“ hat ein Mittel gegen das Altern entwickelt, für das Reiche Unsummen bezahlen. Aber sein Versprechen ewiger Jugend ist nur von kurzer Dauer. Captain Future und sein tapferes Team wollen hinter sein Geheimnis kommen.
Reisen wir also in die Vergangenheit, um die Zukunft zu erkunden.

Edmond Hamilton: Captain Future – Der Triumph
(übersetzt von Markus Mäurer)
Golkonda, 2014
208 Seiten
14,90 Euro

Originalausgabe
The Triumph of Captain Future
Captain Future Magazine, Herbst 1940

Deutsche Erstveröffentlichung
Captain Future greift ein
Utopia Großband # 142

Zweite deutsche Veröffentlichung (übersetzt von Marcel Bieger)
Captain Future: Der Lebenslord
Bastei-Lübbe, 1982

Hinweise

Tangent: Interview mit Edmond Hamilton und seiner Frau Leigh Brackett (vom April 1976)

PulpGen über Edmond Hamilton

Fiction Fantasy über Edmond Hamilton

Deutsche “Captain Future”-Fanseite

Wikipedia über Edmond Hamilton (deutsch, englisch) und Captain Future (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Edmond Hamiltons „Captain Future: Die Herausforderung“ (Captain Future’s Challenge, 1940)


TV-Tipp für den 11. Februar: Winter’s Bone

Februar 11, 2015

RBB, 22.45

Winter’s Bone (Winter’s Bone, USA 2010)
Regie: Debra Granik
Drehbuch: Debra Granik, Anne Rosellini
LV: Daniel Woodrell: Winter’s Bone, 2007 (Winters Knochen)
Die Ozarks: die siebzehnjährige Ree Dolly sucht ihren verschwundenen Vater. Nicht etwa, weil sie ihn so sehr liebt, sondern weil sie ihr Haus verlieren, wenn er nicht vor Gericht auftaucht. Aber alle, die ihr helfen könnten, raten ihr, nicht weiter nach dem Verschwundenen zu suchen.
Debra Graniks grandioser, allseits abgefeierter und vielfach ausgezeichneter Film folgt Daniel Woodrells Roman bis in die Dialoge. Sie drehte vor Ort in Missouri mit vielen unverbrauchten Gesichtern, die erstmals vor der Kamera standen, und, sagen wir mal, ungeschminkten Hollywood-Schauspielern (die sich eher in Serien und Independent-Filmen tummeln; also nicht die ganz großen Namen sind, aber an deren Gesichter man sich erinnert). All das trägt zum dokumentarischen New-Hollywood-Feeling, wie wir es aus den siebziger Jahren kennen, bei.
Und hier zeigt sich der größte Unterschied zwischen Buch und Film. Während in Woodrells Roman die Armut immer noch ein poetisches Anlitz hat, sehen wir im Film eine deprimierend ärmliche Landschaft, die eher an ein Dritte-Welt-Land erinnert. Auf den Höfen und in den Wohnungen stapelt sich Müll, der vergessen wurde, endgültig zu entsorgen. Die Menschen verdienen ihr Geld mit kriminellen Aktivitäten. Heute Meth und andere Drogen; während der Prohibition als Schnapsbrenner. Sie halten immer noch den alten Frontier-Mythos hoch. Aber es zeigt sich, auch, wo die Cowboy-Ideologie des Wilden Westens endete. Insofern ist die gelungene Verfilmung eines fantastischen Buches düsterer und am Ende sogar hoffnungsloser als die noirische Vorlage.
mit Jennifer Lawrence, Isaiah Stone, Ashlee Thompson, Valerie Richards, Shelley Waggener, Garret Dillahunt, William White, Ramona Blair
Hinweise

Kaliber.38 über Daniel Woodrell

Mordlust über Daniel Woodrell

Wikipedia über Daniel Woodrell

The Independent: John Williams über Daniel Woodrell (16. Juni 2006)

The Southeast Review interviewt Daniel Woodrell (1. April 2009)

River Cities’ Reader über Daniel Woodrell (8. April 2010)

The Wall Street Journal/Speakeasy (Steven Kurutz) unterhält sich mit Daniel Woodrell über “Winter’s Bone” (27. Februar 2011)

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Winter’s Bone“

Rotten Tomatoes über “Winter’s Bone”

Daniel Woodrell bei Mulholland Books

Meine Besprechung von Daniel Woodrells „Winters Knochen“ (Winter’s Bone, 2006)

Meine Besprechung von Daniel Woodrells “Der Tod von Sweet Mister” (The Death of Sweet Mister, 2001)

Meine Besprechung von Daniel Woodrells “Im Süden – Die Bayou-Trilogie” (The Bayou Trilogy, 2011)

Meine Besprechung von Daniel Woodrells “In Almas Augen” (The Maid’s Version, 2013)

Daniel Woodrell in der Kriminalakte


Cover der Woche

Februar 10, 2015

Williams - Auf Liebe und Tod


TV-Tipp für den 10. Februar: Robert Altman’s Last Radio Show

Februar 10, 2015

3sat, 22.25
Robert Altman’s Last Radio Show (USA 2006, Regie: Robert Altman)
Drehbuch: Garrison Keillor
Heute Abend soll die Live-Radio-Show „A Prairie Home Companion“ zum letzten Mal ausgestrahlt werden. Während der langjährige Gastgeber Garrison Keillor (der sich selbst spielt) auf der Bühne steht, bereiten sich hinter den Kulissen die Künstler auf ihre Auftritte vor, schwelgen in Erinnerungen und singen Country-Songs.
Bittersüße Abschiedsvorstellung von Robert Altman (20. Februar 1925 – 20. November 2006), die ihn auf der Höhe seiner Kunst zeigt.
Am 19. Februar läuft Ron Manns braves Biopic „Altman“ an.
mit Meryl Streep, Lily Tomlin, Woody Harrelson, Tommy Lee Jones, Garrison Keillor, Kevin Kline, Lindsay Lohan, Virginia Madsen, John C. Reilly, Maya Rudolph, Robin Williams, L. Q. Jones
Wiederholung: Mittwoch, 11. Februar, 02.30 Uhr (Taggenau!)
Hinweise
Rotten Tomatoes über „Robert Altman’s Last Radio Show“
Wikipedia über „Robert Altman’s Last Radio Show“ (deutsch, englisch)
Robert Altman in der Kriminalakte


Neue ausgezeichnete und nominierte Drehbücher online

Februar 9, 2015

Seit einigen Jahren veröffentlichen die Produktionsfirmen die für die wichtigen Filmpreise nominierten Drehbücher (Oscar undsoweiter) und Simply Scripts sammelt sie auf einer schönen Seite (dort gibt es auch Zusammenstellungen für die vorherigen Jahre und viele weitere Drehbücher), die ich mal wieder hemmungslos ausbeute.

Also, die guten Drehbücher:

Misan Sagay: Belle (meine Besprechung von „Dido Elizabeth Belle“)

Scott Alexander, Larry Karaszewski: Big Eyes

Alejandro G. Iñárritu, Nicolás Giacobone, Alexander Dinelaris Jr., Armando Bo: Birdman (meine Filmkritik)

Irena Brignull, Adam Pava: The Boxtrolls

Richard Linklater: Boyhood

John Michael McDonagh: Calvary (meine Besprechung von „Am Sonntag bist du tot“)

Justin Simien: Dear white People (deutscher Starttermin unbekannt)

Scott Neustadter & Michael H. Weber: The Fault in our Stars (Das Schicksal ist ein mieser Verräter)

E. Max Frye, Dan Futterman: Foxcatcher (meine Filmbesprechung)

William Monahan: The Gambler (meine Besprechung)

Jez Butterworth, John-Henry Butterworth: Get on up (meine Besprechung)

Gillian Flynn: Gone Girl (meine Besprechung)

Wes Anderson: The Grand Budapest Hotel (meine Jubelarie)

Dean DeBlois: How to train your Dragon 2 (Drachenzähmen leicht gemacht 2)

Graham Moore: The Imitation Game (meine Besprechung)

James Lapine: Into the Woods

Peter Landesman: Kill the Messenger (deutscher Kinostart: 6. August 2015)

Oleg Negin, Andrey Zvyagintsev: Leviathan

Steven Knight: Locke (deutscher Titel: „No turning back“ – Kein Kommentar.)

Ira Sachs, Mauricio Zacharias: Love is strange

J. C. Chandor: A most violent year (toller Film, Kinostart ist am 19. März)

Mike Leigh: Mr. Turner (meine Besprechung – DVD erscheint am 28. April)

Dan Gilroy: Nightcrawler (meine Besprechung)

Theodore Melfi: St. Vincent (meine Besprechung)

Richard Glatzer, Wash Westmoreland: Still Alice (deutscher Kinostart: 5. März)

Anthony McCarten: The Theory of Everything (Die Entdeckung der Unendlichkeit – der Stephen-Hawking-Film)

Joel Coen & Ethan Coen, Richard LaGravenese, William Nicholson: Unbroken

Damien Chazelle: Whiplash (deutscher Kinostart 19. Februar)

Nick Hornby: Wild (Der große Trip – Wild; meine Besprechung)

Damián Szifrón: Wild Tales ( – Jeder dreht mal durch!, meine Besprechung)