ZDFneo, 20.15
Good Kill – Tod aus der Luft (USA 2015, Regie: Andrew Niccol)
Drehbuch: Andrew Niccol
Ruhiges, äußerst intensives Drama über die Gewissenskonflikte von einem Ex-Kampfpiloten (Ethan Hawke), der jetzt Drohnenpilot ist und, wie viele Kollegen, seelische Probleme mit dem Töten per Drohne und seinem normalen Leben, nach Feierabend, in Las Vegas (das hätte Hollywood sich nicht besser ausdenken können: die echten Basen sind in der Nähe des Spielerparadieses) hat.
Das Drehbuch ist straff und facettenreich (auch wenn das Militär etwas nachdenklicher, selbtreflexiver und vernünftiger rüberkommt, als es wohl in der Realität der Fall ist), die Schauspieler überzeugend, und Andrew Niccol („Gattaca“, „Lord of War“, beide ebenfalls mit Hawke) zeigt nach dem Totalausfall „Seelen“, dass er nichts verlernt hat. Für einen Kinostart hat es trotzdem nicht gereicht und der Film (es ist der erste Spielfilm über den Drohnenkrieg) ist aufklärerisch im besten Sinne. Unbedingt sehenswert!
Mit Ethan Hawke, Zoë Kravitz, January Jones, Bruce Greenwood, Jake Abel, Dylan Kenin
Wiederholung: Sonntag, 1. Mai, 01.15 Uhr (Taggenau!)
Hinweise
Moviepilot über „Good Kill“
Metacritic über „Good Kill“
Rotten Tomatoes über „Good Kill“
Wikipedia über „Good Kill“
Meine Besprechung von Andrew Niccols „Seelen“ (The Host, USA 2013)
Andrew Niccol in der Kriminalakte
TV-Tipp für den 30. April: Good Kill – Tod aus der Luft
April 30, 2016Neu im Kino/Filmkritik: „Ich bin tot, macht was draus!“ Ihr erfolglosen Rocker.
April 29, 2016Das ist eine Ansage: „Ich bin tot, macht was draus!“
Sie kommt allerdings nicht von Jipé, denn der ist ja tot. Nach einem Konzert stürzte der Sänger der seit Ewigkeiten erfolglosen Rockband „Grand Ours“ unglücklich in eine Baugrube, während seine Bandkollegen gerade kenntnisreich die Köstlichkeiten einer Imbissbude ausprobierten.
Danach ist eigentlich das Ende der Band besiegelt. Immerhin ist der Sänger tot. Aber in wenigen Tagen soll ihre erste Tour durch die USA beginnen und die könnte, wie sie in grandioser Realitätsleugnung glauben, ihr großer Durchbruch sein. Außerdem wollte Jipé schon immer in die USA und ein Tod bedeutet nicht unbedingt das Ende. Also wird die Asche von Jipé in einer comedyreifen und wenig geplanten Aktion gestohlen und illegal in die USA gebracht.
Dort beginnt für die dysfunktional-funktionale Band eine wahre Odyssee, die, wie der gesamte Film, nicht der Dramaturgie eines Spielfilms gehorcht. Auch nicht der Dramaturgie eines knackigen Zwei-Minuten-Rocksongs, sondern der des Talking Blues gehorcht, wie Arlo Guthries „Alice’s Restaurant Massacree“ (der als „Alice’s Restaurant“ verfilmt wurde), um nur einen episch vor sich hin mäandernden Song zu nennen. Es ist eine Abfolge mehr oder weniger absurder Begebenheiten, in der unfreiwillig und oft den Umständen geschuldet, die Asche von Jipé über das Land verteilt wird. Schließlich geht es in dem Film auch um Verlust und die Frage, wie man mit dem Tod eines geliebten Menschen umgeht und wie man die Realität akzeptiert, ohne die Realität zu akzeptieren, weil ein echter Rock’n’Roller niemals aufgibt.
„Ich bin tot, macht was draus!“ hat auch etwas von einem Helge-Schneider-Witz, der nicht auf eine Schlusspointe angelegt ist.
Wer damit leben kann, wird bei „Ich bin tot, macht was draus!“ seinen Spaß haben.
Ich hatte ihn.
Ich bin tot, macht was draus! (Je suis mort, mais j’ai des amis, Belgien/Frankreich 2015)
Regie: Guillaume Malandrin, Stéphane Malandrin
Drehbuch: Guillaume Malandrin, Stéphane Malandrin
mit Bouli Lanners, Wim Willaert, Lyse Salem, Serge Riaboukine, Eddy Leduc, Jacky Lambert, Marie-Renée André
Länge: 96 Minuten
FSK: ab 6 Jahre
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Hinweise
Moviepilot über „Ich bin tot, macht was draus!“
Rotten Tomatoes über „Ich bin tot, macht was draus!“
Wikipedia über „Ich bin tot, macht was draus!“ (englisch, französisch, niederländisch)
TV-Tipp für den 29. April: Nur noch 72 Stunden
April 29, 2016
3sat, 22.35
Nur noch 72 Stunden (USA 1967, Regie: Don Siegel)
Drehbuch: Henri Simoun (Pseudonym von Howard Rodman), Abraham Polonsky
LV: Richard Dougherty: The Commissioner, 1962
Ein Gangster kann mit Madigans Dienstwaffe entkommen. Der Commissioner gibt Madigan und Bonara 72 Stunden, die Waffe wieder zu finden.
Harter, düsterer Polizeithriller
„Es ist eine realistische Annäherung an das, was ohne Zweifel stattfindet…Es gibt eine Menge Bullen wie die, die dir sofort ins Gesicht schlagen, wenn sie glauben, auf diese Weise eine Antwort von dir zu bekommen. Sie würden keine zwei Sekunden nachdenken. Ihre brutale Arbeit macht sie brutal…Und sie wissen nicht, dass sie etwas Grausames getan haben. Sie reden mit mir und ich bin ihr Freund. Das erschreckt mich.“ (Don Siegel, in Alan Lovell: Don Siegel)
Mit Richard Widmark, Henry Fonda, Inger Stevens, Harry Guardino, James Whitmore, Susan Clark, Michael Dunn
Hinweise
Rotten Tomatoes über „Nur noch 72 Stunden“
Neu im Kino/Filmkritik: „The First Avenger: Civil War“ – mal wieder munteres Superheldengekloppe
April 28, 2016Fast alle aus den vorherigen Avengers-Filmen bekannten Charaktere sind wieder dabei. Ergänzt um einige Neuzugänge wie Black Panther und Spider Man, die in den kommenden Jahren im Marvel Cinematic Universe, der erzählerischen Klammer der Marvel-Filme, eine größere Rolle bekommen sollen. Einzelfilme inclusive.
Die Kloppereien sind gewohnt episch und dieses Mal kämpfen sie wieder gegeneinander. Der Grund dafür ist etwas kompliziert.
Nachdem bei ihren vorherigen Aktionen einiges zu Bruch ging und es auch etliche Kollateralschäden gab, sollen in „The First Avenger: Civil War“ die freischaffend und von niemandem kontrollierten Avengers unter eine UN/US-Aufsicht gestellt werden. Ihr Handeln soll kontrolliert werden. Sie sollen Befehlsempfänger werden. Dann dürfen sie weitermachen. Falls jemand von ihnen dieses Angebot ablehnt, so erklärt ihnen ihr künftiger Chef, General Ross, soll er als Gesetzloser verfolgt werden. Einige der Avengers halten das für eine gute Idee. Einige nicht.
Und dann gibt es noch die Bedrohung durch den Winter Soldier, einer im Ostblock hochgezüchteten Kampfmaschine, die in Wirklichkeit Bucky Barnes, der Jugendfreund von Captain America Steve Rogers ist. Captain America war immer das golden glänzende patriotisch-aufrechte Herz der USA. Zunächst kämpfte der All-American-Boy gegen Nazis. Später gegen andere, nicht minder böse Bösewichter.
Bucky wird, wenn ihm eine bestimmte Abfolge von Worten gesagt wird, zu einer eiskalten Killermaschine, die sich danach nicht an ihre Taten erinnert. Weil einige seiner Taten den Weltfrieden gefährden, sollen die Avengers ihn aufhalten. Tot oder lebendig.
Steve glaubt allerdings, dass Bucky unschuldig ist.
Und dann ist da noch Baron Zemo, ein geheimnisvoller Bösewicht, der den Winter Soldier für seine Ziele einspannen will. Er hat sogar ein sehr nachvollziehbares Motiv für seine Taten. Weil wir das erst am Ende von „Civil War“ erfahren, ist er bis dahin einfach nur ein gefährlicher Bösewicht, der im Film nur die Aufgabe hat, etwas Böses zu tun, damit die Avengers sich gegenseitig verkloppen. Wie in den anderen Marvel-Filmen ist auch in „Civil War“ der Bösewicht blass. Dabei hätten die Macher dieses Mal einen einprägsamen Bösewicht schaffen könne. Aber vielleicht darf Baron Zemo in einem weiteren Marvel-Film auftreten. Dann als vollwertiger Gegner der Avengers.
Im Mittelpunkt von „Civil War“ steht nämlich der episch ausgebreitete Kampf der Avengers gegeneinander und so flott, unterhaltsam und auch witzig der über zweistündige Film ist, so unbefriedigend ist die auch in diesem Superheldenfilm geführte Diskussion über Verantwortung, die kaum das Niveau einer gepflegten Kaffeekonversation erreicht. Anstatt sich in tiefere moralphilosophische Diskussion zu wagen, den Utilitarismus zu problematisieren, die Frage zu diskutieren, ob der Zweck die Mittel heiligt, ob man durch sein Handeln erst die Probleme schafft, die dann mühselig beseitigt werden müssen und über die Verantwortung des Einzelnen für sein Handeln zu reden, wird einfach, wieder einmal, auf Grundschulniveau erklärt, dass man tat, was man tun musste.
Nachdem das Thema in einem Gespräch abgehandelt wurde – der Film ist sowieso sehr redselig -, teilen sich die Avengers in zwei Gruppen auf, die in ihrer Zusammensetzung nie besonders glaubwürdig wirken. Da soll auf der einen Seite der egozentrische, niemand gehorchende Milliardär und notorische Unruhestifter Tony Stark (aka Iron Man) sich plötzlich zum fügsamen Befehlsempfänger wandeln, weil er nach dem Kampf gegen Ultron über sein Handeln nachdachte. Auf der anderen Seite steht der immer folgsame Soldat Captain America. Steve Rogers. Der niemals an seinen Vorgesetzten und der US-Regierung zweifelnde Befehlsempfänger, soll jetzt den Befehl verweigern. Er will nämlich keine Befehle von einer neu gegründeten, ihn und die Avengers beaufsichtigende und auch mit Aufträgen versehenden Behörde erhalten. Die könnte sich ja irren. Deshalb will er vollkommen unkontrolliert arbeiten. Das wirkt nie besonders glaubwürdig. Auch nicht durch die nachgeschobene Erklärung, dass er eigentlich nur seinem Jugendfreund helfen will.
Genauso bemüht wie die Begründung für die Teilung der Avengers in zwei sich bekämpfende Gruppen, ist dann der sich zwischen ihnen entwickelnde Kampf, der an ihrer Intelligenz und über mehrere Filme und gemeinsame Kämpfe gegen etliche Bösewichter gewachsene Freundschaft zweifeln lässt. Anstatt miteinander zu reden, wird sich gekloppt in einer niemals auch nur halbwegs glaubwürdigen, dafür unnötig verkomplizierten Geschichte, die eher pointillistisch nach ihren Schauwerten zusammengefügt ist. Wegen des Humors und dem durchgehend spielfreudigem Ensemble fällt das dann gar nicht so sehr auf.
Und als Berliner freut man sich über die zahlreichen Berlin-Aufnahmen, in denen die Gegend um das ICC und den Bundestag ausführlich und auch gut erkennbar gezeigt werden.
The First Avenger: Civil War (Captain America: Civil War, USA 2016)
Regie: Anthony Russo, Joe Russo
Drehbuch: Christopher Markus, Stephen McFeely
mit Chris Evans, Robert Downey Jr., Anthony Mackie, Sebastian Stan, Paul Rudd, Jeremy Renner, Elizabeth Olsen, Scarlett Johannsson, Don Cheadle, Chadwick Boseman, Paul Bettany, Emily VanCamp, Tom Holland, Daniel Brühl, Frank Grillo, William Hurt, Martin Freeman, Marisa Tomei, Stan Lee (selbstverständlich)
Länge: 148 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Hinweise
Moviepilot über „The First Avenger: Civil War“
Metacritic über „The First Avenger: Civil War“
Rotten Tomatoes über „The First Avenger: Civil War“
Wikipedia über „The First Avenger: Civil War“ (deutsch, englisch)
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Die europäische Pressekonferenz mit dem Avengers-Team, Kevin Feige, Anthony und Joe Russo
Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Über Tom Tykwers Dave-Eggers-Verfilmung „Ein Hologramm für den König“, mit Tom Hanks
April 28, 2016Tom Tykwers neuer Film beginnt mit einer aktualisierten Version des „Talking Heads“-Klassikers „Once in a Lifetime“, gesungen von Tom Hanks, präsentiert in schönster Musikvideoclip-Optik, und innerhalb weniger Minuten erfahren wir alles wichtige über den Protagonisten.
Alan Clay (Tom Hanks) ist Vertreter und er soll jetzt in Saudi-Arabien dem König ein neues Telefonsystem für eine Stadt, die er in der Wüste errichten will, verkaufen. Der Clou bei dem Telefonsystem ist, dass man dank einer neuen Hologramm-Technik glaubt, der Gesprächspartner befinde sich im gleichen Raum. Clay will den Handel unbedingt abschließen und so seinen drohenden Ruin abwenden. Mit etwas Glück ist dann auch die Uni-Ausbildung seiner Tochter und seine Altersversorgung gesichert.
Aber die Produktpräsentation verzögert sich. Denn König Abdullah kommt nicht und niemand weiß, wann er kommen wird.
Bis dahin muss die Zeit tot geschlagen werden.
Diesen Stillstand beschrieb Dave Eggers in seinem episodischem Roman „Ein Hologramm für den König“ und Tom Tykwer folgt weitgehend den Episoden des Romans, allerdings in einem witzigerem Tonfall. So wartet Clay mit seinen wesentlich jüngeren Mitarbeitern, die für die technische Seite der Präsentation zuständig sind, im Zelt ohne WLAN und ohne Klimaanlage auf den König. Er erkundet die sich noch im Bau befindende, auf dem Reißbrett geplante Millionenstadt King Abdullah Economic City, von der in den letzten Jahren nur ein Empfangsgebäude und ein, zwei Miethäuser (inclusive einer in dem Rohbau schon luxuriös hergerichteten Wohnung) fertiggestellt wurden. Er hat flüchtigen Kontakt zu einer dänischen Angestellten, die ihn mit Alkohol versorgt und auf eine Party in der dänischen Botschaft einlädt, auf der es auch andere Drogen gibt. Er lässt sich von Yousef zur Wüstenstadt fahren und unterhält sich mit ihm. Er lernt, nachdem er betrunken versuchte, ein Geschwulst von seinem Rücken zu entfernte, die Ärztin Zahra Hakem kennen.
Das alles findet sich auch in Dave Eggers eher spröde geschriebenem Roman. Tom Tykwer erzählt diese Begebenheiten witziger und visuell ansprechend. Wobei natürlich schon das Bild eines verloren in der Wüste stehenden Bürogebäudes einen eigenen, absurden Reiz entfaltet. Tom Hanks, mit dem Tykwer schon bei „Cloud Atlas“ zusammenarbeitete, ist die perfekte Verkörperung dieses absolut durchschnittlichen Vertreters, der immer noch versucht, an den amerikanischen Traum zu glauben. Stand-Up-Comedian Alexander Black ist eine Entdeckung. Der Debütant spielt Clays Fahrer Yousef und man weiß nie, wie zurechnungsfähig er ist. Entsprechend witzig sind ihre gemeinsamen Szenen.
Im dritten Akt beschreitet Tykwer dann eigene Wege. Plötzlich und arg unvermittelt steht die bis dahin noch nicht einmal angedeutete Liebesgeschichte zwischen Clay und Zahra im Mittelpunkt. Aus der milden Satire auf die Wirtschaftswelt, in der der Westen als Bittsteller im Nahen Osten auftaucht und Saudi-Arabien in all seinen Widersprüchen gezeigt wird, wird ein kitschiger Liebesfilm, eine Romanze, in der heftig E-Mails ausgetauscht, gemeinsam im Meer gebadet und geknutscht wird als seien die Mittfünfziger Teenager.
Dieser Bruch in der Erzählung, die dem geschiedenen Verkäufer Clay während seines Wartens auf den König plötzlich eine neue Lebensperspektive eröffnet, funktioniert allerdings nicht wirklich. Die Liebesgeschichte passt nicht zum vorherigen Film. Sie wirkt wie der verzweifelte Versuch, die Beschreibung eines Stillstandes zu einem Ende zu bringen, das befriedigender als das abrupte Ende in Dave Eggers‘ Roman ist.
Bis dahin ist „Ein Hologramm für den König“ eine eher leichtgewichtige Business-Komödie, die, trotz deutscher Geldgeber und dreier Nominierungen für den Deutschen Filmpreis, nie wie ein deutscher Film wirkt. Und Tykwers Ende der Geschichte von Alan Clay ist auch besser als Eggers‘ Ende.
Ein Hologramm für den König (Deutschland/Großbritannien 2016)
Regie: Tom Tykwer
Drehbuch: Tom Tykwer
LV: Dave Eggers: A Hologramm for the King, 2012 (Ein Hologramm für den König)
mit Tom Hanks, Alexander Black, Sarita Choudhury, Sidse Babett Knudsen, Tom Skerritt, David Menkin, Megan Maczko, Christy Meyer, Ben Whishaw
Länge: 98 Minuten
FSK: ab 6 Jahre
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Die Vorlage
Dave Eggers: Ein Hologramm für den König
(übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann)
KiWi, 2014
352 Seiten
9,99 Euro
–
Deutsche Erstausgabe
Kiepenheuer & Witsch, 2013
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Originalausgabe
A Hologramm for the King
McSweeney’s, 2012
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Hinweise
Filmportal über „Ein Hologramm für den König“
Moviepilot über „Ein Hologramm für den König“
Metacritic über „Ein Hologramm für den König“
Rotten Tomatoes über „Ein Hologramm für den König“
Wikipedia über „Ein Hologramm für den König“ (deutsch, englisch) und Dave Eggers
Homepage von Dave Eggers
Perlentaucher über Dave Eggers‘ „Ein Hologramm für den König“
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Ein aktuelles Gespräch mit Tom Tykwer, Sarita Choudhury und Alexander Black über den Film
TV-Tipp für den 28. April: Cinema Perverso
April 28, 2016RBB, 22.45
Cinema Perverso (Deutschland 2015, Regie: Oliver Schwehm)
Drehbuch: Oliver Schwehm
Kurzweilige, wenn auch nicht sonderlich tiefgründige einstündige Doku über die Bahnhofskinos, die heute nur noch (falls überhaupt) als Abspielstätte für schlechte Filme irgendwo zwischen Horror, Gewalt und Sex bekannt sind. Einige Filme haben immerhin einen gewissen Kultstatus und, ja, „Cinema Perverso“ macht Lust darauf, sich einige dieser Trash-Perlen wieder (?) anzusehen.
Dabei war das mit den Bahnhofskinos (bzw. den Bahnhofslichtspielen oder, abgekürzt, Bali) als erweiterter Warteraum für Reisende mal anders gedacht und in diesen Momenten wird die Doku zu einer kleinen Geschichte der BRD.
Mit Jörg Buttgereit, Uwe Boll, Ben Becker, Mechthild Großmann, Wolfgang Niedecken, Christian Anders, René Weller
Hinweise
Arte über „Cinema Perverso“
Lunabeach TV über „Cinema Perverso“ (dort gibt es Infos zur DVD, den Trailer und Bilder)
DVD-Kritik: Über die Gillian-Flynn-Verfilmung „Dark Places“
April 27, 2016Im Kino ging, nachdem die erste Gillian-Flynn-Verfilmung „Gone Girl“ ein Publikums- und Kritikerhit war, „Dark Places – Gefährliche Erinnerung“, die prominent besetzte Verfilmung ihres zweiten Romans, unter. Dabei klingt die Story ähnlich vielversprechend.
1985 werden die Mutter und die beiden Schwestern von Libby Day ermordet. Die Achtjährige beschuldigt ihren Bruder Ben und dieser, damals ein bekennender Satanist, wird verurteilt.
Dreißig Jahre später hadert Libby (Charlize Theron) immer noch mit diesem Ereignis und sie lebt, auch und vor allem finanziell, davon. Von einem Club, in dem Privatleute ungeklärte Verbrechen nachermitteln, erhält sie das Angebot, dort über ihre Familiengeschichte zu reden. Weil sie das Geld braucht, nimmt sie das Angebot an.
Die Clubmitglieder präsentieren ihr ihre verschiedenen, mehr oder weniger abstrusen Theorien. Es gibt nämlich offensichtliche Widersprüche und sie sind überzeugt, dass der falsche Mann im Gefängnis sitzt.
Lbby erklärt sich – natürlich für Geld – bereit, dem Club zu helfen und dafür tief in ihrer Vergangenheit zu stöbern. Dabei entdeckt sie einiges.
Na, das klingt doch nicht schlecht.
Allerdings ist Gilles Pacquet-Brenner („Sarahs Schlüssel“) kein David Fincher und, nun, „Dark Places“ ist nicht „Gone Girl“. „Gone Girl“ erzählt aus, im Roman und im Film, zwei Perspektiven, die konsequent durchgehalten und klar getrennt sind, eine bitterböse Noir-Geschichte.
„Dark Places“ bedient sich einer ähnlichen Konstruktion. Im Film allerdings deutlich weniger gelungen. Er erzählt, vom Roman übernommen, die Geschichte auf zwei Ebenen. In der Gegenwart erzählt er eine ganz normale Detektivgeschichte, in der Libby Day einfach der Reihe nach die verschiedenen Beteiligten der damaligen Ereignisse befragt bis sie die ganze Wahrheit über die Mordnacht erfährt. Naja, fast. Denn wir als Zuschauer wissen mehr. In der Vergangenheit werden die damaligen Ereignisse nacherzählt. Diese Blicke in die Vergangenheit werden eher willkürlich über den Film gestreut. Sie erzählen chronologisch die Vorgeschichte das Mehrfachmordes und enthüllen dann am Ende die wahren Ereignisse der Tatnacht. Dieser Teil ist durchaus spannend, weil wir wissen wollen, wie es zu dem Mehrfachmord kam. Allerdings sind diese Rückblenden konsequent aus einer objektiven Perspektive erzählt. Das heißt, wir erfahren bis zum Ende Dinge, die weder Libby noch die von ihr Befragten wissen können. Und wenn doch, würden sie sie ihr niemals verraten. Aber irgendwann agiert Libby so, als wüsste sie diese Dinge auch. Obwohl sie sie, wie gesagt, nicht wissen kann und damit der ganzen Geschichte ein Glaubwürdigkeitsproblem beschert.
Dazu kommt, dass in den 1985 spielenden Teilen das Arme-Leute-Milieu und die jugendliche Satanistenclique, in der Ben ist, arg platt gezeichnet werden, dass in der Gegenwart aus dem „Kill Club“-Club kein erzählerisches Potential geschöpft wird, dass bei der Besetzung bei den Charakteren, die 1985 und 2015 auftreten, kein glückliches Händchen bewiesen wurde (die TV-Serie „Cold Case“ zeigt einfach, wie es besser geht) und dass die namhafte Besetzung größtenteils verschenkt ist in einer altbackenen Mörder-such-Geschichte mit einer angeklatschen Moral, die eine bessere Filmgeschichte verdient hätte.
Am Ende ist „Dark Places“ nur ein unnötig kompliziert erzählter, gut besetzter 08/15-Kriminalfilm.
Das Bonusmaterial besteht aus den Trailern und fünfundzwanzig Minuten Interviews mit Regisseur Gilles Paquet-Brenner, Autorin Gillian Flynn (das sind die interessanteren Interviews) Christina Hendricks und Nicholas Hoult.
Dark Places – Gefährliche Erinnerung (Dark Places, USA/Frankreich 2015)
Regie: Gilles Paquet-Brenner
Drehbuch: Gilles Paquet-Brenner
LV: Gillian Flynn: Dark Places, 2009 (Finstere Orte, später Dark Places – Gefährliche Erinnerung)
mit Charlize Theron, Sterling Jerins, Nicholas Hoult, Christina Hendricks, Corey Stoll, Tye Sheridan, Andrea Roth, Chloë Grace Moretz, Sean Bridger
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DVD
Concorde
Bild: 2,35:1 (16:9)
Ton: Deutsch (DD 5.1/ DTS 5.1), Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Bonus: Deutscher und Original Trailer, Interviews
Länge: 109 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
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Die Vorlage
Gillian Flynn: Dark Places – Gefährliche Erinnerung
(übersetzt von Christine Strüh)
Fischer Verlag, 2015
464 Seiten
9,99 Euro
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Deutsche Erstausgabe
Finstere Orte
Fischer Verlag, 2010
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Originalausgabe
Dark Places
Shaye Areheart Books, 2009
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Hinweise
Rotten Tomatoes über „Dark Places“
Wikipedia über „Dark Places“ (deutsch, englisch) und Gillian Flynn (deutsch, englisch)
Don Winslow, Frank Decker und Neal Carey
April 27, 2016„Eine Katastrophe von Krimi“ und „’Germany‘ ist kein schlechtes Buch. Es ist ein scheußliches Buch“ sagt Christian Buß in seiner Spiegel-Kritik über Don Winslows neuen Roman „Germany“. Thomas Wörtche sieht es ähnlich – und bei mir schlägt dann, schon bevor ich eine Zeile gelesen habe, der „So schlecht kann es doch nicht sein“-Effekt zu. Und so schlecht ist „Germany“ dann auch nicht. Die harschen Kritiken klingen eher nach dem Gejammer eines enttäuschten Liebhabers, der jetzt bei seiner früheren Liebe nur noch das Negative sieht.
2009 begann der Suhrkamp-Verlag die Romane von Don Winslow auf Deutsch zu veröffentlichen. Einige seiner Romane waren bei anderen Verlagen schon in den Neunzigern erschienen und nicht mehr erhältlich. In den USA war er in den zehn Jahren zu einem Liebling der Krimiszene geworden. Die Kritiken zu den bei Suhrkamp veröffentlichten Romanen waren überschwänglich euphorisch. Er wurde, vor allem mit „Tage der Toten“ (The Power of the Dog) über den Drogenkrieg in Südamerika, zum Krimigott hochgejazzt. Mit „Vergeltung“, „Missing. New York“ und „Germany“ schrieb er jetzt mehrere in den USA noch nicht veröffentlichte Romane, in denen die moralischen Ambivalenzen seiner früheren Romane, vor allem natürlich seiner in Kalifornien im Surfer- und Drogenhändlermilieu spielenden Romane, fehlen. Dabei reflektieren seine Romane auch immer den Zeitgeist und das Milieu in dem sie spielen in all seinen Facetten.
Das zeigt sich besonders deutlich an seinen in mehreren Romanen auftretenden Privatdetektiven.
Neal Carey war der erste. Er trat in fünf Romanen auf, die gleichzeitig seine ersten veröffentlichten Romane waren. Er schrieb sie in den Neunzigern, aber sie spielen in den Siebzigern und frühen achtziger Jahren.
Boone Daniels war der zweite. Er trat 2008 und 2009 in „Pacific Private“ (The Dawn Patrol) und „Pacific Paradise“ (The Gentlemen’s Hour) auf und das Besondere an diesen Romanen ist, dass der Detektiv ein passionierter Surfer ist und seine Fälle untrennbar mit diesem Milieu verbunden sind.
Mit Frank Decker hat er jetzt, wie es sich für einen Privatdetektivroman gehört, geschrieben in der ersten Person Singular, einen neuen Privatdetektiv in den Startlöchern, der, wie seine beiden vorherigen Privatdetektive (was sie auch ohne Lizenz sind), ein Kind seiner Zeit ist. Decker ist Ex-Soldat, Ex-Polizist, geschieden und, wenn auch kein Donald-Trump-Wähler, sicher ein Republikaner, der den alten Western-Idealen nachhängt und keine Probleme hat, Waffen einzusetzen und zu töten. Entsprechend einfach ist seine und die in Romanen protegierte Weltsicht: auf der einen Seite sind die Guten. Frank Decker und die von ihm gesuchte vermisste Person. Auf der anderen Seite die Bösen, die ziemlich Böse sind. In „Germany“, seinem zweiten Fall nach „Missing. New York“, verschwindet in Florida Kim Sprague spurlos. Sie ist die junge, gutaussehende Frau von seinem Army-Kameraden und Lebensretter Charlie. Die Spur führt in Richtung Organisierte Kriminalität, Zwangsprostitution und Menschenhandel. Alles Dinge, die die Verbrecher, vor allem wenn sie aus Russland kommen, zu Kandidaten für die Todesstrafe machen.
Das ist natürlich flott, aber auch arg humorlos geschrieben und wenn Frank Decker ab Seite 267 in Deutschland nach Kim sucht, wird der Thriller zu einer für uns Ortskundigen langweiligeren Angelegenheit. Denn Decker besucht auf seiner Suche quer durch Deutschland ungefähr ein halbes Dutzend Städte als lägen sie nebeneinander und als ob die Bösen nur auf ihn warteten.
Als Dank an seine deutschen Leser und als Verarbeitung von Reiseerlebnissen (immerhin führten mehrere Lesereisen Don Winslow quer durch Deutschland) ist dieser Teil zwar als Fanservice nachvollziehbar, aber die Orte bleiben austauschbar.
Aus dramaturgischer Sicht ist der Schauplatzwechsel für etwas über hundert Seiten vollkommen unnötig. Letztendlich wäre es besser gewesen, die ganze Geschichte an einem Schauplatz, also Florida, spielen zu lassen. Auch wegen der Lösung, die gar nicht so weit weg von den guten alten Hardboiled-Krimis ist.
Das Gegenmodell zu Frank Decker ist Neal Carey, der erste Seriencharakter von Don Winslow, dessen Fälle jetzt teilweise erstmals auf Deutsch erscheinen. Immer in neuen Übersetzungen von Conny Lösch, der Stammübersetzerin von Don Winslow. Jüngst erschienen bei Suhrkamp „Way down the High Lonely“, der dritte Carey-Roman in einer neuen Übersetzung, und „A long Walk up the Water Slide“, der vierte Carey-Roman, auf Deutsch.
Neal Carey ist ein New Yorker Junge, der von Joe Graham, seinem „Daddy“, der als Detektiv für die Freunde der Familie, einer besonderen Abteilung einer noblen Privatbank, arbeitet, groß gezogen wird. Graham lehrt ihn alles, was man zum Leben braucht von englischer Literatur über das Putzen der Wohnung und dem unauffälligen Observieren bis hin zum gepflegten Einbruch. Auch Neal soll für die Freunde der Familie, die ihm seine Ausbildung bezahlen, arbeiten. Was vor allem bedeutet, dass er die sprichwörtlichen Kastanien aus dem Feuer holen soll. Dabei würde er viel lieber sein Universitätsstudium mit einer Arbeit über den Literaten Tobias Smollett abschließen.
Am Ende von „China Girl“ wurde er in China in ein sehr abgelegenes buddhistisches Kloster verbannt.
Drei Jahre später, am Anfang von „Way down the High Lonely“, ist Ronald Reagan Präsident der USA. Joe holt ihn aus seinem Gefängnis. Die Freunde der Familie brauchen ihn. Er soll Cody McCall, den zweijährigen Sohn einer Hollywood-Produzentin, finden. Cody wurde von seinem Vater Harley McCall entführt. Er ist ein waschechter Cowboy, den die Produzentin während den Dreharbeiten für einen Western kennen und lieben lernte und später, in Hollywood, bemerkte, dass er nicht in ihre Welt passt. Die Ehe ging in die Brüche. Er wurde zum cholerischen Trinker und verschwand vor drei Monaten spurlos mit Cody.
Neal übernimmt den Fall. Seine Ermittlungen führen ihn nach Nevada in ein menschenleeres Gebiet, das als The High Lonely bekannt ist. Dort vermutet er Harley als Mitglied einer Gruppe von Rassisten, die die jüdische Machtübernahme befürchten und sich für den Endkampf rüsten. Neal versucht sich in die Gruppe einzuschleichen.
In „A long Walk up the Water Slide“ soll Neal Carey das Englisch von Dolly Paget aufbessern. Die Wuchtbrumme behauptet nämlich, von dem beliebten TV-Präsentator einer Familiensendung und Inhaber des TV-Senders Family Cable Network Jack Landis vergewaltigt worden zu sein. Dabei war sie vorher seine außereheliche Affäre und, was Neal erst später erfährt, sie ist schwanger.
Während Neal sie noch in die Feinheiten der englischen Sprache einführt, haben mehrere Parteien, unter anderem ein geheimnisvoller Profikiller, die Mafia und ein Herausgeber von Sexheften, ein großes Interesse an der Dame, die sie, wahlweise, ausziehen oder töten wollen.
Nachdem schon die vorherigen Neal-Carey-Romane dank des trockenen Humors eine witzig-kurzweilige Lektüre waren, ist der für den Dily Award nominierte „A long Walk up the Water Slide“ eine waschechte Krimikomödie, in der alle Pläne regelmäßig schief gehen, Irrtümer und Missverständnisse für ungeahnte Konflikte sorgen und Neal, nach einem nächtlichen Überfall auf sein Haus, Dolly, Jack Landis‘ Frau Candy und seine Freundin Karen in Las Vegas in einem Hotel versteckt, in dem gerade die Jahreskonferenz des Erotikfilm-Verbandes ist; was für weitere Verwicklungen sorgt.
Don Winslow schrieb seine fünf Neal-Carey-Romane zwar in den Neunzigern, aber weil sie in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern spielen, atmen sie genau diesen Zeitgeist ein. Es ist der Zeitgeist der sexuellen Revolution, der cleveren Außenseiter-Helden, die die Fälle nicht mit Gewalt, sondern mit Grips (und ihrem Mundwerk) lösen und der großen Sympathie für schräge, oft moralisch zwiespältige Charaktere, verschiedener Lebensentwürfe und einer insgesamt liberalen, offenen Haltung.
Es ist auch die Zeit, in der TV-Serien wie „Detektiv Rockford – Anruf genügt“, „Magnum“, „Simon & Simon“, „Das Model und der Schnüffler“ und „Remington Steele“ mit ihren sprücheklopfenden Helden äußerst beliebt waren und Robert B. Parker mit seinen „Spenser“-Romanen das Genre fast im Alleingang revolutionierte. Don Winslows Neal Carey, der edle Ritter im Auftrag einer Bank (und einem von Hassliebe zu seinem Geldgeber geprägtem Verhältnis) steht in dieser Tradition.
Das ist großartige Krimi-Unterhaltung mit einem realistischen Unterton, die ziemlich direkt zu seinen in Kalifornien spielenden, weniger witzigen, lakonisch erzählen Krimis führt, in denen Verbrecher die durchaus sympathischen Helden wurden. Immerhin folgten sie einem Kodex und die mexikanischen Drogenkartelle und korrupte Polizisten sind viel schlimmer.
Der fünfte Carey-Roman „Palm Desert“ soll Mitte Juni erscheinen.
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Don Winslow: Way Down on the High Lonely – Neal Careys dritter Fall
(übersetzt von Conny Lösch)
Suhrkamp, 2016
352 Seiten
11,99 Euro
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Deutsche Erstausgabe
Das Schlangenmaul
(übersetzt von Ulrich Anders)
Piper, 1998
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Originalausgabe
Way Down on the High Lonely
St. Martin’s Press, 1993
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Don Winslow: A long Walk up the Water Slide – Neal Careys vierter Fall
(übersetzt von Conny Lösch)
Suhrkamp, 2016
304 Seiten
11,99 Euro
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Originalausgabe
A long Walk up the Water Slide
St. Martin’s Press, 1994
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Don Winslow: Germany
(übersetzt von Conny Lösch)
Droemer, 2016
384 Seiten
14,99 Euro
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Originalausgabe
Germany
2016 (noch nicht in den USA veröffentlicht)
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Hinweise
Hollywood & Fine: Interview mit Don Winslow (11. Juli 2012)
Homepage von Don Winslow (etwas veraltet, weil eigentlich eine Verlagsseite)
Deutsche Homepage von Don Winslow (von Suhrkamp)
Don Winslow twittert ziemlich oft
Meine Besprechung von Don Winslows “London Undercover” (A cool Breeze on the Underground, 1991)
Meine Besprechung von Don Winslows “China Girl” (The Trail to Buddha’s Mirror, 1992)
Meine Besprechung von Don Winslows „Bobby Z“ (The Death and Life of Bobby Z, 1997)
Meine Besprechung von Don Winslows „Tage der Toten“ (The Power of the Dog, 2005)
Meine Besprechung von Don Winslows „Pacific Private“ (The Dawn Patrol, 2008)
Meine Besprechung von Don Winslows „Satori“ (Satori, 2011)
Mein Interview mit Don Winslow zu “Satori” (Satori, 2011)
Meine Besprechung von Don Winslows “Savages – Zeit des Zorns” (Savages, 2010)
Meine Besprechung von Don Winslows “Kings of Cool” (The Kings of Cool, 2012)
Meine Besprechung von Don Winslows „Vergeltung“ (Vengeance, noch nicht erschienen)
Meine Besprechung von Don Winslows “Missing. New York” (Missing. New York, noch nicht erschienen)
Meine Besprechung von Don Winslows „Das Kartell“ (The Cartel, 2015)
Meine Besprechung von Oliver Stones Don-Winslow-Verfilmung „Savages“ (Savages, USA 2012)
Don Winslow in der Kriminalakte
TV-Tipp für den 27. April: Hostage – Entführt
April 27, 2016Kabel 1, 22.10
Hostage – Entführt (USA 2005, Regie: Florent Emilio Siri)
Drehbuch: Doug Richardson
LV: Robert Crais: Hostage, 2001 (Hostage – Entführt)
LAPD-Verhandlungsexperte Jeff Talley schiebt in einer Kleinstadt eine ruhige Kugel. Da nehmen drei Jugendliche einen Mafia-Buchhalter und dessen Kinder als Geisel. Talley muss, nachdem die Mafia seine Frau und Tochter entführt, wieder verhandeln.
Okayer Geiselnahmethriller mit einem irgendwo zwischen Italo-Western und Horrorfilm oszillierendem Look und einigen hübschen Twists, wie der doppelten Geiselnahme und den sich verändernden Loyalitäten. Allerdings ist das Buch gerade bei dem Mafia-Plot glaubwürdiger. Und wer wissen will, wie die Polizei verhandelt, sollte auch zu dem Buch greifen.
Der Film ist nur die bleihaltige Action-Variante davon.
Mit Bruce Willis, Kevin Pollak, Jimmy Bennett, Michelle Horn, Ben Foster, Jonathan Tucker, Marshall Allman, Serena Scott Thomas, Rumer Willis (Tochter von Bruce Willis), Kim Coates, Robert Knepper
Wiederholung: Donnerstag, 28. April, 02.40 Uhr (Taggenau!)
Hinweise
Rotten Tomatoes über “Hostage”
Drehbuch „Hostage“ von Robert Crais (29. März 2002, early draft – Crais schrieb nach seinem Roman ein Drehbuch, das später von anderen Autoren umgearbeitet wurde.)
TV-Tipp für den 26. April: Die Bounty
April 26, 2016Disney Channel, 20.15
Die Bounty (Großbritannien 1984, Regie: Roger Donaldson)
Drehbuch: Robert Bolt
LV: Richard Hough: Captain Bligh and Mr. Christian, 1972 (Neuauflage zum Filmstart als „The Bounty“)
Die Geschichte der Meuterei auf der „Bounty“ 1789. Aber dieses Mal wird die wahre Geschichte erzählt und da kommt Fletcher Christian, der Anführer der Meuterer, nicht mehr so gut weg – und Captain Bligh erscheint nicht mehr so böse.
„Dass das Laben die besten Geschichten schreibe, ist zwar nur ein hartnäckig sich behauptendes Gerücht, aber die recht aufwendige ‚Bounty‘-Neufassung vereint tatsächlich Historie und Spannung recht gut – und widerlegt somit streckenweise ein weiteres hartnäckiges Gerücht, nämlich dass ein Remake immer schlechter sein müsse als das Original.“ (Fischer Film Almanach 1986)
An der Kinokasse hat es nicht geholfen. Auch nicht, dass die Besetzung ziemlich prominent war.
mit Mel Gibson, Anthony Hopkins, Laurence Olivier, Edward Fox, Daniel Day-Lewis, Philip Davis, Bernard Hill, Liam Neeson
Hinweise
Rotten Tomatoes über „Die Bounty“
Wikipedia über „Die Bounty“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Roger Donaldsons “The November Man” (The November Man, USA 2014)
Altes und Neues von Alan Moore
April 25, 2016Es ist mal wieder an der Zeit für ein kleines Moore-Fest.
Beginnen wir in tief in der Vergangenheit von Alan Moore, als er auch Geschichten für bestehende Serien schrieb. Zum Beispiel für Todd McFarlanes „Spawn“. In der Geschichte „Bloodfeud – Blutfehde“ kämpft Al Simmons (aka Spawn) in New York gegen sein böses Ich, beziehungsweise gegen einen Dämon, der ihn kontrollieren möchte. Gleichzeitig kämpft er weiterhin gegen Bösewichter, die die Stadtbewohner bedrohen.
Zur gleichen Zeit taucht der Vampirjäger John Sansker in der Stadt auf. Er möchte Spawn, den für einen Vampir hält, töten. Denn Spawn sieht nicht menschlich aus und er jagt vor allem nach Sonnenuntergang. Bei seiner Jagd folgt die ganze Polizei seinen Anweisungen. Dabei hat auch Sansker seine Geheimnisse.
Mehr soll nicht verraten werden, weil die von Alan Moore ersonnene Geschichte eher eine kurze Episode aus dem Leben von Al Simmons ist, die allerdings als Alan-Moore-Geschichte nicht so richtig begeistert. Es ist halt vor allem eine „Spawn“-Geschichte.
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Schließlich ist Moore ja vor allem bekannt für sein Spiel mit verschiedenen Ebenen und Metaebenen zwischen Schein und Sein, gerne auch mit einer politischen Botschaft. „Watchmen“ ist dafür ein Beispiel. Oder sein seit 1999 bestehendes Mega-Mashup „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“, in dem, beginnend im viktorianischen England bekannte Helden der Populärkultur, wie Wilhelmina „Mina“ Murray (aus „Dracula“), Allan Quatermain, Dr. Henry Jekyll/Mr. Edward Hyde, Orlando und A. J. Raffles für Gerechtigkeit kämpfen. Letztendlich über mehrere Jahrhunderte.
Im „Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“-Kosmos gibt es jetzt, nach „Herz aus Eis“ und „Die Rosen von Berlin“ mit „Fluss der Geister“ den ziemlich eigenständigen Abschluss der „Nemo“-Geschichte. Denn man muss die vorherigen Bände nicht gelesen zu haben, um am „Fluss des Geister“ gefallen zu finden.
1975, vierunddreißig Jahre nachdem Janni Nemo (die Tochter von Käpitan Nemo, bekannt aus Jules Vernes „Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer“) in Berlin Ayesha enthauptete, erhält sie Meldungen, dass Ayesha doch noch lebt. Im Amazonasdelta. Mit der Nautilus und einigen Gefährten macht die Achtzigjährige sich auf die Reise und sie entdecken mitten im Dschungel einen kleinen Nazi-Staat mit einem gigantischem Mensch-Maschinen-Forschungsprojekt mit allem Drum und Dran, was das Herz des Pulp-Fans begehrt.
Denn wie in den anderen „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“-Geschichten (wobei man „Nemo“ auch als Spin-off sehen kann) würzt Alan Moore seine Geschichte mit popkulturellen Anspielungen.
„Fluss der Geister“ ist daher ein zünftiges Dschungelabenteuer, das nach einer Begegnung mit Sauriern (wegen Sir Arthur Conan Doyles „The lost world“ [Die vergessene Welt]) äußerst lustvoll mit den bekannten Klischees von geheimnisvollen Einrichtungen, in denen seltsame Dinge getan werden, spielt. Oft stehen sie an abgelegenen und unzugänglichen Orten, die manchmal auch Heiligtümer oder Kultstätten sind. Entsprechend großformatig können Alan Moore und sein Zeichner Kevin O’Neill sich austoben. Fast als ob sie einen James-Bond-Film, gekreuzt mit den „Boys from Brazil“ und den „Metropolis“-Roboterträumen, garniert mit Impressionen aus Siebziger-Jahre-Sadomaso-Nazi-Frauengefängnisfilmen und der obligatorischen Portion nackter Haut, inszenieren wollten.
Am Ende des furiosen, witzigen und actionhaltigen Dschungelabenteuer bleibt nur eine Frage: Wann erscheinen die drei „Nemo“-Geschichten in einem Sammelband?
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Mit seiner neuesten Serie „Providence“ steigt Alan Moore mit Zeichner Jacen Burrows, die bereits in „Neonomicon“ eine von Lovecraft inspirierte Welt schufen, vollständig in die Welt von H. P. Lovecraft (1890 – 1937) ein.
1919 beginnt Robert Black, Reporter der Zeitung von Providence, Rhode Island, mit einer Recherche für die die „Vermischtes“-Seite. Er soll mit Doktor Alvarez reden. Der hatte ein Essay über Robert Chambergs „König in Gelb“ (das auf „Sous le Monde“ und den damit zusammenhängenden skandalösen Begebenheiten basiert) geschrieben und das Buch soll einige Leser verrückt gemacht haben.
Blacks Recherchen führen ihn, nachdem er bei Doktor Alvarez war, der in einem heruntergekühlten Wohnung lebt, zu Mr. Robert Suydam, einem Mann mit einem besonderen Interesse am Okkulten und einem Keller, in dem Black glaubt, Knochen und seltsame Wesen zu sehen, zur in einem Fischerdorf gelegenen Kirche St. Judas und einem einsam gelegenem Farmhaus mit einer sehr merkwürdigen Familie. Er gerät bei seiner Suche immer tiefer in die von Geheimnissen und Wahnsinn geprägte Welt von Cthulhu.
Natürlich strotzen die ersten vier „Providence“-Episoden nur so vor Anspielungen, Querverweisen und Verarbeitungen von Lovecraft-Erzählungen. Das erste Heft bezieht sich auf „Kühle Luft“, das zweite auf „Grauen in Red Hook“, das dritte auf „Schatten über Innsmouth“ und das vierte auf „Das Grauen von Dunwich“. Weitere Anspielungen schlüsselt Antonio Solinas in seinem Nachwort auf.
Der zweite „Providence“-Sammelband ist für den 26. Juli angekündigt und Alan Moore könnte hier wirklich ein weiteres äußerst langlebiges Projekt am Start haben.
Alan Moore/Tony S. Daniel/Kevin Conrad: Spawn: Bloodfeud – Blutfehde
(übersetzt von Claudia Fliege)
Panini, 2015
116 Seiten
14,99 Euro
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Originalausgabe
Blood Feud, Preludes & Nocturnes (Spawn 32, Juni 1995)
Spawn: Blood Feud, Part One – Four (Spawn: Blood Feud # 1 – 4, Juni – September 1995)
Alan Moore/Kevin O’Neill: Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen: Nemo – Fluss der Geister
(übersetzt von Gerlinde Althoff)
Panini, 2015
60 Seiten
9,99 Euro
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Originalausgabe
Nemo: River of Ghosts
Top Shelf Productions/Knockabout Comics, 2015
Alan Moore/Jacen Burrows: Providence – Band 1
(übersetzt von Gerlinde Althoff)
Panini, 2015
176 Seiten
19, 99 Euro
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Originalausgabe
Providence, #1 – 4
Mai – August 2015
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Zusatzlektüre
Ob es wirklich „Das Beste vom Meister des Unheimlichen“ ist, weiß ich nicht, aber „Cthulhus Ruf“ (The Call of Cthulhu), „Der Fall Charles Dexter Ward“ (The Case of Charles Dexter Ward, verfilmt als „Die Folterkammer des Hexenjägers“), „Die Farbe aus dem All“ (The Colour out of Space), „Berge des Wahnsinns“ (At the Mountains of Madness), „Stadt ohne Namen“ (The nameless City), „Die Ratten im Gemäuer“ (The Rats in the Walls), „Schatten über Innsmouth“ (The Shadow over Innsmouth; – von Moore/Burrows in „Providence“ verarbeitet) und „Die Musik des Erich Zann“ (The Music of Erich Zann) sind gute Geschichten und ein Vorwort von Wolfgang Hohlbein, der die Geschichten auswählte, ist auch nicht schlecht.
Und danach kann man ja die anderen Geschichten von Lovecraft lesen.
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H. P. Lovecraft: Horrorstories – Das Beste vom Meister des Unheimlichen
(übersetzt von H. C. Artmann, Charlotte Gräfin von Klinckowstroem und Rudolf Hermstein)
Suhrkamp, 2015
528 Seiten
12 Euro
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Hinweise
Comic Book Database über Alan Moore
Alan-Moore-Fanseite (etwas veraltet)
Wikipedia über Alan Moore (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Alan Moore/Dave Gibbons’ „Watchmen” (Watchmen, 1986/1987)
Meine Besprechung von Alan Moore/Eddie Campbells “From Hell” (From Hell, 1999)
TV-Tipp für den 25. April: Projekt: Peacemaker
April 25, 2016Kabel 1, 20.15
Projekt: Peacemaker (USA 1997, Regie: Mimi Leder)
Drehbuch: Michael Schiffer
LV: Leslie Cockburn, Andrew Cockburn: One Point Safe (Artikel)
US-Colonel Thomas Devoe und Nuklearspezialistin Dr. Julia Kelly suchen mehrere verschwundene russische Atomsprengköpfe. Einer davon gelangt in die Hände eines serbischen Terroristen, der die Bombe in New York zünden will.
Interessant ist an „Projekt: Peacemaker“ nicht die Geschichte, sondern die kleinen Verschiebungen und Brüche innerhalb eines Genrefilms. Denn nach dem Ende des Kalten Krieges existieren die alten Fronten und Regeln nicht mehr. Neue Regeln gibt es noch nicht. Das ausführlich geschilderte Motiv des Terroristen ist sehr nachvollziehbar. Er möchte seine Familie rächen.
„Projekt: Peacemaker“ versucht innerhalb einer Genregeschichte die neue Realität nach dem Ende des Kalten Krieges für die Geheimdienste und die internationale Politik zu fassen. Dabei ist der Film genauso unsicher wie die Geheimdienste. Der alte Gegner Kommunismus ist verschwunden. Ein neuer ist noch nicht gefunden. An dieser Schnittstelle erzählt “Projekt: Peacemaker” seine Geschichte.
Mit George Clooney, Nicole Kidman, Armin Müller-Stahl, Alexander Baluyev
Wiederholung: Dienstag, 26. April, 00.35 Uhr (Taggenau!)
Hinweise
TV-Tipp für den 23. April: Die reichen Leichen. Ein Starnbergkrimi
April 23, 2016BR, 22.00
Die reichen Leichen – Ein Starnbergkrimi (Deutschland 2014, Regie: Dominik Graf)
Drehbuch: Sathyan Ramesh
Erster Arbeitstag für Polizeimeisteranwärterin Fink am Starnberger See und gleich gibt es eine Leiche, die aussieht wie der schon lange verstorbene König Ludwig II.
Heimatkrimi, Graf-Style. Das ist dann Meilenweit von den üblichen „Soko Kitzbühel“-Erzeugnissen entfernt.
mit Annina Hellenthal, Andreas Giebel, Florian Stetter, Hannes Jaenicke, Ulrike C. Tscharre, Alicia von Rittberg, Martin Feifel, Eisi Gulp, Beatrice Richter, Saski Vester
Hinweise
Filmportal über “Die reichen Leichen”
Die Zeit spricht mit Dominik Graf über “Die reichen Leichen” (17. Oktober 2014)
Critic über “Die reichen Leichen”
Meine Besprechung von Dominik Grafs „Schläft ein Lied in allen Dingen“
Meine Besprechung der von Dominik Graf inszenierten TV-Serie „Im Angesicht des Verbrechens“
Meine Besprechung von Dominik Grafs “Die geliebten Schwestern” (Deutschland/Österreich 2013/2014)
TV-Tipp für den 22. April: Shame
April 21, 20163sat, 22.35
Shame (Shame, Großbritannien 2011)
Regie: Steve McQueen
Drehbuch: Steve McQueen, Abi Morgan
Brandon ist sexsüchtig – und das ist kein Vergnügen.
Grandioses, etwas kühles Drama von Steve McQueen, der davor „Hunger“ und danach „12 Years a Slave“ inszenierte. Alles keine leichte Kost, aber in jedem Fall sehenswert.
Mehr in meiner ausführlichen Besprechung (mit zwei ausführlichen Interviews mit Steve McQueen und Michael Fassbender).
mit Michael Fassbender, Carey Mulligan, James Badge Dale, Nicole Beharie
Hinweise
Wikipedia über „Shame“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Steve McQueens „Shame“ (Shame, Großbritannien 2011)
Meine Besprechung von Steve McQueens “12 Years a Slave” (12 Years a Slave, USA 2013)
Neu im Kino/Filmkritik: Thomas Vinterbergs „Die Kommune“ lebt – in den Siebzigern
April 21, 2016Wie war das Leben damals in den Siebzigern in einer Kommune? Regisseur Thomas Vinterberg, der in einer solchen Wohngemeinschaft aufwuchs, fand diese Zeit zwischen seinem siebten und neunzehnten Lebensjahr ganz normal. Aber er wurde immer wieder danach gefragt. Also schrieb er zunächst ein Theaterstück und dann, zusammen mit Tobias Lindholm, dessen Drama „A War“ gerade im Kino läuft, ein Drehbuch, das er verfilmte und auf der Berlinale im Wettbewerb präsentierte. Trine Dyrholm wurde als beste Darstellerin ausgezeichnet.
Mitten in den Siebzigern erbt der Architekt und Universitätsdozent Erik (Ulrich Thomsen) das im Kopenhagener Nobelviertel liegende elterliche Anwesen. Er möchte es sofort gewinnbringend verkaufen. Aber seine Frau Anna (Trine Dyrholm), eine TV-Nachrichtensprecherin, überzeugt ihn, dass sie mit ihrer vierzehnjährigen Tochter einziehen und, um die Kosten zu senken, ihre Freunde als Mitbewohner einladen sollen. Kurz gesagt: sie gründen mit ihren alten und einigen neuen Freunden eine Kommune, in der alles herrschaftsfrei ausdiskutiert und geteilt werden soll. Denn damals war eine Wohngemeinschaft kein Zweckbündnis, sondern ein politisches Statement und ein Gegenentwurf zur bürgerlichen Gesellschaft und zur ebenso bürgerlichen Familie mit ihrem repressiven Charakter. Eine Kommune war die Gegenwart gewordene Utopie einer anderen, besseren, egalitären Gesellschaft.
Das, was auch in Vinterbergs Film so paradiesisch beginnt, böte natürlich die Möglichkeit, mit den Ideen vom Zusammenleben in Kommunen, mehr oder weniger witzig, mehr oder weniger boshaft und mehr oder weniger analytisch, abzurechnen. Immerhin scheiterten die Experimente des herrschaftsfreien Zusammenlebens. Die egalitären und in jeder Beziehung neidfreien Idealvorstellungen erwiesen sich als nicht alltagstauglich. In den real existierenden Kommunen bildeten sich Herrschafts- und Machtstrukturen, die fast immer auch zu einem Ende der Kommune führten. Seltener wurden, beginnend bei Mietzahlungen und Putzplänen, Verfahren entwickelt. „Die Kommune“ könnte auch zur Metapher für das Zusammenleben im Allgemeinen und im Besonderen werden.
Aber für Vinterberg ist seine Jugend eine Zeit voller goldener Erinnerungen und absurder Momente, die – auch wenn der Film höchstens autobiographisch inspiriert ist – einen sehr liebevollen Blick auf die Zeit wirft. Die Filmgeschichte konzentriert sich dabei auf Erik und Anna und ihre Beziehung. Denn Erik verliebt sich in eine seiner Studentinnen. Eine gut aussehende Brigitte-Bardot-Kopie. Als ihre Tochter seine Affäre entdeckt, steht Anna vor der Frage, wie sie damit umgeht. Sie schlägt vor, dass Emma (Helene Reingaard Neumann) bei ihnen einzieht.
Spätestens ab diesem Moment ist offensichtlich, dass „Die Kommune“ kein Ensemblestück ist, in dem die einzelnen Mitglieder der Kommune zu komplexen Charakteren werden, sondern dass es ein Nicht-Ensemble-Ensemblefilm ist. Die anderen Hausbewohner liefern einen zeitgeschichtlichen Hintergrund. Sie sind zusätzliche Farben für ein doch eher banales Ehedrama. Denn selbstverständlich führt die Anwesenheit von Emma in der Kommune zu einigen Problemen und weitreichenden Entscheidungen.
Das gesagt ist „Die Kommune“ auch ein leicht sentimental-verklärender, anekdotischer Rückblick auf eine Zeit, als neue Formen des Zusammenlebens ausprobiert wurden
Die Kommune (Kollektivet, Dänemark 2016)
Regie: Thomas Vinterberg
Drehbuch: Thomas Vinterberg, Tobias Lindholm
mit Trine Dyrholm, Ulrich Thomsen, Helene Reingaard Neumann, Martha Sofie Wallstrom Hansen, Lars Ranthe, Fares Fares, Magnus Millang, Julie Agnete Vang, Anne Gry Henningsen
Länge: 112 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Hinweise
Rotten Tomatoes über „Die Kommune“
Neu im Kino/Filmkritik: „Visions“ – sie sieht schlimme Dinge
April 21, 2016Für was es nicht alles Preise gibt. Aber andererseits: warum nicht? „Visions“ war in der Kategorie „Location Team of the Year – Independent Feature Film“ 2014 für den California on Location Awards, kurz Cola, nominiert. Und, ja, die Locations gefallen. „Visions“ spielt in den kalifornischen Weinbergen, die Landschaft ist rural, die Sonnenuntergänge fotogen, die Leute, auch die mexikanischen Arbeiter, schön. Traditionsbewusst sind sie alle. Dient natürlich dem Verkauf des alkoholhaltigen Saftes.
„Visions“, eine der aktuellen Blumhouse-Productions-Filme (bei dem Output der Firma kann nicht wirklich von dem neuesten Film gesprochen werden), erzählt die Geschichte des jungen, aus der Großstadt kommenden Ehepaares Eveleigh (Isla Fisher) und David Maddox (Anson Mount), die sich gerade ein Weingut zugelegt haben. Er möchte damit endlich seine Träume verwirklichen. Sie ist schwanger. Die Nachbarn sind nett, auch wenn die schon etwas ältere Weinexpertin während ihres Begrüßungsempfangs wunderlich reagiert.
Alles könnte perfekt sein, wenn Eveleigh, die immer noch an den Nachwirkungen eines schweren Autounfalls leidet, nicht Dinge sehen würde, die außer ihr niemand sieht. Ob es sich dabei um Ereignisse aus der Vergangenheit oder Zukunft handelt, ist unklar. Oder ob es sich nur um ein ausgewachsenes Schwangerschaftstrauma handelt. Ich vermutete jedenfalls lange eine Lösung in Richtung „Rosemaries Baby“.
Regisseur Kevin Greutert („Saw VI“, „Saw 3D“, „Jessabelle – Die Vorhersehung“) wählte dann eine andere Lösung, die in ihrem Bemühen wirklich jede ihrer Visionen und jeden Punkt, der irgendwann im Film verbal oder visuell angesprochen wurde, miteinander zu verbinden so hoffnungslos überladen ist, dass die dann präsentierte Lösung, die wirklich alle Teile miteinander verbindet, absolut unglaubwürdig ist.
Bis dahin ist „Visions“ ein milder Grusler, professionell aufgenommen, ordentlich gespielt (Drehbuch und Schauspieler zahlen sich halt aus) und ohne hysterische Blutbäder, aber letztendlich auch ohne große Überraschungen.
Visions (Visions, USA 2015)
Regie: Kevin Greutert
Drehbuch: L.D. Goffigan, Lucas Sussman
mit Isla Fisher, Anson Mount, Gillian Jacobs, Joanna Cassidy, Eva Longoria, Jim Parsons, Michael Villar, Bryce Johnson, John de Lancie
Länge: 83 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
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Hinweise
Neu im Kino/Filmkritik: Melissa McCarthy ist „The Boss“
April 21, 2016In den USA eroberte „The Boss“, der neue Film von und mit Melissa McCarthy, gleich den zweiten Platz der Kinocharts, in der zweiten Woche den dritten Platz und die Kosten dürften damit schon jetzt vollständig eingespielt sein. Dass sich die Begeisterung der Kritiker in Grenzen hielt, hat im Moment keinen Einfluss auf ihre Beliebtheit. Auch wenn sie einen auf den ersten Blick unsympathischen Charakter spielt, den sie vor fünfzehn Jahren bei der Impro-Theatergruppe „The Groundlings“ erfand. Sie ist Michelle Darnell, ein Waisenkind, das von jeder potentiellen Pflegefamilie verstoßen wurde und die sich dann ganz allein ganz nach oben arbeitete. Sie ist eine erfolgreiche, großkotzige, allein lebende Unternehmerin mit mehr Geld als Heu. Sie ist der personifizierte amerikanische Traum ohne den Hauch eines sozialen Gewissens oder Empathie für ihre Mitmenschen.
Nach einem kurzen Gefängnisaufenthalt wegen Insiderhandel in einem Luxusgefängnis steht sie vor dem Nichts. Also quartiert sie sich bei ihrer ehemaligen, allein lebenden Sekretärin Claire (Kristen Bell) und deren Tochter Rachel (Ella Anderson) ein.
Als sie zu einer Schulversammlung mitgeht, legt sie sich gleich mit einer anderen Mutter an. Aus einer geplanten wohltätigen Keksverkaufsaktion, in der den Schülerinnen in schönster Pfadfindertradition Gemeinschaftswerte beigebracht werden sollen, initiiert sie einen knallharten kapitalistischen Verkaufswettbewerb. Bei ihr erhalten die Schülerinnen keine Fleißpunkte, sondern für jeden verkauften Brownie eine Provision. Schnell baut sie mit den von Claire nach einem Spezialrezept gebackenen Brownies ein Unternehmen auf, das sich über die gesamten USA erstrecken soll. Ihr Ex-Freund und Intimfeind Renault (Peter Dinklage) will ihr Geschäft übernehmen.
„The Boss“ ist allerdings keine Wirtschaftssatire. McCarthy versucht das in ihrem Film noch nicht einmal. Denn außer den offensichtlichsten Wirtschaftsgags ignorieren sie und Regisseur Ben Falcone dieses humoristische Potential ihrer Geschichte vollkommen. Die besten Gags, wenn Melissa McCarthy nicht gerade verbal dem Affen Zucker gibt oder in waghalsigen Stunts Treppen herunterfällt, drehen sich dann folgerichtig um, ähem, Frauenbelange, wie einer exzessiven Bräunungsaktion in Claires Badezimmer oder einem langwierigen Bekleidungsratschlag von ihr. Denn Claire will für ein Date ihren ausgewaschenen Lieblingspullover und einen betont unerotischen, aber bequemen BH anziehen. Das sind dann Gags, die in jedem Umfeld funktionieren, aber die Filmgeschichte in keinster Weise voranbringen oder irgendetwas zum Thema des Films beitragen. Dafür verstärken sie das Gefühl, dass man gerade eine Episode aus einer Sitcom sieht. Allerdings eine mit nicht besonders glaubwürdigen Charakteren. Oder glaubt jemand wirklich ernsthaft, dass Claire in punkto Beziehungen Ratschläge von Michelle Darnelle nötig hat?
So wird vieles zwar angesprochen, aber nichts konsequent zu Ende erzählt. Entsprechend lieblos wird die Geschichte von der Läuterung des Ekels erzählt. Anstatt nämlich Michelle Darnells Lebensphilosophie, dass Geld ein Ersatz für Familie, Liebe und Geborgenheit ist, konsequent in jeder Szene zu prüfen und immer wieder die verschiedenen Werte von Familie, Gemeinschaft und Kapitalismus aufeinanderprallen zu lassen, schweifen die Macher immer wieder ab in letztendlich belanglose Episoden und einen ziemlich absurden dritten Akt, in dem dann Michelle, Claire und ihr Freund wie Dick & Doof in Renaults riesiges Bürohaus einbrechen.
Einen großen Teil an dieser so entstandenen ziemlich umfassenden Enttäuschung liegt dabei an Melissa McCarthy, die als Schauspielerin und Komikerin überzeugt, aber als Mit-Drehbuchautorin sich einfach zu sehr auf den Star und die Sketche verlässt, während sie die erzählerische Logik links liegen lässt. Insofern ist „The Boss“ nach „Tammy – Voll abgefahren“, wo sie ebenfalls Mit-Drehbuchautorin war, ein Schritt zurück in seichte Gewässer. In „Tammy“ versuchte sie in der zweiten Hälfte des Films aus dem Komödienfach mit festgelegter Rolle in das dramatische Fach aufzubrechen. In „The Boss“ ist von solchen Ambitionen nichts zu spüren. Genaugenommen ist noch nicht einmal von irgendwelchen Ambitionen etwas zu spüren. Dafür ist „The Boss“ einfach zu selbstgenügsam in der Präsentation von Melissa McCarthy als Fixstern in einem sich nur um sie drehendem Kosmos.
The Boss (The Boss, USA 2016)
Regie: Ben Falcone
Drehbuch: Melissa McCarthy, Ben Falcone, Steve Mallory
mit Melissa McCarthy, Kristen Bell, Peter Dinklage, Ella Anderson, Tyler Labine, Kathy Bates, Cecily Strong, Mary Sohn,Tim Simons, Kristen Schaal, Ben Falcone
Länge: 99 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Hinweise
Deutsche Facebook-Seite zum Film
Rotten Tomatoes über „The Boss“
Meine Besprechung von Ben Falcones „Tammy – Voll abgefahren“ (Tammy, USA 2014)
Veröffentlicht von AxelB 

















