TV-Tipp für den 21. Juli: Der Krieg des Charlie Wilson

Juli 20, 2018

ZDFneo, 21.35

Der Krieg des Charlie Wilson (USA 2007, Regie: Michael Nichols)

Drehbuch: Aaron Sorkin

LV: George Crile: Charlie Wilson’s War: The Extraordinary Story of the Largest Covert Operation in History, 2003 (Der Krieg des Charlie Wilson)

Auf Tatsachen basierende, von der Kritik abgefeierte und für viele Preise nominierte Polit-Komödie über den liberal-demokratischen Kongressabgeordneten Charlie Wilson, der in den Achtzigern half den afghanischen Widerstand gegen die Sowjets finanziell und mit Waffen zu unterstützten.

Die Folgen – nun, heute kennen wir die weitere Geschichte von Afghanistan, den Taliban und von Al-Qaida.

Mit Tom Hanks, Julia Roberts, Philip Seymour Hoffmann, Amy Adams, Ned Beatty, Emily Blunt, Michael Spellman

Hinweise

Film-Zeit über „Der Krieg des Charlie Wilson“

Rotten Tomatoes über “Der Krieg des Charlie Wilson”

Wikipedia über “Der Krieg des Charlie Wilson” (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Hans Weingartners sehenswertes Roadmovie „303“

Juli 20, 2018

Zuerst will die Biologie-Studentin Jule (Mala Emde) den Anhalter und Politik-Studenten Jan (Anton Spieker) in ihrem alten Wohnmobil nur bis Köln mitnehmen. Aber bei so einer Fahrt hat man zwischen Berlin und Köln viel Zeit, um sich zu unterhalten. Und so nimmt sie ihn letztendlich bis nach Portugal mit. Jule will dort ihren Freund treffen und mit ihm über ihre Schwangerschaft reden. Jan will dort seinen ihm bislang unbekannten Vater treffen.

Aber, wie man so sagt: der Weg ist das Ziel. In diesem Fall ist der Weg, unterbrochen von einigen haarsträubenden Zufällen am Anfang der Reise, vor allem ein ständiges, fast nie abbrechendes Gespräch zwischen Jule und Jan über Gott und die Welt, während an ihnen die Welt vorbeizieht und sie sich langsam näherkommen. Sie sind Geistesverwandte von Jesse (Ethan Hawke) und Céline (Julie Delpy). Sie lernten wir in Richard Linklaters „Before Sunrise“ (USA 1994) kennen und lieben, während sie sich durch eine Nacht in Wien redeten. Dieser Klassiker, der inzwischen zwei ebenso redselige Fortsetzungen fand, ist auch die Inspiration für „303“, den neuen Film von Hans Weingartner („Die fetten Jahre sind vorbei“). Und genau wie in „Before Sunrise“/“Before Sunset“/“Before Midnight“ hängt die Qualität des Films davon ab, wie sehr wir die Protagonisten mögen und wie natürlich die endlosen Gespräche zwischen ihnen klingen. Dabei waren die Gespräche zwischen Jule und Jan schon im Drehbuch genau ausformuliert. „An den Dialogen ist rein gar nichts zufällig. Das geht nicht anders, solche Texte kann man nicht improvisieren. Das wird zu lang und ufert aus und ist zu sprunghaft.“ (Hans Weingartner)

Die Gespräche der beiden in Berlin studierenden, leicht slackerhaften Mittzwanziger drehen sich um die großen Dinge, die Weingartner schon während seines Studiums am Küchentisch diskutierte und die auch heute junge Menschen beschäftigen. Es geht um Liebe, Kapitalismus, Egoismus, Kooperation und Suizid. Nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Jule hält den Menschen für empathisch und kooperativ. Jan nicht. Und damit gibt es schon genug Zündstoff. Weil diese und ähnliche Fragen und Weisheiten im Mittelpunkt des Films stehen und weil Weingartner seit fast zwanzig Jahren an den Dialogen schreibt (in Form einer 300-seitigen Dialagsammlung sind sie auf seinem Computer), er die erste Idee für „303“ bei den Dreharbeiten zu „Das weiße Rauschen“ (2001) hatte, der Film direkt nach seinem letzten Film „Die Summe meiner einzelnen Teile“ (2012) 2013 gedreht werden sollte, sich die Finanzierung damals kurz vor dem Dreh zerschlug und das Roadmovie jetzt zwischen August und Oktober 2015 mit einem kleinen Team von acht Leuten gedreht wurde, gibt es keine sich auf die aktuelle Tagespolitik beziehenden Dialoge. Und das ist gut so. Denn so bleibt die Reise der beiden Studierenden zeitlos.

Trotzdem ist es schade, dass die beiden durch Europa fahren, aber keinen Kontakt zu den in Europa lebenden Menschen haben. Das unterscheidet ihre Reise von der Reise der beiden Motorradfahrer Wyatt (Peter Fonda) und Billy (Dennis Hopper) in „Easy Rider“, die damals Amerika entdecken wollten.

Weingartners Roadmovie „303“ ist ein schöner Film, bei dem die gut hundertfünfzig Minuten, die der Film dauert, wie im Flug vergehen. Auch wenn wenig passiert. Außer dass Jan und Jule miteinander reden. Meistens im fahrenden Wohnmobil, einem 1980er Mercedes Hymer 303. Eigentlich ist es ein 308, aber Regisseur Hans Weingartner meinte, 303 klinge besser. Manchmal halten Jule und Jan auch an. Aber für die Menschen und die Landschaft interessieren sie sich nicht. Sie müssen sich ja weiter unterhalten, auch wenn manche ihre Sätze von Jan oder von Jule gesagt werden könnten und sie wenig bis keine Verbindung zu ihrem Studium haben. Es geht halt um die großen philosophischen Fragen und die haben nichts mit dem Studienfach zu tun.

303 (Deutschland 2018)

Regie: Hans Weingartner

Drehbuch: Hans Weingartner, Silke Eggert

mit Mala Emde, Anton Spieker

Länge: 145 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „303“

Moviepilot über „303“

Rotten Tomatoes über „303“

Wikipedia über „303“


Neu im Kino/Filmkritik: Kreative Titelwahl, nächste Folge: „Sicario 2“

Juli 20, 2018

Manche Filme schreien nach einer Fortsetzung. Bei anderen ist nichts dagegen einzuwenden, wie bei dem neuen James-Bond-, Jack-Reacher- oder Equalizer-Film. Es ist halt eine weiteres Abenteuer mit einem bekannten Charakter. Bei anderen fragt man sich, warum eine Fortsetzung gedreht wird. Andrew Davis‘ „Auf der Flucht“ ist so ein Fall. Oder Denis Villeneuves‘ „Sicario“. Am Ende des grandiosen Drogenthrillers war die Geschichte auserzählt. Dass der Drogenkrieg zwischen den USA und Südamerika weitergeht, geschenkt. Dass die Protagonisten des Films weiter an der amerikanisch-mexikanischen Grenze gegen Drogenschmuggler und andere Verbrecher kämpfen, ist auch klar. Einen weiteren Film mit ihnen muss man deshalb nicht machen.

Aber „Sicario“ war so unglaublich erfolgreich, dass Hollywood schnell an eine Fortsetzung dachte. Denn man kann mühelos weitere Kriminalgeschichten aus dem Grenzgebiet erzählen. Taylor Sheridan, der Autor von „Sicario“, „Hell or High Water“ und „Wind River“ (gleichzeitig sein Regiedebüt), setzte sich wieder an den Schreibtisch. Die beiden Hauptdarsteller Benicio del Toro und Josh Brolin kehrten zurück. Ebenso Jeffrey Donovan, der wieder den für die Geschichte doch eher nebensächlichen CIA-Auftragnehmer Steve Forsing spielt. Emily Blunt, das moralische Zentrum des Films, verzichtete. Und die Story ist ein, zwei Nummern größer angelegt.

Dieses Mal beginnt die Geschichte mit einem von mehreren Islamisten durchgeführten Selbstmordanschlag in einem US-Ladengeschäft. Weil die Täter anscheinend über die mexikanisch-amerikanische Grenze gekommen sind, wird CIA-Mann Matt Graver (Josh Brolin) beauftragt, einen Krieg zwischen den Drogenkartellen, die sich auch als Menschenschmuggler betätigen, zu initiieren. So soll eine weitere Infiltration der USA durch Selbstmordattentäter verhindert werden. Alejandro (Benicio del Toro), der Anwalt, der nachdem seine Familie ermordet wurde, zum Killer wurde, soll ihm bei der Mission helfen. Zusammen entführen sie in Mexico City am helllichten Tag die zwölfjährige Tochter des Kartellbosses Reyes. Sie wollen die Tat einem anderen Kartellboss in die Schuhe schieben und so einen Krieg zwischen den Kartellen lostreten. Schnell läuft die Mission hoffnungslos aus dem Ruder.

Für „Sicario 2“ übernahm der Italiener Stefano Sollima die Regie. Der Italiener erarbeitete sich in den vergangenen Jahren mit den Gangsterserien „Romanzo Criminale“ und „Gomorrah“ und den Spielfilmen „ACAB: All Cops are Bastards“ und „Suburra“ einen glänzenden Ruf bei Thrillerfans. Und an ihm liegt es nicht, dass sein US-Debüt so enttäuscht. Er inszenierte effizient das zerfaserte Drehbuch von Taylor Sheridan. Denn wo „Sicario“ eine kluge Analyse des „war on drugs“ lieferte, verheddert sich „Sicario 2“ hoffnungslos zwischen Organisierter Kriminalität, Internationalem Terrorismus und dem US-Kampf dagegen. Da fehlt die analytische Schärfe von Sheridans früheren Arbeiten. Und die Story wirkt mit all ihren Wendungen niemals besonders glaubwürdig. Das beginnt schon mit der bescheuerten und unglaubwürdigen Idee, durch eine Entführung eines Kindes einen Krieg zwischen den Kartellen zu initiieren (als ob es nicht auch einfacher ginge) und so auch den islamistischen Terrorismus zu bekämpfen (als ob das so funktionieren würde). Und findet seine Fortsetzung in den verschiedenen Plotwendungen, die sich nicht aus der Geschichte ergeben (oder ich habe etwas verpasst), sondern vom Autor so gewollt sind. Um davon abzulenken, gibt es effizient inszenierte Action und Gewalt. Im Universum von „Sicario 2“ ist ein Mord ein probates Mittel, um ein Problem zu beseitigen oder eine Mutprobe zu überstehen.

Das klingt jetzt unglaublich negativ. Dabei ist „Sicario 2“ kein wirklich schlechter Film, aber angesichts des Inputs von Taylor Sheridan und Stefano Sollima ein enttäuschender Film, der mit einem überragenden Vorgänger zu kämpfen hat und der niemals zum Nachdenken anregt.

Sicario 2 (Sicario: Day of the Soldado, USA/Italien 2018)

Regie: Stefano Sollima

Drehbuch: Taylor Sheridan

mit Benicio del Toro, Josh Brolin, Isabela Moner, Jeffrey Donovan, Catherine Keener, Manuel Garcia-Rulfo, Matthew Modine, Elijah Rodriguez

Länge: 123 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Sicario 2“

Metacritic über „Sicario 2“

Rotten Tomatoes über „Sicario 2“

Wikipedia über „Sicario 2“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Denis Villeneuves „Sicario“ (Sicario, USA 2015) und der DVD und des Soundtracks

Meine Besprechung von David Mackenzies „Hell or High Water“ (Hell or High Water, USA 2016) (nach einem Drehbuch von Taylor Sheridan)

Meine Besprechung von Taylor Sheridans „Wind River (Wind River, USA 2017)

Meine Besprechung von Stefano Sollimas  „Romanzo Criminale – Staffel 1“

Meine Besprechung von Stefano Sollimas „Romanzo Criminale – Staffel 2“

Meine Besprechung von Stefano Sollimas „Suburra“ (Suburra, Frankreich/Italien 2015) (und der DVD)


TV-Tipp für den 20. Juli: Prince – Sign o‘ the Times

Juli 20, 2018

https://www.youtube.com/watch?v=Oeir7QPYnBU

Arte, 23.25

Prince – Sign o‘ the Times (Prince – Sign o‘ the Times, Usa 1987)

Regie: Prince (= Prince Rogers Nelson), Albert Magnoli (ungenannt)

Drehbuch: Prince

Damals war der am 21. April 2016 überraschend verstorbene Prince everybody’s darling. Der Konzertfilm sollte seine Europatournee dokumentieren. Aber weil die Aufnahmen unbrauchbar waren, wurde das Konzert einfach in seinem Paisley-Park-Studio nachinszeniert.

Heute ist die TV-Premiere des inzwischen legendären Konzertfilms.

mit Prince, Cat Glover, Sheila E., Sheena Easton, Miko Weaver, Dr. Fink, Levi Seacer jr., Eric Leeds, Atlanta Bliss, Boni Boyer

Hinweise

Arte über „Prince – Sign o‘ the Times“

Rotten Tomatoes über „Prince – Sign o‘ the Times“

Wikipedia über „Prince – Sign o‘ the Times“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Endless Poetry“ von und mit Alejandro Jodorowsky als alter und junger Mann

Juli 19, 2018

https://vimeo.com/201049711

Das ist eine in jeder Beziehung erfreuliche Überraschung. Denn Alejandro Jodorowskys neuer Film „Endless Poetry“ feierte bereits 2016 in Cannes seine Premiere. Danach tourte er über die Festivals, wie das Filmfest München. Über eine deutsche Veröffentlichung war nichts zu hören. Dabei ist Jodorowsky kein Unbekannter. Sein weltweiter Durchbruch und größter Erfolg war 1970 der abgedrehte Western „El Topo“. 1973 folgte „Montana Sacra – Der heilige Berg“. Ein Fantasy-Film, der vor allem ein einziger psychedelischer Trip ist. Von einer auch nur irgendwie nachvollziehbaren Geschichte sprach da schon lange niemand mehr. Aber durch die vorherige Einnahme bewusstseinserweiternder Drogen war der Film damals im Kino sicher ein großer und dann auch sehr nachvollziehbarer Spaß. Weitere Filmprojekte folgten in großem Abstand . Andere zerschlugen sich. Legendär sind seine Vorarbeiten für eine Verfilmung von Frank Herberts „Der Wüstenplanet“. David Lynch verfilmte den Film dann als brave Auftragsarbeit. Alejandro Jodorowsky wurde derweil zum Comickünstler.

2013 präsentierte er in Cannes „The Dance of Reality“ (La Danza de la Realidad). Der Film ist der Auftakt zu einer autobiographischen Trilogie. In Deutschland wurde der Film nicht verliehen und auch nicht anderweitig veröffentlicht.

Endless Poetry“ ist der zweite Film der Trilogie, in der Jodorowsky sein Leben Revue passieren lässt. Mit aus dem ersten Film bekannten Schauspielern und vielen Familienmitgliedern vor und hinter der Kamera.

In „Endless Poetry“ entdeckt der am 17. Februar 1929 in Tocopilla, Chile, geborene Alejandro Jodorowsky schon als Kind seine Liebe zur Poesie. Er will sogar Dichter werden. Sein Vater, ein cholerischer und gewalttätiger Kaufmann lehnt das entschieden ab. Poesie sei etwas für Schwuchteln. Sein Sohn soll einmal das Familiengeschäft übernehmen. Aber Alejandro will einen anderen Weg gehen. Beginnend mit einigen Episoden aus Alejandros Kindheit und Jugend erzählt Alejandro Jodorowsky von seinem Eintauchen in die vibrierende Kunstszene von Santiago de Chile in den vierziger und fünfziger Jahren.

Endless Poetry“ ist ein farbiger, fantasievoller Bilderbogen voll surrealer Episoden, die als Erinnerungen immer subjektiv sind. Jodorowsky kümmert sich überhaupt nicht um die Frage, wie sehr diese und viele andere Episoden sich wirklich so zugetragen haben oder zugetragen haben könnten. Es geht um poetische Wahrheit. Und die ist hier immer vorhanden. Wenn der Faschismus sein autoritäres und kunstfeindliches Haupt erhebt, wenn Alejandros Mutter immer singt und er sich in die äußerst trinkfeste und schlagkräftige Dichterin Stella Díaz Varín verliebt, dann ist das näher bei Federico Fellini als bei einem handelsüblich-biederen Biopic. Jodorowsky erzählt hier Episoden aus den Jahren, in denen er als junger Mann die Welt der Kunst und die mit ihr verbundenen Freiheiten entdeckt. Es sind Jahre in denen, ohne an den nächsten Tag zu denken, alles möglich ist und alles ausprobiert wird: vom Sex über künstlerische Interventionen bei Veranstaltungen bis hin zum geraden Marsch durch die Stadt.

Und wenn der junge Alejandro an seinem Weg als Poet zweifelt, dann tritt der alte Alejandro Jodorowsky auf und gibt ihm kluge Ratschläge: „Das Leben hat keine Bedeutung, du musst es leben! Lebe! Lebe! Lebe!“

Der gesamte überaus zugängliche und lebensbejahende Film spielt im Kosmos verschiedener damals avantgardistischer Kunstbewegungen, die dann auch alle auf den Film und die einzelnen Episoden angewandt werden. Es ist ein herzerwärmender Surrealismus, dessen farbenprächtige Bilder auf die große Leinwand gehören.

Endless Poetry“ ist das Werk eines souveränen Künstlers, der als alter Mann altersweise auf sein Leben zurückblickt und der, das sieht man in jedem Bild des Films, im Herzen jung geblieben ist. Er ist immer noch voller Neugierde, Entdeckerfreude und überbordender Improvisationslust, die Budgetbeschränkungen als Herausforderungen ansieht und richtig altmodisches Kino macht, das problemlos auf am Computer erzeugte Bilder verzichten kann. Dafür werden Kulissen verschoben oder über die Straße geschoben.

1953, und damit endet „Endless Poetry“, verlässt Alejandro das immer autoritärer werdende Chile. Er geht nach Paris und der abschließende Teil von Jodorowskys Erinnerungs-Trilogie dürfte dann dort spielen.

Bis dahin ist „Endless Poetry“ der zugänglichste Einstieg in Jodorowskys surrealen Kosmos und auch einer der schönsten Filme des Sommers.

Endless Poetry (Poesía sin fin, Frankreich/Chile 2016)

Regie: Alejandro Jodorowsky

Drehbuch: Alejandro Jodorowsky

mit Adan Jodorowsky, Pamela Flores, Brontis Jodorowsky, Leandro Taub, Alejandro Jodorowsky, Jeremias Herskovits, Julia Avedaño, Bastián Bodenhöfer, Carolyn Carson, Adonis (ein echter Familienfilm)

Länge: 128 Minuten

FSK: ?

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Endless Poetry“

Metacritic über „Endless Poetry“

Rotten Tomatoes über „Endless Poetry“

Wikipedia über „Endless Poetry“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Alejandro Jodorowskys „Die Söhne von El Topo: Kain (Band 1)“ (2017)


TV-Tipp für den 19. Juli: Das fliegende Klassenzimmer

Juli 19, 2018

HR, 23.30

Das fliegende Klassenzimmer (Deutschland 1954)

Regie: Kurt Hoffmann

Drehbuch: Erich Kästner

LV: Erich Kästner: Das fliegende Klassenzimmer, 1933

Das ist das Schöne am Sommer (neben dem Wetter und den vielen Touristen): Filme, die seit Ewigkeiten nicht mehr im Fernsehen liefen, werden aus den dunkelsten Ecken des Archivs geholt, abgestaubt und gezeigt. Heute ist es die erste Verfilmung von Erich Kästners Jugendbuchklassiker „Das fliegende Klassenzimmer“.

Die zweite Verfilmung des Romans von 1973 mit Joachim ‚Blacky‘ Fuchsberger begleitete, dank unzähliger Wiederholungen im TV, Generationen von Jugendlichen durch die Schule – und ich fragte mich, wann ich jemals das Original zu sehen bekäme.

Damals war der von Kurt Hoffmann, nach einem Drehbuch von Erich Kästner, inszenierte Film ein Hit.

Vergnügliche und warmherzige Verfilmung des Kinderromans von Erich Kästner mit unaufdringlicher Pädagogik.“ (Lexikon des internationalen Films)

Ein Film aus dem Märchenland der Schulzeit“ (Christa Bandmann/Joe Hembus: Klassiker des deutschen Tonfilms)

Kurt Hoffmann inszenierte auch „Quax, der Bruchpilot“, „Ich denke oft an Piroschka“, „Das Wirtshaus im Spessart“, „Wir Wunderkinder“ und „Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung“.

mit Paul Dahlke, Heliane Bei, Paul Klinger, Peter Tost, Peter Kraus, Michael Verhoeven, Erich Ponto, Bruno Hübner, Knut Mahlke, Erich Kästner

Hinweise

Filmportal über „Das fliegende Klassenzimmer“

Wikipedia über „Das fliegende Klassenzimmer“

Meine Besprechung von Erich Kästners „Die verschwundene Miniatur“ (1935/2009)


Neu im Kino/Filmkritik: „Nico, 1988“ – am Ende ihres Lebens, immer noch vom Ruhm ihrer ersten Aufnahmen zehrend

Juli 18, 2018

Schon zu Lebzeiten hatte Nico eine treue Fangemeinde, deren Verhältnis zur Hitparade ganz einfach war: wenn der Song in den Charts ist, ist er Mist.

Neben der Fangemeinde, die sie kultisch verehrt – was ein höflicher Ausdruck für kaum vorhandene Plattenverkäufe und Auftritte in kleinen Locations ist -, kennt die breitere Öffentlichkeit Nico vor allem als Sängerin von Velvet Underground. So auch die Ein-Satz-Biographie bei AllMusic: „Model, actress, chanteuse, and former Velvet Underground frontwoman known for her sultry voice and ice-goddess presence.“ Dabei ist sie auf der ersten Platte von „Velvet Underground“ (die mit dem Bananen-Cover) nur bei den Songs „Femme Fatale“, „All tomorrow’s parties“ und „I’ll be your mirror“ zu hören. Und das auch nur, weil Produzent Andy Warhol das unbedingt wollte. Die Band – Lou Reed, John Cale, Sterling Morrison und Maureen ‚Moe‘ Tucker – hätte schon damals gerne auf das Model verzichtet.

Die am 16. Oktober 1938 in Köln als Christa Päffgen geborene Sängerin „stilisierte ihr kaum vorhandenes Diseusen-Talent zum Mysterium. Mit einer Wisperstimme, die in Bassregionen jenseits der Hörgrenze reichte, hauchte das ehemalige Fotomodell abstrakte Klagen und surrealistischen Weltschmerz zu delikater Orchesterbegleitung.“ (Barry Graves/Siegfried Schmidt-Joos/Bernward Halbscheffel: Das neue Rock-Lexikon, 1998)

Ihre ersten beiden Solo-LPs „Chelsea Girl“ (1967) und „The Marble Index“ (1968, produziert von John Cale) haben einen gewissen allgemein akzeptierten Klassikerstatus. Die beiden nachfolgenden, ebenfalls von Cale produzierten LPs „Desertshore“(1970) und „The End“ (1974) schließen an „The Marble Index“ an und sind fast unbekannt. Danach versandete die Karriere der Chanteuse. In den frühen Achtzigern wurde sie vom Gothic-Publikum wiederentdeckt und fortan kultisch verehrt.

Jetzt, dreißig Jahre nach ihrem Tod am 18. Juli 1988 auf Ibiza läuft „Nico, 1988“ in unseren Kinos an und der Film, der letztes Jahr auf den Internationalen Filmfestspielen in Venedig seine Premiere hatte, ist ein Denkmal der besonderen Art. Es ist eine Liebeserklärung an eine Sängerin, die letztendlich am Tiefpunkt ihres Lebens gezeigt wird; – was dann doch eine etwas seltsame, verquere und fast schon feindselige Liebeserklärung ist, die Nico wahrscheinlich genau deshalb gefallen hätte. Immerhin wird sie als eine Frau porträtiert, die kompromisslos ihre künstlerische Vision verfolgt und an ihrer aktuellen Arbeit gemessen werden will. Auch wenn die niemand hören will.

Susanna Nicchiarellis im heute ungewöhnlichen, hier sehr passendem 1.37:1 „Academy“-Filmformat gedrehtes Biopic „Nico, 1988“ beginnt mit einer Wohnungsbesichtigung einer etwas renovierungsbedürftigen Arbeiterwohnung in Greater Manchester, wo sie ihre letzten Jahre lebte. Während der Besichtigung zieht sie sich auf die Toilette zurück: um Geräusche aufzunehmen und Drogen zu konsumieren. Damit sind in den ersten Minuten die Themen des Films schon umrissen. Während Nico mit ihrer Band quer durch Europa und hinter den damals noch vorhandenen Eisernen Vorhang tourt, muss sie in Interviews immer wieder Fragen zu Velvet Underground und Andy Warhol beantworten. Dabei würde die launenhafte Diva, die nur noch ein Schatten ihrer früheren Schönheit ist, lieber über ihre aktuellen Klangexperimente reden.

Nico-Darstellerin Trine Dyrholm interpretiert bei den zahlreichen Auftritten von Nico und ihrer Band die Songs selbst. Die im Film ausführlich präsentierten Songs sind ein Best-of-Nico, inclusive der mit ihr verbundenen Velvet-Underground-Songs, in gemäßigt experimentellen, rockig mitreisenden Arrangements. Die Soundtrack-CD scheint es nur als Stream bzw. Download zu geben.

Zwischen den Konzerten konsumiert Nico Heroin. Sie, die in ihren jungen Jahren die Geliebte und Muse von ungefähr jedem angesagten Künstler war (von Alain Delon hat sie einen von ihm nie anerkannten Sohn), hat jüngere Liebhaber und erinnert sich schlaglichtartig an ihre Vergangenheit. Vor allem an ihre Zeit im Umfeld von Andy Warhol und ihre Kindheit in Berlin, das von den Alliierten bombardiert wird. Diese alptraumartigen Erinnerungen sind, so der Film, der Nukleus ihres künstlerischen Schaffens.

Aus diesen Episoden ergibt sich ein faszinierendes Porträt einer drogenabhängigen Künstlerin, die stur bis zu ihrem überraschenden, durch einen Fahrradsturz verursachten Tod, ihren Weg verfolgt.

Nico, 1988 (Nico, 1988, Italien/Belgien 2017

Regie: Susanna Nicchiarelli

Drehbuch: Susanna Nicchiarelli

mit Trine Dyrholm, John Gordon Sinclair, Anamaria Marinca, Sandor Funtek, Thomas Trabacchi, Karina Fernandez

Länge: 94 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Nico, 1988“

Metacritic über „Nico, 1988“

Rotten Tomatoes über „Nico, 1988“

Wikipedia über Nico (deutsch, englisch)

AllMusic über Nico


TV-Tipp für den 18. Juli: Tatort: Rot – rot – tot

Juli 17, 2018

SWR, 22.00

Tatort: Rot – rot – tot (Deutschland 1978)

Regie: Theo Mezger

Drehbuch: Karl Heinz Willschrei

Kommissar Lutz sucht einen Serientäter, der im Stuttgarter Villenviertel Rothaarige erdrosselt. Als Julia Pfandler erdrosselt wird, glaubt Lutz, dass ihr Ehemann Dr. Konrad Pfandler (Curd Jürgens), ein hochintelligenter Versicherungsmathematiker, seine ihn betrügende Frau tötete und auch die anderen Morde begangen hat, um so von seiner Tat abzulenken.

Curd Jürgens, der heute immer noch (und vor allem?) als Bösewicht aus dem James-Bond-Film „Der Spion, der mich liebte“ bekannt ist, spielt auch hier einen Bösewicht mit guten Manieren.
„Rot – rot – tot“ ist ein spannender „Tatort“, der sich, wie damals üblich, auf den Fall, den Täter (der oft bekannt war) und das Motiv konzentriert, während das Privatleben des Kommissars privat bleibt. Dafür gibt es ein schönes Psychoduell zwischen Kommissar und Täter.

„Ehemann tötet Ehefrau aus Eifersucht – das ist die simple Quintessenz der Geschichte, und gerade auf der Grundlage dieser Banalität entfaltet sich die dramaturgische Raffinesse, die diesen ‚Tatort‘, ebenfalls kein Whodunit, (…) sehenswert macht.“ (Hans Krah: Sex & Crime, in Eike Wenzel, Herausgeber: Ermittlungen in Sachen ‚Tatort‘, 2000)

Ach ja, wenn heute mal wieder von „Tatort“-Zuschauerrekorden gesprochen wird. Bei der Erstausstrahlung sahen 26,57 Millionen Zuschauer „Rot – rot – tot“.

mit Werner Schumacher, Frank Strecker, Curd Jürgens, Renate Schroeter, Christian Berkel (dürfte sein Filmdebüt gewesen sein)

Wiederholung: Donnerstag, 19. Juli, 02.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Tatort-Fundus über Kommissar Lutz

Wikipedia über „Tatort: Rot – rot – tot“


Cover der Woche

Juli 17, 2018


TV-Tipp für den 17. Juli: Mandela: Der lange Weg zur Freiheit

Juli 17, 2018

ARD, 22.45

Mandela – Der lange Weg zur Freiheit (Mandela: Long Walk to Freedom, USA 2013)

Regie: Justin Chadwick

Drehbuch: William Nicholson

LV: Nelson Mandela: Long Walk to Freedom, 1995 (Der lange Weg zur Freiheit)

TV-Premiere. Sehenswertes Biopic über Nelson Mandela.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Idris Elba, Naomi Harris, Tony Kgoroge, Riaad Moosa, Fana Mokonea

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Mandela – Der lange Weg zur Freiheit“

Moviepilot über „Mandela – Der lange Weg zur Freiheit“

Metacritic über „Mandela – Der lange Weg zur Freiheit“

Rotten Tomatoes über „Mandela – Der lange Weg zur Freiheit“

Wikipedia über „Mandela – Der lange Weg zur Freiheit“ (deutsch, englisch) und Nelson Mandela

Meine Besprechung von Justin Chadwicks „Mandela – Der lange Weg zur Freiheit“ (Mandela: Long Walk to Freedom, USA 2013)

Meine Besprechung von Justin Chadwicks „Tulpenfieber“ (Tulip Fever, USA/Großbritannien 2017)


Arsenal zeigt umfassende John-Cassavetes-Werkschau

Juli 17, 2018

Das Kino Arsenal (Potsdamer Platz, Berlin) zeigt vom 25. Juli bis zum 31. August eine umfassende John-Cassavetes-Werkschau. Das breite Publikum kennt ihn als Schauspieler aus Filmen wie „Das dreckige Dutzend“ (1967, Oscar-Nominierung), „Rosemaries Baby“ (1968), „Teufelskreis Alpha“ (1978) und der „Columbo“-Episode „Etude in Schwarz“ (1972), in der er sich mit Peter Falk sehr vergnüglich die Bälle zuwarf. Mit Falk verband ihn eine lebenslange Freundschaft.

Für Anhänger unkomplizierter Unterhaltung (…) ist der Name des Filmemachers ungefähr so anziehend wie das Etikett auf einer Giftflasche.“ (Fischer Film Almanach 1987)

Cineasten kennen und verehren ihn als Regisseur von echten Independent-Filmen und Erneuerer des amerikanischen Kinos und Vorläufer des New-Hollywood-Kinos. Es sind Schauspielerfilme, mit mehr oder weniger viel Improvisation, in denen er die andere Seite des amerikanischen Traums zeigte. „In all seinen Filmen geht es um Schwierigkeiten der Kommunikation und im Zusammenleben von Menschen der Mittelschicht, um ihre Ängste und Bedürfnisse und die unvermeidlichen Zerstörungen durch das Leben selbst.“ (John Cassavetes, Hanser Reihe Film 29, 1983)

Seine bekanntesten Filme sind sein Debüt „Schatten“, „Ehemänner“, „Eine Frau unter Einfluss“, „Die erste Vorstellung“ und die beiden ‚Kriminalfilme‘ „Mord an einem chinesischen Buchmacher“/“Die Ermordung eines chinesischen Buchmachers“ und „Gloria, die Gangsterbraut“ (hier versuchte Sidney Lumet sich erfolglos an einem Remake).

In der Werkschau werden im Arsenal alle von John Cassavetes inszenierte Filme in 35-mm-Kopien mit deutschen Untertiteln und einige seiner bemerkenswerten Auftritte als Schauspieler gezeigt. Weil nicht alle Cassavetes-Filme bei uns im Kino liefen ist das auch für langjährige Cassavetes-Fans die Gelegenheit, die Filme endlich einmal auf der großen Leinwand zu sehen.

Weiter geht’s jetzt mit der von mir um einige Details und Anmerkungen ergänzte Pressemitteilung des Arsenal-Kinos (Annette Lingg):

John Cassavetes (9. Dezember 1929, New York City – 3. Februar 1989, Los Angeles) gilt mit seinem kompromisslosen Werk als einer der Begründer des unabhängigen amerikanischen Filmschaffens und setzte Maßstäbe in seiner konsequenten Ablehnung künstlerischer Zwänge. In einem 1956 für arbeitslose Schauspieler gegründeten Workshop entwickelte Cassavetes seine Ideen vom Filmemachen als Gruppenarbeit. Daraus entstand in Improvisation und mit kleinstem Budget SHADOWS, der ihm die Türen nach Hollywood öffnete. Der Versuch, seine Arbeitsweise und ästhetischen Vorstellungen im Studiosystem durchzusetzen, geriet jedoch zur Enttäuschung. In der Folge gründete Cassavetes seine eigene Produktionsfirma und situierte sich konsequent außerhalb des Studiosystems Hollywoods. Die Arbeit in engen und kontinuierlichen Gruppenzusammenhängen wurde zum zentralen Aspekt von Cassavetes’ Schaffen, der bevorzugt mit einem festen Ensemble von Schauspieler*innen arbeitete – neben Gena Rowlands, mit der er seit 1954 verheiratet war, vor allem Peter Falk, Ben Gazzara und Seymour Cassel. Von ihrem vollen physischen Einsatz und der vorbehaltlosen Öffnung gegenüber ganz persönlichen Ängsten, Sehnsüchten und Unsicherheiten lebt sein Kino der Intensität und des schonungslosen Sezierens von Gefühlen. So unkalkulierbar, schwer fassbar und erratisch wie diese sind auch seine Geschichten; Exzess und Eruption stehen anstelle von vorhersehbaren narrativen Mustern. An der Produktion schöner Bilder nicht interessiert, widersetzen sich seine Filme konventionellen Sehgewohnheiten, sind ganz um die Menschen herum gebaut, auf ihre Gesichter und Körper fokussiert. Das Geld für seine Filme verdiente Cassavetes oft als Schauspieler in Filmen anderer Regisseure. Auch dabei ging er oft an Grenzen und lotete menschliche Extremzustände aus, spielte häufig Bösewichte, brillierte aber auch in leiseren Rollen. (…)

Die Filme in der Reihenfolge ihrer Präsentation:

Mittwoch, 25. Juli, 20.00 Uhr

Freitag, 31. August, 20.00 Uhr

LOVE STREAMS (Love Streams) John Cassavetes USA 1984 OmU 114‘

Am Ende eines langen Weges durch alle Szenen einer Ehe treten John Cassavetes und Gena Rowlands in LOVE STREAMS als Bruder und Schwester, als geschwisterlich gewordenes Paar, auf. Sie zieht in seine Wohnung, als sie die Einsamkeit nach ihrer Scheidung nicht mehr erträgt. Er ist ein Autor, der Bestseller über einsame Frauen und trinkfeste Männer schreibt und dabei das eigene unheimliche Private in der Arbeit erfolgreich verdrängt.

(Goldener Bär auf der Berlinale; auf der Berlinale präsentierte Cassavetes mehrere seiner Filme)

Donnerstag, 26. Juli, 20.00 Uhr

Mittwoch, 15. August, 20.00 Uhr

FACES (Gesichter) John Cassavetes USA 1968 OmU 129’

Cassavetes’ erster Film über die Schwierigkeiten einer Ehe entstand nach seinen ernüchternden Erfahrungen in Hollywood. Direktton und eine leichte 16-mm-Kamera ermöglichten Dreharbeiten, die man als „dokumentarisches Aufzeichnen von Fiktion im Moment ihrer Entstehung“ (Ulrich Gregor) bezeichnen kann. Ein erfolgreicher Geschäftsmann verbringt die Nacht mit einer Barbekanntschaft, während seine Frau, die in einem Nachtclub Trost sucht, schließlich mit einem Fremden die Nacht verbringt. Verzweifelte eheliche Gespräche, ein Selbstmordversuch und große Ernüchterung lassen keinen Zweifel daran, dass eine Ehe in Trümmern liegt.

(Die deutsche Premiere war 1977 auf den Hofer Filmtagen. Danach lief der Film 1978 im Fernsehen.)

Freitag, 27. Juli, 19.00 Uhr

Freitag, 17. August, 19.00 Uhr

SHADOWS (Schatten) John Cassavetes USA 1959 OmU 87’

Im Zentrum von Cassavetes’ Debüt, entstanden aus einer Reihe von Improvisationsworkshops und angesiedelt im Künstlermilieu des New Yorker Nachtlebens, stehen drei Geschwister in New York, ihr Leben als Schwarze in einer weißen Gesellschaft, ihre Suche nach Identität und Akzeptanz. Die Jazzmusiker Charlie Mingus und Shafti Hadi improvisieren zur Improvisation. Nach einer ersten Filmversion wurde mit Spenden und der Unterstützung eines Verleihers die heute bekannte zweite Fassung fertiggestellt – eines der frühesten Beispiele des New American Cinema.

(Die erste Fassung dauerte eine Stunde und gilt als verloren. Die deutsche Kinofassung dauert 80 Minuten.)

Freitag, 27. Juli, 21.00 Uhr

Montag, 30. Juli, 20.00 Uhr

EDGE OF THE CITY (Ein Mann besiegt die Angst) Martin Ritt USA 1957 OF 85‘

Der Drifter Axel North (John Cassavetes) findet Arbeit im Hafen von New York. Vom Vorarbeiter schikaniert, kommt ihm der schwarze Arbeiter Charlie (Sidney Poitier) zu Hilfe und bietet dem schweigsamen Axel beharrlich seine Freundschaft an. Gefangen in einem Leben zwischen Flucht und traumatischen Erinnerungen, nähert Axel sich nur zögernd der Leichtigkeit und Lebensfreude des neuen Freundes an. Erst als Charlie rassistischen Angriffen ausgesetzt ist, lernt Axel, seine Angst zu besiegen und für Gerechtigkeit einzustehen.

Samstag, 28. Juli, 19.00 Uhr

Dienstag, 14. August, 19.30 Uhr

TOO LATE BLUES (-) John Cassavetes USA 1961 OmU 105‘

TOO LATE BLUES ist Cassavetes’ erster Versuch, im Hollywood-System zu arbeiten – von der Produktionsfirma gewünscht war ein neues SHADOWS, aber weniger experimentell und improvisiert. Eine weiße Westcoast-Jazzband muss sich zwischen Kunst und Kommerz entscheiden. Shelley Manne, Red Mitchell, Jimmy Rowles spielen mit Bobby Darin die Musik zum Ausverkauf der Träume ein. Eine berührende Liebesgeschichte aus dem Leben von Musikern, von künstlerischen Selbstzweifeln bedrängt, inmitten hektischer Partys, auf der Suche nach sich selbst.

Samstag, 28. Juli, 21.00 Uhr

Freitag, 3. August, 19.00 Uhr

SADDLE THE WIND (Vom Teufel geritten) Robert Parrish USA 1958 OF 81‘

Ein Breitwandwestern in Technicolor: Der ehemalige Revolverheld Steve Sinclair lebt ein ruhiges Leben als Farmer auf einer Rinderfarm. Sein jüngerer Bruder Tony (John Cassavetes) kehrt nach längerer Abwesenheit nachhause zurück. Im Schlepptau hat er eine Braut – und, sehr zum Missfallen von Steve, eine neue Waffe. Im unbedingten Willen, die Anerkennung seines Bruders zu gewinnen und sich gleichzeitig aus seinem Schatten zu befreien, lässt sich Tony auf eine letztlich tödliche Auseinandersetzung ein. Verletzlichkeit und Brutalität gleichermaßen charakterisieren Tony, in dem man dank John Cassavetes‘ nuanciertem Spiel noch das einstige unschuldige Kind zu sehen vermag.

Sonntag, 29. Juli, 20.00 Uhr

Montag, 13. August, 20.00 Uhr

A CHILD IS WAITING (Ein Kind wartet) John Cassavetes USA 1963 OmU 104‘

Nachdem Cassavetes monatelang zusammen mit dem Hollywood-Produzenten Stanley Kramer an diesem Film über einen behinderten Jungen in einer psychiatrischen Klinik gearbeitet hatte, wurde er ersetzt und der Film nach den Vorstellungen von Kramer neu geschnitten. Cassavetes: „Ich finde, sein Film – und ich meine, dass es sein Film ist – ist gar nicht so schlecht, nur sentimentaler als meine Version. Die Aussage seines Films, dass behinderte Kinder allein und abgeschoben sind und deshalb mit anderen behinderten Kindern zusammengebracht werden sollten, unterscheidet sich von meinem Film, der sagt, dass behinderte Kinder überall und jederzeit sein könnten. Wir, die damit nicht umgehen können, müssen sich damit auseinandersetzen, und nicht die Kinder.“

Dienstag, 31. Juli, 20.00 Uhr

Samstag, 18. August, 21.15 Uhr

THE KILLERS (Der Tod eines Killers) Don Siegel USA 1964 OF mit span. UT 95‘

Zwei Berufskiller töten ihrem Auftrag gemäß den ehemaligen Rennfahrer Johnny North (John Cassavetes). Irritiert, dass sich North trotz Vorwarnung widerstandslos erschießen lässt, interessieren sich die beiden für die Hintergründe, recherchieren und wittern größere Beute. Die Spur führt sie zu Norths Exfreundin Sheila und dem zwielichtigen Jack Browning (Ronald Reagan in seinem letzten – und wahrscheinlich besten – Leinwandauftritt). Die farbige Neuverfilmung von Robert Siodmaks gleichnamigem Film noir aus dem Jahr 1946 wurde eigentlich fürs Fernsehen gedreht und ist zynischer und kälter als die Vorlage.

(Meine Besprechung des Films)

Freitag, 3. August, 21.00 Uhr

Samstag, 25. August, 19.00 Uhr

THE KILLING OF A CHINESE BOOKIE (Mord an einem chinesischen Buchmacher) John Cassavetes USA 1976 OmU 108’

Cassavetes’ erster Thriller demontiert das Genre systematisch: Nach sieben Jahren Ratenzahlung ist Cosmo Vitelli (Ben Gazzara) endlich alleiniger Eigentümer des Strip-Clubs Crazy Horse West in Los Angeles. Was als Feier der neuen Besitzverhältnisse beginnt, endet im Desaster: Beim Pokern verliert Cosmo das Crazy Horse West. Um es wieder zurückzuerlangen, soll er den titelgebenden chinesischen Buchmacher umbringen. Cosmos Reise in die Nacht führt ihn durch eine Scheinwelt der schummrigen Nachtlokale und düsteren Lagerhallen, durch Räume der Unsicherheit und Verstörung.

(Das Arsenal zeigt Cassavetes neue Schnittversion, die er kurz nach dem Kinostart erstellte und die 1978 in den Kinos lief. Es ist die bekanntere Version des Films. Die erste Version dauert 135 Minuten und sie war ein schnell aus den Kinos genommener Misserfolg.)

Samstag, 4. August, 19.00 Uhr

Sonntag, 19. August, 20.00 Uhr

MINNIE AND MOSKOWITZ (Minnie und Moskowitz) John Cassavetes USA 1971 OmU 114’

Für ein Mal lässt Cassavetes die Einsamkeit überwindbar werden: Eine Museumskuratorin (Gena Rowlands) und ein manischer Parkplatzwächter (Seymour Cassel) erstreiten sich gegen alle sozialen Widersprüche und gegen alle konventionellen Wahrscheinlichkeiten von Attraktion und Aura eine Liebesbeziehung. Eine Hochzeitsfeier und viele Kinder sind der krönende Abschluss der märchenhaften Liebesgeschichte.

Samstag, 4. August, 20.00 Uhr (parallel zu „Minnie und Moskowitz“ im kleinen Saal; aber diese Ira-Levin-Verfilmung kennt man ja)

Freitag, 17. August, 21.00 Uhr (heute läuft der Horrorfilmklassiker im großen Saal)

ROSEMARY’S BABY (Rosemaries Baby) Roman Polanski USA 1968 OmU 136’

Das junge Paar Rosemary (Mia Farrow) und Guy Woodhouse (John Cassavetes) bezieht eine Wohnung im altertümlichen Bramford-Haus in New York, in dem ein Satanisten-Zirkel aktiv gewesen sein soll. Nach dem Verzehr eines von der Nachbarin vorbeigebrachten Desserts fällt Rosemary in Ohnmacht und sieht sich in einem halbbewussten, alptraumhaften Zustand von einem Ungeheuer vergewaltigt. Mit diabolischer Lust spielt Cassavetes den Peiniger seiner Ehefrau, der vor einem Pakt mit dem Teufel nicht zurückschreckt.

Sonntag, 5. August, 20.00 Uhr

Dienstag, 21. August, 20.00 Uhr

A WOMAN UNDER THE INFLUENCE (Eine Frau unter Einfluss) John Cassavetes USA 1974 OmU 155‘

Mabel, die mit Mann und drei Kindern in einer typischen Lower-Middle-Class-Umgebung lebt, wäre gerne so, wie man es von ihr erwartet. Allerdings gelingt es ihr nicht, ihre Rolle als Liebende und Mutter unter Kontrolle zu halten. Gena Rowlands ist die Frau unter Einfluss – in einer Darstellung von irritierender Körperlichkeit kanalisiert sie neurotische Schübe, aufgestaute Aggressionen und erdrückende mütterliche Fürsorge.

Mittwoch, 8. August, 20.00 Uhr

Donnerstag, 23. August, 20.00 Uhr

HUSBANDS (Ehemänner) John Cassavetes USA 1970 OmU 154‘

HUSBANDS zeigt drei (Ehe-)Männer bei der Trauerarbeit. Nach dem Tod und dem Begräbnis eines gemeinsamen Freundes fliehen sie in den Alkohol, und weil das nicht bewirkt, dass alles wieder so ist, wie es einmal war, weil es nie so war, wie es hätte sein sollen, fliehen sie weiter, wenigstens probeweise, aus der Ehe, aus dem Alltag. Das Ende ist ein Desaster: nämlich die Erkenntnis, dass sich die tiefsten Sehnsüchte vielleicht gar nicht mehr erfüllen lassen. In HUSBANDS führte Cassavetes zum ersten Mal nicht nur Regie, sondern übernahm auch eine Rolle in einem seiner Filme, die des dritten Ehemannes neben Peter Falk und Ben Gazzara.

(Auch von diesem Film gibt es verschiedene Fassung. Die deutsche Fassung, die vor allem ab 1976 im TV lief, dauert 130 Minuten.)

Donnerstag, 9. August, 20.00 Uhr

Sonntag, 26. August, 20.00 Uhr

OPENING NIGHT (Premiere/Die erste Vorstellung) John Cassavetes USA 1977 OmU 147‘

Gena Rowlands ist der umschwärmte Theaterstar Myrtle Gordon, für die Leben und Theaterrollen zu einem unentwirrbaren Ganzen verschmolzen sind. Als sie Zeugin eines Unfalls wird, bei dem eine jugendliche Verehrerin zu Tode kommt, verstärkt das Erlebte Myrtles Widerstand gegen das Stück bzw. die Rolle einer alternden Frau, die sie darin spielen soll. Die Probenarbeiten und erste Testaufführungen werden zunehmend zum Kampf, Myrtles hysterisches Dauer-Aufbegehren treibt sie selbst in den Alkohol und ihre Kollegen in die Verzweiflung. Schauspiel im Schauspiel, Diskussionen über das Alter – und ein komplexer Kommentar zur Arbeit mit den Emotionen.

Samstag, 18. August, 19.00 Uhr

Freitag, 24. August, 21.15 Uhr

GLORIA (Gloria, die Gangsterbraut) John Cassavetes USA 1980 OmU 123‘

GLORIA ist eine weitere Reise in die Gangsterwelt, verwoben mit persönlicheren Themen. Erneut steht Gena Rowlands im Mittelpunkt, als gealterte Ex-Sängerin Gloria Swenson, vom Leben und ihrem Beruf abgehärtet. Ein Kind wird Zeuge, als seine Familie von der Mafia getötet wird. Gloria nimmt sich widerwillig des Jungen an und begibt sich mit ihm auf die Flucht quer durch New York.

(Düsterer in New York spielender Gangsterthriller, der nicht den richtigen Ton zwischen Charakterstudie – Cassavetes Metier – und Thriller findet. Und der kleine Junge nervt. Aber Gena Rowlands ist härter als Liam Neeson und „Gloria, die Gangsterbraut“ wird auch als Inspiration für Luc Bessons „Leon – Der Profi“ gesehen.)

Montag, 20. August, 20.00 Uhr

Mittwoch, 29. August, 20.00 Uhr

BIG TROUBLE (Sterben…und leben lassen) John Cassavetes USA 1985 OmU 93‘

BIG TROUBLE ist eine sarkastische Komödie über einen Versicherungsvertreter, der in ein Mordkomplott bzw. in einen Schwindel mit dem Tod gerät, um seinen Drillingen ein Studium zu ermöglichen. Cassavetes’ letzter Film basiert auf einem Drehbuch von Andrew Bergman, der eigentlich auch Regie führen sollte. Zum Schluss prangt in großen Lettern auf der Leinwand: „Not the end.“

(Eine Screwball-Comedy…mit Ähnlichkeiten zu dem Noir „Frau ohne Gewissen“.)

Freitag, 24. August, 19.30 Uhr

Samstag, 25. August, 21.15 Uhr

GLI INTOCCABILI (Die Unschlagbaren) Giuliano Montaldo Italien 1969 engl. OmU 96‘

Frisch aus dem Gefängnis entlassen, wird Hank McCain (von John Cassavetes mit nervöser Energie gespielt) auf den Raub des Royal-Casinos in Las Vegas angesetzt. Dass eigentlich Mafioso Charlie Adamo (Peter Falk) hinter dem Plan steckt, ahnt er nicht. Dieser wiederum wird von seinem Boss Don Francesco DeMarco (Gabriele Ferzetti) zurückgepfiffen und muss nun seinerseits versuchen, Hank zurückzuhalten. Kunstvoll verwebt Regisseur Montaldo die Schicksale dreier Männer miteinander, unterstützt von einem glänzenden Ensemble – mit einem kurzen Auftritt von Gena Rowlands als Retterin in der Not.

Hinweise

Arsenal über die John-Cassavetes-Reihe

Rotten Tomatoes über John Cassavetes (alle seine Regiearbeiten sind tiefroten Bereich, was sehr, sehr gut ist)

Wikipedia über John Cassavetes (deutsch, englisch)

John Cassavetes in der Kriminalakte

Und noch einige Dokus über John Cassavetes


TV-Tipp für den 16. Juli: La isla minima – Mörderland

Juli 16, 2018

Arte, 21.45

Mörderland – La Isla Mínima (La Isla Mínima, Spanien 2014)

Regie: Alberto Rodriguez

Drehbuch: Rafael Cobos, Alberto Rodriguez

Spanien, 1980: zwei Polizisten aus Madrid (Juan gehört noch zur alten Garde, Pedro nicht) sollen in einem Dorf im Marschland am Fluss Guadalquivir zwei spurlos verschwundene, minderjährige Schwestern suchen.

Toller, atmosphärischer Thriller, der im Kino leider unterging und viel besser als „True Detective“ ist.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Javier Gutiérrez, Raúl Arévalo, María Varod, Perico Cervantes

Hinweise

Moviepilot über „Mörderland“

Rotten Tomatoes über „Mörderland“

Wikipedia über „Mörderland“ (deutsch, englisch, spanisch)

Meine Besprechung von Alberto Rodriguez‘ „Mörderland – La Isla Mínima (La Isla Mínima, Spanien 2014)


TV-Tipp für den 15. Juli: Fanny und Alexander (Kino- und TV-Version)

Juli 14, 2018

Tele5, 20.15

Fanny und Alexander (Fanny och Alexander, Schweden/DeutschlandFrankreich 1982)

Regie: Ingmar Bergman

Drehbuch: Ingmar Bergman

In „Fanny und Alexander“ erzählt Ingmar Bergman ein Jahr aus dem Leben des zehnjährigen Alexander, der in einer wohlhabenden Familie, die ein Provinztheater führt, aufwächst. Es beginnt 1907 mit der Weihnachtsfeier.

Schon bei der Premiere sagte Bergman, dass das Familienepos sein letzter Kinofilm sei. Er drehte danach noch mehrere TV-Filme.

„ein Monument, in dem sich noch einmal der ganze Bergmansche Kosmos findet (…) Ein Alterswerk, ein Meisterwerk.“ (Fischer Film Almanach 1984)

Der Film erhielt vier Oscars (unter anderm Sven Nykvist für die Kamera und als bester ausländischer Film, Bergman war für seine Regie und sein Drehbuch nominiert). Es gibt neben der dreistündigen Kinofassung eine über fünfstündige TV-Fassung.

Tele5 zeigt heute, voll im Cineasten-Modus, zuerst die Kinofassung und danach, um 23.10 Uhr, die TV-Fassung. Ohne Werbung. Und danach, um 04.10 Uhr, Bergmans „Das siebente Siegel“.

mit Kristina Adolphson, Pernilla Allwin, Kristian Almgren, Carl Billquist

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Fanny und Alexander“

Wikipedia über „Fanny und Alexander“ (deutsch, englisch) und Ingmar Bergman (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Margarethe von Trottas „Auf der Suche nach Ingmar Bergman“ (Deutschland 2018)


TV-Tipp für den 14. Juli: Wilde Erdbeeren (und weitere Ingmar-Bergman-Filme)

Juli 13, 2018

Tele5, 21.45

Wilde Erdbeeren (Smultronstället, Schweden 1957)

Regie: Ingmar Bergman

Drehbuch: Ingmar Bergman

Auf der langen Autofahrt zu einer Ehrung erinnert der 78-jährige Professor Isak Borg (gespielt vom Stummfilm-Regisseur Victor Sjöström) an seine Vergangenheit und phantasiert über seinen nahenden Tod, weshalb die Fahrt für ihn auch zu einer bitteren Bilanz über sein Leben wird.

Ein Klassiker, der damals auf der Berlinale den Goldenen Bären erhielt, aber erst am 21. Juli 1961 in Deutschland im Kino anlief.

mit Victor Sjöström, Ingrind Thulin, Bibi Anderson, Gunnar Björnstrand, Max von Sydow

Hinweise

Wikipedia über Ingmar Bergman (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Margarethe von Trottas „Auf der Suche nach Ingmar Bergman“ (Deutschland 2018)

Das Wochenende mit Ingmar Bergman im TV

Eigentlich ist ein Geburtstag oder Todestag für die TV-Sender eine willkommene Gelegenheit, noch einmal all die wichtigen und weniger wichtigen Filme des Geehrten zu zeigen. Und wenn das wichtige Datum im Sommer während einer Fußball-WM ist, müssen die Programmplaner sich beim Plündern der Archive auch keine Gedanken mehr über die Quote machen.

Aber bei Ingmar Bergman (14. Juli 1918 – 30. Juli 2007) wird wenig gezeigt und bei einem Sender, von dem man es nicht erwartet hätte, scheint ein fanatischer Ingmar-Bergman-Fan zu sitzen, der sein Wunschprogramm sogar ohne Werbepausen präsentieren darf.

Gezeigt werden

Samstag, 14. Juli

3sat, 20.15: Ingmar Bergman – Herr der Dämonen (Dokumentarfilm, TV-Premiere)

3sat, 21.15: Szenen einer Ehe (Schweden 1973)

Tele 5, 20.15: Das siebente Siegel (Schweden 1956)

Tele 5, 21.45: Wilde Erdbeeren (Schweden 1957)

Tele 5, 23.15: Das Schweigen (Schweden 1963)

Sonntag, 15. Juli

Tele 5, 20.15: Fanny und Alexander (Schweden/Deutschland/Frankreich 1983) (Kinofassung)

Tele 5, 23.10: Fanny und Alexander (Schweden/Deutschland/Frankreich 1983) (Vierteilige TV-Fassung)

Tele 5, 04.10: Das siebente Siegel (Schweden 1956)


Neu im Kino/Filmkritik: „Die Farbe des Horizonts“ – der neue Survival-Film von Baltasar Kormákur

Juli 13, 2018

Baltasar Kormákurs neuer Film „Die Farbe des Horizonts“ beginnt mit einer minutenlangen Einstellung, in der die aus einer langen Ohnmacht erwachte und verletzte Tami Oldham (Shailene Woodley) sich langsam auf dem 13 Meter langen Segelschiff „Hazana“ orientiert. Nachdem das Boot in einen Hurrikan geriet, ist es letztendlich ein Wrack und ihr Begleiter Richard Sharp (Sam Claflin) ist über Bord gegangen. Später entdeckt sie ihn, entgegen aller Wahrscheinlichkeit, im Pazifik und sie zerrt ihn auf die „Hazana“. Aber eine große Hilfe ist er nicht. Der Schwerverletzte kann ihr nur etwas geistigen Beistand liefern. Und den hat Tami bitter nötig. Denn im Gegensatz zu Richard, der ein erfahrener Segler ist, hat sie erst mit dem Segeln begonnen, nachdem sie ihn vor fünf Monaten getroffen hat.

Die Kalifornierin Tami reiste in den frühen Achtzigern als Rucksacktouristin ziellos durch die Welt. Auf Tahiti trifft sie 1983 den charismatischen Engländer Richard Sharp. Er erzählt ihr von seiner niemals endenden Fahrt über die Weltmeere. Sie verlieben sich ineinander, er bringt ihr das Segeln bei und sie verloben sich. Denn Richard ist, davon ist Tami überzeugt, ihre große Liebe.

Als sie auf der Insel ein wohlhabendes, mit Richard befreundetes Ehepaar treffen, bieten sie ihnen an, die „Hazana“ nach San Diego zu überführen. Für den Gefallen würden sie ihnen 10.000 Dollar und zwei Rückflugtickets geben.

Tami und Richard sind einverstanden. Gemeinsam machen sie sich auf ihren ersten gemeinsamen langen Törn, der mitten im Pazifik, zweitausend Seemeilen vom nächsten Festland entfernt, zu einem Kampf ums Überleben wird.

Nach „The Deep“ (ein Mann schwimmt zum nächsten Ufer) und „Everest“ (eine Männergruppe besteigt einen Berg) inszenierte Baltasar Kormákur wieder ein auf Tatsachen basierendes, packendes Survival-Drama, das dieses Mal auch eine Liebesgeschichte ist. Er erzählt sie indem er zwischen der Gegenwart, dem eigentlich hoffnungslosen Kampf der Schiffbrüchigen ums Überleben auf hoher See, und Tamis Erinnerungen an ihre glücklichen Tage mit Richard hin und her pendelt. Am Ende führt Kormákur diese beiden Zeitebenen (und Filmstile) so zusammen, dass die von ihm gewählte nicht chronologische Erzählweise als erzählerische Notwendigkeit erscheint. Es ist kein Gimmick, um die doch sehr vorhersehbare Geschichte interessanter und weniger schmalzig zu gestalten. Stattdessen gibt es ein von der ersten Minute das Interesse wachhaltendes Wechselspiel zwischen verklärenden Erinnerungen, die auch in einer Südsee-Schmonzette nicht negativ auffallen würden, und der rauen Gegenwart, in der Tami über vierzig Tage um ihr Überleben kämpft in einem seeuntüchtig dahintreibendem, sich nur mühsam in Richtung rettendes Ufer bewegendem Schiffswrack. Richard selbst bezeichnet sich einmal als „totes Gewicht“, das nur die wenigen noch vorhandenen Lebensmittel, die Tami viel nötiger braucht, auf isst.

Und Tami tut, wie der namenlose, von Robert Redford gespielte Segler in dem sehenswerten Ein-Personen-Stück „All is Lost“ (das auch fast ein Stummfilm ist), alles, um das Boot seetüchtig zu halten und ein rettendes Ufer zu erreichen. Denn Hilfe ist, ohne funktionierendes Funkgerät und abseits der befahrenen Schiffsrouten, nicht zu erwarten.

Immerhin hat Tami jemand, mit dem sie reden kann, und ihre Erinnerungen, die angesichts der ersten Filmminuten schon schal wirken.

Die Farbe des Horizonts (Adrift, USA 2018)

Regie: Baltasar Kormákur

Drehbuch: Aaron Kandell, Jordan Kandell, Davd Branson Smith

LV: Tami Oldham Ashcraft, Susea McGearhart: Red Sky In Mourning: A True Story Of Love, Loss And Survival At Sea, 2002 (Self-publishing 1998)

mit Shailene Woodley, Sam Claflin, Grace Palmer, Jeffrey Thomas, Elizabeth Hawthorne

Länge: 97 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Die Farbe des Horizonts“

Metacritic über „Die Farbe des Horizonts“

Rotten Tomatoes über „Die Farbe des Horizonts“

Wikipedia über „Die Farbe des Horizonts“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood: Wer gewinnt „Die Farbe des Horizonts“? (Achtung: auf der Suche nach der Wahrheit werden wichtige Plotelemente verraten)

Meine Besprechung von Baltasar Kormákurs “Contraband” (Contraband, USA 2012)

Meine Besprechung von Baltasar Kormákurs “2 Guns” (2 Guns, USA 2013)

Meine Besprechung von Baltasar Kormákurs „Everest“ (Everest,USA/Großbritannien 2015)

Meine Besprechung von Baltasar Kormákurs „Der Eid“ (Eidurinn, Island 2016)


TV-Tipp für den 13. Juli: Columbo: Schreib oder stirb

Juli 12, 2018

ZDF, 23.55

Columbo: Schreib oder stirb (USA 1974, Regie: Robert Butler)

Drehbuch: Peter S. Fischer

Verleger Riley Greenleaf ist stinkig. Sein Bestsellerautor Alan Mallory möchte den Verlag wechseln. Greenleaf denkt sich ‚nicht mit mir’ und der tapsige Lieutenant Columbo hat einen neuen Fall

Für Krimifans ist „Schreib oder Stirb“ ein Highlight. Es gibt zahlreiche Anspielungen auf den Literaturbetrieb und Mickey Spillane (Ja, genau der!) spielt einen Bestsellerautor.

Wer schon am Nachmittag Zeit hat: ZDFneo zeigt um 13.40 Uhr „Columbo: Ein Hauch von Mord“ (1973) und um 17.15 Uhr „Columbo: Ein gründlich motivierter Mord“ (1973).

Mit Peter Falk, Jack Cassidy, Mickey Spillane

Hinweise

Wikipedia über „Columbo“ (deutsch, englisch)

The Museum of Broadcast Communications über “Columbo”

Fernsehlexikon über “Columbo”

“Columbo”-Fanseite

Deutsche “Columbo”-Fanseite

Noch eine deutsche “Columbo”-Fanseite

TV Time Machine: Audiointerview mit Peter Falk und Mark Dawidziak

Thrilling Detective über Mickey Spillane

Thrilling Detective: Max Allan Collins über Mickey Spillane

January Magazine: Max Allan Collins zum Tod von Mickey Spillane

Evolver: Martin Compart zum Tod von Mickey Spillane

Mystery File: Steve Holland über Mickey Spillane

Crimetime: Interview mit Mickey Spillane

Combustible Celluloid: Interview mit Mickey Spillane

Kaliber .38 über Mickey Spillane

Krimi-Couch über Mickey Spillane

Mordlust über Mickey Spillane

New York Times: Nachruf auf Mickey Spillane

Washington Post: Nachruf auf Mickey Spillane

Meine Besprechung von Mickey Spillanes “Dead Street”


Neu im Kino/Filmkritik: Margarethe von Trotta ist „Auf der Suche nach Ingmar Bergman“

Juli 12, 2018

Ingmar Bergman ist einer der großen Regisseure der Kinogeschichte und etliche renommierte Regisseure bekennen freimütig, wie sehr Bergman sie beeinflusste. Auch Margarethe von Trotta gehört zu seinen Bewunderern. Als Achtzehnjährige sah sie in den frühen sechziger Jahren in Paris „Das siebente Siegel“ und war sofort begeistert. Bergmans Drama unterschied sich vollständig von den Filmen, die normalerweise in deutschen Kinos gezeigt wurden. Sie wurde später wegen diesem Film Schauspielerin und Regisseurin. Ihren Film „Die bleierne Zeit“ nahm Bergman in einer Liste seiner zehn Lieblingsfilme auf.

Heute sind die Filme des am 30. Juli 2007 auf Fårö gestorbene schwedische Regisseur Ingmar Bergman fast unbekannt. Jedenfalls beim breiten Publikum. Im Gegensatz zu den oft im Fernsehen laufenden Filmen von Alfred Hitchcock oder Stanley Kubrick werden Bergmans Filme selten im Fernsehen gezeigt. Auf DVD sind sie zwar erhältlich, aber halt nicht als Stapelware oder Angebot der Woche im nächsten Elektronik-Handel.

Denn Ingmar Bergmans Filme sind schwere Kost. Seine bekanntesten Film – „Das Lächeln einer Sommernacht“ (1956), „Das siebente Siegel“ (1957), „Wilde Erdbeeren“ (1958), „Das Schweigen“ (1963), „Persona“ (1966) und „Die Stunde des Wolfs“ (1968) – entstanden bereits vor über fünfzig Jahren und es sind SW-Filme. „Szenen einer Ehe“ (1973) und „Das Schlangenei“ (1977) waren spätere Erfolge, ehe er mit dem dreistündigen Epos „Fanny und Alexander“ 1982 seinen mit dem Filmstart angekündigten Abschied vom Kino nahm. Er inszenierte danach weitere Filme. Aber für das Kino war er verloren. Es waren TV-Arbeiten, die alle nicht die lange anhaltende Rezeption und Bekanntheit seiner Kinofilme haben.

Seit Mitte der siebziger Jahren inszenierte Bergman vor allem Theaterstücke. Unter anderem arbeitete er viele Jahre am Münchner Residenztheater. Teilweise waren diese Stücke die Grundlage für spätere Filme, wie „Herbstsonate“ (1978) und „Aus dem Leben der Marionetten“ (1980), ein TV-Film mit Robert Atzorn, Rita Russek und Gaby Dohm, die damals zum Ensemble des Residenztheaters gehörten.

Mit Russek und Dohm unterhielt von Trotta sich für ihr Doku-Essay „Auf der Suche nach Ingmar Bergman“. Ihr erster Dokumentarfilm ist formal mit seiner Mischung aus Filmausschnitten, Archivaufnahmen und sprechenden Köpfen ein konventioneller Dokumentarfilm. Allerdings interessiert sie sich nicht dafür, chronologisch und möglichst umfassend Bergmans Werk vorzustellen. Sie geht auch davon aus, dass man Ingmar Bergmans Werk und seine Bedeutung für die Filmgeschichte wenigstens rudimentär kennt. Sonst hätte sie mehr auf Bergmans Klassiker und weniger auf seine Zeit in Deutschland konzentriert, wohin er 1976 nach einer schnell fallengelassenen Klage wegen Steuerhinterziehung floh und die nächsten Jahre vor allem am Theater arbeitete.

Neben Russek und Dohm unterhielt von Trotta sich für den Film mit anderen Filmschaffenden, wie Jean-Claude Carrière, Olivier Assayas, Carlos Saura und Ruben Östland, Menschen, die mit Bergmann arbeiteten, wie die Schauspielerin Liv Ullmann, seine Assistenten Katinka Faragó und Johannes Kaetzler (am Bayerischen Staatsschauspiel), und Bergmans Kindern Daniel und Ingmar. Insgesamt war Bergman fünfmal verheiratet und er hat neun Kinder. In diesen Gesprächen wird auf Bergmans problematische Persönlichkeit, seine Themen und sein Umgang mit seinen Ehefrauen und Kindern eingegangen. Das eröffnet einen intimen Blick auf Bergman und am Ende des Films will man wieder einen Bergman-Film sehen.

Auf der Suche nach Ingmar Bergman (Deutschland 2018)

Regie: Margarethe von Trotta, Felix Moeller (Co-Regie), Bettina Böhler (Co-Regie)

Drehbuch: Margarethe von Trotta, Felix Moeller

mit Ingmar Bergman (Archivaufnahmen), Margarethe von Trotta, Liv Ullmann, Daniel Bergman, Ruben Östlund, Mia Hansen-Love, Carlos Saura, Olivier Assayas, Stig Björkman, Gunnel Lindblom, Jean-Claude Carriére, Ingmar Bergman Jr., Katinka Faragó, Jan Holmberg, Johannes Kaetzler, Gaby Dohm, Rita Russek, Halfdan Ullman Tøndel, Mia Hansen-Løve, Julia Dufvenius

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Filmportal über „Auf der Suche nach Ingmar Bergman“

Moviepilot über „Auf der Suche nach Ingmar Bergman“

Rotten Tomatoes über „Auf der Suche nach Ingmar Bergman“

Wikipedia über Ingmar Bergman (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Margarethe von Trottas “Hannah Arendt” (Deutschland 2012; DVD-Besprechung)

Ingmar Bergman im TV

Eigentlich ist ein Geburtstag oder Todestag für die TV-Sender eine willkommene Gelegenheit, noch einmal all die wichtigen und weniger wichtigen Filme des Geehrten zu zeigen. Und wenn das wichtige Datum im Sommer während einer Fußball-WM ist, müssen die Programmplaner sich beim Plündern der Archive auch keine Gedanken mehr über die Quote machen.

Aber bei Ingmar Bergman wird wenig gezeigt und bei einem Sender, von dem man es nicht erwartet hätte, scheint ein fanatischer Ingmar-Bergman-Fan zu sitzen, der sein Wunschprogramm sogar ohne Werbepausen präsentieren darf.

Gezeigt werden

Samstag, 14. Juli

3sat, 20.15: Ingmar Bergman – Herr der Dämonen (Dokumentarfilm, TV-Premiere)

3sat, 21.15: Szenen einer Ehe (Schweden 1973)

Tele 5, 20.15: Das siebente Siegel (Schweden 1956)

Tele 5, 21.45: Wilde Erdbeeren (Schweden 1957)

Tele 5, 23.15: Das Schweigen (Schweden 1963)

Sonntag, 15. Juli

Tele 5, 20.15: Fanny und Alexander (Schweden/Deutschland/Frankreich 1983) (Kinofassung)

Tele 5, 23.10: Fanny und Alexander (Schweden/Deutschland/Frankreich 1983) (Vierteilige TV-Fassung)

Tele 5, 04.10: Das siebente Siegel (Schweden 1956)


Neu im Kino/Filmkritik: Dwayne Johnson besucht einen „Skyscraper“ und…

Juli 12, 2018

Bei einer missglückten Geiselbefreiung verliert FBI-Spezialagent Will Sawyer (Dwayne Johnson) verliert ein Bein. Aber er trifft die Ärztin Claire (Neve Campbell), seine große Liebe und Mutter seiner beiden Kinder. Mit ihnen ist er jetzt in Hongkong. Dort soll er seinen Bericht über die Sicherheit des Hochhauses The Pearl, das demnächst eröffnet werden soll, abliefern. Mit 240 Stockwerken ist es der höchste Wolkenkratzer der Welt, der sich autonom mit Energie versorgt. In den unteren Stockwerken gibt es Geschäfte, darüber Wohnungen und ganz oben hat der Erbauer des Hauses sich ein Apartment eingerichtet. Nach Sawyers Ansicht ist das Gebäude perfekt gegen Brände gesichert.

Mit einem mit seinen biometrischen Daten gesichertem Tablet, mit dem er für seinen letzten Sicherheitscheck alle Sicherheitsmaßnahmen umgehen kann, macht er sich auf den Weg zur Leitstelle macht. Auf dem Weg wird ihm seine Umhängetasche geklaut.

Weil er das Tablet in seiner Jacketttasche hatte, erfährt er früher als geplant, dass eine Gangsterbande etwas sehr wertvolles aus dem Hochhaus stehlen will. In einem anschließendem Kampf können die Verbrecher das Tablet in ihren Besitz zu bringen und anschließend die gesamten Sicherheitsmaßnahmen auszuschalten. Deshalb breitet sich der von ihnen gelegte Brand in dem Gebäude weiter nach oben aus.

Sawyer will den Diebstahl verhindern und, vor allem, seine Familie retten. Sie und Zhao Ming Ji (Chin Han), der Besitzer des Hochhauses, sitzen in dem von den Verbrechern in Brand gestecktem Hochhaus fest.

Und weil die Polizei ihn für den Verursacher des Brandes hält, muss Sawyer vor dem Betreten des von Polizei und Feuerwehr hermetisch abgeriegeltem Gebäude die ihn verfolgenden Polizisten abhängen.

Einen Preis im Erfinden einer noch niemals gesehenen Geschichte wird „Skyscraper“ nicht erhalten. Ebenso wird der Thriller keinen Preis für Logik oder Wahrscheinlichkeit erhalten. „Skyscraper“ ist einer der typischen, für die große Leinwand gemachten Sommer-Blockbuster, die ein Minimum an Story mit einem Maximum an Effekten ausgleichen. Der immer sympathische und unkaputtbare Dwayne Johnson nennt seinen neuesten Film „eine grandiose Mischung aus ‚Stirb langsam‘, ‚Flammendes Inferno‘ und ‚Auf der Flucht’“ . „Auf der Flucht“ können wir getrost aus der Gleichung herausnehmen. Denn der Einsatzleiter der Hongkong-Polizei ist schnell, ungefähr in dem Moment, in dem Sawyer beginnt, den gegenüber dem Hochhaus stehenden Baukran hochzuklettern, überzeugt, dass Sawyer unschuldig ist. „Skysraper“ erzählt, inspiriert vom Action- und Blockbusterkino der siebziger und achtziger Jahre, die Geschichte eines brennenden Hochhauses (noch ohne Bewohner und damit ohne störende Nebengeschichten und Rettungsversuche der Feuerwehrleute) und dem Versuch des Helden, seine Familie zu retten. Dafür muss er auch die Pläne des Verbrechers Kores Botha (Roland Møller) und seiner skrupellosen Schergen durchkreuzen. Und am Ende gibt es, für die Cineasten im Kinosaal, eine Schießerei in einem Spiegelkabinett, das eine moderne Version der legendären Spiegelkabinett-Szene aus Orson Welles‘ Noir-Klassiker „Die Lady von Shanghai“ ist.

Rawson Marshall Thurber erzählt die von ihm geschriebene Geschichte flott in unter zwei Stunden und mit einem Blick auf Bilder, die auf der großen IMAX-Leinwand Schwindelgefühle auslösen können. Zum Beispiel wenn Claire in einem sich über dreißig Stockwerke erstreckendem Jade Park über ein zwei Brückenteile verbindendes Brett läuft, um ihren Sohn vor den Flammen zu retten. Oder wenn Sawyer an einem Kran und an der Außenwand des Wolkenkratzers herumklettert. Im Gegensatz zu Ethan Hunt braucht er dafür kein hochentwickeltes Gerät, sondern nur etwas handelsübliches Klebeband.

Skyscraper“ ist nach „Central Intelligence“ die zweite Zusammenarbeit von Thurber und Johnson. Dieses Mal in einem Thriller, der auf Humor weitgehend verzichtet. Dafür hat er die durchdachtere Geschichte; auch wenn im wesentlichen die bekannten Situationen aneinandergereiht werden. Das geschieht aber mit soviel Erzählfreude, dass man sich gerne auf die Reise mitnehmen lässt.

Sie arbeiten bereits an einem dritten gemeinsamen Film.

Skyscraper (Skyscraper, USA 2018)

Regie: Rawson Marshall Thurber

Drehbuch: Rawson Marshall Thurber

mit Dwayne Johnson, Neve Campbell, Chin Han, Roland Møller, Noah Taylor, Byron Mann, Pablo Schreiber, Hannah Quinlivan

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homeapge zum Film

Moviepilot über „Skyscraper“

Metacritic über „Skyscraper“

Rotten Tomatoes über „Skyscraper“

Wikipedia über „Skyscraper“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Rawson Marshall Thurbers „Central Intelligence“ (Central Intelligence, USA 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: „Symphony of Now“ zeigt Berlin nicht in einem unbekannten Licht

Juli 12, 2018

Ein Tag in Berlin. In den vergangenen Jahrzehnten gab es verschiedene Versuche, das Großstadtleben in seiner bunten Vielschichtigkeit einzufangen. Zum Beispiel 2009 die 24-stündige RBB-Großdokumentation „24h Berlin – Ein Tag im Leben“, die einen Tag aus dem Leben von über fünfzig in Berlin lebenden Menschen zeigt und die an einem Tag aufgenommen wurde. Oder Thomas Schadts „Berlin: Sinfonie einer Großstadt“ (2002). Oder, als Urvater all der filmischen Versuche, einen Tag im Leben einer Stadt zu zeigen, Walter Ruttmanns experimentellen Filmklassiker „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“ (1927).

Auf Ruttmanns Film bezieht sich Johannes Schaff explizit mit seinem Film „Symphony of Now“. So übernahm er die Länge (65 Minuten), die Struktur einer aus fünf Teilen bestehenden Sinfonie und die Idee, einen Tag im Leben Berlins zu zeigen. Bei Ruttmann war es das Arbeitsleben, die Industrialisierung und der Rhythmus der Stadt, inszeniert mit einer entfesselten Kamera. Jedenfalls für damalige Verhältnisse.

Bei Schaff ist es das Nachtleben, das Vergnügen, die Freizeit, die sich anscheinend im Umkreis von fünf Blocks abspielt. An, in und um sattsam bekannte Locations, die man entweder von wenigen Ausflügen in das Partyleben oder aus den hippen Filmen und Werbespots kennt. Und genau so wirkt „Symphony of Now“: wie ein überlanger Werbespot für Spreequell (unser Sprudelwasser) oder Berliner Pils (unser Feuerwasser).

Die Musik – trotz eines erklecklichen Aufmarsches verschiedener Komponisten (Frank Wiedemann [gleichzeitig Kurator], Samon Kawamura, Gudrun Gut, Thomas Fehlmann, Hans-Joachim Roedelius, Alex.Do und Modeselektor) – ist der zu den austauschbaren Berlin-Impressionen monoton wummernde Techno-Soundtrack, der noch einmal das sattsam bekannte Bild von Berlin als Techno-Metropole und Ort der Love-Parade beschwört.

Bei „Symphony of Now“ ist die Montage, der Schnitt und der Sound nicht auf produktive Verunsicherung und überraschende Einsichten, sondern auf maximale Feelgood-Bestätigung ausgelegt. Wie in einem Werbeclip soll nur eine positive Botschaft vermittelt werden. Alles was stört oder stören könnte oder zum Nachdenken anregen könnte, fehlt in dieser Berlin-Sinfonie.

Symphony of Now (Deutschland 2018)

Regie: Johannes Schaff

Drehbuch: Johannes Schaff

mit Berlin, Berliner*innen, wahrscheinlich Tourist*innen, der Sonne und dem Mond

Länge: 65 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Die Inspiration

Walter Ruttmanns experimentellen und inzwischen auch als Zeitdokument interessanter Filmklassiker „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“ (1927) gibt es auf YouTube in mehreren, mehr oder weniger identischen Fassungen in verschiedener Bildqualität und auch mal ohne Ton (weil Stummfilm).

Das dürfte eine vollständige Fassung in guter Bildqualität sein:

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Filmportal über „Symphony of Now“

Moviepilot über „Symphony of Now“

 


TV-Tipp für den 12. Juli: Emil und die Detektive

Juli 12, 2018

HR, 23.30

Emil und die Detektive (Deutschland 1954)

Regie: Robert A. Stemmle

Drehbuch: R. A. Stemmle

LV: Erich Kästner: Emil und die Detektive, 1928

Herr Grundeis stiehlt dem für die Ferien aus der Provinz nach Berlin kommenden Buben Emil Tischbein das Feriengeld. Mit einer Bande Kinder, die er trifft, macht Emil sich im Großstadtdschungel auf die Jagd nach dem Bösewicht.

Die zweite deutsche Verfilmung von Erich Kästners Kinderkrimi, die seit Ewigkeiten (falls überhaupt) nicht mehr im Fernsehen lief.

Unterhaltsame Neufassung (…) die erzählerischen Konventionen des Unterhaltungskinos der 50er Jahre wirken formal wie thematisch leicht glättend und vergröbernd. Faszinierend ist der Film vor allem durch die authentischen Bilder aus dem Berlin der 50er Jahre.“ (Lexikon des internationalen Films)

Das Remake der Berolina Produktion von 1954 ist wie die vielen anderen Remakes dieser Produktion eine lieblos hingeschlampte Sache.“ (Christa Bandmann/Joe Hembus: Klassiker des deutschen Tonfilms)

Die erste Verfilmung von Kästners Buch ist von 1931. Gerhard Lamprecht führte die Regie; Billie (später Billy) Wilder schrieb das Drehbuch.

mit Peter Finkbeiner, Heli Finkenzeller, Wolfgang Lukschy, Günter Pfitzmann, Kurt Meisel, Ruth Nimbach, Claudia Schäfer, Margarete Haagen, Camilla Spira

Hinweise

Filmportal über „Emil und die Detektive“

Wikipedia über „Emil und die Detektive“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Erich Kästners „Die verschwundene Miniatur“ (1935/2009)