Thierry Hamelins selbstgewählte Aufgabe als Pensionär ist das Einscannen und das damit verbundene sorgfältige und akribische Archivieren der in den vergangenen Jahrzehnten aufgenommenen Familienbilder. Diese Aufgabe könnte ihn gut die nächsten Jahre beschäftigen. Aber da sagt ihm seine 52-jährige berufstätige Frau Claire, dass sie ihn verlassen werde.
In dem Moment hat er eine neue Aufgabe: er will sie zurückerobern. Das soll bei der Wiederholung ihres Griechenlandurlaubs von 1998 geschehen. Damals waren sie, also er, seine Frau und ihre beiden Kinder Karine und Antoine, eine glückliche Familie. Die Urlaubsfotos beweisen es. Inzwischen sind die Kinder erwachsen. Seine Tochter ist eine vielbeschäftigte Anwältin; sein Sohn hangelt sich entspannt von einer gescheiterten Geschäftsidee zur nächsten.
Mit höflicher Penetranz kann er sie überzeugen, mit ihm den Urlaub nachzustellen. Bild für Bild. Als hätte sich in gut 25 Jahren nicht einiges geändert.
„Akropolis Bonjour – Monsieur Thierry macht Urlaub“ ist eine warmherzige, letzendlich belanglose Feelgood-Komödie. François Uzan erzählt in seinem Spielfilmdebüt mit einem gut aufgelegtem Ensemble und vor fotogener Kulisse eine sich in durchaus vertraut-vorhersehbaren Bahnen bewegende RomCom-Geschichte. Dem Zielpublikum dürfte es gefallen.
Uzan schrieb auch die Drehbücher für die Netflix-Serie „Lupin“.
Akropolis Bonjour – Monsieur Thierry macht Urlaub(On sourit sur la photo, Frankreich 2022)
Regie: François Uzan
Drehbuch: François Uzan
mit Jacques Gamblin, Pascale Arbillot, Pablo Pauly, Agnès Hurstel, Ludovik
Es beginnt mit einer furiosen 32-minütigen Einstellung, die mit einem Abspann endet. Wer jetzt hastig, immerhin hat er in dem Moment schon einen Film mit einem Anfang, einer Mitte und einem Ende gesehen, seine Sachen zusammenpackt und den Kinosaal in Richtung Ausgang verlässt, verpasst das Beste. Deshalb sollte jeder, der den ganzen Film sehen möchte, sitzenbleiben, bis im Saal das Licht angeht.
In einer abgelegen von der Stadt liegenden Fabrikruine dreht Rémi einen No-Budget-Horrorfilm. Es geht um Romero-typisch schlurfende Zombies, die Menschen angreifen, töten und essen. Während der Dreharbeiten, die aus Sicht des hyperaktiven und cholerischen Regisseurs nicht zufriedenstellend verlaufen, scheinen echte Zombies am Drehort aufzutauchen.
Als seine Stars beginnen, kreischend vor den Untoten wegzulaufen, brüllt er nur „Weiterdrehen!“. Jetzt hat er von seinen minderbegabten Schauspielern endlich die Reaktionen, auf die er den ganzen Tag erfolglos hinarbeitete. Dass sie dabei aufgegessen werden könnten, ist ein Opfer, das für die Kunst erbracht werden muss.
Mehr soll hier über „Final Cut of the Dead“ nicht verraten werden. Denn die irrwitzigen Wendungen des Films in seinem zweiten und dritten Akt sind ein großer Teil des Vergnügens. Dann werden auch die Merkwürdigkeiten des ersten Akts, wie dass französische Schauspieler sich mit japanischen Namen ansprechen, ihre teils peinlich schlechten Dialoge und die teils grottenschlechte Kameraführung erklärt.
Inszeniert wurde die sehr komische und hoffnungslos abgedrehte Horrorkomödie von Michel Hazanavicius, dem Regisseur von „The Artist“ und zwei OSS-117-Filmen. Er liebäugelte schon länger mit der Idee, eine Komödie über einen Filmdreh zu machen. Als er mit Vincent Maraval, einem der Produzenten des Films, darüber sprach, sagte er ihm, er habe die Rechte an einem japanischen Studentenfilm erworben. Hazanavicius sah sich den Film an. Er gefiel ihm und weil der Film die Themen behandelt, die er in seinem Film auch behandeln wollte, beschloss er, ein Remake der Horrorkomödie über einen aus dem Ruder laufenden Dreh eines Zombiefilms zu drehen.
Vor dem Dreh überarbeitete Hazanavicius das Drehbuch. Aber viel veränderte er nicht. Letztendlich polierte und verfeinerte er nur Shin’ichirô Uedas Überraschungserfolg „One Cut of the Dead“ (2017). Hier und da gibt es in seinem Drehbuch kleinere Änderungen und es wird das Verhältnis von Remake und Original angesprochen. Das Budget war höher. Die Schauspieler sind bekannter. Dazu gehören Romain Duris und Bérénice Bejo. Duris spielt den hyperaktiven Regisseur spielt, der während des schief gehenden Drehs manisch improvisieren und viel, sehr viel, herumrennen muss. Bejo spielt seine Frau, die auch am Set ist. Weil sie sich früher zu sehr in ihre Rollen hineinsteigerte, hat sie mit der Schauspielerei aufgehört. Für die Fans des Originals ist Yoshiro Takehara als aufgesetzt fröhlich lachende, immer hemmungslos begeisterte Produzentin wieder dabei.
„Final Cut of the Dead“ ist die polierte, perfekt abgemischte Stadionrockvariante eines rumpeligen Punksongs. Das gefällt jederzeit. Es dürfte auch denen gefallen, die das bei uns nur auf DVD erschienene Original kennen, und jetzt jede Wendung und Überraschung des Remakes kennen. Mir gefallen beide Versionen; wobei mir das Remake etwas besser gefällt.
Hazanavicius‘ Komödie ist ein großer Spaß für Fans von Zombiefilmen, die schon immer wissen wollten, wie so ein Film ohne Geld, aber mit viel Enthusiasmus entsteht. Denn selbstverständlich gibt es im „Final Cut of the Dead“ keine CGI-Effekte.
Final Cut of the Dead(Coupez!, Frankreich 2022)
Regie: Michel Hazanavicius
Drehbuch: Michel Hazanavicius (nach der Geschichte/Drehbuch von Shin’ichirô Ueda und Ryoichi Wada)
Beginnen wir mit dem für Marvel-Fans wichtigem Fazit: der neue MCU-Film ist deutlich gelungener als die Filme der sogenannten vierten Phase. Außerdem hat man am Ende von „Ant-Man and the Wasp: Quantumania“ eine Ahnung, um was es in den kommenden Filmen gehen könnte.
Und jetzt kommen wir zu den Details. Denn „besser als die vorherigen Film“ ist noch lange nicht so gut wie die besten Marvel-Filme. „Quantumania“ ist noch nicht einmal der beste Ant-Man-Film.
Scott Lang (Paul Rudd) ist Ant-Man. Mit einem speziellem Anzug kann er seine Körpergröße verändern und sich auf die Größe einer Ameise verkleinern. Mit diesem Anzug bekämpfte er in den ersten beiden Ant-Man-Filmen und weiteren MCU-Filmen erfolgreich Bösewichter.
Jetzt, in „Ant-Man and the Wasp: Quantumania“ lebt Scott ein beschauliches Leben. Er hat seine Biographie veröffentlicht. Sie ist ein Bestseller. Er lebt mit Hope Van Dyne, aka The Wasp (Evangeline Lilly), seiner achtzehnjährigen Tochter Cassie Lang (Kathryn Newton), die gerne im Keller forscht, dem Erfinder Dr. Hank Pym (Michael Douglas) und seiner Frau Janet Van Dyne (Michelle Pfeiffer) zusammen und eigentlich ist alles perfekt.
Janet war dreißig Jahre im Quantenreich verschwunden. Das Quantenreich ist eine subatomare Welt in unserer Welt. Mit dem von Hank Pym entdecktem Pym-Partikel, das auch für die Technik des Anzugs von Ant-Man wichtig ist, und einigen technischen Apparaten kann das Quantenreich betreten und verlassen werden.
Als durch Experimente von Cassie ein Tor zum Quantenreich geöffnet wird, werden sie in das Quantenreich gezogen und voneinander getrennt. Vor ihrer Rückkehr müssen sie sich wieder finden. Gleichzeitig werden sie in den Kampf zwischen Kang und den ihn bekämpfenden Freiheitskämpfern hineingezogen.
Für Kang, den Eroberer (Jonathan Majors), ist das Quantenreich ein Gefängnis, aus dem er ohne den Zugriff auf Pym-Partikel nicht entkommen kann. Also machte er es zu seinem Reich. Gegen sein Terrorregime kämpfen die Freiheitskämpfer. Scott, Hope, Cassie, Hank und Janet, die Kang von früher kennt, werden sofort in diesen Kampf hineingezogen.
Das mag als Inhaltsbeschreibung ausreichen. Einerseits um nichts zu spoilen, andererseits weil es wirklich nicht viel mehr Story gibt und diese sich ziemlich gradlinig auf den finalen, episch langen, anscheinend nicht enden wollenden Kampf zubewegt. Damit hat „Quantumania“, im Gegensatz zu den vorherigen MCU-Filmen, eine nachvollziehbare Story mit einem klar identifizierbarem Bösewicht, der der Bösewicht bleibt, und einem Helden, der ihn bekämpft. Auch wenn der Held hier eine ganze Patchwork-Familie ist und Janet Van Dyne im Quantenreich knallhart die Führung übernimmt, während Ant-Man und Wasp doch erst einmal auf die Zuschauerränge verbannt werden. In dieser Welt sind sie halt hilfsbedürftige Greenhorns.
Janet dagegen kennt diese Welt wie ihre Poncho-Tasche. Sie trifft auf viele alte Bekannte, die ihr mehr oder weniger wohlgesonnen sind und sie kämpft sich ähnlich kaltschnäuzig wie Han Solo durch diese Welt.
Sowieso erinnert die Story in ihrem World-Building, dem Aussehen der gesichtslosen Fußtruppen des Bösewichts und den Beziehung der Hauptfiguren zueinander (wer will, kann während des Films eine Familienaufstellung der Familie Skywalker und der Familie Lang/Van Dyne machen) immer wieder an „Krieg der Sterne“ (Star Wars). Und auch an die Inspirationen für „Star Wars“, wie „Flash Gordon“ und den von „Tarzan“-Erfinder Edgar Rice Burroughs erfundenen „John Carter vom Mars“.
Aber während die Welten in diesen Space Operas meist, wie es sein soll, strahlend hell sind, ist in „Quantumania“ das Quantenreich eine meist dunkle Welt, die fast vollständig am Computer entstanden ist. Da ist Dunkelheit ein probates Mittel, um Zeit und Geld zu sparen und um die Qualität der CGI-Effekte zu verschleiern.
Diese sind, was vor allem im Vergleich zu „Avatar: The Way of Water“ auffällt, erstaunlich schlecht. Während in James Camerons Film alles am hellichten Tag spielt, alles gut erkennbar ist und die Welt wie eine reale Welt aussieht, ist in Peyton Reeds neuem Ant-Man-Film fast nichts erkennbar. Das Quantenreich besteht aus einigen Farbtupfern und viel Dunkelheit. Von dem Quantenreich ist wenig zu sehen. Die Actionszenen wirken wie eine lieblose Wiederverwertung aus anderen SF-Filmen wirken. Die Abläufe sind kaum nachvollziehbar, weil man im Dunkeln einfach nichts sieht.
Die Fähigkeit von Ant-Man, sich auf Ameisengröße zu verkleinern und zu vergrößern ist hier nur noch ein für die Story unwichtiger Gimmick. In den Actionszenen kann Scott sich in Sekundenbruchteilen verkleinern und vergrößern und so seine Gegner überraschen und schlagen. Das ist schon bei der zweiten Schlägerei langweilig.
Etliche dieser Probleme sind Probleme, die Marvel-typisch sind. Aber immerhin ist der Film, der weitgehend als Einzelfilm konzipiert ist, deutlich unterhaltsamer als die Filme der vorherigen MCU-Phase. Und, im Gegensatz zur konfusen vierten MCU-Phase ist in „Quantumania“ der Beginn eines erzählerischen Bogens erkennbar, der für mehrere Filme tragfähig ist. Der Bösewicht Kang, der einfach nur böse sein will, bleibt länger im Gedächnis als die meisten anderen Marvel-Bösewichter. Er will diese und alle anderen möglichen Welten vernichten. Er soll der neue Thanos sein. Das war, zur Erinnerung, der Bösewicht in der drei MCU-Phasen umspannenden Infinity-Saga, die mit „Avengers: Endgame“ ihren grandiosen Abschluss fand.
Die Marvel-Helden müssen Kangs Pläne durchkreuzen. Ob sie in den nächsten Filmen gegen diesen oder einen anderen Kang kämpfen – wir sind inzwischen ja im Multiversum, in dem es auch verschiedene Spider-Men gibt und kein Tod endgültig ist – ist egal.
P. S.: Es gibt zwei Abspannszenen. Eine ziemlich am Anfang, eine am Ende.
Ant-Man and the Wasp: Quantumania (Ant-Man and the Wasp: Quantumania, USA 2023)
Regie: Peyton Reed
Drehbuch: Jeff Loveness
LV: Charakter von Stan Lee, Larry Lieber und Jack Kirby
mit Paul Rudd, Evangeline Lilly, Michael Douglas, Michelle Pfeiffer, Jonathan Majors, Kathryn Newton, David Dastmalchian, Katy O’Brian, William Jackson Harper, Bill Murray
Side Effects – Tödliche Nebenwirkungen (Side Effects, USA 2013)
Regie: Steven Soderbergh
Drehbuch: Scott Z. Burns
Psychiater Jonathan Banks will Emily Taylor helfen, indem er ihr nach einem missglückten Suizidversuch ein neues, noch nicht erprobtes Medikament verschreibt. Das hat tödliche Nebenwirkungen Emilys Ehemann und der ehrbare Psychiater muss um seine Existenz kämpfen.
Lässig-verschachtelter Neo-Noir mit einem hübsch zynischem Ende, den Soderbergh damals als seinen letzten Spielfilm ankündigte. Inzwischen ist er nach einem TV-Film (der bei uns im Kino lief) und einer TV-Serie wieder, gewohnt produktiv, im Kino angekommen.
Out of Time – Sein Gegner ist die Zeit (Out of Time, USA 2003)
Regie: Carl Franklin
Drehbuch: David Collard
Matt Whitlock schiebt als Polizeichef von Banyan Key eine ruhige Kugel in dem Sunshine State Florida. Seine verheiratete Geliebte Ann verzuckert seinen Alltag. Als sie unheilbar an Krebs erkrankt und ihn als Begünstigten in ihre Lebensversicherung einsetzt, will er ihr helfen. Er gibt ihr die seinem Polizeisafe gebunkerte halbe Million Dollar Drogengeld. Wenige Stunden später sind sie und ihr Mann tot. Sie wurden ermordet und anschließend verbrannt. Whitlocks Ex Alex leitet die Ermittlungen. Alle Beweise deuten auf den unbekannten Geliebten als Mörder. Matt Whitlock muss daher das Komplott aufdecken, bevor er als Mörder verhaftet wird.
Für Genre-Junkies ist der wunderschön entspannte Florida-Noir-Thriller „Out of Time – Sein Gegner ist die Zeit“ ein Festschmaus.
Collard schrieb ein wendungsreiches, kunstvoll die Balance zwischen Tradition und Innovation haltendes, Drehbuch. Franklin setzte es punktgenau um. Das Ensemble, angeführt von dem immer guten Denzel Washington, spielte genussvoll auf. Gerade die vielen Nebendarsteller, wie der Pathologe (als Sidekick des Helden ist er natürlich sehr wichtig), die Untergebenen von Alex und Matt, die DEA-Agenten, der Hotelchef und die ältere Zeugin, hatten prächtige Auftritte. Die Stuntmen durften vor allem bei einem Kampf auf Leben und Tod an einem Balkongitter im siebten Stock eines Hotels ihr Können zeigen. Die Aufnahmen Florida, besonders der Sonnenuntergängen, sind traumhaft und die Musik von Graeme Revell gibt allem einen entspannt-südamerikanischen Touch.
Mit Denzel Washington, Eva Mendes, Sanaa Lathan, Dean Cain, John Billingsley
Im Moment steht Johannes Groschupfs neuer Kriminalroman „Die Stunde der Hyänen“ auf dem zweiten Platz der monatlichen Krimibestenliste. Auf der Jahresbestenliste 2022 stand der Thriller ebenfalls und er erhielt vor wenigen Wochen mit dem Deutschen Krimipreis.
In dem ausgezeichneten Krimi geht es um einen Autobrandstifter und zwei Frauen, die ihn jagen. Die eine ist Romina Winter, eine junge Polizistin, die sich im Dezernat für Branddelikte ihren Ruf erarbeiten will. Vor allem weil die älteren Kollegen sie mit langweiligen Hilfsarbeiten abspeisen. Also beginnt sie in nächtlichen Streifzügen den Täter auf eigene Faust zu suchen. Die andere ist die Journalistin Jette Geppert. Sie schreibt eine Reportage über Radek Malarczyk und soll danach weitere Reportagen über die Jagd nach dem Brandstifter in ihrem Kiez schreiben.
Als der Alkoholiker Radek am 10. Februar in seinem Bulli schläft, wird der Wagen von einem Brandstifter angezündet. Radek entkommt den Flammen in letzter Sekunde, sieht den Täter in einer gegenüberliegenden Toreinfahrt stehen und zieht, nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus, als durch den Brand in seinem Bulli zu Gott bekehrter, alle lautstark bekehren wollender selbsternannter Heiliger durch Kreuzberg.
Ebenfalls durch Kreuzberg zieht der Brandstifter. Es ist der zwanzigjährige Maurice Jaenisch. Der Postbote ist Mitglied der Gemeinde der Jünger Jahwes und seit Jahren verliebt in die zwei Jahre jüngere Britta. Sie gehört ebenfalls zur Gemeinde.
Johannes Groschupf lässt sie durch das meist nächtliche, winterlich kalte Kreuzberg irren. Ihre Wege kreuzen sich in schönster „Short Cuts“-Manier immer wieder und schnell erscheint die Großstadt wie ein Dorf.
„Die Stunde der Hyänen“ unterscheidet sich, wie Groschupfs vorherige Thriller, wohltuend vom formatierten Einerlei vieler deutscher Krimis. Seine Figuren haben keine nervigen Marotten. Sie sind individuell und lebensnah gezeichnet. Die Beschreibungen der nächtlichen Großstadt sind dicht. Die Geschichte bewegt sich auf deutlich unter dreihunder Seiten flott voran.
Er spricht, während Jette und Romina den Täter suchen, alle gesellschaftlich relevanten Themen und Schlagzeilen an. Oft nur in wenigen, prägnanten Sätzen und Szenen. Dazu gehören die durch Kreuzberg ziehende proto-faschistische Bürgerwehr, die Beziehung von Jette zu ihrem Freund und, in vielen Schattierungen, sexuelle Gewalt und religiösen Wahn
Er behandelt diese Themen nicht sozialpädagogisch-sozialdemokratisch (wie einst im Soziokrimi) oder nett-humoristisch, sondern im illusionslosen Hardboiled-Stil. Und das ist gut so.
Den diesjährigen Diamond Dagger der Crime Writers’ Association (CWA), sozusagen der Ehrenoscar für sein Lebenswerk, erhält Easy-Rawlins-Erfinder Walter Mosley.
Seit seinem Debüt „Teufel in Blau“ (Devil in a blue dress, 1990) veröffentlichte Mosley über sechzig Romane, teils mit wiederkehrenden Figuren (wie Easy Rawlins, Socrates Fortlow und Leonid McGill), teils Einzelromane, nicht immer unbedingt, aber fast immer Kriminalromane, von denen viele, aber längst nicht alle ins Deutsche übersetzt wurden. Sie erschienen bei verschiedenen Verlagen und sind teils nur noch antiquarisch erhältlich.
The Diamond Dagger recognises authors whose crime writing careers have been marked by sustained excellence, and who have made a significant contribution to the genre.
One of the most versatile and admired writers in America, Walter Mosley was born and raised in Los Angeles, and now lives in Brooklyn and LA.
Walter Mosley is the author of more than 60 critically acclaimed books, that cover a wide range of genres. His work has been translated into 25 languages.
He brought a cast of crime fiction characters into the American canon with his first novel, Devil in a Blue Dress, featuring private detective, Easy Rawlins. Several of his books have been adapted for screen, including Devil in a Blue Dress starring Denzel Washington, the HBO production of Always Outnumbered, starring Laurence Fishburne and Natalie Cole, and Apple TV+’s production of The Last Days of Ptolemy Grey starring Samuel Jackson.
Maxim Jakubowski, Chair of the CWA, said: “I am truly delighted my friend Walter has been deemed worthy of the Diamond Dagger by my colleagues and members of the CWA. His voice has dominated the fiction scene for decades and I can think of no more deserving and ground-breaking an author to be given this ultimate accolade, for the so many things he has contributed to our genre but also to modern society.”
A multi-award-winning author, Mosley was inducted into the New York State Writers Hall of Fame in 2013. His numerous awards include The Mystery Writers of America’s Grand Master Award, a Grammy, and a PEN America’s Lifetime Achievement Award. In 2020, he was named the recipient of the Robert Kirsch Award for lifetime achievement from Los Angeles Times Festival of Books, and the National Book Foundation presented him with the Lifetime Achievement Award for Distinguished Contribution to American Letters.
Walter Mosley said: “At the beginning of my writing career I was fortunate enough to be awarded the CWA’s New Blood Dagger, otherwise called the John Creasey Award. That was the highest point of my experience as a first book author. Since then, I have picked up other honours along the way but the only award that comes near the Diamond Dagger is the MWA’s Grand Master nod. These two together make the apex of a career that I never expected.”
Die Dagger-Verleihung ist am 6. Juli 2023. Dann erfahren wir auch, wer die anderen Daggers gewonnen hat.
Von Walter Mosley erschien zuletzt auf Deutsch sein neuester Easy-Rawlins-Roman „Blood Grove“ (Blood Grove, 2021).
In Los Angeles bittet 1969 ein Vietnam-Veteran den schwarzen Privatdetektiv und Weltkrieg-II-Veteran Easy Rawlins um Hilfe. Der Vietnam-Veteran glaubt, im Blood Grove einen Mann getötet zu haben, der eine Frau angegriffen hat. Aber es gibt keine Leiche und auch sonst interessiert sich niemand für die Ereignisse dieser Nacht. Rawlins schnüffelt herum – und als gestandenen Krimifans wissen wir, dass er in ein Wespennest sticht.
„Blood Grove“ ist der fünfzehnte Easy-Rawlins-Krimi. Viele, aber nicht alle wurden ins Deutsche übersetzt und sind nur noch teilweise regulär erhältlich. Für die anderen Romane von Walter Mosley gibt es dann die Antiquariate ihres Vertrauens. Es lohnt sich.
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Walter Mosley: Blood Grove – Ein Fall für Easy Rawlins
Baghdad in my shadow(Deutschland/Schweiz/Großbritannien 2019)
Regie: Samir
Drehbuch: Samir, Furat al Jamil
In London ist das Café „Abu Nawas“ für Exil-Iraker ein beliebter Treffpunkt. Als ein Geheimdienstler, der unter Saddam Hussein diente, eintrifft und sich mit einem lokalen Hassprediger, der das weltoffene Café hasst, zusammen tut, ist die fragile Gemeinschaft gefährdet.
TV-Premiere. Das „Lexikon des internationalen Films“ war nur so halb überzeugt: „Das Panorama einer postmigrantischen Gesellschaft fällt recht schematisch aus. (…) dialoglastige Dramaturgie.“
Deutschland schickte „Im Westen nichts Neues“ in das Rennen um den Oscar für den besten internationalen Film. Der Kriegsfilm wurde in dieser und acht weiteren Kategorien nominiert. Norwegen schickte einen anderen Kriegsfilm ins Oscarrennen.In dem Film von Gunnar Vikene geht es nicht um das Sterben von Frontsoldaten, sondern um das Sterben von zivilen Seemännern.
Im Mittelpunkt des hundertfünfzigminütigem Films stehen die beiden unpolitischen Jugendfreunde Sigbjörn Kvalen und Alfred Garnes und Alfreds Frau Cecilia. 1939 verlassen die beiden Männer Bergen. Sigbjörn verspricht Cecilia, ihren Mann wohlbehalten zurückzubringen. Doch das dauert länger als geplant. Sie werden wenige Monate später, wie 30.000 andere norwegische Seeleute, zu Kriegsmatrosen. Sie fahren auf Schiffen, die Vorräte für die Alliierten transportieren. Sie sind unbewaffnet und sie haben keinen militärischen Geleitschutz. Für deutsche U-Boote sind sie eine leichte Beute.
Währenddessen zieht Cecilia in Bergen ihre drei gemeinsamen Kinder auf.
Jahre nach dem Krieg kehrt Sigbjörn zurück und er ist erstaunt, dass Cecilia und Alfreds Kinder noch leben. Denn im Januar 1945 erhielt Alfred die Nachricht, sie und ihre Kinder seien vor mehreren Monaten bei einem Bombenangriff umgekommen. Alfred tauchte danach unter. Jetzt sucht Sigbjörn ihn.
Die letzte Stunde des Dramas spielt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Vikene zeigt in diesem beeindruckendem dritten Akt auch die psychischen Folgen, die der Krieg auf Menschen hat. Auch noch lange nachdem das Sterben vorbei ist. Körperlich sind Alfred und Sigbjörn unversehrt. Seelisch nicht.
Vikene erzählt diese Geschichte immer nah bei seinen Figuren. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Erlebnissen von Alfred und Sigbjörn und wie sie und ihre Kameraden versuchen, den Krieg zu überleben ohne ihre Menschlichkeit zu verlieren.
Eben dieser große kunstvoll ausgeführte epische Bogen macht „War Sailor“ sehenswert.
Leider zielt die Inszenierung mit ihren vielen Nahaufnahmen und der pseudodokumentarischen Wackelkamera zu sehr in Richtung Puschenkino.
Bei dem Budget von elf Millionen Euro, das den Antikriegsfilm zum teuersten norwegischen Film bislang machen, wären sicher mehr originäre Kinobilder möglich gewesen. Ohne die Konzentration auf seine drei Hauptfiguren zu vernachlässigen.
War Sailor(Krigsseileren. Norwegen/Deutschland/Malta 2022)
Regie: Gunnar Vikene
Drehbuch: Gunnar Vikene
mit Kristoffer Joner, Pål Sverre Hagen, Ine Marie Wilmann, Henrikke Lund Olsen, Téa Grønner Joner, Daniel Berg
Drehbuch: David Williamson (nach einer Geschichte von Peter Weir)
LV: Bill Gammage: The Broken Years, 1970
Erster Weltkrieg: die beiden aus Australien kommenden, miteinander befreundeten Läufer Frank Dunne und Archy Hamilton melden sich freiwillig als Kämpfer für die britische Armee. Nach ihrer Ausbildung werden sie als Kanonenfutter auf die Halbinsel Gallipoli geschickt.
Eindrucksvoller Antikriegsfilm mit Mel Gibson am Anfang seiner Weltkarriere. Auch Peter Weir setzte kurz darauf die Segel in Richtung Hollywood. Der Rest ist Hollywood-Geschichte.
mit Mel Gibson, Mark Lee, Bill Hunter, Robert Grubb, David Argue
Es ist ein schöner Sommertag, als zuerst einer, dann drei weitere Fremde vor einer einsam im Wald gelegenen Hütte auftauchen und energisch Einlass begehren. Bei sich haben sie archaisch anmutende Waffen, die aus einem Fantasy-Mittelalter-Rollenspiel stammen könnten. Sie begehren so lautstark Einlass, dass Eric (Jonathan Groff), Andrew (Ben Aldridge) und ihre achtjährige Adoptivtochter Wen (Kristen Cui) sofort Todesangst haben und panisch alle Fenster und Türen verbarrikadieren.
Es hilft nicht. Kurz darauf sind die vier Fremden – Leonard (Dave Bautista), der sich sanft gebende Wortführer der Truppe, Sabrina (Nikki Amuka-Bird), Adrianne (Abby Quinn) und Redmond (Rupert Grint) – in der Hütte. Wens beiden Väter sind an Stühle gefesselt und ihre schlimmsten Befürchtungen werden wahr. Leonard sagt ihnen, dass Alpträume ihn und seine drei Begleiter an einem bestimtmen Ort zu einer bestimmten Uhrzeit zusamengeführt hätten. Jetzt seien sie hier, um das in wenigen Stunden nahende Ende der Welt zu verhindern. Dafür muss Eric, Andrew oder Wen ein anderes Familienmitglied töten. Dieses Opfer verhindere die Apokalypse. Ein Suizid könne das Ende der Welt nicht verhindern. Es muss ein Mord sein.
Schon in diesen ersten Minuten seines neuen Horrorfilms zeigt M. Night Shyamalan mehr religiöse Sympolik als in einem religösem Traktat enthalten ist. Entsprechend müßig ist eine detaillierte Auflistung. Jedenfalls präsentieren diese vier apokalyptischen Reiter, um ihren Worten eine höhere Glaubwürdigkeit zu verleihen, ihren Gefangenen live ausgestrahlte Fernsehberichte über die Plagen, die in den vergangenen Stunden über die Menschen hereingebrochen sind.
Eric, Ben und Wen haben davon in der Einöde, die sie ohne Internet und Fernsehen genießen wollen, nichts mitbekommen. Sie halten diese Berichte für Falschberichte, die ihnen als echte Berichte präsentiert werden. Einerseits weil bei ihnen im betont malerischen Wald von den die Welt erschütternden Katastrophen nichts zu spüren ist. Andererseits weil sie nicht glauben können, dass sich innerhalb weniger Tage alles verändert haben soll. In dem Moment halten sie die vier Eindringlinge vor allem für durchgeknallte religiöse Spinner, die ein perverses Spiel mit ihnen treiben. Sie könnten sich auch in einen Alptraum befinden, aus dem sie irgendwann aufwachen. Das ist, soviel kann verraten werden, nicht der Fall. M. Night Shyamalan ist seit „The sixth Sense“ zwar für seine überraschende Enden bekannt, aber banale Es-war- nur-ein-böser-Traum-Enden lehnt er ab.
Doch egal warum die vier Eindringlinge tun, was sie tun, sie meinen es tödlich ernst. Sie sind sogar bereit, für ihren Glauben zu sterben.
Shyamalan erzählt diese rabenschwarze Geschichte mit spürbarer Lust an überraschenden Wendungen, die alle auf eine katastrophale Entscheidung hinauslaufen. Denn was ist schlimmer: einen geliebten Menschen ermorden oder für das Ende der Menschheit verantwortlich zu sein? Genau auf diese Frage konzentriert Shyamalan sich in seinem mit religiösen Anspielungen vollgestopftem Horrorfilm in dem eine Familie sich plötzlich in einem Alptraum befindet, der überhaupt nichts mit der normalen, realen, allseits bekannten und vertrauten Welt zu tun hat. Das ist die Welt der Twilight Zone und wie eine zu lang geratene „Twilight Zone“-Episode wirkt „Knock at the Cabin“ dann auch.
Denn trotz aller Wendungen und inszenatorischer Finessen ist der Horrorfilm vor allem eine hochgradig hypothetische Versuchsanordnung, die direkt aus einem Philosophieseminar stammen könnte.
Knock at the Cabin (Knock at the Cabin, USA 2023)
Regie: M. Night Shyamalan
Drehbuch: M. Night Shyamalan, Steve Desmond, Michael Sherman
LV: Paul Tremblay: The Cabin at the End of the World, 2018 (Das Haus am Ende der Welt)
mit Dave Bautista, Jonathan Groff, Ben Aldridge, Nikki Amuka-Bird, Kristen Cui, Abby Quinn, Rupert Grint
TV-Premiere. Absolut empfehlenswerter Dokumentarfilm über Dieter Bachmann, Lehrer an einer Gesamtschule, und wie er seine Schulklasse unterrichtet. Trotz seiner epischen Länge von dreieinhalb Stunden vergeht die Zeit wie im Flug.
Irgendwo im ländlichen Amerika trifft sich eine Gruppe Frauen auf dem Dachboden einer Scheune. Nur ein Mann ist bei dem Treffen zugelassen. August Epp (Ben Whishaw) soll das Treffen protokollieren. Denn die Frauen, die von Rooney Mara, Claire Foy, Jessie Buckley, Judith Ivey, Sheila McCarthy, Michelle McLeod, Kate Hallett, Liv McNeil, August Winter und Frances McDormand (die nur eine kleine, aber einprägsame Rolle hat), gespielt werden, können nicht schreiben. Sie wollen reden über die von Männern an ihnen verübten Vergewaltigungen und was sie jetzt tun sollen. Die Vergewaltigungen geschahen über mehrere Jahre in einer streng religiösen Gemeinde. Vergewaltigut wurden sie im Schlaf von Mitgliedern der tiefreligiösen Gemeinde. Sollen sie ihnen vergeben und weiter mit ihnen zusammen leben oder sollen sie die Gemeinde verlassen und in eine ihnen vollkommen unbekannte Welt aufbrechen?
Was diese Aussprache so erschreckend macht, ist dass sie nicht irgendwann im 18. oder 19. Jahrhundert, sondern fast in der Gegenwart, nämlich 2010 in den USA, spielt. Sarah Polley ließ sich für ihren neuen Film „Die Aussprache“ (Women Talking) von Miriam Toews‘ gleichnamigem Roman inspirieren. Die Inspiration für den Roman und damit auch für den Film waren Vergewaltigungen, die zwischen 2005 und 2009 in Bolivien in Manitoba in einer abgelegen liegenden äußerst konservativen mennonitischen Gemeinde geschahen. Die im Buch und Film geschilderte Aussprache ist dann, wie eine Texteinblendung am Filmanfang verrät, ein „Akt weiblicher Vorstellungskraft“, bei dem es vor allem um das Abwägen von Argumenten und Handlungsoptionen geht.
Sarah Polleys Film, für den sie auch das Drehbuch schrieb, spielt eigentlich nur in einem Raum in der Scheune. Dort sitzen die Frauen zusammen und reden miteinander. Brav werden dabei verschiedene Argumente ausgetauscht und abgewogen. Niemand unterbricht die Rednerin. Niemand schreit oder hat einen filmreifen emotionalen Ausbruch. Die Aussprache verläuft strikt nach dem Modell des herrschaftsfreien Diskurses. Die von den Frauen formulierten Argumente und Sätze gehören ins Thesentheater. In diesem Fall ist es gutes Thesentheater, aber halt auch eine Abfolge von Argumenten, die von diesen Frauen aufgrund ihres bisherigen Lebens so wohl nie gesagt würden.
Aber das stört nicht weiter in dieser klugen, umfassenden und sehr didaktisch aufgebauten Auseinandersetzung mit männlichem Machtstreben und den Möglichkeiten, die Betroffene dagegen haben. Es ist letztlich nur die Wahl zwischen gehen oder vergeben und bleiben. Die dritte Möglichkeit, nämlich bleiben und kämpfen, ist bestenfalls eine theoretische Möglichkeit. Bei diesem Gespräch sprechen die Frauen auch die Machtstrukturen innerhalb der Glaubensgemeinde an. Denn ihre Peiniger sind auch die einzigen Menschen, die dank ihres Kontakts zu Gott, ihnen den Weg in den Himmel ebnen können.
Das verfilmte Theaterstück (denn letztendlich ist es das und mit wenigen Änderungen kann es das auch werden) ist gut geschrieben und gut gespielt von einer Top-Besetzung, die hier als Ensemble agiert. Und natürlich ist das Problem, mit dem die Gläubigen konfrontiert werden, mühelos auf viele andere Situationen übertragbar.
Ärgerlich ist in „Die Aussprache“, wie bei zu vielen anderen neuen Filmen, die Farbgebung. Oder besser Nicht-Farbgebung. Immer sehen die fast vollständig farbentsättigten Bilder wie ausgewaschen an. Jede blühende Wiese wird zu einem grauen Einerlei. Die Scheune versumpft eh in einem grauen Matsch und die dunklen Kleider der Frauen sind ebenfalls matschgrau. Es sieht von der ersten bis zur letzten Minute einfach nur grauenhaft, billig und erschreckend amateurhaft aus.
Die Aussprache (Women Talking, USA 2022)
Regie: Sarah Polley
Drehbuch: Sarah Polley
LV: Miriam Toews: Women talking, 2018 (Die Aussprache)
mit Rooney Mara, Claire Foy, Jessie Buckley, Judith Ivey, Sheila McCarthy, Michelle McLeod, Kate Hallett, Liv McNeil, August Winter, Ben Whishaw, Frances McDormand (eigentlich ein längerer Cameo, der dazu dient, den von ihr mitproduzierten Film besser zu verkaufen)
The Nice Guys – Nett war gestern! (The Nice Guys, USA 2016)
Regie: Shane Black
Drehbuch: Shane Black, Anthony Bagarozzi
Buch zum Film: Charles Ardai: The Nice Guys, 2016
Los Angeles in den Siebzigern: Nach einem etwas ruppigen Start arbeiten Privatdetektiv Holland March (Ryan Gosling) und Schläger Jackson Healy (Russell Crowe) zusammen. Sie wollen herausfinden, was der Tod eines Pornostars mit einer vermissten jungen Frau und einem labyrinthischen politischen Ränkespielen zu tun haben.
Wundervoll-kurzweiliger Mix aus Buddymovie und Privatdetektivkrimi und eine witzige Liebeserklärung an das Genre. Kultig.
mit Russell Crowe, Ryan Gosling, Angourie Rice, Matt Bomer, Margaret Qualley, Keith David, Yaya DaCosta, Beau Knapp, Kim Basinger, Lois Smith, Murielle Telio, Gil Gerard
Magic Mike ist zurück und dieses Mal soll es, wie der Filmtitel verrät, sein letzter Tanz sein. Seinen ersten Auftritt hatte er 2012 in Steven Soderberghs „Magic Mike“. Channing Tatum übernahm die Hauptrolle. Matthew McConaughey, Joe Manganiello, Adam Rodriguez und Kevin Nash tanzten neben ihm. Die Geschichte spielt in Tampa, Florida, im wenig mondänem Strippermilieu in eher dritt- als zweitklassigen Bars. Soderbergh zeigt, fast wie eine Reportage, ihr Leben und das Leben von Mike Lane, der als Magic Mike die Herzen der Frauen erobert. Der Film war an der Kinokasse ein Hit und ein kulturelles Phänomen.
2015 folgte „Magic Mike XXL“. Gregory Jacobs, Soderbergs langjähriger First Assistant Director, übernahm die Regie. Reid Carolin schrieb wieder das Drehbuch. Dieses Mal geht es um die Teilnahme an einer Stripper-Convention. Dafür müssen die „Kings of Tampa“ des ersten Films wieder zusammengetrommelt werden und, in schönster Road-Movie-Tradition, den Weg zur Convention überstehen. Der Film war deutlich schlechter, aber die zahlreichen Tanzszenen sicherten den Erfolg an der Kinokasse. Und viele Schauspieler des ersten Films spielten wieder mit.
Seit 2017 gibt es die Show „Magic Mike Live“. Zuerst in Las Vegas. Danach wurde in anderen Städte rund um den Globus getanzt.
Für den dritten und wie es heißt letzten „Magic Mike“-Film übernahm Steven Soderbergh wieder die Regie. Das Drehbuch ist wieder von Reid Carolin. Und Channing Tatum spielt wieder die Hauptrolle. Trotzdem unterscheidet sich „Magic Mike: The Last Dance“ vollkommen von seinen beiden Vorgängern, die sich auch vollkommen voneinander unterschieden.
Mike lebt immer noch in Südflorida. Mit dem Tanzen hat er aufgehört. Seine Schreinerei, die sein großer Traum war, existiert nicht mehr. Stattdessen arbeitet er als Barkeeper. Bei seiner Arbeit trifft er Maxandra ‚Max‘ Mendoza (Salma Hayek). Sie erfährt auf der Party von seinen tänzerischen Fähigkeiten und bietet ihm viel Geld an, damit er sie nach London begleitet. Mike ist einverstanden. Sein aktueller Job ist nur ein schlecht bezahlter Job.
In London quartiert sie ihn bei sich in ihrer riesigen Villa ein. Er soll innerhalb weniger Wochen in ihrem Theater eine Show inszenieren. Dort wird gerade ein langweiliges, in der Vergangenheit in der englischen Provinz spielendes Theaterstück gespielt. Max setzt das Stück kurzerhand ab.
Über irgendwelche Regie-Erfahrungen verfügt Mike nicht. Und nichts drängt ihn dazu, eine Show zu inszenieren. Aber Max bezahlt ihn gut. Also beginnt er, immer von ihr begleitet (und auch bekleidet), die Tänzer für eine große Strip-Show zu suchen. Auch bei den Proben und der anschließenden Genese des Stücks, das nur eine Abfolge von pseudo-erotischen Tanz-Nummern ist, ist sie dabei.
Währenddessen beobachten ihn Max‘ Diener Victor (Ayub Khan Din) und ihre Tochter Zadie Rattigan (Jemelia George) amüsiert herablassend. Sie lassen ihn immer spüren, dass er in ihrem Haus, wie ein Haustier, nur ein kurzes Gastspiel geben wird. Denn Max hat immer wieder ambitionierte künstlerische Projekte, die lange vor iher Vollendung aus nichtigen Gründen scheitern. Das ist ihre Art, etwas von ihrem vielen Geld zu verbrennen.
Salma Hayek spielt Max als eine hoffnungslos überspannte Frau, deren Stimmung sich jederzeit ändern kann. Nach den beiden „Killer’s Bodyguard“-Thrillerkomödien scheint sie Gefallen an so durchgeknallt psychotischen, durchgehend übertrieben agierenden Frauen gefunden zu haben. Dagegen stolpert Channing Tatum mit ungläubigem Blick über das Agieren seiner reichen Gönnerin durch den Film. Sie gibt an einem Nachmittag mehr Geld aus, als er in einem Jahr verdient.
Seine alten Kumpels tauchen in einem kurzen Zoom-Meeting auf. Sie erzählen zwei, drei Sätze von ihrem Leben und aktuellen Plänen, ehe sie Mike viel Glück bei seinem neuen Projekt wünschen. So wird, neben dem Hauptdarsteller und den Tänzen, immerhin etwas Kontinuität zu den ersten beiden Filmen hergestellt.
Die Story kann kaum eine Geschichte genannt werden. Sie ist eine lieblose Abfolge improvisierter Szenen, in denen Salma Hayek dem Affen ordentlich Zucker gibt. Die Auswahl der Tänzer und die Proben werden als eine immer wieder von Spielszenen unterbrochene Montage gezeigt.
Diese Tanzszenen, wozu auch die Auswahl der Tänzer für die Show in London gehören, werden weitgehend ohne Schnitte und als Totale präsentiert. So können ihre tänzerischen Fähigkeiten ausgiebig bestaunt werden. Es sind Tänzer aus den „Magic Mike“-Live-Shows.
Am Ende von „Magic Mike: The Last Dance“ gibt es dann endlich die von der ersten Minute an versprochene große Tanzshow. In dem Moment wird gezeigt, weshalb frau (man?) sich einen „Magic Mike“-Film ansieht: tanzende, sich dabei ausziehende und sexuell eindeutige Gesten und Bewegungen machende gut gebaute Männer. Angefeuert werden sie dabei von einer Hundertschaft wie Teenager kreischender Frauen.
In dem Moment ist der Film endlich bei sich angekommen. Bis dahin überzeugte er höchstens als eine gigantische Verschwendung von Zeit und Geld, der eine unglaubwürdige Geschichte mit unglaubwürdigen Figuren in einem unglaubwürdigem Setting uneinheitlich erzählt. „The Last Dance“ ist der mit Abstand schlechteste Film der Trilogie. Und auch einer von Steven Soderberghs misslungensten Filmen.
Magic Mike: The Last Dance(Magic Mike’s Last Dance, USA 2023)
Regie: Steven Soderbergh
Drehbuch: Reid Carolin
mit Channing Tatum, Salma Hayek (im Film als Salma Hayek Pinault), Ayub Khan-Din, Jemelia George, Juliette Motamed, Vicky Pepperdine
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