LV: Thomas Harris: Red Dragon, 1981 (Roter Drache)
Duell zwischen einem psychologisch geschulten Polizisten und einem Serienmörder.
Hannibal Lector hat im Buch und im Film nur eine Nebenrolle.
Erste, damals erfolglose Verfilmung von „Red Dragon“. Inzwischen werden die Qualitäten des Achtziger-Jahre-Thrillers, wie die kühle Farbgebung, erkannt. „Blutmond“ ist ein spannender Thriller, der allerdings nicht die Qualität von Michael Manns späteren Filmen wie „Heat“ und „Collateral“ erreicht, aber viel besser als das lahme Remake ist. „Die überaus intelligente Konstruktion der Romane und ihre Glaubwürdigkeit in der Handlungsführung und Personenzeichnung kommt in ‚Blutmond‘ nur unzureichend zur Geltung. Michael Mann vertraute zu sehr auf visuelle Effekte und vernachlässigte in der gleichwohl bemerkenswerten Stilisierung seiner Schauplätze die dramaturgische Gestaltung.“ (Zurhorst: Lexikon des Kriminalfilms)
Mit William L. Petersen, Kim Greist, Joan Allen, Brian Cox, Dennis Farina, Tom Noonan
Seit 38 Jahren läuft in Las Vegas die „Razzle Dazzle Show“. Seit dreißig Jahren ist Shelly (Pamela Anderson) ein Mitglied des Ensembles. Die große Zeit der Show ist schon lange vorbei. Jetzt zieht Stage Manager Eddie (Dave Bautista mit Haaren) die Notbremse. In zwei Wochen ist die letzte Show.
Gia Coppola erzählt in ihrem neuen Film „The Last Showgirl“, nach einem Drehbuch von Kate Gersten, die dafür ihr bislang nicht aufgeführtes Theaterstück „A Body of Work“ bearbeitete, die Tage bis zu Shellys letztem Arbeitstag. Die Zeit verbringt die Tänzerin vor allem mit ihrer besten Freundin Annette (Jamie Lee Curtis), einer ehemaligen Tänzerin und jetzt Cocktail-Kellnerin. Sie trifft ihre von ihr entfremdete Tochter Hannah (Billie Lourd) und, einmal, bewirbt sie sich sogar um eine neue Stelle.
„The Last Showgirl“ ist eine in der New-Hollywood-Tradition stehende Charakterstudie. Aber im Gegensatz zu den New-Hollywood-Filmen ohne eine Story. Coppola erzählt einfach, wie Shelly ohne erkennbare Ambitionen die Zeit bis zu ihrem letzten Arbeitstag verbringt.
Die Bemühungen der arg naiven Shelly, die im Kopf immer noch ein Kind ist, um einen neuen Job sind nicht vorhanden. Dass das Ende der Show für Shelly auch das Ende ihres Lebenssinns ist, wird in ihrem Handeln nie spürbar. Die sich entwickelnde Beziehung zu ihrer von ihr entfremdeten Tochter wäre auch in einem New-Hollywood-Film nicht mehr als eine Nebengeschichte gewesen. Das ständige ziellose Abhängen mit ihrer besten Freundin trägt keinen ganzen Film. Das macht die konventionelle Verlierer- und Milieustudie „The Last Showgirl“ dann trotz seiner kurzen Laufzeit von unter neunzig Minuten zu einer Geduldsprobe. Wie es besser geht zeigte beispeilsweise Darren Aronofsky mit Mickey Rourke in der Hauptrolle in „The Wrestler“.
Coppola erzählt Shellys Geschichte als die Geschichte eines individuellen Scheiterns ohne irgendeine Art von Gesellschaftskritik und -analyse. Las Vegas und alles wofür die Stadt steht, sind nicht mehr als vernachlässigbares Hintergrundrauschen. Für Shellys Schicksal ist nur Shelly verantwortlich.
Für Pamela Anderson, die während ihrer gesamten Karriere auf ihr Aussehen reduziert wurde, ist „The Last Showgirl“ eine Ehrenrettung. So war sie für den Golden Globe als beste Hauptdarstellerin nominiert und sie erhielt, im Rahmen der Verleihung des Spottpreises „Die Goldene Himbeere“ (Golden Raspberry Award bzw. Razzie), den Himbeeren-Erlöser-Award.
The Last Showgirl (The Last Showgirl, USA 2024)
Regie: Gia Coppola
Drehbuch: Kate Gersten
LV: Kate Gersten: A Body of Work (Theaterstück, nicht aufgeführt)
mit Pamela Anderson, Dave Bautista, Jamie Lee Curtis, Kiernan Shipka, Brenda Song, Billie Lourd, Jason Schwartzman
Nathan Caine (Jack Quaid) empfindet aufgrund einer extrem seltenen genetischen Anomalie keine Schmerzen. Meistens ist das nervig bis potentiell tödlich. Denn Schmerzen sind immer auch ein Warnsignal des Körpers, etwas nicht zu tun. Manchmal ist diese Schmerzunempfindlichkeit eine feine Sache. Beispielsweise wenn man, wie Nathan nach einem Banküberfall, seine Freundin aus den Händen überaus gewaltbereiter Geiselnehmer befreien will. Wo andere Menschen nach einem Kampf zusammenbrechen und sich für die nächsten Monate ins nächste Krankenhaus einliefern ließen, haut Nathan sich eine Spritze in den Oberschenkel, richtet die Knochen, verbindet die Wunde und setzt in San Diego die Suche nach der entführten Freundin Sherry Margrave (Amber Midthunder) ungerührt fort. Denn zum ersten Mal in seinem Leben hat der brave, überaus unauffällige Bankangestellte ein Ziel.
Aus Lars Jacobsons Idee eines Mannes, der keine Schmerzen empfindet und seine entführte Freundin sucht, machen die Regisseure Dan Berk und Robert Olsen in ihrem fünften gemeinsamen Film eine flotte Actionkomödie für Menschen mit einem robusten Magen und einem Sinn für brachiale, abartige und schwarzhumorige Späße, auch bekannt als Fantasy-Filmfest-Publikum. Also für Menschen, die es witzig finden, wenn Caine noch mehr Schmerzen zugefügt werden und er sich sehr unorthodox gegen seine Angreifer wehrt. Da nimmt er eine danach erstaunlicherweise immer noch funktionstüchtige Pistole aus dem siedenden Fett einer Fritteuse, rammt sich Glassplitter in die nackten Fäuste und bricht sich mutwillig die eigenen Knochen. Nathans Schmerzunempfindlichkeit erinnert manchmal an Deadpools Schmerzunempfindlichkeit. Aber im Gegensatz zu dem Superhelden verfügt Nathan über keine Selbstheilungskräfte. Er muss bis zum Filmende zunehmend lädiert gegen die Bösewichter kämpfen, während er von der Polizei verfolgt wird und eine Straftat nach der nächsten begeht.
Die Story des kurz vor Weihnachten spielenden B-Pictures – keine Panik, außer der Nikolaus-Verkleidung der Bankräuber spielt Weihnachten keine Rolle in dem Film – folgt mit kleinen Variationen den bekannten Genrekonventionen. Auf aus heiterem Himmel kommende überraschende Wendungen wird verzichtet. Das Nathan verfolgende Polizistenduo, sein ihm helfender Freund und die Verbrecher sind klar definierte Nebenfiguren. Letztendlich geht es in der Actionkomödie immer um Nathan Caine, der wild improvisierend vom biederen Angestellten zum, Uh, Superhelden wird.
„Mr. No Pain“ ist ein B-Picture-Actionspaß, der genau das hält, was er verspricht.
Mr. No Pain (Novocaine, USA 2025)
Regie: Dan Berk, Robert Olsen
Drehbuch: Lars Jacobson
mit Jack Quaid, Amber Midthunder, Ray Nicholson, Betty Gabriel, Matt Walsh, Lou Beatty Jr., Van Hengst, Conrad Kemp, Jacob Batalon
Ein versoffener Sheriff, ein behinderter Gunfighter und ein junger Messerwerfer legen sich mit der Bande eines skrupellosen Viehbarons an. Ihre Chancen den Kampf zu überlegen tendieren gegen Null.
Als Howard Hawks „Rio Bravo“ drehte, hatten sie beim Dreh viele gute Ideen, die allerdings nicht in diesen Film passten. Mit Leigh Brackett schrieb er dann, mit diesen Ideen, „El Dorado“; einen weiteren Western-Klassiker. Der dieses Mal sogar sehr witzig ist.
„‘El Dorado’ ist ein Film gegen ‘Rio Bravo’, wie ‘Rio Bravo’ ein Film gegen ‘High Noon’ war. (…) [‚El Dorado‘ ist] die radikale Entglorifizierung des Westernhelden.“ (Enno Patalas, Filmkritik 10/1967)
mit John Wayne, Robert Mitchum, James Caan, Charlene Holt, Michele Carey, Arthur Hunnicutt, R. G. Armstrong, Edward Asner
Robert De Niro, Barry Levinson, Nicolas Pileggi sind dabei. Irwin Winkler hat produziert und Dante Spinotti die Kamera geführt. Diese Namen wecken Erinnerungen an viele gute Filme. Und dann die Story! „The Alto Knights“ erzählt die wahre Geschichte der miteinander seit ihrer Kindheit befreundeten Mafiosi Frank Costello und Vito Genovese. Ihr Leben und das ihrer Zeitgenossen lieferte in den vergangenen Jahren mal mehr, mal weniger fiktionalisiert Stoff für etliche Filme über das Organisierte Verbrechen in den USA im zwanzigsten Jahrhundert. An einigen dieser Fime waren die eben Genannten beteiligt. Einige dieser Filme sind unumstrittene Filmklassiker. Pileggi schrieb die Drehbücher für „Casino“ und „GoodFellas“. Levinson inszenierte „Wag the Dog“, „Sleepers“, „Bugsy“ und „Rain Man“. Winkler produzierte „The Irishman“, „The Wolf of Wall Street“, „GoodFellas“ und, auch wenn es kein Gangsterfilm ist, „Rocky“. Spinotti war Kamermann bei „Public Enemies“, „L. A. Confidential“ und „Heat“.
Und Robert De Niro – nun, seine halbe Filmographie könnte hier genannt werden. Neben dem schon erwähnten Martin-Scorsese-Filmen „The Irishman“, „Casino“ und „GoodFellas“ erwähne ich nur noch Sergio Leones „Es war einmal in Amerika“. Gerade in den ersten Minuten, wenn Barry Levinson die Eckpfeiler seiner Geschichte einrammt, erinnert „The Alto Knights“ an „Es war einmal in Amerika“. Der eine Film ist ein Klassiker. Der andere wird es niemals werden.
In der Werbung für den Film wird auch erwähnt, dass Robert De Niro erstmals eine Doppelrolle spielt. Er spielt Frank Costello (1891 – 1973) und Vito Genovese (1897 – 1969). Warum ist auch nach dem Film unklar. Die beiden porträtierten Verbrecher sind keine Zwillinge, wie die berühmt-berüchtigten Kray-Brüder, die in den 1950er und 1960er Jahren die Köpfe der Organisierten Kriminalität im Londoner East End waren. Dass De Niro zwei verschiedene Rollen spielen kann, dürfte niemand bezweifeln. De Niro legt beide Figuren auch so unterschiedlich an, dass sie über weite Strecken gut zu unterscheiden sind. Unter anderem weil sie sich zur gleichen Zeit in verschiedenen Räumen aufhalten. Während Costello im Krankenhaus von Ärzten versorgt wird, nimmt Genovese sich den von ihm beauftragten, glücklosen Killer zur Brust.
Weil es für die Filmgeschichte keine weitere Bedeutung hat, ist diese Doppelrolle nur ein ärgerlicher Gimmick.
Die Filmgeschichte konzentriert sich auf die Zeit zwischen dem von Vito Genovese auf Frank Costello veranlassten Anschlag und dem Apalachin-Treffen, an dem fast alle nordamerikanischen Mafia-Bosse teilnahmen. Es sind die Monate zwischen dem 2. Mai 1957 und dem 14. November 1957. Daneben gibt es Rückblenden, die wie bei einer TV-Dokumentation mit SW-Fotografien illustriert werden und in denen die sich über Jahrzehnte erstreckende Geschichte vor Vito Genoveses Mordauftrag an seinem alten Freund erzählt wird. Außerdem erzählt Frank Costello, der Erzähler des Films, was nach dem Apalachin-Treffen geschah.
Die von Mafia-Kenner Pileggi zusammengeschriebene und von Levinson inszenierte Geschichte ist ein Mafia-Best-of, in dem noch einmal die bekannten aus unzähligen Filmen und Romanen bekannten Klischees über die Mafia und mehr oder wenige wahre Legenden über die Mafia, garniert mit den typischen Gangsterdialogen, präsentiert werden. Levinson findet nie einen einheitlichen Erzählrhythmus. Da ist dann die eine Geschichte aus dem Verbrecherleben zu lang, die andere zu kurz. Und eine, die vielleicht interessant wäre, fehlt vollkommen. So nehmen die Ereignisse während des Apalachin-Treffens viel Filmzeit in Anspruch, ohne uns etwas Neues über die Beziehung zwischen Genovese und Costello zu verraten. Ein roter Faden ist, trotz eines Voice-Over-Erzählers, in diesem fast schon beliebig angeordnetem Wust von Anekdoten und Gangsterdialogen nur noch rudimentär erkennbar. „The Alto Knights“ erinnert hier nicht an die konzentrierten und mitreisenden Voice-Over-Erzählungen von „Casino“ und „GoodFellas“, sondern an die immer wieder abschweifenden und sich wiederholenden Erinnerungsfetzen eines alten, leicht dementen Mannes beim Sonntagnachmittagskaffee.
Die Inszenierung ist – immerhin stehen viele alte Männer vor und hinter der Kamera – gerontologisch. Alles wird, wenn möglich, sitzend als Abfolge sprechender Köpfe absolviert.
Das Ergebnis ist, auch mit geringen Erwartungen, enttäuschend und weit entfernt von der Qualitität ihrer früheren Werke, die – zugegeben – auch schwer erreichbare Klassiker sind.
The Alto Knights (The Alto Knights, USA 2025)
Regie: Barry Levinson
Drehbuch: Nicholas Pileggi
mit Robert De Niro, Debra Messing, Kathrine Narducci, Michael Rispoli, Michael Adler, Ed Amatrudo, Joe Bacino, Anthony J. Gallo, Wallace Langham, Louis Mustillo, Frank Piccirillo, Matt Servitto, Robert Uricola
„Schneewittchen und die 7 Zwerge“ (Snow White and the Seven Dwarfs) war 1937 der erste spielfilmlange Trickfilm von Walt Disney und ein gigantischer Erfolg an der Kinokasse. Der deutsche Kinostart war am 24. Februar 1950.
In dem Film wird die aus dem Märchen der Brüder Grimm allseits bekannte Geschichte von Schneewittchen, der bösen Stiefmutter, dem vergifteten Apfel und den sieben Zwergen mit Gesang und langen, die Geschichte oft nicht voran bringenden Episoden erzählt.
Das jetzt anlaufende Realfilm-Remake dieses Disney-Films, inszeniert von Marc Webb („The Amazing Spider-Man“), folgt dem bekannten Märchen und dem Trickfilm. Im Gegensatz zu früheren Disney-Live-Action-Filmen, die einfach nur den Trickfilm mit anderer Technik neu inszenierten, baut Webb die Geschichte aus und interpretiert einige ikonische Szenen neu. Sein Remake ist, mit Abspann, eine knappe halbe Stunde länger als der ursprüngliche Film. Einige der Neuerungen sind gelungen, einige nicht, wobei gerade die Szenen, die das Original direkt zitieren und anders erzählen, weitgehend misslungen sind. Die gänzlich neuen Szenen und radikalen Neuinterpretationen sind gelungener, bleiben aber auf halbe Strecke stehen. Es sind interessante Ideen und Skizzen, aus denen etwas hätte werden können.
Gerade diese Unentschlossenheit trägt zu dem zwiespältigen Gesamteindruck bei. So wird am Anfang mehr über Schneewittchens Leben mit ihren Eltern und am Hof erzählt. In dem Moment bekommen Schneewittchen (Rachel Zegler) und die böse Stiefmutter, die spätere Böse Königin (Gal Gadot), mehr Tiefe. Auch über den Prinzen, der Schneewittchen am Ende küsst, erfahren wir mehr. Jetzt ist er kein Prinz mehr, sondern ein Robin-Hood-artiger Räuber, der Lebensmittel aus dem Schloss stiehlt. Denn die Böse Königin beutet ihre Untergebenen gnadenlos aus. Nur durch Diebstähle können er und seine Weggefährten überleben.
Bis es zur ersten Begegnung zwischen Schneewittchen und den Zwergen kommt, vergeht eine gute halbe Stunde. Die im Trickfilm immer noch sehr gruseligen Erlebnisse von Schneewittchen im nächtlichen Wald dauern jetzt nur wenige Sekunden und sind deutlich weniger gruselig. Wenn Schneewittchen dann das Haus der Zwerge betritt, wird auf die ikonische, heute natürlich veraltete, aber erzählerisch immer noch sehr wirksame, sehr gelungene und vieles etablierende Szene des Originals verzichtet. Zur Erinnerung: Im Original erkundet Schneewittchen das Haus, in dem alles so klein ist. Sie macht sich Gedanken über die in ihm lebenden Kinder und ihre auf den Betten stehenden Namen. Sie, die am Hof von der bösen Stiefmutter gezwungen wurde, als Dienstmagd vor allem zu putzen, ist über das Chaos in dem Haus schockiert. Sie putzt das gesamte Haus und legt sich anschließend müde in drei nebeneinander stehende Zwergenbetten. Weil heute eine Frau, die sich ausschließlich über Hausarbeiten definiert, ein veraltetes, konservatives Frauenbild symbolisiert, putzt Schneewittchen jetzt nicht mehr das Haus. Sie bemerkt nur noch die Unordnung und den Schmutz in dem Haus und legt sich ins Bett.
Die darauf folgende Szene, wenn die Zwerge nach ihrer Arbeit in ihr Haus zurückkehren, hat im Remake dann auch nicht mehr die Wirkung der ursprünglichen Szene. In dem Trickfilm bemerken die Zwerge natürlich sofort, dass jemand in ihrem Haus war. Sie fragen sich, wer das war, was er gestohlen hat und ob er vielleicht noch in dem Haus ist und ihnen etwas antun will. Die Macher können hier eine schöne lange und spannende Szene präsentieren, in der wie Zwerge genauer kennen lernen. Im Remake betreten sie ihr Haus und bemerken erst als sie ihr Schlafzimmer betreten, dass jemand Fremdes in ihrem Haus ist.
Im Original gibt es eine lange Geschichte, die uns gut unterhält und in der wir viel über die Figuren erfahren. Im Remake nicht.
Die gruseligen Szenen des Trickfilms wurden übernommen, allerdings in einer deutlich kindgerechteren und wirkungsloseren Version. So ist Schneewittchens schon erwähnte Flucht durch den nächtlichen Wald deutlich weniger alptraumhaft. Gleiches gilt für den Höhepunkt. Nachdem die böse Stiefmutter erfährt, dass Schneewittchen noch lebt. Sie verwandelt sich in eine alte Frau und will Schneewittchen mit einem Apfel vergiften. Im Trickfilm ist sie fortan eine wahre Schreckgestalt, eine Hexe, die Alpträume verursachen kann. Im Realfilm ist sie, für wenige Minuten, Gal Gadot mit einigen Falten.
Solche Verschlechterungen ziehen sich bei den Neuinterpretationen der aus dem Original bekannten Szenen durch den gesamten Film.
Gerade in den neuen Szenen in Webbs Film über die im Wald lebende Räuberbande, ihren Kampf gegen die Königin und das nicht gezeigte Leid der von ihr unterdrückten Bevölkerung drängt sich eine politische Interpretation des Films an, der erstaunlich mühelos auf die aktuelle Lage in den USA angewandt werden kann.
In dieser Interpretation – und nur diese Interpretation ist widerspruchsfrei möglich – führt Schneewittchen eine breite Koalition gesellschaftlicher Minderheiten, Außenseiter, Arbeiter und Unterdrückter an, die am Ende gegen die nur auf den äußeren Schein und die eigene Bereicherung fixierte Böse Königin kämpfen. Schneewittchen sieht in diesen Momenten sogar wie eine Zwillingsschwester der demokratischen Politikerin Alexandria Ocasio Cortez, kurz AOC, aus. Dabei wurde der Film zu einer Zeit geschrieben und gedreht – die Haupt-Dreharbeiten waren von Oktober 2021 bis Februar 2022 – als eine Wiederwahl von Donald Trump noch nicht einmal eine finstere Utopie war.
Den aktuellen, vor allem in den USA lautstark geführten Presserummel über politische Äußerungen von Rachel Zegler und Gal Gadot, Beschwerden von Kleinwüchsigen über die Nicht-Beschäftigung von ihnen als Zwerge zugunsten von CGI-Zwergen, Kampagnen rassistischer Fans, denen Rachel Zegler (die dem Trickfilm-Schneewittchen sehr ähnelt) nicht Weiß genug ist undsoweiter habe ich jetzt weggelassen. Wer will kann sie im Rolling Stone nachlesen. Möglicherweise beeinträchtigen diese Debatten vor allem in den USA das Einspielergebnis des Films. Langfristig ist das egal und „Schneewittchen“ könnte, trotz seiner Mängel, Kompromisse und bestenfalls halbherzigen Neuerungen, in einigen Jahren einer der Disney-Filme sein, die Eltern sich immer wieder mit ihren Kinder ansehen müssen.
Nachträglich: Alles Gute zum Geburtstag, Luc Besson! Der war am 18. März.
Alles Gute zum Geburtstag, Bruce Willis! Der war am 19. März.
Und, aktuell: Alles Gute zum Geburtstag, Gary Oldman! Der ist heute.
Pro7, 20.15
Das fünfte Element (The Fifth Element, Frankreich 1997)
Regie: Luc Besson
Drehbuch: Luc Besson, Robert Mark Kamen (nach einer Geschichte von Luc Besson)
Zukunft, Erde: Taxifahrer Korben Dallas (Bruce Willis), der noch nicht einmal sein Leben auf die Reihe bekommt, muss mal eben das Universum retten und besucht dafür auch einige ferne Planeten in weit entfernten Galaxien. Aliens und andere seltsame Wesen gibt es auch. Action und Spaß sowieso.
Quietschbuntes, vollkommen durchgeknalltes Science-Fiction-Abenteuer, das den Fans der „Guardians of the Galaxy“ gefallen dürfte.
Hier hat Luc Besson, nach „Subway“, „Nikita“, „Leon – Der Profi“, noch einmal gezeigt, was er kann: „ein Fest für die Augen“ (Annette Kilzer, Herausgeberin: Bruce Willis)
2017 drehte er mit „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ ein überflüssiges Quasi-Remake.
mit Bruce Willis, Gary Oldman, Ian Holm, Milla Jovovich, Chris Tucker, Luke Perry, Brion James, Lee Evans, Tricky, Mathieu Kassovitz
Unglaubliche neun Jahre sind seit Tom Tykwers letztem Kinofilm „Ein Hologramm für den König“ vergangen. Seitdem war er nicht untätig, sondern versumpfte in „Berlin Babylon“. Während den Dreharbeiten und der damit verbundenen Beschäftigung mit den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, wuchs in ihm der Wunsch, sich wieder mit der Gegenwart auseinandersetzen. Das tut er jetzt in seinem neuen Film „Das Licht“, zu dem er auch das Drehbuch schrieb.
In knapp drei Stunden erzählt er einige Wochen aus dem Leben der ganz normal dysfunktionalen Familie Engels und ihrer Begegnung mit der verständnisvollen Farrah. Farrah ist eine aus Syrien geflüchtete Ärztin, die die aus ihrer Sicht perfekte Arbeit als Haushälterin begeistert annimmt. Denn sie möchte etwas von der Familie.
Die mehr neben- als miteinander in einer großen, behaglich eingerichteten Berliner Altbau-Wohnung lebende Familie besteht aus Tim (Lars Eidinger), einem von seiner eigenen Grandiosität überzeugtem Werbemann, seiner Frau Milena (Nicolette Krebitz), einer seit Ewigkeiten in Nairobi für das Entwicklungsministerium Kulturprojekte durchführenden Freiberuflerin, und ihren noch zur Schule gehenden Zwillingskindern Frieda (Elke Biesendorfer) und Jon (Julius Gause). Frieda engagiert sich in einer radikalen Umweltschutzgruppe und taumelt durch das Nachtleben. Jon flüchtet in seinem Zimmer in die Welt virtueller Computerspiele.
„Das Licht“ ist unbestreitbar ein Tom-Tykwer-Film und er ist auch ein archetypischer Tykwer-Film. Er war, bis auf Experimente wie „Lola rennt“ und Thriller wie „The International“, noch nie der konzentrierteste Erzähler. Er ist eher ein langsamer, teilweise enervierend langsamer Erzähler, der sich Zeit lässt, bis sich am Ende alles zusammenfügt. Seine Figuren haben eigentlich immer Probleme mit der Realität. Oft zeigt er eine Welt zwischen Traum und magischem Realismus. Dieses Mal wird bei ihm Berlin zu einer dauerverregneten Traummetropole.
Mit großem epischen Atem schildert Tom Tykwer das Leben der Familie Engels und ihre Zweifel am Leben. Eine richtige Story entwickelt sich aus diesem Sammelsurium von Stilen und Schicksalen nicht. Sicher, gerade die genauen Beobachtungen, die sich Zeit nehmende, entsprechend langsame Erzählgeschwindigkeit, die ständigen Wechsel zwischen den vielen Hauptpersonen und Stilen zwischen ernstem Drama, magischem Realismus und Musical, lassen die gut drei Stunden schnell vergehen. Am Ende hat man das Gefühl, dass jedes irgendwie ‚wichtige Thema‘ angesprochen, aber nie konsequent vertieft wurde. Es ist eine sich an der fotogenen Oberfläche kunstvoll abarbeitender Versuch einer Zeitdiagnose, in der Probleme angesprochen, Lösungen ignoriert und auf Kausalitäten verzichtet wird. Tykwers Ensemblefilm ist immer im Moment.
Aber begeistern tut an diesem Film, der in jeder Sekunde breitbeinig seine Relevanz betont, nichts. Und weil alles zu diffus bleibt, kann noch nicht einmal wirklich über den Film diskutiert werden. Insofern sind die Nominierungen für die beste Tongestaltung und die besten visuellen Effekte beim Deutschen Filmpreis für „Das Licht“ folgerichtig.
Oder anders gesagt: Schön, dass Tom Tykwer wieder Kino macht. Schade, dass es kein besserer Film wurde. Und hoffentlich vergeht nicht wieder fast ein Jahrzehnt bis zum nächsten Tom-Tykwer-Film.
Das Licht (Deutschland 2025)
Regie: Tom Tykwer
Drehbuch: Tom Tykwer
mit Lars Eidinger, Nicolette Krebitz, Tala Al-Deen, Elke Biesendorfer, Julius Gause, Elyas Eldridge, Toby Onwumere, Mudar Ramadan, Joyce Abou-Zeid
Big Trouble in Little China(Big Trouble in Little China, USA 1986)
Regie: John Carpenter
Drehbuch: Gary Goldman, David Z. Weinstein, W. D. Richter
Im Untergrund von San Francisco lebt ein zweitausend Jahre alter Magier. Um wieder seine alte Gestalt zu erhalten, muss er eine grünäugige Schonheit heiraten und opfern – und weil diese Frau die Verlobte von Jack Burtons bestem Kumpel Wang Chi ist, begibt sich der LKW-Fahrer mit seinem Freund und einigen weiteren Helfern in den Untergrund.
John Carpenters bunte Actionkomödie ist ein ziemlich durchgeknallter Spaß mit viel Wumms und Rumms. Die Liebeserklärung an damalige Hongkong-Actionfilme floppte an der Kinokasse. Auf dem Videomarkt war sie ein Erfolg. Heute ist sie ein Kultfilm.
„ein wildgewordenes Disneyland“ (Fischer Film Almanach 1987)
Mit Kurt Russell, Kim Cattrall, Dennis Dun, James Hong, Victor Wong
Das Syndikat, der Verein für deutschsprachige Kriminalliteratur, hat für den diesjährigen Glauser-Preis, der am Samstag, den 12. April, auf der Criminale in Schwetzingen verliehen wird, in der Kategorie Bester Roman folgende Krimis nominiert:
Wenn es unter diesen fünf Krimis ausgehend von erhaltenen Preisen und Kritikerlob einen Favoriten gibt, dann ist es Thomas Knüwers „Das Haus in dem Gudelia stirbt“.
Der Klappentext scheint die ganze Geschichte zu verraten:
„Eine Sturmflut sucht das kleine Dorf Unterlingen heim, Wassermassen drängen die Anwohner aus ihren Häusern – nur eine bleibt, so wie sie es schon immer getan hat: Gudelia.
Sie blieb 1984, als ihr Sohn ermordet wurde, 1998, als sie sich von ihrem Nann trennte, und auch jeztzt, als ihr Haus in den Fluten einzustürzen droht.
Nicht einmal die beiden gefesselten Leichen, die an ihrem Fenster vorbeitreiben, können sie umstimmen. Denn Gudelias Gedanken gelten nur ihrem Haus, in dem sich ihr dunkelstes Geheimnis verbirgt.“
Mit diesem Text und der darüber stehenden Ankündigung, dass es sich um einen „Kriminalroman über Liebe und Verlust, über Stärke und Schuld, über Jahrzehnte hinweg“ handelt, wird schon sehr deutlich gesagt, dass die 81-jährige Gudelia einige Leichen im Keller hat. Eigentlich ist in dem Moment – auch ohne Kenntnis der Geschichte – nur noch fraglich, wen sie warum ermordete. Bis diese Frage beanwortet ist, vergeht einiges an Lesezeit.
Knüwer erzählt Gudelias Geschichte chronologisch auf drei Zeitebenen. Alle paar Seiten springt er zwischen 1984, 1998 und 2024 hin und her. Immer passiert etwas. Nicht viel und eigentlich nie etwas, das die Krimihandlung erkennbar vorantreibt. Einige Seiten später erzählt er dann, was in einem anderen Jahr passiert. Es geht über viele Seiten darum, wie Gudelia den Tod ihres Sohnes verarbeitet, wie sie mit ihrem trunksüchtigen Mann umgeht, wie sie das Haus auf sich überschreiben lässt und wie nach der Flut in dem Dorf die Aufräumarbeiten beginnen. Durch die ständigen Wechsel entwickelt das Buch durchaus Pageturner-Qualitäten.
Außerdem wird es als „Kriminalroman“ gelabelt und, was wichtiger ist, innerhalb der Krimi-Gemeinschaft wird es seit seiner Veröffentlichung mehr als wohlwollend als Kriminalroman aufgenommen. Inzwischen hat „Das Haus in dem Gudelia stirbt“ den Deutschen Krimipreis und den Stuttgarter Krimipreis gewonnen. Es ist für den Glauser-Preis nominiert, steht auf der Shortlist der Krimi-Couch für das „Buch des Jahres 2024“ und stand mehrmals auf der monatlichen Krimibestenliste. Es muss also auf den knapp dreihundert Seiten irgendetwas geschehen und auch so beschrieben werden, dass es von den Lesern als Kriminalroman und nicht als Biographie einer auf dem Land lebenden alten Frau, die vor vierzig Jahren ihren Sohn verlor, wahrgenommen wird.
Knüwer erzählt, sprachlich unauffällig, aus der Sicht einer Täterin, über mehrere Jahrzehnte, wie ein Mord das Leben von zwei Familien verändert. Zwischen all den biederen Ermittler- und Regiokrimis, mal mehr, mal weniger humoristisch, und bluttriefenden Serienkillerthrillern fällt dieser Kriminalroman angenehm auf. Er erzählt, wie eine unbescholtene, normale Frau zur Mörderin wird, wie sie mit dieser Schuld lebt und wie mehrere Menschen, die die Hintergründe mehr oder weniger kennen, über Jahrzehnte schweigen.
„Das Haus in dem Gudelia stirbt“ ist das Verlagsdebüt von Thomas Knüwer. Davor veröffentlichte der 1983 im Münsterland geborene, in Hamburg lebende Autor und Chief Creative Officer einer Kreativagentur zwei Bücher im Selbstverlag.
Das unbekannte Mädchen (La fille inconnue, Belgien/Frankreich 2016)
Regie: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Drehbuch: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Eine junge, in der belgischen Provinz arbeitende Ärztin fühlt sich für den Tod eines schwarzafrikanischen Mädchens verantwortlich. Sie will ihren Namen erfahren. Aber das ist nicht so einfach.
Gewohnt intensives, zum Nachdenken anregendes Drama der Dardenne-Brüder
mit Adèle Haenel, Olivier Bonnaud, Jérémie Renier, Louka Minnella, Christelle Cornil, Nadège Ouedraogo, Olivier Gourmet, Pierre Sumkay
Das Syndikat, der Verein für deutschsprachige Kriminalliteratur, hat für den diesjährigen Friedrich-Glauser-Preis, der am Samstag, den 12. April, auf der Criminale in Schwetzingen verliehen wird, in der Kategorie Bester Roman folgende Krimis nominiert:
Nicole Eick: Wenn der Engel kommt (Edition Tingeltangel)
Dann wollen wir mal lesen, was die besten Krimis des Jahres sein sollen. Beginnen tun wir mi Nicole Eicks „Wenn der Engel kommt“. Es ist ihr zweiter Kriminalroman mit dem grundsympathischen und angenehm normalen Bamberger Kriminalpolizistenduo Alfred Meister und Dominique Brodbecker.
Dieses Mal geht es um mehrere seltsame Todesfälle, die möglicherweise miteinander zusammenhängen und in die ein Pflegedienst involviert ist. Mehr wissen die beiden Kommissare in dem Moment noch nicht.
Der Leser ist da schon schlauer. Nicole Eick erzählt ihren Krimi aus verschiedenen Perspektiven, zu denen die Kommissare und ihr Privatleben, der verdächtige Pflegedienst, ein verdächtiger Pfleger, eine Jugendliche, die die erste Leiche entdeckte, weitere für die Geschichte irgendwann irgendwie wichtige Personen und, in Rückblicken, Kimmi gehören. Am Anfang des Romans ist Kimmi noch ein Kind. Am Ende eine über vierzigjährige Schönheit, die allen Männer den Kopf verdreht und die in Serie Menschen umbringt, die sie irgendwie stören. Dass sie die Täterin ist, ist schnell klar. Nur welche der in „Wenn der Engel kommt“ auftauchenden Frauen Kimmi ist, ist unklar.
Die polizeilichen Ermittlungen sind, wenn die Kommissare nicht gerade mit Essen und Trinken und der Pflege eines im Sterben liegenden Sohnes beschäftigt sind, eine Abfolge von Zufällen. Normalerweise taucht im richtigen Moment jemand auf und liefert den Ermittlern die weiteren Informationen, während sie, nun, in die nächste Gaststätte gehen. Auch für die Verhaftung des Täters werden sie nicht benötigt.
Das liest sich als Regiokrimi mit minimalem Krimianteil und nicht vorhandenem Rätselanteil flott weg. Mehr nicht.
Sherlock: Die sechs Thatchers (The Six Thatchers, Großbritannien 2017)
Regie: Rachel Talalay
Drehbuch: Mark Gatiss
Erfinder: Steven Moffat, Mark Gatiss
LV: Charakter von Sir Arthur Conan Doyle
Ein Ministersohn wird ermordet. Auf einem Beistelltisch mit Margaret-Thatcher-Devotionalien fehlt eine Thatcher-Gipsbüste. Sherlock Holmes fragt sich, warum die Thatcher-Büste verschwunden ist – und was das Geheimnis der Thatcher-Büsten ist.
Die Inspiration für „Die sechs Thatchers“ ist die Sherlock-Holmes-Geschichte „Die sechs Napoleons“.
Ziemlich furioser Auftakt der vierten „Sherlock“-Staffel, die wieder aus drei spielfilmlangen Episoden besteht. Nachdem bei der dritten Staffel die Fälle so nebensächlich wurden, dass man sie schon während des Sehens vergaß, sind die Fälle jetzt wieder gelungener. Allerdings sind sie wieder kaum nacherzählbar und zunehmend durchgeknallter und immer mehr miteinander und mit den Biographien von Sherlock Holmes und Dr. John Watson verknüpft und sie gehen immer mehr in Richtung einer großen, großen Verschwörung. Das ist nicht uninteressant und flott erzählt, aber auch der Stoff, der sich (schlechter) in ungefähr jeder zweiten Serie findet.
Denn auch Sherlock Holmes‘ brave Haushälterin Mrs. Hudson hat eine Vergangenheit, die wir bis jetzt nicht kannten.
Mit Benedict Cumberbatch, Martin Freeman, Amanda Abbington, Una Stubbs, Louise Brealey, Rupert Graves, Mark Gatiss, Lindsay Duncan, Simon Kunz, Sacha Dhawan
Julian R. Wagner (Szenenbild) Melanie Raab (Set Dec) (SEPTEMBER 5)
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Bestes Kostümbild
Juliane Maier Christian Röhrs (CRANKO)
Pierre-Yves Gayraud (HAGEN – IM TAL DER NIBELUNGEN)
Birgitt Kilian (IN LIEBE, EURE HILDE)
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Bestes Maskenbild
Jeanette Latzelsberger Gregor Eckstein (HAGEN – IM TAL DER NIBELUNGEN)
Grit Kosse Uta Spikermann Monika Münnich (IN LIEBE, EURE HILDE)
Sabine Schumann (SEPTEMBER 5)
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Beste visuelle Effekte
Robert Pinnow (DAS LICHT)
Jan Stoltz Franzisca Puppe (HAGEN – IM TAL DER NIBELUNGEN)
Max Riess Sven Martin Bernie Kimbacher (WOODWALKERS)
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Besucherstärkster Film
DIE SCHULE DER MAGISCHEN TIERE TEIL 3 (Sven Unterwaldt (Regie) Alexandra Kordes Meike Kordes (Produktion))
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Ehrenpreis
An Dorthe Braker
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Was fällt auf? Die Liste ist erstaunlich monoton und, immerhin handelt es sich um den Deutschen Filmpreis, erstaunlich undeutsch. Die meisten Nominierungen erhielt „September 5“ mit 10 Nominierungen. „In Liebe, eure Hilde“ folgt mit 7 Nominierungen. „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ erhielt 6 Nominierungen.
Egal was man von „September 5“ und „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ hält, fällt es schwer, sie als deutsche Filme zu betrachten. Der eine erzählt eine im Iran spielende Geschichte, der andere letztendlich eine amerikanische Geschichte. Immerhin sind mit „In Liebe, eure Hilde“, „Köln 75“ und „Das Licht“ (in den Technikkategorien) auch deutsche Geschichten dabei.
Und dann gibt es noch drei mehr als unschöne Doppelungen. So ist Sam Riley zweimal als bester Hauptdarsteller, Alexander Scheer zweimal als bester Nebendarsteller und Dascha Dauenhauer zweimal als beste Komponistin nominiert. Gab es da wirklich keine größere Auswahl?
Der Pariser Journalist Roland Wolf will den berühmten, für seine Wohltätigkeit bekannten Showmaster Christian Legagneur auf dessen Landsitz interviewen. Dabei blickt er hinter Legagneurs Fassade. Außerdem will Wolf herausfinden, was dort mit seiner Schwester geschah.
„Die Deformation beim Tanz um das goldene Kalb, die behaglich rosa getönte Fassade von Habgier und rücksichtsloser Menschenverachtung, die Verlogenheit in den Unterhaltungsmedien. Typische Themen in Chabrols Oeuvre, das mit diesem Film um ein unterhaltsames Meisterwerk reicher geworden ist.“ (Fischer Film Almanach 1988)
…das nur alle Jubeljahre im Fernsehen gezeigt wird.
Mit Philippe Noiret, Robin Renucci, Bernadette Lafont, Monique Chaumette
Drehbuch: Gareth Edwards, Chris Weitz (nach einer Geschichte von Gareth Edwards)
In der Zukunft zerstört eine Künstliche Intelligenz Los Angeles. Seitdem ist KI im Westen verboten und wird bekämpft. In Asien wird dagegen weitergeforscht und eine wirklich intelligente KI erschaffen.
US-Agent Joshua Taylor, der die Gegend von einem früheren Einsatz kennt, wird als Teil einer Kampfeinheit nach New Asia geschickt. Er soll die KI finden.
TV-Premiere. Wuchtiger Science-Fiction-Kriegsfilm mit überzeugenden Spezialeffekten und kleinen Schwächen in der Story. Trotzdem einer der besten SF-Filme des Jahres 2023.
Quasi-dokumentarischer Spielfilm über den jungen Rodeoreiter Brady Blackburn (Brady Jandreau), der nach einem Unfall nicht mehr Rodeo reiten darf und seinen Versuchen, sich damit zu arrangieren.
Chloé Zhao erzählt mit Laiendarstellern, die sich letztendlich selbst spielen, vom deprimierend trostlosen Leben im US-amerikanischen Hinterland. Da ist, bis auf die leinwandfüllenden Sonnenuntergänge, alles deprimierend trostlos. Vom Mythos des Rodeoreiters, den Sam Peckinpah schon in „Junior Bonner“ entmystifizierte und dem Brady und seine Freunde wie einer Religion anhängen, bleibt nichts mehr übrig.
Dank der Schauspieler, den leinwandfüllenden Bildern, Zhaos geduldigem Einlassen auf die Laiendarsteller und ihr Leben und ihrem sie, ihr Leben und ihre Ansichten nie verurteilendem Blick ist der Neo-Western „The Rider“ ein aufbauender, zutiefst humanistischer Film.
Für ihren nächsten Film „Nomadland“ erhielt Zhao 2021 unter anderem den Oscar in den Kategorien bester Spiefilm und beste Regie.
mit Brady Jandreau, Lilly Jandreau, Tim Jandreau, Lane Scott, Cat Clifford, Terri Dawn Pourier
Mississippi Burning – Die Wurzeln des Hasses (Mississippi Burning, USA 1988)
Regie: Alan Parker
Drehbuch: Chris Gerolmo
Südstaaten, 1964: Mitten im Hochsommer verschwinden im ländlichen Jessup County drei Bürgerrechtler spurlos. Ein älterer und ein jüngerer FBI-Agent sollen den Fall aufklären und wenn sie nur auf eine Mauer des Schweigens stoßen würden, wären sie froh.
Packender, auf einem wahren Fall basierender Polizei-Thriller. Zum Filmstart sah der Fischer Film Almanach das anders (wobei damals die Filmkritik auch anders war): „Parker lässt zu, dass ‚Mississippi Burning‘ sich zu einem konventionellen Reißer entwickelt, zu einem Polizeifilm, der mit den fragwürdigen Methoden seiner Protagonisten sympathisiert. Doch damit wird er seinem Thema nicht mehr gerecht. Ein Film der verschenkten Möglichkeiten.“ Dabei wird der erste Teil des Films wegen seiner dokumentarischen Qualitäten gelobt.
„Parkers von gewalttätigen Eruptionen durchsetzter FBI-Thriller ist wegen seiner (historisch unhaltbaren) Glorifizierung des FBI und wegen seiner Tendenz, die Rolle der Bürgerrechtler und der Schwarzen zu verfälschen (sie sind mehr oder weniger Randfiguren des Dramas), heftig kritisiert worden.“ (Wolfgang Schweiger: Der Polizeifilm, 1989)
Der Film feierte seine Premiere auf der Berlinale. Der immer überzeugende Gene Hackman erhielt den Silbernen Bären als bester Hauptdarsteller. Und bei den US-Kritikern kam der Film besser an als bei den deutschen Kritikern.
mit Gene Hackman, Willem Dafoe, Frances McDormand, Brad Dourif, R. Lee Ermey, Michael Rooker, Pruitt Taylor Vince, Tobin Bell (damals noch ein kleiner Nebendarsteller in seinem ersten namentlich genanntem Spielfilmauftritt)
Jimmy Erskine ist 1934 in London der seit Ewigkeiten etablierte, von sich selbst und seiner Wichtigkeit hemmungslos überzeugte Großkritiker des „Daily Chronicle“. Mit seinen Kritiken entscheidet er über Karrieren. Er vernichtet Theaterstücke, Schauspieler und Regisseure mit pointierten Gemeinheiten. Oder lobt sie in den Himmel. Er hat ein sorgenfreies Leben mit täglichen ausufernden Gelagen mit seinen ähnlich boshaften Freunden.
Nach dem Tod des Chefs der Zeitung übernimmt sein Sohn David Brooke den „Daily Chronicle“. Brooke möchte den doch schon betagten Kritiker rauswerfen. Er passt nicht zu dem Bild, das Brooke vom Chronicle hat.
Aber Erskine wehrt sich gegen den angekündigten Rauswurf. Und wie es sich für eine schwarze britische Komödie gehört, gibt es neben verbalen Gemeinheiten auch einige Intrigen und Tote.
Aber wenn der von Sir Ian McKellen lustvoll gespielte Kritiker nicht gerade One-Liner sagt, plätschert die von Anand Tucker inszenierte Komödie „The Critic“ weitgehend spannungsfrei vor sich hin.
The Critic(The Critic, Großbritannien 2023)
Regie: Anand Tucker
Drehbuch: Patrick Marber
LV: Anthony Quinn: Curtain Call, 2015
mit Ian McKellen, Gemma Arterton, Mark Strong, Ben Barnes, Alfred Enoch, Romola Garai, Lesley Manville