Der wichtige und auch interessanteste Punkt bei „Im Jugendarrest“ sind nicht die Bilder und die nicht vorhandene Story, sondern die Entstehungsgeschichte und die so gewährten Einblicke. Illustratorin Patricia Thoma traf sich über mit Insassen der Jugendarrestanstalt Berlin-Brandenburg. Sie erzählten ihr von ihrem Alltag im Gefängnis, ihrer Familie, ihren Freunden und ihren Plänen für die Zukunft. Gemeinsam erarbeiteten sie daraus diesen Comic, der ihre Erzählungen illustriert – und ihnen ein Gesicht verleiht. Denn diese Jungs, von denen wir nur die Vornamen erfahren, entsprechen, trotz schwerwiegender Verfehlungen, die zu ihrer Inhaftierung führten, nicht dem von Medien und bestimmten Politikern gezeichneten Bild des verbrecherischen, migrantischen Jugendlichen.
Sie sind eher Kinder, um die sich bislang niemand richtig kümmerte und die in der Haft die letzte und ironischerweise auch die erste Chance auf ein anderen Leben haben. Denn in der Haft hat ihr Leben erstmals eine feste Struktur. Sie erhalten die Chance, etwas von einem anderen möglichen Leben zu erfahren.
Empfehlenswert!
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Patricia Thoma und Jugendliche in der Jugendarrestanstalt Berlin-Brandenburg: Im Jugendarrest
Die Hardcover-Ausgabe (rechts) ist schon seit einigen Jahren erhältlich. Die Taschenbuch-Ausgabe (links) von Denise Minas drittem Alex-Morrow-Krimi erschien erst jetzt.
Kurz vor Weihnachten spaziert ein Maskierter mit einer AK-47 in eine Glasgower Postfiliale und richtet, als ein älterer Mann gegen seine Anweisungen verstößt, ein Massaker an. Anscheinend hat Brendan Lyons den maskierten Mann erkannt. Aber woher? Und warum hat er ihn angesprochen? Die Ermittlungen von Detective Sergeant Alex Morrow und ihrem Kollegen, Detective Constable Harris, ergeben keine heiße Spur. Lyons scheint nur ein honoriger Gewerkschaftler und Arbeiter gewesen zu sein. Der Zeuge Martin Pavel verfügt zwar über eine nebulöse Biographie, aber mit dem Täter und dem Opfer hat der junge Mann offensichtlich nichts zu tun.
Zur gleichen Zeit beschuldigt die lokale Tageszeitung den verheirateten Politiker Kenny Gallagher einer sexuellen Affäre mit einer jüngeren Angestellten der Partei. Obwohl die Anschuldigen stimmen und er in den vergangenen Jahren mehrere Affären hatte, verklagt er die Zeitung. Er hofft, so seine Ehe und seine politische Karriere zu retten.
Wenige Stunden nach dem Überfall auf die Postfiliale nehmen Morrows Kollegen Tasmin Leonard und Wilder eine prallvoll mit Geldscheinen gefüllte Ikea-Tasche mit, die ihnen ein sich auffällig unschuldig gebender Rauschgiftkurier bei einer Kontrolle anbietet. Kurz darauf werden sie mit Fotos von ihrer Tat erpresst.
Aus diesen Handlungssträngen entwirft Denise Mina, die Queen of Tartan Noir, in ihrem dritten von fünf Alex-Morrow-Kriminalromanen ein dichtes Geflecht unterschiedlicher Abhängigkeiten. Für die Aufklärung des Falles und ein sauberes Ende, wie man es aus traditionellen Krimis kennt, interessiert Mina sich nicht. Sie entwirft das Porträt einer zutiefst korrupten Stadt, in der alle mit allen verflochten sind.
Als die Hardcover-Ausgabe vor fünf Jahren erschien, stand „Götter und Tiere“ mehrere Monate auf der monatlichen Krimibestenliste und auf dem dritten Platz der aus den monatlichen Bestenlisten zusammengestellten Krimijahresbestenliste. Der Polizeikrimi erhielt den Deutschen Krimipreis. Außerdem gewann der Noir 2013 den renommierten Theakstons Old Peculier Crime Novel of the Year Award.
„Götter und Tiere“ ist absolut lesenswert, wenn man einen guten Noir lesen möchte.
Nach „Das Spiel“ und „Doctor Sleeps Erwachen“ legt Mike Flanagan mit „The Life of Chuck“ seine dritte Stephen-King-Verfilmung vor. Es handelt sich um eine Verfilmung der Kurzgeschichte „Chucks Leben“. Sie gehört zu Kings wenigen Nicht-Horrorgeschichten, die dann, wie „Die Verurteilten“ und „Stand by me“, die Vorlage für sehr schöne und beim Publikum sehr beliebte Filme wurden. Das könnte in diesem Fall wieder passieren.
Dabei beginnt „The Life of Chuck“ wie ein schräger Katastrophenfilm.
Während die Welt gerade kollabiert, tauchen in Kalifornien plötzlich überall Reklametafeln auf, auf denen einem gewissen Chuck Krantz für 39 wunderbare Jahre gedankt wird. Zugegeben, dieser Krantz (Tom Hiddleston) sieht in seinem Anzug, der zu einem Bankbeamten oder einem Buchhalter passt, gut aus und er hat ein leicht verkniffenes pseudofreundliches Werbelächeln. Aber offensichtlich wirbt er nicht als austauschbares Modell für irgendein Produkt, sondern er ist diese Person, der gedankt wird – und die niemand kennt. Etwas später ist dieser Chuck Krantz im Radio, in der Luft und als Standbild auf jedem Bildschirm. Er breitet sich wie ein Virus aus.
Marty Anderson (Chiwetel Ejiofor), ein Lehrer, der später keine Rolle mehr spielen wird, fragt sich, während er nach dem Unterricht durch zerstörte Stadt fährt, wer dieser Chuck Krantz sei und wer ihm warum dankt.
In seinem neuen Film „The Life of Chuck“ beantwortet Mike Flanagan diese Frage. Dabei bewegt er sich, wie Stephen King in seiner dem Film zugrunde liegenden Kurzgeschichte, von der Gegenwart immer weiter zurück in die Vergangenheit; sozusagen vom Tod zur Geburt. In kleinen Episoden erfahren wir immer mehr über Chucks Leben, der im Film von Tom Hiddleston, Jacob Tremblay, Benjamin Pajak und Cody Flanagan gespielt wird. Dabei folgt Flanagan nicht stringent rückwärts Chucks Leben. Er schweift immer wieder ab, erzählt aus dem Leben anderer Figuren oder legt eine Pause ein.
So ist ein Höhepunkt eine lange improvisierte Tanznummer in der in der Nähe des Strandes liegenden Einkaufsstraße. Schlagzeugerin Taylor Franck (Taylor Gordon aka The Pocket Queen) trommelt. Menschen versammeln sich. Auch Chuck (Tom Hiddleston), der in seinem Anzug und mit seiner Aktentasche eindeutig auf dem Weg ins Büro ist, bleibt stehen. Irgendwann beginnt er zur Musik zu tanzen, lädt die ihm unbekannte Buchhändlerin Janice Halliday (Annalise Basso) zum Tanz ein und die Schlagzeugerin reagiert auf die beiden Tänzer, die wiederum auf sie reagieren. Es ist eine lange Szene, die als Musical-Nummer die Handlung bestenfalls minimal vorantreibt, und die dennoch noch länger hätte sein können.
Auch später – also wenn Chuck jünger ist – tanzt er gerne und Mike Flanagan zeigt das ausführlich. Sein Film ist eine Abfolge von verschiedene Genres bedienenden Kurzfilmen, die zusammen ein Porträt von Chuck und seiner Welt ergeben. Auch wenn Chuck nicht jede Person kennt, die in dieser Welt lebt und wir teilweise mehr über die Menschen wissen, denen Chuck begegnet als Chuck.
Aus diesen impressionistischen Stimmungsbildern aus einem überaus normalen Leben ergibt sich ein angenehm vor sich hin mäandernder, zutiefst menschenfreundlicher und optimistisch stimmender Film.
„The Life of Chuck“ ist der perfekte Film für einen lauschigen Sommerabend; gerne in einem Open-Air-Kino.
The Life of Chuck(The Life of Chuck, USA 2024)
Regie: Mike Flanagan
Drehbuch: Mike Flanagan
LV: Stephen King: The Life of Chuck, 2020 (Chucks Leben [Kurzgeschichte], enthalten in „If it bleeds“, 2020 [Blutige Nachrichten])
mit Tom Hiddleston, Jacob Tremblay, Benjamin Pajak, Cody Flanagan, Chiwetel Ejiofor, Karen Gillan, David Dastmalchian, Matthew Lillard, Carl Lumbly, Taylor Gordon, Annalise Basso, Mia Sara, Mark Hamill, Kate Siegel, Carl Sagan, Nick Offerman (Erzähler, im Original)
Länge: 111 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Die Vorlage
„Chucks Leben“ ist eine der vier in „Blutige Nachrichten“ enthaltenen Geschichten
Stephen King: Blutige Nachrichten
(übersetzt von Bernhard Kleinschmidt)
Heyne, 2021
576 Seiten
11,99 Euro (Taschenbuch)
24 Euro (Hardcover)
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Deutsche Erstausgabe
Heyne, 2020
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Originalausgabe
If it bleeds
Scribner, New York, 2020
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Außerdem: der neue Roman von Stephen King
Privatermittlerin Holly Gibney (bekannt aus „Mr. Mercedes“, „Finderlohn“, „Mind Control“, „Der Outsider“, „Holly“ und einer Geschichte in „Blutige Nachrichten“) muss sich um zwei zeitintensive Fälle kümmern. Sie arbeitet als Personenschützerin für eine Feministin, auf die zahlreiche Anschläge verübt werden. Gleichzeitig soll sie die Durchführung einer Mordserie verhindern. Der Täter kündigte in einem anonymen Schreiben an, wahllos 13 unschuldige und einen schuldigen Menschen umzubringen und so den Tod eines Unschuldigen zu rächen. Er sieht diesen Wahnsinn als einen Akt der Sühne.
Stephen King setzt in seinem Nachwort die Erwartungen so niedrig, dass man schnell zu einem „deutlich besser als erwartet“-Lob kommen kann. King schreibt: „Jetzt bin ich endlich zufrieden damit. Beziehungsweise – ich will aufrichtig sein – zufrieden genug. Es wird nie ganz so, wie ich es mir erhoffte, aber es kommt ein Punkt, wo man loslassen muss.“
Die Kritiker sind jedenfalls größtenteils zufrieden mit Kings neuestem Roman.
Zwölf Jahre nach dem äußerst blutigen Ende der Superhelden – – Hm, hier muss ich eine Erklärung einschieben. Denn nicht jeder weiß, dass Autor Garth Ennis und Zeichner Darick Robertson 2006 ihre Superheldenserie „The Boys“ starteten. In dieser Comicserie sind Superhelden ein von der Industrie gepushtes Produkt, mit dem sie viel Geld verdienen. Die Superhelden haben zwar einige Superkräfte, aber im Kern sind sie unverantwortliche Teenager, die durch ihre Selbstüberschätzung und Inkompetenz immer wieder Katastrophen verursachen oder befördern. Die Werbeabteilung des multinationalen Konzerns Vought-American, denen die Superhelden gehören, präsentiert dann heroische Geschichten für ihre Taten. Verantwortung für ihre Taten müssen sie nicht übernehmen. Hier kommen Billy Butcher und seine „Boys“ ins Spiel. Sie sind eine von der CIA gegründete klandestine Einheit, die die Superhelden immer wieder in ihre Schranken verweist. Der Einsatz übermäßiger Gewalt ist okay. Neuester Zugang im Team ist Hughie Campbell. Seine von ihm über alles geliebte Freundin wurde von einem durch die Straße rasenden Superhelden zerstückelt. Während Hughie noch versucht, seinen Verlust zu verarbeiten, bietet ihm Butcher eine Mitarbeit bei den Boys und die damit verbundene Möglichkeit, den Tod seiner Freundin zu rächen, an.
In den folgenden insgesamt zweiundsiebzig regulären Serienheften und achtzehn ergänzenden Sonderheften, die von Oktober 2006 bis November 2012 bei Wildstorm und, ab dem siebten Heft, bei Dynamite Entertainment erschienen, erzählen Ennis und Robertson in oft expliziten Bildern und Worten, eine überaus gewalttätige und in jeder denkbaren Beziehung expliziten Serie von diesem Kampf.
Als Amazon Prime Video am 26. Juli 2019 die erste Staffel ihrer auf den Comics basierenden Streamingserie „The Boys“ veröffentlichte, schrieb Garth Ennis so etwas wie einen ausführlichen, acht Hefte umfassenden Epilog. Russ Braun zeichnete die auf mehreren Zeitebenen spielende Geschichte, die zwölf Jahren nach dem Ende der Superhelden spielt (nachzulesen in dem „The Boys“-Sammelband „Vergeltung hat ihren Preis“).
Hughie lebt mit seiner neuen großen Liebe ‚Starlight‘ Annie January (als er sie kennen lernte, wusste er nicht, dass sie eine Superhelden-Novizin war) ein ruhiges und friedliches Leben in Schottland in seinem Geburtsort Auchterladie. Eines Tages erhält er ein Paket mit dem Tagebuch von Billy Butcher. Er beginnt es zu lesen.
„Liebe Becky“ ist für die Fans der Serie ein gelungener Epilog, der einige echte und vermeintliche Lücken ausfüllt und der zeigt, wie sehr Hughie immer noch von den damaligen Ereignissen traumatisiert ist.
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Garth Ennis/Russ Braun: The Boys – Liebe Becky (Band 7)
Manche Behauptungen, beispielsweise, dass Adolf Hitler kein Nazi, sondern ein Kommunist war, sind so absurd, dass man sich fragt, ob die Person, die das sagt gerade vollkommen wahnsinnig wurde oder als Komiker reüssieren will. Manchmal ist das so. Aber manchmal ist sie einfach nur rechtsextrem und versucht mit absurden Behauptungen, Zweifel zu streuen und die Geschichte im Handstreich umzudeuten.
Wie das gemacht wird und teils gelingt zeichnet Volker Weiß in seinem neuen Buch „Das Deutsche Demokratische Reich – Wie die extreme Rechte Geschichte und Demokratie zerstört“ nach. Er konzentriert sich dabei auf einige bei den Rechten populäre Topoi und Argumentationsmuster.
Es geht um den Ukraine-Krieg und das damit verbundene, teils seltsame argumentative Blüten treibende Verhältnis der Rechten zu Russland. Es geht um eine Neubetrachtung des realsozialistischen Experiments DDR, das die extreme Rechte jetzt für sich vereinnahmen will. Und es geht selbstverständlich um den Nationalsozialismus, der – erstens – nicht so schlimm war, wie wir bislang dachten und den wir – zweitens – bislang vollkommen falsch verstanden haben.
Das ist gewohnt faktenreich geschrieben. Es ist ein informatives und wichtiges Buch, das seinen Wert dadurch gewinnt, dass Weiß auch und vor allem auf die Hintergründe der vorgetragenen Positionen eingeht. Er legt die Argumentationsmuster, die damit verbundenen argumentativen Verrenkungen, Verästelungen und szeneninternen Konfliktlinien offen. Er beschäftigt sich mit den hier oft unbekannten Ursprungstexten. Schließlich wurden sie nicht oder erst spät ins Deutsche übersetzt und oft nur in obskuren Publikationen veröffentlicht.
Aber bem Lesen hatte ich immer das Gefühl, dass ich das Buch lesen muss und nicht, dass ich es lesen will. Das war bei Weiß‘ früherem Buch „Die autoritäre Revolte – Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes“ (2017) anders.
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Volker Weiß: Das Deutsche Demokratische Reich – Wie die extreme Rechte Geschichte und Demokratie zerstört
Als Siebzehnjähriger ermordet Jackie einen Mann, der im Casino mehrere tausend Dollar gewann. Das war kein geplanter Mord, sondern eher ein Mord im Affekt und aus Enttäuschung, weil Jackie vorher im Casino nicht gewann, er darüber frustriert war und sein Opfer kein reicher Geldsack, sondern ein armer Schlucker war, der an dem Abend einfach einmal Glück gehabt hat. Jackies Beute beträgt enttäuschende 42 Dollar. Für diesen Mord wird er nicht bestraft. Anschließend geht er zum Militär. Kurz nach seiner Entlassung wird er wegen eines bewaffneten Raubüberfalls, den er begangen hat, verurteilt. Im Gefängnis lernt er Pino kennen. Nach seiner Entlassung – sie ist auf Seite 23 – wird der Dreiundreißigjährige von Pino in einer Limousine abgeholt. Pino gibt ihm eine Arbeit. Eine offizielle für seinen Bewährungshelfer. Und eine, mit der er Geld verdient. Er arbeitet für Pino als Geldeintreiber, der keine Skrupel kennt.
Als Pinos zwölfjähriger Sohn von einem Betrunkenem überfahren wird, ist Jackies Skrupellosigkeit ein unschätzbarer Vorteil bei der Erfüllung von Pinos Rachewunsch. Pino möchte nämlich, dass Jackie die elfjährige Tochter des Unfallfahrers tötet.
Das wäre normalerweise der Moment, in dem man versucht, seinen Chef von dem Vorhaben abzubringen. Aber Jackie akzeptiert den Mordauftrag ohne mit der Wimper zu zucken. Unter falschen Namen und seine Freundin betrügend, die er sich in den vergangenen Monaten gefügig gemacht hat, nähert er sich der allein erziehenden Mutter der elfjährigen Seri.
Er erschleicht sich das Vertrauen von Mutter und Tochter – und verfolgt dabei einen viel sinisteren Plan als Pino, der einfach nur möchte, dass Seri stirbt.
Kristopher Trianas „And the Devil cried“ erschien im Festa-Verlag in der Extrem-Reihe. Sie wird vom Verlag als besonders gewagt beworben. Die Bücher seien zu hart, zu brutal, teils pornographisch und zu weit weg von der Norm, um im normalen Buchhandel verkauft zu werden. Sie erscheinen ohne ISBN. Sie können nur von Erwachsenen direkt beim Verlag gekauft werden. Diese Reihenbeschreibung trifft auch auf Trianas Noir zu. Triana erzählt die Geschichte aus Jackies Perspektive als Ich-Erzählung. Jackie ist ein gefühlloser Psychopath, der Menschen skrupellos manipuliert. Er hat kein Gewissen und empfindet keine Reue oder Scham. Er tut böse Dinge, weil es ihm gefällt, böse Dinge zu tun. Er ist ein Monster, das in jedem anderen Roman der Bösewicht wäre.
„And the Devil cried“ ist harte Kost, die an die ebenfalls verstörenden und brutalen Werke von Jack Ketchum erinnert. Der steht in seinen düsteren Horror- und Kriminalgeschichten allerdings auf der Seite des Opfers.
Trianas Noir ist empfehlenswert für alle, die einmal in den Kopf eines Monster hinabsteigen wollen.
Ob es stimmt, wissen wir in einigen Stunden: Alan Moores Superman-Geschichte „Was wurde aus dem Mann von Morgen?“ soll eine Inspiration für James Gunns „Superman“ gewesen sein.
Bis dahin können wir einen Blick in Alan Moores 1986 erstmals erschienene Geschichte werfen. Gezeichnet wurde sie von Carl Swan, der damals schon seit Jahren Superman-Geschichten zeichnete und von den Lesern als definitiver Superman-Zeichner betrachtet wurde.
In der zweiteiligen bei Fans, Kritikern und Superman-Autoren hochangesehenen Geschichte „Was wurde aus dem Mann von Morgen?“ ist Lois Lane verheiratet und Mutter eines Kindes. Am 16. August 1997 gibt die ehemalige Journalistin einem Reporter ihrer früheren Zeitung „Daily Planet“ ein Interview über die letzten Tage Supermans. Denn vor zehn Jahren verschwand Superman spurlos.
Lane erzählt, wie zur allgemeinen Überraschung enthüllt wird, dass der harmlose Reporter Clark Kent Superman ist, er Besuch aus der Zukunft erhält und gegen seine Erzfeinde Lex Luthor und den todgeglaubten Brainiac, der von Luthor Besitz ergreift, rachedurstige Metallos und einen noch schlimmeren Gegner kämpfen muss.
In dem Sammelband sind außerdem Alan Moores 1985 erschienene Superman-Geschichten „Die Grenze des Dschungels“ (gezeichnet von Rick Veitch) und „Das Geschenk“ (gezeichnet von Dave Gibbons) enthalten.
In „Die Grenze des Dschungels“ kommt Superman mit einem außerirdischem Pilz in Kontakt. Er verliert seine Superkräfte und beginnt zu halluzinieren. Er fährt zum Sterben in den Süden der USA. Dort trifft er auf Swamp Thing.
In „Das Geschenk“ wollen seine Freunde Batman, Robin und Wonder Woman Superman etwas zu seinem Geburtstag schenken. Das gestaltet sich allerdings schwierig, weil er ihre Gedanken lesen kann. Noch bevor sie ihn treffen, erhält Superman von dem Bösewicht Mongul ein wahrhaft teuflisches Geschenk, das er Schwarze Gnade nennt. Es handelt sich um eine Mischung aus Pflanze und denkendem Pilz, die sich im Geist ihres Opfers festsetzt und seinen größten Wunsch erfüllt. Batman, Robin und Wonder Woman fragen sich, wie sie ihren Freund wieder in ihre Welt zurückholen können.
Alan Moores drei Superman-Geschichten sind ungewöhnliche und einflussreiche Superman-Geschichte. Sie zeigen den Superhelden nicht primär im Kampf gegen seine altbekannten Gegner, sondern sie lassen ihn gegen seine inneren Dämonen kämpfen oder ein Leben abseits des Superheldendaseins ausprobieren.
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Alan Moore/Curt Swan: Superman: Was wurde aus dem Mann von Morgen?
Weit herumgekommen ist Max Annas. Seine ersten Kriminalromane spielten in in der Gegenwart in Südafrika. Danach ging es Richtung DDR. Auch mal in die Zukunft. Jetzt ist er in der Bundesrepublik Deutschland wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Köln im Jahr 1959 gelandet.
Dort muss Adi sehen, wie sein Freund Karl von einem BMW ‚Barockengel‘ überfahren wird. Sie waren auf dem Heimweg von einer Demonstration gegen die Wiederbewaffnung. Durch einen Zufall – im Nachbarhaus von Adis Onkel wird mitten in der Nacht in der Autowerkstatt der Unfallwagen repariert – erfahren sie, dass der BMW dem vermögendem Fuhrunternehmer Alfred Salz gehört. Allerdings will Adi aufgrund früherer schlechter Erfahrungen mit der Polizei, nicht zur Polizei gehen.
Während der neunzehnjährige Adi mit seinen Freunden, der achtzehnjährige Hagen und die siebzehnjährige Gisela, noch überlegt, was sie tun sollen, überlegt Reinhard Clausen, warum die drei Jugendlichen sich für Salz interessieren. Clausen (das ist nicht sein echter Name) ist auf einer Mordtour an Männern, die den Krieg erlebt haben. Auch wenn wir in diesem Moment sein Motiv noch nicht kennen (eine Idee haben wir schon), wissen wir, dass er nicht der normale Serienmörder ist.
„Tanz im Dunkel“ beginnt zügig. Bereits nach zwei Seiten ist Karl tot. Entsprechend flott geht es in kurzen Kapiteln und mit viel Zeitkolorit weiter. So hören Adi, Hagen und Gisela gemeinsam viel Musik und, auch wenn sie den Text nicht verstehen, ahnen sie, über was Aretha Franklin in „Precious Lord“ singt.
Weitere Figuren, wie der kurz vor der Pensionierung stehende Kriminalhauptkommissar Siegfried Hartmann, werden eingeführt. Annas springt zwischen den verschiedenen Handlungssträngen in kurzen Abschnitten hin und her. Ereignisse, die zu weiteren Aktionen und Verwicklungen führen sollten werden dann allerdings nicht weiterverfolgt. So spielt das Engagement der Jugendlichen gegen die Wiederbewaffnung später keine Rolle mehr. Sie hätten sich genausogut auf dem Heimweg von einem Abend in einem Lokal befinden können. Gleiches gilt für die von Salz‘ Sohn an Mauern geschmierte Hakenkreuze. Oder wenn Adi in ein geheimes Treffen von alten und jungen Nazis stolpert, entdeckt wird und entkommen kann. Das alles bleibt letztendlich nur folgenloses Zeitkolorit, während die Rachegeschichte von Adi, Hagen und Gisela an dem Mörder ihres Freundes zunehmend an den Rand gedrängt wird.
Das Ende trägt dann zu dem enttäuschenden Gesamteindruck bei, weil die Motive für die Morde weitgehend im Dunkeln bleiben. Warum Karl überfahren wurde, bleibt unklar. Das Motiv für die von Clausen verübten Morde wird nur spärlich skizziert.
Ist es sinnvoll, einen Roman, der zu einer Zeit spielt, die der Autor als erwachsener Mann aktiv erlebte, als historischen Roman zu bezeichnen? Vor allem wenn er damals mehrere hochgelobte und heute immer noch unbedingt lesenswerte Kriminalromane schrieb, die ihm den Ruf einbrachten, er sei der Chronist von St. Pauli; also des kriminellen Lebens auf dem Kiez und den verbrecherischen und korrumptiven Verflechtungen von Halbwelt und Politik in Hamburg.
Denn „Harter Fall“, Frank Göhres vorletzter Roman, spielt vor fast fünfzig Jahren im Winter 1978/79. Eine siebzehnjährige Dänin will in Deutschland ihren Freund besuchen. Sie trampt. In Hamburg legt sie einen Zwischenstopp ein. Einige Monate später wird Hamburg-Winterhude ihre Leiche gefunden. Kriminalpolizist Hinnerk ermittelt – und Göhre entwirft in knappen Szenen, die er wie Drehbuchszenen montiert und miteinander verknüpft, auf wenigen Seiten ein großes Panorama zwischen Kiez, Politik, Jugendkultur und Musikjournalismus zwischen Hamburg und Jamaika. Es ist die Zeit, als Reggae angesagt war. Und es ist die Zeit, als der Drogenhandel sich professionalisierte.
Der Zusammenhang zwischen den einzelnen Handlungssträngen ist in dem gewohnt Göhre-knappen Buch lange Zeit nur erahnbar und auch am Ende eher lose. Der Kriminalfall – immerhin bewirbt der Verlag das Buch als Kriminalroman – ist, wenn man vom traditionellen Modell einer Detektivgeschichte ausgeht, kaum vorhanden. Es gibt eigentlich keine zielgerichtete Ermittlungen eines Polizisten und der Ermittler ist nur eine Figur unter vielen. Göhre entwirft nämlich ein Noir-Gesellschaftsporträt, in dem Verbrechen, Schuld und, nun, Grenzüberschreitungen normal sind.
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Eindeutig ein historischer Roman ist Frank Göhres neuestes Buch „Sizilianische Nacht“. In der titelgebenden Nacht stirbt im Juli 1933 in Palermo in einem Hotelzimmer im noblen Grand Hotel et des Palmes der vermögende, exzentrische sechsundfünfzigjährigen Dandy und Erfinder Jean-Paul Durand . War es ein Mord oder ein Suizid?
Göhre präsentiert seine Version der damaligen Ereignisse. Denn Durand ist Raymond Roussel.
Er erzählt die Geschichte chronologisch von Durands Ankunft im Hotel bis nach seinem Tod. Das ist, wenn man vorher nicht den Klappentext (oder diese Besprechung) gelesen hat, etwas problematisch. Denn der vom Verlag als „Kriminalroman“ gelabelte Roman liest sich sehr lange wie eine Reiseerzählung, in der Spannung und Verbrechen Fremdworte sind. Stattdessen geht es um einige Tage aus dem Leben eines seltsamen Mannes, der selten sein Zimmer verlässt. Wenn man allerdings weiß, dass Durand unter seltsamen Umständen sterben wird, hat jede Zeile ihre besondere Bedeutung. Schließlich könnte sie einen Hinweis auf das kommende Verbrechen geben. Es geht um Durands Medikamentenkonsum, seine seelischen Leiden, seine Entourage und die Menschen, die er im Hotel trifft, wenn er denn sein Zimmer verlässt. Und mit denen er Geschäfte macht. Die von Göhre präsentierte Auflösung verknüpft den Tod von Durand mit der damaligen italienischen Gesellschaft zwischen Mafia, Kapitalismus und Faschismus. Am Ende bleibt die Erkenntnis: So könnte es gewesen sein.
Nicht nur von der Länge von unter hundertvierzig Seiten, sondern auch vom Stil und Inhalt erinnert Göhres „Sizilianische Nacht“ an die ebenso kurzen Romane von Leonardo Sciascia. Der vor allem für seine Kriminalromane bekannte Italiener sezierte in seinen Schriften Italien; mal mehr, mal weniger fiktiv, aber immer sehr nah an den Fakten und den realen Machtverhältnissen entlang. Er schrieb auch ein Buch über den Tod von Raymond Roussel.
„Harter Fall“ und „Sizilianische Nacht“ sind zwei unbedingte Leseempfehlungen. In beiden Romanen zeigt Frank Göhre, was im Rahmen eines Kriminalromans (wenn man die Genregrenzen großzügig definiert) möglich ist.
Dass Superhelden nicht immer die freundlichen Helfer aus der Nachbarschaft sind, konnte man sich schon bei einigen normalen Superheldencomics denken. Wenn der Held bei seiner Verbrecherjagd mal wieder eine halbe Stadt zerstört und dabei, außerhalb der Bilder, auch etliche Einwohner tötet, kommt das bei den Betroffenen und ihren Freunden und Bekannten nicht gut an. Und das mit großer Macht große Verantwortung komme, stimmt zwar, aber es heißt nicht, dass Menschen mit großer Macht auch verantwortungsvoll mit dieser Macht umgehen. Wahrscheinlich eher nicht.
Jedenfalls ging Garth Ennis von dieser Idee aus, als er 2006 zusammen mit Zeichner Darik Robertson seine erfolgreiche Superheldenserie „The Boys“ startete. In der Comicserie sind Superhelden eine Bande präpotenter Teenager, die bei ihren unverantwortlichen, nicht durchdachten und normalerweise aus dem Ruder laufenden Aktionen nur Unheil anrichten. Ihre Fähigkeiten erhielten sie von dem Konzern Vought-American, der seit Ewigkeiten für das US-Militär arbeitet und ihm ihre Fehlschläge als Erfolge verkaufte. Seit längerem sorgen lukrative Werbeverträge für Einnahmen und ein positives Image in der Öffentlichkeit.
Gegen diese Superhelden kämpfen, im Auftrag der CIA, Billy Butcher und sein grenzwertiges Team „The Boys“. Sie verstehen ihre Aufgabe als Freischein, ab und an Superhelden zu verprügeln.
Ende 2012 endetete die von Ennis und Robertson erfundene Comicserie mit dem 72. Heft. In dem jetzt erschienenen sechsten Sammelband sind die Hefte 60 bis 72 enthalten.
Die ersten Seiten versprechen dann auch einen zünftigen, sich über den gesamten Sammelband von über dreihundert Seiten erstreckenden Showdown. Nachdem vorher immer wieder unklar war, wohn sich die Geschichte entwickeln könnte, stellen sich jetzt Homelander und seine Superhelden gegen die US-Regierung. Sie besetzten das Weiße Haus.
In dem Moment erhält Billy Butcher die Erlaubnis, die Supies zu eliminieren. Er kann also endlich tun, was er schon seit Ewigkeiten tun möchte. Er darf dabei auch nach eigenem Ermessen Gewalt anwenden. Es wird sehr blutig und, wie der Titel des Sammelbandes verrät, emotional. Denn „Vergeltung hat ihren Preis“.
Dieses Ende der Boys wirkt eher pflichtschuldig als inspiriert. Lose Fäden werden zusammengefügt, aber so richtig überzeugend oder überraschend ist nichts. Auch die Idee, dass die Superhelden ein Produkt der Zusammenarbeit von Privatwirtschaft und Militär, dem Militärisch-Industriellen-Komplex (MIK), sind, ist hier mehr eine für etwas Amüsement sorgende Idee als eine Negativutopie oder eine Zustandsbeschreibung der damaligen US-Außenpoltiik nach 9/11.
Im Gegensatz zu Brian Azzarello und Eduardo Risso, die ab 1999 in „100 Bullets“, oder zu James Ellroy, der ab 1996 in seiner „Underworld USA“-Trilogie (und seinen anderen Romanen), eine alternative Geschichte der USA schrieben, interessieren Ennis und Robertson sich nicht für irgendwelche groß angelegten Verschwörungstheorien. Sie wollen nur die Superheldenmythologie als eine einzige große Lüge entlarven. Das gelingt ihnen bereits in den ersten Heften. Einige sich über mehrere Geschichten erstreckenden Einzelgeschichten, wie das Treiben der Supies bei ihrem Herogasm (dagegen ist Spring Break ein harmloser Kindergarten), bestätigten die Prämisse gelungen.
Trotzdem bleibt nach 72 Heften die Erkenntnis, dass „The Boys“ niemals das Potential seier Prämisse vollständig ausschöpft. Es bleibt bei der immer wieder nicht jugendfreien und oft sehr brutalen Demystifizierung des Superheldentums.
Nach dem Ende der Serie erschien 2020, begleitend zur Streaming-Adaption des Comics, der auf 8 Hefte beschränkte Nachschlag „Dear Becky“. Die deutsche Neuausgabe ist für Ende des Monats angekündigt.
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Garth Ennis/Darick Robertson: The Boys – Vergeltung hat ihren Preis (Band 6)
Chiemgau, Mai 1956: in der Scheune eines armseligen Bauernhofs werden die verbrannten Leichen des Bauern und seiner Frau gefunden. Vor ihrem Tod wurden sie gefoltert und mit Benzin übergossen. Kommissar Manfred Mehringer und seine Kollegen fragen sich, wer das Ehepaar warum ermordete. Ein Raubmord scheidet aus, weil sie nichts besaßen und das sogar ein Blinder erkannt hätte. Mehringers Kollegen verdächtigen sofort die herumziehenden Zigeuner (die wurden damals so genannt). Beweise, außer ihrem Bauchgefühl, dass immer das herumfahrende Volk für Diebstähle, Laster und Mord verantwortlich ist, brauchen sie nicht.
Zur gleichen Zeit erfährt in Frankfurt am Main der Journalist Holger Seiffert, dass im Chiemgau ein ehemaliger SS-Offizier und Kriegsverbrecher untergetaucht ist. Nachdem auf einen in den Fall involvierten Rechtsanwalt ein Anschlag verübt wurde und eine Zeugin ermordet wurde, macht Seiffert sich auf den Weg in die bayerische Provinz. Er hofft auf eine große Story.
In seinem neuen Kriminalroman „Die Vergangenheit kennt kein Ende“ erzählt Wolfgang Schweiger gewohnt kurz auf unter 220 Seiten eine spannende, wendungsreiche Geschichte mit einem unvorhersehbarem, aber schlüssigem Ende. Denn die im Verdacht stehenden Sinti und Roma haben das Ehepaar selbstverständlich nicht getötet. Der wahrscheinlich wahre Täter ist dagegen ein Alt-Nazi, dessen Identität lange unklar ist. Das Motiv ist lange ebenso unklar.
Schweiger erzählt diese Mörderjagd, indem er souverän zwischen den einzelnen Erzählsträngen wechselt und dabei elegant viele Informationen über das damalige Stadt- und Landleben elf Jahre nach dem Ende der Nazi-Diktatur und den bundesdeutschen Umgang mit der Nazi-Vergangenheit einstreut.
Damals wurde die Nazi-Vergangenheit kollektiv beschwiegen. Erst mit dem Eichmann-Prozess 1961 in Jerusalem und, ab 1963, dem ersten Frankfurter Auschwitzprozess änderte sich das.
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Wolfgang Schweiger: Die Vergangenheit kennt kein Ende
Wer jetzt wegen dem Wort „Manga“ und der damit verbundenen Befürchtung, dass jetzt eines dieser sich auf viele Bände erstreckendes Epos vorgestellt wird, desinteressiert abwinken will, sollte unbedingt weiter lesen.
Denn Juoku Kawakami erzählt in „Furcht“, wie der Untertitel verrät, „Horrorgeschichten aus dem modernen Japan“. Es sind voneinander unabhängige, in sich abgeschlossene Kurzgeschichten, die meistens nur wenige Seiten umfassen. Die längste hat fast sechzig Seiten. Die kürzesten keine zehn Seiten. Normalerweise sind sie so um die zwanzig Seiten und sie leben von der dichten Verbindung zwischen Text und Bild.
Die Protagonisten sind junge Menschen. Die Geschichten spielen, wie die auf der Straße getragenen Masken zeigen, während der Corona-Pandemie. Und es wird viel Zeit in der eigenen Wohnung und vor verschiedenen Bildschirmen verbracht. Aus ihnen und via Apps schleicht sich dann das Grauen in die Wohnung und in das Leben der jungen Menschen.
Immer wieder entwickelt in Juoku Kawakamis fantastischen Geschichten die Technik ein bedrohliches Eigenleben. Geister und Monster sind sehr real.
In „Sugardaddy“, der längsten Geschichte und gleichzeitig die erste Geschichte des ersten „Furcht“-Bandes, lernt ein Mädchen via App einen Sugardaddy kennen, der ihr Geld gibt, um ihr seine Geschichte zu erzählen. Nicht einmal oder zweimal, sondern immer wieder und, wie ein Geist, wird sie ihn nicht los. Er kommt immer wieder.
In einer anderen Geschichte entdeckt eine Schülerin in einer App, die sie beim Tanzen aufnimmt, im Hintergrund einen seltsamen tanzenden Schatten. Dieser Schatten ist allerdings keine Fehlprogrammierung, sondern etwas viel bedrohlicheres.
Bei einer Online-Party für die neue Kollegin ist das Bild eines Teilnehmenden nicht erkennbar. Auf den ersten Blick handelt es sich um ein normales technisches Problem, aber Shinada-San ist nur auf dem Bildschirm der neuen Kollegin zu sehen und keiner ihren neuen Kollegen kennt ihn.
Ein anderes Mal fragen sich zwei Mädchen, woran sie einen Geist erkennen können: daran, dass er keine Maske trägt – oder an etwas anderem?
In „Retro“ entdeckt ein Geschwisterpaar im Haus ihres verstorbenen Großvaters eine alte Kamera, einen Film in der Kamera und, versteckt im Dachboden, eine menschenähnliche Puppe.
In mit einem KI-Bildgenerator erzeugten Bildern taucht immer wieder ein seltsam grinsender Mann auf. Einige Freunde wollen herausfinden, wie es dazu kommt.
In weiteren Horrorgeschichten geht es um eine Einschlaf-App mit furchtbaren Nebenwirkungen, eine Dating-App, die sich nicht löschen lässt und um einen wie eine deformierte Halloween-Maske aussehender Neujahrs-Sticker. Er sollte nicht gekauft werden. Die sich in verschiedenen Wohnungen aufhaltenden Freunde tun es in der Silvesternacht dennoch.
Und einmal entwickelt ein Staubsaugerroboter ein gruseliges Eigenleben.
Inzwischen sind die ersten beiden Bände des von Juoku Kawakami geschriebenen und gezeichneten Manga auf Deutsch erschienen. Der erste Band enthält sechs Geschichten. Der zweite Band letztendlich elf Geschichten, weil die als „Kurzgeschichte“ und „Reportage“ betitelten Comics zwei weitere, jeweils fünfseitige Horrorgeschichten sind.
Der dritte Band ist für August angekündigt.
Es sind zwar nur Horrorkurzgeschichten, aber am Ende könnte dann doch ein mangatypisches vielbändiges Werk im Regal stehen. Denn warum sollte Kawakami nach drei Bänden aufhören?
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Juoku Kawakami: Furcht – Horrorgeschichten aus dem modernen Japan – Band 1
(übersetzt von Gregor Wakounig)
Panini Manga, 2025
200 Seiten
8,99 Euro
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Originalausgabe
Osore – Reiwa Kaidan – Vol. 1
Shogakukan, 2025
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Juoku Kawakami: Furcht – Horrorgeschichten aus dem modernen Japan – Band 2
Richard Osman hat in unseren beiden Gesprächen über die geplante, von Steven Spielberg produzierte Verfilmung seines Bestsellers gesprochen und eine hochkarätige Besetzung versprochen.
Nun, er hat nicht zu viel versprochen.
Die Hauptrollen übernahmen Helen Mirren, Pierce Brosnan, Ben Kingsley und Celia Imrie. Weitere Rollen übernahmen Naomi Ackie, Daniel Mays, Tom Ellis, David Tennant, Paul Freeman, Jonathan Pryce und Richard E. Grant.
Chris Columbus, der Regisseur von u. a. „Harry Potter und die Kammer des Schreckens“, „Harry Potter und der Stein der Weisen“, „Mrs. Doubtfire“, „Kevin – Allein in New York“ und „Kevin – Allein zu Haus“, führte die Regie.
Wie üblich bei Netflix-Filmen wird es keine Kinoauswertung geben. Leider (geschrieben mit britischem Understatement). Dort läuft er ab dem 28. August 2025.
Die Story des humoristischen Kriminalromans, der gleichzeitig der Auftakt einer Serie ist: in einer luxuriösen Seniorenresidenz treffen sich jeden Donnerstag vier Heimbewohner, unter anderem eine ehemalige Geheimagentin und ein früherer Gewerkschaftsführer, und versuchen ungelöste alte Verbrechen aufzuklären. Als vor ihrer Haustür ein Mord geschieht, beginnen sie mit der Mördersuche. Und stören dabei die Arbeit der Polizei.
Tony Hillerman (27. Mai 1925, Sacred Heart, Oklahoma – 26. Oktober 2008, Albuquerque, New Mexico)
„Crime fiction doesn’t come much better than in the books of Tony Hillerman or, for that matter, much different.“ (Mike Ashley, Hrsg.: The Mammoth Encyclopedia of Modern Crime Fiction, 2002)
„Tony Hillermans Romane beschwören eine Stimmung, der man sich kaum entziehen kann und die ebenso geprägt ist von der Landschaft des amerikanischen Südwestens wie von einer Kultur, die im Untergang begriffen ist. Seine Romane sind Abgesänge darauf – und der Versuch, wenigstens die Erinnerung daran zu bewahren. Und vielleicht auch ein bißchen mehr.“ (Rudi Kost/Thomas Klingenmaier: Steckbriefe, 1995)
Seinen Durchbruch hatte Tony Hillerman nicht mit seinem ersten Roman und er war auch kein Über-Nacht-Erfolg. Es dauerte einige Romane und Jahre, bis er außerhalb der eingeschworenen Krimiszene bekannter wurde. Ab den achtziger Jahren veröffentlichte er normalerweise alle zwei Jahre einen neuen Roman. Dabei war in seinem Debüt „Wolf ohne Fährte“ (The blessing way, 1970) bereits alle Elemente vorhanden, für die er später nicht nur bei Krimifans bekannt und beliebt wurde. Sein zweiter Kriminalroman „Tanzplatz der Toten“ (Dancehall of the Dead, 1973) wurde mit den Edgar als bester Kriminalroman des Jahres ausgezeichnet. In einem gewissen Rahmen war er in diesem Moment seiner Zeit voraus. Denn er schrieb ‚Indianerkrimis‘ als noch niemand darüber redete und noch niemand ‚Kulturelle Approbiation‘ buchstabieren konnte. Es gab damals aber schon Diskussionen darüber, ob Weiße Blues spielen können.
Denn Tony Hillerman ist von seiner Herkunft ein Weißer mit deutschen und englischen Vorfahren. Seine Schulzeit verbrachte er, weil es in der winzigen Siedlung Sacred Heart keine andere Schule gab, in der Mädchenschule der Barmherzigen Schwestern. Seine Freunde waren Potawatomi und Seminole. Er war, in seinen Worten, ein „Ein-Mann-Minderheiten-Problem“.
Nach seiner Schulzeit ging er 1943 zur US-Armee, wurde schwer verwundet, besuchte die University of Oklahoma, schloss 1948 sein Journalismus-Studium ab und wurde Journalist für Zeitungen in Texas, Oklahoma und New Mexiko. 1963 zog er mit seiner Frau nach Albuquerque, New Mexiko. An der dortigen Universität machte er einen Masters in Kreativem Schreiben und unterrichtete dort ab 1966 über zwanzig Jahre Journalismus.
Ab 1970 veröffentlichte er, zuerst mit Joe Leaphorn von der Navajo Tribal Police als Ermittler, später mit dem deutlich jüngeren, tiefer in der Navajo-Kultur verwurzeltem Jim Chee als angehendem Ermittler bei der Navajo Tribal Police, und noch später, ab dem siebten Roman „Stunde der Skinwalker“ (Skinwalkers, 1986), mit beiden zusammen als sich langsam findendes Ermittlerteam, Dabei ließ Hillerman sie altern. insgesamt 18 Kriminalromane, die im Reservat der Navajos spielen und in denen Hillerman wie ein Ethnologe über viele Seiten minutiös die Riten der Navajos, die sich selbst Diné nennen, schildert. In einer grandiosen Verkennung der besonderen Qualität seines ersten Manuskrips forderte sein Agent, dass Hillerman dieses Indianerzeugs zugunsten des Krimiplots herauskürzen sollte. Hillerman blieb standhaft. Denn so gut seine Krimiplots sind (und allein schon wegen ihnen wären die Krimis lesenswert), zu etwas wirklich besonderem werden sie wegen des ethnologischen Blicks auf die Riten und Traditionen der Navajos. Und deren Einstellung zum Leben.
Hillerman erzählt in seinen Leaphorn/Chee-Kriminalromanen auch, wie sehr diese Traditionen seit den frühen siebziger Jahren bis zu seinem Tod 2008 aus dem Leben der Navajos verschwanden. Er zeichnete sie auf, bewahrte sie in seinen Büchern auf (wozu auch Non-Leaphorn/Chee-Bücher zählen) und begeisterte viele jüngere Menschen für eben diese Kultur.
Und er setzte die Reservate als einen möglichen Schauplatz für spannende Geschichten auf die literarische Landkarte.
Schon zu Lebzeiten erhielt er zahlreiche Preise und ungefähr jeden wichtigen Krimipreis. Die für ihn persönlich wichtigste Auszeichnung war der ihm vom Navajo Tribal Council verliehene Titel „Special Friend of the Diné“.
Aktuell veröffentlich der Unionsverlag seine Joe-Leaphorn/Jim-Chee-Romane in durchgesehenen Neuauflagen in chronologischer Reihenfolge. Den Abschluss sollte die Übersetzung seines letzten, bislang nicht übersetzten Romans „The Shape Shifter“ bilden.
Seit 2013 führte Tony Hillermans Tochter Anne Hillerman die Leaphorn/Chee-Serie mit bislang neun Romanen fort.
Seit 2022 zeigt der US-TV-Sender AMC die auf Hillermans Romanen basierende, in den siebziger Jahren spielende Serie „Dark Winds“. Sie soll gut sein. Hillermans Krimis sind definitiv gut.
Die Aktion von Antonia Hansen, angehende Anwältin, und ihren aktivistischen WG-Freunden in der Tiefgarage der Investitionsbank Brandenburg war bestenfalls halb durchgeplant. Und danach, als sie beobachten, wie ein Killer den Fahrer von Beate Scherer tötet und die Leiche im Kofferraum ihres Autos versteckt, improvisieren sie. Vor allem verfolgen sie das Auto aus Potsdam in die brandenburgische Einöde, wo sich noch nicht einmal Fuchs und Hase Gute Nacht sagen. Aber erstaunlich viele Verbrecher treffen im Sonnenhof aufeinander. Dort plant Scherer, als Erweiterung ihres Broilerimperiums, die größte Geflügelmast in Ostbrandenburg.
In dem Dorf streiten die Einheimischen sich wegen der neuen Hühnerfabrik. Die Fronten, auch in Familien, verlaufen zwischen erwarteten finanziellen Einnahmen und erwartbaren Umweltschäden. Eine neugierige Polizistin, die gerne Kriminalpolizistin wäre, schnüffelt in ihrer Freizeit in dem Fall herum. Und auf einem Hof steht ein geklauter Scherer-Tiefkühllaster mit wertvollem Inhalt.
Anna Mais Krimidebüt „Broilerkomplott“ spielt zwar in der Provinz, aber ein typischer Regiokrimi mit skurillen Typen und lustigem Humor ist ihr Krimi nicht. Eher schon orientiert sie sich an US-amerikanischen Hardboiled-Gangsterkrimis, in denen in der Provinz wegen einer Unmenge Geld oder Drogen plötzlich die Hölle los ist und Menschen sich auf möglichst groteske Art umbringen und beim Beseitigen von Leichen an alles denken; – außer einem Anruf bei der Polizei.
Im Gegensatz zu diesen schwarzhumorigen und oft sehr zynischen Gangsterkrimis hat Anna Mai deutlich mehr Respekt vor dem Leben und der körperlichen Unversehrtheit ihrer lebensnah gezeichneten, ziemlich normalen Figuren. Und das ist gut so. Denn Brandenburg ist nicht das US-amerikanische Hinterland.
Souverän wechselt Mai zwischen den verschiedenen Handlungssträngen und treibt so die Geschichte spannend voran.
Zusätzlich gibt es eine homöopathische Dosis Umweltpolitik, weil Toni und ihre WG-Freunde radikale Tierschützer sind und sie mit ihrer Aktion am Buchanfang auf das Leid von Hühnern (aka Broiler) in der Massentierhaltung hinweisen wollen.
„Broilerkomplott“ ist eine flotte Sommerlektüre von angenehmer Länge. Also eigentlich der idelae Kriminalroman für einen Nachmittag an einem stillen Gewässer in Brandenburg oder anderswo. Gerne mit veganen Broilern im Anschluss.
Weil es wohl noch einige Tage dauert, bis ich (abgesehen von einer Ausnahme) diese wunderbaren Werke der grafischen Literatur bespreche, gibt es schon heute einige Bilder von den Büchern und den kreativen Köpfen hinter den Büchern.
In „Die letzte Einstellung“ erzählt Isabel Kreitz die Geschichte des fiktiven Autors Heinz Hoffmann, der in Nazi-Deutschland in die innere Emigration geht. Als die UFA 1944 einen Ghostwriter für einen vom NS-Propagandaministerium geplanten ‚Durchhaltefilm‘ sucht, nimmt er zähneknirschend die Arbeit an.
Kreitz zeichnet die in Babelsberg und in der kriegsfernen Provinz aus dem Ruder laufenden Dreharbeiten für diesen kriegswichtigen Film akribisch nach und sie fragt, wie man als Künstler in einer Diktatur überlebt.
Wer will, kann und sollte sich anschließend Dominik Grafs Dokumentarfilm „Jeder schreibt für sich allein“ (Deutschland 2023, ausgehend von Anatol Regniers Sachbuch) über Autoren während der NS-Zeit ansehen.
„Schweigen“ heißt das neue Werk von Birgit Weyhe. In ihrer dokumentarischen Graphic Novel geht es um das Schweigen während und nach einer Diktatur. Sie erzählt darüber anhand von zwei Frauen – Ellen Marx und Elisabeth Käsemann – und, bei Marx, ihrem Leben während der Nazi-Diktatur und, bei Marx und Käsemann, ihrem Leben in den siebziger Jahren in Argentinien während der grausamen Militärdiktatur.
Ebenfalls empfehlenswert ist ihr vorheriger, hier bereits abgefeierter Comic „Rude Girl“. In dem Buch erzählt sie die Geschichte der Afroamerikanerin Priscilla Layne und unterhält sich, während des Schreibens, mit ihr über kulturelle Aneignung und ihre Zeichnungen, die sich durch diesen Austausch verändern.
„Rude Girl“ war als erster Comic in der Kategorie Sachbuch für den Preis der Leipziger Buchmesse 2023 nominiert. Es stand auf der Shortlist für den Hamburger Literaturpreis als Buch des Jahres. Und Weyhe erhielt 2022 den wichtigen Max-und-Moritz-Preis als beste deutschsprachige Künstlerin.
Genug Vergangenheit. Springen wir in die Zukunft. In „Metropolia: Berlin 2099“ erzählen Fred Duval (Szenario) und Ingo Römling (Bild – und im Bild) von der Suche des Privatermittlers Sasha nach einer Killerin, die sich irgendwo in Europas größter Metropole befindet. Sie soll einen genialen, für den Konzern Metropolia arbeitenden Ingenieur ermordet haben.
Seine einzige Spur ist ein Schuh, den sie auf ihrer Flucht verlor.
Der spannende Cyberpunk-Comic erinnert an Science-Fiction-Noirs wie „Blade Runner“, „The Matrix“ und, immerhin spielt ein großer Teil der Geschichte in einem riesigen, renovierungsbedürftigem Hochhaus, an „Dredd“, gekreuzt mit etwas gut abgehangenem Berlin-Feeling. Das Ergebnis ist ein überaus eigenständiges Werk, das die Tradition achtet und weiterentwickelt. Schließlich haben sich in den letzten Jahrzehnte auch die Technik und unsere Visionen einer zukünftigen Stadt weiterentwickelt
Am 20. Mai sind sie in Köln im Buchladen Neusser Straße und am 21. Mai in Bonn im Thalia im Metropol.
In dem Fantasy-Roman „Ursula und das V-Team“ geben Stand-up-Comedian McDonnell und seine Ehefrau Ofori ihre Interpretation der Geschichte der Märtyrerin Ursula, die sich und ihre jungfräulichen Begleiterinnen opferte und so Köln vor dem Untergang rettete. Für die meisten Menschen handelt es sich hierbei um eine Legende, die bei Stadtführungen gerne erzählt wird. In dem Roman gab es Ursula wirklich. Seit ihrem damaligen Sieg gegen die Hunnen kehren die Hunnen alle achtzehn Jahre zurück und greifen die Stadt wieder an. Ursula und zehn weitere Jungfrauen, die jahrelang für den Kampf gegen die Hunnen trainiert wurden, müssen die Stadt verteidigen. Meistens gelang ihnen das. Dieses mal verschwindet vor dem Kampf eine der Jungfrauen. Ursula findet in einer Kneipe eine für den Kampf dringend benötigte männliche Ersatz-Jungfrau. Weil die Jungfräulichkeit wichtiger als das Geschlecht ist, ist das Geschlecht egal.
Kurz darauf startet die Invasion der Geisterarmee. Aber bevor der Kampf wirklich beginnt, verschwinden die Hunnen spurlos. Es ist, als ob sie sich, mitten in ihrem Angriff, in Luft aufgelöst hätten. Ursula fragt sich, warum und wie das geschehen konnte.
„Ursula und das V-Team“ ist als erster Teil einer Romanreihe angekündigt. Der Auftakt liest sich wie ein mediokrer Roman zum Film. Ständig passiert etwas. Die Figuren bleiben eindimensional und ohne eine nennenswerte Persönlichkeit. Und obwohl ein Komiker Co-Autor des Fantasy-Romans ist und die Prämisse eine Steilvorlage für witzige Betrachtungen und gelungene Pointen ist, ist der Roman absolut humorfrei. Oder, anders gesagt, der Humor erschließt sich mir nicht.
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C. K. McDonnell/Elaine Ofori: Ursula und das V-Team
Er liebte das Kino, wurde von ihm erzogen, erhielt Lebensberatung, betrachtete es als große Kunst, als es noch als niedere Kunst, mit der man sich nicht ernsthaft beschäftigen muss, betrachtet wurde, und er inszenierte Filme, die das weitergaben, was er im Kino gelernt hatte, bewunderte und liebte. Und er war, bevor er zum auch international geachteten Regisseur wurde, ein gefürchteter Kritiker bei der „Cahiers du Cinéma“. Sein bekanntester Text aus der Zeit ist „Eine gewisse Tendenz im französischen Film“, in dem er sich gegen die im französischen Kino herrschende ‚Tradition der Qualität‘ wandte.
Gegen dieses Kino inszenierte er zwischen seinem Debüt „Sie küssten und sie schlugen ihn“ (1959) und seinem letzten Film „Auf Liebe und Tod“ (1983) insgesamt 21 Spielfilme, die zum Kanon des französischen Kinos gehören. Am 21. Oktober 1984 starb François Truffaut mit 52 Jahren an einem unheilbarem Gehirntumor. Noch heute hat er Bewunderer. Mit einigen unterhielt Josef Schnelle sich für ein in der Langen Nacht des Deutschlandfunks am 4./5. Mai 2024 ausgestrahltes Radiofeature, das er anschließend zu dem reichhaltig illustrierten Buch „Der Mann, der das Kino liebte – François Truffaut und seine Filme“ ausbaute. Es handelt sich um eine sehr gelungene Collage aus für dieses Feature aufgenommenen Gesprächen mit Michael Klier (Regisseur, der in den sechziger Jahren in Paris auch bei Truffaut hospitierte), Hans-Christoph Blumenberg (ehemaliger Filmkritiker und seit 1984 Spielfilmregisseur), Robert Fischer (Filmpublizist, Übersetzer und Vertrauter Truffauts in Deutschland) und Gertrud Koch (feminstische Filmwissenschaftlerin), Selbstauskünften von Truffaut, Ausschnitten aus seinen Filmen (mit Bildern) und verbindenden Texten. Oder in der Sprache des Films: Das Buch ist ein auf einem Drehbuch basierender ‚Roman zum Film‘.
Schnelle klappert dabei nicht chronologisch Truffauts Filme ab, sondern nähert sich ihm und seinem Werk aus verschiedenen Perspektiven. Im Zentrum steht, wenig überraschend, Truffauts Film „Eine amerikanische Nacht“ über die Dreharbeiten zu einem Film. Truffaut schrieb, zusammen mit Jean-Louis Richard und Suzanne Schiffman, das Drehbuch, führte Regie und übernahm, wie bei einigen wenigen seiner Film, auch die Hauptrolle. Er spielte den Regisseur. „Eine amerikanische Nacht“ ist immer noch einer der besten, um nicht zu sagen der definitive Film über den Dreh eines Film und die die Dreharbeitenden begleitenden großen und kleinen Katastrophen. Truffauts Debüt „Sie küssten und sie schlugen ihn“, seine weiteren, über Jahrzehnte entstandenen Antoine-Doinel-Filme, „Jules und Jim“, „Der Mann, der Frauen liebte“, „Taschengeld“ und „Der Wolfsjunge“ (in beiden Filmen stehen Kinder im Zentrum) nehmen ebenfalls einen breiteren Raum ein. Seine anderen Filme werden meist nur kurz gestreift.
Wichtige Themen in dem Buch sind Truffauts Arbeit als Filmkritiker und seine Liebe zum Kino, seine sich von Freund- zu Feindschaft wandelnde Beziehung zu Jean-Luc Godard, seine Beziehung zu Frauen und Kindern und was den Truffaut-Touch ausmacht. Es handelt sich dabei um seinen liebevollen Blick auf die Menschen, der in all seinen Filmen, die Komödien, Dramen, Kriminalfilme, historische Dramen, Science Fiction vorhanden ist und sie miteinander verbindet.
Schnelles Buch ist eine kundige und konzentrierte Einführung in das Werk des Cinephilen François Truffauts. Langjährige Bewunderer Truffauts werden danach wieder einen seiner Filme sehen wollen. Alle andere sollten das Buch als eine mühelos zu lesende Einladung verstehen, sich mit Truffaut und seinen Filmen zu beschäftigen. Als Einstieg können die hier genannten Filme dienen.
Und danach, immerhin erscheint meine Besprechung in der „Kriminalakte“, seine Noirs „Schießen Sie auf den Pianisten“ (nach einem Roman von David Goodis), „Die Braut trug schwarz“ (nach einem Roman von Cornell Woolrich), „Das Geheimnis der falschen Braut“ (nach einem Roman von William Irish) und „Auf Liebe und Tod“ (nach einem Roman von Charles Williams) ansehen.
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Josef Schnelle: Der Mann, der das Kino liebte – François Truffaut und seine Filme
Am Samstag, den 10. Mai, haben sich dieses Mal 1247 Dealer, äh, Bibliotheken, Comic- und Buchhandlungen in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Luxemburg zusammengetan, um junge Leser anzufixen, indem sie, teils mit begleitenden Aktionen, kostenlos 22 verschiedene Comics für Kinder und Jugendliche verteilen. Der Stoff wurde von den Verlagen Carlsen, Cross Cult, Edition Helden, Egmont, Kibitz, Loewe, Panini, Reprodukt, Splitter und Ueberreuter zur Verfügung gestellt. Es handelt sich um die von den vorherigen Gratis Comic Tagen bekannte Mischung aus alten Bekannten, die teilweise schon unsere Eltern als Kinder zu langen Sitzungen auf der Couch verführten (wie Batman, Spider-Man, Donald Duck, die Schlümpfe und Idefix), neuen Figuren und Autoren, aus in sich abgeschlossenen Geschichten und Leseproben (die ich nicht mag, weil da das Ende fehlt), aus lehrreichen und rein unterhaltsamen Geschichten. Ziemlich oft handelt es sich dabei um Fantasy-Geschichten. Und sehr oft ist die Protagonistin weiblich. Es gibt auch zwei Mangas, nämlich „Atelier of Witch Hat“ und „Minecraft“.
Im einzelnen gibt es folgende Comics:
„Kleine Hexe Nebel“ (ein Mädchen möchte Hexe werden. Auftakt einer dreibändigen Serie)
„Mensch!“ (Wissens-Comic, der die Evolution des Menschen nacherzählt. Eine Leseprobe)
Disneys „Lilo+ Stitch: O’Hana heißt Familie“ (von den Kindheitserinnerungen der Autorin auf Hawaii inspirierte Gedankensammlung. Herzig und zum Nachdenken anregend. Eine Leseprobe) (von Carlsen)
„Avatar – Der Herr der Elemente + Die Legende von Korra“ (drei Kurzgeschichten) (von Cross Cult)
„Enola und die fantastischen Tiere: Der geheimnisvolle Wasserspeier“ (Enola, Fachärztin für Fantastische Tiere, hat einen neuen Fall.) (von Edition Helden)
„Idefix – Ein Löwe mit Heimweh“ (ein Abenteuer ohne Asterix und Obelix, trotzdem lesenswert. Wau!)
„WAS IST WAS Comic – Planeten und Raumfahrt“ (Wissens-Comic, der uns in den Orbit des Neptun reisen und dabei die Raumfahrt und die Planeten erklärt.)
„Walt Disney Lustiges Taschenbuch Space – Abenteuer im Weltraum“ (der gewohnt unterhaltsame Zweiteiler „Die Rebellen von Goldrak“ mit Donald, Dussel und Dagobert Duck)
„Minecraft 01 – Eine Reise zum Ende der Welt“ (ein Manga, eine Leseprobe)
„Atelier of Witch Hat 01“ (ein Manga über ein Mädchen, das gerne eine Hexe wäre. Eine Leseprobe) (von Egmont)
„Kiste“ (ein weiteres, sehr, sehr unterhaltsames und witziges Abenteuer der lebendigen Kiste, die fröhlich Chaos stiftet) (von Kibitz)
„Unico erwacht“ (Einhorn Unico kann Menschen glücklich machen. Der Göttin Venus gefällt das nicht. Eine Leseprobe)
„Ragnarök – Fenriswolf (Band 1)“ (ein Wikingerjunge muss gegen einen unsterblichen Wolf kämpfen, eine Leseprobe) (von Loewe)
DC Comics „Batman“ (die komplette Geschichte „Zu viele Gauner“, erschienen zur Feier des 50. Jubiläums des ersten Batman-Scooby-Abenteuers, und eine Leseprobe aus „Die Abenteuer der Familie Wayne“)
Marvel Comics „Spider-Man“ (zwei abgeschlossene Geschichten und jeweils eine Begegnung von Peter Parker mit den bekannten Spider-Man-Gegnern Sandman und Lizard.)
„Läuft“ (eine Graphic Novel über die Regeln der Freundschaft. Eine Leseprobe) (von Panini)
„Hilda und die Vogelparade“ (In der Stadt entdeckt das Mädchen Hilda, dass es auch in der Stadt Geheimnisse und Abenteuer gibt. Es gibt bereits sieben weitere Hilda-Abenteuer.) (von Reprodukt)
„Es war einmal… das Leben“ (Wissens-Comic über das Herz und wie es funktioniert)
„Die Schlümpfe und das verlorene Dorf 1“ (fünf Geschichten mit den Schlümpfen. Famos!)
„Nevermoor“ (Erster Band der nach dem Fantasy-Roman von Jessica Townsend entstandenen Comicserie)
„ FRNCK“ (ein Waisenjunge flüchtet aus dem Heim und landet in der Steinzeit, Leseprobe und Auftakt einer sich sehr witzig zu lesenden französischen Comicserie) (von Splitter)
„Alles Safe. Ein Comic-Abenteuer.“ (ein übervorsichtiger Junge, ein waghalsiges Mädchen. Was kann da schon schiefgehen? Eine Leseprobe) (von Ueberreuter)
Im Buch besucht der Teufel in den dreißiger Jahren Moskau. In Michael Lockshins in Russland an der Kinokasse erfolgreichen Verfilmung ist das nicht so.
In Michail Bulgakows Roman „Der Meister und Margarita“, einem Kultbuch, das er von 1928 bis zu seinem Tod 1940 schrieb und dasin der Sowjetunion erstmals, in einer radikal gekürzten Fassung 1966 veröffentlicht und schnell in Lesezirkeln, mit den gekürzten Teilen, zu einem Erfolg wurde, besucht der Teufel Moskau und sorgt für eine ordentliche Portion Chaos. So tritt er als Woland, Professor für Schwarze Magie, in einer Varietéshow auf und beglückt die Anwesenden mit Zehn-Rubel-Geldscheinen, Begleitet wird er unter anderem von dem riesigen menschenähnlichem Kater Begemot. Der titelgebende Meister ist ein Schriftsteller, der einen Roman über Pontius Pilatus schreibt. Margarita ist seine Muse und eine Hexe, die nackt auf einem Besen durch die Nacht reitet und in der Wohnung Nr. 50, die viele verschiedene Mieter hat, einen Zeit und Raum sprengenden Ball mit ihr als Stargast besucht. Und ein Schrifsteller rutscht, wie Woland es vorhersagte, auf einer Lache aus Sonnenblumenöl aus und wird von einer Straßenbahn enthauptet.
Das alles gibt es auch in Michael Lockshins Verfilmung des Romans. Aber er erzählt diese Ereignisse nicht in der Chronologie des Romans, er variiert sie auch – so reitet Margarita auch im Film nackt durch die Nacht, aber sie ist unsichtbar, die Wohnung Nr. 50 ist weniger präsent und Wolands Magiershow konzentriert sich auf seinen sehr pompösen Auftritt – und er erfindet neue Szenen dazu.
Er erfindet eine Rahmenhandlung, in der der Meister in einer Irrenanstalt ein Buch schreibt, das wir dann sehen und wir sehen, wie er ein anderes Buch schreibt und sich mit Margarita darüber unterhält, und wir sehen die vom Meister aufgeschriebene Pilatus-Geschichte. Durch diese Rahmung wird die Filmgeschichte eindeutig in der Fantasie des Autors verortet. Während in Bulgakows Roman der Teufel Moskau besucht, ist in Lockshins Film der Teufel eine nur im Kopf des Meisters existierende Figur, mit der er sich literarisch an Widersachern rächt.
Und er fügt immer wieder Bezüge zur Gegenwart ein. Sein Dreißiger-Jahre-Moskau ist ein retrofuturistisches Moskau, das immer auch ein Bild des heutigen Moskaus ist. Damals herrschte Stalin, heute Putin. Der Name des Dikators änderte sich, aber nicht die Methoden seiner Herrschaftsausübung.
Lockshins satirische Komödie „Der Meister und Margarita“ist zugleich sich Freiheiten nehmende Romanverfilmung und Making of zu dem Roman.
Die Geschichte inszenierte er als in einer Steampunk-Welt spielende Mischung aus Trash und Hochkultur. Es gibt literarische und filmische Anspielungen und Exzesse. Es gibt auch eine CGI-Fantasywelt, die wir so ähnlich aus anderen russischen Filmen kennen.
Dieser Stil und die guten Schauspieler (August Diehl als Teufel ist köstlich!) gefallen. Weniger gefällt, dass Lockshins Verfilmung schnell zu einer Reihe unzusammenhängender, gut aussehender, mal mehr, mal weniger gelungener, für sich stehender, oft in verschiedenen imaginierten Welten spielenden Episoden wird. Und mit knapp drei Stunden ist seine episodische, oft vor sich hin mäandernde Schwarze Komödie zu lang geraden.
Der Roman hat mit dem gleichen Problem zu kämpfen. Nach einer ziemlich gelungenen ersten Hälfte folgt eine unglaublich zähe zweite Hälfte. Im ersten Teil geht es um die Taten des Teufels und die Auswirkungen seiner Taten. Im zweiten Teil, der knapp die Hälfte des Buchs umfasst, geht es um Margarita, die als Hexe durch die Nacht reitet und eine Party besucht.
Die in dem Roman vorhandene Systemkritik, die den Erfolg des Romans in der Sowjetunion begründete, ist aus westlicher und heutiger Perspektive ohne Hintergrundwissen kaum nachvollziehbar. Im Film ist diese Kritik an totalitären Systemen deutlicher.
In Russland war der zu den teuersten russischen Filmen zählende Film ein Kassenerfolg. Sechs Millionen zahlende Besucher sahen sich im Kino das systemkritische Werk an. Aktuell ist Lockshins Verfilmung der finanziell erfolgreichste R-Ratet-Film der russischen Kinogeschichte und einer der zehn erfolgreichsten Kinofilme Russland.
Der Meister und Margarita(Master i Margarita, Russland/Kroatien 2024)
Regie: Michael Lockshin
Drehbuch: Michael Lockshin, Roman Kantor
LV: Michail Bulgakow: Master i Margarita, 1966 (Der Meister und Margarita)
Mit August Diehl, Julia Snigir, Jewgeni Zyganow, Polina Aug, Claes Bang, Juri Kolokolnikow, Alexei Rosin, Dmitri Lysenkow, Alexei Guskow, Jewgeni Knjasew, Danil Steklow, Alexander Jazenkow
Länge: 156 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Die Vorlage
Michail Bulgakow: Der Meister und Margarita
(übersetzt von Alexandra Berlina)
Anaconda, 2020/2024
576 Seiten
7,95 Euro
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Diese Übersetzung ist auch in einer illustrierten Schmuckausgabe, die 18 Euro kostet, erhältlich. Wer also ein Geschenk sucht.
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Originalausgabe
Master i Margarita
Erste Veröffentlichung ab November 1966 als Fortsetzungsroman in einer um ein Achtel gekürzten Fassung in der Literaturzeitschrift Moskwa