Spiel mir das Lied vom Tod (C’era una volta il west, Italien/USA 1968)
Regie: Sergio Leone
Drehbuch: Sergio Leone, Sergio Donati (nach einer Geschichte von Dario Argento, Bernardo Bertulucci und Sergio Leone)
Die Story – Killer Frank will für die Eisenbahn an das Land der Exhure Jill gelangen, während ‚Mundharmonika‘ ihm einen Strich durch die Rechnung macht – ist eher Nebensache gegenüber den von Ennio Morricone untermalten Bildern von Tonino Delli Colli.
Ein Western-Klassiker, der eigentlich auf die große Leinwand gehört.
mit Charles Bronson, Henry Fonda, Claudia Cardinale, Jason Robards, Frank Wolff, Gabriele Ferzetti, Keenan Wynn, Lionel Stander, Jack Elam, Woody Strode
Ein ermordeter Binnenschiffer treibt im Hafenbecken von Duisburg-Ruhrort. Die Kommissare Schimanski und Thanner suchen seinen Mörder.
Der erste Auftritt von Götz George als Horst Schimanski. Damals ein Skandal (Seine Manieren! Seine Sprache! Sein Umgang mit den Dienstvorschriften!), heute ein „Tatort“-Klassiker. Schimanski war schnell der beliebteste „Tatort“-Kommissar, der auch zweimal im Kino ermitteln durfte.
mit Götz George, Eberhard Feik, Ulrich Matschoss, Michael Lech, Michael Rastl, Brigitte Janner, Max Volkert Martens, Barbara Focke
Auf dem Plakat steht Daniel mit ausbreiteten Armen und einem Rockstar-Kreischen, das ihn sofort zum Leadsänger einer Rockband qualifiziert. Wenn da nicht die tiefkatholische Priesterkluft wäre.
Diese Irritation macht neugierig und sie verrät auch schon viel über den Film, der Gegensätze aufeinanderprallen lässt und die Frage stellt, wie ein Pfarrer sein muss.
Denn Daniel ist kein Heiliger und auch kein verhinderter Rockstar, sondern ein Verbrecher mit einem Hang zum unchristlichen Leben. Im Jugendgefängnis hilft er dann als Messdiener bei den Gottesdiensten. Schon vor dem Beginn der Filmgeschichte erfolgte dabei bei ihm eine Bekehrung. Er würde, nach der Verbüßung seiner Strafe, gerne Priester werden. Aber davor stehen zwei Hürden. Die eine, seine mangelhafte schulische Bildung, könnte er überwinden. Die andere nicht. Denn Vorbestrafte werden nicht zum Priesterseminar und dem darauf folgendem Priesteramt zugelassen.
Nach der Entlassung aus der archaischen Strafanstalt soll er sich am anderen Ende Polens bei dem Besitzer eines Sägewerks melden. Der Unternehmer ist dafür bekannt, ehemaligen Gefangenen eine zweite Chance zu geben. Als Daniel vor dem abseits gelegenem Sägewerk steht, ist er unschlüssig.
Er geht zum nahe gelegenem Dorf in die Kirche. Dort sagt er gegenüber einer Besucherin, er sei Priester und zeigt ihr seine Soutane. Diese kleine Angeberei führt dazu, dass er im Haus des Dorfpfarrers aufgenommen wird. Weil dieser für einige Tage weg muss, vertraut er Daniel das Amt und seine Gläubigen an.
Daniel klärt den Irrtum nicht auf. Am nächsten Tag steht er in der Kirche vor den Gläubigen, die seiner Predigt lauschen wollen. Und mit seine unorthodoxen Predigten und Taten beginnt er das Leben seiner Gemeindemitglieder zu beeinflussen.
Dieses Jahr war Jan Komosas „Corpus Christi“ Polens Kandidat für den prestigeträchtigen Auslandsoscar. Gegen den überragenden Gewinner und großen Abräumer der Oscar-Nacht, Bong Joon Hos „Parasite“, hatte er dann keine Chance. Beim Polnischen Filmpreis sah das ganz anders aus. Dort erhielt das Drama alle wichtigen Preise, wozu die Preise für bester Film, beste Regie, bestes Drehbuch, beste Kamera, beste Haupt- und Nebendarsteller (beide Geschlechter) und der Publikumspreis gehörten. Insgesamt erhielt er elf von fünfzehn möglichen Auszeichnungen. Mit über 1,5 Millionen Zuschauern war er letztes Jahr in Polen ein Kinohit. In den Jahrescharts steht er auf dem achten Platz. Direkt hinter „Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers“.
Und es fand sich ein deutscher Verleih, der den Film jetzt in unsere Kinos bringt. Damit gehört „Corpus Christi“ zu den wenigen Filmen aus unserem Nachbarland, der bei uns im Kino läuft.
„Corpus Christi“ ist sperrige Kost, die so gar nichts mit den üblichen Blockbuster und Arthaus-Hits zu tun hat. Komosa zeigt eine düstere Welt, in der sich Daniel immer mehr in Schuldgefühle und Schuld verstrickt. Er stochert im großen Trauma des Dorfes – ein nächtlicher Autounfall, bei dem sieben Mitglieder der Dorfgemeinschaft, sechs davon Jugendliche, starben – herum. Er will herausfinden, was damals geschah und er will diese Wunde in der Seele des Dorfes schließen. Mit seinen die Konventionen eines streng reglementierten Gottesdienst sprengenden Predigten und Taten irritiert er die Gläubigen. Es ist eine Irritation, die sie ihr Leben und ihren Glauben neu betrachten lassen.
Er bringt frischen Wind in ein Dorf, das wie ein deutsches Dorf aus den fünfziger Jahren aussieht. Die Dorfgemeinschaft, vor der Daniel predigt, vervollständigt das Bild. Sie erinnert an damalige Gemeinschaften, in denen Autoritäten und die Kirche nicht hinterfragt wurden. Die richtige Kleidung ist der Ausweis für die Kompetenz. Es ist damit auch eine engstirnige Dorfgemeinschaft, in der das Wort des Patriarchen, von dem alle abhängig sind, und der Kirche Gesetz sind. Das ist dann, wenn die Dörfler die Witwe des Verursachers des tödlichen Unfalls zur Aussätzigen erklären und Daniel mit den trauernden Hinterbliebenen der Opfer des Unfalls eine Urschreitherapie ausprobiert, nicht allzu weit von den „Jagdszenen aus Niederbayern“ entfernt.
Komasa zeigt diese uns so seltsam vertraut erscheinende Welt mit einer ruhig beobachtenden Kamera, die oft Aktion und Reaktion in einem Bild zeigt und einfache Antworten vermeidet.
Corpus Christi (Boże Ciało, Polen 2019)
Regie: Jan Komasa
Drehbuch: Mateusz Pacewicz
mit Bartosz Bielena, Eliza Rycembel, Aleksandra Konieczna, Tomasz Zietek, Leszek Lichota, Lukasz Simlat
Aus der Mitte entspringt ein Fluss (A River runs through it, USA 1992)
Regie: Robert Redford
Drehbuch: Richard Friedenberg
LV: Norman MacLean: A River runs through it, 1976 (Aus der Mitte entspringt ein Fluss)
In poetischen Bildern (Philippe Rousselot erhielt dafür einen Oscar) erzählt Robert Redford in seiner dritten Regiearbeit die Geschichte zweier ungleicher Brüder, die in Montana vor ungefähr hundert Jahren aufwachsen und von ihrem Vater, einem presbyterianischen Pfarrer, zu passionierten Fliegenfischen erzogen werden. Dabei steht das Fliegenfischen für eine bestimmte Geisteshaltung.
„Ein Plädoyer für eine natürliche Ordnung und eine Abkehr von materieller Raffgier. Ein schöner Gegenentwurf zur inhaltsleeren Konsumware Hollywoods.“ (Fischer Film Almanach 1994). Inszeniert von einem Hollywood-Star, mit einem Hollywood-Star am Anfang seiner Karriere in der Hauptrolle.
mit Brad Pitt, Craig Sheffer, Tom Skerritt, Brenda Blethyn, Emily Lloyd
Election Game – Amerikas Wahlsystem in der Krise (Deutschland/USA 2020)
Regie: Jan Schäfer
Drehbuch: Jan Schäfer
In der 45-minütigen Doku geht es um Probleme innerhalb des US-Wahlrechts und Wahlsystems, das vor allem von den Republikanern schamlos zu ihren Gunsten manipuliert wird.
Die Doku ist Teil eines sehr sehenswerten, informativen und langen USA-Abends mit brandneuen und etwas älteren Dokus über die nicht mehr so vereinigten Staaten unter Präsident Trump.
Davor läuft um 18.45 Uhr „Liebe und Sex in den USA – Profit, Prüderie und Polyamorie“ (USA 2019), um 19.30 Uhr „Amerikas neue Gurus – Auf der Suche nach Erleuchtung“ (ebenfalls eine TV-Premiere); danach, um 21.00 Uhr „Trumps schmutziger Deal – Der Präsident und die Ukraine-Affäre“ (Frankreich 2020, noch eine TV-Premiere), um 21.55 Uhr „Macht und Machenschaften USA – Gekaufte Politik“ (Deutschland/USA 2020), um 22.40 Uhr „Bibeltreue Supermacht – Evangelikale in den USA“ (Frankreich 2019), um 23.25 Uhr „Citizen Trump – Eine amerikanische Karriere“ (Frankreich 2019), um 00.10 Uhr „Die Trumps – Aus der Pfalz ins Weiße Haus“ (GB 2017) und, nach einer kurzen „heute journal“-Verschnaufpause, um 01.20 Uhr die spielfilmlange, sehr gelungene Doku „Sex, Trump & Fox News – Aufstieg und Fall des Roger Ailes“.
Als „Die Truman-Show“ im Kino lief, war es Science-Fiction. Aber das war auch, bevor es die TV-Show „Big Brother“ gab und danach erschien „Die Truman Show“ nicht mehr soo abwegig. Denn der titelgebende Truman Burbank wird ständig von Kameras überwacht. Sein Leben ist eine Reality Show mit einem Millionenpublikum. Dummerweise hat Truman davon keine Ahnung. Als eines Tages ein Scheinwerfer vom Himmel fällt, beginnt der Dreißigjährige Fragen zu stellen.
Die grandiose Mediensatire gewann unter anderem einen Hugo.
„ein modernes Märchen mit existentieller Tiefenschärfe (…) ein Filmereignis“ (Fischer Film Almanach 1999)
Die Musik ist von Philip Glass.
mit Jim Carrey, Laura Linney, Noah Emmerich, Natascha McElhone, Peter Krause, Paul Giamatti
Christian Wolff (Ben Affleck) ist Autist, Chef von „ZZZ Accounting“ und Kreditberater. Außerdem ist das auf seine Aufgaben fokussierte Mathegenie der Buchprüfer für verschiedene Verbrecherkartelle.
Für Living Robotics, einer Firma die auch Prothesen herstellt, soll er die Bücher prüfen. Ein hundertprozentig legaler Auftrag, der ihn in Teufels Küche bringt. Jetzt werden seine Fähigkeiten als Auftragskiller benötigt.
Wenn man darüber hinwegsieht, dass „The Accountant“ Humbug ist, ist Gavin O’Conner ein angenehm altmodischer Gangsterfilm gelungen, der seine Geschichte etwas intelligenter als erwartet zusammenfügt.
mit Ben Affleck, Anna Kendrick, J. K. Simmons, Jon Bernthal, Jean Smart, Cynthia Addai-Robinson, Jeffrey Tambor, John Lithgow, Rob Treveiler, Andy Umber, Ron Prather, Susan Williams
Harold ist 19 Jahr alt und hat keine Lust zu leben. Da trifft er bei einer Beerdigung die 79-jährige Maude, die immer noch ein fröhlich Regeln missachtendes Energiebündel ist. Harold verliebt sich in Maude.
Immer wieder gern gesehener Kultfilm!
Mit der Musik von Cat Stevens.
Mit Bud Cort, Ruth Gordon, Vivian Pickles, Cyril Cusack, Charles Tyner, Ellen Geer
Nick Dunnes Ehefrau Amy ist spurlos verschwunden. Noch während er sich in der Öffentlichkeit als besorgter, seine Frau innig liebender Ehemann inszeniert, taucht Amys Tagebuch auf, das eine ganz andere Geschichte ihrer Ehe erzählt.
Finchers bislang letzter Kinofilm (seitdem arbeitete er für den kleinen Bildschirm): ein hübscher Noir über das Lieben und Morden glückliche verheirateter Thirty-Somethings.
mit Ben Affleck, Rosamund Pike, Neil Patrick Harris, Tyler Perry, Carrie Coon, Kim Dickens, Patrick Fugit, David Clennon, Lisa Banes, Missi Pyle, Emily Ratajkowski, Casey Wilson, Sela Ward
Henri Charrière, genannt Papillon, wird 1931 zu lebenslanger Strafarbeit in der Strafkolonie Bagno auf der Teufelsinsel Cayenne in Französisch-Guayana verurteilt. Er soll einen Zuhälter ermordet haben. Kaum angekommen, denkt Papillon nur an eine scheinbar unmögliche Flucht.
Tolle Verfilmung der beeindruckenden und höchst erfolgreichen Autobiographie von Charrière. Das Nachfolgewerk „Banco“ war dann mehr episodisch.
Mit Steve McQueen, Dustin Hoffman, Dalton Trumbo (Nebenrolle)
Big Fish – Der Zauber, der ein Leben zur Legende macht (Big Fish, USA 2003)
Regie: Tim Burton
Drehbuch: John August
Literaturvorlage: Daniel Wallace: Big Fish – A Novel of Mythic Proportions, 1998 (Big Fish)
Vertreter Edward Bloom ist ein begnadeter Geschichtenerzähler. Sein Sohn Will, der hinter den Geschichten nie den wahren Edward Bloom sah, brach deshalb vor Jahren entnervt den Kontakt zu ihm ab. Jetzt sitzt er an Edwards Sterbebett und versucht zum letzten Mal die Beziehung zu seinem Vater zu kitten. Aber dieser erzählt nur wieder einmal die altbekannten Geschichten aus seinem Leben und erfindet einige neue dazu.
Das Buch, eine lockere Sammlung von Episoden, ist bestenfalls solala. Aber der Film, der sich in vielen Teilen von dem Buch entfernt, die Episoden aus dem Buch und zahlreiche neue zu einer Biographie zusammenfügt und dabei das Thema des Buches deutlicher herausarbeitet, ist eine zwischen trister Realität und farbenfreudiger Fantasie wechselnde Liebeserklärung an das Erzählen von Geschichten, die am Ende doch nicht so erfunden sind, wie der Sohn immer annahm.
Mit Ewan McGregor, Albert Finney, Billy Crudup, Jessica Lange, Helena Bonham Carter, Loudon Wainwright III, Steve Buscemi, Danny DeVito, Daniel Wallace (Econ Professor)
Jetzt, nachdem er in den vergangenen Monaten mehrmals verschoben wurde, eine abermalige Verschiebung, möglicherweise, wie bei anderen Blockbustern, gleich auf nächstes Jahr, nicht ausgeschlossen wurde, und der Film, ungefähr im gleichen Atemzug, zur Zukunft des Kinos erhoben wurde, läuft „Tenet“ in unseren Kinos an. In den USA startet „Tenet“ erst am 3. September und nur in den Staaten, in denen es sicher ist. Angesichts der aktuellen Coronavirus-Zahlen dürfte der Thriller daher dort nur in wenigen Kinos in wenigen Bundesstaaten gezeigt werden.
Bei uns markiert der Start von „Tenet“ den Moment, der wieder die Massen in die Kinos bringen soll. Das könnte gelingen. Denn Christopher Nolans „Tenet“ ist für die große Leinwand gemacht und, bei all seinen Mängeln, sehenswert.
Nolans Filme, zuletzt „Dunkirk“ und „Interstellar“, sind seit Jahren intelligentes Blockbuster-Kino, das visuelle Schauwerte mit einer Geschichte, bei der man sein Gehirn nicht an der Kinokasse abgeben muss, verbindet. Bis auf seine „Batman“-Trilogie handelt es sich außerdem um Einzelfilme und Originalstoffe.
„Tenet“ soll daran anschließen. Über die Filmgeschichte wurde vorher, wie man es von Nolan gewohnt ist, wenig verraten. Außer dass es um einen Agenten geht, der den Untergang der Welt verhindern soll. Dabei sind das Wort ‚Tenet‘, die Idee der Invertierung (oder Umkehrung), aus der Zukunft kommende Gegenstände, die in die Gegenwart geschickt werden, um den Weltuntergang herbeizuführen, und Zeitreisen wichtig.
Zusammen mit einigen Vertrauten und unerschöpflichen Ressourcen kämpft dieser Agent ohne Name („BlacKkKlansman“ John David Washington, im Abspann wird er ‚Protagonist‘ genannt) gegen die ebenso potenten Bösewichter, deren Gesicht der russische Oligarch Andrei Sator (Kenneth Branagh, schön fies) ist. Zwischen dem Agenten und Sator steht Kat (Elizabeth Debicki), Sators wunderschöne Frau, die ihren fiesen Ehemann gerne verlassen würde, von ihm aber zum Bleiben erpresst wird. Dieses Dreieck kopiert den Plot eines typischen James-Bond-Film der Prä-Daniel-Craig-Ära. Nur dass Nolan diese altbekannte Geschichte um Zeitreise-Hokuspokus ergänzt und sich anschließend mit all den Problemen von Zeitreise-Geschichten beschäftigen muss.
Das erste und größte Problem des Films liegt im Plan des Bösewichts. Denn es ist unklar, warum die Menschen aus der Zukunft die Gegenwart (und damit sich selbst) vollkommen und endgültig vernichten wollen. Sie wollen nicht ein, zwei Menschen töten, die später vielleicht etwas sehr böses tun werden (wie die Ermordung des Kindes Adolf Hitler, um so seine späteren Taten zu verhindern) oder eine bestimmte Entwicklung verhindern (wie in den „Terminator“-Filmen, wo es letztendlich auch um das Leben und Sterben eines Mannes geht), sondern sie wollen einen Weltkrieg entfachen, der die gesamte Menschheit vernichtet. Und damit auch sie. Es handelt sich hier also um Bösewichter, die die Welt vernichten wollen, bevor sie geboren werden. Irrationaler geht es wohl kaum.
Das zweite große Problem ist, dass bei all den Zeitreisen oder Zeitsprüngen (immerhin springen die meisten Menschen nur einen kurzen Moment zurück) gar nicht mehr so klar ist, wer was wo warum tut. Da poppen Figuren auf und verschwinden. Andere haben ein zweites Leben und Zeit wird zu einem höchst variablen Gut.
Aber, und das ist ein großer Pluspunkt des Films, es sieht spektakulär aus, wenn Fahrzeuge und Menschen gleichzeitig vorwärts und rückwärts durch das Bild laufen, sich verfolgen und miteinander kämpfen. Oder wenn Nolan in den ersten Minuten in einer atemberaubenden Actionsequenz zeigt, wie groß die Bedrohung ist. Da stürmen in Kiew Terroristen in einen vollbesetzten Konzertsaal. Kaum haben sie in der Oper die Besucher als Geisel genommen, stürmt eine Eliteeinheit das Gebäude und tötet alle. Diese eindeutig von den Ereignissen im Moskauer Dubrowka-Theater 2002 inspirierte Geiselnahme ist ein Ablenkungsmanöver, um einen Agenten, dessen Tarnung aufgeflogen ist, zu schützen und um an einen wichtigen Gegenstand zu kommen. Wie wichtig der Gegenstand für die Guten und die Bösewichter ist, zeigt die Zahl der bei dem Ablenkungsmanöver ermordeten Menschen. Später gibt es ein ähnlich spektakuläres Ablenkungsmanöver, wenn unser Held und sein Vertrauter Neil (Robert Pattinson) auf dem Osloer Flughafen aus einer Boeing 747 Goldbarren auf der Startbahn verteilen und das riesige Flugzeug in das Flughafengebäude fahren lassen. Dieser Crash soll von einem Einbruch in ein, zugegeben sehr gut gesichertes, Warenlager ablenken. Für diese Szene, die wie bei Nolan üblich, real gedreht wurde, schrotteten sie einen Jumbo-Jet. In einem anderen Fall sperrten sie für mehrere Wochen für einen komplizierten Diebstahl aus einem fahrenden Laster mit einer anschließenden Verfolgungsjagd und Schießerei mehrere Kilometer einer innerstädtischen Hauptverkehrsstraße. Wirklich spektakulär wird diese Szene, weil hier die Zeit vorwärts und rückwärts läuft.
Die Geschichte bewegt sich, wie man es aus den James-Bond- und „Mission Impossible“-Filmen kennt, globetrottend um die Welt. Gedreht wurde in Estland, Italien, Indien, Dänemark, Norwegen, Großbritannien und den USA.
Die reichlich vorhandenen Schauwerte können allerdings nicht über die enttäuschende Story hinwegtäuschen. Letztendlich erzählt „Tenet“ einen uralten Agententhrillerplot aus den sechziger und siebziger Jahren, als im Gefolge der unglaublich erfolgreichen James-Bond-Filme Geheimagenten um die Welt reisten, Sex mit schönen Frauen hatten (hier ist Nolan deutlich prüder) und gegen größenwahnsinnige Bösewichter, die die Welt vernichten wollten, kämpften. Spätestens mit den Austin-Powers-Filmen wurde dieser Plot zu Grabe getragen.
Nolan reanimiert ihn wieder und die Idee der Inversion und der Zeitreisen beschert etlichen Szenen interessante Wendungen. Auch weil die verschiedenen Figuren immer wieder bestimmte Orte und Ereignisse besuchen können. Aber weil Nolan seine abstruse und letztendlich sehr einfache Agentengeschichte mit heiligem Ernst und fern der Selbstironie der Bond-Filme erzählt, wird die Idiotie des Plans des Bösewichts unerträglich offensichtlich.
Beim Sound führt Nolan das Sounddesign von „Dunkirk“ fort. Es ist oft atemberaubend laut. Als Stilprinzip ist das okay. Leider versumpfen die Erklär-Dialoge oft im Sound. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass es immer dann besonders laut wurde, wenn eine der Figuren zu einer längeren Erklärung ansetzte. Aber dafür gibt es ja Untertitel.
Im Gegensatz zu „Inception“, wo er eine vollkommen neue Welt und Physik erfand, bedient Nolan in „Tenet“ nur abgestandene Spionage- und Zeitreisetopoi. Am Ende können die Bilder, die Bildkompositionen, die Kamerafahrten und die druckvolle Inszenierung nur mühsam die Leere der Story übertünchen.
Tenet (Tenet, USA 2020)
Regie: Christopher Nolan
Drehbuch: Christopher Nolan
mit John David Washington, Robert Pattinson, Kenneth Branagh, Elizabeth Debicki, Dimple Kapadia, Aaron Taylor-Johnson, Michael Caine, Martin Donovan, Fiona Dourif, Yuri Kolokolnikov, Himes Patel, Clémence Poésy
Meine schöne innere Sonne (Un beau soleil intérieur, Frankreich/Belgien 2017)
Regie: Claire Denis
Drehbuch: Claire Denis, Christine Angot
Juliette Binoche, die hier die Künstlerin Isabelle spielt, taumelt allein und unglücklich durch Paris. Denn sie sucht die bedingungslose und kompromisslose Liebe.
TV-Premiere. „Ein brillantes Diskurs-Kino im Rückgriff auf Roland Barthes und Niklas Luhmann.“ (Lexikon des internationalen Films)
mit Juliette Binoche, Xavier Beauvois, Philippe Katerine, Sandrine Dumas, Nicolas Duvauhelle, Gérard Depardieu
Forrester – Gefunden! (Finding Forrester, USA 2000)
Regie: Gus Van Sant
Drehbuch: Mike Rich
Als Mutprobe bricht der sechzehnjährige Jamal Wallace (Rob Brown) bei dem Einsiedler William Forrester (Sean Connery) ein. Daraus entwickelt sich die Freundschaft zwischen einer Schriftstellerlegende und einem begabtem Schüler.
Herziges, aufbauendes Drama, das damals oft mit Gus Van Sants „Good Will Hunting“ verglichen wurde.
Nach „Forrester – Gefunden!“ drehte Sean Connery noch „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ (ein Desaster, über das sie niemand freute und über das wir gerne ignorieren).
Anschließend, um 22.55 Uhr, zeigt Servus TV mit „Die Wiege der Sonne“ (Rising Sun, USA 1993) einen weiteren Connery-Film.
Mit Sean Connery, Rob Brown, F. Murray Abraham, Anna Paquin, Busta Rhymes, Matt Damon
Die Verfolgten (Les Guichets du Louvre, Frankreich 1974)
Regie: Michel Mitrani
Drehbuch: Albert Cossery, Michel Mitrani (nach einer Geschichte von Roger Boussinot)
Paris, Juli 1942: Student Paul versucht möglichst viele jüdische Bewohner des Viertels Saint-Paul vor einer Großrazzia zu warnen. Aber niemand glaubt ihm.
Der heutige TV-Tipp, ein ziemlich vergessener und daher sehr unbekannter Film, ist möglicherweise eine echte Entdeckung. 1974 lief „Die Verfolgten“ auf der Berlinale im Wettbewerb und anschließend nicht in den deutschen Kinos. Warum ist unklar. An der Qualität des Dramas scheint es, wenn man den positiven Besprechungen glaubt, nicht gelegen zu haben.
So urteilt der Filmdienst: „Ein authentisches Filmporträt der Einkesselung Pariser Juden durch die französische Polizei, durchweg eindringlich inszeniert und hervorragend gespielt. Bedeutsam auch als erster Spielfilm, der die maßgebliche Beteiligung von Behörden und Bevölkerung an der Judenverfolgung in Frankreich behandelte.“
mit Christian Rist, Christine Pascal, Judith Magre, Henri Garcin, Michel Robin, Michel Auclair
Drehbuch: Matthew Michael Carnahan, Drew Goddard, Damon Lindelof (nach einer Geschichte von Matthew Michael Carnahan und J. Michael Straczynski)
LV: Max Brooks: World War Z, 2006 (Operation Zombie, World War Z)
Wissenschaftler Gerry Lane (Brad Pitt) globetrottet auf der Suche nach einem Gegenmittel gegen den Zombievirus um die Welt – und überall, wo er auftaucht, tauchen sind auch die sich unglaublich flott bewegenden Zombies.
Unterhaltsamer Zombie-Horror mit einer schwierigen Produktionsgeschichte. Als der Film sich in World-War-Z-Zombiegeschwindigkeit zum Kassenhit entwickelte, war schnell eine Fortsetzung im Gespräch. Inzwischen ist die Arbeit an ihr eingestellt.
Operation Zombie – Wer länger lebt, ist später tot
Goldmann, 2007
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Originalausgabe
World War Z – An Oral History of the Zombie War
Crown Publishers, New York 2006
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Lesehinweis
Vor wenigen Tagen erschien der neue Roman von Max Brooks auf Deutsch. In „Devolution“ muss sich eine in der Wildnis lebende Gruppe von Aussteigern gegen affenähnliche Kreaturen, die vom Instinkt zu überleben getrieben sind, wehren. Weil sie nach einem Vulkanausbruch von der Außenwelt abgeschnitten sind, sind sie auf sich allein gestellt.
„Devolution“ ist sein erster Roman seit „World War Z“. Die ersten US-Kritiken sind positiv.
Terror 2000 – Intensivstation Deutschland(Deutschland 1992)
Regie: Christoph Schlingensief
Drehbuch: Christoph Schlingensief, Oskar Roehler, Uli Hanisch
Gut versteckt mitten in der Nacht zeigt Arte zu Schlingensiefs zehntem Todestag den Abschluss seiner Deutschland-Trilogie. Die beiden Gangster Bössler und Jablo finden in der ostdeutschen Kleinstadt Rassau Asyl. Dort beginnen sie mit der Säuberung Deutschlands, wie das damals von einem rassistischen Mob auf der Straße gefordert wurde.
„Terror 2000 – Intensivstation Deutschland“ ist nicht das ‚deutsche Kettensägenmassaker‘ aber trotzdem, inspiriert von den Schlagzeilen und diese konsequent weiterdenkend, geschmacksicher alle Tabus und Geschmacksgrenzen übertretend.
mit Alfred Edel, Udo Kier, Peter Kern, Margit Carstensen, Susanne Bredehöft, Dietrich Kuhlbrodt, Christoph Schlingensief, Oskar Roehler
Das Gefängnis, in dem die Hundetrainerin Lu mit vier Häftlingen ein Anti-Gewalttraining absolvieren darf, ist kein reales Gefängnis, sondern eine Arena, die auch in einer Dystopie nicht deplatziert wäre. Sie ist ein auf ihre Wirkung beim Zuschauer hin entworfenes, ihre Künstlichkeit betontes brutalistisches Bühnenbild, das hundertprozentig zur Aussage des Films passt.
Die erste Idee für ihren neuen Film „Die Rüden“ hatte Connie Walther als sie die Hundetrainerin Nadin Matthews, die im Film Lu spielt, kennen lernte und sie zu einem viertägigen Aggressions-Seminar in die JVA Wriezen begleitete.
Bei der Recherche für den Film kontaktierte sie später den Berliner Verein Gangway. Gangway ist der größte Träger von Straßensozialarbeit in Deutschland. Zusammen führten sie einen Workshop durch, in dem Laien mit professionellen Schauspielern zusammen arbeiteten. Daraus entstand das Theaterstück „Wir müssen draußen bleiben“, das im April 2017 in Berlin seine Premiere hatte.
In dem Film, der eine ganz andere Geschichte als das Theaterstück erzählt, arbeitet Walther wieder mit Laien zusammen, die mehr oder weniger sich selbst spielen. Die Filmgeschichte, in der sie mitspielen, funktioniert vor allem als Versuchsanordnung, in der vier Häftlinge auf drei hoch aggressive Hunde und eine toughe Hundetrainerin treffen. Die Häftlinge sollen so ihre Aggressionen verarbeiten und auch eine Beziehung zu den Hunden herstellen.
Walther erzählt diese Annäherung und mögliche Wandlung extrem stilisiert in langen Einstellungen, kargen Dialogen und kurzen Fantasy-Sequenzen. Es sind Sätze und Situationen, aus denen die Botschaft über das Tier im Menschen und wie die Gesellschaft über Macht- und Unterdrückungsverhältnisse strukturiert ist, förmlich herausgehauen wurden. Wenn Lu mit den Gefangenen über das Verhältnis von Hund zu Mensch redet, dann redet sie gleichzeitig über das Verhältnis der gewalttätigen Sträflinge zur Gesellschaft und unter welchen Bedingungen sie an ihr teilnehmen dürfen.
In der im Film präsentierten Weltsicht gibt da keinen Unterschied. Menschen sind hier wie Tiere. Mitgefühl und Empathie gibt es nicht. Gewalt kann nur mit Gewalt beantwortet werden. Die furchtlosere und damit physisch stärkere Person überlebt und setzt sich an die Spitze des Rudels. Beziehungsweise der Gesellschaft.
Allerdings ist ein Gefängnis kein 1-zu-1-Abbild der Gesellschaft und es ist das Gegenteil eines herrschaftsfreien Raums. Der gesamte Tagesablauf der Gefangenen ist strukturiert. Ihnen wurde jede Freiheit genommen. Für eine bestimmte Zeit, die, wenn sie sich falsch verhalten, verlängert werden kann. Die Wärter entscheiden über jede Kleinigkeit. Sie können Vergünstigungen gewähren und sie nach Belieben entziehen. Das ist der Rahmen für Lus Anti-Gewalt-Training. Die aus dieser künstlich herbeigeführten Situation entstehende Analyse der Gesellschaft ist bitter und letztendlich auch ohne Hoffnung auf eine bessere Welt.
Allerdings bestimmt das Design der Situation das Verhalten der teilnehmenden Akteure. Entsprechend determiniert ist das Ergebnis. Es wird halt nur das bewiesen, was man auch beweisen wollte. Bewusste Auslassungen – So erfahren wir nie, wann, wo und in welcher Gesellschaft „Die Rüden“ spielt. – betonen das Allgemeingültige der Situation.
Am Ende der düsteren Allegorie bleibt der Eindruck eines betont künstlichen Gedankenspiels. Faszinierend und auch interessant ist der extrem stilisierte Film gerade wegen seiner extrem düsteren Sicht auf das menschliche Zusammenleben und der Konsequenz mit der diese Sicht auf die conditio humana erzählt wird. Ein richtiges Feelbad-Movie eben.
Die Rüden (Deutschland 2018)
Regie: Connie Walther
Drehbuch (Konzept): Nadin Matthews
mit Nadin Matthews, Ibrahim Al-Khalil, Konstantin-Philippe Benedikt, Ali Khalil, Marcel Andrée, Sabine Winterfeldt, Robert Mehl, Mathis Landwehr
Star Wars: Eine neue Hoffnung (aka: Krieg der Sterne – Special Edition) (Star Wars, USA 1977)
Regie: George Lucas
Drehbuch: George Lucas
Darth Vader entführt Prinzessin Leia. Der Jüngling Luke Skywalker macht sich auf den Weg, sie aus den Fängen des Bösewichts zu retten.
Heute wird die 1997 von George Lucas himself digital aufgepeppte Version seines Klassikers gezeigt. Naja, immerhin besser als nichts.
Die zeitgenössische Kritik war nicht amüsiert („Ramschladen“ [Der Spiegel], „ein Verbrechen“ [Film und Fernsehen], „Star Wars offenbart sich als ein Film, der den Zuschauer in seinen Ängsten gefangenhalten will, um ihm eine affirmative Haltung zur Macht zu erleichtern.“ [SF-Baustelle], „Star Wars gehört zu jenen zahllosen Filmen, die das Publikum unmündig halten wollen.“ [Science Fiction Times]).
Variety meinte: „An der Kinokasse dürfte der Film, der potentiell alle Altersgruppen anspricht, zauberhafte Ergebnisse erzielen.“
Das Werk wurde ein Blockbuster.
„Im nachhinein ist es einfach, die Schwachstellen in Krieg der Sterne zu finden: Er ist mehr naiv als unschuldig erzählt; er arbeitet nicht mit Andeutungen, sondern mit geklauten Ideen. (…) Kurz gesagt, ist Krieg der Sterne eine durchdacht hergestellte Märchengeschichte, die sorgfältig aus Stücken seiner Hauptinspiration Rocket Ship (Flash Gordon, 1936) und zahlreichen anderen Filmen und Serien zusammengefügt ist, die trotz ihrer herrlichen Verrücktheiten mit einigen Ausnahmen (für die Flash Gordon das beste Beispiel ist) ihre bizarren Plots in eine Moral packten, die weitaus enger gefasst war als die in alten Märchengeschichten. (…) Krieg der Sterne ist ein erheiternder Film.“ (Phil Hardy, Hrsg.: Die Science Fiction Filmenzyklopädie)
Nicht erstaunlich ist, dass „Krieg der Sterne“ 1978 einen Hugo gewann. Erstaunlich ist aber die Drehbuchnominierung der Writers Guild of America. Nicht, dass das Buch nominiert wurde, sondern dass es in der Kategorie „Best Comedy Written Directly for the Screen“ nominiert wurde.
Obwohl – witzig ist der „Krieg der Sterne“ schon. Irgendwie.
Mit Mark Hamill, Harrison Ford, Carrie Fisher, Peter Cushing, Alec Guiness, Anthony Daniels, Kenny Baker, David Prowse, Peter Mayhew, Phil Brown
Sagen wir es einfach und ohne zu viel technisches Brimborium, das meinen bescheidenen Verstand übersteigt: ohne die Entdeckungen und Erfindungen von Nikola Tesla sähe die Welt heute anders aus. Auf ihn geht die erste praktische Verwendung des Wechselstroms, die Tesla-Spule, zurück. Sie war der Grundstein für drahtlose Technologien und wird noch heute in der Funktechnik verwendet. Weltweit wurden ungefähr dreihundert Patente auf seinen Namen eingetragen. Für weitere Erfindungen wurde kein Patent von ihm beantragt.
Aber war dieser Nikola Tesla? Nach Michael Almereydas ungewöhnlichem Biopic „Tesla“ war der 1856 in dem Dorf Smiljan, das damals zum Kaisertum Österreich und heute zu Kroatien gehört, geborene Erfinder ein introvertierter, im zwischenmenschlichen Umgang gehemmter Wissenschaftler, der vor allem für seine visionären Ideen und Forschungen lebte. In finanziellen Dingen war er höchst unbedarft. 1884 kam er in die USA. Der bekannte Erfinder und Geschäftsmann Thomas Alva Edison stellte ihn ein. Bereits nach wenigen Monaten verließ Tesla Edisons Unternehmen.
In den nächsten Jahren entbrannte zwischen ihnen der Stromkrieg. Edison war ein Anhänger des Gleichstroms. Tesla des Wechselstroms. Diese Technik ermöglicht es, dass Strom durch Kabel nahezu verlustfrei über große Strecken transportiert werden kann. Tesla, oder sagen wir besser Teslas Erfindungen, wurden von verschiedenen Investoren, vor allem von George Westinghouse und J. P. Morgan, unterstützt. Sie finanzierten über die Jahre seine Forschungen und verdienten an ihnen. Dabei übervorteilten sie den an Geld und Eigentum (festgelegt in Patenten) nicht interessierten Nikola Tesla immer wieder.
Erzählt wird „Tesla“ von Anne Morgan. Sie war J. P. Morgans Tochter. Im Film taucht sie als Teslas Freundin und als Erzählerin auf, die Teslas Leben auch mit Hilfe des Internets erzählt. Immer wieder stellt sie eine imaginierte und damit sehr filmische Version der Ereignisse den wahren Ereignissen gegenüber. Sie erzählt, wie der Stromkrieg zwischen Edison und Westinghouse sich entwickelte. Der Erfinder Tesla stand dabei zwischen den beiden um die Vorherrschaft auf dem Strommarkt (und den damit verbundenen Entwicklungen und Einnahmen) kämpfenden Investoren. Morgan erzählt auch von Teslas Suche nach der Freien Energie und von seiner Beziehung zur damals weltbekannten Schauspielerin Sarah Bernhardt.
Durch die Erzählerin, die gleichzeitig als Zeitgenossin und als heute lebende Erzählerin auftritt, erfährt Michael Almereydas „Tesla“ eine interessante Brechung, die durch weitere Anachronismen verstärkt wird. Im Gegensatz zu anderen Biopics, in denen die Bilder immer behaupten, dass sie die wahre Geschichte der historischen Ereignisse erzählen, wird in „Tesla“ immer wieder darauf hingewiesen, dass es sich um eine Interpretation der damaligen Ereignisse aus unserer heutigen Perspektive handelt. Damit dekonstruiert Almereyda seine Biopic-Geschichte schon während er sie erzählt.
Almereyda schrieb das Drehbuch zu dem inzwischen kultigen SF-Trash „Cherry 2000“ und er war einer der Drehbuchautoren von Wim Wenders‘ „Bis ans Ende der Welt“. Sein bekanntester Film ist „Hamlet“. In dem Drama verlegte er William Shakespeares gleichnamiges Stück in das heutige New York. Die Hauptrollen übernahmen Ethan Hawke und Kyle MacLachlan. Jetzt, zwanzig Jahre später, treten sie wieder gemeinsam in einem Film auf. Kyle MacLachlan spielt Thomas Alva Edison. Ethan Hawke Nicola Tesla. Und Hawkes Darstellung des im Umgang mit anderen Menschen extrem schweigsamen und steifen Genies überzeugt. Während des gesamten Films ist in Hawkes Gesicht kaum eine Regung sichtbar. Bis er am Ende dann seine Version des „Tears for Fears“-Hits „Everybody wants to Rule the World“ zum Besten gibt.
„Tesla“ ist kein einfach konsumierbares Biopic, sondern ein, durchaus innerhalb der Konventionen, immer wieder eigene Wege beschreitendes und die üblichen Biopic-Konventionen unterlaufendes Drama, das so versucht Teslas Persönlichkeit gerecht zu werden.
Tesla (Tesla, USA 2020)
Regie: Michael Almereyda
Drehbuch: Michael Almereyda
mit Ethan Hawke, Eve Hewson, Kyle MacLachlan, Jim Gaffigan, Donnie Keshawarz, Rebecca Dayan, Josh Hamilton, Lucy Walters