Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück(Deutschland/Luxemburg/Frankreich 2015)
Regie: Florian Gallenberger
Drehbuch: Torsten Wenzel, Florian Gallenberger
Chile, 1973: Als ihr Freund während des Militärputschs verschwindet, macht Lena sich auf die Suche nach ihm. Sie glaubt, dass er in der Colonia Dignidad festgehalten wird. Als unlängst zum Christentum Bekehrte schleust sie sich in die von dem Deutschen Paul Schäfer geleitete, abgeschottet im Süden Chiles residierende Sekte ein. Dort entdeckt sie ein Terrorregime, das eine äußerst genaue Beschreibung des Lebens in der Colonia Dignidad ist. Sie wurde 1961 von dem ehemaligen evangelischen Jugendpfleger, Laienprediger und Pädophilen Paul Schäfer gegründet. In ihr sollte ein urchristliches Leben geführt werden. Seine Jünger, alles Deutsche, verehrten ihn.
Insgesamt sehenswerter Polit-Thriller, der zum Kinostart mit einer erfundenen Geschichte (Lena und ihr Freund Daniel sind erfundene Charaktere) ein unrühmliches Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte wieder ins öffentliche Bewusstsein zurückholte: die Colonia Dignidad, ihre Unterstützung durch die deutsche Politik (vor allem CSUler) und ihre Beziehungen zum chilenischen Pinochet-Folterregime.
Drehbuch: William Monahan (nach dem Drehbuch „The Gambler“ von James Toback)
Mit seiner Spielsucht hat der Literaturdozent Jim Bennett längst sein Leben zerstört. Jetzt versucht der Spieler durch neue Spieleinsätze seine alten Schulden zurückzuzahlen.
Die sehenswerte, glänzend gespielte Charakterstudie ist ein Noir, der immer auf einen besseren Film hoffen lässt.Auch und gerade weden des versammelten Talents vor und hinter der Kamera.
Der blaue Engel (Deutschland 1930, Regie: Josef von Sternberg)
Drehbuch: Robert Liebmann, Carl Zuckmayer, Karl Vollmöller
LV: Heinrich Mann: Professor Unrat, 1905
Lehrer Rath verliebt sich in die Nachtclubsängerin Lola Lola. Schnell darauf beginnt sein gesellschaftlicher Abstieg.
Ein UFA-Klassiker aus der Zeit, als Babelsberg das Zentrum des deutschen Films war. „Der blaue Engel“ war ein Kassenschlager und gilt heute als einer der Klassiker des Films. Marlene Dietrich setzte danach ihrer Karriere in Hollywood fort.
„Der von [Produzent Erich] Pommer lancierte Film entstand übrigens sozusagen hinter dem Rücken der UFA-Gewaltigen, für die Heinrich Mann natürlich ein suspekter Autor war. Dieser fand nach einer ersten Voraufführung den Film durchaus akzeptabel. ‚Gerade ein wirklicher Roman ist nicht ohne weiteres verfilmbar. Er hat viele Seiten, und nur eine ist dem Film zugewendet. Er muss richtig gedreht werden. Das ist hier meines Erachtens auch geschehen’, schrieb er 1930 an K. Lemke.“ (Barbara Rogall, Film-Blätter 1974)
Die Musik ist von Friedrich Holländer. „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ wurde ein Gassenhauer; „Nimm dich in acht vor blonden Frauen“, „Ich bin die fesche Lola“ und „Kinder, heut abend, such ich mir was aus“ sind nicht so bekannt.
Und die Vorlage, Heinrich Manns grandiose Satire auf den Wilhelminismus und die spießbürgerliche Doppelmoral, ist ein Klassiker der deutschen Literatur. Die Geschichte ist heute (im Gegensatz zu “Der Untertan”) etwas veraltet, aber dank der Sprache fesselt sie heute immer noch. Hier sind die ersten Zeilen des lesenswerten Romans:
„Da er Raat hieß, nannte die ganze Schule ihn Unrat. Nichts konnte einfacher und natürlicher sein. Der und jener Professor wechselten zuweilen ihr Pseudonym. Ein neuer Schub Schüler gelangte in die Klasse, legte mordgierig eine vom vorigen Jahrgang noch nicht genug gewürdigte Komik an dem Lehrer bloß und nannte sie schonungslos beim Namen. Unrat aber trug den seinigen seit vielen Generationen, der ganzen Stadt war er geläufig, seine Kollegen benutzten ihn außerhalb des Gymnasiums und auch drinnen, sobald er den Rücken drehte.“
Der Stoff, aus dem die Helden sind (USA 1983, Regie: Philip Kaufman)
Drehbuch: Philip Kaufman
LV: Tom Wolfe: The Right Stuff, 1979 (Die Helden der Nation)
Das ist einer der Filme, der trotz der zahlreichen Nominierungen und Preise, nie den Ruhm erhalten hat, den er verdient. „Der Stoff, aus dem die Helden sind“ war für den Oscar als bester Film nominiert. „Zeit der Zärtlichkeit“ (Wer erinnert sich noch an den Film?) erhielt die Trophäe. Sam Shepard war für den Oscar als bester Nebendarsteller nominiert. Jack Nicholson erhielt ihn für seine Rolle in „Zeit der Zärtlichkeit“. Als Trost gab es vier Oscars in Nebenkategorien. Beim Directors Guild of America Award und Golden Globe verlor der Film wieder gegen „Zeit der Zärtlichkeit“. Im Rennen um den SF-Preis HUGO ging der Preis für den besten Film wieder nicht an „Der Stoff, aus dem die Helden sind“ sondern an den dritten „Krieg der Sterne“-Film „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“.
Dabei ist das dreistündige Epos über das gefährliche Testpilotenleben zwischen dem Durchbrechen der Schallmauer (Chuck Yeager tat’s 1947) und dem ersten bemannten Flug in den Weltraum „patriotisches Kino ohne Scheuklappen und mit gelegentlichen Anzeichen von Ironie und Selbstkritik“ (Fischer Film Almanach 1985). „Ein sowohl von spöttischer Ironie als auch von ehrlicher Bewunderung für diese ‚Helden der Nation‘ geprägter Film, der dank der mitreisenden Darstellung der extremen Flüge bis zum Schluss spannend bleibt.“ (Lexikon des internationalen Films) Das ist dann auch das Dilemma das Films: für die Rechten nicht patriotisch genug, für die Linken zu patriotisch. Dass Besetzung und Ausstattung erlesen sind, dass die Bilder nach der großen Leinwand rufen, dass die Vergangenheit lebendig wird, das ist dann unerheblich.
Tom Wolfes gewohnt detaillierte und glänzend geschriebene Reportage „The Right Stuff“ war in den USA ein Bestseller . Wenn Sie das Buch irgendwo finden, kaufen Sie es. Es ist eine faszinierende Lektüre, über Männer, die bereit waren, sich in die Spitze einer Rakete zu setzen, in die Luft schießen zu lassen und dabei vielleicht zu sterben (Tom Wolfe entdeckte 1970 einen Artikel, in dem die Wahrscheinlichkeit eines tödlichen Unfalls für einen Navy-Piloten mit 23 Prozent angegeben wurde. Dazu kam noch der Tod im Gefecht. Wahrscheinlich gab es keinen gefährlicheren Beruf.) und ihren Frauen.
mit Sam Shepard, Barbara Hershey, Charles Frank, Ed Harris, Scott Glenn, Dennis Quaid, Lance Henriksen, Fred Ward, Kim Stanley, Veronica Cartwright, Jeff Goldblum, Chuck Yeager (als Bartender Fred)
Side Effects – Tödliche Nebenwirkungen (Side Effects, USA 2013)
Regie: Steven Soderbergh
Drehbuch: Scott Z. Burns
Psychiater Jonathan Banks will Emily Taylor helfen, indem er ihr nach einem missglückten Suizidversuch ein neues, noch nicht erprobtes Medikament verschreibt. Das hat tödliche Nebenwirkungen Emilys Ehemann und der ehrbare Psychiater muss um seine Existenz kämpfen.
Lässig-verschachtelter Neo-Noir mit einem hübsch zynischem Ende, den Soderbergh damals als seinen letzten Spielfilm ankündigte. Was schon damals nicht glaubwürdig war. Inzwischen ist er nach einem TV-Film (der bei uns im Kino lief) und einer TV-Serie wieder im Kino angekommen.
Das ist ein Repost meiner Besprechung vom 24. Juli 2011 zur TV-Erstausstrahlung
ARD, 23.30
Sherlock: Ein Fall von Pink (GB 2010, R.: Paul McGuigan)
Drehbuch/Erfinder: Steven Moffat, Mark Gatiss
LV: Charakter von Sir Arthur Conan Doyle
Die Idee war wohl ganz einfach: Was wäre, wenn Sherlock Holmes im heutigen London leben würde?
Die Skepsis der Krimifans auf der Insel über diese bescheuerte Idee wich, schon während sie den ersten Holmes-Film sahen, nackter Begeisterung, die sich in zahlreichen Jubelarien, Nominierungen und Preisen, unter anderem dem BAFTA für die beste Drama Series, niederschlug. Denn Steven Moffat und Mark Gatiss haben nur wenig im Holmes-Universum geändert. Sie haben Sherlock Holmes, Dr. Watson und all die anderen aus den Geschichten von Sir Arthur Conan Doyle bekannten, wichtigen Charaktere und deren Beziehungsgeflecht einfach aus der Vergangenheit in die Gegenwart versetzt, das ganze erzählerisch ordentlich beschleunigt (jedenfalls im Vergleich zu den vielen bekannten Film- und TV-Interpretationen) und neue Holmes-Geschichten erfunden, die auch von Doyle hätten stammen können.
So jagt Sherlock Holmes in „Ein Fall von Pink“ einen Serienmörder, der seine Opfer, die augenscheinlich keinen Grund für einen Selbstmord hatten, so vergiftet, dass es nach einem Selbstmord aussieht.
Der Fall und wie Holmes den Täter enttarnt, ist zwar etwas schwach, aber dafür lernen wir alle Charaktere kennen und Holmes darf mehrmals zeigen, wie gut er kombinieren kann; wenn er zum Beispiel Dr. John Watson nach einer kurzen Begrüßung dessen Biographie erklärt oder Holmes und Watson zu Fuß ein Taxi verfolgen und, weil Holmes London in und auswendig kennt, sie es auch erwischen.
Dass die ARD die geniale BBC-Serie „Sherlock“ im Sommerloch versteckt wird, ist natürlich gut geplant. Denn da schalten weniger Menschen die Glotze ein. Andererseits ist es schon gemein, dass „Sherlock“ direkt nach dem „Tatort“ läuft. Denn da fällt der Vergleich zwischen den mediokren deutschen Krimis (britisches Understatement) mit den überragenden britischen Krimis so leicht.
Und für Nachschub ist auch schon gesorgt. Im Herbst zeigt die BBC drei weitere „Sherlock“-Filme, die dann auch auf Geschichten von Sir Arthur Conan Doyle basieren.
Mit Benedict Cumberbatch (Sherlock Holmes), Martin Freeman (Dr. John Watson), Rupert Graves (DI Lestrade), Una Stubbs (Mrs. Hudson), Louise Brealey (Molly Hooper), Vinette Robinson (Sgt Sally Donovan), Phil Davis (Jeff), Mark Gatiss (Mycroft)
Direkt nach den Dreharbeiten für „Elliot, der Drache“ begann David Lowery sofort mit dem Dreh von „A Ghost Story“ und dieser Film ist, bis auf einen Punkt, das genaue Gegenteil von seinem Disney-Film. Der gemeinsame Punkt ist, dass beide Filme sehenswert sind. Aber während „Elliot, der Drache“ ein quietschbunter, unterhaltsamer und kurzweiliger Disney-Kinderfilm ist, ist „A Ghost Story“ ein an 19 Tagen im Hochsommer in Texas gedrehter Micro-Budget-Film, in dem Rooney Mara und Casey Affleck, nachdem sie bereits in Lowerys „The Saints – Sie kannten kein Gesetz“ (Ain’t Them Bodies Saints, USA 2013) zusammenspielten, wieder zusammenspielen. Wobei sie dieses Mal mehr nebeneinander her als zusammen spielen.
Denn C (Casey Affleck) stirbt bei einem Autounfall. Seine Freundin M (Rooney Mara) kehrt in die gemeinsame Wohnung zurück. Cs Geist begleitet sie von der Leichenhalle zum Haus und beobachtet sie bei ihren Tätigkeiten und ihrer Trauer. Zum Beispiel wenn sie am ersten Abend nach seinem Tod in einer vierminütigen ungeschnittenen Einstellung einen Schokoladenkuchen in sich hineinstopft. Er muss auch miterleben, wie er für sie unsichtbar ist und wie sie ihn langsam vergisst.
Daran ändern auch seine gelegentlichen Gefühlsausbrüche nichts. Denn wie alle Geister kann er bei Bedarf Dinge bewegen. Aber M erkennt Cs Wirken, seine Trauer und seine unbeholfenen und damit wirkungslose Versuche, sie zu trösten, nicht. Sie bemerkt und sieht ihn nicht. Sie spürt noch nicht einmal seine Anwesenheit.
Wir sehen C wenn er neben seiner Freundin steht und sie ausdrucksstark beobachtet oder durch die Wohnung schwebt, die er durch einen unerklärlichen Bann nicht verlassen kann. Oder will. Und wir bemerken, wie viele Emotionen in einem Bettlaken stecken. Denn das ist Cs Geist: ein Schauspieler unter einem Bettlaken.
Lowery inszenierte „A Ghost Story“ im Format 1:33, das zu einem fast quadratischen Bild führt, in langen, oft stummen Einstellungen, in denen wenig geschieht. Er erzählt, ohne dass das Interesse des Zuschauers erlahmt, seine Geschichte sehr abstrakt, minimalistisch und sehr offen für verschiedene Interpretationen. Diese Offenheit ist für eine Filmbesprechung auch ein Problem. Denn sie führt notgedrungen zu einer Interpretation, die die Offenheit des Films auf eine Sicht verengt. Dabei ist „A Ghost Story“ offen für sehr viele, auch sich widersprechende Interpretationen.
In jedem Fall ist „A Ghost Story“ kein Film für die große Masse, sondern ein kleiner Indie-Film, der fasziniert und ein Angebot zum Nachdenken und für Gespräche über Beziehungen, Liebe, Abschied, Trauer und den Tod ist.
Fotoreporterin Alex Martin (Kate Winslet) und Neurochirurg Ben Bass (Idris Elba) sitzen auf dem Flugplatz fest. Wegen eines heraufziehenden Sturms wurde ihr Flug gestrichen. Aber weil beide am nächsten Tag an der Ostküste einen wichtigen Termin haben – sie ihre Hochzeit, er eine Operation -, schlägt die aktive, improvisationsfreudige Martin dem ruhig-überlegt handelnden, methodisch vorgehendem Bass vor, dass sie gemeinsam ein Flugzeug chartern und sich nach Denver fliegen lassen sollten. Dort könnten sie wieder auf eine Linienmaschine umsteigen.
Gesagt, getan. Einige Minuten später lassen sich die beiden Wildfremden von einem erkennbar wenig vertrauenswürdigem Piloten (Beau Bridges in einer kleinen Rolle) über die Berge fliegen. Während des Flugs hat er einen Herzinfarkt, die Maschine stürzt ab und Martin und Bass sind ohne die richtige Kleidung, Ausrüstung oder Lebensmittel irgendwo mitten in den verschneiten, menschenleeren zu den Rocky Mountains gehörenden Uinta Bergen im Nordosten von Utah.
Weil ihr Flug nicht angemeldet war und ihre Telefone keinen Empfang haben, weiß niemand, wo sie sind.
Zuerst behandelt Bass die durch den Absturz schwer verletzte Martin. Danach will sie sich sofort auf den Weg in die Zivilisation machen. Er hält es für eine schlechte Idee und würde lieber beim Flugzeugwrack auf Rettung warten. Aber weil sie sich, stur und ungeduldig wie sie ist, allein auf den Weg macht, folgt er ihr. Mit dem Hund des Piloten, der den Absturz ebenfalls überlebte.
Hier kann ich es kurz machen: „Zwischen zwei Leben“ ist die Schnulze der Woche. Nur wegen ihres Drehorts (gedreht wurde im Purcell Gebirge in British Columbia, Kanada) und den beiden Hauptdarstellern unterscheidet sich der Liebesfilm von der TV-Schnulze der Woche. Kate Winslet und Idris Elba heben die banale und in jeder Sekunde vorhersehbare Geschichte auf Kinoniveau. Regisseur Hany Abu-Assad („Paradise Now“, „Omar“) verzichtet auf Subplots. Er konzentriert sich in seiner Inszenierung auf die beiden Überlebenden des Absturzes und wie sie sich in einer Extremsituation näherkommen und ineinander verlieben. Nur am Ende lässt sich er mehr Zeit als nötig.
Wer seinen Vorrat an Taschentücher gerade nicht mit dem erkältungsbedingten Putzen seiner Nase aufbraucht, kann das im Kino „Zwischen zwei Leben“ tun.
Zwischen zwei Leben (The Mountain between us, USA 2017)
Regie: Hany Abu-Assad
Drehbuch: J. Mills Goodloe, Chris Weitz
LV: Charles Martin: The Mountain between us, 2010 (Erzähl mir dein Herz; Zwischen zwei Leben – The Mountain between us)
mit Kate Winslet, Idris Elba, Beau Bridges, Dermot Mulroney
Packender und extrem schonungsloser Kriegsfilm über die Erlebnisse einer Besatzung eines US-Panzers während der letzten Tage des Zweiten Weltkriegs in Deutschland.
mit Brad Pitt, Logan Lerman, Shia LaBeouf, Jon Bernthal, Michael Pena, Jim Parrak, Brad William Henke, Jason Isaacs, Kevin Vance, Alicia von Rittberg, Scott Eastwood
Rick Ostermann erzählt in seinem Spielfilmdebüt anhand einiger Schicksale von den heute fast vergessenen „Wolfskindern“, das waren deutsche Kinder, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs von ihren Eltern getrennt wurden und die in Ostpreußen um ihr überleben kämpfen müssen.
Ein wichtiges Thema, das fast als Stummfilm inszeniert wurde und, was zu seinem Scheitern beträgt, in dem die historischen Hintergründe konsequent ignoriert werden.
LV: Harlan Coben: No second Chance, 2003 (Keine zweite Chance)
Nachdem sie angeschossen wurde, erwacht Dr. Nora Schwarz (im Roman Marc Seidman) aus dem Koma: ihr Mann ist tot, ihre einjährige Tochter verschwunden. Als sie eine Lösegeldforderung erhält, schöpft sie neue Hoffnung. Aber die Lösegeldübergabe geht schief und Kommissar Leyen fragt sich, ob nicht Nora hinter der Entführung steckt.
Tja, das klingt doch nach einer waschechten Coben-Geschichte, die hier als Zweiteiler verfilmt wurde. Ob gelungen, wissen wir nach dem zweiten Teil, der am kommenden Dienstag, den 12. Dezember, ebenfalls um 20.15 Uhr, gezeigt wird.
Arte, 23.25 (mit einer zehnminütigen Einführung von Dr. Ursula von Keitz)
Kolberg(Deutschland 1945)
Regie: Veit Harlan
Drehbuch: Alfred Braun, Veit Harlan
Einer der bekanntesten Vorbehaltsfilme. Das sind Nazi-Filme, die aufgrund ihres Inhalts nur mit einer historischen Einführung präsentiert werden dürfen. Der bekannteste Vorbehaltsfilm ist der ebenfalls von Veit Harlan inszenierte Hetzfilm „Jud Süß“.
In seinem Durchhaltefilm „Kolberg“ geht es um den tapferen Widerstand des Dorfes Kolberg gegen die schier übermächtige napoleonische Armee. Weil Joseph Goebbels den Film als Beitrag zur „geistigen Kriegsführung“ sah, wurde für den Dreh 1943/1944 ein immenser Aufwand betrieben. Als der mit dem nur fünfmal verliehenen höchsten Nazi-Prädikat „Film der Nation“ ausgezeichnete Film Ende Januar in die Kinos kam, war der 2. Weltkrieg fast vorüber und der gewünschten Propagandaeffekt blieb aus.
„In den vergangenen Jahren ist gelegentlich an einer Kolberg-Legende gewoben worden, so, als habe hier noch ein filmisches Wunderwerk im Arsenal gelegen. Diese Legende löst sich in Nichts auf, wenn man den Film heute sieht. Trotz der neun Millionen Produktionskosten, trotz der Riesenheere von Komparsen und der berühmten Schauspieler, die Harlan hier versammelte, ist der Film doch nur eine große Durchhalte-Schnulze, bei deren Betrachtung sich dem Zuschauer teilweise die Haare sträuben.“ (Walther Schmieding, Filmstudio 48, 1966)
Bereits um 22.30 Uhr zeigt Arte die Kurzfassung der Kinodoku „Verbotene Filme“.
mit Heinrich George, Kristina Söderbaum, Horst Caspar, Gustav Diessl, Paul Wegener, Otto Wernicke
LV: Chris Kyle (zusammen mit Scott McEwen und Jim DeFelice): American Sniper, 2012 (Sniper: 160 tödliche Treffer – Der beste Scharfschütze des US-Militärs packt aus)
Clint Eastwoods Biopic über den US-Scharfschützen Chris Kyle, der im Irak zwischen 1999 und 2009 160 Menschen tötete. Das ist die offizielle Zahl.
Der Film war ein Kassenhit und Eastwood liefert in seinem patriotischen Kriegsfilm genug kleine Widerhaken, um auch eine andere Lesart zuzulassen.
Jahrelang lief kein Film von Sabu in unseren Kinos und jetzt, wenige Wochen nach „Mr. Long“, läuft mit „Happiness“ ein weiterer Film von ihm an, der sich ebenfalls wenig um Genrekonventionen kümmert. Allerdings mit einem deutlich bescheideneren Ergebnis.
In einem japanischen Dorf taucht eines Tages der geheimnisvolle Kanzaki auf. In seinem Gepäck hat er einen Steampunk-artigen Helm, der seinen Träger, richtig bedient, den glücklichsten Moment seines Lebens noch einmal erleben lässt. Nach anfänglicher Skepsis lassen die Dorfbewohner sich den Helm aufsetzen und aus einem Dorf voller Trauergestalten wird eine lebensfrohe Gemeinschaft.
Diese lebensfrohe Komödie beendet Sabu ungefähr in der Filmmitte. In dem Moment erfahren wir, dass Kanzaki das Dorf aufgesucht hat, um einen Mann zu finden und sich an ihm zu rächen. Mit der Hilfe seines Glückshelms, der auch andere Erinnerungen und Gefühle auslösen kann.
In dem Moment wird „Happiness“ zu einer länglichen, zunehmend redundanten Rachegeschichte, die überhaupt nicht zur ersten Hälfte passt und auch nichts mit ihr zu tun hat.
Martin Koolhovens letzter Film „Mein Kriegswinter“ lief schon vor einigen Jahren im Kino. Danach wollte er einen Western drehen. Die Produktion seines englischsprachigen Debüts zog sich dann länger hin als erwartet, was unter anderem an Problemen beim Drehbuch und dem langen, alle Jahreszeiten umfassenden Dreh lag. Letztes Jahr hatte „Brimstone“ beim Filmfestival Venedig seine Premiere und der Film ist keine leichte Kost. Weniger wegen seiner Länge, sondern wegen der gezeigten Gewalttätigkeiten, die vor allem von Männern gegen Frauen ausgeübt werden, und seiner unnötig komplizierten Struktur.
Der Western beginnt mit einem Prolog, der am Filmende wieder aufgenommen wird. Dazwischen erzählt er in vier Kapiteln, die sich chronologisch immer weiter in die Vergangenheit von Liz (Dakota Fanning) zurückbewegen. Das ist formal nicht uninteressant, verhindert aber auch eine emotionale Bindung an die Protagonistin, deren Handlungen lange rätselhaft bleiben.
Sie hat, als wir sie das erste Mal sehen, keine Zunge, aber ihr liebevoller Mann sieht darüber hinweg und sie ist die geachtete Hebamme des Dorfes. Als sie sich bei einer Notgeburt in der Kirche zwischen dem Leben des Kindes und der Mutter entscheiden muss, leidet ihr Ruf. Sie habe zu Unrecht Gott gespielt. Das wirft ihr der neue Priester (Guy Pearce, mit spürbarer Lust an seiner diabolischen Rolle) vor. Als Liz den Gottesmann zum ersten Mal in der Kirche sieht, reagiert sie, als habe sie den Leibhaftigen gesehen.
In den folgenden drei Kapiteln des gut hundertfünfzigminütigen Western erfahren wir dann, wie Liz ihre Zunge verlor (keine angenehme Geschichte) und woher sie den Prediger kennt. Ebenfalls keine angenehme Geschichte, die einen tiefen Einblick in religiöse Wahngebilde und archaische Geschlechterverhältnisse gibt.
Die von Koolhoven gewählte Struktur führt dazu, dass „Brimstone“ sich mehr wie eine Detektivgeschichte entfaltet, bei der man wissen will, was die Verbindung zwischen Liz und dem teuflischen Priester ist. Das mag intellektuell befriedigen. Gleichzeitig wird „Brimstone“ zu einem verkünstelten Arthaus-Film, bei man sich fragt, warum Koolhoven seine Geschichte nicht einfach chronologisch erzählt. Dann wäre die brutale Geschichte wesentlich kraftvoller, die Identifikation mit Liz größer und das Thema des Films über den gesamten Film präsent.
Für Westernfans, vor allem Fans des Spät- und Italowestern oder von Tom Franklins „Smonk“, ist „Brimstone“ dagegen eine Offenbarung, die auch zeigt, welche religiösen Spinner damals aus Europa in die USA auswanderten.
LV: Scott Phillips: The Ice Harvest, 2000 (Alles in einer Nacht)
Heiligabend in Wichita, Kansas: Anwalt Charlie Arglist hat mit seinem Kumpel Vic einen Mafiaboss um zwei Millionen Dollar erleichtert. Bevor er Wichita verlassen kann, muss er noch den Weihnachtsabend überleben. Denn anscheinend wollen die Verwandtschaft, Kleingangster, eine Femme Fatale, ein Killer, sein nicht vertrauenswürdiger Mitverbrecher und der titelgebende Eissturm seinen Plan durchkreuzen.
Hochkarätig besetzte schwarze Komödie, die bei uns leider nur auf DVD veröffentlicht wurde.
Scott Phillips‘ Debütroman war für den Edgar und Hammett Preis nominiert. Das Drehbuch war auch für einen Edgar nominiert.
Mit John Cusack, Billy Bob Thornton, Connie Nielsen, Randy Quaid, Oliver Platt, Ned Bellamy
An Silvester treffen sich Julian (Fahri Yardim) und Hannah (Sylvia Hoeks) in ihrer gemeinsamen Wohnung. Sie wollen vor ihrer endgültigen Trennung noch schnell die letzten Details regeln, einige Umzugskisten einpacken, dem Vermieter die Wohnung übergeben und dann zur Hochzeit eines mit ihnen befreundeten Paares fahren; – puh, diese Mittdreißiger haben aber ein volles Programm.
Während sie auf den Vermieter warten, der sie dann auch noch zum Streichen der Wohnung verpflichtet, erinnern sie sich an ihre gemeinsame Zeit: wie sie vor sieben Jahren die Wohnung erhielten, weil sie, obwohl sie sich nicht kannten, behaupteten ein Paar zu sein. Wie sie sich ineinander verlieben, eine Tochter bekommen und ein normales bürgerliches Leben beginnen. Sie beendet erfolgreich ihr Jura-Studium und hat schnell eine gute Stelle. Er ist ein Fotograf, der nach der Geburt ihres Kindes die Erziehung übernimmt. Später will er wieder arbeiten, aber das ist nicht so einfach mit einem Kind und einer durch die Welt reisenden Frau.
Und jetzt streichen sie ihre Wohnung und streiten sich darüber, wer welches Erinnerungsstück behalten darf.
Julian und Hannah sind zwei sehr sympathische, sehr normale Menschen, die sich mit sehr normalen Problemen herumschlagen, in einer austauschbaren Altbau-Wohnung leben, gefälligen Poprock hören und keine Hobbys oder besonderen Interessen haben. Das ist der Vor- und Nachteil in Niels Lauperts „Whatever happens“. Denn man kann sich sofort mit ihnen identifizieren, weil man Julian oder Hannah sein könnte oder mit ihnen befreundet sein könnte.
Diese Alltäglichkeit seiner Charaktere, die anonyme Vertreter der Dreißig-/Vierzigjährigen neuen Bourgeoisie sind, führt dazu, dass sie keine irgendwie erkennbare Individualität haben. Sie sind so austauschbar, dass wir über Julians Arbeit nichts erfahren. Er hat zwar immer wieder einen Fotoapparat in der Hand, aber welche Bilder er beruflich schießt und warum er seine Aufträge nicht mit seinem Familienleben verbinden kann, erfahren wir nicht. Das wäre dann zu spezifisch. Hannah ist die karrierebewusste, um die Welt reisende, niemals erreichbare, penible, aber doch liebenswerte Geschäftsfrau. Da kann einerseits jeder sich und seine liberal-bürgerlich-aufgeklärten Großstadtfreunde wieder erkennen, andererseits fehlt Hannah und Julian das Besondere, das sie zu einzigartigen und erinnerungswürdigen Menschen und nicht zu einer Anhäufung statischer Merkmale machen würde.
Und so verliert sich der Film, trotz schön beobachteter Szenen und sympathischer Schauspieler, schnell im Allgemeinen und unverbindlichen Binsenweisheiten.
Whatever happens (Deutschland 2017)
Regie: Niels Laupert
Drehbuch: Niels Laupert
mit Fahri Yardim, Sylvia Hoeks, David Zimmerschied, Amelie Kiefer, Bastian Hagen, Victoria Mayer, Torben Liebrecht, Alexander Beyer, Eckhard Preuß
Miguel Rivera ist ein musikbegeisterter Junge. Der Zwölfjährige will, wie sein verstorbenes Vorbild Ernesto de la Cruz, der bekannteste Sohn des Dorfes Santa Cecilia, ein Mariachi werden. Dummerweise hasst seine Familie als einzige Familie in Mexiko die Musik und sie ist, seit Generationen, im ganzen Haus verboten. Außerdem soll Miguel den erfolgreichen Familienbetrieb, ein Schuhmachergeschäft, übernehmen.
Am Dia de los Muertos, dem Tag der Toten, dem Fest, an dem in Mexiko den Toten gedacht wird, beschließt Miguel sein Glück als Sänger zu versuchen. Weil er keine Gitarre hat, schleicht er sich in das für Ernesto de la Cruz errichtete Mausoleum. Dort will er sich für seinen großen Auftritt auf dem Dorffestplatz die Gitarre seines Idols ausleihen.
Als er sie ergreift, öffnet sich für ihn ein Tor in die Welt der Toten. Dort will er seinem großen Vorbild, das auch irgendwie mit ihm verwandt ist, begegnen. Aber er weiß nicht, wie er ihn treffen kann, seine Familie sucht ihn und wenn er nicht bei Tagesanbruch über die Blumenbrücke in das Reich der Lebenden zurückkehren kann, muss er für im Reich der Toten bleiben.
„Coco“ ist der neue Pixar-Film und viel mehr muss man eigentlich nicht sagen. Außer vielleicht, dass „Coco“ mit gut zwei Stunden für einen Kinderfilm erstaunlich lang ist (und dann kommen noch der zwanzigminütige Vorfilm „Die Eiskönigin: Olaf taut auf“ und die Werbung dazu) und dass es keine Komödie ist. Die Lacher sind rar – Keine Panik, es gibt genug witzige Szenen – und die angesprochenen Themen sind dieses Mal eher düster und existenziell. Es geht um Tod, Vergessen, Erinnerungen, den Umgang mit den Alten und den Wert der Familie. Aber auch, und hier verrate ich kein großes Geheimnis, um den Umgang mit traumatischen Ereignissen innerhalb einer Familie und Alzheimer. Denn Miguels Großmutter vergisst immer mehr.
Das ist harter Stoff, den die langjährigen Pixar-Mitarbeiter Lee Unkrich und Adrian Molina selbstverständlich kindgerecht aufbereiten und zu einem harmonischen Ende führen. Aber die Themen sind ernst, auch traurig (daran ändert das fröhliche Fest der Toten nichts) und sie konfrontieren uns mit unerfreulichen Erkenntnissen. Erkenntnissen, bei denen gerne gesagt wird, dass sie noch nichts für Kinder seien. Dass sie erst älter werden müssten.
Außerdem erfahren wir einiges über die reichhaltige mexikanische Kultur und hören gute Songs. Teils extra für den Film komponiert, teils traditionelle mexikanische Songs.
Coco – Lebendiger als das Leben (Coco, USA 2017)
Regie: Lee Unkrich, Adrian Molina (Ko-Regie)
Drehbuch: Adrian Molina, Matthew Aldrich (nach einer Geschichte von Lee Unkrich, Jason Katz, Matthew Aldrich und Adrian Molina)
mit (im Original den Stimmen von) Anthony Gonzalez, Gael García Bernal, Benjamin Bratt, Alanna Ubach, Renée Victor, Jaime Camil, Alfonso Arau, Herbert Siguenza, Ana Ofelia Murguía, Edward James Olmos, Cheech Marin
Die drei Tage des Condor (USA 1975, Regie: Sydney Pollack)
Drehbuch: Lorenzo Semple jr., David Rayfield
LV: James Grady: Six days of the Condor, 1974 (Die 6 Tage des Condor)
Joe Turner ist ein Büromensch und Angestellter der CIA. Als er nach einem Einkauf in das Büro zurückkommt sind seine Kollegen tot und er wird gejagt. Von den eigenen Leuten, wie Turner schnell herausfindet. Turner kämpft um sein Leben.
Der spannende Thriller entstand unmittelbar nach der Watergate-Affäre und fing – wie einige andere fast zeitgleich entstandene Filme – die damalige Atmosphäre von Mißtrauen und Paranoia gut ein.
Das Drehbuch erhielt den Edgar-Allan-Poe-Preis.
Mit Robert Redford, Faye Dunaway, Cliff Robertson, Max von Sydow, John Houseman
Der Condor ist zurück in „Die letzten Tage des Condor“ und, nachdem er in seinem Wohnzimmer einen ermordeten Geheimagenten entdeckt, ist er wieder auf der Flucht.
Am 19. September 1991 entdeckt das Ehepaar Simon bei einer Wandertour durch die Ötztaler Alpen im Gletschereis eine gefrorene Leiche. Schnell fanden Gerichtsmediziner heraus, dass die Leiche nicht einige Tage oder Jahre, sondern mindestens viertausend Jahre alt ist. Ötzi, wie der Mann aus dem Eis wegen des Fundorts schnell genannt wurde, war eine Sensation für die Wissenschaft. Denn die Leiche aus der Jungsteinzeit war gut erhalten, mumifiziert und damit ein wundervolles, noch nie dagewesenes und bisher einzigartiges Forschungsobjekt über unsere Frühgeschichte.
Auch Felix Randau war fasziniert von Europas ältester Mumie. Er fragte sich, wie viele andre Menschen, wie Ötzi vor 5300 Jahren gelebt hat und warum er in den Alpen, im heutigen Grenzgebiet zwischen Italien und Österreich, ermordet wurde. Ausgehend von dieser Frage erzählt er in seinem Spielfilm „Der Mann aus dem Eis“ die Geschichte von Kelab, einem Dorfoberhaupt einer kleinen, in den Südtiroler Alpen lebenden Sippe. Als er auf der Jagd ist, wird sein Dorf von Krant und seinen beiden Söhnen Tasar und Gosar überfallen. Die drei Männer ermorden Kelabs Sippe und zerstören die Siedlung.
Kelab will sich an den Mördern rächen.
Randau erzählt in seinem Film eine gradlinige, ziemlich banale Rachegeschichte, deren größtes Problem ihre Behauptung ist, Ötzis Geschichte zu erzählen und er dann munter drauflos fantasiert. Denn obwohl die Forscher immer mehr über Ötzi wissen – über seine Verletzungen, seine Tätowierungen, seine Nahrung, seine Krankheiten, seine Werkzeuge und auch dass er ermordet wurde -, wissen sie sehr wenig. Sie können nur Vermutungen über den Grund für den Mord anstellen. Sie wissen auch, mangels schriftlicher Aufzeichnungen, nichts darüber, wie die Menschen zusammen lebten und wie sie sich verständigten. Hier werden im Film mehr oder weniger glaubhafte Vermutungen, die mehr oder weniger nah am Forschungsstand sind, angestellt.
Trotzdem wirkt Ötzis Welt nie glaubhaft als Reenactment. Die Alpenlandschaft, durch die Kelab streift, sieht aus, wie die Alpenlandschaften, die man mühelos jedes Wochenende besuchen kann. Keine Überhöhungen, keine Geheimnisse oder ein archaisches Gefühl, sondern nur Wiesen und Steine. Die benutzen Waffen und Kleider wirken wie gerade aus der Kostümkammer entnommen und nicht als ob sie in mühevoller Handarbeit hergestellt und lange benutzt wurden. Alles, und ich meine wirklich alles, wirkt wie aus dem Fundus für einen x-beliebigen Fantasy-Film zusammengestellt.
Verglichen mit Alejandro G. Iñárritus Rachewestern „The Revenant“, der einem als Referenz immer wieder einfällt, fällt das Scheitern von „Der Mann aus dem Eis“ noch deutlicher auf. Alles was in „The Revenant“ stimmt und ihn zu einem in jeder Beziehung überwältigendem Kinoerlebnis machte, fehlt in „Der Mann aus dem Eis“.
„Der Mann aus dem Eis“ erinnert dagegen, auch weil der Film fast vollständig auf Dialoge verzichtet, an einen Stummfilm, der sich wenig um historische Genauigkeit bemüht.
Zum Filmstart erschien bei Reclam ein reichhaltig bebildertes „Buch zum Film“. Das von Albert Zink herausgegebene Buch enthält Interviews mit Hauptdarsteller Jürgen Vogel und Regisseur Felix Randau, Randaus Drehbuch und, in der zweiten Hälfte, eine von Zink geschriebene faktenreiche Bestandsaufnahme der Forschung zu dem Mann aus dem Eis. Zink ist der Leiter des Instituts für Mumienforschung der EURAC Research in Bozen und das merkt man. Denn dieser Teil ist im akademischen Tonfall eines Wissenschaftlers geschrieben, der die aus der Forschung bekannten Fakten präsentiert. Ein Journalist hätte daraus einen Wissenschaftskrimi gemacht.
Der Mann aus dem Eis (Deutschland/Italien/Österreich 2017)
Regie: Felix Randau
Drehbuch: Felix Randau
mit Jürgen Vogel, André M. Hennicke, Susanne Wuest, Violetta Schurawlow, Sabin Tambrea, Martin Augustin Schneider, Axel Stein, Franco Nero