Neu im Kino/Filmkritik: „Innen Leben“, außen Krieg

Juni 23, 2017

Ein normaler Tag im Leben einer in einer Großstadt in einem Mietshaus lebenden Familie. Was soll daran besonderes sein?

Nun, das Apartment ist in Syrien in Damaskus, mitten im Kriegsgebiet. Um Scharfschützen kein Ziel zu bieten, sind die Vorhänge zugezogen. Die Wohnungstür ist, um sich vor Plünderern zu schützen, verbarrikadiert.

Jeder Tag, jede Stunde, jede Minute ist ein Kampf ums Überleben. Auch wenn Oum Yazan mit einem mütterlich strengem Regiment die Ordnung aufrecht erhält und dafür sorgt, dass die Abläufe zwischen Aufstehen, regelmäßigen Mahlzeiten und Zähne putzen so normal wie möglich sind. Auch wenn sie einige ungeplante Dauergäste, wie ihren Schwiegervater, der die meiste Zeit passiv schweigend am Tisch sitzt, ihre Nachbarin Halima, eine junge Mutter, und Halimas Freund Samir beherbergt.

Oum und ihre Mitbewohner haben sich so gut es geht, mit der Situation ihres selbst auferlegten Hausarrests arrangiert. Sie geben nicht auf. Auch wenn sie nicht wissen, was passiert und, immerhin kennen wir aus den Nachrichten die Lage in Syrien, es keinen Hoffnungsschimmer auf eine kurzfristige Lösung gibt.

Aber heute ist kein normaler Tag. Denn Samir wird auf dem Weg zu seinem Fluchthelfer im Hinterhof von einem Scharfschützen niedergestreckt. Oums Hausmädchen Delhani hat die Tat beobachtet. Sie erzählt Oum von ihrer Beobachtung. Oum will Halima erst zu einem geeigneten Zeitpunkt davon erzählen. Nur: wann sagt man einer Mutter, dass sie eine Witwe ist?

Und schaffen sie es, den Plünderern, die an die Tür klopfen, den Zutritt zu verwehren?

Innen Leben“ hatte seine Premiere auf der diesjährigen Berlinale und erhielt den Panorama Publikumspreis. Philippe Van Leeuw erzählt in seinem zweiten Spielfilm ganz konkret von einer bestimmten Situation an einem bestimmten Ort. Dabei interessieren ihn nicht die Motive der verschiedenen Kriegsparteien, sondern die Auswirkungen des Krieges und der Gewalt auf eine normale, bürgerlich-gebildete Familie, die einfach nur, möglichst unbehelligt von den Wirren des Krieges, überleben möchte. Er beobachtet mit dem geduldigen Blick des langjährigen Dokumentarfilmers die in der Wohnung lebenden Menschen und ihre Handlungen, ohne über sie zu urteilen. Das müssen wir Zuschauer machen.

Und, weil man keine große Fantasie benötigt, um „Innen Leben“ als Metapher zu verstehen, erzählt an Leeuw sehr universell vom Leben.

Die Inspiration für seinen Film war ein Gespräch im Dezember 2012 mit einer Freundin aus Damaskus, die ihm erzählte, dass ihr Vater ohne Telefon oder eine andere Kommunikationsmöglichkeit drei Wochen in seiner Wohnung in Aleppo eingesperrt war. Aus diesem Bild von einem in seiner Wohnung eingesperrten Mann wurde eine Familie, die mit einigen Bekannte in einer Wohnung eingesperrt ist, während in der Stadt Krieg herrscht.

Aufgrund mehrere Arbeitsaufenthalte Van Leeuws im Libanon und Gesprächen mit befreundeten syrischen Filmemachern konnte der Belgier die Geschichte an die Situation in Syrien anpassen. Er besetzte alle Rollen, bis auf „Die syrische Braut“ Hiam Abbas (Oum Yazan), Diamand Bou Abboud (Halima) und Juliette Navis (Delhani), mit syrischen Flüchtlingen, die natürlich Teile ihrer Biographie in die Filmgeschichte einbrachten.

Das Aufbegehren des syrischen Volkes begann vor sechs Jahren und der Krieg wütet seit über fünf Jahren. Und der Rest der Welt hat nichts getan, um ihn zu stoppen. Die Syrer, die gerade in Europa Zuflucht suchen, hatten keine andere Wahl, als ihre Häuser und ihr Land zu verlassen. Sie alle entflohen einem Leben, zu dem uns die Bilder fehlen. Unabhängig von der Katastrophe in Syrien und anderswo, ob heute oder in vergangenen Zeiten, möchte ich den Blick auf die Würde der zivilen Bevölkerung richten, die in modernen Kriegen mehr und mehr die Leidtragende ist.“ (Philippe Van Leeuw)

Innen Leben (InSyriated, Belgien/Frankreich/Libanon 2017)

Regie: Philippe Van Leeuw

Drehbuch: Philippe Van Leeuw

mit Hiam Abbass, Diamand Abou Abboud, Juliette Navis, Mohsen Abbas, Moustapha Al Kar, Alissar Kaghadou, Ninar Halabi, Mohammad Jihad Sleik, Elias Khatter

Länge: 86 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Innen Leben“

Rotten Tomatoes über „Innen Leben“

Wikipedia über „Innen Leben“ (deutsch, englisch, französisch)

Berlinale über „Innen Leben“

Berlinale-Nighttalk unterhält sich mit dem Regisseur und den Schauspielern über den Film


Neu im Kino/Filmkritik: Der italienische Mafiathriller „Das Land der Heiligen – La terra dei santi“

Juni 23, 2017

Vittoria ist die neue Staatsanwältin in Kalabrien. Die süditalienische Region wird seit Ewigkeiten von der ‚Ndrangheta, der dortigen Version der Mafia beherrscht. Alle halten zusammen und schweigen gegenüber der Polizei. Die Kinder der Verbrecher werden früh zu einem Leben als Verbrecher erzogen; falls sie nicht in jungen Jahren ermordet werden. Oft von anderen Verbrechern. Die Frauen werden zwangsverheiratet und sie halten zu ihren Männern. Bis der Tod sie scheidet. Es ist ein gut abgeschottetes verbrecherisches System, das gegen Angriffe von außen gut geschützt ist.

Vittoria will die ‚Ndrangheta bekämpfen und sie hat eine Idee, wie sie an die teilweise untergetauchten Bosse herankommen kann. Sie will die Ehefrauen der Verbrecher zu Aussagen bewegen.

Weil dies nicht mit moralischen Appellen funktioniert, nimmt sie ihnen die minderjährigen Söhne weg und stellt sie unter staatliche Aufsicht. So zeigt sie, was in „Das Land der Heiligen“ nicht weiter vertieft wird, den Kindern der Verbrecher erstmals, dass es ein Leben außerhalb des Clans gibt. Ihr Ziel sind allerdings deren Mütter, die ihre Kinder über alles lieben und die ihre Kinder wieder sehen können, wenn sie gegen ihre Männer aussagen. Sie hofft, mit dieser Erpressung das Schweigekartell zu brechen. Besonders zwei Frauen stehen im Zentrum ihres Interesses: Caterina, die Frau des untergetauchten ‚Ndrangheta-Bosses Alfredo, und ihre jüngere, 35-jährige Schwester Assunta, die zwei Kinder hat, kürzlich Witwe wurde und schon wieder mit einem Verbrecher, den sie abgrundtief hasst, zwangsverheiratet wurde.

Trotzdem sind, als Vittoria ihnen ihre Söhne per Gerichtsbeschluss wegnimmt, die Mütter erbost und die ‚Ndrangheta überlegt, was sie gegen die junge Staatsanwältin tun können.

Indem Regisseur Fernando Muraca in seinem Spielfilmdebüt „Das Land der Heiligen“ die Mütter und ihre Beziehung zu ihren Söhnen in den Mittelpunkt rückt, verschafft er seinem Mafiathriller eine neue Perspektive. Gleichzeitig zeigt er, in welchem totalitären System die Ehefrauen der Mafiosi leben. Sie erziehen ihre Söhne zu Verbrechern, anstatt ihnen einen Weg zu einem anderen Leben aufzuzeigen. Um ihre Familie und den Clan zu schützen, lassen sie lieber ihre Kinder sterben, als sie vor dem Tod zu beschützen.

Dieser Einblick in das Leben der ‚Ndrangheta-Frauen und das soziale Gefüge der Verbrecher gelingt Muraca gut. Allerdings bleibt er über weite Strecken des Films bei einer analytischen Situationsbeschreibung. Das und weil die Geschichte ohne große Wendungen oder Überraschungen auf ihr offensichtliches Ende zusteuert, wirkt „Das Land der Heiligen“ trotzt seiner kurzen Laufzeit arg zäh.

Insofern ist „Das Land der Heiligen“ durchaus interessant, aber eher für einen TV-Abend geeignet.

Das Land der Heiligen – La terra dei santi (La terra dei santi, Italien 2015)

Regie: Fernando Muraca

Drehbuch: Fernando Muraca, Monica Zapelli

mit Valeria Solarino, Lorenza Indovina, Antonia Daniela Marra, Ninni Bruschetta, Francesco Colella, Marco Aiello, Tommaso Ragno, Piero Calabrese

Länge: 81 Minuten

FSK: ?

Hinweise

Deutsche Verleihseite zum Film

Italienische Homepage zum Film

Moviepilot über „Das Land der Heiligen“

Wikipedia über „Das Land der Heiligen“ (englisch, italienisch)


TV-Tipp für den 23. Juni: Shame

Juni 23, 2017

3sat, 22.10
Shame (Shame, Großbritannien 2011)
Regie: Steve McQueen
Drehbuch: Steve McQueen, Abi Morgan
Brandon ist sexsüchtig – und das ist kein Vergnügen.
Grandioses, etwas kühles Drama von Steve McQueen, der davor „Hunger“ und danach „12 Years a Slave“ inszenierte. Alles keine leichte Kost, aber in jedem Fall sehenswert.
Mehr in meiner ausführlichen Besprechung (mit zwei ausführlichen Interviews mit Steve McQueen und Michael Fassbender).
mit Michael Fassbender, Carey Mulligan, James Badge Dale, Nicole Beharie
Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Facebook-Seite zum Film

Film-Zeit über „Shame“

Rotten Tomatoes über „Shame“

Wikipedia über „Shame“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Steve McQueens „Shame“ (Shame, Großbritannien 2011)

Meine Besprechung von Steve McQueens “12 Years a Slave” (12 Years a Slave, USA 2013)


Neu im Kino/Filmkritik: „Transformers: The Last Knight“ rettet die Welt

Juni 22, 2017

Der neueste Transformers-Film „Transformers: The Last Knight“ ist kein typischer Michael-Bay-Film. In zwei Punkten. Es gibt eigentlich kein Product Placement. Keine übergroßen, sinnlos im Bild herumstehenden Werbetafeln für Damenunterwäsche. Das liegt auch daran, dass der Film zu großen Teilen an Orten spielt, die naturgegeben werbefrei sind. Wobei Michael Bay schon immer eine herzliche Ignoranz gegenüber der Logik hatte.

Es gibt nur zwei größere Frauenrollen im Film. Die eine ist ein vierzehnjähriges Mädchen, das wie eine jüngere Version der Heldinnen der letzten beiden „Star Wars“-Filme aussieht. Die andere ist eine super gebildete Wissenschaftlerin, die schon vor einigen Jahren ihren zwanzigsten Geburtstag hatte. Beide kriegen zwar ein, zwei Michael-Bay-Shoots, aber sie sind mehr Pflicht als Kür.

In allen anderen Punkten ist der fünfte Transformers-Film ein typischer Michael-Bay-Film. Allerdings erschreckend lustlos inszeniert.

Es gibt wieder eine Story zum Haare ausraufen. Im Endeffekt geht es um ein wichtiges Artefakt, das von den Transformers (äh, das sind Roboter-Wesen von einem anderen Planeten, die sich in Autos verwandeln können) zu König Artus Zeiten auf die Erde gebracht wurde. Später wurde es über den Globus verstreut. Jetzt wollen die bösen Transformers und ein gehirngewaschener Optimus Prime (eigentlich einer der Guten) das Artefakt wieder zusammenfügen und die Erde vernichten. Die guten Transformers kämpfen dagegen. Und Cade Yeager (Mark Wahlberg, der schon durch den vorherigen Transformers-Film stolperte) ist der titelgebende letzte Ritter, der die Katasrophe verhindern kann.

Begleitet wird er von der Waisen Izabella (Isabelle Moner), der Historikerin Vivian Wembley (Laura Haddock [Fun Fact: sie ist älter als Megan Fox]), Lord Edmund Burton (Anthony Hopkins) und seinem putzigen Droiden. Gejagt und später begleitet werden sie von einer Trupp unerschrockener Kanonenfutter-Soldaten.

Der Weg zur großen Endschlacht im und unter Wasser, in der Luft, in Raumschiffen und bei Stonehenge (liegt in Bay-Welt alles direkt nebeneinander) ist mit epischen Kämpfen, Frotzeleien, Logiklöchern und Anschlussfehlern gepflastert, die von einem erschreckenden Desinteresse an der Geschichte und dem Publikum zeugen. Da liegt eine Metropole neben einem Wüstenkaff. Da hat Yeager sein Artus-Schwert in der Hand. Sekunden später ist es verschwunden. Und man hat immer die passenden Kleider dabei.

Die Story selbst, soweit sie überhaupt erkennbar ist, wirkt wie eine Resteverwertung aus den letzten „Star Wars“-Filmen (die Story, das Finale, Burtons Hausroboter, Izabellas Roboterfreund,…), gekreuzt mit der Artus-Sage. In der Version von Guy Ritchies vor wenigen Wochen gestartetem „King Arthur: Legend of the Sword“. Da werden einfach Bilder, Szenen und Dialoge hintereinander geklatscht, ohne dass jemals darauf geachtet wird, wie das alles miteinander zusammenhängt und man sich schon fast einen Extended Cut zum Stopfen der schlimmsten Drehbuchlöcher wünscht; – nein, nur ein Witz.

Unter den Schauspielern finden sich einige aus den vorherigen Filmen bekannte Namen und einige prominente Neuzugänge; und wenn man deren Name nicht kennt, kennt man ihr Gesicht. Sie alle haben nur kurze, teilweise nur knapp über der Cameo-Länge liegende Auftritte und sie alle sind nur wegen des Geldes dabei. Es sind Mark Wahlberg, Josh Duhamel (ein „Transformers“-Veteran), Stanley Tucci (kurz, sehr kurz), John Turturro (dito), Anthony Hopkins, Glenn Morshower (als, reden wir über kreative Namenswahl, General Morshower) und die schon erwähnten Bay-Babes Isabelle Moner und Laura Haddock. In der Originalfassung werden die Roboter, unter anderem, von Peter Cullen (wieder als Optimus Prime), John Goodman, Ken Watanabe, Jim Carter (von „Downtown Abbey“) und Omar Sy gesprochen; falls jemand ihre Stimmen erkennt.

Wie die vier vorherigen, kommerziell sehr erfolgreichen „Transformers“-Filme ist „The Last Knight“ ein Film für Kinder. Mit hundertfünfzig Minuten ist er für sie allerdings zu lang geraten. Und auch sie verdienen gute Filme. Davon ist „Transformers: The Last Knight“ meilenweit entfernt.

Wirklich ärgerlich an dem Film ist die durchgehende Abwesenheit einer auch nur irgendwie erkennbaren Bemühung zu unterhalten. Michael Bays neueste CGI-Actionplotte ist das filmische Äquivalent zu einem Überfall, bei dem der Räuber, weil er weiß, dass er seine Beute erhalten wird, jegliches Engagement vermissen lässt.

In Interviews bekundeten Michael Bay und Mark Wahlberg, dass sie beim nächsten „Transformers“-Film nicht dabei sein wollen.

Aber auch ohne sie – wobei Michael Bay als Produzent involviert ist – wird es mit den Transformers weitergehen. Die nächsten Filme sind schon angekündigt.

Transformers: The Last Knight (Transformers: The Last Knight, USA 2017)

Regie: Michael Bay

Drehbuch: Matt Holloway, Art Marcum, Ken Nolan (nach einer Geschichte von Akiva Goldsman, Art Marcum, Matt Holloway und Ken Nolan)

mit Mark Wahlberg, Anthony Hopkins, Stanley Tucci, John Turturro, Josh Duhamel, Laura Haddock, Isabela Moner, Santiago Cabrera, Jerod Carmichael, Peter Cullen (Stimme), Frank Welker (Stimme), John Goodman (Stimme), Ken Watanabe (Stimme), Jim Carter (Stimme), Omar Sy (Stimme)

Länge: 150 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Transformers: The Last Knight“

Metacritic über „Transformers: The Last Knight“

Rotten Tomatoes über „Transformers: The Last Knight“

Wikipedia über „Transformers: The Last Knight“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Michael Bays „Pain & Gain“ (Pain & Gain, USA 2013)

Meine Besprechung von Michael Bays „Transformers: Ära des Untergangs (Transformers: Age of Extinction, USA 2014)

Meine Besprechung von Michael Bays „13 Hours: The Secret Soldiers of Benghazi (13 Hours: The Secret Soldiers of Benghazi, USA 2016)


TV-Tipp für den 22. Juni: American Gangster

Juni 22, 2017

Vox, 22.40

American Gangster (USA 2007, Regie: Ridley Scott)

Drehbuch: Steven Zaillian

LV: Mark Jacobson: The Return of Superfly (Reportage, New York Magazine, August 2000)

Biopic über den Aufstieg und Fall des Drogenbarons Frank Lucas in Harlem in den frühen Siebzigern.

Das Zeitkolorit ist toll, weniger toll ist, dass Denzel Washington als Drogenhändler Frank Lucas und Russell Crowe als den ihn jagenden Detective Richie Roberts erst am Ende eine gemeinsame Szene haben. Davor bekommen wir zwei Filme präsentiert: einen tollen Gangsterfilm (so als Best-of-Gangsterfilm), einen weniger tollen Polizeifilm und insgesamt einen doch ziemlich durchschnittlichen Film, der sich nie entscheiden kann welche Geschichte er erzählen soll und er deshalb in deutlich über zwei Stunden (Hey, früher gab’s für die Spielzeit auch zwei Filme) beide Geschichten erzählt. Das kommt dabei heraus, wenn man zwei Stars hat, die auf ihrer Filmzeit bestehen. Vielleicht hätte Ridley Scott Val Kilmer für die Rolle des Polizisten anfragen sollen.

mit Denzel Washington, Russell Crowe, Cuba Gooding jr., Josh Brolin, RZA, John Ortiz, Ted Levine, Chiwetel Eliofor, Armand Assante, Carla Gugino

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „American Gangster“

Rotten Tomatoes über „American Gangster“

Wikipedia über „American Gangster“ (deutsch, englisch)

Drehbuch „American Gangster“ von Steven Zaillian

Meine Besprechung von Ridley Scotts “Prometheus” (Prometheus, USA 2012)

Meine Besprechung von Ridley Scotts “Exodus – Götter und Könige (Exodus – Gods and Kings, USA 2014)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Der Marsianer – Rettet Mark Watney“ (The Martian, USA 2015)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Alien: Covenant“ (Alien: Covenant, USA 2017)

Ridley Scott in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 21. Juni: The Woman

Juni 21, 2017

Tele 5, 23.55

The Woman (The Woman, USA 2011)

Regie: Lucky McKee

Drehbuch: Jack Ketchum, Lucky McKee

LV/Roman zum Film: Jack Ketchum/Lucky McKee: The Woman, 2011 (Beuterausch)

Kleinstadtanwalt Chris Cleek entdeckt eine im Wald lebende Frau. Er nimmt sie gefangen und sperrt sie im Keller ein. Er will sie, mit der Hilfe seiner Familie, zivilisieren. Er hat allerdings keine Ahnung, wen er gefangen hält.

Düsterer, gewalttätiger, zum Nachdenken anregender Horrorfilm.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung des Films und des zeitgleich entstandenen Romans, verschönert mit vielen Clips.

mit Pollyanna McIntosh, Sean Bridgers, Angela Bettis, Lauren Ashley Carter, Carlee Baker, Alexa Marcigliano, Zach Rand, Shyla Molhusen

Wiederholung: Samstag, 24. Juni, 03.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage zum Film

Wikipedia über „The Woman“

Rotten Tomatoes über „The Woman“

 Horror Pilot: Interview mit Lucky McKee zu „The Woman“

Horror Pilot: Interview mit Jack Ketchum zu „The Woman“

Dark Scribe Magazine: Interview mit Jack Ketchum (Teil 1, Teil 2, August 2008)

Homepage von Jack Ketchum

Meine Besprechung von Lucky McKee/Trgve Allister Diesen „Red“ (Red, USA 2008)

Meine Besprechung von Chirs Sivertsons „Jack Ketchum’s The Lost“ (The Lost, USA 2005)

Kriminalakte: Interview mit Jack Ketchum

Meine Besprechung von Jack Ketchums „The Lost“ (The Lost, 2001)

Meine Besprechung von Jack Ketchums “Amokjagd” (Joyride, 1995)

Meine Besprechung von Jack Ketchums “Blutrot” (Red, 1995)

Meine Besprechung von Jack Ketchums “Beutegier” (Offspring, 1991)

Meinbe Besprechung von Jack Ketchums/Lucky McKees “Beuterausch” (The Woman, 2011 – und der Verfilmung)

Jack Ketchum in der Kriminalakte


DVD-Kritik: „Hacksaw Ridge – Die Entscheidung“: Gutes Tun im Stahlgewitter

Juni 20, 2017

Mit „Hacksaw Ridge“ endete für Mel Gibson im Herbst die jahrelange Hollywood-Durststrecke, in der er vor allem mit verschiedenen unappetitlichen Ausfällen Schlagzeilen produzierte und er ab und an, meistens in einer Nebenrolle, in einem Film auftrat. Seine letzte Regiearbeit war vor zehn Jahren „Apocalypto“.

Zum US-Kinostart von „Hacksaw Ridge“ im November 2016 gab es euphorische Kritiken und, in den folgenden Monaten, etliche Preise.

Er erhielt zwei Oscars (Editing, Sound Mixing), war als bester Film des Jahres, für die beste Regie und den besten Schauspieler nominiert.

Bei der IMDB steht er derzeit auf dem 160. Platz der „top rated movies“; – einen Platz vor dem Antikriegsfilmklassiker „Die durch die Hölle gehen“ (The Deer Hunter, USA 1978).

In seinem Kriegsfilm erzählt Gibson die wahre Geschichte von Desmond Doss (1919 – 2006), einem Sieben-Tage-Adventisten, der aufgrund seines Glaubens keine Waffe in die Hand nehmen und keinen Menschen töten wollte. Aber er wollte seinen Teil zur Verteidigung der USA beitragen. Seine Lösung für den Konflikt war, dass er als Sanitäter auf dem Schlachtfeld die verletzten Kameraden versorgt und ihr Leben rettet.

Er war der erste Kriegsdienstverweigerer, der im Oktober 1945 von Präsident Harry Truman die ‚Medal of Honor‘, die höchste militärische Auszeichnung der USA, erhielt. Als unbewaffneter Sanitäter hatte Doss unzählige US-Soldaten gerettet. Auf der Insel Okinawa brachte er 75 schwer verwundete Kameraden in Sicherheit.

Diese Schlacht auf Okinawa im Mai 1945 am titelgebenden Hacksaw Ridge bestimmt die zweite Stunde des Films. Auf dem Plateau einer 122 Meter hohen Felswand kämpfen amerikanische gegen japanische Soldaten, die das Gebiet mit ihrem Leben verteidigen und sich in einem riesigen Höhlensystem versteckt, das sie vor Bombeneinschlägen schützt.

Bei diesem Gefecht; – genaugenommen mehrere, von kurzen Pausen unterbrochene Gefechte -; fährt Gibson das ganze Arsenal des Kriegsfilm auf mit Explosionen, spritzendem Blut, herausquellenden Gedärmen und unzähligen Toten und schwer Verletzten, die von Doss gerettet werden, während die Kugeln links und rechts von ihm einschlagen. Das ist technisch perfekt inszeniert und erfüllt in jeder Hinsicht die voyeuristischen Bedürfnisse der Fans von Kriegsfilmen.

In der ersten Stunde stellt Gibson, in ungefähr zwei gleich langen Teilen, Doss im Kreis seiner Familie und mit seiner Freundin Dorothy Schulte, die er noch vor seinem Kriegseinsatz heiratet, und während der Ausbildung vor. Während seiner Ausbildung beim Militär ist Doss‘ Gewissensdilemma, dass er seinem Land dienen will, aber aufgrund seines Glaubens bestimmte Dinge nicht tun kann, wichtig. Weniger als moralische, ethische oder religiöse Frage, sondern als eine Frage der militärischen Struktur, in der einfach alle Männer gleich behandelt werden und da ist das Nicht-Tragen einer Waffe ein esoterischer Sonderwunsch, der die normalen Abläufe stört.

Dafür, dass Doss ein bekennender Sieben-Tage-Adventist war und dass dieser Glaube sein gesamtes Leben bestimmte, ist „Hacksaw Ridge“ erstaunlich desinteressiert an seinem Glauben. So ist bis zum Beginn von Doss‘ Ausbildung beim Militär, zu dem er sich freiwillig meldete, nicht ersichtlich, dass er besonders gläubig ist und einer besonderen Form des christlichen Glaubens angehört. Damit umschifft Gibson durch Auslassung all die Fallen eines Faith-based-Movie.

Auch der Patriotismus von Doss wird nicht weiter, vor allem nicht als Dilemma zwischen Glaube und Patriotismus, thematisiert.

Das macht „Hacksaw Ridge“ zu einem gewöhnlichen und strunzdummen Kriegsfilm, bei dem sich niemals die Frage stellt, ob der Film ein Kriegs- oder ein Antikriegsfilm ist. In „Hacksaw Ridge“ ist Krieg von der ersten bis zur letzten Minute die sinnstiftende, niemals auch nur ansatzweise hinterfragte Schule, die den Mann zum Mann macht. Auch Doss findet den Sinn des Lebens auf dem Schlachtfeld.

Bei dieser Haltung bleibt keine Zeit für Ambivalenzen, theologische Erörterungen, Gewissenskonflikte oder andere Lösungen für Doss‘ Problem, als Gläubiger seinem Land im Krieg dienen zu wollen. Doss hat auch keine Probleme, beim Töten zu helfen. Er will nur keine Waffe in die Hand nehmen und es direkt selbst tun. Er ist ja kein Pazifist.

Das Herzstück des Bonusmaterials auf der DVD (die Blu-ray hat noch mehr Bonusmaterial) ist die 67-minütige sehr informative Doku „The Soul of War: Making Hacksaw Ridge“, die sehr offen auf alle Aspekte des Films eingeht. Außerdem gibt es einige geschnittene Szenen.

Hacksaw Ridge – Die Entscheidung (Hacksaw Ridge, USA/Australien 2016)

Regie: Mel Gibson

Drehbuch: Robert Schenkkan, Andrew Knight

mit Andrew Garfield, Teresa Palmer, Hugo Weawing, Rachel Griffiths, Luke Bracey, Sam Worthington, Vince Vaughan

DVD

Universum Film

Bild: 2,40:1 (16:9 anamorph)

Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch, Englisch für Hörgeschädigte

Bonusmaterial: The Soul of War: Making Hacksaw Ridge, Deleted Scenes, 3 Trailer

Länge: 134 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Hacksaw Ridge“

Metacritic über „Hacksaw Ridge“

Rotten Tomatoes über „Hacksaw Ridge“

Wikipedia über „Hacksaw Ridge“ (deutsch, englisch)

History vs Hollywood über „Hacksaw Ridge“

DP/30 unterhält sich mit Mel Gibson über den Film

Peter Travers unterhält sich mit Mel Gibson

Die Dokumentation „The Conscientious Objector“ (2004) von Terry Benedict über Desmond Doss


TV-Tipp für den 20. Juni: Tatort: Duisburg-Ruhrort

Juni 20, 2017

WDR, 22.10

Tatort: Duisburg-Ruhrort (Deutschland 1981)

Regie: Hajo Gies

Drehbuch: Horst Vocks, Thomas Wittenburg

Ein ermordeter Binnenschiffer treibt im Hafenbecken von Duisburg-Ruhrort. Die Kommissare Schimanski und Thanner suchen seinen Mörder.

Der erste Auftritt von Götz George als Horst Schimanski. Damals ein Skandal (Seine Manieren! Seine Sprache! Sein Umgang mit den Dienstvorschriften!), heute ein „Tatort“-Klassiker. Schimanski war schnell der beliebteste „Tatort“-Kommissar, der auch zweimal im Kino ermitteln durfte.

Danach, um 23.40 Uhr, zeigt der WDR einen weiteren „Tatort“-Klassiker: Samuel Fullers Kressin-“Tatort“ „Tote Taube in der Beethovenstraße“ (Deutschland 1973).

mit Götz George, Eberhard Feik, Ulrich Matschoss, Michael Lech, Michael Rastl, Brigitte Janner, Max Volkert Martens, Barbara Focke

Hinweise

Horst-Schimanski-Fanseite

Tatort-Fundus über Kommissar Schimanski

Wikipedia über „Tatort: Duisburg-Ruhrort“


DVD-Kritik: Der Oscar-Preisträger „The Salesman“

Juni 19, 2017

Zum Kinostart, wenige Tage vor der Oscar-Verleihung, schrieb ich über Asghar Farhadis neuesten Spielfilm, der jetzt auf DVD veröffentlicht wurde:

The Salesman“ ist für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert und ich hoffe, dass er ihn erhält. Nicht weil er unbedingt der beste der nominierten Filme ist (ich kenne ja nicht alle Nominierten), sondern weil Asghar Farhadi und alle, die an dem Film mitarbeiteten, nicht in die USA einreisen dürfen, weil Donald Trump und seine Entourage gerade einen „Muslim ban“ verhängten. Als Mittel gegen den Terrorismus dürfen Staatsbürger aus sieben Ländern (auch Doppelstaatler und Green-Card-Inhaber und Menschen, die aus diesen Ländern kommen und schon seit Ewigkeiten in den USA leben [so aufgeschrieben erinnert mich das an etwas aus unserer deutschen Geschichte]) nicht einreisen. Nach Protesten wurde zwar – vielleicht – einiges geändert und die Trump-Administration widerspricht sich öfters, aber es ändert nichts: Moslems dürfen nicht rein. Christen aus den Ländern schon. Und der „Muslim ban“ kann, auch das hat die Trump-Administration schon gesagt, auf weitere Länder ausgeweitet werden. Dann vielleicht auch auf Länder, von denen für die USA wirklich aufgrund früherer Anschläge eine Gefahr ausgeht.

Da wäre ein Oscar für „The Salesman“ ein gutes Signal.

Auch weil der Film, ohne explizit politisch zu werden, ein Iran im Umbruch zeigt. Der Film spielt in Teheran – einer 8-Millionen-Einwohnerstadt mit einer ähnlichen Bevölkerungsdichte wie New York – in der dortigen Mittelschicht, die sich gar nicht so sehr von westlichen Mittelschichten, ihren Ansichten und ihren Problemen unterscheidet.

Auch deshalb hat Farhadi als zweite Ebene eine Theaterinszenierung von Arthur Millers Theaterklassiker „Tod eines Handlungsreisenden“ von 1949 eingeflochten. Das Stück erweitert und spiegelt die Handlung von „The Salesman“.

Im Mittelpunkt des Films stehen Emad und seine Ehefrau Rana. Er ist ein beliebter Lehrer für Literatur in einer Jungenschulklasse. In seiner Freizeit inszeniert er eine freie Adaption von Millers „Tod eines Handlungsreisenden“. Er spielt auch die Hauptrolle. Seine Frau spielt die Frau des Handlungsreisenden; was dazu führt, dass ihr Leben in dem Stück – in den Texten, den teils spontanen Abweichungen von Millers Text und der freien Interpretation des Stückes – eine Fortsetzung findet. Und umgekehrt.

Das liegt auch daran, dass ihr Leben aus den Fugen gerät. Nachdem durch Bauarbeiten auf dem Nachbargrundstück ihr Mietshaus unbewohnbar wird, müssen sie sich eine neue Wohnung suchen. Allerdings sind in der neuen Wohnung noch viele Gegenstände der Vormieterin, die sie irgendwann abholen will, vorhanden und die Nachbarn machen Andeutungen über ihr Leben.

Eines Abends, als Emad noch länger im Theater ist, wird Rana in der Wohnung überfallen und vergewaltigt. Sie redet nicht darüber und will auch keine Anzeige erstatten. Er fragt sich, wie er mit der Tat und den Fragen der Nachbarn umgehen soll.

Diese Geschichte entfaltet Farhadi langsam und oft mit Andeutungen, die vor allem für dortige Zuschauer sofort verständlich sind. Manchmal auch mit sehr leicht erkennbaren Anspielungen, wie das unbewohnbare Haus, die sich nicht meldende Vormieterin und ihre persönlichen Habseligkeiten, um die sie sich nicht kümmert. Farhadi zeichnet auch ein Bild der städtischen, kulturell interessierten Mittelschicht und einer Gesellschaft im Wandel zwischen Tradition und Moderne. Dass dabei die Parallelisierung zwischen dem Leben von Emad und Rana und Millers Stück teilweise wie ein Gimmick wirkt, teilweise etwas platt ist und dass der Film mit über zwei Stunden etwas lang geraten ist, sei ihm verziehen. Denn Farhadi erzählt seine Geschichte sehr offen. Er gibt damit keine eindeutige Sichtweise vor, sondern lädt zu verschiedenen Interpretationen ein. So lernen wir auch den Täter und seine Familie kennen.

In seiner Heimat hat Farhadis Film einen Nerv getroffen. Seit seinem Kinostart hat „The Salesman“ im Iran alle Zuschauerrekorde gebrochen. Dabei ist das Drama kein einfacher Film und kein Film, den man sich aus eskapistischen Motiven ansieht. Es ist ein Film, der sich mit den Dingen beschäftigt, die für seine Zuschauer wichtig sind. Auf die Jury, die über den iranischen Oscar-Kandidaten entscheiden sollte, wurde massiv Druck ausgeübt. Trotzdem schlug sie ihn als iranischen Oscar-Beitrag vor. In einem mehrstufigem Verfahren nominierte die Academy of Motion Picture Arts and Sciences (die die Oscars verleiht) „The Salesman“ für den Oscar als bester ausländischer Film.

Und allein diese Nominierung sollte bei uns doch einige Leute ins Kino locken. Sie können den Kinobesuch sogar als politisches Statement verkaufen.

Ach ja: Farhadi inszenierte vorher „Nader und Simin – Eine Trennung“ und „Le Passé – Das Vergangene“.

 

Einige Tage nach dem deutschen Kinostart erhielt „The Salesman“ den Oscar als bester fremdsprachiger Film. Asghar Farhadi war bei der Preisverleihung nicht dabei. Für ihn nahmen Anousheh Ansari, US-amerikanisch-iranische Unternehmerin und erste Weltraumtouristin, und Dr. Firouz Naderi, ein iranisch-amerikanische Wissenschaftler und Leiter des Programms zur Erforschung des Sonnensystems im JPL (Jet Propulsion Laboratory) den Preis entgegen.

Und mit „Moonlight“ gab es sogar einen Überraschungssieger für den besten Film des Jahres; mit einer ungeplanten Überraschung bei der Verleihung.

Donald Trump versucht immer noch seinen „muslim ban“ durchzusetzen. Bis jetzt erhielt er vor Gericht eine Niederlage nach der nächsten.

Im Iran wurde Hassan Rohaniam 19. Mai bei der Präsidentschaftswahl wiedergewählt. Er war der moderate Kandidat. Er verfolgt eine Reformpolitik, die der Bevölkerung mehr Freiheiten und eine Erholung der Wirtschaft verspricht.

Das Bonusmaterial der DVD besteht aus einem enttäuschendem 23-minütigem Making of, das letztendlich eine B-Roll mit einigen, kurzen Statements vom Regisseur und den Hauptdarstellern ist.

The Salesman (Fourshande, Iran/Frankreich 2016)

Regie: Asghar Farhadi

Drehbuch: Asghar Farhadi

mit Shahab Hosseini, Taraneh Alidoosti, Babak Karimi, Farid Sajjadihosseini, Mina Sadati, Maral Bani Adam, Mehdi Kooshki

DVD

Panorama Entertainment

Bild: 1,85:1 (16:9 anamorph)

Ton: Deutsch, Farsi

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Making of, Deutscher Kinotrailer, Original-Kinotrailer

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „The Salesman“

Metacritic über „The Salesman“

Rotten Tomatoes über „The Salesman“

Wikipedia über „The Salesman“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Asghar Farhadis „Le Passé – Das Vergangene“ (Le Passé, Frankreich 2013)

Meine Besprechung von Asghar Farhadis „The Salesman“ (Fourshande, Iran/Frankreich 2016)

DP/30 unterhält sich mit Asghar Farhadi über seinen Film

 


DVD-Kritik: „Paterson“ – ein Mann, eine Ort, ein Jim-Jarmusch-Film

Juni 19, 2017

Zum Kinostart der poetischen Liebeserklärung an den kleinen Mann schrieb ich (mit Cannes-Interviews:

In seinem letzten Film „Only Lovers left alive“ standen Vampire im Mittelpunkt. In „Paterson“ schleichen die Charaktere wie Untote durch den Film, in dem letztendlich nichts geschieht.

Adam Driver spielt den Busfahrer Paterson, der jeden Tag mit stoischer Mine den Linienbus durch die Straßen von Paterson, New Jersey, lenkt. Dabei schreibt er Gedichte. Zu Hause wartet seine Frau Laura (Golshifteh Farahani), die täglich neue Projekte hat, die er stoisch erträgt, auf ihn. Und seine Englische Bulldogge Marvin (Nellie, ausgezeichnet in Cannes mit dem Palm Dog Award), den Paterson nach Feierabend eher widerwillig Gassi führt. Bei dem Spaziergang pausiert er für ein Bier in einer Kneipe. Ein Tag vergeht dabei, mit kleinen Variationen, wie der andere.

Jim Jarmusch meint zu seinem neuesten Film: „’Paterson‘ ist eine ruhige Geschichte, ihre zentralen Figuren haben keine wirklich dramatischen Konflikte. Die Struktur ist einfach und folgt lediglich sieben Tagen im Leben der Figuren. ‚Paterson‘ ist als Feier der Poesie von Details, Variationen und alltäglichen Begegnungen gedacht und als eine Art Gegenentwurf zu hochdramatischem oder Action-orientiertem Kino. Es ist ein Film, dem man es erlauben sollte, einfach an einem vorbeizuziehen – so wie Bilder, die man durchs Fenster eines Linienbusses wahrnimmt, der sich wie eine mechanische Gondel durch eine kleine, vergessene Stadt bewegt.“

Und das fasst den formvollendeten Film voller Jarmusch-Bilder (wenn auch meist beschränkt auf enge Räume und Zimmer) und Jarmusch-Manierismen wirklich gut zusammen. Entweder lässt man sich Zen-artig durch den Film treiben oder man verlässt spätestens am dritten Tag das Kino.

Paterson“ ist eine Liebeserklärung an den kleinen Mann und das einfache Leben. Paterson ist auch Jarmuschs alltäglichster Held, der als Mann ohne Eigenschaften in einer durch und durch kleinbürgerlichen Arbeiterwelt lebt: ein Busfahrer, dessen einzige Flucht das Schreiben von Gedichten ist und der schon lange seinen Frieden mit der Welt geschlossen hat.

Jetzt ist der wunderschöne Film auf DVD erschienen. Leider ohne Bonusmaterial; wobei Jim Jarmusch auch bei seinen vorherigen Filmen mit Bonusmaterial geizte.

Paterson (Paterson, USA 2016)

Regie: Jim Jarmusch

Drehbuch: Jim Jarmusch

mit Adam Driver, Golshifteh Farahani, Nellie (Wuff!)

DVD

Weltkino/Universum Film (Vertrieb)

Bild: 1,85:1 (anamorph)

Ton: Deutsch (5.1 DD, Stereo DD), Englisch (5.1 Dd)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Trailer, Wendecover

Länge: 113 Minuten

FSK: ab 12 Jahre (wegen der Trailershow, der Film ist ohne Altersbeschränkung freigegeben)

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Paterson“

Metacritic über „Paterson“

Rotten Tomatoes über „Paterson“

Wikipedia über „Paterson“ (deutsch, englisch)

Jim Jarmusch in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Jim Jarmuschs “Only Lovers left alive” (Only Lovers left alive, Deutschland/Großbritannien/Frankreich/Zypern/USA 2013)

Meine Besprechung von Jim Jarmuschs „Paterson“ (Paterson, USA 2016)

Meine Besprechung von Jim Jarmuschs „Gimme Danger“ (Gimme Danger, USA 2016)

 


DVD-Kritik: „Suburra“ – Italien, Mafia, Politik und die Kirche ist auch dabei

Juni 19, 2017

Bevor am Donnerstag mit „Das Land der Heiligen“ ein gänzlich anderer Mafiafilm in unseren Kinos anläuft, kann man sich davor oder danach Stefano Sollimas grandiosen Thriller über das organisierte Verbrechen in Italien ansehen.

Zum Kinostart schrieb ich:

Giancarlo de Cataldo

Carlo Bonini

Stefano Sollima

Wer ein gutes Namensgedächtnis hat, hat jetzt alle nötigen Informationen, um sich auf den Weg ins Kino zu machen. Denn „Suburra“ basiert auf einem Roman von Giancarlo de Cataldo und Carlo Bonini, die bereits in mehreren hochgelobten Romanen eine inzwischen Jahrzehnte umspannende Chronik über römische Gangsterbanden und die Verstrickungen von ihnen mit der Politik schrieben. Giancarlo de Cataldo schrieb auch „Romanzo Criminale“ über die Magliana-Verbrecherbande, die in den siebziger und achtziger Jahren Rom beherrschte.

Stefano Sollima war der Regisseur der TV-Serie „Romanzo Criminale“ und, später, der TV-Serie „Gomorrha“ (die auf Roberto Savianos Tatsachenroman über die neapolitanische Mafia basiert) und des Polizeidramas „ACAB – All Cops are Bastards“, das auf dem Roman von Carlo Bonini basiert. Derzeit dreht Sollima „Soldado“, die Fortsetzung von „Sicario“. Das fällt dann wohl in die Kategorie: anderer Schauplatz, gleiches Thema.

Suburra“ erzählt dann die Geschichte von „Romanzo Criminale“ weiter. Jedenfalls insofern, dass der Film in Rom spielt und er wieder ein Porträt der Organisierten Kriminalität ist. In dem Roman gibt es dann auch einige sehr kurze Verweise auf die aus „Romazo Criminale“ bekannten und verstorbenen Bandenchefs.

In „Suburra“ plant der Samurai, der skrupellose Kopf des Verbrechens in Rom mit guten Verbindungen in die Wirtschaft und Politik, ein großes Bauprojekt, bei dem alle viel Geld verdienen können und einige Habenichtse gegen ihren Willen, mehr oder weniger handgreiflich, umgesiedelt werden.

Aufgrund der Größe und der notwendigen Baugenehmigungen sind auch die Politik und die katholische Kirche involviert. Und das einzige, was der Samurai im Moment nicht gebrauchen kann, ist Unruhe und unerwünschte Aufmerksamkeit von der Polizei, der Presse und der Öffentlichkeit.

Als während einer kleinen Orgie in einem Nobel-Hotelzimmer eine von dem konservativen Abgeordneten Filippo Malgradi (im Roman Pericle Malgradi, „ein Musterbeispiel christlicher Lebensführung“) bezahlte minderjährige Prostituierte an einer Überdosis stirbt, beginnt eine Kette von Ereignissen, die Samurais Pläne gefährdet.

Sollima erzählt diese Geschichte, die in einer Woche im November 2011 spielt, bildgewaltig und mit großem epischen Atem. Dabei hat er mit seinen Drehbuchautoren Carlo Bonini, Giancarlo de Cataldo, Sandro Petraglia und Stefano Rulli (beide ebenfalls das Buch für den Spielfilm „Romanzo Criminale“ und mehrere Episoden für die legendäre TV-Serie „Allein gegen die Mafia“) das Dickicht der Personen und Handlungsstränge des Romans zurechtgestutzt, ohne es zu übermäßig zu vereinfachen. Es gibt immer noch viele Personen und viele Handlungsstränge, die sich langsam miteinander verknüpfen und gegenseitig beeinflussen. Meist, immerhin ist „Suburra“ ein Noir, in Richtung Abgrund. Nicht umsonst werden die Tage bis zur Apokalypse immer wieder eingeblendet.

Das ist großes Kino, das wegen seiner Bilder (Rom bietet halt immer einiges für das Auge) auf der großen Leinwand seinen vollen Reiz entfaltet.

Der Roman liest sich dagegen wie eine faktenversessene Reportage, die auf ausführlichen Recherchen (de Cataldo ist Richter, Bonini Investigativ-Journalist) basiert und wirklich keine Ecke des römischen Sumpfes und der Verflechtungen zwischen den verschiedenen Ebenen, Hierarchien, Personen und Organisationen unbeleuchtet lassen will. Für Italiener, die die Hintergründe, Personen (auch wenn sie im Roman andere Namen haben) und Anspielungen kennen, wird sich „Suburra“ wie eine lange Reportage lesen. Für uns ist das Geflecht des Enthüllungsromans mit den vielen handelnden Personen oft mühsam zu durchschauen.

In der aktuellen Ausgabe des Romans bei Heyne Hardcore gibt es daher dankenswerterweise auf der zweiten Umschlagseite ein Namensverzeichnis mit 37 Namen und etliche namenlose „Sonstige“.

Die bedächtige Erzählweise des Spielfilms und die vielen Personen erinnern dann an eine TV-Serie. Und die ist auch geplant. Für Netflix soll dieses Jahr die Geschichte von „Suburra“ weiter erzählen werden. Und das könnte wieder eine Serie sein, die man sich ansehen muss.

 

Das Bonusmaterial besteht aus einem nicht uninteressanten, aber auch nicht sonderlich in die Tiefe gehendem 13-minütigem „Blick hinter die Kulissen“ und einer umfassenden, selbstablaufenden Bildergalerie.

Suburra (Suburra, Frankreich/Italien 2015)

Regie: Stefano Sollima

Drehbuch: Carlo Bonini, Giancarlo de Cataldo, Sandro Petraglia, Stefano Rulli

LV: Giancarlo de Cataldo/Carlo Bonini: Suburra, 2013 (Suburra)

mit Pierfrancesco Favino, Elio Germano, Claudio Amendola, Alessandro Borghi, Greta Scarano, Giuila Elettra Gorietti, Antonello Fassari, Jean-Hugues Anglade

DVD

Koch Media

Bild: 2.35:1

Ton: Deutsch, Italienisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Hinter den Kulissen, Bildergalerie, mehrere Trailer

Länge: 125 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Suburra von Giancarlo de Cataldo

Giancarlo de Cataldo/Carlo Bonini: Suburra

(übersetzt von Karin Fleischanderl)

Heyne, 2016

416 Seiten

9,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Folio Verlag, Wien/Bozen, 2015

Originalausgabe

Suburra

Giulio Einaudi editore, Turin, 2013

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Suburra“

Rotten Tomatoes über „Suburra“

Wikipedia über „Suburra“ (englisch), italienisch [mit den Tagen bis zur Apokalypse])

Perlentaucher über den Roman „Suburra“

Meine Besprechung von „Romanzo Criminale – Staffel 1“

Meine Besprechung von „Romanzo Criminale – Staffel 2“

Meine Besprechung von Stefano Sollimas „Suburra“ (Suburra, Frankreich/Italien 2015)


TV-Tipp für den 19. Juni: All is Lost – Überleben ist alles

Juni 19, 2017

ZDF, 22.15

All is lost – Überleben ist alles (All is lost, USA 2013)

Regie: J. C. Chandor

Drehbuch: J. C. Chandor

Großartiger Quasi-Stummfilm mit Robert Redford als Segler, dessen Schiff im Ozean von einem Container gerammt wird und unerbittlich sinkt.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung (mit vielen Videoclips).

mit Robert Redford

Wiederholung: Mittwoch, 21. Juni, 01.05 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „All is lost“

Moviepilot über „All is lost“

Metacritic über „All is lost“

Rotten Tomatoes über „All is lost“

Wikipedia über „All is lost“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von J. C. Chandors „All is lost“ (All is lost, USA 2013)

Meine Besprechung von J. C. Chandors „A most violent Year“ (A most violent Year, USA 2014)


TV-Tipp für den 18. Juni: Mission: Impossible – Rogue Nation

Juni 18, 2017

Pro7, 20.15

Mission: Impossible – Rouge Nation (Mission Impossible: Rouge Nation, USA 2015)

Regie: Christopher McQuarrie

Drehbuch: Christopher McQuarrie (nach einer Geschichte von Christopher McQuarrie und Drew Pearce) (basierend auf der von Bruce Geller erfundenen TV-Serie)

IMF-Agent Ethan Hunt kämpft gegen die Verbrecherorganisation Das Syndikat und gegen seine Vorgesetzten, die die IMF auflösen wollen, weil deren vorherige Aktionen spektakulär aus dem Ruder liefen. Oder will Das Syndikat die IMF auflösen, weil sie ihnen gefährlich wird?

Feiner Actionfilm, dieses Mal mit einer ordentlichen Portion James Bond, gelungenen Anspielungen, viel Humor und atemberaubender Action.

Alles weitere in meiner ausführlichen Besprechung über den fünften Einsatz von Tom Cruise als Ethan Hunt.

mit Tom Cruise, Jeremy Renner, Simon Pegg, Rebecca Ferguson, Ving Rhames, Sean Harris, Alec Baldwin

Wiederholung: Montag, 19. Juni, 01.35 Uhr (Taggenau!)

Hinweise
„Mission: Impossible – Rouge Nation“-YouTube-Kanal
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Mission: Impossible – Rouge Nation“
Moviepilot über „Mission: Impossible – Rouge Nation“
Metacritic über „Mission: Impossible – Rouge Nation“
Rotten Tomatoes über „Mission: Impossible – Rouge Nation“
Wikipedia über „Mission: Impossible – Rouge Nation“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Brad Birds „Mission: Impossible – Phantom Protokoll“ (Mission: Impossible – Phantom Protocoll, USA 2011)
Meine Besprechung von Christopher McQuarries „Jack Reacher“ (Jack Reacher, USA 2012)

Meine Besprechung von Christopher McQuarries „Mission: Impossible – Rouge Nation“ (Mission Impossible: Rouge Nation, USA 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: „Loving“ – eine Liebe, die Rechtsgeschichte schrieb

Juni 17, 2017

Am 12. Juni war ‚Loving Day‘.

Was?

Ein alljährliches Gedenken an ein Gerichtsurteil, ein Feiertag in einigen Städten und in Caroline County, Virginia, und die größte multirassische Feier in den USA.

Denn am 12. Juni 1967 urteilte der Oberste Gerichtshof einstimmige, dass ein Verbot von Eheschließungen aufgrund von Rassenmerkmalen verfassungswidrig und eine Verletzung des 14. Zusatzes der Gleichstellungsgarantie sei.

In seinem Film „Loving“, der jetzt endlich bei uns anläuft, erzählt Regisseur Jeff Nichols („Take Shelter“, „Midnight Special“) wie es zu dem Urteil kam. Dabei geht es ihm nicht um die juristischen Winkelzüge, sondern um die beiden Kläger: das Ehepaar Loving. Sie heirateten am 2. Juni 1958 in Washington, D. C., weil sie schwanger war und sie in Virginia, ihrer Heimat, nicht heiraten durften. Denn Richard Loving war ein Weißer und Mildred Jeter eine Schwarze. Sie waren schon als Kinder miteinander befreundet, lebten ärmlich auf dem Land in Central Point im Regierungsbezirk Caroline County, einem ländlichen, von Armut gekennzeichnetem Gebiet.

Richard, wahrlich kein Intellektueller, ignorierte einfach, wie andere County-Bewohner, die damals gültigen und allgemein akzeptierten Rassengrenzen. Mit seinen afroamerikanischen Freunden konnte der Maurer besser an Autos herumbosseln. Außerdem arbeitete sowieso die meiste Zeit gemeinsam, lebte nah beieinander und half sich gegenseitig. Warum, so dachte der schweigsame Richard, sollte er also nicht mit den Menschen zusammen sein, mit denen er sich verstand?

Die anderen Weißen in Caroline County sahen das nicht so entspannt und sie erwirkten – mühelos – ein Gerichtsurteil, das die beiden Lovings verbannte. Der Richter verurteilte sie im Januar 1959 zu einer einjährigen Haftstrafe, die er unter Auflagen aussetzte. Sie mussten den Staat Virginia sofort verlassen und durften in den nächsten 25 Jahren nicht gemeinsam zurückkehren oder sich zur gleichen Zeit in Caroline County aufhalten. Das galt selbstverständlich ohne irgendeine Ausnahme, zum Beispiel für Familienfeiern oder Trauerfälle.

Sie fuhren nach Washington, D. C., zu Mildreds Cousin. Trotzdem fühlten sie sich in der Großstadt unwohl.

Über einen Brief an Präsident John F. Kennedy, den Mildred 1963 in ihrem Exil in Washington, D. C., schrieb, kamen sie in Kontakt mit Anwälten von der Bürgerrechtsorganisation ACLU (American Civil Liberties Union), die ihren Fall zu einem Grundsatzstreit machten.

Dabei wollte sie nur zurück zu ihrer Familie nach Central Point und dort auf dem Land mit ihrem Mann und ihren Kindern leben.

Jeff Nichols erzählt diese in den USA bekannte (in jedem Fall bekanntere) Geschichte strikt chronologisch, langsam und mit dem Ehepaar Loving im Mittelpunkt. Joel Edgerton und, vor allem, Ruth Negga wurden, zu Recht, für ihre Interpretation des Ehepaares Loving mehrfach ausgezeichnet und für etliche prestigeträchtige Preise, wie den Golden Globe, nominiert. Ruth Negga war auch für den Oscar nominiert. Sie gibt Mildred eine stille Kraft, die die Familie zusammen hält und die für ihre Rückkehr in ihr Heimatdorf kämpft. Dafür geht sie auch in die Öffentlichkeit. Richard, ein introvertierter Mann, der auch wenn es sein Anliegen befördern würde, nicht in die Öffentlichkeit geht, ist das Gegenteil. Aber sie liebten sich.

Der Film selbst ist klassisches Hollywood-Erzählkino. Dabei erzählt Nichols die Geschichte etwas spröde, indem er bewusst auf Schmalz, große Emotionen, kitschige Taschentuchszenen und Nicholas-Sparks-Sonnenuntergänge verzichtet und sehr naturalistisch, fast wie ein Dokumentarfilm, erzählt. „Loving“ ist auch eine gelungene Geschichtsstunde über einen Sieg der Bürgerrechtsbewegung. In erster Linie ist es aber die Geschichte zweier Menschen, deren Verbrechen es war, dass sie sich liebten, heirateten, Kinder bekamen und in ihrer Heimat leben wollten.

Loving (Loving, USA/Großbritannien 2016)

Regie: Jeff Nichols

Drehbuch: Jeff Nichols

LV: Nancy Buirski: The Loving Story, 2011 (Dokumentarfilm)

mit Joel Edgerton, Ruth Negga, Marton Csokas, Nick Kroll, Terri Abney, Alano Miller, Jon Bass, Christopher Mann, Sharon Blackwood, Michael Shannon

Länge: 124 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Moviepilot über „Loving“

Metacritic über „Loving“

Rotten Tomatoes über „Loving“

Wikipedia über „Loving“ (deutsch, englisch)

History vs Hollywood über „Loving“

Meine Besprechung von Jeff Nichols‘ „Midnight Special“ (Midnight Special, USA 2015)

DP/30 unterhält sich mit Jeff Nichols über „Loving“ und den ganzen Rest (Ton wird im Lauf des Gesprächs besser)

DP/30 spricht mit Ruth Negga und Joel Edgerton über den Film

Eine kurze BBC-Reportage über den Fall (BBC World Service – Witness)

 


TV-Tipp für den 17. Juni: State of Play – Der Stand der Dinge

Juni 17, 2017

ZDF, 23.30

State of Play – Der Stand der Dinge (USA/Großbritannien 2009, Regie: Kevin Macdonald)

Drehbuch: Matthew Michael Carnahan, Tony Gilroy, Billy Ray (nach der gleichnamigen TV-Serie von Paul Abbott)

In Washington, D. C., verunglückt die sehr junge Mitarbeiterin eines Kongressabgeordneten tödlich in der U-Bahn. Zur gleichen Zeit wird ein Kleindealer von einem Killer erschossen. „Washington Globe“-Reporter Cal McAffrey beginnt zu recherchieren.

Auf de Insel war der spannende Sechsteiler „State of Play“ von „Cracker“-Autor Paul Abbott, der bei uns eher unter Ausschluss der Öffentlichkeit als „Mord auf Seite 1“ auf Arte lief, ein Riesenerfolg. Natürlich interessierte Hollywood sich für ein Remake. Die guten Politthriller-Autoren Carnahan, Gilroy und Ray machten aus der Vorlage einen hochkarätig besetzten Paranoia-Thriller, der natürlich nie die Komplexität des Originals erreicht und eigentlich perfekte Unterhaltung wäre, wenn Russell Crowe nicht wie der Mann aus den Bergen aussehen würde. Aber anscheinend kann Hollywood sich heute einen investigativen Journalisten nur noch als verspätetes Hippie-Modell aus den Siebzigern vorstellen.

Da waren Robert Redford, Dustin Hoffman, Warren Beatty (okay, die hatten zeitgenössisch ziemlich lange Matten) und John Simm (der Original McAffrey) besser frisiert.

Die Kritiker (vulgo Journalisten) waren von der okayen Kinoversion der BBC-Miniserie begeistert.

mit Russell Crowe, Ben Affleck, Rachel McAdams, Helen Mirren, Robin Wrigth Penn, Jason Bateman, Jeff Daniels, Viola Davis

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „State of Play“

Rotten Tomatoes über „State of Play“

Tony Macklin vergleicht Original und Kopie (und hält das Original für etwas besser)

Kriminalakte über die TV-Serie „Mord auf Seite 1″ (State of Play)

Mene Besprechung von Kevin Macdonalds „Black Sea“ (Black Sea, USA/Großbritannien/Russland 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: Musiker und Drogen (und Kugeln): „All Eyez on Me“ verlangt 2Pac

Juni 16, 2017

Letzte Woche liefen das im Zweifelsfall immer erfrischend faktenfreie Biopic „Born to be Blue“ über den Jazz-Trompeter Chet Baker und die Dokumentation „Whitney – Can I be me“ über die Soul-Sängerin Whitney Houston an. Diese Woche geht es mit „All Eyez on Me“, einem Biopic über den Rapper 2Pac, der 1996 erschossen wurde, musikalisch weiter.

Vor über zwanzig Jahren tobte in den USA der Krieg zwischen Eastcoast- und Westcoast-Rappern. Sie griffen sich verbal an. Es kam auch zu Schlägereien und Schusswaffengebrauch. Und Rap wurde Mainstream. Man konnte plötzlich unglaublich viel Geld damit verdienen.

Einer der bekanntesten Vertreter dieses Krieges war Tupac Shakur, oder 2Pac, geboren am 16. Juni 1971 in Manhattan, New York City, gestorben am 13. September 1996 in Las Vegas, Nevada. Er war ein Westcoast-Rapper, kommerziell auch nach seinem Tod unglaublich erfolgreich, von der Kritik als Künstler gefeiert und ständig mit dem Gesetz in Konflikt.

Er war auch ein Gangsta-Rapper. Das ist eine Stilrichtung, die das Leben im Ghetto als Verbrecher plakativ verklärt und öffentlich mit den Insignien eines Gangster hausieren geht. Die Grenzen zwischen Künstler und Verbrecher waren in jeder Beziehung fließend. So wurde 2Pac 1994 in New York auf dem Weg ins Studio angeschossen und schwer verletzt. Er wurde wegen sexueller Belästigung verurteilt und saß 1995 acht Monate im Gefängnis, bevor er auf Kaution freikam. Das Geld kam von Death-Row-Records-Chef Suge Knight, für den er dafür drei Platten aufnehmen musste. Und vor seiner Musikerkarriere versuchte er sich als Jugendlicher als Drogenhändler, weil im Ghetto die Drogenhändler mit ihrem Geld protzten.

Die damals lebhaft geführte Diskussion über die oft in jeder Beziehung hochproblematischen Texte muss hier nicht interessieren. Schließlich ist ein Spielfilm kein „Spex“-Aufsatz. In diesen Texten wurde auch immer darauf verwiesen, dass Rap „CNN for black people“ (Chuck D von Public Enemy) sei. Aber bei Public Enemy ging es um Politik und nicht um die Verherrlichung eines Lebens als homophober und frauenverachtender Verbrecher.

Das ist der Hintergrund vor dem sich Tupac Shakurs kurzes Leben abspielte, das genug Stoff für einen Film hergibt. Und mit 140 Minuten ist Benny Booms Biopic „All Eyez on Me“ über den Rapper auch lang geraten. Es ist allerdings auch ein Film der falschen Entscheidungen. „All Eyez on Me“ erzählt Tupac Shakurs Leben aus der Sicht von Tupac Shakur. Damit ist, auch wenn anfangs eine scheinbar komplizierte Rückblendenstruktur verwandt wird, nur eine Perspektive vorhanden. Nämlich die des Erzählers Tupac Shakur, der sich durchgehend als verfolgte Unschuld präsentiert und sich, wenn er nicht gerade unschuldig verfolgt und vom Gesetz drangsaliert wird, einen messianischen Heiligenschein aufsetzt. Auf die Dauer – auch wenn man nichts über das Leben des Rappers weiß – entbehrt diese eindimensionale, von sich selbst und seinem Handeln restlos überzeugte Weltsicht jeder Logik. Es überzeugt einfach nicht, dass er und nur er immer vollkommen unschuldig und unbeteiligt in Schwierigkeiten gerät.

So wird der Film schnell zu einem banalen Rechtfertigungstraktat. Jeder Konflikt und jede Ambivalenz des Stoffes werden unelegant umschifft und mit zunehmender Laufzeit ärgert man sich immer mehr über all die verpassten Chancen.

Außerdem hat „All Eyez on Me“ die typische Biopic-Krankheit. Anstatt sich auf einen bestimmten Aspekt oder Konflikt zu konzentrieren, wird das ganze Leben des Porträtierten von der Geburt bis zum Tod abgehandelt. In kurzen, plakativen Szenen, die auch der blödeste Zuschauer im Saal begreifen muss und die sich einfach, wie Bilder in einem Photoalbum, ohne tiefere Erkenntnis, aneinanderreihen.

Benny Boon, der bereits zahlreiche Hip-Hop-Vidoes inszenierte, erzählt das alles ohne jegliche Distanz zu Tupac Shakur als Übung in blinder Heldenverehrung.

Dabei hat F. Gary Gray vor zwei Jahren in seinem grandiosen Bandporträt „Straight Outta Compton“ über N. W. A. gezeigt, wie man es besser macht.

All Eyez on Me (All Eyez on Me, USA 2017)

Regie: Benny Boom

Drehbuch: Jeremy Haft, Eddie Gonzalez, Steven Bagatourian

mit Demetrius Shipp Jr., Kat Graham, Lauren Cohan, Hill Harper, Danai Gurira

Länge: 140 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Movipilot über „All Eyez on Me“

Metacritic über „All Eyez on Me“

Rotten Tomatoes über „All Eyez on Me“

Wikipedia über „All Eyez on Me“ (deutsch, englisch) und 2Pac (deutsch, englisch)

History vs Hollywood über „All Eyez on Me“

AllMusic über 2Pac


TV-Tipp für den 16. Juni: Savages – Im Auge des Kartells

Juni 16, 2017

ZDFneo, 23.25
Savages – Im Auge des Kartells (Savages, USA 2012)
Regie: Oliver Stone
Drehbuch: Shane Salerno, Don Winslow, Oliver Stone
LV: Don Winslow: Savages, 2010 (Zeit des Zorns)
Chon und Ben stellen Super-Heroin her und mit Ophelia leben sie in Laguna Beach in einer offenen Dreierbeziehung. Alles ist in bester Ordnung, bis ein mexikanisches Drogenkartell (angeführt von einer Frau) bei Chon und Ben einsteigen möchte und die beiden Jungs das Angebot nicht annehmen, sondern aus dem Drogengeschäft aussteigen wollen.
Don-Winslow-Verfilmung, die nicht als Ersatz, sondern als Anreiz zur Romanlektüre dienen sollte. Denn „Savages“ ist zwar kein wirklich schlechter Film, aber eine letztendlich enttäuschende Don-Winslow-Verfilmung.
Warum habe ich hier ausführlicher begründet (und dort gibt es auch noch einige Clips).
mit Aaron Taylor-Johnson, Blake Lively, Taylor Kitsch, Benicio Del Toro, Salma Hayek, John Travolta, Demián Bichir, Shea Whigham, Sandra Echeverria, Emile Hirsch
Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Savages“

Metacritic über „Savages“

Rotten Tomatoes über „Savages“

Wikipedia über „Savages“

Hollywood & Fine: Interview mit Don Winslow (11. Juli 2012)

Homepage von Don Winslow (etwas veraltet, weil eigentlich eine Verlagsseite)

Deutsche Homepage von Don Winslow (von Suhrkamp)

Don Winslow twittert ziemlich oft

Meine Besprechung von Don Winslows “London Undercover” (A cool Breeze on the Underground, 1991)

Meine Besprechung von Don Winslows “China Girl” (The Trail to Buddha’s Mirror, 1992)

Meine Besprechung von Don Winslows „Way Down on the High Lonely – Neal Careys dritter Fall“ (neue Übersetzung von „Das Schlangenmaul“; Way Down on the High Lonely, 1993)

Meine Besprechung von Don Winslows „A long Walk up the Water Slide – Neal Careys vierter Fall“ (A long Walk up the Water Slide, 1994)

Meine Besprechung von Don Winslows „Palm Desert“ (While Drowning in the Desert, 1996)

Meine Besprechung von Don Winslows „Pacific Private“ (The Dawn Patrol, 2008)

Meine Besprechung von Don Winslows „Pacific Paradises“ (The Gentlemen’s Hour, 2009) und „Tage der Toten“ (The Power of the Dog, 2005)

Meine Besprechung von Don Winslows „Bobby Z“ (The Death and Life of Bobby Z, 1997)

Meine Besprechung von Don Winslows „Satori“ (Satori, 2011)

Mein Interview mit Don Winslow zu “Satori” (Satori, 2011)

Meine Besprechung von Don Winslows “Savages – Zeit des Zorns” (Savages, 2010)

Meine Besprechung von Don Winslows “Kings of Cool” (The Kings of Cool, 2012)

Meine Besprechung von Don Winslows „Vergeltung“ (Vengeance, noch nicht erschienen)

Meine Besprechung von Don Winslows „Missing. New York“ (Missing. New York, noch nicht erschienen)

Meine Besprechung von Oliver Stones Don-Winslow-Verfilmung „Savages“ (Savages, USA 2012)

Meine Besprechung von Don Winslows „Das Kartell“ (The Cartel, 2015)

Meine Besprechung von Don Winslows „Germany“ (Germany, 2016 – noch nicht erschienen)

Mein Hinweis auf Don Winslows „London Undercover – Neal Careys erster Fall“ (A Cool Breeze on the Underground, 1991)

Don Winslow in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Oliver Stones „Snowden“ (Snowden, USA/Deutschland 2016)


Neu im Kino/Filmkritik (und ein Buchtipp): „Wonder Woman“ zeigt den Jungs, wo der Hammer hängt

Juni 16, 2017

Schon in „Batman v Superman: Dawn of Justice“ stahl die von Gal Gadot verkörperte Prinzessin Diana, aka „Wonder Woman“, in ihren wenigen Minuten Filmzeit den beiden titelgebenden Superhelden locker die Show. Mit „Wonder Woman“ hat die Comicheldin jetzt ihren überzeugenden Solofilm, der auch als Spielfilm und Einzelfilm überzeugt.

Dass „Wonder Woman“ der mit Abstand beste Film im „DC Extended Universe“ ist, wird hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Denn diese Hürde hätte Regisseurin Patty Jenkins („Monster“) nach den mehr oder weniger desaströsen DC-Filmen „Man of Steel“, „Batman v Superman: Dawn of Justice“ und „Suicide Squad“ auch mit verbundenen Augen im Wachkoma geschafft. Sie erzählt die Origin-Story der Amazonenprinzessin Diana. Allerdings verlegte sie sie vom Zweiten Weltkrieg in die letzten Tage des Ersten Weltkriegs. Deswegen muss Diana im Film nicht (wie in den von ihrem Erfinder William Moulton Marston während des Zweiten Weltkriegs geschriebenen Geschichten) gegen böse Nazis, sondern gegen böse Deutsche kämpfen.

Diese verfolgen den US-Soldaten und Geheimagenten Steve Trevor (Chris Pine) auf die Amazoneninsel Themyscira. Bei einem Kampf am Strand können die Amazonen die Deutschen mit vielen eigenen Verlusten besiegen. Sie haben zwar keine Schusswaffen, aber Schwerter und ein jahrhundertelanges Training.

Trevor erzählt seinen Retterinnen, dass er von den Deutschen verfolgt wurde, weil er von General Ludendorff (Danny Huston) und Dr. Isabel Maru (Elena Anaya) Aufzeichnungen über ein von ihr erfundenes, tödliches Gas stahl und deren Labor zerstörte.

Diana entschließt sich, Trevor in die Welt der Männer zu begleiten und dort den Krieg zu beenden. Hinter dem Krieg kann nur der Kriegsgott Ares stehen.

Über London geht es nach Belgien und zwischen die Kriegsgräben. Dort plant Ludendorff, den sie für die menschliche Verkörperung von Ares hält, mit der Hilfe von Marus Erfindung, den Krieg zu seinen Gunsten zu beenden.

Patty Jenkins erzählt diese Geschichte mit der richtigen Dosis Action, einem leichten Camp-Touch (Dianas Lasso der Wahrheit) und einer ordentlichen Portion sich aus den Situationen ergebenden Humors. Immerhin erlebt Prinzessin Diana in London in der Welt der Männer Sitten, Gebräuche und Gepflogenheiten, die sich doch deutlich von den ihr bekannten unterscheiden. Das beginnt schon mit ihrer kampftauglichen Kleidung und endet bei ihrem respektlosen Umgang mit Männern, die daran gewöhnt sind, dass Frauen still und passiv sind.

Allerdings wird Dianas Origin-Geschichte zu sehr in einem klaren und entsprechend einfachen Gut- und Böse-Schema erzählt, das alle möglichen Grautöne der im Film angesprochenen moralischen und ethischen Fragen ignoriert. Das beginnt schon bei der ersten Begegnung von Diana mit Trevor. Er behauptet, dass er zu den Guten gehört und seine Verfolger die Bösewichter sind. Wir als Zuschauer wissen dank langjähriger Schulung in Hollywood-Konventionen, dass er recht hat, weil er von deutschen Soldaten verfolgt wird und Deutsche immer die Bösewichter sind. Aber Diana wird hier doch als arg naive und leichtgläubige Kriegerin gezeichnet. Auch später, in der Welt der Männer, will sie nur und ohne Umwege den Krieg beenden und so das Böse vernichten. In seiner herzigen Naivität sorgt ihr unbedingter Wille sofort Frieden zu schaffen und ihr Glaube, dass ihr das gelingt, indem sie den Bösewicht besiegt, für erfrischende Momente. Sie (und der Film) verschwendet auch keinen Gedanken an die Komplexität der Situation. Immerhin reden wir hier vom Ersten und nicht vom Zweiten Weltkrieg, in dem die Fronten eindeutig waren.

Diese eindeutige, alle möglichen Grautöne vermeidende Einteilung in Gut und Böse wird während des gesamten Films durchgehalten. Daher ist „Wonder Woman“ durchgehend unterkomplexer und auch apolitischer als nötig. Es ist ein bunter, unterhaltsamer, kurzweiliger, perfekt getimter Abenteuerfilm für die ganze Familie.

Und es ist ein DC-Film, der es locker mit den erfolgreichen Marvel-Filmen aufnehmen kann und sogar bessere Bösewichter hat.

Zum Schluss noch ein paar Fakten und Zahlen: „Wonder Woman“ ist der erste Superheldenfilm mit einer Heldin, der von einer Frau inszeniert wurde. Es ist der erste von einer Frau inszenierte Film mit einem Budget von über 100 Millionen US-Dollar. Er soll 150 Millionen US-Dollar gekostet haben. Und mit einem Einspielergebnis von über hundert Millionen US-Dollar in den USA am Startwochenende ist „Wonder Woman“ der erfolgreichste von einer Frau inszenierte Film. Davor war es „Fifty Shades of Grey“ von Sam Taylor-Johnson.

All die Zahlen sagen selbstverständlich nichts über die Qualität des Films aus. Daher ist es erfreulich, dass „Wonder Woman“ auch ein gelungener Film ist.

P. S.: Wie immer kann man sich bei den verschiedenen Fassungen (2D, 3D, Imax 3D) austoben. Ich habe den Film in 2D in einem normalen Kino gesehen und würde das als die optimale Fassung empfehlen. Wenn die Leinwand groß genug ist.

Wonder Woman (Wonder Woman, USA 2017)

Regie: Pattiy Jenkins

Drehbuch: Allan Heinberg (nach einer Geschichte von Zack Snyder, Allan Heinberg und Jason Fuchs)

mit Gal Gadot, Chris Pine, Connie Nielsen, Robin Wright, Danny Huston, David Thewlis, Said Taghmaoui, Ewen Bremner, Eugene Brave Cock, Lucy Davis, Elena Anaya, Lilly Aspell, Emily Carey, Wolf Kahler

Länge: 141 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche WarnerBros/DC-Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Wonder Woman“

Metacritic über „Wonder Woman“

Rotten Tomatoes über „Wonder Woman“

Wikipedia über „Wonder Woman“ (deutsch, englisch)

Bonushinweis

Wer nach oder vor dem Kinobesuch tief in die Geschichte von Wonder Woman einsteigen will, sollte sich „Wonder Woman Anthologie“ zulegen. Wie in den anderen Bänden der Anthologie-Reihe (Batman und Deadpool wurden ja hier besprochen) gibt es in dem dicken und schweren Sammelband einen Überblick über den Charakter und seine wichtigsten Auftritte, wie ihrem ersten Auftritt und Geschichten, die für den Charakter große Veränderungen oder einmalige Ausflüge bedeuten. Bei „Wonder Woman Anthologie – Die vielen Gesichter der Amazonenprinzessin“ sind das

Die Geburt von Wonder Woman (The Origin of Wonder Woman, von William Moulton Marston und Harry G. Peter, Wonder Woman 1 [1942])

Frauen der Zukunft( America’s Wonder Woman’s Women of Tomorrow, von William Moulton Marston und Harry G. Peter, Wonder Woman 7 [1943])

Der Schurken-Verbund! (Villainy Incorporated!, von William Moulton Marston und Harry G. Peter, Wonder Woman 28 [1948])

Streng geheim! (Top Secret!, von Robert Kanigher und Ross Andru, Wonder Woman 99 [1958])

Wonder Girl, die junge Amazone! (Wonder Woman: Amazon Teen-Ager!, von Robert Kanigher und Ross Andru, Wonder Woman 107 [1959])

Wonder Womans letzter Kampf (Wonder Woman’s Last Battle, von Dennis O’Neil und Mike Sekowsky, Wonder Woman 179 [1968])

Das zweite Leben der ursprünglichen Wonder Woman (The Second Life of the Original Wonder Woman, von Robert Kanigher und Don Heck, Wonder Woman 204 [1973])

Schwanengesang (Swang Song!, von Roy Thomas und Gene Colan, Wonder Woman 288 [1982])

Die Prinzessin und die Macht! (The Princess and the Power!, von Greg Potter und George Perez, Wonder Woman 1 [1987])

Akte der Gewalt (Violent Beginnings, von William Messner-Loebs und Mike Deodato jr., Wonder Woman 93 [1995])

Spinnst du jetzt völlig?! (Are You out of Your Minds?!, von John Byrne, Wonder Woman 113 [1996])

Der wahre Wert der Seele (The Bearing of the Soul, von Eric Luke, Yanick Paquette und Matthew Clark, Wonder Woman 142 [1999])

Die Entdeckung des Paradieses (Paradise Found, von Phil Jimenez, Wonder Woman 177 [2002])

Die Mission (The Mission, von Greg Rucka und Drew Johnson, Wonder Woman 195 [2003])

Die Mutter der Bewegung (The Mother of the Movement, von Darwyn Cooke und J. Bone, Justice League: The New Frontier Special 1 [2008])

Die Höhle des Minotaurs! (The Lair of the Miotaur!, von Brian Azzarello und Cliff Chiang, Wonder Woman 0 [2012])

Gothamazone (Gothamazone, von Gail Simone, Ethan Van Sciver und Marcelo Di Chiara, Sensations Comics featuring Wonder Woman 1 [2014])

Rettender Engel (Rescue Angel, von Amy Chu und Bernard Chang, Sensation Comics featuring Wonder Woman 7 [2015])

Dazu gibt es kundige Texte über den Charakter, ihre Entwicklung, die Macher und warum gerade diese Geschichten ausgewählt wurden.

Eine Fundgrube für Fans und Neueinsteiger. Mit Suchtfaktor.

Wonder Woman Anthologie – Die vielen Gesichter der Amazonenprinzessin

(übersetzt von Steve Kups, Mandy Matz und Alexander Rösch)

Panini, 2017

404 Seiten

34,99 Euro

Hinweise

DC Comics über Wonder Woman

Wikipedia über Wonder Woman (deutsch, englisch) 

Meine Besprechung von Brian Azzarellos Wonder Woman

Meine Besprechung von Meredith Finch/David Finch/Goran Sudzukas „Wonder Woman – Göttin des Krieges“ (Wonder Woman: War Torn, DC Comics, Januar 2015 – August 2015)

Meine Besprechung von Greg Rucka (Autor)/Nicola Scott/Bilquis Evelys (Zeichner) „Wonder Woman: Das erste Jahr (Rebirth – Die Wiedergeburt des DC-Univerums)“ (Wonder Woman: Year One, Part One – Finale, 2016/2017)

Meine Besprechung von Greg Rucka (Autor)/J. G. Jones‘ (Zeichner) „Wonder Woman/Batman: Hiketeia“ (Wonder Woman/Batman: The Hiketeia, 2002)


Neu im Kino/Filmkritik: James Gunn veranstaltet „Das Belko-Experiment“

Juni 15, 2017

Ein normaler Tag in einem normalen Büro.

Naja. Fast. Denn das Büro ist ein einsam gelegenes Hochhaus in Bogotá, Kolumbien. Die Büroarbeiter sind Angestellte der multinationalen, gemeinnützigen Firma Belko Industries, deren genaues Arbeitsfeld unklar bleibt. Für die Filmgeschichte ist es auch nicht weiter wichtig. Denn kurz nach Arbeitsbeginn, nachdem den einheimischen Angestellten der Zutritt zum Gebäude verweigert wurde, werden die achtzig Angestellten zusammengerufen und eine Stimme erklärt ihnen über die firmeninterne Sprechanlage, dass sie innerhalb einer halben Stunde drei Kollegen töten sollen. Wenn nicht, sterben sechs Kollegen.

Natürlich halten die Angestellten das zuerst für einen Scherz.

Als einer der Angestellten stirbt, indem sein Kopf explodiert, beginnt ziemlich schnell genau der rapide Verfall gesellschaftlicher Normen, den man in solchen Filmen erwartet. Schon nach wenigen Minuten kämpft jeder gegen jeden. Das anfangs klinisch saubere Büro wird immer mehr zu einem leichenübersäten Schlachtfeld und wir haben in der Sicherheit unseres Kinositzplatzes unseren Spaß.

Der blutige Thriller „Das Belko-Experiment“, schnörkellos inszeniert von Greg McLean („Wolf Creek“), entstand nach einem schon etwas älterem Drehbuch von „Guardians of the Galaxy“-Regisseur James Gunn. Mit, unter anderem, Michael Rooker, Gregg Henry und Rusty Schwimmer einigen seiner Stamm-Schauspieler.

Gunn schrieb das Buch bereits vor zehn Jahren und sollte es auch verfilmen. Weil er sich damals von seiner Frau scheiden ließ, wollte Gunn keinen so düsteren Film drehen. Er inszenierte stattdessen lieber Comedies für das Fernsehen und das Web. Inzwischen ist er als „Guardians of the Galaxy“-Regisseur gut beschäftigt und sehr, sehr erfolgreich.

Das Belko-Experiment“ will nicht mehr als ein Schlachtfest sein. Damit das nicht zu sinnfrei daherkommt, wird es hier getarnt als Experiment oder Spiel mit vorgegebenen Regeln, das den Spielern nur die Wahl lässt, zwischen töten oder getötet werden. Bis zum Ende funktioniert das gut als nihilistisches Darwinismus-Experiment ohne weiteren Anspruch und mit bekannter, nie in Frage gestellter Moral. Die absehbare Erklärung am Filmende für das Belko-Experiment, gefolgt von einer Option auf mögliche weitere Filme (yupp, ganz altes Horrorfilmklischee), ist dagegen erschreckend unlogisch und auch überflüssig.

Eigentlich ist „Das Belko-Experiment“ ein typischer Fantasy-Filmfest-Film, der genau das liefert, was er verspricht. In knapp neunzig Minuten. Nach dem Filmfest werden diese Filme ausschließlich auf DVD ausgewertet. Insofern ist es erfreulich, dass der Film vor seinem DVD-Start einen Kinostart erhält. Auch wenn er in Berlin nur in zwei Kinos läuft.

Das Belko-Experiment (The Belko Experiment, USA 2016)

Regie: Greg McLean

Drehbuch: James Gunn

mit John Gallagher Jr., Tony Goldwyn, Adria Arjona, John C. McGinley, Melonie Diaz, Owain Yeoman, Sean Gunn, Brent Sexton, Josh Brener, David Dastmalchian, David Del Rio, Gregg Henry, Michael Rooker

Länge: 88 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Das Belko-Experiment“

Metacritic über „Das Belko-Experiment“

Rotten Tomatoes über „Das Belko-Experiment“

Wikipedia über „Das Belko-Experiment“


TV-Tipp für den 15. Juni: Dredd

Juni 15, 2017

Vox, 22.45

Dredd (Dredd, Großbritannien 2012)

Regie: Pete Travis

Drehbuch: Alex Garland

LV: Charakter von John Wagner und Carlos Ezquerra

Ein normaler Tag in Mega-City One: Judge Dredd sorgt, begleitet von einer Berufsanwärterin, in einem Hochhaus für Ruhe und Ordnung.

Herrlich kompromiss- und humorloser Actionfilm.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Karl Urban, Lena Headey, Olivia Thirlby, Wood Harris, Domhnall Gleeson

Wiederholung: Freitag, 16. Juni, 02.35 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Dredd“

Metacritic über „Dredd“

Rotten Tomatoes über „Dredd“

Wikipedia über „Dredd“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Pete Travis‘ „Dredd“ (Dredd, Großbritannien 2012)