Krieg in London – The Crime (The Sweeney, Großbritannien 2012)
Regie: Nick Love
Drehbuch: Nick Love, John Hodge
Jack Regan (Ray Winstone) ist der Anführer einer kleinen Spezialeinheit der Londoner Polizei, die Verbrecher mit archaischen Methoden jagt und Bürgerrechte wahrscheinlich noch nicht einmal buchstabieren kann. Aber jetzt laufen interne Ermittlungen gegen sie und eine Verbrecherbande, angeführt von einem vermögendem Safeknacker, plant einige Überfälle.
In England hieß der Film, weil er auf einer dort kultigen, hier fast unbekannten TV-Serie basiert, „The Sweeney“. Bei uns hieß Nick Loves brachialer Polizeithriller dann „The Crime“, weil das so ein richtig deutscher Titel ist, der alles und nichts sagt. Im Fernsehen heißt er jetzt „Krieg in London – The Crime“, was genausoviel über den Film verrät, der ein herrlich altmodischer Actionthriller und ein Abgesang an „die gute alte Zeit der Verbrechensbekämpfung“ ist, als der Unterschied zwischen Verbrechern und Polizisten die Dienstmarke war.
Joe Coughlin (Ben Affleck) ist kein gewöhnlicher Gangster. Nicht nur, weil er sich selbst als „Outlaw“ (im Buch öfter, im Film nur einmal) bezeichnet und sieht, sondern weil er ein intelligenter Bursche ist. Er ist der Sohn des stellvertretenden Polizeichefs von Boston, der nach seinen Erfahrungen als Soldat im Ersten Weltkrieg außerhalb der Gesellschaft leben möchte.
In Boston der zwanziger Jahre tut er das als kleiner Ganove, der zwischen die Fronten von Albert White (Robert Glenister), einem irischen Mobster, und Don Maso Pescatore (Remo Girone), einem italienischen Mafiosi, gerät. Coughlins Freundin Emma Gould (Sienna Miller) ist auch Whites Geliebte. Als sie – indirekt bei einem Autounfall– durch Whites Hand stirbt, will Coughlin sie rächen. Er geht einen Pakt mit Pescatore ein, der ihn nach Florida schickt. In Ybor, „the Harlem of Tampa“, übernimmt er den dortigen Rumschmuggel. Er organisiert ihn neu und, im Gegensatz zu den bisherigen Gepflogenheiten, mit den Kubanern als gleichberechtigte Partner. Und er verliebt sich in Graciela (Zoe Saldana), die mit ihrem Bruder den Alkoholhandel aus Kuba organisiert.
Nicht allen gefällt Coughlins Aufstieg und seine Zusammenarbeit mit den Kubanern (ich sage nur Rassismus). Oh, und White ist ebenfalls in Florida.
„Live by Night“ basiert auf einem gut sechshundertseitigem Epos von Dennis Lehane. Der sehr lesensverte, zwischen 1926 und 1935 spielende Gangsterroman erhielt den Edgar, einen der wichtigsten Krimipreise.
Ben Affleck, der, nach einem Kurzfilm, mit der grandiosen Dennis-Lehane-Verfilmung „Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel“ sein Spielfilmdebüt gab, schrieb dieses Mal das Drehbuch, führte Regie und übernahm auch gleich die Hauptrolle. In seinem Script folgt er dem Roman, abgesehen von den notwendigen Kürzungen, genau. Zu genau für meinen Geschmack.
Anstatt sich auf einen Teil von Coughlins Geschichte zu konzentrieren und eine Geschichte zu erzählen, kondensiert er den Roman auf eine eher ungeschickte Weise. Er behandelt Lehanes Roman nicht wie einen Unterhaltungsroman, der die Grundlage für einen packenden Film liefern soll, sondern ehrfurchtsvoll wie ein Stück hohe Literatur, bei dem nichts geändert werden darf. Dieser Ehrfurcht überträgt sich dann auf den gesamten Film, der dadurch oft lebloser als nötig ist.
Die Episoden aus dem Gangsterleben treten immer wieder in den Hintergrund zugunsten von Coughlins Beziehungen zu verschiedenen Frauen und wie sie sein Leben in negativer Hinsicht beeinflussen. Das ist dann, wie im Roman, eine interessante Verschiebung der vertrauten Perspektive. In einem Gangsterfilm, vor allem in einem während der Prohibition spielendem Gangsterfilm, sind Frauen nur Beiwerk, während die gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen Gangsterbanden und der Polizei und auch innerhalb der Gangsterbande im Mittelpunkt stehen. Das fehlt dann in „Live by Night“ in einem erstaunlich großem Ausmaß. Hier ist der Schmuggel ein einträgliches Geschäft, bei dem alle gut verdienen und Konflikte lieber mit Geld und Arrangements als mit Gewalt erledigt werden. Obwohl Coughlin durchaus, wenn es nicht anders geht, Gewalt anwendet.
Dagegen muss sich Coughlin mit dem Ku Klux Klan (sie wollen einen Teil seines Geschäftes) und einer Christin (sie will sein Geschäft zerstören) auseinandersetzen. Coughlin versucht beide Konflikte ohne Gewalt zu lösen.
„Live b Night“ ist dann ein Gangsterfilm, dem der Drive eines klassischen Gangsterfilms (in dem ein Junge aus der Gosse sich skrupellos den Weg an die Spitze frei schießt) fehlt, ein Liebesfilm, der sich nicht für die Liebesgeschichte(n) interessiert und ein Biopic, das primär Episoden aneinanderreiht, ohne einen klar erkennbaren erzählerischen Bogen zu schlagen. So verweilt Affleck mit seiner Geschichte viel zu lange in Boston, das nur das Vorspiel für Coughlins eigentlich Geschichte ist, die sich im sonnigen Florida abspielt. Dort arbeitet er zwar zielstrebig und in Pescatores Sinn, wie ein neuer Abteilungsleiter, der keine größeren Ambitionen hat. Er will nicht der neue Boss der gesamten Firma werden und er will sich anscheinend auch nicht mehr an White rächen. Auch weil White für ihn überhaupt keine Bedrohung mehr ist.
So plätschert der Gangsterfilm, der sich nicht wirklich entscheiden will, was der Hauptplot und was die Subplots sind, immer wieder vor sich hin, während er ein kleines Gesellschaftsbild von Ybor während der Prohibition zeichnet.
Affleck inszenierte das alles mit viel Liebe zum Detail und Gangsterfilmfans – wir wurden in den letzten Jahren ja auf eine ziemliche Diät gesetzt – dürfen sich über einen stilechten Gangsterfilm freuen. Jedenfalls wenn Affleck die Gangsterfilmszenen inszeniert. Aber oft interessieren ihn andere Dinge und der Film kann in seiner jetzigen Fassung, obwohl er bereits über zwei Stunden ist, nicht verleugnen, dass er besser noch länger wäre. Mindestens eine halbe Stunde. Oder besser sogar eine Miniserie im Fernsehen, die sich dann stärker den Konflikten zwischen den Verbrechern, den politischen und rassistischen Konflikten widmet, die alle schon in Lehanes Roman angesprochen werden und die heute immer noch aktuell sind.
Live by Night (Live by Night, USA 2016)
Regie: Ben Affleck
Drehbuch: Ben Affleck
LV: Dennis Lehane: Live by Night, 2012 (In der Nacht)
mit Ben Affleck, Elle Fanning, Remo Girone, Brendan Gleeson, Robert Glenister, Matthew Maher, Chris Messina, Sienna Miller, Zoe Saldana, Chris Cooper, Titus Welliver, Max Casella, Clark Gregg, Anthony Michael Hall
Jetzt hat es auch Andreas Dresen getan. Einen Kinderfilm gedreht. Nach einem erfolgreichen Buch. Und bei Andreas Dresen hätte man das – siehe „Bibi & Tina“-Regisseur Detlev Buck – am wenigsten erwartet. Immerhin ist Dresen als Regisseur von Filmen wie „Die Polizistin“, „Halbe Treppe“, „Sommer vorm Balkon“ und „Wolke 9“ vor allem als improvisationsfreudiger Erwachsenenregisseur bekannt. Mit „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“ inszenierte er jetzt eine Big-Budget-Produktion, die ganz anderen Gesetzen gehorcht. Sie ist mit vielen alten Dresen-Bekannten und einigen Neuzugängen prominent besetzt und für ein junges Publikum inszeniert. Die dürfen mit diesem Kinofilm ihren Timm Thaler, der von Arved Friese gespielt wird, entdecken. Ältere Semester erinnern sich ja immer noch an ihren 1979er Timm Thaler, der von Thomas Ohrner gespielt wurde. Ohrner hat als Concierge des Grand Hotel einen Kurzauftritt.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht der junge Timm Thaler. Ein aufgeweckter, fröhlicher Junge, der mit seinem Lachen jeden verzaubert. Auf der Pferderennbahn lernt er Baron Lefuet (Justusvon Dohnányi) kennen, der ihm ein teuflisches Geschäft anbietet: wenn er Lefuet sein Lachen verkauft, wird er fortan jede Wette gewinnen. Der in bitterster Armut lebende Timm ist einverstanden und ab jetzt gibt es zwischen dem Roman von James Krüss und dem Film von Andreas Dresen (nach einem Drehbuch von „Unter Verdacht“-Erfinder Alexander Adolph) auf der reinen Handlungsebene viele Unterschiede. Auf der emotionalen Ebene und dem Ende nicht. Deshalb habe ich mit den Veränderungen auch keine Probleme und finde sie sogar gut. Denn wer will schon wirklich einen Film sehen, in dem Timm während der halben Geschichte durch die Welt stolpert, Geschäftspartner von Baron Lefuet kennenlernt und sich um Firmeninterna kümmern muss? Außerdem erstreckt sich der Roman über mehrere Jahre.
Der Film spielt dagegen in einem überschaubarem Zeitraum in einer Stadt zwischen Timms Armenviertel, der Pferderennbahn, dem Grand Hotel und dem Anwesen von Baron Lefuet. Wie der Roman spielt der Film in den zwanziger Jahren. Allerdings in einer Steampunk-Variante der zwanziger Jahre, die deutlich von Fritz Langs Filmen, wie „Metropolis“, „Spione“ und seinen „Dr. Mabuse“-Filme inspiriert ist.
Timm hat im Film viele Freunde und damit ein soziales Umfeld, das die gesamte Geschichte realistisch erscheinen lässt. Neben dem aus dem Roman bekannten Kreschimir (Charly Hübner), der ihm im Film als freundlicher Bartender des Grand Hotels hilft und schnell Timms Geheimnis erahnt, ist vor allem Timms Freundin Ida (Jule Hermann) wichtig. Im Roman ist Timm, trotz böser Stiefmutter und bösem Stiefbruder, ein Waisenknabe.
Einige Details in Dresens gelungener und eigenständiger Verfilmung sind allerdings misslungen. Am ärgerlichsten sind Behemoth (Axel Prahl) und Belial (Andreas Schmidt. Koptisch sprechend, in Frauenkleidern), die von Baron Lefuet immer wieder zu Ratten verwandelt werden und Timm hinterherspionieren sollen. Das spekuliert, wenn sie als Ratten durchs Bild laufen, zu sehr auf billige Lacher.
Und das große Finale auf der Rennbahn fällt arg schwach aus. Obwohl es pompöser als das Buchfinale ist.
Erwachsene dürfte auch die fehlende zweite (oder dritte) Ebene stören, die aus Anspielungen besteht, die sie, aber nicht die Kinder verstehen. Wie das geht, zeigt Pixar ja in seinen Animationsfilmen.
So ist „Timm Thaler“ dann ein guter, unterhaltsamer, kurzweiliger, auch anspielungsreicher Kinderfilm, der vor allem für Kinder ist, die wissen wollen, warum Timm keine Freude an seinem Wettglück hat, mit dem er alles haben kann, was er sich wünscht. Außer seinem Lachen und allem, was damit zusammenhängt.
James Krüss‘ kapitalismuskritischer Roman ist nach dem Filmbesuch immer noch eine Lektüre wert. Immerhin erzählt Krüss eine andere, eine globetrottende Geschichte, in der man an einigen Stellen vermutet, dass Behemoth und Belial schon damals Timm beobachten mussten.
Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen (Deutschland 2017)
Regie: Andreas Dresen
Drehbuch: Alexander Adolph
LV: James Krüss: Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen
mit Arved Friese, Justus von Dohnányi, Axel Prahl, Andreas Schmidt, Jule Hermann, Charly Hübner, Nadja Uhl, Steffi Kühnert, Bjarne Mädel, Fritzi Haberlandt, Harald Schmidt, Heinz-Rudolf Kunze, Milan Peschel, Joachim Król (Erzähler)
Länge: 102 Minuten
FSK: ab 0 Jahre
–
Die Vorlage
James Krüss: Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen
„The Salesman“ ist für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert und ich hoffe, dass er ihn erhält. Nicht weil er unbedingt der beste der nominierten Filme ist (ich kenne ja nicht alle Nominierten), sondern weil Asghar Farhadi und alle, die an dem Film mitarbeiteten, nicht in die USA einreisen dürfen, weil Donald Trump und seine Entourage gerade einen „Muslim ban“ verhängten. Als Mittel gegen den Terrorismus dürfen Staatsbürger aus sieben Ländern (auch Doppelstaatler und Green-Card-Inhaber und Menschen, die aus diesen Ländern kommen und schon seit Ewigkeiten in den USA leben [so aufgeschrieben erinnert mich das an etwas aus unserer deutschen Geschichte]) nicht einreisen. Nach Protesten wurde zwar – vielleicht – einiges geändert und die Trump-Administration widerspricht sich öfters, aber es ändert nichts: Moslems dürfen nicht rein. Christen aus den Ländern schon. Und der „Muslim ban“ kann, auch das hat die Trump-Administration schon gesagt, auf weitere Länder ausgeweitet werden. Dann vielleicht auch auf Länder, von denen für die USA wirklich aufgrund früherer Anschläge eine Gefahr ausgeht.
Da wäre ein Oscar für „The Salesman“ ein gutes Signal.
Auch weil der Film, ohne explizit politisch zu werden, ein Iran im Umbruch zeigt. Der Film spielt in Teheran – einer 8-Millionen-Einwohnerstadt mit einer ähnlichen Bevölkerungsdichte wie New York – in der dortigen Mittelschicht, die sich gar nicht so sehr von westlichen Mittelschichten, ihren Ansichten und ihren Problemen unterscheidet.
Auch deshalb hat Farhadi als zweite Ebene eine Theaterinszenierung von Arthur Millers Theaterklassiker „Tod eines Handlungsreisenden“ von 1949 eingeflochten. Das Stück erweitert und spiegelt die Handlung von „The Salesman“.
Im Mittelpunkt des Films stehen Emad und seine Ehefrau Rana. Er ist ein beliebter Lehrer für Literatur in einer Jungenschulklasse. In seiner Freizeit inszeniert er eine freie Adaption von Millers „Tod eines Handlungsreisenden“. Er spielt auch die Hauptrolle. Seine Frau spielt die Frau des Handlungsreisenden; was dazu führt, dass ihr Leben in dem Stück – in den Texten, den teils spontanen Abweichungen von Millers Text und der freien Interpretation des Stückes – eine Fortsetzung findet. Und umgekehrt.
Das liegt auch daran, dass ihr Leben aus den Fugen gerät. Nachdem durch Bauarbeiten auf dem Nachbargrundstück ihr Mietshaus unbewohnbar wird, müssen sie sich eine neue Wohnung suchen. Allerdings sind in der neuen Wohnung noch viele Gegenstände der Vormieterin, die sie irgendwann abholen will, vorhanden und die Nachbarn machen Andeutungen über ihr Leben.
Eines Abends, als Emad noch länger im Theater ist, wird Rana in der Wohnung überfallen und vergewaltigt. Sie redet nicht darüber und will auch keine Anzeige erstatten. Er fragt sich, wie er mit der Tat und den Fragen der Nachbarn umgehen soll.
Diese Geschichte entfaltet Farhadi langsam und oft mit Andeutungen, die vor allem für dortige Zuschauer sofort verständlich sind. Manchmal auch mit sehr leicht erkennbaren Anspielungen, wie das unbewohnbare Haus, die sich nicht meldende Vormieterin und ihre persönlichen Habseligkeiten, um die sie sich nicht kümmert. Farhadi zeichnet auch ein Bild der städtischen, kulturell interessierten Mittelschicht und einer Gesellschaft im Wandel zwischen Tradition und Moderne. Dass dabei die Parallelisierung zwischen dem Leben von Emad und Rana und Millers Stück teilweise wie ein Gimmick wirkt, teilweise etwas platt ist und dass der Film mit über zwei Stunden etwas lang geraten ist, sei ihm verziehen. Denn Farhadi erzählt seine Geschichte sehr offen. Er gibt damit keine eindeutige Sichtweise vor, sondern lädt zu verschiedenen Interpretationen ein. So lernen wir auch den Täter und seine Familie kennen.
In seiner Heimat hat Farhadis Film einen Nerv getroffen. Seit seinem Kinostart hat „The Salesman“ im Iran alle Zuschauerrekorde gebrochen. Dabei ist das Drama kein einfacher Film und kein Film, den man sich aus eskapistischen Motiven ansieht. Es ist ein Film, der sich mit den Dingen beschäftigt, die für seine Zuschauer wichtig sind. Auf die Jury, die über den iranischen Oscar-Kandidaten entscheiden sollte, wurde massiv Druck ausgeübt. Trotzdem schlug sie ihn als iranischen Oscar-Beitrag vor. In einem mehrstufigem Verfahren nominierte die Academy of Motion Picture Arts and Sciences (die die Oscars verleiht) „The Salesman“ für den Oscar als bester ausländischer Film.
Und allein diese Nominierung sollte bei uns doch einige Leute ins Kino locken. Sie können den Kinobesuch sogar als politisches Statement verkaufen.
Vier im roten Kreis (Frankreich 1970, Regie: Jean-Pierre Melville)
Drehbuch: Jean-Pierre Melville
Nach einer Haftstrafe plant Einbrecher Corey (Alain Delon) gleich seinen nächsten Coup. Den Einbruch in ein gut gesichertes Juweliergeschäft. Mit zwei Kumpanen (Gian Maria Volonté, Yves Montand) will er das Ding durchziehen. Ein Kommissar (André Bourvil) jagt sie.
Mehr Story braucht Jean-Pierre Melville in seinem vorletzten Film „Vier im roten Kreis“ nicht, um ein weiteres Meisterwerk zu inszenieren. Der Gangsterfilm ist nur deshalb bei der breiten Masse unbekannter, weil Melvilles „Der eiskalte Engel“ und sein letzter Film „Der Chef“ (beide ebenfalls mit Alain Delon) bekannter sind. Denn „Vier im roten Kreis“ hat alles, was Melville-Fans lieben und auf der großen Leinwand wirkt der Film noch besser.
Legendär und in die Kinogeschichte eingegangen ist der Einbruch in das Juweliergeschäft: eine gute halbe Stunde verfolgen wir atemlos den Einbruch, bei dem keiner der Einbrecher ein Wort sagt. Großes Kino
mit Alain Delon, André Bourvil, Yves Montand, Gian Maria Volontè, Francois Périer, Paul Crauchet
Drehbuch: William Monahan (nach dem Drehbuch „The Gambler“ von James Toback)
Mit seiner Spielsucht hat der Literaturdozent Jim Bennett längst sein Leben zerstört. Jetzt versucht der Spieler durch neue Spieleinsätze seine alten Schulden zurückzuzahlen.
Die sehenswerte, glänzend gespielte Charakterstudie ist ein Noir, der immer auf einen besseren Film hoffen lässt.Auch und gerade weden des versammelten Talents vor und hinter der Kamera.
Vielleicht sollte ich mir den Film mal wieder ansehen. Und weil mal wieder ein US-Präsident von Folter schwafelt, ist Hoods Film jetzt wieder brennend aktuell.
Pro 7 Maxx, 20.15
Machtlos (USA 2007, Regie: Gavin Hood)
Drehbuch: Kelley Sane
Der arabischstämmige, in den USA lebender, glücklich verheiratete Ingenieur Anwar El-Ibrahimi verschwindet auf einem Flug spurlos. Seine schwangere Frau sucht ihn. Er wird währenddessen in einem nordafrikanischem Land, unter der Aufsicht eines jungen Geheimdienstlers, gefoltert. Denn die Amis glauben, dass er Kontakt zu einem gefährlichen Terroristen hat.
Die Besetzung ist hochkarätig. Das Anliegen, auf die menschenrechtsverachtende Praxis der Extraordinary Renditions und die damit verbundene Folterpraxis aufmerksam zu machen, ist ehrenwert.
Aber dennoch enttäuscht „Machtlos“. Denn Hood verirrt sich in diversen Subplots, nie wird das Verhältnis zwischen den einzelnen Plots geklärt (Was ist Hauptplot? Was ist Subplot?) und das Ende ist lächerlich. Jedenfalls das Ende für den Gefolterten. Die „geniale Konstruktion“ (jedenfalls dachten die Macher das, als sie uns die Auflösung der Geschichte des jungen Liebespaares präsentieren) ist eine ziemliche Verarschung des Zuschauer.
Auf der Habenseite kann „Machtlos“ letztendlich nur das Ensemble und die Bilder verbuchen. Oh, die Musik ist auch nicht schlecht.
Ansonsten, wenn man keine Doku sehen will, sollte man sich besser noch einmal einen der legendären Politthriller von Constantin Costa-Gavras ansehen. Zum Beispiel „Das Geständnis“ mit Yves Montand in der Hauptrolle.
Oder einen der neuen und wesentlich gelungeneren Politthriller wie „Sturm“, „Green Zone“, „Operation Kingdom“ und „Syriana“. Bei denen ist Folter allerdings, falls überhaupt, nur ein Randthema.
Wahrscheinlich läuft um 20.15 Uhr eine heftig gekürzte Version des FSK-16-Streifens.
mit Jake Gyllenhaal, Reese Witherspoon, Peter Sarsgaard, Omar Metwally, Yigal Naor, Alan Arkin, Meryl Streep, J. K. Simmons
Jacqueline ‚Jackie‘ Kennedy (Natalie Portman) lädt kurz nach dem Tod ihres Gemahls einen Journalisten (Billy Crudup) auf ihr Anwesen in Hyannisport, Massachusetts, ein. Die 34-jährige Witwe will ihm für eine Reportage ihre Sicht des Attentats auf John F. Kennedy am 22. November 1963 in Dallas, Texas, und der Ereignisse bis zu seiner Beerdigung erzählen. Sie sagt dem Journalisten auch, dass sie vor einer Veröffentlichung den Bericht durchlesen und entsprechend ihren Wünschen korrigieren will. Sie will also eine Hofberichterstattung. Aber weil wir im Kino die unzensierte Version sehen, kann aus der Ausgangslage ein ungeschönter Einblick in die chaotischen Tage nach dem Attentat werden, die sich vor allem hinter verschlossenen Türen abspielten.
In seinem vorherigen Film „Neruda“ (ab 23. Februar in unseren Kinos) benutze Pablo Larrain eine ähnlich Konstruktion, indem er seine Geschichte auf mehreren Ebenen und verschiedenen Perspektiven erzählt. Allerdings mit einem ungleich befriedigenderem Ergebnis als in seinem fragmentarischen, bewusst immer wieder Erzählerwartungen und -konventionen brechendem US-Debüt „Jackie: Die First Lady“.
Dabei hätte man aus der Prämisse viel machen können: die auf wenige Tage und ein Ereignis kondensierte Geschichte einer Frau, die mit dem Tod ihres Mannes zurecht kommen muss und die Geschichte einer Frau, die versucht, das Erbe ihres Mannes zu bewahren. Dafür muss sie zuerst erklären, was sein Vermächtnis sein wird. Natürlich gegen Widerstände. Je mehr, desto besser.
In „Jackie“ wird allerdings genau diese Geschichte nicht erzählt. Schon die Konstruktion mit ihrer Erzählung gegenüber dem Reporter, der einfach nur ihre Worte niederschreibt und der daneben nur als schulbubenhafter Stichwortgeber fungiert, muss Jackie Kennedy (später Onassis, aber das ist ein anderer Film) gegen keine Widerstände kämpfen.
Das gleiche gilt für ihre Erzählung der Tage nach dem Tod ihres Mannes. Alle sind furchtbar besorgt. Alle versuchen, ihr zu helfen. Einige Staatsgeschäfte gehen weiter, weil sie weitergehen müssen. Wie, kurz nach dem Attentat, im Präsidentenflugzeug, die Vereidigung von Lyndon B. Johnson (John Carroll Lynch) als Kennedys Nachfolger. Johnson zieht sich dann, mit zerknautschem Gesicht zurück, während Jackie die Trauerfeierlichkeiten ihres Mannes organisiert. Dabei wird sie von einer Entourage umlagert, die sie von der Öffentlichkeit abschirmt und ihr jeden Wunsch erfüllt. Ohne Widerworte. Sie sind letztendlich Dienstboten und Butler, die, wie in einem Nobelhotel, dem Gast jeden auch noch so absurden Wunsch erfüllen und sich auch durch Stimmungsschwankungen (und Jackie hat viele, sehr viele Stimmungsschwankungen) und Meinungsänderungen (dito) nicht irritieren lassen, sondern mit einem nonchalanten „Kein Problem, Madam.“ quittieren. Auch Johnson und Kennedys Familie lassen sie gewähren, wenn sie das Weiße Haus zum neuen Camelot verklärt.
Drama oder Interesse an den Zielen von Jackie Kennedy entsteht so nicht.
Und so erschöpft sich das Interesse an „Jackie“ schnell an einem Studium der Kleider (sie war für ihren Stil bekannt), der Innenausstattung und der bekannten Schauspieler. So ist der am 25. Januar 2017 verstorbene John Hurt als Priester und Vertrauter von Jackie Kennedy in einem seiner letzten Leinwandauftritte zu sehen.
Natalie Portman, die für ihre Interpretation von Jackie Kennedy viel Lob, Preise und Nominierungen (zuletzt für den Oscar) erhielt, überzeugt mich dagegen absolut nicht. Viel zu sprunghaft und erratisch ist ihr Verhalten zwischen verwöhnter Prinzessin auf der Erbse, von Trauer geschüttelter Witwe und eiskalter Nachlassverwalterin des Erbes ihres Mannes, wie sie es gerne hätte. Das scheint dann nicht eine, sondern drei vollkommen verschiedene Personen zu sein. Insofern ist Portmans Jackie Kennedy eine bewusst auf Distanz angelegte Interpretation der realen Person, die sich in den essayistisch-fragmentarischen Stil des Films einfügt.
Nach dem grandiosen „Neruda“ ist „Jackie“ eine ziemliche Enttäuschung.
Jackie: Die First Lady (Jackie, USA 2016)
Regie: Pablo Larrain
Drehbuch: Noah Oppenheim
mit Natalie Portman, Peter Sarsgaard, Greta Gerwig, Billy Crudup, John Hurt, John Carroll Lynch, Beth Grant, Richard E. Grant, Max Casaella, Caspar Phillipson
Vermisst (USA 1982, Regie: Constantin Costa-Gavras)
Drehbuch: Constantin Costa-Gavras, Donald Stewart, John Nichols (ungenannt)
LV: Thomas Hauser: The Execution of Charles Horman: An American Sacrifice, 1978
Ein Vater (Typ: treu-patriotischer US-amerikanischer Staatsbürger) sucht mit seiner Schwiegertochter in Chile seinen spurlos verschwundenen Sohn, der dort als Journalist arbeitete.
Costa-Gavras erster Hollywood-Film basiert auf dem Schicksal des Journalisten Charles Horman, der 1973 in Chile herausgefunden hatte, dass die amerikanische Regierung am Pinochet-Putsch gegen Salvador Allende beteiligt war.
„Aus dieser authentischen Geschichte macht Costa-Gavras einem spannenden, auch einem breiteren Publikum zugänglichen Film.“ (Fischer Film Almanach 1983)
„Vermisst“ erhielt eine halbe Golden Palme in Cannes, war für den Oscar als bester Film nominiert und das Drehbuch erhielt einen Oscar, einen BAFTA-Award und den Preis der Writers Guild of America.
mit Jack Lemmon, Sissy Spacek, Melanie John Shea, Charles Cioffi, Ricard Venture
Wer ein gutes Namensgedächtnis hat, hat jetzt alle nötigen Informationen, um sich auf den Weg ins Kino zu machen. Denn „Suburra“ basiert auf einem Roman von Giancarlo de Cataldo und Carlo Bonini, die bereits in mehreren hochgelobten Romanen eine inzwischen Jahrzehnte umspannende Chronik über römische Gangsterbanden und die Verstrickungen von ihnen mit der Politik schrieben. Giancarlo de Cataldo schrieb auch „Romanzo Criminale“ über die Magliana-Verbrecherbande, die in den siebziger und achtziger Jahren Rom beherrschte.
Stefano Sollima war der Regisseur der TV-Serie „Romanzo Criminale“ und, später, der TV-Serie „Gomorrha“ (die auf Roberto Savianos Tatsachenroman über die neapolitanische Mafia basiert) und des Polizeidramas „ACAB – All Cops are Bastards“, das auf dem Roman von Carlo Bonini basiert. Derzeit dreht Sollima „Soldado“, die Fortsetzung von „Sicario“. Das fällt dann wohl in die Kategorie: anderer Schauplatz, gleiches Thema.
„Suburra“ erzählt dann die Geschichte von „Romanzo Criminale“ weiter. Jedenfalls insofern, dass der Film in Rom spielt und er wieder ein Porträt der Organisierten Kriminalität ist. In dem Roman gibt es dann auch einige sehr kurze Verweise auf die aus „Romazo Criminale“ bekannten und verstorbenen Bandenchefs.
In „Suburra“ plant der Samurai, der skrupellose Kopf des Verbrechens in Rom mit guten Verbindungen in die Wirtschaft und Politik, ein großes Bauprojekt, bei dem alle viel Geld verdienen können und einige Habenichts gegen ihren Willen, mehr oder weniger handgreiflich, umgesiedelt werden.
Aufgrund der Größe und der notwendigen Baugenehmigungen sind auch die Politik und die katholische Kirche involviert. Und das einzige, was der Samurai im Moment nicht gebrauchen kann, ist Unruhe und unerwünschte Aufmerksamkeit von der Polizei, der Presse und der Öffentlichkeit.
Als während einer kleinen Orgie in einem Nobel-Hotelzimmer eine von dem konservativen Abgeordneten Filippo Malgradi (im Roman Pericle Malgradi, „ein Musterbeispiel christlicher Lebensführung“) bezahlte minderjährige Prostituierte an einer Überdosis stirbt, beginnt eine Kette von Ereignissen, die Samurais Pläne gefährdet.
Sollima erzählt diese Geschichte, die in einer Woche im November 2011 spielt, bildgewaltig und mit großem epischen Atem. Dabei hat er mit seinen Drehbuchautoren Carlo Bonini, Giancarlo de Cataldo, Sandro Petraglia und Stefano Rulli (beide ebenfalls das Buch für den Spielfilm „Romanzo Criminale“ und mehrere Episoden für die legendäre TV-Serie „Allein gegen die Mafia“) das Dickicht der Personen und Handlungsstränge des Romans zurechtgestutzt, ohne es zu übermäßig zu vereinfachen. Es gibt immer noch viele Personen und viele Handlungsstränge, die sich langsam miteinander verknüpfen und gegenseitig beeinflussen. Meist, immerhin ist „Suburra“ ein Noir, in Richtung Abgrund. Nicht umsonst werden die Tage bis zur Apokalypse immer wieder eingeblendet.
Das ist großes Kino, das wegen seiner Bilder (Rom bietet halt immer einiges für das Auge) auf der großen Leinwand seinen vollen Reiz entfaltet.
Der Roman liest sich dagegen wie eine faktenversessene Reportage, die auf ausführlichen Recherchen (de Cataldo ist Richter, Bonini Investigativ-Journalist) basiert und wirklich keine Ecke des römischen Sumpfes und der Verflechtungen zwischen den verschiedenen Ebenen, Hierarchien, Personen und Organisationen unbeleuchtet lassen will. Für Italiener, die die Hintergründe, Personen (auch wenn sie im Roman andere Namen haben) und Anspielungen kennen, wird sich „Suburra“ wie eine lange Reportage lesen. Für uns ist das Geflecht des Enthüllungsromans mit den vielen handelnden Personen oft mühsam zu durchschauen.
In der aktuellen Ausgabe des Romans bei Heyne Hardcore gibt es daher dankenswerterweise auf der zweiten Umschlagseite ein Namensverzeichnis mit 37 Namen und etliche namenlose „Sonstige“.
Die bedächtige Erzählweise des Spielfilms und die vielen Personen erinnern dann an eine TV-Serie. Und die ist auch geplant. Für Netflix soll dieses Jahr die Geschichte von „Suburra“ weiter erzählen werden. Und das könnte wieder eine Serie sein, die man sich ansehen muss.
Suburra (Suburra, Frankreich/Italien 2015)
Regie: Stefano Sollima
Drehbuch: Carlo Bonini, Giancarlo de Cataldo, Sandro Petraglia, Stefano Rulli
LV: Giancarlo de Cataldo/Carlo Bonini: Suburra, 2013 (Suburra)
mit Pierfrancesco Favino, Elio Germano, Claudio Amendola, Alessandro Borghi, Greta Scarano, Giuila Elettra Gorietti, Antonello Fassari, Jean-Hugues Anglade
Arte, 20.15 Der Pate II (USA 1974, Regie: Francis Ford Coppola)
Drehbuch: Mario Puzo, Francis Ford Coppola
Sozusagen Pre- und Sequel zu „Der Pate“: Michael Corleone, jetzt das Familienoberhaupt, plant einen Casino-Deal auf Kuba. Und dazwischen wird der Aufstieg von Vito Corleone erzählt.
Die Fortsetzung von „Der Pate“ ist länger und mindestens genauso gut wie der erste Film. Für viele ist der zweite Pate-Film sogar noch besser (ich bin da unentschlossen). Außerdem wird „Der Pate II“ immer als Beispiel herangezogen für die These, Fortsetzungen seien besser als die Originale.
„Der Pate II“ erhielt mehrere Oscars: Bester Film, Beste Regie, Bestes Drehbuch, Bester Nebendarsteller (Robert de Niro), Beste Filmmusik (Nino Rota, Carmine Coppola), beste Ausstattung.
Mit Al Pacino, Robert De Niro, Robert Duvall, Diane Keaton, Lee Strasberg (ja, der Schauspiellehrer), John Cazale, Talia Shire, James Caan, Harry Dean Stanton, Danny Aiello
Auf einem Shopping-Mall-Parkplatz steigt Kevin Wendell Crumb (James McAvoy) in ein Auto ein und betäubt die drei in ihm sitzenden Schülerinnen. In einem Zimmer wachen Casey (Anya Taylor-Joy), Marcia (Jessica Sula) und Claire (Haley Lu Richardson) auf. Noch während sie überlegen, wie sie sich gegen ihren Entführer wehren und flüchten können, bemerken sie, dass der hochgradig gestört ist.
Seine Psychiaterin Dr. Fletcher (Betty Buckley) hat bis jetzt insgesamt dreiundzwanzig Persönlichkeiten (von denen wir im Film nur einige sehen) bei ihm diagnostiziert. Und mindestens eine weitere Persönlichkeit verbirgt Kevin vor ihr.
„The Sixt Sense“- und „Unbreakable – Unzerbrechlich“-Regisseur M. Night Shyamalans neuer Film „Split“ entstand wie sein letzter Film „The Visit“ für Blumhouse Productions, die vor allem für ultrabillige Horrorfilme bekannt ist. Nachdem Shyamalans vorherige Film Flops waren, kam „The Visit“ bei der Kritik ganz gut an und spielte auch seine Kosten locker ein. Das wird bei seiner zweiten Zusammenarbeit mit Blumhouse Productions, der weitere folgen können, ebenfalls kein Problem sein. Schließlich konzentriert sich die Geschichte auf wenige Schauplätze und Schauspieler.
„Split“ ist vor allem eine schauspielerische Leistungsschau für James McAvoy. Er spielt insgesamt acht verschiedene Persönlichkeiten, die alle mehr oder weniger verrückt sind, ohne sie zu Parodien zu machen. Eine von Kevins Persönlichkeiten ist ein Kind, eine andere eine Frau. Bedrohlich sind sie alle. Auch weil das Motiv und die Absichten von Kevin im Dunkeln bleiben.
Und trotzdem überzeugt „Split“ nicht restlos. Mit gut zwei Stunden Laufzeit ist das kleine B-Picture eine halbe Stunde zu lang geraten. Der Thriller ist nämlich in erster Linie eine Charakterstudie, in der James McAvoy brillieren kann. Die Story plätschert dagegen, gestreckt um Rückblenden in Caseys Kindheit und lange Analysen von Kevins Psychiaterin, die seinen Fall von massiver dissoziativer Identitätsstörung gerne der Wissenschaftler-Gemeinde vorstellen möchte, vor sich hin. Dabei bringen die Subplots, vor allem in der präsentierten epischen Länge, den Hauptplot nicht voran. Es sind schlecht integrierte Red Herrings. Auch das halb offene Ende des Films hat nicht die Qualität des Endes von „The Sixth Sense“ oder „Die üblichen Verdächtigen“. Da wollte man sich nach dem überraschenden Ende den Film gleich noch einmal ansehen, um all die beim ersten Mal übersehenen Hinweise auf die Lösung zu sehen. Das wird einem bei „Split“ nicht passieren.
Bis auf zwei Enthüllungen am Ende (einmal der Schauplatz, einmal ein Cameo), die der Geschichte eine neue Dimension verleihen können, erzählt Shyamalan in seinem neuesten Film nur die altvertraute Geschichte von dem Irren, der Mädchen entführt.
Das ist nicht schlecht und hat auch eine angenehm altmodische Ausstrahlung. Aber nur in wenigen Momenten erreicht „Split“ die verstörende Intensität alter B-Pictures, von denen Shyamalan sich inspirieren ließ.
Split (Split, USA 2017)
Regie: M. Night Shyamalan
Drehbuch: M. Night Shyamalan
mit James McAvoy, Anya Taylor-Joy, Betty Buckley, Haley Lu Richardson, Jessica Sula, Brad William Henke, Sebastian Arcelus, Neal Huff
Alice (Milla Jovovich) kehrt zurück und in den ersten Minuten des neuen „Resident Evil“-Films gibt es, wie gewohnt, eine kurze Zusammenfassung der vorherigen Filme. Wobei dieses Mal einige Dinge anders erzählt werden, als wir es in der Erinnerung haben. Dr. Isaacs (Iain Glen) ist jetzt nicht mehr nur ein Gegenspieler von Alice, sondern der Chef der Umbrella Corporation und, als Firmenchef, der Verantwortliche für die Freisetzung des gefährlichen T-Virus, der die Menschheit seit dem ersten „Resident Evil“-Film vor fünfzehn Jahren ziemlich global vernichtete. Die meisten Menschen starben oder wurden zu Zombies. Die Erde wurde zu einer „Mad Max“-Endzeitwüste. Mit dem aus diesen Filmen vertrautem Kleidungsstil.
Jetzt, also in genau 48 Stunden, plant Dr. Isaacs seinen letzten Schlag mit dem er die Restmenschheit auslöschen will. Nur einige Auserwählte sollen die Katastrophe im Hive, dem unterirdischen Versteck und Riesenforschungslabor der Umbrella Corporation in Raccoon City, überleben.
Alice erfährt davon und hat zwei Tage, um nach Raccoon City zu kommen und die Katastrophe zu verhindern. Dummerweise ist das Land immer noch die „Mad Max“-Einöde der vorherigen Filme, die mit Zombies und meist höchst böswilligen Menschen bevölkert ist. Und in Raccoon City, dem Ort, an dem alles begann, wird sie bereits erwartet.
Der sechste „Resident Evil“-Film heißt „The Final Chapter“ und es soll auch wirklich das letzte Kapitel, der letzte Film sein. Obwohl von einen siebten Teil und einer TV-Serie gemunkelt wird und der Film sich, wie die vorherigen Filme, die Möglichkeit für einen weiteren Film offen hält. Dafür sprächen auch die nackten Zahlen – bis jetzt haben die „Resident Evil“-Filme weltweit eine knappe Milliarde Dollar eingespielt – und dass Milla Jovovichs Filmkarriere „Resident Evil“ ist. Warum sollte sie sie beenden?
Natürlich werden in „Resident Evil: The Final Chapter“ Fragen aus den vorherigen Filmen, die wir nicht hatten, beantwortet. Natürlich werden lose Fäden aus vorherigen Filmen zusammengeführt. Allerdings eher solala. Und Natürlich gibt es ein Ende, eine Erklärung für die bisherigen Ereignisse, für Alices bunte Biographie und ihre fehlende Erinnerung an die Zeit vor dem ersten „Resident Evil“-Film. Aber dieses Ende ist dann eher wie das Ende von „Star Wars Episode III: Die Rache der Sith“ (das ist der Film, in dem Anakin Skywalker zu Darth Vader wird): ein Ende, das ein Anfang ist.
Deshalb wirkt „The Final Chapter“ nie wie ein Abschluss, sondern von der ersten bis zur letzten Minute nur wie ein weiteres Kapitel im unendlichen Kampf von Alice gegen die Umbrella Corporation. Mit, wie immer, vielen bekannten Gesichtern aus den früheren Filmen, und einer Story, die nicht mehr als die Fassade für die Action sein will.
Das knüpft dann vor allem an Serials wie „Flash Gordon“ an und kann als Trash-Variante des Autorenkinos gesehen werden. Denn Paul W. S. Anderson ist als Regisseur, Drehbuchautor und einer der Produzenten für alles verantwortlich und es ist schon beachtlich, wie sehr er die Filme ineinander übergehen lässt (indem der nächste Film immer unmittelbar an den vorherigen anknüpft), Schauspieler immer wieder engagiert und Rückblenden zu den früheren Filmen einfügt. Da entsteht dann eine bei Spielfilmen selten gesehene Kontinuität. Vor allem wenn diese Filme über einen Zeitraum von fünfzehn Jahren und unabhängig voneinander gedreht, zweimal sogar von anderen Regisseuren, werden. Mit seiner Frau Milla Jovovich setzt Anderson seine Vision kompromisslos um.
Genau wie die „Underworld“-Filme (das andere langlebige Franchise, das einer Schauspielerin viel Geld bringt) sind die „Resident Evil“-Filme dann am besten, wenn sie sich, umstellt von plakativ präsentierten filmischen Anspielungen, auf die Action konzentrieren. Diese Action ist, wie in den vorherigen „Resident Evil“-Filmen eher ein Schnipselgewitter als wirklich nachvollziehbar. Aber sie hat ihre Momente und Bilder. Und es hat schon etwas, wenn Alice in wenigen Sekunden eine halbe Armee schwerbewaffneter Männer tötet.
Damit bietet „Resident Evil: The Final Chapter“ das, was die Fans wollen: Milla Jovovich und viel Action. Der Rest ist Dekoration, bei der vor allem Iain Glen als Bösewicht gefällt. Natürlich in 3D und, wenn ihre eine vollkommen bescheuerte Entschuldigung für den nächsten Berlin-Besuch braucht, im IMAX.
Alle anderen, die schon dankend auf die vorherigen „Resident Evil“-Filme, verzichteten, können auch das letzte Kapitel ignorieren. Es unterscheidet sich höchstens graduell von den vorherigen Filmen, die als gehirnbefreites, logikfreies Popcorn-Kino ohne erkennbare Ansprüche durchaus ihre unterhaltsamen Momente hatten.
Resident Evil: The Final Chapter (Resident Evil: The Final Chapter, USA 2016)
Regie: Paul W. S. Anderson
Drehbuch: Paul W. S. Anderson
mit Milla Jovovich, Iain Glen, Ali Larter, Shawn Roberts, Ruby Rose, Eoin Macken, William Levy, Fraser James, Lee Joon-ki
Wim Wenders verfilmt Peter Handke. Wieder einmal. Schon als Student drehte er 1969 mit Peter Handke den Kurzfilm „3 amerikanische LP’s“. Sein erster Spielfilm „Die Angst des Tormanns vor dem Elfmeter“ (1972) basiert auf Handkes gleichnamigem Roman und Handke schrieb mit ihm die Dialoge. Für „Falsche Bewegung“ (1975), einen seiner frühen Erfolge, schrieb Handke, frei nach Johann Wolfgang Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, das Drehbuch. „Der Himmel über Berlin“ (1987), für den sie gemeinsam das Drehbuch schrieben, war ein weltweiter Erfolg, der sogar ein Hollywood-Remake erhielt.
Jetzt, nach jahrelanger Handke-Abstinenz, verfilmte Wenders dessen Theaterstück „Die schönen Tage von Aranjuez“ mit zwei großen und einigen kleineren Ergänzungen. Eine der kleinen Ergänzungen ist die Jukebox, die einerseits schon in Wenders‘ Studentenfilmen (und in „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“) verewigt ist, andererseits an Handkes Erzählung „Versuch über die Jukebox“ erinnert. Wenders hat sie als Hommage an diese Erzählung in den Film eingebaut und deshalb steht in der Villa des Schriftstellers eine heute vollkommen unmoderne und auch unpraktische Wurlitzer. Damit kommen wir zur ersten großen Veränderung: Wenders bettet Handkes Stück in eine Rahmenhandlung ein. Dafür erfand er einen Schriftsteller, den es im Stück nicht gibt.
Der Schriftsteller (Jens Harzer) beobachtet aus seinem Arbeitszimmer heraus zwei Menschen, die sich unterhalten. Das Gespräch zwischen ihnen ist dann Handkes auf französisch geschriebenes Theaterstück „Die schönen Tage von Aranjuez“, das er einen „Sommerdialog“ nennt und in dem der Mann (Reta Kateb) und die Frau (Sophie Semin, Handkes Ehefrau) sich, nach vorher abgesprochenen Regeln, über ihre Sexualerlebnisse und seine Tage in Aranjuez unterhalten, garniert mit Bemerkungen von ihm über Obst, Bäume und Vögel. Allerdings ohne jemals wirklich konkret zu werden. Fast alles bleibt im Ungefähren und vieles an dem Dialog verläuft tastend, so als wisse der Autor nicht, wohin das Gespräch sich entwickeln soll.
In dem Film ist schnell deutlich, dass der Mann und die Frau, die beide keinen Namen haben, nur in der Fantasie des ebenfalls namenlosen Schriftstellers existieren. Und dass die Regeln – keine einsilbigen Antworten, kein Wort von Gewalt, keine Aktion, keine Handlung, sondern nur Dialog – von dem Autor selbst auferlegte Beschränkungen bei einer Schreibübung sind, in der der Mann mehr über die Sexualität der Frau, die nur in der Phantasie des Schriftstellers existiert, erfahren will. Deshalb fragt er auch als erster nach ihrem ersten sexuellen Erlebnis: „Das erste Mal, du mit einem Mann, wie ist das gewesen?“
Als Lektüre funktioniert diese Idee auch gut. Im Film weniger bis überhaupt nicht. Das beginnt mit Reta Kateb und Sophia Semin, die den Mann und die Frau spielen. Wobei spielen übertrieben ist, weil sie nicht spielen, sondern einfach nur in einem Garten auf einer Terrasse an einem Tisch sitzen, sich nicht bewegen. Sie reden in einem immergleichen monotonen Tonfall, der nicht vom Text ablenken soll, aber einschläfernd ist. Auch weil der Dialog keine Handlung und keine erkennbare Richtung hat, sondern mäandernd, mehr oder weniger konsequent, um einige Punkte kreist.
In seiner Regie spiegelt Wim Wenders dann diese Idee. Auch die Kamera folgt den Regeln, die Handke seinen beiden Redenden auferlegt: sie bewegt sich nicht. Benoit Debie nimmt einfach die beiden Redenden auf. Meistens über Minuten ohne einen Schnitt und oft in einer Totalen, in der der Mann und die Frau, am Tisch sitzend, im Bild sind. Damit verstärken die Kamera und der Schnitt die einschläfernde Tendenz des Textes.
Da hilft – und das ist die zweite große Änderung – der Auftritt von Nick Cave als Nick Cave, der am Flügel sein Liebeslied „Into my Arms“ singt, nicht. Nick Cave gibt es nicht in Handkes Stück, aber langjährige Wenders-Fans sind Nick Cave bereits öfter begegnet. Zuerst in „Der Himmel über Berlin“, als Cave mit den Bad Seeds live auftrat.
Auch in „Die schönen Tage von Aranjuez“ hat die Musik eine wichtige, das Stück kommentierende Rolle; beginnend mit Lou Reeds „Perfect Day“, der mit Bildern von menschenleeren Pariser Straßen und Parks illustriert wird, und endend mit Gus Blacks „The World is on Fire“. Wenders und Handke ohne Musik ist halt nur die halbe Miete. Jedenfalls in einem Wenders-Film.
Trotzdem funktioniert „Die schönen Tage von Aranjuez“, mal wieder in 3D gefilmt, als Film nicht. Er hat den Charme eines Standbildes, das man sich gut hundert Minuten ansehen muss und dem Begriff „Langeweile“ ungeahnte Dimensionen verleiht. Vor allem wenn man mit Handkes Prosa nichts anfangen kann. Denn Wenders‘ Film ist nur die statische Illustration des Textes.
Deshalb wäre die beste Präsentation des Filmes wahrscheinlich ein illustriertes Filmbuch. Dann könnte man sich an den Bildern erfreuen und den Text so lesen, wie man ihn lesen möchte.
Die schönen Tage von Aranjuez (Les beaux jours d‘ Aranjuez, Deutschland/Frankreich 2016)
Regie: Wim Wenders
Drehbuch: Wim Wenders
LV: Peter Handke: Die schönen Tage von Aranjuez – Ein Sommerdialog, 2012 (Theaterstück)
mit Reta Kateb, Sophie Semin, Jens Harzer, Nick Cave
Länge: 98 Minuten
FSK: ab 0 Jahre
–
Die Vorlage
Peter Handke: Die schönen Tage von Aranjuez – Ein Sommerdialog
Kunstauktionator Simon versteckt während eines Überfalls ein wertvolles Goya-Gemälde. Weil er durch einen Schlag auf den Kopf sein Gedächtnis verloren hat und die Gangster das Gemälde unbedingt wollen, soll eine Hypnotiseurin bei der Wiederbeschaffung helfen.
Nichts, aber auch wirklich nichts ist so, wie es scheint.
Herrlich vertrackter Noir von Danny Boyle, der für meinen Geschmack schon etwas zu vertrackt wird.
Am 16. Februar startet bei uns Danny Boyles neuer Film „T2 Trainspotting“, der – yep, richtig geraten – nach zwanzig Jahren die Geschichte von „Trainspotting“ weitererzählt und wir erfahren, was aus den „Trainspotting“-Jungs wurde. Denn: the boys are back in town.
Der Trailer sieht gut aus. Die ersten Besprechungen tendieren, gebremst begeistert, zum Daumen nach oben. Jedenfalls erreicht der Film bei „Rotten Tomatoes“ derzeit einen Frischegrad von 79 %. :
Der Film basiert, wahrscheinlich sehr, sehr lose auf Irvine Welshs „Porno“. Schließlich schrieb Welsch den Roman, der die Geschichte von „Trainspotting“ weiter erzählt, bereits 2002 und sie spielt zehn Jahre nach seinem 1993 publiziertem Debütroman „Trainspotting“. In dem Roman versuchen die Jungs in der Zeit vor Facebook und YouPorn ihr Glück in der Pornoindustrie und, nun, einiges verläuft anders als geplant.
Was genau schief läuft, könnt ihr in der Neuausgabe des Romans nachlesen.
Irvine Welsh: Porno
(übersetzt von Clara Drechsler und Harald Hellmann)
Dass Selfmade-Millionär Mike Regan (Pierce Brosnan) einen gewaltigen Fehler begeht, als er den 28-jährigen IT-Praktikanten Ed Porter (James Frecheville) bittet, nach dem WLAN in seinem Haus zu gucken, wissen erfahrene Thriller-Fans. Denn selbstverständlich optimiert Porter auch gleich noch den Rest des Smart Homes. Danach kann er die Regans heimlich beobachten. Ebenso selbstverständlich hält Porter die Einladung von Regan zu einem Bier für den Beginn einer großen Freundschaft. Er nähert sich auch Regans 17-jähriger Tochter.
Als Regan ihm dann sehr unmissverständlich die Tür weist, beginnt Porter das Leben der Regans auf den Kopf zu stellen. Beginnend mit falschen Anschuldigungen bei der US-Börsenaufsichtsbehörde, die Regans Firma „Regan Aviation“ in den Ruin treiben könnten.
Irgendeinen Innovationspokal wird „Hacked – Kein Leben ist sicher“ nicht erhalten. Dafür verläuft die von Dan Kay („Timber Falls“) und William Wisher („Terminator 2“, „Judge Dredd“) geschriebene Geschichte dann doch zu sehr in den gewohnten Bahnen. Daran ändern auch zeitgemäße Updates, wie Regans Smart Home mit all seinen Möglichkeiten zu einer Verletzung seiner Privatsphäre oder ein kleiner Zugriff auf Regans fahrendes Auto, nichts. Am Ende geht es, wie schon im Wilden Westen, um den mit bloßen Händen ausgetragenen Kampf von Mann gegen Mann. „Max Payne“- und „Stirb langsam – Ein guter Tag zum Sterben“-Regisseur John Moore, der dieses Mal auf ein größeres Budget und dadurch mögliche Zerstörungsorgien verzichten musste, inszeniert unauffällig und die Stars – neben Brosnan und Frecheville sind Anna Friel und Michael Nyqvist dabei – fallen nicht weiter auf.
„Hacked“ ist halt der professionell gemachte verhängnisvolle Affäre des Monats, dieses Mal mit etwas Computervoodoo abgeschmeckt.
Das ebenso unauffällige Bonusmaterial der DVD besteht aus einem knapp achtiminütigem Making-of und einer fast siebzehnminütigen, selbstablaufenden, stummen Bildergalerie mit Filmbildern.
Hacked – Kein Leben ist sicher (I. T., USA/Frankreich/Irland/Dänemark 2016)
Regie: John Moore
Drehbuch: Dan Kay, William Wisher (nach einer Geschichte von Dan Kay)
mit Pierce Brosnan, James Frecheville, Anna Friel, Michael Nyqvist, Stefanie Scott, Adam Fergus, Jason Barry
–
DVD
Koch Media
Bild: 2.35:1 (16:9)
Ton: Deutsch (Dolby Digital 5.1, Dolby Digital 2.0 [TV-Mix]), Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Hinter den Kulissen, Deutscher und Originaltrailer, Bildergalerie
Dass Stanley Kubrick die Mondladung inszenierte, ist natürlich Quatsch. Immerhin lebte der Regisseur von „2001“ schon damals in England und wenn er sich überhaupt daran beteiligt hätte, dann hätte er die Mondladung für Großbritannien inszeniert.
Außerdem war es in Wirklichkeit ganz anders. Wie die jetzt aufgetauchten Bilder von „Operation Avalanche“ zeigen, wurde die Mondlandung von zwei jungen CIA-Agenten inszeniert. Sie wurden als Dokumentarfilmer zur NASA geschickt, um einen russischen Geheimagenten zu finden. Dabei erfahren sie, dass die NASA frühestens in den siebziger Jahren Menschen vom Mond wieder zurück bringen kann. In diesem Jahrzehnt könnten sie die Astronauten nur zum Mond bringen. Aber Präsident John F. Kennedy hat den Amerikanern versprochen, dass noch in den Sechzigern ein Amerikaner den Mond betreten wird.
Matt Johnson, der Kopf der beiden CIA-Agenten und fanatischer Filmfan, verfällt auf eine wahnwitzige Idee: sie werden die Mondlandung inszenieren und der gesamten Welt eine Charade vorspielen. Es gibt nur zwei, drei Probleme: Er muss seine Vorgesetzten überzeugen (und die die NASA). Und er muss die Mondlandung und alle Ereignisse auf dem Mond inszenieren. Und zwar so, dass niemandem der Schwindel auffällt.
Und natürlich – ich verrate euch jetzt ein Geheimnis! – war es auch nicht so, wie „Operation Avalanche“ behauptet. Denn der Film von Matt Johnson ist eine Mockumentary, in der er selbst die Hauptrolle übernahm. So wurde das Team bei den Dreharbeiten kleiner und sie konnten in den NASA-Gebäuden und an anderen Orten unerkannt drehen. Schließlich waren sie, so die Legende, die ihnen Türen öffnete, nur einige Filmstudenten, die einen Dokumentarfilm drehten.
„Operation Avalanche“ ist vor allem ein großer, im Sechziger-Jahre-Zeitgefühl badender Spaß für Filmfreaks und vernünftige Fans von Verschwörungstheorien (also den Menschen, die Fakten und Fiktion trennen können). Daran ändert auch das etwas schwächelnde Ende nichts. Das folgt nämlich, nachdem während des gesamten Films die Konventionen des Verschwörungsthriller ignoriert wurden, zu sehr diesen allseits bekannten Konventionen.
Nervig bei der Mockumentary ist der Pseudo-Doku-Stil mit exzessiver Wackelkamera und Unschärfen, die aus dem „The Blair Witch Project“ ein Meisterwerk konventioneller Kameraführung werden lässt. Hier wäre weniger eindeutig mehr gewesen.
Sehr informativ ist das knapp fünfzehnminütige exklusive Interview mit Matt Johnson während des Zurich Film Festivals, in dem er auf die Inspirationen für den Film, die Dreharbeiten, die Wahrscheinlichkeit einer Verschwörung eingeht und erklärt, warum die Mondlandung nicht gefälscht wurde und auch nicht gefälscht werden konnte.