In der Zukunft lassen Fans sich Viren von erkrankten Prominenten injizieren. Als ein Supermodel an einem Virus stirbt, sind auch alle Menschen, die eine Injektion mit ihren Krankheitserregern erhielten, in Gefahr. Und Syd March, der neben seiner Arbeit in der Klinik einen blühenden illegalen Handel betreibt, ist in Teufels Küche.
TV-Premiere. Spielfilmdebüt von Brandon Cronenberg, dem Sohn von David Cronenberg, der einen offensichtlich großen Einfluss auf seinen Sohn hatte. Das Ergebnis ist Body-Horror mit satirischen Ansätzen, der neugierig auf seine weiteren Arbeiten machte.
mit Caleb Landry Jones, Sarah Gadon, Douglas Smith, Joe Pingue, Nicholas Campbell, Sheila McCarthy, Wendy Crewson, Malcolm McDowell
Rififi (Du rififi chez les hommes, Frankreich 1954)
Regie: Jules Dassin
Drehbuch: René Wheeler, Jules Dassin, Auguste le Breton
LV: Auguste le Breton: Du rififi chez les hommes, 1953
Kaum draußen aus dem Gefängnis plant Toni zusammen mit seinen Freunden Jo und Mario den Einbruch in ein Juweliergeschäft. Der Einbruch gelingt. Dann kommt ihnen eine rivalisierende Bande auf die Spur.
Mit „Rififi“ begründete Dassin das Caper-Movie: ein Film, bei dem die Planung und Durchführung eines Einbruches mit Mittelpunkt steht. „Dassins Film wirkt ein wenig wie die Synthese aus seinen eigenen realistischen Kriminalfilmen aus Hollywood, das er der antikommunistischten Hexenjagden McCarthys wegen hatte verlassen müssen, und den französischen Filmen aus der Tradition des Poetischen Realismus. Dabei potenziert sich der Pessimismus so sehr wie die Stilisierung: In einer halbstündigen Sequenz, in der der technische Vorgang des Einbruchs gezeigt wird, gibt es weder Dialoge noch Musikuntermalung. Die technische Präzision, die fast ein wenig feierlich zelebriert wird und in der die Männer ganz offensichtlich ihre persönliche Erfüllung finden, mehr als in der Freude über die Beute, steht dabei im Gegensatz zu ihrem fast ein wenig melancholischen Wesen.“ (Georg Seeßlen: Kino der Angst, 1980)
Mit Jean Servais, Carl Möhner, Robert Manuel, Robert Hossein, Perlo Vita (Pseudonym von Dassin)
Die letzte Nacht in Mailand (L’ultima notte di Amore, Italien 2023)
Regie: Andrea Di Stefano
Drehbuch: Andrea Di Stefano
Seit Jahre ist Franco Amore in Mailand Polizist. Nicht einmal musste er seine Schusswaffe benutzen. Das ändert sich in der titelgebenden letzten Nacht vor seinem Ruhestand.
TV-Premiere. Grandioser Cop-Thriller, der sich selbstbewusst in die Tradition des italienischen Kriminalfilms aus den siebziger Jahren stellt und ein zeitgemäßes Update liefert.
Drehbuch: Dana Stevens (nach einer Geschichte von Maria Bello und Dana Stevens)
Afrika, frühes 19. Jahrhundert: die Oyo verkaufen Schwarze als Sklaven an die Weißen. Nancisa (Viola Davis!), Anführerin einer Elite-Kriegerinnen-Kampftruppe, will das ändern.
TV-Premiere. Konventionelles, aber äußerst packend erzähltes, von wahren Ereignissen inspiriertes Drama, bei dem gefällt, wie kompetent die bekannte Geschichte aus weiblicher Perspektive erzählt wird.
Chris Wang ist dreizehn Jahre alt. Youri ist sechzehn Jahre alt. Und wenn Sean Wang in „Dìdi“ und Fanny Liatard und Jérémy Trouilh in „Gagarin – Einmal schwerelos und zurück“ ohne Beschönigungen von Chris‘ und Youris Leben erzählen, bewegen sie sich immer auf Augenhöhe mit ihren Figuren. Ihre Filme sind Filme mit Kindern als Protagonisten, aber keine Kinderfilme; jedenfalls keine dieser für Erwachsene unerträglichen Kinderfilme.
In „Dìdi“ geht es um den taiwanesisch-amerikanischen Jungen Chris Wang, genannt „Wang Wang“. Er lebt 2008 in Fremont, Nordkalifornien, das normale Leben eines Teenagers. Er fetzt sich mit seiner Familie, vor allem mit seiner altklugen Schwester, die sich auf ihr im Herbst beginnendes Studium an der University of California vorbereitet, sucht Schutz bei seiner dickköpfigen Großmutter, versucht sich über sein Verhältnis zu seiner Mutter klar zu werden, treibt Unfug mit seinem besten Freund, sucht Anerkennung in Cliquen, fährt Skateboard und dreht kurze Videos, die er auf Myspace veröffentlicht.
Alltag eben, den Sean Wang in seinem autobiographisch inspiriertem Regiedebüt, ohne einen echten Plot, mit viel Sympathie für seine Figuren, ihre Gefühle und Beziehungen schildert. Er schildert auch die Probleme, die Immigranten und ihre Kinder haben, wenn sie zwischen zwei Kulturen leben und versuchen, respektiertes Mitglied einer anderen Kultur und Gemeinschaft zu werden.
Dídi ist Mandarin. Die wörtliche Bedeutung ist „kleiner Bruder“, aber chinesische Eltern verwenden es auch als Kosewort für ihre jüngeren Söhne.
„Gagarin – Einmal schwerelos und zurück“ hat nur insofern etwas mit dem sowjetischen Kosmonauten Yuri Gagarin zu tun, weil der Film in einem inzwischen abgerissenem Wohnkomplex spielt, der nach ihm benannt wurde. Gagarin war der erste Mensch im Weltraum. Am 12. April 1961 umrundete er einmal die Erde.
Die Gagarin-Hochhaussiedlung wurde in den frühen sechziger Jahren in der Banlieue von Paris errichtet. Damals war das die Utopie von zukunftsträchtigem Wohnen. Schnell wurden die Probleme und Defizite der Architektenutopie deutlich. Am Ende war Gagarin so heruntergekommen, dass ein Abriss günstiger als eine Renovierung des asbestverseuchten Gebäudes war. Dieser Abriss erfolgte 2019. Die Bewohner sollten in andere Wohnkomplexe in Frankreich verteilt werden.
Aber für die Bewohner ist Gagarin Heimat und Bewohner bilden eine Gemeinschaft. Trotzdem ziehen sie nacheinander weg. Nur Youri bleibt. Während um ihn herum das Gebäude langsam abgerissen wird, erbaut er sich in der Mietwohnung eine Raumstation. Er versorgt sich selbst und lebt immer mehr wie ein Weltraumreisender.
„Gagarin – Einmal schwerelos und zurück“ ist eine geglückte Mischung aus dokumentarischem Sozialdrama, Magischem Realismus, wunderschönen, das Gebäude, die Menschen und ihre Gemeinschaft feiernden Kinobildern und, trotz der eigentlich sehr traurigen Geschichte, ein hemmungslos positiver Film.
Die Anfänge für den Film reichen bis in das Jahr 2014 zurück. Damals nahmen Fanny Liatard und Jérémy Trouilh dokumentarische Bilder und Interviews mit den Bewohnern auf. Die Initiative dafür ging von einige Architekten aus, mit denen sie befreundet waren und die über die Möglichkeit einer Zerstörung von Gagarin nachdenken sollten. Fünf Jahre später dokumentierten sie dann die im Film zu sehende Zerstörung von Gagarin.
„Gagarin“ ist eine einzige Liebeserklärung an die Siedlung und ihre aus vielen Ländern, vor allem den früheren französischen Kolonien kommenden, oft armen und arbeitslosen Bewohner. Dieser dokumentarische Teil erdet Youris immer fantastischer werdende Geschichte, während die Kamera durch das Gebäude streift und, in der ersten Hälfte des Films, die Bewohner und ihr Leben zeigt.
Dìdi(Dìdi (弟弟), USA 2024)
Regie: Sean Wang
Drehbuch: Sean Wang
mit Izaac Wang, Joan Chen, Shirley Chen, Chang Li Hua, Mahaela Park, Raul Dial, Aaron Chang, Chiron Cilia Denk
They want me dead (Those who wish me dead, USA/Kanada 2021)
Regie: Taylor Sheridan
Drehbuch: Charles Leavitt, Taylor Sheridan
LV: Michael Koryta: Those who wish me dead, 2014 (Die mir den Tod wünschen)
Feuerspringerin Hannah Faber sitzt als Brandmelderin in Montana im Wald auf einem Wachturm. Während ihres Dienstes entdeckt sie den zwölfjährigen Connor. Der Junge wird von zwei Killern gejagt. Sie will Connor retten. Da zünden die beiden Killer den Wald an.
TV-Premiere (nachdem der Thriller während der Coronavirus-Pandemie seine deutsche Premiere bei Sky als VoD hatte). Die Kritik meint: gut inszenierter und gespielter Old-School-Thriller vor prächtiger Landschaft
mit Angelina Jolie, Finn Little, Nicholas Hoult, Jon Bernthal, Aidan Gillen, Medina Senghore, Jake Weber, Tyler Perry
Zurück in die Vergangenheit geht es mit „Alien: Romulus“, dem neuesten Film des zuletzt arg darbenden „Alien“-Franchise. Fede Alvarez, der Regisseur von „Evil Dead“, „Don’t Breathe“ und „Verschwörung“, übernahm die Regie und er erhielt freie Hand. Wie James Cameron, David Fincher und Jean-Pierre Jeunet, die in ihren „Alien“-Filmen „Aliens: Die Rückkehr“ (1986), „Alien 3“ (1992) und „Alien: Die Wiedergeburt“ (1997) den Filmen ihren künstlerischen Stempel aufdrücken durften und so Ridley Scotts SF-Horrorfilm „Alien“ (1979) mit weitgehend unverbundenen Einzelgeschichten fortführten, darf jetzt Fede Alvarez seine „Alien“-Geschichte erzählen. Chronologisch (als ob das bei diesem Franchise wichtig sei) spielt sein Film zwischen „Alien“ und „Aliens“. Die Geschichte beginnt auf dem von der Weyland-Yutani Corporation betriebenen Bergbauplaneten Jackson’s Star. Die 25-jährige Rain Carradine (Cailee Spaeny) und ihre gleichaltrigen Freunde wollen nicht als Bergarbeiter sterben. Als ein verlassenes Raumschiff, in dem einige für lange Weltraumflüge wichtige Kälteschlafkammern sind, demnächst auf den Planeten stürzen könnte, entschließen sie sich, dorthin zu fliegen, die Kälteschlafkammern zu bergen. Anschließend wollen sie zu einen lebenswerteren Planeten fliegen.
Kurz nachdem sie das Schiff betreten haben, entdecken sie Spuren einiger schwerer Kämpfe auf dem ziemlich zerstörten Schiff. Bei ihrer Erkundung öffnen sie eine Kammer und die uns aus den vorherigen Filmen bekannten Aliens beginnen sie zu jagen. Wer die vorherigen „Alien“-Filme nicht gesehen hat, begreift ebenfalls sehr schnell, dass diese Wesen sehr unangenehme Gesellen sind.
Ab diesem Moment konzentriert Fede Alvarez sich nur noch auf gut abgehangenen Horror. Sein „Alien: Romulus“ ist ein SF-Horrorthriller mit der Betonung auf Thriller. Für die Fans der ersten vier, vor allem des ersten „Alien“-Films gibt es einige hübsche Anspielungen, wie die Schrifteinblendungen am Filmanfang, die im Schiff benutzten Computer (die ungefähr auf dem Stand von 1980 sind) und einen Androiden, der wie der Android Ash (Ian Holm) aus „Alien“ aussieht. In „Alien: Romulus“ darf er als notdürftig wieder in Betrieb genommener, halb zerfetzter Android den Jungspunden die Situation, in die sie hineingeraten sind, erklären. Zu Rains Gruppe gehört selbstverständlich auch ein Android (David Jonsson).
Nach den beiden hoffnungslos verkopften, edel gefilmten Langweilern „Prometheus: Dunkle Zeichen“ (2012) und „Alien: Covenant“ (2017), beide von Ridley Scott inszeniert, ist „Alien: Romulus“ beherzter Schritt zurück zu den Franchise-Anfängen. Und das ist gut so.
Alien: Romulus(Alien: Romulus, USA 2024)
Regie: Fede Alvarez
Drehbuch: Fede Alvarez, Rodo Sayagues (basierend auf von Dan O’Bannon und Ronald Shusett geschaffenen Charakteren)
mit Cailee Spaeny, David Jonsson, Archie Renaux, Isabela Merced, Spike Fearn, Aileen Wu
No Way Out – Es gibt kein Zurück (No way out, USA 1987)
Regie: Roger Donaldson
Drehbuch: Robert Garland
LV: Kenneth Fearing: The big clock, 1946
Offizier Farrell hat eine Affäre mit der Geliebten des Verteidigungsministers. Als sie stirbt, soll Farrell die Spuren vertuschen und den Augenzeugen für die Tat finden: sich.
Enorm spannender Krimi mit Top-Besetzung und überraschenden Story-Twists bis zur letzten Sekunde.
Mit Kevin Costner, Gene Hackman, Sean Young, Will Patton, Howard Duff, George Dzundza, Brad Pitt (ist wohl irgendwann einmal als Partygast zu sehen; ist einer seiner allerersten Filmauftritte)
Die Vorlage für „No Way Out – Es gibt kein Zurück“ erzählt die Geschichte etwas anders. In dem Roman soll George Stroud, Chefredakteur des True-Crime-Magazins „Crimeways“, den Mann suchen, der Pauline Delos nach Hause begleitete. Sein Chef Earl Janoth möchte das. Denn er möchte diesem Mann, den er in der Nacht nur als Schatten gesehen hat, den Mord an seiner Geliebten Pauline Delos anhängen. Janoth ermordete sie in einem Eifersuchtsanfall. Was Janoth nicht ahnt ist, dass Stroud der Mann ist, der Delos nach Hause begleitete.
Unglaublich, aber wahr: die deutsche Erstausgabe von Kenneth Fearings „Die große Uhr“ erschien erst 2023. Im Original erschien der Noir-Roman bereits 1946. Er wurde Fearings erfolgreichstes Werk und gilt schon lange als Noir-Klassiker.
Und es wurde zweimal erfolgreich und sehr unterschiedlich verfilmt. Einmal, nah am Buch, 1947 von John Farrow. Roger Donaldson verlegte 1987 die Geschichte in die Welt der Politik und Spionage. Jetzt ist der Täter der US-Verteidigungsminister und ein hochrangiger Soldat soll den Zeugen/“Täter“ finden. Und beide Male ließen deutsche Verlage die günstige Gelegenheit, den Roman zu veröffentlichen, ungenutzt verstreichen.
Dabei ist der chronologisch, aus verschiedenen Perspektiven und mit verschiedenen Stimmen stringent erzählte Noir immer noch eine beängstigende und spannende Lektüre über einen Mann, der sich selbst jagt und sich als Unschuldiger an den Galgen liefern soll, damit der Schuldige entkommen kann. Eine wahrhaft teuflische Prämisse.
Nach seiner deutschen Erstveröffentlichung stand der Noir zweimal auf der Krimibestenliste.
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Kenneth Fearing: Die große Uhr
(übersetzt von Jakob Vandenberg, mit einem Nachwort von Martin Compart)
Für die vierköpfige Familie Kobayashi ist es ein Freudentag. Endlich können sie aus ihrer in Tokio liegenden beengten Wohnung in ein Einfamilienhaus am Stadtrand umziehen. Aber das Paradies bröckelt schnell. Der Großvater quartiert sich ein und schon wird es eng in der neuen Hütte. Die Kinder verhalten sich zunehmend wahnhaft. Die Tochter denkt nur noch an ein Vorsingen bei einer Plattenfirma. Der Sohn an eine bevorstehende Prüfung. Der Vater, ein ständig hoffnungslos überforderter, von allen drangsalierter Büroangestellter, versucht das Paradies zu retten. Er verteidigt es gegen Termiten und schlägt im Wohnzimmer ein Loch in den Boden. Er will das Haus nach unten erweitern und so Platz für den Großvater schaffen.
Das ist nicht das Ende, sondern nur der Beginn eines zügig aus dem Ruder laufenden Chaos.
1985 lief Sogo Ishiis durchgeknallte Satire „Die Familie mit dem umgekehrten Düsenantrieb“ bereits in unseren Kinos. Danach gab es DVD-Veröffentlichungen und TV-Ausstrahlungen, aber in den vergangenen Jahren verschwand die Satire aus dem öffentlichen Bewusstsein. Jetzt bringt Rapid Eye Movies den Film wieder in die Kinos. Für Mitte Oktober haben sie bereits eine Blu-ray-Veröffentlichung angekündigt.
„Die Familie mit dem umgekehrten Düsenantrieb“ ist, garniert mit einigen Filmzitaten, eine wundervoll hysterische und kompromisslos bis zum, uh, märchenhaften Ende zwischen Slapstick und Horrorfilm durchkomponierte Satire auf den japanischen Way of Life, den Kapitalismus und die Leistungsgesellschaft.
Sogo Ishii inszenierte sie mit einer rotzigen Punk-Attitüde, die sich junge Filmschaffende zum Vorbild nehmen sollten. Anstatt auf ein Millionenbudget zu warten, legte er einfach los. Lieber keinen perfekten Film machen als keinen Film zu machen war anscheinend sein Motto.
In Japan war, jedenfalls vor vierzig Jahren, die Wendung „umgekehrter Düsenantrieb“ ein geflügeltes Wort für plötzlich auftauchenden Irrsinn mit katastrophalen Folgen. Seinen Ursprung hatte es in einem damals einige Jahre zurückliegendem Vorfall: ein Pilot schaltete während des Flugs den Umkehrschub ein. Die Maschine stürzte ab.
Die Familie mit dem umgekehrten Düsenantrieb (逆噴射家族 Gyakufunsha Kazoku, Japan 1984)
Regie: Sogo Ishii
Drehbuch: Yoshinori Kobayashi, Fumio Konami, Sogo Ishii (nach einer Erzählung von Yoshinori Kobayashi)
mit Katsuya Kobayashi, Mitsuko Baisho, Yoshiki Arizono, Youki Kudoh
Länge: 106 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
Internationaler Titel: Crazy Family
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Der Film wird in Originalfassung mit deutschen Untertiteln gezeigt.
Unglaublich, aber wahr(Incroyable mais vrai, Frankreich/Belgien 2022)
Regie: Quentin Dupieux
Drehbuch: Quentin Dupieux
Als Alain und Marie in ihr neues Vorstadthaus einziehen, zeigt ihnen ihr Makler im Keller eine in den Boden gehende Luke, hinter der sich etwas sehr Ungewöhnliches verbirgt, das ihr gesamtes Leben verändern könnte.
TV-Premiere. Ein weiterer Ausflug in die wundervoll schräge Welt von Quentin Dupieux („Rubber“, „Wrong“. „Reality“, „Die Wache“. „Monsieur Killerstyle“).
Was tun wir, wenn wir gerade keine Ideen, aber Geld und ein im Moment mehr oder weniger erfolgreiches, mehr oder weniger beliebtes, seit Jahr(zehnt)en etabliertes Franchises haben? Nun, wir können Antworten auf Fragen geben, die bislang niemand wirklich gestellt hat. Bei „Star Wars“ wurde in „Rogue One“ erklärt, wie Rebellen die Informationen beschaffen, mit denen im ersten „Krieg der Sterne“-Film (inzwischen betitelt als „Star Wars: Episode IV – Eine neue Hoffnung“) der Todesstern zerstört wird. Diese Frage hat Alan Dean Foster in seinem 1976 erschienenem Filmroman schon in einem Satz beantwortet. Trotzdem war der Film, der diese Antwort nur elaborierte, bei der Kritik und dem Publikum ein Erfolg.
Thomas Harris schrieb, nachdem das Publikum immer mehr über Hannibal Lecter erfahren wollte, „Hannibal Rising“. In dem Thriller erzählt er die Lehr- und Wanderjahre des Killers. Das war der Moment, in dem ich meine Thomas-Harris-Lektüre einstellte. Es interessierte mich einfach nicht.
Und jetzt gibt es „Das erste Omen“. In dem Horrorfilm erzählt Arkasha Stevenson in ihrem Spielfilmdebüt die Vorgeschichte zu Richard Donners Horrorfilmklassiker „Das Omen“. Der Film sorgte 1976 für volle Kassen. In Rom geht Robert Thorn (Gregory Peck), nachdem seine Frau Cathy (Lee Remick) bei der Geburt ihr Baby verliert, auf den Vorschlag eines Priesters ein, ein anderes, zur gleichen Zeit geborenes Baby als sein Baby auszugeben. Bei der Geburt starb die Mutter. Das Baby ist jetzt ein Vollwaise. Das Kind mit dem Namen Damien ist außerdem, wie Thorn Jahre später erfährt, der Sohn des Teufels. Als fünfjähriger Bengel sorgt er in London, wo Thorn inzwischen der Botschafter für die USA ist, für einige schreckliche Todesfälle.
Mehrere Fortsetzungen, eine TV-Serie und ein Remake folgten.
„Das erste Omen“ springt zurück in das Jahr 1971 und erzählt, was in den Tagen und Wochen vor dem in „Das Omen“ geschilderten Babytausch geschah. Margaret Daino (Nell Tiger Free) kommt in Rom an. Die Waise wuchs in der US-amerikanischen Provinz in einem katholischen Kinderheim auf. Dort verstand sie sich gut mit Pater Lawrence (Bill Nighy). Er ist inzwischen ein im Vatikan einflussreicher Kardinal.
In wenigen Tagen will die junge Frau eine Nonne werden. Aber in dem in Rom gelegenem, von Schwester Silva (Sonia Braga) und ihren Nonnen drakonisch geführtem Waisenhaus geschehen seltsame Dinge.
Eine Fraktion von Gläubigen hat anscheinend finstere Pläne. Jedenfalls behauptet das Father Brennan (Ralph Ineson); – wer „Das Omen“ gesehen hat, kennt ihn, damals von Patrick Troughton gespielt, aus dem Film als unerbittlichen Warner, der während eines Gewitters vor einer Kirche von einem Blitzableiter aufgespießt wird.
Brennan bittet Margaret um Informationen. Gleichzeitig entführt eine Mitnovizin, mit der sie ihre Übergangswohnung teilt, die Jungfrau in das römische Nachtleben.
Dass Margaret die Geburt von Damien zur sechsten Stunde des sechsten Tages im sechsten Monat des Jahres nicht verhindern kann, ist klar. Schlielßlich erzählt „Das erste Omen“ die unmittelbare Vorgeschichte zu „Das Omen“. Unklar ist allerdings, wer Damiens Mutter ist und welche Kreise in der Kirche warum möchten, dass Damien auf die Welt kommt. Die Erklärung ist bestenfalls halb überzeugend – und weniger überzeugend als die Erklärung in „Immaculate“.
„Das erste Omen“ endet so, dass die Möglichkeit für eine Fortsetzung und eine neue Filmreihe besteht, die die bisherigen „Das Omen“-Filme aus einer anderen Perspektive betrachtet. Aus kommerziellen Erwägungen – immerhin ist „Das Omen“ ein eingeführter Name – ist es nachvollziehbar, dass die Produzenten des Franchises muntere weitere „Omen“-Filme machen möchten. Aus künstlerischen Erwägungen – und weil sie den Neustart des „Omen“-Franchise (der letzte Kinofilm ist von 2006, die kurzlebige TV-Serie von 2016) mit einem Prequel beginnen, dessen Ende allseits bekannt ist – werden hier der Kreativität enge Ketten angelegt. So sind auch die Überraschungen nie überraschend.
„Das erste Omen“ ist kein schlechter Film, aber ein überflüssiger Film. Dabei geht der Horrorfilm bei der Erweiterung der „Omen“-Mythologie durchaus geschickt vor, in dem er eine Gruppe etabliert, die möchte, dass der Sohn des Teufels geboren wird. Aber der Hauptplot und das Ende ist bekannt. Wir wissen nur nicht, wer die Mutter ist. Das ist dann eine der Überraschungen des Films.
Das größte Problem von „Das erste Omen“ ist, dass vor wenigen Wochen „Immaculate“ startete und Vergleiche zwischen diesen beiden sehr ähnlichen Horrorfilmen unvermeidlich sind. Beide Male geht es um eine aus den USA nach Italien kommende Novizin und, soviel kann ohne Spoiler verraten werden, um eine besondere Schwangerschaft. Beide Male geht es um eine mächtige Institution – die katholische Kirche – und mächtige Männer und ihnen helfende Frauen, die Frauen ihren Willen über ihren Körper aufzwingen und, mehr oder weniger göttlich, schwängern.
Dabei ist „Immaculate“, inszeniert von Michael Mohan, nach einem Drehbuch von Andrew Lobel und mit Sydney Sweeney in der Hauptrolle, der ungleich besserere Horrorfilm. Er badet im Italo-Horror, im Giallo und hat ein im Gedächtnis bleibendes Killer-Ende.
„Das erste Omen“ ist dagegen nur die durchaus gut gemachte asexuelle Mainstream-Variante. Stevensons Film ist Horror für die breite Masse, die sich etwas gruseln möchte. „Immaculate“ ist Horror für den Horrorfilmfan.
Das Bonusmaterial der „Das erste Omen“-Blu-ray besteht aus drei kurzen, primär werbliche, wenig informativen Featurettes, die in etwas über achtzehn Minuten angesehen werden können.
Das erste Omen (The First Omen, USA 2024)
Regie: Arkasha Stevenson
Drehbuch: Tim Smith, Arkasha Stevenson, Keith Thomas (nach einer Geschichte von Ben Jacoby, basierend auf von David Seltzer erfundenen Figuren)
mit Nell Tiger Free, Tawfeek Barhom, Sonia Braga, Ralph Ineson, Bill Nighy, Charles Dance, Maria Caballero
Drehbuch: Sophie Linnenbaum, Michael Fetter Nathansky
Paula Feinmann glaubt, dass sie auf dem Sprung von einer Neben- zu einer Hauptfigur ist. Aber da gibt es plötzlich Merkwürdigkeiten und Probleme. Gemeinsam mit ihrer besten Freundin will sie mehr über ihre Herkunft, vor allem über ihren spurlos verschwundenen Vater, erfahren. Ihre Suche führt sie auch in die Welt der Outtakes (die ziemlich genau das sind, was man sich darunter vorstellt).
TV-Premiere. Gelungene, sehr gut aussehende Mischung aus Science-Fiction, Satire und Meta-Werk. Ein auf sehr vergnügliche Weise ‚verkopftes‘ und zum Nachdenken anregendes Werk. Sozusagen extraordinär.
Alfred Hitchcock (13. August 1899 – 29. April 1980)
Arte, 00.00
Erpressung (Blackmail, Großbritannien 1929)
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch: Alfred Hitchcock, Benn W. Levy (Dialoge Tonfilmversion), Charles Bennett (nach dem Bühnenstück von Charles Bennett)
Weil Alice White sich über ihren Verlobten Frank Webber, einem Scotland-Yard-Polizisten, ärgert, flirtet sie mit einem Maler, geht mit ihm in sein Atelier und posiert als Aktmodell. Als der Maler sich ihr nähert, ersticht sie ihn und schweigt über die Tat. Frank muss in dem Mordfall ermitteln und es gibt auch noch einen Erpresser.
Frühes Meisterwerk von Alfred Hitchcock und der erste britische Tonfilm.
Arte zeigt heute als TV-Premiere eine restaurierte Stummfilmfassung, mit Musik von Moritz Eggert. Denn der Thriller wurde zuerst als Stummfilm inszeniert und noch vor der Premiere für die Tonfilmversion zu großen Teilen neu nachgedreht.
mit Anny Ondra, Sara Allgood, John Londgen, Charles Paton, Donald Calthrop, Cyril Ritchard
Drehbuch: Ben Affleck, Matt Damon, Nicole Holofcener
LV: Eric Jager: The Last Duel: A True Story of Trial by Combat in Medieval France, 2004
Frankreich, 1386: Jacques LeGris und Jean de Carrouges sind beste Freunde. Bis Jeans Ehefrau Marguerite behauptet, sie sei von Jacques vergewaltigt worden. Die beiden Männer werden zu Todfeinden, die in dem titelgebenden letzten Duell die Wahrheit herausfinden wollen.
TV-Premiere kurz vor Mitternacht. Wegen der Erzählstruktur – Ridley Scott erzählt die Geschichte nacheinander aus der Perspektive jeder Hauptfigur – längliches Drama, das als mittelalterliche Soap-Opera über gekränkte männliche Eitelkeiten mit einem brutalen Duell am Filmende im Gedächtnis bleibt.
Die Bourne Identität (The Bourne Identity, USA 2002)
Regie: Doug Liman
Drehbuch: Tony Gilroy, William Blake Herron
LV: Robert Ludlum: The Bourne Identity, 1980 (Der Borowski-Betrug, Die Bourne-Identität)
CIA-Agent und Killer Jason Bourne hat sein Gedächtnis verloren. Schlimme Sache. Aber schlimmer ist, dass seine ehemaligen Arbeitgeber ihn umbringen wollen.
Die eher werkferne, kommerziell erfolgreiche Verfilmung des ersten Borowski-Buches. Für die Verfilmung des damals über zwanzig Jahre alten Buches wurde nur das Skelett der Handlung übernommen, der Rest aktualisiert und ein unterhaltsamer Action-Thriller gedreht, der sogar angenehm altmodisch ist. Nur Matt Damon wirkt einfach fünf Jahre zu jung für den eiskalten Profikiller. Ddas Problem hatte er in den spannenden Fortsetzungen nicht mehr.
Danach, um 22.30 Uhr, gibt es „Das Bourne Ultimatum“ (aka Die weiteren Abenteuer von Jason Bourne).
Mit Matt Damon, Franka Potente, Chris Cooper, Clive Owen, Brian Cox, Walton Goggins
Long Walk Home (Rabbit-Proof Fence, Australien/Großbritannien 2002)
Regie: Phillip Noyce
Drehbuch: Christine Olsen
LV: Doris Pilkington (aka Nugi Garimara): Follow the Rabbit-Proof Fence, 1996 (später „The Rabbit-Proff Fence“; deutsch als „Long Walk Home“)
Die wahre, von Philip Noyce packend erzählte Geschichte von drei Mädchen, die 1931 quer durch Australien 2400 Kilometer am titelgebenden „Rabbit-Proof Fence“ (Kaninchenzaun) entlang nach Hause wanderten. Als Aborigine-Mischlingskinder waren sie von ihren Müttern getrennt und an das andere Ende des Landes transportiert worden.
Das Gesetz existierte bis 1970.
Christopher Doyle war der Kameramann.
Die Musik ist von Peter Gabriel.
Mit Everlyn Sampi, Tianna Sansbury, Laura Monaghan, David Gulpilil, Ningali Lawford, Myarn Lawford, Deborah Mailman, Jason Clarke, Kenneth Branagh
auch bekannt als „Der lange Weg nach Hause“ (TV-Titel)
Es geht um eine Opernsängerin, die für tot gehalten wurde und jetzt von der Reaktion der Presse auf ihr Ableben enttäuscht ist.
Es geht um ihren Mann, einen Dirigenten, der sie bedigungslos liebt.
Es geht um ihre Haushälterin, ihre Familie und ihre kettenrauchende Mutter.
Es geht um einen Stuntman, der Schauspieler werden möchte und sich um seinen Sohn kümmern muss.
Es geht um seinen neuen Visagisten, der sich unsterblich in ihn verliebt. Obwohl der von ihm begehrte Stuntman heterosexuell ist.
Es geht um einen TV-Moderator für True-Crime-Sendungen, der kurz vor seiner letzten Sendung und dem wohlverdienten Ruhestand steht.
Es geht um einen ungefähr mittelalten Wirt, der immer noch seiner vor Jahren verstorbenen Frau hinterhertrauert.
Es geht um ein schweigsames Mädchen, das in Therapie ist und sich umbringen will. Gerade als sie von der Brücke springen will, wird sie entführt.
Es geht um ihren tänzerisch begabten Entführer, der von dem Mädchen, das plötzlich pausenlos redet, in den Wahnsinn getrieben wird.
Es geht um einen Polizisten, der das spurlos verschwundene Mädchen sucht.
Und wahrscheinlich habe ich ungefähr ein halbes Dutzend weiterer Figuren und Geschichten vergessen. Denn Marjane Satrapi („Persepolis“) entwirft in ihrem neuen Film ein überaus freundliches Multikulti-Paris-Wimmelbild. Einige Figuren begegnen sich. Andere nicht. Eine wirkliche thematische Klammer gibt es nicht. Denn Liebe, Leid und Tod sind so allgemein, dass darunter ungefähr alles erzählt werden kann.
Für mich war die absurde Entführung, über die besser nicht länger nachgedacht wird, die vergnüglichste Geschichte. Die anderen sind nett unterhaltsame Kurzgeschichten mit eher weniger überraschenden Schlusspointen und einigen wenigen schwarzhumorigen und absurden Szenen. Vieles wird angesprochen, vieles wird nicht weiterverfolgt. Insgesamt vergeht die Zeit, dank der vielen Geschichten, zwischen denen Satrapi ständig wechselt, ziemlich flott bis zum Finale im Konzerthaus mit einer abenteuerlichen Rettung und, nun gut, einer Liebeserklärung an das Leben.
Zusammen ergeben die Szenen und Geschichten ein kurzweiliges, aber nie tiefgründiges und eigentlich nie (es gibt ja die Entführungsgeschichte) überraschendes Porträt vom Leben in Paris. Das ist nett anzusehen und schnell vergessen.
Paris Paradies (Paradis Paris, Frankreich 2024)
Regie: Marjane Satrapi
Drehbuch: Marie Madinier, Marjane Satrapi
mit Monica Bellucci, Charline Balu-Emane, Rossy de Palma, Eduardo Noriega, André Dussollier, Alex Lutz, Ben Aldridge, Roméo Grialou, Gwendal Marimoutou, Roschdy Zem, Martina Garcia
USA, in den Neunzigern: Seit Jahrzehnten bringt in Oregon ein Serienkiller Familien um. Longlegs nennt er sich. Irgendwie gelingt es ihm immer wieder, Familienväter dazu anzustiften, ihre Familie und anschließend sich selbst bestialisch zu töten. Mehr weiß das FBI nicht über ihn.
Jetzt soll die junge FBI-Agentin Lee Harker die Ermittlung voranbringen. Sie verfügt über eine ungewöhnliche präzise, fast schon hellseherische Intuition, möglicherweise sogar eine außersinnliche Wahrnehmung, die sie befähigt Dinge zu Entdecken, die andere übersehen. Diese Fähigkeit könnte das FBI zu dem Killer führen. Intensiv studiert sie die Fallakten und die Briefe von Longlegs, die anscheinend satanische und okkulte Botschaften enthalten. Wobei in dem Moment sogar unklar ist, ob dieser Longlegs eine Person oder irgendetwas anderes ist, wie eine okkulte Gruppe, die die Väter zu diesen Taten anstiftet.
„Longlegs“ ist der neue Horrorfilm von Oz Perkins (zuletzt „Gretel & Hänsel“), der aktuell von der Kritik ziemlich abgefeiert und mit den üblichen „Bester Horrorfilm seit…“-Sprüchen beworben wird. Und der Anfang, ein in den siebziger Jahren im Schnee vor einem einsam gelegenem Haus spielender Prolog, in dem Longlegs sich mit einem Kind unterhält, und der erste Einsatz von Lee Harker, als sie bei einer Haustürbefragung in einem leer stehendem Haus den Gesuchten vermutet, überzeugt mit seiner Bild- und Tongestaltung. Das ist alles ziemlich furchteinflössend und bedrohlich inszeniert. Die später dazu kommenden religiösen, okkulten und satanischen Zeichen verstärken das Unwohlsein. Etwas ist faul in Oregon und ein Gebet hilft nicht dagegen.
Aber mit zunehmender Laufzeit langweilt der ambitionierte Hybrid zwischen Serienkillerthriller und Okkult-Horror immer mehr. Die Farben sind durchgehend in einem monochromen Graubeige gehalten, das jedes Leben und Freude aus dem Film zieht. Das Erzähltempo ist träge. Der Rhythmus monoton. Die wenigen Figuren lassen nur eine begrenzte Zahl von Situationen zu. Vor allem weil die Filmgeschichte schnell zu einem Fernduell zwischen Harker und Longlegs wird. Er wird von ihr gejagt, scheint sie aber gleichzeitig zu sich zu locken.
Nicolas Cage spielt Longlegs in den wenigen Minuten, die er im Film hat, überzeugend übertrieben als Alptraum für jedes normale Kind. Er ist ein böser Clown, gegen den Pennywise harmlos wirkt.
Longlegs(Longlegs, USA 2024)
Regie: Osgood Perkins (bzw. Oz Perkins)
Drehbuch: Osgood Perkins
mit Maika Monroe, Nicolas Cage, Blair Underwood, Alicia Witt, Michelle Choi-Lee, Dakota Daulby, Kiernan Shipka
Vorsicht, welche mit Erinnerungen gefüllte Boxen du öffnest, nachdem sie in deiner Wohnung Jahrzehnte friedlich vor sich hin zustaubten.
Und Vorsicht vor blöden Sprüchen während des Studiums. Sonst kann es dir wie Kristófer ergehen. Er studiert in den späten sechziger Jahren an der London School of Economics und ist revolutionär bewegt. Als er im Fenster eines japanischen Restaurants eine Stellenausschreibung liest und seine Freunde ihn aufziehen, er werde niemals als Tellerwäscher arbeiten, bewirbt er sich für die Stelle. Alle halten das für eine Schnapsidee. Seine Studienfreunde sind sich sicher, dass er nach einigen Stunden weiter mit ihnen Bier trinken und die Revolution planen wird. Der Restaurantbetreiber glaubt ebenfalls nicht, dass Kristófer länger bleiben wird. Aber Kristófer bleibt. Er wird Teil des Teams. Er lernt kochen. Er verliebt sich außerdem in Miko, die Tochter des Restaurantbetreibers.
Miko ist Kristófers erste große Liebe. Aber eines Tages verschwindet sie spurlos. Er kehrt nach Island zurück, eröffnet ein Restaurant, gründet eine Familie und ist seit kurzem Witwer. Er hat auch eine beginnende Demenz. Sein Arzt rät ihm, sich noch einmal mit den Dingen zu beschäftigen, an die er sich gerne erinnern würde. Einige Erkrankte würden auch, solange sie sich noch an sie erinnern, alte Freunde wieder besuchen.
Also stöbert Kristófer in den in den vergangenen Jahrzehnten mit mehr oder weniger wichtigen Erinnerungsstücken gefüllten Schachteln herum. Dabei stößt er auf Andenken aus seiner wild bewegten und glücklichen Zeit in London und beschließt, die spurlos verschwundene Miko zu suchen. Seit ihrem Verschwinden vor einem halben Jahrhundert hörte er nichts mehr von ihr.
Die erste Station seiner Suche ist London. Dort landet er während der ersten Tage der Coronavirus-Pandemie. Während seiner Suche und den durch sie ausgelösten Erinnerungen gibt es immer mehr Restriktionen und immer weniger Gäste im Hotel. Gleichzeitig versucht seine Tochter ihn telefonisch zur Rückkehr nach Island zu bewegen.
Aber Kristófer sucht in London weiter nach Menschen, die Miko kannten. Als er erfährt, dass sie damals von ihrem Vater zurück nach Japan geschickt wurde, fliegt er ebenfalls nach Japan.
„Touch“ ist der neue Film von Baltasar Kormákur. Bekannt ist er als souverän zwischen isländischen und internationalen Produktionen wechselnder Regisseur von packenden Action- und Kriminalfilmen. Davor, am Anfang seiner Karriere, inszenierte er am Theater klassische Stücke. Dieser Ausflug in Richtung Hochkultur endete, wie gesagt, im Genrekino. Mit „Touch“ geht es wieder in eine andere Richtung. Sein neuester, überaus gelungener Film, ist ein melancholischer Liebesfilm.
Kormákur erzählt Kristófers Geschichte auf zwei Zeitebenen und über mehrere Länder und Kontinente. Bei seiner Reise befindet Kristófer sich im Wettlauf gegen den eigenen geistigen Verfall und die sich nicht vorhersehbar verschärfenden Covid-Restriktionen. Denn im Gegensatzu zu allen anderen Menschen, die sich damals kaum vor die Tür wagten und auch aus Urlaubsparadiesen möglichst schnell zurück in die eigenen vier Wände wollten, will Kristófer nur möglichst weit weg von seinem Haus.
Kormákur erzählt diese Reise sehr gefühlvoll, ruhig und angenehm kitschfrei. Da verzeiht man gerne das doch etwas dick auftragende Ende.
Touch(Touch, Island/Großbritannien/USA 2024)
Regie: Baltasar Kormákur
Drehbuch: Ólafur Jóhann Ólafsson, Baltasar Kormákur
LV: Ólafur Jóhann Ólafsson: Snerting, 2020
mit Egill Ólafsson, Pálmi Kormákur, Kōki, Masahiro Motoki, Yoko Narahashi, Ruth Sheen, Masatoshi Nakamura, Meg Kubota