LV: Edwin Torres: Carlito’s Way, 1975 und After Hours, 1979 (auf Deutsch zum Filmstart als Doppelband „Carlito’s Way“ bei Heyne erschienen)
Drogenhändler Carlito Brigante wird vorzeitig aus der Haft entlassen und will fortan ehrlich bleiben. Aber er hat nicht mit den Umständen und seinem Anwalt gerechnet.
Machen wir es kurz: De Palmas Period-Picture der Siebziger ist ein grandioser Gangsterfilm
mit Al Pacino, Sean Penn, Penelope Ann Miller, John Leguizamo, Luis Guzman, Viggo Mortensen
Der 73-jährige Alvin Straight will sich nach jahrelangem Schweigen mit seinem Bruder aussöhnen. Dafür nimmt er eine 240 Meilen lange Fahrt auf sich. Auf einem Rasenmäher- Auto darf er nicht mehr fahren und andere Arten der Fortbewegung lehnt er ab.
David Lynchs ungewöhnlichster Film und gleichzeitig einer seiner schönsten Filme: ein die Langsamkeit und die Landschaft und Menschen zelebrierendes Roadmovie mit einem wunderschönen Ende: zwei Männer sitzen auf einer Veranda und blicken in den Nachthimmel.
„Auf eine gewisse Weise ist ‚The Straight Story‘ der extremste Film, den ich je gemacht habe.“ (David Lynch, Interview in Zitty 25/99)
mit Richard Farnsworth, Sissy Spacek, Harry Dean Stanton, John Farley, Everett McGill
auch bekannt als „Eine wahre Geschichte – The Straight Story“
Falsches Spiel mit Roger Rabbit (Who framed Roger Rabbit?, USA 1988)
Regie: Robert Zemeckis
Drehbuch: Jeffrey Price, Peter S. Seaman
LV: Gary K. Wolf: Who censored Roger Rabbit?, 1981
Roger Rabbit ist eifersüchtig. Also soll Privatdetektiv Eddie Valiant Rabbits sexy Frau beschatten. Valiant stolpert dabei in einen Mordfall und über ein Komplott, das die heile Welt von Toon Town bedroht.
Gut, das klingt jetzt nicht besonders aufregend. Aber Roger Rabbit ist eine Cartoon-Figur. Seine Frau ebenso. Wie viele Toon-Town-Charaktere. Einige sind auch Menschen, wie der Bob Hoskins gespielte Privatdetektiv.
Roger Zemeckis gelang eine köstliche Melange aus Disney Zeichentrickfilmen und Schwarzer Serie, die damals ein echter Hit war und heute schon ein Klassiker ist. Ein köstlicher Spaß mit vielen Zitaten.
Mit Bob Hoskins, Christopher Lloyd, Joanna Cassidy, Stubby Kaye, Joel Silver
LV: Michael Connelly: The Lincoln Lawyer, 2005 (Der Mandant)
Lincoln Lawyer Mickey Haller (Matthew McConaughey) tut alles für seine meist mehr als halbseidenen Mandanten. Als er aber einen Freispruch für den stinkreichen Louis Roulet erwirken soll, packt ihn das Gewissen. Auch weil Roulets Taten mit einem früheren Mandanten von ihm, der seine Unschuld beteuerte und dem er mit einem guten Deal einen Knastaufenthalt verschaffte, zusammen hängen.
Rundum geglückte Michael-Connelly-Verfilmung, die Matthew McConaugheys Karriere einen gewaltigen Schub in Richtung interessanter Projekte gab.
„Der Mandant“ war Michael Connellys erster Justizthriller. Danach schrieb er noch weitere Romane mit Mickey Haller, der auch Harry Bosch (Connellys ersten Seriencharakter, der inzwischen eine „Fernseh“-Serie hat) trifft.
mit Matthew McConaughey, Ryan Phillippe, Marisa Tomei, William H. Macy, Josh Lucas, John Leguizamo, Michael Pena, Bob Gunton, Frances Fisher, Bryan Cranston
Ein Sechser im Lotto. Traum oder Alptraum? In vier schwarzhumorigen Geschichten spielen Romain Choay und Maxime Govare die Folgen des durch glückliche Umstände schnellen Reichtums durchs. Viele Tote, Gier, Niedertracht, Dummheit und Lacher sind in dieser französischen Version von „Wild Tales – Jeder dreht mal durch!“ (Relatos Salvajes, Argentinien/Spanien 2014) garantiert.
Die Episodenkomödie ist eine unbedingte Empfehlung für die Freunde des schwarzen Humors.
Sechs Richtige – Glück ist nichts für Anfänger (Heureux Gagnants, Frankreich 2024)
Regie: Romain Choay, Maxime Govare
Drehbuch: Romain Choay, Maxime Govare
mit Fabrice Eboué, Pauline Clément, Audrey Lamy, Anouk Grinberg, Louise Coldefy, Sami Outalbali, Victor Meutelet, Mathieu Lourdel
Die Schülerin Hannah ist das geachtete Mitglied der von ihrem Vater geführten evangelikalen Freikirche. Als nebenan der gleichaltrige Max einzieht, gerät ihre Welt aus den Fugen. Sie findet ihn sympathisch, ist vielleicht sogar verliebt in ihn und lernt durch ihn die Welt kennen, vor der ihre Gemeinde immer warnt. Immerhin hat sie bereits ein Keuchheitsgelübde abgelegt.
Zur gleichen Zeit hat sich Hannahs Bruder in ein gleichaltriges Gemeindemitglied verliebt. Aber Homosexualität wird in ihrer Glaubensgemeinschaft nicht toleriert.
Frauke Lodders erzählt in „Gotteskinder“ wie sich die Liebesbeziehungen zwischen diesen vier Teenagern entwickelen und ob sie sich aus der sie indoktrinierenden Freikirche befreien können. „Gotteskinder“ ist auch ein Einblick in eine abgeschlossene religiöse Gemeinschaft.
Lodders erzählt das ruhig, ernsthaft und ohne Vorverurteilungen mit glaubwürdigen Figuren und Konflikten. Das Ende dürfte nach dem Film für einige Diskussionen sorgen.
Gotteskinder (Deutschland 2024)
Regie: Frauke Lodders
Drehbuch: Frauke Lodders
mit Flora Li Thiemann, Michelangelo Fortuzzi, Serafin G. Mishiev, Bettina Zimmermann, Mark Waschke
Erinnert ihr euch noch an die neunziger Jahre und als im Fahrwasser von „Basic Instinct“ und „Eine verhängnisvolle Affäre“ ein Sexthriller nach dem nächsten in die Kinos kam? Das Erbe von 80er-Jahre-Hochglanzsexfilmen wie „9 ½ Wochen“ wurde im Gewand eines ’spannenden Films‘ fortgeführt und Hollywood-Stars turnten mehr oder weniger nackt durch diese Filme? Die meisten dieser Filme waren schlecht.
Jetzt tritt „Babygirl“ beherzt in diese Fußstapfen. Natürlich mit einigen ‚Veränderungen‘, wie dass eine Frau das Drehbuch schrieb und Regie führte, dass alles mit ‚weiblicher Sensibilität‘ erzählt wird und dass in der Story Rollen vertauscht werden. Jetzt ist der Geschäftsführer eine ältere Frau und die Praktikantin ein deutlich jüngerer Mann. In diesem Fall handelt es sich um die während des Drehs vor einem Jahr 56-jährige Nicole Kidman und den damals 27-jährigen Harris Dickinson. Der Altersunterschied beträgt stattliche 29 Jahre.
Die Story ist ein Wust unausgegorener Ideen, Plotlöcher, seltsamer Handlungen von in sich widersprüchlich-unglaubwürdigen Papierfiguren und vermeidbarer Unklarheiten. So ist beispielsweise unklar, welche Position Romy Miller (Nicole Kidman) genau in der Firma hat und was die Firma mitten in New York in einem Bürohochhaus anbietet. Es wird zwar gesagt, sie sei Gründerin, CEO und Erfinderin. Das Unternehmen sei ein Weltkonzern, starte an der Börse durch und biete Automatisierungen an. Aber das sind nur austauschbare Schlagworte ohne irgendeine Bedeutung für die Geschichte. Deshalb agieren alle Figuren in einem luftleeren Raum. Sie sitzen an Schreibtischen und schlagen die Zeit tot. Es ist nie nachvollziehbar, was Miller in dem sich seltsam fordernd verhaltendem Praktikanten Samuel (Harris Dickinson) erblickt und warum sie, vor allem Angesichts der teils irrational strengen Verhaltensvorschriften in US-amerikanischen Firmen, eine Beziehung mit ihm eingeht . Schon lange vor dem ersten Kuss gefährdet sie ihre Position in der Firma, ihr Vermögen und ihre Ehe. Welche Absicht Samuel verfolgt, ist auch unklar.
Und so begibt sich die Filmgeschichte nie auf irgendwelche Thrillerpfade, sondern erkundet das Terrain des Suchens und Findens von Menschen irgendwo zwischen echter und vermeintlicher Liebe, Begehren und Hotelzimmersex.
Mit etwas Wohlwollen kann „Babygirl“ als missglückte Studie in Abhängigkeit gesehen werde. Aber da war „9 ½ Wochen“ (auch kein guter Film) vor fast vierzig Jahren schon weiter.
P. S.: Antonio Banderas spielt hier den Ehemann von Nicole Kidman. Im ebenfalls diese Woche startendem „Paddington in Peru“ spielt er den Kapitän eines Flussdampfers.
Babygirl (Babygirl, USA 2024)
Regie: Halina Reijn
Drehbuch: Halina Reijn
mit Nicole Kidman, Harris Dickinson, Antonio Banderas, Sophie Wilde
Alles an „Der Brutalist“ sagt überdeutlich, wie wichtig, groß, grandios und monumental dieser Film aus Sicht seiner Macher ist.
Er dauert 216 Minuten. Im Film gibt es eine fest einprogrammierte 15-minütige Pause, in der eine Uhr rückwärts läuft.
Gedreht wurde er im in den fünfziger Jahren benutztem VistaVision-Format. Bekannte VistaVision-Filme sind „Krieg und Frieden“, „Der Schwarze Falke“, „Die oberen Zehntausend“, „Der unsichtbare Dritte“ und „Der Besessene“.
In den wenigen Kinos, in denen es möglich ist, wird „Der Brutalist“ auch in einer 70-mm-Fassung gezeigt. Nur so kann das VistaVision-Bild seine ganze Pracht entfalten,
Die Geschichte versteht sich von der ersten bis zur letzten Minute als das große, die US-amerikanische Seele und den amerikanischen Traum erkundende und erklärende Nationalepos.
Der Lohn für diese Bemühungen und den selbstgewählten Anspruch sind überschwängliches Kritikerlob, Preise, wie, nach seiner Premiere bei den Filmfestspielen von Venedig, der Silberne Löwe für die Beste Regie und zuletzt zehn Oscar-Nominierungen, unter anderem als Bester Film, für die Beste Regie (Brady Corbet), das Beste Drehbuch (Brady Corbet und Mona Fastvold), den Besten Hauptdarsteller (Adrien Brody), den Besten Nebendarsteller (Guy Pearce), die Beste Nebendarstellerin (Felicity Jones), die Beste Kamera (Lol Crawley) und den Besten Schnitt (Dávid Jancsó).
Brady Corbet erzählt die Geschichte des Emgranten László Tóth (Adrien Brody). Der in Europa bekannte Bauhaus-Architekt und titelgebende „Brutalist“ kommt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs als mittelloser Einwanderer in die USA. Als er Jahre später den Industriellen Harrison Lee Van Buren Sr. (Guy Pearce) trifft und dieser von seinen Entwürfen fasziniert ist, wendet sich sein Schicksal. Tóth soll zu Ehren von Van Burens verstorbener Mutter ein Institut mit Bibliothek, Sporthalle, Auditorium und Kapelle errichten.
Wer jetzt denkt, dass in „Der Brutalist“ der Bau dieses Mammutprojekts im Mittelpunkt steht, irrt sich. Wer denkt, dass es zwischen dem Architekten und dem Bauherrn einen über den Film tragenden Konflikt gibt, irrt sich. Sicher, es gibt einige kleinere Streitigkeiten zwischen den beiden Männern, aber die sind schnell beigelegt. Van Buren ist von der ersten bis zur letzten Minute ein enthusiastischer Förderer von Tóth und des von ihm in Auftrag gegebenen, selbstverständlich immer teurer werdenden Projekts.
Und wer denkt, dass der Film anhand der fiktiven Biographie eines Architekten schnell zu einer informativen Geschichtsstunde über das Bauhaus und den Brutalismus wird, irrt sich ebenfalls. Diese Architekten verbanden mit ihren Gebäuden auch gesellschaftspolitische Utopien. Im Film ist davon nichts zu hören.
Stattdessen erzählt Brady Corbet, meist in langen Szenen in Nahaufnahmen in karg möblierten Innenräumen, elliptisch die Geschichte eines Einwanderers und seiner Jahre nach ihm in die USA kommenden Familie. Das ist nicht schlecht und hat auch einen weitgehend über die epische Dauer von gut vier Stunden andauernden erzählerischen Schwung. Aber „Der Brutalist“ ist niemals „There will be Blood“. Das liegt an seinem Desinteresse an der gezeigten Architektur und dem abwesenden zentralen Konflikt zwischen dem Künstler und dem Kapitalisten.
„Der Brutalist“ ist ein durchaus beeindruckender und gut gemachter Film. Aber er ist auch nicht so gut, wie er gerade hochgejubelt wird. Das Drama ist breitbeiniges, von seiner eigenen Größe hemmungslos überzeugtes Überwältigungskino, das einen geschüttelt, aber nicht berührt zurücklässt.
Der Brutalist (The Brutalist, USA 2024)
Regie: Brady Corbet
Drehbuch: Brady Corbet, Mona Fastvold
mit Adrien Brody, Felicity Jones, Guy Pearce, Joe Alwyn, Raffey Cassidy, Stacy Martin, Emma Laird, Isaach de Bankolé, Alessandro Nivola
Black Sea (Black Sea, USA/Großbritannien/Russland 2014)
Regie: Kevin Macdonald
Drehbuch: Dennis Kelly
Eine britisch-russische U-Boot-Besatzung sucht im Schwarzen Meer nach einem Nazi-Goldschatz. Schnell müssen sie um ihr Überleben kämpfen.
Angenehm altmodischer Abenteuerfilm für die Fans von Filmen wie „Der Schatz der Sierra Madre“, „Lohn der Angst“ und „Atemlos vor Angst“ (die im Presseheft alle als Inspiration genannt werden).
mit Jude Law, Scoot McNairy, Ben Mendelsohn, David Threlfall, Konstantin Khabenskiy, Sergey Puskepalis, Michael Smiley, Grigory Dobrygin, Sergey Veksler, Sergey Kolesnikov, Bobby Schofield, Michael Smiley, Jodie Whittaker
Als Paddington erfährt, dass seine in Peru lebende Tante Lucy verschwunden ist, kehrt er in seine alte Heimat zurück. Begleitet wird er von der Familie Brown, bei der er in London lebt.
Nach den ersten beiden „Paddington“-Filmen hält „Paddington in Peru“, trotz weitgehend gleich bleibender Besetzung, nicht das Niveau der allseits verehrten Kinderfilme von 2014 und 2017. Das liegt an der Geschichte, einem Reiseabenteuer, das all die bekannten Klischees der Schatzsuche im Amazonas-Regenwald erwartbar und ohne Inspiration aneinanderreiht. Das liegt auch an den personellen Veränderungen. Dougal Wilson übernahm die Regie. Es ist sein Spielfilmdebüt. Davor drehte er drei Kurzfilme und viele Musikvideos.
Paul King, der Regisseur und Autor der ersten beiden „Paddington“-Filme wird nur noch als eine Inspiration für die Story genannt. Das kann auch heißen, dass er mit der Filmgeschichte und dem fertigen Film nichts zu tun hat. Jedenfalls fehlt sein Touch.
Die zweite schmerzhafte Veränderung ist die Umbesetzung von Mary Brown, die Mutter im Brownschen Haushalt, die Frau, die in „Paddington“ dem orientierungslos auf dem Bahnhof stehendem Bären seinen Namen gab und ihn gegen den anfänglichen Widerstand der halben Familie adoptierte. In den ersten beiden „Paddington“-Filmen wurde sie von Sally Hawkins gespielt. Jetzt übernahm Emily Mortimer die Rolle.
Die anderen Schauspieler sind wieder dabei. Aber weil die Geschichte kaum in Paddingtons vertrauter Umgebung spielt, beschränken sich die Auftritte seiner Londoner Freunde auf reine Gastauftritte. Auch Paddingtons Gastfamilie ist eher selten im Bild, es gibt zu wenig Slapstick und nur in den ersten Minuten sich aus der Begegnung des herzensguten Bären mit den Bewohnern von London ergebender Humor.
Bei den Neuzugängen begeistert nur Olivia Colman als Mutter Oberin. In dem von ihr geleiteten Heim für Bären im Ruhestand wohnte Tante Lucy und die hysterisch-fröhlich singende und tanzende Nonne hat – das ist schon bei ihrem ersten hemmungslos übertriebenem Auftritt offensichtlich – etwas mit dem Verschwinden von Paddingtons Tante zu tun.
„Paddington in Peru“ fehlt der besondere Charme der ersten beiden „Paddington“-Filme.
P. S.: Es lohnt sich, beim Abspann sitzen zu bleiben.
Paddington in Peru(Paddington in Peru, Großbritannien 2024)
Regie: Dougal Wilson
Drehbuch: Mark Burton, Jon Foster, James Lamont (nach einer Geschichte von Paul King, Simon Farnaby und Mark Burton; basierend auf der von Michael Bond erfundenen Figur)
mit Hugh Bonneville, Emily Mortimer, Julie Walters, Jim Broadbent, Madeleine Harris, Samuel Joslin, Carla Tous, Olivia Colman, Antonio Banderas, Hayley Atwell, Hugh Grant
und (im Original den Stimmen von) Ben Whishaw, Imelda Staunton
(in der deutschen Synchronisation der Stimme von) Elyas M’Barek
Jazzfieber – The Story of German Jazz (Deutschland 2023)
Regie: Reinhard Kungel
Drehbuch: Reinhard Kungel
TV-Premiere. Sehenswerte Doku über den (bundes)deutschen Jazz von den zwanziger bis in die sechziger Jahre, als Freejazz und Jazzrock ein neues Publikum eroberten.
mit Peter Baumeister, Hugo Strasser, Max Greger, Klaus Doldinger, Rolf Kühn, Coco Schumann, Peter Thomas, Paul Kuhn, Karlheinz Drechsel, Tizian Jost, Niklas Roever, Hannah Weiss, Caris Hermes, Jakob Bänsch, Alma Naidu, Mareike Wiening
Die Blume des Bösen (La Fleur du mal, Frankreich 2003)
Regie: Claude Chabrol
Drehbuch: Claude Chabrol (nach einer Geschichte von Caroline Eliacheff und Louise L. Lambrichs)
Madame Charpin-Vasseur kandidiert als Bürgermeisterin. Als ein Flugblatt hässliche Familiengeheimnisse enthüllt, beginnt die noble Fassade zu bröckeln und ein Mord geschieht.
Claude Chabrol bei seiner Lieblingsbeschäftigung: die Demaskierung der Bourgeoisie. Immer wieder schön anzusehen.
Ach, Arte könnte uns mit einer Chabrol-Filmreihe erfreuen. Er hat in seiner langen Karriere ja genug Filme inszeniert.
mit Nathalie Baye, Bernard Le Coq, Mélanie Doutey, Benoît Magimel, Suzanne Flon, Thomas Chabrol, Henri Attal, Françoise Bertin
Die im Zweiten Weltkrieg in die USA geflohene Jüdin Maria Altmann hätte gerne wieder das titelgebende Klimt-Gemälde von ihre Tante Adele. Dummerweise ist das Jugendstilgemälde inzwischen zu einer Ikone der österreichischen Identität geworden und Österreich denkt gar nicht daran, Altmann das Gemälde zurückzugeben.
Gutes, gefällig inszeniertes, auf einem wahren Fall basierendes britisches Schauspielerkino mit entsprechend pointierten Dialogen und einem noblen Anliegen.
mit Helen Mirren, Ryan Reynolds, Daniel Brühl, Max Irons, Elizabeth McGovern, Katie Holmes, Tatiana Maslany, Antje Traue, Justus von Dohnányi, Tom Schilling, Charles Dance, Jonathan Pryce, Frances Fisher, Moritz Bleibtreu
LV: Peter Weiss: Die Ermittlung. Oratorium in 11 Gesängen, 1965 (Theaterstück)
TV-Premiere. Grandiose Verfilmung des Theaterstücks von Peter Weiss über den ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess. Im Mittelpunkt stehen im Stück, wie in der Gerichtsverhandlung, die Aussagen der Täter und Opfer.
(als Zeugen) Christian Kaiser, Dirk Ossig, Arno Frisch. Elisabeth Duda, Nicolette Krebitz, Attila Georg Borlan, Robert Mika, Marcel Hensema, Christiane Paul, Barbara Philipp, Klaudiusz Kaufmann, Marc Fischer, Andreas Anke, Dorka Gryllus, Marek Harloff, André Szymanski, Sabine Timoteo, Eva Maria Jost, Peter Lohmeyer, Thomas Meinhardt, Marco Hofschneider, Matthias Zera, Rony Herman, Axel Moustache, André Hennicke, Karl Markovics, Filipp Avdeev, Mark Zak, Ralph Schicha, Andreas Schröders, René Ifrah, Axel Sichrovsky, Peter Schneider, Jiří Mádl, Andreas Lechner, Axel Pape, Andreas Pietschmann, Tom Wlaschiha, Robert Hunger-Bühler
(als Angeklagte) Wilfried Hochholdinger, Thomas Dehler, Michael Rotschopf, Niels Bruno Schmidt, Christian Hockenbrink, Christian Pfeil, Tristan Seith, Torsten Ranft, Ronald Kukulies, Michael Schenk, Frank Röth, Nico Ehrenteit, Adam Venhaus, Till Wonka, Arndt Schwering-Sohnrey, Timo Jacobs, Lasse Myhr, Matthias Salamon
LV: Samuel D. Hunter: The Whale, 2012 (Theaterstück)
TV-Premiere. Grandioses Schauspielerkino über einen mehr als übergewichtigen, fast bewegungsunfähigen Mann, der seine Schuldgefühle in sich hineinfrisst, Unikurse nur online und mit ausgeschalteter Kamera anbietet und sich jetzt, vor seinem baldigen Tod, mit seiner Tochter versöhnen will.
Rich Peppiatt erzählt in seinem Spielfilmdebüt „Kneecap“ mit den Musikern der nordirischen Hip-Hop-Band Kneecap die Geschichte der Band als ein Bandbiopic im „Trainspotting“-Punk-Stil. Da wird im Zweifelsfall für eine gute Story die Wahrheit zurechtgebogen. Das Ergebnis ist ein großer, respektloser Spaß über die aktuelle Situation in Nordirland, Jugendkultur, Hip-Hop und der Kampf um die Anerkennung der irischen Sprache. Kneecap, die auf irisch singen, was bis dahin noch keine Hip-Hop-Band gemacht hat, werden zur Stimme für die gerade im englisch sprechenden Nordirland stattfindende Abstimmung über ein irisches Sprachgesetz.
Das Sprachrohr der Abstimmungsinitiative werden sie nicht. Dafür erzählen ihre Texte zu rotzig und mit zu vielen Schimpfworten über ihr Leben und die alltäglichen Stellungskämpfe. Auf ihren Konzerten verteilen sie Drogen. Bei Jugendlichen kommt beides gut an.
Während die drei Musiker in ihrer Heimatstadt Belfast vor immer größerem Publikum spielen, ist das Leben der beiden Sänger Mo Chara und Móglai Bap und von DJ Pròvai, einem Lehrer, der aus Angst um seine Arbeitsstelle nur maskiert mit einer Sturmhaube in den Farben der irischen Flagge auftritt, ein einziges Chaos zwischen all den untereinander verfeindeten Splittergruppen. Vor allem die paramilitärische Splittergruppe „Radical Republicans Against Drugs“ (RRAD) und Detective Ellis verfolgen sie unerbittlich. Ellis glaubt nämlich, dass der IRA-Terrorist und Vater von Móglai Bap, Arló Ó Cairealláin (Michael Fassbender), nicht tot, sondern seit zehn Jahren untergetaucht ist und aus dem Untergrund weitere Verbrechen plant. Auch Arló ist von der zu viel unerwünschte Aufmerksamkeit auf ihn lenkenden Musikkarriere seines Sohnes nicht begeistert.
Kneecap besteht aus Mo Chara (Liam Óg Ó Hannaidh), Móglaí Bap (Naoise Ó Cairealláin) und DJ Próvaí (JJ Ó Dochartaigh), die sich in dem ‚Bandbiopic‘ selbst spielen. Gegründet wurde die Band 2017, nachdem der Irisch-Lehrer und Ex-Musiker JJ Ó Dochartaigh von Detective Ellis mitten in der Nacht als Übersetzer angefordert wird, weil der verhaftete Liam Óg Ó Hannaidh nur irisch reden und so die nur englisch sprechenden Polizisten beleidigen und provozieren will. JJ entdeckt, während er Liam hilft, dessen in einem Notizbuch notierten Texte. Er findet sie so gut, dass er noch in der Nacht beginnt sie zu vertonen. So erzählt jedenfalls die Komödie „Kneecap“ die erste Begegnung zwischen den Musikern. Schnell sind sie erfolgreich und umstritten. Das kann alles natürlich bei Wikipedia nachgelesen oder, frei interpretiert, in „Kneecap“ angesehen werden.
Kneecap(Kneecap, Großbritannien/Irland 2024)
Regie: Rich Peppiatt
Drehbuch: Rich Peppiatt
mit Naoise Ó Cairealláin, Liam Óg Ó Hannaidh, JJ Ó Dochartaigh, Josie Walker, Fionnuala Flaherty, Jessica Reynolds, Adam Best, Simone Kirby, Michael Fassbender
Beton und funktionale Zweckbauten sehen überall gleich aus. Es sind Nicht-Orte, Transitorte, die nicht zum längeren Aufenthalt gedacht sind. Deshalb dauert es auch einige Zeit, bis klar ist, dass Matthew Rankins wunderschön versponnene Indie-Komödie „Universal Language“ nicht irgendwo im arabischen und angloamerikanischen städtischen Raum, sondern in Kanada in Winnipeg spielt; – zu einem großen Teil innerhalb der dortigen iranischen Gemeinschaft, die auch im fernen Kanada untereinander vor allem Farsi spricht. In diesem surrealistichen Traum-Winnipeg begegnen sich, mehr oder weniger, die Grundschüler Negin und Nazgol, die im Eis einen 500-Riel-Schein entdecken und ihn haben und umtauschen wollen; ein Betrüger will ihnen helfen und den Schein anschließend behalten; ein Lehrer, der seine Schüler wortgewaltig zurechtstutzt (leider bleibt es bei einem, dafür eindrucksvollem Auftritt am Filmanfang); ein Touristenführer, der wissbegierige Besucher zu den Nicht-Denkmälern der Stadt führt und zwischen zwei lauten Straßen eine Schweigedoppelminute einlegt; ein Beamter, der kündigt und mit dem Bus nach Winnipeg fährt, um seine Mutter zu besuchen; ein Truthahn und noch viele weitere schräge Vögel.
Einige dieser Figuren verfolgt Rankin über eine längere Zeit. Bei anderen bleibt es, wie gesagt, bei einer Szene. Manche Figuren treffen sich im Lauf des Films. Manchmal hat das Treffen eine Auswirkung auf spätere Ereignisse, manchmal nicht. Weil Rankin sich nicht für das Erzählen einer Hollywood-Traditionen folgenden Geschichte interessiert und er auch keinerlei Interesse an Verdichtungen hat, belässt er es bei schrulligen, immer improvisiert und schmutzig wirkenden Episoden, die nichts über den Ort und die Handlungszeit verraten. Sie könnten irgendwann in den letzten vierzig Jahren spielen und würden auch dann einen verrauchten Retro-Charme haben.
„Universal Language“ ist eine liebenswerte, zutiefst humanistische und freundliche surreale Komödie im Geist von Wes Anderson, Aki Kaurismäki und Roy Andersson. Nur dass bei Matthew Rankin eindeutig das Episodische und Sinnfreie im Vordergrund steht. Insofern ist es gut, dass der Film mit seinen schrulligen Figuren keine neunzig Minuten dauert.
Universal Language (Universal Language, Kanada 2024)
Regie: Matthew Rankin
Drehbuch: Matthew Rankin, Pirouz Nemati, Ila Firouzabadi
mit Rojina Esmaeili, Danielle Fichaud, Sobhan Javadi, Pirouz Nemati, Saba Vahedyousefi, Matthew Rankin, Mani Soleymanlou, Danielle Fichaud, Bahram Nabatian
LV: Marie Brenner: American Nightmare: The Ballad of Richard Jewell (Vanity Fair, Februar 1997), Kent Alexander, Kevin Salwen: The Suspect, 2019
Atlanta, 27. Juli 1996, Olympische Spiele: während eines Konzerts entdeckt der Sicherheitsmitarbeiter Richard Jewell einen verdächtigen Gegenstand. Sofort evakuiert er den Platz und rettet so, bevor die Bombe explodiert, viele Leben. Er wird als Held gefeiert. Und kurz darauf verdächtigt, die Bombe platziert zu haben, um sich als Helden zu inszenieren. Was stimmt?
Vor acht Jahren mussten einige ehemalige DDR-Geheimagenten einer früheren Sowjetrepublik für die BRD eine kritische Situation zu lösen.
Die von Robert Thalheim mit vielen bekannten DDR-Schauspielern inszenierte Agentenkomödie „Kundschafter des Friedens“, die sich über Ost- und West-Agenten und DDR-BRD-Befindlichkeiten in der Realität und im Film selbstironisch amüsierte, war ein Erfolg.
Bereits während der Kinotour entstand die Idee für einen weiteren Einsatz der rüstigen DDR-Agenten. Aber der Tod von Michael Gwisdek, einem der Hauptdarsteller des Films, am 22. September 2020, die Coronavirus-Pandemie und die Suche nach der richtigen Geschichte verhinderten dann einen früheren Drehstart. Die Hauptdarsteller waren immer an einer Fortsetzung interessiert. Henry Hübchen, Winfried Glatzeder und Thomas Thieme sind wieder dabei. Katharina Thalbach und Corinna Harfouch sind die prominenten Neuzugänge. Sie alle hatten ihren Spaß und schwelgten in den Drehpausen unter südlicher Sonne sicher in Erinnerungen an die DDR, gemeinsame Bekannte und Schauspielerfahrungen.
Dieses Mal werden die titelgebenden ‚Kundschafter des Friedens‘, die absolut unironische Bezeichnung der DDR-Regierung für ihre Geheimagenten, von Helene (Corinna Harfouch) um einen Gefallen gebeten. Die Tochter von DDr-Agentenlegende Markus Fuchs bittet Jochen Falk (Henry Hübchen), den James Bond der DDR, Romeo-Agent Harry (Winfried Glatzeder), Logistiker Locke (Thomas Thieme) und Technikgenie Tamara (Katharina Thalbach) ihr beim Austausch eines Testaments zu helfen. Kurz vor seinem Tod hat Fuchs seiner Ehefrau Lucia (Lynne Ann Williams) die Ernst-Thälmann-Insel in Kuba überschrieben. Lucia will aus der naturbelassenen Halbinsel ein Touristenmekka machen.
Um diesen Ausverkauf kommunistischer Ideale an kapitalistische Interessen zu verhindern, machen sich die ‚Kundschafter des Friedens‘ auf den Weg nach Kuba, dem letzten kommunistischen Paradies – und sie erleben ihr blaues Wunder.
„Kundschafter des Friedens 2“ ist ein harmloser Spaß mit einigen Witzen über Ost und West damals und heute, viel Nostalgie, Klamauk zum Gähnen und einer zusammengestückelten Geschichte, die sich nicht um interne Logik und stimmige Figuren kümmert.
Kundschafter des Friedens 2 (Deutschland 2025)
Regie: Robert Thalheim
Drehbuch: Peer Klehmet, Robert Thalheim
mit Henry Hübchen, Katharina Thalbach, Corinna Harfouch, Thomas Thieme, Winfried Glatzeder, Alberto Ruano, Lynne Ann Williams, Rainer Reiners, Francisco de Solar, Nellie Thalbach, Amin Bahmeed
LV: William Goldman: Marathon Man, 1974 (Der Marathonmann)
Ein Student kommt, durch seinen ermordeten Bruder, einer Nazi-Organisation auf die Spur.
Spannender Thriller mit hochkarätiger Besetzung und einer – immer noch – schrecklichen Zahnarzt-Szene. Ursprünglich sollte sie länger sein, aber Testvorführungen ergaben, dass das zuviel Grauen war.
William Goldmans Drehbuch war für einen Edgar und WGA-Award (für „Die Unbestechlichen“ erhielt er den Preis der Writers Guild of America) nominiert.
Mit Dustin Hoffman, Laurence Olivier, Roy Scheider, Marthe Keller, William Devane, Fritz Weaver
Ich fand Leigh Whannells neuen Horrorfilm gar nicht so schlecht wie befürchtet. Nach dem Ansehen des nichtssagenden Trailers und den aus dem Ausland kommenden negativen Äußerungen zum Film erwartete ich von „Wolf Man“ nur noch eine Notiz für die Jahresflopliste. Und wurde positiv überrascht.
Das heißt jetzt nicht, dass „Wolf Man“ ein guter Film ist. Es ist eher ein Film, den der Genrefan sich ansieht, dabei, auch wenn es schwerfällt, nicht über Löcher in der Story nachdenkt und sich stattdessen an den Effekten erfreut; soweit sie in der stockdunklen Nacht erkennbar sind. Denn Whannell zeigt in seinem freien Remake des Horrorfilmklassikers „Der Wolfsmensch“ (The Wolf Man, USA 1941, Regie: George Waggner, Lon Chaney Jr. als Werwolf) in schönster „Die Fliege“-David-Cronenberg-Bodyhorror-Tradition die sich über Stunden hinziehende Verwandlung von Blake Lovell in den titelgebenden ‚Wolf Man‘.
Blake (Christopher Abbott) kehrt mit seiner Frau Charlotte (Julia Garner) und ihrer gemeinsamen achtjährigen Tochter Ginger (Matilda Firth), zu der er eine innige Verbindung hat, in das einsam in den Wäldern von Oregon gelegene Elternhaus zurück. Sein schon vor Jahren im Wald verschwundener Vater würde für tot erklärt wurde. Jetzt will Blake das Haus ausräumen und seiner Frau und Tochter die Wälder zeigen, in denen er seine Kindheit verbrachte.
Auf der Hinfahrt verunglücken sie im Wald. Blake wird von etwas gebissen und sie flüchten panisch vor den Dingen, die im Dunkeln im Wald lauern, in das Haus seines Vaters. Dort verbarrikadieren sie sich vor den Angriffen eines oder mehrerer Tiere. So genau kann man das im Dunkeln nicht erkennen. Die Lovells versuchen Hilfe zu holen. Allerdings haben ihre Smartphones keinen Empfang (das soll ein in den USA übliches Problem sein) und auf die Hilferufe via CB-Funk antwortet niemand.
Aber viel schlimmer als die Angriffe aus dem Wald ist, dass Blake sich in ein verwandelt. Er wird zu einem Werwolf mit der tierischen Lust auf Menschenfleisch.
Whannell konzentriert sich auf die Situation zwischen den drei in der Hütte eingeschlossenen Menschen, ihren Fluchtversuchen und den Angriffen aus dem Wald. Das sorgt für eine ordentliche Portion Suspense. Es gibt einige Szenen aus Blakes Perspektive, der immer mehr zum Tier mutiert und sich immer weniger mit Charlotte und Ginger verständigen kann.
Gleichzeitig verzichtet Whannell auf Erklärungen und vieles ist einfach schlecht ausgedacht. So weiß Blake alles und nichts über den Wald und die im Wald lebenden Werwölfe. Halt gerade, wie es für die Szene besser ist. Selbstverständlich verrät er seiner Frau nichts über seine Verwandlung. Das seit Jahren verlassene elterliche Haus ist in jeder Beziehung erstaunlich gut erhalten. Im entscheidenden Moment kann sogar Ginger schneller als die sie verfolgenden Werwölfe laufen. Undsoweiterundsofort. Logisch ist das nicht, aber sonst wäre der Film nach fünf Minuten zu Ende. Ärgerlich ist dieses Hervorzerren der allerältesten Horrorfilmklischees, angesichts des in anderen Szenen durchaus vorhandenen Potentials, dann doch.
Wolf Man(Wolf Man, USA 2025)
Regie: Leigh Whannell
Drehbuch: Leigh Whannell, Corbett Tuck
mit Christopher Abbott, Julia Garner, Sam Jaeger, Matilda Firth, Benedict Hardie, Ben Prendergast, Zac Chandler, Milo Cawthorne