Einhörner gibt es, jedenfalls will uns das Alex Scharfman in seiner Horrorkomödie „Death of a Unicorn“ glauben machen, in den einsamen Wäldern von Nordamerika. Auf dem Weg zu einem wichtigen Wochenende mit seinem Chef, einem vom Tod gezeichneten Pharmamogul, der seine Geschäfte abgeben möchte, überfährt Elliot Kintner (Paul Rudd) in einem unachtsamen Moment ein auf der Landstraße stehendes Einhorn. Seine Tochter Ridley (Jenna Ortega) berührt das Horn des Einhorns und baut so eine besondere Beziehung zu dem sterbenden Tier auf. Später wollen sie das Einhorn begraben. Bis dahin verstecken sie es im Kofferraum ihres Mietwagens.
Zuerst müssen sie allerdings weiter zu Elliots Chef Odell Leopold (Richard E. Grant) fahren. Er und seine Familie erwarten sie bereits auf ihrem einsam in den Rocky Mountains gelegenem Luxusanwesen.
Als die Leopolds das Einhorn entdecken, erahnen sie sofort das in dem Horn des Tieres schlummernde Potential für künftige Geschäfte.
Vor allem Ridley, die sich gerade in ihrer antikapitalistischen Phase befindet, lehnt das vehement ab.
Und wo ein Einhorn ist, gibt es weitere Einhörner.
In seinem Spielfilmdebüt „Death of a Unicorn“ setzt Autor/Regisseur Alex Scharfman sich unglücklich zwischen die Stühle ‚Komödie für Kinder‘ und ‚Fun-Splatter für das Fantasy-Filmfest-Publikum‘. Einhörner sind heute vor allem nette Fabelwesen in Kindergeschichten und Spielzeug für Kinder. Aber „Death of a Unicorn“ ist, auch wenn es um die Beziehung zwischen einem Teenager und einem Einhorn geht, kein Kinderfilm. Bei uns ist er „frei ab 16 Jahre“ und das ist eine durchaus nachvollziehbare Einstufung der FSK. Nach einem humoristischen Anfang, in dem die Schauspieler spielfreudig und gleichzeitig immer etwas zu übertrieben spielen, geht es schnell in Richtung Splatter. Blut spritzt, Gedärme und Körperteile fliegen durch das Bild. Die Kamera zeigt möglichst jedes Detail. Der Kampf zwischen den in der Nacht die Leopold-Villa eingreifenden Einhörnern und den Eingeschlossenen, zu denen sich auch Leopolds schweigsame No-Nonsense-Sicherheitschefin gesellt, eskaliert schnell. Die Menschen wehren sich unter Verwendung der aus „Alien“ und „Predator“ bekannten Methoden. Denn wenn es blutet, kann es getötet werden.
Das Ergebnis ist ein in Teilen durchaus unterhaltsamer, letztendlich aber enttäuschender und gescheiterter Mix aus Fantasy-Filmkomödie für Kinder mit netten Einhörnern und eindimensionalen Figuren und deftigem Fun-Splatter für Jugendliche, die sich keine Kinderfilme mit Einhörnern ansehen wollen, wenn sie sich gleichzeitig einen zünftigen Fun-Splatter mit Monsterbären oder Zombies ansehen können.
Death of a Unicorn (Death of a Unicorn, USA 2025)
Regie: Alex Scharfman
Drehbuch: Alex Scharfman
mit Paul Rudd, Jenna Ortega, Will Poulter, Anthony Carrigan, Sunita Mani, Jessica Hynes, Tea Leoni, Richard E. Grant
Dieses Mal gibt es keine „Nachtschicht“ von Lars Becker, sondern einige Fälle der Anwältin Annabelle Martinelli, die sich auf das Sexualstrafrecht spezialisiert hat. Zum Beispiel den einer Politikergattin, die sich gegen die Schläge ihres Mannes wehrt, und den einer Polizistengattin. Seine Kollegen helfen ihm und lassen Beweise verschwinden.
Bereits 2019 in „Wahrheit oder Lüge“ spielte Natalie Wörner die Anwältin Annabelle Martinelli.
Das Lexikon des internationalen Films ist nicht begeistert: „Ambivalenzen fehlen ihr ebenso wie den anderen Charakteren, was den auch dramaturgisch öden Film vorhersehbar und zäh macht.“
mit Natalie Wörner, Nurit Hirschfeld, Fritz Karl, David Schütter, Sabrina Amali
Es geht doch. Nachdem ungefähr alle Marvel-Filme seit dem Ende der Infinity-Saga und dem Riesenerfolg von „Avengers: Endgame“ mehr oder weniger große Enttäuschungen waren und auch jetzt, weit in der sogenannten Multiverse-Saga, immer noch kein Zusammenhang zwischen den einzelnen Filmen erkennbar ist, wird mit „Thunderbolts*“, dem 36. MCU-Film und dem sechsten und finalen Film der fünften Phase, ein kurzweiliger und insgesamt sehr gelungener Superheldenfilm präsentiert.
Wie Marvel-Fans wissen, fassen die Macher im Marvel Cinematic Universe (MCU) ihre Filme zusammen in mehrere Filme umfassende Phasen und diese wiederum in einer mehrere Phasen umfassenden Saga zusammen. Damit wird zwischen den Filmen ein Zusammenhang und eine mehrere Filme umfassende Kontinuität hergestellt; auch weil die Helden eines Filmes mehr oder weniger umfassende Gastauftritte in anderen Filmen haben und Ensemblemitglieder mehr oder weniger oft in anderen Filmen mitspielen. Das führte zu einer gelungenen Balance zwischen Einzelfilmen, einer größeren Welt, in der alles spielt, und sich über mehrere Filme entwickelnden Plots. Es war eine Balance zwischen ’neu‘ und ‚vertraut‘.
In der Multiverse-Saga wurde diese Balance in die Tonne getreten. Neue Helden wurden in Einzelfilmen pompös eingeführt und anschließend links liegen gelassen. Ein Zusammenhang zwischen den Filmen ist nicht mehr erkennbar.
Inzwischen vermute ich, dass das Label Multiverse-Saga nicht für einen irgendwie gearteten Zusammenhang zwischen den Filmen steht, sondern dass die propagierte Existenz verschiedener Universen einfach dazu dient, voneinander vollkommen unabhängige Geschichten zu erzählen, die in verschiedenen Welten spielen. So wie die in in Berlin spielenden „Tatorte“, außer dem Handlungsort, nichts mit „Ein starkes Team“ zu tun haben.
Und so hat „Thunderbolts“ nur sehr, sehr lose etwas mit den vorherigen Filmen und Streamingserien, die zum vollen Verständnis der Filme auch angesehen werden sollten, zu tun. Die Geschichte von Yelena Belova, der Schwester der verstorbenen „Black Widow“ Natasha Romanoff (erster Film der vierten Phase, Auftakt der Multiverse-Saga, aber eigentlich ein Nachschlag zur Infinity-Saga), wird weiter erzählt und in einem Satz wird erwähnt, dass der vorherige Präsident zum Red Hulk wurde (was wir in „Captain America: Brave New World“ erleiden mussten).
Yelena Belova (Florence Pugh) arbeitet jetzt für die CIA-Direktorin Valentina Allegra de Fontaine (Julia Louis-Dreyfus). Davor war sie leitendes Mitglied eines Unternehmens in schief gelaufene Superhelden-Experimente involviert. Jetzt, mit einem Kongressausschuss im Nacken, will sie die Beweise für diese Experimente vernichten.
Dafür schickt sie, unabhängig voneinander, vier ihrer Auftragskiller zu einem einsam in der Wüste gelegenem Labor. Als die vier Killer in dem unterirdischen Labor aufeinander treffen und Taskmaster (Olga Kurylenko) von einem von ihnen getötet wird, erkennen sie, dass sie von de Fontaine beauftragt wurden, sich gegenseitig zu töten. In dem Labor treffen Yelena, ‚Captain America‘ John Walker (Wyatt Russell) und ‚Ghost‘ Ava Starr (Hannah John-Kamen) außerdem auf einen jungen, offensichtlich desorientierten Mann, der sich Bob (Lewis Pullman) nennt.
Gemeinsam beschließen sie gegen de Fontaine zu kämpfen. Und weil die verbrecherische CIA-Chefin über das gesamte Militär und Spezialeinheiten verfügen kann, sind sie froh über die Hilfe von ‚Red Guardian‘ Alexei Shostakov (David Harbour) und ‚Winter Soldier‘ Bucky Barnes (Sebastian Stan). Was sie in dem Moment noch nicht wissen, ist, dass sie in New York gegen eine noch größere Gefahr, die die Welt vernichten kann, kämpfen müssen.
Viele der Mitglieder der Thunderbolts sind aus früheren MCU-Filmen als mehr oder weniger wichtige Nebenfiguren mehr oder weniger bekannt. Dieses Wissen erhöht sicher das Vergnügen an ihren Auftritten in „Thunderbolts*“. Alle anderen erhalten die nötigen Informationen schnell durch ihre Taten und ihre Unterhaltungen. Denn diese Gruppe, die irgendwo zwischen den edlen „Avengers“ und der eindeutig derangierten, aus Verbrechern bestehenden „Suicide Squad“ angesiedelt ist, ist eine ziemlich okaye Gruppe einsamer Menschen, die mit Teilen ihrer Vergangenheit hadern und eigentlich nur gemocht werden wollen.
Das, also Einsamkeit, die Angst vor Zurückweisung und die Suche nach Gemeinschaft, ist dann auch das in jeder Figur und jeder Szene konsequent durchgezogene Thema des Films. Sie machen als Individuum und als Gruppe während des Films eine Entwicklung durch. Die beiden Bösewichter des Films haben für ihre Schandtaten jeweils ein eindeutig nachvollziehbares Motiv und sie bleiben, im Gegensatz zu vielen früheren MCU-Bösewichtern, auch über den Abspann hinaus im Gedächtnis. Entsprechend nachvollziehbar ist die Filmgeschichte, die eine gelungene Balance zwischen intimen Szenen und großen Actionszenen findet. Das Finale gestaltet sich dann – zum Glück – anders als gewohnt. Dazu gehört auch, dass hier gezeigt wird, wie die Superhelden Menschen vor dem sicheren Tod retten. In früheren MCU-Filmen wurden ja regelmäßig Millionstädte zerstört, aber nie gezeigt, dass dabei jedes Mal als vernachlässigbarer Kollateralschaden tausende Menschen starben.
„Thunderbolts*“ ist nicht nur der beste MCU-Film seit langer Zeit, sondern auch ein guter Film, der sehr gut für sich allein steht.
Es gibt zwei Abspannszenen, die ich beide nicht so toll fand. Die eine ist ein missglückter Gag. Die andere…so etwas wie eine Vorschau auf möglicherweise kommende Ereignisse.
Thunderbolts* (Thunderbolts*, USA 2025)
Regie: Jake Schreier
Drehbuch: Eric Pearson, Joanna Calo (nach einer Geschichte von Eric Pearson)
mit Florence Pugh, David Harbour, Sebastian Stan, Hannah John-Kamen, Olga Kurylenko, Wyatt Russell, Lewis Pullman, Julia Louis-Dreyfus, Geraldine Viswanathan
Der Ghostwriter (The Ghost Writer, Frankreich/Deutschland/Großbritannien 2010)
Regie: Roman Polanski
Drehbuch: Robert Harris, Roman Polanski
LV: Robert Harris: The Ghost, 2007 (Ghost, Der Ghostwriter)
Ein Autor soll innerhalb weniger Tage die Biographie des ehemaligen britischen Premierministers Adam Lang ghostwriten. Als Lang wegen Kriegsverbrechen im „Krieg gegen den Terror“ angeklagt wird, beginnt der gänzlich unpolitische Autor auf eigene Faust zu recherchieren.
Glänzend besetzter, grandioser Paranoia-Thriller, der an Polanskis frühere Filme, wie „Chinatown“ und „Der Mieter“, anknüpft.
mit Ewan McGregor, Pierce Brosnan, Olivia Williams (die eigentlich viel zu jung für ihre Rolle ist), Kim Cattrall, Tom Wilkinson, James Belushi, Timothy Hutton, Eli Wallach (die letzten drei haben nur Kleinstrollen)
Wiederholung: Samstag, 3. Mai, 01.20 Uhr (Taggenau!)
Tramp Charlie muss in einer Fabrik am Fließband arbeiten. Durch eine Verkettung unglücklicher Zufälle landet er sogar im Gefängnis.
Chaplins grandioser Stummfilm-Kommentar zur Industriegesellschaft und den Auswirkungen der Wirtschaftskrise ist ein immer wieder sehenswerter Klassiker der Komödie.
Danach, um 21.40 Uhr, zeigt Arte die brandneue 55-minütige Doku „Chaplins Moderne Zeiten – Der Abschied vom Stummfilm“ (Frankreich 2024).
mit Charlie Chaplin, Paulette Goddard, Chester Conklin, Henry Bergman, Tiny Sandford
Barry Egan ist Unternehmer. Allerdings läuft sein Verkauf von Kitschartikeln eher schlecht. Seine sieben Schwestern erdrücken ihn mit ihrer Fürsorge. Ein Telefonsex-Anbieter versucht ihn zu erpressen. Und er selbst findet die Welt immer wieder etwas ver-rückt. Da wird in der Einfahrt zu seinem Garagengeschäft ein alte Harmonium abgestellt und er trifft die überaus liebenswerte Lena.
„Punch-Drunk Love“ ist ein wundervoll derangierter Film. Wie die Hauptfigur, die am amerikanischen Traum, der Realität, seiner Familie (sieben Schwestern!) und sich selbst verzweifelt ohne zu scheitern. Denn Paul Thomas Anderson erzählt gleichzeitig eine romantische Liebesgeschichte mit psychedelischen Einschüben.
Paul Thomas Andersons neuer Film „The Battle of Baktan Cross“ (One Battle After Another) läuft am 25. September 2025 an.
mit Adam Sandler, Emily Watson, Philip Seymour Hoffman, Luis Gusmán, Mary Lynn Rajskub, Robert Smigel
Eternal You – Vom Ende der Endlichkeit (Deutschland/USA 2024)
Regie: Hans Block, Moritz Riesewieck
Drehbuch: Hans Block, Moritz Riesewieck
Sehr sehenswerter und zum Nachdenken anregender Dokumentarfilm über Menschen, die mit ihren verstorbenen Liebsten reden können. Möglich wird das, indem Unternehmen mit der Hilfe von Künstlicher Intelligenz Avatare programmieren, die den Verstorbenen immer mehr ähneln. Verkaufen tun sie es als Hilfe bei der Trauerbewältigung. Stimmt das? Oder sollten solche KI-Anwendungen verboten werden?
Die frisch geschiedene Meg Altman entdeckt mitten in Manhattan ihr Traumhaus. In ihm ist sogar, letzter Schrei der Sicherheitsindustrie für ängstliche, stinkreiche Großstädter, ein Panic Room. In diesen sicheren Raum kann sich der Hausbesitzer während eines Einbruchs zurückziehen und abwarten bis die Polizei anrückt. Meg hält den Raum für überflüssig, aber als in der Nacht drei Einbrecher auftauchen, flüchtet sie mit ihrer Tochter in den Panic Room. Dummerweise wollen die Einbrecher die in diesem Zimmer versteckten Millionen des Vorbesitzers stehlen.
Das mag jetzt neu klingen, aber im Kern erzählt „Panic Room“ eine uralte, aus jedem zweiten Western bekannte Story. Tauschen Sie einfach den Panic Room gegen ein Fort oder eine Wagenburg; die Einbrecher gegen Indianer aus und Sie wissen genau, in welchem Moment die Kavallerie auftaucht. Oh, und in welchem Zustand das Haus ist.
David Koepp und David Fincher machen daraus einen spannenden Hightechthriller.
Oder sagen wir es mit den Worten von Georg Seeßlen: Panic Room „ist vor allem ein reduzierter, ebenso brillant konstruierter wie fotografierter Thriller, ein Kammerspiel des Terrors, das alle Elemente, die am Anfang eingeführt wurden, beständig transponiert, wendet und variiert. Insofern ist Panic Room ein Stück reiner Film-Komposition, in der Sujets, Objekte und Einstellungen die Rollen von Melodien, Takten und Tönen übernehmen (…). Und wie für eine musikalische Komposition, so gilt auch für Panic Room: Es kommt nicht allein auf die Erfindung einer Melodie an, sondern auch darauf, was ein Interpret mit ihr anzustellen weiß.“ (in Frank Schnelle [Hrsg.]: David Fincher)
Mit Jodie Foster, Kristen Stewart, Forest Whitaker, Dwight Yoakam, Jared Leto, Patrick Bauchau, Andrew Kevin Walker (der „Se7en“-Drehbuchautor spielt den verschlafenen Nachbarn)
Drei Tage und ein Leben(Trois jours et une vie, Frankreich 2019)
Regie: Nicolas Boukhrief
Drehbuch: Pierre Lemaitre, Perrine Margaine
LV: Pierre Lemaitre: Trois jours et une vie, 2016 (Drei Tage und ein Leben)
Kurz vor Weihnachten verschwindet in den belgischen Ardennen ein Kind. Die Suche verläuft ergebnislos. Auch weil der zwölfjährige Antoine, der weiß, was passiert ist, schweigt. Fünfzehn Jahre später kehrt er in das Dorf zurück.
Ruhiger Thriller, der an Claude Chabrols schwarzhumorige Abrechnungen mit dem französischen Bürgertum erinnert. Auch wenn die Geschichte in Belgien spielt.
LV: Deborah E. Lipstadt: History on Trial: My Day in Court with a Holocaust Denier, 2005
Damit hat die Historikerin Deborah E. Lipstadt nicht gerechnet, als sie in ihrem neuesten Buch den Holocaust-Leugner David Irving scharf angreift. 1996 reicht Irving beim höchsten englischen Zivilgericht eine Verleumdungsklage gegen sie ein. Jetzt muss sie vor Gericht beweisen, dass es den Holocaust wirklich gab.
Eine sehr gute, sehr ehrenwerte und in jeder Sekunde honorige, aber auch etwas bieder geratene Geschichtsstunde. Absolut sehenswert.
ABER nicht in dieser Qualität. 1971 schlug Adrian Maben Pink Floyd, damals bestehend aus der klassischen Besetzung Roger Waters (Bass), David Gilmour (Gitarre), Richard Wright (Keyboards) und Nick Mason (Schlagzeug), vor, in Pompeji im Amphitheater einige Songs ohne Publikum zu spielen und daraus einen Konzertfilm zu machen.
1972 wurde das Werk erstmals der Öffentlickeit präsentiert. Vor dem Kinostart 1974 gab es Nachdrehs in den Abbey Road Studios. Seitdem wurde der Konzertfilm, teils in leicht geänderten Schnittfassungen, immer wieder veröffentlicht.
Präsentiert werden von den vier Musikern im menschenleeren, sonnendurchfluteten Theater heute immer noch bekannte Songs, wie „Echoes“, „One of these Days“ (beide von „Meddle“) und „A Saucerful of Secrets“ (von „A Saucerful of Secrets“ und „Ummagumma“), aber nicht die große Hits von ihren später veröffentlichten LPs. Als Pink Floyd in Pompeji spielte, waren sie bereits eine bekannte Band. Der große Durchbruch erfolgte 1973 mit „The Dark Side of the Moon“. Einige Soundschnipsel aus der LP wurden im Film zu Aufnahmen aus dem Abbey Road Studios verwendet. Dort entstanden auch Aufnahmen von Gesprächen mit und zwischen den Musikern.
Für die aktuelle Kinoauswertung wurde das originale 35mm-Kameranegativ, das kürzlich im Archiv von Pink Floyd entdeckt wurde, in 4K restauriert. Steven Wilson (Porcupine Tree) mischte für das Kino und das Heimkino den Ton neu ab.
Das Bild ist – ich konnte den Musikfilm im IMAX, in einer der vordersten Reihen sitzend, sehen – fantastisch. Das sind Details zu sehen, die frühere Generationen so wahrscheinlich niemals sahen. Der Ton überzeugt ebenfalls.
Der Film selbst ist heute eine Zeitkapsel, der auch eine Band kurz vor ihrem so von niemand erahnbarem großen Durchbruch zeigt. Einige damals revolutionäre Stilmittel sind heute veraltet. Einiges was damals mit großem logistischem Aufwand verbunden war, wird heute lässig für jeden Konzertmitschnitt verwendet. Die Mischung aus live im Amphitheater aufgenommenen Stücken, Impressionen aus dem Studio, Gesprächen und pointillistisch eingestreuten Bildern von durch die Landschaft laufenden Musikern und römischen Fresken war damals sicher aufregender als heute, wo wir solche Montagen schon hunderttausendmal gesehen haben. Jedenfalls hätte ich gerne mehr von ihrem Auftritt in Pompei gesehen.
Als historisches Dokument und als wegweisender Konzertfilm ist „Pink Floyd at Pompeii“ immer noch sehenswert und in der aktuellen Fassung, betitelt als „Pink Floyd at Pompeii – MCMLXXII“, im Kino ein Erlebnis, das wegen der Bilder und der Musik im größten Kinosaal mit der besten Soundanlage gesehen werden sollte.
Für das Heimkino und die heimische Stereonanlage erscheint der Konzertfilm am 2. Mai als CD, DVD, Blu-Ray und LP.
Pink Floyd at Pompeii – MCMLXXII(Pink Floyd at Pompeii – MCMLXXII, Großbritannien/USA 2025)
Regie: Adrian Maben
Drehbuch (eher Idee): Adrian Maben
mit Roger Waters, David Gilmour, Richard Wright, Nick Mason
Länge: 89 Minuten
FSK: ab 0 Jahre
–
alternativer Titel/Originaltitel: Pink Floyd: Live at Pompeii (Frankreich/Deutschland 1972/1974)
Der aus Sussex kommende Tom Michell (Steve Coogan) ist, nach einer langen Tour durch ähnliche Schulen in Südamerika, 1976 in Buenos Aires gelandet. Er ist im noblen St. George’s College der neue Englischlehrer. In dem von der Außenwelt durch eine Mauer getrenntem Jungeninternat sind die Regeln streng. Ihm wird die lernschwache siebte Klasse zugewiesen. Er soll ihre Leistungen soweit verbessern, dass sie versetzt werden können.
Nach dem Militärputsch wird die Schule für einige Tage geschlossen. Zusammen mit einem Kollegen unternimmt er einen typischen Junggesellenausflug nach Uruquay. Um eine Frau, die er am Strand trifft, zu beeindrucken und so später Sex mit ihr zu haben, rettet er einen ölverschmutzten Pinguin vor dem Tod. Der Pinguin überlebt. Die Frau will trotzdem nicht mit ihm ins Bett gehen. Außerdem verfolgt der Pinguin ihn fortan überall hin. Am Strand, wenn der Pinguin hinter Tom herläuft, ist das ein putziges Bild. Wenn er den Pinguin im Handgepäck über die Grenze schmuggeln muss und er ihn im Internat in seinem Zimmer – erfolglos – vor neugierigen Blicken schützen will, ist das weniger putzig, sondern gefährlich, weil er gegen verschiedene Regeln verstößt und er seine Arbeit und seine Freiheit verlieren könnte.
Aber „Der Pinguin meines Lebens“ ist kein Drama, sondern eine humoristische Feelgood-Komödie über einen ausgebrannten, sarkastischen Lehrer, der dank der Hilfe eines Pinguins zu einem besseren Menschen wird. Und der mit der Hilfe des Pinguins seine Schüler zu besseren Schülern macht.
Der historische Hintergrund bleibt eine pittoreske Kulisse.
„Ganz oder gar nicht“-Regisseur Peter Cattaneo inszenierte die Geschichte nach einem Drehbuch von Jeff Pope. Pope schrieb auch die Drehbücher für „Philomena“ und „Stan & Ollie“, die beide mit Steve Coogan verfilmt wurden. Und wie schon „Philomena“ und „Stan & Ollie“ basiert die Geschichte auf einer wahren Geschichte. In diesem Fall den 2015 erschienenen gleichnamigen Memoiren von Tom Michell. Dieses Mal nahm Pope sich Freiheiten. Die auffälligste und folgenreichste Änderung ist, dass er Michells Alter änderte. Der echte Tom Michell war damals Mitte zwanzig. Der von Steve Coogan im Film als liebenswert-sarkastischer Miesepeter mit dem Herzen auf dem rechten Fleck gespielte Michell ist ein Mann in den Fünfzigern. Er blickt auf ein längeres Leben zurück und er ist auch ein anderer Charakter als der echte Michell.
Aber warum sollte die Wahrheit eine schöne Geschichte stören?
Der Pinguin meines Lebens (The Penguin Lessons, Großbritannien/Spanien 2024)
Regie: Peter Cattaneo
Drehbuch: Jeff Pope
LV: Tom Michell: The Penguin Lessons, 2015 (Der Pinguin meines Lebens)
mit Steve Coogan, Vivian El Jaber, Björn Gustafsson, David Herrero, Jonathan Pryce, Alfonsina Carrocio, Mica Breque
Während eines Treffens mit einer Profi-Killerin wird Ray King (J. K. Simmons) ermordet. Nicht unauffällig in einer dunklen Gasse, sondern von einem ganzen Killerkommando, das vor, hinter und in dem Lokal auf ihn und die Profi-Killerin wartete und alle tötet, die zwischen ihnen und ihrem Ziel stehen. Vor seinem Tod kann King die kryptische Botschaft „Find the Accountant“ (oder auf Deutsch: „Finde den Buchhalter“) auf seinen Unterarm schreiben. Während U. S. Treasury Deputy Director Marybeth Medina (Cynthia Addai-Robinson), die Nachfolgerin von King im US-Finanzministeriums, noch den Buchhalter sucht, haben wir ihn bereits gefunden. Er lebt immer noch in seinem Wohnwagen und besucht eine Partnerbörse.
Wir kennen aus dem Thriller „The Accountant“. Der lief 2016 durchaus erfolgreich im Kino und wird auf Streamingportalen immer noch gerne gesehen. Kein Wunder, denn Gavin O’Connor erzählt kraftvoll und konzentriert eine weitgehend vertraute Geschichte gut konstruiert, mit einigen Twists und einem interessanten Helden. Denn der titelgebende Accountant Christian Wolff (Ben Affleck) ist gleichzeitig ein zurückgezogen lebender Autist, der gut mit Zahlen umgehen kann und die Buchhaltung für verschiedene Verbrechersyndikate erledigt, und ein, zusammen mit seinem Bruder Brax (Jon Bernthal), von seinem Vater ausgebildeter Killer. Brax schlug später eine Karriere als Auftragskiller ein. Im Finale von „The Accountant“ treffen sie aufeinander.
O’Connor erzählte, nach einem Drehbuch von Bill Dubuque, in „The Accountant“ eine runde, in sich abgeschlossene Geschichtet, die nach keiner Fortsetzung verlangte. Eigentlich war alles gesagt.
Aber natürlich geht es weiter. Schließlich kann der titelgebende Buchhalter in ein weiteres Abenteuer hineinstolpern oder er kann, nach den Ereignissen des ersten Films, zum Kreuzritter gegen das Verbrechen werden und sich eine Verbrecherbande nach der nächsten vornehmen.
Und das macht er auch in „The Accountant 2“. Bei King wurde ein älteres Bild von einer vor acht Jahren aus El Salvador geflüchteten dreiköpfigen Familie gefunden: Zusammen mit Medina nimmt Christian die Fährte der skrupellosen und über beträchtliche Ressourcen verfügenden Menschenschmuggler auf. Dabei soll ihm sein Bruder Brax helfen.
Das Ergebnis ist ein unterhaltsamer Thriller, in dem ständig etwas passiert. Aber wahrscheinlich kann noch nicht einmal der Drehbuchautor die Story schlüssig in wenigen Worten nacherzählen. Die Motive der Figuren sollte man auch nicht so genau hinterfragen. Letztendlich tun sie, was sie tun, weil es so im Drehbuch steht. Die Guten tun gute Dinge, auch wenn sie foltern und töten. Die Bösen sind böse. Sie sind so böse, dass sie sogar Kinder umbringen würden. Dazwischen wird mild eine Lanze für die aus Südamerika in die USA flüchtenden Menschen gebrochen.
Die Story ist ein Potpourri bekannter Thrillerszenen und -motive, die locker-flockig aneinandergereiht werden. Nie wird die erzählerische Geschlossenheit oder Dringlickeit des ersten Films erreicht. In „The Accountant 2“ passieren Dinge einfach. Die Geschichte erstreckt sich über die halbe USA, aber die Figuren sind im richtigen Moment immer am richtigen Ort. Gavin O’Connor inszeniert das kompetent. Wuchtig in den wenigen Actionszenen. Eher plätschernd in den teils endlosen Dialogen. Wenn Christian und sein Bruder Brax ihren Beziehungsstatus erörterten eher nervig in Buddy-Humor-Gefilden. Wenn die beiden Brüder zusammen mit der Beamtin Medina die Bösewichter jagen, gibt es, weil sie vollkommen unterschiedliche Ermittlungsmethoden haben, einige witzige Szenen.
„The Accountant 2“ ist okay, aber nicht so gut wie der erste Film.
Ein dritter Film ist bereits in Planung.
The Accountant 2 (The Accountant 2, USA 2025)
Regie: Gavin O’Connor
Drehbuch: Bill Dubuque
mit Ben Affleck, Jon Bernthal, Cynthia Addai-Robinson, Daniella Pineda, Allison Robertson, J. K. Simmons
Sabotage – Deutschland in Putins Visier (Deutschland 2025)
Regie: Diana Löbl, Peter Onneken
Brandneue 45-minütige Doku über aktuelle und mögliche russische Anschläge auf Deutschland mit explodierenden DHL-Paketen, Anschlägen auf Frachtflugzeuge und, zuletzt öfter in den Nachrichten zerstörten Unterseekabeln in der Ostsee. Löbl und Onneken porträtieren diesen hybriden Krieg.
Drehbuch: Dan McDermott, John Glenn, Travis Adam Wright, Hillary Seitz
Actionfilm über einen slackerhaften Copyshop-Angestellten und eine alleinerziehende Mutter, die plötzlich in das Fadenkreuz von Polizei und Geheimdiensten geraten. Die Regierung hält sie für gemeingefährliche Terroristen. Eine geheimnisvolle Frau hilft ihnen via Telefon immer wieder aus der größten Gefahr. Und die beiden Gejagten wollen herausfinden, warum sie öfters in Lebensgefahr geraten als James Bond in einem halben Dutzend Abenteuer.
Der Paranoiathriller soll nach Meinung der Macher vor der totalen Überwachung warnen. Das dürften einige ältere Filme („Staatsfeind Nr. 1“?; um nicht in die siebziger Jahre zurückzugehen) schon besser erledigt haben. Dafür gibt es Action satt, eine damals aufsehenerrengenden Cast mit aufstrebenden Stars (wie „Transformers“ Shia LaBeouf, der danach karrieretechnisch in die falsche Richtung abbog) und vielen Anspielungen auf andere Filme. Den Kritikern gefiel’s nicht. Dem zahlenden Publikum schon mehr.
mit Shia LaBeouf, Michelle Monaghan, Rosario Dawson, Michael Chiklis, Billy Bob Thornton, Anthony Mackie, Julianne Moore (Stimme, im Original)
Die Körperfresser kommen (Invasion of the Body Snatchers, USA 1978)
Regie: Philip Kaufman
Drehbuch: W. D. Richter
LV: Jack Finney: The Body Snatchers, 1955 (Unsichtbare Parasiten, Die Körperfresser kommen )
Außerirdische Sporen landen auf der Erde und entwickeln sich zu Doppelgängern von Menschen. Sie beginnen die Macht auf der Erde zu übernehmen. Dr. Matthew Benell versucht die Menschheit zu warnen.
Die damalige Kritik war ziemlich ungnädig gegenüber dem aus heutiger Sicht gelungenem und, wie die regelmäßigen Wiederholungen zeigen, beständigem Remake mit einem legendären Ende. Auch die Grundidee, „dass es die urbane Entfremdung praktisch unmöglich macht, zwischen Zombies und Menschen zu unterscheiden“ (Phil Hardy, Hrsg.: Die Science Fiction Filmenzyklopädie, 1998) ist heute, wo alle mit dem Blick auf das Smartphone und dem Kopfhörer über den Ohren, aktueller denn je.
Entsprechend positiv sind heutige Einschätzung des SF-Films.
Hier einige zeitgenössische Kritiken:
„Nur in wenigen Sequenzen erreicht er die albtraumhafte Qualität des Originals“ (Hans C. Blumenberg, Die Zeit)
„Durch die auf äußere Effekte ausgerichtete Inszenierung wird die tiefere Dimension der Horrorgeschichte nicht erfasst.“ (Lexikon des internationalen Films)
„Philip Kaufmans Remake ist zwar nicht weniger spannend, hat die Geschichte jedoch stark verflacht und die nach innen gelagerte Dramatik dieses Stoffes den äußerlichen Effekten geopfert.“ (Fischer Film Almanach 1980)
Das Remake kommt „bei weitem nicht an das Original heran“ (Ronald M. Hahn/Volker Jansen: Lexikon des Science Fiction Films, 1983)
Später wurde es, wie gesagt, positiver:
„Dies ist eines der interessantesten Remakes innerhalb der Neuverfilmungen, die Hollywood in den siebziger Jahren hervorbrachte.“ (Phil Hardy, Hrsg.: Die Science Fiction Filmenzyklopädie, 1998)
„effektvolle Gruselthriller“ (Manfred Hobsch: Mach’s noch einmal!, 2002)
Das 1956 von Don Siegel inszenierte Original „Die Dämonischen“ (Invasion of the Body Snatchers) könnte auch mal wieder gezeigt werden.
Ebenso Abel Ferraras ebenfalls sehenswerte 1992er Version der Geschichte „Body Snatchers – Angriff der Körperfresser“.
Mit Donald Sutherland, Brooke Adams, Leonard Nimoy, Veronica Cartwright, Jeff Goldblum, Art Hindle, Kevin McCarthy, Don Siegel, Robert Duvall
Das Leben des Brian (Monty Pythons Life of Brian, Großbritannien 1979)
Regie: Terry Jones
Drehbuch: Graham Chapman, John Cleese, Terry Gilliam, Eric Idle, Terry Jones, Michael Palin
Das Leben von Brian, das erstaunliche Parallelen zu dem von Jesus Christus hat, und hier von Monty Python kräftig durch den Kakao gezogen wird.
Kult. Und wahrscheinlich schon tausendmal gesehen.
Der deutsche Kinostart war am 15. August 1980
Anschließend, um 22.05 Uhr, reiten „Die Ritter der Kokosnuss“ durch…ein schönes Königreich.
mit Graham Chapman, John Cleese, Terry Gilliam, Eric Idle, Terry Jones, Michael Palin, Terence Bayler, Carol Cleveland, Kenneth Colley, Neil Innes, Charles McKeown
Wiederholung: Montag, 21. April, 02.o5 Uhr (Taggenau!)
LV: Carl Zuckmayer: Der Hauptmann von Köpenick, 1931 (Theaterstück)
Schuster Wilhelm Voigt will nach dem Verbüßen seiner Zuchthausstrafe wieder arbeiten. Eine Arbeit gibt es aber nur mit einem Pass und einen Pass erhält nur, wer eine Arbeit hat. Also entschließt der Schuster sich, sich als falscher Hauptmann einen Pass zu besorgen.
Klassiker des deutschen Tonfilms, der damals ein Publikumserfolg war (über zehn Millionen Besucher in fünf Monaten), auch für den Auslands-Oscar nominiert war, die deutschen Filmpreise abräumte und zu den bekanntesten und beliebtesten Heinz-Rühmann-Filmen gehört.
Zuckmayers Stück gehört zur Schullektüre und ist heute immer noch aktuell.
mit Heinz Rühmann, Hannelore Schroth, Martin Held, Erich Schellow, Walter Giller, Wolfgang Neuss
Das ist der Vorteil von Kinostartterminen. Im Gegensatz zu zeitlich und örtlich auseinanderliegenden Festivals können sie dicht beieinander liegen. Dag Johan Haugeruds drei „Oslo Stories“ liefen 2024 auf der Berlinale im Panorama („Sehnsucht“), einige Monate später in Venedig im Wettbewerb („Liebe“), und, zuletzt, im Februar 2025, auf der diesjährigen Berlinale im Wettbewerb. „Träume“ erhielt sogar den Goldenen Bären, den Hauptpreis des Festivals. Der Bären-Gewinner läuft am 8. Mai und „Sehnsucht“ am 22. Mai an.
Den Auftakt macht diese Woche „Liebe“, der für mich gelungenste Film der Trilogie, die ich jetzt zusammen besprechen werde und bei den Kinostarts von „Träume“ und „Sehnsucht“ in, so plane ich es im Moment, leicht veränderter Form reposten werde.
„Liebe“ ist der erzählerisch offenste Film der Trilogie und der Film mit dem größten Ensemble und den meisten Handlungssträngen, die locker miteinander verflochten sind. Es geht um den in einem Krankenhaus arbeitenden sanften und verständnisvollen Pfleger Tor, der Nachts auf der Suche nach flüchtigem Sex mit Männern mit der Fähre von einem Ufer zum anderen und zurück fährt. Es geht um die im gleichen Krankenhaus arbeitende Ärztin Marianne. Sie lebt ebenfalls allein und würde gerne ihre sexuellen Bedürfnisse ausleben. Eines Nachts trifft sie Tor auf der Fähre und redet mit ihm über ihre Gefühle und Sehnsüchte. Es geht um Mariannes beste Freundin Heidi, die für eine Stadtfeier gerne die überall in der Stadt sichtbaren Skulpturen und Fresken in einem feministischen und sexuellem Zusammenhang interpretieren würde. Wie das aussehen könnte, erklärt sie am Filmanfang im Rahmen einer ziemlich schrägen Stadtführung.
Sie alle sind Großstädter auf der Suche nach Liebe. Und, soviel kann verraten werden, sie finden sie auf überraschende Weise.
In „Träume“ geht es um die minderjährige Schülerin Johanne, die sich in ihre Lehrerin verliebt. Sie schreibt darüber und gibt ihrer Großmutter ihre Texte zum Lesen. Die früher erfolgreiche Schriftstellerin ist begeistert von der Qualität von Johannes tabulosen Texten. Sie regt eine Veröffentlichung an. Johannes Mutter ist von den literarischen Geständnissen ihrer Tochter weniger begeistert.
„Sehnsucht“ kreist um zwei heterosexuelle, glücklich verheiratete Schornsteinfeger. Aber dann träumt der eine davon, in seinen Träumen David Bowie zu begegnen und der Musiker ihn ansieht, als ob er eine Frau sei. Er ist von diesem Traum und Bowies Reaktion auf ihn verunsichert. Sein im Film ebenfalls namenloser Kollege erzählt ihm von einer kürzlich erfolgten Begegnung. Nachdem er bei einem schwulen Mann den Schornstein kontrolliert hatte, hatte er Sex mit ihm. Es gefiel ihm. Aber er besteht darauf, dass er nicht homosexuell sei oder seine Frau betrogen habe.
Nach diesen gegenseitigen Geständnissen könnten die Sachen erledigt sein. Aber beide Männer denken weiter darüber nach, reden darüber und erzählen es ihren Frauen, was zu weiteren Gesprächen führt.
Regisseur und Autor Dag Johan Haugerud fasste die drei Filme, die voneinander unabhängige Geschichten mit verschiedenen Schauspielern erzählen, unter dem Titel „Oslo Stories“ zusammen.
Diese Vorgehensweise erinnert an Eric Rohmer, der seine Filme in Zyklen wie „Moralische Erzählungen“ und „Komödien und Sprichwörter“ zusammenfasste und so ein schönes Gleichgewicht zwischen Offenheit und Geschlossenheit schuf. Jeder Film stand gleichzeitig für sich und war Teil von etwas Größerem.
Der Zusammenhang zwischen den „Oslo Stories“ ergibt aus dem Handlungsort, der von Haugerud verwendeten Sprache, der Inszenierung und dem Thema. Alle drei Filme beschäftigen sich, wie die Filme von Eric Rohmer, mit unterschiedlichen Formen von Liebe, Begehren und dem Verhältnis der Geschlechter zueinander. Alle drei Filme spielen in der Gegenwart.
Die Inszenierung ist spartanisch. Haugerud inszenierte die Gespräche und Gedanken seiner Figuren in langen, oft statischen Szenen, in denen die Schauspieler unglaubliche Textmengen ohne erkennbare äußere Regungen und mit wenigen Bewegungen vortragen. Im Mittelpunkt der drei Filme steht eindeutig das gesprochene Wort, das immer wie ein sorgfältig aufgeschriebenes Wort klingt.
Insofern sind alle „Oslo Stories“ verfilmte Literatur. „Träume“ und „Sehnsucht“ mehr, „ Liebe“ weniger.
„Liebe“ ist, so Haugerud, der Abschluss der Trilogie. „Sehnsucht“ ist der erste und „Träume“ der zweite Teil. Die internationalen Premieren auf Filmfestivals folgten einer anderen Reihenfolge. Die deutschen Kinostart drehen die Chronologie einfach um, indem der Abschluss der Trilogie zuerst und der Beginn der Trilogie zuletzt startet. Aber letztendlich ist die Reihenfolge egal.
„Liebe“ ist der am meisten an Rohmer und redselige, sexuell offene französische Beziehungsfilme erinnernde Film der „Oslo Stories“. Es geht um mehrere eher jüngere Menschen, die auf der Suche nach Liebe und Sex sind.
Der Berlinale-Gewinner „Träume“ ist der anspruchsvollste und literarischste Film der Trilogie. Eigentlich handelt es sich um ein auf mehreren Zeit- und damit verbundenen Interpretationsebenen spielendes Gedankenspiel über Begehren, Tabubrüche, ihre literarische Verarbeitung und wie diese Verarbeitung von anderen Menschen aufgenommen wird. Intellektuell ist das interessant, aber keine dieser nur auf dem Papier existierenden Figuren interessierte mich.
„Sehnsucht“ ist letztendlich ein Zwei-Personenstück über zwei in ihrer Sexualität verunsicherte Männer, die stundenlang darüber reden. Auch diesem Film fehlt die französische Leichtigkeit von „Liebe“. Dafür ist es der queerste Film der Trilogie, in dem die beiden Protagonisten ständig betonen, dass sie das nicht sind.
Haugerud schuf drei sehenswerte Filme, die eher bebilderte Hörspiele sind. Falls man die „Oslo Stories“ im Original mit Untertiteln sieht, muss man jeweils zwei Stunden ununterbrochen Untertitel lesen und sich dabei möglichst wenig von den Bildern und Geräuschen stören lassen. Insofern rate ich in diesem Fall zur mir unbekannten synchronisierten Fassung.
Oslo Stories: Liebe (Kjærlighet, Norwegen 2024)
Regie: Dag Johan Haugerud
Drehbuch: Dag Johan Haugerud
mit Andrea Bræin Hovig, Tayo Cittadella Jacobsen, Thomas Gullestad, Lars Jacob Holm, Marte Engebrigtsen
Länge: 119 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
Kinostart: 17. April 2025
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Oslo Stories: Träume (Drømmer, Norwegen 2024)
Regie: Dag Johan Haugerud
Drehbuch: Dag Johan Haugerud
mit Ella Øverbye, Selome Emnetu, Ane Dahl Torp, Anne Marit Jacobsen
Länge: 110 Minuten
FSK: ?
Kinostart: 8. Mai 2025
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Oslo Stories: Sehnsucht(Sex, Norwegen, 2024)
Regie: Dag Johan Haugerud
Drehbuch: Dag Johan Haugerud
mit Jan Gunnar Røise, Thorbjørn Harr, Siri Forberg, Birgitte Larsen, Theo Dahl