Frankreich, 1963: die kurz vor dem Abschluss ihres Studiums stehende Anne wird ungewollt schwanger. Zu dem Zeitpunkt sind Schwangerschaftsabbrüche strafbar und alle, mit denen sie über einen möglichen Abbruch spricht oder die ihr auch nur irgendwie dabei helfen (oder nicht die Polizei informieren) machen sich ebenfalls strafbar. Eine heimlich durchgeführte Abtreibung ist auch gefährlich.
TV-Premiere. Das intensive Drama erhielt 2021 in Venedig den Goldenen Löwen als Bester Film.
Weil in den USA mit einer Gerichtsentscheidung das Recht auf Abtreibung abgeschafft wurde, gibt es jetzt in immer mehr US-Bundesstaaten mehr oder weniger drakonische Verbotsregeln. Was diese Verbote anrichten, zeigt Audrey Diwan in ihrem auf einer wahren Geschichte beruhendem Film.
Ohio, 1979: Als eine filmverrückte Gruppe Jugendlicher nachts auf einer Bahnstation eine Filmszene für ihren Zombiefilm drehen wollen, beobachten sie ein Zugunglück. Am nächsten Tag besetzt das Militär die Stadt.
Spannender Science-Fiction-Film, der durchaus als zeitgemäßes Update von „E. T.“ gesehen werden kann.
LV: Jim Thompson: The Grifters, 1963 (Muttersöhnchen, Die Abzocker)
Roy Dillon schlägt sich als kleiner Trickbetrüger mehr schlecht als Recht durch. Als er an eine größere Menge Geld kommt, haben seine Freundin Mary und seine Mutter Lilly plötzlich Interesse an ihm; – besonders an dem Geld.
Der potentielle Klassiker basiert auf einem der besten und düstersten Bücher von Jim Thompson. Donald Westlake (aka u. a. Richard Stark) schrieb ein grandioses Drehbuch, und das gesamte Team (es wäre wirklich unfair, eine einzelne Person herauszuheben) gab ihr bestes. „The Grifters ist ein starkes Stück Kino, ein Krimi, der seinen Alptraum formvollendet präsentiert.“ (Fischer Film Almanach)
Mit Anjelica Huston, John Cusack, Annette Bening, Pat Hingle, Charles Napier, J. T. Walsh, Xander Berkeley, Stephen Tobolowsky, Jeremy Piven
FBI-Agent Ray Levoi soll einen mysteriösen Mord im Sioux-Indianerreservat aufklären. Das Halbblut Levoi muss sich während der Ermittlungen auch seinen verleugneten indianischen Wurzeln stellen – und er entdeckt, dass die Morde mit Bohrungen nach Uran zusammenhängen.
„Halbblut“ ist ein spannender Thriller mit einem politischen Anliegen. Denn die Filmgeschichte beruht auf wahren Ereignissen aus dem Pine-Ridge-Reservat in South Dakota in den 70er Jahren. Michael Apted drehte vor dem Spielfilm die Dokumentation „Zwischenfall in Oglala“ (Incident at Oglala, USA 1992) darüber.
Anschließend, um 22.10 Uhr, zeigt Arte die fast zweistündige Doku „Val Kilmer – Ein Leben zwischen ‚Top Gun‘ und ‚The Doors'“ (USA 2021).
mit Val Kilmer, Sam Shepard, Graham Greene, Fred Ward, Fred Dalton Thompson, John Trudell, Rex Linn
Als Bob Dylan (Timothée Chalamet) im Januar 1961 in New York ankommt, wartet niemand auf ihn. Er ist nur ein weiterer junger Mann mit einer Gitarre und dem Wunsch als Folk-Musiker Geld zu verdienen.
Wahnsinnig schnell steigt er, mit ein wenig väterlicher Hilfe von Pete Seeger (Edward Norton), den er am Krankenbett von seinem Idol Woody Guthrie trifft, zum Star und zur Stimme einer Generation auf.
Fünf Jahre später wagt er den Bruch mit der Folk-Szene. Er stöpselt seine Gitarre ein – und der Rest ist Rockgeschichte.
James Mangold der Regisseur des Johnny-Cash-Biopics „Walk the Line“, beschäftigt sich in seinem neuesten Film „Like a Complete Unknown“ mit diesen fünf entscheidenden Jahren in Bob Dylans Karriere. In diesen Jahren legte er das Fundament. Er schrieb viele Songs, die heute immer noch fest im kollektiven Gedächtnis verhaftet sind. Er elektrifizierte, mit einigen begnadeten Begleitmusikern, die Folkmusik zum Folkrock. Es ist auch eine Zeit, die musikhistorisch gut aufgearbeitet ist. Genannt seien hier, neben zahlreichen Büchern und Reportagen, Martin Scorseses vorzüglicher Dokumentarfilm „No Direction Home“, der sich ebenfalls mit diesen Jahren in Bob Dylans Leben beschäftigt, und die vielen CDs in Dylans „The Bootleg Series“, die sich intensiv mit diesen Jahren beschäftigen und bei Fans immer wieder für Erstaunen sorgen. Denn gerade wenn man glaubt, auch wirklich den allerletzten Alternate Take eines Songs gehört zu haben, veröffentlicht Dylan einen weiteren Alternate Take.
Über Dylans Privatleben ist weniger bekannt, was auch daran liegt, dass in Musikzeitschriften, LP-Kritiken und Dokumentarfilmen sich auf das Werk und damit zusammenhängende Äußerungen des Künstlers konzentriert wird. In einem Spielfilm ist das dann anders. Entsprechend großen Raum nehmen Dylans Beziehung zur Folk-Ikone Joan Baez (Monica Barbaro) und zu Suze Rotolo ein. Im Film heißt die politische Aktivistin und Friedenskämpferin Sylvie Russo (Elle Fanning). Beide animierten Dylan zu mehr politischen Liedern. Ein klassischer Polit-Sänger wurde er nie und er benimmt sich ihnen gegenüber immer wieder, wie Mangold in seinem Biopic zeigt, wie ein Arschloch. Seine erste Ehefrau, Sara Lownds, die er 1965 heiratete, wird im Film nicht erwähnt.
James Mangold stellt diese Zeit detailgetrau nach. Bei den Fakten nimmt er sich Freiheiten, die Dylan-Fans teilweise die Wände hochlaufen lassen. Salopp gesagt: die Gitarre stimmt, die Frisur stimmt, die Kleider stimmen, wahrscheinlich stimmt sogar Dylans Unterhose, die Lampe im Hintergrund sowieso, aber dann singt Dylan sein großes Liebeslied vor der falschen Frau oder zum falschen Zeitpunkt. „Like a complete unknown“ ist wahrlich kein verfilmter Wikipedia-Artikel, sondern ein Dylan-Biopic, das ein Gefühl von Dylans Aura vermitteln will und ihn als jungen, von Erfolg zu Erfolg eilenden Künstler zeigt, während Timothée Chalamet die unkaputtbaren Songs von Bob Dylan spielt.
„Like a complete unknown“ kann daher gut als Startpunkt für weitere Dylan-Studien verwendet werden. Außerdem hat Bob Dylan, geboren 1941 als Robert Allen Zimmerman in Duluth, Minnesota, schon am Beginn seiner Karriere einer guten Geschichte immer den Vorzug gegenüber der historischen Wahrheit gegeben.
Der Film selbst wirkt dabei immer wie der Besuch in einem Museum. Es ist informativ und kurzweilig in seiner Mischung aus Information und Musik. Vieles wird angesprochen, aber nie aus einer bestimmten Perspektive, sondern nüchtern-objektiv wie ein Text in einer Ausstellung, in dem dann steht, dass Dylan 1965 in Newport nicht mit der im Folk akzeptierten Akustikgitarre, sondern mit einer E-Gitarre auftrat und er von einer Rockband begleitet wurde. Teile des Publikums buhten über diesen Verrat an der Folkmusik. Dieser Auftritt bildet den Höhepunkt und das krachende Finale des Biopics. Die Songs funktionieren, das um den Auftritt ausbrechende Chaos verfolgt man eher ungerührt, weil einerseits an der Mythenbildung weitergearbeitet wird und andererseits nicht wirklich erfahrbar gemacht wird, wie groß der Bruch mit damaligen Folk-Szene war.
„Like a complete unkown“ bleibt in diesem Moment, wie während des gesamten Films, an der glänzenden Oberfläche, die nichts von den Leiden und Selbstzweifeln eines Künstlers verrät. Dylan tut, was Dylan tun muss. Die Folk-Szene und seine Beziehungen bleiben der folkloristische Hintergrund für ikonische Bilder. Das ist nie wirklich schlecht und immer gut gemacht, aber auch nie wirklich befriedigend.
Wer mehr über die damalige Folk-Szene und deren Innenleben erfahren möchte, sollte sich „Inside Llewlyn Davis“ ansehen. Der Film der Coen-Brüder endet mit der Ankunft von Dylan in Greenwich Village. Trotzdem ist es der bessere Film über Bob Dylan, die damalige Folk-Szene und die inneren und äußeren Kämpfe eines Musikers. Und dann gibt es noch Martin Scorseses bereits erwähnten Dokumentarfilm „No Direction Home“ über diese erste Schaffensphase in dem an Irrungen, Wirrungen, Ab- und Umwegen reichen Werk von Bob Dylan und seinen Erforschungen der amerikanischen Seele.
Like a complete unknown (A complete unknown, USA 2024)
Regie: James Mangold
Drehbuch: James Mangold, Jay Cocks
LV: Elijah Wald: Dylan Goes Electric!, 2015
mit Timothée Chalamet, Edward Norton, Elle Fanning, Monica Barbaro, Boyd Holbrook, Dan Fogler, Norbert Leo Butz, Scott McNairy
Green Book – Eine besondere Freundschaft(Green Book, USA 2018)
Regie: Peter Farrelly
Drehbuch: Peter Farrelly, Nick Vallelonga, Brian Currie
Gut gemachtes, auf einer wahren Geschichte basierendes Feelgood-Movie über die sich während einer Konzerttour durch die Südstaaten in den frühen sechziger Jahren entwickelnde Freundschaft zwischen dem Konzertpianisten Don Shirley (Mahershala Ali) und seinem für diese Tournee engagiertem Fahrer und Rausschmeißer Tony ‚The Lip‘ Vallelonga (Viggo Mortensen).
Der allgemeine Jubel über den Film, die zahlreichen Preise, unter anderem der Oscar als bester Film des Jahres (Spike Lee hatte mit seinem Wutausbruch, dass jeder andere nominierte Film den Oscar mehr verdient hätte als „Green Book“, vollkommen recht), können nicht über die doch ziemlich altbackene Ideologe des Films (der weiße Mann als Retter des Schwarzen und mit etwas gutem Willen kann der Rassissmus besiegt werden) hinwegtäuschen. „Green Book“ ist halt perfektes Hollywood-Wohlfühlkino.
Petra Volpes neuer Film beginnt mit dem Beginn der Spätschicht in einem Schweizer Krankenhaus. Und er endet ungefähr acht Stunden später mit dem Ende der Schicht. Dazwischen erzählt Volpe („Die göttliche Ordnung“), strikt chronologisch, mit minimalen Verdichtungen und Dramatisierungen, was in dieser einen Schicht passiert.
Im Mittelpunkt steht die von Leonie Benesch famos gespielte Pflegefachkraft Floria. Nach der Krankmeldung einer Kollegin ist sie mit einer zweiten Fachkraft und einer Erstsemester-Studentin für 26 Patienten verantwortlich. Diese bilden das gesamte Patientenspektrum ab von leicht bis schwer, teils im Sterben liegenden Pflegebedürftigen. Einige sind freundlich, einige fordernd. Einige haben Allergien, andere nicht. Floria muss immer darauf aufpassen, dass sie ihnen die richtigen Medikamente gibt und, egal wie stressig es gerade ist, freundlich und geduldig sein.
Es ist eine ganz normale Schicht ohne besondere Vorkommnisse.
Diese Konzentration auf eine Schicht ist der Vor- und Nachteil des Dramas. So kann Petra Volpe in die Tiefe gehen und einen guten Eindruck von der Arbeit vermitteln. Das macht sie letztendlich mit den Mitteln des Direct Cinema. Die Kamera verfolgt Floria durch die hellen Gänge des Krankenhauses. Sie beobachtet in oft in langen Szenen das Geschehen. Sie verzichtet weitgehend auf Dramatisierungen. Es gibt kein Voice-Over und keine Erklärdialoge. Es gibt nur die Dokumentation der Arbeit. Und diese fängt sie präzise ein. Einige Rollen wurden von Laien und Pflegefachkräften übernommen. Die Macher und die Schauspieler informierten sich vor dem Dreh über die Arbeit auf einer Krankenstation. Hauptdarstellerin Leonie Benesch absolvierte ein Praktikum im Kantonsspital Liestal. Diese Vorbereitung und die Anwesenheit von Fachpersonen beim Dreh führen dazu, dass die Abläufe, die Bewegungen und auch der Tonfall bei Patientengesprächen stimmen.
Fehlen tut allerdings der für Außenstehende nonchalante und verstörende Umgang mit intimen Details und der im Pflegeteam und mit den Patienten vorhandene Humor, ohne den die Arbeit nicht leistbar wäre.
Der Nachteil der von Volpe gewählten Herangehensweise ist, wenn man es denn überhaupt als Nachteil sieht, dass „Heldin“ keine Analyse des Gesundheitssystems, seiner Probleme und möglicher Lösungen ist. Volpe erzählt auch keine Geschichte im klassischen Sinn. Dafür bleibt alles zu sehr im Episodischen einer Schicht. Sie zeigt auch nichts, was nicht auch im Rahmen eines Dokumentarfilms gezeigt werden könnte.
P. S.: Ich habe den sehenswerten Film in der hochdeutschen Synchronisation gesehen. Bei dieser Fassung störte mich der durchgehend klinisch reine Ton und das lehrbuchhafte Hochdeutsch, das immer etwas abgekoppelt von den Geschnissen auf der Leinwand ist. Die Originalfassung scheint – so mein Eindruck vom Trailer – in dieser Hinsicht, obwohl auch hier viel Hochdeutsch gesprochen wird, stimmiger und natürlicher zu sein. Wer also zwischen beiden Fassungen wählen kann, sollte sich unbedingt die Originalfassung ansehen.
Ein Prophet (Un Prophète, Frankreich/Italien 2009)
Regie: Jacques Audiard
Drehbuch: Jacques Audiard, Thomas Bidegain
Ein Bildungsroman der anderen Art: der 19-jährige Malik kommt in den Knast und lernt dort alles, was er für das Leben braucht. Dummerweise macht ihn nichts davon zu einem wertvollen Mitglied der Gesellschaft.
In Cannes erhielt „Ein Prophet“ den Großen Preis der Jury, bei den Cesars und den Étoiles d’Or (dem Preis der französischen Filmjournalisten) räumte er ab, er war den Oscar und Golden Globe als bester ausländischer Film nominiert, die Kritiker feiern den Film ab, Knackis (von denen etliche bei der Produktion beteiligt waren) loben die Authentizität des Films, es wurde über den Zustand und die Lebensbedingungen in den Knästen diskutiert und über 1,5 Millionen Franzosen lösten ein Kinoticket. In Deutschland war das Knastdrama nicht so erfolgreich.
mit Tahra Rahim, Nils Arestrup, Adel Bencherif, Reda Kateb
Tatort: Tote Taube in der Beethovenstraße (Deutschland 1973)
Regie: Samuel Fuller
Drehbuch: Samuel Fuller
In Bonn entdeckt Zollfahnder Kressin in der Beethovenstraße die Leiche eines New Yorker Privatdetektivs. Nachdem Kressin schwer verletzt im Krankenhaus landet, macht sich Sandy, der Partner des Toten, auf die Mörderjagd.
Herrlich abgedrehter „Tatort“, der in den USA im Kino lief. Mit einem gewöhnlichen „Tatort“ hat diese tote Taube nichts zu tun.
Die Musik ist von der legendären Krautrock-Band Can.
mit Sieghardt Rupp, Glenn Corbett, Christa Lang, Anton Diffring, Eric P. Caspar, Hans C. Blumenberg, Anthony Chin, Alex d’Arcy
Der Kontrakt des Zeichners(The Draughtsman’s Contract, Großbritannien 1982)
Regie: Peter Greenaway
Drehbuch: Peter Greenaway
England, Grafschaft Wiltshire, Sommer 1694: Landschaftsmaler Neville soll für Mrs. Virginia Herbert, während ihr Mann weg ist, zwölf Zeichnungen ihres Landsitzes Compton Anstey anfertigen. Dies tut er äußerst detailgenau. Als Mr. Herbert ermordet aufgefunden wird, können Nevilles Bilder den Täter enttarnen.
Köstliches Krimirätsel und spöttische Gesellschaftssatire, die den Zuschauer intellektuell nie unterfordert. Glänzende, kurzweilige Unterhaltung, die schon damals von der Kritik abgefeiert wurde. Greenaway „hat einen eigenwilligen, experimentellen Thriller gedreht. (…) Der in seiner Struktur anspruchsvolle Film wurde gegen die Regeln des gängigen Erfolgskinos gedreht und hat bei Publikum und Presse eine überragende Resonanz gefunden.“ (Fischer Film Almanach 1985)
Spielfilmdebüt des Experimentalkünstlers Peter Greenaway. Zu seinen späteren, ebenfalls sehenswerten (wenn sie denn mal wieder gezeigt werden) Spielfilmen gehören „Ein Z & zwei Nullen“, „Der Bauch des Architekten“, „Verschwörung der Frauen“, „Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber“, „Prosperos Bücher“, „Das Wunder von Mâcon“ und, zuletzt, „Eisenstein in Guanajuato“.
mit Anthony Higgins, Janet Suzman, Anne-Louise Lambert, Hugh Fraser, Neil Cunningham, Dave Hill, Lynda La Plante
ARD, 17.10
ZDF, 17.00 Bundestagswahl 2025
Vorberichte, Prognosen, Hochrechnungen und um 20.15 Uhr die „Berliner Runde“.
Wer immer noch unentschlossen ist, kann den Wahl-O-Mat durchspielen.
Wer mehr über die innenpolitischen Ideen der Parteien wissen möchte, kann sich mein Gespräch mit Tom Jennissen anhören:
LV: Samuel D. Hunter: The Whale, 2012 (Theaterstück)
Grandioses Schauspielerkino über einen mehr als übergewichtigen, fast bewegungsunfähigen Mann, der seine Schuldgefühle in sich hineinfrisst, Unikurse nur online und mit ausgeschalteter Kamera anbietet und sich jetzt, vor seinem baldigen Tod, mit seiner Tochter versöhnen will.
Die zwölfjährige Bailey (Nykiya Adams) lebt bei ihrem nur einige Jahre älteren Vater Bug (Barry Keoghan) in Kent in einem besetzten Haus. Bug ist selbst noch ein Kind. Auf den ersten Blick wirkt er wie der etwas ältere coole Bruder, der seine kleine Schwester mitnimmt. Er verbringt seine Zeit mit spinnerten Geschäftsideen, plant seine Hochzeit mit einer Frau, die er erst seit einigen Tagen kennt und konsumiert Drogen. Als Erzieher im auch nur halbwegs traditionellem Sinn ist er ein Totalausfall. Das Gleiche gilt für Baileys Mutter.
Also streift Bailey durch die Stadt. Eines Tages trifft sie auf Bird (Franz Rogowski), einer auch für die Gegend seltsamen Mischung aus schüchternem Sonderling und harmlosen Menschenfreund, der anscheinend vom Himmel gefallen ist.
„Bird“, Andrea Arnolds neuer Spielfilm, ist eine musikalisch stimmig untermalte Charakterstudie zwischen Sozialdrama und Poesie. Etwas Magischen Realismus gibt es auch. Dabei präsentiert sie das Leben ihrer Figuren offen, ehrlich, ohne Scheuklappen, aber auch mit spürbarer Sympathie für sie. Nie verurteilt sie sie.
Damit fügt sich ihr neuester Film nahtlos an ihre früheren Kinospielfilme „Fish Tank“ (2009) und „American Honey“ (2016) an, mit denen sie ihren Ruf als eine der wichtigen Stimmen des zeitgenössischen britischen Kinos begründete.
Neben diesen drei Spielfilmen drehte sie in den vergangenen fünfzehn Jahren außerdem ein ziemlich unbekanntes Historiendrama („Wuthering Heights – Emily Brontës ‚Sturmhöhe’“, 2011), den Dokumentarfilm „Cow“ (über das Leben einer Milchkuh) und mehrere Episoden für TV-Serien.
Bird(Bird, Großbritannien 2024)
Regie: Andrea Arnold
Drehbuch: Andrea Arnold
mit Nykiya Adams, Barry Keoghan, Franz Rogowski, Jason Buda, Jasmine Jobson, Frankie Box
Versicherungsdetektivin Virginia ‚Gin‘ Baker (Catherine Zeta-Jones) glaubt, dass der vermögende Kunstsammler MacDougal (Sean Connery) ein Dieb ist, der zuletzt ein Rembrandt-Gemälde stahl. MacDougal nimmt die Herausforderung an und das Katz-und-Maus-Spiel kann beginnen.
Einer der letzten Leinwandauftritte von Sean Connery und ein rundum ansehbarer, altmodischer, leichtgewichtiger, eskapstischer Gangsterkrimi mit einer Prise Humor und ohne Gewalt.
mit Sean Connery, Catherine Zeta-Jones, Ving Rhames, Will Patton, Maury Chaykin, Kevin McNally
U.S. Deputy Marshal Madolyn Harris (Michelle Dockery) will einen Mafia-Kronzeugen, den Buchhalter Winston (Topher Grace), von Alaska nach New York zu einer Gerichtsverhandlung bringen. Für das erste Stück ihrer Reise chartert sie eine kleine Cessna mit einem Piloten, der sich während der Flugs als von der Mafia angeheuerter, bestens über sie informierter Killer entpuppt.
Dieser Killer wird von Mark Wahlberg gespielt. Es ist nach „Fear – Wenn Liebe Angst macht“ (USA 1996) sein erster Auftritt als Bösewicht. Denn eigentlich ist er ja immer einer der Guten. Aber in „Flight Risk“ darf er einen richtig bösen Bösewicht spielen. Dafür rasierte er sich sogar eine Halbglatze, die künstlicher als eine falsche Glatze aussieht.
Die Regie übernahm Mel Gibson. Warum ist unklar, aber vielleicht wollte er fast zehn Jahre nach seinem deutlich ambitionierterem Antikriegsfilm „Hacksaw Ridge“ einfach wieder Regie führen. Denn „Flight Risk“ ist ein typischer 08/15-Thriller ohne besondere Merkmale. Es ist ein schlechtes B-Picture für einen verregneten Samstag auf der Couch, wenn gerade alle anderen Filme in der Warteschlange schon gesehen sind und man beim Ansehen des Films eine lange Liste mit Logikfehlern und Implausibilitäten anlegen möchte.
Action gibt es natürlich auch kaum. Schließlich spielt der Film, abgesehen von den ersten und letzten Minuten in Quasi-Echtzeit in einem kleinen Flugzeug und die drei Passagiere sitzen die meiste Zeit des Films, teils gefesselt, auf ihren Plätzen und belauern sich, während der gefesselte Killer sie mit seinen Psychospielchen in den Wahnsinn treiben will. Gleichzeitig lernt Madolyn mit der Hilfe des sympathischen Piloten Hasan, der mit ihr über Funk Kontakt hält, fliegen und sie sucht, eifrig mit ihrem Smartphone telefonierend, nach der Trial-and-Error-Methode den Verräter in den eigenen Reihen.
Zuerst ist er für die Zwillingsbrüder Hal und Bill nur ein seltsam aussehendes Spielzeug. Ein breit grinsender Zirkusaffe, der, wenn er aufgezogen wird, die kleinen Blechbecken, die er in seinen Händen hält, zusammenschlägt. Aber dann bemerken sie, dass jedes Mal, wenn der Affe die Zimbel zusammenschlägt, jemand stirbt, den sie kennen.
Also werfen sie, nach mehreren Todesfällen, den Affen in einen tiefen, im Wald hinter ihrem Haus liegenden und seit Ewigkeiten nicht mehr benutzten Brunnen und vergessen ihn.
25 Jahre später ist der Affe wieder da und das Morden beginnt von neuem.
Osgood Perkins neuer Horrorfilm basiert auf einer 1980 von Stephen King geschriebenen Kurzgeschichte, die er auf Spielfilmlänge ausbaute. Er behält selbstverständlich die Grundidee von dem dämonisch bessessenem Gegenstand, einem Spielzeug, einer Puppe oder in diesem Fall einem Zirkusaffen, bei. Er steigt tiefer in die Geschichte der Familie von Bill und Hal ein, verändert dabei auch einiges – so sind Bill und Hall bei King Brüder, bei Perkins Zwillingsbrüder – und er zeigt die Todesfälle genauer. Was bei King in einem Satz gesagt wird, ist bei Perkins ein in seinen blutig-grotesken Details gezeigter tödlicher Unfall. Und es gibt viele dieser Unfälle, die beim geneigten Horrorfilmfan für Entzücken sorgen.
Außerdem, und das ist die größte Veränderung, veränderte er das Finale zu einem grotesk überzeichnetem Weltuntergangsszenario, das jede Glaubwürdigkeit und Plausibilität grimmig ignoriert.
Andere Veränderungen sind vernachlässigbar. „Longlegs“-Regisseur Perkins erzählt die Geschichte, im Gegensatz zu King, chronologisch. Er verlegte sie im ersten Teil in die neunziger Jahre und im zweiten Teil in die Gegenwart. Die von ihm gezeichnete Welt verströmt dabei immer das Patina abgeranzter Provinz-Siebziger-Jahre, als dort noch voller Stolz die Mode der fünfziger Jahre getragen wurde. Das verleiht seinem Film eine heimelige Zeitlosigkeit.
Wer vom neuen Film des „Longlegs“-Regisseurs mehr als eine Reihe schwarzhumorig-blutig inszenierter tödlicher Unfälle erwartet, wird enttäuscht werden. Sicher, die Schauspieler sind gut, und sie haben auch einige gute Szenen, die Ausstattung ist stilecht und das Spiel mit der im Verlauf des Films zwischen den Brüdern wechselnden Erzählerstimme zeigt, dass er sich einige Gedanken über die Geschichte machte, aber noch mehr Hirnschmalz investierte er in die Inszenierung der Todesfälle.
The Monkey (The Monkey, USA/Großbritannien 2025)
Regie: Osgood Perkins
Drehbuch: Osgood Perkins
LV: Stephen King: The Monkey, 1980 (Der Affe, Kurzgeschichte, enthalten in „Blut – Skeleton Crew“)
mit Theo James, Christian Convery, Tatiana Maslany, Colin O’Brien, Rohan Campbell, Sarah Levy, Adam Scott, Elijah Wood, Osgood Perkins, Danica Dreyer, Laura Mennell, Nicco Del Rio
Länge: 98 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
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Die Vorlage
„Der Affe“ (The Monkey) ist eine Kurzgeschichte aus Stephen Kings zweiter Sammlung von Kurzgeschichten. „Skeleton Crew“ erschien in den USA 1985. In Deutschland erschienen die 22 Kurzgeschichten zuerst getrennt in „Im Morgengrauen“, „Der Gesang der Toten“ und „Der Formit“.
Das in der aktuell erhältlichen Heyne-Ausgabe gut neunhundert Seiten dicke Buch enthält alle Geschichten:
Der Nebel (The Mist, 1980 – verfilmt 2007 von Frank Darabont als „Der Nebel“ [The Mist])
Hier Seyen Tiger (Here there be Tygers, 1968)
Der Affe (The Monkey, 1980 – verfilmt 2025 von Osgood Perkins als „The Monkey“ [The Monkey])
Kains Aufbegehren (Cain rose up, 1968)
Mrs. Todds Abkürzung (Todd’s Shortcut, 1984)
Der Jaunt (The Jaunt, 1981)
Der Hochzeitsempfang (The Wedding Gig, 1980)
Paranoid: Ein Gesang (Paranoid: A Chant, 1985)
Das Floss (The Raft, 1982)
Textcomputer der Götter (Word Processor of the Gods, 1983)
Der Mann, der niemand die Hand geben wollte (The Man who wold not shake Hands, 1982)
Dünenwelt (Beachworld, 1985)
Das Bildnis des Sensenmanns (The Reaper’s Image, 1969)
Nona (Nona, 1978)
Für Owen (For Owen, 1985)
Überlebenstyp (Survivor Type, 1982)
Onkel Ottos Lastwagen (Uncle Otto’s Truck, 1983)
Morgenlieferung (Morning Deliveries, 1985)
Große Räder: Eine Geschichte aus dem Wäschereigeschäft (Big Wheels: A Tale of the Laundry Game, 1982)
Omi (Gramma, 1984)
Die Ballade von der flexiblen Kugel (The Ballad of the Flexible Bullett, 1984)
Die Meerenge (The Beach, 1981)
Weggelassen habe ich die TV- und One-Dollar-Baby-Adaptionen.
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Stephen King: Blut – Skeleton Crew
(übersetzt von Joachim Körber, Alexandra von Reinhardt, Monika Hahn und Martin Bliesser)
Die Magnetischen (Les magnétiques, Frankreich/Deutschland 2021)
Regie: Vincent Maël Cardona
Drehbuch: Vincent Maël Cardona, Romain Compingt, Chloé Larouchi, Maël Le Garrec, Rose Philippon, Catherine Paillé
Frankreich, 1981: die ungleichen Brüder Jerôme und Philippe betreiben in der Provinz einen Piratensender. Als sich beide in Marianne verlieben und Philippe als Soldat nach West-Berlin muss, verändert sich auch ihr Verhältnis zueinander.
Wunderschöne, erstaunlich unpolitische Charakterstudie, die am besten als gelungenes Mixtape genossen wird. Bei Älteren wird sie wohlige Erinnerungen heraufbeschwören. Jüngeren gibt sie einen Einblick in eine noch gar nicht so lange zurück liegende, aber ganz andere Zeit.
Indiekino über „Die Magnetischen“ (Zeitzeuge Tom Dorow über den Film und wie politisch es damals zwischen Hausbesetzung, Straßenprotest und Clubbesuch in Berlin war)
Der Teufel in Blau (Devil in a blue dress, USA 1995)
Regie: Carl Franklin
Drehbuch: Carl Franklin
LV: Walter Mosley: Devil in a blue dress, 1990 (Teufel in Blau)
Los Angeles, 1948: Amateurdetektiv Easy Rawlins soll Daphne finden. Aber Daphne hat es faustdick hinter den Ohren.
Franklins gelungene Verfilmung von Mosley Debütroman. „Teufel in Blau“ ist ein Film Noir, der seine Vorbilder aus der Schwarzen Serie immer deutlich zitiert und damit immer zum gut gemachten, aber auch langweiligem Ausstattungskino tendiert.
Mit Denzel Washington, Tom Sizemore, Jennifer Beals, Don Cheadle