Der älteste Film des Abends (und ohne „Dick und Doof als Rekruten“ [One, 15.50 Uhr] wäre er sogar der älteste Film des Tages)
Arte, 20.15
Der Clou (The Sting, USA 1973)
Regie: George Roy Hill
Drehbuch: David S. Ward
Chicago, 1936: die kleinen Betrüger Johnny Hooker (Robert Redford) und Henry Gondorff (Paul Newman) wollen den New Yorker Mafiosi Doyle Lonnegan (Robert Shaw) bei einem fingiertem Pferderennen um eine große Geldsumme betrügen.
Zweite Zusammenarbeit von George Roy Hill, Robert Redford und Paul Newman und wie in dem Western „Zwei Banditen“ (Butch Cassidy and the Sundance Kid) wieder ein gigantischer Erfolg an der Kinokasse.
Ich konnte mit der Gaunerkomödie beim ersten Sehen wenig anfangen. Das war mir alles zu verkopft. Aber vielleicht ändere ich bei einer wiederholten Sichtung meine Meinung. Denn der Konsens über die unter anderem mit dem Oscar als bester Film des Jahres ausgezeichnete Komödie ist: „brillante Kino-Unterhaltung“ (TV Spielfilm: Das große Filmlexikon)
Anschließend, um 22.20 Uhr, zeigt Arte die Doku „Robert Redford“ (Frankreich 2019) und um 23.15 Uhr „Paul Newman – Der unwiderstehliche Typ“ (Frankreich 2022).
mit Robert Redford, Paul Newman, Robertg Shaw, Charles Durning, Ray Walston, Harold Gould, Robert Earl Jones, Eileen Brennan, Jack Kehoe, Dana Elcar
Gabriele Münter, Malerin, die lange Zeit vor allem als Geliebte von Wassily Kandinsky wahrgenommen wurde. Erst in den vergangenen dreißig Jahren änderte sich die Rezeption ihres Werkes.
Wassily Kandinsky, Maler, führender Vertreter des Expressionismus und 1911 Mitinitiator der Gruppe „Der blaue Reiter“.
Als er in München Zeichenkurse gab, nahm Münter 1901 an einem seiner Kurse in der Malschule „Phalanx“ teil. Im Gegensatz zu staatlichen Akademien, die Frauen fast keine Chance für eine Ausbildung gab, nahm diese private Malschule auch Frauen auf. Münter und Kandinsky verliebten sich ineinander.
In seinem neuen Film „Münter & Kandinsky“ erzählt Marcus C. Rosenmüller, nach einem Drehbuch von Produzentin Alice Brauner, vor allem die Liebesgeschichte zwischen den beiden Künstlern. Erst spät erfährt Münter, dass Kandinsky verheiratet ist. Danach muss sie langsam begreifen, dass er seine Frau niemals für sie verlassen wird und sie niemals heiraten wird. Stattdessen heiratet er eine andere Frau. Für Kandinsky ist sie nur eine Geliebte. Warum sie trotzdem bei ihm bleibt und während der Nazi-Diktatur seine Bilder unter Lebensgefahr in ihrem Haus versteckt, ist nur mit den Mysterien der Liebe erklärbar.
Es ist auch unklar, woraus ihre, Kandinskys und der anderen Mitglieder der 1909 gegründeten Neuen Künstlervereinigung München (NKVM) und der daraus entstandenen Gruppe „Der blaue Reiter“ künstlerische Leistungen bestanden. Wer mehr darüber wissen möchte, sollte sich die entsprechenden Wikipedia-Artikel lesen, einen Dokumentarfilm ansehen oder einen informativen Bildband kaufen.
Im Film geht es, mit arg steifen Dialogen, um die toxische Liebesbeziehung des titelgebenden Paares. Ihre Beziehung wird nah an den Fakten entlang erzählt. Die Dialoge sind, wie bei einigen anderen aktuellen in der Vergangenheit spielenden Filmen, Zitate aus historischen Dokumenten. Das funktioniert mal sehr gut, mal überhaupt nicht. Denn nach langem Nachdenken und aus der Erinnerung niedergeschriebene Sätze sind keine spontan gesprochenen Sätze. In „Münter & Kandinsky“ funktioniert das Spiel mit den Originalzitaten nicht. Es sind hölzerne Dialoge irgndwo zwischen erster Fassung und schlechtem Nachmittagsfernsehen.
Dem verzichtbaren Film gelingt es nie, ihre künstlerische Leistung verständlich zu machen oder, aus dem Film heraus, Interesse für ihr Werk zu wecken. Am Ende des Doppel-Biopics bleibt über Gabriele Münter, Wassily Kandinsky und die Bewegung, zu der sie gehören, nur im Gedächtnis, dass sie Landschaften malten und darüber theoretisierten.
„Münter & Kandinsky“ ist ein braver Film über revolutionäre Künstler und eine Bewegung, die gegen Konventionen rebellierte und Grenzen einreißen wollte.
Marcus O. Rosenmüller (nicht zu verwechseln mit „Sommer in Orange“-Regisseur Marcus H. Rosenmüller) inszenierte die Kinofilme „Der tote Taucher im Wald“ (2000) und „Wunderkinder“ (2011) und zahlreiche TV-Filme, wie „Der Taunuskrimi“ und „Ostfriesenfeuer“.
Münter & Kandinsky(Deutschland 2024)
Regie: Marcus O. Rosenmüller
Drehbuch: Alice Brauner
mit Vanessa Loibl, Vladimir Burlakov, Julian Koechlin, Felix Klare, Alexey Ekimov, Monika Gossmann, Lena Kalisch, Marianne Sägebrecht
mit Salma Hayek, Vincent Cassel, John C. Reilly, Toby Jones, Shirley Henderson, Hayley Carmichachel, Stacy Martin, Bebe Cave, Christian Lees, Jonah Lees, Alba Rohrwacher, Massimo Ceccherini, Guillaume Delaunay
Das ist jetzt wieder einer der Filme, bei denen ich über das Ende schreiben muss, um zu erklären, warum ich mich so über den Film ärgerte. Dabei fand schon den Weg dahin sehr ärgerlich.
In „Haltlos“, dem zweiten Spielfilm von Kida Khodr Ramadan geht es um Martha. Sie ist im fünften Monat schwanger. Der Vater denkt nicht daran, seine Familie für eine Affäre zu verlassen. Sie will ihr Baby nach der Geburt zur Adoption freigeben. Da sie erkennbar von ihrem Leben überfordert ist, scheint das eine weise Entscheidung zu sein. Kurz darauf zweifelt sie wieder daran. Und so geht es munter und je nachdem, was sie gerade gesehen oder gehört hat, hin und her zwischen ihrer Entschediung für eine Adoption und dagegen. Eine inhaltliche Auseinandersetzund mit dem Thema Adoption, also was für und gegen die Freigabe eines Kindes zur Adoption spricht, findet nicht statt. Darüber ging es vor Jahren in der Komödie „Juno“.
Ramadan inszeniert seinen Film immer nah an der Hauptdarstellerin Lilith Stangenberg, die hier eine wahre Tour de Force abliefert. Wer also sehen will, welche emotionalen Zustände sie glaubhaft spielen kann, sollte sich „Haltlos“ ansehen.
Alle anderen nicht so sehr. Beim ersten Sehen wirkt „Haltlos“ wie ein weiteres dieser deutschen sozialkritischen Problemdramen, in denen alles sehr künstlich, falsch und übertrieben ist. Keine Figur wirkt in ihrem Verhalten auch nur im Ansatz glaubwürdig oder fähig, sich normal und vernünftig, vulgo ‚erwachsen‘ zu verhalten. Sie sind Parodien, die ihren Charakter von der einen zur nächsten Szene abrupt um 180 Grad verändern. Die einzige Konstante ist, dass sie Martha nicht helfen.
Am Ende entpuppt sich „Haltlos“ als ein Horrorfilm, der durchgehend aus Marthas Perspektive erzählt wurde. Er zeigt, wie eine schon am Filmanfang sprunghafte, zutiefst unsichere und verunsicherte Frau zunehmend ihren kaum vorhandenen Kontakt zur Realität verliert und wahnsinnig wird. Dieser Übergang erfolgt ungefähr kurz nach der Geburt. Auch rückblickend ist der genaue Zeitpunkt nur erahnbar. In jedem Fall erfolgt er ungefähr in dem Moment, in dem sie nur noch im Jogging-Anzug durch Berlin irrt und sich zunehmend noch erratischer als vor der Geburt verhält. Gleichzeitig verhalten sich die anderen Figuren plötzlich vollkommen anders als in früheren Szenen. So kümmert der ruppige Mann vom Adoptionsamt sich plötzlich rührend um Martha und versucht ihr bei der Erfüllung ihres Wunsches, die Adoption rückgängig zu machen, zu helfen. Obwohl er in dem Moment mindestens ein Dutzend guter Gründe anführen könnte, genau das nicht zu tun. Aber er tut das, was Martha will, weil das alles nur in ihrer Fantasie stattfindet und sie eben möchte, dass er ihre Wünsche sofort und ohne Widerworte erfüllt.
Erst im letzten Bild enthüllt Ramadan, dass Martha schon lang vollkommen verrückt ist. Er zeigt, wie Martha in einem Park ein nicht vorhandenes Baby im Arm hält. In dem Moment ist klar, dass sie sich auch vorher um ihr nicht vorhandenes Baby kümmerte. Die Bilder, in denen sie sich um ihr Baby kümmerte, waren nur in ihrem Kopf real. Die Reaktionen ihres Umfelds waren mal reale Reaktion auf ihr verrücktes Verhalten, mal reine Phantasiereaktion.
Einhergehend mit dieser Schlusspointe ergibt sich die Aussage des Films, die ungefähr so lautet: „Ein Kind muss bei seiner Mutter bleiben. Auch wenn diese Mutter schon auf den ersten Blick erkennbar überfordert ist von dieser Aufgabe und ihr weder Familie noch Freunde helfen werden. Eine Adoption ist unter allen Umständen abzulehnen.“ Denn weil Martha ihr Kind weggeben hat, wurde sie wahnsinnig. Über eine Abtreibung wurde nie gesprochen.
Das ist konservative Familienpolitik auf Steroiden und absoluter Unfug, der im Rahmen des Films nicht diskutiert wird.
Haltlos (Deutschland 2024)
Regie: Kida Khodr Ramadan
Drehbuch: Antje Schall
mit Lilith Stangenberg, Samuel Schneider, Jeanette Hain, Susana Abdul Majid, Zsá Zsá Inci Bürkle, uwe Preuss, Sönke Möhring, Stipe Erceg, Jasmin Tabatabai
Als Ingrid (Julianne Moore) bei der Präsentation ihres neuen Buches erfährt, dass Martha (Tilda Swinton) schwer erkrankt im Krankenhaus liegt, besucht sie sie. Früher waren sie gute und sehr intime Freundinnen. Dann verloren sie sich aus den Augen. Ingrid wurde Romanautorin. Martha Kriegsreporterin. Jetzt kommen sie sich in langen Gesprächen im Krankenhaus und in Marthas Apartment wieder näher.
Eines Tages bittet Martha Ingrid um einen Gefallen: sie soll sie beim Sterben begleiten. Sie hat keine Lust mehr auf weitere nichts bringende Behandlungen gegen den Krebs. Sie will genauso selbstbestimmt sterben wie sie gelebt hat. Die Todespille hat sie sich auch schon besorgt. Nur ihre letzten Tage möchte sie nicht allein verbringen.
Von New York aus fahren sie in eine in der Nähe liegende malerische Kleinstadt. Dort hat Martha ein Haus gemietet. Gemeinsam schwelgen sie weiter in Erinnerungen und sehen sich Filme an. Und Ingrid blickt jeden Tag bang auf Marthas Schlafzimmertür. Wenn die Tür zu ist, hat sie die Todespille genommen.
„The Room next Door“ ist Pedro Almodóvars erster englischsprachiger Spielfilm. Mit Julianne Moore und Tilda Swinton hat er zwei Stars und Weltklasseschauspielerinnen engagiert und sie entsprechend ihremTyp und ihrer öffentlichen Person besetzt. Der Film selbst ist ein Quasi-Zwei-Personenstück und exquisites Schauspielerkino, das beim Filmfestival von Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde.
Und trotzdem ist „The Room next Door“ ein etwas enttäuschendes Werk. Zu überraschungsarm und konventionell beschreitet Almodóvar die bekannten Pfade des Sterbehilfedramas. Alles ist für ein Almodóvar-Werk erstaunlich offensichtlich, eindeutig und ohne doppelten Boden. Sogar seine leichtgewichtige Sommerkomödie „Fliegende Liebende“ war komplexer, vergnüglicher und mehr zum Nachdenken anregend.
In „The Room next Door“ verlaufen Marthas letzte Tage zu harmonisch und problemfrei. Sie wirken wie ein langes Wochenende, an dem zwei Freundinnen einige Tage zwischen langen Gesprächen, Fernsehabenden und langen Waldspaziergängen verbringen. Aber meistens unterhalten die beiden Frauen, von denen eine todkrank und entsprechend schnell erschöpft ist, sich im Sitzen.
Ein gegen Ende des Films wichtig werdender Krimiplot – Ingrid droht wegen ihrer Zeit mit Martha vor ihrem Suizid eine Haftstrafe – wirkt wie ein billiger, von der Realität nicht gedeckter Spannungsmoment. Und die Schlusspointe wäre nicht nötig gewesen.
Wahrscheinlich wird „The Room next Door“ als der Almodóvar-Film, den man am schnellsten vergisst, in sein Œuvre eingehen.
The Room next Door(The Room next Door/La habitación de al lado, Spanien 2024)
Regie: Pedro Almodóvar
Drehbuch: Pedro Almodóvar
LV: Sigrid Nunez: What Are you Going Through, 2020 (Was fehlt dir)
mit Julianne Moore, Tilda Swinton, John Turturro, Alex Høgh Andersen, Esther McGregor, Victoria Luengo
Faszinierendes Porträt des tschechischen Heilers Jan Mikolášek (1889 – 1973), der auch prominente Nazis und Kommunisten mit seinen Tinkturen versorgte.
Letztes Jahr gewann der Dokumentarfilm „Auf der Adamant“ (Sur l’Adamant, Frankreich/Japan 2022) den Goldenen Bären, den Hauptpreis der Berlinale. Dieses Jahr gewann wieder ein Dokumentarfilm den Goldenen Bären. Und wieder fragte ich mich, vor und nach dem Ansehen des Gewinners, ob es wirklich keinen preiswürdigen Spielfilm im Wettbewerb gab.
Wie „Auf der Adamant“ behandelt auch „Dahomey“ ein wichtiges Thema. Nämlich den Umgang mit während der Kolonialzeit geraubten Kunstwerken und ihrer Rückgabe. Konkret geht es um die Rückgabe von 26 Kunstwerken aus dem Königreich Dahomey im November 2021 nach Benim. Im Gegensatz zu Nicolas Philiberts ausschließlich beobachtendem Dokumentarfilm gibt es in Mati Diops „Dahomey“ weitgehend beobachtendem Dokumentarfilm auch inszenierte Teile. Das ist offensichtlich, wenn eines der Kunstwerke über seine Gefühle redet. Bei der die zweite Hälfte des Films dominierenden Diskussion ist das nicht offensichtlich. In ihr sprechen junge Menschen verschiedene Aspekte des Themas an. Sie wurden für die Diskussion so gecastet, dass alle Aspekte des Themas angesprochen werden. Den Rest besorgt der Schnitt.
Dieses nicht im Film offen gelegte Vorgehen verstärkt die Probleme beobachtender Dokumentarfilme. Diese Spielart des Dokumentarfilms ist darauf angewiesen, dass irgendwann in einem Gespräch die zum Verständnis wichtigen Punkte angesprochen werden. Sonst bleiben, wie in „Dahomey“, nur Männer übrig, die sehr sorgfältig Gegenstände verpacken, die uns nichts sagen und über die wir im Film auch nichts substantielles erfahren. Dieses Einpacken zieht sich für den Zuschauer gefühlt endlos und ohne irgendeinen Informationsgewinn hin.
Bei der Diskussion wird dann vieles angesprochen, aber es ist während des Films vollkommen unklar, in welchem Rahmen sie stattfand. Also: war sie eine x-beliebige Diskussion unter zufällig anwesenden Studierenden, die sich für das Thema interessieren, oder handelte es sich um eine Art Bürgerrat, in dem die Anwesenden zu einer Entscheidung über den Umgang mit den zurückgegebenen Raubgütern kommen sollen? Es ist auch unklar, wie sehr ihre Diskussion Diskussionen innerhalb des Landes wiedergibt. Und ob bestimmte Behauptungen stimmen. Beispielsweise dass Frankreich nur 26 von 7000 aus Dahomey geklauten Kunstgegenständen zurückgegeben hat. Das hat die Qualität eines Elternabends, bei dem zufällig anwesend ist, keine der Eltern und keines der Kinder kennt und der ganzen Diskussion mäßig interessiert folgt. Es fehlt einfach jeder Rahmen, in dem man die einzelnen Beiträge bewerten kann.
Das gleiche gilt für eine im Film vor der Diskussion gezeigte wichtig aussehende Veranstaltung, zu der viele Menschen in bunten Kleidern kommen. Anscheinend handelt es sich um Feierlichkeiten zur Rückgabe der Schätze. Im Film es nicht gesagt und dahr könnte es genausogut irgendeine andere Feier oder ein normaler Sonntag in Benim sein.
Die Monologe von Figur 26 klingen wie der gefühlige, zunehmend prätentiöse Monolog eines Rückkehrers in seine alte Heimat, der darüber sinniert, was ihn dort erwartet. Zur Frage der Restitution afrikanischer Kulturgüter hat sie nichts zu sagen.
So zieht sich „Dahomey“ trotz seiner extrem kurzen Laufzeit von 71 Minuten gefühlt ewig und ohne großen Erkenntnisgewinn hin.
Das wichtige Thema der Restitution während der Kolonialzeit gestohlener Kulturgüter und iihrer Rückgabe hätte einen deutlich besseren Film verdient. Ich meine damit einen Film, bei dem man nach den Ansehen des Films schlauer als vor dem Ansehen des Films ist. „Dahomey“ fühlt sich dagegen wie ein Heft voller selbstgestellter Aufgaben und Fragen an. Teilweise sind es grundlegende Fragen, wie „Was wurde damals mitgenommen?“ und „Wie verlief die bisherige Diskussion?“, teilweise philosophischere Fragen, wie „Sollen die Gegenstände zurückgegeben werden?“, und teilweise ganz praktische Fragen, wie „An wen sollen sie zurückgegeben werden?“. Die Nachkommen der damaligen Besitzer oder die Rechtsnachfolger oder jemand anderes? Und dann stellt sich die Frage, was in den Ländern mit ihnen geschehen soll.
Im Gegensatz zu „Auf der Adamant“, wo ich in meiner Besprechung des Films auch über die Hintergründe des porträtierten Projekts schrieb und so Informationen zum Verständnis des Gezeigten lieferte, die der Film nicht liefert, habe ich jetzt nicht die Lust und das Wissen zu einem vertieften Essay über den Kolonialismus, das damalige Königreich Dahomey (in dem auch der Historienspielfilm „The Woman King“ spielt), das heutige Benin, die Diskussion über die Rückgabe von Raubkunst in Benim und Frankreich und wie sich die französische Diskussion von der deutschen Diskussion unterscheidet.
Beginnen wir mit einer der wichtigsten Informationen für das Superheldenfilmfanpublikum: es gibt im und nach dem Abspann jeweils eine kurze Szene. Die eine kann als Vorausschau auf kommende Filme im Sony’s Spider-Man Universe (SSU) verstanden werden. Die andere ist eher ein Gag. Hoffentlich. Und der Abspann ist sehr lang. Ohne den Abspann könnte „Venom: The Last Dance“ sogar unter hundert Minuten sein. Damit ist er, wie die vorherigen beiden „Venom“-Filme, für einen Superheldenfilm erfreulich kurz. Und er ist wieder ‚frei ab 12 Jahre‘. Angesichts der gezeigten Gewalt ist das eine nachvollziehbare Entscheidung.
Venom ist ein außerirdischer Symbiont, der echte und vermeintliche Gegner gerne tötet.
Sein aktueller Wirt ist der Journalist Eddie Brock, der sich langsam an den in ihm lebenden Venom gewöhnt hat. Trotzdem zanken sie ständig wie ein altes Ehepaar. Vor allem weil Eddie nicht töten will. Er wird wunderschön zerknautscht-genervt von Tom Hardy gespielt, der wie der Quartalssäufer aus der Kneipe wirkt, der schon zwei Drinks über seinen Durst getrunken hat und sich mit der Stimme in seinem Kopf streitet.
Betrunken treffen wir ihn am Anfang von „Venom: The Last Dance“ in einer Strandbar in Mexico. Dort erfährt er, dass er in den USA als Mörder gesucht wird und dass der in einer anderen Welt lebende Superbösewicht Knull seine, uh, Jäger zur Erde geschickt hat, um Venom zu jagen. Um seine Unschuld zu beweisen und um das andere Problem zu lösen, macht er sich auf den Weg nach New York. Mit einem Abstecher nach Las Vegas und zur nahe gelegenen Area 51. Das für seine vermeintlichen Forschungen an Außerirdischen unter Verschwörungstheoretikern und Alien-Fans bekannte Militärgelände soll in wenigen Tagen stillgelegt werden. Jetzt wird, einige Meter unter der Erde, allerdings noch emsig an Symbionten geforscht. Venom wäre, aus Sicht der Forscher und des Militärs, eine grandiose Ergänzung ihrer Forschungsobjekte.
In einer Nebengeschichte ist eine vierköpfige Hippie-Familie auf dem Weg zur Area 51. Denn das Familienoberhaupt glaubt an Außerirdische.
Mit „Venom: The Last Dance“ hat Tom Hardy jetzt seinen Vertrag erfüllt und weil es ein Vertrag über drei Filme war, wird der dritte und bislang letzte „Venom“-Film mit ihm als „das epische Finale“ und Abschluss einer Trilogie beworben. Kann man machen und wird heute einfach immer so gemacht. Weil meistens voneinander unabhängige Werke, die in sich abgeschlossenne Geschichten erzählen, als Trilogie gelabelt werden, ergibt das fast immer wenig bis keinen Sinn. Auch der dritte „Venom“-Film erzählt eine vollkommen eigenständige Geschichte mit neuen Gegnern und Konflikten, die innerhalb des Films gelöst werden. Nur Eddie Brock, Venom und zwei aus den vorherigen Filmen bekannte Figuren sind, in kleineren und für die Filmgeschichte unwichtigen Rollen, wieder dabei.
Der Film selbst ist der beste „Venom“-Film. Kelly Marcel, die Autoren der ersten beiden „Venom“-Film, erzählt in ihrem Regiedebüt eine einfache Fluchtgeschichte. Letztendlich geht es nur um die Frage, wie der Held von A nach B kommt und ob er seinen Verfolgern entkommen kann. Die Hippie-Familie ist eine nette Nebengeschichte, die man auch aus dem Film hätte herausschneiden können. Es gibt eine ordentliche Portion Humor, die sich auch daraus ergibt, dass Venom und Eddie ein seltsames Paar mit verschiedenen Moralvorstellungen sind.
Kelly Marcels Inszenierung ist dabei zweckdienlich unauffällig. Der Film selbst, auch wenn es der beste „Venom“-Spielfilm ist, ist ein wenig bemerkenswerter Superheldenfilm, der einfach nur bekannte Plot-Points, Action und einige bestenfalls durchwachsene Witze aneinanderreiht. Das gelingt ihm, wie gesagt, besser als in den Vorläuferfilmen „Venom“ und „Venom: Let there be Carnage“. Gut ist es immer noch nicht.
„Venom: The Last Dance“ ist das vorläufige Ende einer nie wirklich überzeugenden Superheldenfilmserie, die an der Kinokasse überraschend erfolgreich war.
Die Zukunft dieser Marvel-Figur ist noch unklar. Also ob das Finale wirklich ein Finale ist. Hauptdarsteller Tom Hardy schließt nichts aus. Venom kann sich jederzeit einen neuen Wirt suchen. Und mit diesem Film hat, so Marcel, die Geschichte von Knull begonnen, der in künftigen SSU-Filmen eine größere Rolle spielen soll.
Schauen wir mal.
Venom: The Last Dance(Venom: The Last Dance, USA 2024)
Regie: Kelly Marcel
Drehbuch: Kelly Marcel (nach einer Geschichte von Kelly Marcel und Tom Hardy) (basierend auf der von Todd McFarlane und David Michelinie erfundenen Marvel-Figur Venom)
mit Tom Hardy, Chiwetel Ejiofor, Juno Temple, Stephen Graham, Peggy Lu, Rhys Ifans, Alanna Ubach, Clark Backo, Andy Serkis
Carag Goldeneye (Emile Chérif) ist ein Gestaltwandler, der als Berglöwe auf die Welt kam und zum Menschenjungen wurde. Das sorgt im Alltag mit seiner ihn liebenden Adoptivfamilie und in der Schule immer wieder für Probleme. Das mitten in den malerischen Bergen in Wyoming liegende Internat Clearwater High könnte ihm helfen, mit seinen Fähigkeiten besser zurecht zu kommen. Denn die Schule ist eine von Andrew Milling (Oliver Masucci) gegründete Schule für außergewöhnlich Kinder.
Diese von Katja Brandis für ihre enorm erfolgreichen „Woodwalkers“-Romane erfundene Schule für Gestaltwandler erinnert natürlich an die aus den „X-Men“-Comics und Filmen bekannte, von Professor X gegründete noble Privatschule für Mutanten, also Menschen mit besonderen Fähigkeiten. Nur dass in „Woodwalkers“ alles sehr kindgerecht ist. Die Bücher sind Tierfantasy-Romane für Kinder ab 10 Jahre. Der Film richtet sich ebenfalls an ungefähr zehnjährige Kinder.
Entsprechend einfach sind die Konflikte, die in dem Film behandelt werden. Es geht, selbstverständlich um das Erlernen der eigenen Fähigkeiten und wie man seine Gestalt wandelt, um das Einfinden in die neue Klasse und seine Beziehung zu Milling. Er ist, wie Carag, ein Puma-Gestaltwandler, und er erblickt in Carag einen besonderen Gestaltwandler, den er besonders fördern möchte. Es gibt Konflikte mit den in der Nähe lebenden Menschen, die immer wieder von Tieren angegriffen werden. Sie sind auch gerade damit beschäftigt, den Wald abzuholzen.
Damian John Harper übernahm die Regie. Bekannt wurde er als Regisseur sperriger, sozialkritischer Arthaus-Dramen. „Los Ángeles“ und „In the Middle of the River“ gehen auf das Konto des seit fast zwanzig Jahren in Deutschland lebenden US-Amerikaners. Jetzt drehte er einen Film, der seinem Sohn gefallen könnte. Denn dieser gehört zur Zielgruppe der Bücher und des Films.
In „Woodwalkers“ ist nichts mehr von dem Arthaus-Stil seiner vorherigen Filme zu spüren. „Woodwalkers“ ist ein ordentlich budgetierter Film, der ein großes Publikum ansprechen soll und gezielt für Kinder inszeniert wurde, die sich diesen Fantasy-Abenteuerfilm ohne ihre Eltern ansehen können, wollen und sollten. Also ohne die Eltern. Ob sie sich wirklich diesen Film ansehen sollen, ist eine andere Frage.
Für mich war alles zu einfach, zu vorhersehbar, zu gewollt (das gilt vor allem für das Finale), zu harmlos, zu unlogisch und ohne eine zweite oder dritte Ebene, die man, wie bei einem Pixar-Film, als Kind sehr wahrscheinlich nicht mitbekommt, aber die Erwachsenen erfreut.
Für die Fans von Harpers vorherigen Filmen ist „Woodwalkers“ deshalb ein vollkommen uninteressantester Film, bei dem höchsten bemerkenswert ist, wie brav und ohne erkennbare Ambitionen er die Fantasy-Konventionen ausfüllt.
Das gesagt, könnte „Woodwalkers“, die Verfilmung der ersten beiden „Woodwalkers“-Bestseller von Katja Brandis, sein erfolgreichster Film werden.
Für die Produzenten ist „Woodwalkers“ der Auftakt einer Trilogie und einer möglichen späteren TV-Serie. Die drei Kinofilme basieren, so der Plan, auf den ersten sechs Romanen.
Der zweite Film soll in einem Jahr, der dritte Film übernächstes Jahr in die Kinos kommen. David Sandreuter schrieb für die Fortsetzung wieder das Drehbuch. Sven Unterwaldt übernahm die Regie. Er inszenierte die beiden „7 Zwerge“-Filme (mit Otto), „Catweazle“ (wieder mit Otto) und den zweiten und dritten „Die Schule der magischen Tiere“-Film.
mit Emile Chérif, Oliver Masucci, Martina Gedeck, Hannah Herzsprung, Lucas Gregorowicz, Lilli Falk, Johan von Ehrlich, Sophie Lelenta, Olivia Sinclair, Emil Bloch
Der talentierte Mr. Ripley (The talented Mr. Ripley, USA 1999)
Regie: Anthony Minghella
Drehbuch: Anthony Minghella
LV: Patricia Highsmith: The talented Mr. Ripley, 1955 (Nur die Sonne war Zeuge, Der talentierte Mr. Ripley)
Eigentlich sollte der mittellose Tom Ripley den reichen Reedersohn Dickie Greenleaf nur aufspüren und wieder nach Hause bringen. Aber sie sehen sich so verdammt ähnlich und Ripley gefällt das Leben als reicher Müßiggänger.
Zweite Verfilmung des ersten Tom Ripley-Romanes (hier: Matt Damon, 1960 in der legendären Erstverfilmung „Nur die Sonne war Zeuge“ von René Clement war es Alain Delon) – dieses Mal als klassisches Hollywood-Kino, welches die Atmosphäre der 50er perfekt rekonstruiert. „Der talentierte Mr. Ripley“ ist im Wesentlichen nettes, etwas langatmiges, nicht sonderlich fesselndes Ausstattungskino.
Der Film war unter anderem für den Edgar Alan Poe Award nominiert.
Mit Matt Damon, Gwyneth Paltrow, Jude Law, Cate Blanchett, Philip Seymour Hoffman, Jack Davenport, James Rebhorn, Philip Baker Hall, Lisa Eichhorn
Das Schweigen der Lämmer (The Silence of the Lambs, USA 1991)
Regie: Jonathan Demme
Drehbuch: Ted Tally
LV: Thomas Harris: The Silence of the Lambs, 1988 (Das Schweigen der Lämmer)
Jung-FBI-Agentin Clarice Starling verfolgt einen Serienkiller und verliebt sich in den inhaftierten Hannibal Lecter. Der hochintelligente Psychiater, Serienkiller und Kannibale sitzt seit Jahren in einer Hochsicherheitszelle.
Inzwischen ein Klassiker, der – zu Recht – etliche Oscars erhielt (Bester Film, Regie, Drehbuch, Hauptrolle). Beim wiederholten Sehen fällt auf, wie wenig von den schockierenden Ereignissen wirklich zu sehen ist – und wie konservativ die Kameraführung ist. Achten sie auf die erste Begegnung von Jodie Foster und Anthony Hopkins. Da ist keine Bewegung überflüssig, kein Schnitt zu viel und es wird sich in jeder Sekunde auf das Drehbuch und die Schauspieler verlassen.
Hitchcock hätte der Film gefallen.
Der Roman ist ebenfalls sehr gelungen.
Mit Jodie Foster, Anthony Hopkins, Scott Glenn, Ted Levine
Mr. Brooks – Der Mörder in dir (Mr. Brooks, USA 2007)
Regie: Bruce A. Evans
Drehbuch: Bruce A. Evans, Raynold Gideon
Mr. Brooks ist ein geachteter Unternehmer mit einem dunklen Geheimnis: er ist auch ein Serienkiller. Als er bei seiner letzten Tat von Mr. Smith beobachtet wird, erpresst dieser ihn. Er wird schweigen, wenn Mr. Brooks ihn in die Kunst des perfekten Mords einweiht. Und dann ist da noch eine hartnäckige Polizistin.
Köstlich-schwarzhumoriger Krimi, der etwas unter seinen vielen Subplots leidet, aber das Zusammenspiel von Kevin Costner (als Mr. Brooks) und William Hurt (als sein mordgieriges Alter Ego) macht das mehr als wett.
„Raffiniert konstruierter Neo-Noir-Thriller“ (Lexikon des internationalen Films)
mit Kevin Costner, Demi Moore, Dane Cook, William Hurt, Marg Helgenberger, Danielle Panabaker, Ruben Santiago-Hudson, Lindsay Crouse, Reiko Aylesworth
Drehbuch: François Truffaut, Claude de Givray, Bernard Revon
Nachdem Antoine Doinel unehrenhaft aus der Armee entlassen wurde, umwirbt er seine Freundin Christine und versucht sich in verschiedenen Berufen. Er ist Portier, Detektiv, Schuhverkäufer und immer ein Träumer und Frauenliebhaber.
In seinem Debütfilm „Sie küssten und sie schlugen ihn“ erzählte Truffaut von den Jugendjahren Antoine Doinels. In „Antoine und Colette“ von seiner ersten Liebe. In „Geraubte Küsse“ von der Suche nach seiner ersten Frau. In „Tisch und Bett“ von seinen ersten Ehejahren. Und in „Liebe auf der Flucht“ von seiner Scheidung.
Alle Doinel-Filme leben von Jean-Pierre Léauds Darstellung, den wiederkehrenden Gaststars, die so die über zwei Jahrzehnte erzählte fiktiven Biographie glaubwürdig machten.
Wundervolles Kino
mit Jean-Pierre Léaud, Claude Jade, Michel Lonsdale, Delphine Seyring, Daniel Ceccaldi, Claire Duhamel, Serge Rousseau
Toller quasi-dokumentarischer Thriller über eine weltweite Pandemie. Ein Ensemblestück, bei dem auch Starpower nicht vor einem vorzeitigen Ableben schützt.
mit Marion Cotillard, Matt Damon, Laurence Fishburne, Jude Law, Gwyneth Paltrow, Kate Winslet, Bryan Cranston, Jennifer Ehle, Sanaa Lathan, John Hawkes, Armin Rohde, Elliott Gould, Enrico Colantoni, Chin Han
Beginnen wir gleich, um die Größe des Scheiterns zu Illustrieren, mit dem größten Problem des Films: es wird keine einzige Jahreszahl eingeblendet. Auch andere Orientierungsmarken für eine schnelle zeitliche Einordnung sind bestenfalls rudimentär vorhanden. Wer mit dem Namen Coppi nichts verbindet, könnte problemlos vermuten, dass der Film in der DDR oder irgendeiner anderen wahren oder erfundenen Diktatur spielt.
Das tut er nicht. Er spielt während der Nazi-Diktatur. Und die Hauptpersonen in Andreas Dresens neuem Film, wieder nach einem Drehbuch von Laila Stieler, gehören zur „Roten Kapelle“.
Die „Rote Kapelle“ war die größte und ist immer noch die unbekannteste Widerstandsgruppe gegen die Nazi-Diktatur. Sie war nämlich als loses Netzwerk organisiert und existierte, weil die Nazis einfach Ereignisse und Menschen zu dieser Gruppe zusammenfassten. Heute sind ungefähr vierhundert Mitglieder der Gruppe namentlich bekannt. Die meisten Mitglieder lebten in Berlin. Der gemeinsame Nenner war, wie der Name nahelegt, dass die Mitglieder irgendwie kommunistisch waren und sie während des Zweiten Weltkriegs Spionage für die Sowjetunion betrieben.
Sie verteilten Flugblätter, halfen Juden und Oppositionellen, dokumentierten Verbrechen der Nazis, schrieben aufklärerische Briefe an Soldaten, die an der Ostfront kämpften, und sie versuchten, zur Übermittlung strategisch wichtiger Nachrichten, ein stabil funktionierendes Funknetz in die Sowjetunion aufzubauen.
Im Gegensatz zu anderen Widerstandskämpfern, wie die Gruppe um Graf von Stauffenberg, die Geschwister Scholl oder der Einzeltäter Georg Elser, die heute allgemein bekannt sind, arbeiteten die Mitglieder der „Roten Kapelle“ im Verborgenen.
Nach dem Krieg wurde die „Rote Kapelle“ in der Bundesrepublik und der DDR unterschiedlich beurteilt. In der DDR wurden sie als Helden verehrt. Im Westen ignoriert. Erst in den letzten Jahren zeichnete sich eine Veränderung der Wahrnahme ab.
Dresens „In Liebe, eure Hilde“ kann dazu sicher weiter beitragen.
Er erzählt nicht historisierend, sondern gegenwärtig und den Freiheitsdrang der jungen Protagonisten ernst nehmend und zeigend.
Allerdings sind sie, wobei der Film sich auf Hilde Coppi konzentriert, die meiste Zeit im Gefängnis. Abgesehen von einigen Rückblenden erzählt Dresen nur von Hilde Coppis Zeit im Gefängnis zwischen ihrer Verhaftung am 12. September 1942 und ihrem Tod am 5. August 1943. Am 27. November 1942 kam im Frauengefängnis Barnimstraße Berlin ihr Sohn Hans Coppi junior zur Welt.
Dresen schildert, wie sie im Gefängnis lebt und überlebt, ohne ihre Freunde zu verraten. Denn zusammen mit ihrem Mann Hans und ihren Freunden kämpfen sie gegen die Regierung. Über den Sinn und Unsinn ihrer Aktionen diskutieren sie im Film nicht. Diese Entscheidung haben sie bereits vorher getroffen. Jetzt überkleben sie Nazi-Plakate mit eigenen Botschaften, drucken und verteilen Flugblätter, für die Hilde Coppin während ihrer Arbeit als Sachbearbeiterin bei der Reichsversicherungsanstalt das Papier besorgt. Sie transportiert auch ein Funkgerät durch Berlin in die Tegeler Kleingartenkolonie „Am Waldessaum“, in der sie seit 1941 mit ihrem Mann lebte.
Währenddessen bringt Hans sich das Funken bei. Danach senden sie, ohne zu wissen, ob jemand sie hört, Nachrichten in Richtung Osten.
Neben ihrer Untergrundtätigkeit sind sie einfach junge Leute, die Leben wollen und im See baden. Der 1916 geborene Hans und die 1909 geborene Hilde, die sich erstmals 1940 trafen und im Juni 1941 heirateten, sind auch ein Liebespaar.
Diese Rückblenden schildert Andreas Dresen dann mit einem Nouvelle-Vague-Feeling und ohne zeittypische Insignien, wie schwarz-weiß-rote Nazi-Fahnen, Hakenkreuze und marschierenden Soldaten. Das, die Sprache und ein lässiger Umgang mit der Ausstattung (so gibt Dresen im Presseheft unumwunden zu, dass auch bei H&M eingekauft wurde) machen die Liebesgeschichte zeitlos. Die Bedrohung wird aus ihrem Verhalten spürbar.
In den im Gefängnis spielenden Szenen zeigt er dann, wie die gefangenen Frauen um ihre Würde kämpfen und wie die stille Hilde Coppi nie ihren Optimismus verliert. Obwohl sie keine Chance hat, das Gefängnis lebendig zu verlassen.
„In Liebe, eure Hilde“ ist mehr ein Liebesfilm über Liebe unter widrigen Umständen als ein Film über tapfere Widerstandskämpfer, die vom Drehbuch genötigt werden, in langen Monologen ihre Motivation zu erklären. Das ist kein Nachteil, sondern erfrischend anders.
Nein, eigentlich ist der größte Nachteil des Films nur ein Nachteil für Menschen, die sich an der Kinokasse spontan für den Film entscheiden, weil ihnen das Plakat und der Titel gefallen. Wer die Namen Hans und Hilde Coppi kennt, wer schon einmal etwas von der „Roten Kapelle“ gehört hat (auch wenn die Fremdbezeichnung „Rote Kapelle“ im Film nicht genannt wird), den wird das Fehlen von Jahreszahlen nicht stören. Er weiß, dass die Geschichte während des Zweiten Weltkriegs spielt.
In Liebe, eure Hilde(Deutschland 2024)
Regie: Andreas Dresen
Drehbuch: Laila Stieler
mit Liv Lisa Fries, Johannes Hegemann, Lisa Wagner, Alexander Scheer, Emma Bading, Sina Martens, Lisa Hrdina, Florian Lukas
Drehbuch: Andrew Kevin Walker (nach einer Filmgeschichte von Kevin Yagher und Andrew Kevin Walker)
LV (Inspiration): Washington Irving: The Legend of Sleepy Hollow, 1820 (Die Sage von der schläfrigen Schlucht)
1799 soll Constable Ichabod Crane, ein Rationalist vor dem Herrn, in einem kleinen Dorf in der Nähe von New York mehrere Morde aufklären. Die Einheimischen behaupten, die Morde wurden von einem kopflosen Reiter begangen.
Schöner Horrorfilm von Tim Burton.
Hier zwei zeitgenössische Kritiken:
„Die perfekte Mischung aus haarsträubendem Grauen und schwarzem Humor, eine bis ins Detail perfektionistische Umsetzung und eine sichere Hand bei der Führung eines herausragenden Darstellerensembles machen aus ‚Sleepy Hollow‘ eine der ausgereiftesten Regiearbeiten Tim Burtons.“ (Steffen Heinke, Filmecho-Filmwoche)
„ein freudianisches Disneyland erschüttert vom Grand Guignol“ (Mariam Lau, Die Welt)
Die Musik ist von Danny Elfman; die Bilder sind von Emmanuel Lubezki.
mit Johnny Depp, Christina Ricci, Miranda Richardson, Michael Gambon, Casper Van Diem, Jeffrey Jones, Christopher Lee
„Hagen – Im Tal der Nibelungen“ erzählt die allgemein bekannte Geschichte von Siegfried, dem Drachentöter, seinem Tod und, wenn es eine Fortsetzung gibt, Kriemhilds Rache. Nur aus einer anderen Perspektive. Nämlich der von Hagen, dem Waffenmeister von Burgund, der den unbesiegbaren Drachentöter Siegfried tötet. Wolfgang Hohlbein erzählte Hagens Geschichte 1986 in seinem Roman „Hagen von Tronje“.
Dieser wurde jetzt von Cyrill Boss und Philipp Stennert verfilmt als zweieinhalbte Kinoverfilmung der Geschichte. Die Stummfilm-Version von Fritz Lang genießt unter Cineasten immer noch hohes Ansehen. Harald Reinls Verfilmung von 1966 befindet sich dann im trashigen Fahrwasser damaliger Epen, in denen es auch zum „Tiger aus Eschnapur“ und, mit der Hilfe von Karl May „Durchs wilde Kurdistan“ ging.
Beide Filme sind Zweiteiler. Im ersten Teil wird Siegfrieds Geschichte, im zweiten Teil die von Kriemhilds Rache erzählt. „Hagen – Im Tal der Nibelungen“ endet ebenfalls mit Siegfrieds Tod. Auch wenn ich im Kino wenige Minuten vor dem Filmende dachte, dass sie vielleicht die Geschichte von Siegfrieds Tod in einem zweiten Teil erzählen. Und Kriemhilds Rache für einen dritten Teil geplant ist, der vielleicht irgendwann in naher oder ferner Zukunft realisiert wird.
Bis dahin haben wir die aktuelle Verfilmung, die die bekannte Geschichte von Siegfried und Hagen aus einer anderen Perspektive erzählt. Hagen von Tronje, durchgehend mit unbewegter Leidensmine von Gijs Naber gespielt, ist hier der Gute. Siegfried von Xanten, gespielt von Jannis Niewöhner, sein Antagonist: ein trinkfreudiger Hallodri, der sich immer wieder in Lebensgefahr begibt, weil er unsterblich ist.
Mit gut 140 Minuten wird sie in einem ziemlich langen Kinofilm erzählt, der allerdings nur die gekürzte Fassung einer mehr als doppelt so langen sechsteiligen Serie für RTL+ ist. Diese soll nächstes Jahr im Fernsehen gezeigt werden. Die Macher sagen zwar, dass Film und Serie unabhängig voneinander funktionieren. Aber der Erzählrhythmus des Kinofilms ist oft verstörend schlecht. Immer wieder wird sich für Unwichtiges zu viel Zeit genommen und Wichtiges wird zu schnell, teils zwischen zwei Bildern, erledigt. Und die Schauspieler hängen viel zu oft und zu lang in dunklen Räumen herum und unterhalten sich. Schließlich müssen Palastintrigen und Liebesgefühle ausgehandelt werden.
Echte Kinomomente, also Landschaftsaufnahmen, ausgedehnte Kampfszenen und das Protzen mit Schauwerten sind selten. Stattdessen dominiert eine TV-Ästhetik.
Das macht den Kinofilm „Hagen – Im Tal der Nibelungen“ zu einem langen Trailer für die TV-Serie, über deren Qualitäten nichts gesagt werden kann.
Hagen – Im Tal der Nibelungen (Deutschland 2024)
Regie: Cyrill Boss, Philipp Stennert
Drehbuch: Cyrill Boss, Philipp Stennert, Doron Wisotzky
LV: Wolfgang Hohlbein: Hagen von Tronje, 1986
mit Gijs Naber, Jannis Niewöhner, Dominic Marcus Singer, Lilja van der Zwaag, Rosalinde Mynster, Jördis Triebel, Jörg Hartmann, Bela Gabor Lenz, Alessandro Schuster, Johanna Kolberg, Emma Preisendanz, Maria Erwolter
Es kann sein, dass ich zu viel über Donald Trump weiß (obwohl viele Menschen noch viel mehr über ihn gelesen haben) und zu viele Trump-Parodien gesehen habe (obwohl viele Menschen noch viel mehr gesehen haben). In jedem Fall mochte ich ihn schon nicht, als ich das erste Mal bewusst seinen Namen hörte. Das war als bei einem USA-Urlaub mit meinen Eltern unsere US-amerikanischen Bekannten uns in Manhattan den Trump-Tower zeigten und sich bewundernd über den Bauherrn äußerten. Wir sahen uns konsterniert an und dachten so etwas in die Richtung von: „Was für ein hässlich-protziges Gebäude. Was muss das für ein armseliger Mensch sein, der es nötig hat, seinen Namen so groß am Gebäude anzubringen?“
Seitdem gab es keinen Moment, in dem ich über mein erstes Urteil nachdenken musste. Im Gegenteil: Je mehr ich über Trump erfuhr, desto sicherer wurde ich in meinem Urteil, dass Trump ein absolut hohler, armseliger, nur auf den äußeren Schein fixierter Dummschätzer ist. Er hat keine Ahnung von den Themen, über die er redet und er hat keine Lust hat, sich in die Materie einzuarbeiten.
Das zeigte sich auch bei dem TV-Duell zwischen ihm und seiner damaligen Mitbewerberin um das Amt des US-Präsidenten. Ich war damals kurz vor meinem geplanten Bettgang in die Übertragung von dem Duell gestolpert und wollte mir einen kurzen Eindruck von der Performance der Kandidaten verschaffen. Ich ging davon aus, dass beide ihre Pläne überzeugend präsentieren und die Pläne des Gegners ebenso überzeugend auseinander nehmen würden. Da ich nicht genug über die konkreten Pläne wusste, würde ich, wie bei unzähligen anderen TV-Duellen, nur beurteilen können, wer der bessere Verkäufer sein würde.
Entsetzt blieb ich viel länger als geplant vor dem Computer sitzen. Der Unterschied im Niveau war einfach zu groß. Während Hillary Clinton eine Frau mit einem Plan war, die argumentieren und logisch aufeinander aufbauende Sätze formulierte, brabbelte er nur planlos herum. Ungefähr wie der Mitschüler, der einen Roman zusammenfassen soll, den er nicht gelesen hat.
Später, als ich während seiner Präsidentschaft Äußerungen von ihm hörte und las, dachte ich immer, dass ich mit jeder Minute, in der ich seinen Wortsalat folgte, dümmer wurde. Seitdem wurde es nur noch schlimmer.
Ich halte ihn immer noch für absolut ungeeignet für das Amt. Und ich verstehe nicht, warum so viele Menschen dieser Hohlbirne folgen. Sie zu durchschauen erfordert keine besonderen Fähigkeiten und geht atemberaubend schnell.
Ende der Vorbemerkung
Nach dieser langen Vorrede könnt ihr vielleicht mein Urteil über Ali Abbasis „The Apprentice – The Trump Story“ besser einordnen. Außerdem wollte ich endlich einmal die Geschichte von meiner ersten Begegnung mit Donald Trump niederschreiben. Ich halte den Film für eine Zeitverschwendung. Man erfährt nichts über Trump, was man nicht schon nach der Lektüre einiger guter Zeitungsreportagen weiß. Die sind auch informativer als dieser Film, der teils 70er-Jahre-Period-Picture ist, teils Best-of-Trump ist und dabei an der Oberfläche bleibt. Das liegt daran, dass hinter der Fassade nichts ist. Außerdem wissen die Macher nicht, ob sie ein 08/15-Biopic, eine Abrechnung mit Trump oder eine Verherrlichung von Trump machen sollen. So setzten sie sich letztendlich so zwischen die Stühle, das jeder in den Film hineininterpretieren kann, was er will und der sogar Trump, wenn er ihn sich ansehen würde, gefallen könnte, weil er am Filmende die Lektionen von seinem Lehrmeister anwendet und er letztendlich als der große Macher porträtiert wird. Diese Unentschlossenheit und eine zerfaserte zweite Hälte machen „The Apprentice“, trotz gelungener Ansätze, zu einem sehr enttäuschendem, angesichts seines Potentials sogar ärgerlichem Werk.
Sicher, der in den siebziger Jahren in New York spielende Anfang, als Donald Trump (Sebastian Stan) in den Häusern seines Vaters die Miete eintreibt und er den skrupellosen Anwalt Roy Cohn (Jeremy Strong) kennen lernt und der ihn unter seine Fittiche nimmt, sind atmosphärisch gelungen. Das erinnert wohltuend an die damals auf der Straße gedrehten New-Hollywood-Dramen. Dafür wirkt Trump-Darsteller Sebastian Stan mit seiner Trump-Perücke wie der Bewerber für eine Trump-Parodie. Jeremy Strong steht so unter Strom, dass auch er nie wie ein echter Mensch, sondern wie eine Parodie auf einen skrupellosen Anwalt wirkt. Der 1927 geborene Cohn begann seine Karriere als fanatischer Kommunistenjäger. Er rühmte sich dafür, dass seine Arbeit entscheidend für das Todesurteil gegen Julius und Ethel Rosenberg wegen Spionage war. Kurz darauf war er Chefberater von Senator Joseph McCarthy. Danach wurde er Rechtsanwalt in New York City. Zu seinen Mandanten gehörten auch das Erzbistum New York und bekannte Mafiosi, wie John Gotti, Anthony Salermo und die Gambino-Familie. Er beriet Richard Nixon und Ronald Reagan. Ihm war egal, mit welchen legalen und illegalen Mitteln, wie Epressung mit illegalen Tonbandaufnahmen, er zum Ziel kam. Hauptsache Gewinnen und als starker Macher dastehen.
Beide sind Unsympathen. Moralbefreiter Abschaum in teuren Anzügen und noblen Wohnungen.
Die aus dieser Begegnung entstehende Filmgeschichte erzählt, wie ein skrupelloser Anwalt einem skrupellosen Unternehmer den nötigen Feinschliff verpasst. Der eine schwadroniert über Gott und die Welt, der andere saugt es begierig auf. Das ist die ganze Geschichte zwischen diesen beiden Männern.
Cohn hat Trump auch seine drei „Regeln zum Gewinnen“ aufgeschrieben, die ungefähr so lauten:
Regel 1: Angreifen. Angreifen. Angreifen.
Regel 2: Nichts zugeben. Alles leugnen.
Regel 3: Den Sieg für sich beanspruchen und niemals eine Niederlage zugeben.
Diese Regeln wendet Trump seitdem an. Dabei war und ist ihm der äußere Schein, die Fassade, wichtiger als das, was sich dahinter verbirgt. So gibt er immer noch nicht zu, dass er 2020 die US-Präsidentenwahl verloren hat. Seine Jünger folgen dem Betrüger (den ich noch nicht einmal für einen besonders guten Betrüger halte) aus kaum bis nicht nachvollziehbaren Gründen.
Abbasis Biopic „The Apprentice“ konzentriert sich auf die Beziehung zwischen Trump und Cohn von ihrer ersten Begegnung 1973 bis zu Cohns Tod am 2. August 1986. Er starb an einer HIV-Infektion. Die in den siebziger Jahren spielenden Szenen, als Trump in die Immobilienbranche mit eigenen Bauprojekten einsteigen, sind dabei die überzeugenderen. In diesen Momenten entsteht auch im Ansatz ein Gefühl für die Zeit und die Männer, die skrupellos von den Umständen profitieren wollten. Später, in den achtziger Jahren wird die Geschichte zunehmend episodischer und fahriger. Es wird von einem Ereignis zum nächsten gesprungen, mal geht es um sein Privatleben, mal um seine Beziehung zu Cohn, mal um ein neues Bauprojekt, über dessen Ablauf wir wenig bis nichts erfahren.
In diesen Momenten wird auch deutlich, wie wenig „The Apprentice“ zu erzählen hat. Das wird sogar im Film direkt angesprochen, wenn der Journalist Tony Schwartz sich mit Trump trifft. Schwartz soll Trumps Memoiren, die 1987 unter dem Titel „Trump: The Art of the Deal“ erscheinen, schreiben. Bei dem Gespräch sagt Schwartz, er sehe kein Metamotiv in Trumps Leben.
Trump entgegnet, er liebe es Deals zu machen. Deals seien der Zweck und eine Kunstform.
Das wäre ein Ansatz gewesen, um „The Apprentice“ als eine Geschichte von Deals zu erzählen. Also: wie verhandelt Trump? Was ist ein guter Deal? Was ist ein schlechter Deal? Wie gelangt er zu einem Deal? Stimmt seine Selbstwahrnehmung, dass er ein guter Dealmaker ist? Wurden seine Deals, nachdem er sich mit Cohn befreundete und Cohns Regeln folgte, besser? In jedem Fall wurde er skrupelloser.
Seine Deals als US-Präsident und seine Pleiten (wozu auch Casinos gehören) sprechen eine andere Sprache. Danach ist er ein schlechter Dealmaker, der einfach nur an irgendeinem Abschluss interessiert ist. Er will nur ständig „Deal!!!“ brüllen, aber er ist unfähig, Deals auszuhandeln. Denn das würde ein Vertiefen in die Materie, ein Abwägen verschiedener Interessen und Güter und psychologisches Feingefühl erfordern.
In „The Apprentice“ erfahren wir nur, wie Cohn Trump den nötigen Feinschliff verpasst. Er veränderte nichts in Trumps Charakter. Er gab ihm nur einige Weisheiten mit auf den Weg, die der Faulenzer und Drückeberger Trump, der sich im Zweifelsfall auf den Einfluss und das Geld seines Vaters verlassen konnte, eigentlich schon lange davor begriffen hatte.
Die Dialoge sind eine Ansammlung ikonischer Trump-Sätze, die hier immer etwas deplatziert wirken. Es wird durchgehend ein erstaunlich sauberes Englisch gesprochen, in dem es nur wenige vulgäre Beleidigungen und Schimpfworte gibt. Angesichts des damals aus anderen Filmen, Büchern und Erzählungen dokumentierten rauen Umgangston in dem Milieu, in dem der Film spielt, wirkt das immer falsch. Trotzdem erhielt „The Apprentice“ in den USA ein R-Rating wegen „sexual content, some graphic nudity, language, sexual assault, and drug use“. In Deutschland ist er „frei ab 12 Jahre“. In Begleitung der Eltern oder einer erziehungsberechtigten Person kann der Film sogar von Sechsjährigen gesehen werden. Ob das klug ist, müssen die Erziehungsberechtigten entscheiden.
Dass Trump jetzt gegen den Film, den er wahrscheinlich nicht gesehen hat, polemisiert, erkläre ich mir so: Trump ist einfach beleidigt, dass der Film sagt, dass er früher ein Lehrling war und dass er zu seinem Lehrer aufschaute. Das kratzt an seinem Ego. Dabei wird er in dem Film als großer Macher gezeigt. Geklagt hat er, soweit ich weiß, nicht gegen den Film. Auch sonst niemand.
In den USA, wo der Film seit einigen Tagen läuft, wird er vom Publikum weitgehend ignoriert.
The Apprentice – The Trump Story (The Apprentice, USA 2024)
Regie: Alli Abbasi
Drehbuch: Gabriel Sherman
mit Sebastian Stan, Jeremy Strong, Maria Bakalova, Martin Donovan, Catherine Mcnalle, Charlie Carrick, Ben Sullivan, Mark Randall
Miles Davis – Birth of the Cool (Miles Davis: Birth of the Cool, USA 2019)
Regie: Stanley Nelson
Drehbuch: Stanley Nelson
TV-Premiere. Gelungene spielfilmlange Doku über Jazz-Trompeter Miles Davis (1926 – 1991).
„Miles Davis – Birth of the Cool“ ist für den Davis-Fan eine Auffrischung bekannter Informationen. Für den Novizen ist die Doku ein glänzender und rundum gelungener Überblick über das Leben und Werk eines der wichtigsten Jazzmusiker.
mit (ohne zwischen aktuellen Interviews und Archivmaterial, ohne zwischen kurzen und langen Statements und ohne zwischen allgemein bekannten und unbekannteren Gesprächspartnern zu unterscheiden) Miles Davis, Carl Lumbly (im Original: Stimme von Miles Davis), Reginald Petty, Quincy Troupe, Farah Griffin, Lee Annie Bonner, Ashley Kahn, Benjamin Cawthra, Billy Eckstine, Walter Cronkite, Jimmy Heath, Jimmy Cobb, Dan Morgenstern, Charlie Parker, Greg Tate, Gerald Early, Quincy Jones, Wayne Shorter, Tammy L. Kernodle, Juliette Gréco, Vincent Bessières, George Wein, Eugene Redmond, Thelonious Monk, Carlos Santana, Herbie Hancock, Marcus Miller, Cortez McCoy, Sandra McCoy, Jack Chambers, Frances Taylor, Johnny Mathis, René Urtreger, Joshua Redman, John Coltrane, James Mtume, Lenny White, Vincent Wilburn Jr., Archie Shepp, Stanley Crouch, Gil Evans, Cheryl Davis, Ron Carter, Sly and the Family Stone, Clive Davis, Betty Davis, Marguerite Cantú, Mark Rothbaum, Erin Davis, Mike Stern, Mikel Elam, Jo Gelbard, Prince, Wallace Roney
Parker Finn hatte bei seinem Langfilmdebüt eine grandiose Idee: das Böse zeigte sich in Gesichtern, die starr lachende Fratze waren. Das Bild, vor allem so wie Finn es präsentierte, war höchst beunruhigend.
Mit seinem Horrorfilm „Smile“ demonstrierte er ein beachtliches, auch in „Smile 2“ sichtbares inszenatorisches Talent und beunruhigte über weite Strecken sehr gelungen. Erst im Finale wurden die üblichen Horror-Topoi in der üblichen Form benutzt. Das war dann ziemlich langweilig.
Dessen ungeachtet wurder der Film ein Erfolg. Eine Fortsetzung – auch wenn ich sie nach dem Finale von „Smile“ für überflüssig hielt – war schnell beschlossen. Und Finn, der auch das Drehbuch geschrieben hatte, sagte, er habe Ideen für ein ganzes Franchise. Mit „Smile 2 – Siehst Du es auch?“ ist jetzt der zweite „Smile“-Film im Kino. Aus dem ersten Film ist wieder Kyle Gallner als Polizist Joel dabei. Er stirbt nach wenigen Minuten und vor der Titeleinblendung in einer von ihm atemberaubend schlecht geplanten Schießerei in einem leerstehendem Vorstadthaus, das von zwei weißen Drogenhändlern für ihr Geschäft benutzt wird. Diese Szene mit ihren vielen Toten hat mit dem darauf folgendem über zweistündigem Film nichts zu tun.
In ihm geht es um die erfolgreiche junge Pop-Musikerin Skye Riley (Naomi Scott), deren neue Tour in wenigen Tagen beginnt. Als sie bei ihrem Drogenhändler – einem Schulfreund, der in Manhattan in einem großen und eigentlich noblem Apartment wohnt (es ist halt nicht aufgeräumt) – einige Tabletten kaufen will, bringt er sich vor ihren Augen um. Und der „Smile“-Fluch überträgt sich auf sie und ihr einen wenig berührender Abstieg in den Wahnsinn beginnt. In dem Moment ist bereits die erste halbe Stunde vorbei. Ungefähr eine Stunde später erklärt ihr ein Sanitäter, der ihr helfen möchte, in einem Infodump alles über den „Smile“-Fluch. Wer „Smile“ oder den Trailer gesehen hat, kennt ihn: der „Smile“-Fluch überträgt sich von einem Menschen zum nächsten, indem der Träger des Fluches vor einem anderen Menschen Suizid begeht. Der neue Träger des Fluches wird innerhalb weniger Tage zunehmend verrückt. Er sieht gruselig grinsende Gesichter und kann immer weniger zwischen Wahn und Wirklichkeit unterscheiden.
Diese Gesichter, ihr Auftauchen und Verhalten inszeniert Finn mittels weitgehend vorhersehbarer Jump-Scares, die sich darauf verlassen, dass der geneigte Zuschauer ordentlich zusammenzuckt, wenn die Stille von einem plötzlichen lauten Geräusch unterbrochen wird.
Die Story selbst leidet zuerst einmal an ihrem schleppendem Erzähltempo. So dauert es eine halbe Stunde, bis die Geschichte beginnt. Davor plätschert der Film vor sich hin, ohne dass wirklich erkennbar ist, wer die Protagonistin ist. Diese, die Pop-Musikerin Skye, bleibt durchgehend eine nervige Kunstfigur ohne ein interessantes Innenleben; – was auch daran liegt, dass das bei der Wahl dieser Protagonistin auf der Hand liegende Thema und der damit verbundene Konflikt, nämlich der Zwiespalt zwischen einem auf Äußerlichkeiten, Freundlichkeit und Oberflächlichkeit bedachtem fehlerfreiem Leben als Pop-Star und der eigenen Psyche, die etwas anderes möchte, nicht konsequent behandelt wird. Stattdessen taucht immer wieder eine Grinse-Fratze in Skyes Fantasie auf. Diese Gesichter beunruhigen deutlicher weniger als im ersten Film. Eher sehen sie wie edel arrangierte Fotografien für eine Werbekampagne aus.
Wie sehr „Smile 2“ da noch nicht einmal an der Oberfläche kratzt, wird bei einem Vergleich mit „The Substance“ deutlich. In ihrem vor wenigen Wochen gestartetem fantastischen Body-Horrorfilm seziert Coralie Fargeat diesen Gegensatz zwischen glamourösem Schein und desaströsem Sein auf jeder Ebene besser. „The Substance“ fesselt und beunruhigt nachhaltig ohne einen einzigen Jump-Scare. „Smile 2“ braucht die Jump-Scares, um die Aufmerksamkeit des Publikums aufrecht zu erhalten.
In „Smile 2“ ist das Pop-Musikgeschäft nur der Hintergrund, der es Finn ermöglicht, Hauptdarstellerin Naomi Scott mehrmals singen und, teils auf einer größeren Konzertbühne, tanzen zu lassen. Immerhin unterbricht die Musik die Geschichte seltener als in „Joker: Folie à Deux“. Besser sind die Songs nicht. Sie sind für den Film geschriebene handelsübliche Pop-Nummern, die einen eh schon zu langen, verpasste Möglichkeiten an verpasste Chancen reihenden Film locker über die Zwei-Stunden-Schwelle hieven.
Smile 2 – Siehst Du es auch? (Smile 2, USA 2024)
Regie: Parker Finn
Drehbuch: Parker Finn
mit Naomi Scott, Rosemarie DeWitt, Kyle Gallner, Lukas Gage, Miles Gutierrez-Riley, Peter Jacobson, Raúl Castillo, Dylan Gelula, Ray Nicholson, Drew Barrymore (Cameo als sie selbst)