Regie: Byron Howard, Rich Moore, Jared Bush (Ko-Regisseur)
Drehbuch: Jared Bush, Phil Johnston, Dan Fogelman (zusätzliches Material) (Nach einer Geschichte von Byron Howard, Jared Bush, Rich Moore, Phil Johnston, Jennifer Lee, Josie Trinidad und Jim Reardon)
Als Jung-Polizistin und Karnickel Judy Hopps mit dem verbrecherischen Fuchs Nick Wilde (Hey, er ist ein Fuchs!) den spurlos verschwundenen Mr. Otterton sucht, entdecken sie ein riesiges, Zoomania bedrohendes Komplott.
Äußerst gelungener Disney-Film mit sympathischer Botschaft und unzähligen Anspielungen, die jüngere Zuschauer übersehen werden. Aber die sollten um diese Uhrzeit auch im Bett sein.
1940 bombardierte Nazi-Deutschland täglich London. Dieser Teil der Luftschlacht um England ging als „The Blitz“ in die Geschichtsbücher über den Zweiten Weltkrieg ein. Jede Nacht flüchteten die Menschen vor den Bomben in Keller und U-Bahn-Stationen. Tagsüber wurden die Trümmer notdürftig weggeräumt. Und die Regierung organisierte die Verschickung von Kindern aufs Land, wo es sicherer war. Auch der neunjährige George (Elliott Heffernan) soll in Sicherheit gebracht werden, während seine alleinerziehende, in einer Rüstungsfabrik in der Produktion arbeitende Mutter Rita (Saoirse Ronan) und sein Großvater Gerald (Rockmusiker Paul Weller, der einen Musiker spielt) in ihrer Wohnung im Osten Londons bleiben.
Schon der Abschied am Bahnhof verläuft anders, als Rita es sich erhoffte. Denn George will nicht weg.
Kurz hinter London spring er aus dem Zug und macht sich, wie Lassie, auf den Weg zurück zu seiner Mutter.
Steve McQueen erzählt in seinem neuen Film „Blitz“ parallel Georges und Ritas Geschichte. Das so entstehende, primär aus Georges Perspektive erzählte Drama ist ein seltsamer Mix aus Kinobildern und der Dramaturgie einer TV-Serie, die auf Kinolänge gekürzt wurde. Beide Handlungsstränge sind so angelegt, dass sie mit beliebig vielen weiteren Episoden und Personen verlängert oder, bei Bedarf, gekürzt werden können. Darum entsteht auch nie das Gefühl, dass sie zu elliptisch erzählt sind. Denn ob George bei seiner Reise zurück nach London noch einige weitere Tage unterwegs ist, einige weitere Menschen trifft und Abenteuer erlebt oder auch nicht, ist egal. Gleiches gilt für die Erlebnisse von seiner Mutter und seinem Großvater in London.
Diese durchgehend episodische Erzählweise erlaubt es Steve McQueen viele verschiedene Themen, wie den damaligen Rassismus, anzusprechen. Zusammengehalten werden die Episoden durch den aus „Lassie“ bekannten Plot.
„Blitz“ ist ein guter, humanistisch geprägter und zu Herzen gehender Film. Das Drama ist gleichzeitig Steve McQueens in jeder Hinsicht konventionellester Film. Zu seinen vorherigen Filmen gehören „Hunger“, „Shame“ und „12 Years a Slave“.
Steve McQueens neuer Film läuft jetzt in einigen Kinos. Aktuell wird „Blitz“ in Berlin in zwei kleinen Arthaus-Kinos einmal am Tag gezeigt. Ab dem 22. November ist er auf Apple TV+ verfügbar.
Blitz (Blitz, Großbritannien 2024)
Regie: Steve McQueen
Drehbuch: Steve McQueen
mit Saoirse Ronan, Elliott Heffernan, Harris Dickinson, Benjamin Clémentine, Kathy Burke, Paul Weller, Stephen Graham, Leigh Gill, Mica Ricketts, CJ Beckford, Alex Jennings, Joshua McGuire, Hayley Squires, Erin Kellyman, Sally Messham
Meinen Hass bekommt ihr nicht(Vous n’aurez pas ma haine, Deutschland/Frankreich/Belgien 2022)
Regie: Kilian Riedhof
Drehbuch: Jan Braren, Marc Blöbaum, Kilian Riedhof, Stéphanie Kalfon
LV: Antoine Leiris: Vous n’aurez pas ma haine, 2016 (Meinen Hass bekommt ihr nicht)
TV-Premiere. Berührendes Drama über Antoine Leiris, dessen Frau von islamistischen Terroristen am 13. November 2015 in Paris im Bataclan während eines Konzerts erschossen wurde. Danach musste er ihren siebzehn Monate alten Sohn allein erziehen. Eines Nachts schrieb und veröffentlichte er den von einer großen Öffentlichkeit wahrgenommenen, titelgebenden Facebook-Text.
„Weisheit des Glücks – Eine inspirierende Begegnung mit dem Dalai Lama“ ist eine spielfilmlange Predigt des 14. Dalai Lama über all die Dinge, die er in wahrscheinlich jeder seiner Reden über den Frieden, die Welt und das Zusammenleben sagt. Unterlegt werden seine Worte mit einigen wenigen historischen Aufnahmen und vielen schönen Naturbildern, die wir so ähnlich aus anderen esoterisch angehauchten essayistischen Dokumentarfilmen kennen.
Das ist erbaulich, aber in dieser Form auch arg weltfremd. Denn nach dem allgemein zustimmungsfähigen Satz ‚wir wollen alle Frieden‘ führt er nicht aus, wie wir zu diesem Zustand kommen. Der Übergang von der Theorie in die Praxis ist der schwierige und wirklich interessante Punkt.
So bleibt nach neunzig Minuten Predigt nur Glückskeks-Wunschdenken, das seinen Jüngern gefallen wird.
Weisheit des Glücks – Eine inspirierende Begegnung mit dem Dalai Lama (Wisdom of Happiness, China/USA 2024)
Nach dem Tod ihres Mannes übernimmt die titelgebende ‚Witwe Clicquot‘ 1805 als 27-jährige in der französischen Provinz Champagne die Leitung der familieneigenen, damals unbedeutenden Weinkellerei. In den folgenden Jahren revolutioniert sie umfassend die Art, wie Champagner hergestellt wird. Ihre Verfahren werden noch heute angewandt. Sie legte den Grundstein für die heute noch bestehende Champagnermarke Veuve Clicquot Ponsardin.
Über diese Verfahren erfährt man in Thomas Nappers Biopic „Die „Die Witwe Clicqout“ nichts. Wie sie sich genau gegen die rein männliche Konkurrenz durchsetzte und ihren Hof behielt, erfährt man fast nichts. Die dafür entscheidenden Momente erzählt Napper zwischen den Bildern oder in nichtssagenden Bildern von einer Frau, die in einem Labor steht und mit Flüssigkeiten gefüllte Gefäße missvergnügt anschaut. Und so ist das Biopic eine Ansammlung wenig beeindruckender, meist beliebiger Szenen, in denen nie klar wird, warum wir uns für sie interessieren sollten. Aber wir erfahren einiges über ihr Liebesleben und, in Rückblenden, die Beziehung zu ihrem Mann. Beides wird ebenfalls an den interessanten Punkten nicht vertieft.
Barbe Nicole Clicquot-Ponsardin (16. Dezember 1777 – 29. Juli 1866), die „Grande Dame de Champagne“, hätte einen besseren Film als diese halbgare, auf zwei Zeitebenen spielende Schmonzette verdient.
Die Witwe Clicquot (Widow Clicquot, USA 2023)
Regie: Thomas Napper
Drehbuch: Erin Dignam (nach einer Geschichte von Christopher Monger und Erin Dignam)
LV: Tilar J. Mazzeo: The Widow Clicquot, 2008 (Veuve Clicquot – Die Geschichte eines Champagner-Imperiums und der Frau, die es regierte)
mit Haley Bennett, Tom Sturridge, Sam Riley, Leo Suter, Natasha O’Keeffe, Anson Boon, Ben Miles
Gleiches gilt für den Dokumentarfilm „Bekenntnisse des Hochstaplers Thomas Mann“. „Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ gehören immer noch zu Manns bekanntesten und beliebtesten Werken. Mann begann mit der Arbeit an dem Roman 1905. Der Roman sollte der Auftakt für eine monumentale Trilogie sein. 1954 veröffentlichte er den Roman. Ein Jahr später starb er.
André Schäfer geht in seinem Dokumentarfilm, der auch mit nachgestellten Szenen arbeitet, der Verbindung zwischen Mann und Krull nach und wie sehr Krull ein alter ego von Mann ist. Allerdings kratzt sein Film nur an der Oberfläche. Am Ende hat man den Eindruck, weder über den Autor noch über den von ihm erfundenen Hochstapler viel erfahren zu haben.
Jedenfalls wenn man kein Mannianer ist.
Bekenntnisse des Hochstaplers Thomas Mann (Deutschland 2024)
Ein Jahr nach einem islamistischen Anschlag fährt Martin Harirat (Zejhun Demirov) an die Universität. Der 35-jährige Familienvater will mit Professor Doktor Neuweiser (Ulrich Tukur) über den Koran reden. Der Universitätsgelehrte soll ihm die aus dem Koran hergeleitete Absolution für einen von ihm geplantes Bombenattentat erteilen. Schnell entspinnt sich zwischen den beiden Männern ein Dialog über die richtige und falsche Interpretation des Korans.
Das Zwei-Personenstück „Martin liest den Koran“ ist, auch wenn es auf einem Originaldrehbuch basiert, abgefilmtes Thesentheater, bei dem die Interpretation des Korans zu sehr an den Worten der Schrift kleben bleibt und sich dann verschiedene Koranzitate mit triumphierender Stimme um die Ohren gehauen werden. Dabei sollte gerade Prof. Neuweiser wissen, wie wichtig bei den Worten auch immer der konkrete historische und kulturelle Hintergrund ist. Denn kein Werk entsteht im luftleeren Raum. Jedes Werk reagiert auf sein Umfeld.
Jurijs Saule inszenierte das Gespräch mit einem guten Gefühl für die Räume. Vor allem der große Hörsaal und die Mensa geben auch für das Auge etwas her. Störend sind allerdings die immer wieder aufmerksamkeitheischende, oft subjektive Kamera und die überlaute Geräuschkulisse.
„Martin liest den Koran“ ist ein klitzekleiner Baustein in der Diskussion über Islam, Islamismus und Terrorismus, die sich auf das akademische Spiel mit Koranzitaten konzentriert.
Das Drehhbuch erhielt 2022 die Goldene Lola für das beste unverfilmte Drehbuch.
Martin liest den Koran(Deutschland 2024)
Regie: Jurijs Saule
Drehbuch: Michail Lurje, Jurijs Saule
mit Ulrich Tukur, Zejhun Demirov, Sarah Sandeh, Alissia Krupsky, Prince Chughtai
Länge: 106 Minuten
FSK: ab 16 Jahre (wegen kurzer Visionen und Fotos von Attentaten; – aber nichts, was nicht auch in der „Tagesschau“ gezeigt wird)
In dem Road-Movie „Marianengraben“ fahren Helmut (Edgar Selge) und Paula (Luna Wedler) nach Italien. Getroffen haben sie sich mitten in der Nacht auf einem Friedhof. Paula besuchte das Grab ihres jüngeren Brüders. Helmut grub die Urne mit der Asche seiner Frau aus. Als sie vom Wachpersonal entdeckt werden, flüchten sie gemeinsam.
Helmut will nach Südtirol fahren, dabei die Asche seiner Frau verstreuen und, nun, sterben. Er hat seine letzte Reise zu den Orten, an denen er mit seiner Frau schöne Tage verbrachte, akribisch geplant. Paula will dagegen, von Schuldgefühlen geplagt, nur an einem bestimmten Tag in Triest sein. Dort ertrank ihr kleiner Bruder, der jetzt zehn Jahre alt geworden wäre, vor einem Jahr.
Weil er seinen Camper nicht mehr alleine fahren kann und sie keinen Zug benutzen kann, fahren sie gemeinsam Richtung Süden.
Eileen Byrnes Bestsellerverfilmung über zwei Trauernde, die sich auf einer gemeinsamen Reise langsam öffnen und dabei ihre Trauer überwinden, bewegt sich auf vertrauten Pfaden. Nur der konstant mangelnde Respekt vor der Friedhofsordnung und der damit verbundenen Totenruhe überrascht.
Marianengraben(Luxemburg/Italien/Österreich 2023)
Regie: Eileen Byrne
Drehbuch: Eileen Byrne
LV: Jasmin Schreiber: Mariannengraben, 2020
mit Luna Wedler, Edgar Selge, William Vonnemann, Martin Maria Abram, Katharina Grabher, Markus Stolberg
Kelly-Anne (Juliette Gariépy) und Clementine (Laurie Babin) verfolgen in Montreal im Gericht gespannt den Prozess gegen den Serienmörder Ludovic Chevalier (Maxwell McCabe-Lokos). Sie sind Serienkiller-Groupies, die den Dämon von Rosemont für unschuldig halten. Während der langen Gerichtstage lernen sie sich kennen. Auch außerhalb des Gerichtssaal verbringen sie Zeit miteinander.
Vor allem Kelly-Anne will immer mehr über den brutalen Mädchenmörder Chevalier, der seine Taten aufgenommen hat, erfahren. Sie möchte das bislang unbekannte Video von seinem dritten Mord, den an der dreizehnjährigen Camille, sehen und begibt sich dafür ins Darknet.
Pascal Plantes psychologischer Horrorfilm „Red Rooms – Zeugin des Bösen“ beginnt wie ein karg, quasi-dokumentarisch in langen, oft stummen Szenen inszenierter, das Geschehen kühl und distanziert beobachtender Gerichtsfilm. Er wird, ohne seinen Stil zu ändern, zu einem Film über die beginnende Freundschaft zwischen zwei einsamen Frauen, der im letzten Drittel wieder zu einem anderen Film wird. Dabei reduziert Plante die Zahl der handelnden Personen mit zunehmender Laufzeit immer mehr. Die schon anfangs einsame Kelly-Anne isoliert sich immer weiter von der Gesellschaft und taucht immer tiefer in die Welt des Darknets ein. Dabei deutet Plante die schlimmsten Bilder nur an. Wir sehen die Reaktionen auf grausame Bilder aber keine grausamen Bilder.
Red Rooms – Zeugin des Bösen(Les chambres rouges, Kanada 2023)
Regie: Pascal Plante
Drehbuch: Pascal Plante
mit Juliette Gariépy, Laurie Babin, Elisabeth Locas, Natalie Tannous, Pierre Chagnon, Guy Thauvette, Maxwell McCabe Lokos
Red One ist der Codename für den Nikolaus. Und wenn jemand einen Codenamen hat, dann ist er eine wichtige Person, die von Personenschützern beschützt wird. Er ist der Chef von vielen Personen und, in diesem Fall, auch anderen Wesen. Er ist, einfach gesagt, der Chef einer großen Firma, deren Auftrag es ist, einmal im Jahr vom Nordpol aus Geschenke zu verteilen.
So soll es auch in diesem Jahr sein. In der riesigen Weihnachtsmannresidenz am Nordpol laufen die Vorbereitungen für den großen Tag reibungslos ab. Schließlich arbeitet das riesige Team seit Jahrhunderten zusammen.
Wenige Stunden vor Weihnachten ändert sich alles. Unbekannte entführen den Nikolaus. Sein Sicherheitschef Callum Drift (Dwayne Johnson) muss ihn innerhalb weniger Stunden finden. Sonst fällt Weihnachten aus. Also der Teil mit den Geschenken. Helfen soll ihm Jack O’Malley (Chris Evans), der weltbeste Spurensucher. Er hat, ohne es zu Wissen, den Bösewichtern, die er nicht kennt, die Informationen für die Entführung geliefert. Auftrag und Bezahlung wurden anonym abgewickelt.
Drift und O’Malley, die sich nicht ausstehen können, müssen bei ihrer Suche nach dem Weihnachtsmann zusammen arbeiten.
Jake Kasdan, Regisseur der letzten beiden „Jumanji“-Filme, inszenierte mit „Red One – Alarmstufe Weihnachten“ einen typischen Streamingfilm, den man sich ansieht, dabei mehr oder weniger amüsiert und schnell vergisst. Obwohl es sich um eine neue Geschichte handelt, wirkt alles in „Red One“ wie eine Zweit- oder Drittverwertung bekannter Versatzstücke. So als habe man einfach einen Marvel- oder DC-Superheldenfilm mit bekannten Weihnachtsmythen zusammengeworfen. Die Dialoge sind vorhersehbar und funktional. Die Geschichte unterhält leidlich, aber hält keiner genaueren Prüfung stand. Das beginnt schon mit der Frage, warum die Bösewichtin, die Weihnachtshexe Grýla, bei der Suche nach dem Aufenthaltsort des Weihnachtsmannes auf die Hilfe von O’Malley angewiesen ist und warum Drift und sein tolles E.L.F.-Team auf die Hilfe dieses Hallodris angewiesen sind. Immerhin führt die Zwangszusammenarbeit von Drift und O’Malley zu etwas okayem Buddy-Humor – und einigen Szenen mit O’Malleys Sohn, den er nie sieht, und seiner Ex-Frau, die ihm das vorhält.
Die Besetzung ist prominent. Das Budget ist mit 250 Millionen US-Dollar hoch. „Red One“ ist eine Prestigeproduktion, die von Amazon MGM Studios für die Weihnachtssaison geplant war und jetzt doch im Kino läuft. Allerdings muss zu dem Budget gesagt werden, dass hier alle Kosten enthalten sind. So erhielt Dwayne Johnson, der seinen Part erstaunlich unengagiert spielt, 50 Millionen. Auch andere Schauspieler, wie Chris Evans,Lucy Liu und J. K. Simmons (als Nikolaus), dürften eine Millionengage erhalten haben. Weitere 50 Millionen sollen aufgrund des während der Dreharbeiten unberechenbaren Verhaltens von Johnson, der sich nicht an den vereinbarten Drehplan hielt, entstanden sein.
Die Spezialeffekte sind okay. Und alles, auch wenn einige wenige Szenen nicht im Studio gedreht wurden, sieht nach einem einzigen Studiodreh aus, bei dem die Hintergründe digital eingefügt wurden. Die Kämpfe von Drift und O’Malley gegen alle möglichen Nicht-menschlichen Wesen, wie Schneewesen, Eisbären und Krampus, entstanden dann fast ausschließlich am Computer. Entsprechend austauschbar wirken die Bilder, die sich durchgehend in der aus anderen Streamingfilmen vertrauten Farbpalette bewegen.
Wie bei anderen Streamingfilmen liefern alle eine professionelle Arbeit ab. Ein bestimmtes Niveau wird nie unterschritten, aber niemand strengt sich besonders an. Und nichts soll bem Zuschauen überraschen oder eine Irritation auslösen, die zum Nachdenken über den Film und die im Film angesprochene Themen führen könnte.
„Red One – Alarmstufe Weihnachten“ ist ein Spektakel für die ganze Familie, bei man sich während des Ansehens halbwegs gut unterhalten fühlt und den Film schon beim Ansehen vergisst. Kasdans Weihnachtsfilm ist das filmische Äquivalent zu einem McDonald’s-Hamburger.
Red One – Alarmstufe Weihnachten (Red One, USA 2024)
Regie: Jake Kasdan
Drehbuch: Chris Morgan (nach einer Geschichte von Hiram Garcia)
mit Dwayne Johnson, Chris Evans, Lucy Liu, J. K. Simmons, Bonnie Hunt, Kristofer Hivju, Kiernan Shipka, Mary Elizabeth Ellis, Wesley Kimmel
Länge: 124 Minuten
FSK: ab 12 Jahre (was für einen kindischen Weihnachtsfilm für die ganze Familie ziemlich hoch ist)
Becoming Nawalny – Putins Staatsfeind Nr. 1 (Deutschland 2024)
Regie: Igor Sadreev, Aleksandr Urzhanov
Drehbuch: Igor Sadreev, Aleksandr Urzhanov
Spielfilmlange Doku über Alexei Nawalny, der am 16. Februar 2024 in einem sibirischen Straflager starb.
Igor Sadreev und Aleksandr Urzhanov unterhielten sich für ihre Doku über Nawalnys Leben mit Weggefährte, Freunden und Kritikern des Mannes, der zum weltweit bekanntesten russischen Oppositionellen und erbitterten Gegner Putins wurde.
Gedreht wurde „Caligula“ 1976. Als Tinto Brass‘ Werk, der nicht als Regisseur genannt werden wollte, 1979 in die Kinos kam, waren die damaligen Kritiken vernichtend: „gesellschaftsfähig gemachter harter Porno mit Weltstar-Beteiligung und einem immensen Aufwand an Menschen, Maschinen, Kostümen und Dekorationsmaterial (…) eine unablässige voyeuristische Abfolge von Sex, Sadismus, Masochismus und Inzest in kulinarisch ausgebreiteten Prunkbildern.“ (Fischer Film Almanach 1981)
Der Skandalfilm, der in jedem Land unterschiedlich gekürzt wurde, wurde ein Kassenhit und seitdem so etwas wie ein Kultfilm.
Jetzt kommt das legendäre Werk wieder in die Kinos. In einer so noch nicht gesehenen Fassung. Denn hinter dem Titel „Caligula – The Ultimate Cut“ verbirgt sich keiner dieser Extended-Cuts, in die der Regisseur noch einige Szenen, die er vorher herausgeschnitten hat, eingefügt wurden. Es handelt sich auch nicht um einen Cut, in den einfach verschollen geglaubte, in einem Archiv entdeckte Aufnahmen wieder eingefügt wurden. Es handelt sich um einen vollkommen neuen Cut.
Den Anfang nahm diese Version 2016, als im Lager des Erotikmagazins „Penthouse“, das den Film damals produzierte und dem die Aufnahmen gehören, das archivierte und danach vergessene Originalmaterial wiederentdeckt wurde. Autor und Archivar Thomas Negovan erhielt den Auftrag, aus diesen bis jetzt weitgehend unbekannten Aufnahmen, dem ursprünglichen Drehbuch, das von Gore Vidal geschrieben wurde, und den Aufnahmen, bei denen das Drehbuch stark verändert wurde, eine Fassung des Films zu erstellen, die wohl den ursprünglichen Absichten relativ nahe kommt. Und die nichts mehr mit den bislang bekannten Fassungen zu tun hat.
Für den „Ultimate Cut“ wurden alle Bilder und Tonaufnahmen restauriert. Über neunzig Stunden Originalnegative wurden in 4k gescannt. Für den Cut wurden andere Darstellungen und Kamerawinkel ausgewählt. Die während der Dreharbeiten teilweise unvollständigen Kulissen wurden mittels VFX-Technik vervollständigt.
Damals, 1976, versanken die 24-wöchigen Dreharbeiten in einem einzigen Chaos aus unterschiedlichen Vorstellungen über den endgültigen Film und explodierenden Kosten. Männliche Komparsen wurden anhand ihrer Penisgröße engagiert. Bei Sexszenen demonstrierte Tinto Brass präzise unter persönlichem Einsatz, wie er sich die Szene vorstellte. Es gab Unfälle. Die Crew wurde nicht oder unpünktlich bezahlt. Während des Schnitts wurde Regisseur Tinto Brass gefeuert. Produzent und „Penthouse“-Gründer Bob Guccione erstellte eine Fassung, in der er willkürlich explizite pornographischie Szenen einfügte. Je nach Land und den dortigen Empfindllichkeiten wurden dann verschiedene weitere Fassungen erstellt. Der Film wurde als Hardcore-Porno mit Stars beworben. Unter anderem spielen Malcolm McDowell, Helen Mirren, John Gielgud und Peter O’Toole mit. Von der 1979 veröffentlichten Fassung distanzierten sie sich teilweise sehr deutlich. Der Film wurde, weil jeder den Skandal-Porno sehen wollte, ein Kassenerfolg.
Seitdem gab es auf Video, DVD und Blu-ray weitere Fassungen und weitere Zensurbemühungen. In all den Jahren behauptete niemand, dass es sich bei „Caligula“ um einen guten oder im traditionellen Sinn sehenswerten Film handelt.
Das kann auch jetzt von Thomas Negovans Fassung nicht behauptet werden. Auch wenn es sich wahrscheinlich um die erzählerisch kohärenteste Fassung handelt, ist „Caligula – The Ultimate Cut“ immer noch ein schlechter Film. So etwas wie eine Geschichte und schauspielerische Leistungen sind jetzt rudimentär erkennbar. Die Story – es handelt sich um ein Biopic über den römischen Kaiser Caligula und seine Zeit als Herrscher – wird in drei ungefähr einstündigen Akten mit atemberaubend schlechten, ziellosen Texten in meistens viel zu langen Szenen erzählt. Gewalt und pornographische Szenen gibt es immer noch. Aber es gibt nur noch wenige pornographische Szenen. Oder sie sind kürzer als in früheren Fassungen. Auch die Hauptdarsteller sind, während sie sich lange unterhalten, oft nur spärlich bekleidet. Inszeniert wurde die Geschichte wie ein abgefilmtes Theaterstück mit statischer Kamera, die auch die im Hintergrund nackt oder fast nackt herumstehenden und sitzenden Statisten ausführlich, auch beim selbstversunkenem Onanieren, zeigt.
„Caligula – The Ultimate Cut“ ist als Skandal-Kuriosum der Kinogeschichte eher von historischem Interesse. Als Vorbereitung für den am 14. November startenden „Gladiator II“ ist er von großem Interesse. „Caligula“ zeigt, was in „Gladiator II“ noch nicht einmal im Ansatz gezeigt wird.
–
Thomas Negovan zu seiner Fassung:
„Es ist wie ein Zeitportal, dass dir die Chance gibt, drei Stunden zu sehen, die du noch nie zuvor gesehen hast. Denn kein einziges Bild wurde jemals gezeigt. Manchmal nutzen wir ähnliche Kamerawinkel oder denselben Winkel aus einem anderen Take. Zum Großteil ist es jedoch ein komplett neuer Film. Was man vorher aus der Nähe gesehen hat, befindet sich nun vielleicht weit weg. Was 1980 eine Minute lang war, ist jetzt vielleicht sieben Minuten lang. (…) Da wir uns auf die Schauspieler konzentriert haben, gibt die neue Fassung ihnen ihre Würde zurück.
(…) ich tat einfach so als wäre es 1976. Als wäre ich ein Zeitreisender, der mit allen gesprochen und alle getroffen hat und Bob davon abhalten konnte, Tinto zu feuern, um pornografische Szenen zu drehen.
(…) Als der Cutter die besten Aufnahmen raussuchte, sagte ich zu ihm: „Gehen wir alles durch und jeder sucht sich die Aufnahmen raus, die er gerne darin sehen möchte. Falls wir Teile aus der 1980er-Version brauchen, scannen wir einfach die 35mm-Filme ab.“ Irgendwann hatten wir rund 85% fertiggestellt und wir mussten bisher zu keinem Zeitpunkt auf Material aus dem Original zurückgreifen. Meist gab es Takes, die einfach viel besser waren. Irgendwann wurde ich nervös: „Es wäre schon echt cool, wenn wir gar kein Material von 1980 benutzen würden…“ Dann standen wir bei 90%, dann bei 95%, ich verbiss mich regelrecht in meinen Schreibtisch und dachte: „Was ist hier los?“ Es wurde so viel Material gedreht, wir haben so vieles hinzugefügt, was im Original nicht zu sehen war, dass es einfach funktionierte. Wir mussten nie auf das alte Material zurückgreifen. Auch hatten wir die Negative von damals nicht. 96 Stunden wurden gedreht, und wir hatten 93 Stunden aterial. Ein Dutzend Szenen wurde erweitert und ich glaube, wir haben sieben Szenen, die es in keiner anderen Fassung gibt. Es sind Szenen, die mir sehr wichtig waren, wie das Herunterschlagen und Wiederaufsetzen der Statuenköpfe. Es war also keine Absicht, doch am Ende ergab es sich so.“
Caligula – The Ultimate Cut (Caligula – The Ultimate Cut, USA 2023)
Regie („Dreharbeiten“): Tinto Brass
Drehbuch („Originaldrehbuch von“): Gore Vidal
Rekonstruktion: Thomas Negovan
mit Malcolm McDowell, Helen Mirren, John Gielgud, Peter O’Toole, Teresa Ann Savoy, John Steiner, Paolo Bonacelli, Osidire Pevarello, Adrianna Asti, Bruno Brive
Drehbuch: Dan Gilroy, Max Borenstein, Derek Connolly (nach einer Geschichte von John Gatins)
1973 wird ein von Militärs begleitetes Forschungsteam auf die bislang unentdeckte Südpazifik-Insel Skull Island geschickt. Dort treffen sie auf den Riesenaffen Kong (aka King Kong).
Rückblickend betrachtet ist „Kong: Skull Island“ der beste der neuen King-Kong-Filme. Dabei ist das starbesetzte blöde Kriegsspektakel nur ein „Apocalypse Now“-Monsterfilm-Mashup mit Zitaten aus den allerersten King-Kong-Film.
mit Tom Hiddleston, Samuel L. Jackson, John Goodman, Brie Larson, John C. Reilly, Jing Tian, Toby Kebbell, John Ortiz, Corey Hawkins, Jason Mitchell, Shea Whigham, Thomas Mann, Terry Notary, Marc Evan Jackson, Eugene Cordero
In den USA wird ein neuer Präsident gewählt und ich hoffe, dass sie gewinnt. Die ersten Zahlen wird es nach Mitternacht geben. Weil das US-Wahlsystem grotesk und dringend reformbedürftig ist, wird es einige Zeit dauern, bis es zuverlässigere Zahlen gibt. Möglicherweise Tage. Und dann wird geklagt werden.
Der notorische Lügner, verurteilte Straftäter, mehrfache Vergewaltiger, mehrfache Bankrotteur und vieles mehr, was zu einer ausufernden Aufzählung von Strafverfahren, Zivilklagen und offensichtlichen Inkompetenzen führen würde, Donald Trump wird unabhängig von den Klagen und unabhängig von den wahren Zahlen schon kurz nach Mitternacht trompeten, er habe gewonnen.
Mit etwas Glück hat er, der bislang nie die Mehrheit der abgegebenen Stimmen erhielt, bald viel Zeit, sich um die gegen ihn anhängigen Verfahren zu kümmern. Eigentlich hätten sie schon vor langer Zeit vor Gericht verhandelt werden sollen.
ZDF, 3sat, Phoenix, Tagesschau 24,RTL, Sat.1 und Pro7 berichten ebenfalls live aus den (wenig bis nicht) Vereinigten Staaten von Amerika.
Bereits um 20.15 Uhr gibt es im ZDF ein „ZDF spezial“ und um 21.00 Uhr eine Doku zum Wahlkampf und der Lage in den USA.
Nachdem Profikiller Jeff Heston (Charles Bronson) für seinen Boss zwei Jahre im Gefängnis saß und dieser ihm währenddessen seine Freundin ausspannte, will Jeff sich rächen.
TV-Premiere eines bis 2008 indizierten Thrillers, der danach eine FSK-16 erhielt und Kultstatus erlangte. So nannte Regisseur Nicolas Winding Refn „Brutale Stadt“ seinen liebsten italienischen Film. Die Action, vor allem die Autoverfolgungsjagd am Filmanfang werden allgemein gelobt und positiv mit denen in „Bullit“ und „The French Connection“ verglichen.
„darstellerisch beachtlicher Gangsterfilm, der (…) an seiner brutalen Action scheitert.“ (Lexikon des internationalen Films)
mit Charles Bronson, Telly Savalas, Jill Ireland, Umberto Orsini, Michel Constantin, George Savalas
Faustrecht der Prärie(My Darling Clementine, USA 1946)
Regie: John Ford
Drehbuch: Samuel G. Engel, Winston Miller (nach einer Geschichte von Sam Hellman)
John Fords legendäre Interpretation der Schießerei am O. K. Corral zwischen Wyatt Earp und Doc Holliday und dem verbrecherischen Clanton-Clan.
„Das einzige, was Fords Film ‚My Darling Clementine‘ und die historische Figur des Wyatt Earp verbindet, ist, dass Earp der größte Mythenmacher des Westens war und ‚My Darling Clementine‘ der größte mythopoetische Western ist.“ (Joe Hembus: Das Western-Lexikon, 1995)
Anschließend, um 21.50 Uhr, zeigt Arte als TV-Premiere die knapp einstündige Doku „Henry Fonda – Der Präsident der Namenlosen“ (Deutschland 2022).
mit Henry Fonda, Linda Darnell, Victor Mature, Cathy Downs, Walter Brennan, Tim Holt, Ward Bond, John Ireland
auch bekannt als „Tombstone“ und „Mein Liebling Clementine“
LV: Jessica Bruder: Nomadland: Surviving America in the Twenty-First Century, 2017 (Nomaden der Arbeit, Sachbuch)
Intensives, überwiegend mit Laien besetztes Roadmovie über eine moderne Nomadin, die in ihrem Wohnwagen durch die USA von schlecht bezahlter Arbeit zu mies bezahlter Arbeit fährt und, trotz allem, kein anderes Leben möchte.
Aschenputtel-Geschichten haben im Film, siehe „Pretty Woman“, eine gute Chance auf ein glückliches Ende. Aber auch da gibt es Grenzen, die bei Sean Bakers neuem Film „Anora“ von Eltern gezogen werden. Die lernt Anora Mikheevazwar erst nach ihrer Hochzeit mit dem Oligarchenzögling Ivan Zakharov kennen. Schon vorher lernt sie deren Handlanger kennen, die eine für einen Film sehr amüsante Mischung aus Dummheit und Gehorsam sind.
Anora arbeitet in einem Club als Stripperin und sie verdient auch als Sexarbeiterin Geld. Sie ist jung, taff und nicht dumm. Evan lernt sie als einen Kunden kennen, der sich in sie verliebt, weil sie etwas russisch spricht. Die gemeinsam verbrachte und von ihm bezahlte Zeit gefällt ihr. Aber als er ihr vorschlägt, sie zu heiraten, reagiert sie reserviert. Schließlich gibt es solche Ehen nur im Märchen und ihr Leben ist kein Märchen.
Ivan lebt im Moment allein in dem riesigen Anwesen seiner Eltern und er hat absolut keine Geldsorgen. Er ist auch impulsiv und dumm. Halt ein verwöhntes Kleinkind, das inzwischen alt genug ist, um in Nachtclubs zu gehen, Alkohol zu trinken und Auto zu fahren.
Nach längerem Zögern willigt Anora ein. Während eines Trips nach Las Vegas heiraten sie. Zurück in New York beginnt der zweite, längste und beste Akt von Sean Bakers neuem Film „Anora“, der dieses Jahr in Cannes die Goldene Palme erhielt.
Toros, der Vertraute von Ivans Eltern, erfährt von der Heirat und dass sie schon auf dem Weg in die USA sind. Er weiß, dass Ivans Eltern ihn für diese Dummheit ihres Sohnes verantwortlich machen werden. Schließlich sollte er aufpassen, dass Ivan keine Dummheiten macht. Und eine Hochzeit mit einer Prostituierten ist eine Riesendummheit. Also schickt er zwei seiner Handlanger los. Igor und Garnick sollen mit dem jungen Paar reden. Der Gesprächsversuch läuft schnell vollkommen aus dem Ruder. Ivan flüchtet panisch in Richtung Manhattan. Anora beginnt sofort die beiden Schläger zu verprügeln. Sogar nachdem sie sie gefesselt haben, ist sie immer noch ein mehr als ebenbürtiger Gegner.
Toros kann sie zu einer halbwegs tragfähigen Zusammenarbeit bewegen. Gemeinsam suchen sie am Abend und in der Nacht Ivan in den Kneipen, Bars und Nachtclubs von Brighton Beach, Coney Island und Manhattan.
„Anora“ zerfällt in drei unterschiedlich lange und stilistisch unterschiedliche Akte. Der erste Akt, das gemeinsame Abhängen von Anora und Ivan im Haus seiner Eltern und die Hochzeit in Las Vegas, sind etwas zäh. Es passiert wenig und was passiert, ist vorhersehbar und wenig interessant. Der zweite Teil, die Suche nach dem untergetauchten Ivan, ist eine pointiert erzählte Suche nach einer flüchtigen Person im nächtlichen New York. Diese Odysee ist stilistisch deutlich vom New-Hollywood-Kino beeinflusst. Von mir aus hätte dieser Teil doppelt so lang sein dürfen.
Im dritten Akt geht es dann um die Scheidungsverhandlung. Auch dieser Teil ist witzig als Feuerwerk von Pointen, die auch in einer hochtourigen Sitcom gut funktionieren würden. Das hat dann nicht mehr den erzählerischen Drive der vorherigen Suche nach dem flüchtigen Ivan. Während im zweiten Teil auch Raum für Improvisationen, Vor-Ort-Drehs und Atmosphäre war, geht es im dritten Teil nur noch um das möglichst schnelle Abfeuern von Sätzen. Es ist eine Verhandlung, in der Anora das Beste für sich herausholen will. Immerhin handelt es sich um eine legale Las-Vegas-Hochzeit zwischen zwei erwachsenen Menschen.
Insgesamt ist „Anora“ eine wundervoll spaßige und kurzweilige Unterhaltung. Eine Boulevard-Komödie, die in dem Milieu spielt, das man auch aus Bakers früheren Filmen kennt, wie „Tangerine L. A.“. In der ebenfalls quasi-dokumentarisch vor Ort und undercover gedrehten Komödie sucht im sonnigen Los Angeles eine extrem verärgerte Prostituierte ihren Zuhälter, der mit einer anderen Frau eine Affäre hatte.
Anora (Anora, USA 2024)
Regie: Sean Baker
Drehbuch: Sean Baker
mit Mikey Madison, Mark Eydelshteyn, Yura Borisov, Karren Karagulian, Vache Tovmasyan
Eine flotte Komödie, die aktuelle Diskurse problematisiert und uns den Spiegel vorhält, könnte die Stimmung im Land mit einem kollektivem Lachen im dunklen Kinosaal aufheitern. Den Franzosen gelingt so etwas ja öfter. Ich sage nur „Willkommen bei den Sch’tis“ und, wenn auch deutlich unappetitlicher und politisch fehlgeleiteter, „Monsieur Claude und seine Töchter“. Eine Satire ist weniger geeignet für ein solches therapeutisches Programm. Da ist zu viel Selbstgewissheit und erhobener Zeigefinger dabei.
Simon Verhoeven könnte sogar der richtige Mann für den Job sein. Seine Komödie „Willkommen bei den Hartmanns“ war vor acht Jahren bei Kritik und Publikum erfolgreich. Fast vier Millionen Kino-Besucher sprechen eine eindeutige Sprache.
Jetzt hat er, nach seinem Drehbuch und prominent besetzt mit Jan Josef Liefers, Nadja Uhl, Friedrich von Thun, Elyas M’Barek und Meltem Kaptan, den „unterhaltsamen Gesellschaftsfilm“ (Presseheft) „Alter weißer Mann“ inszeniert.
Es gibt, wie man nach dem Titel vermuten kann, um aktuelle Diskurse zwischen älteren und jüngeren Menschen über dies und das und um die Frage, was man noch sagen darf. Schließlich hat sich früher auch niemand darüber beschwert, wenn man bestimmte Worte benutzte oder sich auf eine bestimmte Art und Weise verhielt.
Aufhängen tut Simon Verhoeven sein Thema an einem Plot, der funktionieren könnte. Heinz Hellmich arbeitet seit 28 Jahren bei dem Telekommunikationsunternehmen Fernfunk AG im Vertrieb. Jan-Josef Liefers spielt ihn als eine nett-verpeilte Mischung aus Heinz Rühmann und Heinz Erhardt. Während er versucht, Fettnäpfchen zu vermeiden, tritt er in andere Fettnäpfchen. Manchmal sorgt das für weitere Vewicklungen, meistens ist es noch nicht einmal wirklich peinlich, sondern einfach nur schusselig, weil Hellmich niemanden verletzen und von allen gemocht werden möchte.
Jetzt stehen bei Fernfunk Umstrukturierungen, Entlassungen und einige wenige Beförderungen an. Hellmich spekuliert auf eine Beförderung. Wenn da nicht Kaffeetassen mit dummen Sprüchen und im Team ein kollegialer Umgangston wären. Beides und vielleicht noch einige weitere Dinge könnten nämlich von der von der Firmenleitung beauftragten Beratungsfirma und deren Diversity-Beauftragter missfallen. Und dann würde ein Kollege befördert werden.
Um die Diversity-Beauftragte von seinen Qualitäten zu überzeugen, lädt er sie und einige ausgewählte Personen, wozu seine Frau und seine Kinder, aber nicht sein Vater gehören, zu einem Abendessen in seinem kleinbürgerlichem Haus ein.
Wenige Tage vor dem geplanten Abendessen, das der Höhepunkt des Films ist, verschwindet er, ohne seinen Chef und seine Frau zu informieren, nach Berlin. Der Besuch bei seiner Tochter wird zu einem mehrtägigem Drogentrip. Mit Ach und Krach schafft er es dann doch zu dem Abendessen, das über seine Karriere entscheiden soll und das in vorhersehbaren Bahnen und mit erwartbaren Pointen aus dem Ruder läuft.
Dabei hat Hellmich mit seinem Berlin-Ausflug den perfekten Anlass für eine Entlassung gegeben.
Es ist unglaublich, wie der Film sein gesamtes Potential verschenkt. Das beginnt mit der nicht vorhandenen Story. „Alter weißer Mann“ ist das filmische Äquivalent zu einer von der aktuellen Zeitungslektüre inspirierten Ideensammlung, in der einfach alles, was einem spontan zu „Woke“ einfällt, aufgeschrieben wurde. Es werden die gängigen Witze und Diskussionspunkte ohne nennenswerte Variation wiederholt. Ein schon tausendmal erzählter Witz wird, ohne dass ihm irgendetwas Neues hinzugefügt wurde, nochmal erzählt. Aus so einem Notizzettel ergibt sich allerdings keine Abfolge von aufeinander aufbauenden Szenen, in denen ein präzise formulierter Konflikt behandelt wird. Es bleibt beim oberflächlichen Patchwork.
Simon Verhovens harmlos-biedere Komödie wirkt wie ein schlampig entstaubtes Relikt aus den fünfziger Jahren. Waren wir da nicht schon einmal weiter?
Alter weißer Mann(Deutschland 2024)
Regie: Simon Verhoeven
Drehbuch: Simon Verhoeven
mit Jan Josef Liefers, Nadja Uhl, Friedrich von Thun, Michael Maertens, Meltem Kaptan, Elyas M’Barek, Momo Beier, Juri Winkler, Yun Huang, Sarah Mahita, Denise M’Baye
Art the Clown ist zurück – und er hat eine mörderisch gute Zeit. Dieses Mal ist er, der Jahreszeit angemessen, ein wenig, als Nikolaus verkleidet. In einer Shopping-Mal verteilt er auch an Kinder Geschenke und er freut sich mächtig über seine kleinen Späßchen, die meistens in einem Blutbad enden.
„Terrifier 3“ schließt nahtlos nahtlos an seinen Vorgänger an. D. h., wem solche brutalen Slasher-Filme gefallen und wem die vorherigen „Terrifier“-Filme gefielen, dem dürfte auch dieser Film gefallen.
Fünf Jahre nach den Ereignissen aus „Terrifier 2“ sind Sienna Shaw und ihr Bruder Jonathan immer noch traumatisiert von den damaligen Ereignissen. Da taucht Art the Clown wieder in Miles County auf und er tut, was er schon in den vorherigen Filmen tat. Menschen blutig töten und sich dabei köstlich amüsieren. Ihm gefällt, was er tut.
Die Story ist nur das Füllmaterial, die Verschnaufpause, zwischen den blutigen Morden. Trotzdem nimmt Regisseur, Drehbuchautor und Art-the-Clown-Erfinder Damien Leone sich in seinem neuesten Film erstaunlich viel Zeit für die Traumata der Shaw-Geschwister. Leone erzählt auch ein wenig aus der Vergangenheit von Art the Clown. Diese Rückblicke dienen Leone primär dazu, mehr eklige Szenen zu präsentieren.
Und damit wären wir beim Kern der „Terrifier“-Filme, die einfach nur gut gemachte Retro-Slasher sind, deren Ambitionen sich auf die möglichst ausführliche und wahre Blutfontänen spritzende Präsentation der Morde konzentrieren.
Wer mehr von „Terrifier 3“ erwartet, wird enttäuscht werden. Oder sehr schnell, entsetzt, den Kinosaal verlassen. Objektiv betrachtet ist „Terrifier 3“ kein guter Film. Die Grenzen des guten Geschmacks werden konsequent ignoriert. Die Schauspieler sind Schlachtvieh. Kurz vor ihrem Ableben werden sie minimal eingeführt. Die Dialoge sind bestenfalls funktional. Der Bösewichts sagt überhaupt nichts. Und das Drehbuch beschränkt sich darauf, etwas für die Zeit zwischen den Morden anzubieten. Entsprechend vernachlässigbar ist die Story. Das war in den achtziger Jahren nicht anders.
„Terrifier 3“ ist ein schwarzhumoriges Slasher-Fest, das genau das liefert, was die Fans nach den ersten beiden Filmen erwarten und was Plakat und Trailer versprechen: blutig-brutale Morde, die ohne CGI in Handarbeit hergestellt wurden. Es ist ein spaßiger Film – für Menschen mit einem stabilen Magen und einem etwas abseitigem Humor.
Einen wesentlichen Anteil am Erfolg der Filme hat der Phantomime David Howard Thornton. Er spielt Art the Clown. Er lässt ihn sprechen und er verleiht seinen Auftritten eine kindliche Naivität. Art begreift nicht, während er sich über seine Taten freut, dass er gerade Menschen quält, foltert und bestialisch ermordet. Leone zeigt das ausführlich.
Dabei verzichtet er immer noch auf ein elaboriertes World-Building. Bei ihm gibt es nur einen ultrabösen unsterblichen Clown und Menschen, die normalerweise die Begegnung mit ihm nicht überleben.
Dass Art sich am Ende von „Terrifier 3“ auf den Weg zu seinen nächsten Taten macht, dürfte niemand überraschen. Das kennen wir auch aus anderen Horrorfilmen.
Außerdem sind die Filme finanziell unglaublich erfolgreich. „Terrifier“ war ein No-Budget-Slasher. 35.000 US-Dollar soll er gekostet haben. Der zweite hatte ein deutliches höheres Budget. Nämlich 250.000 US-Dollar. Der dritte Teil soll 2 Millionen US-Dollar gekostet haben. Und er hat jetzt, Stand 31. Oktober 2024, schon ein US-Einspiel von über 45 Millionen US-Dollar. Weltweit sind es bereits gut 60 Millionen US-Dollar. Bei den Zahlen hat Art the Clown noch ein langes Leben vor sich.
Terrifier 3(Terrifier 3, USA 2024)
Regie: Damien Leone
Drehbuch: Damien Leone
mit Lauen LaVera, David Howard Thornton, Elliott Fullam, Samantha Scaffidi, Antonella Rose
The Commuter (The Commuter, USA/Großbritannien 2017)
Regie: Jaume Collet-Serra
Drehbuch: Byron Willinger, Philip de Blasi
Auf der Heimfahrt wird der gerade entlassene Versicherungsvertreter, Ex-Cop und Berufspendler Michael MacCauley von einer schönen, ihm unbekannten Frau angesprochen. Sie bietet ihm eine Menge Geld, wenn er im Zug eine Person aufspürt. Nachdem MacCauley eine Anzahlung eingesteckt hat, bemerkt er, dass er in eine Falle getappt ist. Denn wenn er jetzt nicht seinen Teil des Deals erfüllt, sterben Menschen.
Die vierte Zusammenarbeit von Jaume Collet-Serra und Liam Neeson (nach „Unknown Identity“, „Non-Stop“ und „Run all Night“) bietet gewohnt gut abgehangenes Thriller-Entertainment mit einer ordentlichen Portion Action, einer vertrauten Geschichte, die mit etlichen überraschenden Twists hochenergetisch präsentiert wird und einem beachtlichen, spielfreudigem Ensemble.
mit Liam Neeson, Vera Farmiga, Patrick Wilson, Sam Neill, Elizabeth McGovern, Jonathan Banks, Florence Pugh, Andy Nyman, Killian Scott, Shazad Latif, Roland Moller, Kobna Holdbrook-Smith, Colin McFarlane
Ein Prophet (Un Prophète, Frankreich/Italien 2009)
Regie: Jacques Audiard
Drehbuch: Jacques Audiard, Thomas Bidegain
Ein Bildungsroman der anderen Art: der 19-jährige Malik kommt in den Knast und lernt dort alles, was er für das Leben braucht. Dummerweise macht ihn nichts davon zu einem wertvollen Mitglied der Gesellschaft.
In Cannes erhielt „Ein Prophet“ den Großen Preis der Jury, bei den Cesars und den Étoiles d’Or (dem Preis der französischen Filmjournalisten) räumte er ab, er war den Oscar und Golden Globe als bester ausländischer Film nominiert, die Kritiker feiern den Film ab, Knackis (von denen etliche bei der Produktion beteiligt waren) loben die Authentizität des Films, es wurde über den Zustand und die Lebensbedingungen in den Knästen diskutiert und über 1,5 Millionen Franzosen lösten ein Kinoticket. In Deutschland war das Knastdrama nicht so erfolgreich.
mit Tahra Rahim, Nils Arestrup, Adel Bencherif, Reda Kateb
From Dusk till Dawn (From Dusk till Dawn, USA 1996)
Regie: Robert Rodriguez
Drehbuch: Quentin Tarantino
Die Bankräuber Seth und Richard nehmen auf ihrer Flucht vor der Polizei eine Pfarrersfamilie als Geisel. Als sie in der abgewrackt-ranzigen Truckerkneipe „Titty Twister“ als Mahlzeit für die Stammgäste dienen sollen, verbünden sie sich gegen die Vampire.
Zwei Filme zum Preis von einem: die erste Hälfte ist ein Road-Movie-Geiseldrama, die zweite Hälfte ein extrem blutiger und saukomischer Horrorfilm, der heute wohl wieder in einer gekürzten Fassung gezeigt wird.
mit Harvey Keitel, George Clooney, Quentin Tarantino, Juliette Lewis, Cheech Marin, Fred Williamson, Salma Hayek, Marc Lawrence, Michael Parks, Tom Savini, John Saxon, Danny Trejo, John Hawkes und die Titty Twisters House Band (aka Tito & Tarantula)
Wiederholung: Mittwoch, 30. Oktober, 23.55 Uhr (Dann sollte der FSK-18-Film in der ungekürzten Fassung gezeigt werden.)
Drehbuch: Michael Mansfeld, Karl-Wilhelm Vivier (d. i. Heinz Pauck), Bernhard Wicki
LV: Manfred Gregor: Die Brücke, 1958
In den letzten Kriegstagen erhalten sieben Oberschüler ihre Einberufung. Sie sollen eine militärisch unwichtige Brücke in ihrer Heimat verteidigen.
Klassiker und brutaler Antikriegsfilm
„Heldentum ist nur etwas wert, wenn es für die richtige Sache geschieht. Und für mich, aus meinem persönlichen Schicksal heraus, war die Verteidigung der Brücke nicht erst 1959, sondern auch schon während des Krieges die falsche Sache.
Ich habe in den Jahren sei der ‚Brücke‘ Tausende von Briefen von jungen Männern bekommen, die mir schrieben, dass sie auch aufgrund meines Films den Kriegsdienst verweigert haben. Das zählt zu den wenigen Dingen in meinem Leben, auf die ich wirklich stolz bin.“ (Bernhard Wicki in Robert Fischer: Bernhard Wicki – Regisseur und Schauspieler, 1994)
mit Folker Bohnet, Fritz Wepper, Michael Hinz, Frank Glaubrecht, Karl Michael Balzer, Volker Lechtenbrink, Günther Hoffmann, Cordula Trantow, Wolfgang Stumpf, Günter Pfitzmann, Heinz Spitzner, Siegfried Schürenberg, Loriot (Was für eine Besetzung!)