Überwacht: Sieben Milliarden im Visier(Frankreich 2019)
Regie: Sylvain Louvet
Drehbuch: Sylvain Louvet
Spielfilmlange Doku über immer raffiniertere Überwachungstechniken, die im Kampf gegen Terroristen und Kriminelle eingesetzt werden, dabei alle Menschen überwachen und der Einstieg in einen alles kontrollierenden Überwachungsstaat sein können.
Der Beginn eines Arte-Themenabends, der den Namen „Themenabend“ wirklich verdient hat. Denn zuletzt waren einige Themenabende nach zwei, drei Stunden rum. Der heutige Themenabend „KI – Endspiel für den Menschen?“ geht bis 02.30 Uhr und beschäftigt sich mit der KI-Industrie, dem automatisiertem Börsenhandel und der Silicon-Valley-Revolution.
Billi (Awkwafina, zuletzt „Jumanji: The next level“) ist eine gar nicht so untypische junge New Yorkerin. Sie hat sich gerade – erfolglos – für ein Stipendium beworben. Einen Freund hat sie nicht. Und auch kein offenkundiges Lebensziel.
Als sie erfährt, dass ihre immer noch in China lebende, über alles geliebte Großmutter todkrank ist, möchte sie sie noch einmal sehen. Ihre Eltern sind dagegen. Denn die Nai Nai (Mandarin für die Großmutter väterlicherseits) weiß nichts von ihrer Krebserkrankung. Die Ärzte geben ihr nur noch wenige Wochen. Chinesischen Traditionen folgend soll Nai Nai es auch nicht erfahren.
Weil Billis Eltern überzeugt sind, dass Billi vor ihrer Nai Nai das Geheimnis sofort ausplaudern wird, soll Billi nicht mit nach Changchun, einer Industriestadt in der nordöstlichen chinesischen Provinz Jilin, fahren.
Billi soll in New York bleiben, während die restliche in den USA und Japan lebenden Familienmitglieder sich auf den Weg nach Changchun machen. Der Vorwand für das seit Jahren in dieser Größe nicht mehr erfolgte Familientreffen ist die Hochzeit von Billis Cousin mit einer Japanerin.
Trotzdem fliegt Billi nach Changchun, wo sie als Überraschungsgast auftaucht und leicht ungläubig das rege Treiben betrachtet. Nai Nai (Zhao Shuzhen) bereitet resolut die Hochzeitsfeier vor. Ihre Kinder und Kindeskinder versuchen die Fassade der Fröhlichkeit aufrecht zu halten, während sie sich von Nai Nai verabschieden und in Erinnerungen schwelgen. Schließlich wissen sie, dass sie Nai Nai nach diesen Tagen nicht wieder lebendig sehen werden.
In ihrem zweiten Spielfilm erzählt Lulu Wang eine autobiographische Geschichte. Ihr alter ego Billi muss, wie Lulu Wang 2013, eine Antwort auf ihre widerstreitenden Gefühle und den Ansprüchen ihrer Familie finden. Die anderen Familienmitglieder stehen vor dem gleichen Problem. Außerdem müssen sie sich mit veränderten Traditionen arrangieren. Als Auswanderer hielten sie an Traditionen fest, die sich in China veränderten. Gleichzeitig veränderte ihr Leben im Ausland ihren Blick auf heimische Traditionen.
Das zeigt Wang sehr präzise, feinfühlig und humorvoll. Die kleinen Differenzen und auch die inneren Konflikte jeder Person werden so nachvollziehbar. Jeder schweigt und lügt über etwas anderes. Und ziemlich oft haben die anderen eine sehr gute Vorstellung, worüber geschwiegen wird und worüber sie, mit guten Absichten, belogen werden.
Diese sehr differenziert ausfallende und genau beobachtende Familienporträt bewegt sich allerdings zu nah an den Fakten der wahren Lüge entlang. Die verschiedenen Positionen zum Belügen von Nai Nai werden dargestellt, aber es wird keine Antwort gegeben. Daher gibt es am Ende auch keine Lösung für das Dilemma, vor dem Billi steht. Die letzten Filmminuten, der Abspann, die Existenz dieses Films (und die Frage, wie Nai Nai darauf reagiert) zeigen diese Unentschlossenheit noch einmal auf.
So ist „The Farewell“ nur die gelungene Beschreibung einer Situation.
Zum Ansehen empfehle ich die schlüssig zwischen Englisch und Mandarin wechselnde Originalfassung.
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Jetzt ist Lulu Wangs hochgelobter Film, ohne Bonusmaterial, auf DVD und Blu-ray erschienen und ich habe mir jetzt die deutsche Synchronisation angesehen. In ihr wurden die wenigen englischen Teile untertitelt und die vielen in Mandarin gesprochenen Teile synchronisiert. Damit bleibt die Zweisprachigkeit des Originals erhalten. Allerdings verändern sich die durch die Sprache (und die Lektüre der Untertitel) geschaffenen Gefühle von Nähe und Distanz. In der deutschen Fassung müssen kaum noch Untertitel gelesen werden. Und schon erscheint Nai Nais Welt uns fast wie ein Besuch bei den eigenen Großeltern.
Auch beim wiederholten Ansehen fällt auf, wie konsequent Lulu Wang sich in jeder Szene mit verschiedenen Aspekten des Lügens beschäftigt. Jeder lügt über etwas anderes. Aus verschiedenen Gründen und mit guten Absichten. Auch, davon bin ich hundertprozentig überzeugt, die Großmutter ahnt sehr genau, wie krank sie ist und dass ihre Familie sich nicht wegen der Hochzeit von Billis Cousin bei ihr trifft.
„The Farewell“ regt zum Nachdenken und Diskutieren darüber an, ob und wie sehr man einen geliebten Menschen über eine tödliche Diagnose belügt. Oder ihm die Wahrheit sagt.
Damit ist Lulu Wangs Film ein gerade in Zeiten häuslicher Isolation empfehlenswerter und auch aktueller Film, der sehr warmherzig zwischen Drama, Komödie und ruhiger Beobachtung pendelt, das anspruchsvolle Leben zwischen verschiedenen Kulturen und Traditionen (und damit verbundenen Anforderungen) begreifbar macht und, sicher auch durch den prominenten Einsatz westlicher Pop-Musik, die Gemeinsamkeiten zwischen China und dem Westen betont. Außerdem ist Billis Nai Nai eine typische Großmutter, die sich um ihre Kinder und Enkelkinder sorgt und Billi sofort mit einem jungen, sympathischen Arzt verkuppeln will.
The Farewell(The Farewell, USA 2019)
Regie: Lulu Wang
Drehbuch: Lulu Wang
mit Shuzhen Zhao, Awkwafina, X Mayo, Lu Hong, Lin Hong, Tzi Ma, Diana Lin, Yang Xuejian, Becca Khahil
a) diesen Text lesen und sofort erfahren, wer dieses Jahr vom Syndikat, dem Autorennetzwerk zur Förderung deutschsprachiger Kriminalliteratur, die Glauser-Preise erhielt
Die vierzehnjährige Mattie Ross will den Mörder ihres Vaters, den Feigling Tom Chaney, finden. Für die Jagd engagiert sie den versoffenen, aber furchtlosen Marschall Rooster Cogburn.
Ein zukünftiger Western-Klassiker
mit Jeff Bridges, Hailee Steinfeld, Matt Damon, Josh Brolin, Barry Pepper
Der letzte Kaiser (The last Emperor, Großbritannien/Italien/Volksrepublik China 1987)
Regie: Bernardo Bertolucci
Drehbuch: Bernardo Bertolucci, Marc People (nach der Biographie von Pu Yi)
Monumentalepos über Pu Yi, der 1908 als Dreijähriger zum Herrscher über China wird, schon 1912, als China zur Republik wird, seinen Thron verliert, anschließend zum Spielball der Machthaber und der Politik wird und 1967 als Gärtner stirbt.
Bernardo Bertolucci durfte als erster europäischer Regisseur in der ‚Verbotenen Stadt‘ drehen. Seinen Film konnte er nach seinen eigenen Vorstellungen realisieren. Der Lohn waren, unter anderem, neun Oscars (u. a. Bester Film, Beste Regie, Bestes Drehbuch, Beste Kamera) und zahlreiche weitere Preise.
„keine detailvernarrte Bebilderung der Autobiographie, sondern die durchkomponierte Umsetzung des Stoffes aus der Sicht eines Europäers, der bei aller Faszination von dem exotischen Ambiente seinen Stil beibehält. ‚Der letzte Kaiser‘ ist der erste wirkliche Monumentalfilm unserer Zeit, der nicht mit dem Makel von Pappkulissen und Holzschwertern behaftet ist. Bei allem Aufwand (…) verliert Bertolucci seine Hauptfigur nicht aus dem Blickfeld.“ (Fischer Film Almanach 1988)
Anschließend, um 22.50 Uhr, zeigt One die halbstündige Doku „Hollywood’s Best Film Directors: Bernardo Bertolucci“ (dabei hatte Bertolucci nie etwas mit Hollywood am Hut).
Mit John Lone, Joan Chen, Peter O’Toole, Richard Vuu, Tijger Tsou, Wu Tao, Ryuichi Sakamoto
Wiederholung: Montag, 20. April, 02.10 Uhr (Taggenau!)
Eine normale Schule ist das King’s Dominion nicht. Erstens weil es eine Eliteschule ist, in der vor allem Kinder aus sehr vermögenden Familien aufgenommen werden. Und, weil man als Bildungseinrichtung seine soziale Verantwortung kennt, einige Habenichtse, die kein Schulgeld bezahlen müssen. Zweitens weil auf dem Stundenplan nicht nur die üblichen Fächer, sondern auch eine Ausbildung zum Profikiller steht.
Einer der Habenichtse der ‚Kings Akademie der tödlichen Künste‘ ist Marcus Lopez Arguello. Er lebte zuletzt in San Francisco auf der Straße und er will aus familiären Gründen Ronald Reagan töten. Am Anfang des dritten „Deadly Class“-Sammelbandes steht er mit dem Kopf seines Klassenkameraden Chico in der Hand vor Chicos Vater, dem Boss eines mexikanischen Kartells. Der ist vom Tod seines Kindes nicht begeistert und er möchte ihn blutig rächen.
Zusammen mit seinen Schulkameraden versuchen sie lebend aus dieser Situation herauszukommen.
Der vierte „Deadly Class“-Sammelband beginnt mit der Abschlussprüfung für das erste Semester. Die Schüler müssen nur eine Aufgabe lösen, ähm, überleben. Denn der Schuldirektor Meister Liln will, dass die ‚Ratten‘, also Schüler, die gegen Schul- und Killerregeln verstießen, getötet werden. Die Jagd ist eröffnet und Marcus, der in den vergangenen Monaten genug Verfehlungen angesammelt hat, um ganz oben auf der Liste zu stehen, rennt um sein Leben. Dabei fragt er sich, wem von seinen Freunden er noch vertrauen kann und welcher seiner Klassenkameraden ihn als erstes umbringen will.
Diese darwinistische Auslese ist zwar ziemlich idiotisch, sorgt aber auf den nächsten Seiten für viel Action, Mord & Totschlag und Blutvergießen. Bis zum Ende ist ungewiss, wer überlebt und wer wie stirbt.
In der Comicserie „Deadly Class“ verknüpfen Autor Rick Remender und Zeichner Wes Craig eine knallharte Kriminalgeschichte mit dem von Lieben, Trieben und Schulproblemen dominierten Coming-of-Age-Schuldrama und garnieren es, weil die Geschichte in den Achtzigern spielt, mit einer ordentlichen Portion Nostalgie. Der Lohn sind euphorische Kritiken, treue Leser und eine auf den Comics basierende TV-Serie. Die TV-Serie wurde nach einer Ministaffel eingestellt. Die Comicserie erscheint immer noch.
Für den Einstieg eignet sich dabei der vierte „Deadly Class“-Sammelband „Stirb für mich!“ sehr gut. Schließlich wird eine blutige Menschenjagd mit wechselnden Koalitionen erzählt. Um das zu Verstehen, muss man nicht unbedingt die ersten Bände, die teilweise sehr in Richtung nostalgisch gefärbte Coming-of-Age-Erzählung gehen, kennen.
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Rick Remender/Wes Craig/Lee Loughridge: Deadly Class: 1988 – Die Schlangengrube (Band 3)
(übersetzt von Michael Schuster)
Cross Cult, 2019
128 Seiten
16,80 Euro
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Originalausgabe
Deadly Class Volume 3: The Snake Pit
Image Comics, 2019
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Rick Remender/Wes Craig/Jordan Boyd: Deadly Class: 1988 – Stirb für mich (Band 4)
LV: Elmore Leonard: Rum Punch, Jackie Brown, 1992 (Jackie Brown)
Stewardess Jackie Brown hat Probleme mit der Polizei und dem Gangster Ordell, der sein Schwarzgeld-Konto mit Jackies Hilfe auflösen will.
Tarantinos sehr werkgetreue Huldigung von Leonard und Pam Grier: cool (Leonards Dialoge!), etwas langatmig (Warum muß jedes Lied ausgespielt werden? Warum bemüht sich Tarantino so krampfhaft, die Antithese zu Pulp Fiction zu drehen? Warum nicht 20 Minuten kürzer?) und mit Starbesetzung (Robert de Niro, Samuel L. Jackson, Bridget Fonda, Robert Foster, Michael Keaton, Chris Tucker)
Von Leonards Homepage: „When Quentin Tarantino was a kid, he stole a copy of Elmore Leonard’s The Switch and got caught. Unrepentant, he later went back to the same store and stole the book again. Elmore Leonard was a beacon, lighting the direction that he would soon take in his films. He wrote a movie directed by Tony Scott called True Romance which he said was “an Elmore Leonard novel that he didn’t write.” It certainly was an homage; it even opens in Detroit. After Reservoir Dogs came out, Elmore wrote Rum Punch which reprises the three main characters from Tarantino’s shoplifted book, The Switch. Tarantino read it and wanted to buy it but didn’t have the money. Elmore and his agent, Michael Siegel, offered to hold it for him. When he finally did acquire the book and moved forward on the Rum Punch film project, Tarantino did not contact Elmore Leonard for a long time. When he did, he confessed a reluctance to call sooner. Elmore said, “Why, because you changed the name of my book and cast Pam Grier in the lead?” No worry. Elmore was down with that. He said, “That’s Ok, just make a good movie.” And Quentin did.
Jackie Brown is Elmore Leonard on the screen. Taking nothing away from Get Shorty and Out of Sight, Tarantino’s manic absorption of Elmore’s essence comes through in a way that only he could pull off especially for a long movie. The acting, the direction, the dialog are all great. There are so many great bits, especially with Jackson, De Niro, Chris Tucker and Bridget Fonda; and then there’s Hattie Winston as Simone the Supreme. Jackie Brown is the Elmore Leonard experience.“
Wiederholung: Sonntag, 19. April, 00.10 Uhr (Taggenau!)
Die Frau auf dem Buchcover ist nicht die titelgebende „Falsche Ursula“. Denn diese Ursula ist nach eigener Einschätzung „fett“ und ihre periodischen Fressattacken sind erschreckend umfangreich. Ihr Selbsthass und ihr Hass auf die Welt ebenso. Sie ist ungefähr so nett und sozialverträglich wie die von Melissa McCarthy in „Can you ever forgive me?“ gespielte Fälscherin.
Aber Ursula López ist keine Fälscherin, sondern eine in Montevideo in einem Mietshaus lebende Übersetzerin, die sich über die über ihr feiernde und mit Stöckelschuhen durch die Wohnung laufende Person aufregt und, erfolglos, Weight-Watchers-Treffen besucht . Eines Tages erhält Ursula einen Anruf. Ihr Mann wurde entführt und sie soll eine Million Lösegeld zahlen. In welcher Währung sagen die Entführer nicht, aber es würde in jedem Fall ihre finanziellen Möglichkeiten übersteigen. Außerdem hat sie keinen Mann.
Bevor sie das dem Anrufer sagen kann, hat der das Gespräch schon beendet.
Ursula entschließt sich mitzuspielen. Sie trifft den Entführer, der gar nicht so unsympathisch ist.
Wer Mercedes Rosendes neuen Roman „Falsche Ursula“ in der Erwartung auf einen spannenden Krimi über eine schief gehende Entführung liest, dürfte enttäuscht sein. Ursula erhält den Anruf erst in der Buchmitte und auch in der zweiten Hälfte steht der Kriminalfall nicht unbedingt im Mittelpunkt der Geschichte.
Im Mittelpunkt steht Ursula und ihr Leben. Rosende schildert das aus Ursulas Perspektive, ergänzt um einige Gespräche der Entführer mit ihrer Geisel und schriftliche Dokumente. Damit ist das Charakterporträt vor allem eine schön schwarzhumorige Geschichte mit einer nicht essentiellen Krimibeigabe.
Beim Lesen erinnert Rosendes „Falsche Ursula“ mich an Hannelore Cayres im Original zeitgleich veröffentlichten Roman „Die Alte“. In beiden rotzfrechen Büchern steht eine etwas ältere, sich selbst als unattraktiv einschätzende, die Welt hassende Frau im Mittelpunkt. Beide Male stolpert sie zufällig in eine Kriminalgeschichte. Einmal geht es um Drogenhandel, einmal um eine Entführung. Beide Male offenbart die Protagonistin im Umgang mit den Verbrechen und dem Verbrechen auch für sie ungeahnte kriminelle Fähigkeiten. Beide Romane sind mit jeweils um die zweihundert Seiten angenehm kurz. Und beide, uhm, Kriminalromane sind eine sehr vergnügliche Lektüre für Krimifans, die nicht nur Ermittler*innenkrimis lesen wollen.
LV: Brian Garfield: Death Wish, 1972 (Ein Mann sieht rot)
Nachdem seine Frau und Tochter in ihrem New Yorker Apartment überfallen und vergewaltigt werden und seine Frau von den Verbrechern ermordet wird, sieht der friedliebende, linksliberale Paul Kersey (Charles Bronson) rot.
Selbstjustiz-Klassiker, der das schlechte Vorbild für unzählige weitere Vigilantenfilme war. Das gilt auch für die direkten „Ein Mann sieht rot“-Fortsetzungen.
Michael Winner inszenierte die krude Geschichte kraftvoll, ohne große Subtilitäten mit eindeutiger Botschaft. Trotzdem ist sein Film immer wieder ambivalenter als das Publikum den Kassenhit damals sah.
Brian Garfield, der Autor der Vorlage, ist überzeugt, dass Gewalt nur Gegengewalt erzeugt und sie zu einem moralischen Verfall des Täters führt. Weil er fand, dass seine Botschaft von Michael Winner falsch dargestellt wurde, schrieb er die „Ein Mann sieht rot“-Fortsetzung „Death Sentence“ (1975). Der Roman wurde 2007 von James Wan als äußerst pessimistische Studie über Selbstjustiz verfilmt. In anderen Romanen erzählt Garfield, wie seine Protagonisten erfolgreich und ohne Gewalt anzuwenden gegen Gewalttäter vorgehen.
Zu „Ein Mann sieht rot“ erklärte Garfield: „I meant it (if you believe in the influence of subtext) as a cautionary lesson, not a recommendation. Revenge is a universal fantasy but, in practice, it isn’t a solution, it’s a problem.“
Hauptdarsteller Charles Bronson äußerte sich in Interviews über den Film ähnlich. Und Winners Film hat durchaus ein Interesse an dieser Frage. Sein Film spielt vor einem konkreten sozialen und politischen Hintergrund: dem New York der frühen siebziger Jahre, als die Millionenstadt in einem Sumpf von Gewalt und Verbrechen versank.
Für Detectice Sergeant Lisa Armstrong von der Polizei Morecambe, einer im Nordwesten Englands in der Grafschaft Lancashire liegenden Küstenstadt, beginnt es wie ein Routinefall. In der Nacht sind die Zwillinge Holly und Dylan Meredith spurlos verschwunden. Die Polizei beginnt mit der Suche nach den beiden Teenagern.
Armstrong erhält im Team die Aufgabe der Familienbeauftragten. Sie soll die Eltern und Familie der verschwundenen Zwillinge betreuen, Ansprechpartnerin bei Fragen sein, ihnen wichtige Ermittlungsschritte und -erkenntnisse erklären, sie zur Mitarbeit bewegen – und herausfinden, was die Familie mit dem Verschwinden von Holly und Dylan zu tun hat. Denn selbstverständlich sind sie auch alle verdächtig.
Als Armstrong den Stiefvater der verschwundenen Zwillinge, Sean Meredith, trifft, ist sie schockiert. Mit ihm hatte sie in der Nacht, als die Zwillinge verschwanden, Sex. Und dieser Punkt ist eigentlich mein einziger Kritikpunkt an der sechsteiligen ITV-Miniserie „The Bay“. Es ist einfach unglaublich dumm von Armstrong, dass sie diesen flüchtigen, alkoholgetränkten One-Night-Stand verschweigt, später sogar Beweismaterial zurückhält und damit die Ermittlungen und ihre Karriere gefährdet. Denn einen wirklich nachvollziehbaren Grund für ihr Verhalten gibt es nicht. Vor allem weil die alleinerziehende Armstrong uns als äußerst kompetente, vernünftige und von ihren Kollegen respektierte Ermittlerin vorgestellt wird. Wenn sie ihrem Chef sofort über ihre persönliche Befangenheit in diesem Fall informiert hätte, wäre sie nicht in das Ermittlungsteam aufgenommen worden; – und die Miniserie hätte schon in der ersten Episode ihre Protagonistin verloren.
Davon – und von einigen damit verbundenen Komplikationen – abgesehen erzählt „The Bay“ stringent und angenehm realitätsnah die Ermittlungen der Polizei, die durch Dylans Tod komplizierter werden. Die Polizisten sind größtenteils ganz normale Menschen, die professionell zusammenarbeiten und sich nicht alle zwei Minuten anschreien, weil sie gerade auf einem Ego-Trip sind oder gerade gegen alle Dienstvorschriften verstoßen und gleichzeitig einige Straftaten begehen. Sie erledigen, ganz brave Staatsdiener, ihre Arbeit und versuchen den Fall aufzuklären, in dem sie zusammen arbeiten und alle Spuren verfolgen. Auch die Verhöre mit Zeugen und Verdächtigen gestalten sich angenehm ruhig. Jedenfalls auf Seite der Polizei.
Auch der Vermissten- und Mordfall wird nah an der Wirklichkeit aufgeklärt. Es gibt also keine durchgeknallten Serienkiller mit absurden Mordmotiven, sondern nur die langwierigen Ermittlungen in einer klassischen Arbeiterfamilie, die versucht über die Runden zu kommen. Der richtige Vater der verschwundenen Zwillinge kümmert sich seit Ewigkeiten nicht um seine Familie. Der unzuverlässige und auch aufbrausende Stiefvater kämpft als Fischer ums Überleben. Die Mutter versucht die Familie zusammen zu halten. Sagt sie jedenfalls. Schließlich gibt es in einem Krimi nur die Gewissheit, dass jeder lügt.
Die Subplots, vor allem die Probleme von Armstrongs beiden pubertierenden Kindern, sind, auch wenn es anfangs unklar ist, erkennbar mit dem Verschwinden der Zwillinge und damit auch der alle Plots durchziehenden Frage von Vertrauen und Lüge verbunden.
Gleichzeitig entwirft Drehbuchautor Daragh Carville, der in der Nähe von Morecambe lebt, ein Porträt eines Küstendorfs und seiner ökonomischen Probleme.
„The Bay“ ist ein feiner, in sich abgeschlossener, im positiven Sinn unspektakulär-altmodischer Krimi. Eine zweite Staffel, mit einem neuen von Daragh Carville geschriebenem Fall, ist bereits abgedreht. Wieder mit Morven Christie als DS Lisa Armstrong und ihren aus der ersten Staffel bekannten Polizeikollegen.
The Bay – Staffel 1 (The Bay, Großbritannien 2019)
Regie: Lee Haven Jones, Robert Quinn
Drehbuch: Daragh Carville
Serienschöpfer: Daragh Carville, Richard Clark
mit Morven Christie, Jonas Armstrong, Chanel Cresswell, Imogen King, Art Parkinson, Taheen Modak, Daniel Ryan, Matthew McNulty, Louis Greatorex, Adam Long
1981, wenige Monate vor ihrem Tod, trifft Romy Schneider während eines Drogenentzugs in einem Kurhotel in Quiberon den „Stern“-Reporter Michael Jürgs. In dem Interview gewährt sie ihm ungewöhnlich tiefe Einblicke in ihre Psyche.
Dank Hauptdarstellerin Marie Bäumer sehenswerter Trip in eine gequälte, zwischen verschiedenen Anforderungen zerrissene Seele.
2018 war Emily Alefs „3 Tage in Quiberon“ beim Deutschen Filmpreis der große Abräumer. Zuerst mit rekordverdächtigen zehn Nominierungen und dann mit sieben Auszeichnungen: Bester Film, Regie, Hauptdarstellerin (Marie Bäumer), Nebendarstellerin (Birgit Minichmayr), Nebendarsteller (Robert Gwisdek), Kamera (Thomas W. Kiennast) und Filmmusik (Christoph M. Kaiser und Julian Maas).
Danach, um 22.05 Uhr, zeigt Arte das einstündige Künstlerporträt „Ein Abend mit Romy“ (Frankreich 2017) über ein Interview von Alice Schwarzer mit Romy Schneider.
mit Marie Bäumer, Birgit Minichmayr, Charly Hübner, Robert Gwisdek, Denis Lavant, Yann Grouhel, Christopher Buchholz, Vicky Krieps
Wiederholung: Freitag, 24. April, 01.35 Uhr (Taggenau!)
State of Play – Der Stand der Dinge (State of Play, USA/Großbritannien 2009)
Regie: Kevin Macdonald
Drehbuch: Matthew Michael Carnahan, Tony Gilroy, Billy Ray (nach der gleichnamigen TV-Serie von Paul Abbott)
In Washington, D. C., verunglückt die sehr junge Mitarbeiterin eines Kongressabgeordneten tödlich in der U-Bahn. Zur gleichen Zeit wird ein Kleindealer von einem Killer erschossen. „Washington Globe“-Reporter Cal McAffrey beginnt zu recherchieren.
Auf de Insel war der spannende Sechsteiler „State of Play“ von „Cracker“-Autor Paul Abbott, der bei uns eher unter Ausschluss der Öffentlichkeit als „Mord auf Seite 1“ auf Arte lief (und mal wiederholte werden könnte), ein Riesenerfolg. Natürlich interessierte Hollywood sich für ein Remake. Die guten Politthriller-Autoren Carnahan, Gilroy und Ray machten aus der Vorlage einen hochkarätig besetzten Paranoia-Thriller, der natürlich nie die Komplexität des Originals erreicht und eigentlich perfekte Unterhaltung wäre, wenn Russell Crowe nicht wie der Mann aus den Bergen aussehen würde. Aber anscheinend konnte Hollywood sich 2009 einen investigativen Journalisten nur noch als verspätetes Hippie-Modell aus den Siebzigern vorstellen.
Da waren Robert Redford, Dustin Hoffman, Warren Beatty (okay, die hatten zeitgenössisch ziemlich lange Matten) und John Simm (der Original McAffrey) besser frisiert.
Die Kritiker (vulgo Journalisten) waren von der okayen Kinoversion der BBC-Miniserie begeistert.
mit Russell Crowe, Ben Affleck, Rachel McAdams, Helen Mirren, Robin Wrigth Penn, Jason Bateman, Jeff Daniels, Viola Davis
Wiederholung: Mittwoch, 15. April, 01.35 Uhr (Taggenau!)
Los Angeles in den Siebzigern: Nach einem etwas ruppigen Start arbeiten Privatdetektiv Holland March (Ryan Gosling) und Schläger Jackson Healy (Russell Crowe) zusammen. Sie wollen herausfinden, was der Tod eines Pornostars mit einer vermissten jungen Frau und einem labyrinthischen politischen Ränkespielen zu tun haben.
Wundervoll-kurzweiliger Mix aus Buddymovie und Privatdetektivkrimi und eine witzige Liebeserklärung an das Genre. Kultig.
mit Russell Crowe, Ryan Gosling, Angourie Rice, Matt Bomer, Margaret Qualley, Keith David, Yaya DaCosta, Beau Knapp, Kim Basinger, Lois Smith, Murielle Telio, Gil Gerard
LV: William Makepeace Thackeray: Memoirs of Barry Lyndon, 1944 (Die Memoiren des Junkers Barry Lyndon; Barry Lyndon)
Stanley Kubricks Verfilmung von William M. Thackerays Roman über den Emporkömmling Barry Lyndon, der im 18. Jahrhundert in der Welt des Absolutismus ein sehr bewegtes Leben hatte. Als Offizier der englischen und der preußischen Armee, als Liebhaber und als Ehemann von Lady Lyndon.
Großes Kino, das historisch präzise ist, mit großem Aufwand und nur mit natürlichem Licht gedreht wurde und das konsequent auf Vergegenwärtigungen und Identifikationsfiguren verzichtet. Das künstlerische Wagnis, einen vollkommen distanzierten Historienfilm zu drehen, kam beim Publikum nicht gut an. Das ging damals in „Der weiße Hai“, „Einer flog über das Kuckucksnest“ und, in Deutschland, „Asterix erobert Rom“.
Danach, um 23.10 Uhr, zeigt Arte die brandneue Doku „Kubrick erzählt Kubrick“ (Frankreich 2020) und um 00.15 Uhr „Stanley Kubricks Filmmusik im Konzertsaal“, gespielt vom Orchestre Philharmonique de Radio France.
mit Ryan O’Neal, Marisa Berenson, Patrick Magee, Hardy Krüger, Steven Berkoff, Gay Hamilton, Marie Kean, Diana Körner
Aus dem Englischen von Susanna Mende.Polar, 322 Seiten, 22 Euro.
5. Jérôme Leroy – Der Schutzengel (Plazierung im Vormonat: /)
Aus dem Französischen von Cornelia Wendt. Edition Nautilus, 352 Seiten, 20 Euro.
6. Davide Longo – Die jungen Bestien (Plazierung im Vormonat: 3)
Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner. Rowohlt, 412 Seiten, 22 Euro.
7. Xavier-Marie Bonnot – Der erste Mensch (Plazierung im Vormonat: 7)
Aus dem Französischen von Gerhard Meier. Unionsverlag, 348 Seiten, 19 Euro.
8. Oyinkan Braithwaite – Meine Schwester, die Serienmörderin (Plazierung im Vormonat: /)
Aus dem Englischen von Yasemin Dinçer. Blumenbar, 240 Seiten, 20 Euro.
9. Tom Hillenbrand: Qube (Plazierung im Vormonat: /)
Kiepenheuer & Witsch, 556 Seiten, 12 Euro.
10. Richard Lorenz – Hinter den Gesichtern (Plazierung im Vormonat: 10)
Luzifer, 294 Seiten, 13,95 Euro.
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Der Kim und der Leroy müssten auf dem Weg zu mir sein. Die neuen Romane von Sara Paretsky (Altlasten, ariadne), Laura Lippman (Die Frau im grünen Regenmantel, Kampa), Michael Connelly (Late Show, Kampa), Don Winslow (Broken, HarperCollins), Benjamin Whitmer (Flucht, polar Verlag), Jorge Zepeda Patterson (Die Korrupten, Elster) und Mercedes Rosende (Falsche Ursula, Unionsverlag) dürften nächsten Monat auf der Liste stehen (Auf meiner Leseliste stehen sie schon jetzt!) und Horst Eckert wird in der Bestenliste notorisch ignoriert. Ist trotzdem ein lesenswerter Thriller.
Das Leben des Brian (Monty Pythons Life of Brian, Großbritannien 1979)
Regie: Terry Jones
Drehbuch: Graham Chapman, John Cleese, Terry Gilliam, Eric Idle, Terry Jones, Michael Palin
Das Leben von Brian, das erstaunliche Parallelen zu dem von Jesus Christus hat, und hier von Monty Python kräftig durch den Kakao gezogen wird.
Kult. Und wahrscheinlich schon tausendmal gesehen.
Der deutsche Kinostart war am 15. August 1980
Danach zeigt RTL II um 22.05 Uhr (und um 03.35 Uhr) „Die Ritter der Kokusnuss“ (auch Monty-Python-Kult, aber nicht so kultig wie Brian).
mit Graham Chapman, John Cleese, Terry Gilliam, Eric Idle, Terry Jones, Michael Palin, Terence Bayler, Carol Cleveland, Kenneth Colley, Neil Innes, Charles McKeown
Der Auftakt einer langen Agatha-Christie-Filmnacht mit, um 22.15 Uhr, „Tod auf dem Nil“ (mit Peter Ustinov als Hercule Poirot), um 00.30 Uhr „Das Böse unter der Sonne“ (dito) und um 02.20 Uhr „Mord im Spiegel“ (mit Angela Lansbury als Miss Marple)
ZDFneo, 20.15
Mord im Orient-Express (Murder on the Orient Express, Großbritannien 1974)
Regie: Sidney Lumet
Drehbuch: Paul Dehn
LV: Agatha Christie: Murder on the Orient Express, 1934 (Mord im Orientexpress)
Millionär Ratchett wird im Orient-Express ermordet. Der Zug bleibt im Schnee stecken und der Mörder muss noch im Zug sein. Hercule Poirot befragt die Passagiere.
Starbesetzer Edelkrimi mit Albert Finney (als Hercule Poirot), Lauren Bacall, Martin Balsam, Ingrid Bergman, Jacqueline Bisset, Jean-Pierre Cassel, Sean Connery, Sir John Gielgud, Anthony Perkins, Vanessa Redgrave, Michael York, Richard Widmark (als Leiche). Wolf Donner meinte: „Kulinarisches Kino, angenehm überflüssig und verwirrend nutzlos.“ (Donner in Die Zeit)