TV-Tipp für den 22. Juni: Captain Phillips

Juni 22, 2019

RTL II, 20.15

Captain Phillips (Captain Phillips, USA 2013)

Regie: Paul Greengrass

Drehbuch: Billy Ray

Vorlage: Captain Richard Phillips/Stephan Talty: A Captain’s Duty: Somali Pirates, Navy SEALS, and Dangerous Days at Sea, 2010 (Höllentage auf See – In den Händen von somalischen Piraten – gerettet von Navy Seals)

Am 8. April 2009 entern somalische Piraten die „Maersk Alabama“ und schnell beginnt ein Psychoduell zwischen Captain Richard Phillips und Muse, dem Anführer der Piraten.

Spannendes, auf Tatsachen basierendes Geiseldrama, das auch die Seite der Piraten zeigt.

mit Tom Hanks, Catherine Keener, Barkhad Abdi, Barkhad Abdirahman, Faysal Ahmed, Mahat M. Ali, Michael Chernus, David Warshofsky, Corey Johnson, Max Martini

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Captain Phillips“

Metacritic über „Captain Phillips“

Rotten Tomatoes über „Captain Phillips“

Wikipedia über „Captain Phllips“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über „Captain Phillips“

Meine Besprechung von Paul Greengrass’ “Captain Phillips” (Captain Phillips, USA 2013)

Meine Besprechung von Paul Greengrass‘ „Jason Bourne“ (Jason Bourne, USA 2016)


Neu im Kino/Kinokritiken (kurz): „Brightburn“, „Tolkien“, „Eine moralische Entscheidung“, „O beautiful Night“, „Tal der Skorpione“, „Inna de Yard – The Soul of Jamaica“ – da dürfte für fast jeden Geschmack etwas dabei sein

Juni 22, 2019

Manchmal hat man weniger Zeit als gedacht und in vollen Zügen zu arbeiten ist auch nicht so prickelnd. Vor allem wenn ein selbsternannter, bierbäuchiger und biertrinkender Männergesangsverein gerade Weihnachtslieder entdeckt.

Daher gibt es jetzt die Kinoneustarts der Woche, leicht geordnet, aber nicht unbedingt in der Reihenfolge des Gefallens und ihrer Bedeutung

Als mitten in der Nacht im ländlichen Kansas ein unbekanntes Objekt vom Himmel herabfällt, unterbrechen Tori und Kyle Breyer ihr Liebesspiel.

Zwölf Jahre später entwickelt sich ihr über alles geliebter Junge Brandon prächtig. In der Schule ist er ungewöhnlich gut, aber er ist auch extrem jähzornig und er interessiert sich für ein in der Scheune vor ihm verstecktes Objekt.

Brightburn: Son of Darkness“, produziert von „Guardians of the Galaxy“ James Gunn, inszeniert von David Yarovesky nach einem Drehbuch von Brian und Mark Gunn, ist ein kleiner SF-Horrorthriller, in dem der vom Himmel herabgefallene Alien Brandon zu Beginn seiner Pubertät kein netter Junge mehr ist, sondern ein richtiger rachsüchtiger Fiesling wird. Sozusagen Bad Superman.

Yarovesky konzentriert sich in dem B-Picture auf wenige Figuren, verzichtet auf epische Subplots und erzählt die Geschichte für heutige Verhältnisse erstaunlich langsam und, immerhin ist James Gunn involviert, humorfrei.

Brightburn“ ist ein kleiner, sympathischer Film für den Genrejunkie. Ein robuster Magen ist empfehlenswert.

Brightburn: Son of Darkness (Brightburn, USA 2019)

Regie: David Yarovesky

Drehbuch: Brian Gunn, Mark Gunn

mit Elizabeth Banks, David Denman, Jackson A. Dunn, Abraham Clinkscales, Christian Finlayson, Jennifer Holland, Emmie Hunter, Matt Jones, Michael Rooker

Länge: 91 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Brightburn“

Metacritic über „Brightburn“

Rotten Tomatoes über „Brightburn“

Wikipedia über „Brightburn“

 

Weiter geht es mit einem Biopic über John Ronald Reuel Tolkien, den Autor von „Herr der Ringe“.

Regie führte „Tom of Finland“-Regisseur Dome Karukoski. „Pride“-Autor Stephen Beresford und David Gleeson schrieben das Drehbuch. Nicholas Hoult übernahm die Hauptrolle. Und trotzdem ist das Biopic ein dröges Werk, das chronologisch vor allem Tolkiens Kindheit, Jugend und jungen Erwachsenenjahre abhandelt. Es geht um seine Liebe zu Edith Bratt, die er mit sechzehn Jahren kennenlernte und später heiratete. Edith starb 1971; Tolkien 1973. Es geht um seine künstlerisch und literarisch interessierten Schulfreunden Robert Gilson, Geoffrey Smith und Christopher Wiseman, mit denen er die „Tea Club and Barrovian Society“ (TCBS) gründete. Und es geht um seine Erlebnisse während des Ersten Weltkriegs in den Schützengräben, die ihn zu seinen Fantasy-Werken inspirierten. Das wird so spannungsfrei erzählt, dass „Tolkien“ vor allem für Fans von „Herr der Ringe“ und „Der Hobbit“ ist, die jetzt etwas über den Autor dieser Epen erfahren wollen.

Tolkien (Tolkien, USA 2019)

Regie: Dome Karukoski

Drehbuch: David Gleeson, Stephen Beresford

mit Nicholas Hoult, Lily Collins, Colm Meaney, Derek Jacobi

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Tolkien“

Metacritic über „Tolkien“

Rotten Tomatoes über „Tolkien“

Wikipedia über „Tolkien“ (deutsch, englisch) und über J. R. R. Tolkien (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood macht den Tolkien-Test

Meine Besprechung von Dome Karukoskis „Tom of Finland“ (Tom of Finland, Finnland 2017)

Meine Besprechung von Peter Jacksons Tolkien-Verfilmung „Der Hobbit – Smaugs Einöde“ (The Hobbit: The Desolation of Smaug, USA 2013)

 

Dr. Kaveh Nariman ist in Teheran ein äußerst gewissenhafter Gerichtsmediziner. Als er eines Nachts auf dem Heimweg eine vierköpfige, auf einem unbeleuchteten Motorrad fahrende Familie touchiert, verletzt sich deren achtjähriger Sohn Amir leicht am Kopf. Erst nachdem Amirs Vater etwas Geld von ihm annimmt und ihm versichert, dass er seinen Sohn zu einem Krankenhaus fahren wird, lässt Nariman die Familie weiterfahren.

Am nächsten Tag erfährt Nariman, dass der Junge verstorben ist. Er fragt sich, ob er dafür verantwortlich ist. Er ordnet Untersuchungen an und auch als die Obduktion ergibt, dass Amir an einer Lebensmittelvergiftung gestorben ist, lässt er nicht locker.

Vahid Jalilvands „Eine moralische Entscheidung“ ist für mich ein zwiespältiger Film. Auf der einen Seite zeigt Jalilvand mit bitterer Konsequenz, wie eine Handlung eine andere zur Folge hat. Nariman und Amirs Vater verstricken sich dabei in Schuld und Schuldgefühlen. Jalilvand zeichnet außerdem ein hochinteressantes und komplexes Bild der iranischen Gesellschaft, die angesichts der Nachrichtenmeldungen und -bilder aus dem Gottesstaat, erstaunlich westlich ist. Alle Figuren sind vor allem mit weltlichen Problemen beschäftigt. Die Religion ist ihnen da herzlich egal.

Auf der anderen Seite konnte ich Narimans Problem und sein damit verbundenes Tun immer weniger nachvollziehen. Anstatt als rationaler Wissenschaftler das Ergebnis der gründlichen, von einer Kollegin durchgeführten Untersuchung zu akzeptieren, setzt er alle Hebel in Bewegung, um einen Beweis zu finden, der ihn für den Tod des Jungen verantwortlich macht.

Eine moralische Entscheidung (No date, no signature [Internationaler Titel], Iran 2017)

Regie: Vahid Jalilvand

Drehbuch: Ali Zarnegar, Vahid Jalilvand

mit Navid Mohammadzadeh, Amir Agha’ee, Hediyeh Tehrani, Zakiyeh Behbahani, Sa’eed Dakh, Alireza Ostedi

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

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Moviepilot über „Eine moralische Entscheidung“

Metacritic über „Eine moralische Entscheidung“

Rotten Tomatoes über „Eine moralische Entscheidung“

Wikipedia über „Eine moralische Entscheidung

 

Während in „Eine moralische Entscheidung“ Narimans Konflikt immerhin intellektuell nachvollziehbar bleibt, versagt „O beautiful Night“ auf dieser Ebene vollkommen.

Juri ist ein junger Hypochonder, der kaum seine Wohnung verlässt und nach seiner eigenen Erwartung schon lange Tod sein müsste. Als er doch sein Zimmer verlässt, trifft er in einer Bar einen Mann, der behauptet, der Tod zu sein und dass er Juri töten werde. Anstatt sich jetzt mit einem lauten „Endlich, es ist vollbracht!“ seinem Schicksal hinzugeben, lässt Juri sich vom Tod durch ein Panoptikum seltsamer Großstadttypen und -orte schleifen. Immer kurz davor, getötet zu werden.

Eine Geschichte ohne einen Konflikt ist keine Geschichte. So ist Xaver Böhms Debütfilm „O beautiful Night“ eine Ansammlung bizarrer, schnell langweilender Situationen. Immerhin haben sie immer wieder eine morbide Faszination, die wenigstens das Auge erfreut.

Böhms Abschlussfilm „Roadtrip“ an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee war für den First Steps Award und den Deutschen Kurzfilmpreis nominiert.

O beautiful Night (Deutschland 2018)

Regie: Xaver Böhm

Drehbuch: Xaver Böhm, Ariana Berndl

mit Noah Saavedra, Marko Mandic, Vanessa Loibl, Vincent Rosenow, David Ali Rashed, Elmar Gutmann, Peter Henze

Länge: 86 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

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Filmportal über „O beautiful Night“

Moviepilot über „O beautiful Night“

Wikipedia über „O beautiful Night“

Berlinale über „O beautiful Night“

 

Für „Tal der Skorpione“ konnte Patrick Roy Beckert etliche prominente Namen, sozusagen die üblichen Verdächtigen des Trash-TV und deutscher Proll-Filme, verpflichten. Dass die Jungs mal für Wolfgang Petersen durch „Das Boot“ liefen muss man angesichts ihrer Leistungen im „Tal der Skorpione“ als Jugendsünde verbuchen. Eine Story ist nicht erkennbar. Wahrscheinlich weil schon in der ersten Minute, bei einer epischen Ballerei in einer Sandgrube, das Drehbuch zerschossen wurde. Danach laufen ein Haufen Männer durch einen Wald, der „Breakdown Forest“ (gleichzeitig der ursprüngliche Filmtitel und internationale Titel) genannt wird. Sie ballern, ballern, ballern und ballern. Viel Blut spritzt. Also sehr viel Blut. Es gibt einige Kloppereien. Dazwischen gibt es Explosionen und tiefergelegte Prollsprüche. Manchmal erkennbar geklaut aus anderen Filmen. Ach ja: und Micaela Schäfer stellt ihre Talente aus.

Die irgendwann erahnbare Story ist eine weitere Variante von „Graf Zaroff – Genie des Bösen“ (The Most Dangerous Game, USA 1932). Wobei die Macher sich wohl eher an „Harte Ziele“ (Hard Target, USA 1993) und „Battle Royale“ (Batoru Rowaiaru, Japan 2000) orientieren, ohne auch nur im Ansatz die Qualität dieser Filme zu erreichen. Es geht also um eine Menschenjagd im Wald, in der – hier ist das nicht vorhandene Drehbuch etwas unschlüssig – reiche Menschen arme Menschen jagen oder die Organisatoren durch Bestenauslese den Über-Soldaten finden wollen.

Weil die Figurenzeichnung sich auf die Anwesenheit des Schauspielers beschränkt, ist es auch egal, wer wann warum stirbt. Oder doch nicht stirbt.

Schlechter als ähnlich gelagerte Billigst-US-Werke ist „Tal der Skorpione“ nicht. Aber das Ziel sollte nicht sein, schlechte Imitate schlechter Filme zu machen.

Tal der Skorpione (Deutschland 2019)

Regie: Patrick Roy Beckert

Drehbuch: Patrick Roy Beckert

mit Patrick Roy Beckert, Thomas Kercmar, Bert Wollersheim, Ralf Richter, Martin Semmelrogge, Claude-Oliver Rudolph, Mathieu Carrière, Elena Carrière, Uwe Fellensiek, Micaela Schäfer, Anouschka Renzi, Taynara Wolf, Bert Wollersheim, Dirc Simpson, Mascha von Kreisler

Länge: 131 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

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Filmportal über „Tal der Skorpione“

Moviepilot über „Tal der Skorpione“

 

Zum Abschluss ein Dokumetarfilm für den Musikfan: Peter Webber beobachtet für seine Doku „Inna de Yard – The Soul of Jamaica“ die Reggae-Urgesteine Ken Boothe, Winston McAnuff, Kiddus I und Cedric Myton, die es noch einmal wissen wollen. Oberhalb von Kingston proben sie für ein neues Album mit Unplugged-Versionen iher alten Hits und eine Welttournee. Währenddessen porträtiert Peter Webber die Musiker auch privat.

Für Reggae-Fans ist die Doku als Making-of zu dem „Inna de Yard“-Album „The Soul of Jamaica“ natürlich ein Pflichttermin. Für Nicht-Reggae-Fans sind die porträtierten Musiker vor allem eine Ansammlung sympathischer alter Zausel, die immer etwas zu Rauchen griffbereit haben. Über die Geschichte der Reggae-Musik und die kulturelle und politische Bedeutung der Musik erfährt man dagegen so gut wie nichts. Dafür gibt es ein Blättern durch alte LPs, begleitet mit vielen zustimmenden Geräuschen und Halbsätzen, in denen immer wieder gesagt wird, wie toll die LP, der Musiker und die Band seien. Das ist dann doch etwas oberflächlich.

Vor allem weil Webber ein bekennender Reggae-Fan ist, der die Musik schon als Teenager in den 70er Jahren in London hörte.

Inna de Yard – The Soul of Jamaica (Inna de Yard – The Soul of Jamaica, Frankreich 2018)

Regie: Peter Webber

Drehbuch: Peter Webber

mit Ken Boothe, Cedric Myton, Kiddus I, Winston McAnuff, Judy Mowatt, Var, Jah9, Kush McAnuff, Derajah, Bo Pee, Steve Newland, Lloyd Park

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Inna de Yard“

Rotten Tomatoes über „Inna de Yard“

Meine Besprechung von Peter Webbers „Emperor – Kampf um den Frieden“ (Emperor, USA 2012)


TV-Tipp für den 21. Juni: Mahana – Eine Maori-Saga

Juni 20, 2019

Arte, 20.15

Mahana – Eine Maori-Saga (Mahana, Neuseeland/Australien 2016)

Regie: Lee Tamahori

Drehbuch: John Collee

LV: Witi Ihimaera: Bulibasha: King of the Gypsies, 1994

Neuseeland, fünfziger Jahre: der Maori-Clan der Mahanas hat es zu einem gewissen Wohlstand gebracht. Oberhaupt Tamihana herrscht diktatorisch über die Schafschererfamilie. Da begehrt der vierzehnjährige Simeon gegen seinen Großvater auf.

Mahana“ ist ein bittersüßer Film, der geduldig sein reichhaltiges Personal entfaltet und einen guten Eindruck von dem damaligen Leben in Neuseeland in der Provinz in festgefügten Familienstrukturen vermittelt. Es ist aber auch ein Film, der letztendlich keinen zentralen Konflikt, sondern viele kleine und große, mehr oder weniger wichtige Konflikte hat und wie ein Puzzle Erinnerungen zusammenfügt. Das funktioniert in einem Roman dann besser als in einem Film.

Sehenswert ist Lee Tamaharis Film trotzdem.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Temuera Morrison, Akuhata Keefe, Nancy Brunning, Jim Moriarty, Regan Taylor, Maria Walker, Yvonne Porter

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Berlinale über „Mahana“

Moviepilot über „Mahana“

Rotten Tomatoes über „Mahana“

Wikipedia über „Mahana“

Meine Besprechung von Lee Tamahoris „Mahana – Eine Maori-Saga“ (Mahana, Neuseeland/Australien 2016)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „Verachtung“ in der vierten Runde

Juni 20, 2019

Wer hätte das gedacht? Nachdem die ersten drei Jussi-Adler-Olsen-Verfilmungen „Erbarmen“, „Schändung“ und „Erlösung“ massive Probleme hatten, machen die Macher bei der vierten Verfilmung alles richtig. Jedenfalls wenn man auf skandinavische Krimis steht und sich nicht an den oft elaborierten Plänen der Bösewichter und den Logiklöchern stört. Dass für die Verfilmung der Plot des Romans für den Film stark verändert wurde, kennen die Adler-Olsen-Fans von den vorherigen Sonderdezernat-Q-Verfilmungen.

Carl Mørck und sein Kollege Assad vom Sonderdezernat Q, der in den Keller verbannten Cold-Case-Abteilung der Polizei von Kopenhagen, stehen im Film „Verachtung“ vor einem wahrlich bizarren Rätsel. Als die Mietwohnung von Gitte Charles von Handwerkern aufgebrochen wird, entdecken sie eine luftdicht abgeschlossene Kammer. In dieser Kammer sitzen drei mumifizierte Menschen an einem Tisch. Ein Platz ist noch frei und die Mieterin der Wohnung, die seit zwölf Jahren pünktlich die Miete zahlt, ist verschwunden.

Durch die Rückblenden und den Subplot mit Dr. Curt Wad und der von ihm angeführten rechtsradikalen Partei kann man sich in Christoffer Boes Thriller schnell zusammenreimen, wie alles miteinander zusammenhängt. Entsprechend uninteressant ist für uns Zuschauer die Frage, wer der Mörder ist.

Im Roman wird das Zimmer mit den fünf Leichen erst kurz vor dem Finale entdeckt und geöffnet. Hier beginnen die Ermittlungen, weil Mørck und Assad sich wieder den Fall der 1987 spurlos verschwundenen ‚erotischen Tänzerin‘ Rita Nielsen vornehmen. Aufgrund der Umstände ihres Verschwindens glauben sie die offizielle These, dass sie sich selbst umbrachte, nicht. Als die Ermittler nach weiteren nicht gelösten Vermisstenfällen suchen, entdecken sie mehrere ähnlich gelagerte Fälle aus dem Jahr 1987. Sie fragen sich, ob es einen Zusammenhang gibt. Bei ihren Ermittlungen stoßen sie ebenfalls auf Dr. Wad und die Mietwohnung, die im Film von Gitte Charles, im Roman von Nete Rosen, geborene Hermansen, seit Jahren pünktlich bezahlt wird.

Weil Jussi Alder-Olsen den Roman auf zwei bis drei Zeitebenen (der Roman spielt 2010 und 1987, wo die Täterin sich an ihre Kindheit und Jugend in den fünfziger Jahren erinnert) spielen lässt, gibt es hier für den Leser ebenfalls keine großen Überraschungen. Der Roman zerfällt letztendlich in eine 1987 spielende Rachegeschichte und einen 2010 spielenden Ermittlerkrimi.

Der Film legt dagegen den Schwerpunkt auf den Thrillerplot, in dem Mørck und Assad gegen einen scheinbar übermächtigen Gegner kämpfen müssen. Damit entwickelt sich die sinnvoll entwickelte Geschichte, mit deutlichen Unterschieden zur Romangeschichte, spannend auf die finale Konfrontation(en) zwischen Mørck, Assad, Gitte Charles/Nete Hermansen (der Mieterin der Wohnung mit dem Todeszimmer) und Dr. Wad und seiner Organisation.

Außerdem gibt es im Film zwei wichtige, im Buch nicht enthaltene Subplots. In dem einen kümmert sich Assad um eine junge, schwangere Nichte. Weil ihr Vater davon nichts erfahren soll, geht sie zu dem renommierten Abtreibungsarzt Dr. Wad, der immer noch die Gesellschaft vor lebensunwertem Leben beschützen will.

Gleichzeitig will Assad aufgrund einer Beförderung das Team verlassen. Mørck, der immer behauptet, es sei ihm egal, ist nicht damit einverstanden. Aber er sagt es nicht.

Trotzdem, und das ist die schon seit dem ersten Film überfällige Veränderung, arbeiten sie, wozu auch ihre Assistentin Rose gehört, zusammen und sie werden erstmals als sich ergänzendes und sich vertrauendes Team gezeigt. Außerdem ist Mørck nicht mehr, wie in den vorherigen Filmen (und auch noch im Buch) der blindgeleitete Sturkopf, der ohne irgendwelche Beweise Spuren verfolgt, ständig Grundlagen des Ermittlerhandwerks ignoriert und alle beleidigt. Er war bis jetzt das unaufmerksame Kind, das man mit einem Gameboy in die Ecke setzt, damit die Erwachsenen ihre Arbeit tun können. In „Verachtung“ arbeitet er endlich mit. Er ist Teil des Teams.

Das Thema des Films ist historisch verbürgt, erschreckend, immer noch aktuell und wird als Mordmotiv im Trailer noch deutlicher verraten als im Klappentext des Buches.

Von 1923 bis 1961 wurden auf der Insel Sprogø Frauen gebracht, die mit dem Gesetz oder den damaligen Moralvorstellungen in Konflikt gerieten oder für debil erklärt wurden. Dort wurden sie drangsaliert und sterilisiert. Diese Sterilisationen geschahen aufgrund damals gültiger Gesetze zur Rassenhygiene und Eugenik. In Dänemark waren für diese Gesetze und ihre Durchführung sozialdemokratische Regierungen verantwortlich.

Zwischen 1929 und 1967 wurden in Dänemark etwa elftausend Personen, vor allem Frauen, sterilisiert. Etwa die Hälfte der Fälle waren Zwangssterilisationen. In „Verachtung“ führt Dr. Wad, ein glühender Anhänger der Rassenlehre, diese Sterilisationen ohne das Einverständnis der Frauen durch.

So ist der Thriller eine willkommene Ergänzung im Feld der skandinavischen Kriminalfilme und die bislang beste Adler-Olsen-Verfilmung. All die von den Drehbuchautoren Nikolaj Arcel, Drehbuchautor der vorherigen Adler-Olsen-Verfilmungen „Erbarmen“, Schändung“ und „Erlösung“, Mikkel Nørgaard, Regisseur der Adler-Olsen-Verfilmungen „Erbarmen“ und „Schändung“, und Bo Erhard Hansen gemachten Änderungen stärken die Geschichte, ohne sie zu verraten. Im Rahmen eines konventionellen Thrillerplots wird sogar Adler-Olsens Anklage gegen die staatlich verordneten Zwangssterilisationen und sein Hinweis auf das Fortbestehen rassistischen Denkens deutlicher.

Der Roman selbst ist ein langweiliges Desaster. Über viele Seiten herrscht immer wieder Stillstand. Überraschende Wendungen gibt es nicht. Und auch sonst fehlt „Verachtung“ alles, was man von einem Thriller erwartet. Naja, eigentlich erwartet man von einem Thriller nur diese atemlose Spannung, die einen immer weiter lesen lässt, auch wenn langsam die Sonne aufgeht.

Inzwischen ist mit „Marco effekten“ für 2020 eine fünfte Sonderdezernat-Q-Verfilmung angekündigt. Dann allerdings mit Ulrich Thomsen und Zaki Youssef als Carl Mørck und Assad.

Verachtung (Journal 64, Dänemark/Deutschland 2018)

Regie: Christoffer Boe

Drehbuch: Nikolaj Arcel, Bo Erhard Hansen, Mikkel Nørgaard

LV: Jussi Adler-Olsen: Journal 64, 2010 (Verachtung)

mit Nikolaj Lie Kaas, Fares Fares, Johanne Louise Schmidt, Søren Pilmark, Fanny Leander Bornedal, Clara Rosager, Luise Skov, Amanda Radeljak, Anders Hove, Nicolas Bro, Elliott Crosset Hove, Birthe Neumann, Anders Juul, Michael Brostrup, Marianne Høgsbro

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

(zum Filmstart mit neuem Cover)

Jussi Adler-Olsen: Verachtung

(übersetzt von Hannes Thiess)

dtv, 2019 (Filmausgabe)

544 Seiten

10,95 Euro

Deutsche Erstausgabe (als Gebundene Ausgabe)

dtv, 2012

Originalausgabe

Journal 64

Politikens Forlagshus A/S, Kopenhagen, 2010

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Moviepilot über „Verachtung“

Rotten Tomatoes über „Verachtung“

Wikipedia über den Roman „Verachtung“

Dänische Homepage von Jussi Adler-Olsen

Deutsche Homepage von Jussi Adler-Olsen

Krimi-Couch über Jussi Adler-Olsen

Wikipedia über Jussi Adler-Olsen

Meine Besprechung von Jussi Adler-Olsens „Erbarmen“ (Kvinden i buret, 2008)

Meine Besprechung von Mikkel Nørgaards „Erbarmen“ (Kvinden i buret, Dänemark/Deutschland/Schweden 2013)

Meine Besprechung von Mikkel Nørgaards „Erbarmen“ (Kvinden i buret, Dänemark/Deutschland/Schweden 2013) (DVD)

Meine Besprechung von Mikkel Nørgaards Jussi-Adler-Olsen-Verfilmung „Schändung – Die Fasanentöter“ (Fasandræberne, Dänemark/Deutschland/Schweden 2014) und der DVD

Meine Besprechung von Hans Petter Molands „Erlösung“ (Flaskepost fra P, Dänemark/Deutschland/Schweden/Norwegen 2016)


TV-Tipp für den 20. Juni: Who killed Marilyn?

Juni 20, 2019

EOTV, 21.55

Who killed Marilyn? (Poupoupidou, Frankreich, 2011)

Regie: Gérald Hustache-Mathieu

Drehbuch: Gérald Hustache-Mathieu, Juliette Sales (Mitarbeit)

Jura: Der Krimi-Autor David Rousseau will herausfinden wer die Dorfschönheit und Wetterfee Candice Lecoeur ermordete.

Und weil Candice eine große Bewunderin von Marilyn Monroe war, gibt es in dieser gelungenen Krimikomödie auch zahlreiche Anspielungen auf MMs Leben.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Jean-Paul Rouve, Sophie Quinton, Guillaume Gouix, Olivier Rabourdin, Clara Ponsot, Arsinée Khanjian, Eric Ruf

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Französische Homepage zum Film

Rotten Tomatoes über „Who killed Marilyn?“

Wikipedia über „Who killed Marilyn?“

Meine Besprechung von Gérald Hustache-Mathieus „Who killed Marilyn?“ (Poupoupidou, Frankreich, 2011)


„Berlin Prepper“, man muss ja vorbereitet sein

Juni 20, 2019

Der Titel und das Cover sind schon einmal zu gute Argumente, um das Buch zu lesen. Also jedenfalls, um mit der Lektüre zu beginnen. Auch der Klappentext klingt interessant.

Aber das heißt vor allem, dass die Werbeabteilung gute Arbeit geleistet hat.

Fachlicher ist da schon die Krimibestenliste. Dort steht Johannes Groschupfs „Berlin Prepper“ auf dem ersten Platz.

Groschupf, ein früherer Reisejournalist und Jugendbuchautor, erzählt in „Berlin Prepper“ eine Geschichte nah an den aktuellen Schlagzeilen und gesellschaftlichen Problemen. Sein Ich-Erzähler, der Mittvierziger Walter Noack, ist Content Moderator einer großen Zeitung (die ungefähr im Axel-Springer-Hochhaus beheimatet ist). Er liest und löscht unzählige Leserkommentare. Im Sekundentakt muss er entscheiden, ob ein pöbelnd-hetzerischer Kommentar gegen die Regierung und Flüchtlinge noch gerade zu tolerieren ist oder gelöscht werden muss.

In seiner Freizeit ist er ein Prepper. In seiner Wohnung lagert er Vorräte für mehrere Monate und alle erdenklichen Katastrophen (Kleiner Hinweis: es gibt auch andere Dosennahrung als Ravioli). In der Stadt hat er einige Verstecke mit Vorräten angelegt. Er treibt Sport, lebt allein und hat sporadisch Kontakt zu seinem erwachsenem Sohn Nick.

Eines Nachts wird er beim Verlassen des Redaktionsgebäudes zusammengeschlagen. Der Täter kann unbekannt entkommen.

Wenige Wochen später wird seine Kollegin Peppa, eine Studentin, mit der er befreundet ist, ebenfalls vor dem Redaktionsgebäude angegriffen. Sie kann sich allerdings wehren und beißt dem Angreifer in die Hand.

Die an den Ermittlungen desinteressierte Polizei kommt bei ihren Ermittlungen nicht weiter. Also beginnen Noack, Nick und Peppa den Täter zu suchen. Er soll aus dem Containerdorf für Flüchtlinge kommen.

Zur gleichen Zeit gerät Noack immer stärker in die rechte und Reichsbürgerszene, die sich für einen kommenden Krieg präpariert und sehr gute Kontakte zur Polizei hat.

Das liest sich jetzt vielleicht wie der Auftakt für einen spannenden Thriller. Immerhin wird „Berlin Prepper“ als Thriller angekündigt. Aber das ist er nicht. Eher schon ein Roman und das Psychogramm eines Mannes, der ein Prepper ist und der etwas ins rechte Milieu hineinschnuppert.

Groschupf schildert das mit einem Blick für Details, die für ein authentisches Berlin-Feeling sorgen. Die zahlreichen Nennungen von Straßen und Plätzen tragen ebenfalls dazu bei. Auch sprachlich überzeugt der Roman, der nicht witschig sein will und auch dem Leser auch nicht die richtige Meinung einhämmern will. Kühl, fast wie ein objektiver Beobachter, schildert Noack sein Leben und warum es sinnvoll ist, sich auf Katastrophen vorzubereiten. Er selbst erlebte als Jugendlicher Tschernobyl und die darauf folgende Angst vor Strahlen. Ältere Berliner erinnern sich noch an die Luftbrücke und noch immer gibt es von der Regierung Hinweise für den Fall einer Katastrophe. Ein ausreichender Vorrat von Lebensmitteln gehört dazu.

Umso enttäuschender ist der Plot. Wenn man „Berlin Prepper“ streng innerhalb der Konventionen eines Thrillers betrachtet, muss man sogar von einem Reinfall sprechen.

Noack findet viel zu leicht heraus, wer die Straftaten begangen hat. Letztendlich gestehen die Täter ihm frank und frei, was sie warum getan haben und das Finale (laut Klappentext: „während der brutalen Sommerhitze zu Großbränden, Unruhen und offener Anarchie kommt“) enttäuscht. In dem Moment will auch keine Spannung aufkommen, weil es keinen Antagonisten gibt und es auch vollkommen unklar ist, auf welchen finalen Konflikt die Geschichte sich hinbewegt. Denn die verschiedenen Täter sind schon vor dem Finale überführt und, was entscheidender ist, Noack interessiert sich nicht weiter für sie. Die im Finale folgenden Ereignisse haben dann auch keine sich aus den vorherigen Ereignissen ergebenden Konsequenzen, weil sie mit diesen Ereignissen nichts zu tun haben. Emotional berühren sie nicht.

Als Roman, sozusagen als verspätete Coming-of-Age-Geschichte, in der der Protagonist am Ende der Geschichte endlich seinen Heimatort verlässt, ist das etwas anderes. Aber mit dieser Leseerwartung bin ich nach Cover und Klappentext nicht an „Berlin Prepper“ herangegangen.

Letztendlich ist „Berlin Prepper“ ein Roman, der eine gute Idee, aber keinen Plot hat. Er ist nicht wirklich schlecht, aber auch nie so gut, wie die Werbeabteilung verspricht und man nach dem ersten Platz auf der Krimibestenliste glauben könnte.

Johannes Groschupf: Berlin Prepper

Suhrkamp, 2019

240 Seiten

14,95 Euro

Hinweise

Suhrkamp über Johannes Groschupf

Perlentaucher über „Berlin Prepper“


TV-Tipp für den 19. Juni: Süßes Gift

Juni 18, 2019

Arte, 20.15

Süßes Gift (Merci pur le chocolat, Frankreich/Schweiz 2000)

Regie: Claude Chabrol

Drehbuch: Claude Chabrol, Caroline Eliacheff

LV: Charlotte Armstrong: The Chocolate Cobweb, 1948

Die Direktorin eine Schokoladendynastie am Genfer See führt nicht nur ihr Unternehmen, sondern auch die Familie mit teils drastischen Mitteln.

Claude Chabrol (24. Juni 1930 – 12. September 2010) bei seinem Lieblingsobjekt: dem Bürgertum und ihrem sorgenfreien Leben. „Ein kühles, unaufgeregtes, im besten Sinne sprödes Meisterstück über die Lügen und Geheimnisse der Großbürger.“ (Tip 1/2001)

Mit Isabelle Huppert, Jacques Dutronc, Anna Mouglalis, Rodolphe Pauly, Michel Robin

Wiederholung: Donnerstag, 20. Juni, 13.45 Uhr

Hinweise

AlloCiné über „Süßes Gift“

Rotten Tomatoes über „Süßes Gift“

Wikipedia über „Süßes Gift“ (deutsch, englisch, französisch)


Cover der Woche

Juni 18, 2019


TV-Tipp für den 18. Juni: Big Fish

Juni 17, 2019

Disney Channel, 20.15

Big Fish – Der Zauber, der ein Leben zur Legende macht (Big Fish, USA 2003)

Regie: Tim Burton

Drehbuch: John August

Literaturvorlage: Daniel Wallace: Big Fish – A Novel of Mythic Proportions, 1998 (Big Fish)

Vertreter Edward Bloom ist ein begnadeter Geschichtenerzähler. Sein Sohn Will, der hinter den Geschichten nie den wahren Edward Bloom sah, brach deshalb vor Jahren entnervt den Kontakt zu ihm ab. Jetzt sitzt er an Edwards Sterbebett und versucht zum letzten Mal die Beziehung zu seinem Vater zu kitten. Aber dieser erzählt nur wieder einmal die altbekannten Geschichten aus seinem Leben und erfindet einige neue dazu.

Das Buch, eine lockere Sammlung von Episoden, ist bestenfalls solala. Aber der Film, der sich in vielen Teilen von dem Buch entfernt, die Episoden aus dem Buch und zahlreiche neue zu einer Biographie zusammenfügt und dabei das Thema des Buches deutlicher herausarbeitet,  ist eine zwischen trister Realität und farbenfreudiger Fantasie wechselnde Liebeserklärung an das Erzählen von Geschichten, die am Ende doch nicht so erfunden sind, wie der Sohn immer annahm.

Mit Ewan McGregor, Albert Finney, Billy Crudup, Jessica Lange, Helena Bonham Carter, Loudon Wainwright III, Steve Buscemi, Danny DeVito, Daniel Wallace (Econ Professor)

Hinweise

Homepage von Daniel Wallace

Homepage/Blog von John August (In der Abteilung „Downloads“ gibt es das Drehbuch und weiteres informatives Material zu „Big Fish“.)

Rotten Tomatoes über “Big Fish”

Wikipedia über “Big Fish” (deutsch, englisch)

Tim Burton bei Film-Zeit

Senses of Cinema-Artikel von Ben Andac über Tim Burton (2003)

Arte über die Tim-Burton-Reihe

Meine Besprechung von Tim Burtons “Frankenweenie” (Frankenweenie, USA 2012, nach einem Drehbuch von John August)

Meine Besprechung von Tim Burtons „Big Eyes“ (Big Eyes, USA 2014)

Meine Besprechung von Tim Burtons „Die Insel der besonderen Kinder“ (Miss Peregrine’s Home for Peculiar Children, USA 2016)

Meine Besprechung von Tim Burtons „Dumbo“ (Dumbo, USA 2019)

Tim Burton in der Kriminalakte

Meine Besprechung von John Augusts “The Nines” (The Nines, USA 2007)


Jim Nisbet, USA, „Welt ohne Skrupel“

Juni 17, 2019

Klinger, der vornamenlose Protagonist in Jim Nisbet neuestem Noir „Welt ohne Skrupel“, ist ein kleiner Verbrecher. Ganz unten auf der Futterleiter. Seine Coups gehen meistens schief. Immerhin gelingt es ihm immer wieder, in San Francisco der Polizei zu entkommen. Danach muss er seine Ex-Frau um Geld bitten. Dass Klinger jemals seine Schulden bezahlt, erwartet sie nicht. Auch der Wirt in Klingers Stammlokal und der Vermieter in der billigen Absteige, in der er übernachtet, sind erstaunt, wenn Klinger mal etwas Geld hat, mit dem er mehr als eine Nacht bezahlen kann und sogar seine Schulden etwas abstottern kann.

Als er nach einem Taschendiebstahl, bei dem er assistierte, das Smartphone eines App-Entwicklers hat, verändert sich sein Leben. Denn der Entwickler hat sich gerade mit seiner Geschäftspartnerin zerstritten (sie hat ihn finanziell gnadenlos über den Tisch gezogen) und jetzt will sie unbedingt dieses Telefon haben.

Plötzlich ist Klinger in einer Welt, die er bisher nicht kannte. Nicht, weil er keinen Computer besitzt, sondern weil hier Geldsummen bewegt werden, von denen er bislang nicht zu träumen wagte.

Unter Noir-Fans ist der 2017 von San Francisco nach Sausalito umgezogene Jim Nisbet ein bekannter Name. Bei Pulp Master erschienen in den vergangenen Jahren seine tiefschwarzen Romane „Dunkler Gefährte“, „Der Krake auf meinem Kopf“ und „Tödliche Injektion“. Der Noir, inzwischen ein kleiner Klassiker, erschien in den USA erstmals im kultigen Black Lizard Verlag.

Welt ohne Skrupel“ ist ein weiterer tiefschwarzer Noir. Wie der Titel schon andeutet, ist die von Jim Nisbet präzise gezeichnete Welt eine Welt, in der jeder jeden betrügt und Nächstenliebe eine Mischung aus etwas Geld und einem kostenlosen Drink ist. Viel mehr soll über die sparsame Handlung dieser starken Charakterstudie eines alternden Möchtegern-Verbrechers, dessen Leben bislang sogar für eine richtige Gefängniskarriere zu uninteressant war, nicht verraten werden.

Nisbet zeichnet eine kalte Welt ohne Skrupel und auch ohne Mitleid. Aber einer wie Klinger lässt sich davon nicht unterkriegen. Oder doch?

Jim Nisbet: Welt ohne Skrupel

(übersetzt von Ango Laina und Angelika Müller)

pulp master, 2019

240 Seiten

14,80 Euro

Originalausgabe

Snitch World

PM Press, 2013

Hinweise

Homepage von Jim Nisbet

Meine Besprechung von Jim Nisbets „Tödliche Injektion“ (Lethal Injection, 1987)

Meine Besprechung von Jim Nisbets „Dunkler Gefährte“ (Dark Companion, 2006)

Meine Besprechung von Jim Nisbets „Der Krake auf meinem Kopf“ (The Octopus on my Head, 2007)

Mein Interview mit Jim Nisbet

Jim Nisbet in der Kriminalakte

 


TV-Tipp für den 17. Juni: Ein Abend mit Peter Bogdanovich: Die letzte Vorstellung, Saint Jack

Juni 17, 2019

Heute ist Peter Bogdanovich vor allem als überaus kompetenter Gesprächspartnern in unzähligen Filmdokumentationen und für kleine Schauspielrollen (z. B. „Gefühlt Mitte Zwanzig“) bekannt. Dabei war er in den siebziger Jahren ein bekannter und erfolgreicher Regisseur, der drei Hits hintereinander hatte („Die letzte Vorstellung“, „Is’ was, Doc?“ [läuft öfter im TV] und „Paper Moon“). An diese Erfolgsserie konnte er nicht wieder anschließen.

Heute zeigt Arte aus keinem besonderem Grund zwei seiner schon lange nicht mehr, falls überhaupt, im TV gezeigten Filme

Arte, 20.15

Die letzte Vorstellung (The last picture show, USA 1971)

Regie: Peter Bogdanovich

Drehbuch: Larry McMurtry, Peter Bogdanovich

LV: Larry McMurtry: The last picture show, 1966 (Die letzte Vorstellung)

Hochgelobtes, an der Kinokasse erfolgreiches SW-Porträt einiger Jugendlicher, die 1951/1952 in der texanischen Kleinstadt Anarene leben, sich fragen, was aus ihrem Leben werden soll und das Dorfkino als Zuflucht haben, in dem sie von einem anderen Leben träumen können. Als der Betreiber stirbt, soll auch das Kino schließen.

Der Klassiker ist „kein nostalgischer Rückblick auf die ‚guten, alten Zeiten‘, wie ihn beispielsweise ‚American Graffiti‘ lieferte, sondern ein ehrliches, manchmal frustrierendes Psychogramm einer langsam zugrunde gehenden Kleinstadt.“ (TV Spielfilm: Das große Filmlexikon)

mit Timothy Bottoms, Jeff Bridges, Cybill Shepherd, Ben Johnson, Cloris Leachman, Ellen Burstyn, Eileen Brennan, Clu Gulager, Sam Bottoms, Randy Quaid, John Hillerman

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Die letzte Vorstellung“

Wikipedia über „Die letzte Vorstellung“ (deutsch, englisch) und Peter Bogdanovich (deutsch, englisch)

Arte, 22.15

Saint Jack (Saint Jack, USA 1979)

Regie: Peter Bogdanovich

Drehbuch: Howard Sackler, Paul Theroux, Peter Bogdanovich

LV: Paul Theroux: Saint Jack, 1973 (Saint Jack)

Weltenbummler Jack will 1971 in Singapur das beste Bordell der Welt eröffnen. Das ist einfacher gedacht als getan.

Ein kleiner Film, offensichtlich mit niedrigem Budget gedreht. Doch der ‚Wunderknabe‘ Bogdanovich zeichnet das Porträt des Glücksritters Saint Jack mit viel Sorgfalt und Interesse für eine Person.“ (Fischer Film Almanach 1981)

Ben Gazarra, der hier Saint Jack spielt, spielte in John Cassavetes‘ „Tod eines chinesischen Buchmachers“ (1976) eine ähnliche Figur.

Kameramann war Robby Müller

mit Ben Gazarra, Denholm Elliott, James Villers, Joss Ackland, George Lazenby, Peter Bogdanovich

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Saint Jack“

Wikipedia über „Saint Jack“


TV-Tipp für den 16. Juni: Sully

Juni 15, 2019

Sat.1, 20.15

Sully (Sully, USA 2016)

Regie: Clint Eastwood

Drehbuch: Todd Komarnicki

LV: Chesley Sullenberger/Jeffrey Zaslow: Highest Duty, 2009 (Man muss kein Held sein; Sully: Das Wunder vom Hudson)

Sehenswertes Biopic über Captain Chesley ‚Sully‘ Sullenberger, der am 15. Januar 2009 sein Passagierflugzeug kurz nach dem Start auf dem Hudson River notlanden musste. Die fast unmögliche Notladung gelang. Alle Passagiere konnten gerettet werden.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

Anschließend zeigt Sat.1 um 22.05 Uhr einen weiteren sehenswerten Tom-Hanks-Film: Steven Spielbergs ebenfalls auf Tatsachen basierender Thriller „Bridge of Spies: Der Unterhändler“ (USA 2015)

mit Tom Hanks, Aaron Eckhart, Laura Linney, Mike O’Malley, Jamey Sheridan, Anna Gunn, Holt McCallany, Chris Bauer, Jane Gabbert, Ann Cusack, Molly Hagan, Patch Darragh, Michael Rapaport

Wiederholung: Montag, 17. Juni, 00.50 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Sully“

Metacritic über „Sully“

Rotten Tomatoes über „Sully“

Wikipedia über „Sully“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über „Sully“: Gelungene Notlandung oder Totalcrash im Realitätscheck?

Meine Besprechung von Pierre-Henri Verlhacs (Herausgeber) „Clint Eastwood – Bilder eines Lebens“ (2008)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „Hereafter – Das Leben danach“ (Hereafter, USA 2010)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods “Jersey Boys” (Jersey Boys, USA 2014)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „American Sniper“ (American Sniper, USA 2014)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „Sully“ (Sully, USA 2016)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „The Mule“ (The Mule, USA 2018)

Clint Eastwood in der Kriminalakte

Die Vorlage

Zum Filmstart erschien Chesley B. Sullenbergers Biographie mit einem neuen Titel und neuem Cover

Sully von Chesley B Sullenberger

Chesley B. Sullenberger/Jeffrey Zaslow: Sully – Das Wunder vom Hudson

(übersetzt von Michael Bayer, Norbert Juraschitz und Henning Dedekind)

Penguin Verlag, 2016

352 Seiten

10 Euro

Deutsche Erstausgabe als „Man muss kein Held sein – Auf welche Werte es im Leben ankommt“.

Originalausgabe

Highest Duty – My Search for what really matters

William Morrow, New York, 2009

Und für SNL spielte Tom Hanks wieder Sully, der überhaupt keine Probleme mit seinem Ruhm hat


Neu im Kino/Filmkritik: „Sunset“, der zweite Film von „Son of Saul“-Regisseur László Nemes

Juni 15, 2019

Für sein Debüt „Son of Saul“ erhielt László Nemes den Auslands-Oscar. Neben etlichen anderen Preisen. Das intensive Drama wurde von der Kritik breit abgefeiert. Es ist einer der Feelbad-Filme, die man unbedingt einmal gesehen haben muss. Nemes erzählt die Geschichte von Saul Ausländer, der im KZ Auschwitz-Birkenau verzweifelt seinen Sohn (den er wahrscheinlich niemals hatte) nach jüdischem Ritus beerdigen möchte. Anhand dieser Geschichte schildert Nemes eine Odyssee durch das KZ. Dabei verfolgt er Saul in langen Plansequenzen mit der Handkamera. Der Schrecken findet am Bildrand, im Bildhintergrund und auf der Tonspur statt.

Sein neuester Film „Sunset“ erzählt auf den ersten Blick eine ganz andere Geschichte. Im Mittelpunkt des Historiendramas steht die junge Irisz Leiter, die 1913 in Budapest in dem edlen Geschäft anfangen möchte, das einst ihren Eltern gehörte und das noch immer ihren Namen trägt. Seit ihrer jüngsten Kindheit, als ihre Eltern bei einem Brand starben, ist Irisz eine Waise. Der neue Inhaber des Geschäfts, Oskar Brill, weist sie brüsk ab. Die ausgeschriebene Stelle sei schon lange besetzt.

Schon in diesem Moment zeigen die harschen und seltsamen Reaktionen von Brill und seinen Angestellten auf ihre Bewerbung, dass es um den Tod ihrer Eltern und den jetzigen Inhaber des Geschäftes ein Geheimnis gibt. Auch Irisz‘ Begehren, ausgerechnet diese Stelle zu bekommen, ist etwas seltsam. Auch sie verbirgt ihre wahren Absichten. Denn ihre Erklärung, dass sie als Leiter unbedingt in dem Geschäft arbeiten müsse, das ihren Namen trägt und das ihren Eltern gehörte, ist nicht sonderlich glaubwürdig. Außer sie möchte die künftige Inhaberin werden.

Etwas später erfährt Irisz Leiter, dass sie einen Bruder hat, über den nichts genaues bekannt ist. Er könnte als untergetauchter Revolutionär für verschiedene Anschläge verantwortlich sein.

Zunehmend wahnhaft versucht Irisz herauszufinden, was ihr verschwiegen wird.

Damit wird „Sunset“, wie „Son of Saul“, schnell zur Geschichte einer Person, die wahnhaft ein Ziel verfolgt, während unklar ist, ob sie dabei von einem Wahngebilde ausgeht. Also ob überhaupt irgendeine ihrer Grundannahmen stimmt. In dieser Beziehung ist Irisz eine Schwester von Saul.

Auch die Inszenierung gleicht der von „Son of Saul“. „Son of Saul“-Kameramann Mátyás Erdély inszeniert wieder beeindruckende und beeindruckend lange Plansequenzen. Wieder wird die Hauptperson unerbittlich in den Bildmittelpunkt gerückt und wieder verfolgt die Kamera sie unerbittlich, während wichtige Ereignisse am Bildrand und außerhalb des Bildes stattfinden.

Aber hier funktioniert dieses Stilmittel nur bedingt. Der KZ-Horror ist wesentlich bekannter. Seit Jahrzehnten wird darüber diskutiert ob und wie man ihn darstellen kann. „Son of Saul“ knüpft natürlich auch an diese Diskussion an und Nemes hat eine überzeugende Lösung gefunden. Über das Leben in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie kurz vor dem Ausbruch des I. Weltkriegs ist dagegen weniger bekannt. Nemes rekurriert hier auf ein historisches Wissen, das nicht vorhanden ist. Entsprechend schwierig sind die historischen Anspielungen zu entschlüsseln.

Gleichzeitig ist die Mystery-Geschichte sehr nebulös gehalten. Regisseur Nemes wollte das so, damit die Zuschauer selbst Dinge hineininterpretieren können.

Bei mir führte das dazu, dass ich den Ereignissen in „Sunset“ zunehmend distanziert und auch gelangweilt folgte. Zu unverständlich sind die Handlungen von Irisz Leiter. Zu viele Rätsel werden angehäuft, ohne wirklich aufgeklärt zu werden. Und in der letzten Minute wird das alles auf eine ganz andere Ebene gehoben, die auf mich wie ein fehlgeschlagener Witz wirkte.

Das ändert nichts daran, dass „Sunset“ technisch beeindruckend ist und er ein intensives, ziemlich alptraumhaftes Bild der Vorkriegszeit zeichnet.

Beim Venedig Film Festival 2018 gewann „Sunset“ den FIPRESCI Preis.

Im Gegensatz zu ‚Son of Saul‘, der sehr akribisch und fast dokumentarisch aufgebaut ist, erinnert ‚Sunset‘ an ein Märchen, ein Mysterium in sich. Es lädt den Zuschauer ein, zusammen mit der Protagonistin einen Weg durch einen Irrgarten aus Fassaden und Ebenen zu finden. Von Anfang an habe ich mir vorgestellt, dass der Film den Zuschauer in ein persönliches Labyrinth stürzt, während er Iris auf der Suche nach ihrem Bruder begleitet und mit ihr herauszufinden versucht, was sich in der Welt verbirgt, die sie erkennen will. Hinter jedem Hinweis, den sie zu entdecken scheint, gibt es widersprüchliche Informationen. Unter jeder Schicht kommt eine neue zum Vorschein, und die Hauptfigur mag sich selbst nicht einmal darüber im Klaren sein, welch ein tiefgehender Prozess sich in ihr vollzieht. Iris ist ein Charakter, der zwischen Licht und Dunkelheit gefangen ist, zwischen Schönheit und Gefahr, unfähig mit den Grauzonen zurechtzukommen. In diesem Sinne ist ‚Sunset‘ auch die Geschichte eines Mädchens, des Aufblühens einer seltsamen Blume.“

László Nemes über seinen Film

Sunset (Napszállta, Ungarn/Frankreich 2018)

Regie: László Nemes

Drehbuch: László Nemes, Clara Royer (Ko-Autor), Matthieu Taponier (Ko-Autor)

mit Juli Jakab, Vlad Ivanov, Susanne Wuest, Evelin Dobos, Marcin Czarnik, Levente Molnár

Länge: 142 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Sunset“

Metacritic über „Sunset“

Rotten Tomatoes über „Sunset“

Wikipedia über „Sunset

Meine Besprechung von László Nemes‘ „Son of Saul“ (Saul fia, Ungarn 2015)


TV-Tipp für den 15. Juni: Elliot, der Drache

Juni 14, 2019

Sat.1, 20.15

Elliot, der Drache (Pete’s Dragon, USA 2016)

Regie: David Lowery

Drehbuch: David Lowery, Toby Halbrooks (basierend auf einem Drehbuch von Malcolm Marmorstein und einer Geschichte von Seton I. Miller und S.S. Field)

Mr. Meacham (Robert Redford) erzählt den Dorfkindern Geschichten von einem Drachen, den er vor Jahren in den umliegenden Wäldern gesehen hat.

Eine Legende, bis seine Tochter Grace (Bryce Dallas Howard) im Wald den zehnjährigen Pete (Oakes Fegley) entdeckt, der behauptet, dass er die vergangenen Jahre im Wald von einem Drachen, den er Elliot nennt, behütet wurde. Und Elliot will das auch weiter tun.

Elliot, der Drache“ ist, wie man es von Disney erwartet, ein gelungener, liebenswert-charmanter Kinderfilm, der sein Publikum ernst nimmt.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

David Lowery gehört zu den interessantesten unauffälligen Regisseuren, die gelungen zwischen Independent- und Mainstream-Kino wechseln. Er inszenierte „St. Nick“ (2009), „The Saints – Sie kannten kein Gesetz“ (Ain’t Them Bodies Saints, 2013), „Elliot, der Drache“ (Pete’s Dragon, 2016), „A Ghost Story“ (2017) und „Ein Gauner & Gentleman“ (The Old Man & the Gun, 2018), Robert Redfords wundervolle Abschiedsvorstellung (bis zu seinem nächsten Film).

mit Bryce Dallas Howard, Oakes Fegley, Robert Redford, Wes Bentley, Karl Urban, Oona Laurence

Wiederholung: Sonntag, 16. Juni, 16.50 Uhr

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Elliot, der Drache“

Metacritic über „Elliot, der Drache“

Rotten Tomatoes über „Elliot, der Drache“

Wikipedia über „Elliot, der Drache“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von David Lowerys „Elliot, der Drache“ (Pete’s Dragon, USA 2016)

Meine Besprechung von David Lowerys „A Ghost Story“ (A Ghost Story, USA 2017)

Meine Besprechung von David Lowerys „Ein Gauner & Gentleman“ (The Old Man & the Gun, USA 2018)


TV-Tipp für den 14. Juni: Moon – Die dunkle Seite des Mondes

Juni 13, 2019

One, 21.00

Moon – Die dunkle Seite des Mondes (Moon, Großbritannien 2009)

Regie: Duncan Jones

Drehbuch: Nathan Parker (nach einer Idee von Duncan Jones)

Sam baut für einen Konzern auf dem Mond Helium ab. Sein einziger Gefährte ist der Roboter Gerty (im Original: Kevin Spacey). Nach einem Unfall trifft er in der Mondstation auf seinen Doppelgänger.

Sam Rockwell in einer Doppelrolle. Das ist schon mehr als die halbe Miete. Aber Duncan Jones hat in seinem Langfilmdebüt auch eine überzeugende Geschichte und, trotz des überschaubaren Budgets, überzeugende Tricks. All das macht „Moon“ zu einem der besten Science-Fiction-Filme der vergangenen Jahre.

„Moon“ wurde unter anderem mit dem Hugo-Award und etlichen normalen Filmpreisen, wie dem British Independent Film Awards als bester Film des Jahres, ausgezeichnet.

mit Sam Rockwell, Kevin Spacey, Dominique McElligott, Kaya Scodelario, Benedict Wong, Matt Berry, Malcolm Stewart

Wiederholung: Samstag, 15. Juni, 02.40 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Moviepilot über „Moon“

Metacritic über „Moon“

Rotten Tomatoes über „Moon“

Wikipedia über „Moon“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Duncan Jones‘ “Moon” (Moon, Großbritannien 2009) und ein Interview mit Duncan Jones über den Film

Meine Besprechung von Duncan Jones‘ „Source Code“ (Source Code, USA 2011)

Meine Besprechung von Duncan Jones“ „Warcraft: The Beginning“ (Warcraft: The Beginning, USA 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: Jim Jarmusch behauptet „The Dead don’t die“

Juni 13, 2019

Einerseits hat Jim Jarmusch noch keinen Zombiefilm und noch keine Komödie gedreht.

Andererseits ist jeder Jim-Jarmusch-Film eine Komödie und auch ein Zombiefilm. Denn nie sind seine Charaktere hundertprozentig von dieser Welt. In „Only Lovers left alive“ waren alle Hauptfiguren sogar Vampire. Aber auch fast alle anderen von Jim Jarmusch erfundenen Figuren wandeln etwas untot durch diese Welt. Die Dramen „Broken Flowers“ und „Paterson“ können als die Ausnahmen in seinem Werk gelten. Hier entsprachen die von Bill Murray und Adam Driver gespielten Figuren noch am meisten normal-bürgerlichen Personen. Phlegmatisch und von erstaunlichem Langmut sind sie trotzdem.

Einen sehr speziellen, sehr trockenen Humor haben alle seine Filme. Auch „The Dead don’t die“.

Durch Polarfracking verschiebt sich die Erdachse. Die gewohnten Tag- und Nachtzeiten stimmen nicht mehr. In Centerville, einer beschaulichen 738-Seelen-Gemeinde, steigen die Toten aus ihren Gräbern. Als Chief Clifford Robertson (Bill Murray) und Officer Ronald Peterson (Adam Driver), die lakonisch lakonischen Dorfpolizisten, in einem Diner die ersten Leichen sehen, hat Peterson gleich einen Verdacht. Die Bedienungen wurde von einem Zombie ermordet. Robertson hält das sofort für plausibel.

The Dead don’t die“ ist eine Nummernrevue, die mit dem richtigen Publikum ein grandioser Spaß ist. Denn Jim Jarmusch kennt seine Zombiefilme. Es gibt zahlreiche Anspielungen, vor allem natürlich auf das Werk von George A. Romero. Es werden auch alle vertrauten Genretopoi bedient. Aber halt anders, als gewohnt. Vor allem mit einem gnadenlosem Understatement. Nichts bringt unsere Helden aus der Ruhe.

Für seinen Film hat Jarmusch ein mehr als namhaftes Ensemble versammelt: Bill Murray, Adam Driver und Chloë Sevigny als Dorfpolizisten, Tilda Swinton als Bestatterin mit Samurai-Zusatzausbildung (in der deutschen Synchro mit einem Akzent, an den ich mich nie gewöhnen konnte), Tom Waits als Waldschrat (in der deutschen Synchro notgedrungen ohne seine markante Stimme), und Danny Glover, Steve Buscemi, Selena Gomez, Rosie Gomez, Caleb Landry Jones, Iggy Pop (auf der Suche nach Kaffee), Sara Driver, RZA und Carol Kane, um nur einige zu nennen, als Dorfbewohner und Gäste mit mehr oder weniger begrenzter Lebenszeit. Dieses Ensemble ist auch eine kleine Jarmusch-Familienfeier.

The Dead don’t die“ ist nicht Jarmuschs bester Film. Es ist vor allem ein entspannter Feierabendspaß.

Damit ähnelt die phlegmatische Zombiekomödie am meisten seinem Film „Coffee and Cigarettes“. In dieser 2004 zu einem Spielfilm fasste er eine über mehrere Jahre entstandene Reihe von Kurzfilmen zusammen, in denen sich an einem Tisch mit Kaffee und Zigaretten über Gott und die Welt unterhalten wird. Mal tiefsinnig, mal banal, mal abgedreht.

The Dead don’t die (The Dead don’t die, USA 2019)

Regie: Jim Jarmusch

Drehbuch: Jim Jarmusch

mit Bill Murray, Adam Driver, Tom Waits, Chloë Sevigny, Steve Buscemi, Danny Glover, RZA, Rosie Perez, Carol Kane, Tilda Swinton, Sara Driver, Iggy Pop, Selena Gomez, Caleb Landry Jones, Larry Fessenden, Eszter Balint, Sturgill Simpson

Länge: 105 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Dead don’t die“

Metacritic über „The Dead don’t die“

Rotten Tomatoes über „The Dead don’t die“

Wikipedia über „The Dead don’t die“ (deutsch, englisch) und über Jim Jarmusch (deutsch, englisch)

The Jim Jarmusch Resource Page

Senses of Cinema über Jim Jarmusch

Jim Jarmusch in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Jim Jarmuschs “Only Lovers left alive” (Only Lovers left alive, Deutschland/Großbritannien/Frankreich/Zypern/USA 2013)

Meine Besprechung von Jim Jarmuschs „Paterson“ (Paterson, USA 2016) und der DVD

Meine Besprechung von Jim Jarmuschs „Gimme Danger“ (Gimme Danger, USA 2016)


TV-Tipp für den 13. Juni: Inglourious Basterds

Juni 12, 2019

Vox, 22.55

Inglourious Basterds (Inglourious Basterds, USA/Deutschland 2009)

Regie: Quentin Tarantino [Regie „Nation’s Pride“: Eli Roth]

Drehbuch: Quentin Tarantino (deutsche Dialoge: Tom Tykwer; französische Dialoge: Nicholas Richard)

Frankreich, 1944: Aldo Raine und seine Spezialeinheit sind zum Nazi-Skalpieren nach Europa gekommen. Die Jüdin Shosanna will den SS-Mann Hans Landa (Oscar für Christoph Waltz), der ihre Familie umbrachte, töten. In Paris, in einem Kino, treffen sie sich.

Ein feiner Kriegsfilm, den man unbedingt in der Originalfassung, in der meisterlich zwischen den verschiedenen Sprachen gewechselt wird, ansehen sollte. Außerdem wird auch im Original die meiste Zeit deutsch gesprochen.

Wahrscheinlich wird die deutsche Synchronisation gezeigt.

mit Brad Pitt, Mélanie Laurent, Eli Roth, Christoph Waltz, Michael Fassbender, Diane Kruger, Daniel Brühl, Til Schweiger, Gedeon Burkhard, Jacky Ido, B. J. Novak, Omar Doom, August Diehl, Sylvester Groth, Martin Wuttke, Mike Myers, Julie Dreyfus, Mike Myers, Rod Taylor, Sönke Möhring, Ken Duken, Christian Berkel, Ludger Pistor, Jana Pallaske, Bo Svenson, Enzo G. Castellari (als er selbst), Samuel L. Jackson (Erzähler in der Originalversion)

Wiederholung: Freitag, 14. Juni, 02.05 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Moviepilot über „Inglourious Basterds“

Metacritic über „Inglourious Basterds“

Rotten Tomatoes über „Inglourious Basterds“

Wikipedia über „Inglourious Basterds“ (deutsch, englisch)

Collider: Interviews zum Film mit Christoph Waltz, Eli Roth, Samm Levine, B. J. Novak, Diane Kruger und Melanie Laurent

YouTube: Cannes-Pressekonferenz “Inglourious Basterds” (Teil 1, Teil 2)

The Quentin Tarantino Archives (Fanseite)

Everthing Tarantino (dito)

Q-Tarantino.de (noch eine Fanseite)

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „Quentin Tarantino gegen die Nazis – Alles über ‘Inglourious Basterds’“ (Kleine Schriften zum Film: 1, 2009)

Meine Besprechung von Quentin Tarantinos „Django Unchained“ (Django Unchained, USA 2012)

Kriminalakte über Quentin Tarantino und „Django Unchained“ (Bilder,Pressekonferenz und Comic)

Meine Bespechung von Quentin Tarantinos „The Hateful 8“ (The Hateful Eight, USA 2015)

 Quentin Tarantino in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 12. Juni: RBG – Ein Leben für die Gerechtigkeit

Juni 11, 2019

ZDF Info, 20.15

RBG – Ein Leben für die Gerechtigkeit (RBG, USA 2018)

Regie: Betsy West, Julie Cohen

Drehbuch: Betsy West, Julie Cohen

RBG aka Ruth Bader Ginsburg, Richterin am Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten, Frauenrechtlerin, Kämpferin für Gleichberechtigung (durch Gerichtsverfahren und Urteile) und in den USA bekannter als ein bunter Hund.

Oscar-nominierte Doku, die ein „hochinteressantes, zur Reflexion anregendes Porträt einer von ihrer Aufgabe geradezu besessenen Frau“ (Lexikon des internationalen Films)

Die ideale Ergänzung zu dem ebenfalls sehenswertem Biopic „Die Berufung“ (mit Felicity Jones als Ruth Bader Ginsburg), das kürzlich in unseren Kinos lief.

Mit Ruth Bader Ginsburg, Martin D. Ginsburg, Arthur R. Miller, James Ginsburg, Jane Ginsburg, Bill Clinton, Orrin Hatch

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „RBG“

Metacritic über „RBG“

Rotten Tomatoes über „RBG“

Wikipedia über „RBG“ (deutsch, englisch) und Ruth Bader Ginsburg (deutsch, englisch)


Cover der Woche

Juni 11, 2019


TV-Tipp für den 11. Juni: Rassenkrieg in den USA?

Juni 10, 2019

Arte, 21.10

Rassenkrieg in den USA? (USA 2018)

Regie: Adam Bhala Lough

Drehbuch: Adam Bhala Lough

Das müsste die auf eine knappe Stunde gekürzte Fassung der 104-minütigen Doku „Alt-Right: Age of Rage“ sein.

Arte über die Doku: „Zwei Männer, die sich hassen und die unterschiedlicher kaum sein könnten: Richard Spencer, weiß und radikaler Rassist; Daryle Lamont Jenkins, schwarz und wild entschlossen, gegen die Fantasien von weißer Vorherrschaft zu kämpfen. Sie stehen für den Konflikt zwischen Rechts und Links, der Amerika zu spalten droht. (…)

Das Doppelporträt der beiden Kontrahenten Spencer und Jenkins begleitet die beiden bei ihren Aktionen und lässt sie unkommentiert über ihre Ansichten sprechen, um die Hintergründe der gegensätzlichen Positionen zu beleuchten. Zu Wort kommen auch Jared Taylor, Gründer der rechtsradikalen Zeitschrift „American Renaissance“, sowie der Journalist Mark Potok, der für die gemeinnützige Organisation „Southern Poverty Law Center“ extremistische Randgruppen beobachtet.“

Davor, um 20.15 Uhr, läuft „Never Again – Amerikas Jugend gegen den Waffenwahn“ (Deutschland 2019, Regie: Sebastian Bellwinkel), danach, um 22.05 Uhr, „Undercover bei den Neuen Rechten – Mein Jahr in der Alt-Right“ (Großbritannien 2018, Regie: Bosse Lindquist).

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Alt-Right: Age of Rage“

Wikipedia über Adam Bhala Lough und die Alt-Right-Bewegung (deutsch, englisch)