TV-Tipp für den 9. Januar: Die Entführer lassen grüßen

Januar 9, 2017

Arte, 22.15

Die Entführer lassen grüßen (Frankreich/Italien 1971, Regie: Claude Lelouch)

Drehbuch: Claude Lelouch, Pierre Uytterhoeven

Fünf Gauner entdecken Entführungen als Geschäftsmodell. Ihre Geisel werden immer höhere Repräsentanten der Gesellschaft.

Laue, extrem selten gezeigt Komödie, die sich – weil viel zu undifferenziert – erfolglos in Gesellschaftskritik versucht. „Die Entführer lassen grüßen“ ist, trotz einiger gelungener Szene, wirklich kein wichtiger Lelouch- oder Ventura-Film.

„Mäßig unterhaltsame Burleske mit oberflächlicher Kritik an Ideologien; stellenweise amüsant, doch überwiegend auf billige Gags und mäßige Späße ausgerichtet.“, schrieb der Katholische Film-Dienst zutreffend zum deutschen Kinostart.

Meinolf Zurhorst und Lothar Just urteilten in ihrem „Lino Ventura“-Buch ähnlich: „Lelouch, gerühmt von den Schauspielern für seine Improvisationsfreude und die Freiheit, die er seinen Darstellern lässt, trat mit ‚Die Entführer lassen grüßen’ in viele Fettnäpfchen. Sein Film ist nicht nur Gaunerkomödie, sondern auch eine deftige, nicht immer geschmacksichere Politiksatire, die alles über einen Kamm schert, seien es lateinamerikanische Freiheitsbewegungen oder die Aktivitäten der CIA…Lelouchs eigenwilliger Stil, immer auf knallige Effekte bedacht und konsumfreundlich, eingängig unterstützt  durch die Musik von Francis Lai, lässt dabei manch gelungene Szene zu, etwa jene, in der die Ganoven am strand verschiedene Annäherungstaktiken für die da liegenden Schönheiten einüben. Man spürt förmlich den Spaß, den die Hauptdarsteller bei der Arbeit gehabt haben.“ Nur überträgt sich dieser Spaß nicht ins Wohnzimmer.

Mit Lino Ventura, Jacques Brel, Charles Denner, Yves Robert, Johnny Hallyday (als er selbst), Juan Luis Buñuel, André Falcon

Hinweise

Homepage von Claude Lelouch (viele Bilder, viele französische Texte)

Wikipedia über „Die Entführer lassen grüßen“ (deutsch, englisch, französisch) und Claude Lelouch (deutsch, englisch, französisch)

Arte über die Claude-Lelouch-Filmreihe


Verfilmte Bücher (mit Kritik des TV-Films): „Inspektor Jury spielt Katz und Maus“ ist „Inspektor Jury spielt Katz und Maus“

Januar 8, 2017

Am Dienstag, den 10. Januar, zeigt das ZDF um 20.15 Uhr seine dritte Martha-Grimes-Verfilmung „Inspektor Jury spielt Katz und Maus“. Die Österreicher konnten sie schon am 6. Januar sehen und sich angesichts der beteiligten Personen, die schon in die vorherigen Grimes-Verfilmungen involviert waren, davon überzeugen, dass das unterirdische Niveau der vorherigen beiden Jury-Filme mühelos gehalten wird.

Ihren ersten Inspektor-Jury-Roman „Inspektor Jury schläft außer Haus“ (The Man With a Load of Mischief) veröffentlichte Martha Grimes 1981. Für „Inspektor Jury sucht den Kennington-Smaragd“ (The Anodyne Necklace, 1983) erhielt sie den Nero Wolfe Award. Der neunte Jury-Roman „Inspektor Jury besucht alte Damen“ (The Five Bells and Bladebone, 1987) war ihr erster Roman auf der „New York Times“-Bestsellerliste. Seit Ewigkeiten sind die deutschen Übersetzungen ihrer Romane bei verschiedenen Verlagen in unzähligen Ausgaben gut erhältlich. 2012 ernannten die Mystery Writers of America sie zum Grand Master.

Der jetzt verfilmte Krimi „Inspektor Jury spielt Katz und Maus“ ist der siebte von inzwischen 23 Jury-Romanen und es handelt sich eigentlich um einen Nicht-Fall. In – ich folge jetzt der Romangeschichte – Ashdown Dean stirbt in einer Telefonzelle Una Quick. Alles spricht, auch wenn die Umstände etwas ungewöhnlich sind, für einen natürlichen Todesfall. Die alte Dame hatte einen Herzinfarkt. Weil die Tote von Polly Praed entdeckt wurde und sie Melrose Plant darüber informiert, ist Richard Jury schnell involviert.

Plant ist ein Adliger, der seinen Adelstitel ablegte und ständiger Begleiter von Scotland-Yard-Superintendent Richard Jury ist. Jury wird nur auf den deutschen Buchtiteln mit konstanter Boshaftigkeit zum „Inspektor“ degradiert.

Jury will in Ashdown Dean ein wenig herumschnüffeln und dabei seinen beiden Freunden Plant und Praed helfen.

Nach diesem Set-Up verliert der Fall in der englischen Provinz schnell jede Struktur in einem Dickicht von Sub- und Nebenplots, die spannungsfrei mehr die Seiten füllen als die Ermittlungen irgendwie voran zu bringen. Jedenfalls gibt es weitere seltsame Todesfälle; den dritten, schon im Klappentext angekündigten Toten gibt es auf Seite 204. Der Roman endet auf Seite 250. Ein von einer Baronin quasi adoptierter Teenager mit seltsamer, in epischer Breite geschilderter (und deshalb für die Lösung wichtiger) Vergangenheit, einem großen Herz für Tiere und einer riesigen Abneigung gegen eine Tierversuchsanlage (die am Ende als Handlungsort wichtig wird) streunt durch die englischen Wälder und erteilt Tierquälern handfeste Lektionen. Und, immerhin steht Martha Grimes in der Tradition von Agatha Christie, eine Baronin mit Hang zum Alkohol ist auch in den Fall involviert.

Letztendlich ist „Inspektor Jury spielt Katz und Maus“ ein reichlich konfuses Werk mit einer auch im Nachhinein kaum nachvollziehbaren Geschichte und einer kryptischen Auflösung in wenigen lustlos präsentierten Zeilen, während Agatha Christie dafür mehrere Seiten mit zahlreichen Verdächtigen und ihren möglichen Motiven, die uns haarklein von einem Meisterdetektiv erklärt werden, benötigt hätte.

Der Klamauk der Verfilmungen fehlt zwar in dem Roman, aber dieser Jury-Krimi ist wirklich nicht geeignet, irgendjemand zu einem Jury-Fan zu machen.

In der Verfilmung entdeckt dann nicht Polly Praed, sondern Melrose Plants nervig -trutschige Tante. Lady Agatha Ardry (Katharina Thalbach mit perversem Hang zur Wilmersdorfer Witwe) die Leiche und, als Amateurdetektivin, ermittelt sie auch ganz eifrig. Wobei ihr Tatverdächtiger dann gleich – witzig, witzig – der nächste Tote ist und sie – gähn – schreiend die Leiche entdeckt. Insgesamt ist der weit hergeholte Krimiplot in dem Neunzig-Minüter deutlich nachvollziehbarer und stringenter erzählt als im Roman. Auch weil auf einige seitenlange Abwege zugunsten einer knappen Erklärung verzichtet wurde und Verdachtsmomente und mögliche Mordmotive deutlicher herausgearbeitet werden. Aber der biedere, vollkommen unwitzige Fünfziger-Jahre-Humor und das zwischen extremer Blasiertheit und extremsten Overacting, für das sich sogar ein Laientheater schämen würde, schwankende Spiel der Schauspieler, die in anderen Rollen durchaus überzeugen (zum Beispiel Arndt Schwering-Sohnrey in dem Tatort „Das verlorene Kind“, den der BR am Dienstag parallel zum Jury-Film zeigt) vergällt einem jede Freude.

Trotzdem ist, vielleicht angesichts meinen eh schon geringen Erwartungen und der zeitnahen Lektüre der mehr als enttäuschenden Vorlage, „Inspektor Jury spielt Katz und Maus“ nach „Der Tote im Pub“ und „Mord im Nebel“ die bislang erträglichste Jury-Verfilmung.

Inspektor Jury spielt Katz und Maus von Martha Grimes

Martha Grimes: Inspektor Jury spielt Katz und Maus

(übersetzt von Susanne Baum)

Goldmann, 2017

256 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

The Deer Leap

Little Brown and Company, 1985

Die Verfilmung (im ZDF am Dienstag, den 10. Januar, um 20. 15 Uhr)

Inspektor Jury spielt Katz und Maus (Deutschland/Irland/Österreich 2017)

Regie: Andi Niessner

Drehbuch: Günter Knarr

mit Fritz Karl, Götz Schubert, Katharina Thalbach, Arndt Schwering-Sohnrey, Marlene Morreis, Robyn Wright, Judith Rosmair

Hinweise

ZDF über „Inspektor Jury: Mord im Nebel“

Homepage von Martha Grimes

Krimi-Couch über Martha Grimes

Goldmann: Martha-Grimes-Special

Wikipedia über Martha Grimes (deutsch, englisch)

Berühmte Detektive über Richard Jury


TV-Tipp für den 8. Januar: Das finstere Tal

Januar 8, 2017

3sat, 21.45
Das finstere Tal (Österreich/Deutschland 2013)
Regie: Andreas Prochaska
Drehbuch: Martin Ambrosch, Andreas Prochaska
LV: Thomas Willmann: Das finstere Tal, 2010
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts reitet ein einsamer Fremder in ein abgelegenes Alpental, das von dem Patriarchen Brenner und seinen Söhnen beherrscht wird. Der Fremde will, so sagt er, über den Winter bleiben und fotografieren. Schon bald sterben die Leute.
Äußerst gelungener Alpenwestern. Während der Roman mehr in Richtung Ludwig Ganghofer geht, geht der Film mehr in Richtung Sergio Leone.
mit Sam Riley, Tobias Moretti, Paula Beer, Clemens Schick, Erwin Steinhauer, Hans-Michael Rehberg, Carmen Gratl, Helmuth A. Häusler, Martin Leutgeb, Florian Brückner
Wiederholung: Montag, 9. Januar, 02.35 Uhr (Taggenau!)

Die lesenswerte Vorlage

Willmann - Das finstere Tal - 2

Thomas Willmann: Das finstere Tal
Ullstein, 2014
320 Seiten
9,99 Euro

Erstausgabe
Liebeskind, 2010

Hinweise

Homepage zum Film

Perlentaucher über „Das finstere Tal“

Film-Zeit über „Das finstere Tal“

Moviepilot über „Das finstere Tal“

Wikipedia über „Das finstere Tal“

Meine Besprechung von Andreas Proschaskas „Das finstere Tal“ (Österreich/Deutschland 2013)


TV-Tipp für den 7. Januar: Eine dunkle Begierde

Januar 7, 2017

3sat, 23.30
Eine dunkle Begierde (A dangereous method, Deutschland/Kanada/Großbritannien/Schweiz 2011)
Regie: David Cronenberg
Drehbuch: Christopher Hampton (nach dem Roman „A dangerous method“ von John Kerr und dem Theaterstück „The talking cure“ von Christopher Hampton)
Auf Tatsachen basierender Film über die Beziehung zwischen C. G. Jung, seiner Patientin Sabina Spielrein (die später eine geachtete Psychologin wird) und Sigmund Freud.
Ein toller Schauspielerfilm, der aber mehr wie eine besonders gute Arte-Produktion und weniger wie ein David-Cronenberg-Film wirkt.
mit Viggo Mortensen, Keira Knightley, Michael Fassbender, Vincent Cassel, Sarah Gadon, André Hennicke, Arndt Schwerin-Sohnrey, Anna Thalbach
Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Eine dunkle Begierde“

Rotten Tomatoes über „Eine dunkle Begierde“

Wikipedia über „Eine dunkle Begierde“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Marcus Stigleggers “David Cronenberg” (2011)

Meine Besprechung von David Cronenbergs „Cosmopolis“ (Cosmopolis, Frankreich/Kanada 2012)

Meine Besprechung von David Cronenbergs “Maps to the Stars” (Maps to the Stars, Kanada/USA/Deutschland/Frankreich 2014) (und die DVD-Kritik)

David Cronenberg in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 6. Januar: Andromeda – Tödlicher Staub aus dem All

Januar 6, 2017

3sat, 20.15

Andromeda – Tödlicher Staub aus dem All (USA 1971, Regie: Robert Wise)

Drehbuch: Nelson Gidding

LV: Michael Crichton: The Andromeda Strain, 1969 (Andromeda)

Dr. Stone und seine Kollegen müssen in einem unterirdischem Labor herausfinden, warum nach einem Absturz einer Raumsonde nur ein Baby und ein alter Trinker eine Infektion mit einem außerirdischem Virus überlebten.

Ein immer noch sehenswerter und spannender Science-Fiction-Thriller, der sich wirklich um seinen Science-Anteil bemüht (dafür gibt es keine Weltraumschlachten und keine Aliens) und deshalb bei Science-Fiction-Fans entsprechend beliebt ist.

Der Film war für den Hugo nominiert – und selbstverständlich muss der „tödliche Staub“ nicht aus dem All kommen. Ein gewöhnliches Forschungslabor tut es auch.

„Andromeda“ ist der erste Roman, den Crichton unter seinem Namen schrieb.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung der Blu-ray.

Mit Arthur Hill, David Wayne, James Olson, Kate Reid, Richard O’Brien, Kate Reid, George Mitchell

Wiederholung: Sonntag, 8. Januar, 02.25 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Andromeda – Tödlicher Staub aus dem All“

Turner Classic Movies über „Andromeda – Tödlicher Staub aus dem All“

Wikipedia über „Andromeda – Tödlicher Staub aus dem All“ (deutsch, englisch)

Homepage von Michel Crichton und Michael Crichton über „Andromeda“

Mein Nachruf auf Michael Crichton

Meine Besprechung von Robert Wises „Vorposten in Wildwest“ (Two Flags West, USA 1950)

Meine Besprechung von Robert Wises „Andromeda – Tödlicher Staub aus dem All“ (The Andromeda Strain, USA 1971)


Neu im Kino/Filmkritik: „Passengers“ – Jennifer Lawrence und Chris Pratt auf Weltraumurlaub

Januar 5, 2017

Die Avalon befördert über fünftausend Siedler und Besatzungsmitglieder zu einem neuen Planeten. Weil die Reise nach Homestead II 120 Jahre dauert, wurden die Menschen in einen Tiefschlaf versetzt, während Roboter das wirklich gut aussehende Schiff putzen, fliegen und auch anfallende Reparaturen erledigen. Während eines Asteroideneinschlags kommt es zu einer Fehlfunktion und Jim (Chris Pratt) wird geweckt. Neunzig Jahre zu früh. Seine ersten Versuche, sich aus seiner misslichen Situation zu befreien, scheitern. Zu bestimmten Bereichen des Schiffes hat er keinen Zugang. Die Beantwortung eines Hilferufs würde Jahrzehnte dauern und sein Vermögen sprengen. Denn die Avalon ist ein privates Schiff und die Hotline hat die bekannten irdischen Qualitäten. Als Maschinenbauingenieur versucht er, den Defekt an seinem Hibernation Pod zu beheben. Allerdings sind die Pods nur für eine einmalige Benutzung gedacht.

Immerhin gibt es in der Bar einen immer freundlichen Barkeeper. Arthur (Michael Sheen) ist ein Androide, der programmiert als der beste Barkeeper des Universums für den Humor des Films zuständig ist. Was dank der grandiosen Understatement-Leistung von Michael Sheen auch bestens gelingt.

Nachdem Jim das übliche Freizeitprogramm für Alleinreisende – Solo-Sport, Weltraumspaziergänge, überbordender Bartwuchs, lustvolles Zerstören der Einrichtung und kostenloses Upgrade in ein besseres Zimmer – durch hat, entdeckt er unter den sich im Tiefschlaf befindenden Personen eine Frau, in die er sich verliebt.

Irgendwann reicht ihm das stille Bewundern nicht mehr. Er weckt die Journalistin und erzählt ihr, dass es leider eine Fehlfunktion gegeben habe. Aurora (Jennifer Lawrence) glaubt ihm. Sie beginnen beide, mangels Alternativen, das Luxusleben im Raumschiff zu genießen – und jetzt habe ich schon ungefähr den halben Film verraten.

Dabei hat Aurora noch nicht erfahren, dass sie von Jim geweckt wurde (das ist jetzt keine echte Überraschung) und Laurence Fishburne, der als vierter Hauptdarsteller schon im Trailer gezeigt wird, ist noch nicht aufgetaucht.

Passengers“, der neue Film von „The Imitation Game“-Regisseur Morten Tyldum sieht gut aus. Das Raumschiff ist innen und außen eine wahre Augenweide und bei den Bildern aus dem Weltraum möchte man wirklich einen kleinen Spaziergang in ‚outer space‘ unternehmen. Auch die beiden Hauptdarsteller, Chris Pratt und Jennifer Lawrence (weniger Leinwandzeit, aber die erste Nennung und die höhere Gage), sehen gut aus und sind grundsympathisch. Allerdings herrscht zwischen ihnen eine ziemliche Funkstille, die vor allem am Drehbuch von Jon Spaihts liegt. Nach „Prometheus“ und „Dr. Strange“ und vor „The Mummy“ (der Tom-Cruise-Actionfilm ist in der Post-Produktion) gehört er zur Top-Liga der Drehbuchautoren. „Passengers“ schrieb er bereits vor über zehn Jahren. 2007 stand es auf der „Black List“, der jährlichen Liste guter, bis dahin nicht verfilmter Hollywood-Drehbücher. Es ist also eines seiner frühesten Werke. Er konnte es unbeeinflusst von Studiowünschen schreiben und selbstverständlich war es gedacht als Türöffner. Deshalb konzentriert sich die Geschichte auf wenige Personen (es gibt nur vier Rollen) und wenige Sets (einige Räume in einem Raumschiff). Das kann sehr günstig gedreht werden. Auch wenn „Passengers“ jetzt doch einen dreistelligen Millionenbetrag, der sich in beeindruckenden Sets und Bilder niederschlägt, kostete.

Wichtig ist bei einem ohne Auftrag geschriebenem Drehbuch, das zu Aufträgen führen soll, die Konstruktion des Drehbuchs und die stimmt; irgendwo zwischen Lehrbuch und TV-Vierteiler (also vier Episoden à 25 Minuten, in denen pro Episode ein Problem gelöst wird). Das hat Jon Spaihts wirklich gut, immer wieder mit viel Witz, aber auch ohne jemals auch nur im Ansatz die Tiefen der Geschichte auszuloten gemacht.

Denn die zahlreichen potentiellen Konflikte (die einem beim Ansehen des Trailers einfallen) werden entweder ignoriert (sorry, keine Aliens), schnell gelöst oder umgangen.

Das gilt vor allem für den im Zentrum des Films stehenden Konflikt zwischen Jim und Aurora. Immerhin hat er sie als sein Objekt des Begehrens geweckt und, weil sie jetzt das Ziel ihrer Reise niemals erreichen wird, zum Tod verurteilt. Er muss also unbedingt seine Tat vor ihr verheimlichen. Allerdings ahnt sie auch nichts davon. Sie akzeptiert sofort, dass sie durch eine dumme Fehlfunktion geweckt wurde. Das ist halt Schicksal. Dafür kann man niemand verantwortlich machen.

Erst durch Arthur erfährt sie den wahren Grund. Er sagt es ihr nebenbei. Nachdem ihm Jim einige Minuten früher sagte, dass er Aurora jetzt sagen wolle, dass er sie geweckt habe.

Sie ist darüber nicht begeistert und ehe es zu einigen dramatischen Ereignissen kommt, wird sich erst einmal in bester Pilcher-Manier angeschwiegen. Bis Laurence Fishburne plötzlich im Raumschiff steht und es zu einigen dramatischen Ereignissen kommt, die die letzte halbe Stunde fotogen füllen.

Passengers“ ist ein optisch beeindruckender Science-Fiction-Film, der mit seiner klaren Konstruktion der Geschichte gefällt, aber immer an der Oberfläche bleibt. Er ist ein Werbeclip für Weltraumreisen (allein schon das Schwimmbad) und kein existentialistisches Drama.

passengers-plakat

Passengers (Passengers, USA 2016)

Regie: Morten Tyldum

Drehbuch: Jon Spaihts

mit Chris Pratt, Jennifer Lawrence, Michael Sheen, Laurence Fishburne

Länge: 117 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Passengers“

Metacritic über „Passengers“

Rotten Tomatoes über „Passengers“

Wikipedia über „Passengers“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Morten Tyldums „Headhunters“ (Hodejegerne, Norwegen/Deutschland 2011)

Meine Besprechung von Morten Tyldums „The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben“ (The Imitation Game, USA/Großbritannien 2014)


TV-Tipp für den 5. Januar: Im Schatten des Zweifels/Saboteure

Januar 5, 2017

Zwei immer wieder sehenswerte Filme vom Meister

3sat, 20.15

Im Schatten des Zweifels (USA 1943, Regie: Alfred Hitchcock)

Drehbuch: Thornton Wilder, Alma Reville, Sally Benson (nach einer Story von Gordon McDonnell)

Die junge Charlie ist begeistert: Ihr Lieblingsonkel kommt zu Besuch in die verschlafene Kleinstadt. Aber dann fragt sie sich, ob ihr Onkel ein mehrfacher Frauenmörder ist.

Suspense – und das gelungene Porträt einer US-amerikanischen Kleinstadt. Einer von Hitchcocks Lieblingsfilmen.

mit Joseph Cotten, Teresa Wright, MacDonald Carey, Patricia Collins, Hume Cronyn

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Im Schatten des Zweifels“

Wikipedia über „Im Schatten des Zweifels“ (deutsch, englisch)

nach eine kurzen Erholungspause:

3sat, 22.25

Saboteure (USA 1942, Regie: Alfred Hitchcock)

Drehbuch: Peter Viertel, Joan Harrison, Dorothy Parker (nach einer Story von Alfred HItchcock)

Mechaniker Barry wird von der Polizei verdächtigt, einen Anschlag auf eine Flugzeugfabrik verübt zu haben.

Eher unbekanntes und daher grundlos unterschätztes Werk des Meisters, mit einem grandiosen Finale auf der Freiheitsstatue. In „Der unsichtbare Dritte“ ließ Hitchcock seine Hauptdarsteller auf einem anderen Nationalheiligtum herumkraxeln.

mit Robert Cummings, Priscilla Lane, Otto Krüger, Alan Baxter, Alma Kruger

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Saboteure“

Wikipedia über „Saboteure“ (deutsch, englisch) über Alfred Hitchcock (deutsch, englisch)

Senses of Cinema (Ken Mogg) über Alfred Hitchcock

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 2

Meine Besprechung von Alfred Hitchcocks “Mr. und Mrs. Smith” (Mr. and Mrs. Smith, USA 1941)

Meine Besprechung von Thilo Wydras “Alfred Hitchcock”

Alfred Hitchcock in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Robert Blochs “Psycho” (Psycho, 1959)

Meine Besprechung von Robert V. Galluzzos “Psycho Legacy” (The Psycho Legacy, USA 2010 – eine sehenswerte Doku über die “Psycho”-Filme mit Anthony Perkins, mit vielen Stunden informativem Bonusmaterial)

Meine Besprechung von Stephen Rebellos “Hitchcock und die Geschichte von ‘Psycho’” (Alfred Hitchcock and the Making of ‘Psycho’, 1990)

Meine Besprechung von Sacha Gervasis auf Stephen Rebellos Buch basierendem Biopic “Hitchcock” (Hitchcock, USA 2012)

 


DVD-Kritik: Die neue Japrisot-Verfilmung „The Lady in the Car with Glasses and a Gun“

Januar 4, 2017

Da hat sich Sébastien Japrisot vor Jahrzehnten einen genialen Titel – „Porträt einer Dame im Auto mit Brille und Gewehr“ (alter deutscher Romantitel) oder „Die Dame im Auto mit Brille und Gewehr“ (deutscher Titel der ziemlich verschollenen Erstverfilmung von 1970) – und eine geniale Prämisse ausgedacht.

Denn die titelgebende Dame, die Anfang-Zwanzigjährige Sekretärin Dany (Freya Mavor), soll den Thunderbird ihres Chefs vom Flughafen zurück in die Garage fahren. Spontan entschließt sie sich, in Richtung Süden zu fahren. Sie war noch niemals am Mittelmeer und jetzt, mit dem Sportwagen ihres Chefs und einer kleinen Extra-Entlohnung in der Tasche, will sie ihren Traum verwirklichen. Während der Fahrt sprechen sie mehrere Leute an, die behaupten, sie vom Vortag zu kennen. Aber das ist unmöglich. Dann zu dem Zeitpunkt war sie in Paris in der Werbeagentur.

Ein Unbekannter überfällt sie im Waschraum einer typisch französischen Tankstelle und verstaucht ihre Hand. Aber niemand hat den Unbekannten gesehen.

Ein aufdringlicher, aber auch charmanter Anhalter, Typ „der junge Belmondo“, steigt ungefragt zu ihr in den Thunderbird. Immerhin behauptet er nicht, sie von früher zu kennen. Dafür belügt er sie, verführt sie, lässt sich von ihr aushalten und klaut das Auto.

Und, als ab das alles noch nicht genug sei, entdeckt Dany im Kofferraum des Thunderbird eine Leiche. Der Ermordete muss irgendwo zwischen Paris und seiner Entdeckung in südlichen Gefilden in den Kofferraum gelegt worden sein.

Dany fragt sich, in welchen Alptraum sie geraten ist. Dabei ist sie mit ihren Selbstgesprächen und ihrer blühenden Fantasie, der Archetyp des unzuverlässigen Erzählers.

Joann Sfar („Gainsbourg – Der Mann, der die Frauen liebte“, „Die Katze des Rabbiners“) verfilmte Sébastien Japrisots Kriminalroman nach einem Drehbuch von Gilles Marchand („Lemming“, „Black Heaven“ [auch Regie]) und Patrick Godeau (Produzent mehrerer Claude-Chabrol-Filme) als flirrenden Psycho-Thriller mit viel Siebziger-Jahre-Flair in der Mode und der Ausstattung. Er lässt die Geschichte auch damals spielen. Einerseits weil der Roman bereits 1966 erschien, andererseits weil einige wichtige Teile des, zugegeben, ziemlich weit hergeholten Komplotts heute so nicht mehr funktionieren. Wer, um nur ein Beispiel zu nennen, benutzt heute noch Schreibmaschinen und lässt Sekretärinnen seitenlange Berichte abtippen?

Auch stilistisch orientieren Sfar und sein Kameramann Manuel Dacosse („Amer“, demnächst „Axolotl Overkill“) sich an den französischen Krimis der sechziger und siebziger Jahre. Allerdings schneidet Sfar schneller und er erzählt auch freizügiger als es in Sechzigern möglich war.

Neben all den seltsamen Ereignissen, mit denen Dany auf ihrer sommerlichen Fahrt in den Süden konfrontiert wird, geht es auch immer um ihre Sexualität, ihre sexuellen Wünsche, ihre Fantasien und ihre psychische und physische Unterdrückung durch die Männer, denen sie auf ihrer Reise begegnet. Sie selbst ist als extrem kurzsichtige Person. Ohne ihre Brille (mit riesengroßen Gläsern, die fast größer als ihr Gesicht sind) ist sie blind. Im Finale wird das ignoriert; was ärgerlich wäre, wenn man „The Lady in the Car with Glasses and a Gun“ als strickt realistischen Film betrachten würde. Bis dahin wirkt Dany wie eine mehr oder weniger verpeilte junge Frau, die sich nach der starken Hand eines sie führenden Mannes sehnt und kaum zwischen Jungmädchenschwärmereien und Realität trennen kann. Im Finale ändert sich das. Sie hat jetzt den Durchblick und braucht deshalb keine Brille mehr.

Sfar folgt Japrisots Geschichte bis zum Finale, das im Film anders als im Roman ist, sehr genau. Teilweise übernimmt er sogar die Dialoge aus dem Roman. Im Gegensatz zum Roman erzählt er Danys Geschichte chronologisch, aber mit zahlreichen Flashbacks, deren Stellung zwischen Fantasie, Realität, Vergangenheit und Zukunft, erst rückblickend deutlich wird (was zur irrealen Stimmung beiträgt) und kunstvollen Überblendungen, die mal etwas enthüllen, mal verschleiern.

The Lady in the Car with Glasses and a Gun“ ist ein feiner, extrem stylischer Franco-Retro-Krimi, bei dem man letztendlich nicht zu sehr auf die Logik achten sollte. Das gilt allerdings auch für Japrisots Roman.

the-lady-in-the-car-with-glasses-and-a-gun-dvd-cover

The Lady in the Car with Glasses and a Gun (La dame dans l’auto avec des lunettes et un fusil, Frankreich/Belgien 2015)

Regie: Joann Sfar

Drehbuch: Gilles Marchand, Patrick Godeau

LV: Sébastien Japrisot: La Dame dans l’auto avec les lunettes et un fusil, 1966 (Porträt einer Dame im Auto mit Brille und Gewehr, Die Dame im Auto im Sonnenbrille und Gewehr)

mit Freya Mavor, Benjamin Biolay, Elio Germano, Stacy Martin

DVD

Tiberius Film

Bild: 2,35:1 (16:9)

Ton: Deutsch (Dolby Digital 5.1, DTS), Französisch (

Untertitel: –

Bonusmaterial: Trailer

Länge: 91 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

AlloCiné über „The Lady in the Car with Glasses and a Gun“

Moviepilot über „The Lady in the Car with Glasses and a Gun“

Metacritic über „The Lady in the Car with Glasses and a Gun“

Rotten Tomatoes über „The Lady in the Car with Glasses and a Gun“

Wikipedia über „The Lady in the Car with Glasses and a Gun“ (englisch, französisch) und Sébastien Japrisot (deutsch, englisch, französisch)

Krimi-Couch über Sébastien Japrisot

Sébastien Japrisot in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 4. Januar: Die 27. Etage

Januar 4, 2017

3sat, 22.25

Die 27. Etage (USA 1965, Regie: Edward Dmytryk)

Drehbuch: Peter Stone

LV (ungenannt): Walter Ericson (Pseudonym von Howard Fast): Fallen Angel, 1952 (Die 27. Etage)

Atomwissenschaftler David Stillwell (Gregory Peck) beobachtet während eines Stromausfalls in einem New Yorker Wolkenkratzer, wie ein Mann aus der titelgebenden 27. Etage stürzt. Durch den Schock verliert er sein Gedächtnis und er fragt sich, warum er plötzlich von mehreren Bösewichtern verfolgt wird. Mit einem Privatdetektiv versucht er die Wahrheit herauszufinden.

Atmosphärisch stimmiger und spannender Paranoia-Thriller für den „Charade“-Drehbuchautor Peter Stone ein weiteres Hitchcock-Skript schrieb.

Quincy Jones schrieb die Musik.

mit Gregory Peck, Diane Baker, Walter Matthau, Kevin McCarthy, Leif Erickson, George Kennedy, Anne Seymour

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Die 27. Etage“

TCM über „Die 27. Etage“

Wikipedia über „Die 27. Etage“ (deutsch, englisch)

Noir of the Week über „Die 27. Etage“


Cover der Woche

Januar 3, 2017

sjoewall-wahloeoe-die-tote-im-goetakanal


DVD-Kritik: Nordisch mordend: „Modus – Der Mörder in uns“ und „Kommissar Beck“

Januar 3, 2017

Der skandinavische Krimi, und da ist der Unterschied zwischen Buch und Film nicht so weltbewegend, ist wie Ikea: immer gleich, vertraut depressiv und nie eine bestimmte Qualität unterschreitend, egal ob es um Serienmorde oder Morde in Serie geht. Das gilt auch für den zweiten Teil der fünften Staffel von „Kommissar Beck“, in dem vier Fälle des Ermittlers geschildert werden, und die Miniserie „Modus – Der Mörder in uns“, nach einem Roman von Anne Holt.

Kommissar Beck“ ist inzwischen die älteste und langlebigste Serie, die aus dem hohen Norden zu uns kommt. 1997 ermittelten Martin Beck (Peter Haber), Gunvald Larsson (Mikael Persbrandt) und ihr Team erstmals. Erfunden wurden sie von Maj Sjöwall und Per Wahlöö bereits 1965. Sie schrieben zehn Kriminalromane, die zunehmend politischer wurden und die Veränderungen der schwedischen Gesellschaft reflektierten. Die Krimis waren und sind ein weltweiter Erfolg. Sie beeinflussten zahlreiche Autoren und ihr Einfluss auf den skandinavischen Kriminalroman kann nicht überschätzt werden (daran ändert auch Henning Mankells ebenfalls überaus einflussreicher Kommissar Wallander nichts). Es gab auch einige Verfilmungen. Am bekanntesten ist der spannende US-Thriller „Massenmord in San Francisco“ (1973), nach dem Roman „Endstation für neun“, mit Walter Matthau als Martin Beck. Aber erst ab 1997 gab es, teils mit längeren Pausen, eine kontinuierliche Serie, in der die einzelnen Fälle schon lange nichts mehr mit den Romanen zu tun haben.

Inzwischen ist „Kommissar Beck – Staffel 5, Episoden 5 – 8“ erhältlich. Die Box enthält auf 2 DVDs (ohne Bonusmaterial) die neuesten vier spielfilmlangen Folgen, die manchmal auch als sechste Staffel gezählt werden und sich kaum von den vorherigen „Kommissar Beck“-Krimis unterscheidet.

Mikael Persbrandt, der seit der ersten Folge Martin Becks oft die Gesetze dehnenden, manchmal überschreitenden Kollegen und Freund Gunvald Larsson spielt, sagte, dass er nach dieser Staffel aus der Serie „Kommissar Beck“ aussteigen werde – und wer nicht wissen möchte, wie das geschieht, der sollte jetzt mit dem Lesen aufhören.

Im ersten Fall „Schüsse auf Gunvald“ (also Episode 5) wird während eines Routineeinsatzes auf Gunvald Larsson geschossen. Danach liegt er im Koma und stirbt am Ende der Episode. Er wollte eine Nachbarin des ermordeten investigativen Journalisten Wivel befragen. Dabei traf er auf Wivels Mörder.

Kommissar Beck und sein Team wollen jetzt herausfinden, wer die titelgebenden „Schüsse auf Gunvald“ abfeuerte und den Journalisten ermordete und was der notorische Verbrecher Risto Kangas damit zu tun hat.

In „Der Neue“ begrüßt Becks Team Steinar Hovland (Kristofer Hivju aus und mit „Game of Thrones“-Frisur), der erkennbar als Gegenentwurf zu Gunvald Larsson angelegt ist und der in der ersten Episode in fast jedem Gespräch von sich und seiner Familie erzählt. Darauf wurde, zum Glück, in den nächsten beiden Episoden verzichtet. Gunvald Larsson wird auch nicht mehr erwähnt. Nur Martin Beck wird noch trauriger und introvertierter.

Gemeinsam versuchen sie herauszufinden, wer warum in einem Campingwagen ermordet und verbrannt wurde. Dabei sind die sozial schwachen Bewohner des Campingplatzes, der von Nachbarn, die auch eine Bürgerwehr gegen die Drogenhöhle gegründet haben, keine große Hilfe.

In „Tödliche Sackgasse“ werden ein Ex-Polizist und seine Familie in seinem Haus ermordet. Bei ihren Ermittlungen stellen Beck und sein Team fest, dass der Ermordete keine weiße Weste hatte. Sie fragen sich, was an den Vorwürfen dran ist (viel) und ob das der Grund für den Mord war (na, selbstverständlich!).

In „Zahltag“ bringt ein Mann, der zu schnell fuhr, eine Polizistin um. Während der anschließenden, betont unspektakulär geschilderten Jagd nach dem Polizistenmörder begeht dieser weitere Verbrechen, die anscheinend Teil eines größeren Plans sind.

Der Mörder wird von Simon J. Berger gespielt, der in „Modus – Der Mörder in uns“ den leicht schusseligen Ex-Mann von Inger Johanne Vik spielt.

Das ist, wie gesagt, mit dem vertrauten Personal unspektakulär im gewohnten Rahmen.

 

Modus – Der Mörder unter uns“ ist eine aus vier spielfilmlangen Episoden bestehende Miniserie (bzw. im Original acht 45-minütige Episoden), die durchaus fortgesetzt werden kann. Immerhin schrieb die Norwegerin Anne Holt bislang fünf Vik/Stubø-Romane.

Für den Film wurde „Gotteszahl“, der vierte Roman der Serie, gewählt und teilweise verändert.

Inger Johanne Vik (Melinda Kinnaman) ist eine Wissenschaftlerin, die für die Polizei als Profilerin arbeitete und sich jetzt auf ihre beiden Kinder und die Wissenschaft konzentrieren will. Sie wird von Kommissar Ingvar Nyman (Henrik Norlén, im Roman Yngvar Stubø) gebeten, ihr bei einem Fall zu helfen. Nach anfänglichem Zögern erklärt sie sich bereit und beide versuchen herauszufinden, warum ein Mörder mehrere bekannte Personen kurz vor Weihnachten so umbringt, dass sie sofort als Mordfälle auffallen.

Als Zuschauer kennen wir zwar von der ersten Minute das Gesicht des Mörders und wir wissen auch, dass er über sechs verschiedene Smartphones (was uns dann auch schnell vermuten lässt, dass er sechs Menschen umbringen will) Informationen über seine Opfer erhält. Warum er allerdings die Morde ausführt, bleibt sehr lange vollkommen im Dunkeln.

Das lässt sich über die vier Folgen flott wegsehen. Allerdings streckt der Vierteiler die sehr überschaubare Krimihandlung mit etlichen privaten Plots bis zum Gehtnichtmehr. Während wir viel über das Privatleben der Haupt- und Nebenfiguren erfahren und Nebenfiguren, die später nicht mehr auftauchen und einen nur marginalen Input auf die Ermittlungen haben, viel Bildschirmzeit bekommen, bewegen sich die Ermittlungen von Vik und Nyman im Schneckentempo voran. Immerhin schlägt unser in einem Wohnwagen im Wald lebender Serienmörder immer wieder, so alle 45 Minuten, zu.

Insofern hat das Ansehen von „Modus – Der Mörder in uns“ schon etwas Meditatives. Wenn man sich nicht gerade damit beschäftigt, aus dem sechsstündigem Epos einen zweistündigen Thriller herauszudestillieren. Das wäre problemlos möglich gewesen. So ist „Modus“ ein TV-Krimi, der das liefert, was die Fans von skandinavischen Krimis erwarten. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

kommissar-beck-staffel-5-2-4

Kommissar Beck – Staffel 5: Episoden 5 – 8 (Beck, Schweden/Deutschland 2016)

LV: Charaktere von Maj Sjowall und Per Wahlöö

mit Peter Haber (Martin Beck), Mikael Perbrandt (Gunvald Larsson), Kristofer Hivju (Steinar Hovland), Ingvar Hirdwall (Nachbar), Rebecka Hamse (Inger Beck), Måns Nathanaelson (Oswald Bergman), Anna Asp (Jenny Bodén), Elmira Arikan (Ayda Cetin), Jonas Karlsson (Klas Fredén), Åsa Karlin (Andrea Bergström)

DVD

edel:motion

Bild: 1,78:1 (16:9 PAL)

Ton: Deutsch, Schwedisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte

Bonusmaterial: –

Länge: 354 Minuten (2 DVDs)

FSK: ab 12 Jahre

Die 5.2-Fälle

Schüsse auf Gunvald (Gunvald, Schweden/Deutschland 2016)

Regie: Mårten Klingberg

Drehbuch: Mikael Syrén

Der Neue (Steinar, Schweden/Deutschland 2016)

Regie: Mårten Klingberg

Drehbuch: Josefin Johansson, Mårten Klingberg (Adaptation), Stefan Thunberg (Adaptation), Mikael Syrén (Adaptation)

Tödliche Sackgasse (Vägs Ände, Schweden/Deutschland 2016)

Regie: Jörgen Bergmark

Drehbuch: Stefan Thunberg

Zahltag (Sista dagen, Schweden/Deutschland 2016)

Regie: Jörgen Bergmark

Drehbuch: Antonia Pyk

Hinweise

ZDF über „Kommissar Beck“

Wikipedia über „Kommissar Beck“, Maj Sjöwall, Per Wahlöö und ihre Romane

Meine Besprechung von „Kommisar Beck – Staffel 5: Episoden 1 – 4“

 

modus-blu-ray-cover-4

Modus – Der Mörder in uns (Modus, Schweden/Deutschland 2015)

Regie: Lisa Siwe, Mani Maserrat Agah

Drehbuch: Mai Brostrøm, Peter Thorsboe

LV: Anne Holt: Pengemannen, 2009 (Gotteszahl)

mit Melinda Kinnaman (Inger Johanne Vik), Henrik Norlén (Ingvar Nyman), Marek Oravec (Richard Forrester), Simon J. Berger (Isak Aronson), Esmeralda Struwe (Stina Vik), Magnus Roosmann (Marcus Ståhl), Peter Jöback (Rolf Ljungberg), Johan Widerberg (Lukas Lindgren), Lily Wahlsteen (Linnea Vik), Krister Henriksson (Erik Lindgren), Liv Mjönes (Patricia Green), Cecilia Nilsson (Elisabeth Lindgren), Josefine Tengblad (Sophie Dahlberg)

Blu-ray

edel:motion

Bild: 1080/50i HD 16:9

Ton: Deutsch, Schwedisch (DTS-HD Master Audio 5.1)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Mini-Featurette, 8-seitiges Booklet

Länge: 364 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

ZDF über „Modus – Der Mörder in uns“

Wikipedia über „Modus – Der Mörder in uns“ und Anne Holt (deutsch, englisch, norwegisch)


TV-Tipp für den 3. Januar: Ein Köder für die Bestie

Januar 3, 2017

3sat, 22.25

Ein Köder für die Bestie (USA 1962, Regie: J. Lee Thompson)

Drehbuch: James R. Webb

LV: John D. MacDonald: The executioners, 1957 (eine gekürzte deutsche Ausgabe erschien unter „Ein Köder für die Bestie“, ungekürzt – 1992 im Heyne Verlag – unter „Kap der Angst“)

Nach seinem Knastaufenthalt beginnt Max Cady Sam Bowden und dessen Familie zu terrorisieren. Immerhin brachte dessen Aussage ihn ins Gefängnis.

Spannender Psychoschocker

Mit Gregory Peck, Robert Mitchum, Martin Balsam, Telly Savalas

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Ein Köder für die Bestie“

Wikipedia über „Ein Köder für die Bestie“ (deutsch, englisch) und John D. MacDonald (deutsch, englisch)

Thrilling Detective über John D. MacDonald

Krimi-Couch über John D. MacDonald

Umfangreiche amerikanische John D. MacDonald-Fanseite


Liza Cody erzählt von „Miss Terry“

Januar 2, 2017

cody-miss-terry

In der KrimiZeit-Jahresbestenliste steht der für uns neue Roman von Liza Cody auf dem vierten Platz. In England erschien „Miss Terry“ bereits 2012 und seitdem hat er nichts von seiner Aktualität verloren.

Die titelgebende Miss Terry heißt eigentlich Nita Tehri, ist 23 Jahre alt, lebt in einer Mietwohnung in einer typischen englischen Straße und ist Lehrerin an einer Grundschule irgendwo in England. Sie ist auf den ersten Blick das, was im aktuellen Diskurs gerne „voll integriert“ genannt wird. Trotzdem gerät die gebürtige Engländerin sofort in Verdacht, als vor ihrer Haustür in dem öffentlich zugänglichem Bauschuttcontainer eine Babyleiche gefunden wird. Mit all den Folgen, den so ein Verdacht hat: falsche Verdächtigungen, grundlose Freistellung von der Arbeit, ein Brandanschlag auf das Mietshaus und Schmierereien.

Das ist ein Thema, das mich interessiert und das so in Kriminalromanen kaum behandelt wird. Meistens geht es ja um die Ermittlungen der Polizei, zum Beispiel in John Balls auch verfilmtem Klassiker „In der Hitze der Nacht“ (In the Heat of the Night, 1965). Opfer, Verdächtige und nur indirekt von Verbrechen Betroffene, wie der Nachbar, der etwas gesehen hat, haben da nur eine Nebenrolle. Liza Cody konzentriert sich auf eine solche Nebenfigur: eine zu Unrecht (jedenfalls vermuten wir das) Beschuldigte. Das ist schon einmal ein interessanter Ansatzpunkt, an dem leicht eine Gesellschaftsanalyse aufgehängt und über die in der Gesellschaft virulenten Vorurteile geschrieben werden kann. Das tut Liza Cody auch und sie zeigt auch, wie ein Verdacht ein Leben beeinflusst, verändert und auch zerstören kann.

Trotzdem hat mich der Roman nicht begeistert. Einerseits wegen der mich nicht ansprechenden Sprache. Andererseits, und das sind die wichtigeren Gründe, wegen dem Verhalten der Protagonistin und Problemen im Plotting. So dauert es viel zu lange, bis wir erfahren, was für ein Verbrechen vorgefallen ist. Die Nita Tehri befragenden Polizisten sagen es nicht. Die Nachbarn wissen nichts davon. Die Presse schreibt nicht darüber. Dabei würde über ein tot in einem Müllcontainer aufgefundenes Baby schnell geredet und berichtet werden. In „Miss Terry“ sollen wir dagegen glauben, dass über Tage nichts davon geschieht. Währenddessen wird Nita Tehri zunehmend mit Vorurteilen konfrontiert, die in dem Moment noch nicht einmal einen echten Grund haben. Denn in dem Moment weiß noch niemand, was für ein Verbrechen vorgefallen ist. Später, nachdem die Presse über das Baby berichtet, scheint diese Meldung keine Erkennbare Auswirkung auf das Leben in der Straße zu haben. Der Pressebericht ist einfach nur ein weiterer Baustein in dem Gebäude der Vorurteile gegen Nita Tehri. Nach dem Artikel scheinen die Medien ihr Interesse an dem Fall verloren zu haben. Beides ist nicht besonders glaubwürdig.

Ebenfalls oft nicht besonders glaubwürdig, teilweise sogar erschreckend naiv, ist Nita Tehris Verhalten. Immerhin reden wir hier von einer Lehrerin. Also einer akademisch gebildeten Person, die in ihrem Leben einiges gelernt haben sollte. Vor allem nachdem wir gegen Ende des Romans auch einiges über ihre Familie und ihre Vergangenheit erfahren. Es hat einen Grund, warum sie allein lebt und zu ihrer Familie keinen Kontakt mehr hat.

Die Auflösung des Verbrechens geschieht in erster Linie durch eine Reihe absurder Zufälle, in denen ‚Kommissar Zufall‘ viel arbeiten muss. Als sei Liza Cody irgendwann eingefallen, dass sie einen Kriminalroman schreibt und da auch ein Verbrechen aufgeklärt werden muss und die Hauptperson in die Aufklärung involviert sein sollte. Also muss die hyperangepasste, eher passive ‚Miss Terry‘ Miss Marple spielen, ohne allerdings jemals auch nur im Ansatz so neugierig wie die alte Dame zu sein.

Liza Cody ist bei Krimifans bekannt als Erfinderin von Anna Lee und Eva Wylie. Letztes Jahr wurde ihr Roman „Lady Bag“ (2013) mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet.

P. S.: In fast allen anderen Rezensionen, die ich kenne, wird der Roman wesentlich positiver besprochen. Hier ist die zweite negative Besprechung.

Liza Cody: Miss Terry

(übersetzt von Grundmann & Laudan)

Ariadne/Argument Verlag, 2016

288 Seiten

17 Euro

Originalausgabe

Miss Terry

iUniverse, 2012

Hinweise

Homepage von Liza Cody

Perlentaucher über Liza Cody und „Miss Terry“

Wikipedia über Liza Cody (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 2. Januar: Ein glückliches Jahr

Januar 2, 2017

Arte, 20.15

Ein glückliches Jahr (Frankreich/Italien 1973, Regie: Claude Lelouch)

Drehbuch: Claude Lelouch

Am Silvesterabend wird Juwelendieb Simon vorzeitig aus der Haft entlassen. Im neuen Jahr will er mit seiner früheren Geliebten Françoise wieder an alte Zeiten anknüpfen. Aber sie will nicht.

Wunderschöne Krimiromanze, die mehr Romanze als Krimi ist.

Der gelungene Auftakt einer kleinen Claude-Lelouch-Reihe, in der Arte vier seiner Filme in restaurierten Fassungen zeigt. Weitere Informationen hier.

Anschließend, um 22.10 Uhr, läuft Lelouchs damals unglaublich erfolgreiche Edelschnulze „Ein Mann und eine Frau“ (Frankreich 1966), die auch am Anfang von „Ein glückliches Jahr“ zitiert wird.

Mit Lino Ventura, Françoise Fabian, Charles Gérard, André Falcon

Wiederholung: Dienstag, 10. Januar, 13.50 Uhr

Hinweise

Arte über die Claude-Lelouch-Filmreihe

AlloCiné über „Ein glückliches Jahr“

Rotten Tomatoes über „Ein glückliches Jahr“

Wikipedia über „Ein glückliches Jahr“ (englisch, französisch)


TV-Tipp für den 1. Januar: Only Lovers left alive

Dezember 31, 2016

ARD, 23.40

Only Lovers left alive (Only Lovers left alive, Deutschland/Großbritannien/Frankreich/Zypern/USA 2013)

Regie: Jim Jarmusch

Drehbuch: Jim Jarmusch

Jim Jarmuschs wundervoller, grandios besetzter Film über die Welt der Vampire, der seine TV-Premiere zu einer vampirfreundlichen Uhrzeit erlebt.

Im Mittelpunkt des Films stehen die in Tanger lebende Eve (Tilda Swinton) und ihr in Detroit lebender Mann Adam (Tom Hiddleston), der mal wieder die Lust am Leben verloren hat. Eve will ihm helfen – und wir bekommen eine der schönsten Liebesgeschichten des Kinos, trockenen Humor und etliche popkulturelle Anspielungen. Einer von Jarmuschs schönsten Filmen.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung (mit etlichen Interviews).

mit Tilda Swinton, Tom Hiddleston, Mia Wasikowska, John Hurt, Anton Yelchin, Jeffrey Wright, Slimane Dazi, Carter Logan

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Only Lovers left alive“

Moviepilot über „Only Lovers left alive“

Metacritic über „Only Lovers left alive“

Rotten Tomatoes über „Only Lovers left alive“

Wikipedia über „Only Lovers left alive“

Wikipedia über Jim Jarmusch (deutsch, englisch)

The Jim Jarmusch Resource Page

Senses of Cinema über Jim Jarmusch

Jim Jarmusch in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Jim Jarmuschs “Only Lovers left alive” (Only Lovers left alive, Deutschland/Großbritannien/Frankreich/Zypern/USA 2013)

Meine Besprechung von Jim Jarmuschs „Paterson“ (Paterson, USA 2016)


TV-Tipp für den 31. Dezember: Pop around the Clock

Dezember 30, 2016

3sat, 06.30

Pop around the Clock

Wie in den vergangenen Jahren besteht das 3sat-Silvesterprogramm aus 24 Stunden Rockmusik. Gezeigt werden, oft als erste und einzige TV-Ausstrahlung, unter anderem mehr oder weniger große Konzertausschnitte von Auftritten von

07.00 Uhr: Joan Baez (in New York, 2016, zu ihrem 75. Geburtstag)

07.45 Uhr: Joe Bonamassa (in Los Angeles, 2015, ein bluesrockender Stammgast)

09.30 Uhr: Bruce Springsteen (in Tempe, 1980, während seiner „The River“-Tour)

10.15 Uhr: Niedeckens BAP (Live im Heimathafen, 2016 in Berlin)

14.15 Uhr: Ed Sheeran (im Wembley Stadium, Juli 2015)

15.15 Uhr: Mumford & Sons (in Pretoria, 2016)

18.00 Uhr: Eric Clapton (in San Diego, 2007; erschien vor einigen Tagen auch als Doppel-CD)

20.15 Uhr: The Rolling Stones (mit knapp zwei Stunden dürfte hier das komplette Havanna-Konzert vom März 2016 präsentiert werden. Natürlich mit den allseits bekannten Songs)

23.15 Uhr: Adele (in New York, 2015, als Überbrückung bis zur Geisterstunde)

00.00 Uhr: U2 (in Paris am 7. Dezember 2015, Konzert zum Zeichen gegen den Terror, mit den Eagles of Death Metal als Gast – mit deutlich über zwei Stunden dürfte es hier wieder ein ziemlich vollständiges Konzert geben)

06.30 Uhr: Eagles of Death Metal (in Paris am 16. Februar 2016, drei Monate nach dem Anschlag auf den Konzertsaal Bataclan, während eines Konzertes der Band)

Das vollständige Programm gibt es hier. Die Konzerte können 14 Tage in der Mediathek angesehen und angehört werden.


Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Patti Smith!

Dezember 30, 2016

Unglaublich, aber wahr: Heute feiert Patti Smith ihren siebzigsten Geburtstag.

Unglaublich, weil sie schon seit Ewigkeiten in einem ganz eigenen Kosmos lebt, in dem sie vor vierzig Jahren deutlich älter wirkte und heute nur noch alterslos ist. Wahrscheinlich ist das bei Schamaninnen eben so.

Vor einigen Tagen vertrat sie in Stockholm den verhinderten Bob Dylan bei der Nobelpreisverleihung

Open Air im Juli 2016 in New York (Handy-Aufnahme, aber der Sound ist gut)

Und so klang sie 2005 in Montreux

Mehr über Patti Smith

Ihre Homepage

All Music über Patti Smith

Wikipedia über Patti Smith (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 30. Dezember: Sherlock – Die Braut des Grauens

Dezember 30, 2016

RBB, 22.45

Sherlock: Die Braut des Grauens (Sherlock: The Abominable Bride, Großbritannien 2016)

Regie: Douglas Mackinnon

Drehbuch: Mark Gatiss, Steven Moffat

Um die Wartezeit zwischen der dritten und vierten „Sherlock“-Staffel (in einigen Tagen im Original, in einigen Monaten in Deutschland zu sehen) zu verkürzen, schrieben die beiden „Sherlock“-Erfinder Mark Gatiss und Steven Moffat ein am Neujahrstag in England ausgestrahltes „Special“, das von zwölf Millionen Zuschauern gesehen wurde und Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch) und Dr. John Watson (Martin Freeman) ins viktorianische London führt. Also die Zeit, in der die von Sir Arthur Conan Doyle geschriebenen Sherlock-Holmes-Geschichten spielen.

Inspektor Lestrade bittet Holmes in einem schwierigen Fall um Hilfe: Emilia Ricoletti, die titelgebende Braut des Grauens, hat sich am helllichten Tag in aller Öffentlichkeit erschossen. Einige Stunden später bringt sie, obwohl ihre Leiche im Leichenschauhaus liegt, ihren Mann um.

Der Fall wird noch mysteriöser, weil die tote Emilia Ricoletti fortan weitere Morde verübt haben soll. Nur, und ist sich Sherlock Holmes sicher, Geister gibt es nicht und Emilia Ricoletti ist tot.

Und dann taucht auch noch Professor Moriarty in der Wohnung von Sherlock Holmes auf.

Nach der enttäuschenden dritten „Sherlock“-Staffel, die zwar gute Zuschauerquoten hatte, sich aber zu sehr auf die Hauptcharaktere und ihre Befindlichkeiten konzentrierte, während die Fälle noch nicht einmal als Nebensache wichtig und erinnerungswürdig waren, ist „Die Braut des Grauens“ eine wohltuende Rückkehr zu einem starken Fall, garniert mit vielen Anspielungen auf die vorherigen „Sherlock“-Filme (auch weil alle bekannten und wichtigen Charaktere, teils in veränderter Erscheinung, auftreten) und einem herrlichen Spiel zwischen Fakt und Fiktion und zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Denn obwohl „Die Braut des Grauens“ im viktorianischen London spielt, schließt sie auch unmittelbar an „Sein letzter Schwur“, die letzte Folge der dritten „Sherlock“-Staffel an.

Und die einfallsreiche Regie tut ihren Teil dazu.

Absolut sehenswert! Für alte „Sherlock“-Fans und auch für neue „Sherlock“-Fans, die allerdings etwas verunsichert von den vielen eingestreuten Anspielungen und dem wilden Spiel mit und im Holmes-Kosmos sein könnten.

Die vierte Staffel wurde im Frühjahr/Sommer 2016 gedreht werden und wird Anfang 2017 ausgestrahlt werden. Die Gründe für den großen Abstand zwischen der dritten Staffel, die Anfang 2014 gezeigt wurde, und vierten Staffel sind ziemlich banal: die Autoren Mark Gatiss und Steven Moffat brauchen Zeit, um die Drehbücher zu schreiben und Benedict Cumberbatch und Martin Freeman sind seit dem weltweiten Erfolg von „Sherlock“ gefragte Schauspieler mit einem vollen Terminkalender. D. h.: die vierte Staffel könnte auch die letzte Staffel sein.

Mit Benedict Cumberbatch, Martin Freeman, Una Stubbs, Rupert Graves, Mark Gatiss, Andrew Scott, Louise Brealey, Amanda Abbington, Jonathan Aris, Catherine McCormack, Tim McInnerny, Natasha O’Keeffe

Wiederholung: BR, Sonntag, 1. Januar, 23.20 Uhr

Die DVD

Sherlock - Die Braut des Grauens - DVD-Cover 4

Parallel zur ersten TV-Ausstrahlung erschien (offiziell erschienen am 29. März 2016) die DVD/Blu-ray als „Special Edition“. Neben dem Film gibt es eine zweite DVD mit neunzig Minuten sehenswertes Bonusmaterial, das hauptsächlich von den beiden „Sherlock“-Autoren Mark Gatiss und Steven Moffat bestritten wird.

Und weil jedes Eingehen auf das Bonusmaterial auch Details der vertrackten Handlung verrät, hülle ich den Mantel des Schweigens darüber.

DVD

Polyband

Bild: 1,78:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch, Englisch

Bonusmaterial (mit deutschen Untertiteln, 86 Minuten): Mark Gatiss: A Study in Sherlock, Mark Gatiss: Production Diary, Writer’s Interview, Creating the Look: 8 inside looks at how this unique Special was created, The creators of Sherlock answer questions from Sherlock’s ‚1 fan site, 12-seitiges Booklet

Länge: 90 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

 

Hinweise

Homepage von Sir Arthur Conan Doyle (Erben)

Krimi-Couch über Sir Arthur Conan Doyle

Kirjasto über Sir Arthur Conan Doyle

Wikipedia über Sir Arthur Conan Doyle (deutsch, englisch)

Sherlockian.net (Einstiegsseite mit vielen Links)

Facebook-Seite der deutschen Sherlock-Holmes-Gesellschaft

Thrilling Detective über Sherlock Holmes

Meine Besprechung von Arthur Conan Doyles “Sherlock Holmes Geschichten”, “Sherlock Holmes Kriminalgeschichten” und “The Adventures of Sherlock Holmes” (und hier eine Auflistung der in diesen Werken enthaltenen Geschichten)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „Das Geheimnis des weißen Bandes“ (The House of Silk, 2011)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „Der Fall Moriarty“ (Moriarty, 2014)

Meine Besprechung von Ian Edginton (Autor)/Davide Fabbris (Zeichner): Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies! (Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies, 2010)

Meine Besprechung von Ian Edginton (Autor)/Horacio Domingues/Davide Fabbris (Zeichner) „Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Dracula“ (Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Jekyll/Hyde; Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Dracula, 2010/2011)

Meine Besprechung von „Sherlock: Ein Fall von Pink“ (A Study in Pink, GB 2010)

Meine Besprechung von „Sherlock: Eine Legende kehrt zurück – Staffel 1“ (Sherlock, GB 2010)

Meine Besprechung von “Sherlock: Eine Legende kehrt zurück -Staffel 2″ (Sherlock, GB 2012)

Meine Besprechung von „Sherlock – Staffel 3“ (Sherlock, GB 2014)

Meine Besprechung von “Sherlock: Ein Skandal in Belgravia” (A Scandal in Belgravia, GB 2012)

Meine Besprechung von Guy Ritchies „Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“ (Sherlock Holmes: A Game of Shadows, USA 2011)

Sherlock Holmes in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 29. Dezember: Inside Man

Dezember 29, 2016

ZDFneo, 20.15

Inside Man (USA 2006, Regie: Spike Lee)

Drehbuch: Russell Gewirtz

Dalton Russell überfällt eine Wall-Street-Bank. Schnell wird sie von der Polizei umzingelt und Detective Keith Frazier beginnt mit den Verhandlungen. Spätestens als Madaline White als Unterhändlerin des Bankgründers auftaucht und sich in die Verhandlungen einmischt, weiß er, dass er es nicht mit einem normalen Banküberfall zu tun hat.

„‘Inside Man’ ist ein typischer Spike-Lee-Film, insofern er in jeder Sekunde ein bisschen mehr ist al ein reiner Genrefilm. Er macht böse Witze ebenso über den kulturellen Reichtum New Yorks wie über Post-9/11-Paranoia und War-on-Terror-Vorurteile. Er analysiert die Mechanik der Macht, verbindet sie mit gesellschaftlicher Hierarchie und bricht sie an der Politik der Hautfarben.“ (Alexandra Seitz: Inside Man, in Gunnar Landsgesell/Andreas Ungerböck, Hrsg.: Spike Lee, 2006)

Ein feiner Thriller

mit Denzel Washington, Clive Owen, Jodie Foster, Willem Dafoe, Chiwetel Ejiofor, Christopher Plummer

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Wikipedia über „Inside Man“ (deutsch, englisch)

Film-Zeit über „Inside Man“

Rotten Tomatoes über “Inside Man”

Drehbuch “Inside Man” von Russel Gewirtz (Fassung vom 17. Januar 2005)

Meine Besprechung von Spike Lees „Buffalo Solders ’44 – Das Wunder von St. Anna“ (Miracle at St. Anna, USA/Italien 2008)

Meine Besprechung von Spike Lees “Oldboy” (Oldboy, USA 2013)


TV-Tipp für den 28. Dezember: Aus der Mitte entspringt ein Fluss

Dezember 28, 2016

BR, 23.30

Aus der Mitte entspringt ein Fluss (USA 1992, Regie: Robert Redford)

Drehbuch: Richard Friedenberg

LV: Norman MacLean: A River runs through it, 1976 (Aus der Mitte entspringt ein Fluss)

In poetischen Bildern (Philippe Rousselot erhielt dafür einen Oscar) erzählt Robert Redford in seiner dritten Regiearbeit die Geschichte zweier ungleicher Brüder, die in Montana vor ungefähr hundert Jahren aufwachsen und von ihrem Vater, einem presbyterianischen Pfarrer, zu passionierten Fliegenfischen erzogen werden. Dabei steht das Fliegenfischen für eine bestimmte Geisteshaltung.

Ein Plädoyer für eine natürliche Ordnung und eine Abkehr von materieller Raffgier. Ein schöner Gegenentwurf zur inhaltsleeren Konsumware Hollywoods.“ (Fischer Film Almanach 1994). Inszeniert von einem Hollywood-Star, mit einem Hollywood-Star am Anfang seiner Karriere in der Hauptrolle.

mit Brad Pitt, Craig Sheffer, Tom Skerritt, Brenda Blethyn, Emily Lloyd

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Aus der Mitte entspringt ein Fluss“

Wikpedia über „Aus der Mitte entspringt ein Fluss“ (deutsch, englisch)